Tony Overwater (Bass) & Atzko Kohashi (Klavier): Crescent

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Alte Stimmung mit neuen Vorstellungen

von Horst-Dieter Radke

Mit dem Album „Crescent“ legen Atzko Kohashi (Klavier) und Tony Overwater (Bass) eine Hommage an den Saxofonisten John Coltrane vor, die ohne dessen Instrument auskommt und es trotzdem schafft, die Stimmung des alten Albums zu halten und mit neuen, eigenen Vorstellungen zu verknüpfen.

Die CD weckte sofort Erinnerungen, als sie vor mir lag. Und zwar an die frühen Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Da bekam ich eine bereits abgenudelte Platte von John Coltrane mit dem gleichen Namen. Die Erinnerung an das erste Hörerlebnis war sofort wieder präsent. Der langsame, fast hymnische Einstieg der Platte im gleichnamigen Stück und die folgenden prägnanten Improvisationen, die ich zumindest stellenweise schon nach kurzer Zeit mitsummen konnte, blieb auch in den folgenden Jahrzehnten erhalten. Würde es dieses Duo mit ihrer Neuinterpretation ohne Saxofon schaffen, dieses Hörerlebnis zu wiederholen?

Mehr als nur Wohlfühlmusik

„Crescent“ aus dem Jahr 1964 war vielleicht nicht Coltranes erfolgreichstes Album, vielleicht aber sein ruhigstes. Manche Kritiker bezeichnen es als meditativ, was aber nicht bedeuten soll, dass es Wohlfühlmusik ist, die Coltrane eingespielt hat. Diese ruhige-meditative Seite kommt auch in den Interpretationen von Kohashi/Overwater zur Geltung, und sie durchzieht ebenfalls die Kompositionen, die nicht von Coltrane stammen. Es beginnt mit „Wise One“, das auf Coltranes Album das zweite Stück ist. Das Klavier in dieser neuen Einspielung kommt klarer und akzentuierter, als MacCoy Tyner das in der alten Aufnahme schaffte, was zum Teil sicher auf die heutzutage besseren Aufnahmetechniken zurückzuführen ist. Dann übernimmt der Bass die Melodie und damit die Rolle von Coltranes Tenorsaxofon.

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Das klingt ungewohnt – aber nicht schlecht. Es zeigt recht schnell, dass Coltranes Kompositionen jenseits des ursprünglichen Instruments funktionieren. In den Improvisationen entwickeln sich beide dann eigenständig und halten sich nur noch insofern an Coltranes Vorlage, als dass sie die Grundstimmung nicht verletzten. Daraus resultiert ein schönes, entspanntes Zuhören. Schon beim ersten Mal hatte ich das Gefühl, es brauchte gar nicht aufzuhören. Das im Original mehr als achtminütige Stück wird auf der neuen Einstellung auf fünf Minuten komprimiert, was ihm jedoch nicht schadet.

Beide Interpreten gehören zu den Bewunderern Coltranes. Es war keineswegs geplant, dessen Musik aufzunehmen, als sie sich zu den Aufnahmesessions trafen, sondern ergab sich zwanglos aus der Erinnerung an das große Vorbild. Sie meinten auch, so schreiben sie im Booklet, heilende Aspekte in Coltranes Musik erkannt zu haben.

Gleichberechtigung von Bass und Klavier

Aber selbstverständlich ist es dann auch wieder spannend, den anderen Titeln zuzuhören. Das Duo übernimmt drei Kompositionen aus dem gleichnamigen Coltrane-Album: Wise One, Lonnie’s Lament und Crescent, sowie Mr. Syms aus dem Folgealbum My Favorite Things. Zwei Songs des Jazzbassisten Charlie Haden, und einer von Bob Haggart, ebenfalls Bassist, sowie eine Komposition von Tony Overwater ergänzen das Album.

Jazz-Komponist und Bassist Tony Overwater - Glarean Magazin
Der Jazz-Komponist und -Bassist Tony Overwater (*1964 in Rotterdam)

Man könnte meinen, es sei etwas basslastig geraten, aber beim Hören ergibt sich doch ein anderer Eindruck. Klavier und Bass ergänzen sich ausgesprochen gut. Dadurch, dass der Bass immer wieder mal die Melodieführung übernimmt – nicht nur bei Improvisationen – bekommt das ganze Album einen sehr ausgewogenen Charakter. Es ist kein Klavieralbum mit Bassbegleitung, beide Instrumente stehen sich gleichberechtigt gegenüber. Für ein tiefes Instrument wie den Bass ist das nicht ganz einfach, aber Tony Overwater ist nicht der erste, dem dies gelingt. Die Pianistin unterstützt ihn mit teilweise minimalistischer Begleitung, aus der sie sich dann für ihre Improvisationen nicht plötzlich, sondern sehr angemessen und einfühlsam hervorspielt.

Nicht spektakulär, aber herausragend

John Coltrane - Jazz-Musiker - Glarean Magazin
Jazz-Legende: John Coltrane (1926-1967)

Crescent“ ist das fünfte Stück auf dem Album, nicht der Opener, wie beim Original. So wird es zum Mittelpunkt und Höhepunkt der CD. Overwater überrascht mit einem gestrichenen Bass, der bei den ersten Klängen beinahe an ein Saxofon erinnert. Das letzte Stück ist ein Song von Frank Sinatra (As Long As There’s Music), komponiert von Jule Styne, das sich hervorragend als Ausklang des Albums eignet.

Zusammengefasst: Ein vielleicht nicht spektakuläres, aber auf jeden Fall herausragendes Album, das nicht nur beim ersten Anspielen gefällt. Es taugt absolut nicht als Hintergrundmusik, weil es immer wieder zum genauen Zuhören verlockt. Und es verliert auch nicht, wenn man zum Vergleich die alte Platte von Coltrane hört. Eher entsteht der Eindruck, dass es den Interpreten gelingt, neue Aspekte aus den Kompositionen herauszulocken, ohne den Ursprung zu verschleiern. ♦

Tony Overwater/Atzko Kohashi: Crescent, Audio-CD, Label Jazz in Motion Records (Challenge Records International), 50 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jazz-Musik auch über Kenny Garrett: Sounds from the Ancestors

…sowie über die Jazz-CD Rudi Berger featuring Toninho Horta

Hörbuch: Paris – Werke von Rainer Maria Rilke & Erik Satie

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Spaziergang mit Rilkes Alter Ego

von Christian Busch

In ihrem Hörbuch „Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie“ laden Marit Beyer (Sprecherin) und Olivia Trummer (Klavier) zu einem literarisch-musikalischen Spaziergang durch das Paris der Jahrhundertwende ein. Zu Rilkes Gedichten und Auszügen aus dem 1908 vollendeten Tagebuchroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ erklingen Saties „Gnossiennes“ und „Gymnopédies“.

Paris - Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie - Marit Beyer und Olivia Trummer - HörbuchWer hat nicht – zu Corona-Zeiten oder auch an einem trist-trüben Novembertag – mit einem Spaziergang durch das wie keine andere Stadt zum Promenieren einladende Paris geliebäugelt? Prächtige Bauten, belebte Boulevards, reges gesellschaftliches Treiben und buntes Amusement in großzügig angelegten Parkanlagen mit verführerisch posierenden Statuen und Skulpturen. Mit der neuen CD im Diwan-Hörbuchverlag flanieren wir Seite an Seite mit Rilke, respektive dessen lyrischem Ich oder Alter Ego Malte Laurids Brigge durch die so vielfältige Impressionen bietende französische Metropole der Jahrhundertwende.

Vom Äußeren zum Inneren

Herbsttag in den Tuilerien von Paris - Glarean Magazin
Herbsttag in den Tuilerien von Paris

Es beginnt an einem sonnigen Herbsttag in den Tuilerien, der uns über zunächst über Gesichter der Menschen philosophierend zur Angst führt, die den Dichter beim Anblick einer Frau in der Rue Note-Dame-des Champs, die ihr Gesicht in den Händen verbirgt, überkommt. Auch einen an Krücken gehenden Menschen fasst des Lyrikers feine Beobachtungsgabe ins Auge, die – ausgehend von einer präzisen Wahrnehmung des Äußeren – das Innere enthüllt.
Wir streifen an den Buchhändlern an der Seine (Bouquinistes) vorbei und betrachten verzückt Rilkes „Karussell“ im Jardin du Luxembourg, das selige Lächeln der Kinder im atemlos-blinden Spiel. Im Jardin des Plantes begegnen wir Rilkes berühmten „Panter“, der uns des Dichters inneren Käfig enthüllt, und den ins Imaginäre und Erotische verweisenden „Flamingos“.

Der Dichter spricht

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Höhepunkt unserer Promenade ist jedoch der Besuch in der Bibliothèque Nationale. In der wohltuenden Umgebung von 300 in ihre Lektüre vertieften Lesern spricht Malte Laurids, der die Komödie des Ausländers mit bereits leicht verschlissenem Anzug, aber reinem Kragen bewusst spielt. Sein Gewissen ist das eines Heimatlosen, dem die ihn hartnäckig verfolgenden, zwielichtigen Passanten, die sich ihm verbunden fühlen, unheimlich sind. Hier verrät er uns – nach dem Eintritt in die literarische Welt hinter der Glastür – seinen heimlichen Traum vom Dichter, der im Giebelzimmer eines stillen Hauses im Gebirge ein glückliches Schicksal im Lehnstuhl pflegt. Dieser wisse und schreibe von Mädchen, die vor 100 Jahren gelebt hätten, in ein gelbliches, elfenbeinfarbenes Buch. Ihm dagegen regnet es – (ob)dachlos – in die Augen, denn er ist – das wird offenbar – selbst eine der vielen Großstadtrandgestalten. Der Kreis schließt sich.

