Saxofour: Oparettet den Jazz (Musik-CD)

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Jazz-Hommage an die Operette

von Horst-Dieter Radke

Der erste Eindruck beim Hören des jüngsten Albums „Oparettet den Jazz“ des Ensembles Saxofour: Gute Laune kommt auf. Es macht Spaß zuzuhören. Die Arrangements sind intelligent und werden gekonnt gespielt. Die Freiheiten, die sich die Solisten nehmen, passen in das Korsett des fix Notierten wunderbar hinein.

Saxofour - Saxophon Quartett Wien - Oparettet den Jazz - Rezension Glarean MagazinFreiheiten nehmen sich die vier Saxofour-Mitglieder aber nicht nur beim Spielen heraus, sondern auch beim Komponieren. Zitate drängen sich schon beim ersten Hören auf, lassen sich aber oft nicht sofort exakt lokalisieren – oder dann, wenn man schon meint, etwas zuordnen zu können, verwandeln sie sich wieder. Je öfter man jedoch die Musik hört, desto eher geht einem hier und da ein Licht auf, auch wenn man sich in Operetten nicht so gut auskennt. Manches hat man dann doch schon gehört. Obwohl ich Musik eher nicht „nebenbei“ höre, überraschte es mich jedenfalls, dass ich die CD mehrfach auflegte, auch wenn ich gerade mit anderem beschäftigt war. Sie macht eben einfach gute Stimmung, und dann geht manches andere auch flotter von der Hand.

Seit 30 Jahren im österreichischen Musikleben

Die Akteure von "Oparettet den Jazz": Das Saxofour-Quartett Florian Bramböck, Klaus Dickbauer, Christian Maurer, Wolfgang Puschnig
Die Akteure von „Oparettet den Jazz“: Das Saxofour-Quartett Florian Bramböck, Klaus Dickbauer, Christian Maurer, Wolfgang Puschnig

Die Musiker – oder wie sie sich auf ihrer Homepages nennen: Musikanten – des Quartetts sind seit fast dreißig Jahren in diesem Ensemble unterwegs, aber auch in anderen Besetzungen aktiv in der österreichischen Musikszene. Und es wird nur geblasen: Kein Drumset, kein Bass und schon gar kein Klavier müssen mittun. Dabei grooven und swingen die vier, dass es eine Freude ist. Es spielen Florian Bramböck (Tenor- und Baritonsaxofon), Klaus Dickbauer (Alt- und Baritonsaxophon, Klarinette und Bassklarinette), Christian Maurer (Sopran- und Tenorsaxophon, Bassklarinette) und Wolfgang Puschnig (Altsaxophon und Flöte).

Humorvolle Titelwahl

Dass die vier auch Spaßvögel sind, hört man nicht nur ihren Arrangements an, sondern kommt auch in den Bezeichnungen zur Geltung, die sie sich als Name für ihr Quartett, als Titel für ihre CDs und vor allem für die Titel ihrer Musikstücke ausgedacht haben. „Komm mit“, das Eingangsstück fordert direkt auf, den vieren bei ihren musikalischen Eskapaden zu folgen, was man ruhig tun darf; man wird zwar verführt, muss dies aber nicht bereuen.

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„Borstenvieh“ wiederum klingt kratziger, als es dann daherkommt. Das Bariton-Saxophon führt das Vieh gut durch das Stück und lässt sich auch nicht aus der Bahn bringen durch die (es umtanzenden) anderen Saxophone.
„Lippen schweigen“ vielleicht, das Holz der vier Bläser jedoch nicht, weshalb die Lippen auch da in Bewegung sind. „Schenkt man“ der Musik des Quartetts ausreichend Beachtung, wird man schnell erkennen, was in diesem Stück wo verschenkt wird. Zeller sei dank, obwohl der eigentlich als Mitkomponist hätte erwähnt werden müssen, so deutlich ist das Zitat. Andererseits aber auch das Ergebnis so originell, dass man dies nicht zwingend einfordern muss.
Mit dem Titel „Arie vom toten Hund“ ist man dann fast schon bei Frank Zappa angelangt.

Gekonnte Arrangements, gekonntes Zusammenspiel, gekonnte Improvisationen, Spaß der auch beim Zuhörer ankommt – das ist „Oparettet den Jazz“. Ich wüsste nicht, wem von dieser CD abgeraten werden sollte – allenfalls denjenigen, die sich die Griesgrämigkeit absolut nicht vertreiben lassen wollen. Alle anderen dürften ihre Freude an diesem Saxofour-Album haben. ♦

Saxofour: Oparettet den Jazz, Div. Komponisten, Audio-CD, 1h-2min, Naxos Deutschland

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Musik-Psychologie: Das Mikrotiming im Rhythmus

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Was bringt den Jazz wirklich zum Swingen?

von Walter Eigenmann

Dem Phänomen des Swing widmeten Duke Ellington und Irving Mills bereits 1931 einen speziellen Song, dessen erste Liedzeile bezeichnenderweise lautete: „It Don’t Mean a Thing, If It Ain’t Got That Swing“. Doch bis heute ist die Frage, was genau eine Jazz-Performance zum Swingen bringt, nicht wirklich geklärt. Ein Team des Göttinger Max-Planck-Institutes hat nun mit einer empirischen Studie die Rolle des sog. Mikrotiming im „Swing-Feeling“ bei 160 Profi- und Amateurmusikern untersucht.

Das Thema Mikrotiming in Jazz-/Pop-/Rock-Rhythmen wurde bislang unter Musikwissenschaftlern kontrovers diskutiert. Als Mikrotiming-Abweichungen werden die winzigen Abweichungen von einem bestimmten Rhythmus bezeichnet. Zum Verständnis: Jazz-, Rock- und Popmusik können den Zuhörer buchstäblich mitreißen, indem sie ihn dazu bringen, unwillkürlich mit den Füßen zu klopfen oder den Kopf im Takt des Rhythmus zu bewegen. Zusätzlich zu diesem Phänomen, das als „Groove“ bekannt ist, verwenden Jazzmusiker den Begriff Swing seit den 1930er Jahren nicht nur als Musik-Stil, sondern auch als rhythmisches Phänomen.

Was ist Swing?

Musik-Swing-Rhythmus - Ternäre und Binäre Achtelnoten - Glarean Magazin
Der erste Swing-Ton wird etwas länger gehalten (Ternärer Rhythmus)

Bis heute fällt es den Musikern jedoch schwer zu verbalisieren, was Swing eigentlich ist. Bill Treadwell beispielsweise schrieb in der Einleitung zu seinem „What is Swing?“: „Man kann es fühlen, aber man kann es nicht erklären“. Musiker und viele Musikfans haben also durchaus ein intuitives Gespür dafür, was Swing bedeutet. Doch bisher haben Musikwissenschaftler vor allem nur eines seiner (ziemlich offensichtlichen) Merkmale eindeutig charakterisiert: Aufeinanderfolgende Achtelnoten werden nicht einfach gleich lange gespielt, sondern die erste Note (der sog. „Swing-Ton“) ist etwas länger gehalten als die zweite. Das „Swing-Verhältnis“, d.h. das Verhältnis der Dauer dieser beiden Töne liegt häufig nahe bei 2:1, und es hat sich herausgestellt, dass es bei höheren Tempi eher kürzer und bei niedrigeren Tempi eher länger wird.

Mal genau nach Takt, mal ganz „entspannt“

Musikwissenschaft - Theo Geisel - Referat Rhythmus und Algorithmus - Glarean Magazin
Dr. Theo Geisel bei einem musikwissenschaftlichen Referat über Rhythmus und Algorithmus in Göttingen

Musiker und Musikwissenschaftler diskutierten schon immer auch die rhythmische Schwankung als eines der besonderen Merkmale des Swing. So spielen Solisten beispielsweise gelegentlich für kurze Zeiträume deutlich nach dem Takt, oder sie spielen „entspannt“, um den Fachjargon zu verwenden. Aber ist dies für das Swing-Gefühl notwendig, und welche Rolle spielen viel kleinere Zeitschwankungen, die sich der bewussten Aufmerksamkeit selbst erfahrener Zuhörer entziehen?
Einige Musikwissenschaftler sind seit langem der Meinung, dass es nur solchen Mikrotiming-Abweichungen (zum Beispiel zwischen verschiedenen Instrumenten) zu verdanken ist, dass der Jazz „swingt“. Forscher des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation und der Universität Göttingen rund um Theo Geisel kamen kürzlich aufgrund ihrer empirischen Studie zu einem anderen Ergebnis. Sie vermuten, dass Jazzmusiker den Swing etwas mehr spüren, wenn das Swing-Verhältnis während einer Aufführung möglichst wenig schwankt.

Dem Swing-Geheimnis auf der Spur

Die Unzufriedenheit mit der Tatsache, dass das Wesen des Swing ein Geheimnis bleibt, war die Motivation der Forscher unter der Leitung von Theo Geisel, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation, die Studie durchzuführen: „Wenn Jazzmusiker es spüren, aber nicht genau erklären können“, sagt Geisel, der selber Jazz-Saxophonist ist, „dann sollten wir die Rolle der Mikro-Timing-Abweichungen operativ charakterisieren können, indem wir erfahrene Jazzmusiker Aufnahmen mit den originalen und systematisch manipulierten Timings auswerten lassen“.

Auswertung verschiedener Timing-Manipulationen

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Dementsprechend nahm das Team zwölf Stücke auf, die über vorgenerierte präzise Bass- und Trommelrhythmen von einem professionellen Jazz-Pianisten gespielt wurden, wobei das Timing auf drei verschiedene Arten manupuliert wurde. Zum Beispiel eliminierten sie alle Mikro-Timing-Abweichungen des Pianisten während des gesamten Stücks, d.h. sie „quantisierten“ seine Darbietung. Weiters wurde die Dauer der Mikrotiming-Abweichungen verdoppelt, und bei der dritten Manipulation kehrten sie diese um.
Wenn der Pianist also einen Swing-Ton 3 Millisekunden vor dem durchschnittlichen Swing-Ton für dieses Stück in der Originalversion spielte, verschoben die Forscher den Ton um den gleichen Betrag, d.h. 3 Millisekunden hinter dem durchschnittlichen Swing-Ton, in der umgekehrten Version.
Anschliessend bewerteten 160 Berufs- und Laienmusiker in einer Online-Umfrage, inwieweit die manipulierten Stücke natürlich oder fehlerhaft klangen, und insbesondere hatten sie den Grad des Swing in den verschiedenen Versionen einzustufen.

Swing-Coolness bei den Profis

„Wir waren überrascht“, sagt Theo Geisel über das Ergebnis dieser Untersuchung, „denn im Durchschnitt bewerteten die Teilnehmer an der Online-Umfrage die quantisierten Versionen, d.h. diejenigen ohne Mikrotiming-Abweichungen, als etwas schwungvoller als die Originale. Mikrotiming-Abweichungen sind also kein notwendiger Bestandteil des Swingings“, so Theo Geisel.

King of Swing - Benny Goodman - Musik-Bandleader - Glarean Magazin
Der „King of Swing“: Benny Goodman (1909-1986)

Stücke mit verdoppelten Mikrotiming-Abweichungen wurden von den Befragungsteilnehmern als am wenigsten schwungvoll bewertet. „Entgegen unserer ursprünglichen Erwartung hatte die Umkehrung der zeitlichen Mikrotiming-Abweichungen nur bei zwei Stücken einen negativen Einfluss auf die Bewertungen“, sagt York Hagmayer, Psychologe an der Universität Göttingen. Die Wirkungsstärke des Swingens, die jeder Teilnehmer den Stücken zuschrieb, hing auch von dem individuellen musikalischen Hintergrund der Teilnehmer ab. Unabhängig von Stück und Version gaben professionelle Jazzmusiker im Allgemeinen etwas niedrigere Swing-Bewertungen ab als die Amateure.

