Alan Schweingruber: Simona (Roman)

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Sommerliebe à la France

von Günter Nawe

Simona, Titelheldin des gleichnamigen Debütromans von Alan Schweingruber, flieht aus ihrer Schweizer Ehe in die Arme des Barmanns Antoine an der Côte d’Azur. Beide Protagonisten tragen eine gehöriges Päckchen von Verletzlichkeit mit sich: Ehekrisen, wechselnde Männerbekanntschaften, der Tod der geliebten Frau Claire. Zwei „Unbehauste“. Simona ist der Enge ihrer Familie und dem Alltag entflohen, Antoine versucht sich in Trauerarbeit. Der Weg zueinander in der flirrenden Sommerhitze Südfrankreichs jedoch führt erst über eine Reihe von Umwegen. Und Glück und Unglück liegen nahe beieinander.

Alan Schweingruber - Simona - Roman-Rezension im Glarean MagazinBeide sind auf ihre Art Teil einer Gesellschaft von Mittdreissigern, die sich selbst ein Rätsel bleiben – auch wenn sie versuchen, dieses Rätsel durch Alkohol, Sex und Drogen – jeder für sich – zu lösen. Es sind die fatalen Abgründe unserer Zeit, die sich hier manifestieren bis hin zum Terroranschlag in Nizza im Juli 2016, der im Hintergrund dieses kleinen Liebesromans eine Rolle spielt. So hat dieser Roman Simona auch eine gesellschaftskritische Dimension.
Hinter dieser Geschichte verbirgt sich die Intension des Alan Schweingruber, der zeigen will, dass es ein Glück ist zu lieben – selbst wenn alles schiefläuft. Wie im Leben von Simona. Und dass dieses Glück nicht geplant, nicht vorhersehbar ist, sondern ein Produkt des Zufalls.

Unterschiedlich gelungene Buchkapitel

FAZIT: Alan Schweingruber, Schweizer Journalist und jetzt auch Autor eines literarischen Werks, lädt mit „Simona“ den Leser ein, eine Sommerliebe in Südfrankreich mitzuerleben. „Simona“ ist sein erster Roman, in dem er von Glück und Unglück erzählt und von der Liebe und ihren Unwägbarkeiten in einem gesellschaftskritischen Kontext. Eine spannende Sommergeschichte mit kleinen Mängeln, was die literarische Umsetzung betrifft, aber spannend und von gewisser Nachhaltigkeit.

Alan Schweingruber, Jahrgang 1972, lebt in Kilchberg bei Zürich. Er arbeitet als Journalist für verschiedene Medien. Mit seinem Romandebüt stellt er schon einmal hohe Anforderungen an sich selbst. „Es war mir von Anfang an wichtig, dass jedes Kapitel in meinem Buch spannend und unterhaltsam ist“, so die Selbstauskunft des Autors. Das allerdings ist ihm nicht immer gelungen. Manchmal erschliessen sich die Zusammenhänge nicht, wenn einzelne Episoden mehr oder wenig zufällig aufeinanderfolgen, wenn Traum und Realität, wenn Ort und Zeit oft nicht voneinander zu unterscheiden sind.
Dennoch eine spannende Sommergeschichte – unterhaltsam und von gewisser Nachhaltigkeit. Wie gesagt: ein Romandebüt. Und es dürfte deshalb interessant sein, was wir von Alan Schweingruber künftig an Literatur erwarten können. ♦

Alan Schweingruber: Simona – Roman, 218 Seiten, Verlag weissbooks, ISBN 978-3-86337-170-8

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Michael Hofmeister: Alexander Ritter (Musiker-Biographie)

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Wundervolle Geschichte zwischen uns allen

von Günter Nawe

Kennen Sie den Komponisten Alexander Ritter? Wenn nein, dann können Sie diesen nicht unbedeutenden Komponisten jetzt kennen lernen. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst von Michael Hofmeister, der sein Dissertationsthema diesem Musiker zwischen Richard Wagner und Richard Strauss gewidmet hat.

Michael Hofmeister Alexander Ritter – Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss - Rezension Glarean MagazinAlexander Ritter, 1833 in Narva geboren, 1896 in München gestorben, hat in Dresden schon sehr früh Richard Wagner kennen gelernt, stand später mit ihm im regen Briefkontakt. Er studierte in Leipzig Violine bei Ferdinand David, lernte bereits 1844 Franz Liszt kennen. Ritter gehörte zum Kreis von Peter Cornelius und Joachim Raff; er war Violinist in der Weimarer Hofkapelle. 1854 heiratete er Franziska Wagner, eine Nichte von Richard Wagner. Nach Engagements als Geiger und Dirigent in Stettin, Würzburg und Chemnitz wurde er 1882 unter Hans von Bülow Konzertmeister an der Meininger Hofkapelle. In Meiningen lernte er auch Richard Strauss kennen, der später in seinen Erinnerungen schreiben sollte, dass Ritter „entscheidenden Ausschlag für meine zukünftige Entwicklung“ haben sollte. 1886 finden wir Alexander Ritter in München, wie er sich um die Förderung junger Komponisten kümmerte.

Illustrer Komponisten-Freundeskreis

Michael Hofmeister widmet sich in seiner Dissertation, die nun als Buch unter dem Titel „Alexander Ritter – Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss“ (erschienen als „Wagner Kontexte“ Band 1 im Tectum Verlag) nicht nur ausführlich der Biographie des Komponisten. Er geht auch ebenso ausführlich auf die Beziehungen Ritters u. a. zu Richard Wagner ein.

Alexander Ritter (4. von rechts) im Freundeskreis seines Vorbildes Richard Wagner: u.a. Hans von Bülow, Friedrich Uhl, Richard Pohl, H. v. Rosti, A. de Gasperini, Adolf Jensen, Felix Draeseke, Leopold Damrosch, Heinrich Porges, Michael Moszonyi
Alexander Ritter (4. von rechts) im Freundeskreis seines Vorbildes Richard Wagner: u.a. Hans von Bülow, Friedrich Uhl, Richard Pohl, H. v. Rosti, A. de Gasperini, Adolf Jensen, Felix Draeseke, Leopold Damrosch, Heinrich Porges, Michael Moszonyi

In einem kleinen Exkurs „Eine wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ beschreibt Hofmeister zum Beispiel die Beziehungen zwischen dem Exilanten Wagner und der Familie Ritter. Später wird er auch auf die engen Beziehungen zu Richard Strauss eingehen. Beziehungen, die nicht immer von Dauer sind. So wird sich Richard Strauss später von Ritter abwenden. Es wird „alte und neu Freunde“ im Leben des Alexander Ritter geben: Hans von Bülow und Peter Cornelius, Hermann Levi, Clara und Robert Schumann.

Ein Leben zwischen Erfolg und Resignation

Es war ein Leben zwischen Erfolg, Scheitern und Resignation, das uns Michael Hofmeister in seiner grossartigen Studie nahe bringt. Er schliesst eine Lücke in der Wagner- und Strauss-Forschung, indem er sich diesem Komponisten widmet, der als sich als Verfechter einer neudeutschen Musikrichtung zeigte. Womit wir beim Werk wären, das Hofmeister ausführlich beschreibt und deutet. Interessant ist dies um so mehr – und damit ein besonderes Verdienst dieser Dissertation – als wir sein Werk leider nicht hören können. Zitat Herbert Rosendorfer: „Die Qualität Ritterscher Werke kann heute nicht beurteilt werden, weil sie nie zu hören sind“. Es gibt keine Tonträger mit Kompositionen von Ritter. In Parenthese: Vielleicht findet sich aber jetzt ein Label, das sich des Werks dieses interessanten Komponisten annimmt.

Ritters musikgeschichtliche Stellung ergibt sich durch die Einflüsse von Wagner und Liszt auf seine Werke. Dazu Hofmeister: „Aus seinen Werken sprechen eine Ernsthaftigkeit und ein Gestaltungsdrang, mit denen er um eigenständige Lösungen ringt – und seien es eigenständige Formen der Adaption […] Klug suchte und schuf er sich daher bewältigbare Formen und fand etwa im Lied eine angemessene Ausdrucksmöglichkeit.“

FAZIT: Der Komponist Alexander Ritter – eine Entdeckung. Nicht nur gehört er als Person und Musiker in die Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts. Er ist auch als Komponist zwischen Richard Wagner und Richard Strauss wahrzunehmen. Michael Hofmeisters opulentes Werk, seine Auswertung aller verfügbaren Quellen ermöglicht interessante Einblicke in ein völlig vergessenes Werk.

Entdeckungswürdiger Komponist

Es sind weitestgehend Klavierlieder, die Alexander Ritter komponierte – auf Texte von Heinrich Heine, Nikolaus Lenau, Joseph von Eichendorff und andere. Es gibt zwei Opern-Einakter von ihm: „Der faule Hanns“ (1878 nach einer Erzählung von Felix Dahn) und „Wem die Krone (1889). Und es gibt eine Reihe von Chorwerken und solistischen Vokalwerken. Michael Hofmeister liefert dazu ausreichend Material und Notenbeispiele. Auch zu den Orchesterwerken wie „Erotische Legende“ für grosses Orchester oder „Charfreitag und Frohnleichnam“ (Zwei Orchesterstücke für grosses Orchester). Werke, die noch ganz in der Tradition verwurzelt sind und sich doch nach und nach zur modernen sinfonischen Dichtung entwickelten.
So ist diese Dissertation, diese dickleibige Monographie des Michael Hofmeister ein durchwegs interessantes, zudem gut lesbares Buch. Und die Hauptfigur Alexander Ritter in der Tat eine Entdeckung. ♦

Michael Hofmeister: Alexander Ritter – Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss, 806 Seiten, Tectum Verlag, ISBN 978-3-82884138-3

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Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip (Roman)

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Ein feministisches Erweckungserlebnis

von Günter Nawe

Wer glaubt, nach der Lektüre dieses Buches zu wissen, was das „weibliche Prinzip“ sei: Fehlanzeige. Vielleicht gilt das aber nur für Männer, die den neuen Roman von Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip gelesen haben. Frauen wissen darüber sicher mehr.

Meg Wolitzer - Das weibliche Prinzip - Roman - Rezension im Glarean MagazinMeg Wolitzer weiss darüber auf jeden Fall eine ganze Menge. Als die berühmte amerikanische Autorin – sie hat unter anderem den grossartigen Roman Die Interessanten geschrieben, für den sie als „one of America’s most ingenious and important writers“ bezeichnet wurde – einmal gefragt wurde, worüber sie schreibe, lautete die Antwort: „von Ehe, Familien, Sex, Begehren, Eltern und Kindern“. Und über den Feminismus. Er ist die Blaupause für die Geschichte, besser: die Geschichten, die Meg Wolitzer in Das weibliche Prinzip erzählt.
Wolitzer erzählt also die Geschichte des Feminismus – allerdings in Form einer Rückblende, was darauf schliessen lässt, dass trotz augenblicklicher #MeToo-Debatten und des Trump’schen Machismo der Feminismus – der Roman endet im Jahre 2019 – erst einmal Geschichte zu sein scheint. Wie Feminismus allerdings geht, besser: wie er ging – Meg Wolitzer versucht es in ihrem dickleibigen Roman ausführlich zu beschreiben.