Beginn der Gymnopédie Nr. 1 für Klavier von Erik Satie
Grandiose Miniaturen der Introspektive: Gymnopédie Nr. 1 für Klavier von Erik Satie (Anfang)

Symbiose von Wort und Musik

Turm Muzot im Wallis - Wohnort von Rainer Maria Rilke - 1921-1926 - Glarean Magazin
Der mittelalterliche Turm „Muzot“ im schweizerischen Veyras, wo Rilke von 1921 bis 1926 lebte

Marit Beyer rezitiert die Texte des großen Sprachschöpfers und Mitbegründers der Moderne, der zwischen 1902 und 1925 immer wieder nach Paris gereist war, mit innerer Betroffenheit, flüsternder Spannung und beseelter Intensität. Ihr Stimme ist klar und artikuliert, ihr Vortrag von kühler Leidenschaft, die aber auch, wenn sich die Stimme senkt, die Zeit stille stehen lässt. Dann setzen Erik Saties berühmte „Gnossiennes“ und „Gymnopédies“ ein – grandiose Miniaturen der Introspektive, von Olivia Trummer mit dezenter Eindringlichkeit, niemals in den Vordergrund tretend, gespielt. Es ist kaum verblüffend, wie sie sich atmosphärisch nahtlos in die nachdenklich-melancholische Stimmung der „immensen Wirklichkeit“ von Paris einfügen und den Blick von der äußeren Beschreibung nach innen lenken.

Fazit: Ein sehr gelungenes Hörbuch eines literarisch-musikalischen Spaziergangs durch die Stadt der Kunst und der Liebe. Musik und Texte sind wunderbar aufeinander abgestimmt und spiegeln das „fluctuat nec mergitur“ einer Großstadt und ihrer einsamen Seelen stimmig wider. ♦

Marit Beyer (Sprecherin) & Olivia Trummer (Klavier): Paris – Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie, Der Diwan Hörbuchverlag, 1 CD (70 Minuten), ISBN 978-3-941009-82-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Rainer Maria Rilke auch über Jörg Schuster: Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900

… sowie zum Thema Erik Satie über Erik Satie: L´œuvre pour piano (Aldo Ciccolini)


 

M. Schäfer (Tenor) & M. Ungureanu (Klavier): Hommage à Dinu Lipatti

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„Losgelöst von jeder Erdenschwere“

von Jakob Leiner

Mit seiner jüngst erschienenen „Hommage à Dinu Lipatti“ gelang dem Duo Markus Schäfer (Tenor) und Mihai Ungureanu (Klavier) eine Einspielung von musikalischer wie historischer Bedeutung.

Hommage a Dinu Lipatti - George Enescu - Violeta Dinescu - Dinu Lipatti - Markus Schäfer, Mihai UngureanuMit einer verklärten, von chromatischen Parallelbewegungen unterlegten Melodie im Klavier beginnt der Liederzyklus „Cinq Chansons de Verlaine“, eingeleitet von der Sonett-Vertonung „À une femme“ aus den „Poèmes Saturniens“. Bald weicht der zarte tremolierende Anfangsgestus einer gewissen melodiösen Brutalität, von den beiden Interpreten wunderbar entwickelt. Große Bewegtheit, Eifersucht und inneres Drama werden über eine erweiterte Tonalität ausgedrückt, nur um in der vierten Strophe in reine Anbetung zu verfallen. Es ist das Zerren eines Verliebten, der seiner Muse ausgeliefert ist wie ein Suchtkranker, und eine bemerkenswerte Vertonung des Stoffs.

Der Pianist als Komponist

Dinu Lipatti - Klavier - Glarean Magazin
„Losgelöst von jeder Erdenschwere“: Lipatti während seines legendären letzten Recitals 1950 in Besancon/F

Dinu Lipatti – Dinu ist die Koseform von Constantin – wird bis heute in singulärer Einigkeit als einer der großen Pianisten des 20. Jahrhunderts bewundert. Bekannt ist das Wort Karajans über ihn: „Es war nicht mehr Klavierspiel, es war Musik, losgelöst von jeder Erdenschwere“.
Neben seiner ruhmreichen konzertanten Karriere trat sein kompositorisches Schaffen allerdings doch in den Hintergrund. Mit dieser Aufnahme wird also musikhistorische Aufarbeitung betrieben und das Bild des tragisch-früh verstorbenen rumänischen Künstlers damit vielfältiger und echter.
In „Le Piano qui baise une main frêle“ (Das Klavier, das eine schmale Hand küsst) nimmt ein berückender Dialog zwischen den beiden Interpreten seinen Anfang. Durch eigenständige Deutungsrollen, die Lipattis teils freie Textinterpretationen abbilden, und eine dem gesteigerten Realismus zugeneigten Tonsprache wird der „feine, unsichere Refrain“ Verlaines nochmals dupliziert. Die hier omnipräsente Anforderung einer hochgehaltenen Flexibilität in Ausdruck und Technik erfüllen Schäfer wie Ungureanu auf bemerkenswerte Weise.

„Quatre Mélodies“ von Dinu Lipatti

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Der zweite zu Lebzeiten vollendete Liederzyklus Lipattis, die „Quatre Mélodies“, basieren auf Texten von Arthur Rimbaud, Paul Valéry und Paul Éluard. Hier trifft hermetisch-surrealistische Dichtung auf eine reduziertere musikalische Ausgestaltung. So ist der Klavierpart deutlich zurückgenommen und fungiert mit wiederkehrenden rhythmischen Zellen als post-impressionistisch zu verortende Basis. In „Les pas“ (Die Schritte) entwickelt Schäfers eindringlich tastende Stimmführung eine geradezu bannhafte Wirkung, von beklemmenden Achtelbewegungen im Klavier ge- bwz. verleitet: Die albtraumhafte Szenerie eines zum Lauschen Verdammten tut sich auf.

Markus Schäfer - Tenor - Glarean Magazin
Tenor Markus Schäfer

Gefördert wurde Dinu Lipatti (1917-1950) unter anderem von einem Landsmann internationaler Bekanntheit: George Enescu. Dessen „Sept Chansons de Clément Marot“ bereichern die Aufnahme um eine Reihe außergewöhnlicher Stimmungsbilder. Lautenähnliche Arpeggio- und Akkordfolgen in der Klavierbegleitung untermalen die Renaissance-Texte, die minnetypisch das Leiden eines Liebhabers behandeln und von Schäfer angemessen affektreich teils gesungen, teils quasi-rezitiert werden.

Sphärisches Melodrama von Violeta Dinescu

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Die Klammer um die Stücke auf dieser kurzweiligen CD bildet Violeta Dinescus Gesangsszene „Mein Auge ist zu allen sieben Sphären zurückgekehrt…“ – einerseits als Hommage an Lipattis 100. Geburtstag, andererseits als auskomponierter Enescu-Bezug. Als Textgrundlage diente der 1953 in Bukarest geborenen und heute an der Universität Oldenburg lehrenden Künstlerin Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ aus dem frühen 14. Jahrhundert.
Das knapp 17-minütige Werk besticht durch seinen melodramatischen Charakter und die mehrdimensionale Verarbeitung der „paradiesischen“ Verse. Die expressive sängerische Improvisation durch auftaktige und ins Unendliche fragende Wortmelodien bei fast orchestraler Klavierbegleitung gelingt dem Duo Schäfer/Ungureanu auch hier derart ausgewogen und aufeinander abgestimmt, dass der Hörgenuss zuverlässig über die Zeit trägt. Alles in allem ein programmatisch wie musikalisch faszinierendes Album! ♦

Markus Schäfer (Tenor) & Mihai Ungureanu (Klavier): Hommage à Dinu Lipatti, Audio-CD, 54 Min, Label Dreyer Gaido 2021

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Lied-Kompositionen auch über „Bright Is The Ring Of Words“ für Bariton & Klavier

… sowie über Rikard Nordraak: Songs and Piano Music (CD)

Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten (CD – Tobias Koch)

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Eine neue Dimension

von Christian Busch

So mancher Bewunderer von Schuberts letzten Sonaten wird sich beim Anhören verschiedener Aufnahmen mal gefragt haben: Wie langsam kann, ja darf man das spielen? Mit welchem Tempo kommt man dem wahrhaftigen Schubert am nächsten, so dass die Zeit gesprengt wird und stillsteht?
Der Düsseldorfer Konzertpianist Tobias Koch hat sich nun – unter dem Motto „Zukunftsmusik“ – Schuberts letzten drei Klaviersonaten gewidmet und sie – originalgetreu auf dem Hammerflügel von Conrad Graf (Wien, 1835) aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum für das Innsbrucker Label Musikmuseum – neu aufgenommen.

Immer sind da diese Schritte. Die sich mühsam einen Weg durch die verschneite Winterlandschaft bahnenden Schritte des einsamen Wanderers. Missmut, Verzweiflung und tiefe Traurigkeit klingen an, ein Innehalten, ein hoffnungsvolles-, ja wehmütiges Erinnern, doch dann kehrt die schöne, aber resignativ-dumpfe Anfangsmelodie zurück. Der Kreis schließt sich. Ein schicksalhafter, auswegloser Gang, eine Flucht gar ohne Ziel? Wie tief kann sich ein Mensch in sich zurückziehen? An manchen Stellen stockt die Musik, einem Herzstillstand gleich. Ist das der Tod?

Suche nach dem wahren Schubert-Sound

Franz Schubert: Zukunftsmusik - Die letzten drei Klaviersonaten - Tobias Koch - Musik MuseumFragen, die beim Hören von Franz Schuberts letzter, geheimnisumwobener und einzigartiger Klaviersonate in B-Dur D 960 aufkommen. Das Werk eines 31-jährigen und doch eines seiner letzten. Schubert starb nur wenige Wochen nach der Vollendung. Ein tonales Vermächtnis eines Komponisten, der kurz zuvor am Grabe Beethovens gestanden hatte und mit dessen drei letzten Klaviersonaten ein ungeheures Erbe antrat, das zu ignorieren noch schwerer als es zu übertreffen war. Musikgeschichtlich der bedeutende Schritt von der Klassik zur Romantik. Eine Sonate, die – hat man sie einmal gehört – zum lebenslangen Begleiter werden kann.

Der inneren Tiefe angenähert

Pianist Tobias Kochs „Zukunftsmusik“ nähert sich Schuberts Monumentalität und innerer Tiefe mit ausgesucht bedächtigen Tempi, wenn er sowohl die melodischen resignativen Passagen auskostend ebenso wie die immer wiederkehrenden leidenschaftlichen Ausbrüche in ihrer ganzen Tiefe darzustellen sucht. Doch wäre es grob fahrlässig, seine Einspielung darauf zu reduzieren.

