Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire

Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Geweckte Erwartungen nicht erfüllt

von Thomas Binder

Graham Burgess präsentiert mit „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“ in umfangreichen und detaillierten Varianten ein Eröffnungs-Repertoire mit der Fokussierung auf sehr wenige Systeme. Damit soll dem unerfahrenen Spieler ein schadloses Überstehen der ersten Partiephase garantiert werden. Zielführend ist dieser Ansatz nur, wenn sich der Leser auf das Erlernen sehr konkreter Zugfolgen einlässt, statt allgemeinen Prinzipien zu vertrauen…

Um es vorweg zu nehmen: Ich schätze den englischen FIDE-Meister Graham Burgess als Schach-Autor vor allem für den Trainingswert seiner Bücher, insbesondere auch die zuletzt erschienenen Eröffnungslehrbücher „for kids“. Letztere habe ich trotz der Sprachbarriere meinen Schülern empfohlen.

Auswendiglernen von Theorie?

An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire - Graham Burgess - Gambit Verlag - An easy-to-learn repertoire where you can relax and just play chessBurgess‘ neuestes Werk hinterlässt mich nun allerdings ratlos bis enttäuscht, und sei es nur, weil der Titel eine Erwartungshaltung weckt, die es nicht erfüllen kann.
Ich hätte erwartet, Richtlinien zu erhalten, anhand derer ein Spieler am Beginn seiner Laufbahn – also mit wenig Erfahrung und entsprechend noch entwicklungsfähiger Spielstärke – die Klippen der ersten Partiephase umschifft. Ich bin mir sicher, dass es dafür auch einen „idiot proof“ Weg gibt, doch besteht dieser sicher nicht im Auswendiglernen ausgefeilter Theorievarianten.
Dieser Weg könnte etwa folgende Elemente umfassen:
• Beherzige die allgemeinen Eröffnungsprinzipien (Figurenentwicklung, Königssicherheit, Zentrumsbeherrschung) und die dafür gegebenen Empfehlungen (jede Figur nur einmal ziehen, Rochade hinter sichere Bauernkette, wenig Bauernzüge in der Eröffnung)
• Erkenne rechtzeitig die wichtigsten taktischen Motive, auf denen die oft überschätzten Eröffnungsfallen beruhen (Opfermotive auf f7 oder h7, Fesselungen, Doppelangriffe,…)
• Mit wachsender Erfahrung und Spielstärke erkennst du die Besonderheiten von Zentrumsformen und Bauernstrukturen und richtest dein Eröffnungsspiel darauf aus.

Limitieres Programm mit klaren Zugfolgen

Graham Burgess - Chess-Author - Schach-Trainer - Rezensionen Glarean Magazin
Produktiv und vielbeachtet: Schach-Autor Graham Burgess

Was bekommt die „Idiot-Proof“-Zielgruppe nun bei Burgess geboten? Er bleibt dem Repertoiregedanken treu und orientiert auf ein sehr limitiertes Programm aus klar vorgegebenen Zugfolgen:
• Mit Schwarz spielen wir gegen e2-e4 immer Skandinavisch und in der Folge die Modevariante 1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6
• Gegen d2-d4 spielen wir Slawisch, allerdings eingegrenzt auf die Variante 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 c6 4.e3 Le6
• Gegen c2-c4 antworten wir symmetrisch mit c7-c5
• Gegen Sg1-f3 spielen wir d7-d5
• Mit Weiss spielen wir im ersten Zug immer c2-c4 und in der Folge sobald wie möglich ein Königsfianchetto mit g2-g3 und Lf1-g2

Damit wird doch sehr viel Schach ausgeblendet und die Sicht sehr verengt. Vor allem die offenen und halboffenen (ausser Skandinavisch) Spiele kommen gar nicht vor. Gerade mit diesen Eröffnungen wird aber jeder Schacheinsteiger zuerst konfrontiert, und gerade die dort lauernden taktischen und strategischen Motive bilden ein Grundwissen, ohne dass man keine dauerhafte Freude am Schach haben wird.

Knappe Text-Anmerkungen

Graham Burgess - An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire - Leseprobe - Schach-Rezensionen - Glarean Magazin
Leseprobe aus „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“

Man könnte die Einengung des schachlichen Blickfeldes rechtfertigen, wenn das so verbleibende Eröffnungsrepertoire ausführlich und eben „idiot-proof“ erklärt würde. Doch leider sind auch die textlichen Anmerkungen zu knapp gehalten, um die Zielgruppe adäquat anzusprechen. Den Versuch, dies zu leisten, möchte ich Burgess nicht absprechen, doch die Variantenfülle lässt dafür keinen ausreichenden Raum.

Mit dem Stichwort „Variantenfülle“ sind wir beim nächsten Aspekt: Der Leser bekommt nichts anderes geboten als in einer gediegenen Eröffnungsmonographie. Nach der Kurzvorstellung des Repertoires folgen 180 Seiten mit zweispaltig engbedrucktem Varianten-Dschungel. Bis zu vier Diagramme pro Seite erleichtern die Orientierung etwas. Ein erfahrener Spieler wird sich zurechtfinden. Der Einsteiger wird von seinem möglicherweise ersten detaillierten Eröffnungsbuch eher abgeschreckt. Da hilft auch die systematische Gliederung bis hinunter zu Strukturen wie „Kapitel 8 – Abschnitt F2.2.1 – 5. Zug von Schwarz – Variante a.2.2“ nicht wirklich.
Für den erwartungsfrohen Einsteiger bleibt die ernüchternde Erkenntnis „Wenn ich schon für dieses schmalspurige Repertoire 180 Seiten Varianten lernen soll, ist dann Eröffnungsstudium überhaupt sinnvoll?“

Keine Überraschungen für den Leser

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Die vorstehende Kritik begründet sich ausschliesslich aus dem Ansatz von Burgess‘ Werk. Wer diesen Ansatz mitgehen möchte, der wird zu einem gänzlich anderen Fazit kommen und das Buch in höchsten Tönen loben – und auch dieses Urteil wäre gerechtfertigt.
Die vorgelegten Varianten decken das empfohlene Repertoire komplett ab. Vor Überraschungen wird der Leser weitgehend sicher sein – wenn er denn alles verstanden und verinnerlicht hat. Dass ihm grosse Teile der Schachwelt zunächst verborgen bleiben, merkt er erst nach und nach. Dann hat er hoffentlich eine Spielstärke erreicht, die auch risikolos den Blick über den Tellerrand des Burgess-Repertoires erlaubt. Insofern gleicht unser Buch einem Reiseführer, der nur zu den touristischen Highlights führt und die reizvollen Nebenstrassen einer späteren Tour vorbehält.

Schachlich fundierte Varianten

Englische Schach-Eröffnung - Variante c4 - Sf6 - Glarean Magazin - Häufigste Variante in der Praxis, Nebenvariante im Buch: Der Springerzug Sf6 nach 1. c4
Häufigste Variante in der Praxis, Nebenvariante im Buch: Der Springerzug Sf6 nach 1. c4

Ausser Zweifel steht, dass alle Varianten schachlich fundiert und sicher auch computergeprüft sind. Das Partiematerial ist aktuell. Bei der Gewichtung der Varianten wird sich Burgess Gedanken gemacht haben, die sich an seinem Gesamtkonzept orientieren. Dennoch wäre auch hier ein Blick auf die „idiot-proof“-Zielgruppe hilfreich. Die Folge 1.c4 Sf6 kommt nur als Nebenvariante auf neun Seiten vor – vor allem mit dem Hinweis auf Überleitungen in bereits behandelte Systeme. In der Praxis ist aber (laut Megabase) der Springerzug die häufigste Antwort auf 1.c2-c4. Dem fortgeschrittenen Spieler werden die Überleitungen schnell klar sein, der unerfahrene Amateur könnte schon im ersten Zug irritiert dreinblicken.

Hervorragende layouterische Gestaltung

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Layout und Aufbau kennt man von vielen Büchern des Gambit-Verlages. Dieser hat hier eine Norm gesetzt, die man unbewusst mittlerweile auch für Werke anderer Verlage zum Massstab nimmt.
Allerdings wird dabei konsequent auf modernere Mittel der Visualisierung von Ideen verzichtet. Dem kann man sich aber kaum noch entziehen, denn gerade Eröffnungsmonographien geraten in eine Nische, in der sie bestenfalls als Nachschlagewerk überdauern können. Interaktive Formate, computergestützte Analysen, Video-Präsentationen und ähnliche Angebote laufen ihnen zunehmend den Rang ab. ♦

Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire, 190 Seiten (engl.), Gambit Publications Ltd, ISBN 978-1911465423

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Schachbücher auch über F. Zavatarelli: Das schachjournalistische Phänomen Ideka – Die Feuilletons von Ignaz Kolisch

ausserdem zum Thema Schach-Eröffnungsbücher: Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen


English Translation

Raised expectations not fulfilled

by Thomas Binder

With „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“ Graham Burgess presents in extensive and detailed variations an opening repertoire with the focus on very few systems. This should guarantee the inexperienced player a harmless survival of the first game phase. This approach is only effective if the reader is willing to learn very concrete moves instead of trusting general principles…

To anticipate: I esteem the English FIDE master Graham Burgess as chess author especially for the training value of his books, especially also the recently published opening textbooks „for kids“. I have recommended the latter to my students despite the language barrier.

Memorizing theory?

Burgess‘ latest work, however, leaves me helpless to disappointed, if only because the title arouses an expectation, which it cannot fulfil.
I would have expected to be given guidelines to help a player at the beginning of his career – i.e. with little experience and a correspondingly still developable playing strength – to avoid the pitfalls of the first phase of the game. I am sure that there is an „idiot proof“ way to do this, but it certainly does not consist of memorizing sophisticated theory variations.
This path could include the following elements:
– Keep the general opening principles (figure development, king safety, center control) and the recommendations given for them (move each figure only once, castling behind safe pawn chain, few pawn moves in the opening)
– Recognize in time the most important tactical motives on which the often overestimated opening traps are based (sacrificial motives on f7 or h7, bondage, double attacks, …)
– With growing experience and playing strength you will recognize the special features of center forms and pawn structures and adjust your opening game accordingly.

Limited program with clear move sequences

What does the „Idiot-Proof“ target group now get at Burgess? He remains true to the repertoire idea and focuses on a very limited program of clearly defined moves:
– With Black we always play against e2-e4 Scandinavian and in the following the fashion variant 1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6
– Against d2-d4 we play Slavic, but limited to the variant 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 c6 4.e3 Le6
– Against c2-c4 we answer symmetrically with c7-c5
– Against Sg1-f3 we play d7-d5
– With white we always play c2-c4 in the first move and then as soon as possible a king fianchetto with g2-g3 and Lf1-g2

With this a lot of chess is hidden and the view is very narrow. Especially the open and half-open (except Scandinavian) games do not occur at all. However, it is precisely with these openings that every chess beginner is confronted first, and it is precisely the tactical and strategic motives lurking there that form a basic knowledge, without which one will not have lasting enjoyment of chess.

