Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

„Dass ich unentwegt stolpere…“

von Sigrid Grün

Sie war Karoline, Carola, Carlinchen, Barbara – Klabunds Frau, Brechts Muse und eine der berühmtesten deutschen Schauspielerinnen: Carola Neher, die 1900 als Karoline zur Welt kam und sich nach nichts mehr sehnte als nach den Brettern, die die Welt bedeuten. Charlotte Roth (Pseudonym von Charlotte Lyne) hat ihrem aufregenden Leben nun den Roman „Die Königin von Berlin“ gewidmet, der uns in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts entführt.

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)
Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

Nach ihrer Ausbildung in einer Bank verlässt Karoline Neher Hals über Kopf ihre Mutter und ihren geliebten Bruder und reist von München nach Baden-Baden – eigentlich will sie nach Berlin, aber dafür reicht ihr Geld nicht. Ohne richtige Schauspielausbildung kommt sie nur in Pagenrollen zum Einsatz. Bald erweist sich das Theater in der Kurstadt als Sackgasse, und Karoline, die sich mittlerweile Carola genannt hat, landet wieder in München, wo der ersehnte Erfolg auch ausbleibt. In der bayerischen Landeshauptstadt trifft sie allerdings einen Mann, der zu einer Schlüsselfigur in ihrem Leben werden sollte: Bertolt Brecht. Ihm folgt sie bald auch nach Berlin, denn er sieht in der jungen Schauspielerin mehr als andere Regisseure, die ihr immer nur kleine Rollen geben.

Lebenslange Liebe zu Klabund

Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) 1930 - Glarean Magazin
Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) in Berlin Ende der 1920er Jahre

In Berlin genießt sie das freie Leben. Sie will sich nicht binden, bis sie eines Tages in der Straßenbahn einem hageren Mann mit Brille begegnet, der etwas in ihr zum Schwingen bringt. Alfred Henschke, genannt Klabund, ist zehn Jahre älter als Carola Neher und schwer an Tuberkulose erkrankt. Doch die Liebe zwischen den beiden reicht bis zu seinem Tod in Davos. An seinem Sterbebett gesteht ihm Carola: „Ich kann ein Biest sein, eine Plage, weil ich im Grunde nicht weiß, wie ein Mensch mit einem Menschen umgeht, aber ich bin verloren ohne dich. Du weißt, dass ich ohne dich keinen Fuß vor den anderen setzen kann, dass ich unentwegt stolpere.“

Seine Krankheit überschattet die ganze Beziehung. Klabund vergöttert Carola und lässt ihr alle Freiheiten: „Ich war einmal gar nicht so viel anders als du, dachte er. Ich bin es noch immer, ich möchte genau wie du eine Kerze sein, die an beiden Enden brennt und mir das Leben zum Feuerwerk macht. Meine Kerze ist nur schon ein bisschen zu kurz dafür, doch der Teufel soll mich frikassieren, wenn ich dir deswegen deinen Spaß verderbe.“
Er war Carola Nehers große Liebe. Doch ein weiterer Mann spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle im Leben der Schauspielerin. Bertolt Brecht schrieb ihr die Rolle der Polly Peachum aus der Dreigroschenoper auf den Leib. Das Stück und die Verfilmung Anfang der 30er Jahre, sollten ihre größten Triumphe werden, der Barbara-Song ihr Lied.

Rahmenhandlung in die 1970er Jahre verlegt

Charlotte Roth lässt eine spannende Zeit lebendig werden. Die Geschichte um die kurzen Leben von Klabund – er wurde nur 38 – und Carola Neher, die mit gerade mal 41 Jahren in einem sowjetischen Zwangsarbeiterlager starb, ist in eine Rahmenhandlung gebettet, die sich Ende der 70er Jahre in Edenkoben zuträgt, einem Ort, mit dem Neher verbunden war. Ein Fremder kommt in die Gemeinde, um etwas über die Vergangenheit von Carola zu erfahren. Wer der Mann ist, wird erst ganz zum Schluss klar.

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Roths Roman basiert auf zahlreichen Tatsachen und enthält natürlich auch Ausschmückungen. Besonders zu Beginn hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte einige Längen aufweise. Doch die Beziehung zwischen dem sympathischen Klabund und der Schauspielerin, die verletzlicher ist, als sie vorgibt zu sein, wird von der Autorin ganz wunderbar literarisch aufgearbeitet.
Charlotte Roth ist ein berührender und interessanter Roman über eine Schauspielerin gelungen, die mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten ist. In „Die Königin von Berlin“ werden eine Zeit und ein Lebensgefühl lebendig, die uns seit einem Jahrhundert faszinieren: „Die goldenen Zwanziger“. Eine schöne Lektüre, die ich allen ans Herz legen kann. ♦

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin – Sie war die Muse von Bertolt Brecht, Roman, 416 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28232-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch über den Roman von Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

… sowie zum Thema Berlin über Susanne Schüssler (Hrsg.): Berlin – Eine literarische Einladung

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Traditionsbrüche und Erinnerungsarbeit

von Sigrid Grün

Geschichtsschreibung ist niemals völlig neutral, sondern stets ideologisch und subjektiv gefärbt. Die Frauengeschichte, die sowohl Teil der Geschichtswissenschaft als auch der Geschlechterforschung ist, entwickelte sich als Fachgebiet im Rahmen der Frauenbewegung der 1970er Jahre. Damals verstand sich die erstarkende Frauenbewegung als etwas grundlegend Neues. Vorläufer, die es bereits im 19. Jahrhundert gegeben hatte, wurden weitgehend ignoriert. Es zeigt sich also: Die Geschichte der Frauenbewegung ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Vom Hexen-Narrativ bis zur Weimarer Republik

Erinnen vergessen umdeuten Frauenbewegungen - Cover Campus Verlag - Rezension Glarean MagazinDie Anthologie „Erinnern, vergessen, umdeuten? – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert“ geht auf eine Tagung im Frühling 2018 zurück. Die Teilnehmerinnen bearbeiteten zahlreiche Fragen – die Ergebnisse liegen nun in gedruckter Form vor. In den 15 Beiträgen geht es u.a. um Louise Otto Peters, eine der Mitbegründerinnen der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert und um die Frauenrechtlerin Lily Braun, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert mit dem Bild der Frau in der Antike, insbesondere mit griechischen Hetären, auseinandersetzte und den hohen Bildungsstand der Prostituierten des Altertums betonte. Es geht aber auch um die „Wirkmacht des Hexen-Narrativs in den europäischen Frauenbewegungen“, um die „Frage nach (fragmentarischen) Traditionsbildungen als Strategie der Mobilisierung eines radikalen Feminismus“ (116) und um Erinnerungskultur nach 1945 und Erinnerungsarbeit im Kaiserreich und in der Weimarer Republik.

Gedächtnisformen und Medienlogiken

FAZIT: Die Themen Erinnerungsarbeit, Traditionsstiftung und Traditionsbrüche werden in dem Band „Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert“ des Herausgeber-Trios Angelika Schaser, Sylvia Schraut und Petra Steymans-Kurz auf vielfältige Weise aufgearbeitet. Selbst HistorikerInnen werden hier sehr viel Neues und Interessantes erfahren, denn die Geschichte der Frauenbewegungen ist immer noch ein stiefmütterlich behandelter Bereich. Der Tagungsband wird definitiv so gut wie ausschließlich ein Fachpublikum aus der Geschichtswissenschaft und Geschlechterforschung sowie der Kulturwissenschaft ansprechen.

Den Frauenrechtlerinnen Helene Lange und Getrud Bäumer ist ebenso ein Text gewidmet wie den konfessionellen und regionalen Brüchen in der Traditionsstiftung der deutschen Frauenbewegung. Hervorzuheben ist, dass sich in dem Band nicht nur Beiträge zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland finden, sondern auch Galizien (polnische, jüdische und ukrainische Autorinnen), Italien, Finnland und Schweden betrachtet werden. Sehr aufschlussreich ist Susanne Kinnebrocks Beitrag „Warum Frauenbewegungen erinnert werden oder auch nicht – Zum Zusammenspiel von Gedächtnisformen und Medienlogiken“, in dem es um die Gedächtnisse (kommunikatives, kulturelle, kollektives) von Gesellschaften geht.
Drei der 15 Beiträge sind in englischer Sprache verfasst.

Traditionsverluste durch Diktaturen

Besonders interessant an der Geschichte der Frauenbewegungen sind die zahlreichen Brüche. Die frühe, bürgerliche Frauenbewegung, die in puncto Frauenrechte eine Menge bewegte, u.a. das Frauenwahlrecht erwirkte, lief später häufig Gefahr, entweder völlig ignoriert oder gründlich missverstanden zu werden.

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So bezeichnete die Autorin Renate Wiggershaus die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer in einem ihrer Bücher etwa als „aktive Nationalsozialistin“, obwohl Bäumer 1933 von den Nationalsozialisten all ihrer politischen Ämter enthoben wurde. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts sind in erheblichem Maße mit verantwortlich für die Traditionsverluste innerhalb der Frauenbewegung.
Es ist überaus erhellend, etwas darüber zu erfahren, welches Bild sich eine Bewegung von der eigenen Geschichte macht und wie sehr Vorläufer in Vergessenheit geraten oder sogar gänzlich umgedeutet werden können. ♦

Angelika Schaser, Sylvia Schraut, Petra Steymans-Kurz (Hrsg.): Erinnern, vergessen, umdeuten? – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, 406 Seiten, Campus Verlag, ISBN 9783593510330

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Frauenbewegung auch über das Handbuch von
Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

… sowie über die Frauen-Biographie von K. Decker:
Lou Andreas-Salomé – Der bittersüsse Funke Ich

 

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Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Ständige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Glarean Magazins.