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Am Ende der Studie fragten die Forscher die Teilnehmer nach ihrer Meinung darüber, was ein Musikstück ausserdem zum Swingen bringt. Die Befragten nannten weitere Faktoren wie dynamische Interaktionen zwischen den Musikern, Akzentuierung und das Zusammenspiel von Rhythmus und Melodie. „Es wurde deutlich, dass zwar der Rhythmus eine große Rolle spielt, aber auch andere Faktoren, die in der weiteren Forschung untersucht werden sollten, wichtig sind“, sagt Annika Ziereis, die zusammen mit George Datseris Autorin der betreffenden Publikation der Studie ist. ♦

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Jean Kleeb: Classic goes Jazz

Jacques Stotzem: Places we have been (Audio-CD)

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Melodisch frei entfaltete Gitarre

von Horst-Dieter Radke

Er muss nichts mehr beweisen, denn in seiner nunmehr fast vierzigjährigen Karriere hat der belgische Gitarrist Jacques Stotzem ausreichend gezeigt, dass er nicht nur ein versierter Steelstring-Gitarrist ist, sondern auch ein ganz passabler Komponist und Arrangeur. Stotzem gehört nicht zu denen, die Pattern aneinanderreihen, sondern baut seine Kompositionen logisch und harmonisch auf. Melodien werden nicht in ein Akkordgerüst geklemmt, sondern entfalten sich frei und nicht selten von kontrapunktischen Basslinien untermalt. Seine harmonischen Strukturen sind dem Jazz näher als einfachen Folk- und Blues-Songs.

Jacques Stotzem - Places we have been - Musik-CD Gitarre - Acoustic Music Records - Glarean MagazinNeben seinen eigenen Kompositionen arrangiert Stotzem Songs aus Rock und Pop für die Akustikgitarre, von Jimi Hendrix und Rory Gallagher beispielsweise. Letzterem hat er sogar eine eigene CD gewidmet: To Rory (2015).

Ruhige musikalische Reise

Die aktuelle CD „Places we have been“ – die 18. in seinem Oeuvre – enthält neun größtenteils ruhige Kompositionen, die schon beim ersten Hören für sich einnehmen. Doch erst beim wiederholten Auflegen entfalten sie ihre ganze Schönheit. Stotzem will mit diesem Album an die Stationen seiner musikalischen Reisen erinnern, denn er ist Gast auf den Konzertbühnen der ganzen Welt. Wo die einzelnen Stationen liegen, erfährt der Hörer nicht, denn die Titel sind recht allgemein gehalten und Reminiszenzen an bestimmte Regionen sind kaum zu erkennen.

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Er spielt von Plätzen, an denen „wir“ waren (Places we have been), beschreibt musikalisch erlebte Momente, die ewig andauern könnten (It could last forever), erzählt von Aufbruch (Morgen geht’s weiter) und Ankommen im Nirgendwo (Middle of nowhere), von ruhigen Momenten (La tranquillté des jours simples) und nostalgischen Erinnerungen an einen Abend (Nostalgie d’un soir). Das ist so unbestimmt benannt, dass sich der Hörer nicht von fremden Erinnerungen gefangen nehmen lassen muss, sondern eigene daran knüpfen kann. Stotzems musikalische Reise wird so auch zu einer eigenen, selbst erlebten.

Nahtlos-kunstvolle Übergänge

Jacques Stotzem - Gitarrist - Places we have been - Glarean Magazin
Jacques Stotzem (*1959)

Die Werbung spricht von der „Leichtigkeit der Melodielinien“. Für mich hört sich das immer an wie die Werbung für Schokolade, die „so leicht schmeckt“. Worte, die tatsächlich keinen Sinn ergeben und nur einen subjektiven Eindruck beim Leser oder Hörer erzeugen sollen. Was aber klar wird beim Hören, dass es eben tatsächlich Melodien sind, die Stotzem als Grundlage seiner Kompositionen nimmt und auch deutlich ausarbeitet, keine leeren Harmonien, keine Akkordcluster oder einfach nur kurze Riffs. Man kann mitsummen, wenn man will. Man könnte mitsingen, wenn man sich einen Text dazu einfallen lässt. Die Melodien sind nicht einfach gebaut, aber durchaus eingängig. Man hört diese Melodien auch dann noch, wenn der Gitarrist das Zupfen/Picking verlässt und perkussive Schlagtechniken anwendet. Er beherrscht dies so kunstvoll, dass es fast nicht bemerkt wird, wenn er von der einen zur anderen Technik wechselt. Das geht so nahtlos ineinander über, dass die Übergänge als solche nicht auffallen.

Anfangstakte des Titelstücks der CD "Places we have been" des Gitarristen und Komponisten Jacques Stotzem
Anfangstakte des Titelstücks der CD „Places we have been“ des Gitarristen, Arrangeurs und Komponisten Jacques Stotzem

Fazit: „Places we have been“ von Jacques Stotzem ist nicht nur den Afficionados der Steelstring-Gitarre zu empfehlen, sondern allen, die gern ruhige, anspruchsvolle Musik hören. Man hört sie sich nicht so schnell leid – wenn überhaupt -, und findet immer wieder etwas in diesen kleinen „Miniaturen“ zu entdecken. Dieser ruhige Musiker gibt etwas von seiner Unaufgeregtheit auch an seine Hörer weiter – selbst dann, wenn die Momente der Spannung und Entspannung häufig wechseln. Kaufempfehlung. ♦

Jacques Stotzem, Gitarre: Places we have been (Audio-CD), Acoustic Music Records

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Gitarren-Musik auch über
Jakob Bangso: Connect – Electronic Works for Guitar (Audio-CD)

… sowie über das neue Harmonik-Kompedium des Gitarristen
Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony


English translation

Melodically free unfolded guitar

by Horst-Dieter Radke

He doesn’t have to prove anything anymore, because in his almost forty-year career the Belgian guitarist Jacques Stotzem has sufficiently shown that he is not only an experienced steelstring guitarist, but also a quite passable composer and arranger. Stotzem does not belong to those who string patterns together, but builds his compositions logically and harmoniously. Melodies are not clamped into a chord structure, but unfold freely and often accompanied by contrapuntal bass lines. His harmonic structures are closer to jazz than simple folk and blues songs.

Besides his own compositions Stotzem arranges songs from rock and pop for the acoustic guitar, by Jimi Hendrix and Rory Gallagher for example. He even dedicated a CD to the latter: To Rory (2015).

Quiet musical journey

The current CD „Places we have been“ – the 18th in his oeuvre – contains nine mostly quiet compositions, which already capture the listener’s attention on first hearing. But only when they are repeated do they unfold their full beauty. With this album Stotzem wants to recall the stages of his musical journeys, because he is a guest on concert stages all over the world. The listener doesn’t know where the individual stations are, because the titles are quite general and reminiscences of certain regions are hardly recognizable.

He plays from places where „we“ were (Places we have been), describes musically experienced moments that could last forever (It could last forever), tells of departure (Morgen geht’s weiter) and arrival in nowhere (Middle of nowhere), of quiet moments (La tranquillté des jours simples) and nostalgic memories of an evening (Nostalgie d’un soir). This is so vaguely named that the listener does not have to let himself be captivated by foreign memories, but can tie his own to them. Stotzem’s musical journey thus also becomes his own, self-experienced one.

Seamless, artistic transitions

The advertising speaks of the „lightness of the melody lines“. For me, it always sounds like advertising chocolate that „tastes so light“. Words that really don’t make sense and are only meant to make a subjective impression on the reader or listener. But what becomes clear when listening to them is that they are actually melodies that Stotzem takes as the basis of his compositions and also clearly elaborates, no empty harmonies, no chord clusters or just short riffs. You can hum along if you want. You could sing along if you come up with a text. The melodies are not simple, but catchy. You can still hear these melodies even when the guitarist leaves plucking/picking and uses percussive percussion techniques. He masters this so artfully that it is almost unnoticed when he changes from one technique to the other. This merges so seamlessly that the transitions as such are not noticeable.

Conclusion: „Places we have been“ by Jacques Stotzem is not only to be recommended to the Afficionados of the Steelstring guitar, but also to everyone who likes to listen to quiet, sophisticated music. You don’t get tired of them so quickly – if at all – and you always find something to discover in these little „miniatures“. This quiet musician also passes on some of his unexcitement to his listeners – even when the moments of tension and relaxation change frequently. Buy recommendation. ♦

Jacques Stotzem, Guitar: Places we have been (Audio-CD), Acoustic Music Records

Electronic Chamber Music (CD & Vinyl)

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Symbiose der Genres und Stile

von Horst-Dieter Radke

1969 erschien die LP „Ceremony“, die die englische Rockgruppe Spooky Tooth zusammen mit dem französischen Elektronikpionier Pierre Henry (1927-2017) aufgenommen hatte. Es war allerdings kein echtes Gemeinschaftswerk. Spooky Tooth spielte ihre Songs ein, Pierre Henry bearbeitete diese anschließend mit seinen elektronischen Effekten. Man hört dies deutlich, hat das Gefühl, das einer gegen den anderen ankämpft. Von einer Synthese elektronischer Musik mit analoger Musik (in diesem Fall Rock) kann nicht gesprochen werden.

Electronic Chamber Music - CD - Vinyl - Rezension im Glarean Magazin

Ganz anders ist dies bei Electronic Chamber Music. Dieses vierköpfige Ensemble spielt traditionelle Instrumente wie Gitarre, Violine, Kontrabass und erweitertet diese um einen modularen – also analogen –Synthesizer und weitere elektronische Klangerzeuger. Laut Presseinformation spielen die Musiker „maßgeschneiderte, erweiterte Instrumente, bei denen elektronische und akustische Klänge nahtlos ineinander übergehen“. Das ist schwer zu überprüfen durch reines Hören. Auch auf den im Netz zu findenden Videos (hier oder auch hier) ist das an den Instrumenten nicht erkennbar.

Keine Konfrontation, sondern größtmögliche Annäherung

Mir liegt die Vinyl-Langspielplatte vor, die sich in schönem Türkis auf dem Plattenteller dreht. Sie enthält acht Stücke, durchnummeriert von 01 bis 08. Die Nummern 01 bis 04 sind überschrieben mit ADC, die Nummer 05 bis 08 mit DAC. Es ist unschwer zu erraten, was damit gemeint ist: Analog-Digital-Umsetzer und Digital-Analog-Umsetzer. Durchgängig ist, dass elektronisch Elemente mit denen der traditionellen Instrumente ein Miteinander eingehen. Es ist kein Kampf gegeneinander, sondern der Versuch, eine größtmögliche Symbiose zu schaffen. Beteiligt waren an der Produktion die vier Künstler Otso Lähdeoja (Gitarre & Elektronik), Aino Eerola (Violine & Elektronik), Alejandro Montes de Oca (Modular Syntheziser), Nathan Riki Thomson (Kontrabass & Elektronik).

Vom Free Jazz über die Tradition bis zur Stille

FAZIT: Dass elektronische Musik in Kombination mit traditionellen Instrumenten eine sinnvolle und gut hörbare Einheit eingehen kann, zeigt das Ensemble der vier Musiker aus Helsinki eindrucksvoll. Electronic Chamber Music schafft eine symbiotische Klangwelt, die auch beim wiederholten Hören immer neue Facetten zeigt.

