Andrew Soltis / David Smerdon: Schwindeln im Schach

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Das Maximum aus verlorenen Stellungen holen

von Thomas Binder

Man muss im Schach nicht immer den besten Zug finden. In objektiv verlorenen Stellungen hilft oft nur jener Zug, der den Gegner vor eine schwierige Wahl stellt oder die Gestalt der Partie in unerwarteter Weise wendet. Doch wie geht erfolgreiches Schwindeln im Schach? Die beiden Autoren Andrew Soltis in „How To Swindle In Chess“ und David Smerdon in „The Complete Chess Swindler“ zeigen es uns auf unterhaltsame und lehrreiche Weise.

Der Zufall will es, dass kurz nacheinander zwei renommierte Verlage und ebenso bewährte Autoren Bücher mit nahezu identischem Ansatz herausgebracht haben. Die Großmeister Andrew Soltis aus den USA und David Smerdon aus Australien widmen sich dem Thema „Schwindeln im Schach“. Normalerweise bietet sich jetzt ein Vergleichstest mit einer Kaufempfehlung an, doch hier ergibt sich ein „totes Rennen“. Denn vorweggenommen: Ich habe beide Bücher mit großem Vergnügen gelesen und kann sie uneingeschränkt empfehlen. Das verwendete Partiematerial überschneidet sich nur geringfügig, beide Werke ergänzen sich also hervorragend.

Chancen für schwere Fehler bieten

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Andrew Soltis: How to Swindle in Chess

„Schwindel“ ist zwar sprachlich die sanftere Form der Lüge, doch es wird einem eventuellen Übersetzer schwerfallen, eine passende deutsche Fassung des zentralen Begriffs zu finden. Es geht in beiden Büchern darum, wie man aus objektiv verlorenen – manchmal aufgabereifen – Stellungen das Maximum an Chancen herausholt. Da der nach reiner Lehre „beste Zug“ die Partie unweigerlich verlieren wird, muss man andere Ressourcen ergründen. Es geht darum, dem Gegner die Verwertung seines Vorteils möglichst schwer zu machen, ihm viele Optionen zu lassen, unter denen er die verlockendste (aber falsche) wählen könnte. Da wir die Partie nicht mehr durch eigene gute Züge gewinnen können, müssen wir die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Gegner noch einen schweren Fehler begeht. Das englische Verb „to bamboozle“ beschreibt dies schon lautmalerisch sehr schön und ist eine weitere Herausforderung für den Übersetzer.

Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
David Smerdon: The Complete Chess Swindler

Beide Autoren nähern sich dem Thema in gleicher Weise und finden einen sehr gesunden Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch. Wenn man nach der Lektüre eines Schachbuchs das Gefühl hat, gut unterhalten worden zu sein und dabei etwas praktisch Verwertbares gelernt zu haben – was kann es Schöneres geben?
Sehr zum Verständnis trägt die ausführliche Bebilderung mit Stellungsdiagrammen bei. Sie ist in beiden Büchern so gehalten, dass man den Partien mühelos ohne eigenes Schachbrett folgen kann. Die am Zug befindliche Seite wird bei Soltis noch ganz klassisch mit „White / Black to play“ beschrieben. Smerdon verzichtet im Hauptteil des Buches leider völlig auf die Kennzeichnung des Zugrechts – eigentlich heute Standard in der Schachliteratur.

Geeignet für Vereinsspieler ab 1600 Elo

Umfang und Inhalt der schachlichen Erläuterungen treffen genau den Geschmack des Rezensenten. Natürlich wird schachliches Können und vor allem wohl auch Wettkampferfahrung vorausgesetzt, um sich auf den Ansatz der Werke einzulassen. Doch ab einem mittleren Vereinsspielerniveau, das ich bei einer Elo-Bewertung um 1600 ansetzen würde, kann man allen Gedankengängen folgen und die Bücher mit Genuss und Gewinn lesen. Auch schachbegeisterte Jugendliche sind als Zielgruppe vorstellbar, sofern die Fremdsprache keine wesentliche Hürde darstellt.

Andrew Soltis - How to Swindle in Chess - Batsford Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Einfach gehaltene Erläuterungen: Leseprobe aus Andrew Soltis „How to Swindle in Chess“

Kommen wir auf die äußerlichen Unterschiede: Smerdons Werk ist um ca. 50% stärker, zudem im Format etwas größer. Von den gut 120 zusätzlichen Seiten, entfallen allerdings ca. 80 auf das abschließende Kapitel mit Aufgaben und deren Lösungen. Diese gibt es zwar bei Soltis ebenfalls, aber deutlich knapper und in die Fachkapitel integriert. Abgesehen davon unterscheidet sich die Zahl der vorgestellten Partien weniger als man erwarten könnte. Beide Bücher stellen jeweils ungefähr 100 Beispiele ausführlich vor.

Farbiger Sprachstil vs nüchterne Erklärungen

Das Layout wirkt bei Smerdon insgesamt etwas edler, was aber wohl nicht dem Autor sondern dem jeweiligen Verlagsprogramm zuzurechnen ist. Meist sind auch die Texte bei Smerdon ausführlicher. Rein schachlich ist dies aber nur dort von Belang, wo er im Detail auf abweichende Varianten eingeht. Ansonsten ist eben sein Sprachstil deutlich farbiger als die nüchternen Erklärungen seines amerikanischen Kollegen.

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Anekdoten und Geschichten: Leseprobe aus David Smerdon „The Complete Chess Swindler“

Auch findet sich bei Smerdon manche kleine Anekdote und Geschichte zur vorgestellten Partie. So werden einige Personen der australischen Schachszene porträtiert, die man hier bislang nicht wahrgenommen hatte. Sollten also die Englisch-Kenntnisse des Lesers ein Kaufkriterium sein, wäre hier der einfacher gehaltene Soltis-Text vorzuziehen. Allerdings sind bei diesem Buch noch einige Schreibfehler im Text und in der Notation auszumerzen.

Umfangreicher Bestand an Aufgaben

Wie bereits angedeutet, haben beide Werke einen mehr oder weniger umfangreichen Bestand an Aufgaben und jeweils einen Lösungsteil dazu. Solche Abschnitte findet man heute in fast jedem Schachbuch. Die Meinungen zur Sinnhaftigkeit dieses Formats mögen auseinander gehen. Ich hätte mir gewünscht, dass man lieber einen Teil dieser Partien in aller Ausführlichkeit in den Haupttext integriert hätte. ♦

Andrew Soltis: How To Swindle in Chess, 240 Seiten, Batsford Chess (Pavilion Books), ISBN 978-1849945639

David Smerdon: The Complete Chess Swindler, 368 Seiten, New in Chess, ISBN 978-9056919115

Lesen Sie ausserdem im GLAREAN MAGAZIN zum Thema „Schwindeln im Schach“ den Computerschach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

… sowie zum Thema „Unerwartete Schachzüge“: Der Brilliant Correspondence Chess Move BCCM Nummer 8

Weitere Internet-Links zum Thema Schach

 


English Translation

You don’t always have to find the best move in chess. Often the only thing that helps in objectively lost positions is the move that confronts the opponent with a difficult choice or unexpectedly changes the shape of the game. The authors David Smerdon in „The complete chess swindler“ and Andrew Soltis in „How to swindle in chess“ convey this knowledge in an entertaining and informative way.

It’s a nice coincidence, that two renowned publishers and successful authors recently edited books with an almost identical approach. Grandmasters Andrew Soltis (from US) and David Smerdon (from Down Under) focus on the subject „Swindling in Chess”. Usually this would tender a comparison test, but that would end in dead heat. I read both books with great pleasure and recommend them both without any reservation. The quoted games overlap only to a small extent; so both books complement one another perfectly.

Offer chances to make serious mistakes

„To swindle“ seems to me as a gentle form of „to lie“ or „to betray“, but of course it’s not about something morally reprehensible here. Both books deal with situations on the chessboard where one side is objectively utterly lost. But now it’s time to generate some „swindle“ chances. The „best move“ according to pure teaching or computer evaluation will inevitably lose the game. So we need to set obstacles for the opponent to convert his clear advantage. We offer him as much options as possible to fall into a trap. The word „to bamboozle“ is the perfect onomatopoetic expression for this attitude.
Both authors find the happy medium between education and entertainment. Feeling well entertained and having learned something useful – what can be better?
Both books are well equipped with position diagrams. That makes it easy to understand the examples and to follow the course of the game without using a chessboard.
Soltis marks the side to play with classical comments next to the board. Unfortunately Smerdon doesn’t use any move indicator – actually a standard in today’s chess literature.

Useful for club players with Elo 1600+

Scope and content of the chess-related explanations exactly match the taste of the reviewer. Of course both books require a certain amount of chess skills and competition experience. But medium club players at an Elo-level of about 1600 will be able to follow all lines of thought and read the books with pleasure and profit. Chess-enthusiastic teenagers can profit as well, provided that the foreign language is not a major hurdle to them.

Let’s have a look at the external differences: Smerdon’s book is about 50% bigger and uses a slightly larger format. But about 80 of the 120 additional pages account for the final section with exercises and solutions. These are available at Soltis too, but much more scarce and integrated in the respective chapters. Apart from that, the number of games presented differs less than one might expect. Both books provide about 100 examples in detail.

Colourful style vs sober explanations

The layout looks a bit nobler at Smerdon’s book, but this must be attributed to the publishing program rather than to the author. The texts are a bit more detailed there too. But the difference is chess-related only in the subsidiary variants, not in the game’s main line. Of course his language style is more colourful than the sober explanations of his American colleague. In Smerdon’s text we find lots of small anecdotes and stories about the games presented. Some people from Australian chess scene are portrayed, who have so far not been noticed here in Europe. If the reader’s English knowledge is a purchase criterion, the simpler Soltis text would be preferable. However, some spelling mistakes in the text and in the notation have to be eliminated in Soltis’ book.

Both works have am more or less extended part with tasks and solutions. Such sections can be found in almost every chess book today. The opinions on this format may differ. I would have preferred that some of these examples had been integrated to the main text in greater detail.

Pictures and Links can be found in the text above

Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids

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400 Eröffnungsstellungen für Schach-Kids

von Thomas Binder

Mit „Chess Opening Workbook for Kids“ komplettiert der angesehene englische Schach-Trainer und -Autor Graham Burgess seine Eröffnungs-Trilogie für Kinder. Zuvor hatte er in gleicher Aufmachung die Bücher „Schacheröffnungen für Kids“ und „Schach für Kids – Eröffnungsfallen“ vorgelegt. Es ist zu hoffen, dass auch vom neuesten Werk sehr bald eine deutschsprachige Ausgabe erscheint.

Chess Opening Book for Kids - Graham Burgess - Schachbuch-Cover - Gambit Verlag - Glarean Magazin
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Diesmal hat Burgess den Stoff als „Arbeitsbuch“ aufgearbeitet. Das bedeutet, dass in elf Kapiteln über 400 Eröffnungsstellungen präsentiert und jeweils mit einer konkreten Fragestellung verknüpft werden. Wir blicken in der Regel auf eine Stellung, die nach etwa sieben bis zehn Zügen entstanden ist, manchmal auch etwas später.
Welche Seite am Zug ist, wird durch die Buchstaben „W“ bzw. „B“ neben dem Diagramm angezeigt. Für diese Kennzeichnung fehlt in der Schachliteratur offenbar noch ein Quasi-Standard. Andere Autoren benutzen (neben der klassischen Textform) Pfeile oder farbige Kästchen. Chessbase (der Marktführer der Schachprogramme) setzt auf ein rundes schwarzes oder weißes Symbol rechts unten neben dem Brett.
Einige wenige Illustrationen von Shane Mercer lockern das Buch auf. Davon würde ich mir deutlich mehr wünschen.

Von Taktik bis Strategie

Chess Opening Workbook for Kids - Graham Burgess - Leseprobe Glarean Magazin
Leseprobe aus „Chess Opening Workbook for Kids“ zum Thema „Entwicklung und Zentrum“

Das Material ist nach Themen geordnet. Zunächst gibt es taktische Kapitel, wie Matt, Doppelangriff, Figurenfang oder Königsjagd. Unter dem Oberbegriff „Eröffnungsstrategie“ folgen dann Entwicklung, Zentrumsbeherrschung und Rochade. Das letzte dieser Kapitel ist mit „Does Bxh7+ work?“ überschrieben. Es hätte meines Erachtens allerdings in den Taktik-Abschnitt gehört. Der Leser soll hier unvoreingenommen entscheiden, ob sich das klassische Läuferopfer auf h7 oder h2 in der konkreten Stellung lohnt.
Abschließend gibt es dann noch einige Testaufgaben mit Punktbewertung – ein offenbar unausrottbares Element vieler Schachlehrbücher, dessen Sinn sich mir noch nicht so recht erschlossen hat.

Überlegt ausgewählte Aufgaben

Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Einführung ins Thema. Auch hier trifft Burgess nach Inhalt und Umfang genau ins Schwarze.
Die Aufgaben – je 6 Diagramme auf einer Seite – sind durchweg sehr überlegt ausgewählt. Es werden unterschiedliche Schwierigkeitsgrade bedient, ohne dass unbedingt eine Sortierung nach aufsteigender Schwierigkeit erkennbar ist. Im Rahmen des Kapitelthemas sind die Aufgaben wiederum recht vielfältig. Hervorzuheben ist auch, dass sich der Leser in manchen Fällen auf die Seite des Verteidigers begeben muss, der eine thematische Gefahr abwehrt. Insgesamt bleibt man immer auf einem Niveau, das es dem jungen Schachtalent ermöglicht, die Aufgaben ohne Schachbrett „vom Blatt“ zu bearbeiten. Genau so muss es ja für eine Vorbereitung unter turniernahen Bedingungen sein.
Im Anschluss an jedes einzelne Kapitel folgen dann die Lösungen. Sie werden schmucklos und ohne weitere Diagramme präsentiert. Das fordert die ambitionierten jungen Leser doch etwas mehr heraus, wenn sie auch hier noch allen Varianten folgen wollen. Auch wirken diese Seiten im Kontrast zu den Aufgabenblättern etwas zu eng bedruckt.

Junge Leser und Trainer als Zielgruppen

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Das Workbook wendet sich primär an die im Titel angesprochenen „Kids“, wobei ich die Altersuntergrenze bei 10 Jahren ansetzen würde. Da es aber keine wirklich auf Kinder zugeschnittenen Elemente enthält, können selbst ältere Jugendliche unbefangen damit arbeiten. Ja – man kann es mit wachsender Spielstärke und Erfahrung sicher auch mehrfach zur Hand nehmen. Neben den jungen Lesern sind deren Trainer eine genauso wichtige Zielgruppe. Sie können den hier vorgelegten Aufgabenschatz in ihren Unterricht einbauen oder für individuelle Aufgabenstellungen nutzen. Gerade Trainer mit wenig Literatur im Hintergrund (z.B. in Schulschachgruppen) finden für kleines Geld einen riesigen Aufgabenvorrat zum Eröffnungsspiel.

Geeignet auch fürs Selbststudium

Aus der Sicht des Trainers ist es allerdings etwas schade, dass die einleitenden Züge vor der Diagrammstellung nicht angegeben werden. Ja – das hätte etwas Platz gekostet, würde aber zusätzliche Einsatzmöglichkeiten im Training bzw. bei der Wettkampfvorbereitung eröffnen. Dass die Partiestellungen ohne Quellen angegeben sind, wirkt auf den ersten Blick ungewohnt, aber es geht eben um Eröffnungsstellungen, die so in der Turnierpraxis ungezählte Male auf dem Brett waren.
Fazit: „Chess Opening Workbook for Kids „ist eine sinnvolle Ergänzung zu den bisher vorliegenden Eröffnungsbüchern für Kinder des gleichen Autors. Sowohl für das Selbststudium als auch den Einsatz im Training ist der Band, der über 400 Aufgaben mit angemessen erklärten Lösungen enthält, hervorragend geeignet. ♦

Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids – Schachlehrbuch für Kinder, 128 Seiten, Gambit Publications, ISBN 978-1911465379, 2019

Leseprobe (PDF)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jugend-Schachbücher auch über das Lehrbuch des Circon Verlag: Schachtricks für Kinder

… sowie zum Thema „Schachspielen online“ über Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler


English Translation

400 Opening Positions for Chess Kids

With „Chess Opening Workbook for Kids“ the renowned English chess trainer and author Graham Burgess completes his opening trilogy for children. Previously he had presented the books „Chess Opening Workbook for Kids“ and „Chess for Kids – Opening Traps“ in the same layout. It is to be hoped that a German-language edition of his latest work will also be published very soon.

This time Burgess has worked up the material as a „workbook“. This means that over 400 opening positions are presented in eleven chapters, each linked to a specific question. As a rule we look at a position that was created after about seven to ten moves, sometimes a little later.
Which side is the move is indicated by the letters „W“ or „B“ next to the diagram. Apparently there is still no quasi-standard for this marking in chess literature. Other authors use (besides the classical text form) arrows or coloured boxes. Chessbase (the market leader of chess programs) uses a round black or white symbol at the bottom right of the board.
A few illustrations by Shane Mercer loosen up the book. I would like to see much more of that.

From tactics to strategy

The material is arranged by topic. First there are tactical chapters, such as Matt, double attack, figure catching or king hunting. Under the generic term „opening strategy“, development, centre control and castling follow. The last of these chapters is titled „Does Bxh7+ work? In my opinion, however, it would have belonged in the tactics section. The reader should decide here without prejudice whether the classic runner sacrifice on h7 or h2 is worthwhile in the concrete position.
Finally there are some test exercises with point scoring – an apparently ineradicable element of many chess textbooks, the sense of which I have not yet quite understood.

