Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten (CD – Tobias Koch)

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Eine neue Dimension

von Christian Busch

So mancher Bewunderer von Schuberts letzten Sonaten wird sich beim Anhören verschiedener Aufnahmen mal gefragt haben: Wie langsam kann, ja darf man das spielen? Mit welchem Tempo kommt man dem wahrhaftigen Schubert am nächsten, so dass die Zeit gesprengt wird und stillsteht?
Der Düsseldorfer Konzertpianist Tobias Koch hat sich nun – unter dem Motto „Zukunftsmusik“ – Schuberts letzten drei Klaviersonaten gewidmet und sie – originalgetreu auf dem Hammerflügel von Conrad Graf (Wien, 1835) aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum für das Innsbrucker Label Musikmuseum – neu aufgenommen.

Immer sind da diese Schritte. Die sich mühsam einen Weg durch die verschneite Winterlandschaft bahnenden Schritte des einsamen Wanderers. Missmut, Verzweiflung und tiefe Traurigkeit klingen an, ein Innehalten, ein hoffnungsvolles-, ja wehmütiges Erinnern, doch dann kehrt die schöne, aber resignativ-dumpfe Anfangsmelodie zurück. Der Kreis schließt sich. Ein schicksalhafter, auswegloser Gang, eine Flucht gar ohne Ziel? Wie tief kann sich ein Mensch in sich zurückziehen? An manchen Stellen stockt die Musik, einem Herzstillstand gleich. Ist das der Tod?

Suche nach dem wahren Schubert-Sound

Franz Schubert: Zukunftsmusik - Die letzten drei Klaviersonaten - Tobias Koch - Musik MuseumFragen, die beim Hören von Franz Schuberts letzter, geheimnisumwobener und einzigartiger Klaviersonate in B-Dur D 960 aufkommen. Das Werk eines 31-jährigen und doch eines seiner letzten. Schubert starb nur wenige Wochen nach der Vollendung. Ein tonales Vermächtnis eines Komponisten, der kurz zuvor am Grabe Beethovens gestanden hatte und mit dessen drei letzten Klaviersonaten ein ungeheures Erbe antrat, das zu ignorieren noch schwerer als es zu übertreffen war. Musikgeschichtlich der bedeutende Schritt von der Klassik zur Romantik. Eine Sonate, die – hat man sie einmal gehört – zum lebenslangen Begleiter werden kann.

Der inneren Tiefe angenähert

Pianist Tobias Kochs „Zukunftsmusik“ nähert sich Schuberts Monumentalität und innerer Tiefe mit ausgesucht bedächtigen Tempi, wenn er sowohl die melodischen resignativen Passagen auskostend ebenso wie die immer wiederkehrenden leidenschaftlichen Ausbrüche in ihrer ganzen Tiefe darzustellen sucht. Doch wäre es grob fahrlässig, seine Einspielung darauf zu reduzieren.

C-moll: Auf Beethovens Spuren

In der Sonate D958 kehrt Schubert mit der Tonart c-Moll, die er oft als Haupttonart einer Komposition gemieden hat, zum Modell Beethovens mit seinem kämpferischen Duktus zurück. Überdeutlich „zitiert“ er im Eingangsthema des Kopfsatzes aus Beethovens 32 Variationen in c-moll (WoO80). Doch in der Folge weicht das unruhige Drängen einer lyrischen Stimmung, die im zweiten Thema in ein „friedvoll-idyllisches Kreisen um Zentraltöne“ (Michael Wersin) mündet: Eine neue musikalische Welt!
So knüpft Schubert an den volkserzieherischen, heroischen Charakter seines Vorgängers nur an, um ihn als gescheitertes Unterfangen in die private Abgeschiedenheit, in die Innerlichkeit und den Raum der Liebe zu geleiten. Schubert wird damit zum Antipoden des an Aufklärung, Emanzipation und politischen Fortschritt glaubenden Beethovens.

Franz Schubert - Klaviersonate D958 - Beginn des Adagio - Glarean Magazin
„Tiefgründige Nachtwache“: Beginn des Adagio in Franz Schuberts Klaviersonate D958

Breite und klangvolle Deutung

Tobias Koch - Pianist - Glarean Magazin
Tobias Koch (geb. 1968 in Kempen/D)

Tobias Koch legt gerade diese ungeheure und gewichtig Neuerung in seiner breit und klangvoll angelegten Deutung frei. Das Hammerklavier ächzt und funkelt in unendlichen Schattierungen, so dass man das Gefühl hat, direkt neben Schubert auf einem alten Sofa mit ein paar losen Sprungfedern zu sitzen. An manchen Stellen scheint Johann Sebastian Bach mit auf dem Sofa zu sitzen. Das Adagio wird zur tiefgründigen Nachwache, das Finale ein erstaunlicher Triumph des sich kreativ entfaltenden Individuums. Der Pianist spielt alle Wiederholungen und präsentiert Schuberts c-moll-Sonate in fast 37 Minuten gewichtiger Tonrede.

Die 2. „Atlas“-Sonate

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Auch die A-Dur-Sonate D959 erinnert an Beethoven und stammt doch unverkennbar aus der romantischen Feder Schuberts, nicht nur mit den zwei immer wiederkehrenden Viertel-Schlägen aus dem von Schubert vertonten Heine-Lied „Der Atlas“ – ein Hinweis auf Schuberts persönliche Lebenssituation, die von Krankheit, Todesahnung und Resignation durchzogen war. Auch hier finden wir wunderbare melodische Abläufe mit „himmlischen Längen“ (Robert Schumann), welche den romantischen Charakter, die Hinwendung vom Öffentlichen ins Private, vom leidenschaftlichen Kampf zum sich seiner Liebe vergewissernden Herz ausmachen.

Unnatürlich verlangsamt

Kochs Zugriff kann hier im 1. Satz nicht recht greifen. Schon der Beginn klingt sperrig, zu stockend und unnatürlich verlangsamt. Der leichte melodienverliebte Fluss geht verloren, auch wenn einige Stellen unerhört gewichtig und auskostend geraten. In jedem Fall fällt es hier schwer, sich von vorherigen klanglichen Vorstellungen und Deutungen zu lösen. Es scheint aber, dass Kochs Zugriff eher der letzten Sonate vorbehalten und angemessen sein könnte. Das wird noch einmal im letzten Satz, dem Rondo, deutlich, auch wenn es auch hier großartige Momente ungeahnter Monumentalität und berückender Stille zu entdecken gibt.

Franz Schubert - Klaviersonate D959 - Auszug 1. Satz - Glarean Magazin
„Melodienverliebter Fluss“:  Zitat aus Franz Schuberts Klaviersonate D959

Das Vermächtnis: Sonate in B-Dur D960

Deutlich stimmiger ist Kochs Zugriff des Gewichtigen bei der letzten, eingangs bereits charakterisierten B-Dur Sonate, Schuberts pianistischem Schwanengesang, das sein umfangreichstes Klavierwerk ist, auch darin Beethovens in der gleichen Tonart komponierten Hammerklaviersonate ähnelnd. Hier kehrt der einsame Wanderer der Winterreise wieder, seine schweren Schritte, suchend, kreisend und sich im Nirgendwo verlierend.

Franz Schubert - Klaviersonate D960 - Beginn Andante sostenuto - Glarean Magazin
„An die letzten Dinge rührend“: Beginn des Andante sostenuto in Franz Schuberts Klaviersonate D960

Tobias Koch, so möchte man sagen, trägt Schubert auf Händen, nimmt sich alle Zeit der Welt, jegliche Schattierungen, Zwischentöne, Unterstimmen und versteckte Akkorde ans Licht zu befördern. Sein Vortrag ist durchgehend leidenschaftlich, mal jäh und donnernd, dann wieder tänzerisch leicht bis zärtlich streichelnd und von dem Bestreben beseelt, Schubert „letzte Worte“ zu entschlüsseln.

Innovativer Interpretationsansatz

Komponist Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel) - Glarean Magazin
Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel)

Das Hammerklavier erweist sich als kongenialer Partner, der nichts glättet oder einebnet, sondern Schuberts rauhe, unwirtliche Welt in ihren vielfarbigen Schattierungen hervorragend tonal widerspiegelt. Ein unerhörtes Klangerlebnis, das interpretatorisch eine neue Dimension erschließt. Nicht einmal bei Valery Afanassiev dauert der Kopfsatz so lange wie bei Tobias Koch (über 31 Minuten). Das Andante sostenuto gerät mit seinem choralartigen, feierlichen Ton einmal mehr zu einer berückenden, an die letzten Dinge rührenden Introspektive der romantischen Seele. Das Finale greift den innovativen Interpretationsansatz auf und schließt die überzeugende Darbietung mit großer Eindringlichkeit ab.

Eine neue Schubert-Dimension

Die neuen Einspielungen von Tobias Koch erweitern das Spektrum der Interpretationen von Schuberts Klaviersonaten um eine neue Dimension. Seine Deutung ist nicht geprägt von virtuosem Zur-Schau-Stellen pianistischer Virtuosität, sondern vom „heißen Bemühen“ um Schuberts einzigartige Werke. Sie stellen vertraute Klangvorstellungen in Frage und liefern auf einem historischen Instrument höchst interessante Alternativen, welche nicht nur den Schubert-Liebhaber zum Überdenken seiner Hörgewohnheiten bringen kann. ♦

Zukunftsmusik – Franz Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten, Tobias Koch (Fortepiano Conrad Graf – Wien um 1835), Musik Museum

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema klassische Klaviermusik auch über die neue CD von See Siang Wong: Fantasia – Werke von Beethoven


 

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Werke von Beethoven

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Virtuoses und farbenreiches Klavierspiel

von Mario Knöpfler

Bitte nicht noch eine Beethoven CD? Das Beethoven-Jahr 2020 im Rahmen seines 250. Geburtstages fiel wegen der Corona-Pandemie ins Wasser. Nun wurden, um den Jubilar zu ehren, die Feierlichkeiten bis 2021 verlängert. So präsentiert uns auch der Pianist See Siang Wong – nach einer beeindruckenden und umfangreichen Diskographie bei Decca und Sony – das erste Album seiner Beethoven-Trilogie, „Fantasia“, die er mit den „Fantasie“-Klavierwerken des Meisters gestaltet: Den beiden op. 27 Sonaten, der Fantasie op. 77, und – als Schlusswerk – der Chorfantasie op. 80.

