Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen (Roman)

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Krimi mit philosophischem Tiefgang

von Karin Afshar

„Wenn ein Buch, das zu besprechen ich gebeten wurde, mich nach 40 Seiten nicht angesprochen hat … bespreche ich es nicht.“
Diesen Satz hatte ich mir vor beinahe mehr als 10 Jahren hinter die Ohren geschrieben. Mindestens 30 Bücher marschierten in dieser Zeit vor mir auf, um von mir gelesen und anschliessend wohlwollend besprochen zu werden. Unter ihnen ungefähr fünf „Verrisse“. Ich habe mich eben doch nicht immer an meinen Leitsatz gehalten…
An drei Verrisse kann ich mich ziemlich genau deshalb erinnern, weil es mir extrem unangenehm ist, einem Buch, dem Schreibstil oder der Behandlung eines Themas die Empfehlung an ein weiteres Lesepublikum nicht auszustellen. Doch sehe ich es als meine verdammte Pflicht, Etikettenschwindel, grosse Ankündigungen und schwache Umsetzungen aufzudecken. Zum aktuellen Buch: Auch der als „philosophischer Roman“ angekündigte Titel „Der Tod in Potenzen“ von Simone Stölzel ist bei mir durchgefallen.

Viel gewollt, wenig gekonnt

Simone Stölzel - Der Tod in Potenzen - Philosophischer Roman - Herder Verlag - Rezension Glarean MagazinIch entsinne mich des Buches einer Iranerin, die in Deutschland mit ihrer Lebens- und Leidensgeschichte gepuscht wurde [siehe die Rezension im Glarean Magazin über Ameneh Bahrami: Auge um Auge]. Abgesehen davon, dass der Text vermutlich von einem Ghostwriter (gar nicht mal von ihr selbst) verfasst war, wimmelte es nur so von emotionalen Klagereien – sowohl schlecht aus dem Persischen übersetzt, als auch mit interkulturellen Irrtümern behaftet. Anstatt zu einem solchen Buch rate ich dann doch lieber gleich zu einer Hedwig Courths-Mahler-Schmonzette. Wer sich auf dem Literatur-Markt auskennt, weiss, wie das Geschäft mit der modernen Betroffenheitsliteratur läuft. Dass hier unter dem Deckmantel der Aufklärung über sogenannte wahre Begebenheiten Klischees bedient werden, ist nicht ungefährlich.
Eine zweite Negativ-Besprechung erhielt das Werk einer Französin (vielleicht liegt es ja an misslungenen Übersetzungen, dass ich keinen Zugang zum Thema oder zum Protagonisten finde) – in diesem Fall war es die eindeutige Verhackstückung der Sprache, die mir gegen den Strich ging [siehe die Rezension im Glarean Magazin über Hélène Cixous: Manhattan]. Vorwerfen kann ich der Autorin ihren Dekonstruktivismus nicht, aber ich persönlich mag es nicht, wenn ich als Leserin für eine Mission eingespannt werde. (Das mögen natürlich andere Leser anders sehen, aber nun gut – auch Buchbesprecher sind Menschen.)
Ein drittes Buch – Gedichte! Also, Lyrik muss man im Blut haben. Lyrik heisst nicht zwangsläufig, dass es sich reimen muss – aabb oder abab oder abba (die noch raffinierteren anderen Reimformen lasse ich beiseite). Lyrik bedeutet vielmehr Rhythmus und Melodie. Und selbst wenn die „Auflösung“ derselben gedichtet wird, ist „Dichten“ eine hohe Kunst, die ich erst einmal beherrscht haben muss, um sie hinter mir zu lassen. Aber wenn da kein Gespür für das Wort ist, … ich masse mir an, dergleichen zu erkennen. In jenem Gedichteband sah ich sowohl mein Sprachempfinden als auch die Rhythmik der deutschen Sprache beleidigt.
Nahezu jedes Buch indes gewinnt mein Herz, wenn ich einen „Genius“ darin entdecke. Jenen Funken Wirklichkeit, den man nicht wollen kann, der ausserhalb unserer Absicht west. Und der steckt bereits in den ersten Seiten und strahlt! Glauben Sie mir.

Ein philosophischer Moloch

Der als „philosophischer Roman“ angekündigte Titel „Der Tod in Potenzen“ von Simone Stölzel ist bei mir durchgefallen. Bereits nach spätestens 40 Seiten. Ein philosophischer Moloch … viel gewollt, wenig gekonnt.
Doch zunächst: eine Inhaltsangabe. Um mir nicht die Finger wundzutippen, kopiere ich einfach aus der Verlags-Ankündigungsseite:

In „Der Tod in Potenzen“ sucht Privatdetektiv Walter Hertz nach dem Homöopathen Dr. Simon Geiger, der seit Wochen spurlos verschwunden ist, und stösst auf vielerlei Seltsamkeiten. Geiger begegnet ihm wiederholt in seinen Träumen, merkwürdige Gegenstände und Symbole tauchen auf, von einem Tag auf den anderen erhält er anonyme Drohanrufe. Hertz muss sich mit versponnenen Homöopathen und aggressiven Schulmedizinern, enttäuschten Frauen und immer wieder mit der Frage auseinandersetzen, was für abgründige Forschungen Geiger eigentlich betrieben hat. Dabei scheint alles um zwei Themen zu kreisen: Was ist eigentlich die Zeit? Und: Was geschieht mit uns, wenn wir auf vernünftige Fragen keine plausiblen Antworten erhalten? Hier geht es um ein hintersinniges Spiel mit verschiedenen Reflexions- und Bedeutungsebenen, um schwarzromantische Motive wie um philosophische Ideen, die mehr Fragen als Antworten aufwerfen. Und dabei dürfen die Leser dem Detektiv beim Denken stets über die Schulter schauen.

Homöopathisch in die Länge gezogen

Ich begann interessiert zu lesen, immerhin war der Hinweis auf die Homöopathie der Anlass gewesen, mich des Titels überhaupt anzunehmen. Ich war gespannt darauf, wie Simone Stölzel den Spagat hinbekäme. Sagt Ihnen „Arsenicum album“ etwas? Abgesehen davon, dass dieses Mittel eines der bekanntesten Konstitutionsmittel in Samuel Hahnemanns heilkundlichem System darstellt, ist es das Thema im ersten Kapitel. (Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass jedes Kapitel den Namen eines Mittels trägt, und dieses im Text sehr deutlich und aufdringlich als Mittelbild dargestellt wird. Nachlesen kann der Leser die Mittelbilder zusammengefasst am Ende des Buches.)

Die deutliche Beschreibung, ja, die übergenau gezeichnete Arsenicum-album-Persönlichkeit mag für einen Homöopathie-Eleven faszinierend sein, für die Exposition eines Krimis ist sie tödlich. Die Arsenicum-Album-Persönlichkeit in ihrer unerlösten Form ist eher jemand, der Türen schliesst, statt sie zu öffnen. Das erste Kapitel zieht sich in die Länge.
Die Autorin schreibt wortverliebt und steckt ambitioniert auch in ihre weiteren Handlungsbeschreibungen viele Details hinein. Der Protagonist beginnt seine Ermittlung, etwas zwischen einem „stream of consciousness“ und körpersprachlichen Details ist das Ergebnis. Der Leser – in diesem Fall ich – vermag kaum mehr Luft zu bekommen, so dicht und voll ist der Raum zwischen den Zeilen.

Ein noch nicht spannender Krimi

Im zweiten Kapitel wird der Detektiv in die Wohnung des Verschwundenen geschickt; wiederrum wird detailreich jede Bewegung seinerseits geschildert. Nun wird es eine Mischung aus Schnitzeljagd, Erkenntnisweg und (noch nicht spannendem) Krimi.

FAZIT: Es hätte der Homöopathie gut getan, wenn Simone Stölzel in ihrem „Tod in Potenzen“ zu den ausgewählten homöopathischen Mitteln Kurzgeschichten verfasst hätte. Es hätte dem Kriminalfall gut getan, wenn die Autorin vielleicht allenfalls dem Protagonisten und dem Homöopathen ein Mittel zugewiesen und diese als „Gegenspieler“ oder Antidote gezeichnet hätte, subtiler aber bitte, nicht so derart augenfällig. Es hätte der Philosophie gut getan, wenn man sie ganz rausgelassen hätte, zumindest aus der Ankündigung und auf dem Bucheinband…

Was ist hier los? Dreierlei – schätze ich:
• Es haben sehr viele Leute mitgewirkt, gegengelesen, lektoriert (liest man in der „Danksagung“!) – und das ist vermutlich auch das Verderben. Keiner hat aber gemerkt, dass man kürzen, straffen müsste… Vor allen Dingen hätte es ein Fokus getan: Entweder über die Zeit philosophieren, oder über die Homöopathie schwätzen.
• Auch ich kenne den Wunsch, ein altes, wiedergefundenes Manuskript wieder zu beleben. Mensch, man war doch damals mit Herzblut dabei! Das Neuschreiben ist ein schwieriges Unterfangen und verlangt konzentrierte Selbstkenntnis. Es ist sehr schwer, von unreiferen Schreibgewohnheiten herunterzukommen. In diesem Fall ist es nicht gelungen. Die Autorin ist von ihrem früheren Stil (den ich nur erahne – z.B. hat sie schulaufsatzmässig zu viele Adjektive dort eingesetzt, wo diese eher stören als weiterbringen) nicht zu einer neuen, gewachsenen, erwachsenen Form gelangt. Entstanden ist eine fleissig gesammelte und „richtig“ recherchierte Arbeit – aber sie liest sich langweilig. Es fehlt der Geistesfunke.
• Ich weiss, wovon ich spreche – denn soooo habe ich auch mal geschrieben, vor 20 Jahren. Im Rausch der eigenen, subjektiven Begeisterung, einer Welterkenntnis und dem Wissen über ein interessantes, faszinierendes Randgebiet auf der Spur zu sein, habe ich viel zu viel gewollt, doziert und damit die Erzählung ermordet.

Bitte subtiler!

Kurz zusammengefasst: Es hätte der Homöopathie gut getan, wenn Simone Stölzel in ihrem „Tod in Potenzen“ zu den ausgewählten homöopathischen Mitteln Kurzgeschichten verfasst hätte. Es hätte dem Kriminalfall gut getan, wenn die Autorin vielleicht allenfalls dem Protagonisten und dem Homöopathen ein Mittel zugewiesen und diese als „Gegenspieler“ oder Antidote gezeichnet hätte, subtiler aber bitte, nicht so derart augenfällig. Es hätte der Philosophie gut getan, wenn man sie ganz rausgelassen hätte, zumindest aus der Ankündigung und auf dem Bucheinband. Die Leser kommen schon von selbst darauf. Si tacuisses, philosophus mansisses. ♦

Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen – Philosophischer Roman, 320 Seiten, Herder Verlag, ISBN 978-3-495-48977-2


Karin Afshar

Karin Afshar - Glarean MagazinGeb. 1958 in der Eifel/D, Studium der Sprachwissenschaft, Finn-Ugristik und Psychologie, Promotion, zahlreiche belletristische und fachwissenschaftliche Publikationen, lebt in Bornheim/D

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Ernst Halter: Mermaid (Roman)

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Liebe wuchert nicht für die Zukunft, sie verschwendet sich jetzt

oder

Einverleibung gleich Kommunion gleich Zeit als Ewigkeit gleich Seele gleich das Gute

von Karin Afshar

Ein Gedanke fällt mir zu, während ich das gerade eingetroffene Buch zur Hand nehme und mir seinen Einband anschaue – Amor und Psyche ineinander versinkend: Man muss merken, wann man am Ende der Hoffnung angekommen ist. Über diese Grenze hinaus verliert man Lebenszeit. – Damit beginne ich zu lesen. [K.A.]

In „Mermaid“ von Ernst Halter geht es um Liebe und Besessenheit, auch um Erotik und Leidenschaft. Ein (nicht ganz glücklich) verheirateter Mann lässt sich auf ein Abenteuer ein… Das ist miserabel banal ausgedrückt! Zweiter Versuch: Ein Mann und eine Frau verfallen einander und können nicht wieder voneinander lassen. Nomaden sind beide, Suchende (nach sich selbst), und werden aneinander zu Grenzgängern und auch -verletzern. Es geht um das Entgrenzen in der gegenseitigen Hingabe; am Ende – soviel sei verraten – um die Entfesselung des Zerstörerischen. Engelssturz – aus dem Jenseits ins Diesseits. Untergang – das Diesseits mit Kraterzugängen zur Unterwelt.

Stella alias Persephone von Rosetti

Ernst Halter - Mermaid - Roman - Cover - Glarean MagazinStella, die häufig in Deutschland zu tun hat und aus Zürich stammt, lebt in Mailand und ist Kunsthistorikerin. Sie arbeitet als Jurorin und Ausstellungskuratorin für Museen und Galerien, ist erfolgreich und auf dem öffentlichen Parkett gewandt. Eine schöne Frau, die sich zu kleiden weiss und ihre Ausstrahlung auch einsetzt. Privat – ist sie kompliziert, mal Kindfrau, mal dominierend, mal unterwürfig, zweifelnd, unsicher, kokettierend. Präraffaelitisch – ich erinnere mich, das Wort an einer Stelle gelesen zu haben. Das trifft es. Die Persephone von Rosetti – in Blond allerdings, ich glaube, Stella ist blond.
Elias, Sohn einer dänischen Mutter, ist Lektor, schreibt Bücher, übersetzt, veröffentlicht Gedichte – ein Literat, ein Mann der Worte. Er ist mit Ellen, einer Engländerin, die eine traumatisierende Kindheit hinter sich hat und an Depressionen leidet, verheiratet und bewohnt mit ihr ein Haus (wo, ist mir nicht erinnerlich). Von Elias habe ich kein Gesicht, auch kein Alter, keine Körpersprache. Er bleibt unphysisch und ein Schemen.

Erschreckend wie ein dunkler Zauber

Dante Gabriel Rossetti: Proserpine (Persephone)
Dante Gabriel Rossetti: Proserpine (Persephone)

Stella und Elias lernen sich in Frankfurt kennen (einem Ort, in dem beide fremd sind) und treffen sich von nun an in Hotels, abgelegenen Pensionen, in Burgen und Schlössern, in Wäldern, entlang von Bahnlinien, auf Bergen, in Tälern, in der Schweiz, in Deutschland, das Elias mehr entspricht, während sie mit dem schroffen Land ihre Schwierigkeiten hat. Im Laufe der Geschichte wird sie sagen: „Ecco la Cimmeria tedesco, orsi, mammuti…. Cerco di convincermi della tua realtá. Dieses Germanien – ich weiss kein besseres Wort – ist so unwiderstehlich und erschreckend wie ein dunkler Zauber…“
Verzauberung. Verwünschung. Gibt es die eine Liebe? Oder verschiedene? Eine für die eine Frau und eine für die andere? Und Frauen? Lieben sie immer gleich? Ernst Halter – in diesem April 80 geworden – lässt seinen Helden und seine Heldin dies erkunden. Er schickt sie aus, die Antwort den Tiefen des ewigen, zeitlosen Meeres zu entreissen und an den Strand der Gegenwart zu werfen. Da ist sie – die Meerjungfrau aus dem Reiche Neptuns, die, um in der Gegenwart sein zu können, sich mit einem Sterblichen verbinden muss. Natürlich nicht zufällig legt der Autor Elias als Namen für Stella Mermaid in den Mund. Aber sie ist auch Tulipan, Estelle, Regina Macondo, Madonna dell’adulterio, Stella blu, … der blauen Augen wegen. (Blau sind auch die Augen von Dämonen.) Und dann tauchen noch andere Namen auf: Venus und Ishtar. Ich kläre weiter unten auf, woher hier der Wind weht.

Im Heimlichen unheimlich nahe

Ernst Halter (*1938 in Zofingen/Schweiz)
Ernst Halter (geb.1938 in Zofingen/Schweiz)

Auf einem Meer, dessen Oberfläche sie trägt, dessen Oberfläche abwechselnd Stella und Elias selbst sind (er schreibt „auf ihr“ seine Gedichte), treibt die Beziehung, die Stella und besonders Elias zukunftstragend zu gestalten sich nicht trauen. Unter der Oberfläche dieses Meeres des Noch-nicht-Gewordenen und des Schon-wieder-Entwordenen ist die Zeit noch ungeteilt. Halt – ungeteilte Zeit ist nicht Zeit; denn Eigenschaften von Zeit sind Gegenwart und Vergangenheit. Wir bewegen uns in diesem Ozean im Ungeteilten und im Ewigen – mit uns die beiden Liebenden, die sich in ihrer ewigen und dann wieder abgrundtiefen Umarmung im ständigen Umherziehen im Heimlichen unheimlich nahe kommen und einem Schiffbruch entgegensteuern.

Das Wesen der Liebe verwebt Ernst Halter also mit Zeit: mit der Anwesenheit des Vergänglichen und der Abwesenheit des Ewigen, oder umgekehrt. Das Ewige existiert allerdings nicht, denn es west ausserhalb der Zeit. Der englische Gruss: Sein unerschaffenes Licht leuchtet ausser jeder Zeit, es ist mitleidlos und erlischt nach einem einzigen Nu.

Als Leser durch das Tor des Wenn geschoben

Die Grenze oder Zäsur, die wir in „Mermaid“ finden werden, wird formell durch den Briefwechsel mit einem längst toten Schriftsteller gezeichnet. Dieser weist unseren Autor auf seine Denkfehler hin, wirft ihm Scheinlogik vor, und dass er den Leser um seine Freiheit bringe. Ein ganz und gar wirksamer Kniff ist das, den der Autor Ernst Halter hier anwendet. Indem er als „Erzähler-Schreiber“ dieser aussenstehenden Person (die ihn als „sich als Gott aufführenden Erzähler“ bezeichnet) antwortet, verteidigt er seinen Plot, für den er die schwierigste, nämlich die „normale Variante des Liebesthemas“ gewählt hat.
Wir als Leser (jetzt in den Fortgang der Geschichte einbezogen), die längst heraufgezogene Peripetie und Katastrophe und die Protagonisten werden durch das Tor des Wenn geschoben. Dieses Tor steht für die Schwelle zum Nie-Realisierten. Doch wir wären nicht Menschen, wenn wir für Stella und Elias nicht doch noch auf die Wendung zum Guten hofften – irgendwie. Schriftsteller wissen dergleichen, und so hält es auch Ernst Halter und schreibt uns auf die angedeuteten vier bösen Wörter hin.
Eine neptunisch-schillernde Geschichte mit Untiefen – ich schaue sie aus der strukturellen Richtung an. „Mermaid“ spricht in vielen Stimmen, deren Gegensätzlichkeiten und Dualitäten der Autor-Erzähler dem Leser zur Zusammensetzung überlässt.

Neun Stimmen, neun Handlungslinien

Neun Stimmen, neun Linien meine ich gefunden zu haben. Sie treten in Form von unterschiedlichen „Textsorten“ oder Handlungssequenzen mit verschiedenen ineinanderfliessenden Erzähltempi auf.
Da ist die Stimme von Stella, die in einem Bewusstseinsstrom über die Beziehung und die Geschehnisse spricht. Daneben gibt es Auszüge aus Briefen und elektronischer Post von Stella an Elias, von ihm an sie. Es gibt eine auktoriale Linie, die hineinschlüpft in das Subjektive von Elias oder Stella (Bilder des Innen-wie Aussenseins, Bei-sich-Seins und Ausser-Sich-Seins wechseln sich ab). Auch Ellen, Elias‘ skizzenhaft in Erscheinung tretende Ehefrau, erhält eine Stimm-Linie. Traumsequenzen sind eine nächste Linie. Hier und da stösst aus dem Unsichtbaren eine Rahmen-Handlungslinie nach oben an die Oberfläche: Elias aus dem OFF, aus dem post mortem und in neuem Leben.
Eine offene Textstruktur, in der die einzelnen Kapitel autonom für sich stehen könnten. Könnten, denn sie bestehen durchaus nicht – ähnlich den Verbindungen in einem Rhizom – aus isolierten Einheiten. Wie komme ich denn bloss auf Rhizom? In der Biologie bezeichnet ein Rhizom einen Wurzeltyp, der morphologisch als Nebeneinander-/Ineinanderwachsen von Sprossen oder Stängeln oder Trieben beschrieben wird. Ein Rhizom kann sowohl über- als auch unterirdisch in alle Richtungen wachsen. Es wuchert. – Die Linien dieses „Gebildes“ ohne Hierarchie und Ordnung bilden ein Geflecht, in dem alles mit allem verbunden ist. An verschiedenen Stellen wächst etwas nach oben und durchbricht die grenzende Kruste. Die auf der Oberfläche sichtbaren Triebe haben nur scheinbar nichts miteinander zu tun. Autonomie – eine Illusion.

Offenes, nicht polarisierendes Schreiben

"Nomadentum und Schizophrenie" des multiplen Schreibens: Cover von "Mille Plateaux - Capitalisme et schizophrénie" (Deleuze & Guattari 1980)
„Nomadentum und Schizophrenie“ des multiplen Schreibens: Cover von „Mille Plateaux – Capitalisme et schizophrénie“ (Deleuze & Guattari 1980)

Deleuzes & Guattaris „écriture nomade et rhizomatique”1) ist eine „écriture migrante” – ein offenes, nicht abgrenzendes und nicht polarisierendes Schreiben. Das Nomadische und die Nicht-Zugehörigkeit sind ein starkes Motiv in einer solchen Literatur. Nomadisches, rhizomatisches Schreiben setzt die Vielheit, das Multiple, überwindet die Dualität und „lebt“ die Aufhebung der Sukzessivität und Linearität eines Textes. Nomadentum und Schizophrenie. Ein Schizo2) ist der, der mit vielen Stimmen spricht, der mit den Maskierungen spielt und immer unterwegs ist. Er verfehlt sein Ziel, weil er keines mehr hat. Das Verfehlen selbst ist zum Ziel geworden.
Ozean einerseits und Rhizom andererseits. Das Unendliche und das Gewebe mit den vielen Eingängen. Und in dieser Unstruktur Halters Landschafts und Ortsbeschreibungen. Sie sind detailliert, Wegbeschreibungen ähnlich, so dass ich mich frage, warum er die Örtlichkeiten dermassen redundant beschreibt und benennt. Die Antwort: Sie sind Metaphern für unsere beiden Suchenden – die Landschaften, die Orte sind die beiden Suchenden. Ihre Stimmungen korrespondieren und sind in Resonanz mit den aufgesuchten Orten. Schriftstellerische Zauberei. Sie seien dem Leser ans Herz gelegt.

Virtuoser Rückblick und Abschied

Auch auf die Anspielungen auf Ereignisse der Geschichte an Orten, an denen Elias und Stella sich aufhalten und über die sie sprechen, sei begeistert verwiesen. Allesamt Puzzleteile für das Gesamtbild. Kein Wort ist hier zufällig gesetzt. Mir will darüber hinaus scheinen, Ernst Halter bezieht sich auf eigene ältere Werke – ist nur ein Verdacht, dem ich noch nachgehen werde. Lässt mich sofort an Jean Sibelius denken, der in seiner Siebten, seiner letzten Sinfonie, seine vorherigen in Zitaten noch einmal hat Revue passieren lassen. Abschied, grosse Virtuosität, und die Einsicht: Alles ist miteinander verbunden, wir leben auf „1000 Plateaus“.
Bleiben wir weiter im Strukturellen: Vier Sprachen begegnen dem Leser. Deutsch als Erzählsprache ist die Sprache der Ausgesprochenheit, Deutlichkeit, sie kann nicht anders. Gleichzeitig verwendet Halter sie in lyrischster Weise als Elias‘ Trägersubstrat, die seine und Stellas Unausweichlichkeit andeutet und beschwört.

Fliehen durch Sommer und Schnee,
der Tod belagert die Strassen
zwischen Umarmung und Abschied,
Vögel löchern die Dämmerung,
die ruhelose Nacht
wimmert und graut ohne Mond.
Verschwinden unter vier Augen,
trinken einander auf einen Zug,
die Lust
siegeln mit Schweigen.3)

Ausgeprägter Zeigecharakter von Sprache

Italienisch ist Stellas Gefühlssprache, ihr Liebesgeflüster, aber auch ihre dunklen Momente, Ahnungen und ihre Drohungen. Es sind „hingeworfene Bröckchen“, meist kurze Ausrufe, Imperative, Bewertungen. Sofern der Leser nicht Italienisch spricht, findet er im Anhang des Buches ein alphabetisches Wörterverzeichnis (darin auch die anderen Sprachen). Der so unterschiedliche Klang von Deutsch und Italienisch, und die Wechsel von der einen Stimmung in die andere, signalisieren einerseits die Spaltung, die sich durch die Protagonisten, ihre Wünsche und ihre Sucht zieht, andererseits den brückenden Zeigecharakter von Sprache in seiner schönsten Ausprägung.
Hier und da wird auch auf Französisch (Sprache der Bildung und Contenance) und Englisch (Ellens Muttersprache, stiff upper lip; und ihrer Rolle entsprechend – hier für das Depressive, das Verquälte verwendet) gesprochen. Dezente Stilmittel, Anzeige der Verwobenheit, der Vielfalt.
Die „Farbe“ der Sprache der Liebenden, ihr Verhältnis zueinander und die Vielzahl der Stimmen lässt das Hohelied Salomos, jene Liebeslieder, die in nicht alltäglichen Bildern, aber mit wiederkehrenden Motiven Vereinigung und Trennung, Begehren und Erfüllung, eben Liebesgeflüster besingen, anklingen. Doch ich frage mich beim Lesen immer dringender, ob Mermaid ein Lied auf die Liebe ist. Haben wir es überhaupt mit einem Liebesroman zu tun?
„Mermaid“ ist alles andere als eine klassische Dreiecksgeschichte mit den „üblichen“ Schuldgefühlen, dem Dilemma des Mannes zwischen Geliebter und Ehefrau, der Angst vor dem Entdecktwerden oder vor eventuellen Forderungen der Geliebten – das ist allenfalls das vordergründige Thema, das in vielen Romanen mal mehr, mal weniger tiefgehend psychologisch aufgearbeitet wird.

Quadratur einer tiefgründigen Vierecksgeschichte

Schatten der literarischen Protagonisten: Die schön-zerstörerische Göttin Lilith
Schatten der literarischen Protagonisten: Die schön-zerstörerische Schwarze Venus Lilith

„Mermaid“ ist eine tiefgründige Vierecksgeschichte. Schauen wir bei Carl Gustav Jung nach: In einer Liebesbeziehung gehen Mann und Frau sowie die Anima eines Mannes (sein Frauenbild bzw. seine weiblichen Anteile in sich) und der Animus der Frau (ihr Männerbild bzw. ihr männlicher Anteil) ein überkreuzendes Quaternio4) ein. Dieses Motiv liegt im Falle von Stella und Elias anders vor. Es sind nicht Anima und Animus, sondern ihre Schatten, ihre Dämonen, die eine Verbindung eingehen.5) Venus und Ishtar, zwei Göttinnen aus unterschiedlichen Mythologien, treffen in Stella aufeinander. Venus-Maria-Eva: die guten Mutterfiguren; in Lilith allerdings findet sich mit der Göttin Ishtar/Inanna das Dunkle, Dämonische, das körperliche Begehren und das Zerstörerische. Sie ist die Schwarze Venus.6)
Wenn nun in dieser „Quadratur“ das Schattenpaar über die Zeit bestimmt, wenn das Unbewusste und Verdrängte über das bewusste Paar-Ich in seiner Verzweiflung die Vorherrschaft übernimmt, werden die beiden Liebenden aneinander böse.
Geschehen wird das, wenn sie in voranschreitender Entfremdung keine Beziehung mehr aufnehmen können. „Böse“ ist das Ungelebte, das verdrängte Gute; das Böse lockt. Die Nixen und die Undinen aus dem Wasser versprechen die verdrängte Erfüllung und wollen dafür das Leben, und nicht weniger, des Anderen. Wird es ihnen versagt, tritt Poseidon als Rächer auf den Plan.

Modern, aktuell, anspruchsvoll

Wann fängt die Obsession an, wo hört die Entfremdung auf? Komisches Wort: Entfremdung. Bedeutet doch eigentlich, dass man sich bekannter wird, weil man sich vom Fremdsein entfernt! Nach dem Moment ihrer Ent-Deckung bricht sich aus beiden dämonisch Böses seinen Weg in die Gegenwart. Das Ungeteilte zerfällt beinahe feixend, springt in die Zeit! Jetzt sind sie in der Profanität einer ganz normalen, die Endlichkeit in sich tragenden Affäre angekommen, in der das offene Ringen mit den eigenen Schatten bestimmend wird. Wie sich dies in der Geschichte ausgestaltet, verrate ich natürlich nicht.

FAZIT: „Mermaid“ von Ernst Halter ist ein Roman, der mehrfach in die Hand genommen werden will, so viele Ebenen und Verbindungen, Verweise auf die Notwendigkeit der Läuterung enthält er. Ein modernes, aktuelles, anspruchsvolles Buch – und für so manche Leser wohl nicht ungefährlich…

Jeder einzelne Leser wird mit einer anderen Antwort als sein Nachbarleser aus der Geschichte herauskommen, wenn er die letzte Zeile von „Mermaid“ gelesen hat. Habe einer Bekannten von meiner Lektüre erzählt. Sie meinte, sie wolle das Buch lieber nicht lesen – vermutlich würde es bei ihr Minen, die sie sehr tief versenkt hat, zünden. So sehe ich es auch: Für einige Leser kann es ein gefährliches Buch sein, denn es könnte sie mit all dem, was sie im Leben ausgelassen haben und das sie ruhen lassen möchten, konfrontieren. Meerjungfrauen sind nicht ungefährlich.