Thoughtfully selected exercises

Each chapter begins with a short introduction to the topic. Here too, Burgess hits the mark in terms of content and scope.
The tasks – 6 diagrams on each page – have been carefully chosen throughout. Different levels of difficulty are used, without necessarily being sorted according to ascending difficulty. Within the chapter topic the tasks are again quite varied. It should also be emphasized that in some cases the reader has to take the side of the defender who defends a thematic danger. All in all one always stays on a level that allows the young chess talent to work on the tasks „off the page“ without a chessboard. This is exactly how it has to be for a preparation under tournament conditions.
Each chapter is followed by the solutions. They are presented unadorned and without further diagrams. This challenges the ambitious young readers a little bit more, if they want to follow all variants. Also, these pages appear a little too tightly printed in contrast to the task sheets.

Young readers and trainers as target groups

The workbook is primarily aimed at the „kids“ mentioned in the title, whereby I would set the age limit at 10 years. However, since it does not contain any elements that are really tailored to children, even older teenagers can work with it without any bias. Yes – with increasing playing strength and experience you can certainly use it several times. Besides young readers, their trainers are an equally important target group. They can incorporate the wealth of tasks presented here into their lessons or use it for individual tasks. Especially coaches with little literature in the background (e.g. in school chess groups) will find a huge pool of tasks for the opening game for little money.

Also suitable for self-study

From the trainer’s point of view, however, it is a bit of a pity that the introductory moves are not indicated before the diagram is drawn. Yes – this would have taken up some space, but would have opened up additional possibilities for training or competition preparation. The fact that the party positions are given without sources may seem unusual at first sight, but it is about opening positions, which have been on the board countless times in practice.

Conclusion: „Chess Opening Workbook for Kids „is a useful addition to the existing opening books for children by the same author. The volume, which contains over 400 tasks with appropriately explained solutions, is excellently suited for both self-study and training. ♦
(Thomas Binder, http://www.glarean-magazin.ch)

Karsten Müller: Endspiele der Weltmeister (Schach-DVD)

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Schmackhaftes Endspiel-Potpourri aus der Weltmeister-Küche

von Ralf Binnewirtz

Das Endspiel als letzte Phase der Partie mag Anfängern als weniger wichtig oder gar langweilig erscheinen im Vergleich zu Eröffnung und Mittelspiel. In Wirklichkeit sind beide Attribute unzutreffend. Denn ungezählte Partien wurden erst im Endspiel aufgrund profunder Kenntnisse dieses Partiestadiums entschieden. Die großen Meister der Vergangenheit und Gegenwart waren bzw. sind fast ausnahmslos herausragende Könner im Endspiel. Ihrem Können auf diesem Gebiet spürt der deutsche GM Karsten Müller in seinem neuen DVD-Kurs „Endspiele der Weltmeister“ nach.

Ein Schwächeln im Endspiel hat zuweilen den Werdegang von Schachgrößen schicksalhaft beeinflusst: So hat David Bronstein 3 seiner 5 Verluste im WM-Kampf gegen Botwinnik 1951 einer schwachen Endspielführung zu verdanken. Er hat diese „Niederlage“ (d.h. kein Titel für den Herausforderer bei Gleichstand am Matchende) für den Rest seines Lebens nicht mehr verwunden. Ein eindringlicher Apell, das Studium des Endspiels nicht zu vernachläßigen!

Anerkannter Endspiel-Experte: Karsten Müller

Karsten Müller - Endspiele der Weltmeister - Rezension Glarean Magazin
Karsten Müller – Endspiele der Weltmeister – Rezension Glarean Magazin

Großmeister Karsten Müller aus Hamburg, ein weltweit anerkannter Endspiel-Experte und promovierter Mathematiker, ist bereits vielfach und erfolgreich als Schachautor hervorgetreten: Im konventionellen Printbereich, in Online-Kolumnen (wie im US-amerikanischen ChessCafe und bei ChessBase) sowie auf Trainings-DVDs, erwähnt sei hier seine komplette Endspielschule, die auf 14 DVDs einzeln oder im Gesamt-Bundle bei ChessBase erschienen ist.
Mit seiner neuesten DVD widmet sich Müller den Endspielkünsten der sechs letzten Weltmeister ‒ ohne Berücksichtigung der FIDE-Weltmeister 1993-2005. Auch so ist die DVD reichhaltig bestückt mit Videosequenzen (Gesamtspielzeit 9 Std. 37 Min) und Partiedatenbanken. In bewährter Manier ist ein interaktives Training mit Video-Feedback integriert, das dem passiven Zuhörer eine aktive Mitarbeit nahelegt.
Die besagten sechs Weltmeister werden auf der DVD in chronologischer Abfolge in separaten Kapiteln präsentiert, die Oberfläche ist übersichtlich gestaltet und intuitiv bedienbar, und zu jedem Video ist die zugehörige (kommentierte) Partie (oder das Partiefragment) aus einer Datenbank zum nochmaligen Nachspielen aufrufbar.

Videoclips zu Endspielen von sechs Weltmeistern

Zur Einstimmung ist den Weltmeister-Kapiteln ein Einführungsvideo vorangestellt, in dem Karsten Müller einen kurzen Überblick gibt zu dem, was den Nutzer auf der DVD erwartet.

Bobby Fischer

Robert Bobby Fischer - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Schach-Genie und Endspiel-Virtuose mit Turm&Läufer gegen Turm&Springer: Robert James „Bobby“ Fischer (1943-2008)

Die Videos zu Fischers Endspielen sind unterteilt in 4 (Unter-)Kapitel: 1) Theoretische Endspiele (5 Videoclips), 2) Turmendspiele (9 Clips), 3) Das Fischer-Endspiel (6 Clips), 4) Berühmte Partien, Rätsel, Mysterien (5 Clips).
Bobby Fischer gilt als universeller Spieler, dessen Stil von Pragmatismus, einem unablässigen Drang zur Initiative und einem unbedingten Siegeswillen geprägt war, Charakteristika, die sich natürlich auch in seinen Endspielen wiederfanden. Er besaß eine Vorliebe für das Läuferpaar, und die Konstellation Turm + Läufer gegen Turm + Springer gehörte zu seinen Spezialitäten. Zahlreiche Endspiele mit dieser Materialverteilung, von Karsten Müller als „Fischer-Endspiele“ hervorgehoben, hat er mit der Läuferseite zum Sieg geführt. Insbesondere in den Kandidatenkämpfen mit Mark Taimanow (Vancouver 1971) und auch Tigran Petrosjan (Buenos Aires 1971) hat er seine Gegner damit an den Rand der Verzweiflung gebracht. Diesen Endspielen ist auf der DVD ein besonderes Kapitel (Nr. 3) gewidmet. Bei den berühmten/mysteriösen Partien (Kap. 4) dürften die erste Matchpartie gegen Boris Spasski (Reykjavik 1972) mit Fischers riskantem Bauernraub auf h2 und die 13. Matchpartie auf besonderes Interesse stoßen; letztere mit einem faszinierenden Endspiel (Türme + ungleichfarbige Läufer), in dem Spasski schließlich unter dem zunehmenden Druck kollabierte.

Screenshot Karsten Müller - Endspiele der Weltmeister - Rezension Glarean Magazin
Aufgeräumte DVD-Oberfläche im bekannten Chessbase-Standard-Look: Brett mit Partie-Notation und Video-Fenster

Anatoli Karpow

Mit 12 Videoclips und 2 interaktiven Tests.
Nicht nur wegen seiner grandiosen Endspielbehandlung hat Anatoli Karpow schon zu Lebzeiten Legendenstatus erreicht. Über zwei Jahrzehnte gehörte er zur absoluten Weltspitze, seine WM-Kämpfe gegen Viktor Kortschnoi und Garri Kasparow sind Teil des kollektiven Schachgedächtnisses geworden, seine zahllosen Turniersiege haben Rekordmarken gesetzt. Seine Endspieltechnik war phantastisch, häufig gelang es ihm, mikroskopische Stellungsvorteile zum Sieg zu verdichten. Er verstand es wie kaum ein Zweiter, seine Figuren auf die wirkungsvollsten Felder zu setzen, gleichzeitig die Figuren des Gegners maximal einzuschränken und so das Spiel völlig zu dominieren. Sein Gespür für Harmonie und Koordination der Figuren war unübertrefflich. Exemplarisch genannt sei das phantastische Springer-Läufer-Endspiel gegen Kasparow (WM-Match Moskau 1984, 9. Partie) mit einer scheinbar einfachen Stellung, die aber ungeahnte Tiefen aufweist und mit der sich etliche Großmeister analytisch befasst haben ‒ sogar Karsten Müller musste eine erste Beurteilung revidieren. Kasparow verliert die Partie, weil er versteckte Ressourcen zum Remis nicht nutzen kann, während Karpow mit teilweise genialen Manövern aufwartet.

Garri Kasparow

Garri Kasparow - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Legende schon zu Lebzeiten und faszinierender Endspiel-Könner: Ex-Schach-Weltmeister Garri Kasparow (Geb. 1963)

Mit 12 Videoclips und 1 interaktiven Test.
Garri Kasparow ist fraglos zu den stärksten Schachspielern aller Zeiten zu zählen, auch wenn die Expertenmeinungen über den absoluten Spitzenplatz subjektiv divergieren mögen. Er ist wohl den meisten in Erinnerung für seinen aggressiv-dynamischen Stil in Eröffnung und Mittelspiel und seine akribische Vorbereitung auf Wettkämpfe ‒ seine 5 WM-Matches mit Karpow sind legendär und füllen immer wieder stattliche Bände. [Aktuell ist eine neue Chronik dieser Wettkämpfe von Jan Timman angekündigt.] Zudem gilt er als der erste, der den Computer professionell für die Vorbereitung zu nutzen wusste. Auch im Bereich der Endspiele hat er faszinierende Leistungen gezeigt, von denen natürlich nur die Spitze des Eisbergs für die DVD aufbereitet werden konnte. Als Beispiele will ich die beiden klassischen Turmendspiele nennen, die er gegen Kortschnoi (Barcelona 1989 und London 1983) gewann, sowie seine Doppelturmendspiele, die er gegen Topalow (Las Palmas 1996 und Linares 1999) nach dramatischem Verlauf für sich entscheiden konnte.

Wladimir Kramnik

Unterteilt in 4 (Unter-)Kapitel: 1) Kramniks Technik (2 Videoclips), 2) Endspiele mit Turm und Springer gegen Turm und Läufer (2 Clips), 3) Strategische Initiative (7 Clips), 4) Kramnik vs. Kasparow (2 Clips); dazu 2 interaktive Tests.
Wladimir Kramnik startete seine steile und spektakuläre Schachkarriere als solider Positionsspieler, einerseits geprägt vom Stil Karpows, andererseits von Kasparows Methoden der theoretischen Vorbereitung. Auch Kramnik ist bekannt dafür, mit großer Zähigkeit aus kleinsten Vorteilen einen Gewinn herauszukitzeln, sein Spielstil ist vornehmlich auf strategische Initiative gerichtet. Für seine Fähigkeiten im Endspiel ist er berühmt. Bereits im Kindesalter hat er sich für Endspiele begeistert, daher konnte er in Botwinniks Schachschule früh seine diesbezüglichen Fähigkeiten demonstrieren. Die DVD kann lediglich anhand einer kleinen Auswahl zeigen, wie später zahllose Großmeister der höchsten Kategorie seinem Endspielkönnen Tribut zahlen mussten.
Kramniks Name wird für immer mit der schachhistorischen Leistung verknüpft sein, einen Kasparow entthront zu haben, ohne seinem großen Gegner einen einzigen Sieg zu gestatten! Zwei Endspiel-Leckerbissen aus der WM London 2000 werden von Karsten Müller vorgestellt.

Viswanathan Anand

Viswanathan Anand - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Der „Tiger von Madras“ als genialer Endspiel-Künstler: Ex-WM Viswanathan Anand (Geb. 1969)

Mit 8 Videoclips und 1 interaktiven Test.
Der Inder Viswanathan Anand konnte in seiner frühen schachlichen Entwicklung zwar nicht auf die sowjetrussische Schachschule zurückgreifen, dafür auf ein außergewöhnliches Naturtalent, das ihm eine phänomenale Intuition bescherte. Von Kramnik wird ihm außerdem eine singuläre Eigenschaft unter sämtlichen Schachspielern bescheinigt: die magisch anmutende Fähigkeit, ein Gegenspiel unmittelbar, praktisch aus dem Nichts zu kreieren. (Carsten Hensel: Wladimir Kramnik, Göttingen 2018, S. 244f.) Die Endspieltechnik gehörte anfangs nicht zu seinen ausgesprochenen Stärken, aber dieses Defizit hat er durch kontinuierliche Verbesserung ausgeräumt, so dass sein Stil, der als dynamisch-universell einzustufen ist, keine ersichtlichen Schwächen aufweist. Im Mittelspiel überrascht der „Tiger von Madras“ häufig mit genialen taktischen Geistesblitzen, und auch der Zeitpunkt für eine günstige Abwicklung ins Endspiel pflegt ihm nicht zu entgehen. Im Endspiel zeigt er eine gewisse Vorliebe für den Springer, den er virtuos zu handhaben versteht. Weitere Beispiele auf der DVD belegen, dass ihm auch mit Läufern und Schwerfiguren beeindruckende Endspielleistungen gelungen sind.

Magnus Carlsen

Magnus Carlsen - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Vom Wunderkind zum aktuell weltbesten Schachspieler mit Endspiel-Klasse: Weltmeister Magnus Carlsen (Geb. 1990)

Mit 10 Videoclips und 2 interaktiven Tests.
Anders als bei seinem Vorgänger Vishy Anand räumt Magnus Carlsen der computergestützten eröffnungstheoretischen Vorbereitung keinen Vorrang ein. Ihm genügt es, eine spielbare Stellung zu erhalten, die er im Mittel- und Endspiel dank seines überlegenen intuitiven Schachverständnisses erfolgreich behandeln kann. Vorzugsweise inszeniert er ein lang anhaltendes positionelles Druckspiel, um gegnerische Fehler zu provozieren, zugleich ist er (wie Karpow) in der Lage, seine Figuren höchst harmonisch zu koordinieren. Ein starker Kampfgeist, Zähigkeit und körperliche Fitness tragen dazu bei, langwierige Endspiele scheinbar ermüdungsfrei am Brett durchzustehen ‒ die sich irgendwann einstellenden Fehler des Gegners weiß er dann gnadenlos zu bestrafen. Im Endspiel (2)T + L vs. (2)T + L bei gleichfarbigen Läufern treten Carlsens Stärken besonders hervor, Karsten Müller hat für diesen Typ die Bezeichnung „Carlsen-Endspiele“ vorgeschlagen und kommentiert auf der DVD einige musterhafte Beispiele. Dass zwei vorentscheidende Siege Carlsens in seinem ersten WM-Kampf gegen Anand (Chennai 2013, 5. u. 6. WM-Partie auf der DVD) aus Endspielfehlern seines Gegners resultierten, unterstreicht nochmals die Bedeutung der letzten Partiephase.

Rückschau auf 50 Jahre Endspielgeschichte

FAZIT: Karsten Müller hat für die DVD „Endspiele der Weltmeister“ eine lehr- und abwechslungsreiche Auswahl von Endspielen kommentiert, die die letzten sechs klassischen Weltmeister in ihren Spielstilen und mit ihren Fähigkeiten in der Führung des Endspiels charakterisieren. Damit wird dem Nutzer eine Praxis der Endspiele auf höchstem Niveau präsentiert und zugleich die historische Entwicklung des Endspiels über ein halbes Jahrhundert nachvollzogen, die zahlreiche Highlights aufweist. Ein interaktives Training mit Video-Feedback verstärkt und festigt den Lerneffekt. Die durchweg didaktisch gelungene Darstellung des Materials im zweckdienlichen audiovisuellen Format verdient eine nachdrückliche Empfehlung.

Wie aus der vorstehenden Beschreibung hervorgeht, präsentiert die DVD eine attraktive Auswahl von Endspielen, die die „klassischen“ Weltmeister der letzten rund 50 Jahre in Turnieren und Wettkämpfen gespielt haben. Die Endspiele werden von Karsten Müller didaktisch ansprechend erläutert bzw. in angemessener Tiefe analysiert. Eine systematische Darstellung von Endspielen ist hierbei natürlich nicht zu erwarten. Müllers Anliegen besteht eben darin, die Kunst des Endspiels, wie sie von den herausragenden Vertretern unseres Spiels praktiziert und häufig in Perfektion vorgetragen wurde, anhand von Beispielen zu vermitteln und dabei im Verein mit interaktiven Trainingseinheiten einen nachhaltigen Lerneffekt zu erzielen. Der Nutzer sollte fundamentale Endspielkenntnisse mitbringen, wenn er die Inhalte der DVD mit Gewinn verarbeiten will.
Es ist klar, dass sich die Spielweisen und Stärken der Weltmeister im Endspiel mehr oder weniger unterscheiden, aber gelegentlich bestehen auch deutliche Parallelen (wie bei Carlsen und Karpow). Weiterhin haben historische Entwicklungen (zunehmende Computer-Nutzung, Wegfall des Partieabbruchs und der Analyse von Hängepartien, Endspiel-Datenbanken) das Spiel in der Praxis tiefgreifend verändert und die Notwendigkeit erhöht, sich ein ausgefeiltes Endspielwissen zu erarbeiten bzw. das vorhandene Wissen auszubauen. Karsten Müller scheint mit dieser DVD thematisch Neuland betreten zu haben, ein ähnliches Werk, das weltmeisterliche Endspiele über einen längeren Zeitraum vergleichend beleuchtet, ist mir nicht bekannt. ♦

Karsten Müller: Endspiele der Weltmeister ‒ Von Fischer bis Carlsen, Fritz-Trainer Endspiele, DVD ChessBase, ISBN 978-3-86681-682-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Endspiele auch über Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

… sowie über András Mészáros: 1000 Schach-Endspiel-Studien

Circon Verlag: Schachtricks für Kinder (Lehrbuch)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Liebevolles und kindgerechtes Schach-Lehrbuch

von Thomas Binder

Auf dem scheinbar gesättigten Markt der Schachlehrbücher für Kinder hat ein ungarisches Autoren-Team einen eigenen Weg gefunden, für eine interessante Bereicherung des Angebots zu sorgen. Ferenc Halasz (Auswahl der Partien), Zoltan Geczi (Text) und Andras Talosi (Illustrationen) schaffen gemeinsam ein Maßstäbe setzendes Werk in diesem Genre: Nach „Das große Schachbuch für Kinder“ (2016) legen sie im Compactverlag (Circon Verlag) nun die Fortsetzung „Schachtricks für Kinder“ in einer deutschen Übersetzung vor.

