Monika Mansour: Lichter über Luzern (Krimi)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

 Mikrowellen beim Schwanenplatz

von Walter Eigenmann

In Luzern, der welt­be­rühm­ten Inner­schwei­zer „Leuch­ten­stadt“, geschieht plötz­lich Bedroh­li­ches. Uniden­ti­fied Fly­ing Objects krei­sen am Nacht­him­mel über dem Vier­wald­stät­ter­see. Dann ver­schwin­den spur­los Men­schen. Schließ­lich wird ein harm­lo­ser Pas­sant getö­tet, mit einer Mikro­wel­len­waffe. Cem Cen­giz von der Kripo Luzern muss wie­der ermit­teln – im neu­es­ten Kri­mi­nal­ro­man „Lich­ter über Luzern“ der Zür­cher Autorin Monika Man­sour.

Monika Mansour - Lichter über Luzern - Kriminalroman - Emons Verlag 2022Darf ein Schwei­zer Krimi mit Ali­ens in UFO’s begin­nen? Eigent­lich nicht. Für Man­sour sel­ber, die mit „Lich­ter über Luzern“ ihre exakt zehnte Mord­ge­schichte vor­legt, war der Genre-Mix von Sci­ence-Fic­tion- und Kri­mi­nal-Roman denn auch ein lite­ra­ri­sches Expe­ri­ment, wie sie in ihrem Nach­wort gesteht. Aber: Ent­schei­dend seien „nicht die Ali­ens und die Geschichte, die erzählt wird, son­dern die Figu­ren, die darin spie­len“. Und so bün­delt die­ser SciFi-Krimi auf 312 Sei­ten glaub­hafte und weni­ger glaub­hafte Plots, mit abrupt kon­tras­tie­ren­den Hand­lungs­ebe­nen, stän­dig fluk­tu­ie­rend zwi­schen schwei­ze­ri­scher Bie­der­keit und galak­ti­scher Weite, dabei bestückt mit den wider­sprüch­lichs­ten Cha­rak­te­ren und mit – natür­lich – viel Lokalkolorit.

Aliens entführen Hôtelière

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Wich­ti­ger Schau­platz, ja Hand­lungs­zen­trale ist – neben dem berühm­ten Pla­ne­ta­rium – das noble, aber marode Quai-Hotel „Belair“. Des­sen jun­gen Erben, die Zwil­linge Jean und Pamela, sind hoch ver­schul­det. So ver­su­chen die bei­den, assis­tiert von einer ebenso kon­tro­vers zusam­men­ge­setz­ten wie unter­neh­mungs­lus­ti­gen Cli­que, buch­stäb­lich alles, um dem alten Kas­ten wie­der fri­schen Schwung und neue Tou­ris­ten zu bescheren.
Aber ange­sichts der gro­ßen Kon­kur­renz an den berühm­ten Promi-Gesta­den des Vier­wald­stät­ter­sees ist das extrem schwie­rig. Da kom­men die plötz­li­che Ent­füh­rung der „Belair“-Chefin Pam durch Ali­ens und die welt­wei­ten, geschäfts­för­dern­den Schlag­zei­len zu hun­dert­fach gesich­te­ten, tan­zen­den UFO-„Lichtern über Luzern“ genau zur rich­ti­gen Zeit…

Luzern bei Nacht - Lucerne by night - Leuchtenstadt - Kapellbrücke und Wasserturm - Glarean Magazin
Die „Leuch­ten­stadt“ Luzern bei Nacht

