Internationaler Kompositionswettbewerb für Orgelmusik 2022

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Zeitgenössische Werke für Konzertorgel

Kirchen-Orgel - Church Organ - Musikinstrumente - GLAREAN MAGAZINAnlässlich der Einweihung der großen Konzert-Orgel in der Helsinki Music Hall im Jahre 2024 wird der internationale Kompositionswettbewerb Kaija Saariaho für Orgelmusik 2022 ausgeschrieben. Ziel des Contest ist es, neue und interessante Kompositionen für Orgel solo sowie Konzerte für Orgel und Orchester zu fördern.

Der Wettbewerb umfasst drei Sparten: Konzerte für Orgel & Sinfonieorchester, Werke für Kammerorchester, sowie Solowerke für Orgel. Die neuen Werke werden in Konzerten im Jahr 2024, dem Jahr der Einweihung der Orgel, zu hören sein. Aufgeführt werden die prämierten Stücke vom Helsinki City Orchestra und dem Radio-Sinfonieorchester sowie einem renommierten Konzertorganisten.

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Die Dauer der Solo- & Kammerorchester-Werke sollte ca. 15 Minuten, die Dauer von Konzerten ca. 20-30 Minuten betragen. Die Teilnahme ist für Komponist*innen jeglichen Alters und aller Nationalitäten offen.

Einsende-Schluss für die Partituren ist am 29. Oktober 2022, hier finden sich die weiteren Details der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die weiteren Ausschreibungen zu Kompositionswettbewerben

Internationaler Kompositionswettbewerb Belfort 2022

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Zeitgenössische Musik für Blasorchester

Musik-Ensemble - Blasorchester - GLAREAN MAGAZINDas Orchestre d’Harmonie de la Ville de Belfort offeriert in Zusammenarbeit mit der Stadt Belfort/F zum zweiten Mal seinen Internationalen Kompositionswettbewerb für Blasorchester.
Ziel des Wettbewerbs ist die Bereicherung des Repertoires an Originalmusik für Blasorchester und Ensemble für zeitgenössische Musik.

Der Schwierigkeitsgrad des eingereichten Werkes sollte auch für Amateurorchester erreichbar sein (Grad 3-4), die Dauer eines Stücks soll zwischen 8 bis 12 Minuten betragen.

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Der Wettbewerb ist für Staatsangehörige aller Länder ohne Altersbeschränkung offen und mit einem Preis-Geld von insgesamt 8’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 18. Mai 2022, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie im GLARAN MAGAZIN auch die weiteren Ausschreibungen zu internationalen Kompositionswettbewerben

Bernd Stegmann (Hrsg): Handbuch der Chormusik

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Ein Kompendium „klassischer“ Vokalwerke

von Walter Eigenmann

Mit der Umschreibung und Einordnung von über 800 bedeutenden (oder zumindest bemerkenswerten) Chorwerken aus sechs Jahrhunderten, also aus der Früh-Renaissance bis heute und von Clémant Janequin (†1558) bis zu Jake Runestad (*1986), legen die Verlage Bärenreiter und Metzler mit ihrem neuen Kompendium „Handbuch der Chormusik“ einen eindrücklichen Tour d’Horizont durch den gemeinschaftlichen Kunstgesang aller Zeiten hin. In den Fokus gezogen wurde dabei das instrumental unbegleitete Chorstück bzw. das Vokalwerk mit wenig Begleitinstrumentarium (Cembalo, Klavier, Orgel).

Handbuch der Chormusik - 800 Werke aus sechs Jahrhunderten - Bernd Stegmann - Bärenreiter VerlagDer Band ist offensichtlich rein lexikalisch konzipiert, soll also als Nachschlagewerk fungieren: Nicht chronologisch oder stilistisch oder kategorial sind die 800 Werkportraits angeordnet, sondern alphabetisch nach den Komponisten. Gleichwohl enthält ein Register im Anhang die übliche Themen-Liste verwandter Lexika („Tod/Leben“, „Nacht/Tag“, „Jahreszeiten“, „Liebe“ u.a.) sowie eine Übersicht auf alle Textautor/inn/en – womit auch musikgeschichtlich Interessierte schnell zu den einschlägigen Buchseiten manövrieren können.

Im Fokus: Das individuell gestaltete Kunstwerk

Herausgeber Bernd Stegmann umreißt die grundsätzliche Intention des Handbuchs so: „Die Autorinnen und Autoren stellen das individuell gestaltete Kunstwerk in den Vordergrund und nicht so sehr sein Aufgehen in einer musikhistorischen Entwicklung. Daher wurde anstelle übergeordneter gattungspezifischer oder historisch orientierter Darstellungen auf erhellende Schlaglichter gesetzt“.
Dabei werden jeder einzelnen Werkbesprechung die Angaben zum Entstehungsjahr, zum/r Textdicher/in, zur Besetzung, zur Dauer und zum Verlag des Erstdrucks vorangestellt.

Handbuch der Chormusik - Bernd Stegmann - 800 Werke aus sechs Jahrhunderten - Bernd Stegmann - Beispiel-Seite - Rezension Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus B. Stegmann (Hrsg): Handbuch der Chormusik – 800 Werke aus sechs Jahrhunderten – Bärenreiter-Metzler Verlag 2021

Die Portraits der Einzelstücke selber sind durchwegs zwar konzentriert auf ihren wesentlichen musikalischen Gehalt, aber sowohl informativ bezüglich Entstehungsgeschichte und zudem (z.B. für Dirigenten) oft sogar hilfreich, wo sie nicht nur Angaben zur kompositorischen Struktur, sondern auch Tipps zur Chordidaktik oder zur modernen Aufführungspraxis enthalten.

Informativ und sorgfältig

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Natürlich impliziert jede Titel-Auswahl immer auch eine gewisse Subjektivität bzw. musikalische Präferenz der involvierten Verfasser – ausnahmslos kompetente Experten ihrer Fachgebiete -, und nicht bei jedem Werkportrait lässt der Umfang der Besprechung nachvollziehbar auf die Bedeutung oder Aktualität des betr. Chorstückes schließen. Andererseits stellte die Beschränkung auf 800 Stücke bzw. Liedersammlungen angesichts einer erschlagenden Fülle von -zig Tausenden heute verfügbarer hochqualitativer Chorwerke zweifellos eine besondere Herausforderung dar für Herausgeber und Mitarbeiter – eine Aufgabe, der dieses Kompendium inhaltlich sehr informativ und lexikalisch sorgfältig nachkam.

Bereicherung des Chor-Bücherregals

Handbuch der Chormusik - Bernd Stegmann - 800 Werke aus sechs Jahrhunderten - Bernd Stegmann - Inhaltsverzeichnis - Rezension Glarean Magazin
„Handbuch der Chormusik“: Inhaltsverzeichnis

Zwei Dinge kann der Leser bedauern: Der über 720 Seiten starke Band enthält keine einzige Noten-Illustration (was angesichts der inhaltlichen Materialfülle allerdings verständlich ist); außerdem werden heutzutage so schwergewichtig praktizierte Chorgattungen wie Pop oder Jazz komplett ausgeblendet. Möglicherweise sind aber diese beiden Musiksparten ja Gegenstand eines zweiten, ähnlich sorgfältig konzipierten und fachlich instruktiven Bandes der beiden Verlagshäuser? Zusätzliche, möglicherweise jüngere Leserschichten wären einem solchen Folgeprojekt wohl garantiert.

Inhaltliche Qualität und lexikalische Sorgfalt

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Mit seinem stolzen Buchpreis von über 90 Euro richtet sich dieses eindrückliche Nachschlagewerk nicht an den/die Amateur-Durchschnittssänger/in. Für alle anderen aber stellt dieses Handbuch eine wirkliche Bereicherung des modernen Chor-Bücherregals dar: Die Qualität der Beiträge, das Spektrum der behandelten Vokalstücke und die lexikalische Sorgfalt dieses Nachschlagewerkes sind vorbildlich und bieten jedem/r Chorinteressierten, ob Dirigent/in, Sänger/in, Hörende/r oder Studierende/r eine Fülle von Informationen, Anregungen, Tipps und Inspirationen rund um das enorm facettenreiche Gebiet des Singens im Ensemble. ♦

Bernd Stegmann (Hrsg): Handbuch der Chormusik – 800 Werke aus sechs Jahrhunderten, 718 Seiten, Bärenreiter/Metzler Verlag, ISBN 9783761823422

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Chormusik auch: Chorgesang und kognitive Fähigkeiten (Musik-Psychologie)

… sowie zum Thema Musik im Alter: Handbuch der Seniorenchor-Leitung (Kai Koch)

Interview mit dem Komponisten Christian Henking

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Jeder Routine ausgewichen

Jakob Leiner im Gespräch mit dem Schweizer Komponisten Christian Henking

Der Basler Komponist Christian Henking gehört zu den fruchtbarsten zeitgenössischen Komponisten der Schweiz, sein Œuvre umfasst fast alle Sparten, Gattungen und Formen der „Klassischen Musik“. Daneben ist er vielfältig und geachtet auch als Kunstfotograf tätig. GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner fragte Henking nach seinen Intentionen, Schaffensprozessen und künstlerischen Antriebskräften.

Glarean Magazin: Herr Henking, was sind Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?

Christian Henking: Das muss im Elternhaus gewesen sein. Bei uns lief viel knisternde klassische Musik (knisternd, weil von alten Schallplatten abgespielt). Deshalb war die klassische Musik für mich von klein auf eine Selbstverständlichkeit, währenddem ich die Jazz- und Popszene selbst entdecken musste.

Komponieren in frühester Kindheit

Komponist Christian Henking - Interview im Glarean Magazin - Juni 2021
Christian Henking

Welche musikalischen oder auch nichtmusikalischen Hintergründe haben Sie letztlich zum Komponieren gebracht?

Ich hatte das große Glück, dass viele meiner Verwandten professionelle Musiker*innen waren und sind – meine Eltern aber nicht. Sie waren höchst gebildet, kulturell extrem interessiert und auch künstlerisch begabt, aber eben nicht Musiker. Das gab mir eine ungeheure Freiheit – und wohl auch den Drang, Musiker zu werden, und zwar im Speziellen Komponist. Einer meiner Großonkel war Dirigent und Komponist, er war, als ich noch sehr klein war, mein erster Lehrer. Ich habe komponiert, bevor ich begann, seriös Klavierstunden zu nehmen.

Als Komponist schufen Sie bisher ein Œuvre großer Bandbreite, zahlreiche Vokal- und kammermusikalische Werke ebenso wie szenische, orchestrale oder jazzig-tonale Kompositionen. Kennen Sie künstlerischen Spieltrieb?