Wong möchte uns vor allem unbekanntere Perlen des Komponisten näherbringen. Dass die Mondschein-Sonate op. 27/2 etwas aus dieser Dramaturgie herausfällt, stört nicht, da der chinesisch-schweizerische Konzertpianist See Siang Wong mit seiner höchst persönlichen Interpretation besticht.
So ist der Anfang der „Mondschein“ bei ihm nicht ein sentimentales Adagio mit Mondesschimmer, sondern wirkt wie eine düstere gespenstische Geisternacht. Die langsamen Triolen rauschen wehmütig wie der Wind über den Gräbern und die punktierten Rhythmen ertönen rau wie Todesglocken. Wong setzt dabei quasi buchstäblich die Anweisungen Beethovens um, für den ganzen Satz nur ein einziges Pedal zu nehmen – und das lässt sich hören: Die leicht dissonierenden Harmonien und Farben wechseln sich ab und bewirken, dass die Klänge melancholisch zu schweben beginnen. Es entstehen so unerhörte Klangfelder im Raum, die einen an eine fast impressionistische Klangsprache erinnern.

Donner und Blitz

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Als Kontrast interpretiert er den zweiten Satz leichtfüssig und spontan, wie ein Zwiegespräch. Ein kleines Intermezzo zwischen den zwei gross angelegten Ecksätzen, oder wie Liszt es so schön nannte: „Wie eine Blume zwischen zwei Abgründen“.
Nahtlos geht Wong dann „attaca“ über in den Prestissimo-Satz, mit stürmischem Drang und voller Energie. Plastisch wirkt seine Klavierkunst, und selten wurde das Finale mit so viel Donner und Blitz gehört und gespielt!

Betörend schlicht

See Siang Wong - Pianist - Glarean Magazin
Virtuoses und klangsinnliches Klavierspiel: „Fantasia“-Pianist See Siang Wong (Foto: SRF / Christoffel)

Die Sonate „Quasi una Fantasia“ op. 27.1 ist zu unrecht die weniger bekannte der zwei Sonaten. Beethoven hat sie noch mehr wie eine grosse Fantasia auskomponiert. Die vier Sätze gehen direkt ineinander über und machen das Werk in seiner Gesamtarchitektur zu einer der interessantesten Sonaten Beethovens.
See Siang Wong spielt die Sonate mit einer betörenden Schlichtheit und dem Verständnis für die Form und Struktur. So wirkt der erste Satz erfrischend neu und klar. Das Seitenthema mit punktierter Artikulation tönt in seiner Interpretation ungewöhnlich, keck und leicht wie einer Opernarie. Rossini schaut hierbei zu um die Ecke! Auch den anderen Sätzen zeichnen sich aus durch ein wunderbar sprechendes und farbenreiches Spiel, den Fantasia-Charakter der Sonate zurecht.

Virtuose Spielfreude

Ludwig van Beethoven am Klavier - Glarean Magazin
Beethoven am Klavier im Kreise von Adepten

Die Fantasia op. 77 ist vielleicht auf dem Album das kurioseste der Werke. So hat Beethoven diese selber an seinem legendären Akademie-Konzert vom 22. Dezember 1808 gespielt – ein Konzert, das mit einem Mammutprogramm von fünf Stunden (darunter das 4. Klavierkonzert und zwei Sinfonien sowie die Chorfantasie) eigentlich unmöglich war für das Publikum. Beethoven hat dabei die Fantasia improvisiert und danach aufgeschrieben. Sie ist wahrscheinlich die einzige wirklich überlieferte Improvisation Beethovens.
Wong kann den dramaturgischen Verlauf des Werkes nachempfinden und gestaltet die verschiedenen Variationen und Umspielungen des Themas mit viel Spielfreude und Virtuosität.

Dialogisierend und klangsinnlich

Ludwig van Beethoven - Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester - Anfang - Glarean Magazin
Ludwig van Beethoven: Anfang der Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester

Am Schluss ertönt die fulminante Chorfantasie op. 80. Sie hat eine unkonventionelle Besetzung mit Chor, Orchester und Klavier und war ein Fiasko bei der Uraufführung im Akademie-Konzert. Das Orchester geriet mit Beethoven als Solisten wegen eines Missverständnisses um eine Wiederholung völlig auseinander: Beethoven spielte sie, das Orchester nicht, ein grosser Tumult brach aus.
Da wäre Beethoven wohl vollends zufrieden gewesen mit der vorliegenden Einspielung, worin See Siang Wong gemeinsam mit dem RSO Wien und dem Wiener Singverein unter der Leitung von Leo Hussain wunderbar dialogisierend und mit viel Gespür für Klangsinn dem Text von Kupfer gerecht werden: „Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor, hat ein Geist sich aufgeschwungen, hallt ihm stets ein Geisterchor“. Einer der gelungensten Aufnahmen dieses Werks und eine schöne Krönung des ersten Teils von Wong’s Beethoven-Trilogie.
Zum Glück doch noch eine Beethoven CD! ♦

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Trilogy 1 mit Beethoven-Klaviermusik, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Wiener Singverein, Leo Hussain (Dirigent), Audio-CD RCA Red Seal (Sony Music)


Mario Knöpfler

Geb. 1957 in St.Gallen, langjährige Tätigkeit beim Schweizer Radio und Fernsehen als Redakteur und Produzent, lebt in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Beethoven auch über den Musik-Kalender 2020: Beethoven und ich

… sowie über Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern


 

Khatia Buniatishvili: Labyrinth (Klavier solo)

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Im Irrgarten des Geistes

von Jakob Leiner

Es ist wahr, hat man das suchende Element in dem neuen Album „Labyrinth“ von Khatia Buniatishvili einmal registriert, scheint es sich mit jedem Höreindruck noch zu potenzieren. Und hier könnte man bereits zu einem Kern der „Labyrinth“ betitelten Einspielung, Ende 2020 bei Sony Classical erschienen, vorgedrungen sein: das Suchende als Wiederholung, als eine sich selbstverstärkende, fast repetitive Kraft, die brachial nicht sein muss.

Labyrinth Khatia Buniatishvili (Klavier), Erik Satie (Komponist), Ennio Morricone (Komponist) und weitere - Audio CDIn Buniatishvilis Auswahl der Stücke sowie ihrer liebevollen Interpretation äußert sich neben dem Suchenden eine zweite Wirkungsebene von hochwirksamer Sinnlichkeit. Das gilt sowohl für Filmmusikalisches wie „Deborah’s Theme“ von Ennio Morricone („Once Upon a Time in America“) als auch für „unser aller“ Bach, u.a. vertreten mit der (angejazzten) „Badinerie“ aus der zweiten sowie seiner genialen „Air“ aus der dritten Orchestersuite.

Grenzen zwischen E- und U-Musik aufgelöst

Buniatishvili scheut sich nicht, die Grenzen der sogenannten E- und U-Musik, ohnehin ein ältliches und durchaus umstrittenes Klassifikationsschema, mit der Anordnung der kurzen Einzelwerke aufzulösen. Das gelingt, weil sie sich der Musik sämtlicher Genres (bzw. Epochen) mit derart unvoreingenommener Zärtlichkeit nähert, dass jene zum „Mörtel“ des gesamten Albums werden kann. Der Ohrwurm-Charakter der allesamt wohlbekannten Stücke erleichtert natürlich die Rezeption um eine gewisse intellektuelle Anforderung, die ja nicht immer intendiert sein muss.

Couperin - Les Barricades Mysterieuses - Glarean Magazin
Neben S. Rachmaninov, S. Gainsbourg, J.S. Bach und A. Pärt: „Les Barricades Mysterieuses“ von F. Couperin

Was beliebig scheint – folgt auf die berühmte Rachmaninov-Vocalise doch eine Transkription des wunderbaren Gainsbourg-Chansons „La Javanaise“ (Juliette Gréco lässt grüßen), an welchen sich Couperins „Les Barricades mystérieuses“ anschließt, nur um wieder zu einem Bach’schen Arrangement (der „Sicilienne“ nach Vivaldis „Concerto Op. 3, Nr. 11“) zu springen – diese stilistisch mutige Abfolge erklärt sich beim Hören von selbst. Buniatishvilis tatsächlich schwervergleichliche Feinheit im Anschlag spannt den Bogen sowie eine gewisse Verklärtheit, die nicht als Pathos missverstanden werden darf.

Introvertierte Musik-Sammlung

Die französisch-georgische Pianistin möchte dieses Konzeptalbum nicht als Beispiel ihrer enormen Virtuosität (man denke nur an Schumanns Klavierkonzert mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Paavo Järvi) verkaufen – nein, es ist eine stille, geradezu introvertierte Musiksammlung, die sie vorlegt.
Arvo Pärts reduktive Gebetskomposition „Pari intervallo“ steht stellvertretend für das Ausmaß an meditativer Versenkung, die zeitweise erreicht wird. Zwei streng parallel geführte Linien, dem persönlichen Tintinnabuli-Stil des estnischen Komponisten folgend, bilden über knapp acht Minuten hin ein klares klangoptisches Muster, das von Es-Moll-Dreiklängen bestimmt wird. Nicht nur (Selbst-)Spiritualität zugeneigte Menschen werden der Transzendenz, die hier zusammen mit Schwester Gvantsa Buniatishvili zu vier Händen meisterhaft transportiert wird, etwas abgewinnen können.

Von Bach bis Cage

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Natürlich darf in einer solchen durchaus nach philosophischen Gesichtspunkten festgelegten Stückauswahl auch John Cages „Nichtwerk“ „4’33“ nicht fehlen. Frühlingshafte Realklänge wie entferntes Vogelgezwitscher werden, dem CD-Booklet nach auf einem Friedhof aufgenommen, zur aleatorischen Musik von hoher imaginativer Wirksamkeit. Bezeichnend, dass die Künstlerin kurze kontemplative Texte zu jedem Werk selbst verfasste – das Labyrinth als Sinnbild für einen Lebensweg, der Verirrung gewissermaßen beinhalten muss und den man trotzdem selbstreflektiert und bewusst zu gehen in der Lage ist. Zugleich schwingt die Aufforderung mit, die intrinsische Ordnung, für die der Albumname ebenso steht, aus metaphysischer Vogelperspektive sowohl wahrzunehmen als auch zu ergründen.