C-moll: Auf Beethovens Spuren

In der Sonate D958 kehrt Schubert mit der Tonart c-Moll, die er oft als Haupttonart einer Komposition gemieden hat, zum Modell Beethovens mit seinem kämpferischen Duktus zurück. Überdeutlich „zitiert“ er im Eingangsthema des Kopfsatzes aus Beethovens 32 Variationen in c-moll (WoO80). Doch in der Folge weicht das unruhige Drängen einer lyrischen Stimmung, die im zweiten Thema in ein „friedvoll-idyllisches Kreisen um Zentraltöne“ (Michael Wersin) mündet: Eine neue musikalische Welt!
So knüpft Schubert an den volkserzieherischen, heroischen Charakter seines Vorgängers nur an, um ihn als gescheitertes Unterfangen in die private Abgeschiedenheit, in die Innerlichkeit und den Raum der Liebe zu geleiten. Schubert wird damit zum Antipoden des an Aufklärung, Emanzipation und politischen Fortschritt glaubenden Beethovens.

Franz Schubert - Klaviersonate D958 - Beginn des Adagio - Glarean Magazin
„Tiefgründige Nachtwache“: Beginn des Adagio in Franz Schuberts Klaviersonate D958

Breite und klangvolle Deutung

Tobias Koch - Pianist - Glarean Magazin
Tobias Koch (geb. 1968 in Kempen/D)

Tobias Koch legt gerade diese ungeheure und gewichtig Neuerung in seiner breit und klangvoll angelegten Deutung frei. Das Hammerklavier ächzt und funkelt in unendlichen Schattierungen, so dass man das Gefühl hat, direkt neben Schubert auf einem alten Sofa mit ein paar losen Sprungfedern zu sitzen. An manchen Stellen scheint Johann Sebastian Bach mit auf dem Sofa zu sitzen. Das Adagio wird zur tiefgründigen Nachwache, das Finale ein erstaunlicher Triumph des sich kreativ entfaltenden Individuums. Der Pianist spielt alle Wiederholungen und präsentiert Schuberts c-moll-Sonate in fast 37 Minuten gewichtiger Tonrede.

Die 2. „Atlas“-Sonate

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Auch die A-Dur-Sonate D959 erinnert an Beethoven und stammt doch unverkennbar aus der romantischen Feder Schuberts, nicht nur mit den zwei immer wiederkehrenden Viertel-Schlägen aus dem von Schubert vertonten Heine-Lied „Der Atlas“ – ein Hinweis auf Schuberts persönliche Lebenssituation, die von Krankheit, Todesahnung und Resignation durchzogen war. Auch hier finden wir wunderbare melodische Abläufe mit „himmlischen Längen“ (Robert Schumann), welche den romantischen Charakter, die Hinwendung vom Öffentlichen ins Private, vom leidenschaftlichen Kampf zum sich seiner Liebe vergewissernden Herz ausmachen.

Unnatürlich verlangsamt

Kochs Zugriff kann hier im 1. Satz nicht recht greifen. Schon der Beginn klingt sperrig, zu stockend und unnatürlich verlangsamt. Der leichte melodienverliebte Fluss geht verloren, auch wenn einige Stellen unerhört gewichtig und auskostend geraten. In jedem Fall fällt es hier schwer, sich von vorherigen klanglichen Vorstellungen und Deutungen zu lösen. Es scheint aber, dass Kochs Zugriff eher der letzten Sonate vorbehalten und angemessen sein könnte. Das wird noch einmal im letzten Satz, dem Rondo, deutlich, auch wenn es auch hier großartige Momente ungeahnter Monumentalität und berückender Stille zu entdecken gibt.

Franz Schubert - Klaviersonate D959 - Auszug 1. Satz - Glarean Magazin
„Melodienverliebter Fluss“:  Zitat aus Franz Schuberts Klaviersonate D959

Das Vermächtnis: Sonate in B-Dur D960

Deutlich stimmiger ist Kochs Zugriff des Gewichtigen bei der letzten, eingangs bereits charakterisierten B-Dur Sonate, Schuberts pianistischem Schwanengesang, das sein umfangreichstes Klavierwerk ist, auch darin Beethovens in der gleichen Tonart komponierten Hammerklaviersonate ähnelnd. Hier kehrt der einsame Wanderer der Winterreise wieder, seine schweren Schritte, suchend, kreisend und sich im Nirgendwo verlierend.

Franz Schubert - Klaviersonate D960 - Beginn Andante sostenuto - Glarean Magazin
„An die letzten Dinge rührend“: Beginn des Andante sostenuto in Franz Schuberts Klaviersonate D960

Tobias Koch, so möchte man sagen, trägt Schubert auf Händen, nimmt sich alle Zeit der Welt, jegliche Schattierungen, Zwischentöne, Unterstimmen und versteckte Akkorde ans Licht zu befördern. Sein Vortrag ist durchgehend leidenschaftlich, mal jäh und donnernd, dann wieder tänzerisch leicht bis zärtlich streichelnd und von dem Bestreben beseelt, Schubert „letzte Worte“ zu entschlüsseln.

Innovativer Interpretationsansatz

Komponist Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel) - Glarean Magazin
Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel)

Das Hammerklavier erweist sich als kongenialer Partner, der nichts glättet oder einebnet, sondern Schuberts rauhe, unwirtliche Welt in ihren vielfarbigen Schattierungen hervorragend tonal widerspiegelt. Ein unerhörtes Klangerlebnis, das interpretatorisch eine neue Dimension erschließt. Nicht einmal bei Valery Afanassiev dauert der Kopfsatz so lange wie bei Tobias Koch (über 31 Minuten). Das Andante sostenuto gerät mit seinem choralartigen, feierlichen Ton einmal mehr zu einer berückenden, an die letzten Dinge rührenden Introspektive der romantischen Seele. Das Finale greift den innovativen Interpretationsansatz auf und schließt die überzeugende Darbietung mit großer Eindringlichkeit ab.

Eine neue Schubert-Dimension

Die neuen Einspielungen von Tobias Koch erweitern das Spektrum der Interpretationen von Schuberts Klaviersonaten um eine neue Dimension. Seine Deutung ist nicht geprägt von virtuosem Zur-Schau-Stellen pianistischer Virtuosität, sondern vom „heißen Bemühen“ um Schuberts einzigartige Werke. Sie stellen vertraute Klangvorstellungen in Frage und liefern auf einem historischen Instrument höchst interessante Alternativen, welche nicht nur den Schubert-Liebhaber zum Überdenken seiner Hörgewohnheiten bringen kann. ♦

Zukunftsmusik – Franz Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten, Tobias Koch (Fortepiano Conrad Graf – Wien um 1835), Musik Museum

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema klassische Klaviermusik auch über die neue CD von See Siang Wong: Fantasia – Werke von Beethoven


 

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Werke von Beethoven

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Virtuoses und farbenreiches Klavierspiel

von Mario Knöpfler

Bitte nicht noch eine Beethoven CD? Das Beethoven-Jahr 2020 im Rahmen seines 250. Geburtstages fiel wegen der Corona-Pandemie ins Wasser. Nun wurden, um den Jubilar zu ehren, die Feierlichkeiten bis 2021 verlängert. So präsentiert uns auch der Pianist See Siang Wong – nach einer beeindruckenden und umfangreichen Diskographie bei Decca und Sony – das erste Album seiner Beethoven-Trilogie, „Fantasia“, die er mit den „Fantasie“-Klavierwerken des Meisters gestaltet: Den beiden op. 27 Sonaten, der Fantasie op. 77, und – als Schlusswerk – der Chorfantasie op. 80.

Wong möchte uns vor allem unbekanntere Perlen des Komponisten näherbringen. Dass die Mondschein-Sonate op. 27/2 etwas aus dieser Dramaturgie herausfällt, stört nicht, da der chinesisch-schweizerische Konzertpianist See Siang Wong mit seiner höchst persönlichen Interpretation besticht.
So ist der Anfang der „Mondschein“ bei ihm nicht ein sentimentales Adagio mit Mondesschimmer, sondern wirkt wie eine düstere gespenstische Geisternacht. Die langsamen Triolen rauschen wehmütig wie der Wind über den Gräbern und die punktierten Rhythmen ertönen rau wie Todesglocken. Wong setzt dabei quasi buchstäblich die Anweisungen Beethovens um, für den ganzen Satz nur ein einziges Pedal zu nehmen – und das lässt sich hören: Die leicht dissonierenden Harmonien und Farben wechseln sich ab und bewirken, dass die Klänge melancholisch zu schweben beginnen. Es entstehen so unerhörte Klangfelder im Raum, die einen an eine fast impressionistische Klangsprache erinnern.

Donner und Blitz

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Als Kontrast interpretiert er den zweiten Satz leichtfüssig und spontan, wie ein Zwiegespräch. Ein kleines Intermezzo zwischen den zwei gross angelegten Ecksätzen, oder wie Liszt es so schön nannte: „Wie eine Blume zwischen zwei Abgründen“.
Nahtlos geht Wong dann „attaca“ über in den Prestissimo-Satz, mit stürmischem Drang und voller Energie. Plastisch wirkt seine Klavierkunst, und selten wurde das Finale mit so viel Donner und Blitz gehört und gespielt!

Betörend schlicht

See Siang Wong - Pianist - Glarean Magazin
Virtuoses und klangsinnliches Klavierspiel: „Fantasia“-Pianist See Siang Wong (Foto: SRF / Christoffel)

Die Sonate „Quasi una Fantasia“ op. 27.1 ist zu unrecht die weniger bekannte der zwei Sonaten. Beethoven hat sie noch mehr wie eine grosse Fantasia auskomponiert. Die vier Sätze gehen direkt ineinander über und machen das Werk in seiner Gesamtarchitektur zu einer der interessantesten Sonaten Beethovens.
See Siang Wong spielt die Sonate mit einer betörenden Schlichtheit und dem Verständnis für die Form und Struktur. So wirkt der erste Satz erfrischend neu und klar. Das Seitenthema mit punktierter Artikulation tönt in seiner Interpretation ungewöhnlich, keck und leicht wie einer Opernarie. Rossini schaut hierbei zu um die Ecke! Auch den anderen Sätzen zeichnen sich aus durch ein wunderbar sprechendes und farbenreiches Spiel, den Fantasia-Charakter der Sonate zurecht.