Thomas Binder (Schach)

Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als Programmierer in Berlin
Thomas Binder im Glarean Magazin

Ralf Binnewirtz - Schach-Korrespondent - Mitarbeiter Glarean MagazinDr. Ralf Binnewirtz (Schach)

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig
Ralf Binnewirtz im Glarean Magazin

Christian Busch (Musik•Literatur)

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Spanien, lebt in Düsseldorf
Christian Busch im Glarean Magazin

Walter Eigenmann - Glarean MagazinWalter Eigenmann (Musik•Literatur•Schach•Rätsel)

Geb. 1956 in Luzern/CH, seit 2007 Herausgeber und Redakteur des Online-KulturJournals GLAREAN MAGAZIN
Walter Eigenmann im Glarean Magazin

Bernd Giehl - Ständiger Mitarbeiter des Glarean MagazinsBernd Giehl (Literatur)

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim
Bernd Giehl im Glarean Magazin

Sigrid Grün (Literatur)

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals
Sigrid Grün im Glarean Magazin

Isabelle KleinIsabelle Klein (Literatur)

Geb. 1975 in Würzburg, Lehramts-Staatsexamen, Studium der Soziologie und Politologie, zahlreiche Online-Belletristik- und Sachbuch-Rezensionen, lebt in Hannover
Isabelle Klein im Glarean Magazin

Katka Raeber - Glarean MagazinKatka Räber (Literatur•Film)

Geb. 1953 in der Tschechoslowakei, 1968 Übersiedlung in die Schweiz, Studium der Slavistik, Germanistik und Literaturkritik in Zürich, später Paarberatungsausbildung und Psychodrama-Diplom, lebt als Sachbuch- und belletristische Autorin sowie als Therapeutin und Fotografin in Basel
Katka Räber im Glarean Magazin

Horst-Dieter Radke (Musik•Literatur)

Geb. 1953 in Hamm/D, Wirtschaftsinformatiker, Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Betriebspädagogik an der Universität Koblenz-Landau, daneben Musiklehrerprüfung; freiberuflicher Lektor und Schriftsteller, Buch-Veröffentlichungen zu regionalen und geschichtlichen Themen, Romane, Krimis, Novellen, Erzählungen
Horst-Dieter Radke im Glarean Magazin

Dr. Mario Ziegler (Schach)

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach
Mario Ziegler im Glarean Magazin

Lesen Sie auch das Editorial und das Inhaltsverzeichnis des Glarean Magazins

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Tania Krätschmar: Die Rückkehr der Apfelfrauen (Roman)

Unterhaltsamer Frauenroman

von Sigrid Grün

„Die Rückkehr der Apfelfrauen“ ist die Fortsetzung des Bestsellers „Eva und die Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar. Bei diesen Büchern handelt es sich um unterhaltsame Frauenromane, deren Protagonistinnen nicht etwa 30, sondern um die 50 sind.
Nun sind „Frauenromane“ nicht so mein Genre, populäre Literatur interessiert mich hingegen sehr, weil es etwas über kulturelle Wertigkeiten aussagt. (Die Zeitschrift „Landlust“ erfreut sich immer noch großer Beliebtheit, mit einer Auflage von knapp 900.000 verkauften Exemplaren überholte sie vor einigen Jahren sogar den „Stern“). Themen wie Landleben oder ländliches Wohnen sind sehr beliebt und zeugen vom Wunsch, aus der Komplexität des Alltags auszusteigen und ein einfacheres, naturverbundenes Leben zu führen.
Genau diese Sehnsucht befriedigt auch Tania Krätschmar mit ihrem Roman um fünf Freundinnen um die 50, die mit vereinten Kräften ein Problem lösen – und selbstverständlich geht es auch um die Liebe.

Kinder-Stil bei Erwachsenen-Büchern

Tania Krätschmar - Die Rückkehr der Apfelfrauen - Roman - Blanvalet - Glarean MagazinDie Einfachheit ist bei diesem Roman Programm. Sprache und Stil erinnern eher an populäre Kinder- und Jugendbücher, wie  die „Fünf Freunde“-Reihe von Enid Blyton. Ich mag diesen Stil bei „Erwachsenenbüchern“ nicht, weshalb ich vor allem den Beginn der Geschichte als nervtötend empfand.
Die Freundinnen sind zunächst in Venedig unterwegs, bis Eva, die seit vier Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Loh in Brandenburg einen Hof bewirtschaftet, einen Anruf aus der Heimat bekommt. Die Apfelernte muss dringend erledigt werden, weil ein wichtiger Termin im Apfelgarten ansteht, bei dem darüber entschieden wird, ob in der verschlafenen Ortschaft Wannsee (nicht zu verwechseln mit dem Berliner Bezirk) ein Baumhaushotel entstehen darf…

Klischee-Probleme Familie und Übergewicht

Tania Krätschmar - Rezension im Glarean Magazin
Tania Krätschmar

Evas vier Freundinnen – Nele, Marion, Dorothee und Julika – entschließen sich getreu dem Motto „Einer für alle und alle für einen“, Eva zu helfen. Und so reisen die fünf zurück ins herbstliche Deutschland, wo sich auch noch die Schulschildkröte Alexis zu ihnen gesellt. Vor Ort zeigt sich schnell, dass die Apfelernte nicht das einzige Problem ist: Neben dem paradiesischen Apfelgarten hat der fiese Unternehmer Borg Seidel einen hässlichen Bau hochgezogen, der einmal eine private Spielbank werden soll. Und schon ist er da: Der Kampf Gut gegen Böse. Dazwischen taucht noch ein geheimnisvoller Fremder mit ganz schön viel Naturwissen auf, den Nele attraktiver findet, als sie möchte. Und jede einzelne Frau bringt noch ihre kleinen und großen Alltagssorgen und –probleme mit. Das sind bei Frauen natürlich Freiberuflichkeit, Familie und Übergewicht! Es sind Klischees, die bedient werden, weil Klischees genauso simpel funktionieren wie eine relativ vorhersehbare Handlung und die einfache Sprache.

Spannender Roman in heiler Welt

FAZIT: Wer Frauenromane mag, die einem den Ausstieg aus dem Alltag ermöglichen, moderne Märchen, die auf alle Fälle gut ausgehen, und bei denen man keine Sekunde über irgend etwas nachdenken muss, wer also Seelentröster sucht, die einen von den Problemen der Welt ablenken, wird mit der „Rückkehr der Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar ein paar schöne und auch spannende Stunden verbringen. Wer andere Ansprüche an Literatur hat, wird vermutlich ohnehin zu einem anderen Buch greifen…

Es ist ein modernes Märchen vor einer Sehnsuchtskulisse: Die heile Welt im brandenburgischen Bullerbü muss vor dem üblen Plan des Bösewichts bewahrt werden – und ich glaube, ich verrate auch nicht zu viel, wenn ich sage, dass am Ende alles gut wird. Niemand liest so einen Roman, um sich zum Schluss darüber zu ärgern, dass der böse Bauunternehmer erfolgreich alles versaut hat, den Traum vom Apfelblütenhotel, von unberührter Natur und natürlich von der großen Liebe!

Trotz der vorhersehbaren Handlung muss man aber doch zugeben, dass die Autorin einen spannenden Roman geschrieben hat, so wie die „Fünf Freunde“-Bände auch spannend sind. Man liest weiter und weiß, dass es mit dem Bösen unmöglich ein gutes Ende nehmen wird. Und das ist vielleicht mal ganz nett, in eine heile Traumwelt abzutauchen, in der auf jeden Fall das Gute gewinnt. Mein bevorzugtes Genre ist es nicht, aber interessant war die Lektüre allemal. ♦

Tania Krätschmar: Die Rückkehr der Apfelfrauen – Roman, 352 Seiten, Blanvalet Verlag, ISBN: 978-3-734-10628-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Frauen-Literatur“ auch über die Anthologie von
A. Djafari & J. Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken

…sowie über den Sommer-Roman von
Alan Schweingruber: Simona

Tania Krätschmar: Die Rückkehr der Apfelfrauen (Roman)

Claudia Praxmayer: Bienenkönigin (Roman-Thriller)

Das Mädchen, das die Bienen liebt

von Sigrid Grün

Im Frühling 2017 hat „Die Geschichte der Bienen“, der dystopische Roman der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde, die Bestenlisten gestürmt. Bienen und Bienensterben sind Themen, die auf dem Buchmarkt eine immer größere Rolle spielen, da es ja tatsächlich ein bedrohliches Insektensterben gibt. Die Gründe sind vielfältig: Vom übermäßigen Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft und in Gärten über Bienenkrankheiten bis hin zum Schrumpfen der Lebensräume gibt es viele Gefahren, die der Honigbiene Apis mellifera drohen.
Die gebürtige Salzburgerin Claudia Praxmayer hat Biologie studiert und kennt sich mit Bienen aus. Sie hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht und legt mit „Bienenkönigin“ ihr Debüt im Bereich Jugendbuch vor. Damit schließt sie eine Lücke, denn über das Bienensterben gibt es bisher kaum Literatur für Jugendliche.

Für Jugendliche und Erwachsene konzipiert

Bienenkönigin - Roman-Thriller - Claudia Praxmayer - Rezension im Glarean MagazinMein Sohn ist 13 Jahre alt, liest aber auch gerne schon Bücher für Erwachsene. Wir haben das Buch beide gelesen und kamen unabhängig voneinander zu einem sehr ähnlichen Urteil.
Worum geht es? Mel ist 19 und weiß nicht so recht, welche Richtung ihr Leben nehmen soll. Die Mutter, eine Professorin, möchte dass aus ihrer Tochter eine erfolgreiche Akademikerin wird, der Vater, ein Restaurantbesitzer, spricht sich dafür aus, dass Mel ihre Leidenschaft fürs Kochen zum Beruf macht. Die Eltern sind getrennt, und es kommt immer wieder zu Konflikten wegen Mels Zukunft.
Die junge Frau lebt in einer WG namens „Beehive“ (Bienenstock) in San Francisco. Im Garten des Hauses, in dem sie mit drei Mitbewohnern lebt, gibt es einen Bienenschwarm in einem hohlen Apfelbaumstamm. Mel hatte schon ihr ganzes Leben lang ein besonderes Verhältnis zu Bienen. In ihrem Nacken wächst ihr ein Bienenpelz, und sie kann mit den Tieren kommunizieren. Diese Fähigkeit hat sie von ihrer Großmutter geerbt, die bereits verstorben ist.

