Stuart Hood: Das Buch Judith (Roman)

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Weltrevolution vor Gleichberechtigung

von Bernd Giehl

Bücher über Heldinnen sind gerade in. Im April hatte die ZEIT Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ mit ihren abstehenden roten Zöpfen aus Anlass ihres 75. Geburtstages auf der Titelseite und konnte ihre Verfasserin nicht genug loben ob ihres Beitrags zu einem alternativen weiblichen Rollenbild. Und im Oktober bekam Anne Weber den deutschen Buchpreis für ihren Roman Annette – ein Heldinnenepos. Man könnte meinen, der schottische Schriftsteller Stuart Hood wolle sich in diese Tradition, falls es denn eine ist, einreihen. Immerhin heißt sein neuer Roman ja „Das Buch Judith“.

Und gleich zu Anfang zitiert er das biblische Buch Judith, das sich in den Apokryphen zwischen Altem und Neuem Testament findet. Auch dort gibt es eine Heldin, eben jene Judith, die sich ins Lager des mächtigen Feindes schleicht, der gerade Israel erobert hat, und dem Feldherrn Holofernes den Kopf vom Rumpf trennt.

Stuart Hood: Das Buch Judith (Roman) - Edition 8Aber dann beginnt der Autor mit einem Mann, der sich mit Leib und Seele einer Sache verschreibt und dafür alles andere für unwichtig erklärt. Fergus Mc Iver ist ein schottischer Kommunist, der 1975 im Todesjahr des Faschisten General Franco für die BBC einen Film über den Freiheitskrieg Spaniens gegen Napoleon drehen will. Dafür reist er mit seiner Mitarbeiterin Judith, die zugleich seine Geliebte ist, nach Spanien. Im Gepäck hat er einen ecuadorianischen Pass für einen Genossen im Untergrund, der damit aus Spanien fliehen will, weil er von Francos Polizei gesucht wird.

In den Wirren der Franco-Diktatur

Als das erledigt ist, hofft Judith, sie könnten jetzt zum normalen Leben zurückkehren, aber stattdessen bekommt Fergus von den spanischen Genossen einen neuen Auftrag. Jetzt soll er ein Paket in dem mutmaßlich eine Bombe enthalten ist, nach Los Huertas schmuggeln. Auch das erledigt Fergus, weil er die Gefahr ebenso liebt, wie die Partei, aber diesmal sind es die eigenen Genossen, die ihm nicht vertrauen, weil er von einer Frau begleitet wird, die nicht Mitglied der Partei ist. Beide werden an verschiedenen Orten festgehalten. Schließlich entschließen sie sich, Fergus zu glauben, dass er kein Spion der CIA sei (oder vielleicht tun sie auch nur so), und geben ihm den nächsten Auftrag.

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Er soll die Bombe mit einem Wagen ins Zentrum von Madrid bringen. Alles ganz freiwillig natürlich, aber wenn er dazu bereit ist, darf er Judith zu sich holen. Fergus willigt ein. Bis zu seiner Rückkehr nach der Fahrt in die Stadt darf Judith das Haus nicht verlassen. Dass sie eine Geisel ist, die für das Gelingen des Attentats einstehen muss, wird zwar nicht gesagt, aber zumindest zwischen den Zeilen deutlich.

Geschichte aus zwei inneren Perspektiven

Judith wechselt also ihren Standort. Ob sie will oder nicht, wird sie nicht gefragt. Da Stuart Hood abwechselnd aus beiden Perspektiven erzählt, kennt der Leser auch ihre Gedanken. Fergus wird ihr immer fremder. Er entscheidet über ihrer beider Leben, ohne sie vorher zu fragen. Nach dem Ende dieser Reise wird sie ihn verlassen, beschließt sie. Am Abend liegen zwei Menschen, die sich einmal geliebt und gemeinsam tagelang in großer Gefahr geschwebt haben, voneinander abgewandt im selben Bett, ohne sich zu berühren.

Judith - Gemälde von August Riedel 1840 - Glarean Magazin
Kämpferisch, emanzipiert, feminin: Judith mit Schwert, nach einem Gemälde von August Riedel (1840)

Dabei gibt es zwischen Fergus und Judith durchaus Berührungspunkte. Beide haben Väter, die im Krieg gekämpft haben; Judiths Vater war Mitglied der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 und ist seither verschollen; Fergus‘ Vater kämpfte im Zweiten Weltkrieg, kehrte zurück und wurde zum Säufer, der seinen Sohn die Rute küsse ließ, bevor er ihn schlug.
Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – sucht Fergus die Gefahr, um den Vater zu übertrumpfen. Dabei nimmt er auf Judith keine Rücksicht. Dass sie ihn begleitet, um die Spuren ihres Vaters zu suchen, interessiert ihn wenig. Er entscheidet für sie mit; er bringt beide in große Gefahr, aber er fragt nicht, was sie dazu sagt. Sie ist eine Frau; sie hat sich dem Mann und der Sache, für die er kämpft, unterzuordnen. Ein Frauenbild wie aus den Fünfzigern.

Seitenlange Reflexionen

Judith mit dem abgeschlagenen Kopf des Holofernes, nach einem Gemälde von Gustav Klimt (1901) - Glarean Magazin
Judith mit dem abgeschlagenen Kopf des Holofernes, nach einem Gemälde von Gustav Klimt (1901)

Insofern finde ich den Namen des Romans sonderbar. Schwer vorstellbar, dass der Titel erst gewählt wurde, als das Buch schon fertig war. Immerhin hat Hood die Reminiszenz an die biblische „Heldin“ ja nicht zufällig gewählt. Insofern hätte man sich auch vorstellen können, dass Hood aus der Perspektive Judiths erzählt. Und wenn er schon beide Sichtweisen wählt, wünschte man sich, dass beide gleich stark ausfallen.
Aber es ist wieder einmal das alte Lied: Der Mann zieht hinaus ins feindliche Leben, und die Frau muss das Taschentuch schwenken und es dann benutzen, un ihre Tränen wegzuwischen. Anders gesagt: Die Passagen, in denen Judith zu Wort kommt, sind deutlich schwächer.

Weltrevolution vor Gleichberechtigung

Womöglich empfand Hood ja Sympathie für den Feminismus. Vielleicht wollte er ein Buch über ihren Kampf für die Gleichberechtigung schreiben. Aber dann kam ihm der Einsatz für die Weltrevolution in die Quere, und die war sowohl Fergus als auch dessen Autor, der selbst Kommunist war, wichtiger. Der Autor tritt öfter hinter seiner Person hervor und belehrt uns durch Fergus‘ Mund über bestimmte politische Probleme. Diese seitenlangen Reflexionen sind öde und führen auch nicht wirklich weiter.

Wirklich spannend wird Stuart Hoods „Das Buch Judith“ erst zum Schluss. Da tut Judith etwas Überraschendes: Sie befreit sich von dem, der bis dahin ihr Leben bestimmt hat. Damit wird sie in gewissem Sinn zur biblischen Judith, und der Leser wünscht ihr, dass sie aus dem Land des sterbenden (und zu diesem Zeitpunkt schon toten) Generalissimus entkommt… ♦

Stuart Hood: Das Buch Judith – Roman, 208 Seiten, Verlag Edition 8, ISBN 978-3859904064

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Emanzipation auch über die Biographie von Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé

…sowie zum Thema Feminismus über den Roman von Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

Lili Reinhart: Swimming Lessons / freischwimmen (Gedichte)

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Weihnachtsgeschenk für Teenager

von Stefan Walter

Lili Reinhart, US-amerikanische Schauspielerin und Aktivistin, hat Ende September ’20 ihr erstes Buch „Swimming Lessons“ veröffentlicht. Keine zwei Wochen später hat Fischer bereits eine zweisprachige Ausgabe (dt. Titel: „freischwimmen“) herausgegeben. Dass diese Entscheidung mehr auf der Bekanntheit der Autorin beruht als auf der Qualität des Werks, liegt nahe. Aber versuchen wir, vorurteilsfrei heranzugehen.

Was als erstes auffällt: Das gebundene Buch ist ziemlich dick, eher wie ein Roman als ein Gedichtband. Kein Schutzumschlag. Auch kein Lesebändchen. Zielgruppe ist vielleicht nicht der klassische Lyrikleser.

Lili Reinhart - Swimming Lessons - freischwimmen - Gedichte - Fischer VerlagDie Einsparungen gehen im Inneren weiter: Es gibt keine Seitenzahlen (ungefähr 270 Seiten dürften es nach meiner Zählung sein, darunter einige leere und einige nur mit Illustrationen), kein Inhaltsverzeichnis. Das Fehlen der Seitenzahlen ist besonders deshalb störend, weil nur eine Handvoll Texte so etwas wie einen Titel hat. Die Kurzbiographie macht die Autorin gleich einmal um sechs Jahre älter.

Der eigentliche Inhalt besteht aus gut hundert „Gedichten“ – auf die Anführungszeichen werde ich noch zurückkommen – im Umfang zwischen zwei Zeilen und sechs Seiten. Die Übersetzung findet sich jeweils im Anschluss an den Originaltext, für den Leser deutlich unpraktischer als eine links/rechts-Aufteilung. Auch mit bloßen Schulkenntnissen sollte man allerdings keine größeren Schwierigkeiten mit dem englischen Text haben.

Liebe und Liebeskummer

Lili Reinhart - Glarean Magazin
Lili Reinhart (geb. 1996)

Der weitaus größte Teil der Gedichte dreht sich um Liebe und Liebeskummer. Dazwischen finden sich einzelne Texte, in denen Lili Reinhart sich mit ihren Dämonen auseinandersetzt; dies sind auch die einzigen, die ernsthaft lesenswert sind. So erklärt sie etwa:
„This is how I explain it to someone / who can’t fully understand. (…) This is you, every day. (…) Elated. High. Full of energy (…) Of course I am able to feel these things. It’s / harder to achieve, but I can get there. // It’s just that I’ll have / a greater fall back down to reality. (…)” Eine der konzisesten Beschreibungen einer leichten Depression, die ich je gelesen habe.
Ein bisschen dunkler wird es mit:
„I tried explaining to my mother why / I was crying this morning. // It’s always different, / the reason or the circumstance. (…) Sometimes it just feels like sadness, / like a dark shadow / mirroring my every move. (…) I want to be alone, unbothered // And then I feel guilty / for being cold (…) Innocent volunteers that I’m / shutting down. (…)“

Ohne inhaltlichen Anspruch

Leider gibt es nur wenige dieser relevanten Texte. Der ganz überwiegende Teil klingt wie:
„Of all the elements, // I’ll say that I’m snow, // melting on impact // from your warmth”
oder:
„It is a privilege to know you / in such a way that no one else does. // To be the someone who sees / your intimate self so completely”
Es sind Texte, wie sie jeder zweite Teenager in sein Tagebuch kritzelt, ohne besonderen inhaltlichen oder sprachlichen Anspruch.

Zurück zu den Anführungszeichen. Ungeachtet formaler Definitionen wirken die Texte nicht wie Gedichte. Ja, es gibt Verse, es gibt Strophen – wobei ein sehr großer Teil der Strophen nur aus einem einzigen Vers besteht –, es gibt ein Ich. Doch das Ich hört sich an wie der Sprecher eines Textes; die Aufteilung in Verse und Strophen scheint kaum inhaltliche oder klangliche Bedeutung zu haben, sondern nur kürzere oder längere Sprechpausen zu markieren.

