Die Schweizer Literaturschrift TÄXTZIT („Textzeit“ – Band 12)

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Reichhaltige Literatur-Landschaft

von Walter Eigenmann

Neben den unzähligen Online-Literatur-Portalen jeglicher Genre- und Stil-Couleur wird oft vergessen, dass auch noch ein paar papierene Repräsentanten der Gattung „Literaturzeitschrift“ die helvetische Landschaft des künstlerischen Schreibens einfärben. TÄXTZIT („Textzeit“) ist eine dieser seltenen, beileibe nicht nostalgischen Literatur-Gazetten – ein ausschließlich von und für Schweizer Autoren geschaffenes „Präsentationsforum für Schreibende und Illustrierende“.

„TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift“ will gemäß Selbstdarstellung den „professionell Schreibenden und Illustrierenden ein kostenloses Präsentationsforum bieten, sie schweizweit bekannt und damit die Literatur- wie die Illustrationenlandschaft bereichern und vielfältiger machen“. Ein hehres und ehrenhaftes Ziel – weder originell noch neu zwar, aber wichtig und interessant, sofern die Qualität der Inhalte stimmt.

Wertschätzung der literarischen Arbeit

TäxtzIt (Textzeit) - Die Schweizer Literaturschrift - Cover Band 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZINMittlerweile sind der Initiant & Verleger Arno Seeli und seine Mitstreiter bei Band 12 (Juni 2021) angekommen, nachdem man vor rund neun Jahren (März 2012) die allererste Ausgabe vom Stapel gelassen hatte. Aktuell enthält das Heft 52 Seiten „erlesene Literatur und Illustrationen“, gedruckt wird eine Auflage von 1’000 Exemplaren.

Eine lobenswerte Besonderheit von TÄXTZIT ist, dass seit Heft 9 den Autor*innen ein Seitenhonorar von 45 Franken bezahlt wird. Das scheint nur auf den ersten Blick wenig; in Zeiten der grassierenden „Druckzuschuss-Verlage“, wo die Schreibenden für ihre Veröffentlichungen gar selbst zur Kasse gebeten werden, ist das vielmehr eine schöne Geste der Anerkennung und Wertschätzung ihrer literarischen Arbeit.

Ohne thematische Fokussierung

Arno Seeli und seine Crew arbeiten ohne thematische Schwerpunkte oder genrespezifische Vorgaben. Neben kurzprosaischen Texten findet sich ebenso das knappe Gedicht oder die literarische Buchbesprechung wie die autobiographische Notiz oder die augenzwinkernde Alpen-Satire.
Garniert und strukturiert werden diesmal alle Texte mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Zürcher Illustratorin Yasmin König. Auch sie ist zeichnerisch vielfältig zugange, aber meist gehört ihre Aufmerksamkeit dem idyllischen Stimmungsbild oder der Momentaufnahme aus Familie und Natur. Dabei stellen die ganzseitigen Illustrationen einen ungezwungenen Bezug zum vorausgegangenen Text her, in jedem Falle lockern sie die „Bleiwüste“ des Drucktextes mit schlicht-eindringlichem Zeichenstrich auf.

Ein Dutzend Schweizer Autor*innen

Melanie Gerber - Glarean Magazin
Melanie Gerber (photoandmore)

Zufall oder auch nicht: Genau zwölf helvetische Schriftsteller*innen präsentiert diese zwölfte TÄXTZYT-Nummer. Die Namen der Autor*innen sind dabei so illuster wie ihre Beiträge.
Melanie Gerber eröffnet mit „Zuhause“ den Texte-Reigen und erzählt von einer, die just zu Beginn der Corona-Pandemie und nach einer kürzlichen Trennung aus der gemeinsamen Wohnung wegzieht – und trotz ihrer vielen Umbrüche und Baustellen und der allgemeinen Endzeitstimmung die Kurve doch noch kriegt und sich auf dem Balkon ein neues inneres Zuhause erobert.
Ein zweiter Text „Was ich nicht weiß“ von Gerber ist dann sehr viel ernsterer Natur: Er thematisiert verschiedene Möglichkeiten der Begegnung mit dem Tod – auch jenem von Kindern. Angeregt wird die Schaffung von stationären Schweizer Kinderhospizen.

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Nicht fiktiv, sondern dokumentierend sind zwei Beiträge von Dominik Riedo unterwegs. Riedo reportiert zum einen gewisse Zustände bzw. Praktiken des Schweizer Gesundheits- bzw. Spitalwesens. In seinem zweiten Artikel würdigt er das literarische Schaffen von Carl A. Loosli, dem „Karl Kraus der Schweiz“, wie er diesen achtungsvoll tituliert. Und dabei einen „ganzen Kosmos ‚Loosli'“ konstatiert, den es – nun, da es im Rotpunkt-Verlag eine neue Werkausgabe in 7 Bänden gebe – noch intensiver zu erforschen gelte. Denn Loosli’s Zeit beginne jetzt erst wirklich, ist Riedo überzeugt, und seine Rezeption würde einer Schweiz guttun, „die auch heute viele der von Loosli angeprangerten Missstände weiterhin nicht behoben“ habe.

Idyllisches neben Satirischem

Lilly Bardill - Glarean Magazin - Autorin
Lilly Bardill (geb. 1935)

Die Churer Erzählerin Lilly Bardill, mit 86 Jahren die erfahrenste der hier vertretenen Autorinnen, schildert in „Jakobs Ausflug“ die Eskapaden eines leicht dementen Betagtenheim-Bewohners, der sich auf einer Reise zu seiner Tochter in schönen Augenblicken verliert und deshalb nie am Ziel ankommt.  Es geschieht, was geschehen muss: Jakob wird vermisst, die polizeiliche Suche beginnt… Der Plot der kurzen Story mag nicht neu sein, wird aber von der Autorin rührend-verschmitzt und empathisch präsentiert.
Deftiger geht’s zur Sache in Sandra Rutschis dreiseitiger Groteske „Als der Mönch nach Hawaii durchbrannte“. Das weltberühmte Berge-Trio Eiger, Mönch und Jungfrau erwacht plötzlich zum Leben, beginnt ein angeregtes Gezanke, weil die Jungfrau keine Jungfrau mehr sein möchte. Derweil sich der Mönch verärgert über den Jura hinweg davonmacht, fallen Eiger und Jungfrau stöhnend übereinander her. Während er seine Hand schon „zum Joch weiterwandern“ lässt, bekommt sie plötzlich Gewissensbisse… Was das mit Hawaii zu tun hat? Lesen Sie selbst.

Yasmin Koenig - Illustratorin - Täxtzit-Heft Nr. 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Die berühmten Schweizer Berggipfel Eiger, Mönch und Jungfrau als Fun-Park: Zeichnung der Illustratorin Yasmin König (TÄXTZIT Band 12 – Juni 2021)

Lyrisches und Prosaisches aus der Innerschweiz

Dolores Linggi (Schwyz) und Beat Wild (Zug) sind zwei angesehene Innerschweizer Literaten. Linggi, Preisträgerin der „Zentralschweizer Literaturförderung“,  steuerte dem neuen TÄXTZIT-Band fünf assoziationsschwere Gedichte bei, während Wild mit dem knapp vierseitigen Prosatext „Nicht fallen lassen“ vertreten ist. Darin möchte eine alte Frau ihrer Zufallsbekanntschaft Oskar, der eine Tumor-Operation hinter sich hat, die Rückkehr ins Leben erleichtern.
Eine dritte Innerschweizerin ist die 20-jährige Luzernerin Lia-Aurelia Kraft. Ihre kleine Love-Story „Frühling“ ist dicht formuliert und im besten Sinne rührend. Kraft steht trotz ihres jugendlichen Alters bereits eine facettenreiche Sprache zur Verfügung – eine schöne Entdeckung der TÄXTZIT-Macher.

