Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung (Literaturgeschichte)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Melange aus Anekdote und Analyse

von Sigrid Grün

Der Autor und Lite­ra­tur­kri­ti­ker Hel­mut Böt­ti­ger erhielt 2013 für sein Buch über die Gruppe 47 den Preis der Leip­zi­ger Buch­messe im Bereich Sachbuch/Essayistik. Er hat bereits zahl­rei­che Werke zur Lite­ra­tur­ge­schichte ver­fasst, die nicht nur tro­ckene Ana­ly­sen beinhal­ten, son­dern aus­ge­spro­chen leben­dig erzählt sind. „Die Jahre der wah­ren Emp­fin­dung“ bie­tet einen Über­blick über die deutsch­spra­chige Lite­ra­tur der 70er.

Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung - Die 70er - eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur - Wallstein VerlagBöt­ti­ger hat sich dazu ent­schlos­sen, keine zusam­men­hän­gende Lite­ra­tur­ge­schichte zu ver­fas­sen, son­dern das Jahr­zehnt in 27 Essays zu por­trä­tie­ren. Die Sieb­zi­ger waren ein beweg­tes, von Kri­sen und Umbrü­chen gepräg­tes Jahr­zehnt, das auch eine facet­ten­rei­che Lite­ra­tur her­vor­brachte. Hel­mut Böt­ti­ger beleuch­tet schlag­licht­ar­tig Lite­ra­tur­schaf­fende und Dis­kurse, die der Epo­che ihren beson­de­ren Cha­rak­ter ver­lie­hen haben. Als typisch für die dama­lige Lite­ra­tur gilt eine gewisse Selbst­zen­triert­heit, die Böt­ti­ger in den Kon­text des viel­schich­ti­gen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sche­hens bet­tet: „Die psy­chi­schen Anfor­de­run­gen, die die gesell­schaft­li­chen Eman­zi­pa­ti­ons­pro­zesse mit sich brach­ten, der auf sich selbst zurück­ge­wor­fene Ein­zelne – das wurde zum gro­ßen Thema der sieb­zi­ger Jahre.“

Literaturgeschichte in Geschichten

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So beschäf­tigt sich der Autor in „Die Nar­ben sind die alten – Her­mann Peter Piwitt, Bern­ward Ves­per, Chris­toph Meckel: Die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Nazi-Vätern“ bei­spiels­weise mit der per­sön­li­chen Auf­ar­bei­tung der eige­nen Fami­li­en­ge­schichte. Beson­ders tra­gisch ist hier das Schick­sal von Bern­ward Ves­per, des­sen Vater Will Ves­per ein völ­ki­scher Dich­ter war. In sei­nem „Frag­ment geblie­be­nen“ auto­bio­gra­phi­schen Roman-Essay „Die Reise“ lotet Bern­ward Ves­per in Form eines Bewusst­seins­stroms die zwie­späl­tige Bezie­hun­gen zu sei­nem Vater und zu sei­ner zeit­wei­li­gen Lebens­ge­fähr­tin Gud­run Ens­slin aus. Im Mai 1971 nahm Ves­per sich in der Psych­ia­trie des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Ham­burg-Eppen­dorf das Leben. Er hatte sich bis zum Schluss nicht wirk­lich von sei­nem Vater abge­grenzt und litt auch dar­un­ter sehr.

Peter Handke und Ingeborg Bachmann

Helmut Böttiger - Literatur - Glarean Magazin
Melange aus Anek­dote und Ana­lyse: Lite­ra­tur­kri­ti­ker Hel­mut Böt­ti­ger (*1956)

In einem ande­ren Text geht es um Peter Handke, dem in den Sieb­zi­gern eine Ver­bin­dung von Lite­ra­tur und Pop­kul­tur gelang und der damit zum intel­lek­tu­el­len Vor­bild für viele junge Men­schen in der Bun­des­re­pu­blik wurde. Seine 1975 erschie­nene Erzäh­lung „Die Stunde der wah­ren Emp­fin­dung“ inspi­rierte auch den Titel der vor­lie­gen­den Text­samm­lung, die eine Lite­ra­tur­ge­schichte in Geschich­ten ist.

Die öster­rei­chi­sche Schrift­stel­le­rin Inge­borg Bach­mann steht gemein­sam mit ihrem Roman „Malina“ im Mit­tel­punkt eines Tex­tes, in dem es auch um die Bezie­hun­gen zu Max Frisch und Paul Celan geht, die eine wich­tige Rolle in ihrem Werk spiel­ten. Frisch zum Bei­spiel als „Urbild der Vater­fi­gur im Malina-Roman“ (Böt­ti­ger).
Auch die Lite­ra­tur der DDR und wich­tige Ereig­nisse, etwa die Aus­bür­ge­rung Wolf Bier­manns am 16. Novem­ber 1976, die eine bedeu­tende Zäsur dar­stellte, wer­den ange­mes­sen gewürdigt.

Literaturgeschichte, die neugierig macht

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Es ist eine abwechs­lungs­rei­che Melange aus Anek­dote und Ana­lyse, die der Autor bie­tet. Von Uwe Joh­sons Kon­flikt mit der Kom­mune I, deren Mit­glie­der in sei­ner Abwe­sen­heit in des­sen Woh­nung nicht nur das Pud­ding-Atten­tat plan­ten, über die Medi­en­welt (Zeit­schrif­ten, Ver­lage und Buch­hand­lun­gen) bis hin zu Por­träts der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Hein­rich Böll und Gün­ter Grass schlägt Böt­ti­ger einen wei­ten Bogen, der ein Jahr­zehnt umfasst, und das eine Menge zu bie­ten hat: Ver­spielt­heit und Krise, Wan­del und Fest­hän­gen in alten Struk­tu­ren, Komik und Tragik.

Literarische Aha-Momente

Es sind zahl­rei­che Aha-Momente, die der Autor uns beschert. Er macht neu­gie­rig auf eine Lite­ra­tur, die viel­leicht etwas aus dem Fokus gerückt ist, weil die Lite­ra­tur der Sieb­zi­ger vie­len als an die Gege­ben­hei­ten der Zeit gebun­den erschei­nen mag. Und gerade des­halb ist es groß­ar­tig, dass Hel­mut Böt­ti­ger neu­gie­rig auf eine Lite­ra­tur­epo­che macht, die sehr viel mehr beinhal­tet als man anneh­men möchte.
Mich hat der Autor auf alle Fälle zur Relek­türe eini­ger Texte ver­an­lasst. Eine gewisse Kennt­nis der Hin­ter­gründe kann einen völ­lig neuen Zugang zu lite­ra­ri­schen Wer­ken ermög­li­chen. Es ist das Ver­dienst von Böt­ti­ger, die Sieb­zi­ger und ihre Lite­ra­tur in der vor­lie­gen­den Lite­ra­tur- und Kul­tur­ge­schichte zum Leben erweckt zu haben. ♦

Hel­mut Böt­ti­ger: Die Jahre der wah­ren Emp­fin­dung: Die 70er – eine wilde Blü­te­zeit der Lite­ra­tur, Wall­stein Ver­lag, 472 Sei­ten, ISBN 978-3-8353-3939-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Lite­ra­tur­ge­schichte auch über Gior­gio van Stra­ten: Das Buch der ver­lo­re­nen Bücher

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