Zitatensammlung als Telenovela

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Das Buch ist kein Gedichtband. Es ist eine Zitatsammlung. Reinharts Zitate aus der Rolle ihres Lebens, einer fiktiven Telenovela, in der die Hauptdarstellerin sich immer wieder unsterblich verlieben darf, immer wieder enttäuscht wird, ihrem Schatz Liebeserklärungen macht, ihn mit einer anderen sieht, ihn anschreit, verflucht, mit einer Freundin banale Diskussionen über den Sinn des Lebens führt, und ab und zu einmal einen großartigen Monolog halten darf.
Und erstaunlicherweise: Wenn man das Buch so liest, dann wird es plötzlich stimmig. Dann vermisst man keine Gedichttitel mehr, keine Seitenzahlen. Dann sind Pathos und Banalität keine lästigen Begleiter mehr, sondern notwendige Voraussetzungen für ein Gelingen. Und die guten Texte werden zu den Sternstunden der Serie und von den Fans hundertfach auf Pinterest gepostet.
Der durchschnittliche Lyrikleser wird dieses Buch nicht unbedingt benötigen. Als Weihnachtsgeschenk für einen Teenager, dem er das Konzept von Lyrik näherbringen möchte, scheint es mir aber bestens geeignet.

Lili Reinhart: Swimming Lessons / freischwimmen, zweisprachige Ausgabe englisch/deutsch, übersetzt von Anna Julia Strüh, 272 Seiten, FISCHER New Media, ISBN 978-3-7335-0615-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Lyrik auch von Christl Greller: Ich denke positiv (Gedichte)

Weitere interessante Websites für Gedichte:

 


Julian Voloj & Sören Mosdal: Basquiat (Graphic Novel)

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„Wer bin ich – Ich bin wer“

von Isabelle Klein

Erratisch, linear, fragmentarisch, geister- und dämonenfroh: Mit „Basquiat“ ist dem Duo Julian Voloj (Texte) & Sören Mosdal (Zeichnungen) eine weitgehend eindrückliche Graphic Novel gelungen, die passend zum Leben von Jean-Michel Basquiat starke Schlaglichter, Zerrungen und Verwirrungen aufgreift, um so dem Leser diesen kultischen, viel zu früh an Drogen verstorbenen schwarzen Pop-Künstler nahezubringen. Dies zu einem Zeitpunkt, da die Rassismus-Debatte brisanter und trauriger denn je ist…

Basquiat - Julian Voloj & Sören Mosdal - Graphic Novel - Carlsen VerlagZunächst lässt sich die Geschichte sehr verständlich an, geschickt aufgebaut durch Vorwegnahme des Endes. Auf einer realen Ebene wird retrospektiv das Leben des jungen Basquiat in den wichtigsten Stationen abgeklappert. Dass der innere Blick durch das Äussere nicht getrübt wird, dafür sorgt der innere Monolog mit Basquiats lebenslangen Dämonen, visuell dargestellt durch wohl eines seiner prägnantesten Bilder.

Anstrengende Bruchstücke

Jean-Michel Basquiat - Kunst und Literatur - Graphic Novel - Rezensionen Glarean Magazin
Basquiat-Kunst hat inzwischen Millionen-Wert

Doch was zunächst gut funktioniert und den Leser zu fesseln vermag, wird durch diese bruchstückhafte Kürze/Versatzhaftigkeit schnell anstrengend. Wenn eine Frau der anderen die Klinke in die Hand gibt und man rätselt, ob die Blonde hinter dem Tresen, mit der er nun zusammenziehen will, jene ist, die sein Kind nicht will…
Abhilfe schafft zwar das Glossar, das der Novel zum Schluss angehängt ist! Doch manchmal ist weniger mehr, und viel hinten hilft nicht unbedingt viel vorne, salopp gesagt!
Insofern ist die Lektüre zwar kurzweilig, aber anstrengend. Zugleich hält sich der Mehrwert, wenn man z.B. eine tiefergreifende Auseinandersetzung mit dem Schaffen, dem Kunstverständnis Basquiats oder auch mit der Popkultur erwartet, in Grenzen. Psychologisch zwar durchaus ausgefeilt und erzählerisch geschickt konstruiert, zeigt der Aufbau ab der Mitte Schwächen.

Big Apple in den 1980ern

Jean-Michel Basquiat (1960-1988)
Jean-Michel Basquiat (1960-1988)

Zeichnerisch – zumindest für jemanden, der Wert auf klare Linienführung und zeichnerisches Detail legt und dabei umfassendere Graphic Novels bevorzugt – ist „Basquiat“ eher schwierig zu beurteilen. Sicherlich passt das Knallige, auch das Düstere, die Farbgebung insgesamt gut zum Big Apple der 1980er, zum Lebensgefühl der Popkultur. Und bringt zudem Basquiats lebenslange Zerrissenheit, seine Suche nach sich selbst, angefangen mit seinem dysfunktionalen Elternhaus, treffend auf den Punkt.
Trotzdem ist der Stil Sören Mosdals recht reduziert und auf die Dauer von 131 Seiten zu fratzenhaft. Graphisch wäre mehr mehr gewesen, aber über Geschmack lässt sich bekanntermassen trefflich streiten. Zu rudimentär und atavistisch, ist man versucht, es auf zwei Adjektive herunterzubrechen.

Ein Leben auf der Überholspur

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Dennoch hinterlässt Volojs Geschichte um Basquiats wechselhaftes Leben auf der Überholspur, nicht zuletzt durch Mosdals erratische Darstellung, einen gewissen Nachhall, der sowohl bei Basquiat-Kennern als auch bei solchen, die es eventuell werden wollen, einen bleibenden Eindruck. Viel Herzblut steckt in diesem Werk, wie auch das Nachwort sonnenklar bestätigt. Und wie die „Black Lives Matter“-Bewegung und die aktuellen Geschehnisse in den USA seit dem Sommer dieses Jahres zeigen: An der Realität afroamerikanischer Menschen hat sich seit dem sinnlosen Tod Michael Stewarts infolge polizeilicher Brutalität, die (natürlich) auch Eingang in Basquiats Oeuvre gefunden hat, wenig geändert.

Leseprobe - Glarean MagazinBasquiats kurzes, aber intensives Leben in eine kleinformatige, „nur“ 136 Seiten lange Graphic Novel zu bannen war sicherlich eine Herausforderung, die allerdings Texter Julian Voloj – verbunden mit einem starken Interesse an dem Künstler – gut gemeistert hat. Alles, was er im Nachwort schildert, zeigt sich in den Notizen, die während meiner Lektüre entstanden sind. Insofern: Gelungener Comic – mit der Einschränkung, dass sich eine solche Lektüre auch ohne dauerhaftes Blättern im Glossar (zumindest für den interessierten Laien, der vielleicht nicht viel über Basquiat weiss) bewältigen lassen sollte. ♦

Julian Voloj, Sören Mosdal: Basquiat – Graphic Novel, Carlsen Verlag, 136 Seiten, ISBN  978-355176046

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Graphic Novel auch über Berthet & Raule: Dein Tod – Mein Kunstwerk

Henning Boëtius: Der weisse Abgrund (Heinrich-Heine-Roman)

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Glanz und Elend eines Dichters

von Christian Busch

Paris. Ein eisiger Januartag des Jahres 1855. Der im Exil lebende Literat Heinrich Heine gibt seinem stets mit einem Hummer an der Leine wandelnden Dichterkollegen Gérard de Nerval fünf Francs und bittet ihn, am Quai des Gesvres nebst einer Flasche Chablis und einer Schale Schalottenragout zwei Dutzend Austern zu besorgen. Beide sind unheilbar krank, bereits vom Tode gezeichnet. – So skizziert im Kapitel „Die Henkersmahlzeit“ der Schriftsteller Henning Boëtius in seinem grandiosen neuen Roman „Der weisse Abgrund“ die letzten Lebensjahre des deutschen Dichterfürsten Heinrich Heine nach.

Henning Boetius - Der weisse Abgrund - Ein Heinrich-Heine-Roman - BTB VerlagNerval lebt und schläft unter Brücken, und Heines nur noch 30 Kilo wiegender Körper ist, von Krämpfen geplagt, zu schwach, um noch einmal ans Meer reisen zu können. Das Rauschen des Verkehrs auf der Balkonbrüstung seiner Wohnung in der Rue Matignon in der Nähe der Champs-Elysées muss ihm das Meeresrauschen ersetzen. Am Abend findet Mathilde ihren Henri in der Pfütze seines Erbrochenen. „Ich war am Meer“, ächzt der Kranke. Sein Arzt Dr. Gruby flösst ihm einen Cannabisextrakt ein und überbringt ihm die Nachricht vom Tod seines Freundes Nerval, der sich am Gitter eines Abwasserkanals an der Rue de la Vieille Lanterne aufgehängt hat.

Faszinierendes Panorama der Pariser Künstlerwelt

Diese kurze Zusammenfassung des bereits erwähnten Buchkapitels umreisst nur eine von 24 stilsicher zusammengefügten Episoden in Henning Boëtius‘ neuem Roman, in dem der nicht nur für seine hervorragenden belletristischen Biographien (Günter, Lenz, Lichtenberg und Rimbaud) bekannte Autor ein einzigartiges Porträt der letzten Lebensjahre des Heinrich Heine zeichnet, eingebettet in ein faszinierendes Panorama der Seine-Metropole.

Heinrich Heine - Exil Paris - Rue de Faubourg-Poissonnière 46 (heute 72) - Glarean Magazin
Heinrich Heine’s Pariser Exil-Adresse Rue de Faubourg-Poissonnière 46 (heute 72), wo er fünf Jahre lang mit seiner Frau Mathilde Mirat wohnte

Boëtius erweist sich darin als ein kluger, präziser Beobachter, ein kenntnisreich aus einem breiten kulturellen Fundus schöpfender Erzähler, der Heines letzten Jahre im französischen Exil unmittelbar zum wieder zum Leben erweckt. Wir erleben direkt die zwischen hohem Kunstideal und frivoler Banalität zerrissene Pariser Künstlerwelt (u.a. mit Gustave Flaubert, der an einem Buch über die menschliche Dummheit arbeitet), in die sich Heine nahtlos einzufügen scheint, wenn er, vom Tode und einem ausschweifenden Leben gezeichnet, bis zuletzt an seinem Opus magnum, den „Memoiren“ arbeitet.

Überlebenskampf einer Künstlerseele

„Der weisse Abgrund“ schildert den tragischen Überlebenskampf einer sensiblen Künstlerseele, die längst an den harten Wirklichkeiten des unbarmherzigen Lebens in der Fremde gereift ist, nicht ohne ihren Tribut an die grausamen Realitäten des literarischen Marktes und das Leben in der Fremde bezahlt zu haben. Es sind Heines an Balzacs mahnende „Illusions perdues“ – Glanz und Elend einer ironisch gebrochenen, romantischen Seele, die das Leben seziert und genossen hat und dem Tod ins Auge blickt, dem „weissen Abgrund“. Rückblick und Porträt eines Lebemanns, der – zierlich gebaut und zugleich muskulös, mit seinen weichen, hellbraunen Haaren, seiner Männlichkeit von kindlicher Grazie – den Damen gefiel und bei den Dirnen sogar mütterliche Gefühle erweckt.