Klassische weibliche Entwicklungsgeschichte

Es ist ein fast klassische Entwicklungsgeschichte, die die junge Greer Kadetzky durchmacht. Als blausträhnige Studentin wird Greer von einem Kommilitonen blöd angemacht, indem er sie unerwartet an die Brust fast und sie auch noch, als sie sich dagegen wehrt, beschimpft: „Hier fickt dich keiner ausser mir, Blausträhnchen. Und wenn, nur aus Mitleid.“ Ein feministisches Erweckungserlebnis, das ihren weiteren Lebensweg massgeblich bestimmen wird.
Greer wird zur Feministin, zur Aktivistin unter Anleitung der älteren Faith Frank, einer Ikone des Feminismus, deren Buch Das weibliche Prinzip als eine Art Manifest gilt. Sie bringt sich in eine von Faith Frank gegründete Organisation ein, die sich ganz der Sache der Frauen widmet – in Form von Events, Vorträgen und Diskussionsrunden und von Fall zu Fall auch direkter Hilfe. Schnell wird Greer sozusagen zur rechten Hand der grossen Faith.

Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY) - Glarean Magazin
Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY)

Zu diesem engagierten Leben, das sich als eine Art Selbsterfahrungsprozess darstellt, zu diesem „Kampf“ für die Rechte der Frauen gehört auch das Leben mit ihrem Freund, mit dem sie partnerschaftlich-befriedigenden Sex hat; eine gute Freundin, die ihre Freundin trotz einer grossen Enttäuschung bleiben wird; zu diesem Leben gehört die Mutter, mit der sich irgendwann aussöhnen wird. Und natürlich ihre Mentorin, der sie treu ergeben ist. Soweit, so gut!
Faith Frank ist auf dem Höhepunkt ihrer feministischen Karriere. Ihr Buch hat Furore gemacht. Mit einer gross angelegten Stiftung will sie ihrer Arbeit die Krone aufsetzen. Dass sie sich dazu des Einflusses und des Geldes eines schwerreichen Mannes, mit dem sie einst einen One-Night-Stand hatte, bedient, macht sie allerdings angreifbar und korrumpierbar.

Wie Feminismus (nicht) geht

FAZIT: Die renommierte amerikanische Autorin Meg Wolitzer schwimmt mit ihrem Roman Das weibliche Prinzip etwas auf der Welle von #Me Too – und erzählt in einem gross angelegten Gesellschaftsplot die Geschichte des Feminismus. Mit den beiden Protagonistinnen Greer und Faith hat sie zwei eindringlichen Figuren geschaffen, die doch sehr unterschiedliche Facetten des Feminismus vertreten. Am Ende bleibt allerdings offen, was das weibliche Prinzip ist. Vor allem, wenn sich herausstellt dass Feminismus wie Machotum nach den gleichen Spielregeln geschieht – auf der Suche nach Macht und Erfolg. Männer und Frauen werden den Roman aus unterschiedlicher Perspektive lesen. Und das ist es, was diesen Roman so spannend und interessant macht.

Meg Wolitzer erzählt die beiden sehr unterschiedlichen Lebensentwürfe in einer Art und Weise, die wir es aus vielen amerikanischen Romanen grosser Autoren kennen, sozusagen als Great America Novel. Und sie macht es brillant, auch wenn sie oft weitschweifig wird, Umwege geht. Es gibt Szenen, die sich nur schwer in das Gesamtgefüge des Narrativen einordnen lassen, und Figuren, die plötzlich verschwinden, ohne dass ihre Bedeutung für die Geschichte erkennbar wird.
Schaut man hinter die Kulisse des zugegebenermassen süffig zu lesenden Romans, stellt man fest: Das weibliche Prinzip ist – wie jedes männliche Prinzip – Macht. Die Art und Weisen, wie zur Macht zu kommen, sind sich mehr als ähnlich. Dabei ist es absolut irrelevant, ob Frauen auf andere Weise Macht zu erreichen versuchen als Männer. Das gilt auch für die Sucht nach Erfolg. Feminismus bedeutet also, dass Frauen „ein faires und gutes Leben“ (Meg Wolitzer) wollen – wie immer es letztlich auch aussehen mag.
Und weil dem so ist, können wir herauslesen, dass Feminismus eigentlich nicht geht. Vielleicht ist das nur der männliche Blick, und Frauen mögen das anders sehen. Aber genau das ist das Schöne an diesem Roman. – diese verschiedenen Sichtweisen, die er zulässt. Und vielleicht ist das Ende des hier beschriebenen Feminismus der Beginn einer neuen Welle. ♦

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip – Roman, 495 Seiten, DuMont Verlag, ISBN 978-3-8321-9898-5

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… sowie über die Novelle von Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten (Roman)

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Ein Leben ohne Gedächtnis

von Günter Nawe

Vor wenigen Wochen ist sie 80 Jahre alt geworden: Joyce Carol Oates, amerikanische Schriftstellerin von Rang, Autorin grosser und bedeutender Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten. Mehrfach würde sie bereits für den Literaturnobelpreis nominiert.

Joyce Carol Oates Der Mann ohne Schatten Roman-Literatur-Rezension Glarean Magazin„Die Liste meiner Bücher ist überwältigend“, hat sie einmal gesagt. Und in der Tat, vor dem Leser liegt ein Lebenswerk. Als wäre das nun mit 80 immer noch nicht genug, legt die Autorin ein neues Buch vor. Und nicht nur das: Joyce Carol Oates hat – wie schon so häufig – für ihren Roman „Der Mann ohne Schatten“ einen ungewöhnlichen Stoff gewählt und daraus eines der aufregendsten Bücher der Saison geschrieben.

Neurowissenschaft im Roman

Protagonist dieses Romans ist Elihu Hoppes, ein renommierter Wirtschaftsprofi, der im Alter von 37 Jahren sein Gedächtnis verliert. Die medizinische, die neurologische Diagnose: „Während er allein auf einer Insel im Lake George, New York, zeltete, infiziert er sich mit eine besonderen virulenten Form der Herpes-simplex-Enzephalitis, die sich in der Regel als Fieberbläschen auf einer Lippe manifestiert und innerhalb weniger Tage wieder vergeht; in seinem Fall wanderte die Virusinfektion durch den Sehnerv bis ins Gehirn, wo sie ein protrahiertes hohes Fieber auslöste, das sein Erinnerungsvermögen schädigte.“ –
Der Leser wird sehr viele Passagen dieser Art lesen, mit denen wissenschaftlich untermauert, die seltene Erkrankung des Patienten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen verdeutlicht werden. Diese Passagen sind wesentlicher Bestandteil dieses Romans, ohne dass die Lesbarkeit leidet.

Ein Erinnerungsvermögen von 70 Sekunden

Zurück zum Geschehen. Elihu Hoppes ist seither ein Fall für die Neurowissenschaft. Erinnert er sich noch an das eine und andere vor der Erkrankung, ist er ,obwohl mittlerweile um einiges älter, auf dem Niveau des Siebenunddreissigjährigen geblieben. Und dessen Erinnerungsvermögen aktuell genau 70 Sekunden beträgt.

FAZIT: Erinnerung für 70 Sekunden – und ein Fall für die Wissenschaft. Die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates hat mit „Der Mann ohne Schatten“ einen überzeugenden Roman geschrieben – einen Roman auch über einen Gedächtnisverlust und eine unmögliche Liebe, über den Widerstreit von Gefühl und Verantwortung, über Einsamkeit und Nähe. Thematisch wie sprachlich gelungen.

Ein Fall, mit dem sich die renommierte Neurowissenschaftlerin Margot Sharpe intensiv beschäftigt. Über Jahre hinweg beobachtet sie den Probanden, unterzieht ihn verschiedenen Tests, veranlasst laufende Untersuchungen, um hinter das Geheimnis des Gedächtnisverlustes zu kommen. Ihn, „der in ewiger Gegenwart gefangen“ ist. „Wie jemand, der im Halbdunkel der Wälder im Kreis herumläuft – ein Mann ohne Schatten“. Elihu vergisst immer sehr schnell, wer er ist. Auf einen Nenner gebracht: Elihu Hoppes führt ein Leben ohne Gedächtnis. Ein Leben, das auch bestimmt wird durch ein Erlebnis in früher Kindheit, bei dem es um die Ermordung seiner elfjährigen Cousine geht. Es begleitet ihn fragmentarisch auch in der Zeit nach dem Gedächtnisverlust und wirkt wie eine Art Fluch.

Wechselnde Erzählperspektiven

Joyce Carol Oates - Glarean Magazin
Joyce Carol Oates

Dann aber passiert etwas, was nicht sein darf – und Margot Sharp weiss das: Zwischen der Wissenschaftlerin und dem Patienten entwickelt sich eine Beziehung. Käme das heraus, wäre ihr Ruf ruiniert. Dennoch: Sie „lebt“ mit ihrem Probanden über dreissig Jahre sozusagen als Geliebte, gaukelt ihm vor, sie wäre seine Frau. Die Frau eines Mannes, der trotz seines Gedächtnisverlustes attraktiv und vital ist, Tennis spielt und auch sexuell aktiv ist. Eine unmögliche Beziehung also. Margot ist sich der Problematik ihrer Beziehung bewusst, kann aber von ihr zunehmend weniger lassen und gerät auf diese Weise immer stärker in Gewissensnöte bis hin zu einer veritablen Lebenskrise.
Immer wieder ändert Joyce Carol Oates die Erzählperspektive und schafft so, nicht zuletzt durch eine eingebaute Krimistory, Spannung. Mal erzählt Hoppes, mal Margot, dann wieder Dritte. Auf diese Weise gelingt des der Autorin, ein heikles, wissenschaftlich grundiertes Thema lesergerecht aufzubereiten. Sie tut es in diesem Roman über die Liebe, die Erinnerung, über die Einsamkeit und Nähe mit grossem Einfühlungsvermögen in die Psyche ihrer Figuren.

Authentizität durch Realität

Der Mann ohne Gedächtnis ist ein Roman. Dass ihm ein tatsächlicher Fall zugrunde liegt, erhöht die Authentizität der meisterhaften Schilderung der Autorin, die auch gekonnt auf der komplexen Klaviatur von Psychologie und Neurologie spielt. Joyce Carol Oates: „Ich wollte einen Roman schreiben über eine sehr intensive Beziehung zwischen einer weiblichen Wissenschaftlerin und ihrem männlichen Forschungsobjekt“ und „Darüber, wie ihre intensive Freundschaft zu einer erotischen und gleichzeitig zutiefst emotionalen Beziehung wird.“ – Das ist ihr überzeugend sowohl von der Thematik her als auch sprachlich gelungen. ♦

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten (Roman), 378 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-397276-4

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Philip Teir: So also endet die Welt (Roman)

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Ein Urlaub am Meer

von Günter Nawe

Ein Urlaub am Meer, in der Einsamkeit Finnlands. Ein altes, schon etwas verfallenes Ferienhaus. Diese Landschaft, dieses Haus wird im Roman von Philip Teir: So also endet die Welt zum Kristallisationspunkt einer dramatischen Familiengeschichte – eher noch: von vier sehr unterschiedlichen Beziehungsgeschichten.

Philip Teir - So also endet die Welt - Roman - Blessing Verlag - CoverEine ganz normale Familie zieht in dieses Ferienhaus: Julia, mittelmässig erfolgreiche Schriftstellerin, leidet unter einer Schreibblockade, mehr aber noch unter ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau. Ihr Mann Erik allerdings „konnte nicht wissen, wie es war, sie zu sein. Zu fühlen, wie sie. Er konnte ihr die Einsamkeit nicht nehmen.“ Genauso wenig wie Julia sich in die seelische Verfassung ihres Mannes versetzen kann. Erik, gerade entlassen und nun arbeitslos, verschweigt den Rauswurf aus seiner Firma, ist aber auch nur bedingt bereit, sich um einen neuen Job zu bemühen. Stattdessen trinkt er und versucht so, seine Frustration und Depressionen und nicht zuletzt seine Einsamkeit zu bekämpfen.
Längst versuchen auch die beiden Kinder Alice und Anton, sich dieser bedrückenden Atmosphäre zu entziehen. Sie gehen eigene Wege. Anton ist ein stiller, aber sehr genauer Beobachter des Dramas, das sich um ihn herum abspielt. Und Alice findet in Leo einen Partner für die junge Liebe und einen verlässlichen Freund.