Über den Schweizer Schriftsteller Ernst Halter habe ich absichtlich nichts geschrieben, ausser, dass er 2018 seinen 80. Geburtstag feierte. Es heisst, er lebe sehr zurückgezogen und sei ein „sträflich unterschätzter Autor“. „Mermaid“ ist sein bislang letztes Buch, und mit ihm dürfte die Unterschätzung ein für alle Mal der Vergangenheit angehören. Thema und Umsetzung sind mehr als modern und aktuell, sehr anspruchsvoll. Ein Buch, das mehrfach in die Hand genommen werden will, so viele Ebenen und Verbindungen, Verweise auf die Notwendigkeit der Läuterung enthält es.
Ich wünsche allen Lesern einen spannenden Gang durch die schönen Landschaften und die lehrreichen Abgründe… Mögen Sie gewandelt herauskommen! ♦

1) Deleuze, Gilles & Guattari, Félix : Mille Plateaux, 1980
2) Deleuze, Gilles & Guattari, Félix: Kafka. Für eine kleine Literatur, Berlin 1976
3) S. 149
4) C. G. Jung, Psychologie der Übertragung, in: Hurwitz, Lilith – die erste Eva, S. 163
5) Gelesen bei Siegmund Hurwitz, Lilith – die erste Eva, Daimon Verlag, 1980, 2011: In der arabischen Literatur sind der Karin und die Karina als die Schattengefährten bekannt, S. 161 ff.
6) Über Lilith und die vielfältige Literatur über sie sei auf S. Hurwitz verwiesen

Ernst Halter: Mermaid, Roman, 346 Seiten, Klöpfer & Meyer Verlag Tübingen, ISBN 978-3-86351-463-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Liebe auch über
Margaret Millar: „Liebe Mutter…“ (aus der Reihe „Vergessene Bücher“)

 

Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders

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Von der Suche nach dem Sinn des Leidens

von Karin Afshar

Dominik Riedo hat ein Buch geschrieben.  Schriftsteller tun bisweilen und mit Vorliebe ebensolches – sie schreiben über fiktive Figuren, die sich Gedanken machen, die etwas erleben, etwas zu verarbeiten, die etwas verbrochen und gut zu machen haben. Schriftsteller schreiben auch Biographien und Autobiografien, und manchmal brechen sie mit ihren Geschichten ein Schweigen und ein Tabu. In seinem Buch „Nur das Leben war dann anders“ schreibt Dominik Riedo über seinen Vater und dessen Geheimnis, dessen Anders-Sein. Er schreibt darüber, was es mit einem Sohn macht, wenn er auf den Spuren eines Verzweifelten wandelt, um zu verstehen, was da geschehen ist.

Dominik Riedo - Nur das Leben war dann anders - Nekrolog auf meinen pädophilen Vater - Offizin Verlag - CoverGemeinschaften – schutzbietende, denn dazu sind es Gemeinschaften – dulden und sichern ein gewisses Mass an Anderssein in ihrer Mitte. Wird jedoch dieses Mass nur um einen winzigen Schritt überschritten, kippt die Duldung, und der Einzelne, der für diesen Übertritt als zuständig ausgeschaut wird, wird als Gefahr bezeichnet. Es gilt ihn auszuschalten. Dieser Einzelne – eben noch ermutigt, seine Besonderheit, sein Anderssein zu leben – findet sich ausgeschlossen wieder.  Und versteht die Welt nicht mehr. Gemeinschaft ist Gemeinschaft eben auch dadurch, dass sie geschlossen ist und mithin statisch. Offene Gemeinschaften sind dagegen instabil, sie müssen immer wieder für diese Offenheit und gegen ihre Feinde kämpfen. Das ist unbequem. Freiheit ist unbequem. Im Kleinen ist das nicht anders als im Grossen: Karl Popper wäre in diesem Jahr 114 Jahre alt geworden – und hat verstanden, warum Menschen bis zur Unmenschlichkeit gegen die offene Gesellschaft kämpfen.

Transgenerationelle Übertragungen in der Literatur

Familien sind die Elementarzelle unserer Gemeinschaft – in ihnen gelten Gesetze und Regeln, jede Familie hat ihre geschriebenen und ungeschriebenen Glaubenssätze und Haltungen, die sie von anderen Familien unterscheidet.  Und in nicht wenigen Familien scheint es etwas wie einen Fluch zu geben. Über Familien und ihre Geschichten gibt es reichlich Literatur. Transgenerationelle Übertragungen, lese ich, spielen in der Literatur traditionell eine ganz grosse Rolle. Man könnte sogar sagen, dass die Literatur fast auf dieses Phänomen spezialisiert ist. Seit der Antike werden Geschlechterfolgen, Generationen, Familienflüche, Weitergabe von Schicksal, von Verbrechen durch die Generationen hindurch in der Literatur thematisiert, und das in ganz unterschiedlicher Form.
Die Verschwiegenheit gehört zu diesem Komplex  – es darf nicht darüber geredet werden, denn es könnte die ganze Familie in Verruf geraten. Das, worüber nicht gesprochen wird, wirkt jedoch im Leben dieser (zunächst kindlichen) Nachkömmlinge weiter und kann für seine Erfahrungen und seine Wahrnehmungen bestimmend werden.
Heinrich Böll schrieb 1959 mit „Billard um halb zehn“ einen Generationen-umspannenden Roman, der die NS-Zeit reflektierte. Spätere Familienromane griffen die mangelhafte Kommunikation über die Naziherrschaft und die eigene Verstrickung auf. In vielen deutschen Familien geistern noch immer Geheimnisse, über die die heimkehrenden Männer nie sprachen. Inzwischen sind die Enkel ins Leben entlassen und haben Fragen über Fragen, weil irgendetwas immer nicht zu gelingen scheint… An diesem Punkt beginnen viele, in der Vergangenheit zu suchen – und neben der Suche nach dem Ursprung wird die Frage nach Umwelt und Anlage laut.

Sucht hat mit Suchen zu tun

Die vom Vater wieder und wieder gestellte Frage („Warum müssen Menschen eine Veranlagung haben, die nicht akzeptiert wird?“)  nach Anlage oder Umwelt bleibt offen bzw. führt, wie im Falle auch von Dominik Riedos Vater dazu, dass er sich überall nach Orientierung umschaut: Bei Astrologen, in der Esoterik, bei Kartenlegern, in buddhistischen Weisheiten, bei Mystikern und noch vielem anderen.
Ein Schlüsselerlebnis  – und dies im wahrsten Sinne des Wortes – fällt dem Sohn ein, während er sich mit Prozessakten, Presseartikeln und Tagebucheinträgen in Fragmenten auseinandersetzt: Ein Blick durchs Schlüsselloch auf seinen Vater, der im Schmerz über sich selbst und der Sucht ausgeliefert, in seinem Zimmer wütet und Gegenstände zerstört. Wer es nicht kennt, kann nicht annähernd nachempfinden, was da aus einem Menschen heraus will, wie es heraus bricht als kaum noch menschlicher Ton. Verstörend, einen Menschen in einem solchen Zustand zu sehen – als Sohn noch mehr, denn den Menschen, der einem doch Schutz bieten soll, dem man ausgeliefert ist, so derart hilflos zu sehen – macht Angst. Sucht hat immer (auch wenn es trivial und weit her geholt als Wortspiel daherkommt) mit Suchen zu tun. Egal welche Sucht es ist: ihr nicht zu entkommen, sie nicht in den Griff zu bekommen, sie jeden Tag wieder in sich hochsteigen zu spüren – erodiert und treibt schwächere Menschen nicht selten in den Wahnsinn und in den Selbstmord. Und was machen stärkere Menschen?
Ob es eine Anlage ist, bzw. was „es“ ist, wenn es keine Veranlagung ist, bleibt zunächst unbeantwortet – ist aber eben das Thema schlechthin in diesem Buch. Doch worum geht es nun genau? Was ist dieses ES, das den Sohn dazu bringt, einen Nekrolog auf seinen Vater zu schreiben? Die Bezeichnung, die die Gesellschaft seiner Veranlagung gibt, ist Pädophilie.

Die zentralen Warum-Fragen

In unseren offenen Gesellschaften, die gleichgeschlechtliche Liebe inzwischen legalisiert (ob inzwischen auch in der Schweiz entzieht sich gerade meiner Kenntnis) und damit von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft geholt haben, gilt die erotische Liebe zu Kindern, der Sex mit Jungen bis kurz vor der Pubertät, als Verbrechen. So wurde denn der Vater behandelt und angesehen: als Verbrecher, der einer Strafe zugeführt werden muss. Dass diese dann doch vergleichsweise mild ausfiel, half dem Vater wenig. Nachdem er in Thailand einem Partner, der ihn nach Strich und Faden ausnahm und ihn um sein Altersgeld brachte, aufgesessen war, empfand er vielmehr dies als „seine gerechte Strafe“.  – An dieser und an anderen Stellen fragt er sich: „…warum fast alles, was ich gut gemeint tue, aufbaue und zu vollenden versuche, mir meistens Unheil bringt.“ Die Warum-Fragen sind die zentralen Fragen in diesem Zusammenhang.
Zu einem Monster macht keiner sich selbst – die Gesellschaft macht ihn dazu, indem sie mit dem Finger auf ihn zeigt. Dass etwas nicht „in Ordnung“ ist, hat der Träger des entsprechenden Stigmas längst selbst bemerkt. In John Steinbecks „East of Eden“ sind die Verwerfungslinien zwischen dem Guten und dem Bösen, dem nicht nur Bösen und dem nicht nur Guten eindrucksvoll beschrieben. In „Jenseits von Eden“ wird Cathy Ames, Antagonistin zu Adam Trask, als dämonisches Monster beschrieben – als ein „psychic monster“ with a „malformed soul“. Physisch eher zierlich, blond, hübsch, sind ihre Augen kalt und ohne Emotionen. Charismatisch ist  sie – von klein an hat sie Wirkung auf Menschen, die, wenn sie naiv genug sind, sich auf sie einlassen. Dass sie Prostituierte wird und schliesslich die Leiterin eines Etablissements, ist wenig überraschend. Kate ist der Satan in Person.
Aber sie ist auch eine Pandora: Wohin immer sie geht, und was immer sie tut – sie tut nicht, was ihr gesagt wird, sondern öffnet die Büchse, sie setzt das Böse in die Welt, das Unheil. Nun ist Kate alias Cathy seelisch grausam gegen die, die sich auf sie einlassen – womit ich jetzt eintrete in eine Art Psychogramm. Sarah Aguiar schreibt in „No Sanctuary“, Kates Verhalten sei einer Perversion menschlicher Werte zuzuschreiben, sie sei kindlich-egozentrisch, sehr bedürftig und wolle sich selbst auf Kosten anderer schützen – ja, sie rächt sich für den Mangel an Liebe und Aufmerksamkeit in ihrem Leben, um nicht zu sagen: in ihrer Kindheit.

Psychogramm eines pädophilen Menschen

Dominik Riedo - Glarean Magazin 2017
Dominik Riedo

Warum diese ausführliche Herleitung? In Dominik Riedos Nachruf auf den Vater geht es eben auch um das Psychogramm eines (pädophilen) Menschen. Nicht der Sohn stellt es, sondern er nimmt uns mit in die Gutachten, die seinem Vater zu drei verschiedenen Lebenszeiten gestellt wurden. In den drei „Sexgutachten“ im Buch mag der Leser nachlesen, was in unterschiedlichen Zeitepochen beobachtet und gewichtet wurde. Zum Beispiel: „…der Pädophilie liegt eine ausgeprägte neurotische Fehlentwicklung mit starker Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls zugrunde…“, „…der Explorand bleibt in seiner narzissistisch selbstbezogenen Welt gefangen und vermag als Erwachsener keine reifen partnerschaftlichen Beziehungen einzugehen“, „…Er weicht auf Knaben aus, denen er körperlich wie intellektuell überlegen ist…“, „…ist nicht in der Lage, aggressive Gefühle zu reifer Verarbeitung zu führen.“
Würde ich gefragt, ich würde sofort antworten: derlei „Gutachten“ sind Beschreibungen von etwas, das ja offensichtlich ist – wir sehen es doch bereits, und die schriftliche Fixierung derselben ist alles andere als eine Therapie. Eine Therapie – als Verhaltensänderung (denn das sind Therapien immer) – ist aber nicht möglich. Ein hoffnungsloser Fall? Zumindest haben wir einen Menschen vor uns, der schon bei seiner Geburt ein Gezeichneter ist. – Auch das schildert der Sohn: den Weg, den sein Vater über das Waisenhaus zu den vielen verschiedenen Interessen und Berufsentwürfen nahm, ein begabter junger Mann, fleissig, beflissen, mit guten Manieren und nicht unangenehmem Auftreten – wo viel Licht ist, ist viel Schatten?! Nun ist hier einer mit vielen Begabungen – aber sie alle wiegen offensichtlich nicht den einen Schatten auf, den er zu tragen hat. Daran konnte auch Sylvia Tanner (Gründerin der Schweizer Beratungsstelle für Pädophile ITP-Arcados mit Internet-Präsenz, im Oktober 2010 verstorben) nicht wirklich helfen. Von ihr stammt u.a. der Satz: „Der junge Pädophile muss verstehen lernen, dass das Kind ihn lieben kann – es sich aber in der Regel nicht verliebt und kein erwachsenenähnliches Begehren zum Tragen kommt.“

Sinnsuche als Rückkehr zum Punkt Null

Die Kindheit ist enorm wichtig. Jede Sinnsuche – bei Schwierigkeiten im eigenen Leben – fängt damit an, dass man an den Punkt Null – und wenn es gar sehr ernst wird – sogar vor den Punkt Null zurückgeht. Ich kenne das von mir selbst – ich kenne es von etlichen anderen. Die Phänomene sind alle unterschiedlich, die Fragen meistens dieselben: Wer bin ich? Und: Bin ich das, was meine Eltern sind? Auf dem Weg zu sich selbst liegt die totale Verweigerung wie eben auch die schrittweise Annäherung an die Eltern. Wohl dem, der Eltern hat, die dabei helfen, indem sie als Zeugen von einer von uns als Kind unbewusst erlebten Zeit berichten. Natürlich sucht Dominik Riedo als jüngerer wie auch als älter werdender Mann stellvertretend für seinen Vater und in eigener Sache den Faden zum Ursprung. Im Kapitel „Ordnungen und Störungen“ durchforstet er das Familienleben auf Hinweise – hat die Suche seines Vaters auch auf ihn einen Einfluss? Die Mutter kommt nicht davon – ja, auch eine Mutter ist im Leben eines heranwachsenden Jungen wichtig.
Sobald klar wird – und im Laufe des Lebens und zwangsläufig in der Auseinandersetzung mit einer unheilbaren Krankheit, die einen selbst erwischt, wird es klar -, dass man nicht das Schicksal eines der beiden oder sogar beider Elternteile nachleben muss, sondern dass das eigene Schicksal darin besteht, sein eigenes Leben zu leben. Die geschlagenen Wunden sind nicht von den Eltern geschlagen – und es ist eben auch nicht so, dass wir in der falschen Zeit oder in der falschen Kultur leben.

Unerfülltes Bedürfnis nach Klärung

Bevor ich das letzte Kapitel lese und hier reflektiere, etwas zum Stil, zum Erzählstil des Buches. Der Leser muss sich an ihn gewöhnen (andererseits nicht, denn es ist ein typischer „Riedo“), fügt sich doch hier Ebene an Ebene, Schicht an Schicht, kenntlich gemacht in Kursiv- und Normalschrift. Mal spricht der Vater, dann der Sohn, da führt der Sohn Selbstgespräche oder richtet sich an den Leser. Mir geht bei etwa Seite 178 ein wenig die Geduld aus – noch einmal eine Runde gehen, noch einmal eine Betrachtung. Mir will scheinen, das Bedürfnis der Klärung ist für den Autor noch nicht erfüllt, während ich mir einbilde, schon ein Bild zu haben – aus je eigener Erfahrung im Durchschreiten von Unterwelten und Höllen. Ich will die nochmalige Tour nicht mitgehen. Manche Wunden heilen nicht, weil sie immer wieder aufgekratzt werden. Aber so ist das, wenn man Antworten sucht – aus Sucht. Das Thema ist eben kein geschmeidiges, das schon mal überhaupt nicht. Wenn man sich einlässt, dann führt uns Dominik Riedo hier in Abgründe, deren es im Menschen eben viele gibt. „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Friedrich Nietzsche)

Keine Abrechnung mit dem pädophilen Vater

Und was meint Dominik Riedo abschliessend? Wofür dieses Buch? Denk er, es könnte eine Heilung geben? Unter anderem nennt er diesen Punkt: „Es könnte bei einigen Fällen tatsächlich so sein, dass man die Pädophilie ‚heilen‘ kann.“ Und wenn nicht? Sollte man eventuell die emotionale Unreife und/oder die narzisstisch bedingte, zu selbstbezogene Persönlichkeitsstruktur verändern? Sollte man das Schutzalter senken, oder das anerzogene Objekt der Lust ändern, d.h. eine Objektverschiebung vornehmen? Kastration? Sollte man die Gesellschaftsordnung ändern? – „So oder so müsste sich die Gesellschaft einmal ernsthaft und ganz bewusst durch den Kopf gehen lassen, dass die Stärke eines Tabus oft dem unbewussten Bedürfnis der Verbietenden entspricht, der damit Triebregungen abwehrt.“
Nein, dieses Buch ist keine Abrechnung mit dem Vater, es schildert uns einen Menschen mit Schattenseiten. Auch den guten Seiten ist Raum eingeräumt – allerdings unter dem drückenden Fanal der Tragik. Das Ziehen von Bilanzen beginnt zu verschiedenen Zeiten im Leben, nicht erst wenn jemand gestorben ist.
Auch ich bin ein Kind von Eltern – bin jetzt in einem Alter, in dem ich mich mit ihren Verfehlungen auseinandersetze. Ich wiederum bin Mutter, und ich werde Fehler gemacht haben, die mir die Kinder früher oder später vorwerfen werden. An beidem werde ich milde: Keiner ist ganz schlecht, niemand ist 100 % gut. Das lese ich auch aus Riedos Zeilen heraus.
Der Sohn fragt sich gegen Ende seines Gewaltmarschs: „Wie wäre ich, wenn mein Vater nicht mein Vater gewesen wäre? Es folgt der Blick in den Spiegel – den Kinder tun – wenn sie sich abgrenzen wollen und doch auch eine durchgängige Linie von sich zu ihren Vorvorderen suchen. Und? „Was bleibt?“
Unsere Gesellschaften sind frei, solange wir konform sind, aber schon bei der kleinsten „Andersartigkeit“ (die in ihrer guten Ausführung auf Esoterikforen und auf Affirmationskärtchen der selbsternannten aquarianischen Weltretter als unbedingt nötig beschworen wird) umschlägt.
Was bleibt, wenn Familien einen Schandfleck aufweisen – ein Naziverbrechen, eine Vergewaltigung, einen Mord, um nur einige zu nennen – und sie schweigen müssen? Was bleibt, wenn das Geheimnis gelüftet wird, und man sich als Kind, das man immer ist und bleibt, ausliefert? Das Buch von Dominik Riedo ist keine Rechtfertigung der Pädophilie – es ist eine mutige Konfrontation eines Sohnes mit dem So-Sein seines Vaters, und wenn man so will: seiner Herkunft. Die Auseinandersetzung mit dem, wo man her kommt, ist wichtig. Nur dann hat man Perspektiven für den Weg nach vorne. ♦

Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders – Nekrolog über meinen pädophilen Vater, Offizin Verlag, 272 Seiten, ISBN 978-3-906276-10-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Autobiographie auch von Arno Stocker: Der Klavierflüsterer

Interview mit dem Schriftsteller René Oberholzer

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Der Mann mit dem Schalk im Lächeln

oder

Strawberry Fields Forever!.

von Karin Afshar

Baumschule

Die Bäume gehen zur Schule
Lernen wie man wächst und gerade steht
Lernen wie man sich biegt und wieder aufrichtet
Lernen nicht wie man der Axt entkommt

(René Oberholzer in der Anthologie „…bis an die Baumgrenze“,  Khorshid Verlag 2009)

René Oberholzer (*1963 in St. Gallen)
René RO (*1963 in St. Gallen)

„Der Mann“ ist Schweizer Schriftsteller und Performer, lebt und arbeitet seit 1987 in Wil. Geboren ist er 1963 in St. Gallen. Seit 1986 schreibt er Lyrik, seit 1991 auch Prosa. – So in etwa lauteten die an uns geschickten Zeilen, die mit drei Gedichten eintrafen. „Uns“ bzw. „Wir“ – das waren meine Herausgeberin und ich – wir hatten Anfang 2009 eine Anthologie mit dem Thema „Bäume“ ausgeschrieben. Die drei eingesandten Gedichte setzten wir sofort auf die Haben-wollen-Liste. Das Buch erschien im September 2009; inzwischen sind mehr als sechs Jahre ins Land gegangen. Fragen Sie nicht, warum es erst jetzt ein Interview (haben wir per Mail geführt) mit René Oberholzer gibt!
Legen Sie sich am besten zum Lesen eine gute alte LP von den Beatles auf, und geniessen Sie.

Karin Afshar: René, woran arbeitest du gerade?

René Oberholzer: Momentan arbeite ich an Texten zum Thema „Urlaub“. Diese werden dann in eine szenische Lesung mit der Autorengruppe Ohrenhöhe münden, mit der ich seit Jahren immer wieder neue Themen bearbeite und auf die Bühne bringe. Das ist mein mittelfristiges Ziel für nächstes Jahr. Längerfristig arbeite ich an einem neuen Kurzprosaband, der thematisch völlig ungebunden sein wird.

KA: Autorengruppe? Aufführen? Stimmt, ich hatte es im Hinterkopf, und auf deiner Webseite kann der Besucher auch einiges dazu sehen. Das sieht nach Proben, nach sehr viel Zeit fürs Schreiben und fürs Kreative aus? Bist du freier Schriftsteller und Künstler, oder gibt es noch einen anderen Broterwerb?

RO: Ich bin kein freier Schriftsteller und Künstler, mein hauptsächlicher Broterwerb ist das Unterrichten als Oberstufenlehrer an einer Ostschweizer Schule. Und das ist auch gut so. Ich könnte mir nicht vorstellen, nur zu schreiben und vom Schreiben auch noch leben zu müssen. Das würde mich einerseits zu stark unter kreativen und ökonomischen Druck setzen, und andererseits würde es meine Freiheit, das zu schreiben, wonach ich Lust habe, zu stark einschränken. Durch meinen Brotberuf habe ich in literarischer Hinsicht Narrenfreiheit und kann ohne Rücksicht auf Verluste schreiben und stehe auch unter keinem Veröffentlichungsdruck. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, den ganzen Tag an einem Computer oder vor einem Heft zu sitzen und zu schreiben. Ich muss zuerst nach draussen gehen, das Leben leben und das Unterbewusstsein mit Bildern und Geschichten füllen, damit ich wieder literarisch etwas Neues kreieren kann nach dem Prinzip: Leben – Schreiben – Leben – Schreiben. Und dafür ist ein Brotberuf, der einen kreativ nicht unter Druck setzt, sehr nützlich. Zudem müsste ich extrem gut und extrem produktiv sein, um in der Schweiz vom Schreiben leben zu können. Sogar ganz grosse Autoren wie Kafka u.a. haben ja nicht allein vom Schreiben gelebt und sind einem „bürgerlichen Beruf“ nachgegangen.

KA: Daraus ergibt sich natürlich gleich die nächste KA: Welche Fächer unterrichtest du, welches davon ist dein Lieblingsfach?

RO: Ich unterrichte die sprachlich-historischen Fächer, d.h. Deutsch, Französisch, Englisch, Räume & Zeiten (eine Kombination von Geschichte und Geografie), Bildnerisches Gestalten und Individuum & Gemeinschaft. Lieblingsfächer habe ich gleich mehrere – Deutsch, Englisch und Geschichte (ist in Räume & Zeiten integriert).

KA: Apropos Englisch, Französisch: Wieviele Sprachen sprichst du?

RO: Ich spreche in meiner Umgebung Schweizerdeutsch, beim Unterrichten in der Schule Hochdeutsch, ansonsten in den entsprechenden Fächern Französisch und Englisch.

KA: Stichwort „mehrsprachige Schweiz“ – Ich habe vor Jahren ein Buch besprochen, in dem es dann hiess, ja – die Schweiz sei mehrsprachig, die Einwohner seien es jedoch nicht zwangsläufig (sehr verkürzt gesagt) … Sprichst du einen Dialekt?

RO: Ich spreche den St. Galler Dialekt, von dem man in der Schweiz sagt, dass er relativ neutral im Vergleich zu anderen Dialekten sei.

KA: Mich als Linguistin interessiert und fasziniert dieses Thema immer wieder. Ich frage die bilingualen und multilingualen Kinder in meiner Umgebung, wenn es sich ergibt, und erhalte erstaunliche Antworten. Wie ist es bei dir: hast du eine Gefühls- und eine Denksprache? Verschieden oder identisch?

RO: Dadurch dass ich in der Schule Hochdeutsch als Unterrichtssprache spreche, viel in Büchern, in Zeitschriften und im Internet lese, ist mir die deutsche Hochsprache sehr vertraut geworden. Ich denke in der Hochsprache. Obwohl ich mit der Schweizer Mundart aufgewachsen bin, die eigentlich meine Gefühlssprache ist, ist die deutsche Hochsprache mittlerweile zu einer gleichwertigen Muttersprache wie die Mundart geworden, nicht zuletzt auch, weil ich einige Freunde und Bekannte im benachbarten deutschsprachigen Ausland habe. Und dann ist da natürlich mein eigenes Schreiben, das mich nicht in der Mundart, sondern in der Hochsprache denken und dann später auch reflektieren lässt. Wenn ich den Fernseher anmache, schaue ich mir lieber deutsche Sendungen in der Hochsprache an, das hat dann einen eigenartig professionelleren Anstrich.
Fühlen und Denken sind bei mir nicht zwei Schubladen, sondern greifen ineinander, deshalb ist die hochdeutsche Denksprache mittlerweile auch zu einer Gefühlssprache geworden.

René Oberholzer ("Der Runner")
René RO („Der Runner“)

KA: Dass Dialekte als „unprofessionell“ herüberkommen, ist ihrer Domäne geschuldet. Man muss eben wissen, wo man sich bewegt. Ich habe nie den Dialekt meiner Mutter sprechen gelernt (wiewohl ich auch kein Hochdeutsch sprach, was ich dachte, und was sich beim Umzug in den Norden dann als Irrtum herausstellte), d.h. ich habe mich nie so weit zu dieser Familienseite gehörig gefühlt, um mich mit ihr zu identifizieren. Wir waren im letzten Jahr im Dorf, besuchten Freunde meiner Mutter, und es war ein grosses „Fest“ – alle sprachen im Dialekt, denn das war die Sprache ihrer Zugehörigkeit. Irgendwann kam einer auf die Idee zu fragen, ob ich sie denn verstehe. Die Sprache ist beides: einerseits Gefühl-/Denksprache und andererseits eine Identitätsstifterin und Schafferin des sozialen Zusammenhalts. Das bringt mich zu einem sozialen Netzwerk, in dem wir auch miteinander vernetzt sind. – Da sehe ich dann immer wieder Fotos vom RO: in dieser Pose (siehe dein eigenes Foto rechts) an den verschiedensten Orten. Was hat es mit den Fotos auf sich? Gibt es eine Geschichte dahinter, was die Bewegung und ihre Richtung angeht?

RO: Es gibt keine konkrete Geschichte zu meinen „Runner“-Bildern. Ich habe vor langer Zeit gemerkt, dass es nebst dem Grinsen in die Kamera oder dem mehr oder weniger guten Posieren vor einer Kamera noch eine andere Pose geben könnte, und so habe ich die Figur des „Runners“ kreiert. Sie gibt einem statischen Bild Bewegung, suggeriert natürlich auch, dass ich ständig in Bewegung bin, manchmal mit dem Betrachter-Bildstrom von links nach rechts schwimme, manchmal gegen das Auge des Betrachters von rechts nach links anrenne. Mittlerweile sind diese „Runner“-Bilder zu einem Markenzeichen von mir geworden. Es gibt bereits vereinzelt Menschen, die mich in derselben Pose begrüssen, sie anderweitig imitieren oder mich auf sie ansprechen. Auf jeden Fall löst sie bei allen ein Schmunzeln aus.

KA: Schmunzeln – Schmunzeln muss ich oft, wenn auf meiner Startseite RO-geteilte Posts auftauchen. (So ein Netzwerk ist ein herrliches Medium zum Mitlesen, oder?) Sehe ich das richtig, dass du surreale Malerei oder überhaupt das Surreale magst?

RO: Der Surrealismus ist tatsächlich die Kunstrichtung in der Malerei, die mich am meisten interessiert und fasziniert, weil ihre geheimnisvolle Poesie mich zum Denken anregt. Es sind Bilder von René Magritte, Salvador Dali oder Wolfgang Lettl und anderen Surrealisten, die es mir angetan haben. Surrealistische Bilder sind auch nach Jahren nie langweilig, verlieren nichts von ihrem Geheimnis oder ihrem „Mysterium“, wie René Magritte den Inhalt seiner Bilder einst beschrieben hatte. Zudem spült der Surrealismus durch die Verbindung zum Unterbewussten und zu den Träumen Inhalte hervor, die das Denken normalerweise nicht hervorbringt. Der Surrealismus liefert mir eine Metaebene, die ich zu verstehen versuche. Und das macht ihn für mich interessant, weil ich vor surrealistischen Bildern verweilen kann. Das passiert mir bei realistischen oder abstrakten Bildern nicht. Aber ich mag auch Bilder von Van Gogh oder Claude Monet, auf denen ich erkennen kann, was abgebildet ist, unabhängig von der jeweiligen Kunstrichtung.