Die Themenvielfalt ist groß. Manches erinnert an intensive Momente des Free Jazz, hier und da tauchen fast traditionelle Motive auf, die zu einer großen Eindringlichkeit gesteigert werden, und dann wieder scheint es, als wolle man in Richtung absoluter Stille gehen, ohne diese jemals erreichen zu können. Auch nach mehrmaligem Hören wurde mir die Musik des Ensembles nicht langweilig, wobei ich die Annehmlichkeit der Langspielplatte, das nach der Hälfte die Musik endet und die Platte umgedreht werden muss, genoss. So war ein Moment des Innehaltens gegeben, der bei der CD erst durch einen willkürlichen Akt – das Anhalten des Players – erreicht werden kann. Das Ensemble hat die Aufnahmen live eingespielt. Es gibt also kein Overdub, kein nachträgliches Einfügen von Effekten. Auch dies trägt sicher dazu bei, dass die Aufnahmen wie aus einem Guss erscheinen. Ich hoffe, dass dies Ensemble noch weitere Aufnahmen folgen lässt und vielleicht auch einmal live zu erleben ist. ♦

Electronic Chamber Music (Audio-CD & -Vinyl), 51 Minuten, Naxos Direct

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Elektronische Musik auch das
Interview mit dem Schweizer Komponisten Fabian Müller

Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony

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Das ultimative Harmonik-Kompendium

von Walter Eigenmann

Die sog. Harmonielehre, darüber herrscht kein Zweifel, gilt sowohl manchen Klassik- als auch vielen Rock/Pop- oder Jazz-Musikern als trockene Materie. Verstaubte Theorie halt, die man allenfalls im Musik-Hochschulstudium als „Nebenfach“ durchstehen muss oder als Improvisierender gleich ganz ignoriert.
Doch ebenso zweifellos behält in dem neuen 800-Seiten-Wälzer von Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony der Autor im Vorwort absolut spartenübergreifend recht: „Talent mag vom Himmel in die Wiege fallen, Wissen jedoch nicht. Jeder Musiker, Maler oder Bildhauer informiert sich und steht im Austausch mit Kollegen, um zu lernen.“

Drei unterschiedliche Lernebenen

Mathias Löffler - Rock & Jazz Harmony - Die Klangwelt der Rock- und Jazzmusik verstehen - Ama VerlagDieses Lernen bzw. Lehren kommt in Löfflers breit und stringent aufgebauter „Harmonielehre“ in vielfältiger Manier daher. Theoretische Ausführungen (von den Basics wie das Notenlesen bis zum komplexen Modal Interchange) stehen neben graphisch illustrierten Harmonik-Analysen; Zusammenfassende Kapitel-Aufgaben zum Selber-Lösen wechseln sich ab mit konkreten Anweisungen für das improvisatorische Instrumentalspiel; Regelmäßig eingestreute „Definitionskästchen“ als unverzichtbare Lerninhalte kontrastieren (später) mit frei anwendbaren „Strategien“ für das selbstständige Analysieren. Und es fehlen weder die Download-Hinweise zu online verfügbaren MP3-Dateien noch eine große Fülle an Notenbeispielen aus der ganzen jüngeren Rock- und Jazz-Szene.

Rock & Jazz Harmony - 3 Vierklänge - Mathias Löffler
Die drei wichtigsten Vierklänge der Rock- und Jazzmusik, wo ein Ton die gleichmäßige Terzschichtung durchbricht

Grundsätzlich schreitet dabei das Lehr- und Übungsbuch vom Einfachen zum Schwierigen fort; gleichwohl hat der Musikpädagoge Löffler die großen Bereiche seines fast 800-seitiges Kompendiums geschickt in drei „Lernebenen“ strukturiert: In eine Art „Quick Set Up Guides“ mit zahlreichen inhaltlich zusammenfassenden „Konzentraten“; in den ausführlich erläuternden Fließtext mit zahlreichen Songbeispielen; und in eine dritte Ebene, die für Fortgeschrittene das punktuelle Lernen gestattet. Diese dreiteilige „Binnenform“ der Stoffbehandlung ermöglicht ganz unterschiedlichen Leserschichten ein modales Buchstudium und trägt wesentlich dazu bei, die Lektüre individuell und abwechslungsreich anzugehen.

Ein Fahrplan für das Crossover-Studium

Dem Band vorangestellt ist dabei ein sog. Fahrplan als Orientierungshilfe. Dessen Wegweiser leiten den Leser nicht aufsteigend von Kapitel zu Kapitel, sondern offerieren die Möglichkeit einer Crossover-Lektüre:

Mathias Löffler - Rock & Jazz Harmony - Der Fahrplan - Ama Verlag

Den „Grundlagen“ gestattet Löffler 150 Seiten, danach ist das „Basislager“ erreicht, und das Interesse des Lesenden kann sich zu splitten beginnen. Die ersten drei Kapitel enthalten dabei die intensivsten Trainingseinheiten mit zahlreichen Aufgaben-Seiten, die das Gelernte abrufen und vertiefen sollen.

Themenfelder lückenlos erfasst

Häufig eingestreute Aufgaben erlauben dem Leser eine Standort-Bestimmung des Gelernten (Rock & Jazz Harmony - Aufgaben-Beispiele)
Häufig eingestreute Aufgaben erlauben dem Leser eine Standortbestimmung seines Gelernten

Meines Wissens war auf dem Buchmarkt bislang keine thematisch verwandte Publikation verfügbar, die den rein musiktheoretischen Aspekt der sog. U-Musik – Löffler definiert „Rock & Jazz“ breit, subsumiert darunter auch Blues, Soul, Latin, Schlager, Metal oder Country u.a. – derart tiefgreifend und differenziert behandelt. Themenfelder und Begrifflichkeit sind dabei anfänglich bzw. als Grundlage durchaus der Klassischen Harmonielehre entnommen. Ungefähr ein Drittel des Buches dürfte dezidiert dieser „traditionellen“ Lehre des 17. bis 19. Jahrhunderts zuzuordnen sein, wobei auch Anfänger wie Wieder-Einsteiger aller Stufen ihren Nutzen daraus ziehen können. Der Link zum historisch angehäuften Wissensfundus ist also gegeben. Darüber hinaus aber bereitet der Band das gesamte theoretische Material der neueren U-Musik-Geschichte auf, soweit es harmonietechnisch überhaupt analysier- bzw. vermittelbar ist.

Lehr- und Wörterbuch zugleich

Dass sich in Theorie und Praxis ohnehin die Schwerpunkte, Methoden und Historien der beiden Sparten U- und E-Musik teils synonym überschneiden, ist klar. Dass aber die „Populäre Musik“ der letzten ca. 80-100 Jahre vom frühen Afro-Blues bis in unsere Tage des Aleatorischen FreeStyle-Jazz sich inzwischen ebenfalls einen musikhistorisch katalogisier- und didaktisch aufbereitbaren Begriffsapparat generiert hat, wird eben an solchen Arbeiten wie Löfflers „Harmony“ ersichtlich, die kaum einen Aspekt außer Acht lässt, der klanglich irgendwie Eingang ins heutige – ansonsten ja stilistisch völlig unübersehbare – Konzertleben gefunden hat. (Über die ganze Fülle des behandelten Materials orientiert hier das Inhaltsverzeichnis von Rock & Jazz Harmony).

Auch komplexere Harmonik-Strukturen werden in "Rock & Jazz Harmony" von Mathias Löffer anschaulich erläutert
Auch komplexere Harmonik-Strukturen werden in „Rock & Jazz Harmony“ von Mathias Löffer anschaulich erläutert

In seinem ganzen didaktischen Aufbau ist der Band als Lehrbuch also sehr gut verwendbar. Gleichzeitig ist er mit seinem begriffsorientierten, teils auch modalen Konzept und der übersichtlichten Gliederung der Themenfelder (bis hin zum mehrseitigen Registerverzeichnis) auch ein Nachschlagewerk. Wohltuend dabei nicht nur für das Heer der „Garagen-Musik“-Amateure: Löfflers Buch versteht sich nicht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern stellt den theoretischen Bezug zur Rock- und Jazz-Musik in einer ungezwungenen Sprache her. Nicht Dozieren, sondern Vermitteln war offensichtlich angesagt.

Harmonische Analyse direkt an den Songs

Stufen- und Skalen-Analyse von "Blue In Green" (Miles Davis)
Stufen- und Skalen-Analyse von „Blue In Green“ (Miles Davis)

Am konkretesten wird dieser Ansatz im letzten, dem „Analysen“-Kapitel. Auf fast 100 Seiten behandelt Löffler hier beinahe Takt für Takt das harmonische Gerüst von „Klassikern“ wie „Hey Joe“ (Jimi Hendrix) oder „Every Breath You Take“ (The Police) über Pop-Hits wie „I Turn To You“ (Christina Aguilera) oder Film-Titel wie „A Foggy Day“ (George Gerschwin) bis hin zu legendären Jazz-Titeln wie „500 Miles High“ (Chick Corea) und „Keep Me In Mind“ (John Scofield) oder auch Bepop-Evergreens wie „Donna Lee“ (Charlie Parker). Auch hier wieder illustrieren teils umfangreiche Notenbeispiele und unterstützen die Analyse der harmonischen Binnenstrukturen.

Die Referenz in Sachen Rock-Jazz-Harmonik

Gitarrist, Band-Gründer, Dozent: Autor Mathias Löffler (geb. 1965)
Gitarrist, Band-Gründer, Dozent: Autor Mathias Löffler (geb. 1965)

Im Unterschied zu vielen vergleichbaren „Schulbüchern“ zum Thema gelingt es dieser „Harmonielehre“ des 53-jährigen Band-Gründers, Profi-Gitarristen und Dozenten Mathias Löffler, seinen weitläufigen und komplexen Gegenstand in besonders transparenter Manier aufzubereiten. Dazu trägt nicht nur die raffinierte didaktische Bändigung der Theorie bei, sondern auch der ständige Bezug zum „musikalischen Alltag“ mit Song-, Noten- und Hörbeispielen direkt „aus der Praxis“. Bei zukünftigen Auflagen ist zu wünschen, dass die Online-Anbindung des Buches noch ausgebaut bzw. aktualisiert wird, um so das moderne Lernverhalten weiter Jugend-Kreise zu unterstützen. Aber auch schon jetzt flankieren diverse Audio-Download-Optionen  das Buch und verstärken so die Stoffvermittlung.

FAZIT: „Rock & Jazz Harmony“ von Mathias Löffler macht deutlich, dass Konzerterfolge auch in der U-Musik-Welt tatsächlich nicht „vom Himmel fallen“, sondern ursächlich mit der „Harmonik“ zu tun haben, die alles „im Innersten zusammenhält“. Die genaue Kenntnis der „Harmonielehre“ ist also nicht der Widerpart des spontanen Musizierens, sondern deren Voraussetzung… Kurzum: Löfflers höchst umfangreiches, aber seinen Gegenstand sehr abwechslungsreich verkaufendes Kompendium ist meines Erachtens die neue Referenz zur Thematik und gehört als Lehr- wie als Wörterbuch in jede Musik-Unterrichtsstube an Hoch- wie an Volks- und Musikschulen.
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„Rock & Jazz Harmony“ von Mathias Löffler macht deutlich, dass Konzerterfolge auch in der U-Musik-Welt tatsächlich nicht „vom Himmel fallen“, sondern ursächlich mit der „Harmonik“ zu tun haben, die alles „im Innersten zusammenhält“. Die genaue Kenntnis der „Harmonielehre“ ist also nicht der Widerpart des spontanen Musizierens, sondern dessen Voraussetzung… Kurzum: Löfflers höchst umfangreiches, aber seinen Gegenstand sehr abwechslungsreich verkaufendes Kompendium ist meines Erachtens die neue Referenz zur Thematik und gehört als Lehr- wie als Wörterbuch in jede Musik-Unterrichtsstube an Hoch- wie an Volksschulen. Doch auch jeder Musiktheorie-Anfänger – und der Instrumentalist im „klassisschen“ Sektor sowieso… – wird die „Rock & Jazz Harmony“ als willkommene Ergänzung, ja als notwendige Horizonterweiterung seiner Musik erfahren. Der professionelle Songwriter oder Arrangeur schließlich erhält zahlreiche weiterführende Anregungen, die seine Arbeit intensivieren werden. ♦

Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony – Die Klangwelt der Rock- und Jazzmusik verstehen, 784 Seiten, AMA Verlag, ISBN 978-3899222395

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musiktheorie auch über
Christoph Wünsch: Satztechniken im 20. Jahrhundert

Liska & Honzak: Bercheros & Uncertainty (CD)

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Auf Linie gebracht: Bassisten als Bandleader

von Michael Magercord

Ein Komponist für Filmmusik, der seine Wurzeln im Jazz verortet, gestand mir einmal, dass er, wenn er partout keinen Einfall für eine Melodie-Linie bekomme, zunächst entsprechend der filmischen Vorgaben eine Bass-Linie einspielt, auf der sich dann alles weitere finden lässt.
Musik, die bewegten Bildern unterlegt wird, folgt einer zuvor festgelegten Dramaturgie. Und ein wenig wirken die beiden vorliegenden Alben, in denen die Bassisten jeweils den Ton angeben, auch wie Filmmusik. Obwohl es keine Platten mit Filmmusik sind, sondern eher das, was man einmal „Konzeptalben“ nannte: eine dreiviertel Stunde zusammenhängende Klanggebilde – das kann entweder großartig werden oder ganz besonders repetitiv enden.