Short text notes

One could justify the restriction of the chess field of view, if the remaining opening repertoire would be explained in detail and just „idiot-proof“. Unfortunately, however, the textual comments are too brief to adequately address the target group. I don’t want to deny Burgess the attempt to achieve this, but the wealth of variations does not leave enough room for this.

The keyword „wealth of variants“ brings us to the next aspect: the reader is offered nothing but a solid opening monograph. The short introduction to the repertoire is followed by 180 pages with a jungle of variants printed in two columns. Up to four diagrams per page make orientation somewhat easier. An experienced player will find his way around. The beginner is rather deterred by his possibly first detailed opening book. Even the systematic outline down to structures like „Chapter 8 – Section F2.2.1 – 5th move of Black – Variant a.2.2“ does not really help.
For the expectant beginner, the sobering realization „If I am to learn 180 pages of variations for this narrow repertoire, is it at all useful to study the opening section?

No surprises for the reader

The above criticism is based exclusively on the approach of Burgess‘ work. Anyone who wants to follow this approach will come to a completely different conclusion and praise the book in the highest possible terms – and this judgment would also be justified.
The presented variants cover the recommended repertoire completely. The reader will be largely safe from surprises – once he has understood and internalized everything. That large parts of the chess world remain hidden to him at first, he will only gradually notice. Then he will hopefully have reached a level of playing strength, which allows him to look beyond the edge of his nose of the Burgess repertoire without any risk. In this respect our book resembles a travel guide, which only leads to the tourist highlights and reserves the charming side streets for a later tour.

Chess based variations

There is no doubt that all variants are chess well-founded and certainly computer-tested. The game material is up-to-date. Burgess will have thought about the weighting of the variants, which are based on his overall concept. Nevertheless, a look at the „idiot-proof“ target group would also be helpful here. Episode 1.c4 Sf6 appears only as a secondary variant on nine pages – mainly with the reference to transitions to systems already covered. In practice, however, (according to Megabase) the Springer move is the most common answer to 1.c2-c4. The advanced player will quickly understand the transitions, the inexperienced amateur might already look irritated in the first move.

Excellent layout design

Layout and structure are familiar from many books published by Gambit Verlag. They have set a standard here, which is now unconsciously used as a benchmark for the works of other publishers as well.
However, they consistently avoid modern means of visualizing ideas. One can hardly escape this, however, because opening monographs in particular find a niche in which they can at best survive as reference works. Interactive formats, computer-aided analysis, video presentations and similar offerings are increasingly outstripping them. ♦
(Pictures and links are at the top of the German text)

Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen

Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Willkommen im Abenteuerland

von Mario Ziegler

Der „Randspringer“ ist ein Geheimtipp, zumindest für die „ältere Generation“ der Schachliebhaber. In den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichte der Tübinger Zweitbundesliga-Spieler Rainer Schlenker mehr als 70 Ausgaben einer Zeitschrift, die einen so ganz anderen Ansatz verfolgte als alle anderen Magazine: Bevölkert von exotischen, teilweise abstrus wirkenden Eröffnungen und Varianten mit malerischen Namen strotzte der „Randspringer“ vor Originalität, Kreativität, auch Provokation: „Kann man wirklich so etwas spielen?“ Nicht zufällig trug er damals den Untertitel: Das Magazin nicht für jeden Schachfreund, und wenig überraschend erwarb er sich eine treue Leserschaft.

Der Randspringer - Verlag Schachtherapeut - Cover - Reiner Schlenker - Rezension Glarean MagazinNach einer langen Pause erschien nun im Verlag Der Schachtherapeut des rheinland-pfälzischen Schach-Autors und -Herausgebers Manfred Herbold ein Revival des „Randspringers“. Ist das Konzept auch im neuen Jahrtausend noch tragfähig?
Der erste Unterschied zur früheren Publikation fällt sofort ins Auge: Das übersichtliche Layout des Softcover-Werkes im Format A5 hat absolut nichts mehr mit dem früheren „Randspringer“ zu tun, dessen einzelne Beiträge mehr oder weniger inhomogen auf einer Schreibmaschine zusammengetippt wurden.
Der bekannte Karikaturist Frank Stiefel, der bereits zahlreiche Schachbücher mit seinen Zeichnungen bereichert hat, leitet jedes Kapitel mit einer Grafik ein. Sofern man kein eingefleischter Anhänger des „anarchischen“ Layouts des früheren „Randspringers“ ist, wird man diese optischen Veränderungen wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Doch wie sieht das Innenleben aus?

Rainer Schlenker - Randspringer 1987 - Glarean Magazin
Zwei Beispielspielseiten aus dem legendären alten „Randspringer“: Heft 3 (1987)

Von Eselsohren und Ochsenfröschen

Im Vorwort beschreibt Herausgeber Herbold, dass Schlenker, mit dem er seit Jahren befreundet ist, ihm seine Skripte und Partien zur Veröffentlichung zukommen liess. Diese beinhalten nun genau solche Spielanfänge, die man lieben muss, wenn man am „Randspringer“ Gefallen finden will: „So wie früher Stabsaugervertreter gutgläubigen Hausfrauen minderwertige Sauggeräte im Tausch (natürlich mit gehörigem Aufpreis) gegen ihre eigentlich einwandfreien ‚Altgeräte‘ andrehten, so bietet Schlenker allerlei gemeine Tricks für den Naturspieler, dem es nicht ums Schach geht, sondern darum, den Gegner – gerne auch mit unerlaubten Griffen – von der Matte bzw. hier vom Brett zu werfen. Im Nu werden nämlich mit den angegebenen Varianten den Schachästheten die harmonischen Stellungen in unübersichtliche Figurenklumpen verwandelt.“ (André Schulz in einer Rezension des Werkes „Bastard-Indisch“ von Schlenker im März 2009).

Die Schacheröffnung Eselsohr-Verteidigung - Glarean Magazin
Quixotische Schacheröffnung à la Schlenker: Die „Eselsohr-Verteidigung“ (1.e4 h6)

Wir finden auch anno 2019 Spezialvarianten im Königsgambit, Skandinavisch oder Caro-Kann oder gleich Freistil-Eröffnungen wie die „USA-Eröffnung“ (1.e4 e5 2.Dh5 mit der Absicht, nach 3.Lc4 das berühmte Schäfermatt folgen zu lassen), die „Unserdeutsche Verteidigung“ (1.e4 g5 2.d4 d5) oder die überschriftgebenden „Eselsohr-Verteidigung“ (1.e4 h6) und „Ochsenfrosch-Gambit“ (1.Sc3 b5 – wie uns der Autor auf S. 98 belehrt, handelt es sich hierbei strenggenommen um das „West-Indische Ochsenfroschgambit“ im Gegensatz zu 1.Sf3 g5). Die Reihenfolge der Kapitel bzw. Varianten im Buch folgt übrigens keiner ersichtlichen Logik.

Amüsante Wege abseits der Theorie

Üblicherweise beginnt Schlenker einen Abschnitt mit einem kurzen einleitenden Text, gefolgt von einigen Beispielpartien, oft von ihm selbst gegen lokale Baden-Württembergische Schachspieler. Dass es sich sozusagen ausnahmslos um freie Partien in Cafés in Tübingen, Schwenningen, Donaueschingen handelt, erhöht nicht unbedingt das theoretische Gewicht dieser Partien. Aber geht es in diesem Buch wirklich um das „theoretisches Gewicht“ oder um „objektiven Wert“ von Varianten? Natürlich nicht! Schlenker zeigt dem staunenden Leser zahllose Wege abseits der „offiziellen Theorie“. Und in Zeiten, in denen ein Nakamura sogar in einer Turnierpartie gegen einen renommierten Grossmeister wie Sasikiran (Malmö/Kopenhagen 2005) und ein Carlsen bei einer Schnellschach-Weltmeisterschaft (gegen Vokhidov, St. Petersburg 2018) mit 1.e4 e5 2.Dh5 eröffnen können, verwischen sich die Grenzen zwischen den Welten immer mehr.

Mittelgegengambit unter der Lupe

Die Kernfrage eines Buches über Eröffnungsvarianten ist aber natürlich dennoch, wie stichhaltig die Analysen sind. Zu diesem Punkt führt Stiefel aus: „Schlenker hat seine Analysen ohne Computerhilfe angefertigt, doch nur wenige seiner Ideen waren schwer oder nicht haltbar. Natürlich wurden seine Manuskripte nochmals auf Computerbasis überprüft, die grundlegenden Ideen sind jedoch allesamt erhalten geblieben“. Das klingt vielversprechend: Sollten die exotischen Varianten, mit denen man vor 30 Jahren ratlose Kontrahenten überraschen konnte, auch im 21. Jahrhundert gegen computerbewehrte Gegnerschaft tragfähig sein?

Mittelgegengambit oder Elefantengambit oder Paulsengambit - Glarean Magazin
1.e4 e5 2.Sf3 d5 – Mittelgegengambit oder Elefantengambit oder Paulsengambit?

Ich habe mir exemplarisch das 14. Kapitel vorgenommen, da ich die dort besprochene Variante 1.e4 e5 2.Sf3 d5 vor langen Jahren selbst spielte. Schlenker führt aus, dass die verbreitete Bezeichnung „Elefantengambit“ missverständlich ist, da sie auch für 1.e4 f5 benutzt wird. Er bevorzugt die Bezeichnung „Mittelgegengambit“ in Anlehnung an die Zugfolge 1.e4 e5 2.d4 exd4 3.Dxd4 Sc6 4.De3, das „Mittelgambit“. Nur am Rande sei erwähnt, dass ich persönlich auch diese Bezeichnung für unglücklich halte, da Gambits nun einmal Bauernopfer beinhalten, und in der genannten Zugfolge weiss keinen Bauern opfert. (In meiner Monographie zu dieser Stellung aus dem Jahre 2010 versuchte ich die Bezeichnung „Paulsen-Eröffnung“ (nach dem deutschen Meisterspieler Wilfried Paulsen, der sie oft benutzte) zu etablieren.

Beispielpartie à la Schlenker

Kapitel 14 bietet vier Partien zu der Variante: drei davon wurden von Schlenker gespielt, eine ist eine Simultanpartie des damaligen Weltmeisters Emanuel Lasker aus dem Jahre 1900. In allen Partien spielte Schwarz nach 1.e4 e5 2.Sf3 d5 3.exd5 den sofortigen Vorstoss 3… e4. Schlenker informiert den Leser darüber, dass 3…Ld6 heute „modern“ ist, da nach 3… e4 4.De2 als stärkste Antwort gelte. Etwas unlogisch erscheint es, dass ausgerechnet dieser Damenzug in keiner der Beispielpartien auftaucht, statt dessen aber 4.Sd4 und 4.Sg1. Ebenfalls nicht berücksichtigt wird 4.Se5, was laut Online-Datenbank von ChessBase nach 4.De2 und 4.Sd4 und noch vor dem etwas sonderbar aussehenden 4.Sg1 der dritthäufigste Zug an dieser Stelle ist.