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So steht der Roman mitten im Paris des 19. Jahrhunderts und seinen vor dem Hintergrund von Industrialisierung und Modernisierung (Baron Haussmanns Umgestaltung der Pariser Strassenzüge) um den Realismus kreisenden künstlerischen Fragen, die sich auch in der Malerei (Courbet) und Musik (Chopin, Berlioz) stellen, eingebettet in das amüsant, tiefgründig, aber auch augenzwinkernd ausgebreitete Liebesleben der zwischen Prostitution und „amour fou“ pendelnden Pariser Bohème.

Soirées und Matinées zum Leben erweckt

Boëtius erweckt die Soirées und Matinées der illustren Gesellschaft zum Leben, skizziert ihre Garderobe und rezitiert die grossartigen Vorträge der mal mehr, mal weniger tragisch karikierten Künstlerexistenzen (u.a. Baudelaire). Das ist das einfach grandios, nebenbei tiefsinnig und doch kurzweilig. Und so nebenbei erhält der Leser einen erstaunlichen Einblick in die für unsere Zeit äusserst befremdlichen, quasi mittelalterlich anmutenden Methoden und bedauerlichen, weil begrenzten Kenntnisse der Medizin. Da werden Abszesse aufgeschnitten, Körper mit Morphium eingerieben, Augenleiden mit Blutegeln behandelt. Und: Starb Heine nicht an einer Bleivergiftung? Fiel er einem Komplott, das an seinen Memoiren interessiert war, zum Opfer?

Geniale Verknüpfung von Werk und Zeit

Heinrich Heine - Zeitgenössische Zeichnung - Glarean Magazin
Dichter, Spötter, Künstler, Bohèmien, Genie: Heinrich Heine (in einer zeitgenössischen Zeicnnung)

Höhepunkt ist jedoch zweifellos das Kapitel von Heinrich Heines Ableben. Das darf man schon genial nennen, wenn alle Haupt- und Randfiguren seiner Vita wie ein Panoptikum seines Lebens aufmarschieren, quasi als Spiegel des Lebens fungieren und dem Dichter in einer geahnten Aufwartung die letzte zweifelhafte Ehre erweisen. Das muss man gelesen haben.

Henning Boëtius‘ Heine-Roman ist ein rundum gelungener Versuch, das schillernde Leben dieses Dichters und Kritikers des Spiessertums – in genialer Verknüpfung mit seinem Werk und seiner Zeit – von vielen Seiten zu beleuchten und aus seiner Matratzengruft wiederauferstehen zu lassen. Während viele solcher Versuche oft in epischer Breite verebben, gelingt dem erfahrenen Autor eine sehr konzentrierte und amüsante Darstellung auf rund 190 Seiten. Davon hätte man gerne noch mehr gelesen. Grossartig!  ♦

Henning Boëtius: Der weisse Abgrund – Ein Heinrich-Heine-Roman, 192 Seiten, BTB-Verlag, ISBN 978-3-442-75076-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Heinrich Heine und die „Deutsche Seele“ auch über Gerhard Oberlin: Deutsche Seele

Robert Seethaler: Der letzte Satz (Gustav-Mahler-Roman)

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Operation gelungen, Patient gestorben

von Christian Busch

Mit ein wenig Verwunderung dürfte die literarische Welt aufnehmen, dass der jüngst so erfolgreiche österreichische Schriftsteller Robert Seethaler sich in seinem neuesten Werk, dem Roman „Der letzte Satz“ mit den letzten Tagen Gustav Mahlers befasst. Gewiss, bereits in bisherigen Werken bewegte Seethaler sich in der Zeit der Jahrhundertwende („Der Trafikant„) oder berührte die Motive Tod („Das Feld“) und Lebensbilanz („Ein ganzes Leben“). Oder liegt es daran, dass über Gustav Mahler bereits Entscheidendes vorliegt? Mahlers 160. Geburtstag am 7. Juli dürfte wohl ebenfalls nicht der Anlass gewesen sein. Viel eher scheint das Interesse an einer überragenden, doch zwiespältigen Künstlerexistenz sein Motiv geworden sein.

Robert Seethaler - Der letzte Satz - Roman über Gustav Mahler - Hanser VerlagWie steht der Künstler, der sich in seiner eigenen Welt seiner Kunst verschrieben hat, zum Leben, zur Natur und zu den Menschen, die er liebt und doch gleichsam vernachlässigen und entbehren muss – und das im Angesicht des nahenden Todes? Seethalers Roman beginnt an Deck des von New York nach Europa kehrenden Schiffes „Amerika“, auf dem Gustav Mahler, von Krankheit und Todesahnung gezeichnet, seine letzte Reise antritt. Dort erleben wir ihn im Gespräch mit dem respektvollen, aber mitleidlosen Schiffsjungen, meist aber – mit Blick auf das endlos offene Meer – allein in seinen Gedanken und Erinnerungen, die um seine letzten Erfolge in München kreisen, seine bahnbrechende Umgestaltung des Wiener Opern- und Musiklebens, den Sommer in den Bergen, den Tod seiner Tochter Marie und natürlich um seine geliebte Frau Alma, die er schon verloren hat.

Fehlende Tiefenschärfe

Gustav und Alma Mahler - Amerika-Reise 1911 - Schiff S.S. Amerika - Glarean Magazin
Gustav und Alma Mahler (rechts) auf ihrer Schiffsreise im April 1911 nach Amerika

Das scheint insgesamt durchaus stimmig und fügt sich zu einem geschlossenen Bild, wird aber weder den Mahler-Liebhaber noch den an der Künstlerexistenz an sich interessierten Leser zufrieden stellen. Denn es fehlt dem 125 Seiten langen Skript an Umfang und Tiefenschärfe, so dass man allenfalls von einer Novelle sprechen kann, die scheinbar vieldeutig – mit Blick auf Mahlers Neunte Sinfonie – auf den „letzten Satz“ hinsteuert, am Ende aber recht eindimensional in sich zusammenfällt. Seethalers Sprache ist dabei fraglos kunstvoll und bedächtig, aber doch auch impressionistisch geglättet mit Oberflächenspiegelung, dramatische Ausbrüche ausschliessend, letztlich teilnahmslos.
Dass dabei Mahler aus der personalen Erzählperspektive dargestellt wird, ist zunächst als Ausdruck des Respektes angemessen. Doch dieser Respekt erweist sich im Verlauf der Erzählung als hohl und aufgesetzt. Auch der Schiffsjunge ist eben nur ein gewöhnlicher Schiffsjunge, der nie auch nur einen Ton Mahlerscher Musik vernommen hat und vernehmen wird. Er wird lediglich artig bedauern, dass die Musik des grossen Mannes, die er sich als etwas „Grosses, Unberechenbares“ vorstellt, verloren ist. Warum behält er das letzte Wort? Der Ignoranz das Wort?

Musiker-Roman ohne Musik

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Damit erweist Seethaler der Kunst und dem Künstler einen Bärendienst. Womit wir beim grössten, unverzeihlichen Versäumnis des Skripts sind: Mahlers Werk. Es bleibt völlig ausgespart, von ein paar Vögeln, die Mahler inspiriert haben, sowie einem Faust-Zitat abgesehen. Wie kann man einen Künstler quasi ohne sein Werk darstellen? Wie kann man Mahlers letzte Reise fassen, ohne etwa seine letzte Symphonie in Betracht zu ziehen? Denn so bleibt Seethalers Novelle eben nur die letzte Reise eines kranken Mannes, der gerne noch ein wenig länger gelebt hätte. Das ist banal.
An dieser Stelle bleibt nur der Hinweis auf Guy Wagners deutlich umfangreicheren, vielschichtigeren und akribisch recherchierten Roman mit Dokumenten-Collage Die Heimkehr – Vom Sterben und Leben des Gustav Mahler.

Fazit: Operation gelungen, Patient tot. Robert Seethaler hat sich in seinem neuen Werk sichtbar verhoben, indem er – allen erzählerischen Fähigkeiten zum Trotz – den grossen Komponisten, Dirigenten und Opernregisseur Gustav Mahler fernab seiner Musik und gestalterischen Absichten dargestellt hat. Er öffnet daher nicht den Zugang zu ihm, sondern verschliesst ihn. Schade. ♦

Robert Seethaler: Der letzte Satz – Roman, Hanser Verlag, 124 Seiten, ISBN 978 3 446 26788 6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Gustav Mahler auch über die Erste Sinfonie („Der Titan“)

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus (Bildband)

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Gleiches Recht für alle

von Sigrid Grün

Der Feminismus, die weltweite Frauenbewegung hat einen weiten Weg zurückgelegt – der noch lange nicht zu Ende ist. Weltweit herrschen immer noch Verhältnisse, die Frauen systematisch benachteiligen. In Saudi-Arabien haben Frauen bis heute kein Recht auf freie Meinungsäusserung, sie dürfen nicht zusammen mit Männern studieren, und viele Dinge sind ohne Einwilligung eines männlichen Vormundes verboten. Weltweit hat sich in den vergangenen 150 Jahren viel getan, aber selbst in Europa verdienen Frauen immer noch deutlich weniger als Männer. Die auf US-amerikanische Geschichte spezialisierte Historikerin Jane Gerhard hat gemeinsam mit Dan Tucker dieses Coffee Table Book zur Geschichte des Feminismus herausgebracht.

„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann.“ (Margaret Mead)

Warum ein Bildband? Bilder vermitteln die Dynamik und die emotionalen Botschaften sehr viel intensiver, als ein Text dies könnte. Und es geht auch darum, dass Bilder „die Besonderheiten einer Kultur, einer bestimmten Aufmachung, eines Auftritts und anderer Details, die einer Geschichte erst die Würze verleihen, besonders gut zu transportieren vermögen.“ (Seite 6)

Breit gestreute Themenfelder

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus - Die illustrierte Geschichte der weltweiten FrauenbewegungDie Bilder (Fotos, Plakate, Gemälde) vermögen tatsächlich, einen sehr lebendigen Eindruck zu vermitteln. Sie zeigen hervorragend auf, wie Frauen aus vergangenen Zeiten und fremden Kulturen alle für eine Sache gekämpft haben: Gleichberechtigung.
Das Buch ist nach unterschiedlichen Themenfeldern gegliedert. Zunächst geht es um politische Mitbestimmung, insbesondere um das Recht zu wählen („Eine Stimme haben“). Hier wird die Situation in den USA sehr stark ins Zentrum gerückt. Dies ist natürlich vor allem dem Umstand geschuldet, dass das Buch eine Übersetzung ist und von US-AmerikanerInnen herausgegeben wurde. Beginnend bei der Seneca Falls Convention, die am 19. und 20. Juli 1848 in Seneca Falls (New York) abgehalten wurde und die „Declaration of Sentiments“ hervorbrachte, wird die Geschichte der Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten sehr gut in Wort und Bild vermittelt.
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch die oftmals enge Verbindung zwischen der Frauenbewegung und der Abstinenzbewegung, weil Frauen extrem unter dem Alkoholmissbrauch ihrer Männer litten. Die grösste Abstinenzbewegung war die Woman’s Christian Temperance Union (WTCU). Auch die Situation in anderen Ländern (Grossbritannien, Deutschland, China, Saudi-Arabien…) wird aufgegriffen, aber in weitaus geringerem Umfang als diejenige in den USA.

