Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak (CD)

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Sensibles Gespür für die intimen Passagen

von Christian Busch

Die junge norwegische Cello-Virtuosin Sandra Lied Haga (geb. 1994 in Oslo) legt im CD-Label Simax/Naxos mit Tschaikowskis „Rococo Variationen“ und Dvoraks Cello-Konzert ein beeindruckendes Album-Debüt vor, das einige andere renommierte Aufnahmen in verschiedener Hinsicht übertrumpft.

„Fragt nach dem Zauber nicht,
der mich erfüllt!
Ihr könnt die Seligkeit ja doch nicht fassen,
die seine Liebe mich hat fühlen lassen,
die Liebe, die nur mir, mir einzig gilt.“

Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak (CD) - Musik-Rezension
Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak

Aus diesem von Antonin Dvorak um die Jahreswende 1887/1888 vertonten Lied „Lasst mich allein“ von Ottilie Kleinschrod spricht ein seliges, in seiner unvergleichlichen Liebe ruhendes Herz, das sich – zum Schutz seiner kostbaren Liebe – der Welt verschließt. Es ist das Lieblingslied von Dvoraks Schwägerin, der Gräfin Josefine Kaunic – und der Schlüssel zu Dvoraks berühmtem, 1895 in der Neuen Welt komponierten Konzert für Violoncello und Orchester op. 104 in h-moll.
Heimweh, Bestürzung über die schwere Erkrankung seiner Jugendliebe, aber auch optimistische Aufbruchsstimmung standen bei Dvoraks bedeutender Komposition mit symphonischen Ausmaßen Pate. Als er vom Tode seiner ehemaligen Klavierschülerin erfährt, ändert er seine Partitur und integriert das schon im 2. Satz zitierte Lied auch in das Finale – das Konzert wird nun endgültig zum Hohelied der Liebe.

Aus Norwegens unendlicher Weite stammend

Sandra Lied Haga - Violoncello - Glarean Magazin
Technische Brillanz und sensitive Empathie: Die Cellistin Sandra Lied Haga

Aus der unendlich weiten Perspektive norwegischer Landschaft stammend, war Sandra Lied Haga schon im Alter von drei Jahren Teilnehmerin des Förderprogramms junger Talente am Barrat Due Institute of Music in Oslo und wurde, längst auf vielen internationalen Festivals präsent, jüngst mit dem Equinor Classical Music Award 2019 ausgestattet. Ihr zur Seite steht in dieser Aufnahme mit Konzertmitschnitten vom Februar und März 2019 aus der Great Hall des Moskauer Konservatoriums das State Academic Symphony Orchestra of Russia „Evgeny Svetlanov“ unter der Leitung von Terje Mikkelsen.

Und was man dort hört, ist schlicht überwältigend. Schon die konzentrierte, maßvolle, bedächtige, aber niemals schleppende Einleitung lässt erkennen, dass es nicht um ein paar schmissige Effekte oder das bloße Auskosten „schöner Stellen“ geht, sondern um den Spannungsbogen, den „großen Atem“ und die Seele des Werks.
Man staunt darüber, wenn Lied Haga ihren Part mit unverbrauchter Natürlichkeit, sicherem Instinkt und großer Virtuosität zu einer überzeugenden, faszinierend schönen und berührenden Darbietung gestaltet. Fernab von Routine und Klischees gelingt ihr der fließende Übergang von den extrovertierten Ausbrüchen bis zu den Momenten der wunderbar intimen, gesanglichen Introspektive.

Hohelied der Liebe

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Der zweite, aus dem Liedmotiv geformte Satz mutet wie ein inniges Liebesduett – über den Ozean hinweg – an, zunächst scheinbar zerbrochen, dann intensiviert durch die Nachricht der Erkrankung. Dass gerade die lyrischen Stellen – auch dank der großartigen Partnerschaft zwischen Orchester und Solisten – besonders gelungen sind, liegt an der insgesamt sehr stimmigen und werkgetreuen Deutung Lied Hagas, die – von Mikkelsen und dem Orchester auf den vielzitierten „Händen getragen“ – dem Werk mit feinem Gespür und beglückender Sensibilität begegnet. Doch ragen diese berückend schön gespielten Momente nicht heraus, sondern sondern fügen sich nahtlos in die geschlossene und stimmige Darbietung. Es entspinnt sich ein über drei Sätze andauernder, intensiver Dialog, der Dvoraks letztes großes Werk als „Hohe(s) Lied der Liebe“ geradezu neu entdeckt.

Blick für das Wesentliche

Peter Tschaikowski - Faksimile Titelseite Variationen über ein Rokoko-Thema - Cello-Part - Glarean Magazin
Handschriftliches Faksimile der Titelseite von Tschaikowskis „Variationen über ein Rokoko-Thema“ (Cello-Part gewidmet dem Cellisten G. Fitzenhagen)

Mit demselben unverstellten Blick für das Wesentliche nehmen die Ausführenden auch Peter Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“ ins Visier. Konzeptionell folgerichtig greifen sie dabei auf das Original zurück, statt auf die auf Wunsch von Tschaikowskys Cellisten Wilhelm Fitzenhagen geänderte Fassung, welche dem Solisten eine größere Bühne der Selbstdarstellung bot.
Auch hier bestaunen wir den klaren, natürlich-schönen Ton der jungen Norwegerin, die in großem Einvernehmen mit Orchester und Dirigent die Reminiszenz des Komponisten an eine andere Zeit, nämlich die Klangwelt des 18. Jahrhunderts (vor allem die des jungen W.A. Mozart) zum Leben erweckt.

Sandra Lied Haga legt also mit diesen zwei Romantik-Einspielungen ein großartiges Debütalbum vor. Ihr Ton ist von natürlicher „nordischer“ Klarheit, doch ebenso zeigt sie ein sensibles Gespür für die intimen Passagen dieser Standardwerke des romantischen Repertoires. Sie erliegt nie der Versuchung einer Selbstdarstellung, sondern dringt werkgetreu zum Kern der Werke vor, auch dank ihrer gleichwertigen Partner. Damit stellt sie so manche Aufnahme renommierter Künstler und Plattenlabels in den Schatten. Eine schöne Entdeckung. ♦

Peter Tchaikovsky: Variations on a Rococo Theme op. 33 (Original Version); Antonin Dvorak: Celle Concerto in B Minor op. 104 – Sandra Lied Haga (Cello), The State Academic Symphony Orchestra of Russia ‘Evgeny Svetlanov‘, Terje Mikkelsen, Simax Classics (Naxos)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Cello-Musik auch über Sol Gabetta: Cello-Konzert von Edward Elgar


English Translation

Sensitive feeling for the intimate passages

The young Norwegian cello virtuoso Sandra Lied Haga (born in Oslo in 1994) makes an impressive album debut on the Simax/Naxos CD label with Tchaikovsky’s „Rococo Variations“ and Dvorak’s Cello Concerto, outdoing several other renowned recordings in various ways.

„Don’t ask about the magic,
that fills me!
You can’t believe the bliss,
that his love made me feel,
the love that is only for me, only for me.“

From this song „Leave me alone“ by Ottilie Kleinschrod, set to music by Antonin Dvorak at the turn of 1887/1888, speaks a blessed heart, resting in its incomparable love, which – to protect its precious love – closes itself off from the world. It is the favourite song of Dvorak’s sister-in-law, Countess Josefine Kaunic – and the key to Dvorak’s famous Concerto for Violoncello and Orchestra op. 104 in B minor, composed in the New World in 1895.
Homesickness, dismay at the serious illness of his childhood love, but also an optimistic mood of departure were the inspiration for Dvorak’s important composition of symphonic dimensions. When he learns of the death of his former piano pupil, he changes his score and integrates the song quoted in the second movement into the finale – the concerto now finally becomes the Song of Songs of Love.

Coming from Norway’s infinite vastness

Coming from the infinitely wide perspective of the Norwegian landscape, Sandra Lied Haga was already at the age of three a participant in the Young Talent Promotion Programme at the Barrat Due Institute of Music in Oslo and, long since present at many international festivals, was recently awarded the Equinor Classical Music Award 2019. In this recording of concert recordings of February and March 2019 from the Great Hall of the Moscow Conservatory, she is accompanied by the State Academic Symphony Orchestra of Russia „Evgeny Svetlanov“ conducted by Terje Mikkelsen.

And what you hear there is simply overwhelming. Even the concentrated, measured, thoughtful, but never sluggish introduction makes it clear that it is not about a few snappy effects or the mere savouring of „beautiful passages“, but about the tension, the „great breath“ and the soul of the work.
One is amazed when Lied Haga shapes her part with unspent naturalness, sure instinct and great virtuosity to a convincing, fascinatingly beautiful and touching performance. Far away from routine and clichés, she succeeds in making the smooth transition from the extroverted outbursts to the moments of the wonderfully intimate vocal introspection.

Song of Love

The second movement, formed from the song motif, seems like an intimate love duet – across the ocean – at first seemingly broken, then intensified by the news of illness. The fact that the lyrical passages in particular – also thanks to the great partnership between orchestra and soloists – are particularly successful is due to the overall very coherent and faithful interpretation of Haga’s song, which – carried by Mikkelsen and the orchestra on the much-quoted „hands“ – meets the work with fine feeling and delightful sensitivity. However, these enchantingly beautifully played moments do not stand out, but rather fit seamlessly into the closed and coherent performance. An intensive dialogue develops over three movements, which almost rediscovers Dvorak’s last great work as the „Song of Love“.

An eye for the essential

With the same undisguised eye for the essential, the performers also take aim at Peter Tchaikovsky’s „Rococo Variations“. Conceptually logical, they fall back on the original, instead of the version modified at the request of Tchaikovsky’s cellist Wilhelm Fitzenhagen, which offered the soloist a larger stage for self-expression.
Here, too, we marvel at the clear, naturally beautiful tone of the young Norwegian who, in great agreement with orchestra and conductor, brings to life the composer’s reminiscence of another time, namely the sound world of the 18th century (especially that of the young W.A. Mozart).

Sandra Lied Haga thus presents a great debut album with these two romantic recordings. Her tone is of natural „Nordic“ clarity, but she also shows a sensitive feeling for the intimate passages of these standard works of the romantic repertoire. She never succumbs to the temptation of self-portrayal, but penetrates the core of the works faithfully, also thanks to her equal partners. In this way she outshines many a recording by renowned artists and record labels. A beautiful discovery. ♦

Peter Tchaikovsky: Variations on a Rococo Theme op. 33 (original version); Antonin Dvorak: Celle Concerto in B Minor op. 104 – Sandra Lied Haga (cello), The State Academic Symphony Orchestra of Russia ‚Evgeny Svetlanov“, CD-Label Naxos

(Links and Pictures above)

Gerwin van der Werf: Der Anhalter (Roman)

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Ein Mann geht durch die Wand

von Christian Busch

Der neue Roman von Gerwin van der Werf „Der Anhalter“ nimmt ein beliebtes und unerschöpfliches Motiv der Literatur auf: Das Wandern und Reisen. Allerdings entkleidet der Autor seine Protagonisten allen romantisierend-verklärten „Fernwehs“, das Buch hält teils psychologisch schwer verdauliche Kost parat.

Gerwin van der Werf: Der Anhalter - Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669
Gerwin van der Werf: Der Anhalter – Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669

Schon in der Antike brach Homers Odysseus voller Tatendrank von Ithaka zu seinen Irrfahrten auf, um vieler Menschen Städte zu sehen, von deren Sitten zu lernen, seine Seele zu retten und dabei auch viele Leiden zu erdulden. Im Mittelalter wurde in entfernte Wallfahrtsorte gepilgert, um Seelenheil und Weltkenntnis zu erlangen. Der kleine Landadelige Alonso Quijano beschloss als fahrender Ritter Ruhm zu erwerben und in die Welt hinaus zu ziehen, um als „Ritter von der traurigen Gestalt“ zurückzukehren. Die Romantiker zog es – von Goethes „italienischer Reise“, der glücklichsten Zeit seines Lebens, inspiriert – in den Süden, um dort über die Befreiung ihrer Seele die Vervollkommnung ihrer Kunst zu erlangen, wogegen Thomas Manns Gustav von Aschenbach in Venedig den Tod fand. Kurzum: Das Motiv des Wanderns und Reisens gehört zu den beliebten und unerschöpflichen der Literatur, denn wie Matthias Claudius schon vielsagend besang: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“.