KA: Wann hat diese Faszination angefangen? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?

RO: Ein Schlüsselerlebnis, warum ich den Surrealismus so mag, gibt es nicht wirklich, es ist vermutlich die Summe von verschiedenen Entwicklungsprozessen, die ich durchlaufen habe, und diversen Einflüssen. Da spielt meine Fantasie eine Rolle, die immer wieder nach dem sucht, was nicht alle Menschen suchen, da ist die Vorstellung, dass man etwas immer auch mit anderen Augen anschauen kann, da ist meine Liebe zur Musik der Beatles, die mich im Teenageralter zu prägen begonnen und mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Viele Songtexte der Beatles ab 1966 haben extrem surreale Züge, der Trickfilm „Yellow Submarine“ ist Surrealismus pur. Dieser Film hat mich sehr beeinflusst. Da waren aber auch die Filme von Luis Bunuel, die mich inspiriert haben, oder auch Filme, in denen Michel Piccoli, den ich für einen der grössten Schauspieler halte, eine Hauptrolle gespielt hatte.
Ein persönliches Erlebnis mit einem meiner surrealistischen Vorbilder, das für mich sehr prägend war, als ich mich ästhetisch schon längst dem Surrealismus verschrieben hatte, gibt es aber trotzdem. Das war der Besuch bei Wolfgang Lettl in Augsburg. Ich war mit meiner damaligen Lebenspartnerin extra nach Augsburg gereist, um seine Bilder im Atrium-Museum mir anzusehen.
Dabei kam es zu einem Treffen mit Florian Lettl, dem Sohn von Wolfgang Lettl, der den ganzen Nachlass und die Museen in Augsburg und Lindau betreut. Florian Lettl spürte, dass ich ein echtes Interesse an der Kunst seines Vaters hatte, zumal ich das halbe Museum mit Postkarten und Postern aufgekauft hatte, und lud mich deshalb zuerst zu sich nach Hause und später zu seinem Vater ein. Diese Begegnung mit einem der grössten Surrealisten des 20. Jahrhunderts war schon sehr beeindruckend. Umso trauriger war die Nachricht, dass er kurze Zeit später im Jahr 2008 verstorben war.

KA: Malst du auch selbst?

RO: Nein, ich selbst male nicht. Ich habe es vor Jahren versucht, merkte aber, dass das nicht meine Schiene ist, obwohl ich mit der Malerei sehr verbunden bin. Zum einen konnte ich mit den wenigen Bildern, die ich gemalt hatte, damals keine Geschichten erzählen, zum anderen fehlte mir auch der Platz und die Zeit, die Malsachen immer wieder hervorzunehmen. Da war das Schreiben wesentlich einfacher. Ich konnte einen Schreibblock und einen Kugelschreiber überallhin mitnehmen. Und die Reproduktion meiner geschriebenen Texte war auch wesentlich einfacher, als das bei einem gemalten Bild der Fall ist. Eine Bildervernissage zu organisieren, ist wesentlich aufwändiger als eine Lesung abzuhalten. Heutzutage ist das Reproduzieren von Kunst im Internetzeitalter zwar etwas leichter geworden, doch das Originalbild ist immer noch das Originalbild. Bei einem Text kommt es nicht auf das handgeschriebene Original an, sondern nur auf die Worte, das Original hat demzufolge keine grosse Bedeutung, ausser man wird später einmal sehr berühmt.

KA: Deine Texte – und ich denke auch an drei Gedichte in „…bis an die Baumgrenze“ – leben von dem Spiel mit der Erwartung der Leser. Diese Erwartung führst du ad absurdum, führst den Leser in eine andere als die von ihm gedachte Richtung.

RO: Genau. So passieren in meinen Geschichten oft Dinge, die zwar sehr real sind, doch in der Art, wie sie passieren, nur in meinen Geschichten passieren können. Was mich beim Schreiben von Geschichten oder Gedichten aber auch mit dem Surrealismus verbindet, ist die Möglichkeit, damit Interpretationsräume für den Leser/die Leserin zu öffnen. Das fängt beim Titel an und hört bei einem offenen Schluss auf. Der Leser/die Leserin soll mitdenken und den Inhalt weiterspinnen können. Das gelingt auch nicht immer in meinen Texten, denn jeder Text kommt, wie er kommt, und manchmal sind ja auch Texte, in denen mehr oder weniger alles gesagt ist, nicht schlecht, weil sie ein schönes Bild oder ein schönes Gefühl vermitteln, das stimmig ist. Oder aber eine knallharte Realität so darstellen, wie sie nun einmal ist. Dabei ist die Poesie, wenn sie dann in Texten vorkommt, im Ansatz schon ein wenig surreal, weil ja niemand auf der Strasse so spricht, wie z.B. oft in Gedichten gesprochen wird.

KA: Wenn ich da jetzt so drüber nachdenke… Dann war und ist der Surrealismus auch eher eine Kunstrichtung, die mich mehr fasziniert als ein blosser Impressionismus. Aber es hat vieles einen Platz unter der Sonne und seine Abnehmer und Liebhaber. Zur Musik! – du hast sie bereits erwähnt – als prägend für dich (wie sie prägend für eine ganze Jugendgeneration waren) – die Beatles. Was verbindet dich mit ihnen?

RO: Mit den Beatles verbindet mich zum Ersten eine tiefe musikalische Liebe. Es gibt meiner Meinung nach keine Gruppe und keinen Sänger/keine Sängerin, die eine derart grosse Bandbreite an Melodien geschaffen haben wie die Beatles. Ihre Melodien sind zu meinen inneren Melodien geworden. Und je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass ich meine grundsätzliche Fröhlichkeit auch ein Stück weit den Beatles zu verdanken habe. Mit Beatles-Liedern im Herzen bist du eigentlich immer auf der Sonnenseite.
Dann gibt es natürlich auch die textliche Seite der Beatles-Lieder, die mich beeinflusst hat. Da sind z.B. Hymnen wie „All You Need Is Love“, die in ihrer Botschaft so existenziell sind, dass eigentlich alles gesagt ist. Dann ist da die lebensbejahende, inhaltliche Seite in Songs wie z.B. in „Here Comes The Sun“, die politische Seite wie z.B. in „Revolution“, in dem klar gegen Gewalt Position bezogen wird. Und dann ist da die surrealistische Seite wie z.B. in „Strawberry Fields Forever“ oder die textlich und musikalisch raffiniert montierte und sehr moderne Seite wie z.B. in „A Day In The Life“, um nur einige unterschiedliche Seiten der Beatles aufzuzählen.

KA: Die innewohnende Fröhlichkeit? – Der tiefstapelnde Humor?

RO: Ihr Witz – der spiegelt sich nicht nur in ihren Liedern wider, sondern vor allem auch in ihren Filmen wie „Help“ oder „Yellow Submarine“. Da ist viel trockener, englischer Humor drin, den ich sehr mag. Und dann mag ich auch ihre Interviews, in denen sie mit lakonischen Sätzen und surrealen Wendungen auf banale KA:n von Journalisten geistreich und schräg geantwortet haben und damit bewiesen haben, dass man sich zwar ernst, aber das Leben um sich herum nicht immer so ernst nehmen sollte.

KA: Als es sie dann nicht mehr… wem bist du mehr gefolgt? John Lennon, George Harrison, Ringo Starr oder Paul McCartney? Ich frage das, weil ich selbst zunächst mehr George Harrison hörte. 1979 kam „George Harrison“ heraus, hab ich mir als Kassette organisiert. Paul McCartney und die „Wings“ („With a little luck“) – hab ich auch rauf und runter gehört.

RO: Natürlich habe ich die Solokarrieren aller vier Beatles mitverfolgt, teilweise auch rückblickend in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Heutzutage bin ich noch immer stark mit Paul McCartney verbunden, den ich gerne einmal treffen würde. Seine Musik seit der Trennung der Beatles verfolge ich sehr genau, und seine vegetarische Lebensweise, die ich auch lebe, beeindruckt mich sehr. Zudem bewundere ich, welche Energie er in seinem Alter noch hat, und wie er laufend neue Projekte realisiert. Aber auch die Soloalben und -projekte der anderen drei Beatles, vor allem die der bereits Verstorbenen John Lennon und George Harrison, sind sehr beeindruckend und haben mein Post-Beatles-Herz höher schlagen lassen.

KA: Jetzt fallen mir doch noch etliche Fragen ein, aber ich habe mein selbstgestelltes Fragen-Limit erreicht. Eine letzte Frage aber doch noch – weg von der Musik zurück zur Literatur: Welches Buch würdest du unseren Lesern empfehlen?

RO: Da kann ich mich nur schwer auf eines fixieren. So gebe ich mal völlig unrepräsentativ aus  vier literarischen Sparten je ein Buch an.
Roman: „Der Prozess“ von Franz Kafka (1925)
Kurzprosa: „Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter“ von Aglaja Veteranyi (2004)
Drama: „Das letzte Band“ von Samuel Beckett (1958)
Lyrik: „Buckower Elegien“ von Bertold Brecht (1964)

KA: Hier tauchen sie also auch wieder auf – die Dinge über die du sprachst. „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität. Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen, zu unbekümmert jedoch um meinen Tod, um nicht zumindest die Freuden eines solchen Besitzes abzuwägen“, schrieb  André Breton, und von dir könnte man vielleicht sagen: Das Leben in seinen vielen Ausprägungen ist eine so ernste Angelegenheit, dass man gut daran tut, sie nicht zu ernst zu nehmen. Mit Ungeduld, ohne sich festhalten zu lassen und in körperlicher wie geistiger Bewegung.
René, ich wünsche dir weiter viel (Bein-)Freiheit.

Der Radwechsel

Ich sitze am Strassenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

(Bertolt Brecht, Buckower Elegien)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Rene Oberholzer: Vier Berg-Short-Storys (Kurzprosa)

… sowie das Literatur-Interview mit dem Verleger Beat Hüppin: „Das qualitätsvolle Buch hat Zukunft“

Interview mit dem Schriftsteller Dominik Riedo

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Kairos – der richtige Zeitpunkt

oder

Kinski, Riedo, Schostakowitsch und … Kaffee

von Karin Afshar

Ein Interview ist ein Gespräch, bei dem der eine Gesprächsteilnehmer den anderen zu einem zuvor festgelegten Thema befragt. Ziel eines Interviews ist die Erlangung von Information, entweder persönlicher oder sachlicher Art. Der Leser, der das Interview lesen wird, weiss bestenfalls hinterher mehr über den Befragten als er vorher wusste.

Dominik Riedo (* 28. Februar 1974 in Luzern/CH)
Dominik Riedo (* 28. Februar 1974 in Luzern/CH)

Ein Interview gelingt dann besonders gut, wenn sich der Befragende hinreichend über seinen Partner vorinformiert, sich ausdrucksstarke Fragen überlegt und sie in einen mehr oder weniger geordneten Zusammenhang bringt.
Der Befragte seinerseits muss während des Interviews eigentlich nichts weiter tun, als auf die Fragen so zu antworten, dass sowohl er als auch der Befragende mit den Antworten jeweils ihre Botschaft auf den Weg bringen.

Es gibt etliche Fälle misslungener Interviews. Die meisten bekommen Leser oder Zuschauer oder Hörer nie zu sehen, aber hin und wieder macht eines in den Medien die Runde.
Ein echtes Skandal-Interview war eines mit Klaus Kinski, geführt mit einer jungen Reporterin, in einem Park (vielleicht Hamburg), im Beisein seiner Frau und einigen Fernsehleuten. Es ging um Kinskis damals gerade herausgekommenes Stück „Jesus Christus“.
Nun war Kinski als „unmöglich“, als enfant terrible bekannt, und was Interviews anging als störrisch verschrien. Ein Interview mit ihm also eine heikle Sache, die guter Vorbereitung bedurfte. Die junge Reporterin tappte gleich zu Beginn in ein erstes Fettnäpfchen, indem sie ihre Frage um das bedeutungsschwere Wort „ausgefallen“ erweiterte. Das zweite Näpfchen stellte sich ihr in den Weg, als sie Kinski als „negativen Helden“ bezeichnete, der sich nunmehr (überraschenderweise, ausgerechnet) des Neuen Testaments angenommen hätte… Kinski eskalierte sofort und liess sich auch nicht mehr beruhigen. Der Rest des Interviews ist Geschichte.

Karin Afshar (* 1958 in der Eifel/D)
Karin Afshar (* 1958 in der Eifel/D)

Mein Gesprächspartner ist nicht Klaus Kinski (der ist auch inzwischen etliche Jahre tot), sondern ein lebender, kürzlich Geburtstag feiernder Schweizer Schriftsteller: Dominik Riedo. Als Nicht-Schweizerin und als Nur-noch-Sporadisch-Lesende kenne ich Herrn Riedo nicht. Eine Lücke, die ich schliesse, indem ich im Netz recherchiere. Dominik Riedo studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Zürich, Berlin und Luzern, von 2004 bis 2006 war er Lehrbeauftragter an der Universität Zürich, seit 1993 ist er Schriftsteller, Mitherausgeber von „Aufklärung und Kritik“ (Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie), war 2010-2012 der Präsident des Deutschschweizer PEN-Zentrums und von 2007-2009 der Kulturminister der Schweiz. Er publiziert Bücher in verschiedenen Verlagen, betreibt eine Webseite und schreibt einen Blog, in dem er Aphorismen und Auszüge aus seinen Arbeiten einstellt. Ich lasse mir drei seiner neuesten Bücher (2014 erschienen) kommen.

Geplant ist ein E-Mail-Interview; diese Form von Interviews gewinnt immer mehr an Beliebtheit, folgt aber eben eigenen journalistischen Regeln, die man auch kennen sollte. Der grösste Unterschied zu normalen Interviews ist der, dass die beiden Gesprächspartner nicht die Möglichkeit haben, eine gestellte Frage zu erweitern oder zu erörtern, sondern die Befragung und Beantwortung statischer sind und demzufolge strukturiert vorbereitet sein wollen. Zehn Fragen, so steht in den Leitlinien, die ich alsbald finde, sollten es in der Regel sein.

Ich schreibe Herrn Riedo eine erste Mail, um mich vorzustellen und um anzukündigen, dass demnächst meine Fragen kommen. Ich muss mich erst „warm laufen“.

Frage: Was lesen Sie zurzeit? (Und ist es eher ein dickes oder dünnes Buch?)

Riedo: Proust und Lovecraft und Barnes.

Anlass zur Frage ist ein Zitat: „Literatur ist auf der einen Seite wie ein dickes Buch, auf der anderen wie ein dünnes. Im dicken, das im unmöglichen Idealfall ein Weltwälzer wäre, kann man sein ganzes Leben fortlesen, ohne aus dem Traum in die Realität niedersteigen zu müssen. Beim dünnen, das bis zu einem Wort, zu einem Zeichen nurmehr, zusammenschmelzen soll, wird durch das Gelesene eine plötzliche Einsicht in die Wirklichkeit bewirkt.“
Riedo: Man kann nicht sämtliche Literatur in einem Menschenleben lesen. Darum ist es vor allem wichtig, von elementaren Werken zumindest den Nukleus – also das, was ein bestimmtes Werk im Innersten zusammenhält, was es ausmacht und determiniert – zu verstehen; man sollte (selbst als unkreatives Wesen) zumindest begreifen, warum ein Autor ein solches Buch überhaupt schreiben wollte und konnte.

In einer späteren Mail, nachgefragt, wie es Proust jetzt „ginge“:
Riedo: Proust steckt fest. Der dritte Band ist zu zäh. Mal sehen, ob ich ihn durchgehe oder überwinde. Im Moment einiges andere auf dem Nachttisch.

Dominik Riedo - Uns trägt das Angesungene - Edition Taberna Kritika - Glarean Magazin
Dominik Riedo: „Uns trägt das Angesungene“ – edition taberna kritika

Ich lese derweil in „Uns trägt das Angesungene“. Es ist ein rosa-/magentafarbenes A6-formatiges Taschenbuch mit Textschnipseln, mit Angedachtem, farbig im Text belassenen Korrekturanmerkungen und geschwärztem Text. Sieht interessant aus. Der Klappentext hebt an mit der Frage, ob Skizze auch Werk sein kann, so unfertig wie sie ist. Das Buch werde zur doppelten Allegorie, in dem es die (Un)Fertigkeit einer offengebliebenen Korrektur schamlos ausstelle. Ich stolpere über das erste von zwei Attributen, die man Riedos Arbeit zuweist.

Frage: Was meinen die Rezensenten und auch der Verlag mit der „schamlosen Ausstellung“ des (Un)fertigen? Sollten „wir“ – die Leser – uns für etwas schämen – und vor welchem Hintergrund sollen wir uns schämen? Lassen Sie alle Scham fallen, weil Sie nicht schreiben, wie es sich „gehört“?

Riedo: Wieso, wie „gehörte“ es sich? Oder halt dies: Ich soll mich doch wirklich nicht schämen, das Unfertige zu zeigen: Denn wann ist etwas schon nicht „unfertig‘? Das mit den Leserinnen und Lesern ist eine verzwickte Sache: Eigentlich wäre nicht (fast) alles, was man als Wort-Mensch so schreibt, für deren Augen. Aber irgendwie muss man halt leben.

Ein zweites Attribut ist „verstörend“… Bin erstaunt, bin kaum verwirrt, wegen der Korrekturen nicht (kannte ich schon aus anderen Büchern), aufgrund der Inhalte nicht, muss schmunzeln (viele Ideen! Wenn er das alles zu Erzählungen machte!), bin wiedermal bestätigt: die Welt ist verrückt, so wie sie ist. Und nicht dazu angetan, wirklich heimisch in ihr zu sein.

Frage: Ist das mehr oder weniger auch das, was Sie trägt? – Was Sie hier „ansingen“? – Eine Welt in Auflösung?

Riedo: Die Welt ist ver-rückt: Wenn es nur in den Büchern wäre, fände ich das äusserst anstrebenswert. Aber die Realität … Es ist nicht zu sagen, was heute alles „geht“. Eine Lösung wird kommen: Hoffen wir, es ist nicht eine endgültige. Auf dass man immer wieder dagegen ansingen darf. Und doch alle etwas Ungesungenes im Kopfherz tragen können.

Das mit dem Ansingen kenne ich. Dass es in Riedos Angesungenem viele Tote, Morde, Rachegedanken gibt… eben, so ist die Welt. Ver-Rückt. In meinem Alltag fallen mir just in dieser Zeit die kurzen, zusammengedampften Symphonien von Darius Milhaud zu. Der schrieb dergleichen Anfang des 20. Jahrhunderts, verkürzte mal eben eine (klassische Form) 90-minütige Symphonie in vier Sätzen auf acht Minuten. Ankündigung unserer heutigen Zeit-Not? Ein Kürzest-Werk, aber eben auch ein Werk.

Frage: „… Wie in einer musikalischen Struktur …“ – haben Sie ein bestimmtes Stück vor Ohren gehabt?

Riedo: Einige; aber vor allem meins: do re mi do ni ki … Aber es sei gegengefragt: Wenn ein fremder Text in mir plötzlich Saiten zum Klingen bringt: Sind das von Geburt her eingezogene oder doch eher literarisch vorgebildete? Die Frage besteht: Gibt es Liebe zu einem Text ohne Vorkenntnisse (mal abgesehen davon, dass man das Alphabet erlernt hat und gewisses Weltwissen) und/oder „Drauf-hinauf-gehoben-Werden“?

Frage: Welche Musik hören Sie und was ist mit der Harmonielehre oder Tonkunst?

Riedo: Wie der Patient sagen würde: Ich bin ein Liebhaber der Tonkunst: Viele tanzen nach meiner Pfeife.

Kein Nachhaken meinerseits, aber zur Gegenfrage fällt mir vieles ein. Das Thema „Musik“, über das ich gerne weiter gefragt hätte, bei dem ich dann auf Hindemith und von ihm weiter auf „das Werk“ bzw. den Werksbegriff gekommen wäre, bleibt unvollendet. Ich suche noch ein wenig in der „Unterweisung im Tonsatz“ – im Vorwort schreibt Hindemith Lehrreiches zum Werksbegriff bzw. über den Umgang der Jüngeren mit der Anwendung des ihnen zur Verfügung stehenden Musikwerkzeugs… Es hätte zu Riedos Interview mit Philippe Bischof gepasst:

Facebook - Zwirbler-Roman - Glarean Magazin
Die Facebook-Community als Schriftsteller-Kollektiv: der Zwirbler-Roman

Anlässlich einer Tagung des Kulturministerium.ch hatte Riedo als Kulturminister der Schweiz mit Philippe Bischof, dem Leiter des Luzerner Kulturhauses Südpol ein Gespräch geführt. Riedo hatte gefragt, ob die Schriftsteller eventuell zu elitär geworden seien und ob Theater immer mit Schriftstellern zu tun haben bzw. immer von Schriftstellern geschrieben sein müsse.
Bischof bestätigte, dass dies im Moment (immerhin schon 5 Jahre her), tatsächlich immer weniger der Fall sei. Es gebe eine starke Tendenz dahin, dass der Autor nicht mehr der Schriftsteller allein sei, sondern die Schauspieler, der Regisseur, der Dramaturg zusammen etwas wie einen Kollektivautor bildeten, der auch die Leute draussen, das Publikum und seine Befindlichkeit und persönlichen Bedürfnisse einbeziehe und als dokumentarisches Theater diese authentisch aufnehme.

Von der Bühne und den Dramatikern, von der Musik hätte ich zu den Schriftstellern und den Büchern übergeleitet… Dank (preisgünstiger) E-Book-Publikationsmöglichkeit gibt es immer mehr Autoren und auch immer mehr zielgruppenorientiertes Schreiben. Da wird der Leser miteinbezogen, der Autor schreibt, was sein Leser sich von der Geschichte wünscht, ja, sogar mehrere Autoren schreiben kollektiv an einer Geschichte (z.B. der Zwirbler-Roman, der erste Facebook-Roman).

Frage: Sind diese eigentlich noch Schriftsteller zu nennen? Was ist ein Schriftsteller heute noch?

Riedo: Man könnte es über die Gewerkschaft definieren: Beim AdS („Autorinnen und Autoren der Schweiz“) wird nur aufgenommen, wer bestimmte Minimalkriterien erfüllt. Andererseits ist „Schriftsteller“ keine geschützte Bezeichnung, war es noch nie. Und das ist vielleicht auch gut so. Stichwort: „Offen für alles Kommende“ … Der Untergang kommt früh genug …

Frage: Ist Schreiben ein Ausdruck seiner selbst, oder ist Schreiben als Erfüllung der Bedürfnisse anderer, besonders der Leser zu denken?

Riedo: Das geht durchaus Hand in Hand.

Dominik Riedo - Die Schere im Kopf - Offizin Verlag - Glarean Magazin
Dominik Riedo: „Die Schere im Kopf“ – Offizin Verlag

„Die Schere im Kopf“. Das Buch lässt mich nicht an sich heran, verärgert mich im Anlesen – und lässt mich „im Fenster der Nacht des Hierseins“ – zurück, mit diesem „Herunterzählen“ an Wörtern und Satzfetzen, bis hin zum letzten unverständlichen Wort. Ich bin alles andere als sicher, ob ich überhaupt verstehe, worum es geht. An manchen Stellen kann ich sogar vor Wut nicht weiterlesen.

Riedo: Auch ich war oft wütend angesichts des Textes. Aber er musste geschrieben werden. Und wäre es nur meinetwegen.

Frage: Provokation? Fishing for Widerspruch?

Riedo: Ne, nicht mehr … Das habe ich mit dem Kulturministerium hinter mir gelassen.

Fünf mal 24 Stunden hat der Erzähler in diesem Buch noch zu leben. Er liegt mit Krebs im Endstadium in einem Spitalbett und weiss, dass die Schmerzen trotz verabreichter Medikamente nicht mehr enden werden. Dennoch fürchtet er sich weniger vor dem elenden Ende, verspürt kaum Angst vor dem nahenden Tod, den er in seinem Überdruss willkommen heisst.
In aufeinanderfolgenden Bewusstseinsschüben beschreibt er nun sein abgelebtes Leben, zerreisst es rückblickend. Der Leser erfährt, dass der Erzähler früher einmal geglaubt hatte, das grosse Werk schreiben zu können, dass er zwar zwei Instrumente spielte, aber nicht ganz so musikalisch wie Mozart war. Er war Lehrer, einmal sogar Dozent an der Uni, arbeitete im Gefängnis (wo er feststellte, dass auch Verbrecher sich selbst beschwindeln) und hatte weitere Gelegenheitsjobs. Der Leser erfährt von den Frauen. 129 sollen es gewesen sein. Bei der Abrechnung überlegt der Sterbende, ob es ihm ein Trost wäre, wenn alle Menschen gleichzeitig mit ihm stürben. Fragmentarisch denkt er auch – an die Schweiz, an ihre unveränderbare Bürgerlichkeit und fasst zusammen, dass ihn auch das Reisen anwiderte, nachdem er alles bereist hatte.
Wie gesagt: das Buch widersetzt sich mir. Vielleicht wegen des Fragmentarischen, des „gestreamt“ Vexierhaften – Vexierhaftes irritiert mich. Schostakovitsch und seine 15. Symphonie fallen mir ein. Sie beginnt mit dem Zitat aus Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre. Das leichte, lockere Leben endet alsbald in Fragmenten und setzt sich mit dem Sterben auseinander. Es ist die letzte Symphonie des Russen, er ist schwerkrank und er komponiert unter stalinistischen Bedingungen, wandert dabei auf einem schmalen Grat zwischen ideologischer Vereinnahmung und künstlerischer Selbstverwirklichung, zwischen Leben und Tod.  Ja, Schostakowitschs Musik evoziert Ähnliches wie die „Schere“.

Die Schere im Kopf lege ich zur Seite. Sie schneidet meine Energie und meinen Elan ab. Auch die Antworten, die ich auf meine erste Mail bekomme, lege ich zur Seite.  Jetzt spüre ich den Hauch des Proust-Effekts. Aufschieben, sage ich mir. Aufschieben, dann wird der rechte Augenblick kommen. Habe auch zur Zeit mit der Veröffentlichung der Aphorismen eines anderen jungen Mannes zu tun, fast gleicher Jahrgang, sogar ähnliche Gedanken.

Dominik Riedo: „Mein Herz heisst ‚Dennoch'“ – Pro Libro Verlag

Kurz vor Weihnachten schickt mir der Verlag pro libro aus Luzern das dritte Riedo-Buch: „Mein Herz heisst „‚Dennoch‘ – Literarische Porträts“. Darin geht es um Schriftsteller und Denker, die anders als ihre Mitmenschen waren. Die Werke, die sie aus ihrer Andersartigkeit heraus geschrieben haben, werden heute bewundert. Den Erschaffenden aber machte das Anderssein zu schaffen. Sie haderten mit sich, mit der Welt, mit dem eigenen Werk.  Riedo versammelt in diesem Buch literarische Porträts, die gewissermassen den Finger auf die offene Wunde legen. Die Wunde ist die der Verdrängung des Haders der „Anderseienden“ aus der heutigen Bewunderungsperspektive.
Sag ich doch! Mein Reden. Voller Vorfreude nehme ich das Buch in die Hand und vor die Augen. Riedo ist einer, der Einzelgänger zu mögen scheint. Seine Antworten zu sich selbst mögen da für ihn sprechen.

Frage: „Widerstand der Welt, den diese Denker und Schriftsteller erfuhren, aber auch Widerstand, den sie selbst der Welt entgegensetzten, der unbeirrbare Glauben der Porträtierten an das „Dennoch“ – an die Keimzelle der unsterblichen Literatur.“ Keimzelle? Unsterbliche Literatur?

Riedo: Unsterblich, denke ich, ist doch praktisch nichts. Die Keimzelle jedoch steckt in mir – und bringt ihre Triebe voran… Gegen den vorangegangenen Gegendruck …

Frage: Sind Sie ein lustig-melancholischer Mensch oder eher ein ernst-alberner? Oder ist die Frage zu persönlich?

Riedo: Beides wohl, wild durcheinander. Am ehesten ein melancholisch-heiterer.

Frage: Sie scheinen ein Faible für Einzelgänger zu haben oder sind Sie etwa selbst einer? Sehen Sie sich als einer?

Riedo: An der Party zu meinem 20. Geburtstag kamen 81 Gäste, an der zu meinem 40. Geburtstag noch 12 …

Und jetzt kommt die Kinski-Klippe, das Fettnäpfchen, in das ich treten könnte. Riedo war – wie bereits erwähnt – für zwei Jahre Schweizer Kulturminister – ein Zeitraum in seiner Biographie, den ich natürlich ansprechen muss.

Frage: Wie kam es überhaupt zu der Idee, Kulturminister werden zu wollen, sich als Kandidat zur Wahl (mittels Internet-Wahl aus 25 Kandidatinnen und Kandidaten) zu stellen?

Riedo: Weil ich, beim Sprung ins kalte Wasser, etwas lernen wollte.

Frage: Macht man das mal eben so? Haben Sie nicht genug zu tun gehabt?

Riedo: Ich mache eigentlich nichts „einfach so“.

Frage: Wie haben Sie die 2 Jahre als Kulturminister verändert? Haben sie Sie verändert?

Riedo: Oh ja!

Meine zehn Fragen sind gestellt, und ich habe kein schlüssiges, rundum befriedigendes Bild. Ich habe gar nichts und muss erkennen, dass ich die falschen Fragen gestellt habe, und mir trotz allen Hin- und Herüberlegens kein Weg eingefallen ist, sie aufzubereiten. Riedo hat mich weite und inspirierte Denkwege zurücklegen lassen. Aber das Interview… wenn ich doch eine Tasse Kaffee mit ihm trinken könnte!
Es ergibt sich keine Gelegenheit. Im Gegenteil, ich entferne mich räumlich noch weiter von der Schweiz, fahre in den Norden, sitze in einem Bahnhofsrestaurant und – spreche mit Riedo.