Beziehungen in der Ostschweiz

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In einer Zeitschrift mit deutschsprachigen Beiträgen aus Helvetien darf der östliche Teil des Landes nicht fehlen; die Ostschweizer Literaturszene ist mit Beatrice Häfliger (Hoffeld) und Philip Messmer (Sulgen) repräsentiert. Häfligers Text singt ebenfalls das Hohelied der Liebe und deren Entstehung, eingebettet in innige Waldseligkeit. Er mag in diesem Heft am deutlichsten das literatur-psychologische Klischee der „Schweizer Nabelschau“ bedienen, ist aber gleichzeitig auch ein zärtliches und genau beobachtendes, dabei sprachlich eloquentes Stenogramm einer sehr ursprünglichen Mensch-Natur-Beziehung.
Messmer geht da in seinem „Therapie“-Text eine deutlich herbere Beziehung an; sie beginnt damit, dass Ehefrau Sabine ihren Paul mit der Bratpfanne niederstreckt… Zum Schluss wird doch noch alles gut: „Sabine und Paul schafften es nicht einmal bis ins Schlafzimmer und trieben es auf der Treppe“. Auf der Strecke hingegen bleibt der behandelnde Arzt der beiden…

Originelles Literatur-Konzept

Mit Daniela Huwyler ist eine zweite Lyrikerin vertreten. Sie präsentiert drei sprachgewandte und rhythmisch interessante Gedichte namens „Agenda“, „Rabenzirkel“, „Schneeschwer“. Des Wädenswilers Peter Burkhards Kurzprosa-Beitrag schließlich titelt „Tod in der Aare“. Darin erhält Laura nächtens im Bett gespenstischen Besuch von einer Unbekannten mit „triefend nassem, schulterlangen Haar“…

Ein auch nur kurzer Blick auf die Autoren und Inhalte dieser (Deutsch-)Schweizer „Literaturschrift“ zeigt sofort das sympathische Konzept und die durchdachte Rezeptur. Wie der Herausgeber und verantwortliche Redakteur Arno Seeli in seinem „Auftakt“ festlegt, müssen die Texte „die Schweiz thematisieren, noch unveröffentlicht sowie institutionen- und werbeneutral sein“. Außerdem dürfen die Beiträge maximal vier Seiten umfassen. Trotz dieser formalen Vorgaben ist dem umtriebigen Literatur-Animator ein interessanter inhaltlicher Mix gelungen.

Gestalterisch Luft nach oben

Schweizer Literaturzeitschriften - Orte - Delirium - Narr - Mütze - GLAREAN MAGAZIN
Die kleine Schweiz als großes Land der Literaturzeitschriften, beispielsweise MÜTZE, NARR, DELIRIUM, ORTE (um nur einige zu nennen)

Herumnörgeln an solchen idealistischen Periodika lässt sich ja immer. Zum Beispiel könnte dem einen oder anderen das „Schweizer“ im Untertitel etwas großspurig erscheinen – angesichts keines einzigen französisch- oder italienischsprachigen Beitrags. Auch hinsichtlich des etwas pausbäckigen Heft-Layouts und der ruralen Typographie bestünde noch Luft nach oben; guter Inhalt schließt eine attraktive Verpackung nicht aus. Und drittens würden je ein paar bio- und bibliographische Stichworte zu allen vertretenen Autor*innen das Heft noch informativer abrunden.

Biotopische Beschaulichkeit

Der konsequente Fokus der Texte(-Auswahl) auf Helvetien bzw. das sog. „Schweizerische“ führt zwar hier nirgends zu literarischen Grenzüberschreitungen. Wer sprachliche Innovation, thematische Internationalität, das formale Experiment oder gar geopolitische Schweiz-Motive sucht, wird von TÄXTZIT enttäuscht. Das vielzitierte „Lokalkolorit“, die „Sicht nach Innen“ und eine gewisse gewollte Naivität des Narrativen sind die bestimmenden Ingredienzen dieser „Schweizer Literatur“.
Aber solche biotopische Beschaulichkeit hat sowohl ihren Reiz als auch ihre Legitimität. Denn die Provinzialität kommt hier charmant mit Unterhaltungswert daher. Und nicht jeder literarische Text muss die Welt gleich aus den Angeln heben.

Verdienstvolles Literatur-Projekt

Kurzum: TÄXTZIT ist ein verdienstvolles Literatur-Projekt, das eine sowohl erhellende wie anregende Tour d’horizont bietet durch einen wichtigen Teil des zeitgenössischen Literaturschaffens der deutschsprachigen Schweiz. Alle Texte sind sorgfältig lektoriert bzw. redigiert und die Themen-Wahl abwechslungsreich komponiert.

Dieser Autoren-Gazette ist also in diesem Sinne durchaus eine noch wachsende Leserschaft zu wünschen – hier sind ein engagierter Herausgeber und ein offensichtlich motiviertes Mitarbeiterteam am Werk. Der Schnauf möge den Machern nicht so bald ausgehen – und auch das Selbstbewusstsein nicht, das es braucht, um als Print-Medium gegen ein Heer von kostenlosen Internet-Literaturangeboten bestehen zu können. ♦

Arno Seeli (Hrsg): TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift – Band 12, 52 Seiten A5-quer-Format mit Klammerheftung, Wortzimmerer Verlag, ISBN 978-3-9524327-8-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Literaturzeitschriften auch über SCRIPTUM – Das Schweizer Literaturmagazin

… sowie zum Thema Schweizer Literatur den Essay von Mario Andreotti: Tendenzen der Schweizer Literatur

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Originale Erstpublikationen von Schweizer Schriftsteller*innen

Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R. (Roman)

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Dechiffrierende Stenogramme

von Walter Eigenmann

Der Karlsruher Schriftsteller Rainer Wedler legt mit „Die Versuche des Rudolph Anton R.“ einen neuen Prosa-Band vor. Auf 176 Buchseiten breitet Wedler eine Fülle von grotesken bis absurden, oft aberwitzigen, doch auch zärtlichen, teils analytischen, dann wieder erotischen Stenogrammen aus. Entstanden ist eine kaleidoskopische Dechiffrierung des Innen- und Außenlebens eines jungen Schriftstellers – Autobiographisches nicht ganz ausgeschlossen…

„Erzählst du mir eine Geschichte?
Sie rollt sich neben mich und trommelt auf meinen Bauch, der ein kümmerlicher Schallkörper ist.
Aus meinem Leben oder fiktiv?
Kann man das trennen?
Nein.
Was aber soll ich erzählen, ohne zu langweilen?“ (S. 96)

Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R. (Roman), Pop-VerlagInhaltliche Stränge (oder Strenge), Figuren-Entwicklungen, Literarische Bekenntnisse, Politisches Kalkül, Sozial-Analyse, Exquisite Schauplätze, Knatternde Sprache, Vielfalt der Szenarien, oder auch nur unterhaltsames Erzählen, verbunden mit ordentlich Sex&Crime – solcherlei „gewöhnliche“ Prosa-Ingredienzien mag für „gewöhnliche Literatur“ ausreichen, um breit goutiert, also erfolgreich zu sein.
Bei dem 79-jährigen Autor Rainer Wedler findet sich, nach zahlreichen Roman-, Kurzprosa- und Lyrik-Büchern, inzwischen nichts mehr davon. „Die Versuche des Rudolph Anton R.“, der neueste Wedler, erscheint jenen, welche die Entwicklung dieses produktiven Dichters verfolgt haben, vielmehr als regelrechtes Alterswerk. Verknappt, verdichtet auf viele heterogene Psycho-Stenogramme, legiert in zahllose kleinere, teils nur ein paar Zeilen lange Abschnitte, und eingedampft mittels Kurz-Sätzen mit kaum Kommata und vielen Punkten – so schlingert sich das Leben des Protagonisten R. A. Ringelretz durch dessen Reflexionen, die nie erklären, sondern immer nur konstatieren. Und gerade dadurch erhellen.