Der Kommentar zum Kommentar

Walter Eigenmann: 100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen, verblüffende Strategien
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Hier nun eine der Partien mit 4.Sd4 mit den Originalanmerkungen Schlenkers (durch Anführungszeichen kenntlich gemacht) und meinen Ergänzungen, für die ich selbstverständlich die Hilfe einer Engine (konkret: mit Houdini, der aktuellen Nummer Drei der Schachprogramme hinter Leela und Stockfish) in Anspruch genommen habe:
(Mausklicks in die Partiezüge bzw. -varianten öffnen Analysebretter und den Download als PGN-Datei)

Offenkundig sind die Anmerkungen Schlenkers im grossen und Ganzen zutreffend, könnten aber im Detail wesentlich genauer ausfallen.

Mutiges Freistilschach oder halbgares Gezocke?

Amüsantes Schach-Feuilleton und Motivation zum Eröffnungsexperiment: Beispielseite aus dem neuen Revival 2019 des legendären "Randspringer" (mit Karikaturen von Frank Steifel)
Amüsantes Schach-Feuilleton und Motivation zum Eröffnungsexperiment: Beispielseite aus dem neuen Revival 2019 des legendären „Randspringer“ von Rainer Schlenker (mit humorvollen Karikaturen von Frank „Fränk“ Stiefel)

Am „Randspringer“ werden sich auch 2019 die Geister scheiden: Kreatives Freistilschach mit Mut zum Risiko oder halbgares Gezocke? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Klar ist, was das Buch nicht ist: Es ist keine theoretische Abhandlung, dazu weisen die einzelnen Kapitel viel zu viele Lücken selbst an wichtigen Stellen auf. Aber das will der „Randspringer“ auch gar nicht sein.

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Wie in seinen besten Zeiten bietet er „eine Fülle von originellen Ideen für das Eröffnungsspiel, besonders für die Partien in der eigenen Schachkarriere, in denen nicht ein Remis zum Turniersieg reicht“ (so A. Schulz in der bereits zitierten Rezension aus dem Jahr 2009). Er stellt somit eine Quelle der Inspiration dar und zeigt nachdrücklich, was im Schach alles möglich ist, wenn man bereit ist, ausgetretene Pfade zu verlassen.
Wie ein Motto klingt der Songtext der Band PUR, den Herbold in seinem Vorwort zitiert:
„Komm mit mir ins Abenteuerland / Auf deine eigene Reise / Komm mit mir ins Abenteuerland / Der Eintritt kostet den Verstand / Komm mit mir ins Abenteuerland / Und tu’s auf deine Weise / Deine Phantasie schenkt dir ein Land / Das Abenteuerland“ ♦

Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen (Teil 1), 148 Seiten, Verlag Der Schachtherapeut, ISBN 978-3947648153

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Feuilleton & Schachtherapeut auch über
Manfred Herbold: Der Schachtherapeut 2 (Reloaded)

… sowie zum Thema Schacheröffnungen über
Ivan Sokolov: Gewinnen in d4-Bauernstrukturen

Weitere Links zum Thema Schach-Infotainment:

Computerschach: Engine-Turnier mit SALC-Book

Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Eröffnungsbuch gegen den Remis-Tod

von Walter Eigenmann

Die Computerschach-Kenner unter der Leserschaft wissen es längst, und alle anderen Schachfreunde mögen einfach von den rasanten Erfolgen anderer Computer-Sparten aufs Schachberechnen schliessen, dann ahnen sie ebenfalls:  Die modernen Schachprogramme spielen inzwischen ein Schach wie vom anderen Stern. Behauptete der Mensch Jahrhunderte lang mit kaum definierbaren Begriffen wie „Planvolles Spiel“ oder „Strategie“ seine angeblichen „menschlichen Vorzüge“, nur um die hoffnungslose Unterlegenheit seiner Rasse gegenüber der Maschine zu kaschieren, ist heutzutage einfach zu offensichtlich, dass aktuelle Hardware im Verbund mit den raffinierten modernen Algorithmen dem Human Brain null Chancen mehr einräumen. Doch damit ist ein neues altes Problem akut geworden, das schon von Capablanca und von Bobby Fischer in die Diskussion eingeführt wurde: der Remis-Tod. Ein spezielles Engine-Turnier mit einem SALC-Book geht dieser Frage nach.

Hochwertiges Schach der modernen Engines

Wer also extrem qualitätsvolle, nach wirklich allen Regeln der Schachkunst ausgetragene, durchaus mit Opferwendungen gespickte, in vielen Fällen auch überraschend „kreativ“ gespielte, vielzügig berechnete, aber eben zugleich (fast) perfekte Schachpartien bewundern will, der kann heutzutage einfach seine Schachmotoren (sog. Engines) in einer der vielen Schachoberflächen (Graphical User Interfaces GUI) aufeinander loslassen. Ein paar Stunden später hat er ggf. hunderte von hochwertigen Chess-Games auf seiner Festplatte.

Die schöpferische Schachleistung des Menschen

Damit man mich nicht falsch versteht: Selbstverständlich macht es mindestens ebenso viel Spass, den ganz grossen Spitzenspielern des aktuellen Weltschachs bei ihren Turnieren zuzuschauen. Denn Schach-Weltmeister Magnus Carlsen & Co. bieten Kampfschach vom Allerfeinsten, ihre schöpferischen Leistungen sind unvergleichlich, und all die vielen psychologischen Aspekte des Königlichen Spiels sind ein hochinteressanter Bestandteil der menschlichen Kulturgeschichte überhaupt. Muss man darüber hinaus gegenüber dem aktiven Schachspieler noch erwähnen, dass nichts über das Spiel on-the-board, also face-to-face geht – ob nun im Verein oder im Internet?

Computer- und Menschen-Schach ergänzen sich

Für heutige Adepten des Königlichen Spiels geht es also nicht um ein Entweder-oder, sondern um das Sowohl-als-auch. Eine regelrechte Symbiose gehen dabei das Computer- und das Menschen-Schach im modernen Fernschach ein – über die grosse Bedeutung der Engines bei Analyse und Zuggenierung in FS-Turnieren lese man auch das Interview mit Fernschach-Grossmeister Arno Nickel. Selbstverständlich hat aber der Computer längst Einzug gehalten auch in die häusliche Vorbereitung aller starken Turnierspieler. Kommerzielle Programme wie z.B. die Schach-Datenbank Chessbase oder die Schach-Oberfläche Fritz gehören seit Jahren zum unverzichtbaren Software-Park der Grossmeister. Daneben kann auch jeder Vereinsamateur inzwischen eine Vielzahl von hervorragenden Freeware-Engines wie Stockfish, Fizbo, Andscacs oder Critter sowie passende Gratis-GUI’s wie Arena oder SCID u.a. downloaden.

Dem Remis-Tod entgegenwirken

... dem aktuell weltbesten Schach-Programm Stockfish. Wahrscheinlich generierte die Begegnung eine ganze Reihe von Remisen...
… dem aktuell weltbesten Schach-Programm Stockfish. Wahrscheinlich generierte die Begegnung eine ganze Reihe von Remisen…

Lässt man nun solche Computerschach-Turniere mit den heutigen Programmen ausspielen, stösst man schnell auf ein eher unschönes Phänomen: den sog. Remis-Tod. Ein Begriff, den seinerzeit schon die „Schachmaschine“ Jose Capablanca im Munde führte, und den später Weltmeister Bobby Fischer ebenfalls verwendete (und mit seinem Chess960 bzw. Fischer-Random-Chess dann gleich aktiv zu bekämpfen versuchte). Gemeint ist, dass die enorme Spielstärke der Top-10-Engines zwar hochstehende, aber auch viel zu häufig unentschiedene Partien generiert. Da das extreme Niveau der Programme schnelle Überfälle aufgrund von groben Taktik-Fehlern verunmöglicht, geht zwangsläufig ein sehr hoher Prozentsatz der Games remis aus. Korrektes, aber eben langweiliges Geschiebe über ganze Engine-Turniere hinweg ist das öde Resultat.

Wahl des Opening-Books entscheidend

Direkt abhängig und darum beeinflussbar ist dieser Remis-Tod von bzw. mit der Art bzw. Qualität des sog. Eröffnungsbuches, das man den Engines vorsetzt. Lange Zeit galt diesbezüglich ja die Devise, möglichst ausgeglichene, bis weit ins Mittelspiel hinein analysierte Opening-Books zu verwenden. Mit dem Resultat, dass die Programme nicht nur die Eröffnungsphase elegant umschummeln konnten, sondern viel zu häufig gleich im Übergang Mittelspiel-Endspiel landeten, wo dann womöglich auch noch eine ewig lange Seeschlange ihren Anfang nahmen…
Das Problem kann grundsätzlich auf drei Arten angegangen werden: Entweder lässt man die Turniere mit extra eng bemessenen Book-Vorgaben (fünf bis sieben Züge) ausspielen; oder man verwendet spezifische Gambit-Bücher – siehe beispielsweise hier das 1. Engine-Gambit-Turnier 2017 -; oder aber es kommen speziell präparierte Books zum Einsatz, die Asymmetrien der Konstellationen aufweisen, doch trotzdem nicht das Gleichgewicht zu ungunsten der Weiss- oder Schwarz-Seite verschieben.

Das SALC-Book von Stefan Pohl

Stefan Pohl Computer Chess Webseite
Stefan Pohls Computerschach-Webseite beinhaltet einige interessante Engine-Experimente

Ein solches Eröffnungsbuch für Schachprogramme hat der deutsche Computerschach-Anwender Stefan Pohl komponiert. Sein sog. SALC-Book ist folgendermassen definiert (Zitat):

SALC means (S)hort (A)nd (L)ong (C)astling: The SALC books were created out of human games (both players >=2000 Elo, game at least 30 moveslong, castling to opposite sides (if white played 0-0, black played 0-0-0. If white played 0-0-0, black played 0-0)), both queens still on board. No double games. When using SALC, the chance for attacks towards the opponent king is much higher than using normal opening-books. Because of this, computerchess using this book, will bring more action and fun to watch (and a measureable lower number of draws), because the faster the computers get,the higher the quality of computerchess get and the higher the draw-rate in engine-engine-matches get…so the computerchess is in danger to die the „draw-death“ in the near future.

Das SALC weist inzwischen mehrere Derivate auf – für mein nachstehend erläutertes Turnier verwendete ich eine 9-moves-Variante, die also 18 Plies (= Halbzüge) und eben nur Eröffnungssysteme mit ungleichseitiger Rochade enthält. Pohl verspricht sich davon mehr Königsangriffe und überhaupt „more action and fun to watch“. Ein interessanter Ansatz also, der es wert ist vermehrt bei Engine-Turnieren berücksichtigt zu werden.