Gratwanderungen für Jazz-Bassisten

Bercheros - Odyssey - Glarean MagazinMit Tomas Liska und Jaromir Honzak, haben sich zwei versierte Jazz-Bassisten und ihre jeweiligen Formationen in ihren neuen Einspielungen – beide bei Supraphon – auf genau diese Gratwanderung begeben. „Bercheros Odyssee“ nennt Tomas Liska, der jüngere von beiden, seine Komposition, die der Absolvent des Berliner Jazz-Instituts zusammen mit seinen Kommilitonen Fabiana Striffler (Geige), Simon Marek (Cello), Markus Ehrlich (Klarinette) und Natalie Hausmann (Tenorsaxophon) unter dem Bandnamen Pente eingespielt hat. Das Album folgt ganz und gar der Konzeptidee. Die sechs einzelnen Passagen heißen auch konsequenterweise „Parts“, die ein zusammenhängendes Ganzes bilden sollen.
Liska war zuvor eher in der Weltmusik und im Bluegrass unterwegs. Mit dem Studium begann wohl die Reise durch philosophische und ästhetische Tiefen seines Faches. Seine CD gewordene Odyssey mit einem Titel, der aus den Namen seines Studienortes und dem des Indianerstammes der Cherokee zusammengesetzt wurde, kommt zunächst etwas intellektuell und ernst daher, verliert sich ab und zu im Free Jazz, um dann doch immer wieder kürzere Aufenthalte an bekannten Orten einzulegen: wenn nämlich die Geige oder das Cello folkloristisch ertönen, die Klarinette einen Gospel andeutet oder uns das Saxophon auf dem Balkan Station machen lässt – und trotzdem findet es zu einer lyrischen, unprätentiösen Einheit.

Meditative Dichte ohne Instrumenten-Akrobatik

Honzak - Uncertainty - Glarean Magazin
Honzak: „Uncertainty“

Etwas traditioneller erscheint aufs erste Hören das Album des versierten Altjazzers Jaromir Honzak zu sein. Auch er hatte einst studiert, nur liegt das schon bald 30 Jahre zurück. Zehn Jahre zuvor hatte er seinen Militärdienst in einer Armeeband in Prag absolviert, und danach begann seine Laufbahn in der Jazzszene der Stadt. Sein Studienort war dann Boston. Nach dem USA-Aufenthalt begann seine internationale Karriere als Bassist, Bandleader – und Komponist.
„Uncertainty“ heißt die Zusammenstellung von acht eigenen Titeln, die er mit den wesentlich jüngeren E-Gitarristen David Doruzka, Pianisten Vit Kristan, dem französischen Saxophonisten Antonin-Tri Hoang und schwedischen Schlagzeuger Jon Fält eingespielt hat. Jedes Stück steht für sich, hat eine andere instrumentale Zusammensetzung. Und ist das erste Stück mit dem deklamatorischen Titel „Smell of change“ noch flotter E-Gitarren-Jazz, so ist im zweiten der Wandel da und im dritten schließlich vollzogen: hin zu einer meditativen und lyrischen Dichte, die sich weitgehend der Instrumenten-Akrobatik enthält, und die man durchaus als Ausflug in die „Ungewissheit“ erleben kann.

FAZIT: In ihren jüngsten Aufnahmen folgen Altjazzer Jaromir Honzak („Uncertainty“) und Neujazzer Tomas Liska („Bercheros Odyssey“) weiterhin den Vorgaben der Bass-Linien. Dass diese Wahrung einer guten Musik-Tradition dem Treiben der doch so freiheitsliebenden Improvisations-Musiker erst die Form gibt, in der sich dann ihre sprühenden Ideen oder – im Gegenteil – ihre Hingabe in tiefe Gefühlswelten ergießen können, beweisen einmal mehr diese beiden lyrischen, ja meditativen Alben.

Beide Alben haben – bei allen Unterschieden – schließlich doch eines gemeinsam: Es sind ihre klaren bass-lines, die ihre musikalische Fantasien auf Linie halten. Sie erst machen aus der Gratwanderung zwischen Klängen und Atmosphären, aus den Stückchen und den Teilen ein zusammenhängendes Ganzes. Vielleicht ist dies ja auch das höchste an der hohen Kunst des Bass-Spiels. Und sollte den beiden Bassisten darum gegangen sein: mission accompli. ■

Tomas Liska & Pente: Bercheros-Odyssey, Audio-CD, Supraphon / Jaromir Honzak & Band: Uncertainty, Audio-CD, Supraphon

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Isabel Willenberg: Vertraulich (CD)

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Ein vertontes Tagebuch

von Stephan Urban

Isabel Willenberg wurde 1982 geboren und begann bereits im Alter von 16 Jahren bei verschiedenen Coverbands zu singen.  Schon bald (und selbst während ihres Medizinstudiums, das sie 2008 beendete) begann sie zu komponieren und Songtexte zu schreiben. Trotz des erfolgreich abgeschlossenen Studiums wandte sich Isabel Willenberg von der Medizin ab, um sich voll und ganz auf ihre große Leidenschaft, die Musik, zu konzentrieren, was sicherlich keine leichte Entscheidung gewesen ist.

Isabel Willenberg - Vertraulich - Audio-CDAber zweifellos eine gute, wie Ihr Debüt-Album „Vertraulich“ beweist. Der Titel wurde wohl gewählt, weil die Songs primär sehr persönliche Texte enthalten, die teilweise einem privaten Tagebuch entnommen sein könnten. Die Tatsache, dass Isabel Willenberg mit ihrer medizinischen Ausbildung über ein zweites Standbein verfügt, trug wohl dazu bei, sich nicht unbedingt auf den Geschmack eines bestimmten Publikums konzentrieren zu müssen und konsequent die eigenen Vorstellungen umsetzen zu können. Es bleibt zu wünschen, dass dieser mutige Zugang mit dem entsprechenden Erfolg belohnt wird.

Angenehmes Stimm-Timbre

Die Tracks 1 „A plan of care and kindness“ und 3 „Autumn“ wurden nur mit einer Martin-Gitarre, Typ DC-1E, die Klaviertracks einerseits mit einem Yamaha C3 Flügel – Track 4 „free“, Track 6 „Gedankenvögel“ (der einzig deutschsprachige Text), Track 7 „Broken Flower“, Track 8 „Your cry“ – andererseits mit einem Galaxy II Steinway mit VST-Software – Track 2 „Memories“, Track 5 „Standing still“, Track 9 „My friend“ – in einem professionellen Tonstudio aufgenommen. Das hört man zweifelsfrei: Eine glasklare, intime, sehr unmittelbare Aufnahme mit unkomprimierter Dynamik ist hier entstanden.
Und so kommt nach dem Starten der CD Isabel Willenberg aus Kleve mit ihrem musikalischen Begleiter Christian Spelz auf Besuch und trägt ihre zwischen Pop und Jazz schwebenden Balladen direkt im Hörraum des geneigten Zuhörers vor. Ihre Stimme verfügt über ein angenehmes Timbre und eine seltsame Art von Energie, die einen gewissen Wiedererkennungswert besitzt. Sie trägt ihre Texte sehr selbstbewusst und virtuos vor. Einige Textstellen werden von Christian Spelz mit zweiter Stimme dezent begleitet, wobei – leider, möchte ich fast sagen – die Terzenseligkeit, wie z.B. bei Simon&Garfunkel oder wie in der Volksmusik üblich, vermieden wird. Zumeist singen sie strengere Intervalle oder unisono, das hört sich ziemlich interessant an.

Hoffnungsvolles Debüt-Album

„Vertraulich“ ist ein überzeugendes Debüt-Album von Isabelle Willenberg mit sehr persönlichen Texten, die mit sparsamer Begleitung in intimer Atmosphäre und in hervorragender Tonqualität vorgetragen werden.

Schade finde ich allerdings, dass sie ihre Lieder mit Ausnahme eines einzigen Songs in englischer Sprache präsentiert – und das, obwohl das Album einen deutschsprachigen Titel trägt. Das ist ein wenig irreführend, und ich bin auch der Meinung, dass Texte in der Muttersprache des Künstlers oft emotionaler und berührender vorgetragen werden können.
So, wie ihre Musik gemacht ist, läuft Isabel Willenberg sowieso keinesfalls Gefahr, in irgendwelche Schubladen, die nach „deutschem Schlager“ riechen, gesteckt zu werden, warum also englische Texte? Sollten hier Gedanken an internationale Vermarktung dahinterstecken? Da ist die Konkurrenz auf diesem Musiksektor wohl übermächtig, im deutschsprachigen Raum hingegen sähe ich bessere Chancen, wenn diese Lyrik emotional und verständlich dargeboten würde. So ist auch nur bei dem Song „Gedankenvögel“ leicht herauszuhören, dass es hier wohl nicht zuletzt um ihre Entscheidung bezüglich der Hinwendung zur Musik geht und sie ihren Zuhörern Mut machen möchte, ebenfalls den eigenen Weg zu gehen und etwaige Zweifel zu überwinden.
In „Broken flowers“ geht es wohl um die Auseinandersetzung mit dem Tod eines geliebten Menschen, wohingegen der Opener „A plan of care and kindness“ von ihren Erlebnissen in Kenia geprägt ist, wo sie viereinhalb Monate in einem Krankenhaus gearbeitet hat.
Das aus meiner Sicht etwas langweilig gestaltete Booklet enthält sämtliche Texte, die üblichen Danksagungen und einen als Einbegleitung gedachten Text von Rainer Maria Rilke. Weitere Werke dieser interessanten Künstlerin dürfen mit Spannung erwartet werden. ■

Isabel Willenberg, Vertraulich, Audio-CD – Hörproben

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Liska & Honzak: Bercheros & Uncertainty (CD)

Greg Alper Band: Fat Doggie (CD)

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Die Fusion-Wundertüte

von Stephan Urban

Es war 1978, die große Zeit der Discomusik und des „Studio 54“. Wollte man als Jazzmusiker auch einmal gutes Geld verdienen, kam man damals an diesem Stil kaum vorbei, und wollte man dabei auch noch Würde bewahren, dann musste man den Ansatz so wählen, dass der Jazz-Anteil nicht an belanglose Fahrstuhl-Beschallungsmusik erinnerte. Aufmüpfiger und progressiver sollte das schon sein.
So lag es auch nahe, sich bewährter Konzepte zu bedienen, zum Beispiel beim druckvollen Funk eines James Brown oder auch Herbie Hancock, der ja ab den frühen 70ern auf manchen Alben gezeigt hatte, wie man das richtig macht.

Am Disco Funk orientiert

Greg Alper Band: Fat Doggie (First Hand)
Greg Alper Band: Fat Doggie (First Hand)

Bei der Einstiegsnummer „Hole In Your Pocket“ – von Ray Anderson gesungen – orientiert man sich eindeutig am Disco Funk. Manche DJ’s werden sich vermutlich speziell dieses Songs wegen über diese CD-Neuveröffentlichung freuen, war er doch jahrelang eine gesuchte Rarität. Anderson ist zwar alles andere als ein guter Sänger, aber er versucht hier halbwegs erfolgreich, die Shouter-Qualitäten von James Brown nachzuahmen. Da dies ein sehr rhythmusbetonter Song ist, stört dann auch die eine oder andere falsche Intonation nicht sehr.
Auch die Titelnummer schlägt in die gleiche Kerbe, wobei aber die üppigen Bläsersätze hier durchaus angenehm an die frühen „Chicago“ erinnern, und auch der Jazz-Anteil hier bereits ungleich größer ist.
„Give It Up“ klingt wie eine mit dem „Godfather Of Funk“ eingespielte Jamsession, ist hektisch, aber dennoch groovig, und das Blech erinnert an die entsprechende Sektion bei der Formation „Tower Of Power“. Somit bleibt an der insgesamt gebotenen Dynamik rein gar nichts auszusetzen.