Autopsie eines Schriftstellerlebens

Rainer Wedler - Schriftsteller - Glarean Magazin
Rainer Wedler (geb. 1942)

Wedlers Prosa – ich tue mich schwer, diese „Versuche“ Roman zu nennen – ist von einer derart gereiften, eloquenten, fokussierten Qualität, dass man schier schon gefesselt ist allein vom sprachlichen, weniger vom inhaltlichen Geschehen: „Stille. Heiliggeist schlägt zehn Mal, das dauert. Stille. Die dauert.“ In diesem Buch passiert ständig etwas – aber kaum je etwas Erwartetes. Und ob all das Unerwartete eine innere Kohärenz hat, könnte allein eine ausgedehnte Binnenanalyse aufzeigen.
„Die Versuche des Rudolph Anton R.“ ist ein einziges, man muss es so banal ausdrücken: Lesevergnügen. Keine Belehrung, keine Durchleuchtung, keine Analyse. Allenfalls die Autopsie eines Schriftstellerlebens, das sich abspielt in „Phantasmagorien, die über mich kommen und mich spalten“. Wie gesagt: Autobiographisches nicht ganz ausgeschlossen…

Das Wedlersche Schreiben, sein exaltiertes Assozieren und Illustrieren, sein sprunghaft-ungezähmtes Verbinden entlegendst-heterogener Denk- und Gefühlsinhalte wird nicht jede Leserschicht vorbehaltlos entzücken. Das Vergnügen an dieser Literatur ist direkt proportional der Fähigkeit, sich dem Sog einer geradezu sezierenden Sprache auszuliefern.

Eines der vielen Sprachspiele – alias erotisches Geplänkel – in diesem „Roman“ geht so:

„Ich weiß es und ich weiß, dass sie es weiß. Mit der Sprache kommen wir nicht weiter. Die Zeit zerdehnen kann sie zerreißen.
Das Spiel beginnt.
Sie zieht ihr T-Shirt über den Kopf, die Haare verwirren sich, ich reiße mein Hemd auf, dass die Knöpfe nur so springen, werfe es ihr über den Kopf, sie schüttelt es weg, ihre Bällchen hüpfen.
Nach einer halben Stunde steht es eins zu eins.“

Virtuos und phantasievoll

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Rainer Wedlers extrem wortschatzreiches, dabei mit durchaus Situationskomik durchzogenes, auch regelmäßig mit zynischem Schmunzeln hinter vorgehaltener Hand angereichertes Buch, wie es virtuos und phantasievoll, aber auch mit viel distanzierter Kälte die Irrungen und Wirrungen eines vom Leben (und den Frauen) überraschten Literaten zelebriert, wird so manchen Leser verständnislos zurücklassen. Es sei denn, er vermag auf einer Meta-Ebene mitzulesen. Dort wo die Sprache selber zum Ereignis wird.

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Man wird auf dem modernen Literaturmarkt nur wenige Bücher finden, die so künstlerisch und zugleich so verantwortungsvoll und so präzis mit dem Wort umgehen wie diese „Versuche des Rudolph Anton R.“. Hier fährt einer die Ernte eines jahrzehntelangen, geduldigen, sorgfältigen, auch exzessiven Umgangs mit dem Ausdrucksmittel Sprache ein. Nirgends schiefe Bilder, nie ein richtiges Wort am falschen Ort, keine lustig-flachen Sätze. Jeder Buchstabe sitzt und klingt. Noch nicht mal lautmalerische Holprigkeiten, geschweige denn semantisches Langweilen mittels Wiederholungen oder Betonungen oder Insistierungen. Wedler schreibt üppig – aber nichts ist überflüssig. Sorgfalt in jedem Satz, schätzungsweise nach einem sehr langen Entstehungsprozess.
Die kreative Sprunghaftigkeit dieses „Romans“ über den Schriftsteller Rudolph Anton Ringelretz hat tatsächlich etwas von Ringelnatz an und in sich. Doch die schwerelose Virtuosität und der Assoziationsreichtum dieser Sprache macht sie zu einem singulären Erlebnis über jeden absurden Witz hinaus.
Ja: Ein Lesevergnügen. Und: Am Ende des Buches ist man nicht schlauer. Aber klüger. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Moderne Romane auch über Klaus Modick: Fahrtwind

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Roman/Thriller)

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„… überall ein wenig fremd, nicht nur in Amerika“ (S. 291)

In Amerika ist „alles besser“?

von Isabelle Klein

Mit „Wo der Wolf lauert“ liefert die Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen ein Buch mit Mehrwert, voller Denkanstöße und psychologischer Raffinesse. Der Thriller kommt nur langsam in Fahrt, dafür aber umso nachdrücklicher. Zugleich wird das feine Psychogramm einer Mutter nachgezeichnet, die nicht loslassen kann und für alles Bewältigungsstrategien braucht. Ihre Probleme reichen weit zurück – auch im gelobten Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Und sie verschwinden trotz Privilegien wie viel Geld und viel Zeit nicht…

Eines ist sicher: In Gundar-Goshens neuem Roman wird uns, leise und sehr eindringlich, fast wie in Watte gepackt (passend zu dem sehr gelungenen, in „Art Deco“ gehaltenen Buch-Cover) die Problematik der Familie Schuster, bestehend aus Mutter Lilach, Vater Michael und dem pubertierenden Sohn Adam, verdeutlicht. Heimatlos und doch verbunden, geflohen vor omnipräsenter Gewalt in Israel – und nun in der gleichförmig-oberflächlichen Freundlichkeit (oder besser: Verlogenheit) des American Way of Life eingebunden.

Die alltäglich-belanglose Leere

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert, Roman, Kein & Aber VerlagUnd so sind aus den Emigrierten schnell die amerikanisierten Lila’s geworden: Michael und Adam (der sich weigert, in der Öffentlichkeit Hebräisch zu sprechen). In Palo Alto leben sie den Californian Dream des Silicon Valley, als das ruhige Idyll durch den Anschlag auf die dortige Synagoge, bei dem ein junges Mädchen stirbt, aus der Bahn geworfen wird.
In vielen alltäglichen, vermeintlich belanglosen Details offenbart sich die Leere und die Traurigkeit, ja die perfektionistische Getriebenheit, die Lila einfängt und nicht mehr loslässt. Auch die Ängste sind omnipräsent: Die Angst, allein zu sein; Angst, nicht alles richtig zu machen; Die Angst, Ziel eines erneuten Anschlags zu werden, Angst; und die Angst um das einzige (in Watte gepackte) Kind.

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Rettung naht in Form von Uri, einem Waffenbruder Michaels, der den Sohn Adam in der alten Kampfkunst Kravat, einer Art martialischem Survivaltraining, unterweisen soll. Und so nimmt ein Geschehen an Fahrt auf, das eine Kette von erschütternden Ereignissen auslöst. Beginnend mit dem Tod Jamals, eines Mitschülers Adams; Lilach ist gezwungen, ihre heile Watte-Welt zu überdenken und ihren Sohn wirklich kennenzulernen; weg vom gelangweilten, nach Perfektionismus strebenden Hausfrauendasein, mit gemeinnütziger Arbeit im Altenheim.
Damit wird Trainer Uri, Adams neues Idol, unverzichtbarer Bestandteil des Schusterschen Lebens, mit weitreichenden Folgen.