Schachtricks für Kinder - Cover Compact Verlag - Rezension im Glarean MagazinBeide Bücher sind in Umfang (152 Seiten, Großformat) und Aufmachung identisch. Im ersten Band erlernten die jungen Leser die Regeln des königlichen Spiels, bekamen grundlegende Tipps für Eröffnung und Endspiel und erfreuten sich an einfachen Mattkombinationen. Jetzt wird auf diesem Stand aufgebaut.
Die Autoren führen in knapp 25 Kapiteln jeweils ein Partiefragment vor. Dabei geht es diesmal um längere Kombinationen, die nicht unbedingt zum Matt führen müssen, und um den planvollen Aufbau des eigenen Spiels. Natürlich wird Schach dabei immer aus der Perspektive des (erfolgreichen) Angreifers präsentiert.
Die ausgewählten Partien stammen zum großen Teil von ungarischen Meistern (Zszuzsa und Judith Polgar, Lajos Portisch, Peter Leko, Richard Rapport). Außerdem wird der in Ungarn sehr populäre Bobby Fischer mit mehreren Partien vorgestellt. Einige wenige informative Sachartikel runden das Buch ab, da geht es z.B. um den Gebrauch der Schachuhr oder um Kempelens „Schachtürken“.

Altersgemäßes Outfit als integraler Bestandteil

Andras Talosi - Zeichner - Schachtricks für Kinder - Glarean Magazin
Schach-Zeichner Andras Talosi

Inhaltlich bleibt das also im Rahmen dessen, was man von einem „fortgeschrittenen Anfängerbuch“ erwarten kann – vor allem, wenn man es als Fortsetzung des früheren Werkes versteht. Der große Gewinn gegenüber vergleichbaren Produkten liegt in der äußerst liebevollen und kindgerechten Gestaltung. Dabei kommt das altersgemäße Outfit nicht aufgesetzt herüber, sondern ist integraler, ja bestimmender Aspekt des Buches. Jede Partie wird über mehrere Seiten (bis zu 8) präsentiert. Zu jedem Zug gibt es ein Diagramm. Auch ungeübte Leser können also mühelos folgen.
Daneben wird in launigen Texten – aber immer schachlich seriös bleibend – der Sinn des aktuellen Zuges erklärt. Diese Erklärung übernimmt dabei die gerade beteiligte Figur. Ja – die Schachfiguren reden direkt mit dem Leser. Neben Diagramm und Text steht dann immer noch eine köstlich witzige Illustration von Andras Talosi:

Schachtricks für Kinder - Beispielseite Compact Verlag - Rezension im Glarean Magazin

Es gelingt ihm wunderbar, die jeweilige „Stimmung“ der betreffenden Figur einzufangen. Alle drei Elemente lassen unsere jungen Leser die Partie buchstäblich emotional erleben, so als wären sie selbst auf den 64 Feldern unterwegs. Ein wirklich gelungenes Konzept, schachliches Denken an Kinder einer gewissen Leistungs- und Altersstufe zu vermitteln.

Für Schach-Kids zwischen 8 und 11 Jahren

FAZIT: Die Autoren von „Schachtricks für Kinder“ führen Kids, die gerade das Anfänger-Niveau hinter sich lassen, anhand von über 20 Beispielen in etwas komplexere Kombinationen auf dem Schachbrett ein. Neben einer didaktisch sehr gelungenen Auswahl der Beispiele liegt der große Pluspunkt des Buches in den köstlichen Illustrationen von Andras Talosi.

Womit wir bei der Zielgruppe wären: Der Verlag gibt „ab 8 Jahren“ an, was insofern schlüssig ist, als man ja Lesekompetenz voraussetzen muss. Ungefähr ab diesem Alter werden die Kids auch die notwendige Phantasie mitbringen, sich mit den Schachfiguren zu identifizieren und mit ihnen das Abenteuer einer Schachpartie zu erleben. Die obere Altersgrenze liegt genau da, wo diese kindliche Naivität rationalerem Denken weicht, also vielleicht knapp oberhalb des zehnten Lebensjahres. Schachlich hat der Leser die Anfangsgründe des Schachspiels verstanden (idealerweise mit Hilfe des Vorgängerbuches aus gleicher Hand) und vielleicht sogar schon seine ersten Kinderturniere mehr oder weniger erfolgreich bestritten. Jetzt kann und muss er sich etwas anspruchsvolleren Themen und langfristig durchdachten Plänen widmen. Dabei begleitet ihn dieses Buch idealerweise neben den Übungsstunden in einem Schachverein oder einer schulischen Schachgruppe. Wächst unser Leser aus dem eigentlichen Alter für dieses Buch hinaus, wird er es auch später hin und wieder gern zur Hand nehmen – und sei es nur, um sich an den geistreichen Bildchen zu erfreuen. ♦

Ferencz Halasz (Partien) / Zoltan Geczi (Text) / Andras Talosi (Illustrationen): Schachtricks für Kinder – Strategien und Taktiken, 152 Seiten, Compact-/Circon Verlag, ISBN 978-3-8174-1906-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach und Kinder auch über
Thomas Luther: Schachtraining – Das U10-Projekt

…sowie über das Schachlehrbuch von
Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

ChessBase: Fritz-Trainer Vol. 10 – Mikhail Botvinnik (DVD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 8 Minuten

Multimediales Schachtraining mit weltmeisterlichem Flair

von Ralf Binnewirtz

„Lerne von den Klassikern!“ ‒ diesem beachtenswerten Ratschlag hat sich das Hamburger Unternehmen ChessBase in seiner DVD-Reihe Master Class im Multimedia-Format angenommen. Soll es doch tatsächlich noch etliche Spieler selbst auf Meisterniveau geben, die zwar Magnus Carlsen kennen, aber mit seinen Vorläufern bis hin zu Steinitz oder Morphy kaum etwas anfangen können. Die besagte Serie verspricht Abhilfe, indem sie die führenden Schachmeister der Vergangenheit und Gegenwart in Videos porträtiert und dabei deren Strategien, Gewinntechniken und die verschiedenen Phasen ihrer Partien in der Analyse hochrangiger Experten erhellt. Zugleich wird mit regelmäßig eingestreuten Testfragen der Leser zur Mitarbeit animiert, so dass dieser nicht nur die legendären Schachgrößen mit ihren spezifischen Stärken (und wenigen Schwächen) kennenlernt, sondern auch für die eigene Partieführung von einem Training nach weltmeisterlichen Vorbildern profitiert.

Schachlegende Botwinnik

Chessbase Fritz-Trainer Vol. 10 - Mikhail Botvinnik - Glarean MagazinDie aktuelle Ausgabe ist dem 6. Weltmeister und Patriarchen der sowjetischen Schachschule, Michail Botwinnik, gewidmet. [Ich verwende in meinem Text die deutsche (aussprachenahe) Transkription russischer Eigennamen, auch wenn auf der DVD durchgängig die englische Transkription gepflegt wird.] Michail Botwinnik (1911-1995), dessen Kurzbiografie von Johannes Fischer beigesteuert wird (übernommen aus der Schachzeitschrift KARL 3/2005), war Weltmeister über einen Zeitraum von 15 Jahren (mit kurzen Unterbrechungen 1957/58 und 1960/61) und über 30 Jahre der Vorkämpfer der Sowjetunion. Manchen Schachfreunden mag er als Persönlichkeit langweilig oder ‒ als Erzkommunist aus Überzeugung ‒ alles andere als sympathisch erscheinen. Seine Bedeutung für das Schach dürfte indes unbestritten sein, zumal er auch als Autor, Theoretiker und Schachlehrer Außergewöhnliches geleistet hat. Die von ihm nach beendeter Schachkarriere etablierte Botwinnik-Schachschule haben viele künftige Großmeister und einige spätere Weltmeister (Karpow, Kasparow, Kramnik) durchlaufen.

Eine der charismatischsten Persönlichkeiten der Schachgeschichte: Weltmeister Michael Botwinnik (1911-1995)
Eine der charismatischsten Persönlichkeiten der Schachgeschichte: Weltmeister Michael Botwinnik (1911-1995)

Michael Botwinnik hat als Erster die individuelle Vorbereitung auf seine Gegner zur Perfektion getrieben und seine gesamte Lebensweise mit regelmäßiger sportlicher Ertüchtigung und einer nahezu spartanischen Ernährung den eigenen Fitness-Ansprüchen unterworfen. Seine Analysen nach Partieabbruch oder -ende waren äußerst akribisch und schonungslos objektiv hinsichtlich eigener Fehler, seine Endspieltechnik war überragend. Ein großer Teil seines Erfolgs resultierte fraglos aus einer nie erlahmenden Bereitschaft zu harter Arbeit. Wer mehr biografische Details über Botwinnik erfahren möchte als diese DVD zu bieten vermag, ist mit dem ausgezeichneten Werk von Andrew Soltis Mikhail Botvinnik. The Life and Games of a World Chess Champion (McFarland, 2014) gut bedient. Gegenüber dem Buch hat die DVD bekanntlich unschlagbare Vorteile, sobald es um interaktive Trainingsmöglichkeiten oder um ein schnelles Nachspielen von Partien und Analysen am Bildschirm geht.

Videoclips in 4 Gruppen

Befassen wir uns mit dem Herzstück der DVD, den Videoclips, die thematisch in 4 Gruppen gegliedert sind, für die jeweils verschiedene Experten verantwortlich zeichnen. Die gesamte Videospielzeit der deutschen Version beträgt beachtliche 8 Std. 8 Min. (Verlagsangabe).

1. Eröffnungen (8 Clips)

Diesen Teil bestreitet der in Paris lebende Schweizer GM Yannick Pelletier. Er behandelt in 6 Videos die von Botwinnik besonders häufig gespielten Eröffnungen sowie spezielle Strukturen, eingerahmt von einem Einführungsvideo und einer abschließenden Zusammenfassung. Die 6 Clips thematisieren nacheinander: Holländisch; Halbslawisch; Grünfeld-Indisch; Mit Schwarz gegen 1.e4 [Französisch; Caro-Kann]; Karlsbader Struktur; Vorposten.
Dass Botwinnik zur Eröffnungstheorie zahlreiche eminente Beiträge geliefert hat, ist hinlänglich bekannt. Beispielhaft erinnert sei nur an die komplexe, seinen Namen tragende Botwinnik-Variante in Halbslawisch (5…dxc4), die zu den schärfsten Eröffnungssystemen zählt und bis heute wagemutige Spielernaturen fasziniert und inspiriert. Aber Botwinnik hat nicht nur durch konkrete Ideen und Varianten die Theorie bereichert. Sein Bestreben war vor allem darauf gerichtet, langfristige Strategien zu entwickeln, um aus der Eröffnung typische Situationen und Strukturen im Mittelspiel zu erreichen, die er dann aufgrund seiner profunden Vorarbeit mit Leichtigkeit zu behandeln wusste. Seine tiefen strategischen Pläne reichten zuweilen bis ins Endspiel. Auf dem Feld der vorbereitenden (aber auch nachträglichen) Analyse konnte Botwinnik seine systematisch-wissenschaftliche Arbeitsweise zur Geltung bringen, die sich als wegweisend und vorbildhaft für nachfolgende Generationen erweisen sollte. – Als Zugabe enthält die DVD das Eröffnungsrepertoire von Botwinnik als Variantenbaum („Botvinnik-Powerbooks“).

2. Strategie (7 Clips)

Der Strategie-Part wurde von dem rumänischen GM Mihail Marin aufbereitet, der längst zu den weltbesten Schachautoren zählt. Nach einem einleitenden Video, das einen Überblick über den positionellen aber keineswegs zurückhaltenden Stil Botwinniks gibt, folgen 6 Videos, die einzelne Partien aus Botwinniks Laufbahn präsentieren bzw. nach positionellen Gesichtspunkten sezieren.
Am Anfang steht die legendäre Partie gegen Capablanca (AVRO 1938) mit der unvergesslichen „Links-Rechts-Kombination“, die in zahllosen Partiesammlungen verewigt wurde. Botwinniks tiefe strategische Konzeption triumphiert hier über die kürzeren Teilpläne des Kubaners. Auch taktisch ist der Stratege Botwinnik gemeinhin auf der Höhe, aber er startet seine Kombinationen erst, wenn die positionellen Grundlagen hierzu geschaffen wurden. Nur ausnahmsweise schreckt er vor der eigenen Courage zurück, wenn er aussichtsreiche Opfer zugunsten positioneller Lösungen meidet, die ebenfalls zum Gewinn reichen ‒ so geschehen in der Partie gegen Larsen 1967.
Die Videopräsentationen dieses Teils sind mit interaktiven Trainingsfragen angereichert. Bei der Eingabe von falschen Antwortzügen erfolgt ein kurzes Feedback, wonach der Löser einen neuen Versuch unternehmen kann. Alternativ kann er sich auch die Lösung anzeigen lassen. Daher kann die DVD von Spielern beliebiger Spielstärke genutzt werden, auch der Verlag gibt diesbezüglich keine Einschränkungen an. – Die Partien sind außerdem in einer separaten Datenbank „Botvinnik_strategy“ zu finden, die Kommentierung liegt hier nonverbal anhand von zahlreichen Varianten vor.

Chessbase Fritz-Trainer Vol. 10 - Mikhail Botvinnik - Screenshot - Glarean Magazin
Vielfältige Inhalte und umfangreiches Trainingsmaterial von einem legendären Vorkämpfer des „Sowjet-Schachs“: Screenshot der Chessbase-DVD „Mikhail Botvinnik“

3. Taktik (20 Clips)

Den Taktik-Teil hat der Hamburger IM Oliver Reeh übernommen, der zwanzig Botwinnik-Partien bzw. Partie-Fragmente aus dem Zeitraum 1926 bis 1968 ausgewählt hat, die für ein interaktives Taktik-Training prädestiniert erscheinen. Neben der bereits erwähnten Partie gegen Capablanca 1938 sind hier zwei weitere klassische Perlen Botwinnikscher Spielkunst zu finden, die mit ihren Opfer-Reigen an frühere romantische Zeiten erinnern: die Partie gegen Tschechower 1935 und eine weitere „Unvergängliche“ gegen Portisch 1968. Die vollständigen Partien zum Nachspielen sind wieder in einer Datenbank „Botvinnik_tactics“ verfügbar, hier sind auch kurze Textkommentare (in Deutsch und Englisch) eingestreut.

4. Endspiele (14 Clips)

Der letzte Video-Teil wird von dem renommierten Hamburger Endspielexperten GM Karsten Müller präsentiert. Er beginnt mit zwei interaktiven Tests aus Botwinniks Endspielen (zuerst ein großartiger „Mauerbrecher“, anschließend sehen wir einen zum Remis verteidigenden Botwinnik). Es folgen 12 Clips, in denen Müller die großartigen Fähigkeiten Botwinniks in dieser Partiephase kommentiert (ohne interaktive Tests). Das berühmteste der hier gebrachten Beispiele ist sicherlich das Endspiel Botwinnik ‒ Bobby Fischer von der Olympiade Varna 1962, das nach nächtlicher Analyse der Hängepartie durch das russische Team und für Fischer schockierend mit Remis endete. Auch hier gibt es wieder eine separate Datenbank „Botvinnik_endgames“ mit den 14 kommentierten Endspielen.
Als weiteres Zusatzmaterial auf der DVD sind zu nennen: Eine Datenbank mit 1235 Botwinnik-Partien (teilweise und unterschiedlich ausführlich kommentiert mit Varianten/Text), die Tabellen von den Turnieren mit Botwinniks Beteiligung aus dem Zeitraum 1931 bis 1969, sowie eine Datenbank mit 410 Trainingsfragen aus 103 Botwinnik-Partien, hier kann der ambitionierte Löser maximal 883 Punkte erzielen. Zum Arbeiten mit den Datenbanken ist der ChessBase Reader 2017 von der DVD oder bei Chessbase zu installieren (sofern nicht ohnehin bereits auf dem PC des Lesers vorliegend).


Exkurs: Botwinnik vs Fischer

W.E./Im Jahre 1962 kam es anlässlich der 15. Schach-Olympiade im bulgarischen Varna bei der Begegnung Sowjetunion vs USA zu einem legendären Duell zweier Titanen der Schachgeschichte (ein Youtube-Video hält das Partie-Ende der beiden fest): Am 1. Brett traf der Vorkämpfer des kommunistischen Russland Michael Botwinnik auf das amerikanische Schachgenie Robert „Bobby“ James Fischer. Der amtierende Weltmeister Botwinnik war damals mit seinen 51 Jahren bereits nicht mehr ganz auf der Höhe seiner Meisterschaft (und wurde ein Jahr später von T. Petrosjan auf dem Thron endgültig abgelöst), doch die beiden unterschiedlichen Spieler lieferten sich einen erbitterten (und in der Folge vielfach kommentierten) Kampf, der legendär in die Schachgeschichte einging.

