Julia Kohli: Menschen wie Dirk (Short Storys)

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Literarische Vignetten vom Feinsten

von Alexandra Lavizzari

Sieben Storys legt die Winterthurer Schriftstellerin und Kulturpublizistin Julia Kohli in ihrem zweiten Buch vor. Es sind dies kurze Momentaufnahmen von „Menschen wie Dirk“ in einer Krisensituation, Männern wie Frauen, und aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Ein Hammer!

Mein erster Gedanke, nachdem ich die letzte Story zu Ende gelesen hatte, war: Ach, warum sind es nur sieben Geschichten, jetzt bin ich doch so richtig in Fahrt und würde mir fürs Leben gern weitere sieben Geschichten zu Gemüte führen. Und mein zweiter Gedanke war: gleich ein zweites Mal lesen und besonders auf die herrlichen, schockierenden, superorginellen Begriffe achten, mit denen Julia Kohli ihre Prosa würzt.

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos VerlagInzwischen habe ich die eine und andere Geschichte tatsächlich zweimal gelesen und herausgefunden, was mich an ihnen fesselt: Nicht so sehr der Plot – wobei Plot für diese Texte ohnehin nicht unbedingt massgebend ist – , auch nicht die Figuren, nein, was diese Storys für mich auszeichnet, ist die einmalige Mischung von leiser Subtilität und brutaler Wucht.

Schwelende Gewalt

Ohne Umschweife wird in der Geschichte „Samantha“ ein mörderischer Sommer mit dem lakonischen Satz „Ein Sommertag wie eine Wildsau“ angekündigt. Nach dieser Feststellung, die im Leser die Assoziation eines ungehemmtem Ausbruches auslösen mag, spannt uns die Autorin jedoch auf die Folter mit der Beschreibung einer unsicheren, übergewichtigen Frau, die eine Weile am Zürcher See spaziert und dabei gewissen Stellen ihres Körpers eine seltsame, fast krankhafte Aufmerksamkeit schenkt. Vorerst also nichts mit Gewalt, nur Rückschau auf ein gewöhnliches Leben, unterbrochenes Philosophiestudium, zehn Jahre Flugbegleiterin und Einsamkeit, mit der sich Samantha recht und schlecht abfindet. Was sich da im Laufe der Jahre wie das Wasser in ihren Beinen aufgestaut hat, merkt sie selbst erst später, im Flugzeug, als ein angetrunkener Passagier mit einer belästigenden Geste plötzlich das Fass zum Überlaufen bringt – und die Wildsau in ihr befreit.

Wider klischierte Rollenmuster

Julia Kohli - Literatur-Rezensionen Glarean Magazin
Julia Kohli (geb. 1978 in Winterthur)

In den meisten Geschichten finden wir ein Element von Gewalt, aber nicht immer springt es dem Leser so wuchtig ins Gesicht, oft schimmert es in scheinbar harmloser Dosierung durch die Zeilen, vor allem in den Dialogen zwischen Mann und Frau oder in den Gedanken von Männern über Frauen undumgekehrt. Stets ist eine dunkle Spannung spürbar, die uns beim Lesen auf die kleinsten Nuancen hellhörig macht.
Thematisch kreisen Kohlis Texte um die Gender-Rollen und die archaischen Klischees, denen Frauen aus männlicher Sicht noch immer zu entsprechen haben. Frauen wie Samantha und Christine in den Geschichten „Samantha“ und „Pierre“ nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, andere wie die Hauptfigur in „Irina“ oder die „drei Walküren“ in der Geschichte „Kurt“ arbeiten mit intellektuellen Argumenten gegen diese Klischierung und sonstige veraltete männliche Verhaltensmuster an.

Ein gewisser Männertyp

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Durch die Systematik, mit der Kohli diese Rollen darlegt, wird uns insbesondere Einblick in die Männerpsyche oder, besser gesagt, in die Psyche eines gewissen Männertyps gewährt, denn Kohlis Männer gehören alle in die Kategorie klassischer, hoffnungsloser ‚Losers‘. Da ist ein zum Beispiel ein Feigling wie Kurt in der gleichnamigen Geschichte, der bei einer Diskussion mit seinen Schülerinnen – er taxiert sie herablassend als „Trullas“, „Hexen“, „jammernde Heulbojen“, „Hupfdohlen“, „verklemmte Zwetschgen“ etc. – seinen Unterrichtsstil an der Kunstakademie verteidigen muss und sich dabei auf peinlichste Art und Weise bei ihnen anzubiedern versucht. Während er vor diesen emanzipierten Frauen schwitzt und röchelt und sich bald wie ein angeschossener Eber vorkommt, denkt er wehmütig an seine brasilianische Frau und woher er sie sich geholt hat: „Dort trugen die Frauen noch High Heels, wackelten mit ihren Hintern und freuten sich über Komplimente… Eine Welt, die noch einigermaßen im Lot war, im Gegensatz zu diesem schweizerischen Vogelfutter.“ Solche Sätze treffen den Typ Mann und seinen Konflikt mit gebildeten, selbstbewussten Frauen auf den Nagel.

Männliche Aggression

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In der Geschichte „Urs“ präsentiert uns Kohli ein wahres Ekel von einem Mann und lässt uns zwanzig Seiten lang in seinem Kopf wohnen; fast möchte man sagen, leider, so verkorkst und elend sieht es da drin aus, so aggressiv und frauenfeindlich. Dabei denkt und agiert Urs ganz einfach aus reinstem Frust am Leben, das es nie richtig gut mit ihm gemeint hat. Im Grunde genommen ist er ein armer Kerl, aber, wie der Text zeigt, kann Frust ganz schön schlimme Auswüchse haben, und Sympathie für Urs brauchen wir als Leser keine auzufbringen, er verdient sie nicht. Aber was bleibt ist das ungute Gefühl, dass man draussen Männern wie Urs begegnen kann; auf der Straße, im Tram, im Einkaufsladen, irgendwo. Männer wie Urs gibt es, man weiß es ja eigentlich, aber nach der Lektüre ist dieses Wissen von einem leisen Grauen durchzogen.

Sprachliche Bravour

Die Geschichte „Urs“ ist ein harter Brocken, und hier wie bei den andern Geschichten spielt die Sprache eine massgebliche Rolle, um die momentane Befindlichkeit der Hauptfigur in ihrer ureigenen Krisensituation zu veranschaulichen. Sie ist es auch, die einen von der ersten Zeile an in Bann zieht und trotz der, gelinde gesagt, düsteren bis schrecklichen Vorkomnisse ein derart grosses Lesevergnügen bereitet. Kohlis Vokabular ist an sich schon bewundernswert, aber zur Geltung kommt es erst so richtig in der Präzision des Tons und der Eigenheit, mit denen die Figuren sprechend und denkend ihre Zugehörigkeit zu einem gewissen Typen und einer gewissen sozialen Schicht verraten.
Die Gefahr, die Figuren auf diese Typisierungen zu reduzieren, würde durchaus bestehen, aber Kohli umschifft diese gekonnt. Bisweilen laufen die Geschichten auf eine Pointe zu, wie bei Dirk, einer in Mexiko angesiedelten Geschichte, in der die Hauptfigur wegen eines eiternden Tattoos ins Grübeln kommt und nach dem ersten Streit mit der mexikanischen Freundin der Reise zu ihren Verwandten mit Bangen entgegensieht. Was es mit dieser Reise auf sich hat, entpuppt sich vielleicht eine Spur zu abrupt, aber es zwingt einen gleichsam, nochmals zurückzublättern und nach Indizien für das überraschende Ende zu fahnden.
Wie gesagt: zweimal lesen! Es lohnt sich. ♦

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos Verlag, 172 Seiten, ISBN 978-3-03925-008-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Gender-Diskussion auch über Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert


Helmut Krausser: Glutnester (Gedichte)

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Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

von Stefan Walter

Helmut Krausser, Jahrgang 1964, ist Schriftsteller, Komponist und Schachspieler. Nach mehreren Romanen hat er nun wieder einen Gedichte-Band veröffentlicht mit dem Titel „Glutnester“.

Die Umschlaggestaltung der „Glutnester“ ist etwas melancholisch ausgefallen, aber gelungen. Noch zum Äußerlichen: Die Verlagswerbung auf den letzten Seiten finde ich persönlich bei einem Lyrikband etwas unangebracht, aber Verlag und Künstler wollen ja auch leben – dazu unten mehr.
Auf den über 100 Seiten finden sich etwa 90 Gedichte. Stilistisch geht es querbeet, mal mit Reim, mal ohne, mal mit regelmäßigem Metrum, mal ohne, mal mit Stropheneinteilung, mal – Sie ahnen es – ohne. Ein paar experimentelle Texte sind dabei, ein paar Sonette.

Querbeet durch die Stile und Zeiten

Inhaltlich setzt sich auf den ersten Blick diese Beliebigkeit fort. Da gibt es Albernes wie:
„Anfanghund / (…) Freundin sagt: Mach mehr Hund. / (…) Die Leute hassen Gedichte, doch sie / lieben Hunde, das hebt sich auf, / (…) Endehund.“
Oder Satirisches:
„O wie sie Ravioli macht, / (…) Grün-rot-gelb leuchtet ihr / Werk, und wie verdorben / müsste man sein, sich / diese exorbitante Kreation einzuverleiben (…) Ich fotografiere ihre / Ravioli, stelle sie auf / Facebook und Instagram / zur Schau (…)“.
Auch Banales wie:
„Mir fällt partout auf Reim kein / so zwingend geiler Reim ein (…)“
Oder Niveauloses wie:
„Dörte mi fa so lala, / schwörte mir Amore ma. / (…) Wann krichste wieda Lust, frag ichse, / weil ich seit April schon (…)“.

Helmut Krausser - Glarean Magazin
Helmut Krausser

Dazwischen finden sich jedoch die Texte, in denen Krausser glänzen kann:
„Unten macht der Plebs publik, / wieviel er heut gesoffen hat. / Oben schreib ich die Musik / der Zukunft auf ein Notenblatt. (…)“ ist eine hübsche Übertragung von Schillers „Bittschrift“.
Im titelgebenden „Glutnester suchen“ bezieht sich Krausser – sicher nicht zufällig – auf (Karl) Kraus, in Begrifflichkeit, Stil und Ironie:
„(…) bis / ich Feuer fange, brenne, / wieder Fackel bin und / zündeln kann.“

Von Adorno bis Krausser

Überhaupt, diese vielen Anspielungen des Intellektuellen Krausser. Schostakowitsch bewundert er, über Adorno und die Beatles macht er sich lustig. Auf den „Faust“ weist er hin, oder auf William Carlos Williams berühmtes „This is just to say“, auf die „Loreley“, das „Nibelungenlied“, Dantes „Inferno“, auf „Jesaja“, auf Artaud, auf Clint Eastwood und natürlich immer wieder auf Krausser.
Krausser schreibt Gedichte im Stil des Expressionismus, des Symbolismus, der Minnelyrik – und schafft es in allen Fällen konsequent, das Zitierte zu subvertieren.

Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

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Bleibt (als letzte große Gruppe von Gedichten) noch Kraussers Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein. In „Glückliche Künstler“ streiten die frisch bezahlten Titelhelden darum, wer die Rechnung im Restaurant übernehmen darf: „(…) der Kellner bringt / Pizza“.
In „Vor etwa 6’000 Jahren“ erzählt uns der Dichter von seinen Anfängen:
Er „(…) brachte / die Leute zum Lachen und / Weinen und bat am Ende um / ein wenig zu essen (…)“, während eine junge Literatin ihm erklärt:
„(…) sie schreibe für sich selbst / (…) Spannungslinien finde sie / ermüdend (…)“. Mit wenig Begeisterung stellt er dabei fest:
Sie „(…) lebt von Preisen und / Stipendien und lacht über / mich Knecht, der ich jeden Tag schufte (…)“.

Und in diesem Sinne passt das wilde Durcheinander dann doch wieder zusammen. Krausser bringt viel, um manchem etwas zu bringen. Er stellt den anspruchsvollen Leser mit Artaud zufrieden; den schnapsvollen mit derben Späßchen; die Freundin mit Hunden; und den Verleger mit Füllmaterial.
Wir sind also gut unterhalten, und der arme Poet kann seinen Magen füllen.♦

Helmut Krausser: Glutnester – Gedichte, 112 Seiten, Piper/Berlin Verlag, ISBN 978-3827013941

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Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt (Prosa)

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Humor und unzähmbare Lebenslust

von Alexandra Lavizzari

Sechs Romane des hochgelobten kolumbianischen Autors Tomás González (1950 in Medellín geboren) liegen bereits in deutscher Übersetzung vor; nun gibt der Verlag Edition 8 eine Sammlung von Erzählungen heraus, die drei Bänden aus den Jahren 1993, 2012 und 2016 entnommen sind und mit drei weiteren Erzählungen ergänzt wurden. Unter der Betreuung von Peter Schultze-Kraft haben sein Bruder Rainer, seine Tochter Ophelia, Gert Loschütz, Peter Stamm und Jan Weiz jeweils im Zweigespann an deren Übertragung aus dem Spanischen gearbeitet.

Der Klappentext geizt nicht mit Superlativen und weckt hohe Erwartungen, wenn gewisse Szenen in der einleitenden Erzählung eines Samuel Beckett für würdig befunden werden und andernorts Tschechow zum Vergleich herangezogen wird. Das klingt vielversprechend, sagt man sich, öffnet den sehr schön gestalteten Band und vertieft sich noch so gerne in die erste Erzählung „Ein unwahrscheinliches Grün“.

Boris…

Man kann sich nach einer Weile fragen, ob es fünfzig Seiten bedarf, um die psychiche und soziale Abwärtsspirale zu beschreiben, die den Maler Boris nach einem nicht näher erläuterten Todesfall in einen obdachlosen Alkoholiker verwandelt. Wohin die Geschichte steuert, steht nämlich nach wenigen Seiten fest: Boris schlittert und schlittert, wobei der Autor seinen Lesern die Einsicht in dessen Gefühlswelt verweigert und sich stattdessen, einem unbeteiligten Chronisten gleich, auf die minutiöse Protokollierung dieses Abstiegs beschränkt. Immerhin wird die Konsequenz des distanzierten Blicks hin und wieder durchbrochen und darf der Leser mitbekommen, was Boris empfindet.

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt - Erzählungen, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5Solche Passagen sind jedoch Ausnahmen in González‘ ästhetischem Programm, denn dem Autor geht es hier um mehr als um die Aufzeichnung eines individuellen Schicksals. Sein Thema ist Ohnmacht und Scheitern des Menschen auf existenzieller Skala, und dazu gehört auch, ganz im Beckettschen Sinn, das reine Aufzählen von Bewegungsabläufen, die unaufhaltsam auf den Nullpunkt zusteuern.
Der Leser sieht diesen für Boris am Horizont aufblitzen, aber González, der sich als ein wahrer Meister im Enden seiner Geschichten erweist, bricht vorher ab. Boris legt sich einfach schlafen, und wir wissen: es geht noch ein Stückchen weiter abwärts, und noch ein Stückchen, und das einzige, was dem Gescheiterten bleibt, ist, mit Würde hinzunehmen, dass dem so ist.

Carola…

González lässt uns in diesem Band am Leben verschiedenster Menschen teilhaben: Scheiternde wie Boris sind auch Carola in „Carola Dicksons unendliche Reise“, und der Ich-Erzähler in Víctor kehrt zurück. Erstere ist Lehrerin in Brooklyn und setzt sich in den Kopf, nach ihrer Pensionierung die Welt zu umseglen, um den Menschen zu helfen. Sie kauft sich schon Jahre vor ihrem Vorhaben ein Boot, lernt segeln, kauft Kompass und Sextanten und fühlt sich an Bord bald geborgener als im eigenen Zuhause.

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Die Sturheit, mit welcher diese Frau ihr Ziel vorbereitet, verleiht ihr von Anfang an eine rührende Tragik, und tatsächlich kommt es, wie es bei einem solch verrückten Unterfangen eben kommen muss. Carola gerät in einen Sturm und erleidet Schiffbruch. Den Menschen ist nicht zu helfen – und Carola auch nicht. Der Text lässt offen, ob sie nach diesem Debakel nicht einen zweiten Versuch starten wird.