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Die „jazzig-tonalen“ Kompositionen – was für eine merkwürdige Bezeichnung! – sind nicht Teil meines Werkes, sondern lediglich hingeworfene Späße, die halt immer noch auf meiner Werkliste herumlungern. Ich müsste dies endlich mal ändern. Vor allem liebe ich zwar Jazz, bin aber kein Jazzer. Der Jazz ist ja eine eigenständige, vielfältige, großartige Kultur. Wir „Klassiker“ sollten uns hüten zu meinen, man könne so locker-flockig auch „jazzig“ komponieren.
Aber sonst mag meine Bandbreite tatsächlich recht groß ein – das kommt daher, dass mich praktisch nichts nicht interessiert. Daraus wächst so etwas wie ein Spieltrieb. Ich bin überaus neugierig und mache gerne etwas zum allerersten Mal.
Es fällt aber auf, dass ich mich bis jetzt noch nicht tiefer mit Elektronik beschäftigt habe. Das Interesse dazu wäre natürlich da, aber ich müsste mich ein paar Jahre zurückziehen, um mich da reinzuarbeiten, und dazu fehlt mir momentan der Mut.

„Ich arbeite einfach drauflos“

Christian Henking (1961 geboren in Basel) studierte nach dem Abitur Musiktheorie bei Theo Hirsbrunner, danach folgte eine zweijährige Kapellmeisterausbildung bei Ewald Körner. Ab 1987 absolvierte er ein Kompositionsstudium bei Cristobal Halffter und Edison Denisov, in Meisterkursen bei Wolfgang Rihm und Heinz Holliger. Christian Henking wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 2016 mit dem Musikpreis des Kantons Bern. Er ist Dozent an der Hochschule der Künste Bern für Komposition, theoretische Fächer und Kammermusik. Seine Werke erscheinen beim Verlag Müller & Schade.
Daneben besteht eine intensive fotografische Tätigkeit: Unterricht bei Simon Stähli an der Schule für Gestaltung Bern, sowie bei Tim Davoli, Adrian Moser und Anita Vozza. Ausstellungen u.a. an der photo 09, 12 und 16 in Zürich, im Kornhaus Bern 2011, in Schönbühl 2012, im ONO Bern 2013, in der Galerie Hofer und Hofer 2015 und im Berner Generationen Haus 2016.

Gibt es inspirative Routinen im Entstehungsprozess für ein neues Werk?

Ich bin meistens nicht inspiriert, wenn ich mit einer Komposition beginne. Ich arbeite einfach drauflos, schreibe Blödsinn oder schlechtes Zeugs und habe das Vertrauen, dass irgendwann, vielleicht nach Wochen oder Monaten, die Inspiration dank der Arbeit kommen wird. Den Blödsinn und das schlechte Zeugs schmeiße ich dann weg, und die Komposition beginnt zu wachsen. Deshalb verstehe die künstlerische Arbeit als eine Art Zerstörungsprozess: Ich „erschaffe“ zwar etwas, dafür aber zerstöre ich unendlich viel.
Dieser Ablauf mag eine Art von Routine sein – inhaltlich aber weiche ich jeder Routine aus.

Wie digital komponieren Sie?

Gar nicht. Ich bin ein musikalischer Dinosaurier, der noch alles mit Bleistift auf ein Papier kritzelt. Ich kenne Finale und Sibelius nur vom Hörensagen. Zum Glück ist mein Verlag so großzügig, dass ein toller Angestellter meine Bleistift-Reinschrift auf Finale überträgt.

Komponierend in Farben denken

Viele Ihrer Werke beinhalten Textvertonungen, zu Ihrer Oper „Leonce und Lena“ nach Georg Büchners gleichnamigem Lustspiel haben Sie selbst das Libretto verfasst. „Prima le parole, dopo la musica“ also?

Das scheint nur so. Im Werk „Schnee“ sind Musik, Sprache, Bewegung und Licht gleichzeitig entstanden, es gäbe noch etliche andere Beispiele zu nennen. Bei der Oper „Leonce und Lena“ habe ich tatsächlich den Originaltext neu konzipiert, bevor die Musik entstanden ist – das ist für mich aber nicht die Regel, sondern nur eine Möglichkeit.

Welches Stück wollten Sie schon immer einmal komponieren?

Eine dritte Oper.

Sehen und hören als künstlerische Wechselbeziehung

Sie sind auch als vielseitiger Fotograf tätig. Ausgleich zum Musikkosmos oder Variation desselben künstlerischen Selbstverständnisses?

"Es war einmal ein Winter": Szenenfoto aus dem Theatre Musical "Schnee" von Christian Henking und Zarin Moll (Atelier Contrast)
Szenenfoto aus dem Theatre Musical „Schnee“ von Christian Henking und Zarin Moll

Beides. Wenn ich mit dem Auge arbeite, erholt sich mein Ohr und umgekehrt. Gleichzeitig merke ich immer wieder, wie ähnlich ich formal denke, wenn ich fotografiere oder komponiere. Zu erwähnen ist noch, dass ich beim Komponieren häufig eine große Sehnsucht nach vielfältigen Klangfarben verspüre. Das kommt wohl daher, dass ich farbenblind bin. Als Fotograf denke ich also nicht in Farben, als Komponist sehr wohl.

Warum abbilden?

Als Fotograf bilde ich nur scheinbar etwas ab. Eigentlich fotografiere ich mich immer selbst. Jedes Foto, mag es nun eine Gabel oder etwas Abstraktes oder was weiß ich abbilden, ist eigentlich ein Selbstportrait, weil ich ja nur zeigen kann, wie ich die Welt sehe, nicht wie sie ein anderer Mensch sieht.

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Wie alltäglich sind Humor und (Selbst)Ironie in der zeitgenössischen Kunst- und Kulturszene?

In der Théâtre-Musical-Szene sind Humor und Ironie eine Selbstverständlichkeit – Gott sei Dank. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich mit großer Leidenschaft Théâtre-Musical-Werke. Ansonsten aber haben es der Humor und die Ironie zuweilen schwer in unserer bedeutungsschwangeren Szene. Humor scheint unseriös zu sein, und Ironie sucht man bei Bach und Brahms vergebens, also kann das ja nicht gut sein. Dabei gibt es wunderbare Werke, die mit Humor und Ironie fantastisch umgehen, man denke nur an Werke von Kagel, Schnittke, Ligeti und wie sie alle heißen.

Christian Henking - Partitur-Seite - aus Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit- Interview im Glarean Magazin - Juni 2021
Partitur-Seite aus „Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit“ von Christian Henking

„Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik“

Wie haben Sie das vergangene kulturverarmte Corona-Jahr erlebt?

Alle Konzerte wurden abgesagt resp. verschoben. Es war schon ein Glücksfall, wenn eine Uraufführung wenigstens für das Radio aufgenommen werden konnte, als Ersatz für ein Konzert. Ein Gefühl des „Verdorrens“ schlich sich ein. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich unglaubliches Glück hatte, denn die Anstellung an der Hochschule hielt mich über Wasser. Ich war und bin also in einer Luxus-Situation und habe kein Recht, mich zu beklagen. Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik.

Wie hört sich eigentlich die Musik der Zukunft an?

Großartige Musik hat es immer gegeben, in allen Kulturen und Zeiten, also wird es auch in Zukunft großartige Musik geben. Wie die klingen wird, hängt nicht so sehr von den Komponierenden ab, sondern von den Umständen. Still wird es auf jeden Fall nie werden, dazu ist der Mensch zu laut. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit der Komponistin Kathrin Denner

Birgit Fuß: Jim Morrison (Musiker-Biographie)

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Aspekte einer kreativen Seele

von Horst-Dieter Radke

Anfangs Juli 1971: Ich saß mit einem Freund in einem englischen Cafe nicht weit entfernt der St. Pauls Cathedral. Wir hatten es wahr gemacht, waren nach London getrampt, beide noch keine achtzehn Jahre alt. Wenige Minuten zuvor hatte ich mir noch den Melody Maker gekauft, dann unbesehen zusammengerollt unter den Arm geklemmt. Als ich die Zeitung später aufschlug, der Schock: Jim Morrison war tot. In Paris gestorben. Wie und warum? Genaues wusste man noch nicht. „This ist the End“, dachten wir. Nach Jimi Hendrix und Janis Joplin im Jahr zuvor nun auch noch er…

Waren „The Doors“ nur einer?

Birgit Fuss: Jim Morrison (biografía del músico)Es ist seither üblich, die Band „The Doors“ auf ihren Frontmann zu reduzieren, selbst in Büchern, die sich der ganze Truppe widmen. Tatsächlich kamen die restlichen Musiker zusammen auf keinen grünen Zweig mehr. Die Alben, die nach Morrisons Tod erschienen, hatten keinen Erfolg und werden bis heute nicht geschätzt. Das Büchlein aus der Reihe „100-Seiten“ des Reclam-Verlages tut konsequenterweise auch gar nicht mehr so, als ginge es um das Quartett „The Doors“, sondern ebenfalls nur um Jim Morrison.
Fairerweise widmet Biographin Birgit Fuß ihr drittes Kapitel – „We Could Be So Good Together“ – der ganzen Band, und das vierte – „Break on Through (to the Other Side)“ – deren sieben Alben. Außerdem lässt sie keinen Zweifel daran, dass Morrison ohne die anderen Drei sicher auf keinen grünen Zweig gekommen wäre. Zu jener Zeit, als die Band gegründet wurde, war er nur ein Rumhänger, der sich für etwas Besonderes hielt, was ihn damals sicher nicht von anderen Aussteigern unterschieden hat. Ray Manzarek war es im Grunde, der die „gespannte Bogensehne“ losließ.

Die Liebe und das Spirituelle

Jim Morrison - Revista Glarean
„Freier Oberkörper, wallendes Haar, dunkle Stimme, Ekstase auf der Bühne“: Jim Morrison (1943-1971)

Gleichwohl, der Sänger und Dichter Morrison ist das Anliegen der Autorin, und so steht er im Mittelpunkt der anderen Kapitel: Dem zweiten, in dem sein Werdegang vor den Doors geschildert wird, und dem fünften, in dem es um „Die Liebe“ geht. Ein weiteres Kapitel geht näher auf den Dichter und seinen Bezug zum Spirituellen ein –“I am the lizard king / I can do anything“, zwei Themen, die allzuoft in den Hintergrund rücken, wenn über The Doors berichtet wird.
Bei diesem Thema scheint die Autorin denn auch die größte Kompetenz zu haben. Man merkt, sie hat sich ausreichend mit Morrison und seinen Texten beschäftigt, auch mit seinen Vorbildern William Blake, Friedrich Nietzsche, Arthur Rimbaud und die Autoren der Beat-Generation, allen voran Jack Kerouac.