SALC-Turnier mit 10 der besten Engines

Also habe ich mal ein Computerschach-Turnier mit zehn der besten aktuellen Motoren aufgesetzt bei einem 4-rundigen Modus, wobei die folgenden Spezifikationen galten:

  • AMD FX-8350 (4 Ghz) – 64bit – 4 Cores
  • Fritz 15 – Hash 1Gb (inkl. Nalimov-TBs)
  • SALC-Ctg. Book (9moves) – 5 Min. Bedenkzeit/Engine

Ein Blick auf die nachstehende Rangliste zeigt sofort: Ohne Remis-Ergebnisse geht’s natürlich auch mit dem SALC nicht – ganz genau genommen endeten 74 der insgesamt 180 Partien unentschieden. Immerhin: die deutliche Mehrheit der Partien weist ein Sieg-Niederlage-Resultat auf. Wer weitere Detail-Analysen des Turniers anstellen will, kann hier alle Partien downloaden.

Das Resultat des kleinen SALC-Engine-Turnieres mit 180 Partien zeigt die übliche Hierarchie der aktuellen Programm-Szene (Klick auf die Tabelle für Vergrösserung)
Das Resultat des kleinen SALC-Engine-Turnieres mit 180 Partien zeigt die übliche Hierarchie der aktuellen Programm-Szene (Klick auf die Tabelle für Vergrösserung)

Die Rangliste selber weist keine Unregelmässigkeiten auf, sondern spiegelt – trotz relativ wenigen Partien – in etwa die aktuelle Hierarchie wieder: Das Stockfish-Assembler-Derivat AsmFish als eindeutiger Überflieger, die immer noch extrem spielstarken Engines Komodo und Houdini in der zweiten Reihe, als dritte Garnitur dann Deep Shredder 13 & Co. schliesslich Critter mit Gefolge.

Inwiefern die 180 Partien nun tatsächlich „more action and fun“ haben, müsste eine eifrige Binnenanalyse des Turniers zeigen. Dass aber dieses SALC-Turnier trotz knapper Bedenkzeit und eingeschränkter Bandbreite der Eröffnungen prächtige Partien zeitigte, beweist die folgende kleine Auslese an Rosinen.

Hier können die obigen sechs Top-Shots dieses SALC-Turnieres als PGN-Datei runtergeladen werden.

Fazit: Ob das SALC-Book tatsächlich signifikant weniger Remis-Partien generiert in Engine-Turnieren, könnten statistisch aussagekräftig natürlich erst deutlich umfangreichere Turniere beweisen.1) Aber gefühlt ist das SALC bestimmt eine Bereicherung des Book-Angebotes, es stellt mit seinen konsequent ungleichseitigen Rochaden eine schachliche Aufwertung dar. ♦

1)Auf seiner Webseite präsentiert Stefan Pohl bereits eine Reihe umfangreicher Experimente mit dem SALC-Book. Sie dokumentieren in der Tat einen deutlichen Rückgang der Remisquote bei Verwendung dieses Eröffnungsbuches.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Eröffnung“ auch den Beitrag über die Opening Encyclopaedia (Chessbase)

… und lesen Sie zum Thema Schach-Software auch: Fritz 16 erschienen

Valeri Bronznik: 1.d4-Ratgeber (Schacheröffnungen)

Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Weisse Rezepte gegen die schwarze Giftküche

von Walter Eigenmann

Der gebürtige Ukrainer Valeri Bronznik, seines Zeichens Internationaler Meister und seit Jahren in Stuttgart ansässig, geniesst nicht nur als Spieler, sondern auch als Buchautor wie als Schachpädagoge einiges Ansehen. Das Credo, dem dabei der rührige IM als Schach-Coach und als Theoretiker anhängt, erläutert er selber einschlägig:
„Viele meinen, dass es völlig ausreichend sei, eigene Partien mit dem Computer zu analysieren. „Fritz sagt, dass falls ich Lc1xh6 gespielt hätte, wäre es +2,7 für mich“; oder „Es war praktisch ausgeglichen, ich sollte nur Da1-h8 spielen“. Wozu braucht man noch einen Trainer, wenn ein Schachprogramm alles sofort sieht und zeigt?

Bronznik: 1.d4 - Ratgeber gegen Unorthodoxe VerteidigungenDie Antwort ist eigentlich einfach. Kein Schachprogramm erklärt Ihnen, wie Sie den richtigen Zug finden. Es erklärt Ihnen auch nicht, warum Sie diesen, und nicht den anderen Plan verwirklichen sollen. In Ihren weiteren Partien werden Tausende neuer Positionen entstehen, aber kein Programm sagt Ihnen, mit welcher Vorgehensweise Sie die zukünftigen Probleme lösen können. Kein Programm kann erkennen, zu welchen Fehlern Sie neigen, aus welchem Grund, und Ihnen dann eine entsprechende Hilfe anbieten. Kein Programm zieht Psychologie in Betracht, welche im Schach eine enorm grosse Rolle spielt.
Das alles lässt sich aber mit Hilfe eines qualifizierten Trainers lösen. Und wenn Ihre Zusammenarbeit mit ihm gut läuft, dann sehen Sie nach einiger Zeit, dass Sie das Schachspiel viel besser verstehen, in Ihren verschiedenen Turniersituationen viel besser zurecht kommen und folglich einfach besser spielen und davon mehr Spass haben.“

Ihr Gegner will Sie überraschen? Bleiben Sie cool!

Nun könnte man solcherlei auf den ersten Blick als simpel-worthülsige Reklame fürs eigene Gewerbe abtun, hätte Valeri Bronznik den Tatbeweis seiner Qualitäten nicht längst auch in Form vielbeachteter Buchpublikationen angetreten. Nach spezifischen Eröffnungs-Monographien (z.B. über „Tschigorin“ und „Colle“) sowie einem Positionsspiel-Lehrbuch (gemeinsam mit Anatoli Terekhin) widmete er sich nun verschiedenen Nebenlinien gegen ungewöhnliche schwarze Reaktionen auf 1.d4; der Band nennt sich vielsagend: „1.d4 – Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen / Ihr Gegner will Sie überraschen? Bleiben Sie cool!“

Und in der Tat hat wohl jeder ambitionierte d4-Spieler gegen den schwarzen Mainstream der Halboffenen Spiele – der da ist: alle bekannten „grossen“ Indischen Verteidigungen inkl. Grünfeld und Benoni sowie natürlich der ganze Damengambit-Komplex – seine Lieblingspfeile im Eröffnungsköcher; wenn aber die Nachziehenden mit vielversprechendem Exotischem daherkommen – z.B. betont Taktik-Lastigem wie die Englund-, Schara-Hennig-, Albins-Gambite oder auch einer „gesunden“ Keres- oder Englisch-Verteidigung zuzüglich Budapester Gambit -, dann kann das beim unvorbereiteten Weissen schon mal die Schweisstropfen der hochnotpeinlichen Überraschung auf die Stirn treiben (siehe auch untenstehendes Inhaltsverzeichnis).

Keine Eröffnungsbibel, sondern ein Wegweiser

Lesefreundliches Schriftbild, schönes Layout, inkl. „Fazit“: Auszug der „Geier“-Analyse von Valeri Bronznik

Dagegen nun fährt Valeri Bronzniks Veröffentlichung kräftig Geschütze auf – wobei er dezidiert keine „Eröffnungsbibel“ schrieb, sondern eher ein „Wegweiser“, der teils zwar bei komplexen Systemen eine variantenreiche Binnengliederung nötig machte, teils bei klareren „Fällen“ auch eine einfachere Strukturierung des Materials verwendete. Dementsprechend beanspruchen „seriösere“ Systeme – z.B. Keres-Verteidigung, Verzögerter Stonewall, Budapester Gambit oder Englische Verteidigung – ausführlich Raum, während Waghalsig-Unkorrektes wie beispielsweise Soller- bwz. Englund-Gambit oder das Wusel mit ein paar wenigen Seiten bzw. dem Hinweis auf „natürliche Züge“ für den Anziehenden abgefertigt werden konnten. Grundsätzlich reduziert Autor Bronznik aber eigentlich weitverzweigendes Variantengestrüpp in wohltuendem Pragmatismus einfach auf ein besonders vielversprechendes Abspiel mit dem Hinweis: „Die Variante, die ich Ihnen empfehle, ist darauf orientiert, einen vielleicht nicht sehr grossen, dafür aber stabilen Vorteil zu erhalten.“
Im Zuge seiner Untersuchungen greift dabei Bronznik immer wieder dezidiert u.a. auf Arbeiten des Münsterer Schachautoren und Dortmunder Bundesligisten Stefan Bücker zurück, um dessen umfangreiche Recherchen in Sachen „Groteske Schacheröffnungen“ konstruktiv aufzugreifen bzw. kritisch zu hinterfragen. Denn Kaissiber-Herausgeber Bücker hat sich gerade als Experte für Unorthodoxes einen Namen gemacht, so dass Valeri Bronznik in verschiedenen Details die Arbeit des Münsterer FIDE-Meisters zum willkommenen Ausgangspunkt seiner Aktualisierungen nehmen konnte.

Aktuelle theoretische Partien-Basis

Stichwort Aktualität: diesbezüglich ist diese d4-Abhandlung Bronzniks über jeden Zweifel erhaben – sowohl hinsichtlich des Partien- wie bezüglich des Variantenmaterials. Sogar die Grundlagen- bzw. Beispiel-Partien, welche das zu behandelnde System je verallgemeinernd umreissen, sind – im Gegensatz zu vergleichbaren Publikationen – meist nicht älter als 10-15 Jahre, weiterführende exemplarische Games stammen manchmal gar aus dem Zeitraum der letzten zwei Jahre. Auch hinsichtlich taktische Akkuratesse – ein in älteren Monographien dieser Art immer wieder kritisches Element – befriedigt Bronzniks Arbeit: der Autor hat offensichtlich ausführlich Gebrauch gemacht von modernster Software, was die Gefahr von fehlerhaften taktischen Details minimiert, und an einzelnen Stellen werden gar dezidiert Analyseergebnisse von starken Schach-Programmen wie z.B. „Rybka“ oder „Fritz“ zitiert.

Konzipiert für alle Stärke-Levels

Fazit-Banner Glarean Magazin
Mit seinem neuesten „Ratgeber“ für d4-Spieler, die geeignete Waffen gegen unorthodoxe schwarze Eröffnungssysteme suchen, präsentiert der Stuttgarter IM Valeri Bronznik eine qualitätsvolle Monographie, die sehr originelle Rezepte vorlegt und dabei so manche schwarze Überfalls-Idee ad absurdum führt. Eine sehr interessante und empfehlenswerte Produktion aus dem Hause Kania.