Psychologisch stimmig unterbaut

Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen - Glarean Magazin
„Wunderbar metaphernreiche Sprachwelt“: Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen

Während Mainstream-Thriller häufig an Action, rasanten Turns und Twists, Brutalität und einem Zuviel von allem (außer von Substanz) kranken, kreiert Gundar-Goshen ein psychologisch unterbautes, stimmiges und nicht überladenes Grundgerüst, das nicht nur atmosphärisch dicht ist und von Rückblenden lebt, die nach und nach Lilas Probleme offenbaren, sondern auch einen unauslotbaren Fortgang des Geschehens bereitstellt. Kein Wunder, dass dabei alle Figuren aus dem Vollen schöpfen: Autorin Ayelet Gundar-Goshen ist studierte Psychologin. Hinzu kommt ihr Studium von Film und Drehbuch, frühere Werke wurden auch bereits verfilmt. So liest sich auch dieser Roman wie ein Skript: Langsam, leise, eindrücklich sieht man die Orte vor dem inneren Auge entstehen, ahnt, wie stimmungsvoll der Film sein wird.

Wider den American Way of Life

The American Way of Life - Glarean Magazin
Der „American Way of Life“ in den 1940er Jahren

„Wo der Wolf lauert“, und das tut er an vielen Stellen, ist ein Werk voller Konflikte, die, tief verdeckt, nach und nach emporschweben: Konflikte der Gewalt, der Herkunft/Staatsangehörigkeit, der Religion. Und ebenso ist das Buch voll von Dichotomien wie beispielsweise Heimatland/Herkunftsland oder Opfer/Täter. Dabei verschwimmen Grenzen und werden Lebenswirklichkeiten eingefangen, ohne konstruiert zu wirken. Weit und doch eng – die Enge der prüden und oberflächlichen US-Gesellschaft bzw. des American Way of Life, in dem alles wunderbar und toll sei. Frei/gefangen: Frei durch die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, gefangen in der prüden Enge der Gesellschaft.

Alles ist möglich

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Und so zwiegespalten alle in diesem Buch sind, so herrlich offen arbeitet die Autorin mit Motiven, Schuldzuweisungen und Folgen. Klar ist, dass alles und zugleich nichts in Stein gemeißelt ist. Alles ist möglich, vieles wird offengelassen, ein einfaches Ja oder Nein wird sie uns auch am Ende nicht geben.
So verweilt man gerne mit dem Buch in der Hand. Taucht in den Kokon einer ruhigen, privilegierten Welt der gelangweilten und ängstlichen Lila ein – und in die schnörkellose, wunderbar metaphernreiche Sprachwelt der Autorin, die voller komplexer Sachverhalte und Figuren ist. Alles in allem ein literarisches Kleinod für jeden, der die Hast und Wucht des Mainstreams satt hat und sich einzulassen vermag auf jede Menge Abgründe und unauslotbare Realitäten. Last but not least ist der Roman auch eine nette kleine Demontage des American Way of Life… ♦

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Roman/Thriller) – 344 Seiten, Kein & Aber Verlag, ISBN 978-3-0369-5849-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Psychologie auch über Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

Peter Biro: Der Exodus der Schachfiguren (Humoreske)

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Der Exodus der Schachfiguren

Peter Biro

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei…

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei. Der besonders nachdenkliche King Black kam nach kurzer Introspektion zum Schluss, dass diese Maßnahme unumgänglich und somit eigentlich bereits eine beschlossene Sache sei. Die Entscheidung war ihm gar nicht leichtgefallen, aber der heimliche Abgang vom Schachbrett sei nun mal die einzige Möglichkeit, aus der quadratischen Enge des Spielfelds auszubrechen und die seit langem ersehnte Freiheit zu erlangen.

Lange Abende an verrauchten Spieltischen

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Peter Biro - Glarean Magazin
Gelingt den 32 Schachfiguren die Flucht runter vom Brett in die Freiheit?

Mit dramatischen Worten erläuterte er seinen in vier Reihen aufgestellten schwarzen und weißen Landsleuten die tragische Leidensgeschichte seines unterdrückten Volkes. Er sparte nicht mit bildreichen Schilderungen der elend langen Abende an verrauchten Spieltischen, an denen er und seine Kameraden sich von wahren oder vermeintlichen Geistesgrößen herumschieben lassen mussten und zu grausamen Gladiatorenkämpfen gezwungen wurden. Bei diesen Wettkämpfen wurden jedes Mal etliche seiner Untertanen vom Brett gefegt und bis auf weiteres in den Figurenkasten gesperrt. Je nach Vermögen der Spieler blieb bestenfalls nur der siegreiche König mit einigen wenigen Getreuen als Überlebende des jeweiligen Spiels übrig. Mit anderen Worten, viele seiner Landsleute wurden Opfer eines allabendlich stattfindenden Massakers.

Melania von Ohrensausen

Schach-Humoreske - Melania von Ohrensausen - Glarean Magazin
„Guter Kleidergeschmack war Melanias Sache nicht“

Dieses wehrlose Ausgeliefertsein musste um jeden Preis beendet werden, und gerade jetzt sei dafür die Zeit gekommen. Seine Partnerin, die schwarze Königin Melania Carlotta III (eine geborene Herzogin von Ohrensausen und Schlyck) war zunächst ebenso wenig begeistert vom plötzlichen Freiheitsdrang ihres Gatten wie ihre weiße Gegenspielerin, welche bekanntlich die heimliche Geliebte King Blacks war.
Obendrein wusste Melania von Ohrensausen nicht so recht, was im Falle einer Flucht anzuziehen wäre. Im Gegensatz zu ihrer weißen Gegenspielerin haderte sie ständig mit der Garderobe – denn guter Kleidergeschmack war nun mal ihre Sache nicht. Aber ein finales Machtwort des vierten Bohemunds tat seine Wirkung, und sie fügte sich nicht nur gehorsam in ihr Schicksal, sie begann sogar die Idee der Befreiung bei den anderen Figuren zu propagieren.

Gemeinsame Flucht…

Damit war bald die Mehrheit des Klans, namentlich die schwarzen Gefolgsleute mit der vom Herrscher verordneten Aktion einverstanden. Nur sein linker Läufer blieb irgendwie unbeeindruckt, denn dieser hatte bei einem früher ausgetragenen Kampf seinen komplementärfarbigen Kopf verloren. Jene als Haupt fungierende weiße Kugel ruhte nun unbenutzt in der Figurenschachtel und wartete darauf, von einer barmherzigen Hand wieder auf den zylindrisch schlanken Torso aufgeleimt zu werden. Aber so kopflos wie er nun mal war, konnte der behinderte Läufer nicht an den hitzigen Debatten um Verbleib oder Gehen teilnehmen, und blieb weitgehend über die sich entfaltenden Ereignisse im Dunkeln – eben in jener der kleinen, mit Samt ausgelegten Holzkiste am Rande des Spielbretts.