Verschiedene Aspekte einer kreativen Seele

Modelo literario de Morrison: el autor de culto Jack Kerouac
Literarisches Morrison-Vorbild: Kultautor Jack Kerouac

Ein Kapitel beschäftigt sich mit den Skandalen. Es ist vielleicht das entbehrlichste, aber ich meine, es ist auch nicht verkehrt, dass sie erwähnt werden. In der Summe und auch jeder einzelne Vorfall im Detail zeigt, wie überbewertet derartiges in den 60ern genommen wurde – von beiden Seiten. Betrachtet man, was sich manch andere Rockmusiker nach Morrison so geleistet haben, kommt man eher zu dem Schluss, dass er doch ein braver Junge war. Aus heutiger Sicht. In den Sechzigern jedoch bargen seine Eskapaden einiges an Sprengstoff.

This Is The End

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Das letzte Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit dem Tod Morrisons – „This ist the end / Beautiful friend“. Das Traurige zum Schluss. Viel Neues wird nicht berichtet, die Autorin weiß auch nicht mehr, als ohnehin bekannt ist. Aber sie fasst es gut zusammen. Und sie hat Fragen, die sie Jim Morrison gern gestellt hätte. Verteilt über das Buch stellt sie diese und versucht sich an einer Deutung. Antworten hat sie natürlich nicht. So etwas gerät leicht in ein unkritisches Fangesäusel.
Dieses Fettnäpfchen umgeht Birgit Fuß jedoch geschickt. Ich war anfangs versucht, diese Teile des Buches einfach zu übergehen. Nachdem ich mich überwunden hatte, den ersten von vier Abschnitten zu lesen, musste ich bei den folgenden nicht weiter darüber nachdenken. Es sind persönliche Reflexionen – aber keineswegs uninteressant für Leser.

Schwachstelle Musik

Wenig versteht die Autorin allerdings von der Musik. Auf diese wird eher oberflächlich eingegangen. Es verwundert sie, wenn Songs nicht von Morrison stammen, und übersieht dabei den nicht unerheblichen Anteil der anderen drei Musiker von Anfang an. Den Einsatz von Bläsern und Streichern auf dem Album „The Soft Parade“ – dem wohl experimentellsten der Doors – missbilligt sie sogar: „… und nun ertönten schon in den ersten Minuten Fanfaren, die hier kein Mensch braucht.“ Das ist sicher keine Einzelmeinung. Viele hätten es immer gerne geradeaus und gleich: Bluesorientierter Rock in Quartettbesetzung ohne Abweichung nach links und rechts. So gilt dieses Album nach wie vor als das schwächste der Doors.

Mehr Dichter als Komponist

The Doors - Concierto de Filadelfia 1968 - Revista Glarean
Skandalumwittert: Doors-Konzert 1968 in Philadelphia

Doch es gibt auch andere Sichtweisen dazu, insbesondere unter der Berücksichtigung, dass „The Doors“ zu jener Zeit kaum noch Auftrittsmöglichkeiten bekamen – der Skandale wegen. Das letzte, titelgebende Stück, ein Zusammenschnitt verschiedener Stücke oder Fragmente, mehr Lyrik denn Song, zeigt schon in der Einleitung, die Manzarek mit einem Spinett (oder einer elektronischen Variante) beginnt, alles das, was die Doors damals musikalisch aufzubieten hatten, auch ihre bereits an Hardrock gemahnenden Momente. Zwei Stücke gelten nach wie vor als Klassiker und fehlen in keiner Kompilation: „Touch me“ (von Robbie Kriege) und „Wild Child“ (von Morrison).
Doch Morrison war, bei aller melodischen Erfindungsgabe mehr Dichter als Komponist, und was die anderen der Band in dieser Hinsicht leisteten, ist ein anderes Thema. Insofern ist dieses Manko im Grunde keines für dieses Buch über ihn.

Noch ein Buch über Jim Morrison?

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Fazit: Noch ein Buch über Morrison-The-Doors? Soll man es lesen? Ich meine: Warum nicht?! Spektakuläres Neues erfährt man nicht, und vielleicht ist manches (etwa die Musik) etwas zu stiefmütterlich behandelt. Aber in der Summe ist es gut, und selbst wenn man schon einiges gelesen hat, ist dieses kleine Büchlein nicht nur zur Auffrischung der Erinnerungen, sondern auch noch für Überraschungen gut, etwa im Kapitel über den „Dichter“ Morrison. Man liest nicht lange daran, einen oder zwei Abende, wenn man nicht der Versuchung unterliegt, das Buch aus der Hand zu legen und die alten Platten (oder CDs) aufzulegen. ♦

Birgit Fuß: Jim Morrison (Biographie), 100 Seiten, Reclam Verlag, ISBN 978-3150205761

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Pop-/Rock-Musik auch über Gebhardt & Stark: Wem gehört die Popgeschichte?

Walter Eigenmann: 12 Zeit-Einteilungen für Klavier

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12 Zeit-Einteilungen für Klavier

12 Zeiteinteilungen für Klavier - Walter Eigenmann - 24 SeitenDie „12 Zeit-Einteilungen für Klavier“ entstanden in den Jahren 1979 bis 1981.
Ihre Tonzentren verlaufen entlang des Quintenzirkels, kompositorisch sind sie der Zwölftontechnik verpflichtet.

Jeder dieser zwölf Klavier-Miniaturen ist ein spezieller Gemütszustand zugeordnet.
Das musikalisch-emotionale Spektrum durchmisst grundlegende menschliche Befindlichkeiten von „nervös“ bis „gelassen“. Die Schwierigkeitsgrade erstrecken sich von sehr leicht bis sehr schwierig. ♦

Walter Eigenmann: 12 Zeit-Einteilungen für Klavier, 24 Seiten, ISBN 978-3347318236


 

Jazz: Rudi Berger featuring Toninho Horta (Audio-CD)

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Kongeniale Partnerschaft

von Horst-Dieter Radke

Die Geige ist im Jazz kein unbekanntes Instrument, aber man kommt doch mit wenigen Namen aus, wenn man herausragende Jazz-Violinisten erwähnen will. Joe Venuti und Stéphane Grappelli etwa im Swing, Jean Luc Ponty, Zbigniew Seifert im Modern Jazz, L. Shankar im World Jazz und Mark Feldman im freien Jazz beispielsweise. Und Rudi Berger natürlich, den man, wenn er irgendwo zugeordnete werden sollte, dem lateinamerikanischen Jazz zurechnen könnte. Mit dem Gitarristen Toninho Horta spielte er unlängst bei Gramola (Naxos) ein bemerkenswertes Album ein: „Rudi Berger featuring Toninho Horta“.

Als nach einem langen Intro der Gitarre die Violine einsetzt, meine ich Stéphane Grappelli zu hören. Diesen ganz besonderen Ton, dieses Vibrato, das nicht vordergründig wie ein Vibrato klingt, das Grappelli auch in schnellen Passagen zeigte, kann der Wiener Violinist Rudi Berger (*1954) auch. Dass er aber trotzdem einen ganz eigenen Ton hat, erfährt man noch im gleichen Stück „Waltz for Jeremy“, welches das Album eröffnet.

Rudi Berger ist ein Ausnahmegeiger im Jazz, so wie auch Grappelli einer war – zu seiner Zeit. Ihm zur Seite steht der Brasilianer Toninho Horta und das so souverän, dass man manchmal nicht genau weiß, wer dieses Album nun eigentlich konzipiert hat. Der musikalische Anteil ist ebenbürtig, beide sind mit Kompositionen auf dem Album vertreten, Horta hat sogar einen etwas größeren Anteil. Seine Solopassagen sind ausgeprägt, dass von einer einfachen Begleitung nicht gesprochen werden kann. Er singt dazu mit einer Stimme, die fast wie ein Instrument klingt.

Langjährige Zusammenarbeit

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Berger und Horta kennen sich schon länger. Sie haben bereits in den späten 1980er Jahren in New York miteinander gespielt und in Brasilien, wo Berger von 1998 bis 2001 lebte und arbeitete. Die Aufnahmen dieses Albums sind aus verschiedenen Aufnahmesession zusammengestellt. Die älteste Aufnahme – Gabriele, der sogenannte „Bonustrack“ – stammt aus dem Jahr 1988 und wurde in New York eingespielt. Ebenfalls in New York wurden 1997 weitere vier Titel aufgenommen. In Rio de Janeiro spielte man fünf Titel im Jahr 2000 ein. Die ersten acht Stücke sind neueren Datums und entstanden 2019 in Österreich.

Toninho Horta - Gitarrist - Glarean Magazin
Toninho Horta (*1948)

Natürlich hört man, dass Toninho Horta aus Brasilien kommt. Der Rhythmus und Duktus von Bossa Nova und Samba sind verinnerlicht und kommen immer wieder zur Geltung. Doch Horta kann mehr, spielt mehr, entlockt seiner Gitarre Sequenzen, die keineswegs nur auf diese lateinamerikanischen Stilrichtungen festzulegen sind. Sein harmonisches Verständnis ist phänomenal. Beim ersten Zuhören habe ich manchmal die Aufmerksamkeit für die Violine verloren, weil es so spannend war, der Gitarre und deren harmonischen Entwicklungen zu folgen.

Musik aus New York…

Den Übergang zu den älteren Aufnahmen bei Titel 9 („Ouverture“) merkt man sehr wohl. Er ist aber nicht so krass, dass das Album einen fragmentarischen Eindruck hinterlässt. Das Ensemble ist arg in den Hintergrund gemischt worden, und nur bei den Solopassagen werden das Klavier und die Gitarre dann und wann etwas stärker hervorgeholt.
In Bergers Komposition „Bossa for Toninho“ hält Berger sich mit seiner Geige stark zurück und fügt sich in das Ensemble ein. Horta überrascht bei diesem Stück mit einem Part auf der elektrischen Gitarre. Im folgenden „Profuda Emoção“ von Toninho Horta ist wieder diese Grappelli-Assoziation da.