Selbstzweifel und Ohnmacht

Psychologisch qualitätsvoll erzählend: Der niederländische Autor Gerwin van der Werf (*1969)
Psychologisch qualitätsvoll erzählend: Der niederländische Autor Gerwin van der Werf (*1969)

Auf solchen Spuren wandelt auch der neue Roman „Der Anhalter“ des niederländischen Autors Gerwin van der Werf, indem dieser seinen Protagonisten Tiddo in den höchsten Norden – die graue, karge, von Vulkankratern und Gletscherzungen durchzogene Mondlandschaft Islands – schickt. So wie seine namhaften Vorbilder verspricht sich auch Tiddo, der mit seiner Frau Isa und seinem Sohn Jonathan in einem Wohnmobil auf Tour geht, von der Reise viel; es soll schließlich die Reise ihres Lebens werden. Es gilt seine in einer Krise befindliche Ehe zu retten und wieder einen Zugang zu seinem Sohn Jonathan zu finden, einem zeichnenden, zum Sonderling heranwachsenden Dreizehnjährigen. Isa, die hübsche, attraktive und erfolgreiche Wissenschaftlerin und Tiddo, nur einer anspruchslosen Bürotätigkeit frönend, haben eine Fehlgeburt ihres zweiten Kindes nicht verarbeiten können und sich auseinandergelebt. Tiddo, der Isa nach wie vor begehrt, quälen Selbstzweifel und Ohnmacht, während ihm seine Familie entgleitet.

Inmitten von Geysiren und Schotterwüsten

Ob die beiden allerdings in der eisigen, unwirtlichen Wildnis des mystischen Island auftauen, erscheint schon zu Beginn fraglich. Zur Beunruhigung trägt auch bei, dass Tiddos Mutter vor und während der Reise telefonisch nicht erreichbar ist. In der aus der Ich-Perspektive Tiddos erzählten Geschichte taucht dann ein junger Anhalter auf. Er heißt Svein, ein nordischer Riese, den, wenn er sich die Strähne aus den blonden Haaren wischt, eine lässige und faszinierende Schönheit auszeichnet, findet Tiddo – und später auch Isa.

Island - Vulkangestein und Gletscherzungen - Glarean Magazin
Mystische Küstenlandschaft mit Vulkangestein und Gletscherzungen: Island

Obwohl Svein es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und der Kleinfamilie hie und da lästig wird, gelingt es nicht ihn abzuschütteln, verkörpert er doch in seinem ganzen Wesen das Element des Wegweisers, Initiators und Verführers, das der fast kommunikationslosen Kleinfamilie zu fehlen scheint, sie aber auch in ihren Grundfesten erschüttert. Soweit der vielversprechende, tragfähige und erzählerisch gekonnt in die mystische und rätselhafte Küsten- und Berglandschaft von Geysiren, Seen, Trollen und Stein- und Schotterwüsten eingebettete Plot.

Nicht erbaulich, aber künstlerisch stimmig

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Ohne das Ende verraten zu wollen – im Einband findet sich bereits der Hinweis auf Tiddos halsbrecherische Fahrt zum Kratersee Öskjuvatn – muss man festhalten, dass Werfs Roman nicht leicht verdaulich ist und dem Leser so manches Rätsel aufgibt. Hat der Autor seinen Plot bewältigt? Oder hat er – ebenso wie seine Erzählerfigur Tiddo – bereits vor der Reise die Flucht nach vorne angetreten und den Karren – im Stile eines an Egoshooter-Spiele erinnernden Amoklaufes – sprichwörtlich an die Wand gefahren und seine Geschichte wie ein Kartenhaus, quasi als Apotheose des Irrationalen, zusammenfallen lassen? Laufen die Erzählstränge um die Titelfigur Svein, aber auch um die unnahbare, mal alles beherrschende, dann zurückhaltende Isa und den ewig zeichnenden Jonathan – wie die Straßen Islands – ins Leere?
Dies ist für den Leser, der sich an gängigen Reise-Erzählungen orientiert, nicht erbaulich, aber künstlerisch – zwischen Folgerichtigkeit und Willkür pendelnd – durchaus stimmig. Spiegelt sich in Tiddos Griff zur Brechstange die bedingungslose Kapitulation, die gleiche Lust am Untergang wider, die schon dem dekadenten Gustav von Aschenbach in Venedig zum Verhängnis wird?

Gegenentwurf zur romantischen Reiseliteratur

Gerwin van der Werfs Roman „Der Anhalter“ kann auf Grund seiner erzählerischen Qualitäten und seines soliden Plots künstlerisch überzeugen. Die Frage, ob er seine Identifikationsfigur Tiddo nicht psychologisch stimmig, sondern marionettenhaft demontiert, darf gestellt werden. In jedem Fall stellt van der Werfs unbedingt lesenswerter Roman einen konsequenten Gegenentwurf zu der Reiseliteratur der romantisch verklärten Italiensehnsucht dar. Tiddo ist ein an Max Frischs Helden (Stiller, homo faber) erinnernder Antiheld, ein männlicher Versager, der, unfähig seine eigene Gefühlswand zu durchbrechen, durch die äußeren Wände geht – und womöglich doch besser nach Italien gefahren wäre. ♦

Gerwin van der Werf: Der Anhalter – Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Krimi-Roman von Susanne Goga: Der Ballhausmörder

Gerhard Oberlin: Deutsche Seele – Ein Psychogramm

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Zum Teufel mit Melancholie und Sehnsucht

von Christian Busch

Hoher Schieferfels in grün bewachsener, romantischer Wein- und Burgenlandschaft, grau-weiß gebleichte Wolken am bedeckten Himmel, tief unten rauscht Vater Rhein, plätschernde Wellen, abgründige Strudel, das Ganze in dämmriges Abendlicht getaucht – das berühmte Loreley-Gemälde des russischen Malers Nicolai von Astudin als Buch-Cover kann durchaus zur Lektüre von Gerhard Oberlins jüngst erschienenem „Psychogramm“ der deutschen Seele verführen. Es illustriert wesentliche Züge der deutschen Seele: Sehnsucht, Melancholie und die Lust am Untergang.

Gerhard Oberlin - Ich weiss nicht was soll es bedeuten - Deutsche Seele - Ein Psychogramm - Cover - MagazinEin Lesebuch über die deutsche Seele könnte manchem als redundanter Anachronismus erscheinen, leben wir doch längst in einer digital-medialen, global vernetzten Gesellschaft, in der die Seele nur noch als konsumtechnisch relevantes Zielobjekt von Interesse zu sein scheint. Wo darf man das Deutsche und womöglich „rein deutsche“ Wesen suchen? Wohl gar in einer multikulturellen Gesellschaft, welche, durchsetzt von mehreren Einwanderergenerationen, kaum noch etwas mit dem einst berüchtigten deutschen Volk gemein hat? „Fack ju Göhte“ oder was? Oder in den grölenden „Schland“-Schlachtgesängen deutscher Fußballfans, die als einzige in schwarz-rot-goldener Bierseligkeit dem Nationalstolz frönen? Und doch hoffentlich nicht in den neonazistischen Parolen alternativer Reichsbürger…

Fehlende Bewusstseinsträger

Philosoph Theodor W. Adorno ("Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch") versus Lyriker Paul Celan ("Der Tod ist ein Meister aus Deutschland")
Philosoph Theodor W. Adorno („Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“) versus Lyriker Paul Celan („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“)

Vielleicht ist die Frage nach der deutschen Seele deshalb gerade so wichtig, weil es ihr im medialen Einheitsbrei an Bewusstseinsträgern fehlt. Denn Paul Celans Feststellung „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ und Adornos lapidares Fazit, dass man nach Auschwitz kein Gedicht mehr schreiben könne, läuteten zwar nicht das Ende der Auseinandersetzung mit der deutschen Seele ein, markieren aber gewichtige Bremsklötze: Die Stunde Null war gefragt – und mit ihr eine ganze Kulturnation vor der Vernichtung. Ganz recht stellte Thea Dorn 2011 in Bezug auf die deutsche Seele in der ZEIT fest: „Wir haben sie verleugnet und verloren. Aber ohne sie sind wir hilflos. Zeit, sie wieder zum Leben zu erwecken.“

Auch deshalb wird, wer sich auf Oberlins psychoanalytisch begründeten, literarisch belesenen, kulturgeschichtlich phänomenalen und wissenschaftlich fundierten Weg begibt, es nicht bereuen. Denn was – um nur einige zu nennen – beispielsweise Albrecht Dürer, Martin Luther, Wilhelm Müller, Goethe und Heine bis hin zu Leips „Lili Marleen“ verbindet, muss für jeden Deutschen, dem seine Seele – individuell oder auch national-kulturell – wichtig ist, von Interesse sein. Hier ist Oberlin ein glühender Verfechter des seelischen Bewusstseins, das der seelenlosen „Gemütsbesoffenheit“ (Nietzsche) den Kampf ansagt.

Zerrissene deutsche Seele

Reise durch die deutsche Seelen-Landschaft von Albrecht Dürer ("Melancholia") - über Martin Luther ("Eine fest Burg ist unser Gott") bis zu Helene Fischer ("Atemlos")
Reise durch die deutsche Seelen-Landschaft von Albrecht Dürer („Melancholia“) – über Martin Luther („Eine fest Burg ist unser Gott“) bis zu Helene Fischer („Atemlos“)

Denn zweifellos ist die deutsche Seele in ihrer Zerrissenheit Schauplatz widerstrebender Kräfte, wie Friedrich Hölderlins elegischer Charakter Hyperion es wohl am schärfsten und eindringlichsten formuliert hat: „Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark […], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – […]. Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag‘ ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen.“

Und so folgt man Oberlin gerne auf seiner literarischen Reise durch die deutsche Seelen- und Kulturlandschaft, die mit Albrecht Dürers Kupferstich „Melancholia I“ (1514) einsetzt. Vom Streben des Unvollkommenen nach Vollkommenheit ist da zu lesen, von Kunst- und Arbeitsperfektionismus versus Erkenntnisstreben. Und wir staunen, dass wir sofort in medias res der Tugenden und Untugenden des blonden Germanen gelangen, der mit akribischer Gründlichkeit und Disziplin nach hohem Ideal strebt und deshalb in des „Teufels Küche“ (nicht erst Faust) gerät. Wir folgen Oberlin u.a. über Luthers „Feste Burg“, Goethes „Faust“ und Wilhelm Müllers „Lindenbaum“, ohne Erich Kästners „Sachliche Romanze“ außen vor zu lassen, bis hin zu Helene Fischer.

Vergangenheitslastiges Psychogramm

Seicht-verkitschte Vertonung von Heinrich Heine's "Ich weiss nicht was solles bedeuten" durch Friedrich Silcher
Seicht-verkitschende Vertonung durch Friedrich Silcher von Heinrich Heine’s abgründigem „Ich weiss nicht was soll es bedeuten“

Einen Höhepunkt stellt das Kapitel über Heines berühmtes und titelgebendes Gedicht „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ dar, das mit Friedrich Silchers eben seichter und spannungsloser („Jedermanns-Sentimentalität“) Vertonung gnadenlos abrechnet. Es geht Oberlin eben nicht um oberflächliche Verdrängungsgemütlichkeit, sondern um das Bewusstsein eines abgründigen, existentiellen Dilemmas unerfüllter Liebe, das er sowohl mythologisch kenntnisreich wie auch in Heines Biographie zu orten weiß.
Schwächen zeigen sich eher am Ende des zweifellos vergangenheitslastigen Psychogramms, wenn der Autor sich, statt sich der Literatur des 20. Jahrhundert zu widmen, von der Literatur ab- und der Kultur des deutschen Schlagers und der deutschen Fußballfan-Kultur zuwendet.