Zwei Giganten des Schachs an der Olympiade 1962 im Endspiel der Partie, die remis endete: Botvinnik vs Fischer
Zwei Giganten des Schachs an der Olympiade 1962 im Endspiel ihrer Partie, die remis endete: Botvinnik vs Fischer

Der Spielstil der zwei Genies spiegelte sich unmittelbar in ihren Partieanlagen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und unterbreitete diese Partie der beiden Ex-Weltmeister dem inoffiziellen Weltmeister des aktuellen Computerschachs, nämlich dem Freeware-Schach-Programm Stockfish (Assembler-Version). Das Equipment bzw. Setting dieser sog. Taktischen Analyse mit der Datenbank Chessbase 14 war: AMD-FX8350-8Cores-4Ghz-64bit (Engine AsmFish-20180723 / 20sec / 4G Hash).

Diese Partie wurde (wie gesagt) oft und teils sehr unterschiedlich analysiert von zahlreichen Großmeistern in Büchern und im Internet; deren Kommentare zu vergleichen mit dem Output einer Schach-Engine, gegen die in einem Match zu reüssieren weder ein Botwinnik noch ein Fischer auch nur den Hauch einer Chancen hätte, ist nicht ohne Interesse und Reiz… Ich gebe hier die Computer-Analyse unverändert 1:1 wieder, der Leser mag sie all den anderen Kommentaren gegenüberstellen und ihre Bewertungen vergleichen mit jenen der humanoiden Beurteilungen. Man beachte übrigens die Einschätzung des Programmes, was die Zug-„Genauigkeit“ der zwei Gegner anbelangt: Botwinnik erreichte hier 62%, Fischer „nur“ 55%…

Botvinnik - Fischer Varna 1962 (Stockfish-Analyse CB14) - Glarean Magazin

Hier der Link zu einer interaktiven Partie-Analyse und
zum Download der Partie


Botwinniks Dominanz

FAZIT: Das auf der DVD „Fritz-Trainer 10: Mikhail Botvinnik“ versammelte Material umfasst alle Turnier- und Matchpartien von Botwinnik und sogar einige Simultanpartien, somit einen Großteil seines schachlichen Erbes. Die personelle Besetzung in den Videoclips mit vier prominenten und bewährten Experten verbürgt hohe fachliche Kompetenz, die sprachliche Präsentation ist generell eingängig und angenehm im Tempo. Ergänzt durch hochwertige Zugaben (Biografie, Taktiktraining etc.), bietet sich die DVD an, einen der erfolgreichsten Weltmeister der Schachgeschichte kennenzulernen, seine Partien zu studieren und durch die interaktive Teilnahme an den Tests und Trainingsaufgaben das Niveau der eigenen Partieführung zu verbessern.

Die Ursachen der Überlegenheit Botwinniks über Großmeister vergleichbaren Talents sind schon weitgehend aus dem vorstehend Gesagten ableitbar. Auch wenn er sich selbst nur als „primus inter pares“ gesehen hat, besaß Botwinnik doch entscheidende Vorteile durch seine mit wissenschaftlicher Methodik erarbeiteten Vorbereitungen auf Partie und Gegner, durch die präparierten langfristigen Pläne bis weit ins Mittelspiel, wo seine weniger gut vorbereiteten Gegner nur noch orientierungslos (re)agieren konnten. Seine tiefschürfenden Arbeiten verhalfen ihm wohl auch zu der wertvollen Fähigkeit, Stellungsanalogien in verwandten, scheinbar anders gearteten Stellungen direkt am Brett zu erfassen und zu nutzen (siehe dazu auch A. Jussupow: „Botwinniks Spiel“, in KARL 3/2005). Botwinniks Erfolge basierten zudem auf einem enormen Fleiß, einer unbeirrbaren Zielstrebigkeit und einer eisernen Selbstdisziplin. Sein Spielstil war universell, wenn auch vorwiegend positionell ausgerichtet, und er zeigte keine nennenswerten Schwächen. Lediglich seine berufliche Tätigkeit als Elektroingenieur hinderte ihn daran, eine konstant gute Form aufrechtzuerhalten. Als eine neue Generation von Schachspielern seine Methoden der Vorbereitung adaptierte, büßte er seinen Vorsprung allmählich ein, letztlich musste er auch seinem zunehmenden Alter Tribut zollen. Jedenfalls dürfte die jahrzehntelange sowjetische Hegemonie im Weltschach nach dem 2. Weltkrieg zu einem wesentlichen Teil auf die Pionierarbeit Botwinniks zurückzuführen sein. ♦

Chessbase: Mikhail Botvinnik – Fritz-Trainer Master Class Vol. 10, DVD-Training, ISBN 978-3-86681-649-7

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Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach

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Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

von Dr. Mario Ziegler

Zugegeben, ich war skeptisch, als ich das Werk „Berechnung im Schach – Ein Versuch“ des Schweizer FIDE-Meisters Werner Kaufmann zu lesen begann. Wie viele Autoren haben schon über die Methoden der Berechnung geschrieben, beginnend mit den unvergessenen Klassikern Alexander Kotows (Denke wie ein Großmeister (1970) und Spiele wie ein Großmeister (1978). Selbst wenn die Variantenberechnung das vielleicht wichtigste und zentralste Element im (Turnier-)Schach darstellt: Wie viel Neues kann man dazu noch sagen?

FM Werner Kaufmann, geb. 1951, wurde 1991 mit der SG Luzern Schweizer Meister. Seit 2004 betreibt er Wernis Schachlade und veröffentlichte bereits die Werke: Keine Pläne! („Ein methodischer Weg zu konkretem Denken im Schach“ 2016) sowie Zwingende Züge („Captain William Evans‘ Gambit“ 2017). Mit „Berechnung im Schach“ – das auch in der englischen Fassung „Calculation in Chess: An Approach“ – erhältlich ist, folgt nun also das dritte Werk, wie die beiden ersten nur als E-Book erhältlich und wie diese im von Kaufmann begründeten Damenspringer-Verlag erschienen.
Der Umfang beträgt 100 Seiten, die in die folgenden Kapitel gegliedert sind: Vorwort, Einleitung, Beobachtungen in der Schachwelt, Die Eröffnung, Technik und Taktik, Eine Schule des Sehens, Tarrasch in Manchester. Bereits hier eine Anmerkung zum Layout, auf das ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eingehe: Seitenzahlen sucht man im Werk vergeblich, ich nummeriere wie im Folgenden nach der Seitenangabe der PDF-Ausgabe.

„Keiner kann rechnen“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Ein Versuch - Cover - Rezension im Glarean MagazinDas erste Kapitel ist dem taktischen Spielverhalten unterschiedlicher Spieler gewidmet. Kaufmann lässt gleich zu Beginn mit dem Satz „Keiner kann rechnen“ aufhorchen (S. 6)* und betont, dass sich aus seiner Sicht viele Spieler in ihren Berechnungen nicht auf die entscheidenden Züge konzentrieren, nämlich die wirklich zwingenden. Oder, in den Worten Kaufmanns:
„Die am häufigsten gestellte Frage, die ich als Schachlehrer höre, lautet: ‚Wie kann ich meine Berechnung verbessern?‘ Dann sage ich meistens: ‚Keine Chance, vergiss es! Ich habe es 50 Jahre lang versucht und nie kapiert. Nun, sie glauben mir nicht und bestehen auf der Frage. Dann antworte ich: ‚Du berechnest eine Menge Müll.'“ (S. 6).
Dies verdeutlicht er an den Irrungen und Wirrungen in den Überlegungen verschiedener – durchaus auch sehr starker – Spieler in einer Variante des Londoner Systems, um danach zwei eigene Beispiele gegen Gegner mit 2100 und 2350 Elo aus der Sizilianischen Verteidigung sowie eine passende Großmeisterpartie (Shabalov-Benjamin, Philadelphia 1993) anzufügen. Die diversen Überseher in den Partien führen Kaufmann zu dem zweifellos richtigen Fazit: „Du kannst nicht mit Zügen rechnen, die du nicht siehst. Also erst schauen, dann rechnen!“ (S. 12).

Ein neues Konzept des Berechnens

Das ist allerdings nichts bahnbrechend Neues, jeder Trainer wird gerne zustimmen, dass man erst die verschiedenen Kandidatenzüge ermitteln sollte, bevor man sich auf eine Variante stürzt. Interessant ist jedoch das Konzept der Berechnungen auf der ersten (an anderer Stelle spricht Kaufmann auch von First-Level) und zweiten Ebene: „Die erste Stufe der Berechnung befasst sich mit kürzeren oder längeren forcierten Abwicklungen oder Zugfolgen. Man kann sie auch als technische Berechnungen bezeichnen. Jeder von uns ist mehr oder weniger in der Lage, sie zu auszurechnen (sic!). Indem ich von einer ersten Ebene spreche, weise ich darauf hin, dass es in der Regel eine zweite Ebene gibt, wo die Position aus dem Gleichgewicht ist, die Dinge kompliziert werden, und wo sogar Weltmeister und Supercomputer versagen. Sie ist charakterisiert durch zwingendes und erzwungenes Spiel von Zug zu Zug. Jeder Spieler muss auf der zweiten Ebene zwischen mehreren Optionen unterscheiden.“ (S. 6).
Dieses Konzept ist zumindest für mich neu. Kaufmann geht im ersten Kapitel an verschiedenen Stellen auf dieses Modell ein, wobei ich mir gelegentlich klarere Beispiele gewünscht hätte.

Kein Lehr- sondern ein Beispielbuch

Werner Kaufmann - Zwingende Züge - Cover-Bild - Glarean Magazin
Unorthodoxe Schach-Ratschläge sind schon in den „Zwingenden Zügen“ von Werner Kaufmann zu finden

Aber „Berechnung im Schach“ ist kein klar strukturiertes Lehrbuch, eher eine Fülle kommentierter Partien zu einem bestimmten Thema, die den Leser bisweilen unsortiert anspringen. Dem Leser wird abverlangt, sie sorgsam zu durchdenken, um Nutzen daraus zu ziehen. Wie unterschiedlich von Spieler zu Spieler (und selbst von Profi zu Profi) übrigens First-Level-Berechnungen sind, zeigt Kaufmann an einer Internet-Blitzpartie zwischen Magnus Carlsen und Jan Gustafsson (S. 15ff.), in der dem deutschen Spitzenspieler diverse Züge seines Gegners unverständlich blieben, obwohl sich die Berechnung immer nur auf der ersten Ebene abspielte. „Es scheint als ob die beiden Jungs anders denken. Jan spielt positionell mit Hilfe der Taktik, Magnus denkt rein taktisch.“ (S. 18)

Das Kaufmannsche Credo des Schachdenkens

Sein Credo über das Denken im Schach fasst Kaufmann auf S. 23f. zusammen:

  1. Tauche nicht sofort in Berechnungen ein, sondern überlege, was die Pläne des Gegners sein könnten. Betrachte deine Züge immer als einen Versuch, diese zu widerlegen
  2. Suche nach zwingenden Angriffen
  3. Suche nach überzeugenden Antworten auf diese Angriffe und halte für jeden seiner Versuche etwas bereit. Normalerweise ist es nicht offensichtlich, was der beste Zug ist. Dann musst du einen deiner Kandidaten oder Optionen auswählen.

Kaufmanns Faustregeln: „Basierend auf den obigen Prinzipien habe ich mir ein paar Kriterien ausgedacht, wie man Züge auswählen sollte:

  • Wenn möglich wähle einen Zug, der die gegnerischen Möglichkeiten einschränkt und ein Gegenspiel vermeidet (Die Zwingende Züge!-Regel)
  • Wenn du zwischen verschiedenen Abwicklungen wählen musst, wähle diejenige, bei der am Ende du am Zug bist, und nicht dein Gegner. (Die Mein Zug!-Regel)
  • Vermeide Züge, die dem Gegner ein Angriffsziel geben. (Die Keine Angriffsobjekte!-Regel)
  • Wenn eine von zwei Optionen einen Tausch vermeidet, nimm diese. (Tauschverbot-Regel)

Um das Auffinden zwingender Züge zu trainieren, empfiehlt der Autor übrigens die Analyse eigener Blitzpartien mit Hilfe des Computers (S. 6).

Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

Die Schlussfolgerung des ersten Kapitels, in dem weitere Partien von Carlsen, Tal oder etwa auch von Alpha Zero diskutiert werden, lautet: „Wir haben festgestellt, dass niemand wirklich gut rechnen kann, und dass jeder in Bezug auf seine normale Stärke grobe Fehler macht. In jeder Stärkeklasse kommen Fehler vor, die auf der nächst höheren nicht passiert wären. […] Wie kannst du als Patzer dein Schach verbessern? Ganz allgemein solltest du weniger rechnen und mehr sehen. […] Du solltest vom Konkreten ins Abstrakte gehen. Überlege, was du konkret unternehmen könntest. Das bedeutet, Drohungen zu schaffen und Gegendrohungen zu vermeiden. Erst wenn du dich nicht für einen Zug entscheiden kannst, solltest du den wählen, der nach allgemeinen Kriterien besser ist. Diese verkehrte Denkweise – Taktik vor Strategie – macht in gewöhnlichen Stellungen keinen grossen Unterschied, normalerweise kommt ungefähr dasselbe heraus. Aber in spannungsgeladenen Stellungen ist der Unterschied gewaltig. Dann geht es nicht mehr um schöne Springerfelder, Linienöffnungen und solches Zeug. Dann geht es um Schläge und Gegenschläge. Die Entscheidungskriterien sind dann auch nicht positioneller Natur, sondern taktischer, und die Faustregeln kommen zum Einsatz: Zwingende Züge!; Keine Angriffsobjekte!; Keine Täusche!; Mein Zug!“ (S. 32-33)

Leseprobe aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 1 - Rezension im Glarean Magazin

Im Spannungsfeld von Technik und Taktik

Die weiteren Kapitel konkretisieren die aufgestellten Überlegungen für den Bereich der Eröffnungen und stellen sie in das Spannungsfeld von Technik und Taktik, wobei der Autor hier unter „Technik“ durchaus taktische Abwicklungen der ersten Stufe versteht im Gegensatz zu solchen Operationen, die sie nicht genau berechnen können und die somit auf der zweiten Stufe angesiedelt sind (S. 47). „Eine Schule des Sehens“ bespricht unter den vorgestellten Gesichtspunkten 20 Partien des Mitropa-Cups der Frauen 2017, „Tarrasch in Manchester“ die Partien des deutschen Vorkämpfers Dr. Siegbert Tarrasch bei seinem klaren Turniersieg in der nordenglischen Metropole 1890.

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Bei letzteren Partien bezieht Kaufmann die Analysen Tarraschs aus seinem Werk „300 Schachpartien“ in seine Bewertung ein – übrigens eine Stärke des Buchs, das soweit als möglich die Überlegungen der Spieler aus der Literatur oder dem Internet rezipiert. Bezüglich des Turniers aus dem 19. Jahrhundert kommt Kaufmann zum Fazit: „Was die Taktik angeht, haben die Spieler es selten geschafft, zwingende Züge zu machen, sie zogen positionelle oder vermeintliche Angriffszuge vor. Dass sie dem Gegner Angriffsobjekte hinstellten, kam bei Tarrasch selten, bei seinen Gegnern öfters vor. Mehrmals wurde das Tauschverbot missachtet, teils mit fatalen Folgen. Tarraschs Varianten-Berechnung war höchst mangelhaft und von groben Versehen gewürzt, selbst in den Kommentaren.“ (S. 99). Die Überlegenheit gegenüber seinen Zeitgenossen resultierte entscheidend aus seinem weitaus höheren positionellen Verständnis. – Anmerkung: Dieses Kapitel ist als eigenständiges PDF-File auf der Webseite des Autors downloadbar: Tarrasch in Manchester

Komplexe Sachverhalte im Plauderton

Neben dem Inhalt verdient auch der Stil Kaufmanns einige Bemerkungen. Manchen Aussagen stehe ich etwas skeptisch gegenüber, zumindest sind sie missverständlich formuliert: „Im Schach gibt es so etwas wie eine objektive Wahrheit, anders als im wirklichen Leben. Du kannst sie mit deiner Computersoftware herausfinden“ (S. 11). Dies würde bedeuten, dass Computer zweifelsfrei in der Lage wären, in einer gegebenen Stellung den besten Zug – die objektive Wahrheit – zu ermitteln. Dies hängt jedoch unbestritten am Charakter der Stellung und – in geringerem Maße – an den Parametern des Programms, so dass nicht selten zwei Spitzenprogramme in der gleichen Stellung zu (leicht) unterschiedlichen Resultaten kommen. All dies ist dem mit den Stärken und Schwächen der Computer sehr gut vertrauten Autor natürlich auch bekannt.

Leseprobe 2 aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 2 - Rezension im Glarean Magazin

Ansonsten formuliert Kaufmann gelegentlich in lockerem Plauderton: „Der 28. Oktober 2010 ist für mich ein historisches Datum. An diesem kalten und regnerischen Oktobernachmittag habe ich Herrn Viktor Kortschnoi mit den schwarzen Steinen regelrecht zusammen geschoben. Aber dann verdarb ich die Partie mit einem grauenhaften Endspiel-Fehler in ein Remis. Ich hatte noch nie zuvor einen so starken Spieler geschlagen. Es tut immer noch weh. Übrigens würde ich Herrn Kortschnoi nie Viktor nennen. Ich nenne Bobby Bobby, Garry Garry und Magnus Magnus. Aber Herr Kortschnoi ist eine Legende. Er wird immer mindestens Kortschnoi bleiben, aber selbst das ist nicht respektvoll genug. Für mich ist er für ewig Herr Kortschnoi. Vielleicht könnte das Vereinigte Königreich etwas dagegen unternehmen und ihn posthum adeln. Sir Viktor wäre einfach grossartig. Vielleicht gewöhne ich mich daran und nenne ihn von nun an Sir Viktor.“ (S. 14).
Diese Ausführung hat übrigens mit dem Thema des Kapitels nichts zu tun, wo es um das Verhältnis von Spielstärke und Rechenfähigkeit geht und gerade die Partie Cremer-Vogt aus der Schweizer Mannschaftsmeisterschaft 2010 analysiert wird. Ob man diesen Stil mag oder nicht, ist Geschmackssache…
Ich persönlich würde auch keine Empfehlungen wie: „Oh, du hast dir noch nie Kingcrusher-Videos auf YouTube angesehen? Du hast nicht viel verpasst. Aber wenn du es tust, traue seinen Erklärungen nicht.“ (S. 13) in einem Buch geben, aber auch hier mag es zwei Meinungen geben.