Nicht belastbare Lebensentwürfe

Philip Teir: So also endet die Welt - Portrait Glarean Magazin
Philip Teir (Geb. 1980)

Philip Teir hat eine Familiengeschichte geschrieben, in der sich die Lebensentwürfe seiner Protagonisten als nicht belastbar erweisen, Verwerfungen entstehen und gesellschaftliche Normen nicht mehr gelten. Auch weil die Gesellschaft nicht mehr das ist, was sie einmal war.
So werden die Geschichten von Philip Teir zu einem Spiegelbild der Gesellschaft. Vor allem auch in den Beziehungsgeschichten der anderen Menschen, die sich in der Einsamkeit der finnischen Landschaft finden. Und das in einer aufgeladenen Atmosphäre.

FAZIT: Philip Teir hat einen grossen, einen meisterlichen Roman geschrieben, eine Art Psychothriller über so ganz unterschiedliche Beziehungsgeschichten, die über das Persönliche hinaus ein Spiegelbild einer sich grundlegend verändernden Gesellschaft sind.

Roman-Stoff am Puls der Zeit

„So also endet die Welt“ legt einmal mehr – er hat bereits mit dem Roman „Winterkrieg“ 2014 ein grossartige Debut hingelegt – den Finger auf den Puls der Zeit, beweist ein Gespür für menschliche und zwischenmenschliche Gefühlslagen. Immer auch im Kontext zu den gesellschaftlichen Veränderungen, die sich vor allem in einem zweiten Paar manifestieren.
Da sind Chris und Julias Jugendfreundin Marika. Auch deren Ehe leidet – in erster Linie unter dem Verhalten des sexsüchtigen Weltverbesserers und Umweltaktivisten Chris, dessen Credo es ist, „dass es keine Hoffnung gibt, dass uns nicht mehr retten kann“. Auch die Ehe von Chris und Marika nicht.
Teir beschreibt die Situation dieser beiden Paare mit psychologischer Grundierung. Wie mit einem Seziermesser und mit tiefen Gespür für die menschlichen Gefühlslagen legt Philip Teir die Schichten der seelischen Verletzungen offen. Und wie in einem Schachspiel setzt er seine Personen in Beziehungen zueinander. Er beschreibt ihre Sehnsüchte nach Sicherheit, nach Glück, nach Liebe und gleichzeitig ihre Verzweiflung. Ein meisterlicher Roman.
Eine Art Gegenpol bieten Eriks Bruder Anders, eine Art Aussteiger, der sich am Ende in dieser brüchigen, sich auflösenden Feriengesellschaft wiederfindet. Ein stiller, nachdenklicher Mensch. Er wird in der von Depressionen geplagten Therapeutin Katie eine verwandte Seele und endlich einen Halt finden.
Vier Paare in einem Sommerdrama in finnischer Einsamkeit. Über Erik schreibt Teir an einer Stelle „Es war so ein Tag, an dem er eine Wahrheit finden wollte. Gefunden hat er sie nicht“. Erik nicht und allen anderen Personen in diesem Drama nicht. Dennoch: Ganz ohne Hoffnung bleibt der Leser nicht zurück. ♦

Philip Teir: So also endet die Welt, Roman, 300 Seiten, Blessing Verlag, ISBN 978-3-89667-606-1

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Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

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Boehnke & Sarkowicz: Grimmelshausen (Biographie)

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Im Alter von zehn Jahren ein rotziger Musquedirer

von Günter Nawe

Selbst, wer den „Simplicius Simplicissimus“ nicht gelesen hat: Der Titel diese Weltbestellers aus dem 17. Jahrhundert ist ein Begriff. Ebenso wie der Name seines Autors: Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen.
Über ihn, den Weltautor mit den vielen Anagrammen bzw. Pseudonymen (z. B. Simon Leugfisch von Hartenfels, Samuel Greifenson von Hirschfeld, German Schleifheim von Sehmsdorff), mit denen er seine Leser „verunsichern“ wollte – also: über Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen haben der Literaturwissenschaftler Heiner Boehnke und der Kulturredakteur Hans Sarkowicz eine fulminante Biographie geschrieben. In einer grossartigen Studie bringen sie uns Leben und Schreiben eines Autors nahe, der als einer der wichtigsten Schriftsteller nicht nur des Barockzeitalters zu gelten hat.

Die vielen Masken des Grimmelshausen

Es ist ja nicht nur „Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch“, sondern es sind auch die beiden simplicianischen Romane „Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage“ und „Der seltsame Springinsfelden“ sowie „Das wunderbarliche Vogelnest“, die die deutsche Literatur bis heute beeinflusst haben. Man denke nur an die Erzählung von Günter Grass: „Das Treffen in Telgte“.

Boehnke und Sarkowicz: Grimmelshausen (Biographie) - Rezension Glarean Magazin

Wer also war dieser Grimmelshausen, auf dessen Spur sich die Biographen Boehnke und Sarkowicz gemacht haben? Wer war dieser Autor, der sich nicht nur hinter seinem Simplicius Simplicissimus versteckte, sonder hinter unendlich vielen Masken? Für die beiden Biographen eine wahre Detektivarbeit, schon allein deswegen, weil die Lebensläufe des Autors und seiner literarischen Schöpfung teilweise parallel verlaufen und vieles nach wie vor im Ungewissen bleibt.
Sicher ist die Herkunft des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Er stammt aus Gelnhausen; aber schon das Geburtsjahr ist nicht sicher: wahrscheinlich 1621 oder 1622, also mitten im Krieg, den wir heute den Dreissigjährigen nennen.

Frontispiz aus dem Jahre 1669 von Grimmelshausens "Simplizissimus"
Frontispiz aus dem Jahre 1669 von Grimmelshausens „Simplizissimus“

Grimmelshausens Grossvater war Bäcker und Gastwirt. Sein Vater stirbt früh, seine Mutter heiratet wieder, der Stiefvater ist ein Barbier aus Frankfurt. Der Junge wuchs bei seinem Grossvater auf. Dann wird es schon schwieriger mit biografischen Sicherheiten. Grimmelshausen über sich selbst, zitiert nach Boehnke und Sarkowicz: „Man weiss ja wohl dass Er selbst nichts studiert, gelernte noch erfahren: sondern so bald er kaum das ABC begriffen hast / in Krieg kommen / im zehnjährigen Alter ein rotziger Musquedirer worden.“ Dennoch sollte er zu einem der belesensten Menschen seiner Zeit werden. Unendlich allein ist die Zahl der Nachweise seiner Bildung und Belesenheit im Simplicius Simplicissimus. Mit diesem Buch und seinem Autor hat – wenn man so will – die deutsche Literaturgeschichte begonnen.

Durch ganze Bibliotheken gewühlt

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676)
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676)

Auch im Feldlager („er lebte vom ersten Schrei an im Krieg“) und wo auch immer: Grimmelshausen liest. Dennoch wird das sogenannte praktische Leben nicht vernachlässigt. Er wird zu einem unbestechlichen Beobachter einer Wirklichkeit, die er sich zu eigen macht, mit viel Phantasie verändert, zu Vexierbildern gestaltet.
Allerdings: Die Datenlage ist prekär. Deshalb haben sich die Biographen durch ganze Bibliotheken gewühlt, Kirchenbücher gewälzt, Gerichtsakten und akribisch Kontexte jeglicher Art studiert. Mit fast kriminalistischem Eifer wurde recherchiert – und darüber von den Biographen lebendig und spannend erzählt.

Verstrickt in die Wirren und Greuel des Dreissigjährigen Krieges: "Marodierende Soldaten" von Sebastian Vrancx (Gemälde von 1647)
Verstrickt in die Wirren und Greuel des Dreissigjährigen Krieges: „Marodierende Soldaten“ von Sebastian Vrancx (Gemälde aus dem Jahre 1647)

Der junge Grimmelshausen wird völlig vom grausamen Geschehen der Zeit vereinnahmt, wird von den Katastrophen des Krieges quer durch Europa gejagt, war an der Belagerung Magdeburgs beteiligt, wurde Schreiber in einer Regimentskanzlei und wird 1649 seinen Kriegsdienst beenden. Grimmelshausen heiratet, wird später Verwalter und Wirt in Gaisbach und 1667 Schultheiss in Renchen. Am 17. August 1676 stirbt Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen. Im Kirchenbuch von Renchen wird es heissen: „Es verstarb im Herrn der ehrbare Johannes Christophorus von Grimmelshausen, ein Mann von grossem Geist und hoher Bildung, Schultheiss dieses Ortes, und obgleich er wegen Kriegswirren Militärdienst leistete und seine Kinder in alle Richtungen verstreut waren, kamen aus diesem Anlass doch alle hier zusammen, und so starb der Vater, von Sakrament der Eucharistie fromm gestärkt, und wurde begraben…“.

Leben und Schreiben hervorragend dargestellt

Fazit: Mit der grossartigen Studie von Heiner Boehnke und Hans Sarkowicz über das Leben und Schreiben des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen liegt erstmals eine ultimative Biographie des Autors des „Simplicius Simplicissimus“ vor.

Den Biographen Heiner Boehnke und Hans Sarkowicz gelingt es auf hervorragende Weise, das Leben und Schreiben des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen im Kontext der Zeit darzustellen. So können wir gleichzeitig so etwas wie eine kleine Geschichte des Dreissigjährigen Krieges lesen, an dessen Beginn vor 400 Jahren wir in diesem Jahr mit einer Fülle von Büchern begehen. Und zu den sicher interessantesten gehört zweifellos diese Arbeit von Boehnke und Sarkowicz. ♦

Heiner Boehnke & Hans Sarkowicz: Grimmelshausen – Leben und Schreiben (Vom Musketier zum Weltautor), 510 Seiten, Die Andere Bibliothek Berlin, ISBN 978-3-8477-2020-1

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Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil (Roman)

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Vier Pässe in die Freiheit

von Günter Nawe

Persönliches ist bekanntlich immer Politisches. So verhält es sich auch in der Biographie des Dr. Pavel Vodák. Der tschechische Arzt erlebte und erlitt die dramatischen Ereignisse im Prager Frühling 1968. Mit diesem Prager Frühling verband er wie viele andere Hoffnung auf Reformen, auf Freiheit, auf Demokratie. Und er verband damit sein ganz persönliches Schicksal; und das seiner Familie. Eine wahre Geschichte – im Roman „Das hungrige Krokodil“ aufgearbeitet.

Die Geschichte wird erzählt von der Schriftstellerin Sandra Brökel anlässlich der Tatsache, dass sich in diesem Jahr zum 50. Mal ein hochpolitisches Ereignis jährt: Der Prager Frühling 1968. Ein Jubiläum, das leider bei den vielen anderen Jubiläen dieses Jahres etwas unterzugehen scheint. Um so mehr ist es zu begrüssen, dass sich Sandra Brökel in ihrem spannenden und berührenden Familienroman, der auf eben dieser wahren Geschichte und auf den Erinnerungen von Dr. Pavel Vodák (1920-2002) basiert, angenommen hat. Angenommen nicht nur dieser Zeit, sondern auch der Menschen in dieser Zeit und der wahren Erlebnisse des Protagonisten. Sie verbindet auf diese Weise Zeitgeschichte und persönliche Geschichte – und schreibt diesen Roman sozusagen als ein historisches Zeitdokument.