Virtuose Spielfreude

Ludwig van Beethoven am Klavier - Glarean Magazin
Beethoven am Klavier im Kreise von Adepten

Die Fantasia op. 77 ist vielleicht auf dem Album das kurioseste der Werke. So hat Beethoven diese selber an seinem legendären Akademie-Konzert vom 22. Dezember 1808 gespielt – ein Konzert, das mit einem Mammutprogramm von fünf Stunden (darunter das 4. Klavierkonzert und zwei Sinfonien sowie die Chorfantasie) eigentlich unmöglich war für das Publikum. Beethoven hat dabei die Fantasia improvisiert und danach aufgeschrieben. Sie ist wahrscheinlich die einzige wirklich überlieferte Improvisation Beethovens.
Wong kann den dramaturgischen Verlauf des Werkes nachempfinden und gestaltet die verschiedenen Variationen und Umspielungen des Themas mit viel Spielfreude und Virtuosität.

Dialogisierend und klangsinnlich

Ludwig van Beethoven - Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester - Anfang - Glarean Magazin
Ludwig van Beethoven: Anfang der Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester

Am Schluss ertönt die fulminante Chorfantasie op. 80. Sie hat eine unkonventionelle Besetzung mit Chor, Orchester und Klavier und war ein Fiasko bei der Uraufführung im Akademie-Konzert. Das Orchester geriet mit Beethoven als Solisten wegen eines Missverständnisses um eine Wiederholung völlig auseinander: Beethoven spielte sie, das Orchester nicht, ein grosser Tumult brach aus.
Da wäre Beethoven wohl vollends zufrieden gewesen mit der vorliegenden Einspielung, worin See Siang Wong gemeinsam mit dem RSO Wien und dem Wiener Singverein unter der Leitung von Leo Hussain wunderbar dialogisierend und mit viel Gespür für Klangsinn dem Text von Kupfer gerecht werden: „Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor, hat ein Geist sich aufgeschwungen, hallt ihm stets ein Geisterchor“. Einer der gelungensten Aufnahmen dieses Werks und eine schöne Krönung des ersten Teils von Wong’s Beethoven-Trilogie.
Zum Glück doch noch eine Beethoven CD! ♦

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Trilogy 1 mit Beethoven-Klaviermusik, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Wiener Singverein, Leo Hussain (Dirigent), Audio-CD RCA Red Seal (Sony Music)


Mario Knöpfler

Geb. 1957 in St.Gallen, langjährige Tätigkeit beim Schweizer Radio und Fernsehen als Redakteur und Produzent, lebt in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Beethoven auch über den Musik-Kalender 2020: Beethoven und ich

… sowie über Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern


 

Khatia Buniatishvili: Labyrinth (Klavier solo)

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Im Irrgarten des Geistes

von Jakob Leiner

Es ist wahr, hat man das suchende Element in dem neuen Album „Labyrinth“ von Khatia Buniatishvili einmal registriert, scheint es sich mit jedem Höreindruck noch zu potenzieren. Und hier könnte man bereits zu einem Kern der „Labyrinth“ betitelten Einspielung, Ende 2020 bei Sony Classical erschienen, vorgedrungen sein: das Suchende als Wiederholung, als eine sich selbstverstärkende, fast repetitive Kraft, die brachial nicht sein muss.

Labyrinth Khatia Buniatishvili (Klavier), Erik Satie (Komponist), Ennio Morricone (Komponist) und weitere - Audio CDIn Buniatishvilis Auswahl der Stücke sowie ihrer liebevollen Interpretation äußert sich neben dem Suchenden eine zweite Wirkungsebene von hochwirksamer Sinnlichkeit. Das gilt sowohl für Filmmusikalisches wie „Deborah’s Theme“ von Ennio Morricone („Once Upon a Time in America“) als auch für „unser aller“ Bach, u.a. vertreten mit der (angejazzten) „Badinerie“ aus der zweiten sowie seiner genialen „Air“ aus der dritten Orchestersuite.

Grenzen zwischen E- und U-Musik aufgelöst

Buniatishvili scheut sich nicht, die Grenzen der sogenannten E- und U-Musik, ohnehin ein ältliches und durchaus umstrittenes Klassifikationsschema, mit der Anordnung der kurzen Einzelwerke aufzulösen. Das gelingt, weil sie sich der Musik sämtlicher Genres (bzw. Epochen) mit derart unvoreingenommener Zärtlichkeit nähert, dass jene zum „Mörtel“ des gesamten Albums werden kann. Der Ohrwurm-Charakter der allesamt wohlbekannten Stücke erleichtert natürlich die Rezeption um eine gewisse intellektuelle Anforderung, die ja nicht immer intendiert sein muss.

Couperin - Les Barricades Mysterieuses - Glarean Magazin
Neben S. Rachmaninov, S. Gainsbourg, J.S. Bach und A. Pärt: „Les Barricades Mysterieuses“ von F. Couperin

Was beliebig scheint – folgt auf die berühmte Rachmaninov-Vocalise doch eine Transkription des wunderbaren Gainsbourg-Chansons „La Javanaise“ (Juliette Gréco lässt grüßen), an welchen sich Couperins „Les Barricades mystérieuses“ anschließt, nur um wieder zu einem Bach’schen Arrangement (der „Sicilienne“ nach Vivaldis „Concerto Op. 3, Nr. 11“) zu springen – diese stilistisch mutige Abfolge erklärt sich beim Hören von selbst. Buniatishvilis tatsächlich schwervergleichliche Feinheit im Anschlag spannt den Bogen sowie eine gewisse Verklärtheit, die nicht als Pathos missverstanden werden darf.

Introvertierte Musik-Sammlung

Die französisch-georgische Pianistin möchte dieses Konzeptalbum nicht als Beispiel ihrer enormen Virtuosität (man denke nur an Schumanns Klavierkonzert mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Paavo Järvi) verkaufen – nein, es ist eine stille, geradezu introvertierte Musiksammlung, die sie vorlegt.
Arvo Pärts reduktive Gebetskomposition „Pari intervallo“ steht stellvertretend für das Ausmaß an meditativer Versenkung, die zeitweise erreicht wird. Zwei streng parallel geführte Linien, dem persönlichen Tintinnabuli-Stil des estnischen Komponisten folgend, bilden über knapp acht Minuten hin ein klares klangoptisches Muster, das von Es-Moll-Dreiklängen bestimmt wird. Nicht nur (Selbst-)Spiritualität zugeneigte Menschen werden der Transzendenz, die hier zusammen mit Schwester Gvantsa Buniatishvili zu vier Händen meisterhaft transportiert wird, etwas abgewinnen können.

Von Bach bis Cage

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Natürlich darf in einer solchen durchaus nach philosophischen Gesichtspunkten festgelegten Stückauswahl auch John Cages „Nichtwerk“ „4’33“ nicht fehlen. Frühlingshafte Realklänge wie entferntes Vogelgezwitscher werden, dem CD-Booklet nach auf einem Friedhof aufgenommen, zur aleatorischen Musik von hoher imaginativer Wirksamkeit. Bezeichnend, dass die Künstlerin kurze kontemplative Texte zu jedem Werk selbst verfasste – das Labyrinth als Sinnbild für einen Lebensweg, der Verirrung gewissermaßen beinhalten muss und den man trotzdem selbstreflektiert und bewusst zu gehen in der Lage ist. Zugleich schwingt die Aufforderung mit, die intrinsische Ordnung, für die der Albumname ebenso steht, aus metaphysischer Vogelperspektive sowohl wahrzunehmen als auch zu ergründen.

Schnulzige Gesten neben überzeugender Seriösität

Virtuose Sinnlichkeit - Die Pianistin Khatia Buniatishvili - Musik im Glarean Magazin
„Virtuose Sinnlichkeit und intrinsische Ordnung“: Die Pianistin Khatia Buniatishvili

Es lässt sich nicht vermeiden, dass der Gestus an manchen Stellen mit dem Schnulzigen liebäugelt, jedoch verliert er nie eine seriöse Überzeugungskraft. Die Ligeti-Etüde „Arc-en-ciel“ oder Johannes Brahms melancholisches „Intermezzo in A-Dur“ aus den 6 Klavierstücken bestätigen jene interpretatorische Reife, die der erst 33-Jährigen vielfach attestiert wird. Das empfindsame Spiel mit Zwischenstimmen kennzeichnet auch die Liszt-Consolation in Des-Dur als „poetischer Gedanke“.
Somit ist „Labyrinth“ ein gewagtes wie sensibles Album, das genau durch diese Mischung besticht. Der Bezug auf jene neoromantische Konzeption des menschlichen Geistes als wechselseitiges Eintauchen und Eingetauchtwerden in die Vielfalt einer Weltbeseeltheit ist in pandemischen Zeiten ebenso heilsam wie wahr. Wehe dem, der anders spricht… ♦

Khatia Buniatishvili (Klavier): Labyrinth (Div. Komponisten) Audio-CD, Label Sony Classical


Jakob Leiner - Lyriker, Musik, Arzt - Glarean MagazinJakob Leiner

Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klaviermusik auch über Komitas: Seven Songs (Pianistin: Lusine Grigoryan)

… sowie über: Severin von Eckardstein plays Robert Schumann – Ein Plädoyer für die Romantik

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Das Klavierwerk von Ernest Bloch & Ferruccio Busoni


Kompositionswettbewerb 2020 für Klavier und Orchester

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Klavierkonzerte mittleren Schwierigkeitsgrades

Klavier-Musik - Piano-Noten - Glarean MagazinDas Institut für Musik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg schreibt seinen 20. internationalen Kompositionswettbewerb aus. Eingesandt werden können Werke für Klavier und Orchester. Es ist möglich, mehrere Partituren einzureichen, die jeweilige Aufführungsdauer sollte maximal zehn Minuten betragen. Der Wettbewerb bezweckt, das Repertoire für zeitgenössische Musik mittleren Schwierigkeitsgrades zu erweitern.

Die Kompositionen dürfen weder veröffentlicht noch aufgeführt worden sein. Es gibt keine Altersbegrenzung, auch die inhaltliche Ausrichtung der Werke ist freigestellt. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2020, hier finden sich die weiteren Einzelheiten der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Ausschreibung zum Internationalen Kompositions-Wettbewerb Ise-Shima-Art 2021

… sowie über den NIPOS-Kompositionswettbewerb 2021 für Kinderchor

Ausserdem: Internationaler Kompositionswettbewerb für Harfe


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The Institute for Music of the Carl von Ossietzky University Oldenburg is announcing its 20th international composition competition. Works for piano and orchestra can be submitted. It is possible to submit more than one work, the respective performance duration should not exceed ten minutes. The competition aims to expand the repertoire for contemporary music of medium difficulty.