Jazz-Funk-Mischung erster Güte

Der erste bisher unveröffentlichte Track „Three’s A Crowd“ bietet eine Jazz-Funk-Mischung erster Güte. Das Trombone-Solo von Ray Anderson klingt, als würde er durch die Posaune schreien, so wie es damals auch Namensvetter Ian Anderson durch seine Querflöte gerne tat, und dürfte eine wohl nicht unerhebliche Inspiration für einen anderen bekannten New Yorker Posaunisten und seinen Stil gewesen sein, nämlich Joseph Bowie von der „Funk-Jazz-Band Defunkt“. Überhaupt gibt es hier herrlich schmutzigen Funk zu hören, dargeboten mit übersprudelnder Spielfreude. Verwunderlich, dass es dieser Titel nicht schon auf das seinerzeitige Album geschafft hat.
„Huevos Nuevos“ hat nicht nur einen lateinamerikanischen Titel, es kommt auch stilistisch aus der Latin-Fusion-Ecke. Im musikalischen Schmelztiegel des New York der späten 70er Jahre waren ja Latin-Sounds fast eine Pflichtübung, und das Stück weiß sowohl rhythmisch als auch musikalisch zu überzeugen.

Free-Jazz-Elemente inklusive

„The Cantatta Baratta“  und „Suite For Renee“ emulieren nahezu perfekt den Fusion Sound von Billy Cobham und der Brecker Brothers, die – auch New Yorker – an diesen Aufnahmen nicht beteiligt waren. „Suite For Renee“ endet mit einem wahren Percussion-Feuerwerk, das die perfekte Überleitung auf das moderate, ebenfalls südamerikanisch angehauchte „Many Moods“ bietet. Dieser zweite Bonus Track ist von der Harmonik her der vielleicht jazzigste Song dieses Albums. Die lyrischen Solis von Greg Alper und Gitarrist Chuck Loeb betonen hier perfekt die leicht melancholische Stimmung.
Im gleichen musikalischen Farbton geht es mit „Five Verses For“ dann weiter, und man stellt fest, dass diese Platte gegen Ende hin immer jazziger wird, hier sind sogar einige kurze Free-Jazz-Elemente zu orten. Auch hört man gegen Ende immer stärker den – von Herb Alper selbst zugegebenen – Einfluss Frank Zappas auf seine Kompositionen heraus. Und ob nun auch noch John Klemmer für die Abschlussnummer „Don’t Ever Let Me Catch You“ Pate gestanden haben mag, sei der Beurteilung des geneigten Hörers überlassen.

Ein geglücktes Remaster

Ein erstaunlich vielseitiges Remaster-Funk-Album, dessen Jazzorientierung mit jedem Song ständig zunimmt. Die erste Liga der New Yorker Session Musiker der 70er Jahre bemüht sich hier auf Greg Alpers Solodebüt redlich, den von ihm wohl angestrebten Spagat zwischen anspruchsvoll und kommerziell zu vollziehen. Die Stärke dieser Produktion ist aber gleichzeitig ihre Schwäche: Der spürbare Wille, das größtmögliche Spektrum des Fusion-Jazz abzudecken, geht ein wenig zu Lasten der Homogenität. Gregory Alper hat hier aber auf jeden Fall viel Mut bewiesen und eine hochwertige Fusion-Scheibe abgeliefert.

In Würde gealtert, doch erstaunlich aktuell

Obwohl sich die Musik eindeutig am Jazz-Funk der späten 70er-Jahre orientiert, ist sie in Würde gealtert und klingt erstaunlich modern und aktuell. So war es sicher eine gute Entscheidung, die seinerzeitige – mittlerweile völlig vergriffene – Vinyl-LP auf CD wieder zu veröffentlichen. Leider wurde das durchaus originelle Originalcover vollkommen verändert, es findet sich aber zumindest als Abbildung im Booklet wieder.
Zum Klang der mehr als dreißig Jahre alten Aufnahme sei gesagt, dass der durchaus voller und körperlicher sein könnte, vor allem der akustische Bass von Ernie Provencher, der manchmal ein wenig hohl klingt. Das Remaster ist aber durchaus geglückt, die Aufnahme ist dynamisch weitgehend unkomprimiert, die einzelnen Instrumente sind präzise zu orten, das Gesamtgefüge wirkt gut balanciert.

Erstaunlich vielseitiges Remaster-Funk-Album

Kurzum: Ein erstaunlich vielseitiges Remaster-Funk-Album, dessen Jazzorientierung mit jedem Song ständig zunimmt. Die erste Liga der New Yorker Session Musiker der 70er Jahre bemüht sich hier auf Greg Alpers Solodebüt redlich, den von ihm wohl angestrebten Spagat zwischen anspruchsvoll und kommerziell zu vollziehen.
Die Stärke dieser Produktion ist aber gleichzeitig ihre Schwäche: Der spürbare Wille, das größtmögliche Spektrum des Fusion-Jazz abzudecken, geht ein wenig zu Lasten der Homogenität. Gregory Alper hat hier aber auf jeden Fall viel Mut bewiesen und eine hochwertige Fusion-Scheibe abgeliefert. ■

Greg Alper Band, Fat Doggie, CD-Remaster,  Audio-CD, Label First Hand (Harmonia Mundi)

Titel

1. Hole in Your Pocket
2. Fat Doggie
3. Give It Up
4. Threes a Crowd
5. Huevos Nuevos
6. Tha Cantatta Baratta
7. Suite for Renee
8. Many Moods
9. Five Verses For
10.Don’t Ever Let Me Catch You

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die CD-Rezension über
Isabel Willenberg: Vertraulich

Harriet Quartet: Insomnia (CD)

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Originell, spannungsgeladen, angenehm

von Stephan Urban

Das neue Album „Insomnia“ des Harriet Quartet ist für Menschen mit einem Hang zu beruhigender Wohlfühlmusik gemacht – doch man möchte den geneigten Hörer keineswegs einschläfern, sondern vielmehr auf höchstem Niveau unterhalten. Es ist Musik im so weiten Spannungsfeld zwischen skandinavischer Volksmusik, Jazz, Folk und anspruchsvollem Pop. Die Band spielt völlig entspannt, federnd und luftig, mitunter banale Harmoniefolgen, die durch ihre schlichte Schönheit bezaubern, dann wieder komplexere Motive, die durch die lockere Lässigkeit und Spielfreude, mit der sie hervorgebracht werden, leicht zugänglich sind und trotzdem nachhaltig beeindrucken.

Zwischentonreiche Stimme mit hohem Wiedererkennungswert

Harriet Quartet: InsomniaHarriet Müller-Tyl, eine gebürtige Norwegerin, hat 1993 ihren Lebensmittelpunkt vom norwegischen As nach Wien verlegt, blieb ihrer Heimat aber weitgehend verbunden, und wienerische Einflüsse sind hier nicht zu hören. Sie verfügt über eine klare, zwischentonreiche Stimme mit hohem Wiedererkennungswert. Begleitet wird sie von Bertl Mayer (der sonst bei der großartigen Alegre Correa Band – in Wien eine lokale Größe – tätig ist) an der Mundharmonika, von Heimo Trixner an einer – von der Spielart her – dezenten Jazzgitarre, sowie schließlich von Oliver Steger, der sehr engagiert einen sonor und vielschichtig klingenden Kontrabass zupft. Der Sound dieses Kontrabasses hat mich übrigens so beeindruckt, dass ich versucht habe, nähere Informationen darüber einzuholen. Leider kann Oliver Steger keine näheren Angaben zu seinem Instrument machen, nur, dass es rund hundert Jahre alt ist und aus Ungarn stammt.
Heimo Trixner verwendet eine „Blade Thinline Telecaster“, deren Sound hervorragend zu dieser Musik, zu diesem Ensemble, passt.

Abwechselnd in norwegischer und in englischer Sprache

Erstaunlich ist dabei, dass es sich hier um ein Erstlingswerk handelt. Völlig selbstbewusst werden – abgesehen von zwei Traditionals – ausschließlich Eigenkompositionen zu Gehör gebracht. Eigenwillig auch, dass die Sprache gewechselt wird, beinahe abwechselnd kommen die Songs in norwegischer oder in englischer Sprache daher, wobei ich das norwegische Idiom zwar nicht verstehe, es passt aber besser zu dieser Musik, gibt ihr etwas Bezauberndes, Sehnsuchtsvolles, etwas Mystisches. Eigentlich wäre es nur konsequent gewesen, alle Lieder in dieser Sprache zu texten.
Die Songs fließen nur so dahin, ganz selbstverständlich klingt das, es ist eine sehr eigenständige Musik, die zwischen der Kargheit des Nordens und südländischem Feuer oszilliert. Auch wenn das wie ein Widerspruch klingt – es ist keiner, das passt, und das muss genau so sein.
Harriet Müller-Tyl ist damit weit mehr als eine weitere Norwegerin, die Musik im Spannungsfeld von Kari Bremnes, Mari Boine Persen, Solveig Slettahjell oder Maria Pihl hervorbringt. Sie tut das nämlich mit großer Klasse, auf hohem Niveau, und sie hat sich zwischen diesen Damen ihren eigenen, ganz speziellen Claim abgesteckt. Mal sehen, was hier sonst noch gefördert wird.

Ein ausgereiftes Debut-Album

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Interessante, spannungsgeladene, aber immer angenehme Musik, dieses neue Album „Insomnia“ des Harriet Quartet. Ein großartiges Debut, eine hochwertige Produktion – schön, dass es so etwas noch gibt!

Diese Scheibe ist den Künstlern offensichtlich leicht gefallen, und sie ist derart gut und ausgereift geworden, dass es schwer sein wird, diesem Debut-Album eine noch bessere Produktion folgen zu lassen. Die Messlatte liegt also hoch und man darf diesbezüglich erstmal gespannt sein…
Die Aufnahmen haben am 11. und 12. Juni 2006 im Studio von Thomas Mauerhofer stattgefunden. Dieses Studio verfügt über eine bestechend gute Ausrüstung. Ohne hier langweilen zu wollen: Es finden ein relativ kleiner Mixer mit nur 10 Stereokanälen, unter anderem die berühmten Neumann-Mikrofone U87, KM-184 und TLM-193, sowie diverse gut beleumundete AKG-, Sennheiser- und Shure-Modelle Verwendung. Unter anderem kommen von Profis völlig zu Recht gerühmte Studer/Revox und Telefunken 672/676a und 372s Mikrofonverstärker zum Einsatz.
Ebenso sei die Nutzung eines Lexicon 300 erwähnt, eines professionellen Effektprozessors, der, sparsam eingesetzt, für einen unglaublich körperhaften und natürlichen Sound sorgen kann. Auch bei den Produktionen von Kari Bremnes, die nicht zuletzt für ihre klanglich perfekten Produktionen bekannt ist, findet dieses Gerät Verwendung.
Somit ist auch die Tonqualität zu erwähnen: Viel besser geht das nicht, eine intime, Gänsehaut erzeugende Aufnahme, die nicht das geringste Nebengeräusch unterschlägt, den Kontrabass beinahe körperlich an seinen Platz stellt und die Stimme völlig frei mit allen Atemgeräuschen im Raum entstehen lässt.

Mutiges Label verdient Respekt

Zu einer perfekten Produktion gehört auch ein perfektes Artwork. Das Cover ist dezent in schwarz-weiß gehalten, keine schnöde Plastikschachtel, vielmehr hochwertiger Karton. Leider gibt es hier nicht viel mehr als Basisinformationen, dafür aber ein hübsches Booklet mit allen Texten dazu. Schade auch, dass es bis zum Oktober 2010 gedauert hat, bis die Produktion veröffentlicht werden konnte. An dieser Stelle sollte dem kleinen, aber feinen cracked-an-egg-Label wohl Dank ausgesprochen werden, dass man sich getraut hat, dem Harriet-Quartet diese Chance zu geben. Ich würde diesem Label einen gebührenden Erfolg fraglos gönnen und werde mich ganz sicher in nächster Zeit auch mit anderen Produktionen dieser Herkunft näher befassen. ■

Harriet Quartet: Insomnia, Audio-CD, Cracked-An-Egg (Lotus Records)

Lesen Sie im Glarean Magazin von Stephan Urban auch über das Jubiläum des
Wiener „Kollegium Kalksburg“

Thomas Stabenow: Die Klavierstücke (CD)

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Hochkarätige Werke, feines Musizieren

von Klaus Nemelka

Ein Landespreis für Musik ist eine feine Sache, steht durch ihn doch sozusagen von höchster Stelle fest, wer die Besten in einer musikalischen Kategorie eines Bundeslandes sind. Über die Grenzen des „Ländle“ hinaus kann der Jazzpreis Baden-Württemberg auch als eine Art Orientierung darüber verstanden werden, wer so die Jazz-Größen in Deutschland sind. Wenn also Rainer Böhm, der baden-württembergische Jazz-Preisträger des Jahres 2010, mit Thomas Stabenow, dem baden-württembergischen Jazz-Preisträger von 1986, gemeinsame Sache macht, kann daraus sehr feine Musik entspringen.
Somit war Pianist Rainer Böhm, der die Werke des Jazz-Musikers Thomas Stabenow „vertonen“ sollte, für die Umsetzung des „Klavierstücke“-Projektes die erste Wahl. Bei einer Tour der beiden Preisträger mit Ingrid Jensen und Jürgen Seefelder konnten Böhm und Stabenow in München auch noch Jason Seizer, dessen „Pirouet Studio“ und den dort zur Verfügung stehenden „Steinway“-Flügel für das Projekt gewinnen.