Ermitt­ler Cen­giz, als Poli­zist Rea­list, mag anfäng­lich nicht an das immer stär­ker bro­delnde Gerücht um ver­schwun­dene Luzer­ner Bür­ger glau­ben, die zwar spä­ter unver­sehrt wie­der auf­tau­chen, aber meist pudel­nass, erin­ne­rungs­los und mit stin­kend grü­nem Schleim besu­delt. Die Skep­sis des Kripo-Beam­ten gegen­über dem unver­hoff­ten Besuch aus dem All ver­stärkt sich ange­sichts wider­sprüch­li­cher Berichte, obwohl immer mehr bestürzte Men­schen von „Sich­tun­gen“ berich­ten und der ent­spre­chende Medien-Hype sogar in Über­see Auf­merk­sam­keit erlangt. Und dann pas­siert ein zwei­ter Mord – wie­der mit einer Mikrowellen-Waffe…

Abstruser Plot – mit Unterhaltungswert

Natür­lich kommt beim Leser der Haupt­strang des Gesche­hens haar­sträu­bend, ja gar an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen rüber. Denn die absurde Vor­stel­lung, dass da ein paar mäßig bezahlte Regio­nal­po­li­zis­ten inmit­ten einer galak­ti­schen Inva­sion Mord­fälle auf­klä­ren, hat mit dem oben erwähn­ten Genre-Kon­flikt zu tun. Erstaun­lich aber, dass der abstruse Plot funk­tio­niert – zumin­dest über weite Stre­cken der ins­ge­samt 20 Kapi­tel hin­weg. „Lich­ter über Luzern“ liest sich flott, intel­lek­tu­elle Arbeit beim Lesen ist keine nötig, doch jeder Abschnitt macht neu­gie­rig auf den nächs­ten – der unter­hal­tende Mehr­wert ist fast durch­wegs garantiert.

Wummmm! – Brrrrkrrrtztz“

Bauerntochter, Gelernte Optikerin, Cow-Girl in Amerika, nun erfolgreiche Krimi-Autorin: Monika Mansour (geb. 1973) vor Luzerner Hotel-Kulisse
Bau­ern­toch­ter, gelernte Opti­ke­rin, Cow-Girl in Ame­rika, Täto­wie­re­rin, seit 2014 erfolg­rei­che Krimi-Autorin: Monika Man­sour (geb. 1973) vor Luzer­ner Hotel-Kulisse

Wesent­li­chen Anteil am Lese­ver­gnü­gen hat die Spra­che des Kri­mis. Monika Man­sour schreibt fak­ten­ori­en­tiert, rea­li­täts­be­zo­gen, schnör­kel­los. Auch ihre Dia­loge sind meist nicht beson­ders kom­mu­ni­zie­rend oder gar psy­cho­lo­gi­sie­rend, son­dern hand­lungs­trei­bend. Mit die­ser Koma-armen, fast rap­por­tie­ren­den Satz­ge­stal­tung, die mehr skiz­ziert als erzählt, und einem trotz­dem recht vari­an­ten­rei­chen Sprach-Duk­tus, der auch vor Comic-Bla­sen nicht zurück­schreckt – „Wummmm! Brrrr­krrrtztz. Ein Sum­men.“ (S.35) – wird Tempo gemacht, das Gesche­hen plas­tisch vor­an­ge­trie­ben. Eine Erzähl­weise, die das Inter­esse des Lesers geschickt fokus­siert auf die aktu­elle Romanhandlung.

Leuchtenstadt ohne Leuchten

Einer der Krimi-Schauplätze von "Lichter über Luzern": Das Planetarium im "Verkehrshaus der Schweiz"
Einer der Krimi-Schau­plätze von „Lich­ter über Luzern“: Das Pla­ne­ta­rium im „Ver­kehrs­haus der Schweiz“

Das größte Manko die­ses Luzern-Kri­mis ist aller­dings: Luzern fin­det darin nicht wirk­lich statt. Natür­lich strot­zen die 312 Roman­sei­ten vor bekann­ten und weni­ger bekann­ten Loca­ti­ons in und um Luzern. Vom Pla­ne­ta­rium bis zum KKL, vom Bir­egg­wald bis zum Trib­schen­quar­tier, vom Bahn­hof über die See­brü­cke zum Schwa­nen­platz und dann ent­lang dem Carl-Spit­te­ler-Quai – das alles und noch mehr wird nament­lich zitiert.

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Aber lei­der bleibt es bei den blo­ßen Namen. Der Zau­ber man­cher stil­len Quar­tiere oder der mon­däne Glanz welt­be­kann­ter Orte oder das his­to­ri­sche Flui­dum ver­steck­ter Gas­sen oder das ein­zig­ar­tige Natur­schau­spiel von Stadt und Was­ser und Ber­gen oder auch nur die beson­dere Poe­sie der Parks und der vie­len Ufer­wege, ganz zu schwei­gen vom tou­ris­ti­schen Trei­ben der Stadt am Tage und der stil­len Idylle am See in der Nacht – dies alles mit den sen­si­ti­ven, mei­net­we­gen auch empa­thi­schen Mit­teln der Spra­che ein­zu­fan­gen täte gerade einem Krimi über Luzern gut.
Poin­tiert: Das Hand­lungs­ge­rüst würde pro­blem­los auch in Bern oder Genf funk­tio­nie­ren, man müsste nur ein paar Stra­ßen­na­men ändern. Also trotz „tan­zen­der Lich­ter“ von UFO’s: Die „Leuch­ten­stadt“ leuch­tet nicht in „Lich­ter über Luzern“.

Hervorragendes Handwerk…

Touristen-Hotspot und Mord-Tatort: Schwanenplatz Luzern
Tou­ris­ten-Hot­spot und Mord-Tat­ort: Schwa­nen­platz Luzern

Apro­pos Spra­che: Dem Lek­to­rat ist sorg­fäl­tige Arbeit zu attes­tie­ren. Zwar fie­len zuwei­len sol­che Pein­lich­kei­ten wie auf Seite 92: „Vickys Herz pochte in der Brust“ (wo soll es auch sonst pochen?), krampf­hafte Schweiz­tü­me­leien wie auf Seite 36: „Er musste den spon­ta­nen Impuls unter­drü­cken, Jean in die Arme zu neh­men. Ging’s noch? Er kannte ihn ja kaum.“ oder unge­bräuch­li­ches Slang­im­por­tier­tes wie auf Seite 37: „Sie ist voll der Bur­ner“ durch die Kor­rek­tur­ma­schen. Aber das sind Pea­nuts, schlimms­ten­falls Sprach-Popu­lis­mus, was hier weder den Lese­fluss noch die Span­nung beeinträchtigt.

… mit großem Unterhaltungswert

Lich­ter über Luzern“ wird nicht in die Schwei­zer Lite­ra­tur­ge­schichte ein­ge­hen. Das will die Autorin auch gar nicht. Son­dern diese will unter­hal­ten. Und das tut sie. Monika Man­sour ist rou­ti­niert, schreibt sehr gekonnt. In einer Spra­che, die etwas wohl­tu­end Unaka­de­mi­sches, Boden­stän­di­ges hat – hier scheint wohl die eins­tige Bau­ern­toch­ter aus dem Zür­cher Unter­land durch -, doch mit sehr viel hand­werk­li­chem Know­how zugange ist. Bei nicht weni­gen Stel­len blit­zen auch Dia­log-Humor und Situa­ti­ons­ko­mik auf – alles wohl­do­siert und mit Raffinesse.
Kurzum: Eine emp­feh­lens­werte Lek­türe – nicht nur für jene, die mit dem Yoda-Zitat (aus „Star Wars“) ein­ver­stan­den sind: „Du darfst nie­mals ver­ges­sen: Deine Wahr­neh­mung bestimmt deine Realität!“ ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Krimi auch über Susanne Goga: Der Ballhausmörder

… sowie über Horst Evers: Bumm! (Kri­mi­nal­ge­schich­ten)

Außer­dem zum Thema Inner­schwei­zer Lite­ra­tur: Die Schwei­zer Lite­ra­tur­schrift TÄXTZIT („Text­zeit“ – Band 12)


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