Ein Knackpunkt bei variantenorientierter Schachliteratur ist selbstverständlich immer wieder die Ausgewogenheit von verbalem Beschrieb und konkreten Zugfolgen – und gerade hier auch überzeugt Bronzniks schachliterarischer Ansatz. Das teils durchaus enorm detailreiche Variantenmaterial in seinen oft starken Verästelungen wird vom Autor immer wieder strukturierend unterbrochen mit strategischen Hinweisen, positionellen Anmerkungen, allgemeinschachlichen Tipps – was in diesem Mix auch das Spektrum der Zielgruppen wünschenswert dehnt: Der Band dürfte auf allen Stärke-Levels vom erfahrenen Vereinsamateur bis zum ambitionierten Open-Spieler mit Gewinn konsultiert werden; erstere werden die grundsätzliche Einschätzung eines Gambits bzw. eines Eröffnungskomplexes zu schätzen wissen, die anderen die zahlreichen konkreten, zwar verästelten, aber nie ausufernden Abspiele als Grundlage für die eigene Eröffnungsarbeit nehmen. Über den grundsätzlichen Wert eines jedes vorgestellten Systems gibt dabei der Autor am Ende des jeweiligen Kapitels Auskunft in einem eigenen „Fazit“, das die vorausgegangene Analyse mit einer Empfehlung für den Weissen (oder ggf. einer Warnung für Schwarz…) zusammenfasst.

Qualitätsvolle Print-Ausgabe

Hilfreich beim Buchstudium ist dabei auch das differenzierende Schriftbild des Bandes: Die Partiefortsetzung kommt in grösseren, die Variante in kleineren fetten, die weitere Untergliederung in normalen Buchstaben daher. Verbunden mit einer übersichtlichen Einzug- bzw. Absatz-Gestaltung sowie einer wohldosierten Diagramm-Verwendung unterstützt das Übersichtlichkeit und Lesefluss. Auch in Sachen Buchdruck überzeugt die neue Produktion aus dem Hause Kania vorbehaltlos: Stabiler Hardcover-Einband, schöne Fadenheftung, ästhetisches Layout mit tadellosem Diagramm-Druck auf qualitätsvollem Papier – wenngleich dies alles nicht anders erwartet aus einem Schach-Verlag, der schon seit Jahren anerkanntermassen nicht auf Quantität, sondern auf Qualität setzt. Zum Preis von 20 Euro erhält der Schachfreund erneut also ein Schachbuch der mustergültigen Art, das in dieser Thematik und mit dieser Qualität willkommen eine Lücke schliesst. ♦

Valeri Bronznik: 1.d4 – Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen, 236 Seiten, Kania Schachverlag, ISBN 3-978-3-931192-37-2

Leseproben (Scans)

Valeri Bronznik: 1.d4 - Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen (Probeseite)
Valeri Bronznik: 1.d4 – Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen (Probeseite)

Inhalt

Einführung
TEIL I Verschiedene 1... Züge
Kapitel 01  Englund-Gambit und Verwandtes
Kapitel 02  Holländisches Benoni
Kapitel 03  Das Wusel
Kapitel 04  Die Polnische Verteidigung
Kapitel 05  Die Owen-Verteidigung
Kapitel 06  1...Sc6
Kapitel 07  Die Keres-Verteidigung
Kapitel 08  Die Englische Verteidigung
TEIL II Variationen im Damengambit
Kapitel 09  Die Marshall-Verteidigung
Kapitel 10  Die Österreichische Verteidigung
Kapitel 11  Die Baltische Verteidigung
Kpaitel 12  Albins Gegengambit
Kapitel 13  Das Schara-Hennig-Gambit
Kapitel 14  Der verzögerte Stonewall
TEIL III Indische Spezialitäten
Kapitel 15  Snake-Benoni
Kapitel 16  Der Geier
Kapitel 17  Das Fajarowicz-Gambit
Kapitel 18  Das Budapester Gambit
Kapitel 19  Black Knight's Tango
Literaturverzeichnis
Spielerverzeichnis
Index

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Schacheröffnungen“ auch über
Mihail Marin: Die Englische Eröffnung

Mihail Marin: Die Englische Eröffnung (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Tiefsinnige Arbeit über den „englischen“ Eröffnungskomplex

von Malte Thodam

Dem britischen Schachverlag „Quality Chess“ ist mit der neuen Reihe „Grandmaster Repertoire“ anscheinend ein grosser Wurf gelungen. Die beiden Bände des israelischen Grossmeisters Boris Avrukh über 1.d4 waren, wie man allenthalben hört, ein voller Erfolg. Kein Wunder, dass nun immer weitere Werke in dieser Reihe erscheinen, so auch zur Englischen Eröffnung. Der erste Band dazu, dessen Autor der rumänische Grossmeister Mihail Marin ist, liegt bereits vor.

Einer der führenden Experten  der Englischen Eröffnung

Mihail Marin: Die Englische Eröffnung (Band eins) Quality ChessMarin hat sich mittlerweile durch andere Bücher wie „Learn from the Legends“ oder seine exzellenten Bände zu den offenen Spielen einen mehr als guten Ruf als Schachautor erarbeitet. Seine Analysen sind sehr genau, und trotzdem auch für einen Normalsterblichen nachvollziehbar, der Schreibstil Marins ist stets unterhaltsam, denn schliesslich lässt er den Leser auch an seinen eigenen Erfahrungen teilhaben. Da Marin ausserdem einer der führenden Experten der Englischen Eröffnung ist, versprach sein Buch „Die Englische Eröffnung Band 1“ (dem Rezensenten liegt die deutsche Ausgabe vor) von Anfang an viel.

Das Ziel Marins in „Die Englische Eröffnung“ besteht darin, in insgesamt drei Bänden ein komplettes Repertoire für Weiss nach 1.c4 anzubieten. Dabei beschäftigt sich Band 1 ausschliesslich mit den Varianten nach 1.c4 e5, zwei weitere Bände sind noch geplant. Band 2 wird dabei andere schwarze Züge wie 1…e6 oder 1…c6 behandeln, den Schluss soll schliesslich der dritte Band über symmetrisches Englisch bilden. Diese sollen laut Quality Chess im August/September 2010 erscheinen.

Gespickt mit Neuerungen aus dem eigenen Eröffnungslabor

Mihail Marin - Glarean Magazin
Eröffnungsspezialist: Grossmeister Mihail Marin

Bis dahin bleiben den Freunden der englischen Eröffnung erst einmal üppige 480 Seiten über 1. c4 c5. Marin unterteilt das Material in die Hauptsysteme (u.a. Karpow-Variante, Botvinnik System, Rossolimo Variante usw.) und die Nebenvarianten (etwa die Keres-Variante). Das vorgeschlagene Repertoire hat Marin selbst in einem langen Reifeprozess entwickelt, wie er im Vorwort ausführt. Anschliessend hat er es in seinen eigenen Partien mit Erfolg benutzt, wie seine Analysen, in denen er auch Ausschnitte aus eigenen Partien vorstellt, belegen. Nach 1.c4 c5 fährt Marin ausschliesslich mit 2.g3 fort, wie es schon Tony Kosten in seinem älteren Repertoirebuch „The dynamic English“ empfohlen hat. Damit vermeidet Marin Abspiele wie z.B. 1.c4 e5 2.Sc3 Lb4 nebst …f5, die mit Weiss lästig sein könnten. Das Buch ist gespickt mit zahlreichen Neuerungen aus Marins Eröffnungslabor, die auch für Grossmeister interessant sein dürften.

Erhellende Ausführungen statt simple Notationssymbole

Das klassische frühere
Das klassische frühere „Sizilianisch im Anzuge“ als Hauptsystem der Englischen Eröffnung: 1.c4 e5

Für jeden ernsthaften Englischspieler kann man daher „Die Englische Eröffnung Band 1“ nur empfehlen. Der normale Schachspieler wird die Fülle an Material mit Sicherheit nicht vollständig brauchen, daneben dürften die hilfreichen Erklärungen Marins aber für die meisten Schachspieler verständlich sein. Marin schreibt zu diesem Aspekt selbst in der Einleitung, dass man das Buch nicht komplett durcharbeiten muss, sondern die Erklärungen wiederkehrender Motive den meisten Lesern schon erheblich weiterhelfen dürften.

Bei der Klarheit, mit der Marin alle Feinheiten der Englischen Eröffnung in ihrer reinsten Form (1.c4 e5) beschreibt, bemerkt man sein riesiges Verständnis der entstehenden Abspiele. Anders als in vielen Eröffnungsbüchern bietet er dem Leser erhellende Ausführungen über die Bewertungen einzelner Varianten, statt ihn mit einem einfachen „+=“ oder ähnlichem abzuspeisen. Jedem Kapitel folgt eine kurze Zusammenfassung, in der Marin seine Einschätzung über die behandelten Varianten mit seinem Publikum teilt. Dadurch vertieft der Leser nicht nur sein Wissen über die Englische Eröffnung, sondern auch sein Verständnis des gesamten Schachspiels.

Marin ist mit
Marin ist mit „Die Englische Eröffnung“ das Kunststück gelungen, einen Theorie-Band zu schreiben, der sowohl Eröffnungs- als auch Mittelspiel-Buch ist. Eine tiefsinnige Arbeit für jeden fortgeschrittenen Spieler bis zum starken Grossmeister.

Einmal mehr ist Marin das Kunststück gelungen einen Theorie-Band zu schreiben, der sowohl Eröffnungs- als auch Mittelspielbuch ist. Eine tiefsinnige Arbeit für jeden fortgeschrittenen Spieler bis zum starken Grossmeister. Man darf gespannt auf seine beiden Folgebände über die restlichen Antworten auf 1.c4 warten. Den verdienten Nachfolger von KostenŽs „The Dynamic English“ hat Marin jedenfalls jetzt schon vorgelegt. ♦

Mihail Marin, Grossmeister-Repertoire – Englische Eröffnung Bd.1, 480 Seiten, Quality Chess, ISBN 978-1906552244

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Eröffnungen auch von Karsten Müller & Rainer Knaak: 222 Eröffnungsfallen

Nesis & Alexejew: Königsindische Verteidigung (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Interessanter Ausflug zum „Königsinder“

von Malte Thodam

Seit langer Zeit schon hat die Königsindische Verteidigung alle Schachspieler fasziniert, die mit Schwarz sofort eine unbalancierte Stellung erreichen wollen, um so den ganzen Punkt zu erkämpfen. Unvergessen bleiben die Partien Fischers und Kasparovs, denen diese Eröffnung einen Grossteil ihrer Popularität verdankt. In heutiger Zeit ist es hauptsächlich Radjabov, der immer wieder neue Ideen im „Königsinder“ findet, und ihn somit immer noch auf höchstem Niveau spielbar hält.
Weiss hat seit der Erfindung dieser Verteidigung im 19. Jahrhundert alles versucht, um seinen Raumvorteil in etwas Zählbares umzuwandeln. Dies hat die aktuelle Theorie in ein wahres Dickicht von Varianten geführt, in dem man schnell den Überblick verlieren kann. Um das Studium dieser klassischen Kontereröffnung zu erleichtern, hat der Fernschach-Vizeweltmeister Gennadi Nesis im Joachim-Beyer-Schachverlag das Werk „Königsindische Verteidigung – richtig gespielt“ verfasst, wofür er sich den starken russischen Grossmeister Jewgeni Alexejew als Co-Autor ins Boot geholt hat.