Metapher für die Gefrässigkeit

Sandra Brökel - Das hungrige Krokodil - Familienroman - Pendragon Verlag„Das hungrige Krokodil“ – der Titel des Romans ist eine Metapher für die Gefrässigkeit, für die Gefahren, die von diesem Tier ausgehen. Es steht bildhaft für die kommunistische Diktatur in der Tschechoslowakischen Republik, für Schauprozesse, für Verfolgung, für ökonomische Probleme. So sieht und erlebt es auch Pavel Vodák – vor allem, wie das „Krokodil“ immer wieder zuschnappt, wie freie Gedanken, freies Handeln schon im Ansatz erstickt werden. Auf Dauer kann und will der Arzt aus Leidenschaft, eine internationale Kapazität, diese Repressalien nicht ertragen – auch um seiner Familie und vor allem seiner Tochter willen.

Sandra Brökel
Sandra Brökel

So gehört er bald zu denen, die voller Hoffnung auf Reformen, auf Freiheit und Demokratie, Widerstand leisten. Er schliesst sich einer Gruppe an, die einen „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ fordern, die ein Dokument formuliert, das unter dem Begriff „Manifest der 2000 Worte“ Geschichte schreiben sollte. Václav Havel, wie viele anderen einer der führende Köpfe des Prager Frühlings hat es so formuliert: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Der Satz bleibt richtig, auch für Vodák, selbst wenn am 21. August 1968 russische Panzer in Prag den „Prager Frühling“ in einen eisigen politischen Winter verwandeln. Pavel Vodáks Träume von dem „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ sind ausgeträumt.

Hohes Mass an Authentizität

FAZIT

Sandra Brökel hat einen aufregenden Familienroman geschrieben, der weitestgehend auf Tatsachen beruht – und dem Leser ein wichtiges politisches Ereignis ins Gedächtnis ruft, das vor 50 Jahren die Welt in Aufregung versetzt hat: Der Prager Frühling 1968. Geschickt versteht es die Autorin viele Fakten und ein wenig Fiktion, Historisches, Politisches und Persönliches zu einem spannenden Roman zu verbinden.

Er kann und will nicht mehr in diesem Lande bleiben, er will, dass seine Tochter vor allem, aber auch die ganze Familie in Freiheit leben können. Eine abenteuerliche Reise beginnt, nachdem es Vodák gelungen ist, Pässe zu organisieren – vier Pässe in die bundesrepublikanische Freiheit. Obwohl unter Bewachung, gelingen ihm und seiner Familie eine dramatische Flucht über Jugoslawien. Auch wenn er und seine Familie später – so die wahre Geschichte – in Deutschland wieder Fuss fassen können, bleibt doch die Frage, ob der Preis, den er für die Freiheit gezahlt hat, nicht zu hoch ist.

Sandra Brökel hat ihrem Roman eine kurze biografische Notiz über Dr. Pavel Vodák vorangestellt. Dadurch ist ein hohes Mass an Authentizität gegeben. Mehr noch: Dieser Familienroman ist ein Tatsachenroman, der den Leser packt, ihm einmal mehr und notwendigerweise eine Zeit und ein Ereignis ins Gedächtnis ruft, deren Folgen heute noch spürbar sind. ♦

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil, Familienroman, Pendragon Verlag, 318 Seiten, ISBN 978-3-86532-608-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Die 60er Jahre“ auch über Rudolf Grosskopff: Unsere 60er Jahre

… sowie über den Roman von Laura Steven: Speak Up

Zum 150. Todesjahr von Adalbert Stifter

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Und noch ein Fleisch auf dem Sauerkraut

Zum 150. Todesjahr von Adalbert Stifter

von Günter Nawe

Es gibt Bücher, die jeder kennt und die doch nur ganz wenige gelesen haben. „Der Nachsommer“ von Adalbert Stifter ist ein solches Buch: ein Tausend-Seiten-Roman mit wenig Inhalt und doch voller Zauber, eine „Utopie von Raum und Zeit“, ein „Traum vom Glück“, von grosser Genauigkeit des dichterischen Blicks und von einer Tiefe, „die in neuer Zeit nur von Göthe übertroffen ist“ (A. S.). Ein solches Diktum teilten viele Kollegen und Leser beileibe nicht. Hebbel war es, der jedem, der freiwillig diesen „Nachsommer“ zu Ende lesen werde, die Krone Polens versprach. Und Stifters grösster „Feind“ Thomas Bernhard verstieg sich in einer grandiosen Beschimpfungssuada dazu, den Dichter des „Nachsommer“ als den „langweiligsten und verlogensten Autor“ zu bezeichnen.
Was Wunder, dass die Romane „Nachsommer“ und „Witiko“ und die Erzählungen „Bunte Steine“ und „Studien“, sowie „Die Mappe meines Urgrossvaters“ nach den grossen Erfolgen zu Lebzeiten des Dichters etwas in Vergessenheit geraten sind. Das bevorstehende Jubiläum – vor 150 Jahren, am 28. Januar 1868 gestorben – bietet einen willkommenen Anlass, sich Albert Stifters und seiner Bücher zu erinnern.

Ein Leben – „einfach wie ein Halm wächst“

Adalbert Stifter (1805-1868)
Adalbert Stifter (1805-1868)

Das Leben Stifters war „einfach wie ein Halm wächst“. Und doch war dieses Leben, das am 23. Oktober 1805 in Oberplan im südlichen Böhmen begann und im Januar 1868 in Lenz durch einen Schnitt eines Rasiermessers durch den Hals endete, voller Konflikte und Spannungen. Früh schon verlor Adalbert seinen Vater. Der Besuch des Benediktiner-Gymnasiums Kremsmünster allerdings wurde von Stifter selbst als eine besonders glückliche Zeit bezeichnet. Hier wurden die Grundlagen für sein späteres Verhältnis zur Natur, zur Literatur und Kunst gelegt. Weniger glückliche Zeiten sollten folgen. Das Jura-Studium in Wien endete ohne Abschluss. 1827 gab es die ersten dichterischen Versuche im Zeichen von Klopstock, Herder und Jean Paul. Und die erste Liebe – zu Fanny Greipl. Unerfüllt sollte sie bleiben, dafür erfüllten Selbstzweifel den jungen Mann.

Genialer Vielfrass bei Fleisch, Sauerkraut und Bier

Erste dichterische Versuche sind zu vermelden. Und das endgültige Zerwürfnis mit Fanny. Ihr sollte Amalie Mohaupt folgen, die er 1837 heiratete. Stifter malte (übrigens sehr beachtlich) und veröffentlichte 1840 die Erzählung „Der Condor“. Erfolg stellte sich ein, was auch notwendig war. Immer noch war der Dichter ohne feste Anstellung und Amalie sehr verschwendungssüchtig. So fristet er als Hauslehrer in Wien sein Leben. Nach und nach erschienen jedoch weitere Erzählungen: „Feldblumen“, „Brigitta“ und „Der Hochwald“, und 1842 die Erzählung „Abdias“, die den Durchbruch brachte. Nicht nur literarisch. 1848 war Stifter Wahlmann in der Frankfurter Nationalversammlung. Er siedelte nach Linz über, wurde endlich Schulrat und erhielt 1853 eine feste Anstellung.

Die Ehe mit Amalie war alles andere als glücklich. Die Ziehtochter Juliane nimmt sich das Leben. Längst hatte den Dichter auch die Fress- und Saufsucht endgültig erreicht. Der geniale Vielfrass vertilgte in einer Mahlzeit Brotsuppe, Geflügel, Fleisch und „noch ein Fleisch auf einem Sauerkraut“, dazu Rüben und Krautsalat und eine Unmenge dunkles Bier.

Der Biedermeier-Dichter Adalbert Stifter als Maler: "Mondlandschaft mit bewölktem Himmel" (1850)
Der Biedermeier-Dichter Adalbert Stifter als Maler: „Mondlandschaft mit bewölktem Himmel“ (1850)

Am Leben entlanggeschrieben

Als „Gegenentwurf“ zu diesem Leben kann „Der Nachsommer“ (1857) gelesen werden, mit dem er sich „am Leben entlanggeschrieben hat“, als eine Sehnsucht nach Harmonie, die ihm das Leben nicht zu bieten hatte. Ein Buch, das gerade deshalb ausgesprochen interessant, sprachlich unvergleichlich schön und sehr modern ist; von einem Meister der „Entschleunigung“, angeschrieben gegen die stete Beschleunigung der Welt. Nietzsche zählte den „Nachsommer“ – vielleicht gerade wegen seiner Unzeitgemässheit – zu den wenigen Werken deutscher Prosa, die es verdienten, „wieder und wieder gewesen zu werden“.

1865 erschien der Roman „Witiko“, und Adalbert Stifter wurde der Hofratstitel verliehen. Zunehmende Depressionen jedoch und eine Leberzirrhose wurden nahezu zur Lebensplage. Der Erfinder des sanften Gesetzes der Schönheit philosophierte am Ende sehr unschön mit dem Rasiermesser. Denn „…es war Glanz, es war Gewühl, es war unten…“. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin von Günter Nawe auch über den Roman von José Saramago: Die Reise des Elefanten
… sowie zum Thema Literatur-Biographie über Armin Mueller-Stahl: Die Jahre werden schneller

500 Jahre Reformation: Bücher zu Luther, Zwingli & Co.

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Die Reformation und ihre Protagonisten

von Günter Nawe

Was am 31. Oktober 1517 geschah, hatte den Charakter einer „Revolution“; der Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg sollte die Welt verändern. Martin Luther (1483 bis 1546), der ehemalige Mönch, setzte mit diesen 95 Thesen die Reformation in Gang. Und setzte dabei die Einheit der Kirche aufs Spiel, provozierte politische Ereignisse und hat mit seiner Bibelübersetzung sozusagen die deutsche Sprache „erfunden“. Damit begann ein Modernisierungsprozess in Kirche, Staat und Gesellschaft – mit weltweiten Auswirkungen bis heute.

Martin Luther (1483-1546 - Lucas Cranach d.Ä.)
Martin Luther (1483-1546 – Lucas Cranach d.Ä.)

Auslöser des Ganzen waren Luthers Thesen zum Ablass, ein Verfahren der Kirche, mittels dessen die Gläubigen gegen Geld Vergebung ihrer Sünden erlangen sollten. Luther monierte dieses Verfahren und forderte stattdessen, dass die Kirche die Gläubigen lehre, das „Evangelium und die Liebe Christi“ zu lernen. Was sich daraus entwickelte, war vergleichbar einem Erdbeben mit unabsehbaren Folgen.
Dieser Mann war Vieles in Einem: Reformator, Mönch und Theologe, Mystiker, Professor, Fürstenfreund und Bauernfeind, Antisemit, Vater und Ehemann, Übersetzer und Schriftsteller und Publizist. Ihm widmete die Evangelische Kirche, die Christenheit insgesamt und Deutschland im Besonderen ein ganzes Gedenkjahr.
Vor allem waren (und sind es noch immer) Bücher und Artikel, Biographien und historische sowie theologische Abhandlungen, die versuchen, Martin Luther auf die Spur zu kommen, die Bedeutung der Reformation für Religion und Geschichte auszuloten und nicht zuletzt Luthers überragende Leistung als Sprachschöpfer zu würdigen.