Preisgekrönte und erfahrene Instrumentalisten

Thomas Stabenow: Die Klavierstücke - Rainer Böhm (Piano) - Bassic SoundDer Kontrabassist, Komponist, Produzent und Hochschullehrer Thomas Stabenow ist u.a. mit Johnny Griffin, Charlie Rouse, Clifford Jordan, Albert Mangelsdorff, Mel Lewis, Jimmy Cobb aufgetreten, hat als „sideman“ auf über 150 LPs und CDs mitgewirkt, sowie 3 LPs und 26 CDs auf seinem eigenem Label „Bassic-Sound“ aufgenommen. Als Mitglied der „Peter Herbolzheimer Rhythm Combination & Brass“ war Thomas Stabenow zudem mit Stan Getz, Chaka Khan, Dianne Reeves, Eartha Kitt und Al Jarreau auf der Bühne.
Rainer Böhm hat unter anderem beim „Jazz Hoeilaart International Belgium“ und beim internationalen Jazzwettbewerb in Getxo (Spanien) den Preis für den besten Solisten gewonnen, seine CDs wurden mehrfach mit dem Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Eine musikalische Idee zum Abschluss gebracht

Bei den „Klavierstücken“ handelt es sich um Werke, die sich bei Thomas Stabenow über einen längeren Zeitraum angesammelt hatten. Die Umsetzung dieser musikalischen Ideen – neben dem „Tagesgeschäft“ der Auftritte und der Lehrtätigkeit an der Musikhochschule Mannheim – sah Stabenow als eminent wichtig an. Ein Vorgehen übrigens, welches er, wie er betont, vom dem österreichischen Pianisten Fritz Pauer gelernt hatte: Eine musikalische Idee zum Abschluss zu bringen, koste es, was es wolle, um Platz für neue Ideen zu schaffen.
Dass er diese Ideen Rainer Böhm anvertraut und nicht selbst eingespielt hat, hielt Stabenow für ratsam, da er, um sein internationales Niveau als Kontrabassist zu halten, das Klavierspielen vernachlässigen musste, er aber für seine Stücke höchstes Niveau (zurecht) für durchaus angemessen hält.

16 Piano-Titel für Jazz-Kenner

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Mal absehen davon, dass die CD von Thomas Stabenow: „Die Klavierstücke“ mit nur gerade mal 37 Minuten etwas gar mager ausfiel, handelt es sich um eine qualitativ hochstehende Einspielung – genau richtig als Geschenk unter den Weihnachtsbaum des Jazzpiano-Freundes!

Die rundum gelungene CD bietet für den Jazz-Kenner 16 Piano-Titel von Thomas Stabenow, hervorragend „vertont“ durch den Pianisten Rainer Böhm. Schade, dass die Gesamt-Spieldauer mit Dass das Repertoire von Thomas Stabenows Werken nicht nur exzellent umgesetzt, sondern auch äußerst vielfältig ist, wird schon beim ersten Durchhören der CD klar: Bereits der erste Track „Bass erstaunt“ bietet die Möglichkeit, mit einem Bass-Ostinato über eine phrygische Skala zu improvisieren. Wer da schon staunt, will weiterhören: Der Titel „Mon Ami“, entsprungen aus einer Co-Komposition mit seiner Tochter, ist ein leichter Valse-Musette und erinnert durch seine Akkordfolge an „Autumn Leaves“. „Amagansett“ und „Via Petrarca“ wiederum zeigen eine schöne Nähe zum Bach‘schen Wohltemperierten Klavier. „Pirx“ ist ein eleganter Jazz-Waltz, der unter anderem auch auf Johannes Enders CD „Homeground“ verewigt wurde.
Überhaupt findet man die einzelnen Tunes vielfach auch in Versionen hochkarätiger Kollegen von Stabenow: So wurde der „Hit“ dieser CD, „Chutney“, unter anderem von Wolfgang Haffners „International Jazz Quintet“, von „Trombonefire“ oder dem Bundesjugendjazzorchester (noch unter der Leitung des inzwischen leider verstorbenen Peter Herbolzheimer) interpretiert.

Gratis-Noten zur CD als Bonus

„Plaun a plaun“, rätoromanisch für cool oder „gemächlich“, erinnert im Thema an Katschaturian, bevor das Stück sich im Improvisationsteil dann als grooviger Moll-Blues entpuppt. Die Namensidee zum Stück „Plusquamparfait“ kombiniert die grammatikalische Form, dass ein Geschehen zeitlich vor einem anderen vergangenen Geschehen eingeordnet wird, mit einer leckeren französischen Nachspeise…
Die rundum gelungene CD bietet für den Musikkenner schließlich noch ein Extra-Schmankerl: Die Noten zur CD gibt’s als kostenlosen Download auf der Website von Thomas Stabenow. ■

Thomas Stabenow: Die Klavierstücke, Rainer Böhm (Piano), Audio-CD, 37 Min, Bassic Sound

Leseprobe aus Thomas Stabenow: Die Klavierstücke (Rainer Böhm)
Leseprobe aus Thomas Stabenow: Die Klavierstücke (Rainer Böhm)

Klaus Nemelka

Geb. 1970, früher Journalist bei verschiedenen österreichischen und deutschen Medien, lebt als PR-Manager und Jazz-Freund in Wien/A

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klavier-Jazz auch über
Jean Kleeb: Classic goes Jazz (Piano-Arrangements)

… sowie über die Audio-CD von Katie Melua: Pictures

Jean Kleeb: Classic goes Jazz (Klavier-Arrangements)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Geschmackvolle Transformation der Klassiker

von Walter Eigenmann

Puritaner unter den Klassik-Interessierten, womöglich gar akademisch geschult an einem jahrhundertelang entwickelten Kanon fixierter musikästhetischer Vorstellungen, konventioneller Hörgewohnheiten und historisch-formalisierter Konzertmuster, dürften angesichts der folgende Klavier-Takte – aus Jean Kleeb: „Classic goes Jazz“ – einigermaßen angewidert die Nase rümpfen:

Jazz-Arrangement der berühmten Schumann'schen "Träumerei" für Klavier von Jean Kleeb
Jazz-Arrangement der berühmten Schumann’schen „Träumerei“ für Klavier von Jean Kleeb

Es handelt sich um die weltbekannte, tausendfach auf Schallplatten und Konzertpodien kolportierte „Träumerei“ – aber wo ist Schumann? Wo ist die hochartifizielle „Naivität“ aller seiner „Kinderszenen“; wo die abgründige, ganz und gar unkindliche Psychologie hinter diesen Miniaturen als „Rückspiegelung eines Älteren und für Ältere“, die nur in der originalen Klavierfassung aufscheinen kann; wo die rhythmische und harmonische Raffinesse der „falschen“, gleichwohl organisch wirkenden Betonungen bzw. Dynamiken des Originals; wo Schumanns romantische „Destabilisierung“ des Zeitlichen; wo der ausdrücklich intendierte musik-dichterische Aspekt, manifestiert u.a. im Kontrast der schlicht-seligen Melodik und der melancholisch-„haltlosen“ Harmonik; und überhaupt: wo ist der historisch begründende Kontext dieses Stückes, generiert durch biographische Entwicklung, kompositionstechnischen Reifegrad und stilistische Zeitgenossenschaft Schumanns? Kurzum: Romantiker Schumann goes Jazz – darf man das?

Schumann goes Jazz – darf man das?

Jean Kleeb - Classic goes Jazz - BärenreiterNatürlich ist diese Diskussion, wiewohl immer wieder (jetzt auch hier) aufgewärmt, eine uralte, vielleicht stets von neuem notwendige, aber letztlich wohl unfruchtbare. Denn wieso sollte ausgerechnet in unseren kulturellen Zeiten des „Anything goes“ die Transformation, ja Assimilierung der „Klassiker“ tabuisiert werden? Und finden nicht viele Klassik-Muffel gerade durch v.a. rhythmisierende „moderne“ Arrangements berühmter Melodien zurück zu den Quellen der Originale? Kann die Patina uralter Stücke nicht durch aktuelles „Auffrischen“ mittels „poppiger“ Rhythmik und Harmonik erfolgreich weggepustet werden? Was ist kulturell falsch daran, mittels „unterhaltenden“ Stilmitteln eine Brücke zu schlagen zwischen Altem und Neuem?
Wie schon angetönt, der hehre Disput über solche „musical correctness“ läuft letztlich auf die simple Geschmacksfrage hinaus – die breite, ohnehin weitgehend kommerziell determinierte Musikpraxis bzw. -rezeption heutzutage schert sich längst nicht mehr um derartige kulturhistorische, musikästhetisch interessante, mancherorts aber fast fundamentalistisch geführten Auseinandersetzungen.

Jazz vom Barock bis zur Spätromantik

Jean Kleeb - Glarean MagazinBleibt immerhin – um wieder zu Jean Kleebs neuem Klavierheft „Classic goes Jazz“ zurückzukehren – die Frage nach der handwerklichen Qualität solcher Transformationen. Und diesbezüglich muss sich „Classic goes Jazz“ nicht verstecken. Den 13 Jazz-Arrangements – vom barocken Bach-Menuett bis zur spätromantischen Mussorgski-Promenade – merkt man durchaus die genauere Beschäftigung Kleebs mit den Vorbildern an, etwa wenn versucht wurde, stilistisch bzw. kompositionstechnisch wichtige Elemente „hinüberzuretten“.

Diesbezüglich nur drei Beispiele:

Imitation bei Bach…

…und bei Kleeb:

Homophonie bei Mozart…

…und bei Kleeb:

Figuration bei Chopin…

…und bei Kleeb:

Den Duktus des jeweiligen „Klassikers“ also zumindest annähernd zu adaptieren war – über den reinen Wiedererkennungswert des Melodischen hinaus – offensichtlich ein Anliegen des Arrangeurs.

Die 13 jazzigen Klassiker-Adaptionen in Jean Kleebs
Die 13 jazzigen Klassiker-Adaptionen in Jean Kleebs „Classic goes Jazz“ klingen ausgesprochen „gut“, sind originell konzipiert, der Klaviersatz liegt dabei bequem in den Fingern, ist auch schlank und transparent gehalten, und die von irregulären Teilungen weitgehend befreite Rhythmik gibt auch dem „klassisch“ aufgewachsenen Amateur-Pianisten keinerlei Probleme auf.

Davon abgesehen sind aber alle Kleebschen Klassik-Bearbeitungen durchaus „pure“ Jazz-Musik (der eher traditionellen Sorte), mit allen deren typisch-standardisierten Ingredienzien, vom ternären Achtel über die exzessive Synkopierung bis zur Septimakkord-Skala. Außerdem finden sich da und dort in rhythmischer oder melodischer Hinsicht weitere Stilrichtungen wie Tango oder Salsa eingeflochten, und dieser Stile-Mix hat durchaus seinen Reiz. Selbstverständlich will Jazz-Pianist Kleeb bei alledem seine Notentexte aber nicht als sakrosankt verstanden wissen: das Jazz-ureigene Moment des Improvisierens und Variierens gibt er auch in seinem „Vorwort“ ausdrücklich als zusätzlichen Spaßfaktor auf den Weg. (Natürlich wurden sämtliche Stücke von Kleeb eigenhändig auf eine Audio-CD gespielt, die dem Notenheft beliegt).