Kein gängiges Eröffnungsbuch, sondern eine Partien-Sammlung

Aufgebaut ist das Buch aus insgesamt fünf Kapiteln, von denen jedes ein Hauptsystem (Fianchetto-System, Sämisch, Klassisches System, Vierbauernvariante) behandelt. Jedem Kapitel wurde eine kurze Einführung vorangestellt, die neben allgemeinen Informationen auch einige historische Fakten zu den behandelten Systemen bereit hält. Das Schlusskapitel beschäftigt sich mit den selteneren Versuchen des Weissen, etwa dem Awerbach-System (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0 6.Lg5).

G. Nessis & J. Alexejew: Königsindische Verteidigung - richtig gespieltInteressant dabei ist, dass nicht einfach die verschiedenen Varianten nacheinander „abgespult“ werden, wie es in klassischen Theoriebüchern oft der Fall ist; das Buch ist eher als eine Partiesammlung aufzufassen, nicht als gängiges Eröffnungsbuch. Dabei enthält „Königsindische Verteidigung – richtig gespielt“ sowohl ältere Partien als auch aktuelles Material bis 2008. Den Autoren geht es eher darum, die Ideen der Eröffnung vorzustellen, statt eine Masse an Theorie aufzubereiten. Sie führen den Leser mit Kommentaren durch die zum grossen Teil wirklich sehr schönen Partien, die nicht selten durch hübsche taktischen Pointen entschieden werden.
Ein Beispiel aus der Partie Wang Yue – Ivan Cheparinow, FIDE-Weltcup Chanty-Mansisk 2007, sei hier kurz vorgestellt: In dieser Stellung nach dem 40. Zug von Weiss wäre die Umwandlung des Bauern d2 in eine Dame ein grober Fehler, da hierdurch das Dauerschach durch die weisse Dame möglich würde (40… d1 D?? 41.De7+ Kh6 42. Dg5+ Kg7 43.De7+ usw.). Doch Cheparinow spielte an dieser Stelle das starke 40… d1 S+! – der Zug gewinnt ein entscheidendes Tempo und hält den schwarzen Materialvorteil fest, gegen den Weiss kein ausreichendes Gegenspiel als Kompensation verfügt.

Taktische Kenntnisse als Voraussetzung für nutzbringende Lektüre

Abweichungen von den Textzügen bzw. Hauptvarianten der Partien werden ebenfalls durch Varianten erklärt, wobei hier (wie bereits erwähnt) keine theoretische Vollständigkeit gegeben ist. Um das Buch ohne grössere Anstrengungen lesen zu können, sollte man über gewisse taktische Kenntnisse verfügen, da nicht immer alles erklärt wird, wie es z.B. in der „Starting-Out“-Reihe im Verlag „Everyman“ der Fall ist. Für den fortgeschrittenen Schachfreund, der sein Wissen über die Königsindische Verteidigung aufbessern will, findet sich allerdings eine reiche Palette an interessanten Kämpfen.

„Königsindische Verteidigung – richtig gespielt“ stellt kein komplettes Repertoirebuch dar, sondern ist für Schachspieler gedacht, die einen interessanten Überblick über die wesentlichen Motive dieser wichtigen Schach-Eröffnung suchen. Wer demgegenüber ein komplettes Repertoirebuch sucht, sollte sich vielleicht doch anderweitig umschauen, da dieser Band dem versierten Turnierspieler hierfür gewiss nicht mehr ausreichen wird. Diesen Anspruch erheben die beiden Autoren jedoch auch nicht, so dass ihr Werk einen interessanten Überblick über diese theoretisch und praktisch gleichermassen bedeutsame Eröffnung darstellt und wichtige, in ihr stets wiederkehrende Motive begreiflich macht. ♦

Gennadi Nesis / Jewgeni Alexejew, Königsindische Verteidigung – richtig gespielt, 204 Seiten, Joachim-Beyer-Schachverlag, ISBN 978-3888055003

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über die
Schach-Zeitschrift Caissa – Ausgabe 1-2018

J. Konikowski und O. Heinzel: Holländisch – richtig gespielt

Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Varianten-Fülle auf Kosten der Kommentierung

von Malte Thodam

Der Doppelschritt des schwarzen f-Bauern als Antwort auf 1.d4 gilt seit langer Zeit als umstritten. Während einige starke Grossmeister den Zug in ihrem  Repertoire haben, oder ihn zumindest früher einmal gespielt haben (unter anderem sogar Kramnik!), lehnen andere ihn vehement als fehlerhaft ab. GM Jussupow, der übrigens ebenso wie bereits Weltmeister Kramnik in der Vergangenheit darauf zurückgegriffen hat, bemerkte über die Holländische Eröffnung einmal, dass f5-f7 wohl vielfach der beste Zug wäre, wenn er denn den Regeln nach möglich wäre…
Das ist sicher etwas überspitzt formuliert, zeigt aber die Schwierigkeit der Diskussion über diese ungewöhnliche Spielweise eindeutig. Der GM Vladimir Malaniuk gilt heute als führender Experte des Leningrader Systems, genau wie der deutsche Grossmeister Stefan Kindermann, dessen Buch über die besagte Eröffnung einen sehr guten Ruf geniesst.

Das komplette Holländisch-Repertoire angeboten

Konikowski: Holländisch - richtig gespieltAktuell ist nun im Joachim-Beyer-Verlag ein neues Werk zur Holländischen Eröffnung erschienen. In „Holländisch richtig gespielt“ wollen FM Jerzy Konikowski und IM Olaf Heinzel dem Leser ein komplettes Repertoire für Schwarz nach 1.d4 f5 anbieten. Doch damit nicht genug: Es steht dem Leser die Wahl zwischen dem Stonewall und dem Leningrader System offen, beide für sich genommen schon ziemlich anspruchsvoll.

Das alles auf 149 Seiten unterbringen zu wollen, erscheint ziemlich ambitioniert – vor allem, wenn man die zahlreichen Nebenvarianten bedenkt, die gerade auf Ebene der Vereinsspieler nicht gerade ungefährlich sind. In der Einführung versprechen die Autoren auch darauf kurz einzugehen, ohne gewisse Vorkenntnisse oder aber die nötige Spielstärke sucht derjenige, der sich mit der Holländischen Verteidigung vertraut machen möchte, jedoch oft nach genaueren Erklärungen. Zum Beispiel erhält das für versierte Holländisch-Spieler zugegebenermassen nicht gerade furchteinflössende 2.g4 nur einige Varianten, die mit „unklar“ oder „Schwarz steht leicht besser“ enden. Die Autoren bemerken dazu (auf S.11): „Sie werden feststellen, dass Ihnen weniger bekannte Abspiele in der Turnierpraxis keine Schwierigkeiten mehr bereiten werden, wenn Ihnen die Prinzipien dieser Eröffnung bekannt sind.“ Das trifft natürlich auf jede Eröffnung zu, aber dennoch drängt sich die Frage auf, wieso man hier nicht ausführlicher kommentiert hat.

Interessant, umstritten, chancenreich: Die Holländische Partie 1.d2-d4 f7-f5
Interessant, umstritten, chancenreich: Die Holländische Partie 1.d2-d4 f7-f5

Dieser Stil zieht sich durch das ganze Buch. Es gibt viele Varianten, die mit „Schwarz steht besser“, „mit zweischneidigem Spiel“ oder ähnlichen Bewertungen enden. Die genaueren Details muss sich der Leser jedoch selbst erarbeiten, bzw. er muss stark genug sein, um mit diesen knappen Einschätzungen genug anfangen zu können. Gerade weniger erfahrene Spieler wünschen sich aber erfahrungsgemäss oft lieber einige verbale Zusatzerklärungen.

Varianten-Gestrüpp überwuchert die Kommentare

Es ist prinzipiell in Ordnung, wenn ein Buch wie das vorliegende aufgebaut ist, nur muss man sich im Klaren darüber sein, dass dies harte Arbeit bedeutet, wenn die zahlreichen Varianten die Kommentare eindeutig überwiegen. Dies ist nicht unbedingt nach jedermanns Geschmack. Die Partien sind etwas ausführlicher kommentiert als der Rest des Buches, doch warum stammt die aktuellste Partie aus dem Jahre 2006? Hätte man hier nicht neueres Material benutzen können, zumal etliche wirklich alte Spiele das Gros des dargebotenen Partiematerials ausmachen? Auch die Zusammenfassungen der Kapitel könnten teilweise etwas umfangreicher sein. Schlussfolgerungen wie: „Vor dieser weissen Aufstellung braucht sich Schwarz nicht zu fürchten. Er kann das Spiel einfach ausgleichen“ (S.105) wirken manchmal ein wenig zu knapp.

Fazit-Balken Glarean Magazin
Teilweise geht die Fülle der Varianten und Neben-Abspiele klar auf Kosten der (allgemeinen) Kommentare – schlecht für den „normalen“ Vereins-Spieler. Für den Elo-starken Turnier-Spieler kann sich der Band hingegen als durchaus hilfreiche Unterstützung der häuslichen Vorarbeit erweisen.

Immerhin wird aber hier und da auf wichtige Punkte aufmerksam gemacht, die man allerdings in der Regel anhand der Varianten wieder selbst erarbeiten muss, da sie nicht immer weiter ausgeführt werden. Schliesslich ist es etwas schade, dass die Fülle an Varianten auf Kosten der Kommentare geht, um auf den ca. 150 Seiten das eingangs erwähnte Vorhaben umsetzen zu können. Denn durch das Gefühl, auf manchen Seiten in den Varianten regelrecht zu ertrinken, wird mancher gute und richtige Kommentar in den Hintergrund gedrängt. Ein paar Seiten mehr für verbale Erklärungen hätten dem Buch sicher nicht geschadet, zudem hätten sie die Lesbarkeit sicherlich verbessert.
Den grössten Nutzen aus dieser – drucktechnisch und layouterisch sehr gediegen präsentierten – Monographie wird also der erfahrene, kräftig mit Elo-Punkten ausgestattete Turnierspieler ziehen, den weniger die allgemeinen (holländischen) Stellungskriterien denn die konkreten Abspiele interessieren. Für ihn kann sich der Band als durchaus hilfreiche Unterstützung der häuslichen Turnier-Vorarbeit erweisen. ♦

J.Konikowski / O. Heinzel, Holländisch – richtig gespielt, Joachim Beyer Verlag, 144 Seiten, ISBN 978-3888054990

Inhalt (Auszug)

Inhalt von "Holländisch - richtig gespielt" (Joachim Beyer Verlag)
Inhalt von „Holländisch – richtig gespielt“ (Joachim Beyer Verlag)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach auch über
Martin Breutigam: Todesküsse am Brett

Computerschach: Opening Encyclopaedia (Chessbase)

Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Fachmännische Betreuung einer modernen Partien-Sammlung

von Dr. Peter Martan

Neue Erneut präsentiert Deutschlands bekanntester Schachsoftware-Produzent Chessbase eine aktuelle Ausgabe seiner traditionellen „Opening Encyclopaedia“. Die mit knapp 100 Euro nicht eben billige DVD kommt wie gewohnt mit einer fulminanten Fülle (neuen) Materials daher.