Von High-Tech-Roboter-Bienen

Claudia Praxmayer - Bienenkönigin - Biologin - Glarean Magazin
Biologin & Thriller-Debütantin aus Salzburg: Claudia Praxmayer

Mels Welt gerät aus den Fugen, als sie eines Tages am Bienenstock im Apfelbaum eine schockierende Entdeckung macht… Ein Eindringling ist vom Bienenvolk im Garten getötet worden. Doch die schwarze Drohne entpuppt sich nicht nur als Drohne im Sinne einer männlichen Biene, sondern als High-Tech-Roboter-Biene. Wer steckt hinter dieser Erfindung und was hat das zu bedeuten? Diesen Fragen gehen Mel und ihre Mitbewohner nach – und stoßen dabei auf eine Sache, die nicht nur angsteinflößend ist…

Claudia Praxmayer hat eine Sprache und einen Stil, die im Jugendbuch absolut überzeugen können. In diesen Punkten kann sie sich durchaus mit Isabel Abedi messen. Zudem können junge Leserinnen und Leser einiges über die Honigbiene und ihre Gefährdung lernen.

FAZIT: Zwar hat der Thriller „Bienenkönigin“ der österreichischen Biologin und Roman-Debütantin Claudia Praxmayer ein paar dramaturgische Längen, was die Spannung zuweilen drosselt. Andererseits pflegt die Autorin aber eine Sprache und einen Stil, die nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche absolut überzeugen vermögen. Zudem können junge Leserinnen und Leser einiges über die Honigbiene und deren Gefährdung durch die Umweltverschmutzung lernen.

Leider hat das Buch einige dramaturgische Schwächen und weist Längen auf. Anfangs klingt das Ganze ziemlich vielversprechend, doch die Geschichte versandet dann zu oft in alltäglichen Belanglosigkeiten. Auch die Lovestory hätte spannender inszeniert werden können. Sowohl mein Sohn als auch ich haben relativ lange gebraucht, bis wir durch waren, weil wir uns teilweise zum Weiterlesen überwinden mussten. Wir wollten beide wissen, wie die Geschichte endet, aber der Weg dorthin war manchmal etwas steinig…
Zusammengefasst: Wenngleich „Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer sprachlich-stilistisch durchaus überzeugen konnte, waren es doch gar viele Längen, die gerade bei einem Thriller die Spannung zu sehr rausnehmen. Das Thema ist wichtig und für Jugendliche gut aufbereitet. Aber die Geschichte tritt leider zu oft auf der Stelle. Gerade Jugendliche kann das schnell frustrieren. ♦

Claudia Praxmayer: Bienenkönigin, Roman-Thriller (ab 14 J.), 352 Seiten, cbj Jugendverlag Randomhouse, ISBN 978-3-570-16533-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Tiere in Romanen auch über
Jose Saramago: Die Reise des Elefanten

…sowie von Sigrid Grün über den Roman von
Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker

Weitere Internet-Artikel zum Thema Biene und Bienensterben:

Claudia Praxmayer: Bienenkönigin (Roman-Thriller)

A. Djafari & J. Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken (Literatur-Anthologie)

Der weibliche Blick

von Sigrid Grün

29 Texte von Frauen aus vier Kontinenten haben die Herausgeber Anita Djafari und Juergen Boos in ihrer Anthologie „Vollmond hinter fahlgelben Wolken“ zusammengetragen. Zahlreiche Texte finden sich hier erstmals in deutscher Übersetzung. Es kommen Erzählerinnen und Lyrikerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt zu Wort. Manche von ihnen sind bekannt, wie die Südkoreanerin Han Kang (u.a. „Die Vegetarierin“) oder Assia Djebar aus Algerien.

Anita Jafari Jürgen Boos Vollmond hinter fahlgelben Wolken - Unionsverlag - Rezension Glarean MagazinDie in der Anthologie abgedruckte Erzählung „Die Früchte meiner Frau“ ist ein Vorläufer des internationalen Bestsellers „Die Vegetarierin“. Die Themen sind vielfältig. Es geht um das Altern, auch um Demenz, um Kinder und natürlich um die Liebe in all ihren Facetten. Manche Geschichten sind komisch, etwa Ana María Shua’s „Wie eine gute Mutter“. Darin geht es um die Überforderung einer Mutter, die allen Ansprüchen gerecht werden will und schließlich von ihren Kindern komplett „zerlegt“ wird. Andere Erzählungen sind zutiefst traurig, z.B. „Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter“ von der gebürtigen Haitianerin Edwidge Danticat. Die Autorin verhandelt in der Geschichte einfühlsam das Thema Demenz.
Auch die lyrischen Beiträge sind ausgesprochen starke Texte. Im Band sind zwei Gedichte der Angolanerin Ana Paula Tavares, drei Gedichte der Inderin Meena Kandasamy und ein Text der äyptischen Lyrikerin Nora Amin enthalten.

Unterschiedliche Wirklichkeiten von Frauen

Anita Djafari und Juergen Boos - Glarean Magazin
Frauen-Lyrik und -Prosa aus vier Kontinenten zusammengetragen: Die Herausgeber Anita Djafari (Literaturvermittlerin) und Juergen Boos (Buchmesse-CEO Frankfurt)

Auf einen oder mehrere Lieblingstexte könnte ich mich gar nicht festlegen, denn den besonderen Reiz der Anthologie macht die Vielfalt aus. Es ist ausgesprochen interessant, zu erfahren, wie unterschiedlich die Lebenswirklichkeit von Frauen in unterschiedlichen Erdteilen doch aussieht, etwa wenn es um die Vorbereitungen für eine Hochzeit geht. Andererseits kommt einem auch vieles bekannt vor – überforderte Mütter leiden in allen Erdteilen an überhöhten Ansprüchen.

FAZIT: „Vollmond hinter fahlgelben Wolken“ der beiden Herausgeber Anita Jafari und Juergen Boos ist eine sehr gelungene Anthologie, da sie kontrastreiche Texte verschiedener Autorinnen enthält. Der vollkommen unterschiedliche Sound der einzelnen Verfasserinnen macht den besonderen Reiz aus. Die Themen- und die Stilvielfalt entführen den Leser in vier Erdteile. Wer sich für den weiblichen Blick in verschiedenen Ländern interessiert, wird hier viele wunderbare Texte finden.

Verlust der Bindungen zwischen Alt und Jung

Besonders berührt hat mich die Geschichte „Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter“. Carole ist dement und hat immer mehr Aussetzer. Am Tag der Taufe ihres Enkels ist es besonders schlimm und sie erlebt einen Zusammenbruch, der alles ändert. Ihre Tochter Jeanne ist seit der Geburt ihres ersten Kindes in eine Depression verfallen, die auch Carole sehr mitnimmt und verärgert, denn für sie gibt es nichts wichtigeres, als sich gut um die eigenen Kinder zu kümmern. Edwidge Danticat erzählt einfühlsam und lebendig vom Verlust der Kontrolle über das eigene Leben und von der Bindung zwischen Alt und Jung.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Autoreninformationen oder zumindest die Herkunftsländer der Autorinnen unmittelbar bei den Texten gestanden hätten. So muss man jedes Mal zum Anhang blättern, um nachzulesen, wer die in unserem Kulturkreis überwiegend eher unbekannten Autorinnen sind. Ein Hinweis auf das Herkunftsland würde mir persönlich bereits reichen, etwa ‚Edwidge Danticat (Haiti)‘. Vielleicht in einer 2. Buchauflage oder bereits jetzt im E-Book? ♦

Anita Djafari & Juergen Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken – Autorinnen aus vier Kontinenten (Anthologie), 320 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-20800-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Literatur von Frauen auch über die Anthologie
Liebesbriefe berühmter Frauen (Piper Verlag)

… sowie über den Roman von
Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

… und über das Handbuch von
Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

Weitere Internet-Beiträge zum Thema Frauenliteratur

A. Djafari & J. Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken (Literatur-Anthologie)

Tracy Chevalier: Der Neue (Roman)

Rassismus und Intrigen – „Othello“ auf dem Schulhof

von Sigrid Grün

Im April 2016, pünktlich zu Shakespeares 400. Geburtstag, startete in über 20 Ländern das „Hogarth Shakespeare Projekt“, bei dem es darum geht, dass zeitgenössische Autoren Shakespeare neu interpretieren. In dem Roman von Tracy Chevalier: Der Neue erzählt die Autorin die Geschichte von Othello, dem Mohr von Venedig neu.
Washington D.C., 1974. Der Diplomatensohn Osei ist mit seinen Eltern gerade von New York in die Hauptstadt gezogen und neu in der 6. Klasse der Grundschule. Einen Monat vor dem Übertritt an die High School muss er sich auf dem Schulhof und im Klassenzimmer beweisen. Das kennt er schon, denn er hat bereits in Rom, London und New York gelebt. Geboren ist er allerdings in Accra, der Hauptstadt Ghanas.

Shakespeare für die Neuzeit

Tracy Chevalier: Der Neue, Roman, Knaus VerlagAn der Washingtoner Vorstadtschule ist Osei der einzige Schwarze. Und obwohl er mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein auftritt und damit sofort das Herz der allseits beliebten Vorzeigeschülerin Dee gewinnt, ist die Atmosphäre in der Schule angespannt. Nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer begegnen dem schwarzen Jungen mit Vorurteilen und Misstrauen. Durch Freundlichkeit und seine gewinnende Ausstrahlung erarbeitet sich Osei bei einigen Schülern aber rasch einen guten Ruf.
Das ist vor allem dem Schulhof-Rowdy Ian ein Dorn im Auge. Er spinnt gerne Intrigen, um ein Gefühl der Macht zu erleben. Und als sich ihm die Gelegenheit bietet, die Schülerschaft gehörig aufzumischen, nutzt er die Chance. Er spielt einen gegen den anderen aus, schürt Hass und Eifersucht. Das Ganze endet – genau wie bei Shakespeare – in der Katastrophe.