Was trinken wir? Kaffee? Wie trinken Sie ihn? Mit Milch und ohne Zucker? – Der Kaffee kommt. Jetzt würde ich sie stellen – die wirklich wichtigen Fragen:
01. Wann können Sie am besten schreiben?
02. Wo kommen Ihnen so richtig gute Ideen?
03. Welche Stadt würden Sie gerne in nächster Zeit besuchen?
04. Haben Sie Freunde in Deutschland?
05. Welchen Film haben Sie kürzlich gesehen?
06. Haben Sie einen Lieblingsregisseur?
07. Trinken Sie lieber Kaffee oder lieber Tee? Eine Idee, warum das so ist?
08. Essen Sie gerne Fisch?
09. Welches ist Ihre derzeitige Lieblingsfarbe (hatte ich das nicht schon gefragt???)
10. Können Sie zeichnen?

Nichts mit Literaturwissenschaftlichem zu „Werk“ und „Fragmentarismus“, oder Lebensabrissen und Bewusstseinsströmen, genug des Zweifelns an der verrückten Welt, die uns dazu bringt, gegen sie anzuschreiben. Wozu? Um uns ein Denkmal zu setzen – oder uns am Leben zu erhalten? Wer dieses neue Interview liest, soll sich wohlfühlen und einen Menschen sehen, und sich darin wiederfinden – oder auch nicht. Etwas Riedo-haftes klingt in allen von uns… und sowohl ein Klaus Kinski als auch ein Dmitri Schostakowitsch waren als Künstler und als Menschen nicht einfach, noch unumstritten. Sie waren anders. Und dennoch!

Einen herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag, Herr Riedo. ♦

_________________________

Dies sind die Antworten, die mir Dominik Riedo auf meine obigen 10 Fragen gab:

01. Wenn mich an der Welt etwas stört, aber nicht in meinem Arbeitszimmer.
02. Beim Lesen.
03. Marsala. Ich werde März oder April dort sein.
04. Ja.
05. Verfilmungen von Philip K. Dick. Ich möchte einen Essay über ihn schreiben.
06. Orson Welles.
07. Kaffee. Weil ich als Kind bereits Mocca-Glacé über alles liebte. Aber warum das? Keine Ahnung.
08. Ich bin Vegetarier.
09. Schwarz.
10. Ich konnte es mal ganz gut und habe Freundinnen damit „beschenkt“. Heute hab ich das etwas verloren.

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über
Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders
(Nekrolog auf meinen pädophilen Vater)

… sowie das Interview mit der Bestseller-Autorin Rebecca Gablé („Der dunkle Thron“)

Jörg Schuster: Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 15 Minuten

Der Brief als artifizieller Schutzraum und schriftliche Selbststimulation

von Karin Afshar

1. Vorwort zu einer Besprechung

Vor mir liegt eine Habilitationsschrift, ein Buch von 396 Seiten, ohne Literarturverzeichnis. „Kunstleben“ heisst dieses Buch – der Untertitel lautet: Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900 – Korrespondenzen Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes. Auf dem Einband: Rilke – schreibend.
Abgesehen davon, dass ich einen Vorteil habe (ich muss und werde nie eine Habil-Arbeit verfassen), habe ich ein Problem: ich kann das Thema und das Buch nicht auf einer Seite besprechen. Machen Sie sich auf ein längeres Verweilen-Müssen gefasst. Ferner hoffe ich, dass sowohl Jörg Schuster als auch der Wilhelm Fink Verlag Verständnis dafür haben, wenn ich die Rezension so gestalte, dass sie auch für Nicht-Wissenschaftler lesenswert und informativ wird. Deshalb werde ich meinen Text nicht als Literaturwissenschaftlerin oder auch nur annähernd als Germanistin verfassen, sondern als neugierige Leserin, die wissen will, was es mit dem Briefeschreiben um 1900 (zugegebenermassen interessiert mich Rilke mehr als Hofmannsthal) auf sich hat.
Ich hoffe ausserdem, dass auch jene meine Rezension lesen, die vielleicht niemals das Fachbuch – ein ausgezeichnetes Kompendium voller Details und Verknüpfungen – in die Hände bekommen.

Jörg Schuster: Kunstleben - Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900 - Korrespondenzen Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes (Wilhelm Fink Verlag)Es geht also um Briefe, und um eine bestimmte Art von Briefen, die zu einem bestimmten Zweck und mit bestimmten Inhalten mit ganz bestimmten Mitteln geschrieben wurden. Die Aufgabe, dieses „bestimmt“ zu beschreiben, hat sich Jörg Schuster gesetzt. Der Mann hat Neuere deutsche Literatur, Allgemeine Rhetorik und Philosophie studiert. Seine Dissertation hat er in Tübingen über die „Poetologie der Distanz – Die ‚klassische‘ deutsche Elegie 1750-1800“ verfasst. Das war 2001; 2012 legte er in Marburg, wo er an der Philipps-Universität als Wissenschaftlicher Mitarbeiter wirkte, seine Habilitationsschrift vor. Wie ich dem Netz entnehmen kann, lehrt er zur Zeit am Germanischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universtät in Münster.

2. Wer waren Hugo von Hofmansthal und Rainer Maria Rilke?

Sie lesen diese Rezension bestimmt deshalb, weil Sie einen der beiden Herren kennen? Bevor ich zu den Briefen komme, erlauben Sie mir, Ihnen einige Angaben zu Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke ins Gedächtnis zurückzurufen. Ersterer lebte von 1874 bis 1929, war österreichischer Schriftsteller, Dramatiker und Librettist. Er wird als der Repräsentant des fin de siècle und der Wiener Moderne schlechthin bezeichnet und hat – „Triumphpförtner“ österreichischer Kunst  – die Salzburger Festspiele (1918/1919) mitgegründet, die vielleicht nicht eine Gegenidee, so doch aber Entwurf zu einer Alternative zur Wiener Moderne sein wollte: klerikal, antidemokratisch, antiaufklärerisch.1)

Hugo von Hoffmansthal
Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal hatte bereits promoviert und habilitiert, als er um 1900 in eine persönliche Krise stürzte. Am 18. Oktober 1902 erschien Ein Brief („Chandos-Brief“ – ein fiktiver Brief eines Lord Chandos, der seine Zweifel an den Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks niederschreibt) in der Berliner Literaturzeitschrift Der Tag. Der Chandos-Brief zeigt, aus welchen Gedanken heraus Hofmannsthal die Poetologie seiner Jugend ablegt, und markiert eine Zäsur in Hofmannsthals Kunstkonzept. Rückblickend erscheint ihm das bisherige Leben als bruchlose Einheit von Sprache, „Leben“ und Ich. Nun aber kann das Leben nicht mehr durch Worte repräsentiert werden; es ist vielmehr direkt in den Dingen präsent… Neben lyrischen und theatralischen Werken ist eine umfangreiche Korrespondenz Hofmannsthals in Höhe von etwa 9’500 Briefen an nahezu 1’000 verschiedene Adressaten überliefert.

Rainer Maria Rilke
Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) gilt als bedeutendster Lyriker Deutschlands. 1895 bestand er die Matura und begann Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie in Prag zu studieren, wechselte 1896 zur Rechtswissenschaft und studierte ab September 1896 in München weiter. Etwa von 1910 bis 1919 hatte Rilke eine ernste Schaffenskrise, der dann allerdings eine um so intensivere Schaffenszeit folgte. Er vollendete innerhalb weniger Wochen im Februar 1922 die Duineser Elegien. In unmittelbarer zeitlicher Nähe entstanden auch die beiden Teile des Gedichtzyklus Sonette an Orpheus. Beide Dichtungen zählen zu den Höhepunkten in Rilkes Werk. Sein umfangreicher Briefwechsel – wird mit mehr als 10’000 Briefen angegeben – bildet einen wichtigen Teil seines Schaffens.  Es wurden mittlerweile 70 Bände mit Rilke-Briefen herausgegeben. Allein eine Ausgabe von 2009 umfasst 1134 „Briefe an die Mutter“, darin enthalten sind die Briefe aus der Kinder- und Jugendzeit. Es hat den Anschein, als hätte Rilke in seinen Briefen gelebt. Hofmannsthal wie Rilke waren „manische“ Briefeschreiber.

3. Warum Briefe untersuchen?

Bevor ich weiter auf ausgewählte Themen eingehe, die Schuster in seiner Arbeit herausarbeitet, wende ich mich an Sie. – Schreiben Sie (noch) Briefe? – Würde ich gefragt werden, würde ich antworten: ich habe früher viel geschrieben, heute greife ich kaum noch zu Papier und Stift und schreibe einen Brief von 10 oder 12 Seiten. Meine heutigen Briefe beschränken sich auf in die Tastatur geschlagene Buchstaben in Mails, die ausgedruckt allerhöchstens die Länge einer halben DIN A 4-Seite erreichen.
Briefe sind ein Medium, das uns zur Verfügung steht, um zu Papier zu bringen, was an Gedanken mehr oder weniger geordnet in uns herumschwirrt.  Briefe schreiben wir, weil und wenn unser Gegenüber abwesend ist. Der Gesprächspartner, mit dem wir uns im Dialog befinden, ist räumlich oder zeitlich von uns getrennt – wir möchten ihm etwas mitteilen. In diesem Wunsch, mitzuteilen, schreiben wir von uns, von dem, was uns zugestossen ist, was wir gedacht, gefühlt und getan haben. Im Schreiben erwachen Empfindungskräfte – wir empfinden uns als uns, wir finden unsere Identität und – auch das ist möglich, unsere Individualität. Tagebuchschreiben und das Schreiben von Briefen haben diese identitätssteigernde Kraft.
Briefe zeugen vom Schreiber und seiner Autobiographie; sie entstehen nie in einem Vakuum. Manche Briefe sind als Liebesbriefe exklusiv, und zwei Menschen und deren Beziehung zueinander vorbehalten, andere sind Abbildungen der Alltäglichkeit, vielleicht Beschreibungen der Lebens- und Gedankenwelt, andere Briefe gehen über Schreiber und Leser hinaus und sind Abbilder der Zeit und Umstände, Abbilder der Problemlösungsfindungen dieser Menschen, noch andere sind Korrespondenzen zwischen Lehrer und Schüler, Ratgeber und Ratsuchender.
Und manchmal sind die Umstände, unter denen man schreibt, kritisch – dann sind die Briefe „Krisensymptome“ (vgl. Angelika Ebrecht 2000) des Selbst wie auch der Zeitepoche.
Briefe können inspirieren, d.h. der Gedanke, jemandem darüber zu schreiben, woran man gerade arbeitet, kann neue Ideen freisetzen, zu Höhenflügen bringen. Je nach Briefpartner stachelt man sich gegenseitig an, oder zieht sich herunter.
Das  Gros der Literaturwissenschaftler hat jedenfalls die Korrespondenzen von um 1900 als Spiegel von „Krisensymptomen“ gelesen und bezeichnet: Als Ausdruck der Unsicherheit, die „das Bürgerliche“ erfasst hatte. Die Modernisierungsprozesse sind eine nächste Interpretationssicht auf die Bedeutung der Briefe: Was machte die Urbanisierung, Industrialisierung, die Steigerung der Mobilität und die Beschleunigung mit den Menschen überhaupt? Jörg Schuster jedenfalls fragt in seinem Buch nach einer noch „anderen“ Funktion der Briefe – nach der produktiven kulturpoetischen, und er hat sich zur Beantwortung seiner Frage der Briefwechsel jeweils von Hofmannsthal und Rilke angenommen.
Was findet er? – Analog zum Jugendstil in der Bildenden Kunst und Architektur findet er Briefe als Form der „Gebrauchskunst“.  Diese Art von Kunst reagiert auf anstehende Modernisierung. Inwieweit es sich um die Konstruktion einer Text- und Lebenswelt, die nur als ästhetische zu ertragen ist, handelt, ist Gegenstand von Schusters Buch. Er studiert und analysiert genauer hin, er nimmt „Versuche literarischer Kreisbildung“ und Experimente „ästhetischer Erziehung“ ebenso unter die Lupe wie die Ökonomie des Briefs und – im Kontext einer Kulturpoetik des (Innen-)Raums um 1900 – Konzepte des „epistolaren Interieurs“.  (Zugegeben, das habe ich dem Ankündigungstext entnommen.)
Das Buch ist, wie bereits gesagt, umfangreich. Ich greife deshalb nur einzelne Kapitel heraus und stelle Sie Ihnen genauer vor.

4. Hofmannsthals bitterer Briefwechsel mit Stefan George – symbolisches Experiment am Vorübergehenden

Stefan George
Stefan George

Schuster beginnt mit einem Gedicht Hofmannsthals2) – George nach einem Treffen überbracht –, in dem es zunächst unverfänglich um eine poetische Standortbestimmung geht, bei der George vom Jüngeren die Rolle des Lehrers zugewiesen bekommt. Hofmannsthal ist 17, George 23 Jahre alt. Dem Gedicht ist ein Geschenk vorangegangen: George hat Hofmannsthal seinen ersten, im Vorjahr erschienenen Gedichtband Hymnen geschenkt und ihm vermutlich auch Einblick in seine Übersetzungen aus dem Französischen gegeben. Der Ältere erläutert dem Jüngeren das Pariser Vorbild einer „poésie pure“, die mit der Tradition der Weltabbildung in der Literatur radikal gebrochen hat: das Gedicht ist nunmehr subtiles Gewebe von bildlichen Übergängen, von Klängen und rhythmischen Einheiten, ein autonomes Gebilde, das die Möglichkeiten der Sprache und nicht die Zwänge der Wirklichkeit offenbart. Hofmannsthal lernt schnell. Schon wenige Tage später, am 21. Dezember 1891, schickt er George dann sein Gedicht, das von Anspielungen auf die ausgetauschten und besprochenen Texte durchsetzt ist.
Das Gedicht ist eine klingende Antwort auf ein Vorübergehen, das steht fest, und es gleicht einem Gedicht Baudelaires „À une passante“, das George übersetzt hatte. Was ist die Absicht Hofmannsthals? Meint er mit dem Vorübergehenden George, oder sich selbst? – Viele Andeutungen, über die sich zu lesen lohnt, und ein flüchtiges Erlebnis als Inspiration zur Kunst. – Interessanterweise gibt es dieses Gedicht in zwei Versionen. Eine in deutscher Schrift, mit grossen Anfangsbuchstaben und Interpunktion auf Papier mit dem Wappen Hofmannsthals. Das andere in lateinischer Schrift, mit kleinen Anfangsbuchstaben, ohne Interpunktion. Diese Version zitiert  Georges Schriftstil und dieses ist es, was Hofmannsthal ihm überreicht.
Gedicht an einen Vorübergehenden ist ein Widerspruch an sich, aber er wirkt. Hofmannsthal selbst gibt an, dass es ein persönliches Bekenntnis sei – er selbst sei der Vorübergehende, der Inspirierte. George allerdings fasst das Gedicht als Ausblick auf eine festere, dauerhaftere Zusammenarbeit auf – als ein Angebot zu Nähe. Es kommt zu einem Missverständnis, das die beiden Männer anschliessend immer weiter bearbeiten. Jörg Schuster geht nun dem darauf folgenden Briefwechsel nach und findet „den Haken“ in der Beziehung zwischen den beiden Männern und spannt einen Bogen zur Funktion des Briefes.
Auch der Briefwechsel hat den Charakter eines Gesprächs zwischen Meister (George) und Jünger (Hofmannsthal): der Meister ist in Besitz des Geheimnisses des mit der künstlerischen Produktion verbundenen Leidens (S. 49), das er nach und nach lüften wird, indem er Andeutungen macht. Die Briefe nun atmen die Sehnsucht nach poetischer Inspiration auf beiden Seiten, für George noch essentieller als für Hofmannsthal. Im Verlaufe des Briefwechsels kehrt George von der „verletzbaren Gewalt“ (ein Bekenntnis, das er abgelegt hat) zu einem vornehmen Pathos der Distanz zurück, woraufhin Hofmannsthal ratlos nachfragt, was geschehen sei. Dazu verweigert George die weitere Kommunikation und bricht in ein Schweigen ab.
Hofmannsthal schreibt einen nächsten Brief an George: „Ich kann auch das lieben, was mich ärgert“, bekennt er. George findet diesen Brief zu diplomatisch, zu glatt und neutral. Hofmannsthal halte sich bedeckt. Die Korrespondenz eskaliert, und mündet in Georges Androhung zum Duell. Wie nun rettet sich Hofmannsthal? – Er beruft sich auf seine Nerven („Verzeihen Sie meinen Nerven […] jede vergangene Unart“). Die Nerven erlauben dem reizbar-sensitiven Künstler alles. George hat allerdings mit der Androhung übertrieben, und versucht in der Folge abzuwiegeln. Dabei wirkt er beinahe „komisch“ (S. 53), Hofmannsthal kann das nicht einordnen – der Bruch in der Beziehung ist nicht zu vermeiden.
Hofmannsthal und George ringen in ihrem Briefwechsel um Distanz und Nähe. Sie kennen sich aus Briefen, haben sich aber nur selten getroffen, in ihrer distanzierten Nähe sind Briefe ihr Medium zum Austausch von Lebenszeichen. – Nun ist George aber der, der die Regeln vorgibt. Der Jüngere entzieht sich, bleibt auf „orientalisch“ (S. 55) und auf einschmeichelnde Art konsequent und virtuos. Hofmannsthal beherrscht schon hier die Kunst der „epistolaren insinuatio“ (rhethorisches Mittel, das jemand verwendet, wenn er von vorneherein davon ausgeht, dass sein Zuhörer gegen ihn ist): er entzieht sich, macht sich klein, gibt vor, dem Gegner nicht gewachsen zu sein.
Alles in allem betrachtet, ist dieser Briefwechsel das Land, in dem die Krise (die je eigene der beiden und die ihrer Beziehung) in gegenseitigem Bekennen, Fordern, Ausweichen, Vereinnahmungsversuchen als Krisenbriefwechsel ausgetragen wird.

5. Die einsame Imagination, Lebensverdächtigung und ein verfehlter Geburtstagsbrief – Der Briefwechsel mit Richard Beer-Hofmann

Handschrift von Hofmannsthal
Handschrift von Hofmannsthal

In den vorangehenden Kapiteln hat Schuster bereits eine „Brüchigkeit“ in Hofmannsthals Briefen herausgearbeitet. Im Briefwechsel mit Richard Beer-Hofmann tritt eine neue Qualität hinzu.
Mit Beer-Hofmann verbindet Hofmannsthal „grosse menschliche Vertrautheit“ (S. 118), die beiden kennen einander gut und treffen sich häufig. Auch sie sind junge Männer, als sie sich (um 1896/97) kennenlernen: Beer-Hofmann ist etwa 31 und Hofmannsthal 23 Jahre alt. Ihre Begegnungen haben für beide einen hohen Stellenwert, es gibt viele Gespäche über Machtverhältnisse und die Rollenverteilung. In diesem (im Vergleich zu dem mit George)  Briefwechsel ist Hofmannsthal der Zudringlichere und Beer-Hofmann der Zurückhaltende. Ausgerechnet der Ästhet Hofmannsthal lässt sich hinreissen und schreibt „Hässliches, ja Ekelhaftes“ (S. 119). Hofmannsthal sucht die Konfrontation und provoziert. „Epistolares Imponiergehabe“, heisst es bei Schuster, lege er an den Tag. Er trifft auf einen, der sich nicht zwingen lässt: „Ich weiss, Sie nehmen es mit mir nicht genau; Briefe „schuldig sein“ ist ja auch nur ein Bourgois-Begriff.“ (S. 120). Doch Hofmannsthal nimmt es sehr genau, und ärgert sich. „Warum schreiben Sie mir nicht?“ – Beer-Hofmann verweigert sich. Er will nicht als „Inspirationsmittel“ für die poetische Produktion jüngerer Kollegen fungieren. Er identifiziert sich mit der Rolle des „Hemmschuhs“.  Hofmannsthal wiederum fühlt sich nicht geachtet genug. Es deprimiert ihn, dass die Beziehung sich nicht als ideale poetische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft entwickelt bzw. gestaltet. Es gelingt ihm nicht, Beer-Hofmann aus dem Leben hinein in seine Briefwelt zu ziehen (S. 124), schreibt in einer Mischung aus Zudringlichkeit und Ich-Bezogenheit.
In einem Geburtstagsbrief (vom 6. Juli 1899) an Beer-Hofmann bricht – völlig deplaziert und verfehlt –  die Erwartung aus Hofmannsthal heraus. Hier liegt ein Konflikt, so schreibt Schuster, zwischen dem Menschlichen (dem Leben) und der produktiven Fähigkeit (bzw. der Poesie) vor. Das Leben kann sich uns im Brief nur in Form von Schrift und Imagination nähern, wobei die Imagination eine emphatische ist. Einfühlung ist hier das Stichwort – paradoxerweise fühlt sich Hofmannsthal so sehr in Beer-Hofmann ein, dass er ihm mit seiner Kritik und den Vorwürfen zu nahe tritt und die Grenze des guten Anstands überschreitet. Beer-Hofmann antwortet lakonisch: „Lieber Hugo, Sie haben Recht, nur […] an einen Arzt oder Medikamente glaube ich bei diesen Dingen nicht.“ – Bündiger, so Schuster, könne die eigene Resignation, aber auch das Zurückweisen der selbstbezogenen Zudringlichkeit Hofmannsthals nicht ausgedrückt werden (S. 126). Briefe – so sehen wir hier – können und werden im Sinne einer „Distanzmedizin“ geschrieben (S. 181).
„Medizinbriefe“ wie die  an Beer-Hofmann sind einseitig – sie sind und bleiben Hofmannthals „Welt in der Welt“. Anders als der Poet Hofmannsthal beherrscht der Briefschreiber Hofmannsthal etliches nicht: souveränes, prägnant-wirkungssicheres sprachliches Übertragen und Hervorrufen von Stimmungen.  – Dass und wie es im Briefwechsel zu einer Wende kam, ist im Buch nachzulesen – die Auflösung auf Seite 147. In dieser Art, ausführlicher und noch mehr Hintergründe heranziehend, geht Schuster die Briefe durch, die er in grössere und kleinere Kategorien zusammenfasst.

6.  Rilkes transportable Welt und sein fein verteiltes Irgendwo-Sein

Handschrift von Rilke
Handschrift von Rilke

Wussten Sie, dass Rilke täglich durchschnittlich an die zehn Briefe schrieb? – Stellen Sie sich vor, Sie schrieben heutzutage täglich an 10 Personen aus Ihrem Bekanntenkreis 10 Seiten!? An manche dieser Personen zweimal pro Woche.
Rilke produziert in guten Zeiten Briefe „mit Dampf“ – und vermerkt ausserdem noch alle Daten rund um die Briefe. Ist er ein Maniker? Ist er nicht – schon einmal vorweggenommen. Hätte es damals facebook oder überhaupt das Internet gegeben – Rilke hätte es genutzt: um ein Netzwerk aufzubauen, um seine Werke vorzubereiten und sich selbst zu vermarkten. Er war ein Öffentlichkeitsarbeiter.
Wir erfahren, dass Rilke Wert auf das aussehen seiner Briefe legte: Briefpapier wird von ihm speziell ausgewählt, er schreibt in einer besonderen Handschrift („th“ und „y“ schreibt er auf unverwechselbare Weise und lädt sie mit einer besonderen Bedeutung auf). Rilkes Briefe sind Gesamtkunstwerke, die gleichzeitig den Alltag poetisieren und entpragmatisieren – und die doch wieder nützlich werden. Im Kreis des literarischen Betriebs Fuss zu fassen, ist Rilkes Absicht. Die Briefe dienen ihm als Ersatz für noch nicht erlangten Erfolg vor grösserem Publikum. Er schafft sich einen Kreis, in dem die Briefe einen Heimatersatz für ihn, den Ortlosen, bilden. Doch das „Irgendwo“, das er sich damit verschafft (dazu mehr weiter unten), ist nicht der letzte Aspekt dieser Briefe.
Für Rilke ist der Brief nicht Medium der Intimität, sondern Vorzeigeobjekt. Das epistolare Subjekt Rilke – so Schuster – bildet eine Funktionsstelle ähnlich einer Durchgangsstation, eines Relais (S. 222). Rilkes Briefe sind nämlich öffentlich: sie dürfen und sollen von den Adressaten anderen im Bekanntenkreis gezeigt werden. Auch das „Subjekt des Empfängers“ wird somit zur Funktion: er soll multiplizieren.
Rilke, der Vielschreiber, versteht die an einem Tag geschriebenen Briefe als eine Einheit – und als Werk an sich, das erlaubt, das Leben ätherisch und literalisiert zu „rezipieren und zu modellieren“ (S. 224).
Ganz abgesehen davon macht Rilke das, was auch heute die Selfpublisher mit ihren selbstveröffentlichten Werken tun: Sie probieren Entwürfe und Vorarbeiten im Netz aus. Sie achten auf ihre Wirkung und Rückmeldung, nehmen Anregungen auf, ändern ab. – Vorab in den Briefen Rilkes öffentlich gemachte Textabschnitte finden sich in seinen literarischen Werken wieder. Rilke inszeniert den Schaffensprozess in seinen Briefen.

7. Esoterik der Briefe und die Exoterik der Konversation

Dass Rilke zwischen einem Gespräch und einem Brief einen grossen Unterschied macht, ist bereits mehrfach durchgeschimmert. Das Konkurrenzverhältnis der beiden „Medien“ zueinander ist über Jahrzehnte sein Thema (S. 224): Dem Draussen des Gesprächs steht das einsame Drinnen des Briefs entgegen. Briefe zu schreiben, ist ein Sich-Sammeln. „Als ob Du bei mir eintreten könntest“ ist der Titel eines Abschnitts (S. 249ff), in dem Schuster sich mit einem Brief Rilkes an Lou Andreas-Salomé und dem nachfolgenden Briefwechsel beschäftigt. Der Brief, um den es gehen wird, ist vom 13. Mai 1897. Es ist Rilkes erster Brief an die 10 Jahre ältere Frau, die später 30 Jahre lang erst seine Geliebte, dann Vertraute und „Beichtmutter“ sein wird. Ohne Lou Andreas-Salomé wäre Rainer Maria Rilkes Leben anders verlaufen, heisst es. Er lernt sie in München, wo er studiert und Kontakte zur literarischen Szene sucht, im Mai 1897 eher zufällig kennen. Er ist 26 Jahre alt, Lou Andreas-Salomé bereits renommierte Autorin. Man kennt ihre Erzählungen und Romane, ihr Buch über Ibsen. Sie hat gerade einen Heiratsantrag von Nietzsche abgewiesen. Der erste Brief, den Rilke schreibt, verrät eine geradezu religiöse Verehrung und er verfolgt eine deutliche Absicht: er möchte ein exklusives Verhältnis zu ihr haben, schreibt sie persönlich und sehr höflich an, versichert ihr, dass es eine „Auszeichnung“ sei, sie kennenzulernen – und möchte ihr imponieren (S. 249). Was Rilke dabei schon damals „beherrscht“ ist, was man heute „name-dropping“ nennt.
Rilke hatte die Dame am Vortag getroffen und möchte – enttäuscht von der mündlichen Kommunikation – seine Bewunderung auf dem brieflichen Weg ausdrücken. Der Brief, so Schusters Hypothese, stiftet somit eine Beziehung zu Lou Andreas-Salomé im Sinne „eines der Exoterik des gesellschaftlichen Gesprächs entgegengesetzten esoterischen Mediums“ (S. 250).
In diesem Fall sehen wir den Brief als „Medium der Nähe und der Intimität“, wobei er dem Gespräch, der vollständigeren Form der Kommunikation, unterlegen ist. Die bereits angedeutete Thematik „Gespräch vs. Brief“ bleibt während der Korrespondenz und im Verlauf der Liebesbeziehung zu Lou Andreas-Salomé bestehen. Nach Abbruch und Wiederaufnahme der Beziehung gilt jeder Brief, den er ihr schreibt, dem Wunsch nach dem Gespräch. Da dieses zwischen beiden schwierig ist, sehnt sich Rilke alsbald nach an einem Ort, nach einer Wohnung, an dem und in der er das nötige „setting“ findet, den Ruheort, um die nötigen Briefe schreiben zu können. Überhaupt fehlt Rilke eine „Stube“, also erbaut er sich eine („ein Stück Stube […], die ich mir damals erbaut habe“ (S. 257) – er arrangiert sich ein Stück Wirklichkeit. Der Nachteil dieser Wirklichkeit besteht darin, dass es sich nicht um Lebenswirklichkeit handelt, sondern um das Hervorbringen von Schrift und Poesie. Der Verfasser der Schriften jedoch ist nicht mehr als eine „zerbrochene Schneckenschale“. Das Briefeschreiben wird nicht nur zum Ausweg aus der Suche nach dem (Schreib-) Ort sondern auch aus Rilkes Dilemma. Im Laufe des Briefwechsels mit Lou Andreas-Salomé wird der Brief immer mehr der Ort der Ruhe, die Schreibsituation des Briefes verwirklicht seine Sehnsucht – und das ersehnte Gespräch damit schliesslich überflüssig (S. 264). Wie es nun im Einzelnen mit Rilke und AS endete, kann dem Buch entnommen werden. Soviel an dieser Stelle. Zusammenfassend kann gesagt werden: auch wenn zwar im Falle dieses Briefwechsels ein „Ausschluss der Öffentlichkeit“ vorliegt, ordnet Schuster den Brief bzw. den Briefwechsel in letzter Konsequenz doch eher dem „Zweck einer Stimulation“ zu.