Vorneweg ein kleiner Hinweis für User wie mich, die vor längerer Zeit die letzte Version des „ChessBase Readers“ installiert haben: Die Datenbank lässt sich zwar ggf. mit einer alten Version starten, funktioniert aber evtl. trotzdem nicht fehlerfrei. Bei mir war es so, dass die Links zur Info und zu den alten Datenbanken Fehlermeldungen erzeugten; Erst nach Neuinstallation lief die Sache. Und noch ein Tip: Dass die Gebrauchsanleitung (abgesehen von den ersten Schritten der Installation, im Cover beschrieben) lediglich auf der DVD im Stammverzeichnis als „cb9readerGER.pdf“ vorliegt, findet man auch nicht gleich heraus… Andererseits ist es natürlich komfortabel, die Datenbank auch von „Fritz“ bzw. dem „ChessBase“-Datenbankprogramm aus starten zu können; dort hat man auch die volle Online-Hilfe-Unterstützung, welche im Reader nicht aktiv ist. Dessen Hauptvorteil gegenüber dem reinen Datenbankprogramm ist der Titel- und Informationstext, der gleichzeitig als Menüführung durch das gesamte Partienmaterial dient.

Imposante Geschwindigkeit der Suche

Das Blättern in dem nach Text, Partien, Spielern, Turnieren, Kommentatoren, Quellen, Mannschaften und Eröffnungen geordneten Material ist einem Browser ähnlich und intuitiv erfassbar. Mit entsprechenden „Schlüsseln“ kann man dann noch nach Themen, taktischen und strategischen Motiven sowie nach Endspielen suchen. Dabei imponiert die Geschwindigkeit, mit der das riesige Material z.B. nach bestimmten Brettstellungen durchforstet wird – auf einem modernen Rechner nur wenige Minuten -, um nach bestimmten Brettstellungen zu suchen. Auf der DVD sind 4,4 GB, über 3,35 Millionen Partien, auf Festplatte installiert werden davon nur 30 MB. Dazu kommt, dass Statistiken blitzschnell erstellt werden, z.B. die Performance zweier beliebiger Kontrahenten.

„Erfinder des modernen Schachs“

Back-Cover der
Back-Cover der „Opening Encyclopaedia“ von Chessbase

Um, was den Inhalt anbelangt, mit dem Ende anzufangen, weil es mir historisch so besonders gut gefallen hat: Unter dem Titel „Erfinder des modernen Schachs“ geht Grossmeister Curt Hansen, gleichsam als Anhang des Verzeichnisses, in zwei Teilen Fragen der Urheberschaft von Zügen in Eröffnungssystemen nach. Erstes Beispiel: Schwarzer Bauernvorstoss h7-h5 der Scheveninger/Paulsen-Variante im Sizilianer, wie ihn heutzutage z.B. Igor Miladinivoc verficht. Hansen bringt als für ihn erste Partie, „in welcher der Nachziehende in diesem modernen Aufbau offenbar recht genau wusste was er tat“, aus der Schachgeschichte die Partie Yates-Bogoljubow (Moskau 1925), in der Schwarz 13… h5!? zog. Das Beispiel gefällt mir auch so, weil es Isaac Lipnitzky in seinem Buch „Fragen der modernen Schachtheorie“ ebenfalls bringt. Offenbar war die Partie damals wirklich ebenso beachtet wie folgenreich, und so etwas ist natürlich schachhistorisch immer spannend zurückzuverfolgen. In nicht weniger als 80 Partiebeispielen wird die Entwicklung der Idee dann historisch weiterverfolgt und kommentiert. Im zweiten Teil erörtert Hansen dann noch umfangreicher und strategisch vielschichtig das Problem, wie sich das Motiv des Abtausches des Königs-Fianchettoläufers (Lg2/Lg7) gegen den Sc3/Sc6 entwickelt hat. Von den Anfängen des Läufer-Fianchettos, das ja um 1900 noch etwas Neues war und noch z.B von Richard Teichmann als „diese dumme Doppelloch-Eröffnung“ bezeichnet wurde, bis hin zu der modernen Idee, diesen Läufer auch noch abzutauschen, ein weiter Weg… Ihm geht Hansen in 255 Partien nach – für schachistorisch Interessierte ein besonderer Leckerbissen.

Fachspezifische Betreuung aller Kapitel

Jedes Eröffnungssystem hat eine einleitende Beschreibung von einem anerkannten Fachmann des entsprechenden Themas, der das Material dem Kapitel zuordnet und kommentiert. Von Lubomir Ftacnik werden einige Kapitel besprochen. Willkürlich greife ich den Englischen Angriff des Sizilianers heraus. Ftacnik nennt eine Variante daraus nach Veselin Topalov, weil er nach seiner Partie gegen Peter Leko in San Luis 2005 „die theoretische Diskussion als amtierender Weltmeister eröffnete“. (Anmerkung der Redaktion: zwar kam der Zug 9… Sd7 schon einmal in einer Fernpartie zwischen Vladimir Stancl und Jan Schwarz 2003 vor, fand aber damals offenbar nicht sonderlich Beachtung.) Ftacnik zeigt in 24 Partien, gespielt zwischen 2000 und 2006, dass in diesen Partien die Statistik von 55% für Schwarz in dieser Variante zu der Schlussfolgerung am Ende des Kapitels berechtigt: „Die Topalov-Variante ist hier um zu bleiben.“ (Anmerkung d.Red.: Tatsächlich habe ich die fragliche Variante nach 2006 nur noch 10 mal in der Internationalen Meisterpraxis gefunden, alle 2007, davon ging allerdings nur noch eine für Schwarz aus,  vier mal gewann Weiss bei 5 Remis. Nach 2007 fand ich kein Beispiel mehr, offenbar ist es doch wieder etwas stiller geworden darum.)

Hochkarätige Kommentatoren

Lubomir Ftacnik - Schachspieler - Glarean Magazin
Chessbase-Autor Lubomir Ftacnik

Erst recht kann man in wenig gespielten Eröffnungssystemen keine Vollständigkeit des Variantenbaumes erwarten. Z.B. erörtern Alexander Bangiev und Peter Leisebein sehr schön meine geliebte Larsen-Eröffnung anhand von 107 Partien, von denen zehn kommentiert sind. Dass sie alle aber nur ein einziges Abspiel bis zum 5.Zug dokumentieren, tut dem System zuviel Abbruch. Man muss sich dabei allerdings vor Augen halten, dass selbst eine derartig grosse Sammlung von Partien unmöglich ein wirklich komplettes Nachschlagewerk der gesamten Schachtheorie sein kann, sondern immer nur einen mehr oder weniger repräsentativen Querschnitt bieten kann. Ausserdem kann man natürlich mit „Fritz“ oder „ChessBase“ die Datenbank von der DVD auf Festplatte installieren, um dort dann Partien hinzufügen. Dass die ganze Datenbank sowohl im „Reader“ als auch in „Fritz“ als Eröffnungsbuch im Chessbase-eigenen ctg-Format verwendbar ist, muss gar nicht eigens erwähnt werden für Fans, ist aber natürlich ein mächtiges Feature, das die Vielseitigkeit der Formate ausmacht: Eröffnungsbücher zu erstellen und zu editieren hat ebenso grosse Nützlichkeit für die meisten Hobby- und Profi-Spieler wie die Möglichkeit, kommentierte Partien platzsparend abzuspeichern.

Fazit: In dieser Schach-Enzyklopädie findet sich nicht nur eine sehr grosse und relevante Partiensammlung, sondern auch deren historisch exakte Aufbereitung – notabene von hochklassigen Kommentatoren: Anand (262 Partien), Bangiev (1614!), Marin (457), Kasparov (48)oder Kramnik (59) sind nur einige besonders klingende Namen. Was diese Autoren als Schachspieler zu sagen haben, findet man wohl in keinem einzelnen Lehrbuch derart umfangreich und schon gar nicht in dieser Funktionalität eines elektronischen Nachschlagwerkes.

Chessbase: Opening Encyclopaedia 2009, DVD-ROM (inklusive deutsche Version des Eröffnungslexikons 2009)

Screenshots: „Opening Encyclopaedia“ 2009

Die Links zu den CBM-Theorie-Datenbanken im Text-File der "Opening Encyclopedia 2009"
Die Links zu den CBM-Theorie-Datenbanken im Text-File der „Opening Encyclopedia 2009“
Der Varianten-Baum in der "Opening Encyclopedia 2009"
Der Varianten-Baum in der „Opening Encyclopedia 2009“
Die Turnier-Detail-Angaben in der "Opening Encyclopedia 2009"
Die Turnier-Detail-Angaben in der „Opening Encyclopedia 2009“

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch über das
Halloween Chess Puzzle 2018

Müller & Knaak: 222 Eröffnungsfallen (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Von den Rein- und Ausfällen in der Schach-Eröffnung

von Walter Eigenmann

Monographien über Eröffnungsfallen haben in der vielhundertjährigen bzw. abertausendteiligen Schach-Bibliographie eine verschwindend kurze Ahnen-Reihe: Neben den beiden (noch heute vielzitierten) Klassikern von Emil Gelenczei („200 Eröffnungsfallen“/1964 und „200 neue Eröffnungsfallen“/1973), Eugen Snosko-Borowskys „Eröffnungsfallen am Schachbrett“ (1938), A. Roismans „400 Kurzpartien“ (1982) und ein paar ähnlichen „Shorties“-Anthologien sowie einigen spezifischen Test-Sammlungen (z.B. G. Treppners „Testbuch der Eröffnungsfallen“) wurde das gleichermassen lehrreiche wie amüsante Feld der „Opening Traps“ erstaunlicherweise in den letzten Jahrzehnten von den Theoretikern kaum beackert.

