Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Reise nach innen

von Alexandra Lavizzari

Peter Stamm setzt mit dem neuen Roman „Das Archiv der Gefühle“ seine Reise nach innen fort und zeigt uns unter­wegs auf seine ein­ma­lig luzide Art, wie dünn und brü­chig die Trenn­wand zwi­schen Wirk­lick­keit, Sehn­sucht und Erin­ne­rung sein kann. Stamm lässt sei­nen Ich­er­zäh­ler, einen eigen­bröt­le­ri­schen Archi­var, immer wie­der zwi­schen die­sen Ebe­nen oszil­lie­ren und reiht dabei des­sen Wunsch­den­ken naht­los an Fak­ten und die erin­ner­ten, oft idyl­li­schen Ereig­nisse der Ver­gan­gen­heit an eine gegen­wär­tige, minu­tiös pro­to­kol­lierte Ver­ein­sa­mung zu Zei­ten eines bloß ange­deu­te­ten Lockdowns.

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle - Roman - S. Fischer VerlagSie heißt Frank­ziska, die große Jugend­liebe des erzäh­len­den Archi­vars, und sie hat sich, lange nach­dem sie ein­an­der aus den Augen ver­lo­ren haben, über die Jahre so tief in seine Gedan­ken und Gefühle ein­ge­nis­tet, dass er sie über­all mit sich her­um­trägt, wo immer und mit wem er gerade ist. Meist aber ist er allein und führt, seit ihm gekün­digt wurde, spa­zie­rend und im geerb­ten Eltern­haus wei­ter vor sich hin archi­vie­rend ein freud­lo­ses und ein­tö­ni­ges Dasein.

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Aus Fran­ziska ist inzwi­schen Fabi­enne der Chan­son-Star gewor­den, und als sol­che tin­gelt sie durch die Schweiz und füllt die Klatsch­spal­ten der Bou­le­vard­presse mit ihren Kon­zer­ten und Lieb­schaf­ten. Der Ich-Erzäh­ler ver­folgt von sei­ner Klause aus ihre Kar­riere und quält sich dabei mit der Frage, warum das Leben sie hat aus­ein­an­der­drif­ten las­sen. Liebte sie ihn denn nicht? Haben sie ein­fach aus Unacht­sam­keit anein­an­der vor­bei­ge­liebt? Oder hatte es an ihm gele­gen? „Viel­leicht war ich des­halb so über­wäl­tigt gewe­sen von mei­nen Gefüh­len für Fran­ziska, die aus dem Kör­per zu kom­men schie­nen, nicht aus dem Kopf. Weil ich sie nicht ver­stand… Das mag der Grund gewe­sen sein, wes­halb ich alles tat, um nicht zum Opfer die­ser Gefühle zu werden.“

Ein verpasstes Leben

Peter Stamm (2) - Glarean Magazin
„Ein lei­ser, aber lite­ra­risch wuch­ti­ger Text“: Peter Stamm (*1963)

Über Jahre lebt der Ein­zel­gän­ger eini­ger­ma­ßen zufrie­den zwi­schen Fan­ta­sie­vor­stel­lun­gen von der Gelieb­ten und dem Lesen, Schnip­peln, Kle­ben und Codie­ren von Zei­tungs­ar­ti­keln. Auch über Franziska/Fabienne führt er eine Akte, und somit weiß er zu jeder Zeit über ihr Leben Bescheid. Aber die gegen­wär­tige Fabi­enne inter­es­siert ihn weni­ger als seine Jugend­liebe Fran­ziska, und ent­spre­chend sind die schöns­ten Pas­sa­gen die­ser Bezie­hung, die keine ist, letzt­lich jene, in denen ihn die Fran­ziska von damals in fast mär­chen­haft gezeich­ne­ten Sze­nen ins Was­ser lockt und dann, kaum hat er sie berührt, wie eine unfass­bare Nym­phe entschlüpft.

Solange Fran­ziska in sei­nem Kopf wohnt, kann der Archi­var mit sei­nen Gefüh­len umge­hen und auch dem obses­si­ven Ord­nen von Fak­ten einen Sinn abge­win­nen. Als die Umstände plötz­lich ein Wie­der­se­hen ermög­li­chen und er Fran­ziska nach einem Tele­fon­ge­spräch schließ­lich in ihrer Luxus­villa mit Pool und allem Drum und Dran besu­chen kann, regen sich in ihm jedoch Zwei­fel: „Mein gan­zes Leben kommt mir plötz­lich elend vor, es scheint mir, als hätte ich gar nie wirk­lich gelebt, als hätte ich immer nur ande­ren beim Leben zuge­schaut und gewar­tet, dass etwas geschieht. Und nichts geschah.“

Das Archiv

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Das Gerüst die­ses ein­drück­li­chen und tief­grün­di­gen Tex­tes bil­det indes­sen nicht die Lie­bes­ge­schichte, son­dern das Archiv. Zu Beginn ist sich der Ich-Erzäh­ler noch über des­sen Zweck sicher: Das Archiv ist ein Abbild der Welt und dazu da, um in ihr Ord­nung zu schaf­fen. Das beru­higt ihn, wenn es ihm auch in Momen­ten der Verweif­lung wie ein Ver­lies vor­kommt, in das er sich selbst gesperrt hat.
All­mäh­lich kommt er sich jedoch selbst auf die Schli­che und erkennt, dass das Archiv eigent­lich nur ein Abbild sei­ner eige­nen Welt ist, die er selbst gestal­ten und nach Gut­dün­ken ver­än­dern kann. Sodann beginnt er es zu ver­nach­läs­si­gen, und es ent­ste­hen Lücken, in denen er nach dem ers­ten Schre­cken eine Art Befrei­ung wittert.

Am Schluss ist er soweit, den gan­zen Papier­berg zu ent­sor­gen und aus der ent­stan­de­nen Leere einen Neu­an­fang mit Fran­ziska zu wagen. Eine unge­wisse Zukunft erwar­tet das Paar, doch sie sind bereit, zusam­men anzu­pa­cken, was vom Leben übrig bleibt. Auf den letz­ten Sei­ten des Romans betrach­ten sie die Schwei­zer Alpen im Mor­gen­grauen, Fran­ziska zählt die Gip­fel auf: Den Tödi, das Schär­horn, der kleine Mythen – und been­det die Geschichte mit einem atem­be­rau­bend schö­nen Satz, für den allein es sich lohnt, sich die­sen lei­sen und doch wuch­ti­gen lite­ra­ri­schen Text zu Gemüte zu führen. ♦

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle, Roman, 188 Sei­ten, S. Fischer Ver­lag, ISBN 978-3103974027

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Roman-Lite­ra­tur auch über Ursula Has­ler: Die schiere Wahrheit

… sowie über die neuen Erzäh­lun­gen von Tomas Gon­za­les: Die sta­che­lige Schön­heit der Welt

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