Diskriminierung schmerzhaft geschildert

Tracy Chevalier (geb. 1962)
Tracy Chevalier (geb. 1962)

Tracy Chevalier gelingt es, die Geschichte um Othello auf aufwühlende Weise neu zu erzählen. Die Diskriminierung, die geschildert wird, ist für den Leser oft äußerst schmerzhaft.
Bisweilen wirken Ians Intrigen allerdings etwas gar konstruiert. Er ist hochgradig manipulativ – und keiner merkt etwas, alles geht glatt und läuft immer nach Plan. Das Ganze scheint mir doch recht unrealistisch: Wie ist es möglich, dass ein Junge und ein Mädchen sich sofort ineinander verlieben, aber unhinterfragt alles glauben, was ein Fremder, der noch dazu äußerst verschlagen wirkt, ihnen erzählt? Und kann ein Junge in der 6. Klasse bereits derart strategisch vorgehen?

Folgenlose Abschaffung der Rassentrennung

FAZIT Der Roman von Tracy Chevalier: Der Neue ist eine gelungene Neuinterpretation von Shakespeares Othello, die vor Augen führt, welche Rolle Diskriminierung auch noch in heutiger Zeit spielt. Wenngleich kleine Schwächen auffallen, die die Story teilweise zu konstruiert wirken lassen, ist es eine Geschichte, die beeindruckt. Gut vorstellbar, dass es auch eine hervorragende Schullektüre zum Thema Mobbing und Rassismus wäre.

Doch trotz der leisen Zweifel, die bisweilen aufkommen, hat mich Chevaliers Buch tief berührt. Die Schilderung der Ungerechtigkeit, die Osei nur aufgrund seiner Hautfarbe widerfährt, macht wütend. Selbst die Lehrer, allen voran der Klassenlehrer Mr. Brabant, sind ignorant und voller Vorurteile. Obwohl Osei aus privilegierten Verhältnissen kommt, unterstellt die Direktorin, dass er aus armen Verhältnissen stammen müsste. Es ist eine Mischung aus offenem und verdecktem Rassismus, der dem neuen Schüler entgegenschlägt. Die Abschaffung der Rassentrennung durch den Civil Rights Act lag 1974 bereits zehn Jahre zurück, geändert hatte sich aber noch nicht viel.
Chevalier hält sich natürlich nicht genau an die Shakespeare-Vorlage. Mr. Brabant (Brabantio) ist der Klassenlehrer und nicht der Vater von Dee (Desdemona). Ian (Jago) ist nicht Oseis (Othellos) Untergebener, sondern ein Mitschüler. Aber strukturell ist die Geschichte der Vorlage sehr ähnlich. Chevaliers Geschichte spielt an einem einzigen Schultag und ist, wie bei Shakespeare, in fünf Akte unterteilt. ♦

Tracy Chevalier: Der Neue, Roman, 192 Seiten, Knaus Verlag, ISBN 978-3-8135-0671-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Rassismus auch über
Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

… sowie das Gedicht von
Peter Fahr: Willkommen (Flüchtling-Gedicht)

Weitere Internet-Beiträge über Tracy Chevalier
Der Neue (Geschichtenentdecker)
Das Mädchen mit dem Perlenohrring (hak-Bregenz)
Zwei bemerkenswerte Frauen (Von Mainberg Büchertipps)

Tracy Chevalier: Der Neue (Roman)

Ann Wiesental: Antisexistische Awareness (Handbuch)

Hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen

von Sigrid Grün

Als Beraterin für Opfer rassistischer Gewalt hat der Band „Antisexistische Awareness – Ein Handbuch“ von Ann Wiesental sofort mein Interesse geweckt. In einer Zeit, in der ein Konzept wie „Political Correctness“ von vielen BürgerInnen als eine Art um sich greifende Seuche betrachtet wird, ist Awareness im Sinne von Bewusstsein sehr wichtig.

Ann Wiesental: Antisexistische Awareness (Handbuch) - Cover - Glarean MagazinUnsere Sprache enthält viele diskriminierende Elemente, dessen sollten wir uns auf alle Fälle zumindest bewusst sein. In Ann Wiesentals Handbuch wird das sehr treffend zum Ausdruck gebracht: „Herrschaftsverhältnisse sind in unserer Gesellschaft vielfach verschränkt. Menschen werden in unterschiedlicher Weise privilegiert oder ausgegrenzt und abgewertet. Unterdrückung und Ausbeutung findet auf verschiedenen Ebenen und im Bezug auf verschiedenste Aspekte statt: Wer hat Zugang zu Ressourcen, zu Geld, Wohnraum, Mobilität, guter Ausbildung, Jobs, Karrieremöglichkeiten, wer kann eine Familie ernähren und Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen?“ (S.32 ff.) Diese Privilegierung bzw. Diskriminierung sollte möglichst vielen Menschen bewusst gemacht werden.

Arbeit von Awareness-Gruppen im Mittelpunkt

In diesem Handbuch geht es aber nicht so sehr darum, bei einem breiten Publikum ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was Sexismus überhaupt ist und wo er zu finden ist, sondern vor allem darum, wie Unterstützungsarbeit aussehen könnte. Die Arbeit von Awareness-Gruppen, die auf Partys, Festivals und politischen Kongressen von sexistischer Gewalt und Diskriminierung Betroffene unterstützen, steht dabei im Mittelpunkt. Mir persönlich ist das alles etwas zu szenebezogen. Sollte es nicht um mehr Bewusstsein im Alltag – also auch in Schule, Uni, Arbeit und persönlichem Umfeld usw. – gehen?
Der Band richtet sich also eher an ein Fachpublikum, namentlich „Unterstützer*innen, Awareness-Gruppen und Interessierte“. Wenngleich der Klappentext auch „Betroffene von sexualisierter Gewalt“ als Zielgruppe angibt, sollte klargestellt werden, dass es sich an Betroffene richtet, die selbst tiefer in die Materie einsteigen und sich ausführlich damit beschäftigen wollen. Es ist kein Ratgeber im klassischen Sinne, sondern eben ein Handbuch, das vor allem UnterstützerInnen Anregungen und Tipps an die Hand gibt.

Tipps zur Schulung von UnterstützerInnen

Sehr gelungen finde ich dabei die umfangreiche Einleitung sowie den historischen Hintergrund. Hier wird erklärt, worum es geht und wie sich die Frauenbewegung entwickelt hat. Im Praxisteil sind zahlreiche Tipps zu finden, wie Betroffenen geholfen werden kann. Als Opferberaterin frage ich mich natürlich, inwiefern UnterstützerInnen geschult werden. Die Lektüre dieses Handbuches ist sicher nicht hinreichend, wobei hier viele Tipps zu finden sind, wie eine Schulung erfolgen kann (z.B. mit Rollenspielen etc.). Allerdings sollten UnterstützerInnen stets professionell angeleitet werden, da sonst schnell eine Überforderung eintreten kann, was auch für die Betroffenen ganz und gar nicht hilfreich ist.

Überblick auf potenzielle Probleme

Alles in allem ist Ann Wiesentals Handbuch "Antisexistische Awareness" eine hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen, kann aber natürlich eine Ausbildung nicht ersetzen. Das Buch liefert auch zahlreiche Denkanstöße – hier hätte man sich allerdings einen etwas breiteren Publikumsbezug gewünscht. Jedenfalls bietet der Band viele Tipps zur Schulung von UnterstützerInnen und einen guten Überblick auf potenzielle Probleme.
Alles in allem ist Ann Wiesentals Handbuch „Antisexistische Awareness“ eine hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen, kann aber natürlich eine Ausbildung nicht ersetzen. Das Buch liefert auch zahlreiche Denkanstöße – hier hätte man sich allerdings einen etwas breiteren Publikumsbezug gewünscht. Jedenfalls bietet der Band viele Tipps zur Schulung von UnterstützerInnen und einen guten Überblick auf potenzielle Probleme.

Neben der konkreten Arbeit mit Betroffenen wird auch die „transformative Arbeit mit gewaltausübenden“ Personen thematisiert, weiterhin Intersektionalität, Definitionsmacht und Parteilichkeit und konsensuale Sexualität, bei der es um das gegenseitige Einverständnis geht. Natürlich wird auch das Thema „Trauma“ nicht ausgespart. Sehr gelungen und wichtig für UnterstützerInnen finde ich schließlich den Abschnitt „Knackpunkte und Stolpersteine“, denn hier wird ein Überblick über potenziell auftretende Probleme gegeben und somit der Überforderung vorgebeugt.
Alles in allem ist Ann Wiesentals Handbuch eine hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen, kann aber natürlich eine Ausbildung nicht ersetzen. Das Buch liefert auch zahlreiche Denkanstöße – hier hätte ich mir allerdings einen etwas breiteren Publikumsbezug gewünscht.

Ann Wiesental: Antisexistische Awareness – Ein Handbuch, 160 Seiten, Unrast Verlag, ISBN 978-3-89771-310-9

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… sowie zum Thema Diskriminierung über den Roman von
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Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher

Die Geschichten hinter den verschwundenen Geschichten

von Sigrid Grün

Der Autor und Leiter des italienischen Kulturinstituts in New York, Giorgio van Straten, widmet sich in seinem „Buch der verlorenen Bücher“ acht literarischen Werken, die es zwar mal gab, aber nicht mehr gibt. Es sind unveröffentlichte Bücher bekannter Autoren, die in der prä-digitalen Ära aus verschiedenen Gründen verschwunden sind. Meist durch tragische Umstände, etwa den Brand einer Hütte (Malcolm Lowry), den Verlust eines Gepäckstücks (Ernest Hemingway, Walter Benjamin) oder durch Zensur (Lord Byron).