FAZIT: Gerhard Oberlins kulturphilosophischer Diskussionsbeitrag „Ich weiss nicht was soll es bedeuten“ ist eine wichtige Veröffentlichung zu einem wichtigen Thema. Sein Buch ist höchst lesenswert, weil es erstaunliche, beziehungsreiche Erkenntnisse über das Wesen des Deutschen in konzentrierter und zugespitzter Form bietet.

Spätestens bei der Behauptung, der Frauenfußball sei in punkto „Dramatik, Kombinationsfluss, Taktik…“ dem Spiel der männlichen Millionäre überlegen, muss an der Objektivität des Autors gezweifelt werden – oder ist es nur fehlender Fußball-Sachverstand? Zwar analysiert Oberlin auch hier schonungslos grotesk anmutende Missverhältnisse in den „faschistischen“ Strukturen eines gesellschaftlichen Millionengeschäftes. Den Leser lässt er jedoch nach so viel Luther, Heine und Goethe etwas ratlos zurück, der eine Verknüpfung, Zusammenfassung, ein Fazit oder wenigstens einen Ausblick vermisst. Eine deutsches Ende in Melancholie?

Das Deutsche zwischen Barbarei und Genialität

The Dorn - Richard Wagner - Die deutsche Seele - Spiegel-Bestseller (AMAZON)
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Gerhard Oberlins kulturphilosophischer Diskussionsbeitrag ist – trotz der angesprochenen Schwächen am Ende – eine wichtige Veröffentlichung zu einem wichtigen Thema. Sein Buch ist dabei höchst lesenswert, weil es erstaunliche, beziehungsreiche Erkenntnisse über das Wesen des Deutschen in konzentrierter und zugespitzter Form bietet. Ohne ein endgültiges und fertiges Bild der deutschen Seele zeichnen zu wollen, gelingt ihm eine kluge Annäherung an den ambivalenten, zwischen Barbarei und Genialität facettenreich schimmernden Deutschen. Damit legt er ein ungeheures seelisches Potential frei, das nicht zu nutzen unverzeihlich wäre. In Zeiten der medialen Gleichschaltung und Nivellierung wird so mancher diesen Text zu seiner Vergewisserung gebraucht haben. ♦

Gerhard Oberlin: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten – Deutsche Seele – Ein Psychogramm, 168 Seiten, Verlag Königshausen & Neumann, ISBN 9783826067716

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kulturgeschichte auch über
Deutsche Gesellschaft: Brauchen wir eine Leitkultur?

… sowie über Alessandro Baricco:
Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur

Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado – Eine Biographie

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Das Geheimnis der Stille – oder das Ende der goldenen Zeit

von Christian Busch

Jeder kennt das, wenn der letzte Akkord und sein Nachhall verklungen ist, das Orchester schweigt, der Dirigent, den Blick nach innen gerichtet, die Arme sinken lässt und ein magischer Moment der geheimnisvollen, unfassbaren Stille den Saal erfüllt. Spätestens hier hält es jeder mit Felix Mendelssohn Bartholdy, dem die Worte so „vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die einem die Seele erfüllt mit tausend besseren Dingen als Worten“, erschienen. Der italienische Komponist Luigi Nono sah das Wesentliche in der Musik darin, ein Höchstmaß an nach außen gerichteter Innerlichkeit zu erzeugen. Um exakt diesen Moment der Stille und um die Fähigkeit, die „Anderen in der Stille [zu] hören“, ging es auch Claudio Abbado ein Leben lang.

Primus inter pares

Wolfgang Schreiber - Claudio Abbado - Der stille Revolutionär - Biographie - Glarean MagazinAls der italienische Dirigent am 20. Januar 2014 in Bologna in Alter von 80 Jahren verstarb, war sich die musikalische Welt einig darüber, dass sie mit ihm eine außergewöhnliche, einzigartige Persönlichkeit verlor, vielleicht mehr als jemas zuvor bei dem Tod eines großen Dirigenten. Denn zweifellos haben viele große Dirigenten ihr internationales Publikum, ihre Orchester in aller Welt und nicht zuletzt ihr gesamtes kulturelles Umfeld geprägt, die Persönlichkeit Claudio Abbados konnte und kann jedoch unter allen mal mehr, mal weniger selbstverliebten, oft tyrannisch und selbstherrlich agierenden Dirigenten eine Ausnahmestellung für sich beanspruchen, war er doch entschiedener und kompromissloser Antipode zu seinen illustren Vorgängern in den großen musikalischen Zentren London, Wien und Berlin.

Fünf Jahre nach Abbados Ableben erscheint nun mit Wolfgang Schreibers Biographie „Der stille Revolutionär“ die erste umfassende Würdigung des am 26. Juni 1933 in eine Mailänder Musikerfamilie hineingeborenen Künstlers. In 17 sorgfältig recherchierten und aufschlussreichen Kapiteln zeichnet er nicht ohne Bewunderung, doch aus respektvoller Distanz den Lebensweg des faszinierenden, von seinem Publikum hochverehrten Musikers. Parallel dazu entsteht ein präzises Charakterbild der introvertierten, aber große Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen entwickelnden Persönlichkeit Abbados, das von einem Überblick über dessen umfangreiche Schallplattenproduktion abgerundet wird.

Auf Furtwänglers Spuren

Abbado nach der Aufführung von Brahms' Requiem im Wiener Musikverein am 3. April 1997
Abbado nach der Aufführung von Brahms‘ Requiem im Saal des Wiener Musikvereins am 3. April 1997

Trotz der vielen Facetten des intellektuellen Kosmos‘ Abbados findet sich die Liebe zur Musik, mit der der junge Mailänder schon früh als Kind in Berührung kam, als roter Leitfaden in all seinem Denken, Fühlen und Handeln. So wird sich der später mächtige, die kulturellen Zentren Mailand, London, Chicago, Wien und Berlin beherrschende Maestro immer als Diener der Musik verstehen, auch weil er es stets ebenso versteht sich zurückzuziehen, sich die Ruhe und Stille künstlerischer Inspiration (Sardinien, Engadin) und damit die Neugier auf immer wieder Neues zu bewahren.

Damit einher geht die Liebe zur Weltliteratur, die ihn zeitlebens zu einem umfassend gebildeten und künstlerisch interdisziplinär denkenden Menschen macht, dem es niemals um Machtwillen, persönliche Eitelkeit oder Geltungsbewusstsein geht, sondern nur um die Musik und die (vor allem jungen) Menschen, mit denen er sie in einem gemeinschaftlichen Akt zum Leben erweckt. So kann es nicht verwundern, dass nicht sein berühmter Landsmann Arturo Toscanini, sondern der große Wilhelm Furtwängler zu Abbados Vorbild erwuchs. Man erinnert sich vielleicht daran, wie Abbado im Umfeld der Aufnahmen seines ersten Beethoven-Zyklus‘ in Wien mit den Philharmonikern strahlend bekannte, dass sie die Aufnahmen Furtwänglers im Musikvereinssaal gehört hätten, die nun wirklich „sehr, sehr schön“ gewesen seien.

Der Gipfel: Berlin (1989 – 2002)

FAZIT: Die Abbado-Biographie „Der stille Revolutionär“ von Wolfgang Schreiber ist, auch wenn sie vielleicht nicht viel Neues oder gar Sensationelles bietet, in höchstem Maße verdienstvoll und unentbehrlich, daher unbedingt lesenswert für alle, welche die klassische Musik lieben. Wenn Schreibers Projekt, den beeindruckenden Lebensweg des Ausnahmekünstlers und -menschen zu beschreiben, als rundum gelungen zu bezeichnen ist, dann nicht zuletzt auch deshalb, weil es – darin ganz dem Vorbild Abbados folgend – sich darauf beschränkt, eine Annäherung an den Kosmos und die Vielseitigkeit einer großen Persönlichkeit zu leisten.

Mit diesem Hintergrund verfolgt Wolfgang Schreiber, von 1978 bis 2002 Musikredakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, die verschiedenen Stationen Abbados von dessen italienischen Wurzeln über die Metropolen Mailand, London und Chicago über Wien nach Berlin. Das Berliner Kapitel, das mit der Zeit des Mauerfalls beginnt, ist sicherlich das aufregendste, auch kontroverseste Kapitel in Abbados Karriere, weil es neben der spannenden politischen Situation sicher auch den Scheitelpunkt darstellt, nicht zuletzt wegen Abbados beginnender schwerer Erkrankung, auf Grund derer er es von da an vorzieht, mit ausgewählten, befreundeten Musikern seines Vertrauens und selbst gegründeten Orchestern (Luzerner Festivalorchester, Orchestra Mozart) eigene Projekte zu verfolgen.

Wolfgang Schreibers Abbado-Biographie ist, auch wenn sie vielleicht nicht viel Neues oder gar Sensationelles bietet, in höchstem Maße verdienstvoll und unentbehrlich, daher unbedingt lesenswert für alle, welche die klassische Musik lieben.

Claudio Abbado - The Early Recordings
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Wenn Schreibers Projekt, den beeindruckenden Lebensweg des Ausnahmekünstlers und -menschen zu beschreiben, als rundum gelungen zu bezeichnen ist, dann nicht zuletzt auch deshalb, weil es, darin ganz dem Vorbild Abbados folgend, sich darauf beschränkt, eine Annäherung an den Kosmos und die Vielseitigkeit einer großen Persönlichkeit zu leisten; das letzte Geheimnis bleibt – wie das Ende eines großartigen Konzertes – in der dem großen Dirigenten angemessen multiperspektivischen Offenheit. Denn der Biograph schlägt das Kapitel Abbado am Ende nicht zu, sondern auf, als wolle er das Ende der goldenen Zeit nicht wahrhaben… ♦

Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado – Der stille Revolutionär, Eine Biographie, C.H. Beck Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-406-71311-8

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musiker-Biographien auch über
Michael Hofmeister: Alexander Ritter

… sowie über Joachim Campe:
Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit (Karl May-Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Glanz und Elend eines deutschen Mythos

von Christian Busch

Nun sehen wir sie endlich von Angesicht zu Angesicht – die schon fast legendären Blutsbrüder Old Shatterhand und Winnetou, den weißen Mann, der über das Große Wasser kam, um im Westen eine neue Heimat zu finden und Heldentaten zu verrichten, die ihm unsterblichen Ruhm eintragen sollten, und den letzten Häuptling der Apatschen, der bedingungslos sein Leben einsetzt, wenn es gilt, dem Recht zum Siege zu verhelfen, den aber bereits die Tragik seiner sich im Todeskampf noch einmal aufbäumenden Rasse überschattet. Mit ihnen durchqueren wir die Höhen und Tiefen des gewaltigen Felsengebirges, mit ihnen reiten wir über die endlosen Weiten der amerikanischen Prärien, mit ihnen erleben wir das große Abenteuer eines gnadenlosen Kampfes um den Besitz märchenhafter Reichtümer.

So verheißungsvoll und klangvoll-pathetisch begann 1962 mit „Der Schatz im Silbersee“ die höchst erfolgreiche Verfilmung der bereits von Millionen Lesern verschlungen Abenteuer-Romane des deutschen Schriftstellers Karl May (1842-1912). Mit ihnen erlebte das Werk des schon zu Lebezeiten vielfach angefochtenen, gebürtigen Sachsen, das zuvor gerne als Lügenwerk und für die Jugend gefährlich eingeschätzt wurde, eine neue Renaissance, welche dank laufend neuer Medien und schließlich einer kompletten Neuverfilmung bis heute anhält.