Interessante Inhalte mit mäßigem Layout umgesetzt

FAZIT: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre.

Zuletzt ein Wort zum Layout, das ausgesprochen spartanisch daherkommt. Natürlich gibt es Untergliederungen durch die größer gesetzten Überschriften, natürlich werden die Hauptzüge der Partien fett gedruckt, die Anmerkungen nicht. Aber wieso verzichtet der Autor auf jegliches Diagramm, was ja gerade in einem E-Book, das man auf dem Tablet oder Handy lesen will, ohne ein Brett daneben aufzubauen, aus meiner Sicht unabdingbar ist?
Zudem wurde offenbar sehr wenig Wert auf eine ästhetische Gliederung des Manuskripts gelegt. Statt am Ende einer Seite nur Überschrift und Spielernamen wiederzugeben, aber keinen einzigen Zug (S. 71, 86, 89), hätte man vor der Überschrift einen Seitenumbruch einfügen können. Ebenso kommt es vor, dass es die nur letzten beiden Zeilen eines Kapitels auf eine neue Seite geschafft haben (S. 99). Gewiss, diese Dinge sind nicht das Wichtigste bei einem Buch, aber es wäre leicht gewesen, sie durch geschickte Seitenumbrüche oder einfach eine kleine Umformulierung oder Umstellung zu vermeiden!

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Fazit: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre. ♦
* Dem Rezensenten lag die PDF-Fassung des E-Books vor

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach – Ein Versuch, Damenspringer-Verlag / Amazon Media (Kindle Edition)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Psychologie auch über die DVD von
Werner Schweitzer: 33 Mentaltipps aus der Praxis

… sowie über
Herman Grooten: Chess Strategy for Club Players (engl.)

Thomas Luther: Schachtraining – Das U10-Projekt

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Informativ für Kinder- und Jugendschach-Trainer

von Thomas Binder

Der aus Erfurt stammende Großmeister Thomas Luther (u.a. Deutscher Einzelmeister 1993) muss dem Leser nicht mehr vorgestellt werden. In letzter Zeit hat er seinen Tätigkeitsschwerpunkt auf die Arbeit als Trainer gelegt. Im Impressum wird er als FIDE-Senior-Trainer und Lecturer präsentiert. Mit „Das U10-Projekt“ legt er ein Werk vor, das aus diesem Blickwinkel höchsten Ansprüchen gerecht wird. Dabei passt auch das äußere Umfeld hervorragend: Layout, Lektorat und Schreibstil bestätigen den Gesamteindruck eines sorgfältig erstellten und rundum gelungenen Werkes.

Thomas Luther - Schachtraining für Kids - Das U10-Projekt - Jugendschach Verlag DresdenZunächst sei jedoch mit gleich zwei möglichen Missverständnissen aufgeräumt, die der Titel verursachen könnte. Ich dachte spontan an das aktuell vom Deutschen Schachbund gepushte Projekt zur Ausbildung junger Schachtalente mit sehr hohem Leistungsanspruch durch die Schachschule von GM Jussupow. Dazu hat das vorliegende Buch jedoch ebenso wenig einen Bezug, wie es sich auf die im Titel angesprochene Altersklasse beschränkt. Auch Trainer und Betreuer etwas älterer Schachspieler können aus dieser Arbeit viel Wissenswertes und interessante Anregungen entnehmen.

Fehlerursachen in der Altersklasse U10

Im ersten Teil des Buches stellen Luther und seine Co-Autoren quantitative Ergebnisse ihrer Studie vor. Anhand ausgewählter Deutscher und Welt-Meisterschaften bis zur Altersklasse U10 untersuchen sie das in diesem Alter erreichte Spielniveau und bewerten die Fehlerursachen. Der zweite Abschnitt präsentiert umfangreich (ca. 50 Seiten) und sehr fundiert typische Spielsituationen. Da wird deutlich erkennbar, wo die Defizite junger Schachspieler liegen, und wie man sie gezielt angehen kann. Um die jungen Spieler nicht anhand ihrer schwächeren Leistungen zu „demontieren“, sind diese Partien konsequent anonymisiert, allerdings jeweils durch die Benennung des Turniers und die Angabe von Elo-Zahlen dokumentiert.

Es folgen ca. 120 Seiten unter dem Titel „Unsere Tests“. Für den praktisch orientierten Schachtrainer ist dies sicher der anregendste Teil, kann er doch hier geeignete Aufgaben für seine eigene Arbeit übernehmen. Die insgesamt 230 Teststellungen sind in fünf Gruppen unterteilt, zunächst nach wachsender Schwierigkeit für einzelne Leistungsgruppen, dann in einem separaten Endspiel-Teil. Auch in diesem Kapitel bleiben die Spieler anonym. Die jeweiligen Lösungsbesprechungen können ebenso wie der vorige Abschnitt jeweils für sich als kleine Lektion zum angesprochenen Motiv verwendet werden.

Wissenschaftlich anspruchsvolle Betrachtung

Thomas Luther - Glarean Magazin
Thomas Luther

In einem kürzeren vierten Kapitel „Talent und Wunderkinder“ kehrt Luther zur prinzipiellen und wissenschaftlich anspruchsvollen Betrachtung zurück, stellt seine Gedanken und Erfahrungen zur Diskussion. Ähnlich präsentiert sich das abschließende Kapitel „Training und Trainer“ mit Gedanken zu zweckmäßigen Trainingsansätzen und zur Arbeit des Trainers.
Dazwischen liegt noch ein Abschnitt „Der nächste Schritt“, in dem Luther anhand einiger Positiv-Beispiele (jetzt mit Namensnennung) verdeutlicht, wie man sich den Leistungsfortschritt zur nächsten Altersklasse u12 vorstellen kann. Dieser Vergleich ist freilich nicht ganz widerspruchsfrei: Hatte man in der U10 vorwiegend die Unzulänglichkeiten demonstriert, werden jetzt „leuchtende Einzelbeispiele“ vorgeführt, wo sich doch sicher auch hier noch reichlich „Gepatze“ gefunden hätte.

Betont kritische Beurteilungen

Es gibt wenige Punkte, an denen ich mit dem Autor in kontroversen Dialog treten möchte. So geht er manchmal mit den Spielern allzu hart ins Gericht – vielleicht auch, weil er auf einzelne Partien schaut statt auf ganze Persönlichkeiten. Drastisches Beispiel ist eine – zugegeben grottenschlechte – Partie aus der U10-WM 2014:
1.e4 c5 2.Lc4 Sc6 3.Sf3 a6 4.Sg5(?) e6 5.Df3?? Dxg5 6.d3?? Dxc1 7.Ke2? Sd4#
Luther kommentiert nun u.a: „Kindern auf dieser Anfängerstufe tut man mit einer WM-Teilnahme vermutlich nichts Gutes […] dies hier ist absolut nicht akzeptabel.“
Ich habe mir nun die geringe Mühe gemacht, den Spieler zu identifizieren und etwas genauer hinzuschauen. Es handelt sich um ein Kind aus Kenia. Die vorgestellte Partie ist ein Extrembeispiel, unter seinen übrigen WM-Partien sind durchaus „normale“ U10-Partien. Er hat in diesem Turnier immerhin 4,5 Punkte aus 11 Partien erreicht und sich als einer der jüngsten Spieler im hinteren Mittelfeld platziert. Im Jahr davor vertrat er sein Land bereits bei der U8-Weltmeisterschaft. Der Vergleich beider Turniere zeigt eine deutlich positive Entwicklung des Jungen.

Probeseite aus Thomas Luther: Das U10-Projekt (Schachtraining für Kids)
Probeseite aus Thomas Luther: Das U10-Projekt (Schachtraining für Kids)

Große Leistungsstreuung bei Kindern

Mit Blick auf meine eigenen Trainer-Erfahrungen ist der vorgestellte Fall ein schöner Beleg für zwei Beobachtungen, die ich regelmäßig mache:

  • Kinder dieser Altersklasse haben unabhängig vom absoluten Spielniveau von Partie zu Partie eine enorme Leistungsstreuung. Die „gefühlte“ Spielstärke kann selbst innerhalb eines Turniers um mehr als 500 Elo-Punkte schwanken.
  • Bei unvorhergesehenen Ereignissen reagieren diese Kinder irrational. Rational wäre es gewesen, nach dem ersten Figurenverlust entweder aufzugeben oder mit voller Konzentration und Kampfgeist eine Wende zu versuchen – in dieser Altersklasse keineswegs ein aussichtsloses Unterfangen. Statt dessen wird im Blitztempo weitergespielt und Fehler an Fehler gereiht, bis zum drastischen Ende.

Erst mit der allgemeinen persönlichen Reifung etwa ab der Altersklasse U14 erreichen die jungen Schachspieler auf ihrem jeweiligen Leistungslevel ein „erwachseneres“ Profil und eine größere Leistungskonstanz. Es wäre interessant zu sehen, wenn Luther mit seinem wissenschaftlich geprägten Instrumentarium diese Entwicklungsetappen näher untersucht und entsprechende Schlussfolgerungen anbietet.

Lehrreich und angenehm zu lesen

FAZIT

„Schachtraining für Kids – Das U10-Projekt“ von GM Thomas Luther und Co-Autoren richtet sich vorwiegend an Trainer, die junge und jüngste Schachspieler mit hohem Leistungsanspruch unterrichten. Es bietet fundierte Untersuchungen zur Spielstärke in diesem Altersbereich, untersucht die Fehlerquellen und gibt ihnen eine große Auswahl an Test- bzw. Lehrstellungen an die Hand. Inhaltliches Niveau und äußere Gestalt werden dem hohen Anspruch der Autoren gerecht.

Insgesamt bleibt auch für einen erfahrenen Jugendtrainer ein sehr lehrreiches und angenehm zu lesendes Buch aus einem bislang kaum abgedeckten Wissenssegment. Die Lektüre ist allerdings vor allem in den „theoretischen“ Kapiteln anspruchsvoll, Luther schreibt recht dicht und setzt ständige Aufmerksamkeit und gewisse Vorkenntnisse voraus – für Schachspieler ja wohl keine unbillige Anforderung.
Wichtigste Zielgruppen des Buches sind Kinder- und Jugendschachtrainer. Auch wenn sie über die im Titel genannte Altersklasse hinaus tätig sind, ist das Buch eine fruchtbare Inspiration. Eltern, die ihre Sprösslinge auf dem Start in die Schachkarriere begleiten, bekommen einen Eindruck vom Herangehen eines leistungsorientierten Trainers, sollten sich dabei aber immer über die eigenen Ansprüche im Klaren sein. Nicht jeder wird seine Schützlinge zu einer Deutschen oder gar Welt-Meisterschaft führen, ein Buch wie dieses wird ihm dennoch viele interessante Impulse vermitteln. ♦

Thomas Luther: Schachtraining für Kids – Das U10-Projekt, Jugendschach-Verlag Dresden, 252 Seiten, ISBN 978-3-944710-32-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Jugendschach-Pädagogik und -Forschung auch über
Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Interview mit dem Schachlehrer Alexander Frenkel

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Weg von den Tablets und Spielkonsolen, hin zum Schachspiel

von Thomas Binder

Erneut möchte ich als Schach-Rezensent des Glarean Magazins die Gelegenheit nutzen, das Augenmerk auf die Ausbildung junger und jüngster Schachspieler zu richten. Hatten wir zuletzt mehrfach klassische Lehrbücher kommentiert, geht es diesmal um ein Arbeitsheft der Schachschule München. Autor ist deren Leiter Alexander Frenkel. Da Herr Frenkel uns deutlich mehr zu sagen hat, wollen wir ihn noch selbst zu Wort kommen lassen, werfen aber zunächst einen Blick in das erste Werk, das er nun einem größeren Leserkreis zugänglich macht.

Schach-Zielgruppe: Grundschulkinder

Alexander Frenkel - Warum Schach - Bauerndiplom - Schachschule MünchenDas Arbeitsheft wendet sich an Kinder, die von Grund auf das Schachspiel erlernen wollen, wobei als Zielgruppe wohl ganz klar Grundschulkinder angesprochen sind. Ihnen wird der Grundkanon der Schachregeln nahe gebracht. Alles darüber hinaus bleibt den aufbauenden Lehrgängen vorbehalten.
Dabei hebt sich Frenkels Heft sehr deutlich von anderen Arbeitsheften ab. Die Regeln werden in Reimform erklärt und mit liebevollen Illustrationen versehen. Unmittelbar danach können die Kids ihr Wissen in vielfältigen und vor allem kindgerechten Aufgaben beweisen. Dem Charakter solcher Arbeitsbücher gemäß wird dabei direkt im Heft gearbeitet, es ist also für eine „Einmalverwendung“ gedacht. Einziger Kritikpunkt bleibt, dass Frenkel (wie andere Autoren auch) hin und wieder zwei oder mehr Aufgaben auf einem geteilten Brett darstellt. Dabei muss zuweilen die Trennlinie als Brettrand verstanden werden, was eine direkte Übernahme in andere Trainingsformen (z.B. am Demobrett) erschwert. ♦

Alexander Frenkel: Warum Schach (Bauerndiplom), Arbeitsheft, Illustrationen von Elena Levitina, Schachschule München


Interview mit Alexander Frenkel

Autor Alexander Frenkel ist 48 Jahre alt und stammt aus der ukrainischen Schachhochburg Charkiw. Schon sein Vater gehörte dort in jungen Jahren zur örtlichen Schachspitze. Seit 1993 lebt Alexander Frenkel in Deutschland und leitet seit 12 Jahren die Schachschule München.

Glarean Magazin: Herr Frenkel, Sie stehen für die “Schachschule München”. Können Sie uns dieses Projekt kurz erläutern?

Alexander Frenkel (Geb. 1969)
Alexander Frenkel (Geb. 1969)

Alexander Frenkel: Die Idee des Schach-Lehrens kam durchs Üben mit meinen Sohn Maxim, den ich schon mit 6 Jahren zu den Kinderturnieren gebracht habe. So bin ich 2005 zum Schulschachpatentkurs vom „Schulschach-Vater“ Herrn Lellinger gekommen und bin dafür sogar von München nach Leipzig gefahren. Mein erster Kurs fand direkt in Maxims Grundschule statt. Danach habe ich mich mit einer Internet-Präsenz positioniert und erhalte regelmäßig Nachfragen, die ich alleine mittlerweile nicht mehr bewältigen kann. So helfen Maxim und noch einige schachspielende Studenten aus.

GM: Stellten sich bald Erfolge ein? Können Sie regelmäßig Kinder über das Anfängerniveau hinaus in die Schachvereine und zu Meisterschaften führen?

AF: Sobald die Kinder die Regeln sicher anwenden können, informiere ich die Eltern über passende Kinderturniere. Einige werden dann von der Atmosphäre  mitgerissen und wollen immer teilnehmen. So landen sie oft in den Vereinen. Aktuell, mit dem Chessimo-System (5 Spiele am Tag mit 60min, Aufschreiben und DWZ-Auswertung), werden die Kids noch durch die DWZ zusätzlich motiviert. Einige Kinder aus meinen ersten Kursen (und sie sind mittlerweile 18-20 Jahre alt) spielen immer noch in den Vereinen. (Anmerkung des Rezensenten: Frenkels Schüler haben zahlreiche vordere Plätze bei Meisterschaften und im Schulschach vorzuweisen).

GM: Auf welchen Prinzipien beruht das Training in Ihrer Schachschule? Worin unterscheiden Sie sich von anderen Anbietern?

AF: Es gibt einige Grundsätze, die ich seit Anfang an befolge. Ich bin der Meinung, Schach sollte auf dem Anfänger-Niveau preiswert und für jeden zugänglich sein. So betreibe ich keine eigenen Räumlichkeiten und komme dorthin, wo man wirklich an einem Schachkurs interessiert ist, die Gruppe organisiert und mich dafür engagiert. So bleiben die Kosten für die Eltern sehr übersichtlich.
Des Weiteren sollte der Unterricht strukturiert sein und dafür eignen sich die Lernhefte, wie z.B. Brackeler Lehrgang, die Stufen-Methode und die seit kurzem erhältlichen Kurshefte von Roman Vidonyak, sehr gut.
Ich versuche eine gute Mischung daraus zu machen und bei den fortlaufenden Gruppen immer wieder einen Wiederholungs- bzw. Befestigungs-Kurs „einzubauen“. Ich nehme mir auch die Freiheit, nur die homogenen Kurse anzubieten, d.h. nur auf dem gleichen Niveau. So werden alle Teilnehmer gleichmäßig betreut.
Im Wesentlichen ist mein Unterricht ziemlich klassisch und die Schachstunde besteht aus der Beantwortung der Fragen zu den Hausaufgaben, der Erklärung eines neuen Themas und dem Spielen. Fürs Spielen versuche ich etwa die Hälfte der Zeit anzusetzen.
Ich lasse aber auch das Demo-Brett mal weg, um mit dem Beamer die Stunden abwechslungsreich zu gestalten und ein Schach-Programm oder Schach-Video einzubringen.
Auch auf den Wunsch nach fremdsprachigen Kursen kann ich eingehen. So unterrichte ich Schach regelmäßig auf Deutsch, Russisch und Englisch.