Musiknoten - Rudi Berger - Beluschka - Autograph - Glarean Magazin
Allmählicher Spannungsaufbau über mehr als sechs Minuten hinweg: Autograph von Rudi Bergers „Beluschka“

Bergers „Beluschka“ beginnt zunächst so spannungslos wie eine beliebige New-Age-Komposition. Doch die Spannung baut sich im Laufe der sechseinhalbminütigen Komposition auf, und auch wieder ab, so dass es keineswegs ein langweiliges Hörvergnügen ist oder gar für Hintergrundmusik taugt. Es gibt zu viel, was darin passiert und die hörende Aufmerksamkeit anregt, etwa das Bassspiel von Victor Bailey.

… und Rio de Janeiro

Jazz-Geiger Rudi Berger an einer Live-Session in Wien - Glarean Magazin
Jazz-Geiger Rudi Berger an einer Live-Session in Wien

Ab Track 13 stammen die Aufnahmen aus Rio de Janeiro. Nun dominiert auch die Flöte. Das Spektrum der Musik weitet sich. Nach zwei typischen brasilianischen Nummern mit all dem Bossa-Swing, den sie aufbringen können, überrascht mit „Dona Olimpia“ von Toninho Horta eine gefühlvolle Ballade, die mehr romantische denn lateinamerikanische Anklänge zeigt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig die beiden Musiker sich Beschränkungen auferlegen. Nach einem lebhafteren Zwischenspiel „Autumn in Brooklyn“ beginnt dann das letzte offizielle Stück „Viver de Amor“ wieder verhalten und sentimental, wechselt aber schnell in einen stringenten Rhythmus, über dem sich Bergers Violine deutlich und modern abhebt.

Wehmütiges Ende

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Der Bonus-Track aus dem Jahr 1988 zeigt Berger mit kleinem Ensemble und ohne Tonhino Horta. Das fällt auf. Er fehlt. Seine Gitarrenarbeit, die alle vorherigen Stücke nicht unwesentlich strukturiert und geprägt hat, wird vermisst. Einziger Trost ist, dass Bergers Violine noch da ist. Es kommt mächtig sentimental daher, fast möchte ich augenzwinkernd sagen: Es ist gehörig Schmalz drin – gut dass das Album damit zu Ende ist. Ich bin mir aber sicher, ich werde beim künftigen Hören nicht vorher abschalten.

Kurzum: Ein Album, das Spaß macht, das zum Zuhören anregt – und vor allem zum Wiederhören. Es gibt einen tollen Überblick über die Lebensleistung der beiden Musiker und hebt die Stimmung bei jedem Hören. Vor allem macht es neugierig auf einen Liveauftritt; ich hoffe, irgendwann in der Zeit nach Corona dazu noch einmal Gelegenheit zu haben. ♦

Berger (Violine) & Horta (Gitarre): Rudi Berger featuring Toninho Horta, Audio-CD, Label Gramola Records (Naxos), 72 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jazz-CD auch über Jacques Stotzem: Places we have been

Außerdem zum Thema Jazz im GLAREAN: Mathias Löffler – Rock & Jazz Harmony


Interview mit der Komponistin Kathrin Denner

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Kultur ist wichtiger denn je

Jakob Leiner im Gespräch mit der Komponistin Kathrin Denner

Die deutsche Komponistin Kathrin Denner (*1986) ist eine profilierte Vertreterin jener jüngeren Komponistinnen-Generation, die sich für die Verbreitung und Profilierung der zeitgenössischen Kunst-Musik auch auf politischer Ebene bemüht. Denner ist Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe, für die Belange ihrer Berufsgruppe setzt sie sich als Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbandes sowie als Delegierte der GEMA ein.
Im Interview mit dem GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner äußert sie sich über einige Aspekte ihres persönlichen Schaffens und über verschiedene Problemfelder der aktuellen Kunstmusik-„Szene“.

Glarean Magazin: Was sind eigentlich Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?

Kathrin Denner - Komponistin - Musik im GLAREAN MAGAZIN
„Ich stelle dem Stück Fragen, und es antwortet mir“: Komponistin Kathrin Denner

Kathrin Denner: Eine konkrete Erinnerung habe ich nicht. Mir ist aber sehr präsent, dass wir zuhause immer Bayern 4 Klassik gehört haben. Das ist eine wirklich schöne Erinnerung. Wir haben immer geraten, was wir da gerade hören. Damals wurden noch ganze Sinfonien gespielt und es gab wenig „easy listening“-Sendungen mit kurzen Ausschnitten. So lernte ich sehr viel klassische Musik und ihre Stilistiken kennen.

In Saarbrücken studierten Sie zuerst Trompete und Musiktheorie. Gab es einen Schlüsselmoment, der die Begeisterung für die Zeitgenössische Musik und das Komponieren weckte?

Ich muss vorwegnehmen, dass ich zeitgenössische Musik durch meinen klassisch geprägten Hintergrund immer furchtbar fand. Mein Herz ging auf bei Mahler, Bruckner und Beethoven. Die Zeitgenössische Musik habe ich nicht verstanden. Diese hatte für mich überhaupt keinen Sinn ergeben. Es war nicht nur so, dass ich sie nicht mochte, ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.

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Dann hat mir glücklicherweise ein Bekannter die Augen geöffnet, der mir das Ligeti-Requiem vorgespielt hat. In einem dunklen Raum mit Surround-Lautsprechern. Das war phänomenal. Ich habe erkannt, dass der Bruch zwischen der späten Romantik und Ligeti nicht so groß war. Innerhalb kürzester Zeit habe ich dann alles Zeitgenössische in mich aufgesogen und versucht, alles ganz schnell kennenzulernen. Ligeti ist mir bis heute wichtig, aber es gibt nun natürlich noch andere KomponistInnen, die mich inspirieren und die ich sehr mag und schätze.

Was macht für Sie den Reiz und die Faszination am Komponieren aus?

Ich mache einfach wahnsinnig gerne Musik. Und es ist doch toll, wenn man noch mehr gestaltet als das, was schon in Noten geschrieben steht: Wenn man selbst kreiert.

Gibt es eine grundsätzliche Herangehensweise für die Arbeit an einem Stück?

Meistens mache ich mir sehr lange Gedanken darüber, was ich eigentlich für das Stück möchte. Und dabei scheint es immer so, als würde ich nichts komponieren. Der Prozess geht also schon lange vorher nur im Kopf los. Ich stelle dem Stück Fragen: Obwohl es noch nicht in Noten existiert, antwortet es mir. Das habe ich von meinem Lehrer Johannes Schöllhorn gelernt.

Kathrin Denner - Komposition Autograph - Interview im Glarean Magazin
Autographisches Zitat aus „Nyberga Eleven“ für Trompete und Klavier von Kathrin Denner

Ich schreibe vor dem eigentlichen Notieren sehr viel auf. Meist in Worten und mit der Hand. Ich nehme mein Kompositionsbuch nicht immer, aber oft mit nach draußen, setze mich irgendwo hin und befrage mein Stück. Grundsätzliche Fragen nach Dauer, Besetzung, etc., aber auch Spezifischeres: Wie verhält sich das eine Instrument zum anderen? Wenn ich weiß, was ich will, geht der Rest verhältnismäßig schnell.

Kommen Kompositionsblockaden vor und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ja, leider. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, zu komponieren. Früher habe ich die Stücke nur so „rausgehauen“. Jetzt muss ich immer richtig arbeiten, bis etwas entsteht. Eine wirkliche Methode, die Blockaden zu überwinden, habe ich nicht. Meistens hilft es, wenn ich einen Auftrag habe und die Zeit drängt.

Hat sich Ihr Anspruch an (eigene) Musik in den letzten Jahren verändert?

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Ja, ich bin wesentlich kritischer mit mir und meiner eigenen Musik geworden. Wahrscheinlich geht das Komponieren deshalb nicht mehr so einfach von der Hand. Ob sich das positiv auf meine Stücke auswirkt, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe es natürlich. An Musik generell ist der Anspruch vielleicht insofern gestiegen, als dass ich gute Aufnahmen und Aufführungen bevorzuge. Aber ich schätze immer die Leistungen, Begabungen und das Können anderer und kann auch über „Fehler“ hinweghören, wenn mit Freude und Leidenschaft musiziert wird.

Werke von Komponistinnen sind in den Programmheften der deutschsprachigen Kulturlandschaft noch immer unterrepräsentiert. Zufall oder System?

Leider sind Komponisten in den Programmen noch deutlich in der Mehrheit. Obwohl die Frauen auf den Podien der zeitgenössischen Musik zunehmend sichtbarer werden. Während meiner Studienzeit gab es eigentlich immer relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnisse. Trotzdem können wir noch nicht wirklich von einer Chancengleichheit sprechen. Aufträge bekommen leider immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen. Die einflussreichen Stellen sind von Männern besetzt. Ich kann mir vorstellen, dass diese un- bzw. unterbewusst dann wiederum das männliche Geschlecht bevorzugen.

Gender-Diskussion in Musik und Tanz - Glarean Magazin
„Kompositionsaufträge bekommen immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen“: Anhaltende Gender-Diskussion in der Musik

Noch gibt es Handlungsbedarf für mehr Gendergerechtigkeit. Glücklicherweise ist dieses Thema mittlerweile in den Köpfen angekommen, und es gibt vermehrt Festivals, Kurse und Podien, die sich intensiv mit Genderfragen auseinandersetzen.

Sie sind auch kulturpolitisch aktiv und setzen sich für die Belange Ihrer Berufsgruppe ein. Wie sieht diese Arbeit aktuell aus?

Im Moment bin ich im Vorstand des Deutschen KomponistInnenverbands (DKV) sowie als Delegierte der außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder der GEMA und im GEMA-Wertungsausschuss tätig.
Der DKV ist ein Zusammenschluss von Komponistinnen und Komponisten aller Genres und Stilrichtungen, die der solidarische Gedanke einer Interessenvertretung für alle musikalisch Kreativen eint. Wir setzen uns für die Belange der Kreativen in verschiedenen Bereichen ein – im Moment natürlich u.a. auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Wir engagieren uns auf nationaler und internationaler Ebene zum Beispiel im Aufsichtsrat und anderen Gremien bei der GEMA, dem Kulturrat, dem Deutschen Musikrat, der Künstlersozialkasse, der Initiative Urheberrecht und der ECSA mittels unserer zuständigen Delegierten.

Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich) - Glarean Magazin
Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich)

Die GEMA – Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte – ist eine Verwertungsgesellschaft für Komponisten, Texter und Musikverleger. Zu ihren Aufgaben zählt es, die Nutzungsrechte ihrer Mitglieder zu verwalten und eine entsprechende Vergütung zu gewährleisten. Stellvertretend für den Urheber sorgt die GEMA durch das Urheberrecht für den Schutz der Werke. Seit nunmehr drei Jahren bin ich Delegierte der angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder.