Víctor…

Víctors Geschichte reiht sich thematisch nahtlos an jene von Boris, Carola und manch anderer Figur in diesem Band, doch zeichnet sie eine besonders originelle Erzähltechnik aus, die dem erzählten Tatbestand Vielschichtigkeit verleiht. Víctor kehrt zurück nach New Orleans, dem Ort, an dem er vor zwölf Jahren mit Frau und Tochter gelebt hat. Während der Reise erinnert er sich an die Umstände seines Weggangs, an den in extremis verhinderten Gewaltakt an seiner Frau, die darauf die Türschlösser auswechselte und ihn schließlich festnehmen ließ, weil er sie nicht in Ruhe ließ. „Warum will man zurück, wenn man nicht kann, dachte ich.“

Tomás González - Schriftsteller - Glarean Magazin
Tomás González (*1950)

Diese Rückreise, in einer Art Bewusstseinsstrom erzählt, oszillierend zwischen kühl beobachteter Gegenwart und emotionsgeladener Vergangenheit, gehört zu den besten Erzählungen des Bandes. Die Grenzen zwischen Innen- und Aussenwelt greifen immer wieder ineinander über, bald überwiegen die Erinnerungen – „stinkend wie ein toter Hund im Mangrovensumpf zur Mittagszeit“ – bald die Wahrnehmung des vertrauten Meerstrandes mit seinen Muscheln und zu Smaragden geschliffenen Flaschenscherben, und geschickt dieser Zone zwischen Damals und Jetzt entlang lässt uns der Autor an dieser eindrücklichen Reise teilhaben.

Don Rafael…

Ähnlich konstruiert der Autor die Reise an die Küste, die den an Alzheimer erkrankten Don Rafael in den Mittelpunkt seiner Familie stellt. Diese schenkt ihm einmal im Jahr die Illusion, mit dem Expreso del Sol an die Küste zu fahren, indem sie die Wohnung in einen Eisenbahnwagen und Wartesaal verwandeln. Die Bahnreise führt durch die üppige Tropenlandschaft Kolumbiens, an verlassenen Bahnhöfen und Bananenpflanzungen vorbei, Leute steigen zu, Verkäuferinnen halten Tamales und Anananascheiben feil, und das alles erleben wir durch die Augen des kranken, aber glücklich zu Hause sitzenden Rafaels und gleichzeitig aus der Sicht der Familienmitglieder, die ihm diese Fahrt mit den ausgefallendsten Mitteln vorgaukeln. Die Geschichte, die übrigens auch als Hörspiel vorliegt, ist klar dem magischen Realismus Gabriel Márquez‘ verpflichtet und vom Autor auch als Hommage ihm zugedacht.

Sprachlicher Ballast und…

Peter Stamm - Glarean Magazin
González-Übersetzer Peter Stamm

Vergleiche mit Márquez und vor allem mit Beckett sind jedoch fehl am Platz, wenn es um die Sprache geht. Peter Stamm lobt González‘ Stil, bezeichnet ihn als „sehr trocken, aber zugleich sehr atmosphärisch.“ Spräche er von seinem eigenen Stil, würde ich mit ihm sofort einig gehen. Aber González ist nicht Peter Stamm, er verzichtet darauf, seine Sprache zu entschlacken, besonders von Adjektiven, deren Häufung oft zu klischierten Beschreibungen von Figuren und Situationen führen: „Der Frau, die ihm das Zimmer vermietete – eine phlegmatische Blondine mit einem naiven, unpersönlichen Auftreten, billigem Schmuck und zerkauten Fingernägeln – …“

… redundante Informationen

Beispiele für redundante Informationen finden sich in allen dreizehn Erzählungen leider zuhauf. Dass die Blondine dem Klischee einer Blondine so genau entsprechen muss, mag man durchlassen, aber dass man, wie in der Erzählung Die Heimkehr der verlorenen Tante zusammen mit recht einfach typisierenden Merkmalen sogar die Augenfarbe des Chauffeurs einer andern Tante erfahren muss, ist nicht einzusehen.

Ungemütlicher literarischer Widerspruch

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Der sprachliche Beschreibungsballast tut nicht nur dem Erzählfluss Abbruch, sondern schafft auch einen ungemütlichen literarischen Widerspruch: Einerseits ist die Identifikation mit den Figuren verweigert, weil dem Leser deren Innenleben vorenthalten wird, und andererseits will der Autor uns über jede noch so sekundäre Figur Details mitgeben, die für die Geschichte vollkommen irrelevant sind. Das ist schade.

Themen des Scheitern dominieren diesen Band, aber weil González‘ seine Figuren auch mit einer Prise Humor und unzähmbarer Lebenslust ausstattet, bleibt nach Ende der Lektüre nicht das Dunkle und Hoffnungslose haften, sondern eine große Farbenpracht und, ja, eine ebenso große Lust, nach Kolumbien aufzubrechen, um Land und Leute kennenzulernen ♦

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt – Erzählungen, 240 Seiten, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5

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Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams (Roman)

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Der Mensch, die traurige Maschine

von Alexandra Lavizzari

Der Schweizer Schriftstellerin und Dramatikerin Martina Clavadetscher ist mit „Die Erfindung des Ungehorsams“ eine literarisch beeindruckende Dystopie gelungen, deren formale Struktur auf wunderbare Weise den Inhalt widerspiegelt und ihm Akzente setzt. Wie schon bei ihrem Erstling „Knochenlieder“ lohnt es sich, den Roman gleich zweimal hintereinander zu lesen, oder, in diesem Fall zumindest, nochmals den ersten mit „I.“ überzeichneten Teil, der sich erst im Zusammenhang mit dem letzten Teil in seiner ganzen Schauderhaftigkeit erschließen wird.

Die Autorin Martina Clavadetscher macht dem Leser den Einstieg in ihre düstere Zukunftswelt nicht leicht, und man mag zu Beginn vielleicht vor lauter Rätsel über die virtuose Sprache hinweglesen, weil man sich allzu schnell im Text orientieren möchte.
Wer ist Iris, die mit Eric in einem Appartement in Manhattan lebt und den beiden geladenen Frauen Godwin und Wollestone ihre Geschichte heute unbedingt bis zum Kern erzählen will? Wer ist Ada, von der sie erzählt? Und wer sind ihre Schwestern, „all die Frauen da draußen, die wie Zeitbomben ihr Leben leben“?

Die Erfindung des Ungehorsams - Martina Clavadetscher - Roman - UnionsverlagDie Namen der Gäste liefern immerhin einen ersten Hinweis – Mary Shelleys Vater hieß Godwin und ihre Mutter Wollestonecraft. Mary Shelley, die im Sommer 1816 am Genfer See „Frankenstein“ zu schreiben begann, liefert denn auch eines der beiden Mottos von Clavadetschers Roman: “Ich habe es gefunden. Was mich entsetzt hat, wird andere entsetzen.“
Es, der künstliche Mensch und die mit dessen Erschaffung aufkommenden ethischen Fragen bilden, wie sich bald herausstellt, den Kern dieses komplexen Textes, um den Plot und Sprache in einer sich gegenseitig beleuchtenden Wechselseitigkeit kreisen.

Körperwelten

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Auf Iris in Manhattan folgt im zweiten Teil die Geschichte von Ling in der chinesischen Metropole Shenzhen, einer jungen, leicht autistischen Halbschwester von Iris, die in einer Sexpuppenfabrik arbeitet. Nach Arbeitsschluss trifft sie sich mit ihrer Adoptivgrossmutter Zea zum Ritual in der Pagode und isst Abend für Abend in derselben Imbissbude, bevor sie sich zu Hause den Film „Paradise Express“ zu Gemüte führt. Ihre Arbeit in der Fabrik besteht in der Messung und Prüfung der frisch gegossenen Silikonkörper; „ungewollte Überbleibsel der Gussgeburt“ werden weggebrannt und versiegelt, bis makellose Leiber daliegen und ihnen die Köpfe angeschraubt werden können. Spätestens bei diesen minutiösen Beschreibungen hat uns die Autorin in ihren Bann gezogen und tastet man sich mit zunehmender Faszination – aber auch Beunruhigung – durch das subtile Vexierspiel mit lebenden und leblosen Körpern.

Zeitreise ins viktorianische England

Geniale Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)
Mathematik-Genie und Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)

Zur Entwirrung der verschiedenen Erzählstränge trägt im dritten Teil eine Zeitreise ins viktorianische England bei. Clavadetscher lässt eine Sexpuppe, die Ling aus der Fabrik entwendet hat und als Gefährtin sozusagen adoptiert, die Biografie von Ada Lovelace erzählen, der legitimen Tochter Lord Byrons und Pionierin der modernen Informatik. Mit dieser interessanten Forscherin hat sich Clavadetscher schon in ihrem 2019 in Leipzig uraufgeführten Stück „Frau Ada denkt Unerhörtes“ befasst. Ada Lovelace ist ihr offenbar ein Anliegen.

Prosastück im Roman

Bei der Lektüre dieses dritten Romanteils kann man sich des Eindrucks denn nicht ganz erwehren, dass es sich um ein ursprünglich eigenständiges Prosastück handelt, das die Autorin dann mit neuen, in der Gegenwart spielenden Kapiteln zu einem Roman erweitert hat. Ada Lovelaces Biografie steht nämlich abgerundet und in sich geschlossen da. Wir erfahren alle wesentlichen Fakten und Etappen ihres Lebens von den Mädchenträumen bis zum frühen Krebstod, wo die Beschränkung auf Forschung und kühnen Zukunftsvisionen dem Bruchstückhaften der andern Frauenleben in den Rahmenkapiteln vielleicht besser entsprochen und so dem Roman eine überzeugendere Einheit verliehen hätte.

Ada Lovelace

Differenzmaschine von Ada Lovelace' Freund Charles Babbage - Glarean Magazin
Differenzmaschine von Ada Lovelace‘ Freund Charles Babbage

Seit Kindheit von Maschinen jeglicher Art fasziniert, wollte die mathematisch hochbegabte Ada mit zwölf Jahren eine Flugmaschine erfinden, doch erst fünf Jahre später erlaubte ihr die Begegnung und Freundschaft mit dem Mathematiker Charles Babbage, ihr Zahlenwissen mit der Zukunftsvision vom Potenzial einer „analytischen Maschine“ zu verbinden und darüber zu schreiben. Babbage arbeitete gerade an einer „Differenzmaschine“ und bat Ada, einen französischen Artikel darüber ins Englische zu übersetzen. Eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten war Frauen damals verwehrt, aber Ada ließ sich nicht abschrecken, sondern ergriff die Gelegenheit, ihre eigenen Gedanken zum Übersetzten beizusteuern.
Es entstanden acht „Notizen“, dreifach so lang wie der Artikel selbst, aus denen ersichtlich wird, dass Ada weit über die blossen numerischen Möglichkeiten der Maschine hinaussah. Die Maschine könnte Musiknoten produzieren, argumentierte sie, auch Buchstaben und Bilder, warum nicht? Und weiter: Die Maschine könnte sprechen! Der Schritt zur selbstständig denkenden und handelnden Maschine, also zu Frankensteins Kreatur, wie sie sich Mary Shelley ausgedacht hat, ist theoretisch denn nur noch ein winziger.

Kernfrage Herkunft

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Womit wir wieder bei der erzählenden Sexpuppe sind und schließlich im letzten Kapitel zurück bei Iris in Manhattan landen, die… Doch nein, es werde hier nicht verraten, welche Bewandtnis es mit ihr hat. Bloß sei hingewiesen, dass der Text als Ganzes wie eine Zwiebel angelegt ist – „Hülle über Hülle über Hülle über Kern“, und dass diese Struktur auch Clavadetschers Kernthema illustriert: die Frage der Einmaligkeit des lebenden Körpers im Gegensatz zum identisch wiederholbaren des künstlichen.
Nicht nur die Sexpuppen in der chinesischen Fabrik können ad infinitum aus derselben Gussform kreiiert werden, wird uns gezeigt, sondern auch der Mensch hat seine eigene Gussform, eine biologische Herkunft, die er als Urbild mit sich herumträgt und weitergibt. Jeder Mensch ist ein neues eigenständiges Wesen, eine neue Hülle sozusagen, aber zugleich auch nur das provisorische Endglied in der Kette des sich ständig wiederholenden unzähmbaren Lebens.

Spiegelungen über Raum und Zeit

Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher
Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher

Diese Wiederholbarkeit wird im Roman geschickt durch Bild- und Situationsspiegelungen über Raum und Zeit dargelegt und steuert letztlich auf den verstörenden Zweifel zu, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen künstlichen und menschlichen Wesen gibt. Und dieser Zweifel führt seinerseits zur Frage, was das für eine Welt wäre – oder ist -, in der identische Wesen kein Gefühl der eigenen Identität entwickeln können, weil sie in der Gegenwart des Andern doch nur ins eigene Gesicht blicken.
Ja, was wäre – oder ist – das für eine Welt? Wer eine Antwort sucht, der lasse sich von Martina Clavadetschers Sprachgewalt mitreissen und gehörig überraschen. ♦

Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams, Roman, 288 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-00565-5


Alexandra Lavizzari - Glarean MagazinAlexandra Lavizzari
Geb. 1953 in Basel, Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft, Verschiedene belletristische, kunstgeschichtliche, übersetzerische und literaturkritische Publikationen in Büchern und Zeitungen, lebt als Autorin und Malerin in Somerset/GB


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… sowie zum Thema Schweizer Autorinnen über Isabelle Stamm: Schonzeit (Roman)


Julian Barnes: Der Mann im roten Rock (Biographie)

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Biographie oder Kulturgeschichte?

von Isabelle Klein

Ob einem dieses Werk, das sicherlich gut geschrieben und eloquent daher kommt, nun gefällt oder doch eher nicht, ist vor allem von einem abhängig: Was erwartet man von einem Buch, dessen Hauptaugenmerk „Der Mann im roten Rock“, sprich – erwartungsgemäß mehr oder weniger – eine Biographie sein sollte? Diese Frage sollte man sich im Vorfeld besser stellen.

Für mich war quasi selbsterklärend: Ich lese hier eine geistreiche Biographie, deren Ziel es ist, sich Dr. Samuel Pozzi, einem zeitgenössischen Star anzunähern. Selbigen also in den Mittelpunkt der Betrachtung der rund 300 Seiten starken Lektüre gestellt zu sehen.
Weit gefehlt – ob nun meine Erwartung oder der Aufbau dafür verantwortlich ist, sei dahingestellt.

Literaturwissenschaftliches Geflecht

Klar ist nur, dass sich Julian Barnes, zumindest für meinen Lesegeschmack, vergaloppiert. Während man wartet, mehr über den Mann im roten Rock, sein Leben, sein Wirken, sein Inneres und seine Lebensstationen zu erfahren, wird man zunächst erst einmal recht unvermittelt in einen wilden Gedankenfluss rund um zeitgenössische Skandalliteratur (Hysmans „A Rebours“, zu Deutsch: „Gegen den Strich“) geworfen. Hier wird die fiktionale Figur des Jean Floressas des Esseintes dem Grafen de Montesquiou nachempfunden, dieser ist wiederum ein guter Freund Pozzis.

Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi
Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi (1846-1918)

Und so befinden wir uns mitten in einem Belle-Epoque’schen und literaturwissenschaftlichen Geflecht, das über den Kanal schwappt und gerne und unerhört oft, zumindest für mein Empfinden, über des Esseintes und seine Umsetzung in Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ schwadroniert. Und sich darin ausufernd und lamentoartig verliert. Klatsch, v.a. der sexuellen Art – Dekadenz, Duelle und Dandytum sind Programm!

Simples Aneinanderreihen von Belanglosigkeiten

Erwarten Sie, sich bei all dem Pozzi auch nur ansatzweise mal über mehrere Seiten anzunähern? Fehlanzeige. Selbiges geschieht auf gelungene Art und Weise über das Aufzählen belangloser Tatsachen (Ehe, Betrug an selbiger) hinaus erst im letzten Drittel durch die Betrachtung der Tagebucheinträge seiner Tochter Charlotte (wobei der Wahrheitsgehalt fraglich scheint).
Ansonsten bleibt das Ganze, was es ist – ein Tableau vivant, ein Aneinanderreihen von allem, was Rang und Namen in der Belle Epoque hat, zu beiden Seiten des Kanals. Namedropping par excellence, und zwar ein wüstes. Und wieder bleibt die Frage: Sollte man nicht eine besondere Beziehung zu dem Sujet herstellen?
Sollte man sich Sargents Darstellung als auch seinem Werk nicht genauer annähern, als nur Bilder über 300 Seiten aneinanderzureihen? Und süffisant von roten Kordeln als Zeichen eines gewiss beeindruckenden Körperteils eines Stieres zu schwadronieren?