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Ein weit größeres Problem als der ratlose, linke Läufer war es, den gegnerischen Klan, das heißt die weiße Mannschaft, von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Flucht zu überzeugen. Ihr Anführer, der weiße König Wenzeslaus II, im Volksmund auch Ol` King White genannt, war für seine eher zaudernde Haltung bekannt, so dass beim Versuch ihn zu überreden mit vehementem Widerspruch zu rechnen war. Aber der schwarzbärtige Bohemund hatte dafür noch einen Trumpf in der Hand: er veranlasste seine Geliebte, die weiße Königin Bianca Liposuccta IX (geborene Fürstin von Schlagobers de Saan), ihrem Gatten die Notwendigkeit einer baldigen Flucht subtil einzuflüstern.
Gemäß kolportierter Gerüchte aus den Reihen der schwatzhaften Höflinge, gab diese ihr Bestes (was immer das auch gewesen sein mag), um ihren weißbärtigen Gemahl zu überzeugen, seinen anfänglichen Widerstand gegen einen Exodus der Figuren aufzugeben. Trotz gutem Zureden und einiger hier nicht weiter zu erläuternder Tricks und Kniffe der geschickt agierenden Bianca von Schlagobers de Saan bestand Ol` King White, alias Wenzeslaus II, wenigstens auf einen ritterlichen Zweikampf als Entscheidungshilfe. Er vertrat den Standpunkt, dass eine Meinungsverschiedenheit zwischen gekrönten Häuptern, grundsätzlich mittels eines Duells zu regeln ist, so wie es sich nach höfischer Art geziemt und vom einfachen Bauernvolk auch erwartet wird. Dies gilt sogar trotz der unwiderlegbaren Tatsache, dass nicht nur die einfachen Figuren, sondern auch die royalen Würdenträger aus nichts anderem als aus gewöhnlichem Kleinholz gefertigt sind.

… in die große weite Welt

Das vom Ol` King White, dem zweiten der Wenzelslaeuse geforderte Duell musste sich in Form eines Turniers, oder besser gesagt eines ritterlichen Schlagabtauschs inmitten des Schachbretts abspielen und von den Besten der Besten beider Volksgruppen ausgefochten werden. Deshalb führten beide Herrscher je einen Turm, einen Springer und drei Bauern ins Feld, um eine endgültige Entscheidung in Sachen Flucht oder Verbleib zu erwirken.

Piezas de ajedrez de torre blanca y caballero negro - Glarean Magazin
„…bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel.“

Die Kombattanten trafen sich symmetrisch angeordnet entlang der Kampflinie zwischen D4\F4 und D5\F5, und begannen sogleich aufeinander einzuschlagen. Als erstes kickten sich die vorgeschickten Bauern gegenseitig vom Feld, dann umsprangen sich die Rösser eine Weile ergebnislos, bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel, und dieser wiederum von seinem schwarzen Gegenüber gefällt wurde. Der übrig gebliebene, siegeiche schwarze Turm stand triumphierend auf E5 und winkte seiner jovial lächelnden Königin zu, um den Sieg der schwarzen Partei und somit des eigenen Anliegens zu signalisieren. Auf diese Weise wurde entschieden, dass während der kommenden Nacht die gesamte Truppe unter der Führung des schwarzen Königs vom Spielbrett türmen und in die große, weite Welt aufbrechen würde.

Tablero de ajedrez bajo la lluvia nocturna - Revista Glarean
„…denn es war ein regnerischer Dienstagabend.“

Das Wetter war den Flüchtenden gewogen, denn es war ein mondscheinloser, regnerischer Dienstagabend. King Black rechnete richtigerweise damit, dass es diesmal kein Schachturnier geben und deswegen die Luft im unbewachten Spielzimmer rein bleiben würde. Eine derart günstige Gelegenheit zum unbemerkten Abschleichen durfte nicht verpasst werden. Zwar hatte keine der 32 Figuren eine Ahnung davon, was auf sie da draußen wartete, aber alle hatten genug vom ständigen Herumexerzieren, das ewige Rumstehen in Reih und Glied, das aggressive Vorrücken gegen ihresgleichen, das sich gegenseitig Bedrohen müssen und vor allem vom anschließenden Gemetzel während der allwöchentlichen Schachpartien.

Erste Vorbereitungen…

Bohemund, der blacke King gab das Zeichen, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Die Figuren kontrollierten ein letztes Mal die Filzsohlen, auf denen sie leise davonschleichen sollten. Neugierig und mit einer gewissen Portion Neid betrachtete die dunkle Melanie ihre hellhäutige Konkurrentin am gegenüberliegenden Brettrand, die wieder einmal eleganter als sie angezogen war. Bianca stand kerzengerade in ihrem besten Reisekostüm, vom weißen König und einem ebensolchen Berittenen auf D8 eingerahmt. Die vier Rösser wieherten bereits ungeduldig und sprangen regelkonform in L-förmigen Schrittfolgen tänzelnd umher.
Derweil hetzten die drei intakten Läufer diagonal in der Gegend herum, um eventuelle Hindernisse auf dem vorgesehenen Fluchtweg auszukundschaften. Nur der kopflose linke Läufer der schwarzen Partei hatte keine Ahnung davon, was da vor sich ging, und auch keine weiteren Bedürfnisse außer dem einen: wohlverleimt endlich wieder mit seinem Haupt vereinigt zu werden. Er wurde behutsam von seinem vorangestellten Bauern an der Hand geführt, während der abgeschlagene Kopf natürlich auch mitkam, und zwar in der Obhut des rechten weißen Turms, der gleichzeitig die Nachhut anführen sollte.

Dame Brettspiel - 8x8 Startposition - Glarean Magazin
„24 flachbrüstige Damen des gleichnamen Brettspiels“

Mehr pro forma und ohne große Hoffnung auf Zustimmung lud Bohemund die 24 Damen des gleichnamigen Brettspiels ein, sich seinem Tross anzuschließen. Aber wie erwartet wiesen die ängstlichen Figürchen auch nur den bloßen Gedanken an eine Flucht weit von sich, und der zutiefst bohemundete König Black bedauerte bereits, sie überhaupt gefragt zu haben. Stattdessen stapelten sich die 24 flachbrüstigen Damen ängstlich in vier Reihen in einer Ecke des Figurenkastens und beobachteten sorgenvoll die Abmarschvorbereitungen der Schachkollegen beiderlei Couleur.

… und mitternächtlicher Abmarsch…

Schachuhr - Glarean Magazin
„Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts“

Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts, und als diese Mitternacht schlug, marschierte die erste Kolonne unter den aufmerksamen Blicken Bohemunds ab, der am Spielfeldrand stehend, der Prozession aufmerksam zusah und jeder Figur ermutigend auf die kreisrunde Schulter klopfte. Die erste Gruppe, gewissermaßen die Vorhut, bestand aus dem treuen linken schwarzen Turm, einem weißen Läufer und fünf Bauern beiderlei Farben. Anschließend folgte die Hauptmacht unter der Führung von König Wenzeslaus und der beiden Königinnen, die sich unentwegt gegenseitig beäugten und ihre Garderoben abschätzten. Im Zentrum marschierte unmittelbar dahinter die königliche Leibgarde bestehend aus zwei Türmen, flankiert von den zwei Springern Dexter und Linky, ihrerseits gefolgt von neun gemischten Bauern einschließlich desjenigen mit dem kopflosen Läufer an der Hand. Als letzter der Hauptstreitmacht gesellte sich Bohemund hinzu und winkte der etwas zurückbleibenden Nachhut, ihm baldmöglichst zu folgen. Diese ging anschließend unter der Führung des rechten, weißen Turms zusammen mit den restlichen Offizieren und Bauern, die große Mühe drauf verwendeten, die Spuren des Auszugs zu verwischen.

… über den Vorhang…

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Vorsichtig seilten sich die Schachfiguren eine nach der anderen an einer Falte des Vorhangs, der direkt an den Spieltisch grenzte, zum Teppichboden herunter. Die ganze Aktion dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis alle sich in einer langen Reihe zu Füßen des nächsten Tischbeins zum Zählapell aufstellten. Lediglich die zuoberst gestapelten Domino-Steine im benachbarten Regal hatten etwas von der Aktion mitbekommen und gaben die aufregende Nachricht vom Auszug der Kollegen ihren zahlenmäßig passenden Nachbarn weiter. So war es bald eine ausgemachte Sache unter den Bewohnern des Spielzimmers, dass eine große Fluchtbewegung angelaufen war.
Man war sich einig, dass wenn anderntags das Fehlen der Schachfiguren bemerkt würde, ein ziemlicher Aufruhr ausbreche. Der Besitzer des Spielzimmers und dessen Inhalts, ein gewisser Herr Michael Faraon, seines Zeichens Aktuar des örtlichen Schachklubs, sei bekanntermaßen sehr jähzornig und nachtragend. Das wusste man schon von früher, nachdem Herr Faraon einmal eine Kreuz-Sieben mit Kaffee befleckt und damit unbrauchbar gemacht hatte. Daraufhin zerriss er wutentbrannt die Karte und schleuderte das ganze Pack nutzloser Kanasta-Karten in den Kamin. Sowohl die Dominosteine, als auch die danebenliegenden Pokerkarten hofften inständig, dass der zu erwartende Wutanfall des Herrn Faraon sich nicht gegen sie richten würde. Der Herzkönig vom Kartenstapel überbrachte den Abrückenden die Abschiedsgrüße der versammelten Spielwaren und winkte seinen scheidenden Kollegen traurig hinterher.

… und das Treppenhaus …

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Zwei Läufer - Peter Biro - Glarean Magazin
„Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften“.

Nach einem abschließenden Zählapell blies Bohemund Black zum endgültigen Abmarsch aus dem Spielzimmer. In geordneter Reihe marschierte die Kolonne an Tisch und Stühlen vorbei, passierte in einem strategisch geschickt angelegten Umgehungsmanöver das Kanapee und ein niedriges Kartentischchen, und durch die nur leicht angelehnte Tür erreichten alle Figuren wohlbehalten das Treppenhaus. Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften, und sie kehrten mit der Meldung zurück, dass man jede Stufe am besten entlang der Teppichkante herunterklettern könnte. Dies würde für die gesamte Truppe mehrere Stunden dauern.

… durch die Katzentür …

Ein dritter Läufer blieb etwas zurück und linste durch den Türspalt zurück, um eventuelle Verfolger rechtzeitig auszumachen. Gesagt, getan, mit der Vorhut voran kraxelten alle Figuren in einer überfigürlichen Anstrengung die Treppe bis zum Flur hinunter, was fast bis zum Morgengrauen dauerte. An mehreren Stellen führten die beiden Könige einen Zählapell durch, um die Mannschaft auf Vollständigkeit und Fahnenfluchtfähigkeit zu prüfen. Am Treppenabsatz angekommen, wurde eine kleine Abschiedszeremonie mit Trompetenklang und Einrollen der Fahnen abgehalten, und anschließend entwich der gesamte Schachfigurensatz durch die Katzentür.

… in den Maulwurfsbau

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Den ersten Tag campierte die Truppe im improvisierten Biwak eines Maulwurfsbaus im Garten des Faraon-Hauses, denn allen Geflüchteten war klar, dass man sich bei Tageslicht besser nicht blicken lassen sollte. Ansonsten könnte ein verräterisches Haustier die Deserteure erkennen, ausbuddeln und Herrn Faraon Bericht erstatten. Das konnte böse enden, z.B. damit, dass man einem Strafbataillon zugeteilt würde, was wiederum eine mehrjährige Fronarbeit beim Mühlespiel bedeutete oder gar schlimmeres: zu Feuerholz degradiert zu werden. In der Tat machte Faraons getigerte Hauskatze Annabella Schnurrdibus wiederholt Kontrollgänge durch Haus und Garten, aber sie bemerkte die sich eng aneinander duckenden Figuren im Maulwurfshügel nicht. So blieben die Geflohenen unentdeckt und konnten in der zweiten Nacht ihre Flucht fortsetzen.

Letzter diagonaler Erkundungsgang

Um einen improvisierten Kartenkiesel versammelt, beugten sich die beiden Könige bei einer Lagebesprechung über eine grob gezeichnete Skizze der Umgebung, welche die Läufer von ihrem letzten, diagonalen Erkundungsgang mitgebracht hatten. In Gegenwart von je einem weißen und einem schwarzen Turm sowie der drei Läufer studierten King Black und Ol` King White die in Frage kommenden, weiterführenden Fluchtrouten. Zwar versperrte eine große Pfütze den einzig gangbaren Weg zur Straße, aber der weiße Wortführer der Läufer meinte, man könnte sie durchwaten, wenn die Sonne lang genug darauf geschienen und sie wenigstens teilweise ausgetrocknet haben würde. Dann genüge es, wenn der Anführer der Truppe, also King Black, auf die seichteste Stelle des verbleibenden Wassers zeigen würde, wo sich die Truppe in die Fluten wagen könnte.

Zurück zu den Anfängen

Elefant mit Turm – Fresko aus der mozarabischen Einsiedelei (ermita) San Baudelio de Berlanga - Glarean Magazin
„Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort“ (Spanisches Fresko mit Elefant und Turm)

Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort und erinnerte die Anwesenden an jene Schreinerwerkstatt, aus der er und die anderen ursprünglich stammten. Jenes Atelier gehörte einem gewissen Meister Astalosh, der die altertümliche Drehbank betrieb, an der seinerzeit sie alle – außer den Springern – in ihre zylindrische Form gedrechselt worden waren. Dort, so behauptete der weiße Turm, könnte man sich unauffällig unter die unfertigen Bauteile und den herumliegenden Holzabfall aus der laufenden Produktion verstecken.
Da die Schreinerwerkstatt nur eine Tagereise vom Maulwurfshügel entfernt war, wurde beschlossen, dass sich die Figuren dorthin über die folgenden vier Nächte in getrennt vorstoßenden Gruppen durchschlagen sollten. Jede Gruppe würde unter der Führung eines gekrönten Hauptes, also eines Königs oder einer Königin stehen und aus jeweils einem Turm, einem Springer, einem Läufer und vier Bauern bestehen. Außerdem wurde vereinbart, dass falls eine Gruppe auf der Flucht von der gemeingefährlichen Schnurrdibus oder gar von Herrn Faraon persönlich ertappt werden sollte, kein Wort über die anderen verloren werden durfte; nicht einmal unter einem peinlichen Verhör mittels Schraubzwinge oder Fuchsschwanzsäge.

Erfolgsgekrönter Exodus

Bis auf die letzte Gruppe, welche den kopflosen Läufer transportierte, erreichten alle Figuren planmäßig den schützenden Abfallhaufen neben der Schreinerei. Die letzte Gruppe war zwangsläufig langsamer unterwegs und wurde von einem streunenden Hund aufgehalten, der fast die gesamte Nachbarschaft wach kläffte, als er der ungewöhnlichen Prozession gewahr wurde. Aber bereits unter dem ersten, blendenden Strahl der Morgensonne erreichten auch die letzten Figuren den schützenden Holzhaufen und konnten sich im Sägemehl von Astaloshs Werkstatt endlich von den Strapazen ihrer abenteuerlichen Flucht ausruhen. So geschah es, dass dem waghalsigen Exodus der Schachfiguren ein krönender Erfolg beschieden war.