8. Lebenspraxis + Briefpoesie = die kleine Lebenshilfe?

Die vorangegangenen Seiten haben lediglich einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtwerk gezeigt. Es gibt ungleich mehr zu entdecken. Der ältere Hofmannsthal schreibt in seinen Briefen anders und über anderes, ebenso der ältere Rilke, der viele Briefe von männlichen wie weiblichen Lesern erhält und „Lehrbriefe“ schreibt. Schuster analysiert etliche dieser Briefwechsel.  Zu kurz gekommen in der Rezension ist der Lebens- und Schaffenshintergrund der Beteiligten, der Briefe zu Ratgebern werden lässt. Dieses und eine akribische Untersuchung der dichterischen Sprache habe ich links liegen gelassen.

Jörg Schuster
Jörg Schuster

Zu Anfang hatte sich Schuster die Frage gestellt, inwieweit die Briefkultur um 1900 symptomatisch für die kulturgeschichtliche Situation des fin de siècle und des frühen 20. Jahrhunderts ist. Was leisten Briefe dieser Zeit, was bringen sie auf kommunikativem Weg hervor? (S. 388)
Die Funktion der Briefe ist – alles in allem und zusammenfassend – dass sie dem Zweck dienen, Distanz zu schaffen und zu wahren. In dieser Distanz werden sie zu Repräsentanten des „Jugendstils“ und damit – Gebrauchskunst (S. 389), mit der die Autoren die „artifizielle Innen-Einrichtung ihrer sozialen Welt“ gestalten.
Hoffmannsthal arrangiert sich die Wirklichkeit, wie man einen Ausstellungsgegenstand hinstellt und arrangiert (S. 388), und Rilke verwebt sich, mittels seiner Briefe kontinuierlich in den Kokon einer Einrichtung.
Die Briefe fungieren als zugleich „private“ wie auch höchst artifizielle Schutzräume, statt eines tatsächlichen Zusammenwirkens herrschen einsame Imagination und schriftliche Selbst-Stimulation vor, bei denen die Adressaten als Vorwand dienen (S. 392). Bei Rilke haben wir noch den Eindruck, wir könnten jederzeit eintreten, dennoch hält er eine tatsächliche Begegnung in der Schwebe.
Zwei Repräsentanten ihrer Zeit – und es bleibt mir nach der Lektüre die traurige Frage (sie wird hoffentlich erlaubt sein): Was wohl, wenn wir unsere heutigen Briefwechsel ähnlich akribisch unter die Lupe nähmen und eine Anamnese vornehmen würden, die Diagnose ergäbe? Für mich ganz persönlich nehme ich mit, dass ich in puncto Rilke die richtige, hier bereits angedeutete, Vermutung hatte. Leider konnte ich nicht auf all die anderen Fragen eingehen, die im Buch aufgeworfen und beantwortet werden. Leider, auch das bereits angedeutet, bin ich zu wenig Literaturwissenschaftlerin, um Schusters Werk für die Literaturwissenschaft würdigen zu können. Es sei dennoch ans Herz gelegt: wenn wir unsere Geschichte verstehen, verstehen wir auch die Gegenwart!

Jörg Schuster: Kunstleben – Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900 – Korrespondenzen Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes, 428 Seiten, Wilhelm Fink Verlag, ISBN 978-3770556021

1) Norbert Christian Wolf: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst – Hugo von Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele, Jung und Jung (Salzburg)

2) Herrn Stefan George
einem, der vorübergeht

du hast mich an dinge gemahnet
die heimlich in mir sind
du warst für die saiten der seele
der nächtige flüsternde wind

und wie das rätselhafte
das rufen der athmenden nacht
wenn draussen die wolken gleiten
und man aus dem traum erwacht

zu weicher blauer weite
die enge nähe schwillt
durch pappeln vor dem monde
ein leises zittern quillt

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Rainer Maria Rilke auch über Jessica Riemer: Rilkes Frühwerk in der Musik

… sowie zum Thema Poetik über Monika Rinck: Wirksame Fiktionen (Göttinger Poetik-Vorlesungen)

Karin Afshar: Bildung und Schule (Essay)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 24 Minuten

Bildung heute – Spiegel innerer Besitzlosigkeit?

von Karin Afshar

Schule, Lehrer, Lernen – das ist in aller, und wenn nicht in aller, dann doch in vieler Leute Munde, und ständig in den Medien. Zu recht? Etliche Lehrer schreiben offene Briefe über die Unerzogenheit von Schülern, Eltern sind aufgebracht gegen Lehrer und das restrukturierte und rerestrukturierte System, und Buchautoren analysieren die Bildungsmisere ebenso vehement wie Mediziner konstatieren, dass die Kinder Konzentrationsdefizite und Lernstörungen haben, ja sogar z.T. mit 10 Jahren auf dem emotionalen Stand von 16 Monate alten Kleinkindern stünden.

Ich tue einen Stossseufzer: Bin ich froh, dass meine Kinder aus der Schule sind, und ich heute nicht mehr zur Schule gehe! Ich meine nicht nur als Schülerin, sondern auch als Lehrerin. Und trotzdem mache ich mir immer wieder Gedanken zu meinem Lieblingsthema: Lernen und Bildung. Im Folgenden gibt es etwas dazu, was Lernen mit den Menschen und mit Bildung zu tun hat.

1. Vom Wesen des Lernens

Menschen lernen. Kinder lernen krabbeln, laufen, sprechen. Sie lernen, wie man mit der Schere ausschneidet, wie man sich an- und auszieht; sie lernen selbständig zu essen und zur Toilette zu gehen… Sie lernen im Kindergarten, in der Schule, in der Lehre, auf der Universität … so geht es immer weiter. „Lernen“ ist Entwicklung. Jede Entwicklung hat unterschiedliche Stufen, deren jede genommen werden muss, bevor es zur nächst höheren Stufe geht.
Je nach entwicklungspsychologischer Schule (z.B. Jean Piaget) oder kognitions-psychologischer Schule (z.B. Jerome Bruner) werden die Phasen/Stufen der ersten Jahre unterschiedlich benannt, sagen jedoch in der Essenz: Die Entwicklung geht vom Einfachen zum Komplexen, und (hauptsächlich Piagets Prämisse): keine spätere Phase kann ohne die vollständige Erlangung der früheren erreicht werden.
Im Einzelnen – weil es wichtig ist, uns das Wesen des Lernens zu veranschaulichen – können die Stadien wie folgt charakterisiert werden:

Ein Stadium umfasst einen Zeitraum, in dem ein bestimmtes Schema in seiner Struktur begriffen und schliesslich angewendet wird.
Beispiel: Zwischen dem 4. und dem 8. Lebensmonat entdeckt ein Kind, dass es durch eigene Aktivitäten bestimmte Effekte in der Umwelt hervorrufen kann. Es wirft die Rassel aus dem Kinderwagen – die Mutter wird sich bücken, und sie ihm wieder in die Hand geben.

Im Kind wächst die Fähigkeit zwischen einem gewünschten Ziel/einer erwünschten Reaktion und dem angewandten Mittel zur Erreichung des Ziels zu unterscheiden.

Jedes Stadium geht aus einem vorangegangenen hervor, bezieht das Gelernte ein und wendet es in anderen Zusammenhängen an.
Beispiel: Zwischen dem 8. und dem 12. Lebensmonat probiert das Kind aus, wie und womit es die Aufmerksamkeit von Personen erwecken kann. Es wirft den Gegenstand vielleicht nicht mehr weg, sondern macht Lärm mit ihm. Weiterhin werden die bereits vorhandenen Schemata immer besser koordiniert und somit Bewegungsabläufe flüssiger.

Die Stadien laufen immer in der gleichen Reihenfolge ab. Zwar kann es leichte kulturelle Unterschiede in der Auskleidung der Operationen geben, auch können sie verschieden schnell oder langsam durchlaufen werden – aber dass sie in geänderter Abfolge auftreten, ist nicht möglich.

Alle Kinder durchlaufen die Stadien. Bleibt ein Kind in einem Stadium stecken, handelt es sich um eine Entwicklungsverzögerung oder Retardierung.

Jedes Stadium schreitet vom Werden zum Sein.

Fünf relevante Intelligenz-Entwicklungsstufen

Die Stufen im Einzelnen: der Stufe der Entwicklung der sensumotorischen Intelligenz (0 bis 1,6/2,0 Jahre) folgt die Stufe des symbolischen oder vorbegrifflichen Denkens (ca. 1,6/2,0 – 4,0 Jahre), dann kommt die Stufe des anschaulichen Denkens (4,0-7,0/8,0), gefolgt von der Stufe des konkret-operativen Denkens (7,0/8,0-11,0/12,0 Jahre) und der Stufe des formalen Denkens (ab dem 12. Lebensalter).

Beispiel: Der bekannteste Versuch von Piaget zeigt anschaulich die „logischen Irrtümer“ der unter 7-Jährigen: Zeigen Sie Ihrem Kind ein breites Gefäss (vielleicht eine Brotdose) mit Wasser und schütten Sie das Wasser vor seinen Augen in ein hohes schmales Glas um. Zu Beginn der präoperationalen Phase wird Ihr Kind meinen, dass im Glas viel mehr Wasser ist, als in der Brotdose war. Erst mit einem Alter von ca. 7 Jahren „wissen“ Kinder, dass die Flüssigkeitsmenge sich beim Umschütten nicht verändert.

Beispiel: Ab ca. 4 Jahren, in der intuitiven, anschaulichen Phase, vermindern sich zwar einige „logische Irrtümer“, dennoch ist das Denken der Kinder stark egozentrisch, d.h. sie betrachten die Welt ausschliesslich von ihrer Warte aus: Das Kind hat seine Ansicht und hält seine Ansicht für die einzig mögliche und somit auch für die einzig akzeptable. Ein egozentrisches Kind kann sich die Sichtweise anderer nicht zu eigen zu machen, denn Egozentrismus bedeutet nicht etwa Ichbezogenheit, sondern ganz einfach nur die Schwierigkeit, sich eine Sache oder aus einer anderen Sicht anzusehen oder sich in eine andere Person hineinzuversetzen. (Dieser Satz wird später noch wichtig werden!)

Beispiel (nach Mönks & Knoers 1996):
– Peter, hast du einen Bruder?

– Ja.
– Wie heisst denn dein Bruder?
– Hans.
– Hat Hans auch einen Bruder?
– Nein.

Alles Lernen ist ein stetiger Prozess, in dem der Lernende – in unserem Beispiel das Kind – immer wieder ein Gleichgewicht herzustellen versucht. Die Anpassung vorhandener Schemata an eine aktuelle Situation geht in zwei Teilprozessen vor sich: Assimilation und Akkommodation.

Beispiel: Ein Kind hat bereits gelernt, einen Apfel zum Mund zu führen, den Mund zu öffnen und ein Stück abzubeissen. Jetzt bekommt es eine Birne – und wird in sie hineinbeissen. Es erkennt Apfel und Birne als ähnlich.

Assimilation bedeutet die Eingliederung neuer Situationen oder Erlebnisse in ein bereits bestehendes Schema (um in der Begriffswelt von Piaget zu bleiben). Die Wahrnehmung der Ähnlichkeit von Apfel und Birne führt dazu, dass das Schema „grün-annähernd rund-essbar“ an-gewendet, bestätigt und um ein neues Element erweitert wird. Assimilation ist die Reaktion auf eine Situation, die auf bereits in uns abgebildetes Wissen oder Erfahrungen trifft.

Beispiel: Ein anderes Kind versucht, in einen Plastikapfel zu beissen. Auch sein Schema sagt: „grün-apfelförmig-essbar“. Von einem Plastikapfel aber kann es nichts abbeissen – das Kind muss akkommodieren und sein Schema insofern differenzieren, als echte Äpfel und unechte Äpfel verschiedene Kategorien bilden.

Akkommodation tritt auf den Plan, wenn die Assimilation nicht ausreicht, eine wahrgenommene Situation mit den vorhandenen Schemata zu bewältigen. Diese werden erweitert und angepasst. Akkommodation ist die Reaktion auf eine Situation, die noch nicht in uns abgebildet ist.

Vom Einfachen zum Komplexen

Ich könnte viele weitere Beispiele für die phantastische Leistung der kindlichen Entwicklungswege anbringen, möchte aber nun doch vom Entwickeln zum Lernen kommen. Lernen als Gegensatz zum Erwerb können wir am Beispiel von Sprechen und Sprachen betrachten:
Eine erste Sprache erwirbt jeder Mensch als  Kind. Manche Kinder erwerben zwei oder drei Sprachen1) gleichzeitig. Von Erwerb spricht man, wenn das Aneignen „ungesteuert“ und ohne Anleitung geschieht. Die Entwicklung der Kognition2) ist bei einem Kind noch nicht abgeschlossen, was bedeutet, dass der kindliche Spracherwerb mit der Entwicklung des Denkens, des Wahrnehmens und des Bezeichnens einhergeht. Noch anders ausgedrückt: als „Erwerb“ bezeichnet man einen unbewussten Prozess, der ohne Anleitung, durch Kontakte in einer natürlichen Umgebung in alltäglichen sozialen Zusammenhängen (z.B. beim Einkaufen oder auf der Strasse) auskommt.
Sprachenlernen dagegen erfolgt bewusst, ist angeleitet, wird gesteuert. Jedes Lernen bzw. jeder Lernende bedient sich der Kognition. Lehrer innerhalb von Institutionen (Schulen) oder ausserhalb dieser strukturieren den Lernfortgang und geben Anleitungen. Schulisches Lernen vor Erreichen einer bestimmten Kognitionsstufe (vergl. Piaget oder Bruner) macht keinen grossen Sinn, sondern stört nachgerade. Die Aufgabe des Lehrers im Lernprozess des Schülers ist, den Stand seines Schülers einzuschätzen und nach einer bewältigten Unterrichtseinheit den nächsten Schritt vorzugeben.
Auch das Lernen folgt dem Prinzip „Vom Einfachen zum Komplexen“, und bevor komplexe Strukturen verstanden werden, müssen die einfachen Operationen sitzen und hinreichend eingeübt sein. Es ist am Lehrer, die Anleitungen hilfreich und verständlich anzubringen. Unterricht ist dann am ergiebigsten und motivierendsten, wenn er mit dem Wesen der Schüler in Einklang steht. Ein Unterricht mit einem Lernstoff, der den Schüler erreicht, wird ihn bilden. Lehrer, die auf ihre Schüler eingehen, sind wie Hebammen, die heben, was bereits in jenen schlummert und Anleitungen geben, die die Gebärenden befolgen können. An das bereits Eigene können diese dann die Informationen der Welt knüpfen und assimilieren. Und was sie nicht in sich finden, sondern im Aussen neu erkennen, hilft ihnen ihre Innenwelt zu erweitern. Ein Lehrer öffnet Augen, Ohren und Herzen und ist im Leben von Menschen, und nicht nur von jungen, enorm wichtig. Deshalb muss ein Lehrer ein Mensch sein, der sich selbst gut kennt. Denn wenn er sein Eigenes erkannt hat, kann er andere Menschen erkennen.

2. Bildung und das Höhlen-Gleichnis (Platon)

"Das Einzige, das schlimmer ist als zu erblinden, ist als Einzige zu sehen.“ (aus: "Stadt der Blinden") - Illustrationen: K. Afshar
„Das Einzige, das schlimmer ist als zu erblinden, ist als Einzige zu sehen.“ (aus: „Stadt der Blinden“) – Illustrationen: K. Afshar

Die unterirdische Höhle ist bei den Griechen allgemein ein Bild für den Hades, das Reich der Toten. Platons Höhle steht für unsere alltägliche Welt, in der wir leben. Wir Menschen, so zeigt uns Pla-ton in seinem Gleichnis, sind Gefangene in unserer gewohnten Behausung.
Oberhalb von und hinter den Gefangenen brennt ein Feuer. Die Höhle wird von diesem Feuer beleuchtet. Die Gefangenen sitzen nun unbeweglich da, denn sie sind an ihre Sitze gefesselt. Das heisst nicht etwa, dass sie sich nicht bewegen, nein, sie sind sehr rege, was Verkehr, Wettstreit und anderes angeht. Nur sind sie unbeweglich, was ihre Einstellungen angeht. Sie haben eine unveränderliche Einstellung zu dem, was sie für das Wirkliche halten.
Ausser den Gefangenen gibt es nun noch (Platon nennt sie die Gaukler) andere Gestalten. Sie bewegen sich vor dem Feuer hinter den Gefangenen, und ihre Schatten werfen sich auf die Wände der Höhle vor ihnen. Sie sind die (modernen) Intellektuellen, die Künstler, die Politiker, die Designer, die Psychologen, die Moderatoren, die Berater… Sie bestimmen den Hinblick, sie entwerfen die Bilder für die Menschen. Die Gefangenen halten ihre Schatten für das Wahre.
Überhaupt sehen die Menschen sich und ihre Mitgefangenen und die Gaukler als Schatten – sie sehen immer nur die Projektion. Bei Homer ist „Schatten“ der Name für die Seelen der Toten.
Im Schattendasein der Menschen (in diesem Traum in einem Traum) wird nun einer der Gefangenen von seinen Fesseln erlöst. Er steht auf, geht einige Schritte, blickt hoch zum Licht, ist geblendet, wendet sich ab und blickt noch einmal hin … sieht, dass er bis jetzt lediglich das Abbild des wahren Lichts (von ausserhalb der Höhle) gesehen hat und begreift unter Schmerzen sein Gefangensein.

Der, der ihn losgebunden hat, war ein Lehrer. Er hat dem Gefangenen eine neue Sichtweise ermöglicht, hat ihn „sehend“ gemacht. Dem allerdings ist das helle Flimmern des Lichts zunächst ungewohnt, und er erkennt das Gesehene nicht, er findet es unheimlich und befremdlich. Der Gefangene steht ganz am Anfang seiner neuen Freiheit und muss lernen im Licht zu sehen. Seine Augen aber beginnen zu schmerzen. Bald will er nicht mehr ins Feuer des Lichts blicken, er will zurück zu den Schatten, und er wendet sich ab und flieht zurück.
Der Versuch einer Befreiung ist zunächst misslungen. Bildung – und das ist u.a. die wechselweise Anwendung von Assimilation und Akkomodation von Wahrgenommenem – ist Platon zufolge etwas, das Menschen nicht unbedingt wollen… Man muss sie zum Sehen zwingen, ansonsten ziehen sie es vor, blind für das Licht zu bleiben.
Sokrates, der unbequeme Lehrer, wurde wegen seines „schlechten Einflusses“ auf die Jugend von den Athenern umgebracht. Platon seinerseits hat seine Akademie ausserhalb der Polis errichtet. Und Aristoteles, der zehn Jahre lange Platons Schüler in der Akademie war, ergriff in ähnlicher Situation die Flucht aus Athen, als ihm der Asebie3)-Prozess gemacht werden sollte.
Lehrer zu sein bedeutet, nach oben zu gehen und den Weg wieder nach unten steigen zu müssen, um vom Gesehenen zu berichten… Wer jedoch von oben kommt, wird verlacht, wird nicht ernst genommen, denn er berichtet von merkwürdigen Dingen, die es gar nicht gibt. Bildung ist ein Prozess, der, je weiter er fortschreitet, umso mehr Distanz zu den Blinden bedeutet.

3. Das Bild vom Menschen

"Mich interessiert nicht wie du aussiehst." - "Aber wie können wir uns dann erkennen?" - "Ich kenne den Teil in dir, der keinen Namen hat und das ist es doch was wir sind, richtig?" (aus: "Stadt der Blinden")
„Mich interessiert nicht wie du aussiehst.“ – „Aber wie können wir uns dann erkennen?“ – „Ich kenne den Teil in dir, der keinen Namen hat und das ist es doch was wir sind, richtig?“ (aus: „Stadt der Blinden“)

 Schauen wir uns den Begriff „Bildung“ noch näher an, finden wir ihn als einen Schlüsselbegriff in der Epoche Goethes. Hier wie aber auch schon zuvor bei Meister Eckhart, Johannes Tauler oder Heinrich Seuse hat er seinen Ursprung in einem zentralen Gedanken der Mystik. Das Bild ist die Gestalt, das Wesen dessen, was ist (das griechische idea und eidos stecken darin). Die Mystik denkt die Wiedergeburt des Menschen in drei Stufen: Entbilden, Einbilden und Überbilden. Entbilden heisst frei werden von den Bildern dieser Welt als Voraussetzung für die nächsten Stufen. Ziel ist das Sich-Hinein-Verwandeln in Christus bzw. das Eins-Werden mit dem Göttlichen. Transformari haben die Mystiker mit „Überbilden“ übersetzt. Das trans gibt das Ziel an: das reine Licht des Göttlichen. Die christliche mittelalterliche Mystik denkt das Sein als Herausbildung des im Menschen angelegten Bildes Gottes.
Aus der islamischen Mystik ist ein dem christlichen nicht unähnliches Bild  dazu bekannt: Der Sufi Al-Halladsch hatte einen der 99 Namen Gottes für sich selber „beansprucht“, indem er den Ausspruch anã al-haqq tat. Seine Lehre brachte ihm später eine Fatwa ein, seine in den Augen der damaligen Religionswächter häretische Aussage war mit dem Tode zu bestrafen. Niemand, kein lebender Mensch, konnte und kann nach exoterischer Lesart wie Gott sein, sondern immer nur durch Gott. In den Werken der Sufi-Dichter wie u.a. Yunus Emre, Rumi und Nezami trifft man auf Al-Halladschs Lehre der Eins-Werdung mit Gott bzw. der Auflösung des Ichs in Gott.
Der Hauptgedanke der Mystik – in modernen tagesverständlichen Worten ausgedrückt – besagt, dass der Mensch sich zum Menschen dadurch entwickelt, dass das in ihm angelegte Bild, sein Wesenskern, sich entfaltet. Ein Mensch kann werden, was er bereits ist – aber er kann nichts werden, das er nicht bereits in sich birgt. Was wie eine Begrenzung erscheinen könnte, kann als Bestimmung und Aufgabe umschrieben werden. Diese zu erkennen und zu erfahren ist die Eins-Werdung mit dem Göttlichen: das zu sein, als das man gedacht ist.

Mystik lehrt Demut

Unsere Zeiten sind säkulär-moralisch, ungern bezieht man sich auf diese Urbilder, aus denen unser heutiger Begriff aber nun einmal hervorgegangen ist. Heute denkt man Bildung als etwas, das dem Menschen „sozialgerecht“ von aussen angetragen wird, ohne dass sie auf den Einzelnen eingeht. Pädagogik ist ein Studienfach, das Lehrer unbedingt, Mystik eines, das sie ganz bestimmt nicht belegen müssen. Was die Mystik letztlich und paradoxerweise – und zwar unabhängig von der vordergründigen Religion – lehren kann, ist Demut.
Ein demütiger Lehrer wie auch ein demütiger Schüler haben Achtung vor dem Sein. Die Neugier des Schülers richtet sich auf ganz bestimmte Dinge, die ihn befähigen, sich selbst zu erkennen. Und selbst wenn der Schüler lernen muss, was in der Schule im Lehrplan vorgesehen ist, ohne dass es eine vordergründige Beziehung zu ihm hat, wird ein „mystischer“ Lehrer es schaffen, dem Schüler das Wissen der Welt ehrfürchtig ans Herz zu legen.

4. Bildung und Humboldt

„Hast du Angst deine Augen zu schliessen“ - „Nein, aber sie wieder zu öffnen.“ (aus: "Stadt der Blinden")
„Hast du Angst deine Augen zu schliessen“ – „Nein, aber sie wieder zu öffnen.“ (aus: „Stadt der Blinden“)

Etwa um die Jahrhundertwende von 1800 herum bezog man sich auf den mystischen Bildungsbegriff – und aktualisierte ihn. Jetzt ging es nicht mehr so sehr um die Verwirklichung der Gottesgeburt in der eigenen Seele, als vielmehr um die allumfassende Ausbildung aller Fähigkeiten. – Diese Ausbildung wird in einem Mittelpunkt (Wissen um die Bestimmung des Menschen) zentriert. Der klassische Bildungsbegriff geht in Richtung Allgemeinbildung, und Wilhelm von Humboldt hatte ein Ideal vor Augen. Sein Bildungsideal entwickelte sich um die zwei Zentralbegriffe der bürgerlichen Aufklärung: den Begriff des autonomen Individuums und den Begriff des Weltbürgertums. Die Universität sollte ein Ort sein, an dem autonome Individuen und Weltbür-ger hervorgebracht werden bzw. sich selbst hervorbringen.

Wer ist man, wenn man Weltbürger ist? – Weltbürger sein heisst heute, sich mit den grossen Menschheitsfragen auseinanderzusetzen. Der dahingehend Gebildete bemüht sich um Frieden, Gerechtigkeit, um den Austausch der Kulturen, andere Geschlechterverhältnisse oder eine neue Beziehung zur Natur.
Humboldt blickte auf den einzelnen Menschen als unverwechselbares, einzigartiges Individuum. In diesem Blick lag die Sehnsuchtsbewegung des menschlichen Lebens: fest verwurzelt sich bis an seine, ja, über seine Grenzen hinaus strecken zu können. Was tun junge Menschen? – Sie gehen in die Welt hinaus, nehmen sie in sich auf, entfalten die Fähigkeiten, die in der menschlichen Natur liegen, stärken und üben sie. Anschliessend kehren sie zurück und nehmen ihren Platz dort ein, wo sie verwurzelt sind. Inwieweit ist dieses heute noch aktuell?

Andere Sprache = andere Weltsicht

Ein zweiter Exkurs zum Lernen von (Fremd)Sprachen – immerhin ist Wilhelm von Humboldt auch „mein Ziehvater“: Das Erlernen fremder Sprachen hat nicht allein einen ökonomischen Nutzen (der durchaus in der Bildung von Menschen liegt), sondern einen Nutzen in einem emphatischen Sinn. Eine fremde Sprache zu lernen, heisst nämlich eine andere An-Sicht der Welt kennen zu lernen und eine andere Weise, sich in der Welt zu bewegen. Der Sprachlehrer kann als der Bringer eines neuen Selbstverständnisses, das das Eigene ergänzt und es bereichert, gesehen werden. Je mehr ich mir bewusst gemacht habe, desto mehr sehe ich in der Welt. Das, womit ich mich bekannt gemacht habe, ist mir nicht mehr fremd – ich muss es nicht mehr bekämpfen. Ein Lehrer, der vermag, dieses Feuer in seinem Schüler zu wecken, ist ein Brückenbauer, und der Schüler, der sein Feuer trägt, wird nicht mehr brandschatzen, sondern wertschätzen.

5. Bildung und der Einzelne

"Er ist blind! Er ist weder gut noch schlecht. Er ist einfach nur blind." (aus: "Stadt der Blinden")
„Er ist blind! Er ist weder gut noch schlecht. Er ist einfach nur blind.“ (aus: „Stadt der Blinden“)

In unserer heutigen (westlichen) Welt brechen uns die Traditionen ein, ach, wir stellen sie derart in Frage, als gälte es, uns in selbstvernichtendem Bestreben für eine grosse Schuld zu bestrafen. Sinnstiftende Weltbilder sind auch in früheren Zeiten immer wieder zerbrochen, doch dann sind neue an ihre Stelle getreten. Jetzt scheint es, als seien die Menschen gewissermassen experimentierend auf einem ziellosen Weg, auf dem das Individuum noch nicht einmal unterwegs erfährt, wer und was es ist. Da ist kaum Substanz, kaum Wesen, das in einer individuellen Lebensgeschichte zu entfalten wäre.
Um mit Sartre zu sprechen: Selbstverwirklichung heisst heute Verwirklichung von Nichts, nämlich von nichts Vorgegebenem. Es bleibt das Experiment, das der Mensch mit sich selber macht. Wir sind inzwischen sogar noch weiter, als Sartre beschrieb. Inzwischen erschöpft sich das Leben in nichts weniger als in aberwitzigen Vorgängen und Funktionen. Erlebnis und Selbsterfahrung, Selbstverwirklichung und Entfaltung der je eigenen Individualität sind heute unbedingte Werte, die alle anstreben – und paradoxerweise zeigt nachgerade das vehemente Bestreben, sie zu erreichen, ihre Abwesenheit. Psychotherapie wird zum Dauerzustand. Alle wollen mehr und anderes sein als die anderen, und als das, was sie in ihrem Kern wären, in ihren mitgebrachten Umständen sind. An die Stelle des Seins – wie gesagt – ist der Vorgang getreten. Wir leben, indem wir tun und in der Welt agieren.
Meistens tun wir das durch das Setzen von Regeln und verzeichnen dabei den Verlust realer Allgemeinheit. Das heisst, wir wissen nicht mehr, wer wir als Menschen sind, und was wir als Menschen zu sein hätten. Zusammen mit der Tradition haben wir das Wissen um die Bestimmung des Menschen und um die Menschheit in uns verloren.

Gegen die Eltern, gegen die Schüler, gegen die Kollegen

Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem ich Ihnen von meinem Abstecher an eine Schule, einer Stätte modernen Lernens und von Bildung erzählen muss. Obwohl ich keine ausgebildete Pädagogin mit Staatsexamen und absolviertem Referendariat bin, unternahm ich vor sieben Jahren den Versuch, an einer öffentlichen Schule zu unterrichten. Ich bewarb mich an einem Gymnasium auf eine Stelle als Deutschlehrerin. Knapp 49 Jahre alt war ich, und sehr gespannt auf das, was mich erwartete: zwei zehnte und eine neunte Klasse. Zuvor hatte ich mir Gedanken gemacht. Hier sind einige von ihnen zusammengefasst, auf dass meine Sicht auf das Lernen und Unterrichten deutlicher werde.