The compositions must not have been published or performed. There is no age limit, and the content of the works is also optional. The deadline for entries is 31 December 2020. (See the links above) ♦

Erik Chisholm: Violinkonzert & Dance Suite (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Legendenhafte Stimmung trifft manische Vehemenz

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Seit jeher haben es Komponisten Albions schwer auf „dem Kontinent“. Schon Elgar wird auf deutschen Podien – sieht man von den „Enigma-Variationen“, dem „Cellokonzert“ und dem Marsch „Pomp and Circumstance Nr. 1“ einmal ab – nicht eben häufig gespielt. Ralph Vaughan Williams‘ ergeht es noch schlechter, und von Holst, Bridge, Walton, Scott, Moeran, Alwyn, Brian, Arnold, Howells und vielen, vielen anderen muss man an dieser Stelle schweigen. Noch unbekannter sind die meisten schottischen Komponisten – Komponisten, für deren Werk sich seit vielen Jahren der britische Dirigent Marytn Brabbins einsetzt.

Erik Chisholm: Violinkonzert / Dance Suite for Orchestra and Piano / Preludes from The True Edge of the Great World, Matthew Trusler (Violine), Danny Driver (Klavier), BBC Scottish Symphony Orchestra, Martyn Brabbins, Audio-CD, 63 Minuten, Hyperion CD-LabelEiner jener grossen Unbekannten ist Erik Chisholm. Auf einer jüngst bei dem britischen Label Hyperion erschienenen CD präsentieren Brabbins und das BBC Scottisch Symphony Orchestra nun verschiedene Orchesterwerke des aus Glasgow stammenden Komponisten und Dirigenten. Es sind keine Werke, die in irgendeiner Form einen romantisierenden Schottland-Topos bedienen würden. Nicht umsonst nennt John Purser (in seinem hervorragenden einleitenden Essay) ihn darum „Den Modernen aus Schottland“.
Denn ein Moderner war Chisholm durch und durch. Als Konzertveranstalter hat er Bartók und Hindemith nach Glasgow geholt, hier hat er auch immer wieder Werke von Florent Schmitt und Karol Szymanowski und Casella aufgeführt, und als Komponist entwickelte er – wie es Purser zurecht anmerkt – eine moderne „Tonsprache ohne Vorbild“ und hinterliess ein Werk, das ein „wahres Abenteuer in emotionaler und intellektueller Hinsicht“ ist.
Grosses Interesse zeigte Chisholm sein Leben lang an gälischer und – nach seinem kriegsbedingten Aufenthalt in Bombay – an der reichen Musik Indiens. Und diese beiden Interessensschwerpunkte fokussiert auch die vorliegende CD.

Pendeln zwischen Meditation und Ekstase

Martyn Brabbins - Glarean Magazin
Spezialist für die schottische Moderne: Dirigent Martyn Brabbins (Geb. 1959)

Das Violinkonzert aus dem Jahr 1950 bezieht sich im ersten und im dritten Satz auf zwei nordindische „Ragas“, dem Raga Vasantee und dem Raga Sohani. Aus beiden leitet Chisholm thematisches Material für seine Komposition ab. Gleich der Eingangssatz beinhaltet – gleichsam als Pars pro toto – die Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten Chisholms. Es handelt sich hier um eine formal weiterentwickelte Passacaglia, die inhaltlich – dem Raga Vasantee gemäss – um den Frühling kreist. Dieser Frühling ist allerdings nichts weniger als eine romantische Vision. Vielmehr pendelt er – daran an Strawinskys „Sacre“ erinnernd – kontinuierlich zwischen Meditation und vehementer Ekstase, zwischen Depression und Manie hin und her. Chisholms Musik setzt ungeheuer stark auf Rhythmik, hat einen wilden Zug nach vorn, steht emotional unter enormen Druck, entlädt sich gleichsam zyklisch und fällt schliesslich immer wieder zurück in Momente des Dunklen und Düsteren. Ob eben in der eröffnenden Passacaglia, dem sich anschliessenden „Allegro scherzando“, der „Aria in modo Sohani“ und in der abschliessenden „Fuga senza tema“: Der Hörer erlebt im Rahmen des gut halbstündigen Violinkonzertes einen unablässigen Rausch, der seinesgleichen durchaus sucht.

Komponist von Musik mit weitem emotionalem Spektrum: Erik Chisholm (1904-1965)
Komponist von Musik mit weitem emotionalem Spektrum: Erik Chisholm (1904-1965)

Sowohl der Orchestersatz als auch im Besonderen der Solo-Part stellen dabei höchste Ansprüche an die Ausführenden. Glänzend bestehen hier das BBC Scottish National Orchestra und Geiger Matthew Trusler. Obwohl seinem Ton etwas der Körper abzugehen scheint, so ist er der Virtuosität der Partie vollkommen gewachsen und erweist sich als hervorragender Gestalter dieser hochkomplexen Herausforderung. Tatsächlich eignet sich die etwas flache, kühle Brillanz seines Tones als ideal für die Durchleuchtung dieses Werkes.

Weites emotionales Spektrum

Die auf dieser Hyperion-CD enthaltenen Werke des schottischen Komponisten Erik Chisholm werden mustergültig wiedergegeben. Chisholms Musik, hierzulande vollkommen unbekannt, entpuppt sich als echter Hinhörer, als stilistisch vollkommen genuine Musik der Moderne, die es wert ist, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden.
Die auf dieser Hyperion-CD enthaltenen Werke des schottischen Komponisten Erik Chisholm werden mustergültig wiedergegeben. Chisholms Musik, hierzulande vollkommen unbekannt, entpuppt sich als echter Hinhörer, als stilistisch vollkommen genuine Musik der Moderne, die es wert ist, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden.

Ähnliches kann man zu der sich mit traditionellen gälischen Musikformen auseinandersetzenden „Dance Suite for orchestra and piano“ aus dem Jahr 1932 (man beachte die ungewöhnliche, aber vollkommen richtige Reihung) sagen. Auch in diesem Werk, das eben kein Klavierkonzert ist, obwohl das Klavier – durchweg hervorragend zwischen Analyse und Verzückung gespielt von Pianist Danny Driver – durchaus eine wichtige Rolle spielt, wird ein weites emotionales Spektrum aufgezogen. So findet sich als ein Pol der zarte, impressionistische Beginn des zweiten Satzes, der sich in Struktur, Melodik und Stil mit der „Pìobaireachd“, der grossen gälischen Variationsform beschäftigt. Auf der anderen findet sich die atemlose Vehemenz des Eingangssatzes „Allegro energico“ und das in einem rasanten Reel gipfelnde brachiale Gelärme des letzten Satzes, der dem Hörer nur so um die Ohren fliegt. Zwischen diesen beiden Werken platziert finden sich drei von Chisholm orchestrierte aus den ursprünglich für das Klavier komponierten Preludes „From the True Edge of the World“ aus dem Jahre 1943. Hier zeigt sich ein musikalisch gemässigterer Chisholm, der sich mit altem gälischen Liedern auseinandersetzt, die aus Amy Murryas Buch „Father Allan’s Island“ stammen.

In „Song oft he mavis“ zieht Chisholm alle Register seiner Orchestrationskunst, um ein idyllisch-impressionistisches Frühlingsbild mit nachgeahmtem Drosselruf zu gestalten. Im „Ossianic lay“ zaubern Brabbins und das schottische Spitzenorchester eine legendenhafte, ja magisch-mythische Stimmung (der Ossian beschäftigte Chisholm auch ausführlich in seiner zweiten Symphonie) und der abschliessende Reel entpuppt sich als bodenständiger, wuchtiger aber dennoch mit wunderbaren Drive gesegneter Tanzsatz. Diese zweite Produktion aus dem Hause Hyperion mit Musik Erik Chisholms ist ein echter Hinhörer und es bleibt zu hoffen, dass sich das Label dazu entschliessen wird, die begonnene und bislang höchst gelungene Werkschau in Zukunft noch etwas zu erweitern. ♦

Erik Chisholm: Violinkonzert / Dance Suite for Orchestra and Piano / Preludes from The True Edge of the Great World, Matthew Trusler (Violine), Danny Driver (Klavier), BBC Scottish Symphony Orchestra, Martyn Brabbins, Audio-CD, 63 Minuten, Hyperion CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schottische Musik-CD auch über die
CD-Neuheiten: The Edge of Time & The Last Island

Komitas: Seven Songs (Klavier – CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Aus dem wilden Kaukasus

von Wolfgang-Armin Rittmeier

„Die Musik von Komitas kommt“, – so Paul Griffeth in seinen Anmerkungen zu dem kürzlich bei ECM erschienenen Album „Komitas – Seven Songs“ – „was Raum und Zeit angeht, aus einer ungewöhnlichen Ecke der westlichen Musik: zum einen vom äussersten Rand dessen, was man westliches Gebiet nennen könnte – Armenien – und zum anderen auch aus den entferntesten Bereichen der romantischen Musiktradition des 19. Jahrhunderts.“ Tatsächlich haben es nur wenige Komponisten Armeniens bis ins Bewusstsein des europäischen Musikliebhabers geschafft – am ehesten vielleicht Alan Hovhaness, der (obschon Amerikaner) aus einer Familie armenisch-amerikanischen Ursprungs stammte und sich mit der Geschichte und Musiktradition seiner Vorfahren beispielsweise in seiner „Exile Symphony“ auseinandergesetzt hat.

Der armenischen Nationalmusik verbunden

Der Komponist, der ursprünglich Soghomon G. Soghomonian hiess und erst nach seiner Weihe zum Mönch gemäss der Tradition der armenisch-apostolischen Kirche als nun Neugeborener auf den Namen Komitas getauft wurde, war vielseitig begabt, wobei er sich speziell der armenischen Nationalmusik verbunden sah. Diese Nationalmusik sah er in den armenischen Volksweisen unmittelbar verkörpert, die er darum konsequent als Grundlage seiner meisten Kompositionen für Klavier wählte und sich somit bewusst oder unbewusst in die nationalromantische Musiktradition Europas einreihte.