GM: Das vorliegende Trainingsmaterial trägt den Titel “Warum Schach?” Wie lautet Ihre prägnante Antwort auf diese Frage?

AF: Ich bin vom positiven Einfluss des Schachs auf die schulischen Leistungen stark überzeugt und nicht nur durch die Trierer Studie, sondern auch am Beispiel von meinem Sohn. Maxim hat sein Abi mit 1,9 ohne eine einzige Nachhilfestunde gemacht. Auf meiner Webseite entstanden mit der Zeit die sogenannten „Gründe fürs Schach“, die ich kurzer Hand „Warum Schach“ nannte. Diese wurden dann öfters quer durch den deutschen Internetraum bei Vereinen und Schulen übernommen und zitiert. Für das neue Heft habe ich sie in einer kindgerechten Form umgeschrieben und eingebaut. So können die Kinder (aber auch Eltern und Lehrer) nicht nur von Schachkenntnissen profitieren, sondern auch vieles Positive, was Schach mit sich bringt, wahrnehmen.

GM: Die Gestaltung des Materials ist sehr ansprechend, hebt sich von den sonst bekannten Arbeitsheften deutlich ab. Wie sind Sie an die Gestaltung herangegangen? Was ist Ihnen da wichtig?

AF: In meinem Unterricht habe ich immer wieder spontan, beeinflusst durch „Springer am Rande bringt Kummer und Schande“, etwas gereimt.  Da ich in der ersten Anfänger-Stunde die Weizenkornlegende erzähle, um die Vielfältigkeit der Möglichkeiten auf dem Schachbrett zu betonen, suchte ich nach einem Weg für mich, als nicht Muttersprachler in Deutsch, die Geschichte einfach darzustellen. So entstand dieses Gedicht. Ich habe gemerkt, dass das gereimte Wort sich auch bei den Kindern besser einprägt.
Ich unterrichtete die meiste Zeit die Anfänger mit dem „Brackeler Lehrgang“. Die Hefte sind zwar günstig, haben aber für meinen Bedarf zu wenig Aufgaben. So gab ich zu jeder Stunde meine zusätzlichen Arbeitsblätter aus, auf denen ich sowohl eigene als auch einige, meist aus den russischen Schachbüchern gesammelte, Aufgaben habe. Die Idee für das eigene Heft war geboren: die Schachregeln werden gereimt, es kommen mehr Aufgaben rein und das Wichtigste: meine Frau Elena ist zum Glück eine diplomierte Grafik-Designerin, sie kann das Ganze illustrieren. …
Auch wenn ich mich bei vielen Motiven aus der Sicht der Schachtheorie gegen das künstlerische Element meiner Frau durchgesetzt habe, sind wir mit der Zeit zu einem guten Team zusammengewachsen. Und für manche Themen haben unsere Tochter und ich sogar kurz Modell stehen sollen, damit meine Frau ein Foto machen kann, um die entsprechende Pose oder Bewegung besser aufs Papier zu bringen. Elena will immer alles gründlich und perfekt machen. So nahm uns die Illustration für längere Zeit in Anspruch und dauerte ca. 2 Jahre. Die Bilder sind, meiner Meinung nach, auch beeindruckend geworden. (Anmerkung des Rezensenten: Volle Zustimmung!)
„Schachlich“ gesehen kann man für die Anfänger wenig neues erfinden. Wir haben versucht, die Anzahl der Übungen zu erhöhen: teilweise durch das Aufteilen der Diagramme in 2 bzw. 4 Aufgaben, teilweise durch mehr Aufgaben-Seiten und einige Spaß-Übungen, wie Kreuzworträtsel, Labyrinthe und „Malen nach Zahlen“. So kommen wir mit mehr als 300 Aufgaben auf das Doppelte vom „Brackeler Bauerndiplom“. Mein Vater hat hier auch maßgeblich mitgearbeitet und viele Aufgaben, ähnlich denen aus dem Brackeler Heft, entwickelt. Einige wurden von meinen früheren Übungsblättern übernommen.
Die Struktur ist ähnlich geblieben, nur fangen wir nach der „Lellinger-Lehre“ mit der schwierigsten und interessantesten Figur, dem Springer an und fassen die Bauern-Themen Gangart, Umwandlung, En passant nacheinander zusammen. Wie schon beim Brackeler Lehrgang, gibt es einen Testbogen und eine Urkunde. Am Ende haben wir extra eine leere Heftseite für die Kinder, die ein Schachmotiv malen möchten, reserviert.

GM: Der vorliegende Anfängerlehrgang soll zum “Bauerndiplom” führen. Den Begriff kennt man aus der Dortmunder Schachschule. Gibt es da eine Verbindung. Wollen Sie den Namen beibehalten und das Risiko einer Verwechslung eingehen?

AF: Ich nutze selbst oft den Brackeler Lehrgang und finde den Begriff sehr ansprechend. Ich wollte bewusst nichts anderes nehmen und habe sogar versucht herauszufinden, ob der Name geschützt ist. Es sieht aber nicht so aus und es gibt  durchaus weitere genau so genannte Lehrgänge, auch vom DSB.
Da es für Anfänger immer die gleichen Themen und Ziele sind, nämlich, die Grundregeln zu erlernen, sehe ich sogar einen Vorteil darin, dass die Hefte so heißen. Man erkennt schnell, wofür sie sind und jeder Schachlehrer kann problemlos sofort loslegen. Der Begriff sollte für die Schach-Kinder allgemein geltend gemacht werden, wie z. B. das Seepferdchen-Abzeichen fürs Schwimmen.
Anmerkung des Rezensenten: Eine sehr gute Idee! Dieser Gedanke sollte unbedingt weiter verfolgt werden. Damit können sich die „Figurendiplome“ als vergleichbare Leistungs-nachweise sozusagen für die Vor-DWZ-Stufe etablieren.

GF: Wie geht es nach dem Anfängerlehrgang weiter? Ich könnte mir in ähnlich ansprechender Gestaltung auch Arbeitshefte zu anderen Themen vorstellen. Die Kids brauchen das ja, um weiter voran zu kommen.

AF: Es gibt natürlich Pläne für die Fortsetzung. Vor allem möchte ich noch in dieser Form die elementaren Taktik-Motive darstellen. (Anmerkung des Rezensenten: Die Fortführung mit einem Arbeitsheft der wichtigsten Taktik-Motive ist folgerichtig. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann bitte auch ein Heft für die auf diesem Spielniveau wichtigen Endspielthemen.)
Spätestens dann hoffe ich etwas gemacht zu haben, um die Interesse der Kinder von den Tablets, Spielkonsolen, Fernseher und Handys für die kurze Zeit abzuwenden und sie in unsere sonst schwarz-weiße und meist statische Schachwelt zu locken.♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das
Interview mit dem Schach-Autor Jonathan Carlstedt („Die kleine Schachschule“)

… sowie zum Thema Schach-Training über
Cyrus Lakdawala: Winning Ugly Chess

Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Perfektes Anfänger-Lehrbuch

von Thomas Binder

Kinderschach boomt auf allen Ebenen – und der zugehörige Büchermarkt boomt mit! Es kann kein Zufall sein, dass in letzter Zeit immer wieder Anfänger-Lehrbücher in den Fokus gelangen, die sich gezielt an die jüngste Generation wenden. Merkwürdigerweise wird das im Untertitel fast immer mit der Perspektive „Profi“ verbunden. Auch im Falle des neuen Buches von Claire Summerscale: „Schach – So wirst du zum Profi“. Dabei kommt der „Profi“-Zusatz in der englischen Originalausgabe gar nicht vor. Ein Untertitel wie „Auf dem Weg zum ersten Schachturnier“ erschiene mir passender, aber wäre vielleicht nicht so werbewirksam…

Erfahrene Schach-Trainerin als Autorin

Claire Summerscale - Schach – So wirst du zum Profi - DK-VerlagDie Autorin Claire Summerscale ist eine britische Meisterspielerin mit umfassenden Erfahrungen als Trainerin. Gestützt auf diese Kompetenzen legt sie ein beispielhaft gutes Kinderlehrbuch vor!
Das Besondere an Summerscales Werk ist, dass sie mit wenig Text auskommt und dennoch auf seriöse Weise das erforderliche Schach-Grundwissen vermittelt. Das Buch ist perfekt auf die angedachte Zielgruppe ausgelegt, die der Verlag mit „ab 8 Jahren“ beschreibt und die ich mit einer oberen Altersgrenze bei 11 bis maximal 12 Jahren schließen würde.
Summerscale arbeitet mit großflächigen Grafiken im 3-D-Look. Parallel dazu werden aber auch „richtige“ Schach-Diagramme präsentiert, so dass sich die Kids später in weiteren Schachbüchern gut zurecht finden werden. Einziger Kritikpunkt zu den Abbildungen ist, dass die schwarzen Figuren auf schwarzen Feldern manchmal etwas schwer erkennbar sind, wenn auch auf dem Feld dahinter eine schwarze Figur steht.

Von den Grundregeln bis zur Morphy-Partie

Probeseite aus Claire Summerscale - Schach – So wirst du zum Profi
Probeseite aus Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Die Trainerin beginnt „from scratch“ mit den Grundregeln (Schachbrett, Figuren, Zugregeln bis Rochade und en Passant, Schach und Matt). In einem weiteren Kapitel folgen ausgewogen dargestellte Grundlektionen (Wert der Figuren, Abtausch, Entwicklung, einfache Matts, Remisregeln). Den größten Raum nimmt das Kapitel „Taktik“ ein. Hier werden die Kids an einfachen und dennoch sehr instruktiven Beispielen mit taktischen Grundbegriffen vertraut gemacht: Gabel, Fesselung, Spieß, Abzugsangriff, Opfer, Entfernen des Verteidigers, Türme auf der 7. Reihe usw. Auch einige attraktive Mattbilder lernen wir kennen, darunter das erstickte Matt, das Grundreihenmatt und das „Matt der Anastasia“. Daran dürften die Kinder ihre reine Freude haben. In allen Kapiteln wird der junge Leser schon mit einfachen – dem gerade erreichten Wissensstand angemessenen – Aufgaben herausgefordert. Die Lösungen findet man im Anhang.
Abgerundet wird das Werk durch die berühmte Partie von Paul Morphy in der Pariser Oper 1858. Diese Kurzpartie wird auf 4 Seiten mit großflächigen Diagrammen vorgestellt. Ich behaupte, wer die vorherigen 63 Seiten aufmerksam gelesen hat, wird sie verstehen und genießen können.

Schachpädagogisch hervorragend abgestimmt

Claire Summerscale legt mit "Schach - So wirst du zum Profi" ein perfekt auf die Zielgruppe (Kinder ohne Schach-Vorkenntnisse bis etwa 11 Jahre) abgestimmtes Anfängerlehrbuch vor. Für Eltern, deren Kids das Schachspiel selbständig erlernen wollen, eine absolute Kaufempfehlung!
Claire Summerscale legt mit „Schach – So wirst du zum Profi“ ein perfekt auf die Zielgruppe (Kinder ohne Schach-Vorkenntnisse bis etwa 11 Jahre) abgestimmtes Anfängerlehrbuch vor. Für Eltern, deren Kids das Schachspiel selbständig erlernen wollen, eine absolute Kaufempfehlung!

Der bis dahin vorgestellte Kanon ist aus der Sicht eines erfahrenen Trainers perfekt auf das Kinder-Anfänger-Training abgestimmt. Das kann man nach Auswahl und Präsentation nicht viel besser machen. Dennoch bleibt ein Wunsch offen. Dem Schach-Endspiel widmet Claire Summerscale nicht die gebührende Beachtung. Es kommen nur die Mattsetzungen mit zwei Türmen (Treppenmatt) und mit der Dame (Patt-Vermeidung) vor. Zum Anspruch des Buches würde es gut passen, hier noch ein klein wenig weiter zu gehen. Spontan fällt mir das Matt mit einem Turm ein. Auch die grundlegenden Kenntnisse zur erfolgreichen Bauernumwandlung kann und sollte man auf diesem Niveau schon vermitteln. Ich denke an die Schlüsselfelder vor einem Bauern, einfachste Ansätze der Oppositionslehre und z.B. die Quadratregel. Das lässt sich im Stile dieses Buches alles hervorragend darstellen und würde vielleicht 6 zusätzliche Seiten erfordern. Diese sollte man bei einer Neuauflage durchaus investieren, denn der Lernende wird schon bei seinem ersten Turnier mit solchen Herausforderungen konfrontiert sein.
Sei’s drum: Die wissbegierigen Schach-Kids werden dieses Buch an einem einzigen Tag verschlingen und dabei wirklich viel lernen. Sie sind dann vielleicht noch keine Profis, aber dem selbstbewussten Start bei einem Kinder-Schachturnier steht nichts im Wege. ♦

Claire Summerscale: Schach – so wirst du zum Profi, Dorling Kinderslev Verlag, 72 Seiten, ISBN 978-3831033454

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kinderschach auch über
Gert von Ameln: Salin und der Schwarze Zauberer

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Endspiel-Schule für ehrgeizige Schach-Kids

von Thomas Binder

Der renommierte Londoner Schachverlag Gambit Publications, zu dessen Gründern die Großmeister John Nunn und Murray Chandler gehören, hat seine Serie der Schachbücher „… for kids“ nun um das Endspiellehrbuch „Schach-Endspiele für Kids“ ergänzt. Als Autor wurde kein Geringerer gewonnen, als der Hamburger Mathematiker und Großmeister Karsten Müller.

Müller gilt als der führende Endspielexperte unserer Zeit – mindestens im deutschsprachigen Raum, vermutlich aber auch darüber hinaus. Aus seiner Feder stammt u.a. das aktuelle Standardwerk „Grundlagen der Schachendspiele“ (gemeinsam mit Frank Lamprecht). Außerdem hat er bei Chessbase eine Serie von 14 DVDs vorgelegt, die das gesamte Endspielwissen abdecken. Die vorgenannten Werke wenden sich dabei vorwiegend an erfahrene Spieler. Aus dem „Grundlagen“-Lehrbuch soll selbst Weltmeister Carlsen noch lehrreiche Erkenntnisse gewonnen haben. In der Kombination als Spieler, Autor und Trainer ist Karsten Müller –  er gehört zum regelmäßigen Trainerstab der Schachschule Hamburg – die Idealbesetzung für dieses Werk.

Von der elementaren Mattführung bis zu schwierigeren Mustern

Karsten Müller: Schach-Endspiele für KidsMüller teilt den Stoff in 50 Lektionen, die jeweils eine Doppelseite belegen. Jede Lektion beginnt mit einem einführenden Text, und es folgen 6 Diagramme zur Verdeutlichung der wichtigsten Aspekte. Das sind oft 6 eigenständige Beispiele aus Partien, Studien oder Lehrstellungen. Manchmal aber erstreckt sich der Verlauf einer Zugfolge auch über mehrere Diagramme. Insgesamt haben wir es mit einer streng formalisierten Einteilung jeder Lektion zu tun – eine Eigenheit, die mir auch in anderen Büchern von „Gambit“ bereits aufgefallen war. Es ist Sache des Autors seinen Stoff so zu strukturieren, dass jedes einzelne Thema angemessen dargestellt werden kann. Karsten Müller hat das bestens hingekriegt.
Seine Lektionen beginnen mit elementaren Mattführungen. Für das Matt mit einem Turm bringt er – im Gegensatz zu den meisten anderen Endspiel-Einführungen – sogar zwei Methoden. (Als aktiver Jugendtrainer möchte ich dies ausdrücklich begrüßen. Die in vielen Büchern alleinstehende Methode der immer kleiner werdenden Rechtecke, mag oft schneller sein, aber sie birgt für Anfänger die Gefahr, in ein Patt zu laufen. Deshalb ziehe ich selbst im Training die allein auf Opposition beruhende zweite Methode vor).
Nach den einfachen Matts folgt Müller der üblichen Einteilung von Endspielbüchern nach den beteiligten Figurentypen. Die beiden letzten Lektionen runden das Buch mit dem ewig geliebten oder gehassten Thema „Matt mit Läufer und Springer“ ab.

Gute Auswahl des Stoffes garantiert Fortschritte

Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite 3)
Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite)

Die Auswahl der einzelnen Stoffkomplexe ist dem Autor hervorragend gelungen. Es fehlt nichts, was man einem jungen Schach-Enthusiasten erklären müsste, es ist nichts dabei, was ich für überflüssig hielte. Wir lernen die wichtigsten technischen und geometrischen Verfahren im Bauernendspiel. Wir sehen gleich- und ungleichfarbige Läufer im Duell. Auch die Frage, welche Leichtfigur im konkreten Fall den Vorzug verdient, wird beantwortet. Im Kapitel über Turmendspiele werden u.a. die wichtigsten Gewinn- und Remisverfahren erläutert, die mit den Namen Philidor, Karstedt, Lucena und Vancura verbunden sind. Am Ende des Buches stehen 36 Testaufgaben mit Lösungen, anhand derer der Lernende seinen Fortschritt überprüfen kann.

Keine speziell auf Kinder ausgerichteten Unterrichtselemente

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Müller präsentiert in den 50 Lektionen seiner „Schachendspiele für Kids“ ein umfangreiches Eröffnungswissen, beginnend beim absoluten Anfängerniveau und bis hin zu einem Level, bei dem auch gestandene Turnierspieler gern noch einmal im Lehrbuch nachschlagen werden. Die Auswahl seiner Themen ist hervorragend gelungen. Die Vermittlung des Stoffes wendet sich allerdings keineswegs nur an Kinder. Sehr junge Kids werden sogar der Begleitung und Anleitung bedürfen, um aus dem vorliegenden Buch maximalen Lernerfolg zu ziehen.