Gedanke 1: Ein Mensch lernt dort, wo er sich konfrontieren kann, zu provozieren versucht oder Provokation erfährt. Widerspruch ist im Lernprozess sehr wichtig. Wo er nicht möglich ist, und eigene und fremde Erkenntnisse im Fragen nicht freigelegt werden können, versiegt das Lernen und ein Glaube muss her.

Gedanke 2: Lernen ist nur dann und dort möglich, wenn und wo Menschen frei sind, ihre Erkenntnisse zu haben, und sich diese Freiheit auch erlauben. Diesen Gedanken habe ich bei Konfuzius gefunden. – Die Möglichkeit, die sich uns in einem kleinen Zeitfenster bot, war die der Möglichkeit, sich zu dieser Freiheit zu entscheiden. Das Fenster in der Zeit ist wieder geschlossen, und die Errungenschaften der Menschwerdung scheinen im ewigen Kreislauf in einen neuen – vermutlich niederen – Zustand überzugehen.

Gedanke 3: Einer von Konfuzius‘ wesentlichen Gedanken war der der zweifachen Menschlichkeit. Diese besteht im Bewusstsein der persönlichen Mitte und der Fähigkeit, andere gerecht und unparteiisch zu behandeln. Nur ein Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist, kann das Wesen anderer Menschen verstehen. Dann wird er im Umgang mit anderen keine Konflikte brauchen, keine Verwicklungen, weil er jene für etwas benutzt, das er ins Aussen übertragen muss. Kämpfe zwischen Menschen entstehen aus falschen Gewohnheiten heraus; Menschen sind durch Konventionen, deren Bedeutungen sie nicht verstehen, schlimmer noch: durch Konventionen, die möglicherweise bar jeder Bedeutung sind, voneinander getrennt.

Ich fand mich drei Fronten gegenüber: die eine bestand aus den Eltern. Oh, da ist eine Lehrerin, die kein Referendariat durchlaufen hat. Ist sie in der Lage, mit unseren Kindern umzugehen? – Ich sage es gleich hier: ja, ich war in der Lage. Die Eltern hatte ich am Ende des ersten Halbjahres durchweg auf meiner Seite. Die zweite Front waren die Schüler. 75 an der Zahl, in einem Alter zwischen 13 und 16, geringfügig mehr Mädchen als Jungen, einige der Schüler mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Dies Alter ist bekannt als jenes, in dem junge Heranwachsende am allermeisten mit sich selbst beschäftigt sind, mit ihrem erwachsenden Körper und ihrem erwachenden Trieb in die Welt hinein. Sie haben Fragen und wollen Antworten.

Die ersten Wochen vergingen mit Annäherungen – an den Unterricht, an die verschiedenen Menschen, an den Lernstoff. Es kostete mich doppelt so viel und dreimal mehr Zeit, den Stoff vorzubereiten als es einen routinierten Lehrer gekostet hätte. Ich fing mit allem bei Null an, auch mit der Notengebung und überhaupt mit den Bewertungsrichtlinien. Es kostete viel Geduldenergie, die Tests der Schüler zu durchlaufen, um ihnen zu beweisen, dass ich sie ernst nehme. Es bedurfte – im Nachhinein besehen – grossen Mutes, Dinge zu tun, die „man sich“ nicht mehr im Unterricht leistete. Die ersten Streiche überstand ich, mit Rotwerden, mit Herzklopfen. Ich überstand die Unlustattacken, die sich im Lärmpegel niederliessen, den offenen Widerstand mit Verweigerungen. Ich bestand die Nagelprobe mit Theaterbesuch, Besuch einer Zeitung und eines Kinos, und die ersten Zeugniskonferenzen. Danach hätten wir zur Normalität übergehen können, aber ich streckte die Segel.

Tiefenverbindung von Lernstoff und Lebensumfeld

Grund dafür war die Front Nummer 3 – die Lehrerkollegen. Dazu weiter unten mehr. Als die Schüler soweit Vertrauen gefasst hatten, dass sie offen mit mir redeten, kam ihr Frust zutage. Wir wissen nicht, warum wir das lernen sollen. Frau Deutschlehrerin stellte dann gleich etwas klar: ihr wisst sehr wohl, warum. Eure Frage ist: Wozu müssen wir das lernen? – Ihr fragt, was die aristotelische Poesie mit der Welt da draussen zu tun hat. Ihr fragt, was die rhetorischen Muster in Remarques „Im Westen nichts Neues“ mit eurer Realität zu tun haben? – Ich sagte es ihnen. Ein Schüler fragte zweifelnd, warum er eine Zwei im Referat bekommen hatte, während der sonstige Klassenbeste eine Drei bekam: ob ich wüsste, dass es andersherum sein müsste. Ein anderer Schüler, sonst schriftlich auf Vier abonniert, bekam von mir eine Zwei. Einer, der kaum etwas sagte, ging mit einer Zwei nach Hause; eine Schülerin, die sich ständig mündlich äusserte, mit einer Drei. Ich erspare uns hier Einzelheiten. Um es zusammenzufassen: ich versuchte, den Lernstoff mit dem Lebensumfeld der Schüler in Zusammenklang zu bringen, ich stellte Tiefenverbindungen her und nahm mir dafür Zeit. Ich brachte unbekannte Komponisten via CD mit ins Klassenzimmer, und wir sahen uns gemeinsam einen Film an, bei dem die Schüler darauf gewettet hatten, ich würde ihn nicht kennen. Wir lasen eine ernsthafte Lektüre zu Faschismus und machten ein Drehbuch daraus, wir lasen Dürrenmatt und vertieften uns in Medea, kamen bei Christa Wolf und dem Geteilten Himmel heraus. Sie lernten nebenbei so viel, weil sie nicht merkten, dass sie lernten, sondern ihr gewecktes Interesse stillten. Die Klassenarbeiten, die wir schrieben, waren auf diese Art Lernen zuge-schnitten. Ich glaube, nach zwei Durchgängen brauchte keiner mehr Angst zu haben, er würde völligen Unsinn abliefern. Denn ich hatte gesagt: das gibt es gar nicht! Natürlich mussten wir in der Vergleichsarbeit scheitern! Ich scheiterte, weil mich die Kollegen nicht einbezogen, was die Wahl des Themas, seine Präsentation und die Aufgaben anging. Sie waren zu viert und sich einig, ich war alleine. Meine Schüler scheiterten, denn ich hatte ihnen in nur sieben Monaten eine Art zu arbeiten gezeigt, die sie aufgeweckt hatte, aber das war nicht vorgesehen. Ich hatte sie damit verdorben, und das liess man mich spüren.

Als ich es merkte, war die erste Hälfte des zweiten Halbjahres fast vorbei. Ich beraumte eine Sitzung mit meinen Schülern ein und eröffnete ihnen, dass ich gehen würde. Nichts sagte ich von den Kollegen, wohl aber sagte ich, dass ich merkte, ich wäre am falschen Ort. Sie verraten uns! riefen sie zu Recht. Das sei nun mal so gelaufen – ich hatte das nicht erwartet. Weiterzumachen aber täte mir nicht gut, denn ich hätte immer das Gefühl, sie nicht auf das vorzubereiten, was von ihnen verlangt würde. Ich eigne mich nicht zu dieser Art von Ausbilder, und deshalb müsse ich gehen. Sie gingen heim, zwei Wochen später hatte der Schulleiter einen Brief aller Klassenvertreter mit der dringenden Bitte, meinen Vertrag zu verlängern und mich da zu behalten, auf dem Tisch. Meine Entscheidung aber war unumstösslich.

An dieser Schule ist mir klar geworden: es geht nicht mehr um Bildung, es geht, wenn überhaupt auch das noch, um Aus-Bildung. Schüler sammeln ein Wissen, das weit davon entfernt ist, in Zusammenhang mit ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stehen, das eingeatmet, und sobald die Klassenarbeit vorüber ist, wieder ausgeatmet wird.

6. Der Mensch in der Bildungswüste

Die Bildung des Menschen zu sich selbst, das Sehenlernen des wahren Lichtes, auf dass man sich und die anderen erkenne, die Vielfalt der Selbstverständnisse – alles das ist in einer Landschaft des Unterschiedlosen untergegangen. Es hat ganz schleichend angefangen. Vielleicht mit der französischen Revolution, vielleicht mit der Industrialisierung, vielleicht mit dem Kapitalismus, der als die andere Seite des Kommunismus nicht viel anders als jener ist. – Alle Menschen sind Funktion von etwas oder einem anderen. Alle Menschen sind gleich. Erst vor dem Recht und schliesslich vor den Vielen. Gleichmacherei steht der Bildung des Eigenen entgegen. Da, wo nicht unterschieden wird, wird auch nicht geachtet, wert geschätzt. Dann haben wir die Einöde, die Wüste.

Exkurs: Über die Toleranz

„Kein Araber liebt die Wüste. Wir lieben Wasser und grüne Bäume. In der Wüste ist nichts. Kein Mann braucht Nichts.“ (aus: "Lawrence of Arabia")
„Kein Araber liebt die Wüste. Wir lieben Wasser und grüne Bäume. In der Wüste ist nichts. Kein Mann braucht Nichts.“ (aus: „Lawrence of Arabia“)

In einem papiernen Aufschrei hatte ich vor langer Zeit einmal geschrieben, ich wolle nicht akzeptiert, sondern toleriert werden (etwa: „Du musst mich nicht mögen oder mir zustimmen, aber lass mich sein, wie ich bin!“). Anschliessend hatte ich in einem öde langen Text versucht, zu definieren, was denn nun Toleranz und was Akzeptanz sei. Am Ende war alles – von Augen Dritter ungelesen – in einem der digitalen wie realen Ordner verschwunden. Und war vergessen worden.
Nun habe ich ihn wiedergefunden. Zu meinem Schrecken verstand ich meine eigenen Worte nicht mehr. – Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich sprach/schrieb sofort alarmiert mit etlichen Leuten und erfragte ihre Definition von Toleranz und Akzeptanz. Fragte dabei auch nach, welchem sie den Vorrang geben würden. In meiner Verwirrung hätte ich keine Prognose abgeben wollen, tendierte aber immer noch zur Toleranz, wie vor Jahren. Die Befragten allerdings legten den Schwerpunkt auf die Akzeptanz. Akzeptiert zu werden bedeute die Anerkennung der Meinung, die man vertrete, las ich da. Man werde mit den eigenen Ansichten und Taten in eine Gemeinschaft, die diese für gut befände, aufgenommen.

Toleranz, sagten sie, sei eine Einstellung der Nicht(be)achtung. Eine, die in sich trage, dem Toleranten sei das Gegenüber egal. Man interessiere sich nicht wirklich, sondern bleibe unverbindlich und beziehe keine Position. In einem Artikel, den ich im Internet fand, las ich, dass etwas aus der Position eines Herrschenden heraus zu akzeptieren etwas völlig anderes – sogar gegensätzliches – sei als zu tolerieren. Letzteres heisse, etwas zu dulden und zu erlauben (auch etwas, das falsch sei, was natürlich überhaupt nicht gehe!), während ersteres bedeute, etwas als wünschenswert anzunehmen und zu fördern. Toleranz sei eine Haltung des Verzichts auf ein bestimmtes, klar umrissenes Menschenbild, demgemäss man als Einzelner die Gesellschaft formen könne. Zwar habe eine tolerante Person eine ungefähre Ahnung, wie sich Menschen der eigenen Meinung nach verhalten sollten, doch ob sie das auch wirklich täten, würde dann nicht weiter beachtet. Das Führen des eigenen Lebens gehe jenen vor dem Einwirken auf das Leben der anderen, und das sei Gleichgültigkeit. Ich verstummte und ging in mich.

"Was reizt Sie eigentlich persönlich an der Wüste?" - "Sie ist sauber." (aus: "Lawrence von Arabien")
„Was reizt Sie eigentlich persönlich an der Wüste?“ – „Sie ist sauber.“ (aus: „Lawrence von Arabien“)

Meine Verwirrung weigerte sich beharrlich zu weichen, nein, sie vergrösserte sich: war nicht früher, vor nicht allzu vielen Jahren Toleranz der Wert in unserer Mitte, dem das grössere Gewicht beigemessen wurde? Was war aus Nathan dem Weisen aus der Ringparabel Lessings geworden? Darin ging es doch um Toleranz, oder? Oder hatte ich alles falsch verstanden?
Mir fehlte ein entscheidender Baustein zum Verständnis des hausgemachten Unverständnisses, und ich entwickelte den Verdacht, dass hier eine Umgewichtung, eine Umdeutung der Begriffe, die mich in ihren Strudel gerissen hatte, im Gange war.

Dogmatismus kontra Moral

Der fehlende Baustein kam in Form einer Zigarette, die jemand vor der Tür eines Restaurants stehend rauchte, daher. Zigaretten sind gefährlich, d.h. Rauchen gefährdet die Gesundheit. Ist bekannt. Das hört und liest man allerorten, steht auch auf den Schachteln drauf. Also wird was dran sein. Wenn dem so ist, dann empfiehlt es sich, möglichst nicht zu rauchen, insofern man gesund bleiben will oder bleiben muss. Das könnte man als Dogma formulieren. Ihr Arzt vertritt möglicherweise dieses Dogma, d.h. er macht die Aussage der Gefährlichkeit der Zigaretten für sich zur ausschliesslich gültigen Aussage. Wenn Sie ihn aufsuchen, wird er Ihnen nahelegen – eingedenk der später eintretenden Folgen – sofort mit dem Rauchen aufzuhören. Er wird sagen: Sie sollten aufhören zu rauchen, denn sonst… Und dann wird er Ihnen freistellen, ob Sie seinen Rat befolgen oder nicht. Der Mensch Arzt als Dogmatiker wird Sie nicht persönlich dafür abstrafen, dass Sie Raucher sind. Er wird Sie aber vielleicht durchaus interessiert fragen: Geniessen Sie Ihre Zigaretten wenigstens? Und das meint er nicht ironisch.
Hat Ihr Arzt eine hohe Moral, dann wird er Ihnen ebenfalls sagen, dass Sie aufhören sollten zu rauchen. Er wird dies ebenfalls mit der Gefährlichkeit begründen, und er wird anführen, dass Rauchen auch die anderen Menschen gefährdet, jene, die in Ihrer Nähe leben, die Sie einnebeln, die passiv mitrauchen. Er ist ein Moralist, denn er wird eine bedrohliche Information in seiner Empfehlung mitschwingen lassen: Hör auf zu rauchen, sonst müssen wir dich ausschliessen, sonst müssen wir uns überlegen, wie wir dich vom Gegenteil überzeugen. Die Moralisten haben es inzwischen geschafft, die Raucher draussen vor die Tür zu schicken.

Verwischen der Begriffe in unserer Zeit

Ein Dogmatiker kann tolerieren, dass jemand etwas für sich Falsches tut, wenn er nur die Konsequenzen seines Handelns übernimmt. Ein Moralist muss jemanden, der im Begriff ist, einen Fehler zu begehen, davon überzeugen, es anders zu machen, nämlich so, dass es mit der Mehrheitsgemeinschaft konform geht. Ein Moralist kann akzeptieren, was seinen Grundsätzen ähnlich ist. Es ist nicht so, dass ein Dogmatiker nicht weiss, was für den anderen gut wäre – nur: er wird es nicht einfordern. Das jedoch tut der Moralist.

„The trick, …, is, not minding that it hurts.“ (aus: "Lawrence of Arabia")
„The trick, …, is, not minding that it hurts.“ (aus: „Lawrence of Arabia“)

In unseren Zeiten ist diese Begrifflichkeit verwischt. Weil Schwarz-Weiss ein Ideal ist und es dieses real nicht gibt und folglich auch nicht geben darf, dafür immer nur verschiedene Abstufungen von Grau, haben sich im Zuge der Relativierung und Neutralisierung Verwechslungen eingeschlichen. Das tut es immer, wenn man die Pole, zwischen denen sich das Leben abspielt, nicht mehr eindeutig benennen darf. Immer gibt es und hat es Mischtypen gegeben. Inzwischen allerdings kommen Dogmatiker moralisch verkleidet daher, und Moralisten wechseln auch schon mal ins dogmatische Lager, wenn eine angesagte Meinung in eine andere Phase tritt. Was zu beobachten ist: wir haben einen gewollten Überhang zum Moralischen. Die Werte an sich sind verloren gegangen (sage nicht nur ich), der Ethos ist futsch. Stattdessen haben wir Normierungen und Regelungen.

7. Rekonstruktion von Bildung

Fassen wir zusammen: Das Leben ist ein Traum oder ein Schattenspiel. Die Menschen darin – blind und ohnmächtig – jene, die das, was wirklich ist, nicht sehen, die das, was keineswegs wirklich ist, für wirklich halten. – Das war das Thema von Aischylos, damit sind wir wieder zurück bei den Griechen – und den Höhlenmenschen. Die Blinden, die Gefangenen könnten lernen zu sehen, und wollen es doch nicht.

"Ein Blinder ist etwas Heiliges, einen Blinden bestiehlt man nicht." (aus: "Stadt der Blinden")
„Ein Blinder ist etwas Heiliges, einen Blinden bestiehlt man nicht.“ (aus: „Stadt der Blinden“)

Die Mystik mit dem Bild vom innewohnenden Wesen, das in einem Äusseren eingewickelt ist: die ganze Eiche ist bereits in der Eichel angelegt, der Baum wird sich von innen nach aussen entfalten und entwickeln. Das ist im Groben das Wesen des mystischen Bildungsweges. So könnte es aussehen, doch die exoterischen Auslegungen haben der Mystik und den Menschen diesen Weg versperrt. Es bleib in heutiger Zeit ein Abklatsch – die kommerzielle Esoterik, die in Dualität zum Ursprung geht.
Humboldt zeigte an der Gestalt eines Baumes die Bewegung auf, die Sehnsuchtsbewegung, die das menschliche Leben voranzieht: Überhaupt liegt in den Bäumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und beschränkt im Boden stehen, und sich mit den Wipfeln, so weit sie können, über die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der Natur, was so gemacht wäre, Symbol der Sehnsucht zu sein. – In der Erde verwurzelt, wissend, wer wir sind, könnten wir die Welt erobern. Doch es ist etwas geschehen:
Statt Nächstenliebe haben wir den Sozialstaat. Nächstenliebe ist die Liebe zum Nächsten, den man in seinem Schicksal zu verstehen sucht. Wir mildern uns gegenseitig das Begreifen unserer Schicksale, d.h. unserer jeweiligen Bestimmungen, was uns nicht dessen enthebt, uns selbst und unser Leben eigenständig zu leben. Im Nächsten tolerieren wir sein je Eigenes. Mit „sozial“ hat das nichts zu tun.

Der Sozialstaat anstelle von Nächstenliebe

Wenn ich sozial bin, befinde ich mich von vorneherein, als mich bedingend und sichernd, in einem Kollektiv. In einem Kollektiv geht es nie um den Einzelnen, das Individuum. Da können sie reden, wie sie wollen: das geht nicht zusammen!

In der Nächstenliebe werden die Unterschiede zwischen den Menschen bewahrt und geachtet. Im Sozialen geht es darum, diese Unterschiede aufzuheben, so dass es keine Einzelnen, keine Individuen mehr gibt. Indem wir die Unterschiede ausgleichen wollen und die Diskriminierung (das Bezeichnen der Unterschiede, und im Zuge dessen das Handeln, das diesem Bezeichnen folgt) zu vermeiden versuchen, geben wir die Möglichkeit zur Toleranz preis – und auch die Möglichkeit zur Entwicklung des Einzelnen zu dem Baum, der er ist. In einer sozialen Monokultur ohne Unterschiede gibt es keine Konkurrenz. Das könnte Frieden bedeuten, sollte man meinen. Es wird auch so kommuniziert. In Wirklichkeit bedeutet es den Tod.

Die moderne Schule stiehlt den Kindern ihr Selbst

Der moralische Überhang ist eine der Ursachen dafür, dass wir im Sozialrausch die Chance auf Eigenständigkeit unseres Seins verlieren und aufgeben, und damit die Bildung unseres Selbst. In der Ausübung und im Vorgang-Sein meinen wir, jederzeit einschreiten zu dürfen und setzen den Zwang zum Handeln an die Stelle des Geschehenlassens. Wir sind scheinbar überaus beweglich, dabei äusserlich getrieben und innerlich eingeschlossen und isoliert. Höhle – Sokrates!

Die meisten Lehrer in den Schulen, auf die unsere Kinder gehen, sind davon überzeugt, das Beste zum Besten der Kinder zu tun. Dass sie alles gelten lassen, dabei bewerten, und die Bewertungen sofort relativieren, weil niemand aufgrund eines Unterschieds Vorteile haben darf, ist tägliches Brot.
Dass aber heute die Menschen sich selbst gestohlen werden, wird keine Medizin richten können. Von derlei Dingen muss man sprechen, wenn man über Bildungspolitik spricht, und von noch anderen mehr, die ich hier überhaupt nicht angesprochen habe. ♦

1)Sprache im weitesten Sinne, auch Dialekte
2)Kognition: Zu den kognitiven Fähigkeiten zählen: die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, die Erinnerung, das Lernen, das Problemlösen, die Kreativität, das Planen, die Orientierung, die Imagination, die Argumentation, die Introspektion, der Wille, das Glauben und einige mehr. Es geht im Wesentlichen um Informationsverarbeitung. Der Begriff ist Gegenstand einiger Diskussion; ich verwende ihn in Anlehnung an die Arbeiten der kognitiven Psychologie, zusammengefasst in Oerter & Montada: Entwicklungspsychologie
3)Frevel gegen die Götter.


Karin Afshar

Karin Afshar - Glarean MagazinGeb. 1958 in der Eifel/D, Studium der Sprachwissenschaft, Finn-Ugristik und Psychologie, Promotion, zahlreiche belletristische und fachwissenschaftliche Publikationen, lebt in Bornheim/D

Lesen Sie im Glarean Magazin von Karin Afshar auch über Esther Kinsky: Fremdsprechen – Das Übersetzen

… sowie über die Anthologie mit Sprach- und Bildungs-Essays von Mario Andreotti: Eine Kultur schafft sich ab

Esther Kinsky: Fremdsprechen – Das Übersetzen

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Übersetzen – eine seltsame Könner-Kunst

von Karin Afshar

Ein Künstler – um vorauszugreifen – muss nichts wissen, ein Könner alles. Der Titel dieser Besprechung wie auch der erste Satz greifen die Anfangssätze des letzten Absatzes aus Esther Kinskys Buch „Fremdsprechen“ auf. Darin geht es ums Übersetzen und ums Schreiben, denn Esther Kinsky ist beides: Schriftstellerin und Übersetzerin.

Der „kleine Text“ (immerhin auf 122 von 141 Seiten und in 10 Kapitel unterteilt) ist eigentlich ein Essay und – das stellt die Autorin gleich zu Beginn klar – kein Ratgeber und keine Anleitung für Übersetzer. Wie es mir immer passiert, ist dieses Buch ganz und gar nicht zufällig in meine Hände gelangt: es hat mich gefunden, sitze ich doch gerade an der Überarbeitung einer Übersetzung aus dem Persischen ins Deutsche. Also beginne ich meinen Dialog mit dem Buch und mit Esther Kinsky, und wir sind keine geschlossene Gesellschaft, denn Sprachen und was mit ihnen in Textgeweben geschieht, was mit uns geschieht in diesen Bild- und Klangwelten, geht nicht nur sie und mich an.

Sprache als Ausdruck des Verhältnisses zu den Dingen

Esther Kinsky: Fremdsprechen - Gedanken zum ÜbersetzenEinen Schritt zurück: Wie kommt sie denn auf diesen Titel? Fremdsprechen? Ein Verschreiber? In Kapitel 3 dazu eine Geschichte, in der wir von Vertrautheit und Fremdheit lesen. Wir lesen auch, dass Sprache einerseits Konvention ist, der wir uns zu beugen haben, wenn wir von den Unseren verstanden werden wollen. Und doch ist sie unser eigenster Besitz. Wir haben ein persönliches Verhältnis zu den Dingen in der Welt und zu den Wörtern, mit denen wir sie bezeichnen. Wenn wir einer uns fremden Sprache begegnen, erleben wir, dass die Dinge nicht nur andere Bezeichnungen bekommen, sondern die Sprecher dieser Bezeichnungen darüberhinaus ein anderes Verhältnis zu den Dingen haben und völlig andere Erfahrungen mit ihnen benennen.
Übersetzen, schreibt Esther Kinsky, ist das Umbenennen der Welt, in dem Bekanntes fremdgesprochen wird. Sie gibt lesenswerte Beispiele dafür. Jeder, der zwei oder mehr Sprachen spricht, wird weitere Geschichten beisteuern können.

Vieles bleibt unübersetzbar

Esther Kinsky - Poetin Übersetzerin - Glarean Magazin
Esther Kinsky

Um die Frage der Übersetzbarkeit von sprachlichen Ausdrücken und Metaphern, von Sprachbildern und um deren Grenzen geht es in den nächsten beiden Kapiteln. Manches ist nicht übersetzbar! Sprache ist eine Ordnungsstifterin, und als solche tut sie dies unterschiedlich in unterschiedlichen Sprachen. Wir versprachlichen z.B. das Konzept von Zeit unterschiedlich und handhaben es auch so – welche Kluft kann sich da auftun! Ich sitze doch gerade daran: die persischen Konzepte von Linearität in der Zeit sind ganz andere als die deutschen. Wie bzw. ob wir Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeit ausdrücken, prägt unsere Wahrnehmung der Welt ebenso wie es die räumlichen Einteilungen in oben, unten, rechts und links tun. Beim Übersetzen können die Unterschiede bedeuten, dass der Versuch, die grammatischen Zeitverhältnisse einer fremden Sprache nachempfinden zu wollen, zu einer Verfremdung des Textes in der Übersetzung führt. Dieses wird dem Original dann nicht mehr gerecht. Eine Schlussfolgerung: Der Übersetzer darf das Original nicht eigenmächtig verbiegen – und in manchen Fällen eine Unübersetzbarkeit akzeptieren.

Übersetzen ist Handwerk, Schreiben ist Kreativität

Was unterscheidet nun den Schriftsteller vom Übersetzer? – Übersetzend, schreibt Esther Kinsky, probiert man ganz verschiedenes Handwerkzeug aus. Schreiben ist ein vorrangig kreativer Prozess, Übersetzen ein handwerklicher Vorgang; der eine schafft Kunst, der andere bearbeitet ein fertiges Material.
Der eine fliesst in und mit seinem Text, der andere handelt aus einem Ruhezustand heraus. Der Übersetzer ist der Fremdsprecher des Originals, und wenn er es gut macht, dann ist er ein Könner und doch auch ein Künstler. ♦

Esther Kinsky: Fremdsprechen – Gedanken zum Übersetzen, 141 Seiten, Matthes & Seitz Verlag, ISBN 978-3-88221-038-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Sprache auch über Ruprecht Skasa-Weiss: Weitere fünf Minuten Deutsch

Gisela Elsner: Zerreissproben (Erzählungen)

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Nichts für zarte Gemüter

von Karin Afshar

Bestimmt haben Sie als Leser oder Leserin mehr als einmal darüber nachgedacht, zu welcher Gruppe Leser Sie wohl gehören würden, wenn es in Buchhandlungen nicht die üblichen Sparteneinteilungen in Sachbücher, Romane, Fantasy, Frauenromane etc. gäbe, sondern Einteilungen wie z.B. in Kundensparten: „Interessiert sich für die politische Richtung eines Autors“, oder „Meint, kein Autor schreibe anders als autobiografisch“, oder „Interessiert sich für in Widersprüche verstrickte Autoren“, zu deren Regale Sie dergestalt orientiert Ihre Schritte lenken könnten, um sicherzustellen, dass Sie auch genau die Bücher, die Sie interessieren, in die Hände bekämen und nicht unnötigerweise – das Leben hält genug schlechte Überraschungen bereit – solche, die sie enttäuschen würden. Die Sparten in Kombination würden Ihnen jenes Buch auswerfen, um das es in den nächsten Absätzen gehen wird.

Von der Künstlichkeit einer bürgerlichen Welt

Gisela Eisner - Zerreissproben - Erzählungen - Verbrecher VerlagWenn Sie den Eingangssatz durchdrungen haben, stehen Sie bereits mitten in einem Labyrinth; so ist es zumindest bei Gisela Elsner. Besagter Satz ist nur ein fader Abklatsch dessen, was sie zu Papier bringt. Die kafkaeske Art ist ihr Stil, ihr Markenzeichen: sie konstruiert Sätze, die erstaunen, zum Lachen bringen, ungeduldig, atemlos, ja, wütend machen. Sie wiederholt, insistiert, ist akribisch, sie zählt auf, spitzt zu, zerpflückt, zerteilt… Dieser Erzählstil unterstreicht natürlich Inhalte, und die sind nicht lustig. Ihre Texte handeln von der Künstlichkeit einer bürgerlichen Welt, die einerseits die Schrauben immer fester anzieht, andererseits verschroben daher kommt.

Elf Erzählungen Elsners hat die Herausgeberin Christine Künzel neu choreographiert, und die Abfolge ist gelungen. Christine Künzel betreut seit 2002 die Werkschau Gisela Elsners im Verbrecher Verlag Berlin: „Die Zähmung“, Roman (2002), „Das Berührungsverbot“, Roman (2006), „Heilig Blut“, Roman (2007), „Otto der Grossaktionär“, Roman (2008) und „Fliegeralarm“, Roman (2009) sind bereits erschienen. Gisela Elsner erhielt etliche internationale Auszeichnungen, darunter den Prix Formentor für ihren ersten Roman „Die Riesenzwerge“ (1964), an dessen Erfolg sie nicht wieder anknüpfen konnte. Sie veröffentlichte Romane, Erzählungen, Aufsätze, Hörspiele und das Opernlibretto „Friedenssaison“.