Schnulzige Gesten neben überzeugender Seriösität

Virtuose Sinnlichkeit - Die Pianistin Khatia Buniatishvili - Musik im Glarean Magazin
„Virtuose Sinnlichkeit und intrinsische Ordnung“: Die Pianistin Khatia Buniatishvili

Es lässt sich nicht vermeiden, dass der Gestus an manchen Stellen mit dem Schnulzigen liebäugelt, jedoch verliert er nie eine seriöse Überzeugungskraft. Die Ligeti-Etüde „Arc-en-ciel“ oder Johannes Brahms melancholisches „Intermezzo in A-Dur“ aus den 6 Klavierstücken bestätigen jene interpretatorische Reife, die der erst 33-Jährigen vielfach attestiert wird. Das empfindsame Spiel mit Zwischenstimmen kennzeichnet auch die Liszt-Consolation in Des-Dur als „poetischer Gedanke“.
Somit ist „Labyrinth“ ein gewagtes wie sensibles Album, das genau durch diese Mischung besticht. Der Bezug auf jene neoromantische Konzeption des menschlichen Geistes als wechselseitiges Eintauchen und Eingetauchtwerden in die Vielfalt einer Weltbeseeltheit ist in pandemischen Zeiten ebenso heilsam wie wahr. Wehe dem, der anders spricht… ♦

Khatia Buniatishvili (Klavier): Labyrinth (Div. Komponisten) Audio-CD, Label Sony Classical


Jakob Leiner - Lyriker, Musik, Arzt - Glarean MagazinJakob Leiner

Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klaviermusik auch über Komitas: Seven Songs (Pianistin: Lusine Grigoryan)

… sowie über: Severin von Eckardstein plays Robert Schumann – Ein Plädoyer für die Romantik

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Das Klavierwerk von Ernest Bloch & Ferruccio Busoni


Kompositionswettbewerb 2020 für Klavier und Orchester

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Klavierkonzerte mittleren Schwierigkeitsgrades

Klavier-Musik - Piano-Noten - Glarean MagazinDas Institut für Musik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg schreibt seinen 20. internationalen Kompositionswettbewerb aus. Eingesandt werden können Werke für Klavier und Orchester. Es ist möglich, mehrere Partituren einzureichen, die jeweilige Aufführungsdauer sollte maximal zehn Minuten betragen. Der Wettbewerb bezweckt, das Repertoire für zeitgenössische Musik mittleren Schwierigkeitsgrades zu erweitern.

Die Kompositionen dürfen weder veröffentlicht noch aufgeführt worden sein. Es gibt keine Altersbegrenzung, auch die inhaltliche Ausrichtung der Werke ist freigestellt. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2020, hier finden sich die weiteren Einzelheiten der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Ausschreibung zum Internationalen Kompositions-Wettbewerb Ise-Shima-Art 2021

… sowie über den NIPOS-Kompositionswettbewerb 2021 für Kinderchor

Ausserdem: Internationaler Kompositionswettbewerb für Harfe


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The Institute for Music of the Carl von Ossietzky University Oldenburg is announcing its 20th international composition competition. Works for piano and orchestra can be submitted. It is possible to submit more than one work, the respective performance duration should not exceed ten minutes. The competition aims to expand the repertoire for contemporary music of medium difficulty.

The compositions must not have been published or performed. There is no age limit, and the content of the works is also optional. The deadline for entries is 31 December 2020. (See the links above) ♦

Erik Chisholm: Violinkonzert & Dance Suite (CD)

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Legendenhafte Stimmung trifft manische Vehemenz

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Seit jeher haben es Komponisten Albions schwer auf „dem Kontinent“. Schon Elgar wird auf deutschen Podien – sieht man von den „Enigma-Variationen“, dem „Cellokonzert“ und dem Marsch „Pomp and Circumstance Nr. 1“ einmal ab – nicht eben häufig gespielt. Ralph Vaughan Williams‘ ergeht es noch schlechter, und von Holst, Bridge, Walton, Scott, Moeran, Alwyn, Brian, Arnold, Howells und vielen, vielen anderen muss man an dieser Stelle schweigen. Noch unbekannter sind die meisten schottischen Komponisten – Komponisten, für deren Werk sich seit vielen Jahren der britische Dirigent Marytn Brabbins einsetzt.

Erik Chisholm: Violinkonzert / Dance Suite for Orchestra and Piano / Preludes from The True Edge of the Great World, Matthew Trusler (Violine), Danny Driver (Klavier), BBC Scottish Symphony Orchestra, Martyn Brabbins, Audio-CD, 63 Minuten, Hyperion CD-LabelEiner jener grossen Unbekannten ist Erik Chisholm. Auf einer jüngst bei dem britischen Label Hyperion erschienenen CD präsentieren Brabbins und das BBC Scottisch Symphony Orchestra nun verschiedene Orchesterwerke des aus Glasgow stammenden Komponisten und Dirigenten. Es sind keine Werke, die in irgendeiner Form einen romantisierenden Schottland-Topos bedienen würden. Nicht umsonst nennt John Purser (in seinem hervorragenden einleitenden Essay) ihn darum „Den Modernen aus Schottland“.
Denn ein Moderner war Chisholm durch und durch. Als Konzertveranstalter hat er Bartók und Hindemith nach Glasgow geholt, hier hat er auch immer wieder Werke von Florent Schmitt und Karol Szymanowski und Casella aufgeführt, und als Komponist entwickelte er – wie es Purser zurecht anmerkt – eine moderne „Tonsprache ohne Vorbild“ und hinterliess ein Werk, das ein „wahres Abenteuer in emotionaler und intellektueller Hinsicht“ ist.
Grosses Interesse zeigte Chisholm sein Leben lang an gälischer und – nach seinem kriegsbedingten Aufenthalt in Bombay – an der reichen Musik Indiens. Und diese beiden Interessensschwerpunkte fokussiert auch die vorliegende CD.

Pendeln zwischen Meditation und Ekstase

Martyn Brabbins - Glarean Magazin
Spezialist für die schottische Moderne: Dirigent Martyn Brabbins (Geb. 1959)

Das Violinkonzert aus dem Jahr 1950 bezieht sich im ersten und im dritten Satz auf zwei nordindische „Ragas“, dem Raga Vasantee und dem Raga Sohani. Aus beiden leitet Chisholm thematisches Material für seine Komposition ab. Gleich der Eingangssatz beinhaltet – gleichsam als Pars pro toto – die Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten Chisholms. Es handelt sich hier um eine formal weiterentwickelte Passacaglia, die inhaltlich – dem Raga Vasantee gemäss – um den Frühling kreist. Dieser Frühling ist allerdings nichts weniger als eine romantische Vision. Vielmehr pendelt er – daran an Strawinskys „Sacre“ erinnernd – kontinuierlich zwischen Meditation und vehementer Ekstase, zwischen Depression und Manie hin und her. Chisholms Musik setzt ungeheuer stark auf Rhythmik, hat einen wilden Zug nach vorn, steht emotional unter enormen Druck, entlädt sich gleichsam zyklisch und fällt schliesslich immer wieder zurück in Momente des Dunklen und Düsteren. Ob eben in der eröffnenden Passacaglia, dem sich anschliessenden „Allegro scherzando“, der „Aria in modo Sohani“ und in der abschliessenden „Fuga senza tema“: Der Hörer erlebt im Rahmen des gut halbstündigen Violinkonzertes einen unablässigen Rausch, der seinesgleichen durchaus sucht.

Komponist von Musik mit weitem emotionalem Spektrum: Erik Chisholm (1904-1965)
Komponist von Musik mit weitem emotionalem Spektrum: Erik Chisholm (1904-1965)

Sowohl der Orchestersatz als auch im Besonderen der Solo-Part stellen dabei höchste Ansprüche an die Ausführenden. Glänzend bestehen hier das BBC Scottish National Orchestra und Geiger Matthew Trusler. Obwohl seinem Ton etwas der Körper abzugehen scheint, so ist er der Virtuosität der Partie vollkommen gewachsen und erweist sich als hervorragender Gestalter dieser hochkomplexen Herausforderung. Tatsächlich eignet sich die etwas flache, kühle Brillanz seines Tones als ideal für die Durchleuchtung dieses Werkes.

Weites emotionales Spektrum

Die auf dieser Hyperion-CD enthaltenen Werke des schottischen Komponisten Erik Chisholm werden mustergültig wiedergegeben. Chisholms Musik, hierzulande vollkommen unbekannt, entpuppt sich als echter Hinhörer, als stilistisch vollkommen genuine Musik der Moderne, die es wert ist, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden.
Die auf dieser Hyperion-CD enthaltenen Werke des schottischen Komponisten Erik Chisholm werden mustergültig wiedergegeben. Chisholms Musik, hierzulande vollkommen unbekannt, entpuppt sich als echter Hinhörer, als stilistisch vollkommen genuine Musik der Moderne, die es wert ist, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden.

Ähnliches kann man zu der sich mit traditionellen gälischen Musikformen auseinandersetzenden „Dance Suite for orchestra and piano“ aus dem Jahr 1932 (man beachte die ungewöhnliche, aber vollkommen richtige Reihung) sagen. Auch in diesem Werk, das eben kein Klavierkonzert ist, obwohl das Klavier – durchweg hervorragend zwischen Analyse und Verzückung gespielt von Pianist Danny Driver – durchaus eine wichtige Rolle spielt, wird ein weites emotionales Spektrum aufgezogen. So findet sich als ein Pol der zarte, impressionistische Beginn des zweiten Satzes, der sich in Struktur, Melodik und Stil mit der „Pìobaireachd“, der grossen gälischen Variationsform beschäftigt. Auf der anderen findet sich die atemlose Vehemenz des Eingangssatzes „Allegro energico“ und das in einem rasanten Reel gipfelnde brachiale Gelärme des letzten Satzes, der dem Hörer nur so um die Ohren fliegt. Zwischen diesen beiden Werken platziert finden sich drei von Chisholm orchestrierte aus den ursprünglich für das Klavier komponierten Preludes „From the True Edge of the World“ aus dem Jahre 1943. Hier zeigt sich ein musikalisch gemässigterer Chisholm, der sich mit altem gälischen Liedern auseinandersetzt, die aus Amy Murryas Buch „Father Allan’s Island“ stammen.

In „Song oft he mavis“ zieht Chisholm alle Register seiner Orchestrationskunst, um ein idyllisch-impressionistisches Frühlingsbild mit nachgeahmtem Drosselruf zu gestalten. Im „Ossianic lay“ zaubern Brabbins und das schottische Spitzenorchester eine legendenhafte, ja magisch-mythische Stimmung (der Ossian beschäftigte Chisholm auch ausführlich in seiner zweiten Symphonie) und der abschliessende Reel entpuppt sich als bodenständiger, wuchtiger aber dennoch mit wunderbaren Drive gesegneter Tanzsatz. Diese zweite Produktion aus dem Hause Hyperion mit Musik Erik Chisholms ist ein echter Hinhörer und es bleibt zu hoffen, dass sich das Label dazu entschliessen wird, die begonnene und bislang höchst gelungene Werkschau in Zukunft noch etwas zu erweitern. ♦

Erik Chisholm: Violinkonzert / Dance Suite for Orchestra and Piano / Preludes from The True Edge of the Great World, Matthew Trusler (Violine), Danny Driver (Klavier), BBC Scottish Symphony Orchestra, Martyn Brabbins, Audio-CD, 63 Minuten, Hyperion CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schottische Musik-CD auch über die
CD-Neuheiten: The Edge of Time & The Last Island

Komitas: Seven Songs (Klavier – CD)

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Aus dem wilden Kaukasus

von Wolfgang-Armin Rittmeier

„Die Musik von Komitas kommt“, – so Paul Griffeth in seinen Anmerkungen zu dem kürzlich bei ECM erschienenen Album „Komitas – Seven Songs“ – „was Raum und Zeit angeht, aus einer ungewöhnlichen Ecke der westlichen Musik: zum einen vom äussersten Rand dessen, was man westliches Gebiet nennen könnte – Armenien – und zum anderen auch aus den entferntesten Bereichen der romantischen Musiktradition des 19. Jahrhunderts.“ Tatsächlich haben es nur wenige Komponisten Armeniens bis ins Bewusstsein des europäischen Musikliebhabers geschafft – am ehesten vielleicht Alan Hovhaness, der (obschon Amerikaner) aus einer Familie armenisch-amerikanischen Ursprungs stammte und sich mit der Geschichte und Musiktradition seiner Vorfahren beispielsweise in seiner „Exile Symphony“ auseinandergesetzt hat.

Der armenischen Nationalmusik verbunden

Der Komponist, der ursprünglich Soghomon G. Soghomonian hiess und erst nach seiner Weihe zum Mönch gemäss der Tradition der armenisch-apostolischen Kirche als nun Neugeborener auf den Namen Komitas getauft wurde, war vielseitig begabt, wobei er sich speziell der armenischen Nationalmusik verbunden sah. Diese Nationalmusik sah er in den armenischen Volksweisen unmittelbar verkörpert, die er darum konsequent als Grundlage seiner meisten Kompositionen für Klavier wählte und sich somit bewusst oder unbewusst in die nationalromantische Musiktradition Europas einreihte.

Auf der hier vorgelegten CD nun finden sich – der Titel führt da etwas in die Irre – ausschliesslich Klavierkompositionen. Die den Titel für die Kompilation stiftenden „Seven Songs“ finden sich gleich zu Beginn. Als „Yot Yerg“ (= Sieben Lieder) hat sie Komitas 1911 sowohl als Werke für Gesangsstimme als auch für Klavier solo herausgebracht. Pianistin Lusine Grigoryan, die aus Armenien stammt, hat sie mit Bedacht an die erste Stelle des Programmes gestellt, offenbaren sie doch exemplarisch die typische Verfahrensweise des Komponisten, seine Klaviersätze so zu gestalten, dass sie klanglich an Instrumente der armenischen Volksmusik erinnern. Und so vermitteln die sieben kurzen Stücke für den Hörer Klänge, die eigentlich der Tar, der Daf, der Duduk oder der Zurna zugehören. Neben dieser gewissermassen didaktischen Dimension der hier vorgestellten Werke Komitas‘ hat es der Hörer mit einer Musik zu tun, die trotz ihrer am Volkslied orientierten Ausdruckweise alles andere als volksliedhaft im romantischen Sinne wirkt. Von nirgendwoher winkt ein Mendelssohn, ein Silcher, auch Schumann nicht, weder Brahms noch Vaughan Williams grüssen von fern.

Schwebender Musik-Charakter vermittelt Zeitlosigkeit

Mönch und Komponist: Komitas Vardapet (1869-1935)
Mönch und Komponist: Komitas Vardapet (1869-1935)

Das Überraschende und enorm Spannende der auf dieser CD vereinten Miniaturen – von dem gut zehnminütigen Tanzszene „Msho Shoror“ einmal abgesehen dauert kaum ein Stück länger als drei Minuten – ist, dass ihr häufig Zeitlosigkeit vermittelnder, schwebender Charakter. Gern gebe ich zu, dass ich beim ersten Hören der hier versammelten Stücke zunächst vermutet habe, es handle sich beim Komponisten um einen gegenwärtigen, einen, der sich in der Tradition eines Pärt wähnt. Es ist schon verblüffend wie nahe sich Komitas‘ Idiom bisweilen an Stücken wie dessen „Für Alina“ oder „Spiegel im Spiegel“ bewegt. Die „Sieben Tänze“ („Yot Par“) oder die zwölf „Stücke für Kinder“ („Mankakan Nvag“) wirken aufgrund ihrer tänzerischen Rhythmik nur im ersten Moment anders, und das auch nur graduell und nicht im Kern. Die beiden Nuclei des Personalstils Komitas‘ bilden überall die seltsam schwebende Grundhaltung und einen der Welt etwas entrückten Tonfall – zwei Idiosynkrasien, die vom ersten Ton an zu fesseln vermögen.

Pianistin Lusine Grigoryan erweist sich als kongeniale Interpretin dieser Musik. Luftiges, glasklares Spiel, sanfteste Anschläge, silbrige Tongebung, eine enorm sicher austarierte agogische Arbeit und eben jenes Händchen für den ganz speziellen Ton der Werke ihres Landmannes fügen sich wie selbstverständlich zu einer ausgesprochen stimmigen Lesart, die es schafft, diese Musik noch lang im Inneren nachhallen zu lassen. ♦

Komitas: Seven Songs, Lusine Grigoryan (Klavier), Audio-CD, 50 Minuten, ECM CD-Label

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Rikard Nordraak: Songs and Piano Music (CD)

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Eine Handvoll blühender Frühlingsblumen

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das Cover der jüngst bei LAWO Classics erschienenen CD „Rikard Nordraak – Songs and and Piano Music“ ist eine Augenweide. Der Blick öffnet sich in einen norwegischen Fjord, im kristallklaren Wasser spiegeln sich die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge. Ein Bild, das jeden Menschen, der den Norden liebt, unmittelbar in seinen Bann zieht. Es irritiert lediglich eines: der Name Rikard Nordraak. Wer ist das eigentlich? Was für Musik steckt hinter diesem Namen? Altes? Neues?

Vergessen von der Musikwelt: Rikard Nordraak

Rikard Nordraak – Songs and and Piano Music (Lawo CD-Label)Nun – auf jeden Fall Unerhörtes! Denn Rikard Nordraak ist ein Komponist, den die (Musik-)Welt weitgehend vergessen hat. Nur in Norwegen wird seiner mit schöner Regelmässigkeit gedacht, und zwar immer, wenn die Nationalhymne „Ja, vi elsker dette landet“ auf einen Text seines Vetters Bjørnstjerne Bjørnson erklingt. Zugegeben: Er hat auch nicht viel hinterlassen. Das Oeuvre umfasst ein paar Lieder, ein paar Stücke für Klavier und zwei Bühnenmusiken zu Stücken Bjørnsons. Nur etwa 40 Kompositionen haben sich erhalten, kaum etwas wird je aufgeführt, so gut wie nichts wurde bislang eingespielt. Insofern füllt diese CD – und das grundsätzlich erfreulich – eine Lücke.

Zeittypisch und genrehaft

Rikard Nordraak (1842-1866)
Rikard Nordraak (1842-1866)

Nordraak wurde 1842 in Oslo geboren. Seine Musikbegabung wurde schon in der Kindheit deutlich. Dennoch sollte er – man kennt dergleichen – eine „anständige“ Profession erlernen. In Kopenhagen sollte er eine Ausbildung zum Kaufmann absolvieren, stattdessen studierte er mehr oder minder heimlich Musik. Diese Studien führten ihn dann immer wieder auch nach Berlin, wo er 1864 an Tuberkulose erkrankte und ihr im darauffolgenden März erlag. Sein Freund Edvard Grieg war so erschüttert vom Tod des jungen Komponisten, dass er einen heute noch bekannten Trauermarsch für dessen Bestattung komponierte. Grieg hatte in ihm den Vorreiter einer echt norwegischen Musik gesehen: „Sein Name wird in unserer Welt der nordischen Kunst fortleben. Seine fesselnden Ideen werden ihn weit über das Nichts des Grabes hinaustragen, denn in sie eingeschrieben sind die Zeichen von Wahrheit und Ewigkeit.“
Hört man jedoch Nordraaks Musik heute, so ist es über die Zeitläufte hinweg und in Kenntnis der Werke seiner Zeitgenossen Johan Svendsen und Grieg selbst, nicht immer einfach jenen „speziell nordischen Klang“ zu erlauschen, den Grieg ihr zuschrieb. Besonders die Klavierwerke, denen wir auf dieser CD begegnen, und die unter den Fingern von Eugene Asti zweifelsohne schöne Klanglichkeit und Plastizität gewinnen, wirken letztlich wie hochromantische Petitessen, weniger innovativ als vielmehr zeittypisch und genrehaft. Der nocturneartige „Valse caprice“ erinnert stark an Fields und Chopin, die „Venskabs-Polka“ hätte auch Schubert schreiben können.

Mysteriöser nordisch-romantischer Tonfall

Die neue LAWO-CD mit "Songs and Piano Music" von Rikard Nordraak dokumentiert: Nordraak war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen weiterführend aufgegriffen wurden. Darin liegt die wirkliche Bedeutung seiner Werke für die nordische Musik-Romantik.
Die neue LAWO-CD mit „Songs and Piano Music“ von Rikard Nordraak dokumentiert: Nordraak war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen weiterführend aufgegriffen wurden. Darin liegt die wirkliche Bedeutung seiner Werke für die nordische Musik-Romantik.

Das Feuer der „Fire Dandse“ für Klavier brennt dann auch ausgesprochen gesittet im heimischen Salon zur unaufgeregten Erwärmung der gebildeten Gesellschaft. Anders die Lieder, die von Sopranistin Helene Wold durchweg klangschön, mit immer etwas abgedunkeltem Ton, höchstem Engagement und gestalterischer Feinsinnigkeit vorgetragen werden. Da hört man immer einmal wieder jenen mysteriösen nationalromantischen Tonfall, den man gern mit dem Begriff „nordisch“ bezeichnet, ohne so recht zu wissen, wie das nordische Klanggewand eigentlich entsteht. Balladeskes wie „Jeg har søgt“ oder die Romanzen „Ingerid Sletten“ und „Liden Gunvor“ aus dem Ole Bull zugeeigneten Opus 1 oder „Solvejge“ aus dem Opus 2 wirken besonders stark in diese Richtung. Auch das das zweite Opus eröffnende „Tonen“ und die sehr stark volksliedhaften Lieder „Træet“ und „Killebukken“ lassen schliesslich ganz gut erahnen, was Grieg in Nordraak sah. Er war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen aufgegriffen wurden, die Norwegen schliesslich ein musikalisches Gesicht verliehen. Darin – und weniger in der Qualität seiner Kompositionen – liegt wohl die wirkliche Bedeutung Nordraaks. ♦

Rikard Nordraak: Songs and Piano Music – Helene Wold (Sopran), Eugene Asti (Klavier), Audio-CD, 66 Minuten, LAWO CD-Label

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Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

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Ein Plädoyer für die Romantik

von Christian Busch

Wenn es dunkelt, die Sonne im Waldesschatten versinkt und der Himmel in sternklarer Nacht im Blütenstaub still die Erde küsst, spannt in dämmrigen Felsenklüften die Seele weit ihre Flügel, als flöge sie nach Haus, und lüftet ihr innerstes Geheimnis: die Liebe. „Durch alle Töne tönet / im bunten Erdentraum / Ein leiser Ton / Für den der heimlich lauscht“ (Friedrich Schlegel)

Severin von Eckardstein plays Robert SchumannWie in Joseph von Eichendorffs Landschaften formte die Romantik wie keine andere Epoche die Sprache und Welt der Seele, welche sich in Abgeschiedenheit und privater Intimität ungeachtet gesellschaftlicher Wirklichkeit und politischer Zensur zu Wort bzw. zum Tone meldet. Schon der grosse Idealist Beethoven hatte sich in seinem 1816 komponierten Liedzyklus „An die ferne Geliebte“ zur romantischen Tonsprache der Innerlichkeit bekannt, welche seinen romantischen Nachfolgern den Weg ebnete. Robert Schumann, der als schweigsam, introvertiert, hochgebildet und als Inbegriff der deutschen Hochromantik gilt, fand sein Element zwischen mildem Eusebius und wildem Florestan im Phantastischen, in der musikalischen „Fantasie“ des Klaviers, dem Instrument der Seele.

Balance zwischen Florestan und Eusebius

Severin von Eckardstein - Konzertpianist - Glarean Magazin
Severin von Eckardstein

Der 1978 in Düsseldorf geborene Pianist Severin von Eckardstein hat sich nun in seiner neuen CD neben den drei Fantasiestücken op. 111 und den Fantasiestücken op. 12 auch Robert Schumanns einzigartiger Fantasie in C-Dur op. 17 angenommen. Bei der 1838 vollendeten Fantasie, die zugleich Ausdruck von Schumanns leidenschaftlicher, aber problematischer Beziehung zu Clara Wieck  („das Passionierteste, was ich je geschrieben habe“) als auch eine Hommage an Beethoven (man höre nur die Triolen aus der Mondscheinsonate im dritten Satz) war, kommt es zweifellos immer wieder neu darauf an, die Balance zwischen sanguinischem Florestan und dem jede extrovertierte Effekthascherei fremd anmutenden Eusebius in Schumanns Temperament zu finden. Jegliches Zuviel an jugendlicher Überschwänglichkeit oder distanziert abgeklärtem, vermeintlich reifen Musizieren sind hier eher abträglich.

Brodelndes Temperament neben harmonischer Liebes-Sehnsucht

Umso verblüffender das Ergebnis, das Schumanns „Ach, zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“ mit grosser Natürlichkeit und Klarheit vereint. Die grossen Sprünge und Gegensätze in der Komposition, hier brodelndes Temperament, ausbrechender Stolz und rauschhafte Getriebenheit einerseits, träumerischer Schwebezustand, friedvoll-harmonische Sehnsucht nach Liebe andererseits sind auf wundersame und doch scheinbar selbstverständliche Weise – und doch ohne Glättungen – verbunden; phantastisch!  Und wenn man die CD in seine Sammlung einreiht, hat man das Gefühl, dass auf den älteren, durchaus leidenschaftlicheren Aufnahmen (Arrau, Kissin, Le Sage) ein wenig Staub liegt.
Die ebenfalls äusserst gelungenen Darbietung der Fantasiestücke op. 111 und op. 12, welche in ihrer zwar virtuosen, aber immer romantisches Ethos verkörpernden Episoden faszinieren, runden die CD, die ausserdem mit einem fachkundig-emphatischen Kommentar des Künstlers im Booklet versehen ist, ab.
Ein Plädoyer unserer Zeit für die Romantik. ♦

Severin von Eckardstein (Klavier): Severin von Eckardstein plays Robert Schumann, Cavi-Music (Harmonia Mundi)

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Hanna Bachmann (Piano): Janacek, Beethoven (CD)

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Ein pianistisch-musikalisches Versprechen

von Walter Eigenmann

Hanna Bachmann: Sonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann, SchumannWenn eine erst 24-Jährige das Klavier so spielt wie Hanna Bachmann, so nennt man das fürwahr – auch in unseren Zeiten der Inflation von „Wunderkindern“ – eine Entdeckung. Die junge Österreicherin widmete sich während ihres Studiums vornehmlich Beethoven, mit dem sie am Bonner Beethovenfest 2015 debütierte – und nun präsentiert sie mit ihrer ersten CD-Einspielung Janaceks Sonate 1.X.1905, Schumanns zweite Sonate op. 22 und Beethovens „Adieux“-Sonate. In diesen „Klassiker“-Reigen stellt sie ausserdem – eine Überraschung – die interessante siebte und letzte Sonate des 1898 geborenen und 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordeten österreichisch-ungarischen Komponisten und Pianisten Viktor Ullmann.

Von Beethoven über die Romantik
zur Schönberg-Schule

Beginn des Trio's aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann
Beginn des Trio’s aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann

Von Beethoven über die Romantik zum Schönberg-Schüler Ullmann also – ist dies das grosse Spannungsfeld der Pianistin Bachmann, die offensichtlich trotz (oder wegen?) ihrer Jugendlichkeit keine stilistischen Berührungsängste kennt? Und auch keine klaviertechnischen Hürden, sei angemerkt: insbesondere Bachmanns Schumann, auch ihr letzter Ullmann-Satz zeugen von bereits enormer Brillanz, die sich paart mit sensitivem Anschlag und zugleich Klangsinn. Wenn man dieses CD-Debüt von Hanna Bachmann als pianistisches Versprechen nehmen soll, dann wird von dieser jungen Künstlerin noch sehr viel zu hören und zu reden sein.

Förderung junger und vielversprechender Künstler

Die Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite.
Die junge, aber pianistisch wie musikalisch sehr gereifte österreichische Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite. Das deutsche Label TYXart führt Bachmann als feinfühlige Künstlerin mit Sonaten von Beethoven, Janacek, Schumann und Ullmann ein und weckt damit Hoffnungen auf weitere Novitäten dieser Pianistin.

Eine Anerkennung sei an dieser Stelle noch ausdrücklich vermerkt zu dem im regensburgischen Nittendorf domizilierten, erst seit fünf Jahren aktiven Label TYXart, in dessen neuer Serie „Rising Stars“ junge Musiker/innen wie eben Hanna Bachmann ein qualitätsvolles Haus für ihre Erstaufnahmen finden. Denn in dem Novitäten-gefluteten Klassik-, überhaupt dem CD-Markt immer neu auf vielversprechende Talente hinzuweisen, das birgt künstlerische und finanzielle Risiken. Diese unbeirrt und über Jahre hinweg auf editorisch hohem Niveau in Kauf zu nehmen verdient Respekt – und alle Neugier des Musikliebhabers! ♦

Hanna Bachmann: Klaviersonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann und Schumann, TYXart 2016, 73 Min. / ASIN B01NAK28ZN

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W. A. Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (CD)

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Mozart im Zwiegespräch

von Christian Busch

Das vierhändige Klavierspiel, die vielleicht intimste Form der Kammermusik, gehört zu den technisch heikelsten und interpretatorisch anspruchvollsten Herausforderungen, welche die Musik an die Ausführenden stellt. Zwei vermeintlich gleichberechtigte Partner treten auf engstem Raum – eine vollkommene Synthese suchend – in einen wirklichen Dialog. Ein Terrain für Geschwister, Paare und freundschaftlich verbundene Seelen – weniger für titanische Tastenlöwen mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung.

Mozart als Wegbereiter der Gattung

Schon von seinem geltungssüchtigen Vater Leopold etwas plakativ als „Erfinder der vierhändigen Klaviersonate“ präsentiert, zählt Mozart unbestritten zu den Wegbereitern dieser Gattung der hohen Kunst mit überschaubarem Repertoire.
Was für den kleinen Wolferl auf dem Schosse eines Johann Christian Bach beginnt und sich in frühen Kompositionen für das geschwisterliche, durchaus auch publikumswirksame Zusammenspiel fortsetzt, findet in der F-Dur-Sonate KV 497 seine Krönung und Vollendung. Gerne als „Krone der Gattung“ (Einstein) und „gewaltige Seelenlandschaft“ bezeichnet, steht sie zeitlich und thematisch der „Prager“ Symphonie (KV 504), aber auch dem „Don Giovanni“ nahe. Als Mozart sie im August 1786 schreibt, verleiht er der subtilen Bespiegelung in Dur und Moll daher auch symphonische Dimensionen.

Einer Professoren-Tochter gewidmet

Aline Zylberajch und Martin Gester
Aline Zylberajch und Martin Gester

Die Franziska von Jacquin, Tochter des befreundeten Wiener Botanikprofessors, gewidmete C-Dur-Sonate KV 521 übersendet er Ende Mai 1787 – am Todestag seines Vaters – an Gottfried von Jacquin mit den mahnenden Worten: „Die Sonate haben Sie die Güte ihrer frl: Schwester nebst meiner Empfehlung zu geben; – sie möchte sich aber gleich darüber machen, denn sie seye etwas schwer.“ Das virtuose Werk, das den späten Wiener Klavierkonzerten verwandt ist, trumpft gleichfalls mit orchestralem Klang auf, ohne den dank der Solopassagen aller vier Hände – kammermusikalischen Rahmen zu verlassen. Ob er es mit ihr, einer seiner besten Schülerinnen, auf Schloss Waldenburg gespielt hat? Mit Sicherheit.

Präzise Abstimmung und orchestrale Pracht

Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmasses bis zur privaten Intimität mühelos spannt.
Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmasses bis zur privaten Intimität mühelos spannt.

Das Strassburger Musikerehepaar Aline Zylberajch & Martin Gester (Bild) hat sich nun in ihrer zweiten auf CD veröffentlichen Gemeinschaftsproduktion dieser beiden viel zu selten zu hörenden Sonaten Mozarts angenommen – zusammen mit dem Rondo in a-moll KV 511 (Martin Gester) und dem Andante und Variationen in G-Dur KV 501 (Label K 617).
Ihr Spiel lässt dabei keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmasses bis zur privaten Intimität mühelos spannt. Das kraftvoll drängende Allegro, die galant singende Melodie, der leise, klagend-resignative Ton, all das spiegelt sich stimmig im blendend hellen Mozart-Sound. Da mag einer sagen, dies komme ihm bekannt vor, jedoch nicht in der Form des auf Salon-Frivolitäten verzichtenden, vertrauten Zwiegesprächs – im ständig wiederkehrenden Suchen und Finden – zweier ebenbürtiger Partner. Damit bietet die CD mit Werken aus der grossen Schaffensperiode (zwischen „Figaro“ und „Don Giovanni“) einen weiteren Höhepunkt Mozart’schen Schaffens – für so manchen sicher eine Entdeckung. ♦

Wolfgang Amadeus Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (KV 497 & KV 501), Martin Gester and Aline Zylberajch, CD-Label K617 (Harmonia Mundi)

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Drei Buch- und DVD-Neuheiten – kurz belichtet

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Interessante Buch- und DVD-Novitäten

von Walter Eigenmann

Therese Bichsel: grossfürstin Anna – Roman

Die Emmentaler Schriftstellerin und Journalistin Therese Bichsel (*1956) ist seit 1997 v.a. als gut recherchierende und literarisch gewandte Porträtistin historischer Frauengestalten im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit. Nun legt sie – wiederum im Zytglogge Verlag – die Roman-Biographie der Prinzessin Juliane von Sachsen-Coburg vor – jener Anna Feodorowna (1781-1860), die später als russische grossfürstin an die Seite eines Enkels von Katharina der grossen verheiratet wird, dann aber aus St. Petersburg flieht und in der Schweiz heimliche Geliebte und Mutter zweier Kinder wird.

Russischer Hochadel an der Berner Aare

Therese Bichsel: grossfürstin Anna - Flucht vom Zarenhof in die ElfenauBichsel rollt das Schicksal der 14-Jährigen Prinzessin Juliane einfühlsam und historisch informativ auf bis hin zu den wenigen glücklichen Tagen der schliesslich geschiedenen russischen Fürstin Anna auf ihrem prächtigen Gut „Elfenau“ nahe der Berner Aare. Die Autorin selber zur Entstehungsgeschichte ihres Buches: „Vor einiger Zeit stiess ich auf Anna Feodorowna und war bald fasziniert von dieser Frau, ihren schwierigen Männerbeziehungen und ihrem Kampf um die unehelichen Kinder in einer Zeit des Umbruchs.“ – Eine willkommene Bereicherung des an Interessantem momentan nicht so reichen Genres „Historischer Roman“.  ♦

Therese Bichsel: grossfürstin Anna – Flucht vom Zarenhof in die Elfenau, Roman, 304 Seiten, Zytglogge Verlag, ISBN 978-3-7296-0851-1

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Efrat Gal-Ed: Niemandssprache – Itzig Manger


DVD: Glenn Gould – Genie und Leidenschaft

Glenn Gould - Genie und Leidenschaft - DVD-DokumentationDas kanadische Musik-Phänomen Glenn Gould steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Genie und Leidenschaft“, unlängst in einer Doppel-DVD (inkl. eines „internationalen Director’s Cut“) bei „Mindjazz Pictures“ erschienen. Das Video präsentiert vielschichtig und über weite Strecken eindringlich präsentiert das Leben und Werk einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte. Pianist Gould – „Der Mann mit dem Mantel und dem Stuhl“ – ist bis heute Gegenstand sowohl internationaler Verehrung als auch unablässiger klavierinterpretatorischer Forschung, und auch 30 Jahre nach seinem Tode scheint die Faszination für diesen Ausnahmekünstler noch nicht nachgelassen zu haben.

Portrait einer vielschichtigen Persönlichkeit

Der Film beinhaltet unveröffentlichtes Archivmaterial, Interviews mit Gould-Freunden sowie Ausschnitte aus bisher noch nicht publizierten privaten Bild- und Tonaufnahmen. – Die beiden DVDs bringen die (so facettenreiche wie zerrissene) Pianisten-Ausnahmerscheinung Glenn Gould mit all ihrer Widersprüchlichkeit und musikalischen Obsession, aber auch mit ihrer intellektuellen Vielschichtigkeit und interpretatorischen Tiefe nahe. Empfehlenswert. ♦

Glenn Gould – Genie und Leidenschaft, Dokumentarfilm von Michele Hozer und Peter Raymont, Mindjazz Pictures, Doppel-DVD, 84 Min. & Bonusmaterial 106 Min.

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Alice Sara Ott (Piano): Chopin – Complete Waltzes


Ken Follett: Winter der Welt – Roman

Ken Follett: Winter in der Welt - Roman - Lübbe VerlagDie Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkrieges, seine globalen wie einzelmenschlichen Schicksale nimmt Englands wohl berühmtester Bestseller-Autor Ken Follett („Die Nadel“) diesmal als historisches Panorama her für seinen jüngsten Wälzer „Winter der Welt“. Der über 1000-seitige Roman – Übersetzung: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher – ist als der zweite Teil einer „Jahrhundert-Saga“  gedacht – nach „Sturz der Titanen“ –  und breitet episch vor zeitgeschichtlich dramatischem Hintergrund mannigfaltige Handlungsstränge mit zahllosen fiktiven wie realen historischen Persönlichkeiten aus.

Teils rührselig, aber sozial engagiert

Für manche Leserschichten anspruchsvollerer Belletristik mag Ken Follett (*1949) teils etwas geschwätzig, teils etwas rührselig daherschreiben. Für die in die Millionen gehende Fan-Gemeinschaft des produktiven – und übrigens auch sozial sehr engagierten -, dabei äusserst detailreichen Schriftstellers ist selbstverständlich „Winter der Welt“ das literarische Muss dieses Herbstes. ♦

Ken Follett, Winter der Welt, Roman, Lübbe Verlag, 1020 Seiten, ISBN 978-3-7857-2465-1

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Philip Teir: So also endet die Welt

Lowell Liebermann: Little Heaven (CD)

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Kleiner Himmel über Germanika

von Michael Magercord

Eine Auswahl von Liedern zu Texten der deutsch-jüdischen Dichterin Nelly Sachs, dem Struwelpeter sowie einem Gedicht zu einer deutsch-amerikanischen Liebesbeziehung, und doch – der Hörer sei gewarnt oder besonders erfreut gestimmt: Die CD „Little Heaven“ von Lowell Liebermann ist es eine durch und durch amerikanische Platte. Gut, die Texte sind alle auf Deutsch gesungen, oder wenigstens in einer Art von Germanglisch, und ja, die Musik beruht auf der Liedertradition, die vor allem im deutschsprachigen Raum ihre Wurzeln hat – trotzdem: diese CD kann so nur aus den USA kommen.

Häufig gespielter zeitgenössischer Komponist

Little Heaven - Songs by Lowell Liebermann - Albany RecordsKomponist ist der 50-jährige US-Amerikaner Lowell Liebermann aus New York. Seine Werke gehören zu den meistgespielten zeitgenössischen Stücken. Die New York Times bezeichnete ihn als „ebenso Traditionalist wie Innovator“. Das allein macht die CD allerdings noch nicht zu einer amerikanischen, zumal Lowell Liebermann einen Teil seiner Lehrzeit in Bayreuth bei der einzigen Nazi-Gegnerin im Wagner-Clan, Friedelind Wagner, verbracht hatte. Und seinen New Yorker Dirigentenlehrer Laszlo Halasz zitiert Liebermann mit dem Ausspruch: Seit Strauss, Bartok und Strawinsky könne nichts mehr von Belang komponiert werden. Der gereifte Komponist Lowell Liebermann bestätigt diese Aussage, indem er sie widerlegt: Zwar scheinen sich seine Werke durchaus dem Erbe der genannten Vorgänger verpflichtet zu fühlen, doch weder fallen sie dahinter zurück, noch gleiten seine Werke auf der neuen Unterhaltungsschiene à la Hollywood hinab. Auch die Gesangskunst auf dieser CD ist vor allem in der Klarheit der Sprache hervorragend. Oft wirken fremdsprachige Sängerpartieen etwas gestelzt, doch die an der Oper Frankfurt singende Amerikanerin Brenda Rae hat damit kein Problem.