Motivisch zugespitzte Momente

Philipp Schwenke - Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste - Karl May - Rezension Glarean MagazinIn seinem jüngst erschienenen Karl-May-Roman „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ begibt sich Philipp Schwenke nun auf die Spuren des keineswegs unumstrittenen und unbescholtenen Autors, der – als des vermeintlichen Pudels Kern – es stets mit der Wahrheit nicht so genau genommen hatte. So begleiten wir May auf seinen wenigen, echten Reisen in den Orient, erleben Szenen seiner Ehe im gesellschaftlichen Umfeld seiner sächsischen Heimat, und seinen ständigen, mitunter grotesk anmutenden Kampf, wenn es darum geht, beweisen zu müssen, dass er sowohl erfahrener, unüberwindlicher Westmann wie Weltmann und Sprachentalent ist.
Dabei erliegt Schwenke nicht der Versuchung einer lückenlos chronologischen Darstellung, sondern bedient sich ausgewählter, motivisch zugespitzter Momente aus dem Leben Mays, um ihn in seinem allerdings wundesten Punkt und größten Dilemma, dem von Wahrheit und Schwindel, zu beleuchten. So sind wir Zeuge, wie May für das etwas lange und nicht gänzlich abgesicherte „Ausleihen“ einer Uhr um seine ganze Laufbahn gebracht wird und sich von dort an der Kampf mit Wahrheit und Gesetz durch sein Leben zieht. Da der Roman – und das ist durchaus zweckgebunden – auf über 600 Seiten einige Längen aufweist, so nehmen wir ausgiebig teil an Mays ambivalentem Dasein, blicken hinter die Kulissen seiner schmucken Villa Shatterhand in Radebeul, das mitunter surreal-absurde Eheleben mit seiner ersten Frau Emma, die nicht unpikante Dreiecksbeziehung zwischen Emma, seiner zweiten Frau Klara und ihm, sein grotesk-komisches Scheitern, wenn er auf der Höhe seiner Romanhelden handeln soll, und erkennen nicht zuletzt seinen zweifellos redlichen Versuch, den Deutschen im Kaiserreich ein pazifistischer Erzieher und Vermittler zwischen den Rassen zu sein.

Glanz und Elend eines Ungewöhnlichen

Philipp Schwenke - Karl-May-Roman - Glarean Magazin
Biograph eines Ungewöhnlichen: Karl-May-Romancier Philipp Schwenke (geb. 1978)

Glanz und Elend sind dabei untrennbar miteinander verwoben, denn so wahrheitsgetreu und authentisch Mays Erzählungen vom „weißen Mann, der über das Große Wasser kam“ und dem „edlen Wilden“ auch scheinen, so wenig Wahrheit ist doch an ihnen, wodurch sie auch um die Jahrhundertwende für die deutsche Presse ein gefundenes Fressen werden. Gerade kläglich erscheint Mays Versuch die Existenz des Häuptlings der Apatschen mit einer schwarzen Haarlocke zu beweisen. So erleben wir Mays Qualen im Verlauf seiner fortschreitenden Bloßstellung nicht ohne Verwunderung, ist doch für unsere Zeit der Wahrheitsgehalt belletristischer Romane fast völlig unwichtig, spätestens seit Nietzsches stigmatisierender Erkenntnis der Dichter als Lügner und Narren („nur ein Dichter! ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes, das lügen muss, das wissentlich, willentlich lügen muss„). Mays Verhängnis waren dabei indes nicht seine Erzählungen, sondern lediglich seine Behauptung, dass sie wahr seien.

Fazit: Philipp Schwenkes Karl-May-Roman erweckt die schillernde Figur des großen, sächsischen und längst zum nationalen Mythos gewordenen Erzählers Karl May – auf wissenschaftlichem Fundament und akribischer Arbeit fußend – auf ehrenvolle, aber auch entmythisierende Weise zum Leben. Ein spätes Denkmal, eine aktuelle Würdigung in unserer Zeit. Fehlen am Ende nur noch Martin Böttchers Filmmelodien zum Abschluss einer gelungenen, späten Rehabilitierung…

Zum Vorschein kommt in Schwenkes Roman, der auf minutiös recherchierten Erkenntnissen der Karl-May-Forschung basiert und dessen Verdienst es nicht etwa ist, Spektakuläres, Singuläres aufzudecken, sondern das hintergründig Bedeutsame an dem scheinbar Sensationellem sichtbar zu machen, daher ein vielschichtiger Mensch, der seinen Lesern in einem gleichen dürfte – ein Mann aus einfachsten, ärmlichen Verhältnissen, der auf der einen Seite begierig nach Anerkennung und sozialem Aufstieg lechzt, der aber auf der anderen Seite ein ehrliches und aufrichtiges Interesse hat Welt und Menschen zu verbessern, darin seinem bewunderten Vorbild Friedrich Schiller ähnlich. Und wie viele Leser, die genau jene erhabene ethisch-menschliche Haltung und Unbesiegbarkeit von Mays Helden angezogen hat, bezeugen mit ihrem Sinn für das Außergewöhnliche ihre eigene Nichtgewöhnlichkeit?
Wo Sein und Schein in einem Spannungsfeld liegen, ist für alles Platz, nur nicht für Mittelmäßigkeit, Stumpfsinn und Kleinmut – May (und Schwenke) sei Dank! ♦

Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste – Ein Karl-May-Roman, 608 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 978-3-462-05107-0

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Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

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Ständige Korrespondenten des GLAREAN MAGAZINS

Thomas Binder - Glarean MagazinThomas Binder (Schach)

Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als Programmierer in Berlin
Thomas Binder im Glarean Magazin


Dr. Ralf BinnewirtzRalf Binnewirtz - Glarean Magazin (Schach)

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig
Ralf Binnewirtz im Glarean Magazin


Christian Busch - Glarean MagazinChristian Busch (Musik & Literatur)

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Spanien, lebt in Düsseldorf
Christian Busch im Glarean Magazin


Walter Eigenmann - Glarean MagazinWalter Eigenmann (Musik & Literatur & Schach/Rätsel)

Geb. 1956 in Luzern/CH, seit 2007 Herausgeber und Redakteur des Online-KulturJournals GLAREAN MAGAZIN
Walter Eigenmann im Glarean Magazin


Bernd Giehl - Glarean MagazinBernd Giehl (Literatur)

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim
Bernd Giehl im Glarean Magazin


Sigrid Grün - Glarean MagazinSigrid Grün (Literatur)

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals
Sigrid Grün im Glarean Magazin


Isabelle Klein - Glarean MagazinIsabelle Klein (Literatur)

Geb. 1975 in Würzburg, Lehramts-Staatsexamen, Studium der Soziologie und Politologie, zahlreiche Online-Belletristik- und Sachbuch-Rezensionen, lebt in Hannover
Isabelle Klein im Glarean Magazin


Katka Raeber - Glarean MagazinKatka Räber (Literatur & Film)

Geb. 1953 in der Tschechoslowakei, 1968 Übersiedlung in die Schweiz, Studium der Slavistik, Germanistik und Literaturkritik in Zürich, später Paarberatungsausbildung und Psychodrama-Diplom, lebt als Sachbuch- und belletristische Autorin sowie als Therapeutin und Fotografin in Basel
Katka Räber im Glarean Magazin


Horst-Dieter Radke - Glarean MagazinHorst-Dieter Radke (Musik & Literatur)

Geb. 1953 in Hamm/D, Wirtschaftsinformatiker, Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Betriebspädagogik an der Universität Koblenz-Landau, daneben Musiklehrerprüfung; freiberuflicher Lektor und Schriftsteller, Buch-Veröffentlichungen zu regionalen und geschichtlichen Themen, Romane, Krimis, Novellen, Erzählungen
Horst-Dieter Radke im Glarean Magazin


Stefan Walter - Glarean MagazinStefan Walter (Literatur)

Geb. 1978, Autor von Lyrik und Kurzprosa, passionierter Schachspieler, lebt mit seiner Familie als Rechtsanwalt in Neuburg/D
Stefan Walter im Glarean Magazin


Mario Ziegler - Glarean MagazinDr. Mario Ziegler (Schach)

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach
Mario Ziegler im Glarean Magazin

Lesen Sie auch unser Editorial und das Inhaltsverzeichnis

Dirk Maassen: Avalanche (Musik-CD)

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Brücke zwischen den Welten

von Christian Busch

Schon der vor 100 Jahren geborene Leonard Bernstein trat für die Verwischung der Grenzen von Unterhaltungs- und Ernster Musik ein. In seinen Werken gingen Jazz und Klassik eine erstaunliche Symbiose ein, die ein breites Publikum für sich einnahm und die tiefen Gräben zwischen beiden scheinbar gegensätzlichen Musikkulturen vergessen ließ. Aus „Romeo und Julia“ wurde die „Westside-Story“.

Dirk Maassen - Avalanche - Moderne Musik - Glarean MagazinAuf seinem neuen, bei Cargo Records erschienen Album „Avalanche“ wendet sich Ausnahmepianist Dirk Maassen, mittlerweile mit über einer Million monatlichen Hörern auf Spotify, iTunes und Co. einer der präsentesten deutschen Komponisten und Performers für postmoderne Klangmusik, nicht mehr nur an eine flüchtige Online-Gemeinde, sondern auch an ein dem festen Tonträger wie CD und Vinyl verbundenes Publikum. Dabei kombiniert er – wie Bernstein – gekonnt die unterschiedlichen Bereiche. Mal balladesk, mal impressionistisch, mal liedhaft geschlossen, mal atmosphärisch verdichtet und mit Freude am Experimentieren, wie zum Beispiel in dem fado-artigen Gitarrenstück „Allewind“, gibt Maassen, 1970 bei Aachen geboren und in Ulm lebend, ein vielfältiges und facettenreiches Spektrum seiner Kunst.

Cineastisch untermalender Impressionismus

Seine Titel, etwa „Eclipse“, „Nocturne“, „Falling stars“, „Muse“, „Liberty“ wurzeln in romantischen Klang- und Bilderwelten, sind aber eher impressionistisch cineastisch untermalend, jedoch keineswegs unmelodiös gestaltet. Vor allem in „Muse“ gelingt die völlig nach innen gekehrte Transponierung des romantischen Interieurs in neuzeitliche Klang- und Vorstellungswelten, bevor er sich in „Spirit“ wieder mehr den nach außen gekehrten unverwüstlichen Jazz-Welten nähert, ohne indes ganz in ihr aufzugehen.

FAZIT: Maassens fast neo-romantische Musik in „Avalanche“ legt bei modernen Menschen verborgene Sehnsucht, Ängste und den Wunsch nach Freiheit offen. Sicher der Grund für seinen enormen Erfolg! Am Ende kann der Hörer darin sein Glück finden oder aber wieder in die eine oder andere Sphäre zurückkehren, sei es in die lautere, extrovertiertere und dem Leben zugewandte Jazz-Welt oder in die strenge Tiefe von Beethovens „Mondscheinsonate“ – oder gar in die existentielle Abgründigkeit einer Schubert-Sonate. Jedenfalls ist die Brücke zwischen U- und E-Musik mal wieder gekonnt geschlagen.

Die Begleitung durch das Deutsche Filmorchester Babelsberg fungiert weitgehend als sphärischer Hintergrund. So assoziiert der Hörer bei manchen, mehr als kontemplativen Sequenzen wohl unfreiwillig schon eine potentielle Filmszene, etwa den Journalisten Sebastian Zöllner, der in Kaminskis Tiefenschichten stöbert – oder natürlich auch etwas ganz anderes. Hier hinterließ die Zusammenarbeit mit Lorenz Dangel, dem Träger des Deutschen Filmpreises (für die beste Filmmusik in „Ich und Kaminski“) unüberhörbar ihre Spuren. Auch die Nähe von „Helios“ zur Filmmusik von „Das Piano“ (1993) sowie die von „Nocturne“ zur berühmten „Love Story“ soll erwähnt werden.