Epilog

Der Schreinermeister Astalosh durchsuchte regelmäßig den Abfallhaufen nach noch brauchbarem Material, denn hie und da benötigte er Kleinteile für eine Verzierung oder Ergänzung irgendeines Möbelstücks. So stieß er auf die verstreut herumliegenden Schachfiguren, die ihm irgendwie bekannt vorkamen. Da er aber nicht alle auf einmal erblickte, dachte er nicht daran, diese wieder einem Schachspiel zuzuführen, zumal damit kaum mehr etwas zu verdienen war. Stattdessen fand er für die nach und nach aufgeklaubten Figuren unterschiedliche Verwendungen, die dazu führten, dass die Gruppe definitiv auseinandergerissen wurde:

• Neun Bauern endeten als Schubladen-Griffe für die Schlafzimmerkommode eines jungen Brautpaares und wurden zwangsläufig Augenzeugen von deren intensiver Familienplanung.
• Die verbleibenden sieben Bauern wurden als Kegel in einem Miniaturbowling-Spielkasten für Kinder verbaut und landeten auf dem Gabentisch eines stark kurzsichtigen Jünglings namens Hubert.
• Mit den vier Türmen verlängerte Herr Astalosh die Beine eines kleinen Beistelltisches, welches – welch eine Ironie des Schicksals! – von Herrn Faraon für sein Spielzimmer bestellt wurde. Nach Auslieferung des fertigen Kleinmöbels und nach Einbruch der Nacht kam es im Spielzimmer zu einer unerwarteten Wiedersehensfeier unter Beteiligung der Dame-Figuren, der Pokerkarten und der Dominosteine, welche die vier immobilisierten Rückkehrer nach deren Erlebnissen während ihrer Flucht ausfragten. Umgekehrt berichteten sie den bodenständigen Türmen, dass Herr Faraon während der verzweifelten Suche nach den verschwundenen Schachfiguren einen kurzen und heftigen Wutanfall erlitten, das Schachbrett zerbrochen und die beiden Stoppuhren in den Müll geworfen hatte.
• Dexter, der rechtsstehende, weiße Springer endete als Verzierungen im Rahmen eines Garderobenspiegels, welcher Jahre später zu einem Zahnarztstuhl umgearbeitet wurde. In diesem wiederum wurde er zu einem Griff umfunktioniert, welchen die Patienten kräftig drücken konnten, wenn der Schmerz unter der Behandlung überhandnahm. Linky gelangte auf verschlungenen Umwegen nach Österreich und wurde als symbolisches Dekorationselement in einer Menütafel verbaut, und zwar über dem Tresen des „Weißen Rössl“ am Wolfgangsee.
• Die zwei schwarzen Springer (Nero und Misericordius) wurden zu Regenschirmgriffen umgestaltet. Als solche gingen sie mit anderen Haushaltsartikeln in den Export. Nero endete im norwegischen Stavanger als unentbehrliches Accessoire eines Seiltänzers, der jeden Sonntagnachmittag mit einem Matjeshering in der einen und dem Schirm in der anderen Hand zwischen den beiden Türmen der Kathedrale balancierte. Der Schirm mit Misericordius wurde zum Sonnenschutz einer malaysischen Lehrerin, die in einem abgelegenen Urwalddorf verwaiste Makaken zu Stenotypisten und Fluglotsen ausbildete.
• Die drei intakten Läufer blieben zurück und versteckten sich unter einem Werkzeugschrank. Um verirrten Kameraden beizustehen, gingen sie sporadisch auf Erkundungsmissionen, die sie diametral in sämtliche Ecken des Raumes unternahmen. Sie trafen aber keine Verirrten mehr aus dem alten Figurensatz an. Ansonsten blieben Sie jahrelang unter dem Gestell versteckt, bis eines Tages die Werkstatt abgerissen und einem Waschsalon weichen musste. Wahrscheinlich wurden sie mit dem Schutt aus dem Abbruch entsorgt, jedenfalls hörte man seitdem nichts mehr von ihnen.
• Der kopflose Läufer, den man unter großen Mühen mitgeschleppt hatte, wurde sehr bald nach seiner Ankunft durch Herrn Astalosh als unbrauchbar erkannt und verschreddert. Kopflos wie er war, endete er als Holzpellet in einer Heizanlage. Sein Haupt machte indes Karriere als hübsch gemaserte, besonders leichte Murmel in der Kugelsammlung von Astalosh Junior.
• Die beiden Königinnen blieben weiterhin schicksalhaft zusammen und hatten somit die Möglichkeit sich weiterhin gegenseitig anzukeifen. Sie wurden als Handgriffe auf ein Paar hübsch dekorierten Cocktailspießen angebracht, auf die man Oliven oder Zitronenscheiben aufzog. Dergestalt kamen sie in ihrer neuen Eigenschaft als Besteck in einer Karaoke-Bar zum Einsatz. Aus Cocktailgläsern ragend, musterten sie sich weiterhin gegenseitig mit unfreundlichen Blicken und warfen sich gelegentlich beleidigende Bemerkungen betreffend ihrer Garderoben zu.
• König Wenzeslaus II alias Ol` King White endete als dekorativer Knauf am oberen Wendepunkt eines barocken Treppengeländers, von wo er jahrzehntelang die auf- und absteigenden Hausgäste der vornehmen Villa beobachten und daraus seine ganz persönlichen Schlüsse ziehen konnte. Seine Memoiren erschienen Jahre später unter dem Titel `Vom Thron zur Zierfigur – Erinnerungen eines aufgestellten Königs` bei Klappezu & Affetot 2009, Wien, London, Buxtehude.
• Bohemund IV, oder King Black, der initiative schwarze König, der die ganze Fluchtaktion geplant, befohlen und angeführt hatte, wurde an die Spitze einer Standartenstange montiert, die bei Aufmärschen der Heilsarmee der Blaskapelle vorangetragen wurde. Auf diese Weise konnte er, standesbewusst wie er nun mal war, an feierlichen Zeremonien lange Jahre an vorderster Stelle teilnehmen und sich am Tschingderassabum und dem ganzen Tamtam um ihn herum erfreuen. Dabei glaubte er felsenfest, dass der Jubel der freudig am Straßenrand zuschauenden Menschen ihm alleine galt und der ganze Aufmarsch ihm zu Ehren abgehalten wurde.

Moral der G’schicht: Süß ist die Freiheit selbst dann, wenn sie einem nur zu einem zeitweiligen und banalen Weiterleben verhilft! ♦


Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

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Weitere Satiren von Peter Biro im GLAREAN MAGAZIN

Cees Nooteboom: Abschied (Gedicht aus der Zeit des Virus)

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Nachdenken über den Menschen

von Stefan Walter

Cees Nooteboom (*1933) ist einer der großen niederländischen Dichter, und unter diesen in Deutschland sicherlich der bekannteste. Für „Abschied“, ein „Gedicht aus der Zeit des Virus“, das man wohl guten Gewissens als seinen Schwanengesang betrachten darf, hat er sich der eher seltenen Form des Langgedichts bedient.

Cees Nooteboom: Adiós (poema de la época del virus)In der noblen Bibliothek Suhrkamp als zweisprachige Ausgabe Niederländisch–Deutsch erschienen, gibt es an den Äußerlichkeiten des „Abschieds“ von Cees Nooteboom erwartungsgemäß nichts zu kritisieren. Der dunkelviolette Einband ist von einem schlichten Schutzumschlag in Weiß mit einem schmalen violetten Streifen umgeben; große Experimente wird der Leser hier nicht erwarten. Ein Lesebändchen ist vorhanden, gleichfalls violett. Oder, um es in den Worten des Gedichtes zu sagen, „dazu die passende Farbe: / das Lila von Tod und Geburt.“
Auf jeder Doppelseite findet sich, ganz wie sich das gehört, links der Originaltext, rechts die deutsche Übersetzung. Jeder Abschnitt bekommt seine eigene Doppelseite. Ein kurzes Nachwort des Autors hilft ein bisschen beim inhaltlichen Verständnis des nicht ganz einfachen Textes. Vier Zeichnungen von Max Neumann runden das Buch ab.

Strenge Gliederung

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Das Gedicht selbst, untertitelt mit „Gedicht aus der Zeit des Virus“, folgt einer strengen Gliederung: Drei Kapitel zu je elf nummerierten Abschnitten zu je 13 Versen, in drei Strophen plus einen Nachsatz getrennt. Die Stropheneinteilung erscheint rein formal, Strophenenjambements sind die Regel; als Sinneinheit dient ausschließlich der Abschnitt, der in vielen Fällen aus einem einzigen Satz besteht.