Schlank und transparent gehaltener Klaviersatz

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Alles in allem: Die 13 Stücke von „Classic goes Jazz“ klingen ausgesprochen „gut“, sind originell konzipiert, der Klaviersatz liegt dabei bequem in den Fingern, ist auch schlank und transparent gehalten, und die von irregulären Teilungen weitgehend befreite Rhythmik gibt auch dem „klassisch“ aufgewachsenen Pianisten keinerlei Probleme auf. Spieltechnisch ist die Sammlung etwa auf dem Level „Untere Mittelstufe“ angesiedelt, also für eine Vielzahl auch der Hobby-Spieler realisierbar. Wer die Originale kennt bzw. schon spielte, geht mit schmunzelndem Augenzwinkern an Kleebs Werk, allen anderen sei der umgekehrte Weg „zurück zu den Wurzeln“ ans Herz gelegt – als heilsamer Kulturschock sozusagen… ■

Jean Kleeb, Classic goes Jazz, 13 jazzige Arrangements für Klavier, Broschur mit Audio-CD, Bärenreiter Verlag, ISMN 979-006-53873-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klavier-Arrangements auch über Susi Weiss: Bar-Piano-Arrangements (Evergreens)

… sowie zum Thema Crossover-Musik über Michael Daugherty: This Land Sings – Auf den Spuren von Woody Guthrie

G. Schroeter & M. Breitfelder: Sugar & Spice (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Uriger Blues und Rock ’n’ Roll

von Stephan Urban

Dem Vernehmen nach sind Georg Schroeter & Marc Breitfelder aus Kiel seit mehr als 20 Jahren nicht nur in ganz Europa unterwegs, sie sind auch schon in Amerika mit großem Erfolg aufgetreten. Bei der Baltic Blues Challenge 2009 sowie der German Blues Challenge 2009 belegten sie jeweils den ersten Platz, und sie können unter anderem auch auf Auftritte mit Tony Sheridan, Gottfried Böttger oder auch Abi Wallenstein zurückblicken.
Durch die harte Arbeit an vielen Bühnenauftritten und der nötigen Professionalität wurde der Pianist Georg Schroeter zu einem der bekanntesten Boogie-Woogie- und Blues-Interpreten im deutschen Raum. Er bewegt sich traumhaft sicher durch alle Musikrichtungen, die Spaß machen; sein Spektrum reicht von Jazz und Blues über Rock ’n’ Roll und Country bis hin zum Soul. Selbst wenn er die Stilrichtungen mischt, wirkt das nicht überladen, und der geneigte Hörer muss zu dem Schluss kommen: so gehört sich das, so muss das sein!
Marc Breitfelder wiederum ist ein Meister auf der Mundharmonika; über ihn schrieb die Süddeutsche Zeitung (Zitat): „Ein Ritt durch Tonlandschaften. Nordafrikanische Alpenhornbläser tauchen in einer Oase auf, eine E-Gitarre wummert und er hat auch noch Zeit, zwischendurch mal einen kleinen Schrei ins Mikro zu stoßen. Verzweifelt hält man Ausschau nach dem Orchester. Doch es steht nur einer der weltbesten Mundharmonikaspieler auf der Bühne.“

Namhafte Musiker mit von der Partie

Beste Voraussetzungen also für die neue Einspielung der beiden Musiker: „Sugar & Spice“. Als Gäste musizieren namhafte Musiker wie Albie Donnely, Rene Detroy, Tim Engel, David Herzel, Martin Röttger, Klaas Wendling, Söhnke Liethmann, Jan Mohr, Lars Vegas, Dirk Vollbrecht und Sven Zimmermann. Vokalistische Unterstützung liefern Anna Kaiser, Tom Ripphahn und Abi Wallenstein; produziert wurde großteils von Tom Ripphahn bzw. Georg Schroeter.

Auf den ersten Blick präsentieren uns die beiden trotz wechselnder Begleitband hier urigen Blues und Rock n‘ Roll wie aus einem Guss, wobei Fremd- und Eigenkompositionen beinahe ununterscheidbar dargeboten werden. Nur die zwei Kompositionen aus John Fogerty’s Feder (Mastermind/CCR), nämlich „Long as i can see the Light“ und die Schlussnummer „Who’ll stop the Rain“, passen hier irgendwie nicht dazu. Denn diesen Covers fehlt die freche Lässigkeit der anderen Songs, hier wirken die Musiker, sowohl was die Darbietung als auch das Arrangement betrifft, ein wenig übermotiviert, und so beginnen diese Songs schon stark, können bald vor lauter Kraft nicht mehr gehen… Weniger wäre hier mehr gewesen.

Bei „Sugar & Spice“ fehlt mir insgesamt ein wenig die Glaubwürdigkeit, die den Blues von beispielsweise John Lee Hooker oder Tony Joe White so besonders macht. Dies hier ist mit deutscher Perfektion abgekupfert, ein solides, durchaus Spaß machendes und auch zum Beinewippen animierendes Abziehbild der ganz großen Vorbilder.

Zuwenig richtige Klangfülle mit Saft

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„Sugar&Spice“ ist ehrlicher Blues & Rock n´ Roll, der gute Laune macht, zum Mitwippen verleitet und dabei handwerklich nahezu perfekt präsentiert wird.

Aufgenommen wurde die CD im Label Analoghaus, ich hab da ein wenig geschmökert und festgestellt, dass dieses Studio über gediegenes Equipment verfügt und so ist die Aufnahme auch sehr klar und durchhörbar geworden. Aber auch diesbezüglich fehlt das letzte Quäntchen Glaubwürdigkeit: Der Sound tendiert bei höheren Lautstärken zur Lästigkeit, und richtige Klangfülle mit Saft muss man woanders suchen. Für diese Musik ist das zu hell, zu durchsichtig, es fehlt die klangliche Patina, die zu solchen Aufnahmen einfach dazugehört. Auch aufnahmetechnisch wäre hier aus meiner Sicht mehr drinnen gewesen.

Das Werk ist immerhin sowohl im CD-Format als auch als hochwertiges Vinyl-Doppelalbum (mit CD-Beigabe!) erschienen. Als alter Analog-Fan hätte ich daher gerne letztere Ausgabe zum Rezensieren bekommen, vielleicht klingt das ja entscheidend besser?
Trotzdem: die Protagonisten sind hier „wild ambitioniert“ ans Werk gegangen und bieten uns eine sehr gute Scheibe mit hohem Spaßfaktor an. In Schweden sind die beiden ja schon heimliche Stars und erhoffen sich wohl mit diesem Album auch den Durchbruch auf dem heimischen Markt. Ob das gelingt, mag ich dahingestellt lassen, Richtung und Ambition stimmen jedenfalls – und mal ganz ehrlich: Man muss froh sein, dass solche Musik, solche Scheiben überhaupt noch gemacht und veröffentlicht werden! ■

Georg Schroeter / Marc Breitfelder, „Sugar & Spice“, Audio-CD, Analoghaus

Track-Liste
 1. Sugar & Spice (Schroeter, Breitfelder, Ripphahn) 3:22
 2. Can't Be Satisfied (Mc Kinley Morganfield) 4:07
 3. Palace Of The King (Nix, Russell, Dunn) 3:32
 4. Long As I Can See The Light (Fogerty) 3:52
 5. Rock'n'Roll Queenie (Schroeter) 4:12
 6. Respect Yourself (Schroeter) 4:29
 7. I Just Want To Make Love To You (Willie Dixon) 7:00
 8. Here And Now (Tom Ripphahn) 4:37
 9. Shake Your Boogie (Joseph Lee Williams) 3:32
10. Blue Bird Blues (Sonny Boy Williamson) 8:20
11. Little Piece Of Paper (Schroeter, Ripphahn) 5:45
12. The Rose (McBroom) 5:41
13. Session @ Linnemann's (Schroeter/Breitfelder/Mohr) 2:25
14. Who'll Stop The Rain (Fogerty) 4:00

Stephan Urban

Geb. 1958, gelernter Schriftsetzer, seit 1982 in einem Versicherungskonzern in juristischer Funktion tätig, Musikenthusiast, Leseratte und technikbegeistert, vor allem im High-End-Bereich, lebt in Wien

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Erik Satie: L’oeuvre pour piano (Aldo Ciccolini)

Hans-Christian Dellinger: Streaming (CD)

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Erschließung neuer Klang-Sphären

von Christian Schütte

„Streaming“ – so lautet der Titel des neuesten Solo-Albums des Saxophonisten Hans-Christian Dellinger (alias Christian Elin). Der aus München stammende Dellinger zählt heute zu den profiliertesten Vertretern seines Instruments, konzertiert regelmäßig mit bedeutenden Orchestern und Ensembles und lehrt am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg. Musikalisch bewegt er sich, ganz seinem Instrument entsprechend, zwischen den Stilen und Epochen. Und er komponiert für sein Instrument – „streaming“ enthält ausschließlich Eigenkompositionen für Saxophon solo.

Hans-Christian Dellinger: Streaming - Solo SaxophoneDie erste Komposition heißt „prelude and hymn“. Auch wenn die Klangfarbe des Saxophons eine solche Assoziation per se ausschließen sollte, so mag der Gedanke doch nicht ganz fern liegen, zum Anfang des Stücks, gerade vor dem Hintergrund des Titels „prelude“, in der Tat an die Präludien Johann Sebastian Bachs zu denken; formal ist eine gewisse Ähnlichkeit nicht zu leugnen.  Wie Dellinger hier aus einer winzigen Keimzelle einen sich immer mehr verdichtenden Fluss aufbaut, dabei mit den Lagen des Saxophons umgeht – so unwahrscheinlich es klingen mag, scheint hier beinahe die Orgel als Instrument Pate gewesen zu sein.

Mehr Stille als Klang

Ganz im Stil des ersten Stücks geht es mit dem kurzen, zweiten „joyful“ weiter, mit einem Mittelteil, der eben in freudiger Art und Weise aus dem Rahmen bricht. Fast zum Stillstand kommt es dann mit „in silence“. Ein Hauch von einzelnen Tönen sorgt hier für in der Tat mehr Stille als Klang, und das mit dichter atmosphärischer Wirkung.

„reminiscence“ heißt das folgende Stück, mit dem Dellinger in der Tat noch einmal wie eine kurze Reminiszenz an den Anfang des Albums geht, um anschließend mit den folgenden „cycles“ part I, II, III ein neues Kapitel aufzuschlagen. Auch diese drei Stücke drehen sich um einen kompositorischen Kern, der auf ganz verschiedene Art durchdekliniert wird – und auch dieses Stück ist daher hörbar an traditionellen kompositorischen Mustern orientiert.

Drehungen um einen kompositorischen Kern: Autograph des Stückes „Cycles Part 1“ für Saxophon solo von Hans-Christian Dellinger

Weiter geht es mit „your song within me“, ein Stück, das ebenso jazzige wie liedhafte, durchaus auch teils popähnliche Anklänge zeigt und so eine wiederum ganz andere Farbe auf das Album bringt. Dumpfe, statische Klänge, fast wie aus einer anderen Welt, bringt schließlich wieder das Stück „prayer and fulfilment“, das sich in seinem Verlauf bis in unbequemste Höhen steigert, damit beinahe den Charakter eines Klagegesanges erfährt.

Ein nicht aufzuhaltender Fluß von Rhythmik

Hans Christian Dellinger - Glarean Magazin
Hans Christian Dellinger

Am Ende schließt sich gleichsam ein Kreis, denn das abschließende Stück „streaming“ dauert wie die erste Komposition gut zwölf Minuten. „streaming“ ist am ehesten mit „fließend“ zu übersetzen. Das trifft es hier auch sehr gut, denn dieses letzte Stück des Albums ist von Anfang bis Ende ein nicht aufzuhaltender Fluss an Bewegungen unterschiedlichster rhythmischer Art. Auf einerseits merkwürdige, andererseits aber höchst bewundernswerte Art paaren sich hier instrumentale Virtuosität und Distanz in Ausdruck und Atmosphäre. Das sind indes Beobachtungen, die für das gesamte Album gelten dürfen.