Auf der hier vorgelegten CD nun finden sich – der Titel führt da etwas in die Irre – ausschliesslich Klavierkompositionen. Die den Titel für die Kompilation stiftenden „Seven Songs“ finden sich gleich zu Beginn. Als „Yot Yerg“ (= Sieben Lieder) hat sie Komitas 1911 sowohl als Werke für Gesangsstimme als auch für Klavier solo herausgebracht. Pianistin Lusine Grigoryan, die aus Armenien stammt, hat sie mit Bedacht an die erste Stelle des Programmes gestellt, offenbaren sie doch exemplarisch die typische Verfahrensweise des Komponisten, seine Klaviersätze so zu gestalten, dass sie klanglich an Instrumente der armenischen Volksmusik erinnern. Und so vermitteln die sieben kurzen Stücke für den Hörer Klänge, die eigentlich der Tar, der Daf, der Duduk oder der Zurna zugehören. Neben dieser gewissermassen didaktischen Dimension der hier vorgestellten Werke Komitas‘ hat es der Hörer mit einer Musik zu tun, die trotz ihrer am Volkslied orientierten Ausdruckweise alles andere als volksliedhaft im romantischen Sinne wirkt. Von nirgendwoher winkt ein Mendelssohn, ein Silcher, auch Schumann nicht, weder Brahms noch Vaughan Williams grüssen von fern.

Schwebender Musik-Charakter vermittelt Zeitlosigkeit

Mönch und Komponist: Komitas Vardapet (1869-1935)
Mönch und Komponist: Komitas Vardapet (1869-1935)

Das Überraschende und enorm Spannende der auf dieser CD vereinten Miniaturen – von dem gut zehnminütigen Tanzszene „Msho Shoror“ einmal abgesehen dauert kaum ein Stück länger als drei Minuten – ist, dass ihr häufig Zeitlosigkeit vermittelnder, schwebender Charakter. Gern gebe ich zu, dass ich beim ersten Hören der hier versammelten Stücke zunächst vermutet habe, es handle sich beim Komponisten um einen gegenwärtigen, einen, der sich in der Tradition eines Pärt wähnt. Es ist schon verblüffend wie nahe sich Komitas‘ Idiom bisweilen an Stücken wie dessen „Für Alina“ oder „Spiegel im Spiegel“ bewegt. Die „Sieben Tänze“ („Yot Par“) oder die zwölf „Stücke für Kinder“ („Mankakan Nvag“) wirken aufgrund ihrer tänzerischen Rhythmik nur im ersten Moment anders, und das auch nur graduell und nicht im Kern. Die beiden Nuclei des Personalstils Komitas‘ bilden überall die seltsam schwebende Grundhaltung und einen der Welt etwas entrückten Tonfall – zwei Idiosynkrasien, die vom ersten Ton an zu fesseln vermögen.

Pianistin Lusine Grigoryan erweist sich als kongeniale Interpretin dieser Musik. Luftiges, glasklares Spiel, sanfteste Anschläge, silbrige Tongebung, eine enorm sicher austarierte agogische Arbeit und eben jenes Händchen für den ganz speziellen Ton der Werke ihres Landmannes fügen sich wie selbstverständlich zu einer ausgesprochen stimmigen Lesart, die es schafft, diese Musik noch lang im Inneren nachhallen zu lassen. ♦

Komitas: Seven Songs, Lusine Grigoryan (Klavier), Audio-CD, 50 Minuten, ECM CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Armenische Musik auch  über
Alan Hovhaness: Exile-Symphony (CD

Rikard Nordraak: Songs and Piano Music (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Eine Handvoll blühender Frühlingsblumen

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das Cover der jüngst bei LAWO Classics erschienenen CD „Rikard Nordraak – Songs and and Piano Music“ ist eine Augenweide. Der Blick öffnet sich in einen norwegischen Fjord, im kristallklaren Wasser spiegeln sich die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge. Ein Bild, das jeden Menschen, der den Norden liebt, unmittelbar in seinen Bann zieht. Es irritiert lediglich eines: der Name Rikard Nordraak. Wer ist das eigentlich? Was für Musik steckt hinter diesem Namen? Altes? Neues?

Vergessen von der Musikwelt: Rikard Nordraak

Rikard Nordraak – Songs and and Piano Music (Lawo CD-Label)Nun – auf jeden Fall Unerhörtes! Denn Rikard Nordraak ist ein Komponist, den die (Musik-)Welt weitgehend vergessen hat. Nur in Norwegen wird seiner mit schöner Regelmässigkeit gedacht, und zwar immer, wenn die Nationalhymne „Ja, vi elsker dette landet“ auf einen Text seines Vetters Bjørnstjerne Bjørnson erklingt. Zugegeben: Er hat auch nicht viel hinterlassen. Das Oeuvre umfasst ein paar Lieder, ein paar Stücke für Klavier und zwei Bühnenmusiken zu Stücken Bjørnsons. Nur etwa 40 Kompositionen haben sich erhalten, kaum etwas wird je aufgeführt, so gut wie nichts wurde bislang eingespielt. Insofern füllt diese CD – und das grundsätzlich erfreulich – eine Lücke.

Zeittypisch und genrehaft

Rikard Nordraak (1842-1866)
Rikard Nordraak (1842-1866)

Nordraak wurde 1842 in Oslo geboren. Seine Musikbegabung wurde schon in der Kindheit deutlich. Dennoch sollte er – man kennt dergleichen – eine „anständige“ Profession erlernen. In Kopenhagen sollte er eine Ausbildung zum Kaufmann absolvieren, stattdessen studierte er mehr oder minder heimlich Musik. Diese Studien führten ihn dann immer wieder auch nach Berlin, wo er 1864 an Tuberkulose erkrankte und ihr im darauffolgenden März erlag. Sein Freund Edvard Grieg war so erschüttert vom Tod des jungen Komponisten, dass er einen heute noch bekannten Trauermarsch für dessen Bestattung komponierte. Grieg hatte in ihm den Vorreiter einer echt norwegischen Musik gesehen: „Sein Name wird in unserer Welt der nordischen Kunst fortleben. Seine fesselnden Ideen werden ihn weit über das Nichts des Grabes hinaustragen, denn in sie eingeschrieben sind die Zeichen von Wahrheit und Ewigkeit.“
Hört man jedoch Nordraaks Musik heute, so ist es über die Zeitläufte hinweg und in Kenntnis der Werke seiner Zeitgenossen Johan Svendsen und Grieg selbst, nicht immer einfach jenen „speziell nordischen Klang“ zu erlauschen, den Grieg ihr zuschrieb. Besonders die Klavierwerke, denen wir auf dieser CD begegnen, und die unter den Fingern von Eugene Asti zweifelsohne schöne Klanglichkeit und Plastizität gewinnen, wirken letztlich wie hochromantische Petitessen, weniger innovativ als vielmehr zeittypisch und genrehaft. Der nocturneartige „Valse caprice“ erinnert stark an Fields und Chopin, die „Venskabs-Polka“ hätte auch Schubert schreiben können.

Mysteriöser nordisch-romantischer Tonfall

Die neue LAWO-CD mit "Songs and Piano Music" von Rikard Nordraak dokumentiert: Nordraak war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen weiterführend aufgegriffen wurden. Darin liegt die wirkliche Bedeutung seiner Werke für die nordische Musik-Romantik.
Die neue LAWO-CD mit „Songs and Piano Music“ von Rikard Nordraak dokumentiert: Nordraak war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen weiterführend aufgegriffen wurden. Darin liegt die wirkliche Bedeutung seiner Werke für die nordische Musik-Romantik.

Das Feuer der „Fire Dandse“ für Klavier brennt dann auch ausgesprochen gesittet im heimischen Salon zur unaufgeregten Erwärmung der gebildeten Gesellschaft. Anders die Lieder, die von Sopranistin Helene Wold durchweg klangschön, mit immer etwas abgedunkeltem Ton, höchstem Engagement und gestalterischer Feinsinnigkeit vorgetragen werden. Da hört man immer einmal wieder jenen mysteriösen nationalromantischen Tonfall, den man gern mit dem Begriff „nordisch“ bezeichnet, ohne so recht zu wissen, wie das nordische Klanggewand eigentlich entsteht. Balladeskes wie „Jeg har søgt“ oder die Romanzen „Ingerid Sletten“ und „Liden Gunvor“ aus dem Ole Bull zugeeigneten Opus 1 oder „Solvejge“ aus dem Opus 2 wirken besonders stark in diese Richtung. Auch das das zweite Opus eröffnende „Tonen“ und die sehr stark volksliedhaften Lieder „Træet“ und „Killebukken“ lassen schliesslich ganz gut erahnen, was Grieg in Nordraak sah. Er war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen aufgegriffen wurden, die Norwegen schliesslich ein musikalisches Gesicht verliehen. Darin – und weniger in der Qualität seiner Kompositionen – liegt wohl die wirkliche Bedeutung Nordraaks. ♦

Rikard Nordraak: Songs and Piano Music – Helene Wold (Sopran), Eugene Asti (Klavier), Audio-CD, 66 Minuten, LAWO CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Nordische Kultur auch über
Peer Gynt (Edvard Grieg und Henrik Ibsen)

Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Ein Plädoyer für die Romantik

von Christian Busch

Wenn es dunkelt, die Sonne im Waldesschatten versinkt und der Himmel in sternklarer Nacht im Blütenstaub still die Erde küsst, spannt in dämmrigen Felsenklüften die Seele weit ihre Flügel, als flöge sie nach Haus, und lüftet ihr innerstes Geheimnis: die Liebe. „Durch alle Töne tönet / im bunten Erdentraum / Ein leiser Ton / Für den der heimlich lauscht“ (Friedrich Schlegel)

Severin von Eckardstein plays Robert SchumannWie in Joseph von Eichendorffs Landschaften formte die Romantik wie keine andere Epoche die Sprache und Welt der Seele, welche sich in Abgeschiedenheit und privater Intimität ungeachtet gesellschaftlicher Wirklichkeit und politischer Zensur zu Wort bzw. zum Tone meldet. Schon der grosse Idealist Beethoven hatte sich in seinem 1816 komponierten Liedzyklus „An die ferne Geliebte“ zur romantischen Tonsprache der Innerlichkeit bekannt, welche seinen romantischen Nachfolgern den Weg ebnete. Robert Schumann, der als schweigsam, introvertiert, hochgebildet und als Inbegriff der deutschen Hochromantik gilt, fand sein Element zwischen mildem Eusebius und wildem Florestan im Phantastischen, in der musikalischen „Fantasie“ des Klaviers, dem Instrument der Seele.