Eigentlich glaube ich immer, die Falsche für diese Art von Job zu sein, aber irgendjemand muss es eben machen. Ich versuche, mich so gut wie möglich für meine komponierenden KollegInnen einzusetzen. Es muss engagierte Menschen geben, die die Interessen der – in meinem Fall – Musikschaffenden vertreten. Besonders in der heutigen Zeit, in der möglichst viel möglichst kostenlos sein soll. Es gibt viele andere Bereiche, in denen ich gerne noch aktiver wäre, aber die Zeit ist begrenzt, und so habe ich mir mein Feld gesucht, in dem ich mein Wissen einbringen und als kleines Zahnrädchen mitgestalten kann.

Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Menschen für das Gemeinwohl einsetzen und nicht immer nur darauf vertraut wird, dass da schon irgendwer ist, der alles regelt. Jeder Mensch hat eine Begabung, die für einen bestimmten Bereich hilfreich wäre. Es würde mich freuen, wenn diese Talente nicht ungenutzt blieben.

Das Streitwort der Kulturszene im Jahr 2020 lautete „systemrelevant“. Gibt es ein Wort, das Sie passender fänden?

Überrumpelt von der ganzen Corona-Zeit habe ich mich aus den Debatten über die Systemrelevanz tatsächlich zum größten Teil herausgehalten. Ein besseres Wort fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Unsere kulturelle Vielfalt ist einzigartig, aber wir haben eine schwache Position – keine starke Lobby. Vielleicht zeugt der Ausschluss der Kultur von Ignoranz, aber die Pandemie ist für alle neu und die Politik trifft die Entscheidungen sicherlich nicht leichtfertig, auch wenn sich einige Entscheidungen anschließend als falsch herausstellen werden oder schon herausgestellt haben.

Leerer Musik-Konzertsaal in Corona-Zeiten - Glarean Magazin
Wegen Pandemie geschlossen: Leerer Konzertsaal und de facto Berufsverbot für Musiker

Dass die Kultur keine marginale Rolle innehat, ist jetzt, nach über einem Jahr der Pandemie, denke ich, allen bewusst geworden. Ich hoffe, dass wir möglichst schnell zu einer gewissen Normalität zurückkehren können. Noch sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels, aber ich vertraue auf seine Existenz.

Wie hat Ihre kompositorische Arbeit auf das zurückliegende Corona-Jahr reagiert?

Eigentlich hätte ich (viel) Zeit gehabt, viel zu arbeiten. Und meine Arbeit findet ja sowieso meist allein statt. Aber ich habe mich der Ohnmacht voll hingegeben. Im Grunde habe ich meine Zeit verschwendet mit Inhaltslosigkeit. Mit Netflix und Handygames. Ich hatte eine einzige Aufführung – statt des geplanten großen Orchesterstücks mit über 80 Aufführenden, wurde ein Stück für ein Soloinstrument gespielt. Alle anderen Konzerte wurden abgesagt. Frustration ist hier das richtige Wort.

Musik und Corona - Rückzug ins Innenleben - Glarean Magazin
Musik in Zeiten von Corona und Aufführungsverboten: Rückzug ins „Innen, ins Bei-sich-sein“

Aber ewig kann man sich nicht hängen lassen, es muss weitergehen. Glücklicherweise haben mich ein paar Aufträge wieder motivieren können. Dabei war auch ein Auftrag des Bundesjugendchores, welcher sich thematisch im weitesten Sinne mit der Pandemie beschäftigt. Mit dem „Innen“ – also dem Innen im Geiste, aber auch dem Innen in den eigenen vier Wänden, mit diesem Bei-sich-sein. Ich beschäftigte mich mit unterschiedlichen sozialen Beziehungen (hier schwingt auch das „-Innen“ als Genderform mit), Verhältnissen und Interaktionen. Auch zwei weitere Kompositionen haben sich direkt auf die Corona-Ohnmacht bezogen.

Wie eng liegen Angst und Hoffnung beieinander?

Sehr eng. Manchmal ist die Hoffnung dominierend, manchmal beherrscht mich die Angst.

Gibt es ein spezielles Stück, das Ihnen schon längere Zeit vorschwebt?

Ich arbeite schon seit einiger Zeit an meinem Stück „Agnesma“ für Trompete und Orchester. Ich schreibe es für den wahnsinnig tollen Trompeter Simon Höfele. Aber es kommt immer wieder etwas dazwischen, und so ist der Kompositionsprozess durchlöchert. Es ist kein Auftrag, sondern intrinsisch motiviert. Ich freue mich aufs Weiterschreiben, wenn ich dann mal wieder Zeit habe.

Wie wird sich  eigentlich die Musik der Zukunft anhören?

Oh, das weiß ich nicht. Aber ich wäre gerne eine Zeitreisende, die in der Zukunft vorbeischauen kann… Etwas zu erfinden, was es noch nicht gibt, ist sehr schwer. Es gibt immer Entwicklungsprozesse, die sich auf Bekanntes beziehen.
Einen oder sogar mehrere Schritte zu überspringen, dazu wären wir vielleicht gern in der Lage, aber ich glaube, das ist nicht möglich. Wir sind Kinder unserer Zeit. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit dem Schweizer Komponisten Fabian Müller: Neue Musik?

Außerdem zum Thema: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik (Ursula Petrik)


Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten (CD – Tobias Koch)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Eine neue Dimension

von Christian Busch

So mancher Bewunderer von Schuberts letzten Sonaten wird sich beim Anhören verschiedener Aufnahmen mal gefragt haben: Wie langsam kann, ja darf man das spielen? Mit welchem Tempo kommt man dem wahrhaftigen Schubert am nächsten, so dass die Zeit gesprengt wird und stillsteht?
Der Düsseldorfer Konzertpianist Tobias Koch hat sich nun – unter dem Motto „Zukunftsmusik“ – Schuberts letzten drei Klaviersonaten gewidmet und sie – originalgetreu auf dem Hammerflügel von Conrad Graf (Wien, 1835) aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum für das Innsbrucker Label Musikmuseum – neu aufgenommen.

Immer sind da diese Schritte. Die sich mühsam einen Weg durch die verschneite Winterlandschaft bahnenden Schritte des einsamen Wanderers. Missmut, Verzweiflung und tiefe Traurigkeit klingen an, ein Innehalten, ein hoffnungsvolles-, ja wehmütiges Erinnern, doch dann kehrt die schöne, aber resignativ-dumpfe Anfangsmelodie zurück. Der Kreis schließt sich. Ein schicksalhafter, auswegloser Gang, eine Flucht gar ohne Ziel? Wie tief kann sich ein Mensch in sich zurückziehen? An manchen Stellen stockt die Musik, einem Herzstillstand gleich. Ist das der Tod?

Suche nach dem wahren Schubert-Sound

Franz Schubert: Zukunftsmusik - Die letzten drei Klaviersonaten - Tobias Koch - Musik MuseumFragen, die beim Hören von Franz Schuberts letzter, geheimnisumwobener und einzigartiger Klaviersonate in B-Dur D 960 aufkommen. Das Werk eines 31-jährigen und doch eines seiner letzten. Schubert starb nur wenige Wochen nach der Vollendung. Ein tonales Vermächtnis eines Komponisten, der kurz zuvor am Grabe Beethovens gestanden hatte und mit dessen drei letzten Klaviersonaten ein ungeheures Erbe antrat, das zu ignorieren noch schwerer als es zu übertreffen war. Musikgeschichtlich der bedeutende Schritt von der Klassik zur Romantik. Eine Sonate, die – hat man sie einmal gehört – zum lebenslangen Begleiter werden kann.

Der inneren Tiefe angenähert

Pianist Tobias Kochs „Zukunftsmusik“ nähert sich Schuberts Monumentalität und innerer Tiefe mit ausgesucht bedächtigen Tempi, wenn er sowohl die melodischen resignativen Passagen auskostend ebenso wie die immer wiederkehrenden leidenschaftlichen Ausbrüche in ihrer ganzen Tiefe darzustellen sucht. Doch wäre es grob fahrlässig, seine Einspielung darauf zu reduzieren.

C-moll: Auf Beethovens Spuren

In der Sonate D958 kehrt Schubert mit der Tonart c-Moll, die er oft als Haupttonart einer Komposition gemieden hat, zum Modell Beethovens mit seinem kämpferischen Duktus zurück. Überdeutlich „zitiert“ er im Eingangsthema des Kopfsatzes aus Beethovens 32 Variationen in c-moll (WoO80). Doch in der Folge weicht das unruhige Drängen einer lyrischen Stimmung, die im zweiten Thema in ein „friedvoll-idyllisches Kreisen um Zentraltöne“ (Michael Wersin) mündet: Eine neue musikalische Welt!
So knüpft Schubert an den volkserzieherischen, heroischen Charakter seines Vorgängers nur an, um ihn als gescheitertes Unterfangen in die private Abgeschiedenheit, in die Innerlichkeit und den Raum der Liebe zu geleiten. Schubert wird damit zum Antipoden des an Aufklärung, Emanzipation und politischen Fortschritt glaubenden Beethovens.

Franz Schubert - Klaviersonate D958 - Beginn des Adagio - Glarean Magazin
„Tiefgründige Nachtwache“: Beginn des Adagio in Franz Schuberts Klaviersonate D958

Breite und klangvolle Deutung

Tobias Koch - Pianist - Glarean Magazin
Tobias Koch (geb. 1968 in Kempen/D)

Tobias Koch legt gerade diese ungeheure und gewichtig Neuerung in seiner breit und klangvoll angelegten Deutung frei. Das Hammerklavier ächzt und funkelt in unendlichen Schattierungen, so dass man das Gefühl hat, direkt neben Schubert auf einem alten Sofa mit ein paar losen Sprungfedern zu sitzen. An manchen Stellen scheint Johann Sebastian Bach mit auf dem Sofa zu sitzen. Das Adagio wird zur tiefgründigen Nachwache, das Finale ein erstaunlicher Triumph des sich kreativ entfaltenden Individuums. Der Pianist spielt alle Wiederholungen und präsentiert Schuberts c-moll-Sonate in fast 37 Minuten gewichtiger Tonrede.

Die 2. „Atlas“-Sonate

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Auch die A-Dur-Sonate D959 erinnert an Beethoven und stammt doch unverkennbar aus der romantischen Feder Schuberts, nicht nur mit den zwei immer wiederkehrenden Viertel-Schlägen aus dem von Schubert vertonten Heine-Lied „Der Atlas“ – ein Hinweis auf Schuberts persönliche Lebenssituation, die von Krankheit, Todesahnung und Resignation durchzogen war. Auch hier finden wir wunderbare melodische Abläufe mit „himmlischen Längen“ (Robert Schumann), welche den romantischen Charakter, die Hinwendung vom Öffentlichen ins Private, vom leidenschaftlichen Kampf zum sich seiner Liebe vergewissernden Herz ausmachen.

Unnatürlich verlangsamt

Kochs Zugriff kann hier im 1. Satz nicht recht greifen. Schon der Beginn klingt sperrig, zu stockend und unnatürlich verlangsamt. Der leichte melodienverliebte Fluss geht verloren, auch wenn einige Stellen unerhört gewichtig und auskostend geraten. In jedem Fall fällt es hier schwer, sich von vorherigen klanglichen Vorstellungen und Deutungen zu lösen. Es scheint aber, dass Kochs Zugriff eher der letzten Sonate vorbehalten und angemessen sein könnte. Das wird noch einmal im letzten Satz, dem Rondo, deutlich, auch wenn es auch hier großartige Momente ungeahnter Monumentalität und berückender Stille zu entdecken gibt.

Franz Schubert - Klaviersonate D959 - Auszug 1. Satz - Glarean Magazin
„Melodienverliebter Fluss“:  Zitat aus Franz Schuberts Klaviersonate D959

Das Vermächtnis: Sonate in B-Dur D960

Deutlich stimmiger ist Kochs Zugriff des Gewichtigen bei der letzten, eingangs bereits charakterisierten B-Dur Sonate, Schuberts pianistischem Schwanengesang, das sein umfangreichstes Klavierwerk ist, auch darin Beethovens in der gleichen Tonart komponierten Hammerklaviersonate ähnelnd. Hier kehrt der einsame Wanderer der Winterreise wieder, seine schweren Schritte, suchend, kreisend und sich im Nirgendwo verlierend.

Franz Schubert - Klaviersonate D960 - Beginn Andante sostenuto - Glarean Magazin
„An die letzten Dinge rührend“: Beginn des Andante sostenuto in Franz Schuberts Klaviersonate D960

Tobias Koch, so möchte man sagen, trägt Schubert auf Händen, nimmt sich alle Zeit der Welt, jegliche Schattierungen, Zwischentöne, Unterstimmen und versteckte Akkorde ans Licht zu befördern. Sein Vortrag ist durchgehend leidenschaftlich, mal jäh und donnernd, dann wieder tänzerisch leicht bis zärtlich streichelnd und von dem Bestreben beseelt, Schubert „letzte Worte“ zu entschlüsseln.

Innovativer Interpretationsansatz

Komponist Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel) - Glarean Magazin
Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel)

Das Hammerklavier erweist sich als kongenialer Partner, der nichts glättet oder einebnet, sondern Schuberts rauhe, unwirtliche Welt in ihren vielfarbigen Schattierungen hervorragend tonal widerspiegelt. Ein unerhörtes Klangerlebnis, das interpretatorisch eine neue Dimension erschließt. Nicht einmal bei Valery Afanassiev dauert der Kopfsatz so lange wie bei Tobias Koch (über 31 Minuten). Das Andante sostenuto gerät mit seinem choralartigen, feierlichen Ton einmal mehr zu einer berückenden, an die letzten Dinge rührenden Introspektive der romantischen Seele. Das Finale greift den innovativen Interpretationsansatz auf und schließt die überzeugende Darbietung mit großer Eindringlichkeit ab.

Eine neue Schubert-Dimension

Die neuen Einspielungen von Tobias Koch erweitern das Spektrum der Interpretationen von Schuberts Klaviersonaten um eine neue Dimension. Seine Deutung ist nicht geprägt von virtuosem Zur-Schau-Stellen pianistischer Virtuosität, sondern vom „heißen Bemühen“ um Schuberts einzigartige Werke. Sie stellen vertraute Klangvorstellungen in Frage und liefern auf einem historischen Instrument höchst interessante Alternativen, welche nicht nur den Schubert-Liebhaber zum Überdenken seiner Hörgewohnheiten bringen kann. ♦

Zukunftsmusik – Franz Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten, Tobias Koch (Fortepiano Conrad Graf – Wien um 1835), Musik Museum

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema klassische Klaviermusik auch über die neue CD von See Siang Wong: Fantasia – Werke von Beethoven


 

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Werke von Beethoven

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Virtuoses und farbenreiches Klavierspiel

von Mario Knöpfler

Bitte nicht noch eine Beethoven CD? Das Beethoven-Jahr 2020 im Rahmen seines 250. Geburtstages fiel wegen der Corona-Pandemie ins Wasser. Nun wurden, um den Jubilar zu ehren, die Feierlichkeiten bis 2021 verlängert. So präsentiert uns auch der Pianist See Siang Wong – nach einer beeindruckenden und umfangreichen Diskographie bei Decca und Sony – das erste Album seiner Beethoven-Trilogie, „Fantasia“, die er mit den „Fantasie“-Klavierwerken des Meisters gestaltet: Den beiden op. 27 Sonaten, der Fantasie op. 77, und – als Schlusswerk – der Chorfantasie op. 80.

Wong möchte uns vor allem unbekanntere Perlen des Komponisten näherbringen. Dass die Mondschein-Sonate op. 27/2 etwas aus dieser Dramaturgie herausfällt, stört nicht, da der chinesisch-schweizerische Konzertpianist See Siang Wong mit seiner höchst persönlichen Interpretation besticht.
So ist der Anfang der „Mondschein“ bei ihm nicht ein sentimentales Adagio mit Mondesschimmer, sondern wirkt wie eine düstere gespenstische Geisternacht. Die langsamen Triolen rauschen wehmütig wie der Wind über den Gräbern und die punktierten Rhythmen ertönen rau wie Todesglocken. Wong setzt dabei quasi buchstäblich die Anweisungen Beethovens um, für den ganzen Satz nur ein einziges Pedal zu nehmen – und das lässt sich hören: Die leicht dissonierenden Harmonien und Farben wechseln sich ab und bewirken, dass die Klänge melancholisch zu schweben beginnen. Es entstehen so unerhörte Klangfelder im Raum, die einen an eine fast impressionistische Klangsprache erinnern.

Donner und Blitz

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Als Kontrast interpretiert er den zweiten Satz leichtfüssig und spontan, wie ein Zwiegespräch. Ein kleines Intermezzo zwischen den zwei gross angelegten Ecksätzen, oder wie Liszt es so schön nannte: „Wie eine Blume zwischen zwei Abgründen“.
Nahtlos geht Wong dann „attaca“ über in den Prestissimo-Satz, mit stürmischem Drang und voller Energie. Plastisch wirkt seine Klavierkunst, und selten wurde das Finale mit so viel Donner und Blitz gehört und gespielt!

Betörend schlicht

See Siang Wong - Pianist - Glarean Magazin
Virtuoses und klangsinnliches Klavierspiel: „Fantasia“-Pianist See Siang Wong (Foto: SRF / Christoffel)

Die Sonate „Quasi una Fantasia“ op. 27.1 ist zu unrecht die weniger bekannte der zwei Sonaten. Beethoven hat sie noch mehr wie eine grosse Fantasia auskomponiert. Die vier Sätze gehen direkt ineinander über und machen das Werk in seiner Gesamtarchitektur zu einer der interessantesten Sonaten Beethovens.
See Siang Wong spielt die Sonate mit einer betörenden Schlichtheit und dem Verständnis für die Form und Struktur. So wirkt der erste Satz erfrischend neu und klar. Das Seitenthema mit punktierter Artikulation tönt in seiner Interpretation ungewöhnlich, keck und leicht wie einer Opernarie. Rossini schaut hierbei zu um die Ecke! Auch den anderen Sätzen zeichnen sich aus durch ein wunderbar sprechendes und farbenreiches Spiel, den Fantasia-Charakter der Sonate zurecht.

Virtuose Spielfreude

Ludwig van Beethoven am Klavier - Glarean Magazin
Beethoven am Klavier im Kreise von Adepten

Die Fantasia op. 77 ist vielleicht auf dem Album das kurioseste der Werke. So hat Beethoven diese selber an seinem legendären Akademie-Konzert vom 22. Dezember 1808 gespielt – ein Konzert, das mit einem Mammutprogramm von fünf Stunden (darunter das 4. Klavierkonzert und zwei Sinfonien sowie die Chorfantasie) eigentlich unmöglich war für das Publikum. Beethoven hat dabei die Fantasia improvisiert und danach aufgeschrieben. Sie ist wahrscheinlich die einzige wirklich überlieferte Improvisation Beethovens.
Wong kann den dramaturgischen Verlauf des Werkes nachempfinden und gestaltet die verschiedenen Variationen und Umspielungen des Themas mit viel Spielfreude und Virtuosität.

Dialogisierend und klangsinnlich

Ludwig van Beethoven - Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester - Anfang - Glarean Magazin
Ludwig van Beethoven: Anfang der Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester

Am Schluss ertönt die fulminante Chorfantasie op. 80. Sie hat eine unkonventionelle Besetzung mit Chor, Orchester und Klavier und war ein Fiasko bei der Uraufführung im Akademie-Konzert. Das Orchester geriet mit Beethoven als Solisten wegen eines Missverständnisses um eine Wiederholung völlig auseinander: Beethoven spielte sie, das Orchester nicht, ein grosser Tumult brach aus.
Da wäre Beethoven wohl vollends zufrieden gewesen mit der vorliegenden Einspielung, worin See Siang Wong gemeinsam mit dem RSO Wien und dem Wiener Singverein unter der Leitung von Leo Hussain wunderbar dialogisierend und mit viel Gespür für Klangsinn dem Text von Kupfer gerecht werden: „Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor, hat ein Geist sich aufgeschwungen, hallt ihm stets ein Geisterchor“. Einer der gelungensten Aufnahmen dieses Werks und eine schöne Krönung des ersten Teils von Wong’s Beethoven-Trilogie.
Zum Glück doch noch eine Beethoven CD! ♦

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Trilogy 1 mit Beethoven-Klaviermusik, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Wiener Singverein, Leo Hussain (Dirigent), Audio-CD RCA Red Seal (Sony Music)


Mario Knöpfler

Geb. 1957 in St.Gallen, langjährige Tätigkeit beim Schweizer Radio und Fernsehen als Redakteur und Produzent, lebt in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Beethoven auch über den Musik-Kalender 2020: Beethoven und ich

… sowie über Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern


 