Ein deutscher Rebell: Martin Luther

Heimo Schwilk: Luther - Der Zorn Gottes
Heimo Schwilk: Luther – Der Zorn Gottes

Als einen „deutschen Rebellen“ sehen ihn Autoren wie Willi Winkler und Heinz Schilling. In ihren ausgezeichneten Biographien, zu denen auch die grossartige Arbeit von Lynda Roper, und die Luther-Arbeit von Volker Reinhardt zu zählen ist, zeigen sie ihn uns als ein Mann der Zeit, geben Orientierung und bringen uns den Menschen Luther näher. Das gilt auch für die Biographie von Heimo Schwilk: Luther – Der Zorn Gottes, der seiner Arbeit den Untertitel „Der Zorn Gottes“ gibt und damit aufzeigt, dass Luther vom „Furor des Gottsuchers“ angetrieben sowohl Gottesbindung als auch Obrigkeitstreue als wichtige Elemente seines Lebenswerks sah. So gelingt es Schwilk, dem Leser deutlich zu machen, was Luther bewegt hat. Seine Biographie bietet wenn schon nicht einen ganz neuen, doch einen frischen Blick auf den Reformator, auf sein Leben, seien Theologie und sein Werk.

Die Entwicklung der Reformation und ihre Folgen

Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte - Eine Geschichte der Reformation
Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte – Eine Geschichte der Reformation

Die volle Wucht der Reformation können wir erahnen, wenn wir über ihr Entstehen, ihre Entwicklung und die Folgen Bescheid wissen. Einen solchen Bescheid vermittelt uns Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Kaufmann hat ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung abgeliefert. Kaum einer weiss mehr über das Thema – und kaum einer weiss besser darüber zu erzählen. So haben wir die Geschichte der Reformation, einer Epoche voller Dramatik, bisher noch nicht gelesen: faszinierend geschildert, kenntnisreich, packend und kritisch.

Johannes Calvin (1504-1569 - Hans Holbein d.J.)
Johannes Calvin (1504-1569 – Hans Holbein d.J.)

Wenn wir aber schon von Reformation reden, ist ein Blick von Wittenberg nach Zürich und nach Genf unausweichlich. Denn Luther war kein einsamer Gestalter. In der frühen Neuzeit gab es religiöse Bewegungen und Zeitgenossen wie Philipp Melanchthon und Thomas Müntzer, im weitesten Sinne auch Erasmus von Rotterdam, vor allem aber Huldrych Zwingli (1484 bis 1531) und Johannes (Jean) Calvin (1509 bis 1564), deren Denken und Tun für die Zeit ebenso prägend und folgenreich war. Beide begründeten mit Luther und doch unabhängig von ihm einen recht eigenständigen Protestantismus.

Besonders strenger Bibel-Interpret: Johannes Calvin

Volker Reinhardt: Die Tyrannei der Tugend - Calvin und die Reformation in Genf
Volker Reinhardt: Die Tyrannei der Tugend – Calvin und die Reformation in Genf

So ist es nur recht und billig, im zu Ende gehenden Reformationsjahr auf sie mehr als nur hinzuweisen. Volker Reinhardt, mit Luther ebenso vertraut wie mit Johannes Calvin, hat in seinem bereits 2009 erschienenen Buch Die Tyrannei der Tugend – Calvin und die Reformation in Genf aufgezeigt, wie der Prediger Johannes Calvin, Reformator der zweiten Generation, zum Begründer des Calvinismus, einer besonders strengen Auslegung der Evangelien, wurde. Mehr noch, so Reinhardt, hat Calvin, hat der Calvinismus nicht nur die Welt durch seine Sittenstrenge, Askese und Bilderfeindlichkeit verändert, sondern auch zur Entstehung des Kapitalismus wesentlich beigetragen. Reinhardt erzählt zudem anschaulich, wie es dem wortgewaltigen Prediger Calvin gelungen ist, Genf zu einem „reformierten Rom“ zu machen.

Schlüsselfigur der Reformation: Erasmus von Rotterdam

Ueli Greminger: Im Anfang war das Gespräch - Erasmus von Rotterdam und der Schatten der Reformation
Ueli Greminger: Im Anfang war das Gespräch – Erasmus von Rotterdam und der Schatten der Reformation

Die Zürcher Reformation und überhaupt die Reformation hat ohne Zweifel Erasmus von Rotterdam (mit-) geprägt. Nicht zuletzt durch seine Bibelübersetzung aus dem Griechische ins Lateinische (Novum Instrument – Neues Testament), die auch zur Grundlage der lutherischen Übersetzung ins Deutsche wurde. So hat er den Anfang des Johannes-Evangeliums nicht mit dem üblichen „Im Anfang war das Wort“ übersetzt, sondern mit „Im Anfang war das Gespräch“. Dies ist auch der Titel eines kleinen Büchleins von Ueli Greminger: Im Anfang war das Gespräch – Erasmus von Rotterdam und der Schatten der Reformation. Er zeichnet im Rahmen eines Gesprächs zwischen einem Theologen und einem Psychologen das Menschen- und Gottesbild des Erasmus und lässt damit den Denker als eine Schlüsselfigur der Reformation erkennen.

Älteste protestantische Bibel-Übersetzung: Huldrych Zwingli

Peter Opitz: Ulrich Zwingli - Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus
Peter Opitz: Ulrich Zwingli – Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus

Eine Schlüsselfigur der Reformation ist zweifellos auch Huldrych Zwingli. Ihm hat die protestantische Welt die Zürcher Bibel zu verdanken. Sie entstand bereits fünf Jahre vor Luthers Übersetzung und gilt als die älteste protestantische Übersetzung der gesamten Bibel. Damit nicht genug: In 67 Thesen (auch hier gibt es Parallelen zu Martin Luther), die in mehreren Disputationen zur Diskussion gestellt wurden, hat er seine Ansichten deutlich gemacht. In seinem Kommentar zum wahren und falschen Religion zeigte Zwingli sich in vielen Punkten mit Luther einig. Was die Liturgie betraf, war er radikaler als Luther. Und was das Abendmahl betraf unterschied er sich wesentlich vom deutschen Reformator. Nachzulesen ist dies und mehr in der Biographie des Zwingli-Forschers Peter Opitz: Ulrich Zwingli –  Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus.

Die Frauen an der Seite der Reformatoren

Luther, Zwingli, Calvin – alle drei Reformatoren hatten Frauen an ihrer Seite. Über Luthers Frau Katharina Bora, die ehemalige Nonne, gibt es Literatur in Hülle und Fülle. Wogegen wir von Idelette Calvin, der Frau des Genfer Reformators, relativ wenig wissen. Und Zwingli? Er war neun Jahre, von 1522 bis 1531, mit Anna Reinhard verheiratet. Sie, die als Tochter eines Gastwirts zur Frau des Reformators wurde, war die starke Frau an seiner Seite. Am Ende verlor sie Mann und Sohn auf dem Schlachtfeld von Kappeln.
Ihrem Leben und Wirken ist die Romanbiografie von Christoph Sigrist: Anna Reinhart & Ulrich Zwingli gewidmet. Sigrist, Pfarrer am Grossmünster in Zürich und damit Nach-Nachfolger des Leutpriesters Zwingli, hat, wie Klara Obermüller in ihrem Vorwort schreibt, „einer Frau, die im grossen Schatten ihres Mannes zu verschwinden drohte, ihre Stimme und ihr Gesicht zurückgegeben. Und er lässt uns den Mann, Zwingli, noch einmal ganz neu sehen durch die Augen seiner Frau.“

Reformatorisches Liebespaar: Anna und Ueli

Christoph Sigrist: Anna Reinhart & Ulrich Zwingli
Christoph Sigrist: Anna Reinhart & Ulrich Zwingli

Sigrist hat eine fiktive Biographie geschrieben, die in Form eines Tagebuchs nachträglich das Zusammenleben vorstellbar macht. Anna, der ihr Ueli fehlt, schreibt über ihre Liebe zueinander, über die Kinder, das Hauswesen, aber auch über seine Theologie und ihr Verständnis davon – und das beileibe nicht unkritisch. So gelingt Sigrist ein brillantes Psychogramm des Reformators und eines aussergewöhnlichen Paares in aussergewöhnlicher Zeit. Beide, Ulrich und Anna, treten auch in dem Mysterienspiel Die Akte Zwingli auf, für das Christoph Sigrist den Text geschrieben hat und Hans Jürgen Hufeisen die Musik. Das Libretto ist – sie schön ergänzend – der Romanbiografie angefügt.

Am Ende: Ohne das gedruckte Wort hätte es wohl keine Reformation gegeben. Bücher und Schriften, Flugblätter, Pamphlete und Karikaturen verbreiteten die Ideen und Überzeugungen der Reformatoren in Windeseile. Grossmeister des Metiers war zweifellos Martin Luther. Und 500 Jahre danach sind es wieder Medien der unterschiedlichsten Art, die uns die Reformation, dieses Weltereignis, und ihre Protagonisten einmal mehr näher bringen. Historisches, Theologisches, Biographisches – alles zu diesem Thema ist mehr oder weniger lesenswert. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Mittelalter und Renaissance“ auch das
Interview mit Rebecca Gablé („Der dunkle Thron“)

… sowie zum Thema Mittelalter auch über
Martin Grubinger: Drums `N` Chant (Audio-CD)

Martina Sahler: Die Stadt des Zaren (Roman)

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„Hier werde eine Stadt am Meer“ – Sankt Petersburg

von Günter Nawe

Jeder, der schon einmal in der Stadt am Finnischen Meerbusen war, hier die Weissen Nächte erlebt, das Flair dieser einzigartigen Metropole gespürt hat und um die aufregende Geschichte der Gründung weiss, ist der Faszination Sankt Petersburgs erlegen.
So ist es nach eigenem Bekunden auch der Schriftstellerin Martina Sahler gegangen. „Die Peter-Paul-Festung auf der Haseninsel ist die Keimzelle der Stadt St. Petersburg. Als ich die Insel umrunde, die Wälle und Bastionen hinaufblicke, durch das Tor mit dem doppelköpfigen gekrönten Adler spaziere und die Aussicht über die Newa auf den Winterpalast auf mich wirken lasse, weiss ich, dass ich die Geschichte dieser Stadt erzählen muss“.

Gut recherchierter Roman

Martina Sahler - Die Stadt des Zaren - Der grosse Sankt-Petersburg-Roman - List-Ullstein-VerlagUnd sie hat die Geschichte erzählt. Das Ergebnis: Der spannende historische Roman „Die Stadt des Zaren“ – ihr grosser Sankt-Petersburg-Roman. Martina Sahler beschreibt die Gründung der sozusagen ab urbi condita, historisch gut recherchiert. Und sie erzählt um die Fakten herum interessante fiktive Ereignisse und Geschichten. In der Summe: ein aufregender, informativer und sehr unterhaltsamer Roman.

Den Auftakt macht die Autorin mit den Ereignissen und der Legende um die Gründung von St. Petersburg. 1703 setzte Peter, der später der Grosse genannt werden sollte, den ersten Spatenstich. Der Zar hatte sich in der Welt umgesehen und festgestellt, das sein Russland erheblichen Nachholbedarf hatte. So sollte seine Stadt nach dem Vorbild grosser europäischer Städte entstehen. Ein Wahnsinns-Vorhaben, betrachtet man die Gegebenheiten, unter denen gebaut werden soll.

Aber all das schreckt ihn nicht. Sümpfe müssen trocken gelegt werden, aus dem Nichts und quasi mit Nichts sollen Häuser und Paläste entstehen. Genie, Kampfgeist und wilde Entschlossenheit – und eine gewisse Rücksichtslosigkeit denen gegenüber, die ihm untertan sind und untertan gemacht werden, machen es möglich.