Wer wird dieser Lernende sein? Das Buch wendet sich an den ambitionierten Einsteiger. Vorkenntnisse auf dem Gebiet der Endspieltechnik sind nicht erforderlich.  Damit sind natürlich die auf dem Titel adressierten „Kids“ angesprochen. Es gibt indes keinen Grund, die Zielgruppe des Buchs auf Kinder zu beschränken. Der Stoff und seine Vermittlung werden jedem Schach-Anfänger gerecht und selbst Vereinsspieler mittlerer Spielstärke werden vielleicht noch einmal nachschlagen wollen, wie denn wohl die Regel von Centurini bei gleichfarbigen Läufern lautet. Andererseits fehlen dem Buch jede speziell auf Kinder ausgerichteten Elemente. Insofern wecken Titel und Titelbild vielleicht eine falsche Erwartung. Es gibt keine spielerischen Einschübe und die Gestaltung wirkt insgesamt sehr sachlich. Eine besondere „kindgerechte“ Lockerheit der Sprache sucht man ebenfalls vergebens.
Die einführenden Texte jeder Lektion sind verständlich geschrieben. Sie bilden eine im gesetzten Rahmen perfekte Erläuterung zum Thema. Im Gegensatz dazu sind die Texte zu jedem einzelnen Diagramm doch sehr knapp und fordern vom Leser intensives Mitarbeiten und Mitdenken.
Als Trainer im unteren Alters- und Leistungsbereich weiß der Rezensent, dass Kids oft völlig abwegige „Was wäre wenn“-Fragen stellen, auf die sie allein keine Antwort finden.
Für sehr junge Kids, die ihre ersten Schritte in Sachen Schach unternehmen, wird dieses Buch also nicht ohne Begleitung eines Trainers, Lehrers oder schachspielender Eltern zu bewältigen sein. Wenn sie aber die Kraft aufbringen, es durchzuarbeiten und die Inhalte zu verstehen, dann macht ihnen im nächsten Nachwuchsturnier kein Gegner mehr im Endspiel etwas vor. ■

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids – 50 Endspiel-Lektionen, 128 Seiten, Gambit Books, ISBN 978-1-910093-66-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Kinder- und Jugendschach“ auch über Peter Mitschitczek: Fang den König!

Peter Mitschitczek: Fang den König! (Kinderschach)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Neue Ideen in der Vermittlung des Kinder-Schachs

von Thomas Binder

Als langjähriger Schach-Nachwuchstrainer war der Rezensent gespannt, mit Peter Mitschitczeks „Fang den König“ ein neues Kinderschach-Lehrbuch in der Hand zu halten. Die Neugier stieg, weil sich der Autor nicht als Schachmeister vorstellt, sondern als Opernsänger. Zwischen diesen beiden Bereichen – seinem Beruf und seinem Hobby – sieht er vielfältige Parallelen, wovon er den Kindern in einem der einführenden Kapitel auch erzählt. Schon dort spürt man, worin Mitschitczeks großes Potential liegen kann: Er spricht die Kids unterhaltsam und erzählerisch an. Man spürt in jedem Satz, dass der Autor Spaß gehabt hat am Formulieren und am spielerischen Entwickeln seiner Ideen.
Auf 136 kleinformatigen Seiten und von Jürgen Schremser sehr hübsch illustriert will das Buch den Kindern die Grundregeln des Schachspiels nahe bringen. Das Ziel ist auf dem Rücktitel formuliert: „So bist du bestens gerüstet für die erste Schachpartie mit deinen Freunden, Eltern oder Geschwistern!“ Damit steckt das Werk wohl einen Anspruchsrahmen ab, der weit unter den möglichen Konkurrenzprodukten liegt. Würde man nämlich „Fang den König!“ an der Serie „Fritz & Fertig“ des Marktführers messen, so hätte Mitschitczek schon vor dem ersten Zug keine Chance. Jene Produktreihe mit DVDs, Büchern, Rätselblöcken usw. setzt im Angebot für Kinder im Grundschulalter eine ganz andere Marktmacht und Autoren-Kompetenz ein, als es ein Einzelkämpfer leisten kann.

Die Grundregeln des Schachspiels

Peter Mitschitczek: Fang den König! - Schach für KinderWas lernen wir also auf den 136 Seiten aus der Perlen-Reihe? Es sind wirklich nur die Grundregeln des Schachspiels. Nach 36 Seiten sind wir immerhin so weit gekommen, dass wir das leere Schachbrett richtig vor uns hinlegen und die Figuren in Grundstellung bringen können. Dann folgt die Erklärung der Spielregeln, beginnend mit der Gangart der Figuren. Rochade und en-passant-Schlag sowie die grundlegenden Remis-Regeln bilden schon den krönenden Abschluss. Das Material wird sehr unterhaltsam präsentiert, immer wieder unterbrochen von netten kleinen Abschweifungen. Auch die unvermeidlichen Geschichten der Schach-Folklore wie die Weizenkornlegende und Kempelens Automat dürfen nicht fehlen.
Sehr gut gefällt mir, dass Mitschitczek schon in die frühen Abschnitte immer wieder kleine Aufgaben und Spielideen einbaut – selbst in einem Moment, wo das Kind noch gar keine vollständige Schachpartie spielen kann. Genannt seien etwa die Aufgabe, mit dem Springer von einer Ecke zur anderen zu gelangen oder ein Duell zwischen acht Bauern auf jeder Seite. Besonders gefallen hat mir das Spielchen mit zwei Türmen gegen acht Bauern. Als „running gag“ ziehen sich Übungen durch das Buch, bei denen der junge Schachspieler Gummi-Bärchen als Belohnung verdienen kann.
Soweit zu den Stärken des vorliegenden Buches. Etwas schwieriger wird für mich die Bewertung, wenn es um den schachlichen Gehalt geht. Da habe ich nämlich so meine Zweifel, ob der oben formulierte Anspruch „…gerüstet für die erste Schachpartie…“ gehalten werden kann. Das schachliche Niveau bleibt doch auf sehr bescheidenem Level stehen. Als höchste Schule bekommen wir das „Schäfermatt“ präsentiert, sowie das Treppenmatt mit zwei Türmen.

Zielgruppe leicht verfehlt

Opernsänger, Komponist, Schach-Autor: Peter Mitschitczek
Opernsänger, Komponist, Schach-Autor: Peter Mitschitczek

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: Wo liegt die Zielgruppe für dieses Buch? Der Klappentext bemisst sie mit „… ab 8 Jahren“, bei einem großen Online-Händler habe ich „8 – 10 Jahre“ gefunden. Das alles ist wohl dem Gedanken geschuldet, dass die Kinder natürlich des Lesens und des selbständigen „Arbeitens“ mit dem Buch mächtig sein müssen. Aber – selbst als Schachanfänger dürften Kids in diesem Alter mehr erwarten als ihnen „Fang den König!“ bieten kann.
Zumindest teilweise scheint mir das Herangehen des Autors eigentlich auf eine noch jüngere Zielgruppe zu fokussieren, was dann aber am Selbst-Lesen scheitert. Es gibt heute für Kinder dieses Alters (und jüngere!) ein reichhaltiges Schachangebot: AGs in Grundschulen und Kindergärten, spezialisierte Schachschulen für die Jüngsten und spezielles Trainingsmaterial in Hülle und Fülle. Ja, selbst die Turnierlandschaft der Altersklassen U8 und U6 (ja, wirklich) ist heute schon unüberschaubar, ganz zu schweigen von der U10. Schließlich machen Kinder in diesem Alter heute ihre ersten Erfahrungen mit dem Computer und finden auch dabei altersgerechte Einstiege in das königliche Spiel.
Um die Kids wirklich für eine erste Schachpartie zu rüsten, hätte Mitschitczek deutlich weiter ausholen sollen. Bei den elementaren Mattführungen wäre das Matt mit einer Schwerfigur (Dame oder Turm) unerlässlicher Lernstoff. Aus der Endspielwelt wäre sicher noch Elementares über Bauernumwandlungen (Opposition, Quadratregel) denkbar. Mehr Raum als nur eine einfache Aufzählung hätten zudem die grundlegenden Eröffnungsprinzipien (Entwicklung, Rochade, Zentrum) verdient. Stattdessen wird das Schäfermatt präsentiert, was die üblichen Lernziele im Anfängertraining geradezu unterläuft.

Zuwenig schachliche Substanz

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Der Autor bringt auf erfrischende und kindgerechte Weise, mit lockerem Sprachstil und guter Bebilderung, neue Ideen in die Vermittlung der Grundregeln des Schachspiels ein. Die Zielgruppe der 8-10-jährigen hätte allerdings deutlich mehr schachliche Substanz vertragen…

Besonders attraktiv für die angesprochene Zielgruppe wären einfache taktische Motive (Springergabel, Fesselung, Abzug, Patt-Tricks, Mattbilder…) gewesen.  Gerade solche „action“-lastigen Elemente können die betreffende Altersgruppe für das Schachspiel enorm begeistern.  Hier hätte Mitschitczeks Buch seine Stärken in der kindgerechten Erzählweise und der lebendigen Illustration besonders gut ausspielen können. Ich wäre sehr gespannt, wie der Autor diese Themen vermitteln würde.
Aus eigener Erfahrung weiß der Rezensent, dass Kinder der angesprochenen Altersklasse schon sehr bald nach dem Erlernen der Grundregeln weit mehr und Anspruchsvolleres an schachlichem Know-How wollen, brauchen und auch verstehen, eben um wirklich für die erste Schachpartie oder gar das erste Kinderschach-Turnier gerüstet zu sein. ■

Peter Mitschitczek: Fang den König! – Schach für Kinder, Verlag Perlen-Reihe, 136 Seiten, ISBN 978-3990060261

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über die modernen
Forschungsergebnisse zum Thema „Schach in der Schule“
… sowie über das neue Eröffnungsbuch für Kinder von Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids

Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Das Schachspiel als universelles Bildungs- und Entwicklungsgut

von Walter Eigenmann

„Während es einen nahezu unübersehbaren Schatz an kommentierten Partien, Turnierbulletins und technischen Schachbüchern gibt, die, interessiert an der Herausbildung von Theorie und Praxis des Schachspiels an sich, Erfahrungen über Eröffnungen, Mittel- und Endspiel enthalten sowie verhältnismäßig viele Werke, die Lehrweisen und Trainingsmethoden propagieren, fehlt es vollständig an einem profunden interdisziplinären Überblickwerk zu den wissenschaftlich gesicherten Fakten, was das Schach bewirkt; was es bedeutet, warum es über die Jahrhunderte hinweg Menschen aus aller Welt fasziniert und nicht zuletzt, welche Erziehungs- und Bildungswerte es birgt.“
Diese weiträumige spielkulturelle und soziopädagogische Fragestellung nimmt die deutsche Schach-Psychologin und Mentaltrainerin Dr. Marion Bönsch-Kauke zum Ausgangspunkt ihrer großangelegten Meta-Studie: „Klüger durch Schach“ präsentiert thematisch breit und methodisch sehr differenziert eine Fülle von „Forschungen zu den Werten des Schachspiels“; der 400-seitige Band fasst den gesamten aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zum weltweiten Kulturphänomen „Schach“ zusammen.

Schätzungsweise 550 Millionen Menschen kennen die Schach-Regeln

Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach - Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels
Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels

Dass dem Schach in der riesigen Arena menschlicher Sport- bzw. Freizeit-Aktivitäten eine nur höchst marginale Bedeutung zukommt, darüber macht sich die Autorin Bönsch-Kauke keinerlei Illusionen, und dass schätzungweise 550 Millionen Menschen zumindest die Regeln des „Königlichen Spiels“ kennen, abermillionen ihm organisiert frönen, könne nicht darüber hinwegtäuschen, „dass Schach zu den Randsportarten gehört und aus Mangel an visueller Show kein Publikumsmagnet“ sei. Doch dieser Marginalität steht, wie Bönsch-Krauke detailliert anhand zahlreicher wissenschaftlicher, historischer wie experimentalpsychologischer Untersuchungen bzw. Studien nachweist, eine mittlerweile kaum mehr überblickbare Fülle an primär- wie sekundärwissenschaftlicher Literatur zu allen denkbaren kulturellen, pädagogischen, philosophischen, neurowissenschaftlichen, sportmedizinischen, kunstästhetischen und sozialpsychologischen Aspekten dieses Spiels gegenüber.

Kinder- und Jugendschach - Gartenschach - Schacherziehung - Glarean Magazin
Und mag der König fast so groß sein wie man selber: Kein Kind zu klein, eine Schachspielerin zu sein…

Die vom Deutschen Schachbund initiierte und herausgegebene Metaexpertise der Psychologin gründet sich auf mehr als 100 umfangreiche Pilotstudien, Großfeldversuche, Stammuntersuchungen, Quer- und Längsschnittprojekte und Originalexperimente, ihre Recherche bezog neben hunderten bekannter Publikationen auch aktuellste Dissertationen, wissenschaftliche Qualifikations-, Diplom-, Magister- und Seminararbeiten sowie zahlreiche eigene schachrelevante Untersuchungen ein. (Hier das komplette Inhaltsverzeichnis von „Klüger durch Schach“).
Bönsch-Kaukes fulminante Tour d’horizont durch die wissenschaftliche Schach-Literatur belässt es dabei nicht bei westeuropäischen und amerikanischen Publikationen, sondern repliziert besonders aufschlussreiche, bislang hierzulande kaum beachtete, teils auch schwer zugängliche Forschungsergebnisse aus der Sowjetunion und der ehemaligen DDR, aber auch aus Ungarn und Tschechien – aus Ländern also, die bekanntlich dem Schachspiel als Spitzen- und als Volkssport einen außerordentlichen Stellenwert einräumten, und in denen Schach – teils auch als staatlich verordneten propagandistischen Gründen – schon seit Jahrzehnten Gegenstand systematischer, auch interdisziplinärer Forschung war und ist.

Leseprobe 1

Leseprobe 1 - Schach und Kreativitätsentwicklung
Leseprobe 1 – Schach und Kreativitätsentwicklung

Angesichts der Fülle des Materials – die nur schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Bandes dokumentiert – ist es hier natürlich unmöglich, in dem Maße auf auch nur einzelne der gewichtigsten Studien bzw. Ergebnisse in „Klüger durch Schach“ einzugehen, das ihrer Bedeutung angemessen wäre. Stattdessen beschränke ich mich fokussierend im Folgenden auf die grundlegendsten, durch vielfache und weltweite Forschung verifizierten „Thesen“, wie sie die Autorin im Schlusskapitel dieser ihrer beeindruckenden, auch mit zahlreichen Illustrationen erläuternden Meta-Studie formuliert, wobei Bönsch-Kauke von der Zielsetzung geleitet wurde, diese „Thesen“ könnten ihrerseits „zum Kern einer Meta-Schachtheorie werden, falls ihre Inhalte geistreiche Forscher anregen, wissenschaftliche Beweise für die Tragkraft dieser Thesen beizusteuern.“

1. „Schach ist zutiefst lebensnah!“

Schachschule - Jugendschach - Kinder-Schachpädagogik - Schulfach Schach - Glarean Magazin
Schach als reguläres Schulfach mit Unterstützung durch erfahrene Lehrkräfte

Schach symbolisiere, so die Autorin, „was uns im Leben widerfährt“: Im Kern seien es Entwicklungsaufgaben von wiedersprüchlicher Art, und es sei zu eng, im Schach nur Problemlösen sehen zu wollen: „Wir sind vor die Wahl gestellt, unsere Ansprüche aufzugeben oder uns der Aufgabe zu stellen, zu kämpfen auch um selbstkritische Einsichten und nicht zu resignieren.“

2. „Das Schachspiel gleicht dem Lebenskampf!“

Für Marion Bönsch-Kauke fungiert das Schachspiel als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben, die kompromisslos zu lösen sind, und die uns vor Situationen stellten, die zwar „neu, ungewiss, kompliziert und problemträchtig“ seien, sich aber nicht zu (unlösbaren) Problemen auswachsen müssten: „Gewissermaßen aus spieltheoretischer Sicht gilt das Schachspiel als ein Zwei-Personen-Nullsummenspiel. Es ist für jene Lebenslagen gültig, in denen eine Seite verliert, was die andere gewinnt.“

3. „Schachstrategeme dienen sinnvoller Lebensführung!“

Diese These habe, wie die Wissenschaftlerin ausführt, Fragen der „Lebensplanung“ wie beispielsweise: „Was droht? Was tun? Wo soll es hingehen? Was ist der nächste Schritt?“ zur Grundlage, und dabei bürge das Schachmodell für stichhaltigen Rat: „Schach kann zurückgreifen auf 2’500 Jahre Erfahrung, wie Ziele gegen Widerstände zu erreichen sind. […] Aus schachlicher Symbolsprache ist zu erfahren, wie Menschen […] dachten und wie sich das Wollen und Denken kulturgeschichtlich entfaltete zu immer wirksameren Strategemen.“ Dabei wären die besten Strategien, nach Bönsch-Kauke, im Kampf der Charaktere in der Kulturgeschichte des Schachs ausgefiltert worden und würden nun als bewährte „Orientierungsgrundlagen für erfolgreiche differentielle Entwicklungen von sozialen Beziehungen, Charakteren und kulturellen Werken im Lebenslauf“ zur Verfügung stehen.

4. „Schach macht klug!“

Kann das Schachspielen für ältere Menschen sogar Demenz-präventiv wirken?
Kann das Schachspielen bei älteren Menschen sogar Demenz-präventiv wirken? Senioren-Schach ist im Vormarsch.