Ohne Punkt und Komma

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Und all das dann auch noch ohne Punkt und Komma. Soll heißen, das Buch weist keinerlei erkennbare Gliederung und Struktur auf. Kapitel? Wer braucht das bei so viel Expertise? Quellennachweise? Dito. Zitate werden gleichfalls nicht belegt. Eine Art Literaturverzeichnis findet man nur hinten in Form von Literaturhinweisen zur deutschen Ausgabe – ganz und gar nicht zufriedenstellend für meinen Geschmack.
Beispielsweise hätte ich auf Seite 51, wenn Barnes auf Queen Victorias „treue Witwenschaft“ verweist, als Fan Viktorianischer Geschichte gerne einen Beleg. Denn sowohl zu Schulzeiten als auch bei weiterführender Lektüre habe ich gelernt, dass Lytton Stracheys erzkonservatives Bild der treuen Witwe eben schon lange widerlegt ist.

Tratsch und Klatsch der Belle Epoque

„Eine Biographie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden, und das gilt nirgends mehr als beim Sex- und Liebesleben“, so Barnes. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass zu Pozzis Lebensende seine getrennt lebende Ehefrau und seine Tochter alle privaten Zeugnisse vernichtet haben, die einen Einblick gegeben hätten, ist es nahezu unmöglich, ein tiefschürfendes Bild von Pozzis Seelenleben zu zeichnen. Und doch bleibt der Autor zu sehr seinen Exkursen verhaftet. Erst am Ende beschreibt er, was für ihn den Reiz des Sujets Pozzi ausmachte.

Karikatur von Adrien Barrère - Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi) - Glarean Magazin
Karikatur von Adrien Barrère: Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi)

Dies versöhnt etwas und öffnet im Nachwort den Blick auf einen außergewöhnlichen Mann, der in heutigen Zeiten des Nationalismus diesen damals zu überwinden versucht hat. Etwas zu fein nuanciert und während der Lektüre nur zu erahnen, hätte es mehr in Worte gefasst werden müssen. Die persönliche Verbindung zu Pozzi bleibt so im Unklaren. Wenngleich oberflächlich einiges von seinem v. a. beruflichen Wirken und Werdegang natürlich abgehakt wird.
Immer wenn man ansatzweise den Eindruck hat, Pozzi irgendwie fassen zu können, entgleitet er wieder ins Dickicht der vielen belanglosen Fakten, die in diesem Umfang, in diesem Werk, so nicht gebraucht werden. Krankt dieses Werk an einer gewissen Selbstverliebtheit infolge überzogener Selbstdarstellung des Autors?

Ein Meister der Ironie

Trotz versöhnlicher Noten gegen Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack. Hätte ich eine Monographie über Oscar Wildes Dorian Gray und die Frage lesen wollen, ob dies nun eine abkupferte Variante von Hysmans „Gegen den Strich“ ist, hätte ich eben nicht zu „Der Mann im roten Rock“ gegriffen. Hätte mich die Belle Epoque in erster Linie mit all ihrem Glanz, ihrem Klatsch, ihren sexuellen Ausschweifungen, ihrem Dandytum und all ihren illustren Namen gereizt, hätte ich einen Bildband gewählt.

Julian Barnes - Schriftsteller - Glarean Magazin
Julian Barnes (*1946)

Sicherlich weiß Julian Barnes, worüber er schreibt, und er ist ein Meister der Ironie und der unterhaltsamen Seitenhiebe – doch letztlich hat er, so wie er dieses Buch konzipiert, für mich das Ziel verfehlt, dem Leser die illustre Gestalt des Dr. Samuel Pozzi nahezubringen. Und so haucht auch unser Star sein Leben wie viele andere als Folge eines geglückten Attentats oder misslungenen Duells aus.

Zu viel zu unstrukturiert in zu wenige Seiten gepackt – so das Fazit. Eine verwirrende, da gedanklich nicht immer nachvollziehbare Lektüre, die meist zäh mäandert, um dann wieder wüst auszuschlagen. Letztlich eine Frage der Erwartung, die der Leser an dieses Buch stellt. Für mich ein ermüdendes Unterfangen, das nur zu sehr zum Querlesen anregt.

Zur deutschen Ausgabe: Kiepenhauer & Witsch gibt ein hochwertig aufgemachtes Buch heraus – dem nur eines fehlt: ein rotes Lesezeichen. ♦

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock, Biographie, 298 Seiten, Verlag Kiepenhauer & Witsch, ISBN 978-3-462-05476-7

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Biographien auch über den Arzt Albert Schweitzer von Claus Eurich: Radikale Liebe


Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Unverwüstlicher angelsächsischer Optimismus

von Bernd Giehl

Der Bestsellerautor Matt Haig hat ein neues Buch in Deutschland veröffentlicht. Bisher hat Haig, 1975 in Sheffield/England geboren, 11 Bücher in deutscher Übersetzung auf den Markt gebracht. „Die Mitternachtsbibliothek“ (The Midnight Library) ist sein zwölftes.
Viele seiner Romane sind im Raum der Phantastik angesiedelt. Haig bekennt sich zu seiner Diagnose „Depression“. Dass er die Krankheit kennt, spürt man in der „Mitternachtsbibliothek“.

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, Droemer VerlagAls ich anfing, das Buch zu lesen, wunderte ich mich bald. Es war die Sprache. Mehr wusste ich nicht. Aber ich las nur ein paar Seiten. Mein eigener Roman, an dem ich gerade schrieb, brauchte all meine Aufmerksamkeit.
Als ich nach ein paar Tagen weiterlas, kam die Verwunderung wieder. Eigentlich war sie tief abgesunken. Ich hatte schließlich zu tun; Sie erinnern sich. Ein langes Kapitel meines Romans hatte von Leben und Tod gehandelt, und ums Leben oder Sterben dreht es sich auch in der Mitternachtsbibliothek“. Nur dass die Heldin „freiwillig“ in den Tod geht, weil ihr Leben von einem „Schwarzen Loch“ angezogen wird. Falls es denn so etwas wie „Freiwillig in den Tod gehen“ gibt.

Den Pflegekräften im Gesundheitswesen gewidmet

Haigs Roman ist ein Zitat von Sylvia Plath vorangestellt, der amerikanischen Dichterin und Ehefrau von Ted Hughes, die vor allem durch ihr kurzes Leben voller Unglück und ihren anschließenden „Freitod“ berühmt geworden ist. Ihre Lyrik ist kompliziert. Ted Hughes hat ihr einen wunderbaren Gedichtband gewidmet: „Birthday Letter“. Wer ein solches Zitat voranstellt, stellt sich einem hohen Anspruch.
Außerdem gibt es auch noch eine Widmung „Für alle Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Und für die Pflegekräfte. Danke.“ Das klingt anders. Sehr anders. Hat das etwas mit dem Roman zu tun?

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Aber das nur am Rand. Zunächst sieht es ja auch ganz danach aus, als könne der Autor den Anspruch des Plath-Zitats erfüllen. „Neunzehn Jahre, bevor sie starb, saß Nora Seed in der kleinen, warmen Bibliothek der Hazeldine Schule in Bedford. Sie saß an einem niedrigen Tisch und starrte auf ein Schachbrett.“
Das nächste Kapitel beginnt mit fast den gleichen Worten: „Siebenundzwanzig Stunden bevor sie beschloss zu sterben, saß Nora Seed auf ihrem schäbigen Sofa, scrollte sich durch die glücklichen Leben anderer Menschen und wartete darauf, dass irgendetwas passierte.“ „Variation eines Leitmotivs“ nennt man so etwas in der Musik.

Locker-coole Sprache

Aber dann liest man weiter und wundert sich erneut. Gut, hier wird vom gewöhnlichen Unglück einer nicht mehr ganz jungen Frau erzählt, die vor kurzem ihre Hochzeit hat platzen lassen. Ihre Katze ist gerade überfahren worden und ihr Bruder hat nicht bei ihr vorbeigeschaut, als er einen Freund in der Stadt besucht hat. Man kann verschiedener Meinung sein, ob das Gründe sind, sich das Leben zu nehmen. Aber darauf kommt es auch weniger an. Eine alte Kritiker-Weisheit sagt: Wichtig ist die Sprache, die einer schreibt. Notfalls kann er dann auch einen beliebigen Tag mit eher langweiligen Menschen in Dublin beschreiben, die durch die Stadt ziehen und sich auch einmal begegnen. Ereignisloser als der „Ulysses“ sind wenige Romane.

Matt Haig - Schriftsteller - Glarean Magazin
Matt Haig (*1975)

Es dauerte also einige Zeit, ehe ich mich an Haigs Sprache gewöhnt hatte. Zuerst dachte ich: Matt Haig hat das Buch für Jugendliche geschrieben. So locker und „cool“ kommt es daher. Aber dann habe ich gelesen, dass Nora Seed ja schon 35 ist. Für einen Jugendlichen ist das jenseits von Gut und Böse.
Im Kapitel „Antimaterie“ ändert sich dann der Ton. Da geht Mattis näher ran, und aus der Plastiksprache mit Soundeffekten wird etwas anders: ein Autor, der sich in die Verzweiflung seiner Protagonistin einzufühlen beginnt. Erst recht passiert das im Kapitel „Das Buch des Bereuens“, das Nora Seed, die nun in die „Mitternachtsbibliothek“ eingetreten ist und ihre alte Schulbibliothekarin Mrs. Elm wiedertrifft, als erstes in die Hand nimmt. Da stehen all die Dinge drin, die sie im Lauf ihres Lebens getan und später gern ungeschehen gemacht hätte, von den Kleinigkeiten bis zur Entscheidung, ihren Freund Dan nicht zu heiraten.
Für einen Jugendlichen oder eine Leserin von Frauenromanen ist das gut geschrieben, aber wer jemals den „Stiller“ oder gar „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch gelesen hat, kennt andere, „modernere“ Möglichkeiten, das Thema zu beschreiben.

Philosophische Massentauglichkeit

An der Sprache hätte Matt Haig also ruhig noch etwas arbeiten können Allerdings wäre das Buch dann nicht mehr massentauglich geworden und bei Droemer erschienen, sondern bestenfalls bei Hanser. Vielleicht auch nur in einem anspruchsvollen Kleinverlag wie Stroemfeld/Roter Stern. (Natürlich bezogen auf die englische Verlagslandschaft, die ich aber nicht kenne.) Und Übersetzungen wären natürlich auch nicht drin gewesen. Man muss sich eben entscheiden, was man will. Da der Autor vorgibt, Nora sei Philosophin und habe sich ausgiebig mit Henry David Thoreau und dessen Buch „Walden“ beschäftigt, einer Studie über selbstgewählte Einsamkeit in den Wäldern von Massachusetts, das er 1845 schrieb, würde ein Roman in einer hochliterarischen Sprache sicher passen.

Dem Leser einfach gemacht

Die Bibliothek - Büchersammlung - Der Ort der vielen Leben - Glarean Magazin
Der Ort der vielen Leben: Die Bibliothek

Aber Matt Haig will mehr. Deshalb macht er es dem Leser einfach. Er lässt Nora an der Schwelle zwischen Leben und Tod in einer Bibliothek landen, die nur ein einziges Buch in unzähligen Variationen enthält: das Buch ihres eigenen Lebens. Eins davon ist das „Buch des Bereuens“, die anderen enthalten ihr Leben als Olympiateilnehmerin (sie war eine englische Spitzenschwimmerin), als Gletscherforscherin in der Arktis (das war einmal ihr Traum) als Frau eine Pub-Betreibers (Dans Traum), als Besitzerin einer Katze. Aber jedes Mal scheitert dieses Leben.

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Auf Spitzbergen, wo sie Eisberge erforscht und einem Eisbären begegnet, der sie als Mittagessen betrachtet, dem sie aber entkommt, trifft sie Hugo, der – wie sie selbst – eine Reise durch seine eigenen möglichen Leben macht. Selbstverständlich glaubt Nora, er sei für sie bestimmt. Sie befindet sich schließlich im Buch eines Bestseller-Autors.
Aber natürlich bleibt auch er nicht, denn Nora muss weiter; diesmal als Musikerin, und wenn der geneigte Leser gehofft hatte, dass sie diesmal als Mitglied einer Garagenband vor dreißig Leuten auftritt und dabei glücklich wird, wird er natürlich enttäuscht. Sie findet sich in ihrer alten Band „The Labyrinthians“ wieder, und die spielen vor zehntausenden begeisterten Zuhörern in Sao Paulo. Am nächsten Tag wird es weitergehen nach Rio. Danach steht Asien auf dem Tourneeplan.
Jetzt weiß der Leser zwar immer noch nicht, welches Leben sich Nora wünscht, aber die Träume von Matt Haig kennt er dafür umso besser.

Es gibt kein wahres Leben im falschen

An diesem Punkt hätte ich beinah aufgehört zu lesen. Es waren zwar immer noch 120 Seiten bis zum großem Finale, aber ich war erst einmal bedient. Das Thema gefiel mir, aber ein Buch ist mehr als eine These oder ein Thema. Ich hätte also aufgegeben, so wie Nora Seed – aber in dem Moment schien der Autor zu spüren, dass er es zu weit getrieben hatte. Er lässt sie noch einmal in die Bibliothek zurückkehren, die sie in ihrem Zorn fast zerstört, und hernach sind es „normale“ Leben, die sie ausprobieren darf: Als Besitzerin einer Hundezucht, als Ehefrau eines kalifornischen Winzers – und schließlich in einem zusammenfassenden Kapitel alle nur erdenklichen Leben. Nur jenes der Geisha fehlt in der Aufzählung, aber das kann Haig in der nächsten Ausgabe ja noch hinzufügen.

Philosoph Theodor W. Adorno - Es gibt kein wahres Leben im falschen - Glarean Magazin
Philosoph Theodor W. Adorno: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“

Doch die wirkliche Erkenntnis, die Matt Haig uns durch Nora Seed verkünden lässt, lautet: „Es gibt kein wahres Leben im falschen.“ Verzeihung, da habe ich mich wohl bei den Philosophen vergriffen. Adorno wird von ihr ja nicht einmal erwähnt. Und da Haig nun einmal dem Pessimismus abgeschworen hat, muss ich es so formulieren: Es gibt nur ein wahres Leben, und das ist jenes, das du gerade lebst. Dementsprechend stürzt die Mitternachtsbibliothek in dem Moment ein, als Nora gerade ihr ideales Leben gefunden zu haben scheint, und Nora wird vor ihrem Selbstmordversuch gerettet.

Optimismus à la Camus

Es ist der unverwüstliche angelsächsische Optimismus, der mich stört. Natürlich beeinflusst er auch die Sprache. Am Ende ist alles gut, und Nora kann mit einer neuen Erkenntnis in ihr altes Leben zurückkehren.
Dennoch: Ich habe das Buch gern und auch mit Gewinn gelesen. Es ist die optimistische Variante von Camus‘ Erkenntnis, dass man dem Absurden trotzen und den Stein weiterwälzen muss. Selbst wenn er auf dem Gipfel wieder herunterrollt.
Allerdings würde Matt Haig das so niemals formulieren. ♦

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, 320 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28256-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing

Außerdem zum Thema Literatur von Martin Kirchhoff: Möwen über dem Wasser (Lyrik)


 

Sally Rooney: Normale Menschen (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Der Liebe Freud, der Liebe Leid

von Christian Busch

Der Roman „Normale Menschen“ von Sally Rooney handelt von Marianne und Connell – einer studentischen On/-off-Beziehung im Kontext von gesellschaftlicher Konvention und transzendentaler Obdachlosigkeit. Rooney’s Erzählen hat seine Stärken – und noch mehr Schwächen.

Im 13. Jahrhundert schickte sich Gottfried von Straßburg, ein Kleriker im Dienste des bischöflichen Hofes an, die aus unterschiedlichen Quellen bereits überlieferte Liebesgeschichte zweier edler Herzen neu zu erzählen: Tristan und Isolde. Mit der Bewahrung des Andenkens an ihre im Tode endende, innige Liebe wollte er nicht nur herzensedle, aber unglücklich Liebende stärken, sondern auch seelenlos, weil nur aus äußerlichen und gesellschaftlichen Erwägungen Liebende läutern.
In seinem Prolog erhält die Minne seiner aus irdischen Gefilden stammenden Liebenden exemplarische Vorbildhaftigkeit, ja sogar die Weihe eines Mysteriums, das seine konkrete Gestaltung in der Liebesgrotte von Cornwall in der Höhle eines Venusberges findet, wo die beiden Ausgestoßenen ihrer idealen, aber verbotenen Liebe eine Zeit lang frönen – ein Sanktuarium der höchsten Liebe.

Die Liebe – im Tod unzerstörbar?