Demaskierung des scheinheiligen Kollektivs

Elsner beschreibt in den vorliegenden Erzählungen vor allem Menschen, die sie aus dem Kollektiv herausarbeitet, wie man einen 3D-Abdruck aus einem Nagelbild herausarbeitet: hinten wird gedrückt und vorne entsteht das Bild. Sie beschreibt das Kollektiv, die Welt der Oberfläche, die sie sodann demaskiert, damit das Darunter – das Scheinheilige – zum Vorschein kommt. Die Geschichten verlangen starke Nerven, denn Elsner zerlegt und karikiert so gründlich, dass sie sich selbst und dem Leser den Boden unter den Füssen wegzuziehen vermag.

Gisela Elsner (1937-1992)
Gisela Elsner (1937-1992)

In „Die Zerreissprobe“ (der ersten Erzählung im Band 2) geht es um eine Frau, die sich – als Terroristin verdächtigt – im Fadenkreuz des Verfassungsschutzes glaubt. Ihre Wohnung wird beobachtet. Wenn sie nicht zuhause ist, kommen „sie“, schalten Tischlampen aus, verrücken Möbel und schneiden von Kleidungsstücken Stofffetzen ab. Von einem Nachbarn, dem Vormieter dieser Wohnung, in der sie nun lebt, erfährt sie, dass in der Wohnung in erst kürzlich zurückliegender Vor-Nach-Stammheimer Zeit Terroristen untergeschlüpft sein sollen. Der Verdacht – so vermutet die Erzählerin, die auch in der Erzählung Schriftstellerin ist – fällt jetzt auf sie, aber sie geht der Sache auf den Grund.
In „Der Maharadscha-Palast“ mokiert sie sich über eine Reisegesellschaft, die am Ort ihrer Unterkunft mit einigen Überraschungen konfrontiert ist: keiner der Betroffenen wird sich – zurück in Deutschland ­– die Blösse geben und zugeben, sich angesichts des Vorgefundenen entlarvt zu haben.

Spitz gezeichnete Abbilder der 1970er und 80er

„Der Selbstverwirklichungswahn“ verhöhnt nicht nur die Selbstfindungswelle der frühen 80er Jahre, sondern nimmt die Auswüchse der „Grünlichen“ aufs Korn, und dabei nicht weniges vorweg. Wie überhaupt die spitz gezeichneten Bilder sowohl allesamt Abbilder der 70er und 80er sind, als  auch eine Vorwegnahme, die wir jetzt – 2013 – im Nachhinein in voller Tragweite bestätigen können. Elsners Geschichten sind meiner Meinung nach mehr als Satire. Unsere Zeit hat die Satire längst eingeholt, und bei manchen Erzählungen ereilt mich der Verdacht, Elsner habe geahnt, worauf es hinausläuft, und ist Opfer ihres persönlichen Minenfeldes geworden. Damit musste sie eine Herausgefallene werden!
In „Der Sterbenskünstler“ geht es um die Friedensbewegung und ihre Abstrusitäten, in „Der Antwortbrief Hermann Kafkas auf Franz Kafkas Brief an seinen Vater“ bricht sie mit ihrem „Gott“ Franz, an dem sich orientieren zu können sie in jungen Jahren glaubte: „Du schreibst, Du wärest mir als das Ergebnis meiner Erziehung peinlich. […] Viel peinlicher indes als das Ergebnis meiner Erziehung ist für mich die Tatsache, dass ich es durch Dich mehr und mehr verlerne, nicht allein die Welt zu begreifen, sondern auch mich. […]“ Kafka, ohne dies ergiebig zu vertiefen, lebte vor den Toren zur Gegenwart und trat nicht über die Schwelle ins Jetzt. Seine Hauptthemen waren durchweg voller Anklage an jene, von denen er glaubte, sie verhinderten ihn. Das wiederum übte eine gewisse Faszination – nicht nur auf Elsner – aus.

Mal laute, mal leise Wortgewalt

In ihrem zweiten Erzählband "Zerreissproben" legt Gisela Elsner ein Zeugnis ihrer selbst ab, und das so fundamental und radikal, dass es einem die Luft abdrehen kann. Wir blicken in Abgründe...
In ihrem zweiten Erzählband „Zerreissproben“ legt Gisela Elsner ein Zeugnis ihrer selbst ab, und das so fundamental und radikal, dass es einem die Luft abdrehen kann. Wir blicken in Abgründe…

„Die Zwillinge“ und „Vom Tick-Tack zum Tick“  kommen im Vergleich zu „Die verwüstete Glückseligkeit“ harmlos daher, zeugen aber gerade deshalb von Elsners – es Talent zu schreiben zu nennen, wäre eine Beleidigung – mal lauter, mal leiser Demontierungswut und Wortgewalt. Elsner geht auch mit sich selbst hart ins Gericht, demontiert sich selbst und erwartet anscheinend doch unendlich viel – oder gar nichts mehr? Was weiss man von dieser Frau? Muss man etwas über sie wissen? Ich finde ja: man muss! Sie ist gegen die Friedensbewegung, sie lehnt die Errungenschaften von 68 radikal ab, sie bekennt sich zum Kommunismus, ist aber doch wankelmütig (Eintreten, dann Austreten, dann Wiedereintreten in die DKP), sie will nicht Dichterin genannt werden, … Sie inszeniert sich selbst und später – als das nicht mehr reicht – ihre Selbstzerstörung. Sie hadert mit sich, ist unzufrieden, gehört nirgendwo dazu, und braucht das vielleicht doch sehr dringend? „Irgendwie“ besteht die „reine Möglichkeit“, dass das Ende der ganzen Kette von Missständen, dem Abstrusen, dem verhassten Kapitalismus, der Kleinbürgerlichkeit … ein anderes Leben bedeuten könnte – bis es jedoch soweit ist, fehlt ihr eine wirklich positive Perspektive. Gisela Elsner wird 1937 in Nürnberg geboren, und nimmt sich 1992 das Leben.

Im Buch enthalten sind Erklärungen zu Elsners erzählerischem Werk, editorische Notizen zur Historie der einzelnen Erzählungen sowie deren Verortung im Gesamtwerk. Niemand schreibt anders als autobiografisch  – zu dieser Ansicht bin ich im Laufe meines Lebens gelangt. Das Herausstechendste an Elsners hier vorgelegten Erzählungen ist: sie legt ein Zeugnis ihrer selbst ab, und das so fundamental und radikal, dass es einem die Luft abdrehen kann. Wir blicken in Abgründe. Nicht viel Spass wünsche ich nun beim Lesen, sondern viele Erkenntnisse! ●

Gisela Elsner: Zerreissproben, Erzählungen (Band 2), 224 Seiten, Verbrecher Verlag, ISBN 9783943167054

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über die Erzählungen von Bernhard Strobel: Nichts, nichts
… sowie zum Thema Roman-Rezensionen über Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing

Peter O. Chotjewitz: Tief ausatmen (Lyrik)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Über das tiefe Ausatmen von Gedanken

von Karin Afshar

Peter O. Chotjewitz kenne ich  nicht. Ich habe mir das Buch „Tief ausatmen“ ausgesucht, weil mich der Titel angesprochen hat. Tief Ausatmen. Der Einband fühlt sich rauh an, es ist ein ganz einfach gestalteter dunkelorangeroter Leineneinband und im Innern finden sich gelbliche Werkdruck-Seiten, auf ein paar Seiten Illustrationen, Skizzen von Fritz Panzer, die Gedichte – dreizeilig alle, zuzüglich Überschriften. Das Buch ist frisch aus der Druckerei. Sein Geruch ist mir sympathisch.

Peter O. Chotjewitz - Tief ausatmen - GedichteEin erster Hinweis aufs Ausatmen dies:

Ich ging

Nach langer schwerer
geduldig ertragener
Überflüssigkeit

Das mit der Überflüssigkeit macht ihn mir sympathisch. Das ist wohl so, wenn man älter wird, und vieles gesagt ist – man das Leben und die von ihm gebotenenen Dinge  eingeatmet hat, um gegen Ende festzustellen, dass die eigene Person doch eigentlich ziemlich unbedeutend ist.

Lesen macht einsam

Mit den Jahren kam
Bücher bis zur Haustür
die Eigentorheit

Wieder hat er mich! Das Wortspiel mit der Torheit, die zum Eigentor wird, und dass man sich bei allem Lesen und Wissen am Ende von den anderen entfernt. Ich unterbreche meine Lektüre und will jetzt wissen, wer der Mann ist, und ob ich ihn richtig verstehe. Also lese ich über Chotjewitz nach, auch um die Ankündigung seines Verlages (er sei „eigensinnig, tiefsinnig, hintersinnig“) verstehen, zumindest aber verorten zu können.

Freundschaft mit Terrorist Andreas Baader

Peter O. Chotjewitz ist 1934 geboren. Seinen ersten Werdegang möge man selbst nachlesen, auch die Geschichte über die Freundschaft mit dem „Oberterroristen“ Andreas Baader, dessen Wahlverteidiger er war.  Seit Mitte der 1960er Jahre schrieb Chotjewitz realistische Erzählungen und Romane, die er bei Verlagen wie Rowohlt oder Kiepenheuer & Witsch publizieren konnte. Er trat der Gruppe 47 bei, distanzierte sich aber später von deren Monopolstellung: sie hätten den Literaturbetrieb „vergiftet“. Chotjewitz – einen ersten Lyrikband hatte er 1965 mit „Ulmer Brettspiele“ veröffentlicht, danach keinen mehr – hatte sich als Schriftsteller etabliert, wurde jedoch immer mehr zum Aussenseiter: die „neue Innerlichkeit“ löste eine Polit-Literatur wie er sie schrieb ab, und der Linksradikalismus der 70er Jahre ging in der Friedensbewegung und den Grünen auf. Chotjewitz zog sich zurück und übersetzte fortan u.a. den Literaturnobelpreisträger Dario Fo aus dem Italienischen ins Deutsche, und gab gelegentlich ein neues Buch heraus, so z.B. den historischen Roman „Macchiavellis letzter Brief“. „Fast schien es, als verschwände hier ein Veteran der Linken stellvertretend für seine ganze Generation in der kulturellen und politischen Bedeutungslosigkeit.“

Welt- und Geschichtswissen als Voraussetzung der Lektüre

Chotjewitz tauchte wieder auf, nämlich beim Verbrecher Verlag. „Tief Ausatmen“ ist posthum in diesem Oktober erschienen. Seine Frau Cordula Güdemann und der Verleger Jörg Sundermaier haben das Material zusammengestellt.
Soweit die Hintergründe, lassen wir jetzt wieder Texte sprechen. Fünf wähle ich noch aus, nicht ganz so willkürlich wie – so schreibt es der Herausgeber – Zeichnungen und Texte im Büchlein miteinander verknüpft sind.
Die Texte muss man sich vorlesen, mehrmals – zeilenübergreifend ergeben sie Sätze, Sinnzusammenhänge. Sie setzen einiges an Vor-, Welt- und auch Geschichtswissen voraus, denn sonst entgehen einem die offenen und versteckten Verweise!

Damals im kalten Krieg

Sehnsucht heisst das alte
Lied der Taiga das schon
meine Mutter sang.

Es ist nicht damit getan, dass man die Zeilen wiedererkennt – man muss sie weiterdenken. Und im Weiterdenken erst erfüllen sie ihren Anstoss.

Bulletin 9/2010

Herr der Sommer war
sehr gross alles voll Knollen
Hals Lunge Leber

Die Gedichte sind Skizzen, die umreissen, ein Tiefergehen erlauben, es aber nicht plakativ einfordern. Sie sind Gedanken im Vorbeigehen, eine Form andeutend. (Die Zeichnungen von Fritz Panzer könnten nicht passender sein.) An anderer Stelle sind sie unstet, kaum zu fassen. Sie wollen nicht festgehalten werden; alles Festhalten scheint dem Schreibenden Zwang.

Die Themen? Vielfältig, aber nicht geordnet. Die Sprache? Es blitzen hin und wieder Bukowskieske Vibes in den Zeilen auf. Manches verstehe ich nicht, weil mir der Kontext fehlt – ich bin eben Chotjewitz-Anfängerin.

Alles spüren

Kühl die schlaflose
Nacht am besten nichts kein Bär
kein Schweif nur liegen

Stilles Feuer

Dich trifft ein Blitz aus
dem Sehschlitz unterm Tschador
wird wild gejodelt

Eigensinnig schreibt Chotjewitz unbedingt, die Vorgabe keiner Formvorgabe ist die Freiheit, die er sich erlaubt. Hintersinnig und tiefsinnig – auch das. Die Verse sind inspirierend in ihrer Kürze, lassen viel Raum. Ein Könner eben.
Es findet sich Selbstironie und Selbstbeobachtung, Spott über andere und Kommentare zu Vergangenem. Eigensinnig schreibt Chotjewitz unbedingt – Elfchen haben wir hier nicht gerade vorliegen, die Vorgabe keiner Formvorgabe ist die Freiheit, die er sich erlaubt. Hintersinnig und tiefsinnig – auch das.  Die Verse sind inspirierend in ihrer Kürze, lassen viel Raum. Ein Könner eben. Man kann sich jeden Tag einen Dreizeiler herausgreifen und an ihm eine Weile herumdenken. Und wem etwas einfällt, der möge dies beherzigen:

In der Strassenbahn

Was dir so einfällt
Junge schreib’s auf es könnte
ein Gedanke sein

Peter O. Chotjewitz: Tief Ausatmen, Lyrik, Zeichnungen von Fritz Panzer, Herausgeber: C. Güdemann & J. Sundermeier, 140 Seiten, Verbrecher Verlag, ISBN 978-3943167023

Ameneh Bahrami: Auge um Auge (Islamismus)

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Tragisches Schicksal als literarische Chimäre

von Karin Afshar

Der MVG-Verlag, in dem das Buch „Auge um Auge“ von Ameneh Bahrami erschienen ist, hat eine Philosophie: Man will Mut machen und kompetente Hilfe in allen Lebenslagen bieten. Die Bücher, die im Verlag erscheinen, sollen für ein unbeschwertes, glückliches und bewusstes Leben stehen. Der MVG-Verlag versteht sich als zukunftsorientierter Ratgeberverlag mit den thematischen Schwerpunkten Persönlichkeitsbildung und Motivation. Sein Programm umfasst rund 700 lieferbare Titel. Im Bereich Lifestyle erscheinen Hardcover und Taschenbücher zu verschiedenen Themen. Und so kündigt er das Buch, um das es hier geht, an: „Das Buch gibt allen Frauen Kraft, für ihr Leben und ihre Freiheit einzustehen. Es ist die Geschichte einer unglaublich starken Frau.“

Ameneh Bahrami: „Auge um Auge“ hat 256 Seiten und ist ein Hardcover-Band. Bevor ich auf den Inhalt eingehe, erlauben Sie mir einen Blick auf den Einband. Vorne direkt unter dem Titel steht: „Ein Verehrer schüttete mir Säure ins Gesicht. Jetzt liegt sein Schicksal in meiner Hand.“ Zwei Augen in einem ansonsten mit einem Schleier verborgenen Gesicht springen dem Leser – bzw. der Leserin, denn Frauen sind die Zielgruppe –  entgegen. Derlei Bucheinbände gibt es mittlerweile vielfach – ja, ist denn dem Verlag nichts Eigenes eingefallen?

„Auge um Auge“ als Bestandteil des Alten Testaments und der Scharia

Aber sehen wir uns den Titel näher an: „Auge um Auge“. Wer kennt das Zitat nicht? Soweit so gut: der Verlag setzt auf zwei bekannte und in vielen Menschen umhergeisternde Vorstellungen, um sein Buch zu vermarkten und neu im Unterbewusstsein zu verankern. Die Leute sollen kaufen! Das ist legitim, denn damit verdient ein Verlag sein Geld. Und er hat Recht: vermutlich geht für eine kurze Zeit – denn länger reicht das Gedächtnis und die Geduld der Leser nicht mehr – genau mit dieser Kombination die Rechnung auf. Daran verdient hoffentlich auch die Autorin.

Auge für Auge (hebräisch עין תÖחת עין ajin tachat ajin) ist Teil eines Rechtssatzes aus dem Sefer ha-Berit (hebr. Bundesbuch) in der Tora für das Volk Israel (Ex 21,23–25 EU). In der heutigen Umgangssprache wird Auge für Auge überwiegend unreflektiert als Ausdruck für gnadenlose Vergeltung verwendet. Übersetzt als Auge um Auge (und zusammen mit Zahn um Zahn) wird das Teilzitat zur Anweisung an das Opfer oder seine Vertreter, dem Täter Gleiches mit Gleichem „heimzuzahlen“ bzw. sein Vergehen zu sühnen. Dass es ursprünglich auch im Alten Testament (2. Moses 21, 24) darum ging, Rache abzuwehren und Gewalt zu begrenzen, ist nur wenigen präsent.
Im Iran, dem Heimatland der Erzählerin, ist aufgrund der rund 1300 Jahre alten Scharia-Gesetze, die bei vorsätzlicher Tötung und vorsätzlicher Körperverletzung das Vergeltungsprinzip („Qisas“) darstellen, sogar vorgesehen, dass der Täter das erleiden soll, was er seinem Opfer angetan hat.
Der Erzählerin wird nach einer Gerichtsverhandlung eben dieser Urteilsspruch zuteil, dergleichen vornehmen zu dürfen.  Zwar darf sie für zwei ihrer Augen zunächst nur ein Auge des Täters blenden, aber sie kann ja das zweite hinzukaufen. Eine Frau ist eben nur halb so viel wert wie ein Mann. Sie bekommt schliesslich doch seine beiden Augen…

Sich für ein Leben allein entschieden

Ameneh Bahrami - Islamismus-Säureopfer - Glarean Magazin
Einst jung und schön, heute entstellt und blind: Säureopfer Ameneh Bahrami

Ameneh ist eine junge Frau, die an der Freien Universität in Teheran Elektrotechnik studiert. Vom Tschador hält sie nicht viel: sie trägt lieber einen knielangen weissen Mantel und ein Kopftuch. Damit macht sie sich natürlich nicht nur Freunde, und setzt sich den Männerblicken und auch so mancher Anmache aus. Im Jahre 2003 ist eine Frau im Iran alles andere als hamsar und auf Augenhöhe eines Mannes, und scheint am besten in einer (wie auch immer arrangierten) Ehe aufgehoben. Die Nach-Khomeini-Zeit – aber nicht nur diese – hat seltsame männliche Exemplare und verquer-menschenverachtende Ansichten hervorgebracht. Nun ist es nicht ungewöhnlich und überraschend, dass in einer reglementierten Gesellschaft das Dunkle ungleich böser zum Ausbruch drängt.
Nicht alle sind „infiziert“, aber eben viel zu viele. Ameneh kann sich damit nicht abfinden und glaubt an die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens. Sie hat für ihr Studium gekämpft und sich mehrfach beworben, dann hat sie Jobs angenommen, um sich dieses Studium zu finanzieren – etwas, das Frauen im Westen ebenfalls kennen, denn auch uns wird nichts geschenkt. Sie hat einen jungen Mann, in den sie wirklich verliebt war, nicht geheiratet, weil er sich als eifersüchtig und kontrollierend entpuppte und sie am liebsten gleich in die Küche verbannt hätte. Sie hat sich für ein Leben allein entschieden – für solange, bis der „Richtige“ käme. Da beginnt ein um drei Jahre jüngerer Mann, sie zu bedrängen – und das Ganze endet in der inzwischen weltweit bekannten Katastrophe: als sie ihn abweist, schüttet er ihr Säure ins Gesicht, sie erblindet.

Tragik medial ausgenützt

Was Ameneh Bahrami durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Was nur können Menschen Menschen antun! Und wieso lässt Gott das zu, warum lässt er zu, dass ein heranwachsendes Leben zerstört wird und ein Mensch tiefer und tiefer fällt, bis auf den Grund seiner Menschenwürde? Soll er daran zugrundegehen oder soll er wachsen? Ist das die Lektion des Lebens?
Ameneh bemerkt in ihrer Hilflosigkeit bald, wer Freund und wer Feind ist, sie lernt zu unterscheiden, wer sie versteht, und wer schadenfroh ist. Sie ist bewusst und sich ihrer eigenen Empfindungen gewahr. Der Gedanke an Rache kommt dann auf, wenn man seelisch überfordert ist und von der anderen Seite, die man selbst noch vor sich in Schutz zu nehmen beginnt, keinerlei Reue kommt.
Das hätte ein gutes, ein grossartiges Buch über grundsätzliche Fragen werden können. Nicht jedoch jetzt, zu diesem Zeitpunkt, sondern erst viel später. Amenehs Geschichte ist noch nicht zuende – die Medien haben sie ihr aber vorschnell aus der Hand gerissen. Dieses Buch ist eine Chimäre. Ein Verlag publiziert es mit der Herausstellung des Leidensweges einer Frau und liefert eine nur halbwegs durchgearbeitete Geschichte.
Es gibt durchaus Passagen, in denen Ameneh Bahrami anschaulich und erfrischend vom Alltagsleben in Hamadan oder Teheran erzählt. Ich bekomme ein Bild von diesem Mädchen, das sich seinen Platz in der Welt erobern möchte. Es ist ein menschliches Bild, das sich in jedem Land der Welt einstellen könnte. Überall suchen junge Menschen nach Selbstbestimmung und Eigenständigkeit, Anerkennung und Liebe ohne Bedingungen.

Emotionalität der Schilderungen kaum zu ertragen

Was Ameneh durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hätte die Geschichte nicht nötig gehabt...
Was Ameneh durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hätte die Geschichte nicht nötig gehabt…

Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Natürlich geht es um Literatur – und das ist hier trotz guter Ansätze eben Betroffenheitsliteratur. Das zeigt sich im Erzählmodus ganz bestimmter Zeitungen, die ein bestimmtes Klientel bedienen. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. An der Verwendung des Wortes „plötzlich“ übrigens erkennt man die Anfänger, und dieses Wörtchen taucht mir zu häufig auf. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hat die Geschichte nicht nötig.

Ameneh Bahrami wünsche ich, dass sie die nahende Zeit, in der das Interesse der Medien nachlassen wird, für sich nutzen kann, um ihren Frieden zu finden. Ihren Grossvater habe ich übrigens ins Herz geschlossen. Ob sie auf ihn hört? – „Was dir die Zukunft bringt, das frage nicht / Und die vergangne Zeit beklage nicht. / Allein das Bargeld Gegenwart hat Wert, / Nach dem, was war und sein wird, frage nicht.“ (Omar Khayyam)

Ameneh Bahrami: Auge um Auge, MVG-Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-86882-155-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Islamismus auch über
Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam

…sowie zum Thema Aufklärung über:
Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

Alexandra Lavizzari: Flucht aus dem Irisgarten

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…und träumte sich die Seele wund

von Karin Afshar

Das Hardcoverbuch mit den elf Erzählungen ist in diesem Jahr erschienen, edel sieht es aus – die beiden grazilen Irisblüten am rechten Rand erwecken den Eindruck, als wollten sie sich aus dem Blickfeld stehlen, flüchtig und nicht von dieser Welt.
Alexandra Lavizzari (*1953 in Basel) ist eine Schweizer Schriftstellerin und Literaturkritikerin. Aus dem Klappentext erfährt man, dass sie in Rom lebt, verheiratet ist und drei Kinder hat; früher hat sie in Nepal, Pakistan und Thailand gelebt.
Die Erzählungen zwischen den Buchdeckeln spielen in der heutigen Zeit. Ihre Sprache ist leicht, was nicht heisst, dass die Sätze einfach aneinandergereihte Aussagesätze wären. Manche muss ich mehrmals lesen, um sie zu verstehen, denn sie sind lang, verschachtelt. Aber das tue ich gerne – sie schmecken beim zweiten Hinlesen noch besser, bekommen eine je eigene Melodie.

Unbehagliche Entfremdung im Alltag

Alexandra Lavizzari: Flucht aus dem Irisgarten - Erzählungen - Zytglogge VerlagLavizzari entwirft zunächst einen realistischen Hintergrund, vor dem sie dann die Geschehnisse entrollt. Es geht um Frauen, Männer, Kinder, die sich in der eigenen Haut nicht wohl fühlen, die nirgends, vor allem nicht im Familienkreis, heimisch sind. Es sind Entwurzelte in Basel oder im Tessin, in Schweden oder Süditalien: der jeweilige Ort – ganz bestimmt nicht zufällig gewählt – ist die Bühne, auf der sich die unbehagliche Entfremdung im Alltag der Figuren abspielt. Flucht ist ihr Motiv, einmal als blinde, unbewusste Sehnsucht nach dem Anderswo, ein andermal aus Angst, in einer Identität, die nicht als die eigene anerkannt wird, erstarren zu müssen. Es geht um das Loslassen alter Verletzungen, um die Weigerung, zu vergessen (weil z.B. Vergessen Verrat sein könnte), es geht um das Einfrieren in Gewesenem, weil man dem Leben nicht traut, um das Nachgeben einer Begierde gegenüber und den Preis, den man dafür bezahlen muss.
Jenseits der Schleusen ins Unterbewusste greifen die Worte und Bilder der Hier-Welt nicht mehr. Dafür braucht es „andere“ Bilder – eben übernatürliche. Es gelingt Alexandra Lavizzari in jeder Geschichte, im Leser die Verbindung zu archetypischen menschlichen Geschichten herzustellen, ohne die profanen Bezeichnungen der Welt zu benutzen. Sie tut es detailreich, aber nie aufdringlich.

Geschichten mit archetypischem Gehalt

Alexandra Lavizzari - Glarean Magazin
Alexandra Lavizzari

In der ersten Geschichte – „Schwimmen“ – ist es ein Buch, in das sich die von ihrem Mann ‘Forelle’ genannte Else in ihrer Sehnsucht nach dem Meer versenkt. Der erste Satz in diesem Buch, den wir am Ende der Geschichte erfahren, setzt auch schon gleich eine erste Wegemarke durch das vorliegende Buch: Wasser.
Wasser ist das Ursymbol des Lebens und lebensspendendes Elixier. Es steht für Schöpfung, Geborgenheit, Reinheit, Heilung und stellt die Verbindung zu etwas Göttlichem dar. Ohne Wasser ist Leben auf dieser Erde nicht vorstellbar. Wasser, Meer, Schnee, Wasserfall, See – diese Bilder ziehen sich durch mehrere der Geschichten – und sie führen allesamt in die Vergangenheit der Protagonisten, in der etwas begraben und versunken liegt. Das ist schlüssig, hat Wasser doch auch mit dem Unbewussten, dem vor der Zeit und dem nicht in der Zeit Liegenden zu tun.

Die Geschichte „Flucht aus dem Irisgarten“, der das Buch den Titel verdankt, hat vordergründig nichts mit „Wasser“ zu tun, dafür mit einer weiteren Allegorie:  Der Garten ist die Wohnung der Seelen, der Gärtner selbst ist der Schöpfer des Lebens und in einem Garten bilden Menschen das Paradies nach. Doch lesen Sie selbst, was Alexandra Lavizzari mit den Bildern zaubert.
Sie zeigt auf diesen fünf knappen Seiten das Können einer Schriftstellerin, die mit Sprache malt und umsichtig und klug genau das ungesagt lässt, was der Leser in sich selbst finden muss. Diese Erzählung ist m.E. die bildhafteste von allen.

Auf schicksalhafte Art verbundene Figuren

In der Erzählung „In ihren Armen“ ist es ein Umschlag mit Samen, der der Erzählerin überreicht wird. Nun werden wir in eine Geschichte geführt, an deren Ende eine aus eben diesem Samen hervorgegangene Zimmerpflanze in rasend schnellem Wachstum ein alterndes Ehepaar umschlingt und erwürgt. Auch hier  das Bild des zur Pflanze werdenden Menschen, des von der Pflanze verschlungenen Menschen. Die Figuren der Geschichte sind auf schicksalhafte und unlösbare Art miteinander verbunden. Die Geschichte liest sich nicht ganz so flüssig, aber das mag daran liegen, dass – obwohl die gleiche Sprache – das Schweizerische Ausdrücke kennt, die dem Deutschland-Deutschen fremd sind.

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Die schaurig-spannenden Erzählungen in Alexandra Lavizzaris „Flucht aus dem Irisgarten“ haben mich nicht losgelassen, bis ich das Buch ausgelesen hatte. Der Versuch, es aus der Hand zu legen, scheiterte, aber als ich schliesslich doch die letzte Zeile gelesen hatte, war mir, als stünde da: „Ich bin das Meer“. (Karin Afshar)

In „Spiegelspiel“ geht es um einen Schlüssel, von dem der Leser bald ahnt, dass er zum Zimmer des jüngeren Sohnes gehört, der acht Jahre zuvor Selbstmord begangen hat. Schlüssel wie auch Spiegel – Allegorien.
In den Metaphern und Allegorien schimmert Lavizzaris „persische Geschichte“ durch. Sie hat Übersetzungen aus dem Persischen (Warqa und Gulschah von Ayyuqi, literarische Übersetzung aus dem Persischen, 1992) veröffentlicht und sich als Ethnologin und Islamwissenschaftlerin ganz gewiss mit den Metaphern sowohl des Koran, als auch der persischen Lyrik und Mystik auseinandergesetzt.

Schaurig-spannende Erzählungen

Beim Lesen legt sich bald eine melancholische Stimmung aufs Gemüt, denn fast alle Schicksale münden in Tragödien, oder bleiben zumindest offen, was nicht unbedingt Raum für Hoffnung lässt. „Cristallina“ – letzte Erzählung des Bandes – lässt hingegen nichts offen. Ein Mann, der über eine vor 28 Jahren verschwundene Dichterin seine Dissertation geschrieben hat, kommt in das Bergdorf, in dem man die Verstorbene zuletzt gesehen hat. Er recherchiert vorsichtig, unaufdringlich, aber doch deutlich. Und die behinderte Tochter des Herbergspaares, das nicht unverdächtig ist, hilft ihm, ohne zunächst zu ahnen, dass beide dengleichen Menschen meinen. In seinem Ehrgeiz, mehr Informationen zu bekommen, legt der Fremde einen Köder aus, mit dem nun endgültig die die Beteiligten überfordernde Vergangenheit ans Licht kommt. Enden kann dies nur auf eine einzige Weise. Der Kristall ist ein periodisch geordnetes System mit Gitterstruktur – und: Leben heisst Strukturen wandeln, Sterben heisst, sich nicht mehr zu verändern.