Der Autorin vierte, bereits im Buchtitel apodiktisch vorweggenommene These ist die schulpädagogisch bzw. -psychologisch brisanteste, wenngleich hier natürlich nicht zum ersten Mal gehörte Zusammenfassung zahlreicher diesbezüglicher Forschungen. Das Kernergebnis der von Bönsch-Kauke recherchierten, teils sehr umfangreichen internationalen Studien: „Für Schach muss man nicht mit überdurchschnittlicher Intelligenz starten, jedoch ist mit fortgesetzter Ausübung ein beträchtlicher Zuwachs im Rahmen des intellektuellen Potentials zu erwarten.“ Wie die einschlägigen Experimente nachwiesen, sei für hohe und höchste Spitzenleistungen im Schachspiel eine große Bandbreite von kognitiven Erkenntnisprozessen gefragt: „Exaktes Wahrnehmen, Vorstellungsvermögen, Gedächtnis, Problemlösen, schlussfolgerndes, kritisches und kreatives Denken.“ Und auch hier wieder schlägt die Sozialpsychologin eine Brücke von der Theorie zur Praxis: „Analoge Aktionen, die sich in Schachpositionen bewährten, können als Verhaltenspotentiale auf Bewährungssituationen im Leben mit ähnlichen Merkmalen übertragen werden und das Hinzulernen erleichternd stimulieren.“

5. „Schachspielen fördert schöpferisches Denken!“

Wird durch regelmäßigen Schachunterricht die Konzentrationsfähigkeit gesteigert?
Wird durch regelmäßigen Schachunterricht die Konzentrationsfähigkeit gesteigert?

Ein in der Sekundärliteratur ebenfalls immer wieder gelesener bzw. vielfältig verifizierter Denkansatz ist Bönsch-Kaukes fünfte These, wonach das Schach die Konzentrationsausdauer und das schöpferisch-originelle Denken fordere und fördere. Hier seien drei „Basiskomponenten“ im Blick zu behalten: „Organisation der Kräfte, Angriff und Verteidigung“, wobei die Autorin auf das schachphilosophische Werk des Weltmeisters Emanuel Lasker und seine „überschachliche Lehre“ referiert. „Einfälle, die stichhaltig sind, und Pläne, die aufgehen, sind rar in unserem modernen Leben der firmierenden Global Players und gefragten Schlüsselqualifikationen. Geistige Güter sind zu akkumulieren, um Innovatinsdefizite zu überwinden.“

6. „Schach mobilisiert Innovationen und Change-Management!“

Bönsch-Kauke: „Aus Biographien zahlreicher weltbekannter Gelehrter, Philosophen, Dichter, Schriftsteller, Manager, einflussreicher Politiker, Regisseure, Schauspieler, Entertainer, Journalisten, Trainer und Athleten erhellt, dass sie sich auf das Schachspiel verstanden und es schätzten.“ Aber nicht nur einen „Kreis Auserwählter“ vermöge das Spiel „von der Person zur Persönlichkeit zu profilieren“; Frühförderung und Anreicherung der geistigen Herausforderung für hochbegabte Kinder sei schachspielerisch möglich: „Ein Schachtest für Hochbegabte als Screening-Verfahren erscheint aussichtsreich. Mehr noch rücken die Möglichkeiten des Schachs für gegenwärtig erschreckend viele hyperaktive, im Lesen, Schreiben und Rechnen schwache oder schulverdrossene Kinder als spielerisches Faszinosum ins Blickfeld von Schulverantwortlichen.“

7. „Schach stärkt die Anstrengungsbereitschaft!“

Als Metasportart berge, führt die Verfasserin weiter aus, das schachliche Modell wertvolle Grundlagen „für eine allgemeine Kampftheorie“: „Schach stärkt den Kampf- und Siegeswillen“, weil durch findiges strategisches und taktisches Denken „die schwersten Kämpfe des Lebens zu gewinnen“ seien. Dabei erlangten theoretisch-geistige Konzepte im Trainingsprozess und Wettkampf angesichts der zunehmenden Intellektualisierung des Sports eine verstärkte Bedeutung. „Immer mehr spielen sich planbare Aktionen vorher modellartig im Kopf des Aktiven ab. In diesem Sinne bewährt sich Schach als strategisch-taktische Leitsportart.“

8. „Schachliches Können verschafft Wettbewerbsvorteile!“

Bönsch-Kaukes achtes Forschungsergebnis: „Wie es gelingt, Positionen nicht nur zu verbessern, sondern die anstrebenswerte Stellung wirklich zu erobern, lehrt das königliche Spiel diejenigen, die sich bemühen, meisterliches Können für Spitzenpositionen zu erwerben. Im welchselseitigen Herausfordern und intellektuellen Kräftemessen werden anspruchsvolle Lebensziele und Selbstbehauptungen wahr. Situationsgerechte Pläne bleiben keine visionäre Utopie.“

9. „Schach ist ein universelles Bildungs- und Entwicklungsgut!“

Das Projekt "Schach im Kindergarten"
Das Projekt „Schach im Kindergarten“

Eine weitere These der Wissenschaftlerin zielt auf den vielfach und breit nachgewiesenen pädagogischen Nutzen in der Schule einerseits und andererseits auf die moderne Schlüsselqualifikation „Medienkompetenz“ ab. Während die Tatsache, dass methodisch gelehrtes Schach ein breites Spektrum von positiven Persönlichkeitskomponenten wie „Konzentriertheit, Geduld, Beharrlichkeit, emotionale Stabilität, Risikofreudigkeit, Objektivität, Leistungsmotivation“ inzwischen in ein breiteres Bewusstsein der schulpädagogischen Entscheidungsträger gedrungen ist, dürfte die von Bönsch-Kauke angesprochene „Medienkompetenz“ bisher ein weitgehend unberücksichtigter, aber wesentlicher Aspekt der Diskussion sein: „Ein bedeutsames gesellschaftliches- und bildungspolitisches Ziel ist die Befähigung, die Vorzüge neuer Informations- und Kommunikationstechniken gezielt nutzen zu können.“

10. „Schach trainiert psychische Stabilität!“

Auf ihrem ureigenen Gebiet, der Psychologie, kommt die Autorin zum Schluss: „Schach befriedigt grundlegende Bedürfnisse, sich im anderen Wesen zu spiegeln, ernst genommen und zuverlässig begleitet zu fühlen und sich wesenseigen im Spiel selbst zu fördern. […] Schachspielen ermutigt, Angst in energiereiche Aktionen zu verwandeln, Verlustärger zielgerecht einzusetzen.“ Wie dabei die Psychoanalyse zeige, entwickle Schach „eine Art realistischerer Abwehrmechanismen durch selbstkritische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit eigenen Fehlern und Stärken“.

Leseprobe 2

Leseprobe 2 - Schach und lernschwache Schüler
Leseprobe 2 – Schach und lernschwache Schüler

11. „Schach hält geistig beweglich!“

Ins Zentrum des elften Teil-Fazits gerückt wird das Schach als Denktraining, das bis ins hohe Alter fortgesetzt werden könne: „Keine andere Sportart ermöglicht eine solche fortdauernde Wettkampfzeit, lebenslanges Lernen und leistungssportliche Betätigung auf hohem Niveau.“ Bönsch-Kauke zitiert in diesem Zusammenhang neuromedizinische Resultate, wonach sich durch „spielaktive Denkbeweglichkeit“ bis zu 74% dem Risiko eines altersbedingten Abbaus des Hirns (Demenz) vorbeugen lässt: „Speziell gegen die Alzheimer-Erkrankung mit der klinischen Symptomatik: hochgradige Merkschwäche, zeitliche und räumliche Orientierungsstörungen, Sprachzerfall und Verwirrtheit lassen sich durch Schach sogar neue ‚graue Zellen‘ bilden.“

12. „Schach im Internet fördert weltweite Kommunikation!“

Die zwölfte und letzte These widmet sich dem aktuell modernsten Aspekt des Schachspiels: seiner inzwischen fulminanten und noch immer wachsenen Präsenz im Internet: „Nicht nur das hochentwickelte Computerschach, auch das Spielen im Internet brachte ungeahnte Dimensionen mit sich. So spielen nach Angaben von Chessbase 2007 auf ihrem Server täglich über 5’000 Aktive und Schachliebhber ca. 200’000 Partien. […] Diese Zahlen demonstrieren einen völlig neuen Zugang des strategischen Brettspiels in die moderne kommunikative und technisierte Spielwelt.“ Hervorzuheben sei dies nicht zuletzt deshalb, weil es unwichtig sei, ob der „auf der anderen Seite sitzende Gegner jung oder alt, gesund oder krank, versiert oder ungeübt“ sei. Denn zwar sei Altern ein soziales Schicksal, aber: „Durch das Schach im Internet bieten sich immer interessante Spiel- und Geistesgefährten an, zu denen nach Wunsch auch direkter Kontakt mit allen Sinnen aufgenommen werden kann.“

Zwölf fruchtbare Denkanstöße

Wie weiland Luther seine „ketzerischen“ Thesen an die Kirchenpforten schlug, so ruft also die deutsche Schachpsychologin in ihrem aufregenden „Thesen-Papier“ ein Dutzend durchaus irritierende bis provozierende Denkanstöße in den Schach-Alltag, die allerdings nichts mit Glauben, dafür sehr viel mit Wissen zu tun haben. Denn im Gegensatz zu einschlägigen populärwissenschaftlichen (um nicht zu sagen: populistischen), oft mit gutgemeint-rosaroter Brille verfassten Verlautbarungen in Sachen „Schach und Pädagogik“ basieren die Thesen von Marion Bönsch-Kauke auf wissenschaftlich verifizierbarer Grundlagenforschung unabhängiger Wissenschaftler und Institute.
Gewiss, Bönsch-Kaukesche Denkmotive wie z.B. „Schach als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben“; „Schach als strategisch-taktische Leitsportart“ oder „Schach als Demenz-Prävention“ regen bei erstem Lesen zum Widerspruch an. Aber nur so lange, wie man der Autorin akribische Recherchen zur Thematik nicht en détail kennt. Denn der 400-seitige, ein umfangreiches Literaturverzeichnis zuzüglich Psychologie-Glossar sowie Personen- und Sachregister beinhaltende Band belegt eindrücklich, wie weit die moderne Schachforschung in allen Disziplinen bereits fortgeschritten ist. Jedenfalls dürfte „Klüger durch Schach“ als der zurzeit umfassendste Überblick auf die gesamte einschlägige Forschung für die nächsten Jahre die Referenz-Publikation in Sachen Schach-Metastudien bilden und die wissenschaftliche Diskussion maßgeblich mitbestimmen bzw. befruchten. Eine äußerst verdienstvolle Veröffentlichung des Deutschen Schachbundes und der Deutschen Schachstiftung – sowie ein nicht nur für Schach-Enthusiasten faszinierendes Kompendium, dem weiteste Verbreitung in allen involvierten „Schach-Schichten“, von den Verbänden bis hinein in die Volksschulstuben weit über Deutschland hinaus zu wünschen ist. ♦

Marion Bönsch-Kauke, Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels, Leibniz Verlag (St. Goar)-Reichl Verlag, 408 Seiten, ISBN 978-3-931155-03-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach für Kinder und Jugendliche in der Schule auch das Interview mit dem Schach-Autoren und -Lehrer Jonathan Carlstedt
…sowie zum Thema Schachpsychologie den Schach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

Rudolf Teschner: Schach in 40 Stunden

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Der Lehrkurs für Anfänger und Aufsteiger

von Walter Eigenmann

Jedem einigermaßen seriösen, nicht ohne Theoriekenntnisse durch die Turnier-Sääle wandelnden Schachadepten ist der Name des Berliner Meisters Rudolf Teschner ein Begriff. Dutzende von Theoriebüchern aus seiner Feder, von der Eröffnungslehre bis zur Spieler-Biographie, von der Partien-Sammlung bis zur Kombinationsschule füllen die Regale der Schach-Bibliotheken; Teschner dürfte der meistgelesene Schachautor deutscher Sprache sein.

Rudolf Teschner: Schach in 40 Stunden - Edition OlmsEiner der gar in mehrere Sprachen übersetzten Klassiker des vor drei Jahren verstorbenen „FIDE-Großmeisters ehrenhalber“ ist auch sein „Schach in 40 Stunden“. 1993 erstmals erschienen, legt jetzt Raymund Stolze in der Schweizer Edition Olms eine neue, wiederum aktualisierte Ausgabe des Bestsellers vor.

Den Ideenreichtum des Schachs näherbringen

Die Zielsetzung dieser auch im Schul- bzw. Schülerschach der Vereine gern benutzten 40 Lektionen legte Teschner zuletzt im Vorwort seiner vorausgegangenen Auflage aus dem Jahre 2004 dar: „Dieses Lehrbuch will den Leser nicht nur mit den Grundregeln des ‚Königlichen Spiels‘ vertraut machen, sondern ihm auch den ganzen Ideenreichtum nahebringen, dem es seine Anziehungskraft verdankt. […] Das Buch ist zum Selbststudium geeignet und hat sich auch in Lehrkursen vielfach bewährt.“

Alle Ingredienzen des Turnierspiels aufgedeckt

Der Internationale Meister Teschner – seine beste historische Elo-Zahl betrug 2633 – geht dabei didaktisch sehr geschickt vor und deckt dem Schach-Novizen wie dem -Aufsteiger alle unverzichtbaren Ingredienzien eines erfolgreichen Turnierspiels (bis schätzungsweise 2000 Elo / natürlich inklusive regelmäßige Spielpraxis) auf.
Teschners „Schach in 40 Stunden“ gehört auch Jahre nach seiner Erstauflage zu den schachpädagogisch wirkungsvollsten Publikationen im deutschsprachigen Schach-Blätterwald. Der Olms Verlag darf es sich als besonderen Verdienst anrechnen, gerade dieses Kompendium des fruchtbaren Berliner Schachschriftstellers in der gewohnt professionell-schönen Aufmachung seiner Buch-Reihe „PraxisSchach“ in kontinuierlicher Aktualisierung zu begleiten. ♦

Rudolf Teschner, Schach in 40 Stunden (aktualisierte Auflage), Edition Olms, 160 Seiten, ISBN 978-3-283-01011-9

Lesen Sie im Glarean Magazinzum Thema Schul- bzw. Schülerschach auch über
Jonathan Carlstedt: Eine kleine Schachschule

Gert von Ameln: Salin und der Schwarze Zauberer (Schach-Märchen)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 2 Minuten

Das Schachspiel kindgerecht verpackt

von Walter Eigenmann

Schach für Kinder: Das ist eine lange Geschichte… – und sie wird landauf, landab in den Schachvereinen und -verlagen immer wieder neu geschrieben. Weil sie kompliziert ist. Wie bringt man heutzutage Playstation-geschädigten Kids ein hochkomplexes Spiel nicht nur bei, sondern auch nahe? Ein Spiel, bei dem man eigentlich stundenlang ruhig (sitzen-)bleiben sollte, und bei dem auch nicht literweise das Blut zum Monitor rausspritzt?

Kinder brauchen (Schach-)Märchen

Salin und der Schwarze Zauberer - Gert von Ameln (Seibert Verlag)Der deutsche Kinder-Schachtrainer Gert von Ameln besann sich auf Bettelmanns berühmtes Kult-Buch „Kinder brauchen Märchen“ – und schrieb „Salin und der Schwarze Zauberer“. Ein Märchen, in dem nur das Schachspiel des Helden Salin die beiden Geschwisterkinder Peter und Marie und deren Freunde vor dem bösen Fluch des Schwarzen Zauberers retten kann. Alles beginnt in einem alten Park-Haus, bei einem 300 Jahre alten Schachrätsel…

„Salin und der Schwarze Zauberer“ ist ein schachpädagogisch verdienstvolles, von Immanuel Promnitz mit zahlreichen Illustrationen aufgewertetes und vom Verlag geschmackvoll editiertes Hardcover-Märchenbuch. Eigentlich gehört es – als Alternative zu den üblichen, eher „theoretisch“ orientierten Jugend-Lehrbüchern – nicht nur in alle Schulbibliotheken, sondern auch in die Hände all der Jugendschach-Betreuer in den Vereinen – z.B. als idealer Buch-Preis bei Kinder-Schachturnieren.

Bei ihrem spannenden Abenteuer, das mit Grips, Phantasie und Neugier überstanden werden muss, erfahren die Kinder Seite um Seite, was vor mehr als tausend Jahren im alten Indien seinen Anfang nahm und heute als „Königliches Spiel“ weltweit viele Millionen begeistert. Mit einer kindgerechten, kurzsätzigen Sprache, einem dem Alter angepassten Vokabular und einer interessant vorangetriebenen „Story“ gelingt es dem Autor, Regeln und Taktik des Schachs für 10- bis 13-jährige Kinder unaufdringlich zu „verpacken“. Hat dann ein Schach-ABC-Schütze die knapp hundert Seiten durch, weiß er nicht nur die Grundzüge (und Grund-Züge), sondern auch, quasi en passant, etwas von dem „Geist“, der „Idee“ hinter diesem „Spiel der Spiele“.

Ein idealer Buch-Preis für Kinder-Schachturniere

„Salin und der Schwarze Zauberer“ ist ein schachpädagogisch verdienstvolles, von Immanuel Promnitz mit zahlreichen Illustrationen aufgewertetes und vom Verlag geschmackvoll editiertes Hardcover-Märchenbuch. Eigentlich gehört es – als Alternative zu den üblichen, eher „theoretisch“ orientierten Jugend-Lehrbüchern – nicht nur in alle Schulbibliotheken, sondern auch in die Hände all der Jugendschach-Betreuer in den Vereinen – z.B. als idealer Buch-Preis bei Kinder-Schachturnieren. ■

Gert von Ameln, Salin und der Schwarze Zauberer, Seibert Verlag, 96 Seiten, ISBN 978-3-9811446-1-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kinder-Schach auch über
Frank Schuster: Das Haus hinter dem Spiegel
… sowie zum Thema Schach und Literatur über den Roman von
Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires