Wer bin ich? (Women Power 10)

Kampfansage gegen süssliche Salonmusik

von Walter Eigenmann

Women Power - Wer bin ich - Komponistin - Personen-Raetsel - Glarean Magazin
Wer bin ich?

Dass ich eine der bedeutendsten Komponistinnen in der Mitte des romantischen 19. Jahrhunderts werden würde, wurde mir alles andere als schon in der Wiege gesungen. Meine Eltern lebten quasi «illegal» getrennt, ich ward also in einer moralisch «zweifelhaften» Umgebung großgezogen, und obendrein war ich noch als Teenager entsetzlich schüchtern.
Doch immerhin entdeckte man meine Hochbegabung, wonach ich erst den bekannten Mozart-Schüler Reicha, dann den einflussreichen Pianisten Hummel als erste Lehrer erhielt.
1821 heiratete ich, widmete mich u.a. auch intensiven kontrapunktischen Barock-Techniken und gab zusammen mit meinem Mann ein monumentales 20-bändiges Sammelwerk alter und neuer Klaviermusik heraus, das in seiner wissenschaftlich-philologischen Orientierung eine eigentliche Kampfansage gegen die damals grassierende süßlich-sentimentale Salonmusik des mondän-versnobten Pariser Publikums darstellte.

Musikalische Emanzipation vom Zeitgeist

Zwar komponierte ich selber in meinen Anfängen so einiges an üblichem Repertoire meiner Zeit, aber im Gegensatz zu vielen damaligen Salonlöwen wie Herz oder Hünten vermied ich eitles Klavier-Passagenwerk ebenso wie tränenseliges Sentiment und parfümierte Phrasen. Noble Zurückhaltung, kontrolliertes Engagement, durchdachte Satztechniken, weit umspannendes Kalkül sowohl in der Kammer- wie in der großräumigen sinfonischen Musik,  – das wurden im Laufe der Jahre meine eigentlichen Markenzeichen. So sehr, dass sich bald auch die Genies jener Tage allmählich über mein Schaffen höchst lobend äußerten – zum Beispiel ein Schumann, der über meine Klaviervariationen op. 17 schrieb: «… so sicher im Umriss, so verständig in der Ausführung, so fertig mit einem Worte… und dies alles leicht und gesangreich!»

Women Power - Wer bin ich - Komponistin - Personen-Raetsel - Notenbeispiel - Glarean Magazin

Solches und weiteres Lob aus berufenem Munde führte schließlich dazu, dass auch kleinere, aber einflussreiche männliche Geister des damaligen Kultur- und Konzertbetriebes das Problem «Frau und Komposition» nicht mehr länger chauvinistisch bewirtschaften konnten, sondern meine Karriere sogar mit einer Professur am heilig-berühmten Pariser Conservatoire beförderten.

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Es ist bedauerlich, dass mein umfangreiches kompositorisches Schaffen inzwischen zwar im französisch sprechenden, auch im osteuropäischen Kulturraum Anerkennung und Konzertaufführungen erlebt, ja teils gar auf Schallplatten eingespielt wurde – aber leider im deutschsprachigen Teil des kulturellen Europa immer noch in quasi feministischer Isolation verharren muss…

Also: Wer bin ich?

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Das Zitat der Woche

Die Musik in der digitalisierten Politik

von Marco Meier

Ist die Musik in einem anthropologischen Sinn die universalste aller möglichen Sprachen – wie es Arthur Schopenhauer einst trefflich formulierte? «Die Musik ist die wahre allgemeine Sprache, die man überall versteht: daher wird sie in allen Ländern und durch alle Jahrhunderte mit grossem Ernst und Eifer unaufhörlich geredet, und macht eine bedeutsame, vielsagende Melodie gar bald ihren Weg um das ganze Erdenrund; während eine sinnarme und nichtssagende gleich verhallt und erstirbt; welches beweist, dass der Inhalt der Melodie ein sehr wohl verständlicher ist».
Warum der Musik diese kommunikativ universale Bedeutung zukommen kann, hat die amerikanische Rechtsphilosophin Martha C. Nussbaum in ihrem neuesten Buch «Politische Emotionen» herrlich am Beispiel von Mozarts Oper «Die Hochzeit des Figaro» dargelegt. Nussbaum hält die Oper von Mozart und Da Ponte für ein Schlüsselwerk des Liberalismus, «denn hier wird die Ersetzung der Feudalordnung durch eine neue Ordnung der Brüderlichkeit und Gleichheit beschworen». Sie beschreibt «Die Hochzeit des Figaro» nicht nur als ein radikales und politisches Theaterstück, sondern sieht in Mozarts Musik all die menschlichen Gefühle angelegt, «die für die Begründung einer öffentlichen Kultur der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vonnöten sind».

Marco Meier
Marco Meier

Kein Wunder, dass es auch heute noch Musiker sind, die sich medienwirksam gegen den ausbeuterischen Feldzug einer weltumspannenden digitalen Kulturindustrie wehren.Die Musik war schliesslich seit den 1950er- und 1960er-Jahren im Sog von Sex, Drugs and Rock’n’Roll das Leitmedium einer emanzipativen Jugendbewegung, die sich, wider die noch vorherrschenden bürgerlichen Vorstellungen, den Horizont eigener Normen einer kulturellen Selbstverwirklichung erkämpfte. Und schon die Beatniks hatten mit dem Jazz auch «ihre» Musik.
Was sich im analogen 20. Jahrhundert noch an verschiedenen kulturellen Paradigmenwechseln musikalisch nachzeichnen lässt, scheint allerdings im digitalen 21. Jahrhundert nur noch bedingt zu greifen. Kulturwissenschaftler stellten im Umfeld der globalisierungskritischen Bewegungen von Attac und Occupy erstaunt fest, dass hier, erstmals seit Jahrzehnten, politische Bewegungen zwar weltumspannend angelegt waren, aber kein spezielles musikalisches Genre hervorbrachten, keinen besonderen Stil, der ihren Anliegen weltweit hätte zum Durchbruch verhelfen können. Es gab und gibt keine eigene Musik von Attac und Occupy. Warum wohl? Man kann darüber nur spekulieren. Ich kenne keinen kulturwissenschaftlichen Ansatz, der dazu bis heute Genaueres erforscht hätte. Meine krasseste Vermutung sieht die Ursache in der digitalen Abspaltung der politischen Emotionen über die Verbreitung im Netz, ohne die keine noch so geniale Idee den weltweiten Durchbruch schafft. Das wäre fatal, aber auch sehr lehrreich… ■

Aus: Marco Meier, Jede Lebenswelt legt auch eine musikalische Spur, Essay, Musik-Hochschule Luzern 2015

Das neue Musik-Kreuzworträtsel im Mai 2017

Der Buchstaben-Musik-Rätselspaß !

Copyright© 2017/4 by Walter Eigenmann

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Die neue CD: Severin von Eckardstein plays Robert Schumann

Ein Plädoyer für die Romantik

von Christian Busch

Wenn es dunkelt, die Sonne im Waldesschatten versinkt und der Himmel in sternklarer Nacht im Blütenstaub still die Erde küsst, spannt in dämmrigen Felsenklüften die Seele weit ihre Flügel, als flöge sie nach Haus, und lüftet ihr innerstes Geheimnis: die Liebe. „Durch alle Töne tönet / im bunten Erdentraum / Ein leiser Ton / Für den der heimlich lauscht“ (Friedrich Schlegel)

Wie in Joseph von Eichendorffs Landschaften formte die Romantik wie keine andere Epoche die Sprache und Welt der Seele, welche sich in Abgeschiedenheit und privater Intimität ungeachtet gesellschaftlicher Wirklichkeit und politischer Zensur zu Wort bzw. zum Tone meldet. Schon der große Idealist Beethoven hatte sich in seinem 1816 komponierten Liedzyklus «An die ferne Geliebte» zur romantischen Tonsprache der Innerlichkeit bekannt, welche seinen romantischen Nachfolgern den Weg ebnete. Robert Schumann, der als schweigsam, introvertiert, hochgebildet und als Inbegriff der deutschen Hochromantik gilt, fand sein Element zwischen mildem Eusebius und wildem Florestan im Phantastischen, in der musikalischen «Fantasie» des Klaviers, dem Instrument der Seele.

Severin von Eckardstein (*1978)

Der 1978 in Düsseldorf geborene Pianist Severin von Eckardstein hat sich nun in seiner neuen CD neben den drei Fantasiestücken op. 111 und den Fantasiestücken op. 12 auch Robert Schumanns einzigartiger Fantasie in C-Dur op. 17 angenommen. Bei der 1838 vollendeten Fantasie, die zugleich Ausdruck von Schumanns leidenschaftlicher, aber problematischer Beziehung zu Clara Wieck  («das Passionierteste, was ich je geschrieben habe») als auch eine Hommage an Beethoven (man höre nur die Triolen aus der Mondscheinsonate im dritten Satz) war, kommt es zweifellos immer wieder neu darauf an, die Balance zwischen sanguinischem Florestan und dem jede extrovertierte Effekthascherei fremd anmutenden Eusebius in Schumanns Temperament zu finden. Jegliches Zuviel an jugendlicher Überschwänglichkeit oder distanziert abgeklärtem, vermeintlich reifen Musizieren sind hier eher abträglich.

Brodelndes Temperament neben
harmonischer Liebes-Sehnsucht

Eckardstein gelingt der perfekte Spagat zwischen Sentimentalität und teilnahmsloser Distanz mit einer am Ende edlen Note. Ein Plädoyer unserer Zeit für die Romantik – phantastisch.

Umso verblüffender das Ergebnis, das Schumanns «Ach, zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust» mit großer Natürlichkeit und Klarheit vereint. Die großen Sprünge und Gegensätze in der Komposition, hier brodelndes Temperament, ausbrechender Stolz und rauschhafte Getriebenheit einerseits, träumerischer Schwebezustand, friedvoll-harmonische Sehnsucht nach Liebe andererseits sind auf wundersame und doch scheinbar selbstverständliche Weise – und doch ohne Glättungen – verbunden; phantastisch!  Und wenn man die CD in seine Sammlung einreiht, hat man das Gefühl, dass auf den älteren, durchaus leidenschaftlicheren Aufnahmen (Arrau, Kissin, Le Sage) ein wenig Staub liegt.
Die ebenfalls äußerst gelungenen Darbietung der Fantasiestücke op. 111 und op. 12, welche in ihrer zwar virtuosen, aber immer romantisches Ethos verkörpernden Episoden faszinieren, runden die CD, die außerdem mit einem fachkundig-emphatischen Kommentar des Künstlers im Booklet versehen ist, ab.
Ein Plädoyer unserer Zeit für die Romantik. ■

Severin von Eckardstein (Klavier): Severin von Eckardstein plays Robert Schumann, Cavi-Music (Harmonia Mundi)

Hanna Bachmann: Klavier-Sonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann, Schumann

Ein pianistisch-musikalisches Versprechen

von Walter Eigenmann

Wenn eine erst 24-Jährige das Klavier so spielt wie Hanna Bachmann, so nennt man das fürwahr – auch in unseren Zeiten der Inflation von «Wunderkindern» – eine Entdeckung. Die junge Österreicherin widmete sich während ihres Studiums vornehmlich Beethoven, mit dem sie am Bonner Beethovenfest 2015 debütierte – und nun präsentiert sie mit ihrer ersten CD-Einspielung Janaceks Sonate 1.X.1905, Schumanns zweite Sonate op. 22 und Beethovens «Adieux»-Sonate. In diesen «Klassiker»-Reigen stellt sie außerdem – eine Überraschung – die interessante siebte und letzte Sonate des 1898 geborenen und 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordeten österreichisch-ungarischen Komponisten und Pianisten Viktor Ullmann.

Von Beethoven über die Romantik
zur Schönberg-Schule

Beginn des Trio’s aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann

Von Beethoven über die Romantik zum Schönberg-Schüler Ullmann also – ist dies das große Spannungsfeld der Pianistin Bachmann, die offensichtlich trotz (oder wegen?) ihrer Jugendlichkeit keine stilistischen Berührungsängste kennt? Und auch keine klaviertechnischen Hürden, sei angemerkt: insbesondere Bachmanns Schumann, auch ihr letzter Ullmann-Satz zeugen von bereits enormer Brillanz, die sich paart mit sensitivem Anschlag und zugleich Klangsinn. Wenn man dieses CD-Debüt von Hanna Bachmann als pianistisches Versprechen nehmen soll, dann wird von dieser jungen Künstlerin noch sehr viel zu hören und zu reden sein.

Die junge, aber pianistisch wie musikalisch sehr gereifte österreichische Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite. Das deutsche Label TYXart führt Bachmann als feinfühlige Künstlerin mit Sonaten von Beethoven, Janacek, Schumann und Ullmann ein und weckt damit Hoffnungen auf weitere Novitäten dieser Pianistin.

Eine Anerkennung sei an dieser Stelle noch ausdrücklich vermerkt zu dem im regensburgischen Nittendorf domizilierten, erst seit fünf Jahren aktiven Label TYXart, in dessen neuer Serie «Rising Stars» junge Musiker/innen wie eben Hanna Bachmann ein qualitätsvolles Haus für ihre Erstaufnahmen finden. Denn in dem Novitäten-gefluteten Klassik-, überhaupt dem CD-Markt immer neu auf vielversprechende Talente hinzuweisen, das birgt künstlerische und finanzielle Risiken. Diese unbeirrt und über Jahre hinweg auf editorisch hohem Niveau in Kauf zu nehmen verdient Respekt – und alle Neugier des Musikliebhabers! ■

Hanna Bachmann: Klaviersonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann und Schumann, TYXart 2016, 73 Min. / ASIN B01NAK28ZN

Das Zitat der Woche

Über Musik und Sprache

Oliver Sacks

Angesichts der offenkundigen Ähnlichkeiten zwischen Musik und Sprache ist es keine Überraschung, dass seit mehr als zweihundert Jahren debattiert wird, ob sie zusammen oder unabhängig voneinander entstanden sind – und falls Letzteres zutrifft, welche zuerst da war. Darwin vermutete, dass «musikalische Töne und Rhythmen von unseren halb menschlichen Vorfahren wäh-rend der Balzzeit verwendet wurden, wenn Tiere aller Art nicht nur von der Liebe erregt werden, sondern auch von starken Leidenschaften wie Eifersucht, Rivalität und Triumph», und dass die Sprache als Nebeneffekt dieser Urmusik entstand.

Neurologe Oliver Sacks (1933-2015)

Sein Zeitgenosse Herbert Spencer vertrat die gegenteilige Auffassung und ging davon aus, dass die Musik aus den Kadenzen des emotionalen Sprechens hervorgegangen sei. Rousseau, nicht weniger Komponist als Schriftsteller, glaubte, beide hätten sich gemeinsam entwickelt – als Sprechgesang – und sich erst später geteilt. William James nahm an, Musik sei «zufällig entstanden … allein aufgrund der Tatsache, dass ein Hörorgan vorhanden war».
In der Gegenwart hat sich Steven Pinker noch entschiedener ausgedrückt: «Was für einen Nutzen könnte es haben», fragt er, «Zeit und Energie mit der Herstellung klimpernder Geräusche zu verschwenden? […] Was die biologischen Wirkungszusammenhänge angeht, so ist Musik bedeutungslos […] sie könnte der Menschheit verloren gehen, und der Rest ihrer Lebensweise bliebe praktisch unverändert.» Trotzdem sprechen viele Anhaltspunkte dafür, dass die Menschen genauso, wie sie einen Sprachinstinkt besitzen, auch einen Musikinstinkt haben, wie immer er sich entwickelt haben mag.

Aus Oliver Sacks: Der einarmige Pianist – Über Musik und das Gehirn, Rowohlt Verlag 2008

Schweizer Chor-Kompositionswettbewerb 2018

Neue sakrale Werke für 4-stimmigen Laienchor gesucht

alberik-zwyssig-glarean-magazin
Alberich Zwyssig (1808-1854)

Die schweizerische Stiftung Zwyssighaus in Bauen richtet zum dritten Mal ihren nationalen Alberik-Zwyssig-Wettbewerb für neue Laienchor-Kompositionen aus. Das eingereichte, noch unveröffentlichte Werk soll einen geistlichen Text in einer der vier Schweizer Landessprachen als Grundlage haben, die Aufführungsdauer soll zwischen acht und zwölf Minuten betragen. Der Preis ist mit insgesamt 15’000 Franken dotiert. Einsende-Schluss ist am 30. April 2017, hier die weiteren Einzelheiten der Ausschreibung

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