Sally Rooney: Normale Menschen - Roman - Luchterhand Verlag - Literatur-Rezensionen Glarean MagazinDahinter steckt die Vorstellung von der Liebe als einer unzerstörbaren, weil zwei Wesen in ihrer Einzigartigkeit für immer (im Tod) miteinander verschmelzenden Kraft. Darum geht es spätestens seit Gottfrieds mittelalterlicher Versdichtung in allen Liebeserzählungen, so auch in dem internationalen Bestseller „Normal People“ der irischen Autorin Sally Rooney. Der Roman geht inzwischen auch als TV-Soap in Serie und ist in aller Munde (und Auge). Was wird also aus den Liebenden im Roman des 21. Jahrhundert, so könnte man fragen – oder: Was wird aus der Idee der absoluten Liebe und dem Triumph über konventionelle Moral und Gesellschaftsordnung?

Kein innovativer Plot

Januar 2011. Connell ist der uneheliche Sohn von Lorraine, die bei Denise Sheridan, einer verwitweten Rechtsanwältin der Oberschicht in Westirland, als schlecht bezahlte Putzfrau arbeitet. Er ist sportlich, attraktiv und am College daher angesehen. Als er seine Mutter von der Arbeit abholt, begegnet er Marianne, Denises Tochter, eine ungeliebte, von ihrem älteren Bruder Alan überwachte, intelligente und geistvolle, aber unterdrückte Seele.

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Da ihre Liebe keine Anerkennung finden kann, halten beide ihre erotischen Treffen geheim. Doch als Connell nicht Marianne, sondern ein anderes Mädchen zum Abschlussball einlädt, kommt es zum Bruch. An der Universität ändern sich die Vorzeichen. Nun ist Connell der gesellschaftliche Outsider, während Marianne als wohlhabendes Mitglied der Upper-Class aufblüht. Doch ihre Beziehungen mit anderen sind zum Scheitern verurteilt. Marianne landet zunächst beim Schnösel Jamie, dann bei einem zwielichtigen schwedischen Fotographen. Connell hingegen fällt nach dem Selbstmord eines Freundes und der oberflächlichen Beziehung zu Helen in tiefe Depression.
Doch egal was kommt, die beiden finden sich immer wieder, ihre Vertrautheit, ihre erotische Anziehungskraft und das Gefühl der Einzigartigkeit ihrer Liebe hält an – bis zum Schluss (Februar 2015)? So weit der zugegeben wenig innovative Plot.

Monoton dahinplätschernde Sprache

Sally Rooney - Schriftstellerin - Glarean Magazin
Literarisches Fräuleinwunder: Sally Rooney (geb. 1991)

Und wenn man ehrlich ist, bleibt der ganze Hype um Sally Rooneys zweiten Roman rätselhaft, denn weder die Geschichte selbst mit ihren für das Genre typischen Missverständnis-Wendungen und stereotypen gesellschaftlichen Hürdenklischees, noch die seichte und monoton dahin plätschernde Sprache verleihen dem Roman Tiefe oder seelischen Reichtum. So wird man den Eindruck nicht los, dass die beiden vor allem deshalb nicht zusammenkommen können, weil die Autorin es für die Dramaturgie ihres Plots nicht will. Soziale Barrieren werde nämlich höchstens angedeutet.
Erzähltechnisch liest der Roman sich weitgehend wie eine Anhäufung von Regieanweisungen, also äußerer Handlungen, die für den Leser offen und vielseitig interpretierbar, damit aber auch belanglos und beliebig bleiben. So etwas ist leicht konsumierbar, weil man es nicht nicht verstehen kann, bzw. jegliche Interpretation irrelevant ist. Ständig muss man lesen, wie ein Glas angefasst, eine Zigarette angezündet oder eine leere Gestik ausgeführt wird. Die Dialoge bleiben blass. Der Blick hinter die Fassade fehlt.

Lieblose Zeichnung der Figuren

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Nicht etwa, dass einem Connell und Marianne gleichgültig bleiben, aber liegt dies nicht an der lieblosen und oberflächlichen Zeichnung aller anderen Figuren? An der kaum einmal vertieften Darstellung gesellschaftlicher Wirklichkeiten? An den nur in Umrissen skizzierten beruflichen Tätigkeiten und Freizeitaktivitäten aller Figuren?
Zweifellos hat der Roman seine Stärken. Wenn die beiden Figuren sich begegnen und Rooney deren vertrautes und liebevolles Verhältnis keinesfalls unerotisch und kontrastiv zur weiteren Romanlangeweile auf die Leinwand – Verzeihung: auf das Papier – tupfert, dann tröstet das über manche banale Passage hinweg. Für einen gelungenen Liebesroman ist dies jedoch zu wenig.

Kommerziell angelegtes Romanprojekt

Und deswegen ist diese Geschichte eben nur ein geschickt lanciertes und oberflächen-taugliches Konstrukt, das – gerade in seiner audiovisuellen Verwertbarkeit – nur vordergründige Bedürfnisse des Publikums befriedigt, aber keine Innerlichkeit, Authentizität oder Originalität bietet. Der Roman hinterlässt keine Spuren, sondern eher das Gefühl, man habe sich durch einen grauen Schleier durchgearbeitet. Man würde ihn keinesfalls ein zweites Mal lesen. Der Schluss passt in dieses Bild eines vor allem kommerziell angelegten Romanprojektes.

Fazit: Wer einen aktuellen Liebesroman sucht, findet ihn sicherlich in Sally Rooneys „Normale Menschen“ auf der Höhe, aber auch auf der Tiefe der Zeit. Wer mitreden will, muss ihn lesen.
Wer aber etwas Wesentliches oder gar Neues über das Wesen der Liebe erfahren möchte, wer eine neue Sprache für die Liebe sucht, wer eine neue, originelle Liebesgeschichte erwartet, der sollte sich anders orientieren. ♦

Sally Rooney: Normale Menschen, Roman, 320 Seiten, Luchterhand Verlag (Randomhouse), ISBN 978-3-630-87542-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Liebesroman auch über Ernst Halter: Mermaid

…sowie über die Erzählungen von Viktorija Tokarjewa: Liebesterror


Amélie Nothomb: Die Passion (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Stacheln im Fleisch des Christentums

von Bernd Giehl

Machen wir einmal ein Gedankenexperiment. Nehmen wir an, Amélie Nothomb, eine relativ bekannte belgische Schriftstellerin, würde ihren Roman „Die Passion“ in hundert Jahren, also 2120 schreiben und ihr Manuskript dem Diogenes Verlag anbieten. Dort hat sie schon 22 Bücher veröffentlicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde der Diogenes Verlag das Manuskript ablehnen. Zu riskant, würde es heißen. Wer will schon ein Buch über einen unbekannten Religionsstifter lesen? Innerhalb von zwei Wochen hätte sie ihr Manuskript wieder zurück.

Amélie Nothomb - Die Passion - Roman - Diogenes Verlag - Literatur-Rezension Glarean MagazinAber das Experiment geht noch weiter. Nehmen wir an, Amélie Nothomb hätte „Die Passion“ vor 400 Jahren geschrieben. Sie hätte einige Abschnitte ihrer besten Freundin vorgelesen. Die wäre einerseits begeistert gewesen, weil die Zweifel der Hauptfigur an ihrer bevorstehenden Hinrichtung mit den eigenen Zweifeln an der Religion korrespondiert hätten und andererseits erschrocken. Darf man so an der eigenen Religion zweifeln? Ist das nicht Ketzerei? Die beste Freundin hätte es ihrem Mann erzählt, und der wäre zur Obrigkeit gegangen. Man hätte Nothomb festnehmen lassen, sie wäre gefoltert worden und wenn sie große Glück gehabt hätte, hätte sie selbst ihr „Machwerk“ öffentlich verurteilen und ins Feuer werfen müssen. Falls sie weniger Glück gehabt hätte, nun ja … Was für ein Glück, dass die Zeit der Hexenverbrennungen endgültig vorbei ist.

Hexerei im Innern der Figuren

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Womit ich nicht sagen will, dass Amélie Nothomb keine Hexe ist. Sie ist eine. So wie jeder gute Autor und jede gute Autorin ein Hexenmeister oder eine Hexe ist. Weil sie im Inneren ihrer Figuren leben. Weil sie Besitz von ihnen ergreifen und sie wie einen Sukkubus lenken.
Aber Amélie Nothomb ist noch aus einem anderen Grund eine Hexe. Sie lässt Jesus von Nazareth im Augenblick seiner „Passion“ lebendig werden. „Ich wusste schon immer, dass sie mich zum Tode verurteilen werden“, so beginnt ihr neuer Roman.

Kombination von Gott und Mensch

Amelie Nothomb - Schriftstellerin - Literatur im Glarean Magazin
Amelie Nothomb alias Fabienne Claire Nothomb (geb. 1966)

Da spürt jeder aufrechte Christ einen ersten kleinen Stachel. Noch ist er winzig; immerhin heißt es ja schon in den „Leidensankündigungen“ der Evangelisten: „Der Menschensohn muss“ seinen Leidensweg gehen und am Ende gekreuzigt werden aber diese Leidensankündigungen stehen im zweiten Drittel der Evangelien. Nur das Johannesevangelium macht da eine Ausnahme.
Aber Christen sind großmütige Leute, und so werden sie der Autorin gern vergeben, denn der Jesus von Amélie Nothomb ist ein wahrhaft göttlicher Mensch. Nie hat mir die Kombination von Gott und Mensch so eingeleuchtet wie bei ihr.
Sie zweifelt nicht an den Wundern, wie das auch viele Theologen der letzten 200 Jahre getan haben. Das Wunder, Wasser in Wein zu verwandeln, gelingt ihm beinah nebenbei. Nur – und jetzt kommt wieder der Stachel – dass das Brautpaar, dessen Hochzeit Jesus mit seinem Wunder gerettet hat, unter den Hauptzeugen der Anklage vertreten sein werden. „Warum hat er es so spät getan?“ fragen sie. „Eine Stunde früher, und er hätte uns die Blamage erspart.“ Die anderen, an denen ein Wunder geschah, sind ähnlich unzufrieden. Nicht einmal der königliche Beamte, dessen Sohn vom Tode errettet wurde, ist Jesus dankbar, sondern klagt über die Verzögerung und die dadurch ausgestandene Angst.

Jesus – ein Sinnenmensch?

Unzufriedenheit ist überhaupt ein Stichwort. Auch Judas ist unzufrieden, mit der Welt im Allgemeinen und mit Jesus im Besonderen. Er stellt alles in Frage. An das Gute kann er nicht einmal glauben, wenn er es vor Augen hat. Judas ist der Protagonist der „Menge“ die Jesus schließlich verurteilt.
Jesus selbst ist das Gegenteil. Er kann sich an den kleinen Dingen des Lebens freuen: am Geschmack frischen Brotes, an einer Blüte am Wegrand, am aufdämmernden Tag, vor allem am Wasser. Wenn man Durst hat und man zögert das Trinken noch ein paar Augenblicke hinaus, schmeckt frisches Wasser umso köstlicher, behauptet er

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Jesus – ein Sinnenmensch? Jesus gar, der die Frauen liebt? Der für ihre Schönheit empfänglich ist? Der gar eine Beziehung mit Maria Magdalena eingeht? Und der deshalb auch nicht sterben will? Und dessen Verbindung zum Vater nun abreißt, obwohl er bis dahin eng mit ihm verbunden war?
Da möchte jeder gute Christ „Ketzerei“ schreien. Der Glaube oder das Dogma fordert, dass Jesus freiwillig den Willen seines Vaters auf sich genommen hat, um die Sünde der Welt zu tragen. Das unschuldige Opfer leidet für die Schuldigen. Wenn dann jemand kommt, die anscheinend mit dem Glauben sympathisiert und dann behauptet, Jesus habe das Leben zu sehr geliebt um freiwillig in den Tod zu gehen – da sitzt der Stachel ziemlich tief.

Der Masochismus des Christen

Freilich ist Nothomb nicht die erste, die den „Masochismus“ des christlichen Glaubens geißelt. Der erste war Friedrich Nietzsche, der meinte, die Christen müssten erlöster aussehen, bevor er an ihren Erlöser glauben könne. Oder der Theologe Thomas Müntzer, Anführer der Bauern im thüringischen Bauernkrieg 1525, der den „bitteren Christus“ predigte und dafür hingerichtet wurde.
So einfach ist der Autorin also nicht beizukommen. Es sei denn, dass man sie zur „Hexe“ erklärt.

Schöne Schilderungen und viel Reflexion

Wie gesagt, Nothombs Beobachtungen sind zwar meist unverhofft, leuchten aber ein. Dass Jesus dem Leben zugewandt war, kann man leicht an seinen Gleichnissen sehen. Ihre Sprache ist farbig. Die Beziehung zu Maria Magdalena ist zwar ein Klischee – jeder der ein bisschen ketzern wollte, hat sie erwähnt -, aber dafür wunderschön geschildert, so wie nur eine Frau sie beschreiben kann, die selbst Liebe erfahren hat.

Szene aus dem Skandal-Film The Passion Of The Christ von Mel Gibson (Glarean Magazin)
„Masochismus des christlichen Glaubens“? Szene aus dem Skandal-Film „Die Passion Christi“ von Mel Gibson (2004)

Mit 128 Seiten ist der Roman recht kurz; es gibt wenig Handlung – z.B. ist die Verhandlung vor dem Hohen Rat weggelassen (hat vermutlich auch nicht stattgefunden) -, aber dafür viel Reflexion. Manchmal wird Nothomb weitschweifig: Noch ein Satz über den Durst, und noch einer, der mit anderen Worten das Gleiche sagt (der Roman ist ursprünglich unter dem Titel „Soif“ – „Durst“ in Paris erschienen). Da hätte ein rigoroseres Lektorat sicher segensreich wirken können. Aber das ändert nichts daran, dass ich den Roman mit Genuss gelesen habe.
Allerdings warte ich noch auf das Buch, das meine Frage, warum Jesus sterben musste, und vor allem, warum Gott das wollte, hinreichend beantwortet. Es muss auch kein Roman sein. ♦

Amélie Nothomb: Die Passion (Roman), 128 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978 3 257 07141 2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Religion in der Literatur auch den Essay von Heiner Brückner: Vom Himmlischen

… sowie über den satirischen Roman von David Safier: Jesus liebt mich


Hugh Nini & Neal Treadwell: Loving – Männer, die sich lieben (Fotoband)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Namenlose Liebe

von Sigrid Grün

Historische Fotografien von Männern, die sich lieben, sind selten, möchte man annehmen. Homosexualität ist erst seit wenigen Jahrzehnten akzeptiert und wird in manchen Ländern der Erde immer noch geächtet und strafrechtlich verfolgt. Trotzdem ist es Hugh Nini und Neal Treadwell gelungen, über 2’800 Fotos von männlichen Paaren zu finden und zu einer Sammlung zusammenzutragen. Eine Auswahl dieser einzigartigen historischen Aufnahmen, ist nun in deutscher Übersetzung als Fotoband erschienen. In „Loving“ werden etwa 350 Bilder, die zwischen 1850 und 1950 entstanden sind, von Männern, die sich lieben in Originalgröße gezeigt.

Der Blick ist bei der Auswahl der Fotos immer das entscheidende Kriterium, schreiben Hugh Nini und Neal Treadwell in ihrem Text „Eine Zufallssammlung“. Als sie vor 20 Jahren bei einem Händler ein Foto von einem schwulen Liebespaar entdeckten, waren sie noch überzeugt davon, eine Seltenheit in Händen zu halten. Doch bald zeigte sich, dass es auch vor über 100 Jahren mehr männliche Liebende als angenommen gab, die ihre Gefühle füreinander bildlich festhalten wollten.

Homosexualität in Zeiten der Diskriminierung

Loving - Männer, die sich lieben - Fotoalbum - Elisabeth Sandmann VerlagIn seinem Vorwort erläutert Régis Schlagdenhauffen, Experte für die Geschichte der Sexualität und Homosexualität sowie Gender Studies und Dozent an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS), wie Homosexualität in Zeiten der Diskriminierung gelebt wurde. Insbesondere in Großstädten wie New York gab es bereits im 19. Jahrhundert eine lebhafte Schwulenszene, die über eigene Codes verfügte, um sich gegenseitig zu erkennen. Auch auf den Fotos im Bildband sind subversive Codes versteckt, die Bezug auf zeittypische Praktiken nehmen. Es gibt zum Beispiel Aufnahmen, die Paare mit einem Sonnenschirm – einem klassischen weiblichen Accessoire – zeigen, Paare, die einen Blumenstrauß halten, wie er auf Hochzeitsfotos üblich ist oder Männer auf einer Mondschaukel, die auf den Honeymoon, die im frühen 19. Jahrhundert in Großbritannien entwickelte Tradition der Flitterwochen, verweist.