Balance zwischen Florestan und Eusebius

Severin von Eckardstein - Konzertpianist - Glarean Magazin
Severin von Eckardstein

Der 1978 in Düsseldorf geborene Pianist Severin von Eckardstein hat sich nun in seiner neuen CD neben den drei Fantasiestücken op. 111 und den Fantasiestücken op. 12 auch Robert Schumanns einzigartiger Fantasie in C-Dur op. 17 angenommen. Bei der 1838 vollendeten Fantasie, die zugleich Ausdruck von Schumanns leidenschaftlicher, aber problematischer Beziehung zu Clara Wieck  („das Passionierteste, was ich je geschrieben habe“) als auch eine Hommage an Beethoven (man höre nur die Triolen aus der Mondscheinsonate im dritten Satz) war, kommt es zweifellos immer wieder neu darauf an, die Balance zwischen sanguinischem Florestan und dem jede extrovertierte Effekthascherei fremd anmutenden Eusebius in Schumanns Temperament zu finden. Jegliches Zuviel an jugendlicher Überschwänglichkeit oder distanziert abgeklärtem, vermeintlich reifen Musizieren sind hier eher abträglich.

Brodelndes Temperament neben harmonischer Liebes-Sehnsucht

Umso verblüffender das Ergebnis, das Schumanns „Ach, zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“ mit grosser Natürlichkeit und Klarheit vereint. Die grossen Sprünge und Gegensätze in der Komposition, hier brodelndes Temperament, ausbrechender Stolz und rauschhafte Getriebenheit einerseits, träumerischer Schwebezustand, friedvoll-harmonische Sehnsucht nach Liebe andererseits sind auf wundersame und doch scheinbar selbstverständliche Weise – und doch ohne Glättungen – verbunden; phantastisch!  Und wenn man die CD in seine Sammlung einreiht, hat man das Gefühl, dass auf den älteren, durchaus leidenschaftlicheren Aufnahmen (Arrau, Kissin, Le Sage) ein wenig Staub liegt.
Die ebenfalls äusserst gelungenen Darbietung der Fantasiestücke op. 111 und op. 12, welche in ihrer zwar virtuosen, aber immer romantisches Ethos verkörpernden Episoden faszinieren, runden die CD, die ausserdem mit einem fachkundig-emphatischen Kommentar des Künstlers im Booklet versehen ist, ab.
Ein Plädoyer unserer Zeit für die Romantik. ♦

Severin von Eckardstein (Klavier): Severin von Eckardstein plays Robert Schumann, Cavi-Music (Harmonia Mundi)

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Egon Wellesz: Klavierkonzert (CD)

Hanna Bachmann (Piano): Janacek, Beethoven (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Ein pianistisch-musikalisches Versprechen

von Walter Eigenmann

Hanna Bachmann: Sonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann, SchumannWenn eine erst 24-Jährige das Klavier so spielt wie Hanna Bachmann, so nennt man das fürwahr – auch in unseren Zeiten der Inflation von „Wunderkindern“ – eine Entdeckung. Die junge Österreicherin widmete sich während ihres Studiums vornehmlich Beethoven, mit dem sie am Bonner Beethovenfest 2015 debütierte – und nun präsentiert sie mit ihrer ersten CD-Einspielung Janaceks Sonate 1.X.1905, Schumanns zweite Sonate op. 22 und Beethovens „Adieux“-Sonate. In diesen „Klassiker“-Reigen stellt sie ausserdem – eine Überraschung – die interessante siebte und letzte Sonate des 1898 geborenen und 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordeten österreichisch-ungarischen Komponisten und Pianisten Viktor Ullmann.

Von Beethoven über die Romantik
zur Schönberg-Schule

Beginn des Trio's aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann
Beginn des Trio’s aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann

Von Beethoven über die Romantik zum Schönberg-Schüler Ullmann also – ist dies das grosse Spannungsfeld der Pianistin Bachmann, die offensichtlich trotz (oder wegen?) ihrer Jugendlichkeit keine stilistischen Berührungsängste kennt? Und auch keine klaviertechnischen Hürden, sei angemerkt: insbesondere Bachmanns Schumann, auch ihr letzter Ullmann-Satz zeugen von bereits enormer Brillanz, die sich paart mit sensitivem Anschlag und zugleich Klangsinn. Wenn man dieses CD-Debüt von Hanna Bachmann als pianistisches Versprechen nehmen soll, dann wird von dieser jungen Künstlerin noch sehr viel zu hören und zu reden sein.

Förderung junger und vielversprechender Künstler

Die Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite.
Die junge, aber pianistisch wie musikalisch sehr gereifte österreichische Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite. Das deutsche Label TYXart führt Bachmann als feinfühlige Künstlerin mit Sonaten von Beethoven, Janacek, Schumann und Ullmann ein und weckt damit Hoffnungen auf weitere Novitäten dieser Pianistin.

Eine Anerkennung sei an dieser Stelle noch ausdrücklich vermerkt zu dem im regensburgischen Nittendorf domizilierten, erst seit fünf Jahren aktiven Label TYXart, in dessen neuer Serie „Rising Stars“ junge Musiker/innen wie eben Hanna Bachmann ein qualitätsvolles Haus für ihre Erstaufnahmen finden. Denn in dem Novitäten-gefluteten Klassik-, überhaupt dem CD-Markt immer neu auf vielversprechende Talente hinzuweisen, das birgt künstlerische und finanzielle Risiken. Diese unbeirrt und über Jahre hinweg auf editorisch hohem Niveau in Kauf zu nehmen verdient Respekt – und alle Neugier des Musikliebhabers! ♦

Hanna Bachmann: Klaviersonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann und Schumann, TYXart 2016, 73 Min. / ASIN B01NAK28ZN

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Romantische Klaviermusik“ auch über
Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

W. A. Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Mozart im Zwiegespräch

von Christian Busch

Das vierhändige Klavierspiel, die vielleicht intimste Form der Kammermusik, gehört zu den technisch heikelsten und interpretatorisch anspruchvollsten Herausforderungen, welche die Musik an die Ausführenden stellt. Zwei vermeintlich gleichberechtigte Partner treten auf engstem Raum – eine vollkommene Synthese suchend – in einen wirklichen Dialog. Ein Terrain für Geschwister, Paare und freundschaftlich verbundene Seelen – weniger für titanische Tastenlöwen mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung.

Mozart als Wegbereiter der Gattung

Schon von seinem geltungssüchtigen Vater Leopold etwas plakativ als „Erfinder der vierhändigen Klaviersonate“ präsentiert, zählt Mozart unbestritten zu den Wegbereitern dieser Gattung der hohen Kunst mit überschaubarem Repertoire.
Was für den kleinen Wolferl auf dem Schosse eines Johann Christian Bach beginnt und sich in frühen Kompositionen für das geschwisterliche, durchaus auch publikumswirksame Zusammenspiel fortsetzt, findet in der F-Dur-Sonate KV 497 seine Krönung und Vollendung. Gerne als „Krone der Gattung“ (Einstein) und „gewaltige Seelenlandschaft“ bezeichnet, steht sie zeitlich und thematisch der „Prager“ Symphonie (KV 504), aber auch dem „Don Giovanni“ nahe. Als Mozart sie im August 1786 schreibt, verleiht er der subtilen Bespiegelung in Dur und Moll daher auch symphonische Dimensionen.

Einer Professoren-Tochter gewidmet

Aline Zylberajch und Martin Gester
Aline Zylberajch und Martin Gester

Die Franziska von Jacquin, Tochter des befreundeten Wiener Botanikprofessors, gewidmete C-Dur-Sonate KV 521 übersendet er Ende Mai 1787 – am Todestag seines Vaters – an Gottfried von Jacquin mit den mahnenden Worten: „Die Sonate haben Sie die Güte ihrer frl: Schwester nebst meiner Empfehlung zu geben; – sie möchte sich aber gleich darüber machen, denn sie seye etwas schwer.“ Das virtuose Werk, das den späten Wiener Klavierkonzerten verwandt ist, trumpft gleichfalls mit orchestralem Klang auf, ohne den dank der Solopassagen aller vier Hände – kammermusikalischen Rahmen zu verlassen. Ob er es mit ihr, einer seiner besten Schülerinnen, auf Schloss Waldenburg gespielt hat? Mit Sicherheit.

Präzise Abstimmung und orchestrale Pracht

Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmasses bis zur privaten Intimität mühelos spannt.
Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmasses bis zur privaten Intimität mühelos spannt.

Das Strassburger Musikerehepaar Aline Zylberajch & Martin Gester (Bild) hat sich nun in ihrer zweiten auf CD veröffentlichen Gemeinschaftsproduktion dieser beiden viel zu selten zu hörenden Sonaten Mozarts angenommen – zusammen mit dem Rondo in a-moll KV 511 (Martin Gester) und dem Andante und Variationen in G-Dur KV 501 (Label K 617).
Ihr Spiel lässt dabei keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmasses bis zur privaten Intimität mühelos spannt. Das kraftvoll drängende Allegro, die galant singende Melodie, der leise, klagend-resignative Ton, all das spiegelt sich stimmig im blendend hellen Mozart-Sound. Da mag einer sagen, dies komme ihm bekannt vor, jedoch nicht in der Form des auf Salon-Frivolitäten verzichtenden, vertrauten Zwiegesprächs – im ständig wiederkehrenden Suchen und Finden – zweier ebenbürtiger Partner. Damit bietet die CD mit Werken aus der grossen Schaffensperiode (zwischen „Figaro“ und „Don Giovanni“) einen weiteren Höhepunkt Mozart’schen Schaffens – für so manchen sicher eine Entdeckung. ♦

Wolfgang Amadeus Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (KV 497 & KV 501), Martin Gester and Aline Zylberajch, CD-Label K617 (Harmonia Mundi)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klassische Klaviermusik auch über Leopold Koželuch: Klavier-Sonaten (Band 1)
… sowie zum Thema Kammermusik die Ausschreibungen zu den Kompositionswettbewerben des Alvarez Chamber Orchestra und der Musik-Abteilung der Universität Illinois

Drei Buch- und DVD-Neuheiten – kurz belichtet

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Interessante Buch- und DVD-Novitäten

von Walter Eigenmann

Therese Bichsel: grossfürstin Anna – Roman

Die Emmentaler Schriftstellerin und Journalistin Therese Bichsel (*1956) ist seit 1997 v.a. als gut recherchierende und literarisch gewandte Porträtistin historischer Frauengestalten im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit. Nun legt sie – wiederum im Zytglogge Verlag – die Roman-Biographie der Prinzessin Juliane von Sachsen-Coburg vor – jener Anna Feodorowna (1781-1860), die später als russische grossfürstin an die Seite eines Enkels von Katharina der grossen verheiratet wird, dann aber aus St. Petersburg flieht und in der Schweiz heimliche Geliebte und Mutter zweier Kinder wird.