Harmonisch geglättete Melodieführung

Die Melodieführung – keineswegs von epischer Länge – ist dabei noch gefälliger, harmonisch geglätteter als etwa bei den berühmten nächtlichen, elegisch-träumerischen Charakterstücken eines Frédéric Chopins oder Gabriel Faurés. So kommt „Gravity“ doch deutlich leichtfüßiger daher als etwa das berühmte „Regentropfen“-Prélude Chopins.

Dirk Maassen - Pianist - Rezension Glarean Magazin
Romantischer Neoklassiker oder Klassik-Popmusiker? Pianist jenseits der Etiketten: Dirk Maassen (Geb. 1970)

Zusammengefasst: Maassens fast neo-romantische Musik in „Avalanche“ legt bei modernen Menschen verborgene Sehnsucht, Ängste und den Wunsch nach Freiheit offen. Sicher der Grund für seinen enormen Erfolg! Am Ende kann der Hörer darin sein Glück finden oder aber wieder in die eine oder andere Sphäre zurückkehren, sei es in die lautere, extrovertiertere und dem Leben zugewandte Jazz-Welt oder in die strenge Tiefe von Beethovens „Mondscheinsonate“ – oder gar in die existentielle Abgründigkeit einer Schubert-Sonate. Jedenfalls ist die Brücke zwischen U- und E-Musik mal wieder gekonnt geschlagen – auf dass viele sie ergreifen, um „hinüberzugehen und wiederzukehren“. ♦

Dirk Maassen: Avalanche – Musik-CD, 45 min, Cargo Records

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Ernest Bloch & Ferruccio Busoni: Klavier-Werke (CD)

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Friedrich Gernsheim: Klavierquintette (CD)

Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern

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Schall-Aufzeichnungen eines Titanen-Werks

von Christian Busch

Als Ludwig van Beethoven am 26. März 1827 in Wien im Alter von nicht einmal 57 Jahren starb, hinterließ er ein umfangreiches kompositorisches Werk von gewaltiger Sprengkraft und berückender Schönheit – und daher eine große trauernde Fan-Gemeinde – mehr als 20’000 Menschen sollen den Trauerzug bei seiner Bestattung gebildet haben.
Seine Symphonien, Konzerte und Sonaten, seine Kammermusik, sein „Fidelio“ und seine Missa solemnis sichern ihm bis heute den Ruf des unumstrittenen Vollenders der Wiener Klassik und einen unantastbaren Platz an der Spitze des unvergänglichen Erbes der Musikgeschichte. Wahrheit und Schönheit, Revolution und Harmonie waren die Elemente, die er kongenial in Töne goss, die „von Herzen“ kommend auch heute immer noch „zu Herzen“ gehen und in der Vertonung von Schillers Ode „An die Freude“ („Alle Menschen werden Brüder“) kulminieren.

Bernd Stremmel - Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern (Band 1) - Klassik Prisma - Glarean MagazinVon keinem geringeren als Wilhelm Furtwängler stammt das folgende Zitat: „Beethoven begreift in sich die ganze, runde, komplexe Menschennatur. […] Niemals hat ein Musiker von der Harmonie der Sphären, dem Zusammenklang der Gottesnatur mehr gewußt und mehr erlebt als Beethoven.“ Dass der Schöpfer der „Mondscheinsonate“ und der Europa-Hymne Zeit seines Lebens ein in sich und in seine Arbeit vergrabener, einsamer, im Umgang mit Menschen äußerst schwieriger Einzelgänger und gegen Ende auch noch völlig taub war, hat die Faszination Beethoven eher gesteigert denn geschmälert.

Die „Berliner“ am Beginn der Schallaufzeichnungen

Arthur Nikisch und den Berliner Philharmonikern war es 1913 – also fast 90 Jahre nach dem Tod des Meisters – vorbehalten, die erste Schallaufzeichnung (damals noch im Trichterverfahren) eines Werkes des großen Bonner Komponisten zu realisieren: die Symphonie Nr. 5 in c-moll. Damit beginnt die Geschichte der Schallaufzeichnungen, die über das alte Grammophon zur Schallplatte (heute Vinyl genannt) bis zur digitalen Compact Disc und der virtuellen Download-Gemeinde des heutigen Internets führt.
Fast zu spät, aber längst Zeit also für eine kritische, allumfassende Sichtung und Bestandsaufnahme der Interpretationsgeschichte der Schöpfungen Beethovens, könnte man meinen, denn in über 100 Jahren Rundfunk- und Schallplattengeschichte figurieren unzählige Aufführungen und Einspielungen, im Konzertsaal, im Studio oder sogar in Kirchen mit mitunter gänzlich verschiedenen Ansichten und Auffassungen. Ein allerdings unmögliches Unterfangen, so könnte man meinen.

Nahezu komplette Auflistung aller Beethoven-Einspielungen

Doch das Wunder ist geschehen. Was findige (oder eingeweihte) User in den letzten Jahren auf der Internetseite Klassik-Prisma schon im Entstehungsprozess entdecken, bestaunen und nutzen konnten, ist jetzt in Buchform im Dohr-Verlag erschienen – eine nahezu komplette Auflistung, Sichtung, Besprechung und Einordnung der im Verlauf von über 80 Jahren Aufführungsgeschichte entstandenen Interpretationen der Beethoven’schen Werke. Das ist schon an sich eine Sensation.
In diesen zwei Bänden, von denen der erste sich der Orchester- und Vokalmusik, der zweite dem Klavierwerk und der Kammermusik Beethovens widmet, stellt Bernd Stremmel (Jahrgang 1949) die Werke zunächst einleitend vor, wobei er auf ihre besondere Gestaltung eingeht und die nicht zuletzt am Notentext festzumachenden Vergleichsaspekte (Werktreue als oberstes Kriterium) herausstellt, bevor er zu den hierarchisch nach Qualität geordneten, verschiedenen Aufnahmen, die ebenfalls mit kommentierenden Notizen versehen sind, kommt. Abschließend kommentiert er – niemals plakativ provozierend, sondern immer zielführend, sachlich-beschreibend die unterschiedlichen Einspielungen der Dirigenten, von denen häufig mehrere Einspielungen aus unterschiedlichen Zeiten und mit wechselnden Orchestern vorliegen.

Ein Meilenstein in der Musikgeschichte

Spielte als erster Beethovens Fünfte auf Tonträger ein: Dirigent Arthur Nikisch mit den Berliner Philharmonikern 1913
Spielte als erster Beethovens Fünfte auf Tonträger ein: Dirigent Arthur Nikisch mit den Berliner Philharmonikern 1913

Ein Meilenstein in der Musikgeschichte – gleichermaßen für Musikwissenschaftler, Musiker, Laien und Liebhaber, bieten Stremmels Ausführungen, die äußerst objektivierte Subjektivität auszeichnet, doch die grundlegende Basis für den kontroversen Meinungsaustausch bei der Suche nach der „besten“, „gelungensten“, „interessantesten“ oder einfach „wahrhaftigsten“ Interpretation. Vor allem aber macht der Klassik-Liebhaber unglaubliche Entdeckungen. Wer wäre heute beispielsweise – ohne Stremmels Hinweise – bei der Suche nach der besten „Eroica“ auf die Idee gekommen, sich Carl Schurichts bei EMI veröffentlichte Aufnahme von 1957 mit dem Pariser Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire anzuhören? Vielleicht hätte da jemand sein Leben lang vergeblich darauf gewartet, dass ihm – im wahrsten Sinne des Wortes – „die Ohren abfallen“.

Entdeckung verschollener Aufnahmen aus den 1940er Jahren

Seit Nikisch, Toscanini und Furtwängler hat die Beethoven-Rezeption eine lange Geschichte durchgemacht, die bis zu den historisch-informierten Interpreten, die seinen Metronom-Angaben folgen und auf Instrumenten seiner Zeit spielen lassen um einen möglichst authentisch-originalen Klang zu erreichen, reicht. Waren die Alten besser? Entfernt sich die jüngere Generation im modern-parfümierten Jet-Set- und Selbstdarstellungsbetrieb von den Ursprüngen, dem wahren, unveränderlichen Kern des Beethoven’schen Kosmos? Ist Christian Thielemanns Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern wirklich „neu“ und ein bahn- und wegweisender Zyklus für das 21. Jahrhundert? Welche von den vier (!) Gesamteinspielungen Karajans, drei davon mit den Berliner Philharmonikern, ist die beste – klangtechnisch, aber auch interpretatorisch? Welche „Neunte“ ist denn nun der Weisheit letzter Schluss? Sind es tatsächlich die großen Pianisten im Rampenlicht, denen Beethovens Klaviersonaten am besten gelungen sind, die das Wesen Beethovens am genauesten ergründet und wiedergegeben haben? Und so ganz nebenbei: Was ist eigentlich das Wesen der „Appassionata“? Finden sich auch bei weniger bekannten Plattenfirmen oder in den Archiven der Rundfunkanstalten interessante, bisher übersehene Kostbarkeiten? Oder einfach: Ist die neueste Aufnahme eines Werkes auch die beste? Und nicht zuletzt bietet Stremmels Nachschlagewerk der jungen Generation eine faszinierende Anleitung für die Entdeckung der fast unbekannten und verschollenen Aufnahmen aus den 40er und 50-er Jahren!

Tonträger-Analysen mit differenzierendem Sachverstand

FAZIT: Bernd Stremmel klassifiziert in seinem Kompendium „Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern im Vergleich“ in verdienstvoller, sorgfältiger und kompetenter Weise Beethovens Oeuvre, seine Interpreten und Interpretationen. Die Veröffentlichung in zwei Bänden stellt eine unglaublich akribische Leistung und einen unerschöpflichen Fundus zur Orientierung und zu vielen Anregungen für Vergleiche für den Klassik-Liebhaber dar. „Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche, hier ist’s getan.“ Bleibt zu hoffen, dass noch weitere Bände diesem Meilenstein folgen werden.

Wer zwischen ideologisch verhärteten Fronten oder zwischen von Vorurteilen und persönlichen Affinitäten geprägten Lagern gespalten ist (so manche Diskussion in den virtuellen Klassikforen, aber auch in den noblen Foyers der Konzertsälen endete mit Verstimmung), findet Orientierung und Klarheit hier, denn Stremmel analysiert mit großem, immer differenzierendem Sachverstand und respektvoller Distanz. Seine Ergebnisse fußen auf Jahrzehnte langer, akribischer Recherche und Sammlertätigkeit, hörender und vergleichender Analyse, hinter der eines nie verloren geht: die Liebe zur Beethoven’schen Musik. Dass Geschmäcker verschieden sind, weiß natürlich auch Stremmel und bleibt davon gänzlich unberührt. Insofern ist die Lektüre niemals einengend dogmatisch, sondern immer informativ-erhellend, bietet weniger endgültige Wahrheiten als immer neue Herausforderungen, Sichtweisen und Material für die eigene Meinungsbildung. Da würde sich wohl selbst Beethoven zufrieden schmunzelnd in nebulöses, andeutungsvolles Schweigen zurücklehnen… ♦

Bernd Stremmel (Klassik-Prisma): Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern im Vergleich (Band 1), 536 Seiten, Dohr Verlag, ISBN 978-3868461374

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Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder!

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Michael Hofmeister: Alexander Ritter (Musiker-Biographie)

Edgar Rai: Halbschwergewicht (Roman)

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Vom Opfer zum Täter

von Christian Busch

„Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei. […] Der schreckliche Augenblick war gekommen (schrecklich, Franze, warum schrecklich?), die vier Jahre waren um. Die schwarzen, eisernen Torflügel, die er seit einem Jahr mit wachsendem Widerwillen betrachtet hatte [Widerwillen, warum Widerwillen?), waren hinter ihm geschlossen. Man setzte ihn wieder aus. […] Die Strafe beginnt…“

…und mit ihr die Geschichte des Franz Biberkopf in Alfred Döblins populärem, bahnbrechendem Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Jahre 1927.