Umfangreiches Manuskript ins Feuer geworfen

Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher - Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens - Insel VerlagBeispielsweise Nikolai Gogol, der eine Fortsetzung der „Toten Seelen“ verfasst hatte. Er war derart perfektionistisch, dass er – so lautet die Aussage eines Dieners – ein umfangreiches Manuskript, das nicht den eigenen Ansprüchen genügte, zehn Tage vor seinem Tod dem Kaminfeuer überantwortete. Diese „Göttliche Komödie“ der Steppe wird also keiner von uns jemals lesen können.
Sylvia Plaths Werk „Double Exposure“ (‚Doppelbelichtung‘) und Romano Bilenchis „Il viale“ (‚Die Allee‘) wurden vermutlich von den (Ex-)Partnern der Autoren vernichtet.
„Der Messias“ des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz ist einfach verschwunden, und es ranken sich heute noch Mythen um den Verlust dieses Meisterwerks. Angeblich soll das Manuskript einmal aufgetaucht und an einen schwedischen Diplomaten verkauft worden sein, der auf der Rückreise vom Übergabetermin tödlich verunglückte – der Wagen brannte völlig aus und alle Insassen starben. Cynthia Ozick hat dem Verschwinden des Buches sogar einen ganzen Roman gewidmet: „Der Messias von Stockholm“.

Spannend wie Krimi-Stories

Giorgio van Straten (Geb. 1955)
Giorgio van Straten (Geb. 1955)

Die „Geschichten der verlorenen Bücher“ sind teils spannende Stories, die an Kriminalfälle erinnern und teils Texte, die uns die Tragik mancher Künstler noch einmal drastisch vor Augen führen. Der Sylvia-Plath-Text beginnt beispielsweise mit ihrem Selbstmord.
Van Straten erzählt unterhaltsam und bisweilen wirkt sein Stil auch ein wenig geschwätzig, wobei er selbst betont, dass er Klatsch liebt. Mir persönlich ist es ab und an etwas zu viel Namedropping, bei dem der Autor aufzeigen möchte, mit welchen Größen des Literaturbetriebs er Kontakte pflegte bzw. immer noch pflegt. Aber darüber kann man leicht hinwegsehen. „Das Buch der verlorenen Bücher“ ist eine kurzweilige Lektüre, die den Leser vor allem gut unterhält.
Ich habe schon mehrere Bücher über vergessene Meisterwerke der Weltliteratur gelesen, die mein Interesse an Texten weckten, die zwar von der Bildfläche verschwunden, aber immer noch da sind. „Das Buch der verlorenen Bücher“ macht besonders neugierig, jedoch ohne Aussicht, diese Neugierde jemals zu stillen. Das ist natürlich ein bisschen frustrierend; In der Fantasie mag man sich ausmalen, welche Meisterwerke dem Leser da entgangen sind.

Fundgrube für literarische Entdeckungen

Giorgio van Straten hat mit seinem "Buch der verlorenen Bücher" eine unterhaltsame Textsammlung geschafft, die sich hervorragend als Geschenk für Literaturbegeisterte eignet. Er kann interessante Inhalte spannend vermitteln und schließt mit seinem Buch eine Lücke im Bereich der Literaturgeschichte. Wer Anekdoten mag, ist hier goldrichtig. ♦
Giorgio van Straten hat mit seinem „Buch der verlorenen Bücher“ eine unterhaltsame Textsammlung geschafft, die sich hervorragend als Geschenk für Literaturbegeisterte eignet. Er kann interessante Inhalte spannend vermitteln und schließt mit seinem Buch eine Lücke im Bereich der Literaturgeschichte. Wer Anekdoten mag, ist hier goldrichtig.

Aber manchmal sind Bücher vielleicht auch einfach nicht veröffentlicht worden, weil sie tatsächlich nicht so großartig waren, wie sie hätten sein sollen. Interessant ist die Sache allemal! Mich hat das Buch auch dazu veranlasst, Autoren zu lesen, die ich bislang noch nicht kannte: Romano Bilenchi und Bruno Schulz. Dankenswerterweise enthält der Anhang eine Bibliografie mit den ins Deutsche übersetzten Werken. „Das Buch der verlorenen Bücher“ ist also auch eine Fundgrube für alle, die an literarischen Entdeckungen interessiert sind. ♦

Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher – Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens, 164 Seiten, Insel Verlag, ISBN 978-3-458-17728-9

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Joachim Elias Zender: Geliebte alte Bücher

Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher

Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker (Roman)

Über die Macht und Magie der Musik

von Sigrid Grün

1970 wird in einer nicht näher identifizierten Stadt ein Kind geboren, das sich als musikalisches Ausnahmetalent entpuppt. Auf der Flöte eines Selbstmörders bringt es schon früh die wundersamsten Melodien hervor und verzaubert damit seine Mitmenschen. Auch sein Freund Sarhang Qasm ist ausgesprochen talentiert. Eines Tages taucht ein alter Musiklehrer namens Ishaki Lewzerin in der Stadt auf. Er nimmt die beiden Jungen mit, um sie zu unterrichten. In den Bergen lehrt er sie, „die Sprache der Welt [zu] verstehen“. Die Jungen lernen, dem Regen zu lauschen und dem Wind, sie nehmen die Sonne in sich auf und reifen zu Musikern heran, deren Kunst nicht von dieser Welt scheint.

ABachtyar Ali - Die Stadt der weissen Musiker - Roman - Unionsverlagls der Krieg ausbricht, werden der Lehrer und seine beiden jugendlichen Schüler gefangengenommen und getötet. Doch wie durch ein Wunder erwacht Dschaladat in einer Stadt in der Wüste, die eigentlich gar nicht existiert. An einem Verkehrsknotenpunkt haben sich Prostituierte niedergelassen, die die Soldaten und andere Reisende befriedigen. Dalia Saradschadin ist eine von ihnen, und sie pflegt Dschaladat mit Hilfe des Arztes Musa Babak wieder gesund.

Zum Überleben die Musik verlernt

Um zu überleben, muss der begabte Musiker die Musik verlernen, denn die Klänge von überirdischer Schönheit würden ihn im Krieg nur verraten. Dschaladati Kotr tötet also den Musiker in sich, um nicht aufzufallen. Der Arzt Musa Babak zeigt ihm eines Tages sein Museum, das er in einem riesigen Keller angelegt hat. Er sammelt die Werke zeitgenössischer Künstler, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Dschaladat verliebt sich unsterblich in Dalia und verbringt mehrere Jahre in der gelben Stadt der Prostituierten.
Als ein ehemaliger Offizier namens Samir auftaucht, der intensiv nach Orangen riecht und eine grausame Vergangenheit hat, erfährt der junge Musiker erst, dass er bereits tot war und wieder zum Leben erwachte. Sein Mörder, der auch Sarhang Qasm und Ishaki Lewzerin getötet hat, war gleichzeitig sein Retter. Er freundet sich mit Samir von Babylon an und verlässt mit ihm die Stadt, als diese den Flammen anheimfällt. Die beiden reisen gemeinsam in den Norden, in Dschaladats alte Heimat, die ihm fremd geworden ist. Er kommt in einem Obdachlosenheim unter und verdingt sich mit Gelegenheitsarbeiten – doch die Kunst lässt ihn niemals los. Und der Musiker, den er einst getötet hat, erlebt seine Wiederauferstehung in der Stadt der weißen Musiker…

Poetische Sprache von opulenter Schönheit

„Die Stadt der weißen Musiker“ ist ein Roman von überwältigender poetischer Schönheit. In einer Rahmenhandlung berichtet der Schriftsteller Ali Sharafiar, der gerade eine Sinnkrise erlebt, von einer mysteriösen Begegnung am Flughafen von Amsterdam. Ein Wildfremder überreicht ihm einen Beutel mit Musikaufnahmen und Noten. Er soll sie nach Kurdistan bringen und einer ganz bestimmten Person überreichen. Auf diese Weise lernt der Erzähler schließlich Dschaladati Kotr kennen, einen legendären kurdischen Musiker...
„Die Stadt der weißen Musiker“ ist ein Roman von überwältigender poetischer Schönheit. In einer Rahmenhandlung berichtet der Schriftsteller Ali Sharafiar, der gerade eine Sinnkrise erlebt, von einer mysteriösen Begegnung am Flughafen von Amsterdam. Ein Wildfremder überreicht ihm einen Beutel mit Musikaufnahmen und Noten. Er soll sie nach Kurdistan bringen und einer ganz bestimmten Person überreichen. Auf diese Weise lernt der Erzähler schließlich Dschaladati Kotr kennen, einen legendären kurdischen Musiker…

Bachtyar Ali, 1966 im nordirakischen Sulaimaniya geboren, lebt heute in Köln. In den frühen 80er Jahren nahm er an den Studentenprotesten der Kurden gegen die irakische Zentralregierung unter Diktator Saddam Hussein teil. Er brach sein Studium ab und widmete sich der Poesie. Bisher sind lediglich zwei seiner Romane in deutscher Sprache erschienen: „Der letzte Granatapfel“ (2016) und „Die Stadt der weißen Musiker“ (2017). Bachtyar Ali bekommt in diesem Jahr den Nelly-Sachs-Preis 2017 verliehen.