Krieg, Morde, Katastrophen

Weisse Nächte in Sankt Petersburg - Glarean Magazin
Die Weissen Nächte von Sankt Petersburg

Vor allem bediente sich Zar Peter ausländischer Hilfe. Fachleute jeglicher Profession: Ärzte, Baumeister, Tischler, Stukkateure werden benötigt und engagiert. Verpflichtet werden auch die Gefangenen aus dem zurzeit tobenden Krieg zwischen Russland und Schweden. Sie alle spielen entscheidende Rollen – auch in diesem Roman. Da ist der deutsche Arzt Dr. Albrecht mit seinen Töchtern. Vom Zaren hoch geschätzt kümmert er sich um die vielen Erkrankungen und wird für ebenso viele Menschen zu Lebensretter. Seine Frau verehrt ihn und den Zaren. Seine Tochter Paula verliebt sich in den holländischen Schreiner Willem, Tochter Helena in den schwedischen Gefangenen Erik, der einerseits zum Mörder, andererseits bei einer Naturkatastrophe ebenfalls zum Lebensretter wird. Eine grosse, eine heimliche Liebe mit Happy End.
Kein Happy End gibt es für die Familie des Grafen Fjodor Bogdanowitsch und seine intrigante Frau, die ihre Tochter gern mit dem Zaren verbandeln möchten. Das allerdings sollte gründlich misslingen – unter wenig erfreulichen Umständen.

Eine der schönsten Städte der Welt

Ein monumentales Vorhaben - die Gründung einer Stadt aus dem Nichts. Gelungen ist dies Peter dem Grossen mit St. Petersburg. Davon erzählt Martina Zahlerin ihrem Roman "Die Stadt des Zaren" voller Abenteuer, voller grosser Gefühle und interessanter Charaktere.
Ein monumentales Vorhaben – die Gründung einer Stadt aus dem Nichts. Gelungen ist dies Peter dem Grossen mit St. Petersburg. Davon erzählt Martina Sahler in ihrem Roman „Die Stadt des Zaren“ voller Abenteuer, voller grosser Gefühle und interessanter Charaktere.

Martina Sahler erzählt die Geschichte der Gründung von St.Petersburg in vielen teilweise sehr dramatischen Geschichten. Wie die der Leibeigenen Zoja aus dem Besitz des Grafen Bogdanowitsch. Oder von den italienischen Architekten, die ihre Heimat verlassen haben und am Ende doch wieder von der Vergangenheit eingeholt werden. Nicht zu vergessen den Gottesnarren Kostja, dem keine Intrige, kein Liebesschwur und keine Meucheltat entgeht. Er steht unter besonderem Schutz des Zaren Peter.

So entsteht vor den Augen des Lesers Stein für Stein diese Stadt, die irgendeinmal zu einer der schönsten der Welt zählen sollte. Im Mittelpunkt aber all dieses Geschehens der Zar. Martina Sahler stellt ihn uns als faszinierende Persönlichkeit dar, als einen Mann mit all seinen Widersprüchen: hart gegen sich selbst und andere. Und weich in den Armen einer Frau; fantasievoll und visionär, gerecht und ungerecht.
Ein spannender Roman voller Abenteuer, voller grosser Gefühle und interessanter Charaktere. Und: Am Ende ist dieses Buch auch eine wunderbare Liebeserklärung an die Stadt an der Newa. ♦

Martina Sahler: Die Stadt des Zaren, List-Verlag (Ullstein Berlin), 520 Seiten, ISBN978-3-471-35154-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Russland in der Roman-Literatur“ auch über John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung

Heinz Stade: Bach, Liszt und Wagner in Weimar

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Weimar nach Noten

Ein musikalischer Reise(ver)führer

von Günter Nawe

„Weil die lieben Engelein selber Musikanten sein“ – mit diesem Zitat von Martin Luther leitet der Journalist und Preisträger des Deutschen Denkmalpreises Heinz Stade ein aussergewöhnlich schönes kleines Büchlein ein, das der Autor dem „musikalischen“ Weimar gewidmet hat.
Weimar hat, so weiss Stade überzeugend darzulegen, mehr zu bieten als nur Goethe, Schiller, Wieland – und wie all die Geistesgrössen heissen mögen, die den Ruf Weimars als „Zentrum“ klassischer Literatur begründet haben. In seinem Reise(ver)führer zeigt der Autor in knappen Texten die wichtigsten Orte des musikalischen Geschehens und dessen Protagonisten in Weimar aufzuzeigen – von gestern bis heute. Weimar nach Noten also – ein genius loci zahlreicher Musiker-Persönlichkeiten.

Im Anfang war Luther

Heinz Stade - Bach, Liszt und Wagner - Spaziergänge durch das musikalische Weimar von gestern und heute - Edition Leipzig

Mit Luther begann’s. Er hatte grossen Einfluss auf die Kirchenmusik seiner Zeit, auch und vor allem in Weimar, wo er sich selbst das eine und andere Mal aufhielt. Ihm begegnet der Leser – mit Heinz Stade auf Spurensuche – im Stadtschloss und in der Stadtkirche St.Peter & Paul (Herderkirche). Hier sass Gottfried Walther, ein Verwandter von Johann Sebastian Bach, an der Orgel.
Johann Sebastian Bach lebte von 1708 bis 1717 in Weimar, wo er 1717 eine zeitlang im Gefängnis sass. Hier – im Bachhaus – komponierte er unter anderem viele Orgelstücke, etwa 30 Kantaten und die Frühfassungen der Brandenburgischen Konzerte.

Von Bach bis Albert Schweitzer

Damit ist auch schon einer der titelgebenden Komponisten benannt – in einer Reihe höchst illustre Namen. Nicht nur Johann Sebastian Bach, Franz Liszt (der Weimarer Musiker schlechthin) und Richard Wagner, auch Felix Mendelssohn Bartholdy, Johann Nepomuk Hummel, Albert Schweitzer, der grosse Orgelvirtuose und Bach-Biograph.
Herder wurde bekannt als kundiger Sammler von Volksliedern, die er „mit den Ohren der Seele“ hörte. Marlene Dietrich, sollte 1919 in Weimar zur Konzertgeigerin ausgebildet werden. Sie fand hier vielleicht (?) sogar ihre erste Liebe. Der 1918 geborene und 1988 verstorbene Komponist Johann Cilenšek hatte eine Professur an der Musikhochschule Weimar inne.

Mozart trifft Wieland, Mendelssohn spielt Goethe vor

Sorgte in Weimar für Aufsehen und Aufregung: Die russische Grossfürstin Anna Pawlowna
Sorgte in Weimar für Aufsehen und Aufregung: Die russische Grossfürstin Anna Pawlowna

Der Leser kann sich auf einige wunderbare Ereignisse gefasst machen; Ereignisse, die direkt oder indirekt mit Musik zu tun haben. So trifft Mozart den literarischen Altmeister Martin Wieland in Weimar. Der junge Mendelssohn spielt dem Dichterfürsten Goethe vor. Beethoven’s „Ode an die Freude“ basiert auf der Schillerschen Dichtung. Für Franz Liszt und Richard Wagner war die Musikstadt Weimar von existenzieller Bedeutung. Hector Berlioz liess Franz Liszt wissen, dass er sich in Weimar „wirklich glücklich“ fühle. Und Richard Strauss machte auf seine Weise in Weimar Furore.
Anna Pawlowna, russische Grossfürstin, sorgte in viele Hinsicht für Aufsehen in Weimar. Auch in Sachen Musik. Sie gab mit der Anstellung „…berühmter auswärtiger Virtuosen wie Eberhard Müller, Johann Nepomuk Hummel und Franz Liszt grundlegende Impulse für die Entwicklung Weimars zu einem weithin ausstrahlenden Musikzentrum“ (Heinz Stade).

Weimar’scher Glanz bis in unsere Tage

Ein wunderbarer, sehr informativer und sehr schön erzählter Reise(ver)führer durch das musikalische Weimar von gestern und heute. Heinz Stade gelingt es, den Leser (und sicher auch den Weimar-Besucher) klug durch die Weimarer Musikgeschichte zu führen, mit ihren Protagonisten bekannt zu machen und nicht zuletzt spannend zu unterhalten.
„Spaziergänge durch das musikalische Weimar“ ist ein wunderbarer, sehr informativer und sehr schön erzählter Reise(ver)führer. Heinz Stade gelingt es, den Leser (und sicher auch den Weimar-Besucher) klug durch die Weimarer Musikgeschichte zu führen, mit ihren Protagonisten bekannt zu machen und nicht zuletzt spannend zu unterhalten.

Eine Ausstrahlung, die bis heute Bestand hat. Die „Tage Neuer Musik in Weimar“, initiiert von Michael von Hintzenstern, sind weltberühmt; der Jazz hat in Weimar ebenfalls eine Heimat – zum Beispiel dank der „bauhauskapelle“, von der ein Berliner Kritiker einmal behauptete: „die beste Jazzband, die ich je toben hörte“.
Von alldem erzählt Heinz Stade mit viel Empathie, sehr kompetent und klug. So begegnen uns auf den Stadeschen „Spaziergängen durch das musikalische Weimar von gestern und heute“ bedeutete Komponisten, Musiker und Musikförderer. Wir treffen sie an den Orten in Weimar, wo sie alle mehr oder weniger Weimarer und europäische Musikgeschichte geschrieben haben: Im Goethe-Haus und im Stadtschloss, in der Stadtkirche und im Schloss Belvedere, in den Sommerschlössern und Parks von Ettersburg und Tiefurt.
Beim nächsten Besuch in Weimar sollte dieser wunderbare Reise(ver)führer, der nicht zuletzt sehr schön illustriert ist, unbedingt dabei sein. ♦

Heinz Stade: Bach, Liszt und Wagner – Spaziergänge durch das musikalische Weimar von gestern und heute. 80 Seiten, Edition Leipzig, ISBN 978-3-361-00725-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Genius loci“ auch über
Volker Gebhardt: Lese und höre (Künstler-Orte)

Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo (Roman)

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Blandine von Bülow – die unbekannte Stieftochter

von Günter Nawe

Bücher über die Wagners gibt es zuhauf. Sie füllen nahezu Bibliotheken. Wenig bekannt dagegen und von den Biografen und der Familie des Clans stiefmütterlich behandelt: Blandine von Bülow. Die Tochter von Hans von Bülow und Cosima Wagner, die Stieftochter Richard Wagners, tritt in der gesamten Wagner-Literatur kaum in Erscheinung. Mit dem Roman-Debüt von Constanze Neumann soll sich das ändern, Blandine von Bülows Leben ist Gegenstand des Romanes „Der Himmel über Palermo“.

Die junge Blandine war mit der Familie, später allein, in den Jahren 1881/82 und 1897 in Sizilien, genauer in Palermo. Richard Wagner vollendete hier den„Parsifal“, seine letzte Oper; Cosima als mater familias kümmerte sich ziemlich autoritär um ihre Töchter und sorgte sich vor allem um den Sohn Siegfried.

Fakten und authentisches Material

Constanze Neumann - Der Himmel über Palermo - Roman - Goldmann VerlagAm Rande des Wagner-Kosmos’ und unter dem „Himmel von Palermo“ beginnt Blandine ein aufregendes, ein neues Leben. Und damit sind wir im Roman der Constanze Neumann. Immer entlang der bekannten Fakten aus dem Leben und dem Umfeld der Wagners und anhand von authentischem Material sowie Notizen und Tagebüchern von Freunden und Bekannten erzählt die Autorin in eleganter und mitreissender Weise die Liebesgeschichte der Blandine von Bülow mit dem Grafen Biagio Gravina aus einem alten sizilianischen, aber total verarmten Adelsgeschlecht.