Die weibliche Selbstbestimmung

New Yorker Zeitungs-Illustration 1870 - Frauenärztin Elisabeth Blackwell bei einer Anatomie-Lektion - Glarean Magazin
New Yorker Zeitungs-Illustration aus dem Jahre 1870, die Amerikas erste und einflussreichste Frauenärztin Elisabeth Blackwell bei einer ihrer Anatomie-Lektionen zeigt

Im zweiten Kapitel, „Das Recht auf Selbstbestimmung“, geht es um Bürgerrechte und ganz zentral um das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen. Es werden beeindruckende Persönlichkeiten wie Elizabeth Blackwell vorgestellt, die als erste Ärztin der Vereinigten Staaten gilt und mehrere medizinische Hochschulen für Frauen gründete. Im Zusammenhang mit den Protesten von AbtreibungsbefürworterInnen fällt eine Person auf, die einen erstaunlichen Sinneswandel durchgemacht hat: Die ehemalige Aktivistin Norma McCorvey (Pseudonym Jane Roe), die noch 1989 für das Recht von Frauen, über ihren Körper selbst zu bestimmen demonstrierte, konvertierte 1994 zum Katholizismus und wurde zur Abtreibungsgegnerin, die ihre Rolle in der Frauenbewegung plötzlich bedauerte.

Das weitverbreitete Abtreibungsverbot

In vielen Ländern ist Abtreibung – selbst nach einer Vergewaltigung oder einer Gefährdung der Mutter – immer noch strikt verboten. In Irland hat das u.a. dazu geführt, dass ein 13-jähriges Vergewaltigungsopfer nicht nach England ausreisen durfte, um dort eine Abtreibung vornehmen zu lassen – und zum Tod einer Frau, bei der eine bereits beginnende Fehlgeburt festgestellt worden war, und die trotzdem nicht abtreiben durfte und schliesslich infolge einer Blutvergiftung starb. Seit 1984 gibt es in den USA (immer wieder durch einzelne Präsidenten gelockert), den Global Gag Rule (Globale Knebelvorschrift), die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Gesundheitswesen eine Aufklärung bezüglich Schwangerschaftsabbrüchen verbietet – andernfalls droht eine vollständige Streichung der finanziellen Unterstützung durch die US-Regierung.

Die Gleichstellung der Ehepartner

Müssen Frauen gleichberechtigt sein - Strassen-Statements in den 1950er Jahren - Glarean Magazin
Müssen Frauen gleichberechtigt sein – Strassen-Statements in den 1950er Jahren – Glarean Magazin

In „Raus aus dem Puppenhaus“ geht es um die Ehe und die wirtschaftlichen Rechte von Frauen. Die Gleichstellung der Ehepartner vor dem Gesetz ist dabei ebenso Thema wie die Kinderehe.
„We can do it“ widmet sich der Frau in der Arbeitswelt. Heute noch müssen vor allem Frauen unter katastrophalen Bedingungen arbeiten, die sie oft das Leben kosten. Die Brände in Textilfabriken haben insbesondere die Leben weiblicher Arbeiterinnen gefordert. Frauen verdienen immer noch weniger als Männer und müssen in vielen Fällen Haushalt und Pflege von Kindern und Alten zusätzlich zur Erwerbstätigkeit erledigen.

Sexismus und Rassismus

Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung
„Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung“

Im fünften Kapitel, „Im Auge des Betrachters“, rücken Frauenbilder in den Mittelpunkt. Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung. Feministische Künstlerinnen setzten dieser Tradition etwas entgegen und ermöglichten auf diese Weise eine Neuidentifikation mit dem weiblichen Äusseren.
Das letzte Kapitel schliesslich, „Gleiches Recht für alle“, widmet sich schliesslich der Gleichberechtigung aller Menschen, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht. Während sich die frühe Suffragettenbewegung weitgehend aus der Oberschicht rekrutierte, setzte sich im Lauf des vergangenen Jahrhunderts (u.a. in der zweiten Feminismuswelle in den 1970er Jahren) zusehends die Einsicht durch, dass es um Gleichberechtigung für alle Menschen gehen muss. Und so wird im im letzten Abschnitt die Überwindung von Rassismus sowie der Sexismus und die LGBTQIA-Bewegung untersucht.

Fokus auf dem Anglo-Amerikanischen

Den ungewöhnlichen, bis anhin kaum gesehenen Ansatz, einen Bildband über Feminismus zu veröffentlichen, finde ich grossartig. Die Umsetzung ist auch sehr gelungen. Ich empfehle, zunächst jeweils den Bildteil und anschliessend den Textteil (oder umgekehrt) durchzulesen, weil der Lesefluss sonst ständig durch den Bildteil (mit umfangreichen Bildunterschriften) unterbrochen wird.

Der Fokus liegt hier ganz klar auf dem anglo-amerikanischen Kulturraum, was ich anfangs etwas irritierend fand. Letztendlich wird aber auch die Entwicklung der weltweiten Frauenbewegung sehr gut umrissen. Ein schöner und gut lesbarer Bildband, den ich allen, die am Thema Feminismus interessiert sind, empfehlen kann. ♦

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus – Die illustrierte Geschichte der weltweiten Frauenbewegung, 256 Seiten, Prestel Verlag, ISBN 978-3-791-38529-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Feminismus und Sexismus auch über Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

… sowie zum Thema Frauenbewegung über Traditionsbrüche und Erinnerungsarbeit – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Lina Fritschi: Ein anderer Traum / Un altro sogno (Gedichte)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Vom Umgang mit Verlust

von Stefan Walter

Lina Fritschi (1919–2016) war eine der grossen italienischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Nördlich der Alpen blieb sie trotz ihrer Schweizer Abstammung praktisch unbeachtet. Dies dürfte sich mit dem vorliegenden zweisprachigen Band „Ein anderer Traum / Un altro sogno“ ändern.

Lina Fritschi - Ein anderer Traum - Un altro sogno - Gedichte - Limmat Verlag66 Gedichte hat der Übersetzer Christoph Ferber aus Lina Fritschis umfangreichem Werk ausgewählt, die Mehrzahl davon aus ihrem Schwanengesang „Poesie estreme“, im Jahr 2000 erschienen. Jede Doppelseite enthält konsequent links den italienischen Originaltext, rechts die deutsche Übersetzung. An der gesamten Gestaltung gibt es nichts zu bemängeln.

Der entgleitende Hintergrund

Das grosse Thema der Sammlung ist der Umgang mit Verlust, insbesondere dem frühen Tod ihres Ehemannes. Im Traum begegnet sie ihm immer wieder, ob in „Auch nach dem Tod“:

Auch nach dem Tod,
hab ich gefragt. Auch nach dem Tod,
hat er geantwortet – und gelächelt

… im titelgebenden „Ein anderer Traum“:

Immer verschwinden
sie alle (…)
Wenn ich mich
an seine Schulter lehne und frage, wo denn die anderen seien,
antwortet er, ich weiss nicht, das war ein anderer Traum.

… oder in den Betrachtungen zum Tavoliere:

Immer, jedes Jahr zu Weihnachten, kehrt diese Reise
zurück. Und wir drei, der Zeit
und dem Tod enthoben, spielen unsere Rolle
vor dem uns entgleitenden Hintergrund.

Lina Fritschi schafft es, sich und den Leser davon zu überzeugen, dass sie in diesen Momenten glücklich ist.

Doch nicht jede Erinnerung endet so gut:

Doch war es Sommer? Ich weiss es nicht mehr,
denn sogleich ist wie ein Falke der Winter
auf mich gestürzt und hat unter Eis mich begraben

… heisst es in „Winter“. Und erst die Evidenz des Sarges lässt Fritschi den Tod ihres Gatten überhaupt zur Kenntnis nehmen:

Ich konnte dem Telegramm nicht glauben,
ein Irrtum, sagte ich zum Soldaten,
(…) tut mir leid, gnädige Frau, die Beerdigung
findet in Lecce statt.

Auch der Vater stirbt in einem Gedicht, eine Freundin, eine Katze, der Sommer. Und als früheste Kindheitserinnerung ein junger Onkel, umrahmt – die vielleicht einzige humoristische Szene der Sammlung – von seinen beiden Verlobten.

Selbstreflexive Poesie

Ihren eigenen Tod spürt Lina Fritschi in zahlreichen Gedichten näherkommen, so etwa in Abschied:

Ich verabschiede mich von den Versen,
vielleicht auch vom Leben.

… oder in „Naher Tod“:

Man sagt, im Alter,
wenn der Wunsch nach Liebe
zurückkehre, sei dies ein Zeichen des nahen Todes.

Teilweise wünscht sie den Tod auch herbei (in „Gebet“):

Wüsste ich nur
zu welchem Gott beten,
dass die Zeit, die mir bleibt,
eiligst vergehe.

Blind in der Toskana

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Als Grund dafür findet sich immer wieder ihre Blindheit, die ihr offensichtlich schwer zu schaffen gemacht hat. Diese war auch die Ursache dafür, dass sie ihre geliebte Heimat im Piemont verlassen musste, um sich in der Toskana von der Tochter versorgen zu lassen. Auch wenn das für uns deutsche Touristen nicht so weit klingt, liegt es immerhin 400 km auseinander.

Ein etwas zwiespältiges Verhältnis hat Fritschi zur Dichtkunst. Mal bezeichnet sie (in „Überlebt“) die Poesie als

Hexe, Gefährtin und Feindin. Auch jetzt noch
bedrängst du mich, jetzt,
wo ich alt bin.

… mal erklärt sie:

Ich habe keine Angst vor dem Wort,
ich liebe es, manipuliere es, wälze es um.

… und lässt sich vorsorglich vom Pfarrer bescheinigen, dass dies gottgewollt sei („Noch ein Dialog“).

Lyrik-Sprache nahe an der Prosa

Die Sprache ist klar, direkt, konzise, oft lakonisch, oft nahe an der Prosa. Auffällig ist die Häufung von relativierenden Begriffen wie „forse“ („vielleicht“) und „a volte“ („manchmal“). Es gibt keine Reime, kein durchgehendes Metrum, noch nicht einmal Strophen. Die Vers-Aufteilung ist nur vereinzelt sinngebend. Es sind das durchwegs klar hervortretende lyrische Ich und seine reflektierende Beschäftigung mit seiner eigenen Stellung in der Welt, die die Texte fraglos zu Gedichten machen.

Die Übersetzung ist, soweit ich das mit meinen bescheidenen Italienisch-Kenntnissen beurteilen kann, gelungen. Natürlich ist Übersetzung immer auch Auslegung, aber nur an ganz wenigen Stellen hatte ich den Eindruck, dass der Sinn des Originals – nach meinem natürlich ebenso subjektiven Verständnis – verfehlt wurde, etwa wenn in Der Engel „L’avvertimento è una spada nel cuore“ mit „Die Warnung ist: im Herzen ein Schwert“ wiedergegeben wird anstatt mit „Die Warnung ist ein Schwert im Herzen“. Doch das Schöne an zweisprachigen Ausgaben ist, dass man sich auch dazu eine eigene Meinung bilden kann.