Der Autor schreibt über das Selbstverständnis eines Künstlers, über die Unsterblichkeit des Kunstwerks, und über einen Musiker als Vermittler zwischen den Welten. Dschaladat ist ein Qaqnas, ein Phoenix, der aus der Asche wiedergeboren, ein Grenzgänger, der zur mythologischen Gestalt wird.
Die Sprache ist durchgehend poetisch, von einer opulenten Schönheit, die den Leser in eine andere Welt entführt. Selbst die Grausamkeit des Krieges wird in Kunst transformiert und damit unsterblich. Mich hat der Stil an den großen serbischen Erzähler Milorad Pavic erinnert. Bachtyar Ali ist ein Autor, den ich den Liebhabern poetischer Literatur nur ans Herz legen kann. ♦

Bachyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker, Roman, 432 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-00520-4

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Roman von Elif Shafak: Ehre
Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker (Roman)

Emma Goldman: Anarchismus (Essays)

„Um von Tauben gehört zu werden, braucht man eine laute Stimme“

von Sigrid Grün

Emma Goldman gilt als Ikone der anarchistischen Bewegung. Sie wurde 1869 im damals russischen (heute litauischen) Kowno geboren und setzte sich Zeit ihres Lebens für Frieden und Gerechtigkeit ein. Im Alter von 16 Jahren floh sie aus Russland, um im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ einer von ihren Eltern arrangierten Ehe zu entgehen. Doch in den USA fand sie ebenso unhaltbare politische Zustände vor, die anzuprangern sie nicht müde wurde. Von ihren Gegnern mehrfach als Aufrührerin und Unruhestifterin, die unter anderem auch für politisch motivierte Morde mitverantwortlich sein sollte, verurteilt, verbüßte sie in den USA mehrfach Gefängnisstrafen und wurde schließlich nach Russland deportiert. Nach Aufenthalten in England, Frankreich und Spanien verstarb sie 1940 im kanadischen Toronto.

Vorreiterin der Friedensbewegung

Emma Goldman: Anarchismus & andere EssaysBereits in den 1890er Jahren hielt Emma Goldman glühende Reden in deutscher und englischer Sprache und erreichte mit diesen Vorträgen tausende Anhänger. Die in diesem Band vorliegenden Essays stammen überwiegend aus dem Jahr 1910. Bereits vier Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkrieges analysierte die Vorreiterin der Friedensbewegung die stark um sich greifenden Phänomene des Patriotismus und Militarismus. Die Essays zeugen von einem messerscharfen Verstand und umfassender Bildung – einer Melange, die die Herrschenden verständlicherweise nervös machte. Sie versteht es hervorragend Zusammenhänge zu erklären und Rückschlüsse zu ziehen, die zum damaligen Zeitpunkt ganz klar auf die sich anbahnende Katastrophe mehrerer Kriege hindeuteten. Der Ton ist selbstbewusst, die Stimme laut, denn wie Goldman in ihrem Essay „Die Psychologie politischer Gewalt“ konstatiert: „Um von Tauben gehört zu werden, braucht man eine laute Stimme.“ Sie ruft zum radikalen Umsturz auf, zur absoluten Befreiung vom Joch der Herrschaft und Unterdrückung. Selbst nach ihren Haftstrafen investiert sie ihre gesamte Kraft in die agitatorische Arbeit.

Erschreckend aktuelle Texte

Emma Goldman (1869-1940)
Emma Goldman (1869-1940)

Die zentralen Themen der Texte sind Eigentum, Regierung, Militarismus, Rede- und Pressefreiheit, Kirche, Liebe und Ehe sowie Gewalt. Im Mittelpunkt steht – wie sollte es im Anarchismus auch anders sein – stets der freie Mensch. Manche Essays mögen dem Leser zunächst befremdlich und gewagt erscheinen, etwa „Gefängnisse – Inbegriff gesellschaftlichen Verbrechens und Versagens“, folgt man jedoch der Argumentationslinie, wird deutlich, wie kläglich ein System, das auf einer stetigen Negativspirale des Verbrechens basiert, versagt.

Emma Goldmans Essay-Sammlung "Anarchismus" ist eine beeindruckende Lektüre. Es ist erschreckend, wie aktuell diese Texte heute noch sind – und wie wenig sich eigentlich geändert hat. Die Aufsätze sind auf alle Fälle Klassiker der Sozialrevolte, die man gelesen haben sollte.
Emma Goldmans Essay-Sammlung „Anarchismus“ ist eine beeindruckende Lektüre. Es ist erschreckend, wie aktuell diese Texte heute noch sind – und wie wenig sich eigentlich geändert hat. Die Aufsätze sind auf alle Fälle Klassiker der Sozialrevolte, die man gelesen haben sollte.

Hier, wie in sämtlichen anderen Texten, wird schnell klar, welches Menschenbild hinter solchen Systemen steckt. Andererseits macht die Friedensaktivistin aber auch Mut, denn sie widmet sich in einigen Essays auch Vorreitern auf dem Gebiet der Friedensbewegung und des Anarchismus. Etwa dem katalanischen Reformpädagogen Francisco Ferrer, der wie viele andere Anarchisten zum Tode verurteilt wurde, weil ihm die Verwicklung in einen Aufstand unterstellt wurde. Entlastende Zeugenaussagen wurden nicht gehört, und obwohl bereits seine Unschuld erwiesen war, wurde der Begründer der „Escuela Moderna“ (Modernen Schule) hingerichtet. Von seinem und dem Tod vieler anderer Aktivisten berichtet Goldman in zahlreichen Essays und zeigt damit, welche Furcht die Herrschenden vor dem Anarchismus gehabt haben müssen.
Emma Goldmans Essays sind eine beeindruckende Lektüre. Es ist erschreckend, wie aktuell diese Texte heute noch sind – und wie wenig sich eigentlich geändert hat. Die Aufsätze sind auf alle Fälle Klassiker der Sozialrevolte, die man gelesen haben sollte. ■

Emma Goldman: Anarchismus & andere Essays – Klassiker der Sozialrevolte (22), 256 Seiten, Unrast Verlag, ISBN 978-3-89771-920-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Friedensbewegung“ auch über
Peter Ahrendt: Zum 10. Todesjahr von Grete Weil

Emma Goldman: Anarchismus (Essays)

Miriam Kanne: Andere Heimaten (Germanistik)

Moderne weibliche Heimat-Konzepte

von Sigrid Grün

Die Heimat ist gerade in der deutschen Literatur ein sehr häufiger Topos, doch die enorme Bedeutung des Heimat-Sujets beschränkte sich im 20. Jahrhundert nicht nur auf die Blut-und-Boden-Dichtung des Dritten Reiches, auch danach spielte die Heimat in der deutschsprachigen Literatur eine herausragende Rolle. Die Anti-Heimatliteratur, v.a. in den Siebziger Jahren, bildete einen Gegenentwurf zu den idyllisierenden Darstellungen, die vorher dominiert hatten.

Miriam Kanne - Andere Heimaten - Transformationen klassischer "Heimat"-Konzepte bei Autorinnen der Gegenwartsliteratur - Ulrike Helmer VerlagIm vorliegenden Buch begibt sich die promovierte Literaturwissenschaftlerin Miriam Kanne auf die Spur des Konstruktes Heimat, das nicht nur in räumlicher, zeitlicher, kultureller und sozialer Hinsicht von Bedeutung ist, sondern auch in der feministischen Forschung eine wichtige Rolle spielt. Während die Frauen nämlich in den „klassischen“ Heimatromanen männlicher Autoren entweder als Subjekte marginalisiert bzw. als Verkörperung von Heimat dargestellt werden oder dann als das Fremde, Andersartige in Erscheinung treten, die das männliche Gegenüber gefährden, kommt der Frau in der Literatur weiblicher Autorinnen meist eine andere Rolle zu. Miriam Kanne beantwortet hier also Fragen wie: Welches Heimatbild wird in der zeitgenössischen, weiblichen Literatur entworfen?  Wie unterscheidet es sich von den Heimatkonzepten, das Männer konstruieren? Welche Rolle kommt den weiblichen Protagonistinnen zu?

Genese des literarischen Heimat-Begriffs

Anhand von acht Werken weiblicher Schriftstellerinnen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts wird diesen (und weiteren) Fragen nachgegangen, wobei folgende Autorinnen bzw. Werke analysiert werden: Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ (1962), Ingeborg Bachmanns Erzählung „Drei Wege zum See“ (1972), Helga Maria Novaks Doppelwerk „Die Eisheiligen“ (1979) und „Vogel Federlos“ (1981), Waltraud Anna Mitgutschs „Die Züchtigung“ (1985), Barbara Honigmanns Erzählung „Eine Liebe aus nichts“ (1991), Erica Pedrettis Roman „Engste Heimat“ (1995), Emine Sevgi Özdamars Narration „Die Brücke zum Goldenen Horn“ (1998), und Judith Kuckarts Roman „Lenas Liebe“ von 2002.

Dem Analyseteil stellt Miriam Kanne allerdings eine ausführliche Genese des Heimatbegriffes in der Literatur des 20. Jahrhunderts voran. So lassen sich die Entwicklung und die Unterschiede, etwa in puncto Zeit, Raum und Geschlecht sehr gut nachvollziehen. Bezeichnend für die weiblichen Heimatentwürfe ist – im Gegensatz zur traditionellen Heimatliteratur – der Topos des in der Beheimatung Deplatzierten, Heimatlosen. Die Heimat wird den Protagonistinnen fremd oder wirkt befremdlich und ist nicht mehr Schutz- oder Kompensationsraum. Der bisherigen Ordnung wird die Verwirrung entgegengesetzt. Brüche und Dissonanzen werden sichtbar. Und die Rolle der Frau verändert sich. Stereotypisierte Rollenvorstellungen werden aufgebrochen – die Frau wird nicht mehr als Subjekt marginalisiert oder als Verkörperung von Heimat gedeutet. Stattdessen wird das überkommende System hinterfragt und unterminiert.

Heimat auch als Fremdes und Anderes

Miriam Kanne ist mit „Andere Heimaten“ eine fundierte Analyse zeitgenössischer weiblicher Heimatliteratur gelungen, die die Augen für die Wandlung des tradierten Heimatbildes öffnet. Auch für Literatur- und Kulturwissenschaftler eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Miriam Kanne zeigt auf, welche Transformationsprozesse des traditionellen Heimatverständnisses in der zeitgenössischen weiblichen Literatur stattgefunden haben: Weg von der Deutung der Heimat als Ort des Eigenen, Bekannten und Vertrauten – hin zur Heimat, der das Fremde und Andersartige selbst innewohnt und nicht nur als deren Gegenteil begriffen wird. In den analysierten Texten geht es also darum, dass Heimat das Fremde und Andere beinhaltet und generiert. Oder um es mit den Worten Martina Ölkes zu sagen, die den Heimatbegriff bei Anette von Droste-Hülshoff näher untersuchte: „Das Fremde liegt nicht in der Ferne, sondern (auch) im heimatlichen Innenbereich.“ ■

Miriam Kanne: Andere Heimaten – Transformationen klassischer „Heimat“-Konzepte bei Autorinnen der Gegenwartsliteratur, Ulrike-Helmer-Verlag, 480 Seiten, ISBN 978-3897413344

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Simone Frieling: Ausgezeichnete Frauen
(Gender-Aspekte des Literatur-Nobelpreises)
Miriam Kanne: Andere Heimaten (Germanistik)

Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

Von der weiblichen Lust am Liebesleid

von Sigrid Grün

Schon bevor der deutsche Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing den Begriff des Masochismus, der sich auf den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch bezieht, in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, beschrieben zahlreiche Autoren Frauen, die eine gewisse Lust an der Unterwerfung und am Leiden in der Liebe empfanden. Sowohl Goethe, als auch die Geschwister Bronte oder Nathaniel Hawthorne beschrieben solche Figuren.
Besonders populär wurde die Darstellung der in Leid umgeschlagenen Leidenschaft im 20. und 21. Jahrhundert. Dies hat nicht zuletzt mit der „pornographication of the mainstream“ zu tun, die Brian McNair und Susan Sontag Mitte der 1990er Jahre postulierten. In einer Zeit, in der Sexualität nicht „glücklich, sondern allenfalls süchtig“ macht (Georg Seeßlen) und die mediale Darstellung nackter Körper nicht mehr ungewöhnlich, sondern ganz alltäglich ist, erscheint der Sadomasochismus als interessantes „Lusterlebnis“.

Kulturelle Besetzung der weiblichen Unterwerfung

Regine U. Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn - Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. JahrhundertsDie Autorin Regine U. Schricker nähert sich in ihrer Dissertation „Ohnmachtsrausch und Liebeswahn“ dem Thema „Weiblichkeit und Masochismus“ an, wobei sie der Frage nachspürt, wie „weibliche Unterwerfung kulturell besetzt ist“, und wie die mediale Inszenierung vonstatten geht. Dabei analysiert sie fiktionale literarische und filmische Texte des 20. und 21. Jahrhunderts (aus den Jahren 1954-2004). Vor allem nordamerikanische, französische und deutschsprachige Texte werden herangezogen. Den Textanalysen stellt die Autorin einen einleitenden Teil voran, in dem sie zunächst ein Theoriegebäude entwirft, in dem psychoanalytische, literarische, feministische und rezeptionstheoretisch ausgerichtete Diskurse berücksichtigt werden. Ausgehend von Ricahrd von Krafft-Ebings, Sigmund Freuds und Theodor Reiks psychonalytischen Arbeiten zeigt die Autorin auf, wie Masochismus und Weiblichkeit in Relation zueinander gestellt werden können.

„Venus im Pelz“: Sado-masochistische Illustration von Franz von Bayros

Sehr interessant ist auch die Analyse von „Venus im Pelz“, Leopold von Sacher-Masochs Novelle, in der ein männlicher Masochist im Zentrum der Darstellung steht. Schließlich geht Regine Schricker der Frage nach, ob der Masochismus eine spezifisch weibliche Angelegenheit sei, wie es etwa die Konzepte der Psychoanalytikerinnen Helene Deutsch, Marie Bonaparte und Jeanne Lampl-de Groot nahe legen. Welche Positionen sind im feministischen Diskurs vorherrschend? Und welche Rolle spielt der weibliche Masochismus in der feministischen Film- und Literaturtheorie?

Der weibliche Masochismus im Feminismus

Im Hauptteil der Arbeit widmet sich die Autorin dann ausführlich elf literarischen und filmischen Texten, die sie nach unterschiedlichen Kriterien zusammenfasst. Luis Bunuels Film „Belle de jour“ aus dem Jahre 1967 und Rainer Werner Fassbinders Fernsehfilm „Martha“ aus dem Jahr 1974 etwa setzen sich intensiv mit dem Bürgertum und seinen Abgründen auseinander. Der voyeuristische weibliche Blick wird anhand von David Lynchs Film „Blue Velvet“ (1986) und Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ (1983) thematisiert.

Erotik und Literatur - Weiblicher Masochismus - Geschichte der O - Histoire d'O - Glarean Magazin
„Geschichte der O“: Inszenierung der Zerstörung weiblicher Körper

In den Analysen von Elizabeth McNeills Erzählung „Nine and a Half Weeks“ von 1978 (später sehr erfolgreich von Adrian Lynes mit Kim Basinger in der Hauptrolle verfilmt) und von Ingeborg Bachmanns 1971 erschienenem Roman „Malina“ wird schließlich der Zusammenhang von Sprachlosigkeit und Begehren in den Mittelpunkt gestellt. Wie weibliche (zerstörte) Körper inszeniert werden, kann man gut anhand von Pauline Reages Roman „Geschichte der O“ (1954) und Marina de Vans Film „In My Skin“ (2002) nachvollziehen. Religiöse Opfer stehen in Lars von Triers „Breaking the Waves“ (1996) und in M. Night Shyamalans „The Village“ (2004) im Mittelpunkt. Zuletzt geht es um den Coming-out-Film einer Masochistin, Steven Shainbergs „Secretary“ von 2002.

Gut gegliederte Untersuchung

Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn
Die neue Studie „Ohnmachtsrausch und Liebenswahn“ von Regine Schricker bietet fundierte Analysen zahlreicher literarischer und filmischer Texte, die man nach der Lektüre dieses Buches neu lesen kann. Mit ihrer Arbeit sensibilisiert sie für ein Thema, das in den Medien eine immer wichtigere Rolle spielt. Sprachlich klar und inhaltlich gehaltvoll bietet die Autorin dem Leser eine sehr gute Möglichkeit, sich ausführlich mit einem spannenden Thema auseinander zu setzen.

Regine U. Schricker geht dem Phänomen des weiblichen Masochismus in der Literatur und im Film sehr eingehend nach und zeigt fundiert die verschiedenen Ansätze auf, die hinter der Deutung des Zusammenhanges von Weiblichkeit und Masochismus stecken. Welche Rolle spielt eine labile Persönlichkeitsstruktur? Was bedeutet die Darstellung des weiblichen Masochismus für die weibliche Identität? Regine Schrickers Buch ist sehr gut gegliedert, und ihren wissenschaftlichen Ausführungen lässt sich hervorragend folgen. ■

Regine U. Schricker, Ohnmachtsrausch und Liebeswahn – Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. Jahrhunderts, 236 Seiten, Königshausen&Neumann Verlag, ISBN 9783826045165

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Frauen in der Literatur“ auch über:
Liebesbriefe berühmter Frauen (Anthologie)
… sowie zum Thema Psychische Abhängigkeit über den Sekten-Report von
Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology
Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé (Biographie)

Die Frau, die Nietzsche den Schlaf raubte

von Sigrid Grün

Lou Andreas-Salomé war eine der ungewöhnlichsten Frauen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Nietzsche, Rilke, Wedekind und Freud lagen ihr zu Füßen. Schließlich heiratete die emanzipierte Lou aber den Orientalisten Friedrich Carl Andreas, der sich für seine Angebetete sogar ein Messer in die Brust gerammt hatte, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass er es ernst meinte. (Die Ehe mit Andreas wurde allerdings nur unter der Bedingung akzeptiert, mit dem 15 Jahre älteren Mann nie das Bett teilen zu müssen… ) Nietzsche und dessen Freund Paul Rée verzehrten sich nach der jungen Intellektuellen, die zahlreiche Bücher (u.a. über Ibsen, Nietzsche und Rilke) sowie Essays verfasste und sich als Psychoanalytikerin betätigte.

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé - Der bittersüße Funke IchWer war diese Frau, die exakt am 12. Februar vor 150 Jahren in St. Petersburg das Licht der Welt erblickte? Die promovierte Philosophin Kerstin Decker, die zuletzt eine Biographie über Else-Lasker Schüler verfasst hat, nähert sich in diesem hervorragend recherchierten und sprachmächtigen Buch der Ausnahmeerscheinung und „Sammlerin seltener, kostbarer Ichs“, Lou Andreas-Salomé.

Bereits als Kind gegen Zwänge aufbegehrt

Bereits als Kind begehrte Lou gegen auferlegte Zwänge auf. Die Tochter des Generals Gustav von Salomé, des Gründers der deutsch-reformierten Kirche in Russland, weigerte sich, konfirmiert zu werden! Bereits in jungen Jahren brachte sie ihre Eltern mit ihren weitaus älteren Verehrern in Verlegenheit, die sich bis zur Verzweiflung steigerte. Diese Frau konnte man offensichtlich nicht bändigen. Doch was genau war es, das die männliche Intelligenzia der Jahrhundertwende vom Hocker riss? Wie kann man die unglaubliche Faszination, die diese Frau schon als Jugendliche auf „denkende“ Männer ausübte, erklären?

Kerstin Decker lässt Lou Andreas-Salomé und die ihr Verfallenen häufig selbst zu Wort kommen. In Briefen, Tagebucheintragungen und natürlich in ihren Büchern. Und langsam wird eine Frau sichtbar, die ihrer Zeit weit voraus war, weil sie sich nicht um die bürgerlichen Konventionen kümmerte, die sie in Ketten hätten legen können. Die Tochter aus gutem Hause konnte es sich schließlich auch leisten. Sie wuchs in einem intellektuell anregenden Klima auf, das es ihr später ermöglichte, auch mit Geistesgrößen, die weitaus älter als sie waren, souverän umzugehen. Stets war sie auf der Suche nach geistigem Austausch – im Alter von 18 Jahren war sie beispielsweise von dem protestantischen Pastor Hendrik Gillot fasziniert, mit dem sie die unterschiedlichsten Themen besprach. Und wie sollte es anders sein: Der 25 Jahre ältere Gillot verfiel seiner jungen Schülerin und wollte sogar die Scheidung von seiner langjährigen Frau einreichen, um Lou zu heiraten. Der holländische Pastor reihte sich damit als erster in eine Reihe von willigen Heiratskandidaten ein, die die gebildete junge Frau abblitzen ließ.