Karsten Müller Rainer Knaak 222 Eröffnungsfallen nach 1.d4 - Glarean MagazinUmso willkommener und verdienstvoller die Initiative der Edition Olms, welche in ihrer bekannten, mittlerweile über 80 Bücher umfassenden „Praxis-Schach“-Reihe nun den zweiten Band unter dem Titel „222 Eröffnungsfallen“ herausbringt – diesmal (nach „1.e4“) gewidmet den Eröffnungen „nach 1.d4“ (inklusive alle anderen geschlossenen Partie-Anfängen). Wiederum hatte dabei mit den zwei deutschen Spitzenspielern Rainer Knaak und Karsten Müller (Bild) ein bekanntes, bereits mit dem ersten Band erfolgreiches Grossmeister-Duo die Autorenschaft inne.

Kaum einen Bereich nach 1. d4 ausgelassen

Die beiden Fallen-Analysten gehen in ihrer knapp 150-seitigen Arbeit einem breiten Spektrum an Eröffnungs-„Rein- und -Ausfällen“ nach: Vom Trompowsky-Angriff über die verschiedenen Benoni-Systeme, Damen-Gambit-Spiele und Holländisch-Varianten bis hin zu den zahlreichen, weitläufigen Damen-, Nimzo- und Königs-„Indern“ lassen Knaak und Müller kaum einen 1.d4-Bereich aus. Für manchen eingefleischten Anhänger der „Offenen“ mag dabei überraschend sein, dass der doppelschrittig anziehende Damenbauer nicht minder für taktische Blindgänger bzw. Konter anfällig ist.

Rainer Knaak und Karsten Müller - Schach-Grossmeister - Glarean Magazin
Erfolgreiches deutsches Autoren-Duo: Rainer Knaak und Karsten Müller

Wie die Autoren bekunden, sei als Hauptquelle der entsprechenden Partien-Recherchen die ca. drei Millionen Games zählende „Megabase 2005“ aus der Hamburger Schach-Software-Schmiede „Chessbase“ herangezogen worden. Die „systematische Suche“ der Theoretiker in dieser gewaltigen, non-stop aktualisierten Referenz-Sammlung führte denn auch wohltuend dazu, dass nicht nur das „klassische“ Material der Historie, sondern auch ziemlich breit das neueste Partien-Gut des modernen internationalen Turnier-Betriebes berücksichtigt werden konnte. Den meisten der 222 Partie-Untersuchungen wurde dabei ein treffendes, den thematischen Kern der jeweiligen Eröffnungsfalle als Aufhänger umreissendes Etikett aufgeklebt: „Der Isolani gehört hinter Schloss und Riegel“, „Löcher in der Rochadestellung“, „Angriff am Flügel/Gegenstoss im Zentrum“, „Springer ohne Halt“, „Überstürzter Vorstoss“, „Weissfeldrige Katastrophe“, „Tödliche Passivität“, „Macht des Läuferpaares“, „Rochade ins Desaster“, „Einschlag auf dem neuralgischen Punkt“ etc. nennen sich beispielsweise diese verbalen Erinnerungsstützen.

Aspekte des Gambit-Spiels inklusive

Der Klassiker der "Eröffnungsfallen"-Forschung: 200 Eröffnungsfallen von Emil Gelenczei (Sportverlag Berlin)
Der Klassiker der „Eröffnungsfallen“-Forschung: „200 Eröffnungsfallen“ von Emil Gelenczei (Sportverlag Berlin)

Den Begriff „Eröffnungsfalle“ nehmen Müller und Knaak recht weitgefasst, ja beziehen gar Aspekte des Gambit-Spiels mit ein. Und im Gegensatz etwa zu Gelenczei („Eine Falle stellt man, wenn man es dem Gegner scheinbar ermöglicht, Materialgewinn oder sonstigen Vorteil zu erzielen, und ihn dadurch zu einem falschen Zug verleitet“ / aus dem Vorwort zu „200 Eröffnungsfallen“) definieren Müller und Knaak: „Jemand macht einen ’normal‘ aussehenden Zug, der durch eine ungewöhnliche Variante (Zug) widerlegt wird.“ Dieser kleine, aber feine Unterschied der Begriffsbestimmung führt dann die zwei Autoren durchaus auch mal zu einer theoretisch-objektiv nicht abschliessend beurteilten, aber statistisch (gemäss „Megabase“) sehr „hoffnungsvollen“ Variante. Pointiert gesagt: Es geht in diesem Buch um die Fallen, nicht um die Steller. Womit der Band nicht nur zur vergnüglichen, womöglich gar schadenfreudigen Lektüre, sondern gleichzeitig zum Lehrbuch wird, welches des gelegentlichen Vereins- ebenso wie des regelmässigen Turnier-Spielers theoretische Vorbereitung unterstützt bzw. das eigene Eröffnungs-Repertoire informativ versüsst (oder auch versalzt…).
Wie dieser Ansatz der beiden Grossmeister in deren Buch-Praxis aussieht, lässt sich gut mit dem folgenden, jedem 1.d4-Spieler grundsätzlich bekannten, aber bezüglich Kommentierung illustrativen Beispiel aus der „Slawischen Eröffnung“ zitieren:

„Was soll man tun, wenn Schwarz einfach auf c4 schlägt und versucht, den Mehrbauern zu halten? Die folgende Partie zeigt die typische Antwort:

Acebal Muniz – Gil Reguera, Almeria 1989 (D11)
1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 dxc4 4. a4 b5? 5. axb5 cxb5 6. e3 Db6 7. b3!
Das ist ein wichtiger Standardzug, mit Falle hat das nichts zu tun.
7… cxb3 8. Dxb3 b4?
(8… e6 9. Lxb5 Ld7 +/- Obwohl Weiss keine Falle gestellt hat (sondern nur die besten Züge machte) – Schwarz tappt hiermit hinein.
9. Dd5!
Dieser starke Zug wird schon bei Snosko-Borowsky erwähnt. In drei älteren  Partien der „Mega 2005″ wird er gemacht, in den drei jüngeren nicht; geht das Wissen wieder verloren?
9… Lb7 (9… Sc6 10. Se5 +-)
10. Lb5 Lc6 (10… Sc6 11. Ta6+-)
11. Se5! Lxb5 (11… e6 12. Df3!+-)
12. Dxf7 Kd8 13. Dxf8+ Kc7 14. Dxg7 Df6 15. Dg3 Kb7 16. Sd2 1-0“
(Zitiert nach Seite 55 / Partie Nr.71)

Exkurs: Das Computer-Schach im modernen Schach-Verlagswesen

In ihrem Band nennen die Autoren nicht nur ihr eigenes (naturgemäss enormes) Grossmeisterliches Schach-Wissen, zweitens die früheren (oben erwähnten) Buch-Klassiker der Thematik, sowie drittens „Tipps von anderen“ als wichtige Quellen ihrer Fallen-Forschung. Ausdrücklich betonen die beiden Theoretiker, dass die Verwendung des Computers eine zentrale Rolle bei ihrer Buch-Arbeit spielte. Denn nicht nur, dass mit solch riesigen, statistisch vielfältig verwertbaren Partien-Datenbanken bzw. Datenbank-Interfaces wie der „Megabase“ von „Chessbase“ und dem „Chess-Assistant“ von „Convekta“ oder auch privaten Freeware-Alternativen wie „José“ oder „Scid“ mittlerweile innert Sekunden auf Millionen von Schachpartien zugegriffen werden kann – ganz zu schweigen von den zahlreichen Online-Servern, die ebenfalls eine differenzierte Recherche nach Spielen, Namen und/oder Stellungen erlauben, beispielsweise „Online Database“, „Shredder-Datenbanken“ oder „PDB Server“ u.a. Nein, auch in die schachanalytische Arbeit selbst greift der Rechner längst massiv ein – in Form der Zuhilfenahme taktisch extrem leistungsfähiger Programme, die dem menschlichen Analytiker ebenfalls sekundenschnell die kleinste kombinatorische Ungenauigkeit melden.

Knaak und Müller „gestehen“ denn auch in ihrem „Quellenverzeichnis“ ungeniert, dass sie bezüglich ihrer Partien-Selektion auch auf die Engine „Fritz“ zurückgegriffen hätten, um die „Haare in der Suppe zu finden“ – womit nur die wohl bekannteste, aber noch nicht mal spielstärkste verfügbare Schach-Engine zum Einsatz kam (vergl. hierzu auch die wichtigsten einschlägigen Programm-Ranglisten CEGT, CCRL, SSDF und COMP2007). Der Leser aktueller Schachbuch-Novitäten darf also (hoffentlich…) beruhigt davon ausgehen, dass die analytische Kost, die er heutzutage vorgesetzt bekommt, auf Herz und Nieren bzw. Bits und Bytes geprüft wurde. Ganz im Gegensatz zur (keineswegs weniger zu respektierenden!) Arbeit früherer Autoren-Generationen, die mit der menschlichen „taktischen Anfälligkeit“ leben mussten, und deren Bücher (bei allem Niveau z.B. solcher hochkarätiger Kommentatoren wie Aljechin, Keres, Botwinnik, Karpow u.a.) nur so strotzen vor kleineren oder grösseren „Übersehern“. Im Sinne sowohl der „pädagogischen Wahrheit“ wie des objektiven „schachlichen Erkenntnisgewinnes“  ist diese Entwicklung nicht nur zwangsläufig, sondern auch sehr zu begrüssen. Obwohl damit die ggf. jahrzehntelang aufgestockte häusliche Schach-Bibliothek (zumal wo sie sog. „strategischen“ Inhaltes ist) zu einem wohl nicht kleinen Teil nunmehr blosse Makulatur wird… – –

Qualität von Inhalt und Gestaltung

Der inhaltlich-thematischen Qualität und Vielfalt dieser Anthologie entsprechen – wie beim Olms-Verlag gewohnt – Präsentation und Typographie (siehe hierzu als Illustration auch den untenstehenden Seiten-Auszug). Klare Titelei und Absatz-Gliederung, nicht überladene, doch reichliche Diagramm-Unterstützung, übersichtlich gestalteter, eher knapp verbalisierter Kommentar-Apparat, und last but not least die vier Anhänge Quellen-, Eröffnungs-, Personen- und Partien-Verzeichnis – das alles hilft beim Lesen und Denken. Fazit: „222 Eröffnungsfallen nach 1.d4“ ist eine längst fällige, modern aufbereitete, im Verbund mit „…nach 1.e4“ ziemlich umfassende, dabei ebenso amüsante wie informative, mit viel neuem Analyse-Material aufbereitete Anthologie, die jeden Amateur (also beinahe jeden Schachspieler…) vor zahlreichen Irrungen und Wirrungen beim Partie-Anfangen bewahren kann, und die als schön gestaltete, auch hinsichtlich Papier, Druck und Bindung qualitätsvolle Edition ihren Kaufpreis mehr als wert ist. ♦

Karsten Müller & Rainer Knaak, 222 Eröffnungsfallen nach 1.d4, Edition Olms, 148 Seiten, ISBN 978-3-283-01001-0

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