Russischer Hochadel an der Berner Aare

Therese Bichsel: grossfürstin Anna - Flucht vom Zarenhof in die ElfenauBichsel rollt das Schicksal der 14-Jährigen Prinzessin Juliane einfühlsam und historisch informativ auf bis hin zu den wenigen glücklichen Tagen der schliesslich geschiedenen russischen Fürstin Anna auf ihrem prächtigen Gut „Elfenau“ nahe der Berner Aare. Die Autorin selber zur Entstehungsgeschichte ihres Buches: „Vor einiger Zeit stiess ich auf Anna Feodorowna und war bald fasziniert von dieser Frau, ihren schwierigen Männerbeziehungen und ihrem Kampf um die unehelichen Kinder in einer Zeit des Umbruchs.“ – Eine willkommene Bereicherung des an Interessantem momentan nicht so reichen Genres „Historischer Roman“.  ♦

Therese Bichsel: grossfürstin Anna – Flucht vom Zarenhof in die Elfenau, Roman, 304 Seiten, Zytglogge Verlag, ISBN 978-3-7296-0851-1

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DVD: Glenn Gould – Genie und Leidenschaft

Glenn Gould - Genie und Leidenschaft - DVD-DokumentationDas kanadische Musik-Phänomen Glenn Gould steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Genie und Leidenschaft“, unlängst in einer Doppel-DVD (inkl. eines „internationalen Director’s Cut“) bei „Mindjazz Pictures“ erschienen. Das Video präsentiert vielschichtig und über weite Strecken eindringlich präsentiert das Leben und Werk einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte. Pianist Gould – „Der Mann mit dem Mantel und dem Stuhl“ – ist bis heute Gegenstand sowohl internationaler Verehrung als auch unablässiger klavierinterpretatorischer Forschung, und auch 30 Jahre nach seinem Tode scheint die Faszination für diesen Ausnahmekünstler noch nicht nachgelassen zu haben.

Portrait einer vielschichtigen Persönlichkeit

Der Film beinhaltet unveröffentlichtes Archivmaterial, Interviews mit Gould-Freunden sowie Ausschnitte aus bisher noch nicht publizierten privaten Bild- und Tonaufnahmen. – Die beiden DVDs bringen die (so facettenreiche wie zerrissene) Pianisten-Ausnahmerscheinung Glenn Gould mit all ihrer Widersprüchlichkeit und musikalischen Obsession, aber auch mit ihrer intellektuellen Vielschichtigkeit und interpretatorischen Tiefe nahe. Empfehlenswert. ♦

Glenn Gould – Genie und Leidenschaft, Dokumentarfilm von Michele Hozer und Peter Raymont, Mindjazz Pictures, Doppel-DVD, 84 Min. & Bonusmaterial 106 Min.

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Ken Follett: Winter der Welt – Roman

Ken Follett: Winter in der Welt - Roman - Lübbe VerlagDie Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkrieges, seine globalen wie einzelmenschlichen Schicksale nimmt Englands wohl berühmtester Bestseller-Autor Ken Follett („Die Nadel“) diesmal als historisches Panorama her für seinen jüngsten Wälzer „Winter der Welt“. Der über 1000-seitige Roman – Übersetzung: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher – ist als der zweite Teil einer „Jahrhundert-Saga“  gedacht – nach „Sturz der Titanen“ –  und breitet episch vor zeitgeschichtlich dramatischem Hintergrund mannigfaltige Handlungsstränge mit zahllosen fiktiven wie realen historischen Persönlichkeiten aus.

Teils rührselig, aber sozial engagiert

Für manche Leserschichten anspruchsvollerer Belletristik mag Ken Follett (*1949) teils etwas geschwätzig, teils etwas rührselig daherschreiben. Für die in die Millionen gehende Fan-Gemeinschaft des produktiven – und übrigens auch sozial sehr engagierten -, dabei äusserst detailreichen Schriftstellers ist selbstverständlich „Winter der Welt“ das literarische Muss dieses Herbstes. ♦

Ken Follett, Winter der Welt, Roman, Lübbe Verlag, 1020 Seiten, ISBN 978-3-7857-2465-1

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Lowell Liebermann: Little Heaven (CD)

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Kleiner Himmel über Germanika

von Michael Magercord

Eine Auswahl von Liedern zu Texten der deutsch-jüdischen Dichterin Nelly Sachs, dem Struwelpeter sowie einem Gedicht zu einer deutsch-amerikanischen Liebesbeziehung, und doch – der Hörer sei gewarnt oder besonders erfreut gestimmt: Die CD „Little Heaven“ von Lowell Liebermann ist es eine durch und durch amerikanische Platte. Gut, die Texte sind alle auf Deutsch gesungen, oder wenigstens in einer Art von Germanglisch, und ja, die Musik beruht auf der Liedertradition, die vor allem im deutschsprachigen Raum ihre Wurzeln hat – trotzdem: diese CD kann so nur aus den USA kommen.

Häufig gespielter zeitgenössischer Komponist

Little Heaven - Songs by Lowell Liebermann - Albany RecordsKomponist ist der 50-jährige US-Amerikaner Lowell Liebermann aus New York. Seine Werke gehören zu den meistgespielten zeitgenössischen Stücken. Die New York Times bezeichnete ihn als „ebenso Traditionalist wie Innovator“. Das allein macht die CD allerdings noch nicht zu einer amerikanischen, zumal Lowell Liebermann einen Teil seiner Lehrzeit in Bayreuth bei der einzigen Nazi-Gegnerin im Wagner-Clan, Friedelind Wagner, verbracht hatte. Und seinen New Yorker Dirigentenlehrer Laszlo Halasz zitiert Liebermann mit dem Ausspruch: Seit Strauss, Bartok und Strawinsky könne nichts mehr von Belang komponiert werden. Der gereifte Komponist Lowell Liebermann bestätigt diese Aussage, indem er sie widerlegt: Zwar scheinen sich seine Werke durchaus dem Erbe der genannten Vorgänger verpflichtet zu fühlen, doch weder fallen sie dahinter zurück, noch gleiten seine Werke auf der neuen Unterhaltungsschiene à la Hollywood hinab. Auch die Gesangskunst auf dieser CD ist vor allem in der Klarheit der Sprache hervorragend. Oft wirken fremdsprachige Sängerpartieen etwas gestelzt, doch die an der Oper Frankfurt singende Amerikanerin Brenda Rae hat damit kein Problem.

Von Nelly Sachs bis zum Struwwelpeter

Lowell Liebermann (*1961) - Glarean Magazin
Lowell Liebermann (*1961)

Was also macht diese CD denn nun so amerikanisch? Es ist einmal die Zusammenstellung der den Liedern zugrunde liegenden Texte: Zunächst sechs Gedichte der Nobelpreisträgerin Nelly Sachs. Sie wurde 1891 in Berlin geboren, machte sich zunächst einen Namen als romantisierende Dichterin, verliess Deutschland 1940 gerade noch rechtzeitig, verlor fast ihre ganze Familie im Holocaust. Diese Erfahrung unterlag seither ihrer Dichtung, auch jener, die Liebermann vertont hat. Gefolgt wird sie von drei Episoden aus dem Struwwelpeter, dem Kinderbuch der Brachialpädgogik aus dem Jahre 1845, und abgeschlossen schliesslich von einem deutsch-englischem Banal-Poem über eine Beziehungsstory um einen Volkswagen, six-pack-Bier und eine Frau Turbosupercharger unter dem Titel Appalachian Liebeslieder.

Zusammenstellung unterschiedlichster Gefühlswelten

Die Song-Sammlung
Die Song-Sammlung „Little Heaven“ von Lowell Liebermann beinhaltet eine gewagte Auswahl von Texten in „klassisch-moderner“ Manier. Von Innovationen bzgl. Klangmuster bleibt der Hörer eher verschont, Liebhaber der gehobenen „deutschen Liedtradition“ finden hier vertraute Töne zu bislang unvertonten Texten.

Man mag die Zusammenstellung gewagt oder geschmacklos nennen – oder aber eben „amerikanisch“. Noch erstaunlicher ist, dass diese so unterschiedlichen Gefühlswelten der Texte in der fast immer gleichen Klangweise dargeboten werden, nämlich guter, klassischer gehobener Liedertradiition entsprechend: immer auf der Höhe des Empfindens. „Meine Liebe zur Musik enstand durch die Einwirkung der grossen westlichen klassischen Tradition auf mich. Das ist ein kontinuierlicher Zusammenhang, von dem ich ein Teil sein wollte. Es gab ein Klischee über moderne Musik, dass diese immer mit der Tradition zu brechen habe, was ich als eine Art marxistische Perspektive betrachte“, sagt Lowell Liebermann. Ist also diese CD mit ihrer riskanten Zusammenstellung von letztlich ziemlich risikolosen Stücken also nun im Umkehrschluss eine kapitalistische? Nein, eher wohl eben doch eine amerikanische… ♦

Lowell Liebermann: Little Heaven – Six songs on Poems of Nelly Sachs für Sopran und Klavier / „Struwwelpeterlieder“ für Sopran, Viola und Klavier / „Appalachian Liebeslieder“ für Sopran, Bariton und Klavier-Duett, Albany Records, Audio-CD, 53 Minuten

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