Sicher ist diese CD etwas für Spezialisten und besondere Liebhaber des Saxophons. Aber auch solche, die das – noch?! – nicht von sich behaupten, seien zum Hinhören animiert; es gilt hier ein Instrument ganz neu zu entdecken und mit klanglichen Sphären in Berührung zu kommen, die eben durch ihre vielfältige Andersartigkeit ganz besonders für sich einnehmen. ■

Hans-Christian Dellinger (Saxophon), Streaming, Audio-CD, Label Raccanto

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Saxophonisten
Hans-Christian Dellinger (jetzt Christian Elin): Back to yourself (CD)

… sowie über die neue CD von
G. Schroeter & M. Breitfelder: Sugar & Spice

Corazón-Quartett: Wasser, Licht & Zeit (CD)

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Und letztlich verabschiedet sich alles mit einem leisen Seufzen

von Alexander Remde

Das Münchner Corazón-Quartett wurde im August 2008 gegründet und veröffentlicht nun seine erste CD mit dem Titel „Wasser, Licht & Zeit“. Initiator und Leiter des Quartetts ist der Gitarrist Lori Lorenzen. Aus unzähligen Studioproduktionen und als Part des Flamengo/Latin-Duo „Alvorada“ dürfte er vielen, die sich in dieser Sparte der Musikwelt bewegen, bekannt sein. In seinem eigenen Tonstudio wurde die vorliegende CD produziert, weiters zeichnet er für die grafische Gestaltung verantwortlich. Das Quartett vervollständigen Wolfgang Wallner an der Gitarre, der slowakische Bassist Peter Cudek und der Perkussionist Roman Seehon, der auch schon mit dem populären Rockmusiker Mike Oldfield zusammengearbeitet hat. Als „ständiger Gast“ (was immer das hier auch bedeuten mag) wird die Sängerin Mariette Radtke präsentiert, und zwei Titel dieser CD erfreuen sich der Mitwirkung von Reinhard Greiner, der Trompete und Flügelhorn bläst.

Unbehagen nach der ersten Begegnung

Corazon-Quartet - Wasser, Licht & Zeit - Feat, Mariette Radtke, Flux RecordsHier sammeln sich hervorragende Musiker, und man sollte meinen, das Ergebnis ist ebenso exzellent. Doch was ist bestens, wenn es subjektiv beurteilt wird (und nichts anderes geschieht ja, wenn Musik bewertet wird)? Noten zu vergeben ist ebenso oberflächlich wie arrogant. Eine Stimmung beschreiben zu wollen ist abhängig von der eigenen Laune, und kein Werk, welches mit besten Absichten geschaffen wurde, hat es verdient, in schlechten Stunden gehört zu werden. So habe ich nach der ersten Begegnung mit „Wasser, Licht & Zeit“ das Unbehagen, das ich spürte, unbeachtet gelassen.

Als ich beim zweiten Hören auch nicht loslassen konnte, besser gesagt, ein Fallenlassen immer wieder gestört wurde, ging ich daran, zu ergründen, was nicht passt. Es fiel mir auf, dass ich weniger Probleme mit den Instrumentalstücken hatte, aber immer wenn Gesang drängte, wurde aus einer angenehmen Spannung wirrender Widerspruch. Mariette Radtke beherrscht das Handwerk des Gesanges zweifelsohne. Nur: wie kann so bejahende Spielfreude sich mit einer Melodieführung paaren, die zur Floskel neigt? Auch jegliche in dieser Produktion aufblitzende Melancholie entspringt den Instrumenten, das Vokale schaut einfach nur traurig hinterher.

Unglaubwürdige Texte bis zur Pseudolyrik

Gefördert wird dieses Scheitern durch Texte, denen es an Autonomie und Glaubwürdigkeit fehlt. Nun kann nicht jeder über die lyrische Kraft eines Hermann Hesse verfügen, aber wenn der Horizont der Substantive überwiegend aus altbekannten Bahnen besteht, verkommt manches Gutgemeinte zur Pseudolyrik. Beispiel:

Der Wein rot wie Rubin,
das Meer aquamarin
und Vogelschwärme ziehn vorbei.
Die Felder braun wie Zimt,
liebkost ein sanfter Wind,
Zeit scheint unbestimmt,
das Leben ist uns wohlgesinnt,
so groß und grenzenlos.

Partitur-Anfang von „Das Glas“ (Komposition und Arrangement: J. Lori Lorenzen)

Einheit aus Flamenco und Jazz

Diese Qualität steht im krassen Gegensatz zu dem, was musikalisch erlebt werden kann: Präzise Rhythmusarbeit, die sich nicht aufdrängt und dennoch mit ihrer Gegenwart dem Gelingen dient, ein versponnener Bass, dem Platz für Soli gegönnt wird, die er dankbar nutzt, und ein Gitarrenspiel, das erklärt, warum dieses Instrument nichts an Popularität eingebüßt hat. Hier sind wahre Kapazitäten am Werk, die ein großes, nicht vielen zur Verfügung stehendes Spektrum nutzen. Mein persönlicher Favorit auf der CD „Wasser, Licht & Zeit“ vom Corazon-Quartett ist der zehnte und letzte Titel: „Mansarez“. Eine Einheit aus Flamenco-Folklore und Jazz; wenn populär wirkend, einen Bruch bringend, dem ein Soli folgt, das über allem steht und doch integraler Bestandteil dessen ist, was ich die Wirksamkeit der Musik nenne. Wie Wasser fließen gemeinsam Bass und Schlagwerk hin zu dem, was den Gitarren entsprang. Und letztlich verabschiedet sich alles mit einem leisen Seufzen. ■

Corazon-Quartett, Wasser, Licht & Zeit, Audio-CD, Fluxx-Records, München 2009

CD-Titel

  1. der berg über dem meer
  2. die gärten des sommers
  3. das glas
  4. agua tranquilo
  5. agua silvestre
  6. zeiten verändern sich
  7. aire de tango
  8. la vacilona
  9. schöne zeit
  10. mansarez

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Jazz & Folklore“ auch über das
Pindakaas-Quartett: Ballads of Good Life (CD)

… sowie zum Thema Kammermusik über die CD
Franz Schubert & Jörg Widmann: Oktette

Pindakaas-Quartett: Ballads of Good Life (CD)

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Saxophon-Glanzstücke von Kurt Weill bis Bastian Fiebig

von Walter Eigenmann

Vor knapp zwanzig Jahren begann das Münsterer Saxophon-Quartett Pindakaas (=niederländisch: „Erdnuss-Butter“) seine Konzert- bzw. Bühnentätigkeit, heute zählt die Musiker-Gruppe Marcin Langer (Sopran- & Altsaxophon, Flöte), Guido Grospietsch (Alt- & Tenorsaxophon, Flöte), Anja Heix (Tenorsaxophon, Oboe, Flöte) und Matthias Schröder (Baritonsaxophon, Klarinette) zu den führenden Formationen dieser Besetzung in Deutschland. Entsprechend dem musikalischen Schwerpunkt ihrer neuesten CD-Produktion, nämlich Kurt Weill, nennt Pindakaas die frisch publizierte Platte „Ballads of Good Life“, nach Weills „Ballade vom angenehmen Leben“ (aus der berühmten „Dreigroschenoper“).

Raffinesse der Arrangements

Pindakaas Saxophon-Quartett - Ballads of Good Life - Weill, Pazzolla, Ketelbey, KlezmerDie Musik des genialen Dessauer Ironikers und Verfremders Kurt Weill mit ausschließlich saxophonen Instrumenten zu verfolgen ist ein überraschendes, erst durchaus irritierendes, schließlich überzeugendes Hörerlebnis. Gewiss, den insgesamt zwölf Weill-Einspielungen (Teile aus „Dreigroschenoper“, „Mahagonny“ und „Lost in the Stars“) fehlt grundsätzlich die Text-Komponente und damit eine wichtige Dimension Weillschen Komponierens. Doch die Raffinesse der Arrangements (von Marcin Langer), deren farbiger, das klangliche Spektrum der Saxophon-Familie weit auffächernder, dabei immer „nobler“, schlanker Satz bringen das Weillsche Augenzwinkern, das Parodistische hinter aller vordergründigen Volkstümlichkeit hervorragend rüber. Wenn schon Weill ganz ohne Gesang, dann durchaus an erster Stelle mit Saxophon!

Klanglich homogen und rhythmisch akkurat

Pindakaas Saxophon Quartett - Glarean Magazin
Das Pindakaas Saxophon Quartett

Dass Weill-Musik in dieser Besetzung so authentisch wirkt, ist weiters das Verdienst eines klanglich sehr homogen-abgestimmten und rhythmisch akkurat musizierenden Quartetts, das trotz der bei Weill immer durchklingenden melodischen und harmonischen „Melancholie“ hörbaren Spaß bei und an seiner Arbeit hatte und diese Spielfreude nicht nur mit schwungvollem Zugriff, sondern, wo nötig, auch mit Ausdrucksfülle und mit sensibel durchgehörter Dynamik zu dokumentierten weiß.

Kurt Weill (1900-1950)
Kurt Weill (1900-1950)

Folklore mit Jazz- und „E-Musik“-Elementen mischt auch der argentinische Bandoneonist und Tango-Nuevo-Komponist Astor Piazzolla in seinen beiden von Pindakaas interpretierten Stücken „Café 1930“ (aus „Histoire du Tango“) und „Libertango“ (komponiert 1973 und v.a. berühmt geworden durch den entspr. Song von Grace Jones). Piazzolla verglich sich einmal selber mit Gerschwin: Wie dieser habe er „Werke für den Konzertsaal komponiert, deren Musiksprache in der Popularmusik gründet“. Reizvoll also, sein „Café 1930“ – als ein melodiezentriertes, dennoch dezidiert nichtgetanztes Konzert-Tango-Stück – mal quartett-kammermusikalisch interpretiert zu hören. Pindakaas‘ Gespür für Durchhörbarkeit des Melos auch in den Mittelstimmen fällt hier besonders positiv auf – eine aufregende Variante, die neben den Einspielungen anderer Duette und Ensembles durchaus bestehen kann.

Der „Totentanz“ von Bastian Fiebig

Eine buchstäblich besondere Note erhält die neue Pindakaas-CD durch die Ersteinspielung von Bastian Fiebigs „Totentanz“. Ein großes Verdienst der vier Musiker ist es, mit diesem Werk des Frankfurter Saxophonisten ein interessantes Stück neuerer originaler Saxophon-Quartettmusik in eine größere Öffentlichkeit zu tragen.  Das durch einerseits eindringliche, ostinate Bass-Grundierung mit figurativen und polyphonen Oberstimmen charakterisierte, andererseits den morbiden Tanz mit fast-fröhlicher Fünfviertel-Bewegtheit unterstreichende Stück kontrastiert übrigens effektvoll zu dem quasi-volkstümlich gesetzten, homophon-schlichten „Persischen Markt“ von Albert Ketelbey. (Dessen berühmtes „In a Persian market“ existiert inzwischen in den unterschiedlichsten Aufnahmen).

Partitur-Auszug des „Totentanzes“ für Saxophon-Quartett von Bastian Fiebig

Abgerundet wird diese CD „Ballads of Good Life“ – die mit ihrer knapp siebzigminütigen Spieldauer großzügig dimensioniert ist, aber aufgrund der Co-Produktion durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe gleichwohl mit ca. 15 Euro preiswert daherkommt – durch vier kürzere jüdische „Traditionals“ (u.a. „Play the Klezmer“). Pindakaas spielt auch hier wieder mit in langjähriger Zusammenarbeit gewachsener Präzision des Kammermusizierens, mit einem abgerundeten Ensemble-Klang und mit immer transparenter, schlanker Registerarbeit. Eine sehr niveauvolle siebte CD-Produktion dieses deutschen, mittlerweile international konzertierenden Saxophon-Quartetts. ■

Pindakaas (Saxophon Quartett), Ballads of Good Life – Werke von Weill, Piazzolla, Ketèlbey, Klezmer, Audio-CD, CC ClassicClips/GWK-Records 2009, CLCL904

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Saxophon auch über die neue
CD von Hans-Christian Dellinger: Streaming

… sowie zum Thema Pop und Musikgeschichte über
Gebhardt & Stark: Wem gehört die Popgeschichte?