Mutige Öffentlichkeit

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In höheren Gesellschaftsschichten war Homosexualität eher akzeptiert als bei Bauern oder Arbeitern. Gesetzlich wurden Schwule trotzdem verfolgt – Oscar Wilde ist ein bekanntes Beispiel dafür. Er verbrachte zwei Jahre in Haft, weil er einen Mann liebte. Bei einer Razzia in einem US-amerikanischen Hotel, die im Februar 1903 stattfand, wurden mehrere Männer verhaftet und wegen „Analverkehrs“ zu Haftstrafen von bis zu 20 Jahren verurteilt.
Die Männer, die auf den Fotos in diesem Bildband zu sehen sind, haben also viel aufs Spiel gesetzt, denn sie mussten ihre Liebe stets geheim halten. Auf einigen Fotos sind – neben den Liebenden – noch weitere Personen zu sehen, etwa Soldaten oder Frauen. Zu diesen müssen die Abgebildeten großes Vertrauen gehabt haben. Ebenso zu den Fotografen und Fotolaboranten, die die Bilder entwickelten.

Vorhang des Lebens gelüftet

Hugh Nini und Neal Treadwell, Loving - Männer die sich lieben - Glarean Magazin
Herausgeber Hugh Nini und Neal Treadwell

Zu sehen sind Aufnahmen von Männern aus jeglichen Gesellschaftsschichten. Wohlhabende Angehörige der Oberschicht, Soldaten, Landarbeiter und Fabrikarbeiter. Die Mehrzahl gehört einer höheren Schicht an – Fotografien konnten sich im 19. Jahrhundert auch nicht alle leisten. Die Sammlung umfasst Bilder aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Italien, Frankreich, Kroatien, Bulgarien, Serbien, Australien, Japan, Ungarn, China, Estland, Russland, der Tschechoslowakei und anderen Ländern. Im Bildband sind fast ausschließlich Aufnahmen aus den USA zu sehen.
Im Anhang befindet sich ein Register, in dem auch Notizen verzeichnet sind. Einige Fotos sind auf der Rückseite beschriftet, etwa mit den Worten „Ich schicke dir ein Foto, das wohl den Vorhang von einem kleinen Teil meines Lebens lüftet“. Auf einem anderen Bild findet sich nur die Notiz: „Mein Liebling“.

Schwulsein unter widrigsten Bedingungen

Hugh Nini und Neal Treadwell, Loving - Männer die sich lieben - Beispielseite - Glarean Magazin
„Geringes Repertoire an Posen“: Beispielseite aus „Loving“ von Nini & Treadwell (© Nini-Treadwell Collection „Loving“ by 5 Continents Editions/Elisabeth Sandmann Verlag)

Das Faszinierende an den Aufnahmen sind die bereits erwähnten Blicke, die voller Zuneigung und Liebe sind – und die Gesten und Haltungen, die sich wiederholen. Es scheint ein recht geringes Repertoire an Posen zu geben, in denen sich die Liebenden zeigen. Oft wird ein Arm um den anderen gelegt, manchmal berühren sich die Männer auch nur leicht, wie zufällig, etwa mit den Füßen. Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Natürlich kennen wir als Betrachter nicht die Hintergründe, aber die Bilder eröffnen Einblicke in untergegangene Lebenswelten. Cowboys, Matrosen und Soldaten, Fabrikarbeiter, Junge und Alte vor den verschiedensten Hintergründen zeigen, dass die Liebe auch den widrigsten Bedingungen standhielt.

Einzigartiges historisches Dokument

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„Loving“ enthält Zeugnisse der Zuneigung in sepia und schwarz-weiß. Es sind unglaublich berührende Fotos, die man immer wieder betrachten kann, denn sie erzählen von einer „Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt“ (Lord Alfred Douglas) – und es auf den Fotos doch getan hat, wenn auch meistens versteckt. Doch Liebe kann man nicht verbergen. Gut, dass Hugh Nini und Neal Treadwell zumindest Teile ihrer wunderbaren Sammlung nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Dieser Bildband des Elisabeth Sandmann Verlages ist ein einzigartiges historisches Dokument. ♦

Hugh Nini & Neal Treadwell: Loving – Männer, die sich lieben, Fotografien aus den Jahren 1850 bis 1950, 336 Seiten, Elisabeth Sandmann Verlag (Suhrkamp), ISBN 978-3945543825

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Sexualität auch über Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn – Von der weiblichen Lust am Liebesleid

… sowie in der Rubrik „Heute… vor Jahren“: Ungeheure Träume träumender Ungeheuer – Über „Die Zofen“ von Jean Genet

Weitere Webseiten zum Thema:

Arno Camenisch: Goldene Jahre (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 19 Minuten

Was mit der Schweizer Literatur nicht stimmt

von Dominik Riedo

„Literatur setzt sich nur aus scheinbaren Kleinigkeiten zusammen. Scheinbaren – weil das kleinste Detail stets mitentscheidet.“
Karlheinz Deschner

Ich verstehe es einfach nicht. So einfach ist es. Klar: Die Verkaufszahlen sprechen für sich (und zwar tatsächlich, auch in meinem Sinne; siehe unten), und wer beim Lesen glücklich ist, immerhin, dem ist dies an sich Wertung genug. –
Trotzdem verstehe ich es nicht. Denn ich habe im Studium unter Professor von Matt an der Universität Zürich gelernt, dass man gute Literatur durchaus von schlechter unterscheiden kann und dass ausgebildete Germanisten das durchaus auch können sollten. Und drum wohl kann ich es nicht verstehen.
Worum es geht? „Goldene Jahre“, das neue Buch von Arno Camenisch (*1978 in Tavanasa), erschienen im Mai dieses Jahres 2020, stand – wie man der Webseite des Schriftstellers entnehmen kann – wochenlang in den Bestsellerlisten. Es muss sich gut verkauft haben. Vor allem aber war es, als ich es kaufte, für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert, eines von zwanzig Büchern im gesamten deutschen Sprachraum.

Zweiter Frühling zweier Damen

Arno Camenisch - Goldene Jahre - Roman - Engeler VerlagWeil Juroren solcher Preise in der Regel durchaus sachgerecht beurteilen können, dachte ich mir ganz ohne Hintergedanken, ich könnte mir da wieder einmal ein Buch eines Mitautors gönnen, das ich gerne lese werde, wie etwa Daniel Kehlmanns Bücher, die sich ja ebenfalls gut verkaufen und deren Autor auch viele Preise bekommen hat.
Doch was für eine Enttäuschung! Klar, das Buch hat einen griffigen Titel und kommt sogar, anders als man es auf den ersten, vereinfachten Blick erwarten würde, nicht in einem goldenen Kleid daher. Der eher leuchtend grasgrüne Umschlag steht damit geschickt vielmehr für den Frühling als für die späten Jahre des Frauenduos, um das sich in „Goldene Jahre“ alles dreht. Erleben doch die beiden Damen durch das Erzählen, so könnte man sich denken, eine Art zweiten Frühling, und ganz sicher spielt das Buch im Frühling. Nur nicht allzu offensichtlich daherkommen, das unterscheidet Literatur manchmal lohnenswerter Weise vom Journalismus. So denke ich mir zu Beginn auch nichts über die Situation, in der die beiden Frauen im Buch quasi berichten. Es wird sich dann schon noch klären, denke ich, welche dialogische oder erzählerische Situation hier vorliegt.

Gestelzt-unglaubwürdige Sprache

Arno Camenisch - Schriftsteller - Glarean Magazin
Arno Camenisch (*1978)

Aber dazu gleich vorneweg: Die Leserin oder der Leser wird sich bis zum Ende fragen müssen, wenn sie/er sich das fragen will, an wen die beiden Frauen sich hier eigentlich wenden: Es ist kein auf ein Speichermedium gesprochener Brief, kein Bericht einer Radio- oder Fernsehanstalt und sie filmen sich auch nicht selbst zur Erinnerung. Sie erzählen einfach füreinander (nur „einander“ kann ich nicht gut sagen, spricht doch etwa Margrit am Anfang ins Leere hinaus, ohne dass Rosa-Maria schon direkt bei ihr wäre). Und da war es bei mir als Leser schon so weit, dass ich mehr als stutzte: Wenn man sich derart lange kennt wie die beiden Protagonistinnen, und wenn man zusammen seit 51 Jahren einen Kiosk führt, dann beginnt man doch nicht aus dem Nichts heraus folgendermassen zum Gegenüber zu reden: „Eine Freude ist das, wie schön sie leuchtet, sie lächelt, da geht einem grad das Herz auf, wenn wir am Morgen die gelbe Leuchtreklame einschalten, in aller Herrgottsfrühe, wenn noch die letzten Sterne am Himmel sind.“
Abgesehen davon, dass einem wohl nach 51 Jahren im selben Job, so gerne man ihn tut, nicht mehr jeden Tag das Herz aufgeht über dieser Tätigkeit, so falsch ist es, wenn der Autor hier die eine Figur zur anderen – obwohl die in dem Moment wie gesagt nicht mal dort steht – sagen lässt, dass die Leuchtreklame gelb ist. Das wüsste die doch schon lange! Man sagt auf der Baustelle auch nicht: „Gib mir mal den gelben Meter“. Die Farbe ist hierbei total unwichtig (ausser es läge ein anderer roter daneben). Ebenso wüsste ihr Gegenüber im Buch wohl, dass sie dies jeweils sehr früh am Morgen tun und dass dann, zumindest in dem betreffenden Monat, die Sterne teilweise noch am Himmel stehen (und für das ganze Jahr gesehen wäre dies zudem schlicht falsch). Oder noch anders gesagt: Keine alte Kollegin spricht so gestelzt zu ihrer alten Kollegin.

Falsche Erzählsituationen

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Nun könnte man einwenden, es sei nicht ganz sicher, ob beziehungsweise was da alles gesprochen werde, denn das „sie lächelt“ spricht sie kaum aus; sie könnte sich das also bloss bei sich denken. Doch da verteidigt mich der nächste Satz: „Und bald wird es hell, sagt sie“. Sie spricht also wirklich; aber eben: Im ganzen Text kann man nie herauslesen, dass sich die Frauen an einen Dritten wenden würden. Da macht es auch keinen Sinn, dass sie weiter anfügt: „Seit 1969 gibt es uns, bereits, ja, ja, im 69 ist die Leuchtreklame zum allerersten Mal angegangen, in ihrer ganzen Pracht, das ganze Tal ist aufgeleuchtet an diesem Tag, sogar von Brigels runter konnte man die Leuchtreklame sehen, wenn man oben auf der Kante stand, dort wo der steile Hang beginnt, und runterschaute, sah man das Licht auf dem Dach vom Kiosk brennen wie das ewige Liechtli in der Kirche.“ Erstens ist der Vergleich mit dem ewigen Licht in der Kirche nicht gut gewählt, denn dies brennt auch in der Nacht, aber das kann man immerhin noch der Figur zuschreiben; zweitens aber: Wer braucht einer Geschäftspartnerin, die seit 51 Jahren am gleichen Ort arbeitet, die nähere Umgebung noch zu beschreiben? Es ist ihr doch klar, wo genau die betreffende Stelle in Brigels wäre, von dem man die Leuchtreklame sehen kann. Völlig blöd wird es dann, wenn die Margrit gleich darauf dialogisch zu wiederkäuen beginnt: „Ein Bijou von einer Leuchtreklame ist das, sagt die Margrit, im August 1969 ist sie das erste Mal angegangen“. In welcher denkbaren Szene, selbst wenn das Ganze für eine Dritte oder einen Dritten gesprochen wäre, sollte sie das wiederholen? – Die Erzählsituation für das ganze Buch ist schlicht falsch.

„Ein lieber feiner Kerli“

Surselva Tal - Kanton Graubünden Schweiz - Glarean Magazin
„Sogar von Brigels runter konnte man die Leuchtreklame sehen“: Das Surselva Tal im Schweizer Kanton Graubünden

Doch war ich hier noch bereit, das einfach mal zu akzeptieren; es könnte ja sein, dass Camenisch wenigstens ein guter Beobachter der Menschen in dem Bündner Tal, der Surselva, wäre. Aber das musste ich mir ebenso gleich aus dem Kopf schlagen, folgt doch Plattitüde auf Plattitüde. Dass sie bereits 51 Jahre an ihrem Kiosk arbeiten, will die Rosa-Maria gar nicht recht glauben, es komme ihr vor, und hier also die Plattitüde, „als seien wir doch erst gerade gestartet“. Huch, man sieht regelrecht das erstaunte Gesicht über dem abgelebten halben Jahrhundert. Hier stellte sich mir dann eben die Frage: Will der Autor eigentlich einfache Menschen darstellen oder eher tiefsinnige? Wären sie tiefsinnig, würden sie sich bestimmt nicht derart simpel und ohne weitere Gedanken über die Jahre wundern. Wären sie aber einfache Büezer, so reden sie nicht entsprechend.
Tatsächlich sind die Plattitüden wohl auch eher die des Autors. Wird doch im Folgenden dann fast jeder Mann, dem die beiden in der Zeit als Kiosk-Frauen begegnet sind, „ein feiner Bursche“, „ein lieber Kerl“ o. Ä. genannt, so oft, dass es auch nicht mehr ein bestimmtes Wesensmerkmal sein kann, vor allem, da beide Frauen das eine oder andere Mal diese Beschreibung wählen (was traut der Autor diesen Frauen eigentlich alles nicht zu?). Der Astronaut Collins: „der liebe Kerli“; der Radrennfahrer Eddy Merckx: „ein feiner Bursche“; Hugo Koblet (dessen Rennen aber eigentlich vor ihrer Zeit sich abspielten): „ein Hübscher“; sogar der Glasaugen-Columbo aus der TV-Serie ist „charmant“ (und ausgerechnet bei dem sagt die Margrit: „Wenn der hier an unserem schönen Kiosk mit Zapfsäule mit seinem Cabriolet angefahren gekommen wäre, ich weiss nicht, was dann passiert wäre“; als würden sich Frauen nur die ‹Charmanten› auswählen, nicht etwa jene, die richtig sexy sind; ob da einer ein völlig falsches Frauenbild hat?); Roger Moore ist ebenfalls „ein feiner Kerl“; und auch der Ludovic ist – na: was? – „ein feiner Kerl“.

Von dreirädrigen Autos

Isetta BMW - Glarean Magazin
Noch bis in die 1970er Jahre hinein auf Bündner Strassen zu sehen: Die legendäre 3-rädrige Isetta BMW

Ähnlich platt oder falsch die Vergleiche, wie schon beim ewigen Licht: „Das ist wie ein Auto mit drei Rädern“ – gerade die beiden Geschäftspartnerinnen am Kiosk mit Tankstelle seit 1969 sollten wissen, dass es dreirädrige Autos gab und gibt – bis in die 1970er-Jahre hinein war zum Beispiel die BMW Isetta noch oft im Strassenbild zu sehen. Die beiden Frauen aber wollen bloss wissen, dass es in Italien solche Modelle gibt, ohne genauere Kenntnis. Da spielt es im Sinne des Autors auch keine Rolle, dass eine Dreierbeziehung, von der die beiden Frauen reden, als eine solche „über Kreuz“ bezeichnet wird. Eine Liebe ‹übers Kreuz› müsste wohl eher vier Parteien haben, nicht drei.
So verpasst Camenisch auch zuverlässig die Orte, an denen er punkten könnte, etwa seine beiden weiblichen Hauptpersonen betreffend. Klar sagt Margrit einmal, sie wären Exoten gewesen, aber nicht etwa dafür, 1969 als Frauenzweierteam ein Geschäft eröffnet zu haben, sondern für eine Banalität: „Man stelle sich vor, ein Kiosk, sagt die Margrit, und gleich dazu noch eine Zapfsäule, und das im Jahr 1969, das war revolutionär, Exoten waren wir“. Waren doch damals, als die Autobenzintanks noch kleiner waren und der Kilometerverbrauch grösser, die Zapfsäulen an den Strassen in den Schweizer Alpen keine Seltenheit. Und weil man als Besitzer oder Angestellter nicht im Kalten oder im Regen warten konnte, baute man eben einen kleinen Laden oder Kiosk dazu. Sie aber, die beiden Frauen, die gerade sagten, sie seien Exoten gewesen, etwas, was es selten gab, meinen dann noch, dass sie „eine Epoche […] geprägt [hätten] mit unserem Kiosk mit Leuchtreklame, das muss uns jemand zuerst mal nachmachen.“ – Ja, genau: Das gezielte Nachmachen anderer, also das Vorbild-Sein wäre eben gerade die Definition davon, wie man eine Epoche prägt! Hingegen wären sie dann wiederum keine Exoten. Man kann es drehen und wenden wie man will: Es ist schlicht falsch.

Schlechte Roman-Recherchen

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Aber um nochmals auf das zurückzukommen, was Margrit und Rosa-Maria zueinander nach 51 Jahren reden. Meint doch die Margrit zu ihrer Kollegin, mit der sie über ein halbes Jahrhundert dort gearbeitet hat: „Dafür ist der Service top, sagt die Maria, also wer hier tankt, bekommt für einen kleinen Aufpreis auch gleich noch einen Kaffee, den haben wir immer parat“. Ach so, möchte man im Namen der Kollegin sagen, ich weiss: Ich bin seit 51 Jahren mit dabei! Aber Rosa-Maria scheint die Demenz zu haben: „Ausser Kerosin gibt es hier alles, und sobald die Pistole im Tank steckt und die gute Zapfsäule den Most hochpumpt, gehen die Zahlen auf der Anzeige durch und zählen dir auf den Rappen genau, wie viel jemand schon wieder getankt hat.“ Nicht wahr? Ich weiss! Aber es endet keineswegs dort: „Den Kaffee gibt’s, wie bereits gesagt, obendrauf, der ist gratuit“. Nicht wahr?! (Ausser dass er zuvor noch „einen kleinen Aufpreis“ kostete!)

Wirklichkeit falsch wiedergegeben

Tour de Suisse - Radrennen im Bündnerland - Glarean Magazin
Radrennen im Gebirge: Mehrmals auch durch die Bündner Surselva

Je nun, wir aber sind weiter beim Autor Camenisch, der sich offensichtlich auch nicht gut informiert über Themen, die er nicht kennt. So meint er etwa, bei einer Tour de Suisse sollte an allen Orten, die befahren würden und heikel sind, die Strassen vorher neu geteert werden; man wolle doch die Fahrer nicht gefährden. Dabei ist das so nicht der Fall; im Gegenteil: Oft werden Strecken ausgewählt, auf denen der Belag im Rang etwas ausmachen kann, bei dem also fahrerisches Geschick gefragt ist. Zudem soll bei Camenisch die Tour de Suisse nur ein einziges Mal in der Surselva vorbeigekommen sein, wenn man doch leicht nachschauen kann, dass dies seit 1969 mehrmals der Fall war.
Dem Autor aber scheint so etwas egal zu sein; in einem Interview wundert er sich sogar, dass es das Fruchtbonbon ‹Sanagol›, das 2020 im Buch noch gelutscht wird, seit 2002 nicht mehr gibt. Da ist dann auch das Lob der NZZ ein leeres, wenn sie schreibt, der Autor halte in seinen Büchern getreu fest, welche Welten alles verschwänden: Wer diese so total falsch darstellt, tut den verschwundenen Welten keinen Gefallen, sondern lässt sie eher noch mehr verschwinden, weil man sich ihrer nach der Lektüre vermutlich falsch erinnert (und es wäre ein Leichtes gewesen, die Fruchtbonbons nur bis ins Jahr 2002 zu erwähnen).

„Leg dich nicht mit den Sternen an“

Stützte wissenschaftlich das heliozentrische Weltbild von Kopernikus: Galileo Galilei
Stützte wissenschaftlich das heliozentrische Weltbild von Kopernikus: Galileo Galilei

Da erstaunt es dann schon nicht mehr, dass der Autor selbst innerhalb der Geschichten Unlogisches berichtet: Einerseits schauen die beiden Damen immer in die Unterhaltungsmagazine, die bei ihnen ausliegen. Und zwar quer durchs Sortiment. Sie sind stolz drauf, vieles anzubieten und selbst zu kennen. Und dennoch wissen sie nicht, was ein Elektrovelo ist, ja, dass es überhaupt existiert, als das erste Mal eine ganze Gruppe älterer Damen damit an ihnen vorbeirauscht – also nicht etwa Exoten, sondern zu einem Zeitpunkt, als das eBike schon gang und gäbe gewesen sein musste (eine Gruppe älterer Damen).
Da mag es den meisten Leserinnen und Lesern schon gar nicht mehr auffallen, dass sich der Autor an einer Stelle, Seite 69, eigentlich endgültig selbst erledigt: „Schau dir den Galileo an, als der behauptete, die Welt sei eine Kugel und nicht eine Scheibe, hätte man ihm am liebsten die Zunge rausgeschnitten. Ja, mit den Sternen sollte man sich nicht anlegen.“ –
Hat der Mensch denn keine Bildung? Dass die Welt eine Kugel ist, wusste man seit der Antike. Galileo hat lediglich das Kopernikanische Weltbild verteidigen wollen, dass die Erde sich um die Sonne drehe und nicht umgekehrt. Da hätte dann der zweite Satz von den Sternen auch Sinn gemacht – nicht aber auf die Flacherde bezogen! Und nochmals: Klar könnte das den Figuren absichtlich in den Mund gelegt worden sein. Aber dann traut der Autor den beiden Frauen wirklich nichts zu – und vor allem glaube ich das bei all den anderen Fehlern einfach nicht.

„Winter lang wie Autobahnen“

Winter lang wie Autobahnen - Arno Camenisch - Glarean Magazin
„Winter lang wie Autobahnen“ (Arno Camenisch)

Ach, danach quälte ich mich durchs Buch. Mal sind „Winter lang wie Autobahnen“ – also ein Zeitmass wird durch ein Längenmass ausgedrückt. Klar könnte das eben einer Figur geschuldet sein; aber es hiesse den beiden Frauen als Erzähler echt nicht viel zuzutrauen, wenn man sie wirklich alle die Banalitäten und falschen Vergleiche sagen liesse, durch die sie wie etwas dümmliche Menschen herüberkommen. Oder sollte das sogar das Ziel sein?
Denn meine Frage nach der Erzählsituation wird in der Mitte des Buches definitiv gelöst. Da kommt die Margrit „mit einer Blechbüchse in der Hand aus dem Kiosk, schau dir dieses schöne Foto an“. Sie zeigt es daraufhin Rosa – und nur Rosa. Also wird wirklich nicht nach aussen berichtet, sondern es spricht eine Frau zur anderen. Doch kann man an dieser Stelle eine Demenz auch ausschliessen: Zu gut erinnern sich beide an die 51 Jahre. Warum aber dann das Foto zeigen, als der Kiosk im Schnee versank? Erinnern sich doch beide ungefragt daran: „Als hätten die Heiligen uns den schönen Kiosk weggezaubert, sagt die Rosa-Maria.“ Und: „Da haben wir schon noch gestaunt, sagt die Margrit, als wir am Morgen über die Brücke kamen“. Kann man sich diesen Dialog zwischen zwei Kolleginnen vorstellen, die seit 51 Jahren jeden Tag nebeneinander arbeiten und alles miteinander erleben?
Ach, wie soll man danach zu Ende lesen… Ich habe noch Klischees rausgesucht. Und man sage mir nicht, dass dies alles Wahrheiten sein könnten; natürlich können sie das; aber in dieser Masse sind es eben wirklich nur noch Klischees: Da kauft der Pfarrer Sexhefte; da nehmen die beiden Frauen keine Tausendernoten an; da leidet der Kiosk an einer Umfahrungsstrasse, wodurch die Kundschaft wegbleibt (aber andererseits seien sie die Zentrale des Dorfes!); der Fotograf aus dem Städtli hat ein Glasauge (haha); Rosa-Maria trägt eine Brille mit Goldrand; seit den neunziger Jahren gibt es keine richtigen Winter mehr; und obwohl sie vor einer Kurve ein Schild aufstellen, passieren regelmässig Unfälle (man sieht regelrecht die komikhafte Situation in einem Trickfilm); und „wenn die Wetterfrösche in den Nachrichten sagen, dass es am nächsten Tag schneie, dann schiffet es meistens“; und selbstverständlich finden die beiden Frauen, dass Autos ohne Benzinmotor keine richtigen Autos seien.

Metaphorische Spagate voller Klischees

Roman-Klischee - Pfarrer kauft Sexheftchen am Kiosk - Glarean Magazin
Das Roman-Klischee vom Pfarrer, der am Kiosk Sexheftchen kauft…

Aber auch das gebe ich auf und blättere durchs Buch nur noch für deutliche Fehler: Etwa, dass Camenisch im Jahr 1989 eine Kanu-Weltmeisterschaft in Tavanasa stattfinden lässt. Nein! Es waren die Junioren da, und das fand 1990 statt. Klar, die beiden Frauen könnten sich im Jahr getäuscht haben, aber der Autor lässt sie auch noch sich vergewissern: „Das weiss ich noch genau, wir hatten nämlich in jenem Sommer unser 20jähriges Jubiläum. Stimmt, sagt die Margrit und nickt, zum 20Jährigen hat uns der Kosmos das beste Jahr geschenkt“. –
Ach genau, esoterisch veranlagt sind die Frauen auch noch. Warum? Weil das für Frauen typisch ist?! Aber Camenisch lässt sie ja obendrein noch glauben, dass wenn „einer mit dem Schlauch [im Auto] drin“ losfahre, dann gäbe „das eine Explosion“. Und rechnen können sie als von einem Mann geschaffene Figuren in einem Roman auch nicht: „Oh, wenn man mit zwanzig anfängt, ist man einundfünfzig Jahre später knapp siebzig“!
Aber auch sprachlich greifen sie, etwa bei Metaphern, voll daneben. Also auch das mag ihnen der Autor nicht gönnen oder er merkt es selbst keineswegs: „Da haben wir bereits ziemliche Spagate gesehen vor unserem schönen Kiosk, wenn es darum ging, etwas am Preis zu schrauben.“ Wie bitte? Was soll da ein Spagat sein? Sie wollen bloss etwas billiger. Nichts sonst. Bei einem metaphorischen Spagat versucht man eben mit viel Mühe, zwei gegensätzliche Positionen zu überbrücken. Hier wollen die Kunden nur etwas billiger haben, basta. Da erstaunt die fasche Verwendung von „Jet-Set“ wahrlich nicht mehr: „Jet-Set, sagt die Rosa-Maria, wenn eben jemand etwas über die Stränge schlägt und von einer Party zur nächsten schwebt.“ Denn: nein, mit Jet-Set ist eine bestimmte Gesellschaftsschicht gemeint. Dass die sich mehr Partys leisten können ist klar, aber nicht automatisch gemeint.

Der „Dichter des Dorfes“?

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Vielleicht hätte Arno Camenisch besser daran getan, das Kiosk-Sterben als eigene persönliche Erinnerung zu deklarieren, statt zwei Frauenfiguren einzuführen, deren sich Frauen eigentlich schämen müssen. Zudem wären dann die falsch erinnerten Zeitereignisse nicht so wichtig. Und wie er sich im jetzt gedruckten Buch noch selbst einbringt, ist einfach nur peinlich. Da kommt er auf den Seiten 44 bis 47 vor als „der Sohn vom Tini“, der „Poet“ (!) geworden ist, aber trotzdem „ein lieber Kerl“ geblieben sei, der immer freundlich grüsst. Auf Seite 46 ist er dann der Sohn von Bernadetta, „also die Mutter vom Dichter“ (!), die es, ach, „in der Tat nicht“ etwa „einfach“ gehabt hat. Jaja. Und Seite 71 zitiert Camenisch sich dann gleich noch selber, weil er ja „der Dichter“ des Dorfes ist (obwohl er längst nicht mehr dort wohnt).

Welpenschutz bei der Literaturkritik

Jährlich erhalten 15 Nachwuchsschriftsteller die Möglichkeit zu einem 3-jährigen Studiengang "Literarisches Schreiben": Das Schweizerische Literaturinstitut in Biel
Jährlich erhalten 15 Nachwuchsschriftsteller die Möglichkeit zu einem 3-jährigen Studiengang „Literarisches Schreiben“: Das Schweizerische Literaturinstitut in Biel

Als ich mit dieser Beurteilung bis hierhin gekommen bin, erfahre ich, dass Arno Camenisch nicht in die Short List des Deutschen Buchpreises aufgenommen worden ist. Ich atme etwas auf: Die Juroren sind also wie gedacht nicht völlig verblendet (wenn ich auch die Aufnahme in die Long List nach wie vor nicht verstehe – vielleicht braucht es einen bestimmten Schweiz-Anteil bei den Kandidaten; wenn aber alle am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel Ausgebildeten so schreiben, ist es mit der Schweizer Schreibkunst nicht weit her – und immerhin wird Camenisch von der Anstalt immer wieder als Musterabgänger herumgereicht, was einiges über das Literaturinstitut aussagt). Auch nicht durch die Auflagenzahlen verblendet (die man dem Buch übrigens – Autor und Verleger haben sich wahrlich gefunden – nicht entnehmen kann; der Klappentext weist übrigens bei der Inhaltsangabe ebenfalls mehrere Fehler auf; zudem übersieht der Verleger, der in Personalunion Lektor des Buches ist, solche Fehler wie „der Präsident Bahamas“ [recte: der Bahamas]).
Doch spricht der Instant-Erfolg (Verkaufszahlen, Besten-Listen; Longlist) und die bereits kurz danach abnehmende Anerkennung (nicht auf der Shortlist; nicht mehr auf den Besten-Listen; angedeutete Verrisse im Berner ‹Bund› [„da steht einer in der Literaturkritik unter Welpenschutz, schreibt jedes Jahr den gleichen Roman, und keiner sagt was?“; 19.09.2020)] ja auch für sich: Der Jahrhundertroman „Ulysses“ verkaufte sich in den ersten Jahren kaum, während Colin Ross einer der bestverkauften Schriftsteller in den 1920er-Jahren war. – Wer? Genau!

Unkritisches Lesen als Defekt im Leben

Bleibt für den zustimmenden Leser und die zustimmende Leserin noch das scheinbare Glück beim Lesen. Aber Achtung: Da die Sprache das entscheidende Kriterium in einem Sprachkunstwerk ist, das sogar alles andere mitenthält, ist Kitsch, also sind Klischees und ständig sich wiederholende Floskeln nicht bloss eine ästhetische Kategorie, sondern auch eine ethische, eine geschichtskritische, eine lebenskritische Kategorie. Gefühle, Bewusstseinszustände, das Denken und Handeln, ja, ein ganzes Menschendasein kann verkitscht sein.
Wer solch ein Buch wie „Goldene Jahre“ von Arno Camenisch unkritisch liest und sich darüber freut, dem sitzt der Defekt letztlich im Leben. Oder der anerzieht sich einen solchen mit der Lektüre. Und das ist eigentlich ebenso schlimm wie die Verbreitung von Fake News. Dafür schäme ich mich als Schweizer Kollege.

Eine Dorfwelt ohne Dorf

Die Tavanasa-Bahnstation bei Breil/Brigels in der Surselva
Die Tavanasa-Bahnstation bei Breil/Brigels in der Surselva

Und deswegen greife ich hier auch zur metaphorischen Feder: Wenn die Kritiker solch einen Roman loben, muss man doch mal aufzeigen, was unter anderem daran alles falsch ist. Heisst es doch unter anderem über dieses Buch, der Kiosk sei in dieser Geschichte wirklich die Zentrale im Dorf. Das lässt sich aus dem Roman aber gerade nicht schliessen: In der ganzen Erzählzeit kommt kein Kunde vorbei (nur in Erinnerungen). Oder andere meinen, Camenisch sei ein „sprachgewaltiger Schriftsteller“. Sprachgewaltig? Wer auf einer halben Seite die beiden Frauen drei Mal als sich ‹schüttelnd› beschreibt! Also so: „Es schüttelt sie“; und zwei Zeilen weiter: „Die Margrit schüttelt es vor Lachen“; zwei Zeilen weiter: „es schüttelt sie“ – und nein, das lässt sich definitiv nicht mehr auf die Figuren schieben.
Aber auch ein weiteres Lob stimmt da nicht: Camenisch beschreibe die Dorfwelt eines Dorfes der Surselva wie kaum einer: Dabei kommt das Dorf praktisch nicht vor; der Kiosk steht wie in einer leeren Welt. Aber selbst von der Kiosk-Welt, von der überall gelobt wird, der Autor zeige ihr Verschwinden auf, spürt und liest man kaum etwas: Es ist, als wären in diesen 51 Jahren keine Änderungen aufgetreten. Man findet nichts davon, dass heute die Lotterie-Auswertungen digital ablaufen, nichts davon, dass heutzutage wirkliche Kiosk-Besitzer oft klagen, dass sie für Paketdienste die ganzen Pakete zurücknehmen müssen, obwohl an den meisten Orten dazu der Platz fehlt. So steht denn bei den über 70-Jährigen Kioskbesitzerinnen auch nichts und nie etwas von Krankheiten, die sie hindern würden, die harten Schichten durchzustehen.

Was stimmt nicht mit der Schweizer Literatur?

Am Ende beschleicht einen echt das Gefühl: Da hat einer einfach noch kurz was aufgeschrieben, an was er sich beim Kiosk so erinnert, also eine sehr spezifische Erinnerung einer einzelnen Person, verbrämt mit etwas Eigenlob („Der Schnauz ist der Tiger vom Denker“, Seite 71) und mit einigen Geschichten, die wohl cool wirken sollen aber so was von unauthentisch sind, dass man nicht versteht, wie so etwas je gerne gelesen werden könnte.
Und man versteht also nicht, warum solch ein Buch sich gut verkaufen kann und noch weniger, warum es die meisten Kritiker nicht verreissen. Irgend etwas stimmt hier einfach nicht. ♦

Arno Camenisch: Goldene Jahre – Roman, 100 Seiten, Engeler Verlag, ISBN 978-3-906050-36-2


Dr. Dominik Riedo

Geb. 1974 in Luzern/CH, Ausbildung zum Primarlehrer, anschliessend Studium der Germanistik und Philosophie, Promotion und Gymnasiallehrerschaft in Stans und Immensee, 2007-2009 „Kulturminister der Schweiz“ mittels Internet-Wahl aus 25 Kandidaten, diverse kulturpolitische Aktivitäten, zahlreiche belletristische Publikationen in Büchern und Zeitungen, literarische und kulturelle Auszeichnungen, lebt als freier Schriftsteller in Ittigen/Bern

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literaturbetrieb auch von Mario Andreotti: Kunst geht nach Brot

… sowie weitere Beiträge von Schweizer Autorinnen und Autoren


Volker Kutscher: Olympia (Kriminal-Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Weg in den Abgrund

von Isabelle Klein

Die guten alten Zeiten sind nun endgültig vorbei. Mit „Olympia“ nimmt Volker Kutschers achter Gereon-Rath-Roman an Fahrt auf und knüpft – wenngleich inzwischen ein weiteres Jahr ins Land gegangen ist – mehr oder minder nahtlos an „Marlow“ (2018) an. Eine Abwendung vom klassischen Krimi mithin, wie wir ihn seit „Der nasse Fisch“ (2008) kennen.

„Wie kann ein Mensch zum Unmensch werden, das höchste Gut mit Füßen treten?“ So die Band PUR in ihrem Lied „Leben“ (Abenteuerland, 1998).
Thrillerqualitäten schreibt Kutscher bereits seit „Marlow“ groß. Man gewinnt den Eindruck, dass Kutscher im vorliegenden Band – mit dem er langsam, aber sicher an das Ende seiner Serie gelangt (wenn ich nicht irre, hatte er von geplanten neun Teilen gesprochen) – versucht, die Entwicklung von ganz normalen Menschen zu Bestien in Uniform zu zeigen. Und dies unvermittelt, im Kleinen wie im Großen und dadurch umso eindringlicher, auswegloser und beklemmender.

Archetypisches Figuren-Inventar

Da gibt es den Prototyp des Sadisten in Gestalt des uns seit „Akte Vaterland“ bekannten SS-Mann Sebastian Tornow, dessen Natur seine Stellung im Sicherheitsdienst widerspiegelt. Des weiteren: Gräf, der alte Freund, der exemplarisch für den guten Kerl, der sich – irgendwo und irgendwie zum Mitläufer mutiert – trotzdem einen Hauch von Menschlichkeit bewahrt. Er verliert allerdings im Vergleich zu den Anfängen, die acht Jahre zurück in Gennats Mordinspektion liegen, deutlich an Sympathie und Menschsein.
Gereon Rath, ebenso archetypisch den Mitläufer repräsentierend, muss sich hingegen eingestehen, dass die Ausübung der Berufung eben nicht mehr problemlos zu rechtfertigen ist, wenn er für den Sicherheitsdienst tätig ist. Und er muss letztlich einsehen, dass Charly in ihrer gefährlichen Arbeit gegen das Regime das Richtige tut. Denn irgendwann kann man auch mit der richtigen Einstellung formal nicht mehr mit dem Strom schwimmen.

Falsches Bild vom Status quo der Welt

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Dichotomie: Das weiße, strahlend helle Olympia-Ereignis, die perfekte Selbstinszenierung, wie man sie aus den Filmen von Leni Riefenstahl kennt, bildet den Rahmen für ein Deutschland, das ein vollkommen falsches Bild vom Status Quo der Welt vermittelt. Mittendrin ist Fritze, inzwischen von seinen Adoptiveltern getrennt, für den Jugendehrendienst tätig. Und während ihm alles möglich scheint und er sich im Glanz des Dritten Reiches sonnt, werden die Schattenseiten auch für ihn immer offensichtlicher: Als er Zeuge des Todes eines US-Sportfunktionärs wird, sticht er in ein Wespennest, in dessen Folge sich die Leben seiner Lieben dramatisch verändern werden.

Am Scheitelpunkt eines verkorksten Lebens

Volker Kutscher - Schriftsteller - Glarean Magazin
Lieferte mit dem Roman „Der nasse Fisch“ die Krimi-Vorlage für den Film-Hit „Babylon Berlin“: Volker Kutscher

Und so ist Kommisar Rath acht Jahre nach seinem unglamourösen Debüt in „Der nasse Fisch“ am Scheitelpunkt seines inzwischen ziemlich verkorksten Lebens angelangt.
Großer Pluspunkt von „Olympia“: Man taucht noch tiefer in die unauslotbaren Tiefen der Rath’schen Welt ein, in seinen Alltag und in seine ganz normalen Ehe-Sorgen und Nöte. Dies gelingt nicht zuletzt durch eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit, die Kutscher in der ihm eigenen Dichte äußerst glaubwürdig zu vermitteln vermag, ohne einen Hauch von Pathos.
Nachteil des achten Teils, gegenüber den klassischen Kriminalfällen, die Rath und Co. unter Gennat aufklären: Ein in sich nicht wirklich geschlossener Fall, zwei Todesfälle (das ist nur der Anfang), die eben nicht zusammenhängen, und die schließlich zur Katstrophe führen. Dazu eine Erpressung, die im 7. Fall begründet liegt (ehrlich gesagt hab ich mich nur schwerlich erinnert).

Verzeihliche Schwächen im Plot

Willkommene PR-Bühne für Nazi-Deutschland: Die Berliner Sommer-Olympiade 1936 (Einmarsch zur Eröffnungsfeier, im Vordergrund Hitler, links IOC-Präsident Baillet-Latour, rechts OK-Präsident Theodor Lewald)
Willkommene PR-Bühne für Nazi-Deutschland: Die Berliner Sommer-Olympiade 1936 (Einmarsch zur Eröffnungsfeier, im Vordergrund Hitler, links IOC-Präsident Baillet-Latour, rechts OK-Präsident Theodor Lewald)

Trotzdem verzeiht man gewisse Schwächen im Plot und dessen Aufbau als eingefleischter Rath- bzw. Kutscher-Fan quasi sofort. Und so bleibt am Ende, nach einem viel zu kurzem Leseerlebnis nur die Hoffnung auf einen weiteren Teil 2022, der den gnadenlos fiesen Cliffhanger hoffentlich zur Freude des Lesers aufklärt – und falls nicht, die losen Fäden der anderen Figuren zum Abschluss bringt.
Was für mich den Reiz der Serie ausmacht, ist definitiv die Figur des Gereon Rath: Schwer zu fassen, oft mit sich selbst im Unreinen, wandert er zwischen den Welten und verstrickt sich in Machenschaften, die ihn letztlich spätestens in „Marlow“ zum Verhängnis werden und im vorliegenden Buch zum unumkehrbaren Wendepunkt führen. Kurzum profitiert Kutschers Serie von der Rath’schen Vielschichtigkeit, die es uns eben verbietet, ihn in ein Korsett aus gut oder böse, aufrecht oder opportun zu stecken. Das Leben ist eben selten schwarzweiß, stattdessen nuanciert, über hell- bis dunkelgrau.

Durch leise Töne eindringlich

Und so überrascht es keineswegs, dass „Olympia“ in einem Knall endet – im wahrsten Sinne des Wortes. Und den Prolog, der bereits zu Beginn Böses ahnen lässt, um ein vielfaches steigert. Wo andere recht brav und bieder ihren Kommissar ermitteln lassen im Glanz einer längst vergangen Zeit, testet Kutscher Spielräume aus, lässt seinen Antihelden Fehler über Fehler begehen und ihn dabei trotzdem immer wieder als Held erscheinen. Und ganz im Gegensatz zu Tykwers fürchterlich überzogenem Mainstream-Machwerk „Babylon Berlin„, in dem Exzesse und ein Bilderrausch ungeahnten Ausmaßes das eigentliche (und viel spannendere) Geschehen vollkommen in den Hintergrund treten lassen, ist die Vorlage zwar leiser und unaufgeregter, weniger farbenprächtig, dafür aber ungleich spannender und durch die leisen Töne umso eindringlicher. ♦

Volker Kutscher: Olympia – Kriminal-Roman, 544 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3492070591

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Antifaschistische Roman-Literatur auch über Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen

… sowie zum Thema Zeitgeschichtlicher Krimi über Susanne Goga: Der Ballhaus-Mörder

Christian Berkel: Ada (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Die Allgegenwart des Schweigens

von Sigrid Grün

Die Unsicherheit und die Angst wohnen oft in einem Zwischenraum, in dem Ungewissheit herrscht, weil zu vieles ungesagt bleibt. Der deutsche Schauspieler und Autor Christian Berkel erzählt in „Ada“, dem Nachfolger seines ersten durch die eigene Familiengeschichte inspirierten Romans „Der Apfelbaum“ eine Geschichte, in der es um das Schweigen einer ganzen Generation geht – und darum, wie die Nachfolgegeneration damit umgeht.

Februar 1945. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird in Leipzig ein Mädchen geboren, das Ada heißt. Ihre Mutter ist Jüdin, der Arzt, der das Kind zur Welt bringt, ein alter Naziprofessor. Nach Kriegsende emigrieren Mutter und Kind nach Argentinien, wo sie einige Jahre leben, bevor sie nach Deutschland zurückkehren.

Christian Berkel - Ada - Roman - Ullstein VerlagDas Mädchen weigert sich zunächst lange Zeit, zu sprechen, was ihre Mutter frustriert: „Ich entpuppte mich von Anfang an als eine Enttäuschung, eine Blamage, wie sie schlimmer nicht sein konnte. Ich, als Kind einer unvorstellbar großen Liebe, einer Liebe, die kein Krieg, kein Gott, ja nicht einmal der kleine österreichische Maler kleingekriegt hatte, der Gefreite mit dem neckischen Oberlippenbart, der Hitler eben. Dieses Kind, also ich, konnte oder wollte nicht sprechen. Ich hatte mich scheinbar entschieden, nicht mitzumachen.“
Das Gefühl, von der Mutter nicht wirklich akzeptiert zu werden, wird sie ihr ganzes Leben lang begleiten.

Suche nach Orientierung

Christian Berkel - Schauspieler - Autor - Roman-Schriftsteller - Glarean Magazin
Schauspieler, Autor, Romancier: Christian Berkel (*1957)

Ada wächst zunächst vaterlos auf. Erst nach ihrer Rückkehr nach West-Berlin nimmt ihre Mutter Sala doch wieder Kontakt zu dem Mann auf, der Adas Vater sein soll. Otto ist Arzt und schenkt dem Mädchen ein Fahrrad, wofür es ihn liebt. Doch die Vaterschaft ist nicht endgültig geklärt. Im Leben der Mutter gab es nämlich einen zweiten Mann, Hannes, den sie nie vergessen hat.

Die Ungewissheit in Bezug auf den Vater ist aber nicht die einzige Unsicherheit in Adas Leben. Auch die Vergangenheit ihrer Mutter bleibt lange Zeit ein Geheimnis. Als Mopp, eine langjährige Freundin der Mutter sich um Ada kümmert, weil Sala nach Argentinien gereist ist, erfährt das Mädchen, dass ihre Mutter Jüdin ist und in Gurs interniert war. Niemand spricht offen über die Vergangenheit. Es sind immer nur Fragmente, die Ada in Erfahrung bringen kann. Diese vergebliche Suche nach Orientierung macht sie wütend. Sie begehrt gegen die Elterngeneration auf, so wie es die Nachkriegsgeneration eben getan hat.

Kluft zwischen zwei Generationen

Konzert der Rolling Stones - Waldbühne Berlin 1965 - Glarean Magazin
Ausgelassenheit mit Zigarette: Jugendliche am Konzert der Rolling Stones in der Berliner „Waldbühne“ 1965

Als Jugendliche liebt sie leidenschaftlich und unvorsichtig. Ihren viele Jahre jüngeren Bruder, der von allen nur Sputnik genannt wird, bringt sie versehentlich fast um. Und die Kluft zwischen ihr und den Eltern wird immer größer. Zur depressiven Mutter hat sie nie ein wirklich gutes Verhältnis, und auch ihr Vater, der seine traditionellen Werte hochhält, bleibt ihr fremd.
In einer Hippie-Kommune sammelt sie erste Erfahrungen mit Drogen und mit der freien Liebe. Im September 1965 erlebt sie die Randale beim Stones-Konzert auf der „Waldbühne“. Auch bei dieser gewaltsamen Auseinandersetzung geht es um die Kluft, die sich zwischen der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration aufgetan hat.
Bei ihrem Großvater und dessen Lebensgefährtin, die in der DDR leben, lernt sie doch noch so etwas wie Geborgenheit kennen und erfährt etwas über ihre eigene Geburt…

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„Ada“ ist eine spannende Auseinandersetzung mit einer interessanten Zeit. Christian Berkel ist ein großartiger Erzähler. Ihm ist eine sehr einfühlsam geschriebene Geschichte um eine junge Frau gelungen, die ihren Platz in der Welt sucht. Es wird noch einen dritten Band geben, in dem die Familiengeschichte weiter erzählt werden wird. Man darf also gespannt sein! ♦

Christian Berkel: Ada – Roman, 400 Seiten, Ullstein Verlag, ISBN 978-3550200465

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Nachkriegszeit auch über den Roman von Anke Gebert: Die Summe der Stunden

… sowie über die Erzählung von Michel Bergmann: Alles was war

Stuart Hood: Das Buch Judith (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Weltrevolution vor Gleichberechtigung

von Bernd Giehl

Bücher über Heldinnen sind gerade in. Im April hatte die ZEIT Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ mit ihren abstehenden roten Zöpfen aus Anlass ihres 75. Geburtstages auf der Titelseite und konnte ihre Verfasserin nicht genug loben ob ihres Beitrags zu einem alternativen weiblichen Rollenbild. Und im Oktober bekam Anne Weber den deutschen Buchpreis für ihren Roman Annette – ein Heldinnenepos. Man könnte meinen, der schottische Schriftsteller Stuart Hood wolle sich in diese Tradition, falls es denn eine ist, einreihen. Immerhin heißt sein neuer Roman ja „Das Buch Judith“.

Und gleich zu Anfang zitiert er das biblische Buch Judith, das sich in den Apokryphen zwischen Altem und Neuem Testament findet. Auch dort gibt es eine Heldin, eben jene Judith, die sich ins Lager des mächtigen Feindes schleicht, der gerade Israel erobert hat, und dem Feldherrn Holofernes den Kopf vom Rumpf trennt.

Stuart Hood: Das Buch Judith (Roman) - Edition 8Aber dann beginnt der Autor mit einem Mann, der sich mit Leib und Seele einer Sache verschreibt und dafür alles andere für unwichtig erklärt. Fergus Mc Iver ist ein schottischer Kommunist, der 1975 im Todesjahr des Faschisten General Franco für die BBC einen Film über den Freiheitskrieg Spaniens gegen Napoleon drehen will. Dafür reist er mit seiner Mitarbeiterin Judith, die zugleich seine Geliebte ist, nach Spanien. Im Gepäck hat er einen ecuadorianischen Pass für einen Genossen im Untergrund, der damit aus Spanien fliehen will, weil er von Francos Polizei gesucht wird.

In den Wirren der Franco-Diktatur

Als das erledigt ist, hofft Judith, sie könnten jetzt zum normalen Leben zurückkehren, aber stattdessen bekommt Fergus von den spanischen Genossen einen neuen Auftrag. Jetzt soll er ein Paket in dem mutmaßlich eine Bombe enthalten ist, nach Los Huertas schmuggeln. Auch das erledigt Fergus, weil er die Gefahr ebenso liebt, wie die Partei, aber diesmal sind es die eigenen Genossen, die ihm nicht vertrauen, weil er von einer Frau begleitet wird, die nicht Mitglied der Partei ist. Beide werden an verschiedenen Orten festgehalten. Schließlich entschließen sie sich, Fergus zu glauben, dass er kein Spion der CIA sei (oder vielleicht tun sie auch nur so), und geben ihm den nächsten Auftrag.

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Er soll die Bombe mit einem Wagen ins Zentrum von Madrid bringen. Alles ganz freiwillig natürlich, aber wenn er dazu bereit ist, darf er Judith zu sich holen. Fergus willigt ein. Bis zu seiner Rückkehr nach der Fahrt in die Stadt darf Judith das Haus nicht verlassen. Dass sie eine Geisel ist, die für das Gelingen des Attentats einstehen muss, wird zwar nicht gesagt, aber zumindest zwischen den Zeilen deutlich.

Geschichte aus zwei inneren Perspektiven

Judith wechselt also ihren Standort. Ob sie will oder nicht, wird sie nicht gefragt. Da Stuart Hood abwechselnd aus beiden Perspektiven erzählt, kennt der Leser auch ihre Gedanken. Fergus wird ihr immer fremder. Er entscheidet über ihrer beider Leben, ohne sie vorher zu fragen. Nach dem Ende dieser Reise wird sie ihn verlassen, beschließt sie. Am Abend liegen zwei Menschen, die sich einmal geliebt und gemeinsam tagelang in großer Gefahr geschwebt haben, voneinander abgewandt im selben Bett, ohne sich zu berühren.

Judith - Gemälde von August Riedel 1840 - Glarean Magazin
Kämpferisch, emanzipiert, feminin: Judith mit Schwert, nach einem Gemälde von August Riedel (1840)

Dabei gibt es zwischen Fergus und Judith durchaus Berührungspunkte. Beide haben Väter, die im Krieg gekämpft haben; Judiths Vater war Mitglied der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 und ist seither verschollen; Fergus‘ Vater kämpfte im Zweiten Weltkrieg, kehrte zurück und wurde zum Säufer, der seinen Sohn die Rute küsse ließ, bevor er ihn schlug.
Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – sucht Fergus die Gefahr, um den Vater zu übertrumpfen. Dabei nimmt er auf Judith keine Rücksicht. Dass sie ihn begleitet, um die Spuren ihres Vaters zu suchen, interessiert ihn wenig. Er entscheidet für sie mit; er bringt beide in große Gefahr, aber er fragt nicht, was sie dazu sagt. Sie ist eine Frau; sie hat sich dem Mann und der Sache, für die er kämpft, unterzuordnen. Ein Frauenbild wie aus den Fünfzigern.

Seitenlange Reflexionen

Judith mit dem abgeschlagenen Kopf des Holofernes, nach einem Gemälde von Gustav Klimt (1901) - Glarean Magazin
Judith mit dem abgeschlagenen Kopf des Holofernes, nach einem Gemälde von Gustav Klimt (1901)

Insofern finde ich den Namen des Romans sonderbar. Schwer vorstellbar, dass der Titel erst gewählt wurde, als das Buch schon fertig war. Immerhin hat Hood die Reminiszenz an die biblische „Heldin“ ja nicht zufällig gewählt. Insofern hätte man sich auch vorstellen können, dass Hood aus der Perspektive Judiths erzählt. Und wenn er schon beide Sichtweisen wählt, wünschte man sich, dass beide gleich stark ausfallen.
Aber es ist wieder einmal das alte Lied: Der Mann zieht hinaus ins feindliche Leben, und die Frau muss das Taschentuch schwenken und es dann benutzen, un ihre Tränen wegzuwischen. Anders gesagt: Die Passagen, in denen Judith zu Wort kommt, sind deutlich schwächer.

Weltrevolution vor Gleichberechtigung

Womöglich empfand Hood ja Sympathie für den Feminismus. Vielleicht wollte er ein Buch über ihren Kampf für die Gleichberechtigung schreiben. Aber dann kam ihm der Einsatz für die Weltrevolution in die Quere, und die war sowohl Fergus als auch dessen Autor, der selbst Kommunist war, wichtiger. Der Autor tritt öfter hinter seiner Person hervor und belehrt uns durch Fergus‘ Mund über bestimmte politische Probleme. Diese seitenlangen Reflexionen sind öde und führen auch nicht wirklich weiter.

Wirklich spannend wird Stuart Hoods „Das Buch Judith“ erst zum Schluss. Da tut Judith etwas Überraschendes: Sie befreit sich von dem, der bis dahin ihr Leben bestimmt hat. Damit wird sie in gewissem Sinn zur biblischen Judith, und der Leser wünscht ihr, dass sie aus dem Land des sterbenden (und zu diesem Zeitpunkt schon toten) Generalissimus entkommt… ♦

Stuart Hood: Das Buch Judith – Roman, 208 Seiten, Verlag Edition 8, ISBN 978-3859904064

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Emanzipation auch über die Biographie von Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé

…sowie zum Thema Feminismus über den Roman von Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

Lili Reinhart: Swimming Lessons / freischwimmen (Gedichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Weihnachtsgeschenk für Teenager

von Stefan Walter

Lili Reinhart, US-amerikanische Schauspielerin und Aktivistin, hat Ende September ’20 ihr erstes Buch „Swimming Lessons“ veröffentlicht. Keine zwei Wochen später hat Fischer bereits eine zweisprachige Ausgabe (dt. Titel: „freischwimmen“) herausgegeben. Dass diese Entscheidung mehr auf der Bekanntheit der Autorin beruht als auf der Qualität des Werks, liegt nahe. Aber versuchen wir, vorurteilsfrei heranzugehen.

Was als erstes auffällt: Das gebundene Buch ist ziemlich dick, eher wie ein Roman als ein Gedichtband. Kein Schutzumschlag. Auch kein Lesebändchen. Zielgruppe ist vielleicht nicht der klassische Lyrikleser.

Lili Reinhart - Swimming Lessons - freischwimmen - Gedichte - Fischer VerlagDie Einsparungen gehen im Inneren weiter: Es gibt keine Seitenzahlen (ungefähr 270 Seiten dürften es nach meiner Zählung sein, darunter einige leere und einige nur mit Illustrationen), kein Inhaltsverzeichnis. Das Fehlen der Seitenzahlen ist besonders deshalb störend, weil nur eine Handvoll Texte so etwas wie einen Titel hat. Die Kurzbiographie macht die Autorin gleich einmal um sechs Jahre älter.

Der eigentliche Inhalt besteht aus gut hundert „Gedichten“ – auf die Anführungszeichen werde ich noch zurückkommen – im Umfang zwischen zwei Zeilen und sechs Seiten. Die Übersetzung findet sich jeweils im Anschluss an den Originaltext, für den Leser deutlich unpraktischer als eine links/rechts-Aufteilung. Auch mit bloßen Schulkenntnissen sollte man allerdings keine größeren Schwierigkeiten mit dem englischen Text haben.

Liebe und Liebeskummer

Lili Reinhart - Glarean Magazin
Lili Reinhart (geb. 1996)

Der weitaus größte Teil der Gedichte dreht sich um Liebe und Liebeskummer. Dazwischen finden sich einzelne Texte, in denen Lili Reinhart sich mit ihren Dämonen auseinandersetzt; dies sind auch die einzigen, die ernsthaft lesenswert sind. So erklärt sie etwa:
„This is how I explain it to someone / who can’t fully understand. (…) This is you, every day. (…) Elated. High. Full of energy (…) Of course I am able to feel these things. It’s / harder to achieve, but I can get there. // It’s just that I’ll have / a greater fall back down to reality. (…)” Eine der konzisesten Beschreibungen einer leichten Depression, die ich je gelesen habe.
Ein bisschen dunkler wird es mit:
„I tried explaining to my mother why / I was crying this morning. // It’s always different, / the reason or the circumstance. (…) Sometimes it just feels like sadness, / like a dark shadow / mirroring my every move. (…) I want to be alone, unbothered // And then I feel guilty / for being cold (…) Innocent volunteers that I’m / shutting down. (…)“

Ohne inhaltlichen Anspruch

Leider gibt es nur wenige dieser relevanten Texte. Der ganz überwiegende Teil klingt wie:
„Of all the elements, // I’ll say that I’m snow, // melting on impact // from your warmth”
oder:
„It is a privilege to know you / in such a way that no one else does. // To be the someone who sees / your intimate self so completely”
Es sind Texte, wie sie jeder zweite Teenager in sein Tagebuch kritzelt, ohne besonderen inhaltlichen oder sprachlichen Anspruch.

Zurück zu den Anführungszeichen. Ungeachtet formaler Definitionen wirken die Texte nicht wie Gedichte. Ja, es gibt Verse, es gibt Strophen – wobei ein sehr großer Teil der Strophen nur aus einem einzigen Vers besteht –, es gibt ein Ich. Doch das Ich hört sich an wie der Sprecher eines Textes; die Aufteilung in Verse und Strophen scheint kaum inhaltliche oder klangliche Bedeutung zu haben, sondern nur kürzere oder längere Sprechpausen zu markieren.

Zitatensammlung als Telenovela

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Das Buch ist kein Gedichtband. Es ist eine Zitatsammlung. Reinharts Zitate aus der Rolle ihres Lebens, einer fiktiven Telenovela, in der die Hauptdarstellerin sich immer wieder unsterblich verlieben darf, immer wieder enttäuscht wird, ihrem Schatz Liebeserklärungen macht, ihn mit einer anderen sieht, ihn anschreit, verflucht, mit einer Freundin banale Diskussionen über den Sinn des Lebens führt, und ab und zu einmal einen großartigen Monolog halten darf.
Und erstaunlicherweise: Wenn man das Buch so liest, dann wird es plötzlich stimmig. Dann vermisst man keine Gedichttitel mehr, keine Seitenzahlen. Dann sind Pathos und Banalität keine lästigen Begleiter mehr, sondern notwendige Voraussetzungen für ein Gelingen. Und die guten Texte werden zu den Sternstunden der Serie und von den Fans hundertfach auf Pinterest gepostet.
Der durchschnittliche Lyrikleser wird dieses Buch nicht unbedingt benötigen. Als Weihnachtsgeschenk für einen Teenager, dem er das Konzept von Lyrik näherbringen möchte, scheint es mir aber bestens geeignet.

Lili Reinhart: Swimming Lessons / freischwimmen, zweisprachige Ausgabe englisch/deutsch, übersetzt von Anna Julia Strüh, 272 Seiten, FISCHER New Media, ISBN 978-3-7335-0615-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Lyrik auch von Christl Greller: Ich denke positiv (Gedichte)

Weitere interessante Websites für Gedichte:

 


Julian Voloj & Sören Mosdal: Basquiat (Graphic Novel)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

„Wer bin ich – Ich bin wer“

von Isabelle Klein

Erratisch, linear, fragmentarisch, geister- und dämonenfroh: Mit „Basquiat“ ist dem Duo Julian Voloj (Texte) & Sören Mosdal (Zeichnungen) eine weitgehend eindrückliche Graphic Novel gelungen, die passend zum Leben von Jean-Michel Basquiat starke Schlaglichter, Zerrungen und Verwirrungen aufgreift, um so dem Leser diesen kultischen, viel zu früh an Drogen verstorbenen schwarzen Pop-Künstler nahezubringen. Dies zu einem Zeitpunkt, da die Rassismus-Debatte brisanter und trauriger denn je ist…

Basquiat - Julian Voloj & Sören Mosdal - Graphic Novel - Carlsen VerlagZunächst lässt sich die Geschichte sehr verständlich an, geschickt aufgebaut durch Vorwegnahme des Endes. Auf einer realen Ebene wird retrospektiv das Leben des jungen Basquiat in den wichtigsten Stationen abgeklappert. Dass der innere Blick durch das Äussere nicht getrübt wird, dafür sorgt der innere Monolog mit Basquiats lebenslangen Dämonen, visuell dargestellt durch wohl eines seiner prägnantesten Bilder.

Anstrengende Bruchstücke

Jean-Michel Basquiat - Kunst und Literatur - Graphic Novel - Rezensionen Glarean Magazin
Basquiat-Kunst hat inzwischen Millionen-Wert

Doch was zunächst gut funktioniert und den Leser zu fesseln vermag, wird durch diese bruchstückhafte Kürze/Versatzhaftigkeit schnell anstrengend. Wenn eine Frau der anderen die Klinke in die Hand gibt und man rätselt, ob die Blonde hinter dem Tresen, mit der er nun zusammenziehen will, jene ist, die sein Kind nicht will…
Abhilfe schafft zwar das Glossar, das der Novel zum Schluss angehängt ist! Doch manchmal ist weniger mehr, und viel hinten hilft nicht unbedingt viel vorne, salopp gesagt!
Insofern ist die Lektüre zwar kurzweilig, aber anstrengend. Zugleich hält sich der Mehrwert, wenn man z.B. eine tiefergreifende Auseinandersetzung mit dem Schaffen, dem Kunstverständnis Basquiats oder auch mit der Popkultur erwartet, in Grenzen. Psychologisch zwar durchaus ausgefeilt und erzählerisch geschickt konstruiert, zeigt der Aufbau ab der Mitte Schwächen.

Big Apple in den 1980ern

Jean-Michel Basquiat (1960-1988)
Jean-Michel Basquiat (1960-1988)

Zeichnerisch – zumindest für jemanden, der Wert auf klare Linienführung und zeichnerisches Detail legt und dabei umfassendere Graphic Novels bevorzugt – ist „Basquiat“ eher schwierig zu beurteilen. Sicherlich passt das Knallige, auch das Düstere, die Farbgebung insgesamt gut zum Big Apple der 1980er, zum Lebensgefühl der Popkultur. Und bringt zudem Basquiats lebenslange Zerrissenheit, seine Suche nach sich selbst, angefangen mit seinem dysfunktionalen Elternhaus, treffend auf den Punkt.
Trotzdem ist der Stil Sören Mosdals recht reduziert und auf die Dauer von 131 Seiten zu fratzenhaft. Graphisch wäre mehr mehr gewesen, aber über Geschmack lässt sich bekanntermassen trefflich streiten. Zu rudimentär und atavistisch, ist man versucht, es auf zwei Adjektive herunterzubrechen.

Ein Leben auf der Überholspur

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Dennoch hinterlässt Volojs Geschichte um Basquiats wechselhaftes Leben auf der Überholspur, nicht zuletzt durch Mosdals erratische Darstellung, einen gewissen Nachhall, der sowohl bei Basquiat-Kennern als auch bei solchen, die es eventuell werden wollen, einen bleibenden Eindruck. Viel Herzblut steckt in diesem Werk, wie auch das Nachwort sonnenklar bestätigt. Und wie die „Black Lives Matter“-Bewegung und die aktuellen Geschehnisse in den USA seit dem Sommer dieses Jahres zeigen: An der Realität afroamerikanischer Menschen hat sich seit dem sinnlosen Tod Michael Stewarts infolge polizeilicher Brutalität, die (natürlich) auch Eingang in Basquiats Oeuvre gefunden hat, wenig geändert.

Leseprobe - Glarean MagazinBasquiats kurzes, aber intensives Leben in eine kleinformatige, „nur“ 136 Seiten lange Graphic Novel zu bannen war sicherlich eine Herausforderung, die allerdings Texter Julian Voloj – verbunden mit einem starken Interesse an dem Künstler – gut gemeistert hat. Alles, was er im Nachwort schildert, zeigt sich in den Notizen, die während meiner Lektüre entstanden sind. Insofern: Gelungener Comic – mit der Einschränkung, dass sich eine solche Lektüre auch ohne dauerhaftes Blättern im Glossar (zumindest für den interessierten Laien, der vielleicht nicht viel über Basquiat weiss) bewältigen lassen sollte. ♦

Julian Voloj, Sören Mosdal: Basquiat – Graphic Novel, Carlsen Verlag, 136 Seiten, ISBN  978-355176046

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Graphic Novel auch über Berthet & Raule: Dein Tod – Mein Kunstwerk