Von Nelly Sachs bis zum Struwwelpeter

Lowell Liebermann (*1961) - Glarean Magazin
Lowell Liebermann (*1961)

Was also macht diese CD denn nun so amerikanisch? Es ist einmal die Zusammenstellung der den Liedern zugrunde liegenden Texte: Zunächst sechs Gedichte der Nobelpreisträgerin Nelly Sachs. Sie wurde 1891 in Berlin geboren, machte sich zunächst einen Namen als romantisierende Dichterin, verliess Deutschland 1940 gerade noch rechtzeitig, verlor fast ihre ganze Familie im Holocaust. Diese Erfahrung unterlag seither ihrer Dichtung, auch jener, die Liebermann vertont hat. Gefolgt wird sie von drei Episoden aus dem Struwwelpeter, dem Kinderbuch der Brachialpädgogik aus dem Jahre 1845, und abgeschlossen schliesslich von einem deutsch-englischem Banal-Poem über eine Beziehungsstory um einen Volkswagen, six-pack-Bier und eine Frau Turbosupercharger unter dem Titel Appalachian Liebeslieder.

Zusammenstellung unterschiedlichster Gefühlswelten

Die Song-Sammlung
Die Song-Sammlung „Little Heaven“ von Lowell Liebermann beinhaltet eine gewagte Auswahl von Texten in „klassisch-moderner“ Manier. Von Innovationen bzgl. Klangmuster bleibt der Hörer eher verschont, Liebhaber der gehobenen „deutschen Liedtradition“ finden hier vertraute Töne zu bislang unvertonten Texten.

Man mag die Zusammenstellung gewagt oder geschmacklos nennen – oder aber eben „amerikanisch“. Noch erstaunlicher ist, dass diese so unterschiedlichen Gefühlswelten der Texte in der fast immer gleichen Klangweise dargeboten werden, nämlich guter, klassischer gehobener Liedertradiition entsprechend: immer auf der Höhe des Empfindens. „Meine Liebe zur Musik enstand durch die Einwirkung der grossen westlichen klassischen Tradition auf mich. Das ist ein kontinuierlicher Zusammenhang, von dem ich ein Teil sein wollte. Es gab ein Klischee über moderne Musik, dass diese immer mit der Tradition zu brechen habe, was ich als eine Art marxistische Perspektive betrachte“, sagt Lowell Liebermann. Ist also diese CD mit ihrer riskanten Zusammenstellung von letztlich ziemlich risikolosen Stücken also nun im Umkehrschluss eine kapitalistische? Nein, eher wohl eben doch eine amerikanische… ♦

Lowell Liebermann: Little Heaven – Six songs on Poems of Nelly Sachs für Sopran und Klavier / „Struwwelpeterlieder“ für Sopran, Viola und Klavier / „Appalachian Liebeslieder“ für Sopran, Bariton und Klavier-Duett, Albany Records, Audio-CD, 53 Minuten

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Gustav Mahler: Lied von der Erde (Klavierfassung)

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Interessante Rarität, fragwürdige Vortragsmanieren

von Christian Schütte

Zwei Gedenkjahre zu Ehren Gustav Mahlers reichen sich die Hand – 2010 ist sein 150. Geburtsjahr, im 2011 sein 100. Todestag. Da versteht es sich von selbst, dass die Plattenindustrie mit einer Reihe von Neuerscheinungen auf das Werk Mahlers aufmerksam machen und einer möglichst breiten Öffentlichkeit präsentieren will. „Das Lied von der Erde“ in der Fassung für zwei Klaviere ist da nur eine von vielen CD-Novitäten.

Gustav Mahler: Das Lieder von der Erde (Piano-Version)Das „Lied von der Erde“ entstand in den Jahren 1908/09, geht auf Texte alter chinesischer Lyrik (in einer neuen deutschen Textfassung von Hans Bethge) zurück und wurde posthum 1911 unter der Leitung von Bruno Walter uraufgeführt. Die sechs Lieder mit den Titeln „Das Trinklied vom Jammer der Erde“, „Der Einsame im Herbst“, „Der Pavillon aus Porzellan“, „Am Ufer“, „Der Trunkene im Frühling“ und „Der Abschied“ werden abwechselnd von einem Tenor und einem Alt (oder Bariton, wobei die Besetzung mit einer Alt- bzw. Mezzosopranstimme die gängigere ist) gesungen, Mahler hat den Zyklus als gross besetzte, sinfonische Musik angelegt. Das „Lied von der Erde“ hat sich, trotz der komplizierten Inhalte der Texte, bis heute seinen Platz auf den Spielplänen der Orchester und Konzerthäuser bewahrt.

Bild: Mahlers Autograph des Klavierauszugs von
Mahlers Autograph des Klavierauszugs von „Der Abschied“ aus dem „Lied der Erde“

Bereits im September 1989 haben Brigitte Fassbaender, Thomas Moser und Cyprien Katsaris eine von Mahler autorisierte Fassung für Klavier eingespielt, die jetzt neu auf CD vorliegt. Eine absolute Rarität im Reigen der zahlreiche  Einspielungen.

Orchesterklang nur schemenhaft eingefangen

Mahler hat den Orchestersatz sehr farbig und differenziert instrumentiert. Schon mit den ersten Klängen des „Trinklieds“ verbreitet sich der Eindruck, dass mit nur Klavier diese Farbigkeit schwierig zu erreichen ist. Wer die Orchesterfassung gut kennt, wird diese Feststellung mit wehmütiger Erinnerung daran einige Male treffen müssen. Cyprien Katsaris ist zweifelsohne ein versierter und kompetenter Mann am Flügel, zieht alle Register seines Könnens – und kann trotzdem die klanglichen Stimmungen der Lieder nur schemenhaft einfangen, weil das Klavier eben doch sehr viel eindimensionaler bleibt, als es einem vollbesetzten Orchester möglich ist.

Stilistisch fragwürdige Vortragsmanieren

Ein Grund dafür, dass Mahler neben der Orchesterfassung diese reduzierte Klavierfassung herausgegeben hat, könnte sein, dass er auf diesem Wege eine grössere Konzentration auf den Text ermöglichen wollte, der in den Klangmassen des Orchesters allzu oft arg in den Hintergrund gerät. Leider lassen Artikulation und Textverständlichkeit sowohl bei Brigitte Fassbaender, mehr noch bei Thomas Moser einige Wünsche offen, so dass auch in dieser Hinsicht die Klavierfassung keinen deutlichen Vorteil bringt. Thomas Moser zeigt zudem hörbare und massive Schwierigkeiten mit der Höhe seiner Stimme, neigt zum Stemmen und Schleifen der Töne, verengt dadurch den Klang und trübt insbesondere in den absoluten Spitzentönen die Intonation gefährlich ein.
Brigitte Fassbaender neigt schon in „Der Einsame im Herbst“ zum Ansingen der Töne von unten, was ihrem Vortrag insgesamt grosse Unklarheit verleiht. Sie tut sich schwer damit, grosse Linien zu formen, kommt so nie dahin, mit der Stimme einfach nur über der Begleitung zu schweben – gerade diese Fähigkeit ermöglicht es aber, in dieser Komposition zu einer besonderen Tiefe des Ausdrucks zu kommen. Mehr noch leidet dann der grossartige „Abschied“ unter diesen stilistisch fragwürdigen Vortragsmanieren.

Es gibt zahllose Einspielungen der Orchesterfassung des
Es gibt zahllose Einspielungen der Orchesterfassung des „Liedes von der Erde“, die Mahlers Grösse in diesem Werk ungleich besser zum Ausdruck bringen als diese Klavierfassung. Die zwei verdienten und hochkarätigen Sänger Brigitte Fassbaender und Thomas Moser erweisen sich hier keinen guten Dienst, indem sie sich gerade dieses Liederzyklus‘ angenommen haben.

Am Ende bleibt also der Eindruck zurück, dass diese Neuveröffentlichung vielleicht nicht zu den notwendigsten in den beiden Mahler-Jahren gehören mag. Es gibt zahllose Einspielungen der Orchesterfassung des „Liedes von der Erde“, die Mahlers Grösse in diesem Werk ungleich besser zum Ausdruck bringen als diese Klavierfassung. Die zwei verdienten und hochkarätigen Sänger erweisen sich hier keinen guten Dienst, indem sie sich gerade dieses Liederzyklus angenommen haben. Akribische Sammler von Raritäten werden indes sicher ihr Interesse an der Einspielung finden – wer sich allerdings zum ersten Mal diesem Werk nähern möchte, dem sei der Griff zu dieser CD nicht nahegelegt. ♦

Gustav Mahler: Lied von der Erde, Klavier-Fassung, Brigitte Fassbaender / Thomas Moser / Cyprien Katsaris, Apex CD-Label (Warner)

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… sowie zum Thema Klaviermusik über Leopold Kozeluch: Klavier-Sonaten (Bd. 1)

ausserdem zum Thema Mahler im Glarean Magazin über Robert Seethaler: Der letzte Satz

Thomas Stabenow: Die Klavierstücke (CD)

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Hochkarätige Werke, feines Musizieren

von Klaus Nemelka

Ein Landespreis für Musik ist eine feine Sache, steht durch ihn doch sozusagen von höchster Stelle fest, wer die Besten in einer musikalischen Kategorie eines Bundeslandes sind. Über die Grenzen des „Ländle“ hinaus kann der Jazzpreis Baden-Württemberg auch als eine Art Orientierung darüber verstanden werden, wer so die Jazz-Grössen in Deutschland sind. Wenn also Rainer Böhm, der baden-württembergische Jazz-Preisträger des Jahres 2010, mit Thomas Stabenow, dem baden-württembergischen Jazz-Preisträger von 1986, gemeinsame Sache macht, kann daraus sehr feine Musik entspringen.
Somit war Pianist Rainer Böhm, der die Werke des Jazz-Musikers Thomas Stabenow „vertonen“ sollte, für die Umsetzung des „Klavierstücke“-Projektes die erste Wahl. Bei einer Tour der beiden Preisträger mit Ingrid Jensen und Jürgen Seefelder konnten Böhm und Stabenow in München auch noch Jason Seizer, dessen „Pirouet Studio“ und den dort zur Verfügung stehenden „Steinway“-Flügel für das Projekt gewinnen.