Bekanntschaft mit prominenten Geistesgrößen

Die Philosophie vor den Wagen der Emanzipation gespannt: Lou Andreas-Salomé, Paul Reé, Friedrich Nietzsche
Die Philosophie vor den Wagen der Emanzipation gespannt: Lou Andreas-Salomé, Paul Reé, Friedrich Nietzsche

Als Lou 1882 nach Rom reiste, um im warmen Klima ein Lungenleiden zu kurieren, traf sie dort – ausgerechnet im Petersdom! – auf Nietzsche, der der Frau mit der raschen Auffassungsgabe sofort verfiel. Genau so wie schon vorher sein Freund Paul Rée. Aus diesem Jahr stammt auch eine Fotografie, die sich (neben vielen anderen Aufnahmen) im Buch befindet: Die beiden Philosophen Rée und Nietzsche sind vor einen Holzwagen gespannt, auf dem die junge Lou bewaffnet mit einer Peitsche sitzt. Die Idee für diese inszenierte Aufnahme stammte übrigens von Nietzsche!
Auch die Berliner Jahre in den 1880er Jahren brachten zahlreiche Freundschaften und Bekanntschaften mit prominenten Geistesgrößen mit sich. Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind und Maximilian Harden sind nur wenige derjenigen Männer, mit denen sie in regem geistigem Austausch stand. Und schließlich, „das Leben als Trivialroman“ – Lou lernt in einer Pension den Orientalisten Friedrich Carl Andreas kennen, der ihr – wie könnte es anders sein – sofort verfällt. Nach einem spektakulären Selbstmordversuch vor den Augen der Angebeteten willigt sie in die Ehe ein. Die Ehe ließ die junge Frau zwar etwas zur Ruhe kommen – in ihrem Haus „Loufried“ baute sie sogar Gemüse an und züchtete Hühner –, doch die geistige Betätigung blieb doch im Vordergrund. Kurz vor der Jahrhundertwende lernte Lou in München den jungen Rilke kennen und übte einen starken Einfluss auf ihn aus – so stark, dass er sein Frühwerk in den Müll warf und der großartige Dichter wurde, den wir heute schätzen. Die Russlandreisen, die Rilke mit Lou unternahm, prägten ihn nachhaltig. Einfühlsam beschreibt Decker, wie Lou viele Jahre später den recht frühen Tod Rilkes erlebte.

Bis ins hohe Alter als Psychoanalytikerin praktiziert

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Kerstin Decker zeichnet in dieser Biographie Lou Andreas-Salomés ein differenziertes und nuanciertes Bild einer beeindruckenden Frau. Zahlreiche Zitate lassen die Stimmung der damaligen Zeit lebendig werden und werfen ein neues Licht auf das Werk zahlreicher bekannter Dichter und Denker, wie Rilke und Nietzsche.

Und dann, 1911, lernte Andreas-Salomé schließlich Freud kennen, der ihr in ihren letzten 25 Lebensjahren zur wichtigen Bezugsperson wurde. Lou wurde Psychoanalytikerin und eröffnete 1915 in ihrem „Loufried“ die erste psychoanalytische Praxis Göttingens. Sie praktizierte bis ins hohe Alter. 1930 verstarb ihr Ehemann, sieben Jahre später, Anfang Februar 1937 erwacht sie nicht mehr. Die Welt hatte eine außergewöhnlich Frau verloren, die viele Denker des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beeinflusste.
Kerstin Decker zeichnet in dieser Biographie Lou Andreas-Salomés ein differenziertes und nuanciertes Bild einer beeindruckenden Frau. Zahlreiche Zitate lassen die Stimmung der damaligen Zeit lebendig werden und werfen ein neues Licht auf das Werk zahlreicher bekannter Dichter und Denker, wie Rilke und Nietzsche. Eine einfühlsame Biographie, die sich der Ausnahmeerscheinung Lou Andreas-Salomé in respektvoller Weise annähert. ■

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé – Der bittersüße Funke Ich, 360 Seiten, Propyläen Verlag, ISBN 978-3549073841

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Emma Goldman: Anarchismus (Essays)
Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé (Biographie)

J. Barkhoff & V. Hefferman: Schweiz schreiben (Anthologie)

Literarische (De)Konstruktion des Mythos Schweiz

von Sigrid Grün

Die nationalen Mythen prägen bis heute das Geschichtsbewusstsein der Schweiz und tragen damit als identifikationsstiftende Gebilde zum Zusammenhalt bei, was bei einer Nation, die vier Sprachen und vier Kulturen verbindet, ein Kunststück ist. Umso interessanter ist es deshalb auch, einen Blick auf den Konstruktcharakter der zentralen Schweizer Mythen zu werfen und die zahlreichen Dekonstruktionsprozesse zu analysieren, die v.a. in der zeitgenössischen Schweizer Literatur (insbesondere nach 1945) eine außerordentlich wichtige Rolle spielen.

Schweiz schreiben - Anthologie - Glarean MagazinIm vorliegenden, von Jürgen Barkhoff und Valerie Hefferman herausgegebenen Band wird genau dies gemacht: „Schweiz schreiben“ ist die Zusammenfassung der Ergebnisse einer Tagung, die im Oktober 2006 in Irland (in und um Dublin) unter dem Titel „Mythos Schweiz. Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Schweizerischen in der Gegenwart“ stattfand. An drei Tagen versuchten sich Schweizer Autoren und Auslandsgermanisten dem Thema „Die Lage der Schweiz in der Literatur, und die Lage der Literatur in der Schweiz“ anzunähern.
Herausgekommen ist ein ungeheuer gehaltvolles und spannendes Buch, das identifikatorische Prozesse sichtbar macht und exakte Analysen zentraler Schweizer Mythen bietet.

Schweizer Mythen von den „Alpen“ bis zum „Sonderfall“

Im Mittelpunkt stehen folgende Mythen und deren (De)Konstruktion: Mythos Schweizerliteratur, Mythos Alpen, Mythos Eidgenossenschaft, Mythos Sonderfall, Mythos Multikulturalität, Mythos literarischer Gegendiskurs sowie der Mythos Irland. Beim Letztgenannten zielt die Bezugnahme auf die Gemeinsamkeiten der beiden Staaten. Sowohl die Schweiz als auch Irland sind durch ihre Randständigkeit (in Europa) gekennzeichnet. Der Inselcharakter ist einmal geographisch, einmal politisch bedingt. Beide Staaten stehen für Unabhängigkeit – während Irland seine Eigenständigkeit gegenüber Großbritannien allerdings in einem erbitterten Unabhängigkeitskampf immer wieder behaupten musste, sind die Ursprünge der „bewaffneten Neutralität“ der Schweiz beim Wiener Kongress von 1815 zu suchen, auch wenn diese eher auferlegte Neutralität angesichts der Gründungsmythen Bundesbrief und Rütlischwur schon viel früher vermutet werden.

Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt als Mythenzertrümmerer

Im Bereich der Literatur werden Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt als die Mythenzertrümmerer schlechthin gehandelt. Peter von Matt erklärt, welche Motive zentral sind und schlägt einen Bogen zu früheren Werken der Schweizer Literatur. Das „schuldige Kollektiv“ ist hier von großer Bedeutung – man denke nur mal an Gotthelfs „Schwarze Spinne“ und an Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“.
Doch auch der „Mythos literarischer Gegendiskurs“ wird an anderer Stelle thematisiert. Die Schweizer Literatur greift nämlich immer wieder die Politik des Landes auf und entwickelt einen – nicht immer fruchtbaren – Gegendiskurs, wie Elsbeth Pulver betont: „Die Vorstellung einer anderen, besseren Schweiz mit den Intellektuellen als Herolden und Sachwaltern, sie löst die Beklemmung nicht; sie droht sie zu zementieren.“

„Schweiz schreiben“ ist ein facettenreicher und gehaltvoller Band, der sich auf eine äußerst interessante Weise mit der Schweiz auseinandersetzt. Hier wird das Bröckeln zentraler Schweizer Mythen aufgezeigt und ein Schweizbild entworfen, das nicht nur auf der „Heidi-Land“-Idylle basiert, sondern auch Krisen integriert. Sehr zu empfehlen!

Die jüngere Schrifstellergeneration – beispielsweise Zoe Jenny, Ruth Schweikert und Peter Stamm – scheint für eine eher „unschweizerische Schweizerliteratur“ (Valerie Hefferman) zu stehen. Doch trifft dies tatsächlich zu? Zur besonderen Beziehung Schweiz – Irland wird die Literatur der in Irland lebenden Schweizer Autorin Gabrielle Alioth aufgegriffen. Neben Alioth haben übrigens mehrere Schweizer Gegenwartsautoren auf der grünen Insel ein neues Zuhause gefunden, u.a. Rolf Lappert und Hansjörg Schertenleib.

„Schweiz schreiben“ ist ein facettenreicher und gehaltvoller Band, der sich auf eine äußerst interessante Weise mit der Schweiz auseinandersetzt. Hier wird das Bröckeln zentraler Schweizer Mythen aufgezeigt und ein Schweizbild entworfen, das nicht nur auf der „Heidi-Land“-Idylle basiert, sondern auch Krisen integriert. Sehr zu empfehlen! ■

Jürgen Barkhoff / Valerie Hefferman (Hrsg.), Schweiz schreiben – Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Mythos Schweiz in der Gegenwartsliteratur, 320 Seiten, De Gruyter Verlag, ISBN 9783484108127

Lesen Sie im Glarean Magazin auch den Essay von
Mario Andreotti: Tendenzen der Schweizer Literatur

J. Barkhoff & V. Hefferman: Schweiz schreiben (Anthologie)