Die schaurig-spannenden Erzählungen haben mich nicht losgelassen, bis ich das Buch ausgelesen hatte. Der Versuch, es aus der Hand zu legen, scheiterte, aber als ich schliesslich doch die letzte Zeile gelesen hatte, war mir, als stünde da: „Ich bin das Meer“. ♦

Alexandra Lavizzari, Flucht aus dem Irisgarten, Erzählungen, 180 Seiten, Zytglogge-Verlag, ISBN 978-3-7296-0802-3

Lesen Sie im Glarean Magazin aus dem Zytglogge Verlag auch über den
Roman von Therese Bichsel: grossfürstin Anna

Karin Afshar: Der Verlust der Herkunft (Sprache)

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Der Verlust der Herkunft

von Karin Afshar

Davon, was Sprache ist, warum die Menschen die Fähigkeit zu sprechen haben und was sie mit dieser anstellen, gibt es unzählige Bücher. Deshalb ist es von mir recht vermessen, in einem kleinen Essay skizzieren zu wollen, warum Sprachen untergehen, und wie sich dies und mit welchen Konsequenzen vollzieht.
Der Auslöser für dieses Unterfangen war die Beobachtung, dass Menschen um mich herum mehr als sorglos mit ihrer Sprache umgehen. Es ist selten der Fall, dass schon vor dem Schreiben eines Artikels der Titel feststeht. Ich schrieb ihn tatsächlich gleich so, wie er oben steht, auf.
Aber ich muss von vorne anfangen, bei zwei Männern, die in den 30er und 60er Jahren um Worte rangen, das Verhältnis des Menschen zu seiner Sprache aufzuzeichnen. Benjamin Lee Whorf und Edward Sapir waren nicht die ersten und nicht die letzten, die herausarbeiteten und beschrieben, dass das linguistische System (und mit ihm die Struktur, die Grammatik) jeder Sprache nicht nur ein reproduktives Instrument zum Ausdruck von Gedanken ist, sondern vielmehr selbst die Gedanken formt.

Sprache als Synthese der Vorstellungen

Welche Sprache Menschen auch sprechen – jede ist Schema und Anleitung für die geistige Aktivität des Individuums, für die Analyse seiner Eindrücke und für die Synthese dessen, was ihm an Vorstellungen zur Verfügung steht. Die Formulierung von Gedanken ist kein unabhängiger Vorgang, sondern er ist von der jeweiligen Struktur beeinflusst. Der Vorgang des Ausdrückens von Gedanken ist daher für verschiedene Grammatiken als mehr oder weniger verschieden anzunehmen.

Das Denken ist nicht bloss abhängig von der Sprache überhaupt, sondern bis auf einen gewissen Grad, auch von jeder einzelnen bestimmten. (Wilhelm von Humboldt)

Als Sprachlehrerin, als die ich tätig bin, kann ich jeden Tag in meinem Unterricht beobachten, wie wirksam diese sprachliche Relativität ist. Wer Deutsch sprechen können will – und damit werden wir mit einer Sprache konkret -, muss Deutsch denken. Das bedeutet, dass er sich der Mittel, die das Deutsche zur Verfügung stellt, bedienen muss, um seine Gedanken oder Informationen so auszudrücken, dass er von anderen Deutsch-Sprechenden verstanden wird. Das gilt analog natürlich für jede Sprache, für Türkisch, Englisch, Japanisch, um nur drei Sprachen zu nennen. Kann der Sprecher dies nicht, findet der Angesprochene seine Welt nicht abgebildet. Wenn wir eine neue Sprache lernen, tun wir dies auf der Grundlage von bereits erworbenen Strukturen, die wir in den wenigsten Fällen hinterfragen, sondern eben einfach verwenden.
Grammatik – für viele Menschen mit unguten Erinnerungen behaftet – ist das System der Regelhaftigkeit einer Sprache. Regeln können in der einen so, in der anderen eben anders sein. Egal wie: beim Erlernen einer Sprache suchen wir nach Regeln bzw. immer wieder auftauchenden Mustern. Wenn wir sie entdecken, können wir sie anwenden, aber manchmal steht selbst dem noch etwas im Wege.

Grammatik ist nun nicht das einzige, was eine Sprache ausmacht – es geht auch um den Wortschatz, d.h. die Laute, die in einer bestimmten Abfolge artikuliert Ausdruck eines Inhalts sind, über den Übereinkunft besteht. Mehrere in bestimmter Reihenfolge geäusserte Laute erhalten eine Bedeutung, die ein Kenner derselben Laute versteht.

Sprache ist die Übereinkunft von Menschen und gewährleistet damit Kommunion.

Dinge, die in der Welt rund um eine (Sprach-)Gruppe herum vorkommen, wird diese alsbald benennen. Alles für den Alltag Relevante wird eine Bezeichnung bekommen. Jenes allerdings, was für den Alltag einer Sprachgemeinschaft – und von einer solchen sprechen wir hier –  nicht relevant ist, wird weder benannt noch überhaupt gesehen.

Sprache ist immerwährende Tätigkeit

Verschwinden Dinge des Alltags aus dem Blickfeld, verschwindet mit ihnen das alte Wort. Er- scheinen neue Gegenstände, auf welchem Wege auch immer, dann wird dafür ein neues Wort geschaffen. Sprache ist weder unveränderlich noch statisch, sie ist kein Werk, sondern eine immerwährende Tätigkeit.
Menschen begegnen Menschen, Sprachen begegnen sich in ihnen. Es kommt zum Austausch und zur Übernahme von Wörtern, auch wenn die „fremden“ Wörter dasselbe Ding bezeichnen.

Ergon ist die laut- und formbezogene Grammatik einschliesslich der Wortbildung, die als notwendiges Durchgangsstadium zu einer Energetischen Sprachauffassung angesehen werden kann.

In der deutschen Sprache gibt es eine Reihe neuer Wörter. Über die Flut der Anglizismen ist hinreichend geplärrt und es ist vor ihnen gewarnt worden. Die Anzahl nicht nur englischer Wörter in der Rahmensprache Deutsch nimmt stetig zu. Und die Übernahme von Wörtern hat natürlich eine Rückwirkung auf die Grammatik. Was für ein Prozess aber ist das, der immer tiefer in die Struktur des Deutschen eingreift?
Eine mir lieb gewordene Firma legte im letzten Monat ihren deutschen Namen ab und benennt sich nun Englisch. In der Computer-und in der Medienbranche tragen die technischen und medialen Errungenschaften englische Bezeichnungen. Berufsbezeichnungen (man schaue sich einmal die Stellenanzeigen an) und Studienabschlüsse sind angliziert. Versteht noch jemand, was damit eigentlich gemeint ist?
Nun gab es auch früher „Fremdwörter“; im Deutschen gibt es nicht wenige aus dem Französischen, aus dem Lateinischen, dem Griechischen – sie sind schon lange da und gehören „zu uns“. Ich persönlich stecke mein Geld ins Portemonnaie, sitze gerne auf der Couch, beim Arbeitsamt ziehe ich eine Nummer und bin total frustriert, wenn ich lange warten muss.

Das so englisch klingende Wort Mobbing gibt es im Englischen nicht, und schon mal gar nicht in der Bedeutung, die es im Deutschen hat. Fitness ein anderes Beispiel, Handy ein nächstes. Fussball wird bei der hiesigen WM zum public viewing-Ereignis.

Neben der Unsitte, englischklingende Wörter zu erschaffen – was beinahe schon wieder ulkig anmutet -, geschieht mit den und durch die nichtdeutschen Wörtern jedoch noch anderes. Wir haben es mit Bedeutungserweiterungen einerseits und mit Bedeutungsverengungen andererseits zu tun.
Die neuen Wörter – sofern es Substantive sind – benötigen im Deutschen einen Artikel. Die Artikelwörter sind das Trauma jedes Deutschlernenden, der aus einer Sprache kommt, in der es kein grammatisches Geschlecht gibt. Die Regelhaftigkeit erschliesst sich nur sehr schwer, da lernt man sie am besten gleich zusammen!
Welchen Artikel gibt man einem Fremdwort? Man hört die Mail und das Mail.  Es ist auf Deutsch „die Post“ – daraus folgt, dass die Tendenz zum femininen Artikel gross ist. Andererseits gilt: Fremdwörter sind grundsätzlich „das“: das Automobil, das Handy, das Mobile…

Das Englische als Lehrmittel für das Deutsche

Weiterhin brauchen die neuen Wörter eine Pluralform. Im Deutschen gibt es – gewachsen aus der Sprachgeschichte – 8 Pluralformgruppen. „Typisch“ für das Deutsche ist die Stammvokaländerung, die auch an anderen Stellen wirksam wird.
Die neuen Wörter bekommen überwiegend ein Plural-s, oder verbleiben in der Form des Singulars (der Computer, die Computer – immerhin in der Anwendung einer Regelmässigkeit).
Verben sind ein nächster fruchtbarer Boden. Sie tragen im Deutschen im Infinitiv ein -en. to load down wird zunächst zu to download, (ist es ein trennbares Verb?), dann zu downloaden. Wohl dem, der der englischen Schriftkonvention mächtig ist, und das Wort englisch aussprechen kann, wenn er es liest.
Bei richtiger englischer Aussprache bleiben die neuen Wörter Fremdkörper im Deutschen: die offenkundig andere Aussprache passt sich nur störrisch in die deutsche Sprachmelodie ein, und was für ein Spagat, wenn dann auch noch ein Perfekt gebildet werden muss: das habe ich gedownloaded/ downgeloaded.

Der Einbruch des Englischen in das Deutsche ist gleichsam elitär gegenüber dem, was in anderen Teilen der Republik vor sich geht. Die Kanaksprak, Identifikationsmedium einer neuen Kultur, ist alles andere als lustig – sie ist ein Symptom. Wofür, fragen Sie?
Die englische Sprache ist der unseren vorausgegangen, und an ihr können wir etwas lernen. Englisch diente und dient als lingua franca und wurde in die entferntesten Winkel der Welt, als der Handel und nicht nur der begann, getragen. Englisch wird von weit mehr Menschen gesprochen als tatsächlich englische Muttersprachler sind. Es ist die zweite Sprache vieler Menschen, die sie lernen, um sie zu benutzen.

Von der der Lingua franca zu den Kreolsprachen

Das Stichwort hier lautet: benutzen. Eine lingua franca ist eine Verkehrssprache, die auf einzelnen Gebieten den Menschen den Verkehr miteinander ermöglicht.
Im Laufe der Kontakte und der Durchmischung mit immer anderen Muttersprachen wurde Englisch pidginiziert. Hervorstechendstes Kennzeichen von Pidginsprachen ist, dass sie eine reduzierte Sprachform darstellen. Als nächste Ausprägung haben wir es mit einer Kreolisierung zu tun:
Kreolsprachen sind Sprachen, die aus mehreren Sprachen entstanden sind. Dabei geht ein Grossteil des Wortschatzes der neuen Sprache auf eine der beteiligten Kontaktsprachen zurück.

In manchen Fällen entwickelt sich eine Kreolsprache durch einen Prozess des Sprachausbaus zu einer Standardsprache. Im Unterschied zu den Pidgin-Sprachen sind Kreolsprachen sogar Muttersprachen.

Vor allem die Grammatik, aber auch das Lautsystem der neuen Sprachen sind von jenen der beteiligten Ausgangssprachen deutlich verschieden. Der Prozess dauert lange, und wir sprechen hier abstrakt von „Sprachen“. Was macht es aber mit den Sprechern?

Sprache ist Heimat

Bestandsaufnahme:
1. Neue, fremde Wörter und Begriffe werden nicht adäquat angewendet; 2. Die Wörter verändern die Strukur der Rahmensprache, nicht selten gehen Strukturelemente verloren; 3. Stehen bestimmte Strukturen nicht mehr zur Verfügung, wird nicht mehr in ihnen gedacht; 4. Was nicht gedacht werden kann, weil die Strukturen fehlen, bleibt ungesagt; 5. Der genaue Ausdruck geht verloren; 6. Man trifft sich im Unsagbaren.

Menschen, die eine Sprache nur als Ruine bewohnen, können auch nur ruinenhaft denken.

Und so gerät die Herkunft ins Wanken, wenn das Bewusstsein nicht nachkommt. Sprache ist – und war es immer – Heimat. Und wenn man seine Sprache verliert, verliert man die Heimat, und wenn man seine Heimat verliert, ist es um die Sprache hart bestellt.
Das hat übrigens nichts mit Denken in Nationalstaaten (deren Etablierung sogar nachgerade Sprachzugehörigkeiten ignoriert) oder Intoleranz zu tun, sondern ist die Frage eines Standortes. Nur wenn man den hat, kann man Schritte in das Andere, Fremde, Neue nehmen, und den Fremden für das Eigene, für ihn Neue begeistern. Gibt man seinen Standort auf, steht man im Nichts. ♦


Karin Afshar

Geb. 1958 in der Eifel/D, Studium der Sprachwissenschaft, Finn-Ugristik und Psychologie, Promotion, zahlreiche belletristische und fachwissenschaftliche Publikationen, lebt in Bornheim/D

Lesen Sie im Glarean Magazin auch den Essay von
Karin Afshar: Bildung und Schule

Hélène Cixous: Manhattan (Prosa)

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Vom Scheitern einer Besprechung und vom Herantasten an eine Vorgeschichte

von Karin Afshar

Als ich entschied, das Buch „Manhattan“ von Hélène Cixous zu besprechen, wusste ich nichts, aber auch gar nichts über die Autorin. Das ist nichts Neues, denn viele Autoren, deren Bücher ich bis jetzt besprochen habe, sind einer weiteren Leserschaft eher unbekannt. Dass ich diese Autorin aber hätte kennen können, wurde mir klar, als ich nachforschte – neugierig geworden, bevor ich das Buch in den Händen hielt: Cixous ist am 5. Juni 1937 in Oran (Algerien) geboren, sie ist Schriftstellerin, Philosophin, Universitätsprofessorin (Anglistik); lebt und arbeitet in Paris und Arcachon als Literaturwissenschaftlerin und Philosophin, vor allem aber als Roman- und Theaterautorin hat Hélène Cixous seit 1967 etwa 70 Bücher veröffentlicht.

Die Ursache des Schreibens, wo liegt sie?

 Hélène Cixous - Manhattan - Schreiben aus der Vorgeschichte - Passagen Verlag - Cover Glarean Magazin„Schreiben aus der Vorgeschichte“ heisst der Untertitel – was stelle ich mir darunter vor? Das Buch beginnt mich zu interessieren, denn seit geraumer Zeit sammle ich die Geschichte meiner Familie mütterlicher- wie auch väterlicherseits, und da kommt einiges zum Vorschein. Erzählungen aus der Zeit, bevor wir denken lernten, sind nicht zu unterschätzen. Sie können erklären, warum man selbst ist, wie man ist, mit allen Wunden und verqueren Mustern. Auf der Seite des Wiener Passagen Verlags, in dem die Übersetzung erschienen ist, lese ich dies:
„Die Ursache des Schreibens, wo liegt sie? Immer wieder warnt die Autorin ihre Leser (im Ankündigungstext des Verlages): „Ich werde dieses Buch nicht schreiben“, und doch bahnt sich das Buch Wege ans Licht der Seiten und umschreibt in bebenden Rucken und heftigen Erschütterungen die zertrümmernde Begegnung mit G.“

Radikal antitotalitär und dekonstruktiv

Hélène Cixous (geb. 1937)
Hélène Cixous (geb. 1937)

Das Buch ist noch nicht da, von Wien nach Frankfurt dauert es mit der Post etwas länger, und ich werde jetzt doch sehr neugierig. Die Qual des Schreibens –  oh ja, die kenne ich! Ob ich eine Seelenverwandte finde? Eine, mit der ich mich, ohne sie zu kennen, verstehe und die mir, ohne dass ich sie darum gebeten hätte, Impulse gibt? Währenddessen erlese ich über Cixous noch einiges mehr:
„Hélène Cixous‘ immer an der Matrix der französischen Sprache ausgerichtetes literarisches Werk bringt originelle und zugleich traditionsgesättigte Sprachkunstwerke hervor, deren Bezugspole die gesamte abendländische Literaturtradition in sich aufnehmen: Ihr experimenteller Schreibstil ist subjektivistisch, zuweilen changiert ihre Prosa in lyrische Passagen. Schreiben ist für Hélène Cixous weibliche Selbsterkundung und Selbstschaffung, dieser feministische Ansatz wurde von ihr insbesondere während ihrer akademischen Tätigkeit programmatisch entwickelt. Hélène Cixous schreibt radikal antitotalitär und prägt als dekonstruktive Sprachdenkerin (zusammen mit ihrem verstorbenen Freund Jacques Derrida) seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die poststrukturale Literatur und Philosophie.“ (Erwin Rauner über Cixous)

Zusammenfallen von Schreibpraxis mit der Sinnenfreude

Dekonstruktivismus-Begründer Jacques Derrida
Dekonstruktivismus-Begründer Jacques Derrida

Dekonstruktivismus – was war das noch gleich? Ich recherchiere auch dies und erinnere mich wieder: Es hat etwas mit der Auflösung der binären Opposition zu tun – also z.B. mit der Dualität von Mann und Frau oder dem dominanten Gesellschaftssystem und einem daneben existierenden, anders strukturierten System. Eine Frau, soll Cixous gesagt haben, schreibe deshalb nicht wie ein Mann, weil sie mit dem Körper spreche. Weil das Patriarchat immer geherrscht habe, habe die Frau keine eigene Sprache, und ihr Körper werde ihr einzig nutzbares Mittel. Schreibpraxis und Sinnenfreude fallen bei ihr zusammen – die weibliche Schreibpraxis ist irrational, nicht regelhaft und voller Zerstörung.

Das Buch ist endlich angekommen. Es hat einen schlichten grauen Einband, ist ein Paperback. Auch innen Schlichtheit, gedruckt auf gelblichem Papier, keine weiteren Angaben z.B. zu bereits im Verlag veröffentlichten anderen Büchern. Es erscheint völlig auf den Text konzentriert. Worum es geht?

„Die Liebe zu G. war nicht Liebe zu G., sondern in Wahrheit Liebe zur Literatur. Ja, dass es G. gar nicht gab, dass er Zitat, Abschrift, Imitation und Zusammenschnitt aus den berauschend berückendsten Werken der Weltliteratur war – hätte sie das ahnen können oder sollen, sie, die damals, 1965 in Amerika, glaubte, einen jungen Mann namens Gregor zu lieben? Und wer, wenn nicht die geheimen Andermächte der von ihr über alles geliebten Literatur hatte diesem G. die Schlüssel zu ihrem Wesen in die Hände gespielt: einen Namen zum Beispiel, der klanglich ihre geliebtesten Verstorbenen heraufbeschwor, oder einen leichten Husten und dann die Eingebung, ihr eine Lungenkrankheit vorzutäuschen mit einem Schreiben aus Kafkas Briefen an Milena?“ (Verlagsinfo).

Verworrenheit des Schreibstils

Die Verworrenheit, die die Protagonisten in Hélène Cixous‘ „Manhattan“ durchleben, spiegelt sich in einer Verworrenheit des Schreibstils, basierend auf den vielen literarischen Bezügen, wider – das Lesen ist anstrengend…

Gut, gehen wir’s an. Ich setze mich mit dem Buch auf den Balkon, mitten zwischen meine Brennesseln, die die schönsten im ganzen Innenhof sind, beginne zu lesen. Aber ich komme nicht weit. Wir – das Buch und ich – bekommen keine Verbindung. Die Sätze, die mir entgegenfallen, sind mir zu konstruiert nichtstrukturiert.  Die Art von Spiel mit der Sprache ist mir fremd, so fremd, dass es keinen Grund gibt, mich damit auseinanderzusetzen. Bevor ich an einen Punkt gelange, an dem die Geschichte vielleicht richtig anfängt, lege ich das Buch aus der Hand.
Dergleichen ist mir auch bei anderen Autoren passiert. Ich fand jene mit Abstand betrachtet allesamt zu subjektivistisch und zu sehr an Details orientiert, die einen wegführen von dem, was der Kern ist. Sie machen mich zu einer Voyeuristin: ich stehe staunend oder befremdet vor den Reflektionen der Protagonisten. Die Verworrenheit, die die Protagonisten durchleben, spiegelt sich in einer Verworrenheit des Schreibstils, basierend auf den vielen literarischen Bezügen, wider – das Lesen ist anstrengend. Natürlich habe ich mir meine Gedanken zu „Liebe“ und Emanzipation oder Feminismus gemacht, und seichte Literatur ist auch nicht, was ich suche.

Übersetzung als unmögliches Unterfangen

Im Dekonstruktivismus wird offensichtlich tatsächlich etwas „zerstört“, was mich wiederum verstört. Ich bin ja nun auch schon durch einige Wirrungen und Irrungen des Lebens gegangen und wenn ich einen Protagonisten auf seinem Schmerzensweg begleite, dann will ich nicht gleichzeitig Kalkül einer Konstruktion sein, auf deren Rücken eine Theorie ausgelebt wird. Dieses Empfinden habe ich bei vielen Erzählungen der sogenannten Moderne…

Erwähnen will ich noch, dass mir eine Übersetzung vorliegt. Es ist immer eine grosse Aufgabe, ein Original in eine andere Sprache zu übersetzen. Im Falle von Cixous würde ich sagen: es ist ein Unterfangen, das nahezu unmöglich ist. Man muss sie vermutlich im Original lesen, dies ganz unabhängig vom Vorgesagten und meinen Schwierigkeiten mit der „Moderne“.
Eins allerdings hat das Buch in mir geweckt: den Wunsch, nun doch die Geschichte zu schreiben, die von den Abgründen in einer Familie handelt. Mehr noch als Wunsch: ich bin herausgefordert. Aber keine Bange: ich werde mein Buch ebenso wenig schreiben, wie ich dieses vor mir liegende lesen werde. ♦

Hélène Cixous, Manhattan, Schreiben aus der Vorgeschichte, Hg: Peter Engelmann, Ü: Claudia Simma, 212 Seiten, Passagen Verlag, ISBN 9783851659269

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Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur

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Herta Müller: Niederungen

Shahriar Mandanipur: Iranische Liebes-Zensur (Roman)

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Was man sieht, ist nicht das, was es ist

von Karin Afshar

Sie wollen endlich einmal eine Liebesgeschichte von einem Iraner lesen, die gut ausgeht? Shariar Mandanipur verspricht Ihnen dies – in seinem neuesten Roman „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ – zumindest, und kündigt dann noch gleich in der Einleitung an, dass seine Heldin in wenigen Minuten sterben wird. Wie kann das eine glückliche Liebesgeschichte sein?
Aber wenn Sie an dieser Stelle angelangt sind, haben Sie nun schon einmal angefangen zu lesen und befinden sich bereits mitten in einem ausgelegten Netz, aus dem Sie nur herauskommen, wenn Sie weiterlesen – wenn überhaupt je wieder.

Einer der bekanntesten Autoren des Iran

Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren - Roman - Unionsverlag - RezensionShahriar Mandanipur ist 1957 in Schiras geboren; man ist sich überein, dass er nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch der modernste unter den iranischen Autoren ist. (Modern, werden Sie bald merken, geht dabei oft mit Schwerlesbarkeit einher.) Auf dem Klappentext lesen Sie, dass der Autor Politikwissenschaften studierte und im iranisch-irakischen Krieg, der vom September 1980 bis zum August 1988 dauerte, Soldat war. Für seine Werke bekam er zahlreiche Preise, darunter den Mehregan Award und den Golden Tablet Award. Wegen der Zensur konnte er zwischen 1992 und 1997 im Iran nichts veröffentlichen und verliess 2006 den Iran. Zur Zeit ist er Gastdozent in Harvard, in Cambridge lebend. Noch mehr Autobiografisches können Sie dem Buch entnehmen.
„Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ wurde aus dem Persischen von Sara Khalili ins Englische übersetzt. Autor und Übersetzerin haben gemeinsam daran gearbeitet, die subtile, manchmal heitere Doppelbödig- und stete Symbolhaftigkeit der persischen Sprache zu übertragen. Die deutsche Übersetzung von Ursula Ballin beruht auf der englischen. Sie werden sich trotzdem wünschen, Sie könnten gut genug Persisch, um das Original zu lesen!

Allerorten Anspielungen auf klassische persische und moderne Literatur

Shahriar Mandanipur - Glarean Magazin
Shahriar Mandanipur

Sie heisst Sara, und der junge Mann, um den es hier – Alter ego Mandanipurs? – geht, Dara. Das ist eine geniale Namenwahl. Wenn Sie Iraner kennen, fragen Sie sie, was es damit auf sich hat. Anspielungen, Hinweise – intertextuelle Bezüge auf klassische persische wie auch klassische und moderne westliche Literatur, auf Filme, auf Geschehnisse  – finden sich allerorten. Dem Zensor, der „mit viel Einfühlungsvermögen seine Arbeit machen muss, um unmoralische Schriftsteller, welche die iranische Jugend zu verderben drohen, zu entlarven“, hat Mandanipur den Namen Porfirij Petrowitsch gegeben. Was – Sie kennen ihn nicht? Und ausgerechnet in Sadegh Hedayats Roman „Die blinde Eule“ findet Sara den ersten Liebesbrief von Dara.
Sie bedienen sich Saint-Exupérys „Kleinen Prinzen“ ebenso wie Garcia Lorcas. Dara markiert Buchstaben mit Punkten, aus denen Sara nun Briefe dechiffriert. So kommunizieren sie eine Weile, ohne dass sie sich kennen, und so beginnt ihre Liebesgeschichte.

Geschichte in der Geschichte

Shahriar Mandanipur ist ein gewiefter Ich-Erzähler, der Sie an der Entwicklung der Geschichte und an seinen Gedanken zu deren Konstruktion teilhaben lässt, eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte erzählend. Sie erfahren viel über das tägliche Leben der Menschen, ihre Nöte und ihren erfindungsreichen Umgang mit auftretenden Problemen, über Reaktionen auf politische Ereignisse und deren Hintergründe.
Um es gleich vorweg zu nehmen: der Ton ist locker, luftig, respektlos, wie ihn nur Menschen haben können, die vor nicht mehr viel Angst haben. Doch was einfach aussieht, ist nicht selten das Ergebnis durchlebten Leids. Auf den ersten Seiten werden Sie öfter herzhaft lachen. Hier bekommen die Iraner ebenso wie die Amerikaner (in Geographie nicht so gut bewandert) ihr Fett weg. Doch täuschen Sie sich nicht: das Buch ist weder eine Liebesgeschichte noch eine belanglose, zufällige Aneinanderreihung beiläufig geschilderter Ereignisse und Hinweise.

„Der Zensor sitzt bereits im Kopf des Autors, und was dann folgt, ist der Parcours durch eine Welt, in der man nicht glauben darf, was man sieht und liest und nicht sehen darf, was ist, und in der der Spagat zwischen Innen und Aussen schier schizophren macht.“

Mandanipur hat 320 Seiten mit Buchstaben gefüllt, die eigentliche Geschichte aber steht zwischen den Zeilen. Es geht eben um Zensur, und Sie werden am Ende des Buches eine Ahnung davon haben, wie Sie werden – sollten Sie jemals unter eine Diktatur geraten – zu schreiben haben.

Widersprüche im Buch und in der persischen Seele

Widersprüche durchziehen das Buch, wie sie die persische Seele durchziehen. Das macht ihre Anziehungskraft aus, auch wenn sie Leid bedeuten. Denn Leid gehört zum Leben, und dass es nicht immer verbittert geschildert werden muss oder nihilistisch (was aufs Gleiche hinauskommen könnte), zeigt Mandanipur. Sprachverliebt und sprachgewaltig ist er. Es sind nicht nur die vielen Bezüge und die Verschachtelungen, die Ihnen das Lesen schwer machen könnten, sondern auch die Kaskaden von Sätzen und Bildern. Orientierung wird Ihnen durch das Schriftbild zuteil: es gibt fett gedruckte Textstellen, normal gedruckte und durchgestrichene. Setzen Sie sich nicht gleich hin und schreiben einen Brief an den Verlag, weil das Buch suggeriert, es sei zensiert und dann irrtümlicherweise doch mit den zensierten Passagen abgedruckt worden.

Zensor im Kopf des Autors

Der Zensor allerdings sitzt bereits im Kopf des Autors, und was dann folgt, ist der Parcours durch eine Welt, in der man nicht glauben darf, was man sieht und liest und nicht sehen darf, was ist, und in der der Spagat zwischen Innen und Aussen schier schizophren macht.

Wenn Sie von der Kultur Persiens – das es ja nicht mehr in dieser Form und mit dieser Bezeichnung gibt – fasziniert sind und den Menschen, die auf dem Staatsgebiet des heutigen Iran leben, nahe stehen, werden Sie kennen und bestätigen, was Mandanipur schreibt. Wenn Sie das alles erst kennenlernen und verstehen wollen, haben Sie eine grosse Aufgabe vor sich. Es ist eine Geschichte der Menschheit, von Menschlichkeit und Unmenschlichkeit. ♦

Shahriar Mandanipur (Übersetzung: U. Ballin), Eine iranische Liebesgeschichte zensieren, Roman, Unionsverlag, 320 Seiten, ISBN 3-293-00415-6

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