Das Musik-Zitat der Woche von Irmgard Jungmann

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Musik und Geschäft

Irmgard Jungmann

In den letzten Dezennien ist ein rapide fortschreitender Konzentrationsprozess in der Medienindustrie und im Musikgeschäft zu beobachten. Die großen Vier heißen Universal, Sony-BMG, EMI und Warner. Norman Lebrecht beschrieb in seinem Buch „Aufstieg und Fall der Klassikindustrie“ in beeindruckender Weise den weltweiten Niedergang in der Sparte der Klassikindustrie. Während die Musikindustrie noch bis in die 70er Jahre hinein ihr großes Geschäft mit den Langspielplatten klassischer Musik machen konnte, sanken seither die Verkaufszahlen der Medienindustrie im Klassikbereich und haben seit den 90er Jahren einen Tiefstand erreicht.
Lebrecht listete einige Faktoren auf, die den Niedergang beschleunigt hätten. Vor allem habe die Überproduktion an Aufnahmen klassischer Werke den Markt so gut wie zusammenbrechen lassen (bis 1994 gab es beispielsweise 79 Aufnahmen von Dvoraks 5. Symphonie). Ebenso haben die Unzerstörbarkeit der CD in Kombination mit ihrer ausgefeilten Klangqualität sowie die Möglichkeiten des Internet die Absatzmöglichkeiten verringert. Zuletzt bezeichnet Lebrecht auch den Zustand der Avantgardemusik als einen Grund für die schwindenden Absatzzahlen im Klassiksektor und zitiert den ehemaligen Sony-Produzenten Michael Haas: „Letztendlich wurde die Klassik von den Komponisten im Stich gelassen. Ohne eine neue Musik, die intelligente, sensible Konsumenten hören wollten, blieb nur die Möglichkeit, das Vergangene wieder aufzuwärmen“.

Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik - Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert - J.B. Metzler VerlagAn diesem Punkt stehen wir heute. Neue „ernste“ Musik wird nur von einem kleinen Bevölkerungskreis aufgenommen und lässt sich kaum verkaufen. Sie fristet ein vergleichsweise kümmerliches Dasein im großen Weltmarkt der Musik, der Markt für traditionelle klassische Musik scheint mit der „Aufwärmung“ des immer Gleichen mehr oder minder gesättigt zu sein.
Die Musikkonzerne sind aber, da sie es mit künstlerischen Produkten zu tun haben, von den Medienexperten, den Künstlern, den Ausführenden ebenso wie den komponierend „Mischenden“, ihrem Erfindungsgeist, ihrer »Innovationskraft« abhängig.

Norman Lebrecht: Ausgespielt - Aufstieg und Fall der Klassikindustrie - Schott VerlagDie großen Marktchancen liegen inzwischen längst im Bereich der Popmusik, die ihre Fähigkeit zu musikalischer Entwicklung, zur Innovation, zum Experimentieren mit Althergebrachtem ebenso wie mit Neuem unter Beweis gestellt hat, die ohne die Behinderung durch ästhetische Bedenken Bach, die Gregorianik, Miminal Music, Indische Kunstmusik oder jede Art von Folklore verarbeiten kann und inzwischen längst neue Stile und Moden wie Rock, Rap, Techno, Hiphop geschaffe hat. In diesen Bereichen „spielt die Musik“. ♦

Aus Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik – Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert, J.B. Metzler Verlag, 260 Seiten, ISBN 978-3476022974

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klassik und Pop-Musik auch den Essay von Frieder W. Bergner: Das U und das E in der Musik

… sowie zum Thema E-Musik das Zitat der Woche von Ursula Petrik: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik

Außerdem zum Thema Klassische Musik das Musik-Zitat der Woche von Alexander Köhler: Stirbt die klassische Musik aus?

Weitere Web-Links zum Thema:


Musik-Psychologie: Chorgesang und kognitive Fähigkeiten

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Chorsingen fördert emotionale und intellektuelle Kompetenzen

von Walter Eigenmann

Die positiven neurologischen Effekte des Musizierens mit einem Instrument sind in der Kognitionswissenschaft umfangreich untersucht und breit belegt: Aktives Instrumentalspiel kann die kognitive Flexibilität verbessern, d.h. die Fähigkeit, den Fokus zwischen verschiedenen Denkprozessen zu regulieren und zu wechseln.
Die kognitiven Vorteile des Chorsingens hingegen wurden bisher von der Forschung vernachlässigt. Dies ändert sich nun mit einer Studie der Universität von Helsinki, die kürzlich in der Zeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde. Sie gibt klare Hinweise darauf, dass der Chorgesang ähnliche Vorteile wie das Spielen eines Instruments mit sich bringt.

Die Ergebnisse der Forscher um die finnische Psychologin und Therapeutin Emmi Pentikäinen zeigen, dass gerade ältere Sänger/innen eine bessere verbale Flexibilität hatten als jene Teilnehmer der Kontrollgruppe, die das Chorsingen nicht als Hobby hatten. Dabei gilt als erwiesen, dass verbale Flexibilität auch eine bessere kognitive Flexibilität widerspiegelt.

Chorgesang - Singen im Verein - Dirigent mit Sängerinnen und Sängern - Chorkonzert auf der Bühne - Glarean MagazinDamit unterstützen die neuen Erkenntnisse aus Helsinki die entspr. früheren Ergebnisse: „Chorgesang hat vergleichbar positive Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen zumal älterer Menschen wie das Instrumental-Spiel. Und unsere entspr. Befunde erweitern unser Verständnis darüber, wie verschiedene Aktivitäten auch im späteren Leben die Kognition beeinflussen können“, meint Pentikäinen.

Stärkeres Sozialgefühl dank Chorsingen

Die Studie untersuchte weiter den möglichen Nutzen des Chorsingens für das emotionale sowie das soziale Wohlbefinden älterer Menschen. Dabei zeigte die Auswertung entspr. Fragebögen, dass diejenigen, die über einen längeren Zeitraum (mehr als 10 Jahre) in einem Chor gesungen hatten, ein größeres soziales Zusammengehörigkeitsgefühl empfanden als jene mit weniger oder überhaupt keiner Erfahrung im Chorsingen.

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Interessant in diesem Zusammenhang: Jene Studienteilnehmer, die vor weniger als 10 Jahren mit dem Chorsingen begonnen hatten, waren insgesamt zufriedener mit ihrem Gesundheitszustand als diejenigen mit längerer Gesangserfahrung oder diejenigen, die nicht in einem Chor sangen. Pentikäinen dazu: „Es ist möglich, dass die Menschen, die später im Leben einem Chor beigetreten sind, dadurch die Motivation gefunden haben, ihre Gesundheit durch einen aktiven und gesunden Lebensstil zu erhalten. Andererseits könnten sich die Beziehungen und sozialen Netzwerke, die durch die Chorzugehörigkeit bei denjenigen, die länger dabei waren, als fester Bestandteil ihres Lebens etabliert haben; daher auch das verstärkte Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit.“

Chorgesang erfordert komplexe Informationsverarbeitung

Ein Gespann, das die Wissenschaft immer wieder beschäftigt: Die Musik und das Gehirn
Ein Gespann, das die Wissenschaft immer wieder beschäftigt: Die Musik und das Gehirn

Das Altern bringt Veränderungen der kognitiven Funktionen sowie der physischen und sozialen Umgebung des Einzelnen mit sich, die sich alle auf sein Wohlbefinden auswirken. Und da die Bevölkerung immer älter wird, wird es immer wichtiger, Wege zur Verbesserung des Wohlbefindens und der Lebensqualität älterer Erwachsener zu finden. Laut Pentikäinen bietet nun gerade der Chorgesang eine gute Möglichkeit, das Wohlbefinden älterer Menschen zu unterstützen, da es flexible exekutive Funktionen und die Regulierung der Aufmerksamkeit erfordert:

„Chorsingen ist in der Praxis einfach und mit geringem Aufwand zu betreiben. Es ist eine Aktivität, die eine vielseitige Informationsverarbeitung erfordert, da sie die Verarbeitung verschiedener sensorischer Reize, die Motorik im Zusammenhang mit der Stimmproduktion und -kontrolle, die sprachliche Leistung, das Erlernen und Einprägen von Melodien und Texten sowie die Emotionen, die durch die gesungenen Stücke geweckt werden, kombiniert“, halten die Forscher fest. ♦

Lesen Sie zum Thema Musik-Psychologie auch über: Musik und Gefühle (Neurowissenschaftliche Studie)

… sowie zum Thema Musik und Alter: Handbuch der Seniorenchor-Leitung


Das neue Musik-Kreuzworträtsel (Februar 2021)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Der interaktive Buchstaben-
Puzzle-Spaß

Musik-Kreuzworträtsel haben im Glarean Magazin schon eine jahrelange Tradition. Hier kommt unser Schweden-Puzzle im Februar 2021. Es lässt sich online lösen – ein interaktiver Rätsel-Spaß!

Einfach online ausfüllen

Der Mausklick auf das Rätsel führt dich zum entspr. Online-Rätsel, das du direkt am Bildschirm ausfüllen kannst. Einfach ins gewünschte Kästchen bzw. auf einen Hinweis (rechte Spalte) klicken und Buchstaben eingeben. Natürlich völlig kostenlos und mit Download-Option ( = PDF-Datei zum Ausdrucken und Ausfüllen). Alle Lösungen sind ebenfalls online einsehbar.

Musik-Kreuzworträtsel - Februar 2021 - Aufgaben-Hinweise-Lösungen - Copyright Walter Eigenmann - Glarean Magazin

Das Rätsel enthält eine Reihe von kniffligen, nicht gerade alltäglichen Begriffen. Wer bei einem Hinweis nicht weiterkommt, nützt die Funktion „Aufdecken“, was das betr. Lösungswort anzeigt. Eingegebene Buchstaben lassen sich mit „Zurücksetzen“ löschen. Wir wünschen ungetrübten Knobel-Spass! ♦

Knobeln Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Denksport auch unsere vier Online-Sudoku vom Januar 2021

… sowie das Musik-Kreuzworträtsel vom Januar 2021


Khatia Buniatishvili: Labyrinth (Klavier solo)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Im Irrgarten des Geistes

von Jakob Leiner

Es ist wahr, hat man das suchende Element in dem neuen Album „Labyrinth“ von Khatia Buniatishvili einmal registriert, scheint es sich mit jedem Höreindruck noch zu potenzieren. Und hier könnte man bereits zu einem Kern der „Labyrinth“ betitelten Einspielung, Ende 2020 bei Sony Classical erschienen, vorgedrungen sein: das Suchende als Wiederholung, als eine sich selbstverstärkende, fast repetitive Kraft, die brachial nicht sein muss.