Richard Wagner als egozentrischer Stiefvater

Die junge Frau erlebt die Zauber der Landschaft, von der sie selbst sagt, „Sizilien hat die Fröhlichkeit einer Welt ohne Winter“. Hier also geniesst Blandine das gesellschaftliche Leben von Palermo, hier leidet sie aber auch unter der Grantigkeit und Egozentrik ihres Stiefvaters und der alles beherrschenden Mutter. Zu den Geschwister, ausgenommen ihrer Schwester Diana, hat sie ein etwas distanziertes Verhältnis. Dafür gibt es Nähe zu Caterina Scalia, einer jungen Sängerin, und zu Enrico Ragusa, dem Hotelier und einer etwas schillernden und geheimnisvolle Persönlichkeit, in dessen Haus, dem „Hotel Des Palmes“, die Wagners logierten.

Wagner-Literatur um interessante Aspekte bereichert

Biagio Graf Gravina und Blandine von Bülow (Palermo 1889 - Richard-Wagner-Stiftung)
Biagio Graf Gravina und Blandine von Bülow (Palermo 1889 – Richard-Wagner-Stiftung)

Die Achtzehnjährige ist fasziniert von den kirchlichen Festen und den grossen rauschenden gesellschaftlichen Ereignissen, bei denen sich die „Crème de la Crème“ des Adels trifft. Beeindruckend der unverstellte Blick der mädchenhaften Blandine auf dieses Treiben um sie herum – dabei irgendwie auch auf der Suche nach sich selbst. Und irgendwann verliebt sie sich in den Grafen – ebenso mädchenhaft wie leidenschaftlich. Constanze Neumann zeichnet eine Art Psychogramm der jungen Frau. Sie findet dabei die richtige Balance zwischen Fakten und Fiktion und schafft so einen literarisch anspruchsvollen und ausserordentlich gut lesbaren Roman. Und es gelingt der Autorin, die (Sekundär-) Literatur über den Wagner-Clan um einige interessante Aspekte zu bereichern und gleichzeitig ein Epochenbild der sizilianischen Gesellschaft zu zeichnen.

Glücklos unter südlicher Sonne

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Das Debüt von Constanze Neumann: „Der Himmel über Palermo“ ist ein wunderbarer „Sommerroman“ mit einem bedeutenden historischen Hintergrund. Constanze Neumann hat die Handlung in die richtige Balance zwischen Daten und Fiktion gebracht, ein interessantes Psychogramm der jungen Blandine von Bülow gezeichnet und die (Sekundär-) Literatur über den Wagner-Clan um ein paar interessante Aspekte erweitert.

Nein, eine Idylle war das Leben unter dem „Himmel von Palermo“ am Ende nicht. „Ob Blandine glücklich ist?“, fragt zweifelnd ihre beste Freundin Tina. Der Leser kann die Frage nach der Lektüre selbst beantworten. Blandine dagegen gibt ihre „eigene“ Antwort. Sie heiratet Biagio Gravina (in Bayreuth), die Familie Wagner verlässt endgültig Palermo. Blandine bleibt mit ihrem Grafen, einem echten Loser, auf Sizilien zurück, bekommt vier Kinder. Nach dem Tode Biagio Gravinas verlässt sie Sizilien. „Der Süden, das Land des Lichts und der Sonne, hat ihr kein Glück gebracht.“ ♦

Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo – Blandine von Bülows grosse Liebe, Roman, 224 Seiten, Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-31440-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Künstlerorte auch über Heinz Stade: Bach, Liszt und Wagner in Weimar

Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian (Biographie)

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Über die Schönheit von Raupen und Schmetterlingen

von Günter Nawe

Maria Sibylla Merian (1647 bis 1717) war alles in einem: Künstlerin, Insektenforscherin, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich – man würde heute sagen – zu vermarkten wusste. Auch das für eine Frau in dieser Zeit erstaunlich – und bewundernswert. Kurz: Maria Sibylla Merian war eine selbstbewusste und selbstständige, ja emanzipierte Frau.
Aus einem sogenannten guten Hause, Tochter des berühmten Matthäus Merian, also künstlerisch vorbelastet, entdeckte die Forscherin Maria Sibylla Merian früh ihre Liebe zu Raupen und Schmetterlinge, deren Schönheit sie begeisterte. Joachim von Sandrart, Maler, Kupferstecher und Kunsthistoriker, beschreibt 1665 das Interessengebiet der Maria Sibylla Merian wie folgt: Sie konzentriere ihren grossen Fleiss und ihren Geist…darauf, „besonderlich auch in den Excrementen der Würmlein, Fliegen, Mucken, Spinnen und dergleichen Natur der Thieren abzubilden, mit samt dem Veränderungen, wie selbe Anfangs seyn, und hernacher zu lebendigen Thieren werden, samt dern Kräutern, wovon sie ihre Nahrung haben….“.

Beobachtungsgabe und unermüdlicher Forschergeist

Anzeige Amazon: Barbara Beuys - Maria Sibylla Merian - Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau

Ein „Fachgebiet“, dem sie sich ausführlich widmete und in dem sie mit wissenschaftlicher Akribie forschend erfolgreich arbeitete. Sie wurde zur Expertin und ihr erstes „Raupenbuch“ („Der Raupen wunderbare Verwandlung, und sonderbare Blumennahrung“) war eine Pionierleistung erster Klasse. Beobachtungsgabe und unermüdlicher Forschergeist waren es, die sie in diesem Fachgebiet Bedeutendes leisten liess. Und es war mehr: Es war ihre Liebe zur Natur, die sie zeichnerisch in Kunst verwandelte – eine reproduzierende Kunst, die sie von ihrem nicht minder berühmten Vater gelernt hatte.

Plastische Natur-Beschreibungen

Merian - Das kleine Tropenwunder - Glarean Magazin
Merian: „Das kleine Tropenwunder“

Ihre Bücher fanden Freunde, nicht zuletzt dank ihrer Fähigkeit zur Beschreibung ihre Forschungsergebnisse von Pflanzen und Insekten. Weil dabei immer ihr Herz mitspielte. Als Beispiel die Beschreibung einer Pampelmuse: „Die grosse und herrliche Frucht wird in Surinam Pampelmuse genannt. Die Bäume wachsen so hoch wie Apfelbäume.Sie hängen sehr voll von Früchten, so dass die Zweige oft Gefahr laufe, wegen des Gewichtes der Früchte zu brechen… Hierauf befinden sich Raupen mit blauen Köpfen, deren Körper voller langer Haare ist, die so hart sind wie Eisendraht.“

Maria Sybilla Merian (1647 bis 1717)
Maria Sybilla Merian (1647 bis 1717)

Ihr Erkenntnisse hat sie auch künstlerisch umgesetzt. Ihre Stiche, sie war auch eine hervorragende Kupferstecherin, zählen bis heute zu den den bedeutendsten und schönsten Naturbildern, zu den schönsten Blumen- und Insektenbildern der Barockzeit.
Über all dies schreibt die Biographin Barbara Beuys in ihrem wunderbaren Buch über Maria Sibylla Merian. Sie zeichnet dabei nicht nur ein faszinierendes Lebensbild einer ebenso faszinierenden Frau, sondern gleichzeitig ein Bild der Gesellschaft, in der Maria Sibylla Merian gelebt, geforscht und gearbeitet hat. In einer Zeit, die von den reformatorischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war. Selbstbewusst hat sie sich als Frau in einer weitgehend männerdominierten Welt, die dennoch neue Spielräume für Frauen eröffnete, durchgesetzt.

Von Frankfurt über Hamburg in die Tropen

Kursorisch der Lebenslauf: Kindheit und Jugend in Frankfurt/Main, dann Nürnberg, Heirat und Kinder, wieder nach Frankfurt, Eintritt in eine radikal religiöse Gemeinschaft in Holland, nach zwanzigjähriger Ehe Trennung von ihrem Mann, Umzug mit ihren Töchtern nach Amsterdam, Gründung des Merian-Studios. Und letztlich – im Alter von zweiundfünfzig Jahren – eine Forschungsreise in die tropische Inselwelt von Surinam. Sie war, sie wurde nun endgültig berühmt, nicht immer geliebt, aber anerkannt und gerühmt von Gottfried Wilhelm Leibniz.

Wohl niemand vor ihr hat die Natur so prächtig gemalt und beschrieben wie Maria Sibylla Merian - eine aussergewöhnliche Frau, Künstlerin und Forscherin, deren Biographie Barbara Beuys nicht zuletzt aus Anlass des 300. Todestages vorlegt.
Wohl niemand vor ihr hat die Natur so prächtig gemalt und beschrieben wie Maria Sibylla Merian – eine aussergewöhnliche Frau, Künstlerin und Forscherin, deren Biographie Barbara Beuys nicht zuletzt aus Anlass des 300. Todestages vorlegt.

Natürlich beschreibt Barbara Beuys sehr akribisch Lebenslauf und Lebenswelt der Maria Sibylla Merian. Doch der Autorin geht es um mehr. Sie versucht, sich mit weiblichem Blick der Gefühlswelt dieser Frau zu nähern, sie zu erkunden. Und das gelingt Barbara Beuys hervorragend.
Wenn es ein Geheimnis um des erfüllte Leben der Maria Sibylla Merian gegeben haben sollte – sie selbst hat es gelüftet. Im Vorwort zu ihrem surinamischen Insektenbuch schreibt sie, warum sie für dieses Buch die besten Kupferstecher und das beste Papier gewählt habe: „…damit ich sowohl den Kennern der Kunst als auch den Liebhabern der Insekten Vergnügen und Freude bereite, wie es auch mich freuen wird, wenn ich höre, dass ich meine Absicht erreicht und gleichzeitig Freude bereitet habe.“ Sie hat – ebenso wie uns Barbara Beuys mit dieser Biographie. ♦

Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian – Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau, Biographie, 284 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-458-36180-0

Lesen Sie im Glaran Magazin zum Thema „Frauenbiographien“ auch über Simone Frieling: Ausgezeichnete Frauen (Mysteriöse Gender-Aspekte des Literatur-Nobelpreises)

… sowie über Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé (Biographie)

Elisabeth Raabe: Eine Arche ist eine Arche…

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Geschichte einer Leidenschaft

von Günter Nawe

Zürich 1982 – zwei Frauen bewerben sich um den von Peter Schifferli 1944 gegründeten, renommierten  Schweizer Verlag „Verlags AG Die Arche“: Elisabeth Raabe, Lektorin und Verlagsfrau, und Regine Vitali, Gründerin des Züricher Kinderbuchladens. Was ihnen nur wenige zugetraut haben – sie führten den Arche Literatur Verlag Raabe+Vitali zu einem der bedeutendsten Verlage im deutschen Sprachraum. 2008 – nach 25 Jahren – zogen sich die Damen zurück, um ‹nur noch“ den Arche Kalender Verlag zu führen – ebenfalls mit grossem Erfolg.

Elisabeth Raabe: Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche - Verlegerinnenleben - edition momente

Über das, was zwischen diesen beiden Eckdaten liegt, erzählt Elisabeth Raabe in ihrem Buch „Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche – Verlegerinnenleben“.  Sie erzählt die Geschichte einer Passion, von einem Leben mit Büchern für Bücher. Sie erzählt spannend, engagiert und mit Herz von Erfolgen und Misserfolgen, von den Freuden des Verlegerinnenlebens und seinen Leiden.