Knapp 90 Jahre später befindet sich der halbschwergewichtige Boxer Lucky alias Stefano Ferrante in der gleichen Situation, als er nach Verbüßung seiner dreieinhalbjährigen Haftstrafe wegen angeblicher Ermordung einer Edelprostituierten die Berliner Justizvollzugsanstalt – allerdings mit elektronischer Fußfessel – verlassen darf. Und so präsentiert sich der neue Roman „Halbschwergewicht“ von Edgar Rai, dem vielseitigen und immer für literarische Überraschungen guten, in Berlin lebenden Autors, zunächst als – allerdings lebendig und unterhaltsam gestaltete – Sozialstudie.

Nicht ohne Klischees, aber in sich stimmig

Edgar Rai - Halbschwergewicht - Roman - Cover - Piper Verlag - Rezension Glarean MagazinLuckys ein wenig klischeehaftes, aber stimmiges Schicksal ist das eines früh enttäuschten, vom Vater verlassenen und aus Arbeiterverhältnissen stammenden Jungen, der sein Aggressionspotential und sein Talent im Boxen entdeckt und trotz fürsorglicher Betreuung durch seinen Trainer Helmut in falsche Kreise und Milieus gerät. Als er sich in Yvonne verliebt, verliert er vollends die Übersicht, so dass seine kriminelle Umgebung in Gestalt von Nino und Marcello ihn aufs Kreuz legt, indem sie ihm Yvonne ausspannen und ihm einen Mord an der attraktiven, halbseidigen Djamila anhängen. Zu allem Unglück hatte er sich in seinem letzten Kampf eine auch noch abgesprochene Niederlage durch K.O. eingehandelt. So Lucky Loosers erster Weg zu Helmut, von dem er sich Hilfe und Aufklärung der Ereignisse von damals erhofft. Doch bevor es zum Gespräch kommt, liegt Helmut von einer Kugel getroffen tot auf dem Tisch – und steht Lucky mit seiner verbeulten Visage und stotterndem Wesen als dringend Tatverdächtiger schon wieder in äußerster Bedrängnis.

Zwischen Roman und Krimi

FAZIT: Der neue Roman von Edgar Rai: Halbschwergewicht knüpft nur im ersten Teil an Döblins epochalen Großstadtroman und Sittengemälde an, dennoch gelingt ihm ein unterhaltsamer, fesselnder, verschiedene Genres gekonnt mischender Roman, der besonders aufgrund seiner cineastischen Visualität und menschlichen Nähe zu seinen Figuren überzeugt.

Doch wenn der personale Erzähler dann in die Rolle des 27-jährigen Kriminalassistenten Florian Seibold schlüpft, verwandelt sich der Roman in eine Kriminalgeschichte. Seibold und seine deutlich ältere, aber ungemein attraktive Chefin Frau von Engelbrecht beschäftigen sich nun mit der Fahndung nach Lucky und den in der Folge passierenden Ereignissen, deren Aufklärung sie auch – und das ist vielleicht das gelungenste am Roman – persönlich einander immer näher kommen lässt. Diese geschickte Doppelperspektive lässt den Leser nun immer schwanken zwischen der Sorge um das Schicksal des armen Preisboxers und dem Gefallen an den sympathischen, um die Lösung des mysteriösen Falles bemühten Kriminalbeamten.

Ein Hauch von Gaunerromantik

Autor Edgar Rai in einer öffentlichen Bücherlesung (Glarean Magazin)
Autor Edgar Rai in einer öffentlichen Bücherlesung

Es folgt Luckys turbulente und manche Überraschung bietende Großstadtodyssee, die zunächst zum seelenverwandten Mauerblümchen Babsi, dann aber in Box- , Rotlicht- und Goldkettchen-Milieu führt. Luckys wundersame Wandlung vom passiven Opferlamm zum kühl kalkulierenden Akteur erlebt der Leser parallel zur holprigen, von gegenseitigen Anziehungskräften flankieren Untersuchungsarbeit des Kommissar-Duos. Das ist stets unterhaltsam und – wie man es vom Autor längst gewohnt ist – bestens in szenisch-visueller Manier aufbereitet, so dass man sich als Leser wie im Kino fühlt. Das Ganze kulminiert in der orgiastischen Szene, in welcher dem von Koks, Viagra und Alkohol vollgepumpten Marcello beim befohlenen Vögeln von Yvonne eine Kugel die Gehirnmasse aus dem Kopf quillen lässt. Längst ist aus dem als Sozialstudie beginnenden und als Krimi fortgesetzten Roman ein Action-Thriller geworden, dessen flott komponiertes Ende durchaus moralische Bedenken aufkommen lassen könnte.
Am Ende weht jedoch ein Hauch von Gaunerromantik über dem Roman, welcher den Leser die Grenzen seiner Freiheit ein Stück weiter setzen lässt als vielleicht moralisch üblich – Tschick lässt grüßen!

Edgar Rai: Halbschwergewicht – Roman, 272 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-05885-8

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den neuen Roman von
Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

Konstantin Sacher: Und erlöse mich (Roman)

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Belanglose Oberflächen-Bespiegelung

von Christian Busch

„Ein Roman über die faustische Sehnsucht des Menschen, zu erkennen was die Welt im Innersten zusammen hält“; Anknüpfung an die Tradition der Bekenntnisliteratur eines Augustinus oder Rousseau mit einer gegen Gott hadernde (Hiob) und nach Erlösung strebende Hauptfigur – so wurde der Debütroman „Und erlöse mich“ von Konstantin Sacher von der Presse angekündigt, als ein „mitreißender Roman über das Dickicht eigener wie fremder moralischer Ansprüche.“
Um es gleich vorweg zu sagen: Erlöst wird am Ende höchstens der Leser – von der Lektüre eines nur oberflächliche Belanglosigkeiten auf sprachlicher Schmalspurkost servierenden, viel versprechenden, aber wenig haltenden Roman.

Snobistische Existenz

Konstantin Sacher - Und erlöse mich - CoverKeine Frage, der Romanheld führt (gemäss Verlagswerbung) eine „snobistische Oberflächenexistenz“ („Was ist das Leben denn mehr als eine Abfolge von Gedanken?“), die dem Leser ungebrochen aus der Ich-Perspektive aufgezwungen wird. Wie reagiert man, wenn man von einem Fremden gefragt wird, ob man ihn für ein „egoistisches Arschloch“ halte? Ganz einfach: Man geht weiter seines Weges, denn das über jemanden herauszufinden ist wahrlich keine Anstrengung wert. Und damit stolpert der Leser über die erste Hürde und bleibt an ihr hängen. Wen juckt’s? Dem Autor gelingt so genau das nämlich nicht, was seine ungleich berühmteren Vorgänger auszeichnet: Seine Figur für den Leser einzunehmen.

Exhibitionistische Verzweiflung

Und so reiht sich in der Folge Episode an Episode, mühsam zusammengehalten durch den völlig künstlich anmutenden roten Faden der mehr exhibitionistisch als bekenntnisbedürftig anmutenden inneren Verzweiflung. Der Leser erträgt dann die meistens in sexuelle Eskapaden mündenden Abschnitte mit wachsender Teilnahmslosigkeit und innerer Distanzierung. Keine moralische Verurteilung, kein Voyeurismus, auch keine peinliche Berührtheit empfindet man, so banal und tiefenentspannt wirkt das alles. Allenfalls ein Kopfschütteln über das kopf-, ziel- und ergebnislose Eintauchen einer belanglosen Schmalspurexistenz in die Hippie-Kommune auf einer zum Glück nicht namentlich genannten und in Verruf gebrachten spanischen Insel kann dies beim Leser hervorrufen. Dass der Held Theologie studiert, wird durch die dann doch immerhin peinliche Frage gestützt, ob sich Gott in der weiblichen Muschi offenbare. Kostprobe gefällig: „Und Gott ist wie die Muschi einer Frau das Versprechen des nicht endenden Lebens“.

Zahnloses Orakeln

Auch an den weiblichen Vertreterinnen im Roman, heißen sie nun Sarah oder Christina, hat man keine Freude, sind sie doch mit einer gegen Null gehenden Tiefenschärfe gezeichnet, wenn sie ihrem Helden immer wieder bereitwillig zu Diensten sind.
Das dicke Ende bleibt nicht aus, wobei man darüber streiten kann, ob es im äußerst hemdsärmeligen und abrupten Romanschluss besteht oder in dem zahnlosen Orakeln des Helden über die Begriffe Glaube, Liebe und Hoffnung.

FAZIT

Konstantin Sachers Roman „Und erlöse mich“ enttäuscht auf ganzer Linie, da sein Plot nur auf künstlich-oberflächlichen Säulen aufgebaut ist und auch sprachlich keinerlei Tiefgang besitzt. So taugt er allenfalls als Drei-Groschen-Roman.

Konstantin Sachers Roman enttäuscht auf ganzer Linie, da sein Plot nur auf künstlich-oberflächlichen Säulen aufgebaut ist und auch sprachlich keinerlei Tiefgang besitzt. So taugt er allenfalls als Drei-Groschen-Roman, nicht jedoch als anspruchsvolle Literatur oder Belletristik für 20 Euro. Sein seelenloser Monolog wühlt nicht auf, weil der unglaubwürdige Charakter des Helden nur eine unechte, inszenierte Plastikpuppe ist, die von allen verwendeten Begriffen wie Liebe, Seele, Schuld oder Tod nichts versteht. ♦

Konstantin Sacher: Und erlöse mich, Roman, 240 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00175-4

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den
Roman von Roland Heer: Fucking Friends

Ariel Ramirez – Musica Temprana: Misa Criolla (CD)

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Eine Brücke zwischen den Welten

von Christian Busch

Kein prächtiger Kolonialstil, sondern nur ein schlichtes Gipfelkreuz vor karger, in Nebel gehüllter Anden-Berglandschaft, daneben ein Plateau mit einer bescheidenen Missionskirche – so präsentiert das Label Cobra Records die zum 50-jährigen Jubiläum der Misa Criolla erschienene und nun neu aufgelegte Aufnahme des Ensembles Mùsica Temprana diese Misa Criolla des 2010 verstorbenen argentinischen Komponisten Ariel Ramirez. Anklänge an die Anfänge der frühen Christianisierung des lateinamerikanischen Kontinentes im 16. Jahrhundert – unter Aussparung der wenig christlichen, blutigen und unrühmlichen Begleiterscheinungen der Conquista.

Regionales Instrumentarium des Orchesters

Die Kreolische Messe, deren Text auf einen 1963 von der Liturgischen Kommission für Lateinamerika genehmigten kastilischen Text zurückgeht, stellt eine geschickte Verknüpfung von Melodien des Komponisten und traditionellen hispano-amerikanischen, vor allem argentinischen Formen und folkloristischen Rhythmen dar. Dabei greift der Komponist im Orchester auf typisch regionale Instrumente zurück, wie etwa regionale Schlaginstrumente, die Charango (Gitarre), die Quena (Bauernflöte) und die Siku (bolivianische Panpfeife).

Abseits kolonialer Herrlichkeit

Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Misa Criolla ist ein großer Wurf und eine längst überfällige Interpretation abseits kolonialer Herrlichkeit, solistischem Belcanto und europäischer Orchesterpracht. Das Ensemble Mùsica Temprana präsentiert eine den dürren Hochebenen der Anden und der Weite der trockenen Pampa angemessene rauhe und doch leidenschaftliche Misa, die überdies mit einem Vokalduett – hier Adriàn Rodriguez Van der Spoel und Alvaro Pinto Lyon – aufwartet.

Das Ensemble Musica Temprana (Quelle: CD-Booklet "Misa Criolla")
Das Ensemble Musica Temprana (Quelle: CD-Booklet „Misa Criolla“)

Die werkgetreue Aufnahme betont daher die ‘devocion popular‘, die absolute Hingabe des völkischen Gesangs und versteht sich als säkulare Brücke zwischen katholischer Tradition und ökumenisch-universaler Friedensbotschaft. Man höre nur das in dämmriger Demut verklingende „danos la paz“, das statt klerikalem Dogma unmittelbare Seelenlandschaft darstellt.

Lateinamerikanische Gesänge der Christianisierung

 Fazit: Diese Aufnahme von Ramirez' "Misa Criolla" u.a. lateinamerikanisch-christlichen Gesängen ist eine authentische, überzeugende, weil werkgetreue Aufnahme – und eindrucksvolles Zeugnis populärer, folkloristischer Kultur Südamerikas in der Berührung mit christlich-europäischer Tradition. Eine Brücke zwischen den Welten.
Diese Aufnahme von Ramirez‘ „Misa Criolla“ u.a. lateinamerikanisch-christlichen Gesängen ist eine authentische, überzeugende, weil werkgetreue Aufnahme – und eindrucksvolles Zeugnis populärer, folkloristischer Kultur Südamerikas in der Berührung mit christlich-europäischer Tradition. Eine Brücke zwischen den Welten.

Unentbehrlich wird die Aufnahme auch noch durch die passende Voranstellung lateinamerikanischer Gesänge vom 16. – 20. Jahrhundert, die zweifellos – das ist nicht zu verkennen – Inspiration für Ramirez‘ berühmtes ‚obra devota‘ war. Beginnend mit der instrumentalen, bolivianischen Apachita wird das Hören dieser CD zu einem historischen Gang durch die lateinamerikanischen Gesänge der Christianisierung – bis zum musikalischen Höhepunkt, der Misa Criolla. Dass Ramirez sein Werk ursprünglich zwei deutschen Mönchen gewidmet hat, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Opfer des Nationalsozialismus zu retten, darf dabei sogar in den Hintergrund treten. ♦

Ariel Ramirez – Mùsica Temprana: Misa Criolla and popular devotion in Early Music, Adriàn Rodriguez Van der Spoel, Cobra Records

Ariel Ramirez - Misa Criolla u.a. - Inhaltsverzeichnis CD - Glarean Magazin

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Christine Drews: Sonntags fehlst du am meisten (Roman)

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Von der Verdrängung der Alten zur Leere der Jungen

von Christian Busch

Der Prolog des neuen Romans von Christine Drews „Sonntags fehlst du am meisten“ beginnt mit dem Crash der Hauptfigur. Carolin Winter, alkoholabhängige und alleinerziehende Mittvierzigerin, erleidet, nachdem ihr Leben seit langem den Bach hinuntergegangen ist, den totalen Schiffbruch. Und landet mit ihrem Auto auf dem Friedhof. Damit zerstört sie – nicht nur sinnbildlich – den Grabstein ihrer namensgleichen Großmutter und zugleich das ohnehin schon beschädigte Verhältnis zu ihrem Vater, dessen Lieblingstochter und „Prinzessin“ sie war. Wie konnte es so weit kommen?

Rückblenden in die Nachkriegszeit

Christine Drews - Sonntags fehlst du am meisten - Roman - Ullstein Verlag - Cover1944. Ein siebenjähriger Junge stolpert bei der morgendlichen Suche nach etwas Essbarem über eine Soldatenleiche und bringt seiner Mutter ein Maiglöckchen mit. 72 Jahre später wagt Caroline einen Neuanfang in ihrem Leben. Auch sie pflanzt Maiglöckchen.
In mehreren Rückblenden, die ständig zwischen jüngerer und tiefer Vergangenheit, die bis in die Nachkriegszeit reicht, pendeln, erzählt der Roman in der Folge die Familiengeschichte um Caro, ihre zwei Brüder Stefan und Mark, ihre Mutter Helga und ihren Vater Karl, der sich aus den Trümmern der deutschen Nachkriegsgeschichte zu einem erfolgreichen Baufirmenchef hochgearbeitet und dabei stets versucht hat seine geliebte Tochter vor den Hürden und Unwägbarkeiten des Lebens fernzuhalten.

Grundmotiv: Verdrängung der Familienprobleme

Christine Drews - Bestseller-Autorin - Glarean Magazin
Bestseller-Autorin Christine Drews

In dem in sich schlüssigen Plot der stimmig und realistisch dargelegten Familienproblematik fungiert die Verdrängung mit fatalen Folgen als Grundmotiv. Wenn Caro nach Überwindung ihrer nachdrücklich geschilderten Alkoholsucht wieder Fuß fassen will, muss sie zwangsläufig die weit in der deutschen Nachkriegsgeschichte liegenden Ereignisse und traumatischen Erlebnisse aufspüren und bewältigen. Dabei wird deutlich, dass der Konflikt zwischen Caro und ihrem Vater kein singulärer Vater-Tochter-Zwist ist, keine komplexe Beziehungskiste, sondern geradezu paradigmatisch ein repräsentativer Generationskonflikt zwischen den Eltern, deren scheinbares Erfolgsrezept auf Verdrängung und Leistungsethos aufgebaut ist, und den vermeintlich verwöhnten Kindern, die gerade an der hohlen und verlogenen Künstlichkeit dieser so gar nicht heilen Welt scheitern und eben wie Caro keine Leistung bringen. Darin liegt sicherlich die Stärke des in dieser Hinsicht äußerst gelungenen Romans von Christine Drews, die im Nachwort gesteht, dass ihr der Roman eine „Herzensangelegenheit“ war.

Keine Sprengkraft, aber wichtige Denkanstöße

Wer mit Christine Drews' "Sonntags fehlst du am meisten" eine literarische Sensation erwartet hat, wird also enttäuscht sein, dennoch ist Drews‘ Werk ein interessanter, gut zu lesender und nachdenklich stimmender, weil wichtige Denkanstöße gebender Vater-Tochter-Roman, der zum Verständnis und zum Dialog zwischen den Generationen beitragen kann.
Wer mit Christine Drews‘ „Sonntags fehlst du am meisten“ eine literarische Sensation erwartet hat, wird enttäuscht sein. Dennoch ist Drews‘ Werk ein interessanter, gut zu lesender und nachdenklich stimmender, weil wichtige Denkanstöße gebender Vater-Tochter-Roman, der zum Verständnis und zum Dialog zwischen den Generationen beitragen kann.

Dennoch macht Drews‘ Roman nicht rundum glücklich. Zum einen bewegt er sich sprachlich und figurentechnisch in eher seichten und klischeehaften Gewässern – kaum einmal hat die Sprache Verweisungscharakter, dichterische Sprengkraft oder gar rätselhafte Vieldeutigkeit. Ebenso entlässt der Roman seine zweifellos sympathische, mit sich selbst schonungslos ins Gericht gehende Heldin nur allzu leicht, ja fast traumwandlerisch wieder aus der Krise, indem er ihr mit dem neuen Lebensgefährten Jakob und der alten Frau Schneiders zwei passgenau geschneiderte Figuren an die Hand gibt, die man in der Wirklichkeit niemals findet, wenn man sie braucht, weil man sich selbst im Weg steht.

Fehlendes ausgestaltetes Finish

Nicht zuletzt dürfte der Schluss den Leser enttäuscht zurücklassen, fehlt doch ein wirkliches ausgestaltetes Finish, dass das Thema nötig und der Roman verdient gehabt hätten. Bleibt Caros Erscheinen auf der Goldenen Hochzeit ihrer Eltern als Chance für eine Fernsehverfilmung?

Fazit: Wer mit Christine Drews‘ „Sonntags fehlst du am meisten“ eine literarische Sensation erwartet hat, wird also enttäuscht sein, dennoch ist Drews‘ Werk ein interessanter, gut zu lesender und nachdenklich stimmender, weil wichtige Denkanstöße gebender Vater-Tochter-Roman, der zum Verständnis und zum Dialog zwischen den Generationen beitragen kann. ♦

Christine Drews: Sonntags fehlst du am meisten, Roman, 288 Seiten, Ullstein Verlag, ISBN 978-3-548-29020-1

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Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

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Ein Plädoyer für die Romantik

von Christian Busch

Wenn es dunkelt, die Sonne im Waldesschatten versinkt und der Himmel in sternklarer Nacht im Blütenstaub still die Erde küsst, spannt in dämmrigen Felsenklüften die Seele weit ihre Flügel, als flöge sie nach Haus, und lüftet ihr innerstes Geheimnis: die Liebe. „Durch alle Töne tönet / im bunten Erdentraum / Ein leiser Ton / Für den der heimlich lauscht“ (Friedrich Schlegel)

Severin von Eckardstein plays Robert SchumannWie in Joseph von Eichendorffs Landschaften formte die Romantik wie keine andere Epoche die Sprache und Welt der Seele, welche sich in Abgeschiedenheit und privater Intimität ungeachtet gesellschaftlicher Wirklichkeit und politischer Zensur zu Wort bzw. zum Tone meldet. Schon der große Idealist Beethoven hatte sich in seinem 1816 komponierten Liedzyklus „An die ferne Geliebte“ zur romantischen Tonsprache der Innerlichkeit bekannt, welche seinen romantischen Nachfolgern den Weg ebnete. Robert Schumann, der als schweigsam, introvertiert, hochgebildet und als Inbegriff der deutschen Hochromantik gilt, fand sein Element zwischen mildem Eusebius und wildem Florestan im Phantastischen, in der musikalischen „Fantasie“ des Klaviers, dem Instrument der Seele.

Balance zwischen Florestan und Eusebius

Severin von Eckardstein - Konzertpianist - Glarean Magazin
Severin von Eckardstein

Der 1978 in Düsseldorf geborene Pianist Severin von Eckardstein hat sich nun in seiner neuen CD neben den drei Fantasiestücken op. 111 und den Fantasiestücken op. 12 auch Robert Schumanns einzigartiger Fantasie in C-Dur op. 17 angenommen. Bei der 1838 vollendeten Fantasie, die zugleich Ausdruck von Schumanns leidenschaftlicher, aber problematischer Beziehung zu Clara Wieck  („das Passionierteste, was ich je geschrieben habe“) als auch eine Hommage an Beethoven (man höre nur die Triolen aus der Mondscheinsonate im dritten Satz) war, kommt es zweifellos immer wieder neu darauf an, die Balance zwischen sanguinischem Florestan und dem jede extrovertierte Effekthascherei fremd anmutenden Eusebius in Schumanns Temperament zu finden. Jegliches Zuviel an jugendlicher Überschwänglichkeit oder distanziert abgeklärtem, vermeintlich reifen Musizieren sind hier eher abträglich.

Brodelndes Temperament neben harmonischer Liebes-Sehnsucht

Umso verblüffender das Ergebnis, das Schumanns „Ach, zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“ mit großer Natürlichkeit und Klarheit vereint. Die großen Sprünge und Gegensätze in der Komposition, hier brodelndes Temperament, ausbrechender Stolz und rauschhafte Getriebenheit einerseits, träumerischer Schwebezustand, friedvoll-harmonische Sehnsucht nach Liebe andererseits sind auf wundersame und doch scheinbar selbstverständliche Weise – und doch ohne Glättungen – verbunden; phantastisch!  Und wenn man die CD in seine Sammlung einreiht, hat man das Gefühl, dass auf den älteren, durchaus leidenschaftlicheren Aufnahmen (Arrau, Kissin, Le Sage) ein wenig Staub liegt.
Die ebenfalls äußerst gelungenen Darbietung der Fantasiestücke op. 111 und op. 12, welche in ihrer zwar virtuosen, aber immer romantisches Ethos verkörpernden Episoden faszinieren, runden die CD, die außerdem mit einem fachkundig-emphatischen Kommentar des Künstlers im Booklet versehen ist, ab.
Ein Plädoyer unserer Zeit für die Romantik. ■

Severin von Eckardstein (Klavier): Severin von Eckardstein plays Robert Schumann, Cavi-Music (Harmonia Mundi)

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Egon Wellesz: Klavierkonzert (CD)

Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder! (Klassik)

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Die Rettung der Klassik

von Christian Busch

„Expect the Unextpected“

Die Klänge der Eröffnungskonzerte der neuen Pariser Philharmonie via ARTE noch im Ohr, weiß man in der Welt der Klassischen Musik schon lange, welche Töne angeschlagen werden müssen. Längst ist die Zeit der eitlen und sich um sich selbst und die Gründung immer neuer Plattenfirmen und Vermarktungs-Strategien drehenden Stardirigenten vorbei. Boomte die Klassik in den 80er und 90er Jahren noch dank der neuen digitalen CD-Scheiben mit ihrem viel transparenteren und hörfreundlichen Klangbild, gehen die Nachfahren von Beethoven & Co. an vielen Orten längst am Stock.

Kent Nagano - Erwarten Sie Wunder - Cover - Berlin VerlagIn den Zeiten knapper Kassen und allgegenwärtigem Multimedia-Rausch müssen die Liebhaber komplexer filigraner Orchesterkultur mitunter gesucht werden wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Das Durchschnittsalter in den Konzertsälen steigt bedrohlich und degeneriert zur exklusiven Matinée für Betagte und Betuchte. Da wird ein fast 400 Millionen schweres Projekt wie das der Pariser Philharmonie, welches das städtische Orchester von seiner angestammten – nahe dem Arc de Triomphe gelegenen – Salle Pleyel vertreibt, auch schon mal in die suburbane Zone des Parc de la Villette verlagert, in die schon fast prekär zu nennende soziale Randzone, wo jüngst die Attentäter von „Charlie Hebdo“ ihr Fluchtauto wechselten. Und statt der VIP-Zone legt man jetzt Wert auf ein Lernzentrum „Abteilung Education“, in der kulturelle Brücken zu Schulen und bildungsfernen Schichten geschlagen werden sollen. Ist die Lage wirklich so ernst?

Wirtschafts- und Sinnkrise

In dem jüngst erschienenen Buch „Expect the unexpected!“ („Erwarten Sie Wunder“) behandelt der amerikanische Dirigent Kent Nagano, unterstützt von der Koautorin Inge Kloepfer, mit soziologischen Sachverstand genau dieses Problem der schwindenden Stellung der klassischen Musik im Kulturleben. Aus unmittelbarer Nähe berichtet er am Beispiel von Detroit vom Niedergang der nordamerikanischen Orchesterlandschaft und den fatalen Folgen für die kulturelle Entwicklung in den Städten. Er empört sich gegen die schonungslose Ausbreitung von Materialismus, Konsumismus und reinem Utilitarismus in der westlichen Zivilisation, welche in der PISA-Studie ihren deutlichsten bildungspolitischen Niederschlag findet: Was zählt, sind Fähigkeiten, die den Menschen auf ihren funktionalen Nutzen reduzieren. Fächer wie Kunst und Musik, welche Kreativität, Vorstellungsvermögen und Inspiration fördern, kommen dort nicht vor. Dabei steht schon im Matthäus-Evangelium: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Plädoyer für die Rückbesinnung auf die Klassik

Er zeigt an vielen Beispielen seiner langjährigen, intensiven und fruchtbaren Auseinander-setzung mit den unsterblichen Werken auf, dass die schönen Künste vor dem Hintergrund eines generellen Wertewandels in den westlichen Industrieländern eine Antwort auf die Sinnkrise darstellen: „Sie […] machen den Alltag mehr als nur erträglich. Sie inspirieren uns, öffnen den Geist. Sie helfen uns, Unbegreifliches und Unerträgliches anzunehmen und als Teil unseres Lebens zu akzeptieren, daraus Kraft zu schöpfen und nicht daran zu verzweifeln.“ Dabei erweist er sich als energischer und nimmermüder Verfechter der Quellen menschlicher Inspiration., der längst begriffen hat, dass heute die wichtigste Aufgabe der Dirigenten und Intendanten nicht in der Selbstverwirklichung egoistischer Eitelkeiten besteht, sondern in der Vermittlung zwischen Kunstwerk und Publikum: „Nennen Sie mich jetzt einen Träumer, einen Utopisten, wenn ich mir wünsche, dass ein jeder in seinem Leben unabhängig von Bildungsstand und Herkunft die sinnstiftende Kraft der Kunst erfahren können soll.“

Kindheit ohne neue Medien – dafür mit Klavier und Klarinette

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Zweifellos ist Kent Naganos Klassik-Plädoyer „Erwarten Sie Wunder“ das richtige Buch zur rechten Zeit – in seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung weitreichend, in seinen Zielsetzungen ehrgeizig. Den Autoren gebühren Dank und Beachtung!

So beginnt Nagano seine Ausführungen in seiner Kindheit an und erzählt von den Anfängen in Morro Bay, einem in den 50er Jahren multikulturell besiedelten Fischerdorf an der kalifornischen Pazifikküste, und von seinem ersten musikalischen Erzieher, dem Professor Korisheli. Im Vordergrund stehen dabei von Beginn an nie persönliche Erfolge, öffentliche Anerkennungen oder gar Preisverleihungen, sondern stets die ungetrübte Freude am gemeinschaftlichen Musizieren, am Gemeinsinn stiftenden Konzert- oder Probenerlebnis, bei dem Konflikte und Unterschiede an Bedeutung verloren: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“. Welche Zeit hätte dessen nicht bedurft, so könnte man fragen – liefert Nagano hier doch einen entschiedenen Gegenentwurf zu den stets von manipulativer Sprache der Medien und leicht konsumierbarer Unterhaltungselektronik geprägten aktuellen Kultur-Landschaft.

Strauss‘ „Heldenleben“ in der Eushockey-Arena

Hier und da blitzen die Erfahrungen aus seinen vielen Stationen (Lyon, Manchester, Los Angeles, Berlin, München, Montreal, Hamburg) auf, offenbart er den Lesern in eingestreuten Intermezzi seinen eigenen Zugang zu den großen Komponisten, von Bach, Beethoven und Bruckner bis zu Schönberg, Messiaen, Ives und Bernstein. Wenn er über das Rätselhafte in Beethovens achter Symphonie spricht, enthüllt sich nebenbei: Der Weg ist das Ziel, das auch ungewöhnliche Wege rechtfertigt, indem Nagano mit seinem OSM (Orchestre symphonique de Montreal) volksnah in der Eishockey-Arena Richard Strauss’ „Heldenleben“ präsentiert. Abgerundet wird sein Aufruf durch die Gespräche mit Zeitgenossen wie Helmut Schmidt (Politik), Kardinal R. Marx (Kirche), Yann Matei (Literatur), Julie Payette (Wissenschaft) und William Friedkin (Film). Was letzterer über Beethovens Symphonien sagt, gilt für die ganze Klassik: „Wer einmal […] die Tiefe der Musik erahnen konnte, wird sich ein Leben lang nach dieser Erfahrung sehnen. Es wird ihn immer wieder dorthin zurückziehen.“
Zweifellos ist Kent Naganos Klassik-Plädoyer „Erwarten Sie Wunder“ das richtige Buch zur rechten Zeit – in seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung weitreichend, in seinen Zielsetzungen ehrgeizig. Den Autoren gebühren Dank und Beachtung! ■

Kent Nagano (Inge Kloepfer): Erwarten Sie Wunder – Expect the Unexpected, Berlin Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3827012333

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Ingo Harden: Klassische Musik

W. A. Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (CD)

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Mozart im Zwiegespräch

von Christian Busch

Das vierhändige Klavierspiel, die vielleicht intimste Form der Kammermusik, gehört zu den technisch heikelsten und interpretatorisch anspruchvollsten Herausforderungen, welche die Musik an die Ausführenden stellt. Zwei vermeintlich gleichberechtigte Partner treten auf engstem Raum – eine vollkommene Synthese suchend – in einen wirklichen Dialog. Ein Terrain für Geschwister, Paare und freundschaftlich verbundene Seelen – weniger für titanische Tastenlöwen mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung.

Mozart als Wegbereiter der Gattung

Schon von seinem geltungssüchtigen Vater Leopold etwas plakativ als „Erfinder der vierhändigen Klaviersonate“ präsentiert, zählt Mozart unbestritten zu den Wegbereitern dieser Gattung der hohen Kunst mit überschaubarem Repertoire.
Was für den kleinen Wolferl auf dem Schoße eines Johann Christian Bach beginnt und sich in frühen Kompositionen für das geschwisterliche, durchaus auch publikumswirksame Zusammenspiel fortsetzt, findet in der F-Dur-Sonate KV 497 seine Krönung und Vollendung. Gerne als „Krone der Gattung“ (Einstein) und „gewaltige Seelenlandschaft“ bezeichnet, steht sie zeitlich und thematisch der „Prager“ Symphonie (KV 504), aber auch dem „Don Giovanni“ nahe. Als Mozart sie im August 1786 schreibt, verleiht er der subtilen Bespiegelung in Dur und Moll daher auch symphonische Dimensionen.

Einer Professoren-Tochter gewidmet

Aline Zylberajch und Martin Gester
Aline Zylberajch und Martin Gester

Die Franziska von Jacquin, Tochter des befreundeten Wiener Botanikprofessors, gewidmete C-Dur-Sonate KV 521 übersendet er Ende Mai 1787 – am Todestag seines Vaters – an Gottfried von Jacquin mit den mahnenden Worten: „Die Sonate haben Sie die Güte ihrer frl: Schwester nebst meiner Empfehlung zu geben; – sie möchte sich aber gleich darüber machen, denn sie seye etwas schwer.“ Das virtuose Werk, das den späten Wiener Klavierkonzerten verwandt ist, trumpft gleichfalls mit orchestralem Klang auf, ohne den dank der Solopassagen aller vier Hände – kammermusikalischen Rahmen zu verlassen. Ob er es mit ihr, einer seiner besten Schülerinnen, auf Schloss Waldenburg gespielt hat? Mit Sicherheit.

Präzise Abstimmung und orchestrale Pracht

Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmaßes bis zur privaten Intimität mühelos spannt.
Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmaßes bis zur privaten Intimität mühelos spannt.

Das Straßburger Musikerehepaar Aline Zylberajch & Martin Gester (Bild) hat sich nun in ihrer zweiten auf CD veröffentlichen Gemeinschaftsproduktion dieser beiden viel zu selten zu hörenden Sonaten Mozarts angenommen – zusammen mit dem Rondo in a-moll KV 511 (Martin Gester) und dem Andante und Variationen in G-Dur KV 501 (Label K 617).
Ihr Spiel lässt dabei keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmaßes bis zur privaten Intimität mühelos spannt. Das kraftvoll drängende Allegro, die galant singende Melodie, der leise, klagend-resignative Ton, all das spiegelt sich stimmig im blendend hellen Mozart-Sound. Da mag einer sagen, dies komme ihm bekannt vor, jedoch nicht in der Form des auf Salon-Frivolitäten verzichtenden, vertrauten Zwiegesprächs – im ständig wiederkehrenden Suchen und Finden – zweier ebenbürtiger Partner. Damit bietet die CD mit Werken aus der großen Schaffensperiode (zwischen „Figaro“ und „Don Giovanni“) einen weiteren Höhepunkt Mozart’schen Schaffens – für so manchen sicher eine Entdeckung. ■

Wolfgang Amadeus Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (KV 497 & KV 501), Martin Gester and Aline Zylberajch, CD-Label K617 (Harmonia Mundi)

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Leopold Koželuch: Klavier-Sonaten
(Band 1)
… sowie zum Thema Kammermusik die Ausschreibungen zu den Kompositionswettbewerben des
Alvarez Chamber Orchestra und der Musik-Abteilung der Universität Illinois