Anregungen für den Umgang mit Krankheit und Einsamkeit

Grösster Schwachpunkt des Buches ist das Nachwort, das sich ein bisschen wie der überlange Entwurf für einen Klappentext liest, die dürftigen biographischen und bibliographischen Angaben, die man im deutschsprachigen Internet findet, wenig liebevoll mit nochmaligem Abdruck einiger Gedichte aus dem Buch auf ein paar Seiten ausgedehnt. Aber natürlich, das darf man so deutlich sagen, ist das ein echtes Luxusproblem.
Wer Anregungen benötigt, wie man mit Verlust, Trauer, Krankheit, Einsamkeit oder Tod umgehen kann – und wer benötigt die nicht? –, wird in diesem Gedichtband von Lina Fritschi fündig. Definitive Kaufempfehlung. ♦

Lina Fritschi: Ein anderer Traum / Un altro sogno – Gedichte Italienisch und Deutsch, übersetzt von Christoph Ferber, 152 Seiten, Limmat-Verlag, ISBN 978-3-85791-896-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Moderne Lyrik auch das „Gedicht des Tages“ von Raoul Hausmann: „Nichts“

Jessica Andrews: Und jetzt bin ich hier (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Jung – suchend – feinfühlig – poetisch

von Katka Räber-Schneider

Der Roman „Und jetzt bin ich hier“ von Jessica Andrews ist die Geschichte vom Lieben und Loslassen in einer Eltern-Kind-Familien-Beziehung. Ein poetisches Buch, ein wunderbares und wunderliches Buch, in dem eine Ich-Erzählerin in kurzen, mit Nummern betitelten Abschnitten, nicht chronologisch, aber stets ergänzend über das Bewusstwerden der eigenen Identität innerhalb der Familiengeschichte berichtet.

Jessica Andrews: Und jetzt bin ich hier - Roman - Hoffmann und Campe - Literatur-Rezension Glarean MagazinEine junge Frau, die zunächst aus dem lauten London in ein geerbtes Cottage ihres grossvaters nach Irland zieht. Es sind keine linearen Beschreibungen, sondern kleine Aufmerksamkeiten von Alltäglichem, die sich zu einem Mosaik zusammensetzen, das ein fein gezeichnetes Bild von England und Irland der 80-er Jahre ergibt, äusserlich und innerlich. In genau beobachteten Gesten, z.B. wie sich jemand durch die Haare fährt, nähern wir uns anhand von Briefen und alltäglichen Gesprächsfetzen auch einer Liebesgeschichte, die lakonisch daher kommt: „’Darf ich dich küssen?’ fragt er und streckt die Hand nach mir aus. ‚Okay’, sage ich, gefangen in der Hitze seines Körpers.“

Durch Gefühlsvignetten ins Unterbewusstsein

Lucy, die Ich-Erzählerin, die sich mal an die Mutter wendet, mal an uns, ihre Leserschaft, arbeitet sich durch Gefühlsvignetten und kleine Episoden seit der Kindheit bis in die Gegenwart als junge Frau, ins eigene Unterbewusstsein. Der geliebte Vater war Alkoholiker und Lucy denkt: „… man kann geliebt und zugleich verlassen werden.“ Sätze über ihre Eltern wie: „Der Abstand zwischen ihnen glänzte scharf“ sagen auf eine poetische und im Kontext ungekünstelte Weise vieles über die Gefühlszustände aus.

Jessica Andrews Foto - Und jetzt bin ich hier - Roman - Hoffmann und Campe Verlag - Literatur-Rezensionen Glarean-Magazin
Sprachvergnüglicher Roman: Jessica Andrews (© Seth Hamilton)

Jessica Andrews beschreibt die Protagonisten anhand von Andeutungen verschiedener Sinneseindrücke, präzise und nie denunzierend, obwohl es die Eltern der Tochter nicht leicht gemacht haben. „Parfüm und Tee und der Rauch von seinen Zigaretten, wunderbar und widerlich zugleich.“ Der Vater verschwand immer wieder, und doch hinterliess er Liebe bei seinen Kindern. Der Bruder wurde taub geboren, aber es gab die Zeichensprache. Die Autorin vermag einzigartig auch die Ruhe und die besondere Form von unterschiedlichen Kommunikationen zu schildern.

Feinfühlige Literatur voller Bilder

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Wer Freude hat an geschliffener, feinfühliger Literatur (mit Betonung auf Literatur), voller sehr schöner Beobachtungen, in Bildern eingefangen, die einen staunen oder auch schmunzeln lassen – Zitat: „… auf dem Teppich gesaugte Streifen wie beim gemähten Rasen.“ -, wer Freude hat an einem poetisch suchenden Roman, der findet hier eine leichtfüssige Lektüre. Mehrere Generationen entfalten da punktuell ihren Lebensteppich, und doch geht es schlussendlich um die Gegenwart. Die Gegenwart einer jungen Frau, die auch eine Liebesgeschichte lebt. Lucy lernt sich selber durch die Erinnerungen gut bis in die tiefste Seele kennen. In Gedanken wie „Ich will Üppiges, Schmutziges. Ich will Dunkles, Whiskey und Blutflecken… Das Verlangen in meinen Knochen habe ich von dir. Du stellst deine Bedürfnisse zurück, weil du für andere sorgen musst…“ wendet sie sich an ihre Mutter.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert, deren allmähliches Wachstum eine erfolgreiche, menschliche Reifung darstellt. „Und jetzt bin ich hier“ könnte all jenen gefallen, die sich gerne durch stellvertretende Bilder im familiären Rahmen dem Kern des Seins nähern. Ein grosses Sprachvergnügen ist dieser Roman, geschrieben von einer jungen Frau. ♦

Jessica Andrews: Und jetzt bin ich hier, Roman, aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, 328 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00821-0

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Sommer-Liebesroman von Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo

… sowie zum Thema Poetische Literatur über Sarah Kirsch: Freie Verse – 99 Gedichte

Sarah Kirsch: Freie Verse – 99 Gedichte

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Das Wichtigste in schöner Auswahl

von Stefan Walter

Wer sich mit der Lyrik des 20. Jahrhunderts beschäftigt, kommt an Sarah Kirsch (1935-2013) nicht vorbei. Anlässlich des 85. Geburtstages der Dichterin hat ihr Sohn einen Band „Freie Verse – 99 Gedichte“ mit einer Auswahl von 80 alten und 19 „neuen“ Gedichten herausgegeben. Am Inhalt gibt es dabei kaum etwas zu bemängeln, die Ausführung fällt dagegen ein bisschen ab.

Der Titel der Sammlung „Freie Verse“ bezieht sich nicht nur auf die bekannte Vorliebe der Dichterin, von Formalitäten wie Metrum und Reim möglichst die Finger zu lassen, sondern auch auf das gleichnamige Gedicht – es gehört zu den „alten“ Texten im Buch –, wo es von Versen heisst:
„Sie müssen hinaus / In die Welt. Es ist nicht möglich sie / Ewig! hier unter dem Dach zu behalten.“
Und glaubt man den Angaben des Herausgebers, sind die neuen Gedichte genau dort, auf dem Dachboden, gefunden worden.

Gelungene Textauswahl

Sarah Kirsch - Freie Verse - 99 Gedichte - Manesse Verlag - Rezension im Glarean MagazinDie Textauswahl ist durchaus gelungen. Im ersten Teil, den 80 bereits veröffentlichten Texten, finden sich neben Klassikern wie Datum und Reisezehrung auch zahlreiche lesenswerte Gedichte, die zumindest mir noch nicht bekannt waren. So geht es in Die Verdammung um einen Prometheus, der seine Strafe längst abgesessen hat, aber sich aus Gewohnheit weiter quälen lässt:
„(…) Als die Ketten zerfielen der Gott / Müde geworden an ihn noch zu denken / (…) / Gelang es ihm nicht sich erheben den / Furchtbaren Ort für immer verlassen (…)“.
Neben Gedichten enthält die Sammlung auch eine Handvoll Notate, etwa das bekannte Im Glashaus des Schneekönigs; es mag meiner mangelnden Flexibilität geschuldet sein, aber auf mich machen diese Prosatexte immer den Eindruck, dass die Deadline zu früh kam…

„Neue“ alte Gedichte

Sarah Kirsch - Lyrikerin - Glarean Magazin
Sarah Kirsch: „Eigentlich schreibe ich immer

Der zweite Teil ist überschrieben mit „Neunzehn neue Gedichte“. Dabei ist das Wort „neu“ für Gedichte aus den frühen 70er Jahren natürlich genauso problematisch wie der im Klappentext verwendete Begriff „unveröffentlicht“, wenn – wie im Nachwort erklärt wird – fünf dieser Texte bereits vor drei Jahren im Poesiealbum erschienen sind.
An erster Stelle zu nennen (und auch abgedruckt) ist Ahrenshooper Sommer. Dort heisst es:
„(…) Ach das Meer ist aus blauem Glas / hervorströmts unterm Scheinwerferlid / ach die Soldaten leuchten so schön / dass niemand nach Dänemark zieht“.
Kein Zweifel, dass das in der DDR ein hochpolitischer Text war. Ob das Gedicht aber wirklich gerade deshalb der Selbstzensur unterfallen ist, wie der Herausgeber behauptet, erscheint fraglich. Es ist das einzige „klassische“ Gedicht im gesamten Buch, mit Reim und durchgängigem Metrum; dass es schlichtweg in keinen ihrer zahlreichen Bände so richtig gepasst hat (und vielleicht irgendwann vergessen wurde), kommt mir wesentlich plausibler vor.

Wichtigstes Stilmittel: Enjambement

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Auffällig ist weiter, dass im zweiten Teil die Zahl der Enjambements – die man wohl getrost als das wichtigste und typischste Stilmittel Kirschs ansehen kann – deutlich reduziert ist. Bärenhäuter etwa beginnt:
„Traf einen der Schwalben ass / die Taschen hatte er voller Nester / Flüche und Schnaps im Mund / (…)“. Man vergleiche dies beispielsweise mit Russ aus dem ersten Teil:
„Die Touristen sind letztlich / Gestorben. Ich habe Lust durch die / Sümpfe zu gehen. Gänseschwarm / (…)“.
Aus meiner Sicht liegt es nahe, dass Kirsch die Gedichte in erster Linie aus solchen literarischen Gründen nicht veröffentlicht hat. Die Texte scheinen mir jedenfalls politisch nicht problematischer zu sein als so manche andere, die noch in ihrer DDR-Zeit erschienen sind.

Die politische Dichterin

Gruppenbild mit Dame - Schriftstellerlesung in Berlin (DDR) mit Sarah Kirsch - Glarean Magazin
Gruppenbild mit Dame: Schriftstellerlesung in Berlin (DDR) am 10.Mai.75. Motto der Jahrestagung: „Plädoyer für Poesie“. Von links nach rechts: Günther Deicke, Volker Braun, Sarah Kirsch, Wieland Herzfelde, Günther Rücker, Franz Fühmann, Stephan Hermlin

Dieses emphatische Bemühen des Herausgebers, Sarah Kirsch als politische Dichterin „entdecken“ zu wollen, ist überhaupt mein grösster Kritikpunkt an dem Buch. Eine Frau mit dem bürgerlichen Vornamen Ingrid, die sich aus Protest gegen den Nationalsozialismus das Pseudonym Sarah zulegt; die zu den Erstunterzeichnern der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann gehörte – sogar an allererster Stelle – und dann erwartbarer Weise ebenfalls das Land verlassen musste; die dann im Westen aus Protest gegen die NS-Vergangenheit von Bundespräsident Carstens das Bundesverdienstkreuz ablehnte; für die der Herausgeber selbst 80 bereits veröffentlichte politische Gedichte findet; eine solche Frau als politische Dichterin erst entdecken zu wollen, ist mutig.

Empfehlung für Kirsch-Unkundige

Ansonsten gibt es noch ein paar kleine störende Punkte. Nennen Sie mich oberflächlich, doch die Umschlaggestaltung des Buchs mit dicken, rot-weissen, dreidimensionalen Buchstaben auf einem blass-grünen Untergrund animiert mich nicht unbedingt zum Kauf. Fairerweise muss man dazu sagen, dass es auf Papier weniger schlimm aussieht als in der glatten Online-Version.
Warum man 19 unveröffentlichte Gedichte bewirbt, wenn davon fünf bereits veröffentlicht wurden, ist mir ein Rätsel.
Und sehr schade ist es gerade bei einer solchen Querschnitt-Ausgabe mit dem Fokus auf politische Gedichte, dass zu den einzelnen Texten kein Entstehungs- oder wenigstens Erstveröffentlichungsjahr angegeben ist. Das würde die Einordnung doch deutlich erleichtern.

Insgesamt ist das Buch aber eine Empfehlung für jeden Fan von Sarah Kirsch, der hier neues, lesenswertes Material geliefert bekommt, und eine noch deutlichere Empfehlung für jeden, der sich bisher nicht näher mit Sarah Kirsch beschäftigt hat und die wichtigsten Gedichte in schöner Auswahl erhält. ♦

Sarah Kirsch: Freie Verse – 99 Gedichte, 124 Seiten, Manesse Verlag, ISBN 978-3-7175-2506-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Lyrik auch über Nico Bleutge: Verdecktes Gelände (Gedichte)

Weitere interessante Web-Links zum Thema:

Laura Steven: Speak Up (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Frisch, ironisch, verletzlich

von Katka Räber

„Speak Up“ von Laura Steven ist ein witzig und zunächst leichtfüssig im Jugendjargon verfasster Roman in Tagebuchform über mögliche Probleme von Achtzehnjährigen in den USA an einer Highschool. Abgrenzung, Ausgrenzung, Sexualität, Liebe, Freundschaft und Cybermobbing mit allen möglichen Konsequenzen.

Auf Englisch heisst das Buch „The Exact Opposite of Okay“ und trägt in der deutschen Übersetzung den Titel „Speak Up“, was auf den ersten Blick undurchsichtiger scheint und „lauter sprechen“ bzw. „den Mund aufmachen“ bedeutet.
Warum auf Englisch, wenn ein weniger Englischkundiger für die genaue Wortwahl im Wörterbuch nachschauen muss? Vielleicht, weil es dann eher auch die junge Leserschaft anzieht, und das ist gut so.

Laura Steven: Speak Up (Roman) - Droemer Verlag
Laura Steven: Speak Up (Roman)

Jugendliche oder junge Leserinnen und Leser treffen hier eine unangepasste Achtzehnjährige an, die schon als kleines Kind ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hat und seitdem bei ihrer grossmutter lebt. Izzy O’Neill ist rotzig unangepasst, aber intelligent, und sie möchte gerne Drehbuchautorin werden. Die Englischlehrerin entdeckt Izzys Talent und hilft ihr bei konkreten Schritten, um ihre Texte tatsächlich veröffentlichen zu können und durch einen Wettbewerb zu einem Studium zu kommen.

Selbstironie als Selbstschutz

Izzy schützt ihre Gefühlswelt mit selbstironischem Humor und ständigen Witzeleien, die tatsächlich humorvoll sind, in der täglichen Konzentration dann manchmal sowohl ihrer Umgebung wie auch mir als Leserin hie und da fast zu viel, also ‚too much’ waren. Aber Laura Steven, die Autorin aus der nördlichsten Stadt Englands, ist selber Jahrgang 1992 und kennt sich in der Szene noch sehr gut aus. Warum sie allerdings die Handlung in den USA und nicht in England spielen lässt, wurde mir nicht ganz klar. Aber das ist unwichtig, denn die Szenerie stimmt, die jungen Leute an der Schule sind noch mehr als mit dem Lehrstoff mit Sex, Partys und Beziehungsproblemen beschäftigt.

Ausgrenzung durch Sprache

Laura Steven - Glarean Magazin
Laura Steven (geb. 1992)

Das könnte in jedem Kioskroman vorkommen, wäre da nicht diese tatsächlich witzige, meist sogar geistreiche Sprache der Hauptprotagonistin, wie sie sich ihrem Tagebuch während einem Monat anvertraut. Und aus einer Beobachterperspektive lernen wir zuerst Izzys beste Freundin Ajita und den Freund schon aus dem Kindergarten Danny kennen, mit denen sie herumzieht, die Welt mit kritischem Blick betrachtet und in Gesprächen kommentiert. Ihre eigenen, verletzlichen Gefühle versteckt Izzy hinter schnödem Sarkasmus, der ihr einerseits hilft und sie innerlich stärkt, aber sie in Gesellschaft von anderen Jugendlichen in die Bitch-Ecke stellt.

Zwischen Sexualität und Cybermobbing

Neben der nach aussen derben Sprache und scheinbar abgebrühten Sexualität werden aber auch sehr zarte Liebesgefühle beschrieben, die anrühren und die Spannweite zwischen unserer vollkommen sexualisierten Welt und der Verletzlichkeit von echten Gefühlen, Erwartungen, Unsicherheiten und freundschaftlichen Banden aufzeigen. Und plötzlich kippt dieses Spiel in ein schlimmes Cybermobbing, indem gedankenlos Fotos manipuliert werden und zu einer vernichtenden Waffe mutieren. Dies gehört leider auch bei uns zur Realität an Schulen, wobei das grossartige Internet missbraucht wird zu bösartigen Vernichtungsattacken.

Ungekünstelt-jugendliche Frische

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Das Buch hat mich angesprochen in seiner ungekünstelten, jugendlichen Frische, hat mich immer wieder amüsiert, wenn es auch stellenweise ein wenig zu lang geriet, aber es zeigt auf, dass Gerüchte im Internet die Zukunft verbauen und eine menschliche Psyche beschädigen können. Da schwingt kein erhobener Moralfinger mit, es entzaubert bloss den Wunsch, dass junge Menschen noch unverdorben, gut und nicht bösartig sind. Der Lebenskampf beginnt schon früh, auch innerhalb von Freundschaften.
Der englische Humor der jungen, gesellschaftlich sehr engagierten Autorin wurde von Henriette Zeltner hervorragend übersetzt. The Guardian schrieb über die Originalausgabe: „Witzig, geistreich, feministisch.“ Das lässt sich auch vom Transfer ins Deutsche behaupten. ♦

Laura Steven: Speak Up – Roman, 348 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28233-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Jugend und Sexualität auch über den Roman von Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena

… sowie zum Thema Jugend und Sprache von Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

„Dass ich unentwegt stolpere…“

von Sigrid Grün

Sie war Karoline, Carola, Carlinchen, Barbara – Klabunds Frau, Brechts Muse und eine der berühmtesten deutschen Schauspielerinnen: Carola Neher, die 1900 als Karoline zur Welt kam und sich nach nichts mehr sehnte als nach den Brettern, die die Welt bedeuten. Charlotte Roth (Pseudonym von Charlotte Lyne) hat ihrem aufregenden Leben nun den Roman „Die Königin von Berlin“ gewidmet, der uns in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts entführt.

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)
Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

Nach ihrer Ausbildung in einer Bank verlässt Karoline Neher Hals über Kopf ihre Mutter und ihren geliebten Bruder und reist von München nach Baden-Baden – eigentlich will sie nach Berlin, aber dafür reicht ihr Geld nicht. Ohne richtige Schauspielausbildung kommt sie nur in Pagenrollen zum Einsatz. Bald erweist sich das Theater in der Kurstadt als Sackgasse, und Karoline, die sich mittlerweile Carola genannt hat, landet wieder in München, wo der ersehnte Erfolg auch ausbleibt. In der bayerischen Landeshauptstadt trifft sie allerdings einen Mann, der zu einer Schlüsselfigur in ihrem Leben werden sollte: Bertolt Brecht. Ihm folgt sie bald auch nach Berlin, denn er sieht in der jungen Schauspielerin mehr als andere Regisseure, die ihr immer nur kleine Rollen geben.

Lebenslange Liebe zu Klabund

Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) 1930 - Glarean Magazin
Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) in Berlin Ende der 1920er Jahre

In Berlin geniesst sie das freie Leben. Sie will sich nicht binden, bis sie eines Tages in der Strassenbahn einem hageren Mann mit Brille begegnet, der etwas in ihr zum Schwingen bringt. Alfred Henschke, genannt Klabund, ist zehn Jahre älter als Carola Neher und schwer an Tuberkulose erkrankt. Doch die Liebe zwischen den beiden reicht bis zu seinem Tod in Davos. An seinem Sterbebett gesteht ihm Carola: „Ich kann ein Biest sein, eine Plage, weil ich im Grunde nicht weiss, wie ein Mensch mit einem Menschen umgeht, aber ich bin verloren ohne dich. Du weisst, dass ich ohne dich keinen Fuss vor den anderen setzen kann, dass ich unentwegt stolpere.“

Seine Krankheit überschattet die ganze Beziehung. Klabund vergöttert Carola und lässt ihr alle Freiheiten: „Ich war einmal gar nicht so viel anders als du, dachte er. Ich bin es noch immer, ich möchte genau wie du eine Kerze sein, die an beiden Enden brennt und mir das Leben zum Feuerwerk macht. Meine Kerze ist nur schon ein bisschen zu kurz dafür, doch der Teufel soll mich frikassieren, wenn ich dir deswegen deinen Spass verderbe.“
Er war Carola Nehers grosse Liebe. Doch ein weiterer Mann spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle im Leben der Schauspielerin. Bertolt Brecht schrieb ihr die Rolle der Polly Peachum aus der Dreigroschenoper auf den Leib. Das Stück und die Verfilmung Anfang der 30er Jahre, sollten ihre grössten Triumphe werden, der Barbara-Song ihr Lied.

Rahmenhandlung in die 1970er Jahre verlegt

Charlotte Roth lässt eine spannende Zeit lebendig werden. Die Geschichte um die kurzen Leben von Klabund – er wurde nur 38 – und Carola Neher, die mit gerade mal 41 Jahren in einem sowjetischen Zwangsarbeiterlager starb, ist in eine Rahmenhandlung gebettet, die sich Ende der 70er Jahre in Edenkoben zuträgt, einem Ort, mit dem Neher verbunden war. Ein Fremder kommt in die Gemeinde, um etwas über die Vergangenheit von Carola zu erfahren. Wer der Mann ist, wird erst ganz zum Schluss klar.

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Roths Roman basiert auf zahlreichen Tatsachen und enthält natürlich auch Ausschmückungen. Besonders zu Beginn hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte einige Längen aufweise. Doch die Beziehung zwischen dem sympathischen Klabund und der Schauspielerin, die verletzlicher ist, als sie vorgibt zu sein, wird von der Autorin ganz wunderbar literarisch aufgearbeitet.
Charlotte Roth ist ein berührender und interessanter Roman über eine Schauspielerin gelungen, die mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten ist. In „Die Königin von Berlin“ werden eine Zeit und ein Lebensgefühl lebendig, die uns seit einem Jahrhundert faszinieren: „Die goldenen Zwanziger“. Eine schöne Lektüre, die ich allen ans Herz legen kann. ♦

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin – Sie war die Muse von Bertolt Brecht, Roman, 416 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28232-8

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Roman von Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

… sowie zum Thema Berlin über Susanne Schüssler (Hrsg.): Berlin – Eine literarische Einladung

Paula Irmschler: Superbusen (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Ironisches Überprüfen von Vorurteilen

von Horst-Dieter Radke

Nach dem Lesen des Romans „Superbusen“ von Paula Irmschler hat man das Gefühl, das sich zur Not auch in Chemnitz leben liesse, und dass eine Zeit jenseits von brauner Hetze auch für diese Stadt zumindest vorstellbar ist…

Paula Irmschler: Superbusen - Roman, 312 Seiten, Claassen, ISBN 978-3-546-10001-4
Paula Irmschler: Superbusen

Die Handlung von „Superbusen“ ist schnell erzählt: Junge Frau zieht nach Chemnitz um zu studieren, genauer: um Distanz zwischen sich und der Familie zu bringen. Das war früher, im Buch jedoch später. Es beginnt nämlich damit, dass die Protagonistin zurück nach Chemnitz will. Um ihr Studium endlich abzuschliessen. Oder was anderes, was sie noch nicht so genau weiss. Immerhin klappt der Anschluss an die alte Clique wieder, und plötzlich gründet man eine Band und geht auf Tour. Nicht auf die grosse, sondern eher eine kleine spontane, bei der die Gage auch schon mal aus dem besteht, was die Leute in den Hut werfen. Der grosse Durchbruch bleibt aus, man geht wieder auseinander, will später weitermachen, doch davon erfährt man nichts genaues, denn vorher ist das Buch aus.

Wie Saufen mit der besten Freundin

Ein unangenehm oranger Aufkleber vorne auf dem Buch erklärt, dass das Buch wie Saufen mit der besten Freundin ist. Hinten gibt es ein kaum lesbares Zitat, dass von einem Pop-Roman spricht, den der Zitatgeber kaum noch für möglich gehalten hat. Irgendwo dazwischen liegt wohl die Wahrheit.
Chemnitz ist vermutlich der letzte Ort, den sich eine Autorin oder ein Autor für einen Roman aussuchen sollte. Aber wie Paula Irmschler zeigt: Es funktioniert trotzdem. Insbesondere lockert es das Vorurteil, dass in Chemnitz nur braune Socken leben. Offensichtlich doch nicht, auch wenn sie manchmal in der Überzahl zu sein scheinen, zumindest bei Aufmärschen. Die Protagonistin ist gerne bei Gegendemos dabei und fühlt sich in der linken Szene verortet, was aber auch kein Zuckerschlecken ist. Die Mädelsband scheint die richtige Sache zu sein, um heil aus allem rauszukommen. Jedenfalls hat sie eine therapeutische Wirkung, denn auch die Traumatisierung, immer als „Dicke Randfigur“ zu gelten wird am Ende aufgelöst.

Ironie gegen Kitsch

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Dass das alles nicht zu einer superkitschigen Matsche gerät, ist der Ironie zu verdanken, mit der die Autorin ihre Protagonistin und das Begleitpersonal liebevoll ausgestattet hat, und die die kleinen Macken – zum Beispiel den Hang zum Ladendiebstahl oder die frühe Vorliebe für Britney Spears – nicht allzustark in den Mittelpunkt rücken lässt. Nach dem Lesen hat man das Gefühl, das sich zur Not auch in Chemnitz leben liesse, und dass eine Zeit jenseits von brauner Hetze auch für diese Stadt zumindest vorstellbar ist.

„Superbusen“ von Paula Irmschler ist ein subjektives und manchmal etwas langsames Buch, das sich trotzdem gut lesen lässt. Ich weiss nicht, ob man es vielleicht noch in zehn Jahren lesen möchte, ich empfehle deshalb, es jetzt zu lesen. Es motiviert, Vorurteile auf ihren Sinngehalt zu prüfen, und es erinnert daran, wie wichtig Freundschaften sind. ♦

Paula Irmschler: Superbusen – Roman, 312 Seiten, Claassen, ISBN 978-3-546-10001-4

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den DDR-Roman „Frei“ von Roswitha Quadflieg & Burkhart Veigel

Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen (Gedichte)

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Zu nahe an der Prosa

von Bernd Giehl

Wenn man die neuen (eher kurzen) Gedichte in „Flügel zum Nichtfliegen“ des Basler Schriftstellers Roger Monnerat nacheinander liest – sagen wir jeden Abend ein paar, was durchaus möglich ist -, dann stellt sich nach und nach der Eindruck ein, hier beschreibe einer ein Leben. Vermutlich sein eigenes, denn er scheint ziemlich vertraut damit zu sein.

Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen - Gedichte, 136 Seiten, Morio Verlag, ISBN 978-3-945424-77-3
Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen – Gedichte, Morio Verlag

Zumeist sind es alltägliche Situationen, die Monnerat beschreibt. Das erste Gedicht beginnt tatsächlich mit dem Aufwachen am Morgen, und das einzig Unerwartete ist, dass die Erde stehen bleibt, während der Protagonist aufsteht, obwohl er ihr doch befohlen hat, sich weiterzudrehen – aber daraus folgt nichts.

Und so geht es weiter. Manchmal stutzt man, so beim Gedicht Nr. 3, wo Monnerat seinen Garten beschreibt und plötzlich fragt: „Wie sähe unser Brunnen / für die toten Kinder aus?“
Aber das gehört natürlich dazu, denn eine Lyrik, die man immer weiterlesen kann, ohne auch nur einmal den Kopf zu heben und zu blinzeln, ist zumindest in der Moderne nicht vorgesehen.

Mit der Kawasaki nach Italien

Abgehoben sind die Gedichte jedenfalls nicht. Tankstellen kommen vor, eine Kawasaki 550, mit der der Protagonist nach Italien fährt, auch von Sexualität ist die Rede. Zitat:

66

Monotone Stunden auf der Autobahn.
Zigaretten angebrannt und hinübergereicht,
im Radio Musik, die wegrauscht und wiederkehrt.

Später kleine Städte, die Namen
gleich wieder vergessen,
aber vom letzten Mal erinnert, ein Bistro,
mit Spiegeln an den Wänden. Gegenüber ein Tabac
und unter Platanen alte Männer auf Stühlen
im langen steinernen Brunnentrog plantschen Kinder.

Petra Krause hat das gemocht. Werner Sauber,
auf dem Weg hinunter ans Meer.

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Eigentlich bräuchte es keine Zeilenbrüche. Es könnte auch der Anfang einer Reisebeschreibung sein. Nur die letzten beiden Zeilen irritieren, weil man nicht weiss, ob das eine Erinnerung an Menschen ist, die man nicht kennt, oder eine Metapher, die man nicht versteht.

Manchmal setzt Monnerat sich auch mit der Lyrik anderer Dichter auseinander. So zum Beispiel in Gedicht Nr. 75 mit William Carlos Williams berühmtem Poem So much depends on a red wheel barrow:

75

Ob viel von der mit Regenwasser
gefüllten roten Stosskarette
unter weissen Hühnern
abhängt, ist Ansichtssache

Gut gemacht scheint mir
Cyrano de Bergeracs Nachtigall
die, auf einem hohen Ast sitzend,
sich tief unten im hellen Bach
zwischen den Steinen gespiegelt sieht
und glaubt, sie sei ertrunken.

Gewiss kann man über Williams‘ Gedicht diskutieren, weil es so kurz und scheinbar banal ist, aber ob man darüber wiederum ein Gedicht schreiben sollte, erscheint mir doch fragwürdig.
Andere Gedichte erzählen in kurzen Skizzen von Erfahrungen, die fast jeder kennt:

81

Wo ein Haus zwischen Birken steht
Und Wäsche aufgespannt an der Leine hängt
Werfe ich die Last ab und will bleiben.

Du stehst am Fenster und siehst mich mit Erstaunen.

Kennst du mich noch?

Gibt es einen anderen?

Hast du Kinder? Und wie viele?

Vor der Garage steht ein Motorrad.
Fahrräder liegen im Gras.

Ich schultere meine Last und gehe.

Das Wiedersehen mit Menschen, die man einmal geliebt hat, ist ein bekanntes Thema in der Literatur. Monnerat hätte zweifellos mehr daraus machen können; Wenn man das Bild von der „Last“ abzieht, könnte das auch „nur“ eine Kurz- bzw. Kürzestgeschichte sein.

Wahrscheinlich ist es dies, das mich stört: Monnerats Gedichte scheinen mir zu wenig verdichtet, zu nah an der Prosa zu sein. Mehr oder weniger sind es plane Alltäglichkeiten, ausgehend von einer Beobachtung oder einem Gedanken – und oft steht am Ende die Moral von der Geschicht‘.
Man kann sich damit zufriedengeben. Für mein Empfinden ist es ein bisschen zu wenig. ♦

Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen – Gedichte, 136 Seiten, Morio Verlag, ISBN 978-3-945424-77-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Gedichte auch über Jörg Schieke: Antiphonia

… sowie über den Lyrik-Band von Peter Klusen: Augenzwinkernd

Gerwin van der Werf: Der Anhalter (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Ein Mann geht durch die Wand

von Christian Busch

Der neue Roman von Gerwin van der Werf „Der Anhalter“ nimmt ein beliebtes und unerschöpfliches Motiv der Literatur auf: Das Wandern und Reisen. Allerdings entkleidet der Autor seine Protagonisten allen romantisierend-verklärten „Fernwehs“, das Buch hält teils psychologisch schwer verdauliche Kost parat.

Gerwin van der Werf: Der Anhalter - Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669
Gerwin van der Werf: Der Anhalter – Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669

Schon in der Antike brach Homers Odysseus voller Tatendrank von Ithaka zu seinen Irrfahrten auf, um vieler Menschen Städte zu sehen, von deren Sitten zu lernen, seine Seele zu retten und dabei auch viele Leiden zu erdulden. Im Mittelalter wurde in entfernte Wallfahrtsorte gepilgert, um Seelenheil und Weltkenntnis zu erlangen. Der kleine Landadelige Alonso Quijano beschloss als fahrender Ritter Ruhm zu erwerben und in die Welt hinaus zu ziehen, um als „Ritter von der traurigen Gestalt“ zurückzukehren. Die Romantiker zog es – von Goethes „italienischer Reise“, der glücklichsten Zeit seines Lebens, inspiriert – in den Süden, um dort über die Befreiung ihrer Seele die Vervollkommnung ihrer Kunst zu erlangen, wogegen Thomas Manns Gustav von Aschenbach in Venedig den Tod fand. Kurzum: Das Motiv des Wanderns und Reisens gehört zu den beliebten und unerschöpflichen der Literatur, denn wie Matthias Claudius schon vielsagend besang: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“.

Selbstzweifel und Ohnmacht

Psychologisch qualitätsvoll erzählend: Der niederländische Autor Gerwin van der Werf (*1969)
Psychologisch qualitätsvoll erzählend: Der niederländische Autor Gerwin van der Werf (*1969)

Auf solchen Spuren wandelt auch der neue Roman „Der Anhalter“ des niederländischen Autors Gerwin van der Werf, indem dieser seinen Protagonisten Tiddo in den höchsten Norden – die graue, karge, von Vulkankratern und Gletscherzungen durchzogene Mondlandschaft Islands – schickt. So wie seine namhaften Vorbilder verspricht sich auch Tiddo, der mit seiner Frau Isa und seinem Sohn Jonathan in einem Wohnmobil auf Tour geht, von der Reise viel; es soll schliesslich die Reise ihres Lebens werden. Es gilt seine in einer Krise befindliche Ehe zu retten und wieder einen Zugang zu seinem Sohn Jonathan zu finden, einem zeichnenden, zum Sonderling heranwachsenden Dreizehnjährigen. Isa, die hübsche, attraktive und erfolgreiche Wissenschaftlerin und Tiddo, nur einer anspruchslosen Bürotätigkeit frönend, haben eine Fehlgeburt ihres zweiten Kindes nicht verarbeiten können und sich auseinandergelebt. Tiddo, der Isa nach wie vor begehrt, quälen Selbstzweifel und Ohnmacht, während ihm seine Familie entgleitet.

Inmitten von Geysiren und Schotterwüsten

Ob die beiden allerdings in der eisigen, unwirtlichen Wildnis des mystischen Island auftauen, erscheint schon zu Beginn fraglich. Zur Beunruhigung trägt auch bei, dass Tiddos Mutter vor und während der Reise telefonisch nicht erreichbar ist. In der aus der Ich-Perspektive Tiddos erzählten Geschichte taucht dann ein junger Anhalter auf. Er heisst Svein, ein nordischer Riese, den, wenn er sich die Strähne aus den blonden Haaren wischt, eine lässige und faszinierende Schönheit auszeichnet, findet Tiddo – und später auch Isa.

Island - Vulkangestein und Gletscherzungen - Glarean Magazin
Mystische Küstenlandschaft mit Vulkangestein und Gletscherzungen: Island

Obwohl Svein es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und der Kleinfamilie hie und da lästig wird, gelingt es nicht ihn abzuschütteln, verkörpert er doch in seinem ganzen Wesen das Element des Wegweisers, Initiators und Verführers, das der fast kommunikationslosen Kleinfamilie zu fehlen scheint, sie aber auch in ihren Grundfesten erschüttert. Soweit der vielversprechende, tragfähige und erzählerisch gekonnt in die mystische und rätselhafte Küsten- und Berglandschaft von Geysiren, Seen, Trollen und Stein- und Schotterwüsten eingebettete Plot.

Nicht erbaulich, aber künstlerisch stimmig

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Ohne das Ende verraten zu wollen – im Einband findet sich bereits der Hinweis auf Tiddos halsbrecherische Fahrt zum Kratersee Öskjuvatn – muss man festhalten, dass Werfs Roman nicht leicht verdaulich ist und dem Leser so manches Rätsel aufgibt. Hat der Autor seinen Plot bewältigt? Oder hat er – ebenso wie seine Erzählerfigur Tiddo – bereits vor der Reise die Flucht nach vorne angetreten und den Karren – im Stile eines an Egoshooter-Spiele erinnernden Amoklaufes – sprichwörtlich an die Wand gefahren und seine Geschichte wie ein Kartenhaus, quasi als Apotheose des Irrationalen, zusammenfallen lassen? Laufen die Erzählstränge um die Titelfigur Svein, aber auch um die unnahbare, mal alles beherrschende, dann zurückhaltende Isa und den ewig zeichnenden Jonathan – wie die Strassen Islands – ins Leere?
Dies ist für den Leser, der sich an gängigen Reise-Erzählungen orientiert, nicht erbaulich, aber künstlerisch – zwischen Folgerichtigkeit und Willkür pendelnd – durchaus stimmig. Spiegelt sich in Tiddos Griff zur Brechstange die bedingungslose Kapitulation, die gleiche Lust am Untergang wider, die schon dem dekadenten Gustav von Aschenbach in Venedig zum Verhängnis wird?

Gegenentwurf zur romantischen Reiseliteratur

Gerwin van der Werfs Roman „Der Anhalter“ kann auf Grund seiner erzählerischen Qualitäten und seines soliden Plots künstlerisch überzeugen. Die Frage, ob er seine Identifikationsfigur Tiddo nicht psychologisch stimmig, sondern marionettenhaft demontiert, darf gestellt werden. In jedem Fall stellt van der Werfs unbedingt lesenswerter Roman einen konsequenten Gegenentwurf zu der Reiseliteratur der romantisch verklärten Italiensehnsucht dar. Tiddo ist ein an Max Frischs Helden (Stiller, homo faber) erinnernder Antiheld, ein männlicher Versager, der, unfähig seine eigene Gefühlswand zu durchbrechen, durch die äusseren Wände geht – und womöglich doch besser nach Italien gefahren wäre. ♦

Gerwin van der Werf: Der Anhalter – Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Krimi-Roman von Susanne Goga: Der Ballhausmörder

Susanne Goga: Der Ballhausmörder (Kriminalroman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Zeitportait – Weichspülgang oder Entschleunigung?

von Isabelle Klein

Vielfalt statt Tanz auf dem Vulkan, das ist der Anspruch, dem sich die Autorin Susanne Goga in ihrem neuen Krimi „Der Ballhausmörder“ gemäss Klappentext stellt. Und doch scheitert sie an einer spannenden, sich entwickelnden und runden Darstellung in diesem siebten „Fall für Leo Wechsler“.

Die Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sind spätestens seit Kutschers Verfilmung des „Nassen Fisches“ unter dem TV-Serientitel „Babylon Berlin“ in aller Munde. Exzesse, Superlative, Pomp. Laster und schnelle Schnitte, so ist’s dem Mainstream wohl am liebsten – aber weniger ist mehr. Insofern hebt sich Goga mit ihrem Anliegen und ihrer Serie, die immerhin 2005 mit „Leo Wechsler“ premierte, also zwei Jahre vor Kurschers Erstling um Gereon Rath, wohltuend ab.

Susanne Goga - Der Ballhausmörder - Kriminalroman - dtv-Verlag - Literaturrezensionen Glarean MagazinEs fängt gelungen an. Ein stimmungsvoller Abend in Clärchens Ballhaus mit all den Nöten und Freuden der Besucher und Bediensteten mündet in einen tragischen Mord, Folge einer Verwechslung, wie recht schnell klar wird. Doch die stimmige Exposition, die mit Lunapark, Ballhäusern, Saalschwestern, Ringvereinen und einer spannenden Eingangslage starten kann, wird schnell obsolet, verliert sich im langatmigen und ereignislosen Spurensuchen, das mehr oder weniger zufällig zum Ergebnis führen. Ein Bonbonpapier als ausschlaggebendens Indiz, dazu eine recht offensichtlich konstruierte Fährte in Verbindung mit Wechslers Tochter – das ist zu schwach für einen guten Krimi.

Susanne Goga - Krimi-Autorin - Schriftstellerin - Glarean Magazin
Susanne Goga

Und Susanne Goga kann es fraglos besser: In „Nachts am Askanischen Platz“ gelang es ihr, das „cozy“ Erscheinungsbild ihrer ersten Romane, die definitiv eher an die weibliche Leserschaft gerichtet sind, aufzubrechen. Tiefer die Abgründe und Gefühle dort, spannender die Krimihandlung und die Nebenschauplätze sowieso.

Ohne Flair für falsche Fährten

Wo bleibt hier das Flair des Ballhauses, wo bleiben die falschen Fährten und Verwicklungen, die andere so gelungen aufgreifen und vertiefen?
Ich denke an Angelika Felendas Kommissär Reitmeyer, der bislang in drei Fällen in München in den Zehner Jahren des 20. Jahrhunderts ermittelt, aber mit wesentlich mehr Alltagswissen und menschlicher Tiefe. Oder Robert Baurs mit „Mord in Metropolis“ beginnende, bislang dreiteilige Serie um einen Berliner Exkommissar und Privatdetektiv, der Wechslers Kollege hätte sein können, der brillant die Zeit und Umstände schildert. Ebenso wie Harald Gilbers, der selbiges zu Ende des Zweiten Weltkrieges ansiedelt (bislang vier Bände).

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Leider gelingt es Susanne Goga für meinen Geschmack nicht, diesen Fall glaubhaft und vor allem empathisch und spannend dem Leser nahezubringen. Auch wenn der Fall in sich logisch und stringent ist, mäandern wir bzw. Wechsler vor uns hin, ringen mit Beziehungsproblemen des vorübergehend strafversetzen und dadurch vollkommen aus der Spur geratenen Kollegen Walther, der den Tritt nicht mehr zu finden scheint.

Nur auf dem Papier, nicht im Kopf

Im zu erwartenden Band 8 wird er so wohl für noch mehr NS-Probleme stehen, die derzeit ja durch die Ex-HJ-Mitgliedschaft des Wechsler’schen Nachwuchses Georg stattfinden. Dies erinnert wiederum stark an die Probleme, die Gereon und Charlotte Rath mit ihrem Adoptivsohn haben.
Kurz: Die Figuren sind zu schematisch und dienen durchweg einem bestimmten Zweck, statt einfach für sich selbst zu stehen und sich sinnigerweise weiterzuentwickeln. Sie bleiben durchgängig dem Papier verhaftet, statt sich im Kopf des Lesers zu entwickeln. Clara, Magda und Wechslers Tochter bleiben schmückendes Beiwerk, ohne Substanz. Ebenso wie viele der zu Beginn Eingeführten um Clairchens Ballhaus. Auch der Mörder bleibt – trotz der psychologischen Unterfütterung und dem kurzen Blick ins Innere sowie einer sechs Jahre zurückliegenden Tat – eine Papierleiche, die alles zwar plausibel erscheinen lässt, aber emotional eindimensional und merkwürdig belanglos bleibt.
Kurz: 320 Seiten, die durchaus nett zu lesen sind, aber bei einem gewissen Anspruch und bei Vertrautheit mit der damaligen Zeit, den Lebensumständen und historischen Ereignissen nicht zu überzeugen vermögen. ♦

Susanne Goga: Der Ballhausmörder (Kriminalroman), 320 Seiten, dtv-Verlag, ISBN 978-3-423-21808-5

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Krimi von Jo Nesbø: Messer (Komissar Harry Hole Band 12)