Labyrinth Khatia Buniatishvili (Klavier), Erik Satie (Komponist), Ennio Morricone (Komponist) und weitere - Audio CDIn Buniatishvilis Auswahl der Stücke sowie ihrer liebevollen Interpretation äußert sich neben dem Suchenden eine zweite Wirkungsebene von hochwirksamer Sinnlichkeit. Das gilt sowohl für Filmmusikalisches wie „Deborah’s Theme“ von Ennio Morricone („Once Upon a Time in America“) als auch für „unser aller“ Bach, u.a. vertreten mit der (angejazzten) „Badinerie“ aus der zweiten sowie seiner genialen „Air“ aus der dritten Orchestersuite.

Grenzen zwischen E- und U-Musik aufgelöst

Buniatishvili scheut sich nicht, die Grenzen der sogenannten E- und U-Musik, ohnehin ein ältliches und durchaus umstrittenes Klassifikationsschema, mit der Anordnung der kurzen Einzelwerke aufzulösen. Das gelingt, weil sie sich der Musik sämtlicher Genres (bzw. Epochen) mit derart unvoreingenommener Zärtlichkeit nähert, dass jene zum „Mörtel“ des gesamten Albums werden kann. Der Ohrwurm-Charakter der allesamt wohlbekannten Stücke erleichtert natürlich die Rezeption um eine gewisse intellektuelle Anforderung, die ja nicht immer intendiert sein muss.

Couperin - Les Barricades Mysterieuses - Glarean Magazin
Neben S. Rachmaninov, S. Gainsbourg, J.S. Bach und A. Pärt: „Les Barricades Mysterieuses“ von F. Couperin

Was beliebig scheint – folgt auf die berühmte Rachmaninov-Vocalise doch eine Transkription des wunderbaren Gainsbourg-Chansons „La Javanaise“ (Juliette Gréco lässt grüßen), an welchen sich Couperins „Les Barricades mystérieuses“ anschließt, nur um wieder zu einem Bach’schen Arrangement (der „Sicilienne“ nach Vivaldis „Concerto Op. 3, Nr. 11“) zu springen – diese stilistisch mutige Abfolge erklärt sich beim Hören von selbst. Buniatishvilis tatsächlich schwervergleichliche Feinheit im Anschlag spannt den Bogen sowie eine gewisse Verklärtheit, die nicht als Pathos missverstanden werden darf.

Introvertierte Musik-Sammlung

Die französisch-georgische Pianistin möchte dieses Konzeptalbum nicht als Beispiel ihrer enormen Virtuosität (man denke nur an Schumanns Klavierkonzert mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Paavo Järvi) verkaufen – nein, es ist eine stille, geradezu introvertierte Musiksammlung, die sie vorlegt.
Arvo Pärts reduktive Gebetskomposition „Pari intervallo“ steht stellvertretend für das Ausmaß an meditativer Versenkung, die zeitweise erreicht wird. Zwei streng parallel geführte Linien, dem persönlichen Tintinnabuli-Stil des estnischen Komponisten folgend, bilden über knapp acht Minuten hin ein klares klangoptisches Muster, das von Es-Moll-Dreiklängen bestimmt wird. Nicht nur (Selbst-)Spiritualität zugeneigte Menschen werden der Transzendenz, die hier zusammen mit Schwester Gvantsa Buniatishvili zu vier Händen meisterhaft transportiert wird, etwas abgewinnen können.

Von Bach bis Cage

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Natürlich darf in einer solchen durchaus nach philosophischen Gesichtspunkten festgelegten Stückauswahl auch John Cages „Nichtwerk“ „4’33“ nicht fehlen. Frühlingshafte Realklänge wie entferntes Vogelgezwitscher werden, dem CD-Booklet nach auf einem Friedhof aufgenommen, zur aleatorischen Musik von hoher imaginativer Wirksamkeit. Bezeichnend, dass die Künstlerin kurze kontemplative Texte zu jedem Werk selbst verfasste – das Labyrinth als Sinnbild für einen Lebensweg, der Verirrung gewissermaßen beinhalten muss und den man trotzdem selbstreflektiert und bewusst zu gehen in der Lage ist. Zugleich schwingt die Aufforderung mit, die intrinsische Ordnung, für die der Albumname ebenso steht, aus metaphysischer Vogelperspektive sowohl wahrzunehmen als auch zu ergründen.

Schnulzige Gesten neben überzeugender Seriösität

Virtuose Sinnlichkeit - Die Pianistin Khatia Buniatishvili - Musik im Glarean Magazin
„Virtuose Sinnlichkeit und intrinsische Ordnung“: Die Pianistin Khatia Buniatishvili

Es lässt sich nicht vermeiden, dass der Gestus an manchen Stellen mit dem Schnulzigen liebäugelt, jedoch verliert er nie eine seriöse Überzeugungskraft. Die Ligeti-Etüde „Arc-en-ciel“ oder Johannes Brahms melancholisches „Intermezzo in A-Dur“ aus den 6 Klavierstücken bestätigen jene interpretatorische Reife, die der erst 33-Jährigen vielfach attestiert wird. Das empfindsame Spiel mit Zwischenstimmen kennzeichnet auch die Liszt-Consolation in Des-Dur als „poetischer Gedanke“.
Somit ist „Labyrinth“ ein gewagtes wie sensibles Album, das genau durch diese Mischung besticht. Der Bezug auf jene neoromantische Konzeption des menschlichen Geistes als wechselseitiges Eintauchen und Eingetauchtwerden in die Vielfalt einer Weltbeseeltheit ist in pandemischen Zeiten ebenso heilsam wie wahr. Wehe dem, der anders spricht… ♦

Khatia Buniatishvili (Klavier): Labyrinth (Div. Komponisten) Audio-CD, Label Sony Classical


Jakob Leiner - Lyriker, Musik, Arzt - Glarean MagazinJakob Leiner

Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klaviermusik auch über Komitas: Seven Songs (Pianistin: Lusine Grigoryan)

… sowie über: Severin von Eckardstein plays Robert Schumann – Ein Plädoyer für die Romantik

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Das Klavierwerk von Ernest Bloch & Ferruccio Busoni


Neurowissenschaft: Musik und Gefühle

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Gehirnforschung über glückliche und traurige Musik

von Walter Eigenmann

Dass Musik (jeder Couleur) beim Menschen starke und unterschiedlichste emotionale Reaktionen auslösen kann, ist bekannt; Musik und Gefühle sind eng gekoppelt. Doch wie sind diese psychischen Mechanismen neuronal lokalisiert? Finnische Forscher der Universität Turku um Vesa Putkinen gingen dieser Frage in einer Studie mit 102 Probanden nach.

Die Studie, Ende Dezember 2020 im englischen Cerebral Cortex Journal publiziert, wurde im nationalen finnischen PET-Zentrum durchgeführt. Dabei hörten 102 Versuchspersonan Musik, die Emotionen hervorruft, während ihr Gehirn mittels Funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) gescannt wurde.

Instrumentalmusik von ängstlich bis zärtlich

Magnetresonanztomographie fMRT - Visualisierung der neuronalen Regionen - Glarean Magazin
Visualisierung der neuronalen Regionen mittels Magnetresonanztomografie

Die Ausgangslage präsentierte sich gemäss Putkinen folgendermaßen: „Musik kann ein starkes subjektives Erleben von Emotionen hervorrufen, aber es ist umstritten, ob diese Reaktionen die gleichen neuronalen Schaltkreise aktivieren wie Emotionen, die durch biologisch bedeutsame Ereignisse hervorgerufen werden.
Wir untersuchten die funktionelle neuronale Basis von musikinduzierten Emotionen. Hierzu bekamen die Probanden emotional ansprechende – sprich: fröhliche, traurige, ängstliche und zärtliche – Instrumentalstücke zu hören, während ihre hämodynamische Hirnaktivität gemessen wurde“.

Musik-Karte des Gehirns

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Die Forscher nutzten einen maschinellen Lernalgorithmus, um zu kartieren, welche Gehirnregionen aktiviert werden, wenn die verschiedenen musikinduzierten Emotionen voneinander getrennt werden. Forschungsleiter Vesa Putkinen: „Anhand der Aktivierung des auditorischen und motorischen Kortex konnten wir genau vorhersagen, ob die Versuchsperson glückliche oder traurige Musik hörte. Der auditorische Kortex verarbeitet die akustischen Elemente der Musik, wie Rhythmus und Melodie. Die Aktivierung des motorischen Kortex wiederum könnte damit zusammenhängen, dass Musik bei den Zuhörern Gefühle der Bewegung auslöst, selbst wenn sie Musik hören, während sie in einem fMRT-Gerät stillhalten“.

Emotionen-Vergleich bei Musik und Film

Kernspintomograph MRT - Glarean Magazin
Kernspintomograph

Weiter fanden die Forscher um Putkinen heraus, welche Hirnregionen aktiviert werden, wenn die Versuchsteilnehmer stark emotionale Videos ansehen, um zu testen, ob die gleichen Regionen auch beim Hören von emotionaler Musik stimuliert werden.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die von Filmen und Musik hervorgerufenen Emotionen zum Teil auf dem Betrieb unterschiedlicher Mechanismen im Gehirn beruhen:

„Filme aktivieren zum Beispiel die tieferen Teile des Gehirns, die Emotionen in realen Situationen regulieren. Das Hören von Musik aktivierte diese Regionen nicht stark, und ihre Aktivierung trennte auch nicht die musikinduzierten Emotionen voneinander. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Filme die realen Ereignisse, die Emotionen hervorrufen, realistischer nachbilden können und somit die angeborenen Emotionsmechanismen aktivieren.

Musik kann zu Tränen rühren - Glarean Magazin
Musik kann zu Tränen rühren

Was die musikinduzierten Emotionen betrifft, so basieren sie auf den akustischen Eigenschaften der Musik und sind durch kulturelle Einflüsse und die persönliche Geschichte gefärbt.“

Vesa Putkinen und sein Team fassen ihre Studie zusammen: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass verschiedene musikinduzierte Basisemotionen unterschiedliche Repräsentationen in Regionen haben, die die auditive Verarbeitung, die motorische Kontrolle und die Interozeption unterstützen, aber nicht stark auf limbische und mediale präfrontale Regionen angewiesen sind, die für Emotionen mit Überlebenswert entscheidend sind.“ ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musikforschung auch: Musizieren fördert das mathematische Denken (Pädagogische Studie)

… sowie zum Thema Musikpsychologie: Das Mikrotiming im Rhythmus – Was bringt den Jazz wirklich zum Swingen?

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