Preisgekrönte und erfahrene Instrumentalisten

Thomas Stabenow: Die Klavierstücke - Rainer Böhm (Piano) - Bassic SoundDer Kontrabassist, Komponist, Produzent und Hochschullehrer Thomas Stabenow ist u.a. mit Johnny Griffin, Charlie Rouse, Clifford Jordan, Albert Mangelsdorff, Mel Lewis, Jimmy Cobb aufgetreten, hat als „sideman“ auf über 150 LPs und CDs mitgewirkt, sowie 3 LPs und 26 CDs auf seinem eigenem Label „Bassic-Sound“ aufgenommen. Als Mitglied der „Peter Herbolzheimer Rhythm Combination & Brass“ war Thomas Stabenow zudem mit Stan Getz, Chaka Khan, Dianne Reeves, Eartha Kitt und Al Jarreau auf der Bühne.
Rainer Böhm hat unter anderem beim „Jazz Hoeilaart International Belgium“ und beim internationalen Jazzwettbewerb in Getxo (Spanien) den Preis für den besten Solisten gewonnen, seine CDs wurden mehrfach mit dem Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Eine musikalische Idee zum Abschluss gebracht

Bei den „Klavierstücken“ handelt es sich um Werke, die sich bei Thomas Stabenow über einen längeren Zeitraum angesammelt hatten. Die Umsetzung dieser musikalischen Ideen – neben dem „Tagesgeschäft“ der Auftritte und der Lehrtätigkeit an der Musikhochschule Mannheim – sah Stabenow als eminent wichtig an. Ein Vorgehen übrigens, welches er, wie er betont, vom dem österreichischen Pianisten Fritz Pauer gelernt hatte: Eine musikalische Idee zum Abschluss zu bringen, koste es, was es wolle, um Platz für neue Ideen zu schaffen.
Dass er diese Ideen Rainer Böhm anvertraut und nicht selbst eingespielt hat, hielt Stabenow für ratsam, da er, um sein internationales Niveau als Kontrabassist zu halten, das Klavierspielen vernachlässigen musste, er aber für seine Stücke höchstes Niveau (zurecht) für durchaus angemessen hält.

16 Piano-Titel für Jazz-Kenner

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Mal absehen davon, dass die CD von Thomas Stabenow: „Die Klavierstücke“ mit nur gerade mal 37 Minuten etwas gar mager ausfiel, handelt es sich um eine qualitativ hochstehende Einspielung – genau richtig als Geschenk unter den Weihnachtsbaum des Jazzpiano-Freundes!

Die rundum gelungene CD bietet für den Jazz-Kenner 16 Piano-Titel von Thomas Stabenow, hervorragend „vertont“ durch den Pianisten Rainer Böhm. Schade, dass die Gesamt-Spieldauer mit Dass das Repertoire von Thomas Stabenows Werken nicht nur exzellent umgesetzt, sondern auch äusserst vielfältig ist, wird schon beim ersten Durchhören der CD klar: Bereits der erste Track „Bass erstaunt“ bietet die Möglichkeit, mit einem Bass-Ostinato über eine phrygische Skala zu improvisieren. Wer da schon staunt, will weiterhören: Der Titel „Mon Ami“, entsprungen aus einer Co-Komposition mit seiner Tochter, ist ein leichter Valse-Musette und erinnert durch seine Akkordfolge an „Autumn Leaves“. „Amagansett“ und „Via Petrarca“ wiederum zeigen eine schöne Nähe zum Bach‘schen Wohltemperierten Klavier. „Pirx“ ist ein eleganter Jazz-Waltz, der unter anderem auch auf Johannes Enders CD „Homeground“ verewigt wurde.
Überhaupt findet man die einzelnen Tunes vielfach auch in Versionen hochkarätiger Kollegen von Stabenow: So wurde der „Hit“ dieser CD, „Chutney“, unter anderem von Wolfgang Haffners „International Jazz Quintet“, von „Trombonefire“ oder dem Bundesjugendjazzorchester (noch unter der Leitung des inzwischen leider verstorbenen Peter Herbolzheimer) interpretiert.

Gratis-Noten zur CD als Bonus

„Plaun a plaun“, rätoromanisch für cool oder „gemächlich“, erinnert im Thema an Katschaturian, bevor das Stück sich im Improvisationsteil dann als grooviger Moll-Blues entpuppt. Die Namensidee zum Stück „Plusquamparfait“ kombiniert die grammatikalische Form, dass ein Geschehen zeitlich vor einem anderen vergangenen Geschehen eingeordnet wird, mit einer leckeren französischen Nachspeise…
Die rundum gelungene CD bietet für den Musikkenner schliesslich noch ein Extra-Schmankerl: Die Noten zur CD gibt’s als kostenlosen Download auf der Website von Thomas Stabenow. ♦

Thomas Stabenow: Die Klavierstücke, Rainer Böhm (Piano), Audio-CD, 37 Min, Bassic Sound

Leseprobe aus Thomas Stabenow: Die Klavierstücke (Rainer Böhm)
Leseprobe aus Thomas Stabenow: Die Klavierstücke (Rainer Böhm)

Klaus Nemelka

Geb. 1970, früher Journalist bei verschiedenen österreichischen und deutschen Medien, lebt als PR-Manager und Jazz-Freund in Wien/A

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klavier-Jazz auch über
Jean Kleeb: Classic goes Jazz (Piano-Arrangements)

… sowie über die Audio-CD von Katie Melua: Pictures

Arno Stocker: Der Klavierflüsterer (Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Von Caruso „auf die Beine geholt“

von Günter Nawe

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass man den Titeln auf Buch-Covern trauen kann. Diesmal aber stimmt der Untertitel: „Die wahre Geschichte eines unwahrscheinlichen Lebens“. Erlebt und aufgeschrieben hat sie Arno Stocker, „der Klavierflüsterer“, der in diesem Buch unter anderem erzählt, „wie mich Caruso auf die Beine holte“.

Er, geboren 1956, der singen wollte wie Caruso und spielen wie Horowitz, kam mit einer spastischen Lähmung auf die Welt. Mit geschädigtem Gehirn und verrenkten Gliedern sowie fast blind ist von einer grossen Karriere nicht einmal zu träumen. So bedurfte es einerseits einiger besonderer Zufälle als auch eines besonders ausgeprägten Willens, um dieses Leben zu meistern.

Arno Stocker - Der Klavier-Flüsterer - Die wahre Geschichte eines unwahrscheinlichen Lebens

Es ist nicht zuletzt die Musik, genauer gesagt eine Platte von Caruso, durch die Arno sprechen lernt, indem er – fasziniert von der Stimme des Sängers – die Arien „nachahmt“. Etwas später und vermittelt durch den Grossvater wird es Maria Callas sein, der er nicht nur persönlich begegnet, er wird gar ihr Meisterschüler. Sie weist ihm den Weg zur Musik – und damit zu einem selbstbestimmten Leben.

Langer und beschwerlicher Weg zur Musik

Von diesem Leben erzählt Arno Stocker. Und das in einer unnachahmlichen Manier; weder larmoyant noch überheblich, sondern direkt und schnörkellos. Er erzählt von den Höhen und Tiefen, von Erfolgen und Rückschlägen. Selbstzweifel plagten ihn, und Widerstände – nicht zuletzt wegen seiner Behinderung – gab es genug, die oft unter Aufbietung aller Kräfte überwunden werden mussten.
Lang und beschwerlich war der Weg zur Musik, zum „Klavierflüsterer“, zu einem Mann, der mit Horowitz und anderen Grössen der Musikgeschichte arbeitete, sich als Restaurator einen Namen machte und selbst einen neuartigen Konzertflügel konstruierte, und der wie kein anderer viel von Musik und alles von Klavieren und Flügeln verstand. Auf diesem Weg versuchte er sich zwischenzeitlich in anderen Berufen (einfach um zu überleben), er gerät in die Schuldenfalle und ins Gefängnis, verdiente Unsummen und verlor sie wieder. Zwischendurch hat er bei Erika Köth Gesang studiert. Er war bei den Opernfestspielen in München engagiert und verkaufte und restaurierte Klaviere in Amerika.

Das Leben der Faszination „Musik“ untergeordert

Sprach- und Lebenshelfer: Jahrhundert-Tenor Enrico Caruso (1873-1921)
Sprach- und Lebenshelfer: Jahrhundert-Tenor Enrico Caruso (1873-1921)

Persönliches Glück war ihm kaum beschieden. Mehrere Ehen zerbrachen. Sesshaft wurde er kaum. Nicht nur wegen seines Berufes, der ihn immer wieder an andere Orte zwang, bewegte sich sein Leben geografisch zwischen den Welten. All das aber waren nur „Begleitumstände“ eines Lebens, das ganz der Faszination „Musik“ untergeordnet war.
Am Ende hat Stocker, zurück in München und inspiriert von Fischer-Dieskaus Interpretation der vier letzten Lieder von Brahms, auch den Weg zu Gott gefunden. Von nun an bilden „Liebe, Glaube, Hoffnung… die Anker in meinem Leben. Die Liebe zur Musik, der Glaube an das Gute. Die Hoffnung, noch viel Zeit zu haben, das, was mir Gutes passiert ist, an Menschen weiterzugeben und sie zu ermutigen, an ihren Zielen festzuhalten“. Letzteres wird mit diesem Buch sicher gegeben sein.

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Die Lebenserzählung „Der Klavierflüsterer“ ist die faszinierende Geschichte des Arno Stocker, der mit geschädigtem Gehirn, mit verrenkten Gliedern und fast blind auf die Welt gekommen ist. Ein Buch über die Macht der Musik – und eine grossartige Vision, die Stocker gegen alle Vernunft zum weltbekannten „Klavierflüsterer“ werden lassen.

So erzählt diese grossartige Lebensgeschichte von der Macht der Musik. Und von der Macht einer Vision, der zu folgen alle Widrigkeiten und Widerstände überstehen lässt. So ist auch Arno Stockers Biographie am Ende eine wunderbare Erfolgsgeschichte, eben die „wahre Geschichte eines unwahrscheinlichen Lebens“: spannend und faszinierend. ♦

Arno Stocker: Der Klavierflüsterer – Die wahre Geschichte eines unwahrscheinlichen Lebens, 317 Seiten, Kailash Verlag (Randomhouse), ISBN 978-3-424-63027-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Musiker-Biographien“ auch über Peter Gülke: Robert Schumann

Ausserdem zum Thema Klavier-Musik über Khatia Buniatishvili: Labyrinth (Klavier solo)