Ezra Pound und Getrude Stein als „Taufpaten“

Am Beginn standen als Autoren des legendären Schweizer Verlags Ezra Pound und Gertrude Stein (die auch den Titel dieses Buches „lieferte“), Friedrich Glauser und die Dadaisten, Friedrich Dürrenmatt und viele andere renommierte Autoren. Ein anspruchsvolles Erbe, das die neuen Verlegerinnen zu neuem Leben erwecken wollten – und sollten. Und auch dies: bald gab es einen Bestseller: In der Reihe der Arche-Bücher erschien Eine Insel finden – Gespräch zwischen Otto F. Walter und Silja Walter.
Die RämiStrasse in Zürich wurde zu einer Art literarischem Zentrum. Die Autoren gaben sich die Klinke in die Hand, neue Autoren fanden hier eine Heimstatt. Gedenktage grosser und berühmter Autoren konnten verlegerisch gefeiert werden. Der Verlag wuchs, der Luchterhand Verlag wurde gekauft. Und so stand der Arche Verlag nun auch mit einem Bein in Deutschland.

Die Leidenschaft am Büchermachen

Die Geschichte des Züricher-Hamburger Arche Verlags – geschrieben von der Verlegerin Elisabeth Raabe. Sie erzählt von der wechselvollen, aber durchweg erfolgreichen Geschichte dieses Verlag – und das höchst unterhaltsam und mit viel Herz und Passion. Herausgekommen ist ein Buch über Bücher und Autoren – und eine kleine schweizerdeutsche Literatur- und Verlagsgeschichte.
Die Geschichte des Züricher-Hamburger Arche Verlags – geschrieben von der Verlegerin Elisabeth Raabe. Sie erzählt von der wechselvollen, aber durchweg erfolgreichen Geschichte dieses Verlag – und das höchst unterhaltsam und mit viel Herz und Passion. Herausgekommen ist ein Buch über Bücher und Autoren – und eine kleine schweizerdeutsche Literatur- und Verlagsgeschichte.

Das alles ging nicht ohne Mühen ab, aber auch nicht ohne Freuden. Der Kampf um Rechte, immer wieder die Abwägung zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und verlegerischer Ambition, Umzüge mussten bewältigt werden, zuletzt nach Hamburg: Die beiden Verlegerinnen leisteten ganze Arbeit. Die Mühen aber wurden aufgewogen durch die Zusammenarbeit mit den Autoren, durch Erfolge im Buchmarkt, durch das Interesse der Leser. Die unruhigen Zeiten in Deutschland, der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung – sie blieben nicht ohne Folgen für den Verlag.
Über allem aber stand die Leidenschaft am Büchermachen, die die beiden Verlegerinnen auszeichnete. Kathrin Aehnlich hat es auf den Punkt gebracht: „Ich war an zwei Besessene geraten, die das lieben, was sie tun.“

Verlagsgeschichte mit glanzvollen Namen

Immer wieder begegnen uns so in diesem interessanten Buch  glanzvolle Namen: Margaret Forster, Maarten’t Hart oder Fabrizia Raimondino. Auch der berühmte Bruder Paul Raabe fand bei der Schwester seine verlegerische Heimat, Peter Stamm wurde von Elisabeth Raabe entdeckt, ebenso Viola Roggenkamp und Kathrin Aehnlich, Sréphane Hessel, Michael Lüders, Jürg Amann – sie alle haben ein Stück Literaturgeschichte mitgeschrieben.
So ist auch das Buch von Elisabeth Raabe eine kleine schweizerdeutsche Literatur- und Verlagsgeschichte. ♦

Elisabeth Raabe: Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche – Verlegerinnenleben, edition momente, 240 Seiten, ISBN 978-3-9524433-1-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Verlage auch das
Interview mit dem Verleger Egon Ammann

ausserdem im GLAREAN zum Thema Literatur:
Der Harenberg-Literaturkalender 2009

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache – Itzig Manger

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Prinz der jiddischen Ballade

von Günter Nawe

„Jiddische Literatur gehört den kleinen Literaturen an und weist einen ungewöhnlichen Reichtum an literarischen Genres auf“. So steht es in dem aussergewöhnlichen interessanten, wichtigen und schönen Buch der Malerin, Autorin und Jiddistik-Professorin Efrat Gal-Ed. Zu diesem „ungewöhnlichen Reichtum“ dieser Literatur hat der jiddischen Dichter Itzik Manger (1901-1969) mit seinem Werk Wesentliches beigetragen. Seine Biographie – „der erste Versuch einer kritischen Biographie“ – hat Efrat Gal-Ed jetzt unter dem Titel „Niemandssprache: Itzig Manger – ein europäischer Dichter“ veröffentlicht.

Niemandssprache - Itzik Manger – ein europäischer Dichter - SuhrkampAussergewöhnlich ist dieses Buch auf vielerlei Weise. Einmal ist es der Dichter, dem diese Biographie gewidmet ist, zum anderen die typografische „Konstruktion“ dieses Buches, die sich an den Talmud anlehnt. „Auf Seitenmitte steht der Haupttext,… um ihn herum, in einer anderen, kleiner gesetzten Schrift, stehen Erörterungen und Auslegungen aus späteren Jahrhunderten…“, so erklärt die Autorin ihr typografisches Konzept. Und so war auch der Gestaltungsmodus der jiddischen Bücher, den sich Efrat Gal-Ed für dieses Buch zu Eigen gemacht hat. Die jiddischen Texte werden – wie seinerzeit üblich – zudem in hebräischer Schrift zitiert. Allerdings dann ins Deutsche (in lateinischer Umschrift) „übersetzt“. Für den Leser eine Herausforderung, der er sich allerdings gern stellt.
Ist doch das Thema, das auf diese Weise präsentiert wird, von grösstem Interesse. Die jiddische Kultur, die Sprache – sie waren doch lange Zeit für viele Menschen von grösster Bedeutung. Noch im vorigen Jahrhundert war „Jiddischland“ innerhalb Europas ein säkularer Kulturraum – eine Kultur und eine Sprache, die weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Heute sind es leider nur noch etwa 1.5 Millionen Menschen, die Jiddische sprechen.

Deutsche Kultur und Sprache als Massstab für das Schaffen

Itzik Manger
Itzik Manger

Ein Vertreter dieser Kultur war Itzik Manger. Geboren wurde er in Czernowitz, in einer multi-ethnischen Stadt in der Bukowina. Für ihn waren deutsche Kultur und Sprache – wie für viele andere auch: Paul Celan und Rose Ausländer u.a. – der Massstab, an dem er sich und sein Schaffen orientierte. Dennoch entschied er sich, wie Efrat Gal-Ed schreibt, für das Jiddische als seine „Dichtersprache“. Für ihn war sie „herrenlos“, war „Jiddisch… „Niemandsprache“, war sie „Niemandsliteratur“ in einer „Niemandswelt“.
In dieser „Niemandswelt“ lebte der Itzik Manger. „Der exzentrische Dichter mit seinen originellen Versen, seinen rumänisch-zigeunerischen Weisen, mit seinen Träumen und selbst mit seinen Skandalen erweckt in Warschau grosses Interesse, auch über die literarischen Kreise hinaus.“, schreibt Efrat Gal-Ed. Er gehörte der einen und anderen literarischen Gruppe an – und war doch irgendwie isoliert. Immer mal wieder denkt er an Selbstmord.
Und er reist: Warschau, wo die zweitgrösste jüdische Gemeinschaft der Welt lebte, und wo er seine wohl glücklichste Zeit verlebte, und Wilna, Krakau und Bukarest, Riga und Berlin und endlich auch nach Paris. Ein unstetes Leben, oft auch abenteuerlich-gefährliches Leben in Kriegs- und Nachkriegszeiten. Und weiter – nach England, nach New York und schliesslich nach Israel. In Israel, in Gedera sollte der wohl grösste und bedeutendste jiddische Dichter  am 20. Februar 1969 sterben. Israel mit einem grossen Begräbnis als einen Helden der jiddischen Literatur.

Die Welt des nichtassimilierten Judentums

Als Dichter war Itzik Manger unverwechselbar. In unzähligen Gedichten und Balladen hat er eine Welt beschrieben, die mit dem Holocaust untergegangen ist. Vor allem die Welt des osteuropäischen, des nichtassimilierten Judentums. Auf diese Weise wurde er berühmt – zumindest bis zur Zeit seines Exils. Danach verlor sich seine Stimme, trotz grossen Erfolgs in Amerika.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Mit der Biographie des jiddischen Dichters Itzik Manger hat die Autorin Efrat Gal-Ed einen vergessenen europäischen Autoren des 20. Jahrhunderts ins literarische Gedächtnis zurück geholt. Und sie hat mit ihrem aussergewöhnlichen Buch nicht nur eine spannende Lebens- und Autorengeschichte erzählt, sondern auch eine kleine, aber bedeutsame Literatur- und Kulturgeschichte geschrieben.

Nicht nur von Efrat Gal-Ed zitierten Gedichte und Balladen belegen seine literarischen Qualitäten. Ergänzend zu dieser grossartigen Biographie empfiehlt sich die Lektüre des ebenfalls von der Biografin herausgegebenen und übertragenen Bandes „Dunkelgold: Gedichte“ (Jiddisch und deutsch).
Der Sohn eines Schneiders wurde zum jiddischen Troubadour, zum „Prinzen der jiddischen Ballade“. Volkspoesie war die Quelle seines Schaffens. Auf diese Weise blieb Manger erdgebunden, blieb er mit seiner Poesie im Hier und Jetzt. Zuhause, als Kind hatte er die Volkslieder gehört. „Was für eine Orgie an Farbe und Klang. Ein verlassenes Erbe, Gold, das als Niemandsgut mit Füssen getreten wurde.“ Er hat diesen Schatz gehoben.
Und so „klingt“ es dann bei ihm:
„Stiller Abend. Dunkelgold. / Ich sitz beim Gläschen Wein. / Was ist geworden aus meinen Tagen? / Ein Schatten und ein Schein – / ein Augenblick von Dunkelgold / soll in mein Lied hinein.“

Lebensgeschichte mit der Kulturgeschichte verwoben

Sein poetisches Credo: „Der Künstler muss in menschlichen Kategorien denken, er muss nicht nur Mitgefühl mit dem Opfer haben, sondern in menschlichen Kategorien den Mörder verstehen, seine Motive, seine Pathologie, sein gesamtes Nervensystem“. Auch das ist Itzik Manger.
Sein vielfältig verflochtenes, sein abenteuerliche und immer gefährdetes Leben hat die Autorin Gal-Ed in ihrem Buch beschrieben. Eigentlich sind es zwei Bücher. Denn Efrat Gal-Ed hat nicht nur die Biographie des Dichters geschrieben, den sie – und das wird in diesem Buch ganz deutlich – als europäischen Dichter begreift; sie hat diese Lebensgeschichte verwoben mit der Literatur- und Kulturgeschichte einer Zeit, in der die jiddisch-säkulare Kultur Osteuropas eine bedeutende Rolle spielte.
Der vergessene Dichter Itzik Manger – Efrat Gal-Ed hat ihn der Vergessenheit entrissen, ihm mit Empathie, profunder Kenntnis und wissenschaftlicher Akribie ein wunderbares Denkmal gesetzt. ♦

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter, Suhrkamp Verlag, 784 Seiten, ISBN 978-3-633-54269-7

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Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer

… und zum Thema Europäische Literatur den Report: