Kopf des Monats: Franz Kafka (Scherenschnitt)

Zum Geburtstag von Franz Kafka

Franz Kafka - Scherenschnitt von Simone Frieling (Juli 2017 - Glarean Magazin)
Franz Kafka – Scherenschnitt von Simone Frieling (Juli 2017 – Glarean Magazin)

3. Juli 1883: Franz lernt krabbeln

Die Mainzer Schriftstellerin und Künstlerin Simone Frieling stellt im Glarean Magazin jeweils einen «Kopf des Monats» in Form von Scherenschnitten vor.
Diesmal: Franz Kafka, den berühmten Autor von „Der Prozess“, „Das Schloss“, „Der Verschollene“, „Die Verwandlung“ u.v.a.

© Copyright 07/2017 by Simone Frieling

Wendel Schäfer: Das verhinderte Spektakel (Groteske)

Das verhinderte Spektakel

Wendel Schäfer

Jens Uwe, der Juwe, war ein echter Norder. Hoch gewachsen, die Füße in Schuhen wie Flusskähne und an den langen Armen Hände wie Flossen. Maria war aus dem Süden. Bis auf ihre Rundbacken mit Grübchen ohne besonderen Kennzeichen. Mitten im Land trafen beide aufeinander. Zu Kursen in einer Massageschule. Das Treffen gestaltete sich so lebhaft, dass sie sich fürs ganze Leben versprechen wollten. Unter der Bedingung, dass Jens Uwe mit ihr in den Süden zog. „Hier oben ist alles so platt und langweilig und immer zu viel Wind um den Kopf“.
Also zog Juwe mit seiner Maria in den Süden. Und fühlte sich gleich unwohl. Allein schon wie sie hier unten ihm hinten das Juweee lang zogen, dass es ihm im Kopf und Bauch weh tat. Mit Massage konnten beide hier im Städtchen nichts beginnen. Maria ging in eine Großwäscherei. Jens Uwe zur Post.
Größe und Riesenhände wusste der Postler geschickt einzusetzen. Im Handball. Handball spielte er schon in seiner Jugend oben im Dorfverein. Hier unten konnte er seine Wurftechnik so verfeinern, dass er für den Verein rasch unentbehrlich wurde. Gefürchtet waren seine Aufsetzer. Sie sprangen dem Torwart um den Leib herum, weil die Bälle mal nach links und rechts gedreht aufsetzten. Damit stieg der Verein zweimal hintereinander auf und der Juwe zum Trainer erst der Jugend-, dann einer Damenmannschaft. Und sollte bald die Erste trainieren. Als der tüchtige Trainer fast alle Damen durch hatte, jagten sie ihn fort. Seine Maria war ihm schon etwas früher davon gelaufen. Und als Beamter ging so etwas schon gar nicht.
So hatte er sich nun allein durchzuschlagen und bezog eine bescheidene Behausung am Berghang. Und als er nach mühseligen Postler-Jahren vorzeitig in Pension musste, die Gelenke wollten nicht mehr richtig, wurde es für den Juwe noch enger, und er nahm sich immer mehr zurück. Selten sah man ihn im Ort Besorgungen machen. Die meiste Zeit strich er durch Wiesen und Wälder und kam nie ohne ein Bündel Brennholz zurück. Die Winter gerieten meist hart hier unten. Von Maria sah und hörte er nichts mehr. Vielleicht war sie ja auch schon gestorben.
In diesem Jahr war es wieder so weit. Das große Hexenfest. Alle fünf Jahre geriet das Städtchen in fiebrige Aufregung. In der Not des Dreißigjährigen Krieges kam es auf das Spektakel und hielt es bis heute bei. Jens Uwe hasste es, wenn ein ausgesuchtes Opfer den makabren Spuk über sich ergehen lassen musste: Mit Bier, Tamtam und Gejohle holten sie eine Alte ab, setzten sie auf dem Leiterwagen auf ein Jauchefass, stülpten ihr Sackleine über, verrieben Asche in ihr Gesicht, zerzausten das Haar und verbrachten die unsägliche Fracht mitten auf den Marktplatz. Dort war ein Holzstoß aufgebaut, und davor wurde der Hexenwagen abgestellt. Bei hereinbrechender Dunkelheit steckten sie den Scheiterhaufen in Brand, dass es der Alten rot im Gesicht leuchtete und die Haare aufwehten. Dabei tanzten die meist jungen Männer um Wagen und Feuer bei Blasmusik, Wurst und Bier. Einem Fremden, einem zufälligen Gast gab einer auf sein Erstaunen die Antwort in bemühtem Hochdeutsch: „Die haben wir früher richtig verbrannt“ und ließ den Fremden, bestimmt einer von oben, mit offenem Mund stehen. Nach dem Verlöschen des Feuers brachte man die Arme zurück in ihre Behausung, und das Hexenfest wurde noch bis zum Morgengrauen tüchtig gefeiert bei Haxen, Schwof und Bier.
Jens Uwe bekam heraus, dass es diesmal eine Alte aus der Nachbargemeinde treffen sollte. Sie war im Heimatblättchen als Maria B. abgebildet. Ihm stockte der Atem. Das war Maria. Seine Maria. Und nicht nur wegen der Grübchen. Es bestand kein Zweifel. Und Jens Uwe, der Juwe, fasste einen Plan. Diesmal wollte man die Unglückliche mit der eingleisigen Bummelbahn aus dem Nachbarort abholen. Bei hereinbrechender Dunkelheit mit Musik, Fackelschein und Bier.
Unterhalb seiner Hütte musste der Zug um eine Felsnase herum durch eine Fichtenschonung. Hier wollte Jens Uwe seine Hexe aufs Geleis bringen. Der Lokführer konnte das Hindernis nur im allerletzten Augenblick erkennen und nicht rechtzeitig bremsen. Jens Uwe stülpte zwei Heuballen übereinander, setzte eine runde Pappschachtel oben auf, schlug Stoff wie ein Kopftuch darüber, zwei rote Äpfel als Augen, eine lange Möhre die Nase. Dazu steckte er einen Reisigbesen an die Seite und verbarg sich dann im Gebüsch.
Bevor der Festzug um die Ecke keuchte, sprang Juwe auf die Schienen und steckte das Heu in Brand. Sofort stand alles lichterloh in Flammen. Mit schrillen Pfiffen und kreischenden Bremsen krachte der Zug in den Feuerball. Das Hexengebilde zerplatzte, und Funken und Feuerstöße stoben in die Dunkelheit. Polizei, Rettern und Wehrleuten konnte der Lokführer nur ein „Hex, Hex“ entgegenstammeln. Andere weiter vorn im Zug wollten Feuergeister gesehen haben. Wieder andere machten Gespenster aus. Auch leibhaftige Teufel. Und einer hat sogar eine Hexe auf einem Besen reitend durch die Luft fliegen gesehen.
Mit diesem feurigen Spuk war das Fest beendet. Und das Spektakel für alle Zeit verboten.
Für den Postler Jens Uwe war es ein Leichtes, die Adresse von Maria B. auszumachen, um ihr einen knappen Brief zu schreiben. Unterzeichnet mit J. U.
Maria las, verstand, lächelte und gab das Papier ins Feuer. ♦


Wendel SWendel Schäferchäfer

Geb. 1940 in Bundenbach/D, Studium der Grund-, Haupt- und Sonderschul-Pädagogik in Koblenz und Mainz, langjährige Unterrichtstätigkeit in der Lehrerbildung, zahlreiche Buch- und Zeitschriften-Publikationen, umfangreiche Verbands- und herausgeberische Aktivitäten, lebt als Schriftsteller in Boppard/D

Lesen Sie auch von Wendel Schäfer: „Über den Kopf“

Kopf des Monats: Gabriel G. Marquez (Scherenschnitt)

Gabriel Garcia Marquez lässt Bücher regnen

Gabriel Garcia Marquez lässt Bücher regnen - Scherenschnitt Juni 2017 - Simone Frieling
Gabriel Garcia Marquez lässt Bücher regnen – Scherenschnitt Juni 2017 – Simone Frieling

Vor 50 Jahren erschien der Weltroman „Hundert Jahre Einsamkeit“

Die Mainzer Schriftstellerin und Künstlerin Simone Frieling stellt im Glarean Magazin jeweils einen «Kopf des Monats» in Form von Scherenschnitten vor.
Diesmal: den kolumbianischen Journalisten und Literatur-Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez und seinen „Magischen Realismus“.

© Copyright 07/2017 by Simone Frieling

Michaela Seul: Eine Liebe im Herbst (Kurzprosa)

Eine Liebe im Herbst

Michaela Seul

Frauke schaute ihn an. So wie sie ihn immer anschaute, wenn sie an seiner Schulter lag, danach. Er zündete zwei Zigaretten an, wie er es immer tat, danach.
Als sie ihm das erste Mal beim Duschen zugesehen hatte, waren ihr die Beine weggesackt. Auch beim zweiten Mal. Beim dritten Mal hatte sie abgewaschen. Es war nichts Neues mehr für dich, hatte er festgestellt, und Frauke konnte nicht widersprechen. Angst, er könnte weitere Beispiele aufzählen, alles Sackgassen, Beweise für ihre verweste Liebe, und dort enden, wo sich sein Empfinden für sie verändert hätte.
Beim Zähneputzen – sie schmusten nicht mehr dabei – hatte sie seinen Hintern angestarrt und sich überlegt, wie das sein würde, wenn sie ihn nicht mehr liebte, nicht mehr ertragen könnte, seinen Geruch, alles. Ob sie es schaffen würde zu gehen, oder bliebe, bis sie ihre Selbstachtung verlöre.
Einen Augenblick hasste Frauke ihn für die Geste, mit der er ihr eine Zigarette reichte. All seine Bewegungen kannte sie auswendig, sein Gesicht, wie er sich manchmal räusperte, bevor er etwas sagte, sogar was er sagte, wann er wie lachte. In den letzten Wochen hatten sie zu oft über früher gesprochen, ihr Kennenlernen erinnert, und auch das war reizlos geworden.
Du, sagte er. Ja, sagte Frauke, so wie sie es immer sagte, wenn er du sagte.
Dein Körper wird mir langweilig, sagte er.

Frauke konnte sich nicht bewegen. Aufspringen, weglaufen, schreien, ruhig liegenbleiben. Ein kleines Staunen war in ihr, weil ihr langweiliger Körper noch atmete.
Deiner auch, könnte sie sagen. Was änderte das. Deiner auch, sagte Frauke.
Tja, sagte er.
Und jetzt, fragte sie.
Weißt du noch, fragte er, damals, als wir zitterten, wenn wir nur aneinander dachten.
So nicht, sagte Frauke.
Du, lächelte er, so wie er es immer lächelte.
Ja, lächelte Frauke zurück und spürte einen Hauch von schwindlig in ihrem Bauch.
Frauke, sagte er, mir wird schwindlig. ♦


Michaela Seul - Glarean Magazin ("Eine Liebe im Herbst")Michaela Seul

Geb. 1962 in München; zahlreiche Veröffentlichungen in Büchern, Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Literatur-Auszeichnungen, seit längerem tätig auch als Bestseller-Ghostwriterin, lebt am Ammersee in Bayern/D

Polly-Wettbewerb für Politische Lyrik

Gedichte gesucht zum Thema Europa

Literatur-Polly-Preis für Politische Lyrik 2017
Der „Polly“-Preis für Politische Lyrik 2017

Der deutsche Lyriker und „überzeugte Europäer“ Jorn Sack ist Stifter des zweijährlich ausgeschriebenen „Polly“-Wettbewerbes für Politische Lyrik. Der Wettbewerb 2017/18 gilt der Thematik „Europa“; das Motiv seiner Preisstiftung umschreibt Initiant Sack so (Zitat): „Offenbar wird der Zusammenschluss Europas, technokratisch europäische Integration genannt, als eine so blutleere Angelegenheit gesehen und erfahren, dass sie empfindsame Menschen entweder abstößt oder teilnahmslos lässt – obwohl es das weltweit gelungenste Friedens- und Wohlstandsprojekt aller Zeiten ist. […] So will ich also das bisher scheinbar Unmögliche begehren und Gedichte einfordern, die Europa zum Thema haben.“

Eingesandt werden können maximal drei Werke der Poesie in deutscher Sprache zum Thema Europa. Die Dotierung beträgt wie in den Vorjahren 1000, 500 und 250 Euro. Einsende-Schluss ist am 1. September 2017; hier die weiteren Einzelheiten der Ausschreibung. ♦

Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo

Blandine von Bülow – die unbekannte Stieftochter

von Günter Nawe

Constanze Neumann - Der Himmel über Palermo - Roman - Goldmann VerlagBücher über die Wagners gibt es zuhauf. Sie füllen nahezu Bibliotheken. Wenig bekannt dagegen und von den Biografen und der Familie des Clans stiefmütterlich behandelt: Blandine von Bülow. Die Tochter von Hans von Bülow und Cosima Wagner, die Stieftochter Richard Wagners, tritt in der gesamten Wagner-Literatur kaum in Erscheinung.

Mit dem Roman-Debüt von Constanze Neumann soll sich das ändern. Die junge Blandine war mit der Familie, später allein, in den Jahren 1881/82 und 1897 in Sizilien, genauer in Palermo. Richard Wagner vollendete hier den„Parsifal“, seine letzte Oper; Cosima als mater familias kümmerte sich ziemlich autoritär um ihre Töchter und sorgte sich vor allem um den Sohn Siegfried.

Entlang der Fakten und anhand von authentischem Material

Am Rande des Wagner-Kosmos’ und unter dem „Himmel von Palermo“ beginnt Blandine ein aufregendes, ein neues Leben. Und damit sind wir im Roman der Constanze Neumann. Immer entlang der bekannten Fakten aus dem Leben und dem Umfeld der Wagners und anhand von authentischem Material sowie Notizen und Tagebüchern von Freunden und Bekannten erzählt die Autorin in eleganter und mitreißender Weise die Liebesgeschichte der Blandine von Bülow mit dem Grafen Biagio Gravina aus einem alten sizilianischen, aber total verarmten Adelsgeschlecht.

Biagio Graf Gravina und Blandine von Bülow (Palermo 1889 - Richard-Wagner-Stiftung)
Biagio Graf Gravina und Blandine von Bülow (Palermo 1889 – Richard-Wagner-Stiftung)

Die junge Frau erlebt die Zauber der Landschaft, von der sie selbst sagt, „Sizilien hat die Fröhlichkeit einer Welt ohne Winter“. Hier also genießt Blandine das gesellschaftliche Leben von Palermo, hier leidet sie aber auch unter der Grantigkeit und Egozentrik ihres Stiefvaters und der alles beherrschenden Mutter. Zu den Geschwister, ausgenommen ihrer Schwester Diana, hat sie ein etwas distanziertes Verhältnis. Dafür gibt es Nähe zu Caterina Scalia, einer jungen Sängerin, und zu Enrico Ragusa, dem Hotelier und einer etwas schillernden und geheimnisvolle Persönlichkeit, in dessen Haus, dem „Hotel Des Palmes“, die Wagners logierten.

Die Sekundär-Literatur über den Wagner-Clan um interessante Aspekte bereichert

Constanze Neumann
Constanze Neumann

Die Achtzehnjährige ist fasziniert von den kirchlichen Festen und den großen rauschenden gesellschaftlichen Ereignissen, bei denen sich die „Crème de la Crème“ des Adels trifft. Beeindruckend der unverstellte Blick der mädchenhaften Blandine auf dieses Treiben um sie herum – dabei irgendwie auch auf der Suche nach sich selbst. Und irgendwann verliebt sie sich in den Grafen – ebenso mädchenhaft wie leidenschaftlich. Constanze Neumann zeichnet eine Art Psychogramm der jungen Frau. Sie findet dabei die richtige Balance zwischen Fakten und Fiktion und schafft so einen literarisch anspruchsvollen und außerordentlich gut lesbaren Roman. Und es gelingt der Autorin, die (Sekundär-) Literatur über den Wagner-Clan um einige interessante Aspekte zu bereichern und gleichzeitig ein Epochenbild der sizilianischen Gesellschaft zu zeichnen.

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Das Debüt von Constanze Neumann: „Der Himmel über Palermo“ ist ein wunderbarer „Sommerroman“ mit einem bedeutenden historischen Hintergrund. Constanze Neumann hat die Handlung in die richtige Balance zwischen Daten und Fiktion gebracht, ein interessantes Psychogramm der jungen Blandine von Bülow gezeichnet und die (Sekundär-) Literatur über den Wagner-Clan um ein paar interessante Aspekte erweitert.

Nein, eine Idylle war das Leben unter dem „Himmel von Palermo“ am Ende nicht. „Ob Blandine glücklich ist?“, fragt zweifelnd ihre beste Freundin Tina. Der Leser kann die Frage nach der Lektüre selbst beantworten. Blandine dagegen gibt ihre „eigene“ Antwort. Sie heiratet Biagio Gravina (in Bayreuth), die Familie Wagner verlässt endgültig Palermo. Blandine bleibt mit ihrem Grafen, einem echten Loser, auf Sizilien zurück, bekommt vier Kinder. Nach dem Tode Biagio Gravinas verlässt sie Sizilien. „Der Süden, das Land des Lichts und der Sonne, hat ihr kein Glück gebracht.“ ♦

Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo – Blandine von Bülows große Liebe, Roman, 224 Seiten, Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-31440-9

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Literatur-Ausschreibung Wachtberger Kugel 2018

Lyrik-Wettbewerb für Komische Literatur

Wachtberger-Kugel-Literatur-Wettbewerb-Fuer-Komische-Lyrik-Ausschreibung-Glarean-Magazin
Das Signet der „Wachtberger Kugel“ (Preis für Komische Literatur)

Der deutsche Literatur-Verein DiWa – Dichtung in Wachtberg schreibt erneut einen Preis für Komische Literatur aus, die sog. Wachtberger Kugel. Erwartet werden heitere, witzige und komische Gedichte in deutscher Sprache. Die Texte sollen unveröffentlicht sein, der Gesamtumfang maximal 5’000 Zeichen betragen. Die Gewinner werden in einer Anthologie publiziert, der Preis ist mit insgesamt 1’200 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 31. August 2017, hier finden sich die weiteren Einzelheiten des Wettbewerbes.