Wesentlich anstrengender ist es, den teils sehr dunklen Inhalt zu erhellen. Da eine Rezension glücklicherweise keine umfassende Interpretation zu liefern braucht, kann ich mich hier auf einzelne Stellen beschränken.
„Dies fragte sich der Mann im Wintergarten, / das Ende vom Ende, was könnte das sein? / Etwas ganz ohne Kummer (…)“ beginnt der Text. Der Mann sieht im ersten Abschnitt u.a. einen „entblätterten Feigenbaum“, „die tausendjährigen Steine der Mauer“, „wie die Nacht korrigiert werden sollte“, „die Grammatik der Enteignung“, „Rückzug nach der Niederlage“, „doch keine Bestimmung“.

Nebeinander von Metaphern und Wertungen

Cees Noteboom - Reporta Glarean
Cees Nooteboom (Geb. 1933 in Den Haag)

Dieses auffällige gleichrangige Nebeneinander von Bildern, Metaphern und Wertungen zieht sich durch das ganze große Gedicht von Cees Nooteboom. So erinnert sich der Mann im zweiten Abschnitt an den Krieg, an „Soldaten beim Abzug, bang, dreckig“ statt wie zuvor „mit neuer Zukunft versehen, mit Opfern“, „die Rückseite des Spiegels“, „die Falle der Not“.
Er erinnert sich an die Kindheit, die Eltern, das Meer, an Freunde, an Mädchen, an Reisen, aber die Wehmut muss jedes Mal wieder sehr zeitnah Platz machen für Angst oder Trauer, „einsame / Augen ohne Stirne gehen um, Gliedmaßen / ohne Anhang, Spukgestalten, Phantasmen / gesponnen aus bösen Geschichten“.
Der Mann wird zum Gärtner, der die Blumen bewundert, „grün und hartnäckig / ohne Furcht vor dem Ende“, aber dennoch sieht er als erstes „tote Blätter, der Boden nass und schwarz“.
„Wie viele Rätsel kannst Du ertragen?“ Gelegentlich zweifelt man als Leser, ob solche Sätze noch diegetisch sind, oder ob der Autor ironisches Mitleid äußern möchte, wenn wir dem ständigen Wechsel von Ort, Zeit, Personen und Gegenständen, immer nur angedeutet, kaum folgen können.

Meisterliche Beherrschung von Form und Stil

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Im zweiten Kapitel nehmen die Unklarheiten, die Andeutungen, die negativen Wertungen immer mehr zu: „Ein verkehrtes Paradies voll / Ungeheuern, die uns gleichen, ein / abgenagtes Gesicht mit einem / Strauch auf dem Rücken“, „es sind Menschen, glaub’s oder nicht, Kloake der Evolution“, „das erfundene / Genie, das seine Kotze verkauft / und die Seele dazu“. Glücklich mag man die Erinnerungen des alten Mannes eher nicht nennen.

Ruhiger wird es dann wieder im dritten Kapitel. Philosophische Überlegungen („Was für ein Geräusch macht die Erde / im Hause des Kosmos“), Erinnerungen an Freunde („Freunde, Brüder, Geliebte, / und immer nahmen sie Abschied, bogen ab nach links / oder rechts, verschwanden wie Schatten“), sie führen erbarmungslos auf das Ende hin: „Dort richtet sich jemand auf, eine / letzte Gestalt, die sich entfernt, / ich schaue ihr nach, der einzigen / meines Lebens“.
Bis das lyrische Ich, das wohl nicht allzu weit vom Autor entfernt sein dürfte, zum Schluss erkennt: „Hier muss es sein, / hier nehme ich Abschied von mir selbst / und werde dann langsam / niemand.“

Man muss an der wortreichen, bildhaften, zwischen Pathos und Bathos changierenden Sprache nicht unbedingt Gefallen finden. Ohne Zweifel jedenfalls beherrscht Nooteboom Form und Stil meisterlich und zwingt den Leser zum Nachdenken über den Menschen, seine Fehler und die conditio humana. Absolut lesenswert. ♦

Cees Nooteboom: Abschied (Gedicht aus der Zeit des Virus), Zweisprachige Ausgabe Niederländisch/Deutsch, 88 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-22522-6

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Lyrik auch über Helmut Krausser: Glutnester (Gedichte)

Internationaler Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich

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Texte zum Thema „Existenzielle Gefühle“ gesucht

Literaturhaus Zürich - Glarean MagazinSeinen Schreibwettbewerb „Texte des Monats“ offeriert das Literaturhaus Zürich bereits seit 20 Jahren. Für 2021 wurden dabei je monatlich bereits elf „existenzielle Gefühle und Regungen“ zu thematischen Vorgaben erklärt – das 12. Thema für den Dezember 2021 können nun die Autoren selbst deklarieren.

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Der Wettbewerb ist für Teilnehmer/innen aller Altersklassen aus allen Nationen offen, auch Gattungsgrenzen bestehen keine. Der Umfang soll 15’000 Zeichen nicht überschreiten, und die Texte dürfen noch nicht anderweitig publiziert worden sein.
Einsende-Schluss ist am 5. Dezember 2021, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die übrigen Ausschreibungen zu Literaturwettbewerben

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman)

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Modernisiertes Italien-Fernweh

von Christian Busch

Klaus Modicks neuer Roman „Fahrtwind“ ist eine romantische Reiserzählung und eine Reminiszenz an Eichendorffs berühmte „Taugenichts„-Novelle, die das Italien-Reisefernweh in die Siebziger Jahre transponiert, in des Autors eigene Studienzeit.

Klaus Modick: Fahrtwind, Roman, Kiepenheuer & Witsch Verlag 2021„Wem Gott will rechte Gunst erweisen / Den schickt er in die weite Welt. / Dem will er seine Wunder weisen / In Berg und Wald und Strom und Feld!“ Mit diesen Zeilen stürzte sich vor ungefähr 200 Jahren Joseph Freiherr von Eichendorffs berühmter, längst zur literarischen Legende und zum Sinnbild deutsch-romantischer Italien-Sehnsucht gewordener Taugenichts in sein Reiseabenteuer, das ihn über Wien bis nach Rom und in die Arme seiner Geliebten führt.
Wer kennt nicht die zum Paradigma romantisierter Reiselust stilisierte Einleitung der Künstlernovelle, in welcher der gestrenge Vater seinen faulenzenden, musikverliebten Herrn Sohn und Müßiggänger in die Welt hinausschickt:
„Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.“ – „‚Nun“, sagte ich, „wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.‘ Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen…'“.

Folie für eine Modernisierung

Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff
Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff

In Klaus Modicks neuem Roman „Fahrtwind“, der bereits zum „Spiegel“-Bestseller avanciert ist, dient nun, wie der Autor bereits im Vorwort freimütig bekennt, Eichendorffs Erzählung als Folie für eine Modernisierung. Modick verlegt seine Geschichte in die Siebziger Jahre, seine eigene Studentenzeit – und scheint seine Jugend nachholen zu wollen. Er ist nun ein auf den sinnigen Namen Müller getaufter Studiosus vagabundicus, der kurz nach dem Abitur sorg- und ziellos aufbricht, um dem geregelten, bürgerlichen Leben der Spießer und Philister zu entkommen („Die Trägen, die zu Hause liegen / Erquicket nicht das Morgenrot / Sie wissen nur vom Kinderwiegen / Von Sorgen, Last und Not um Brot“).
Aus der Mühle wird der Klempnerbetrieb, aus der Geige die Gitarre, aus der Wanderschaft eine Tramptour, aus der Kutsche der beiden vornehmen Damen ein „Mercedes Roadster 107“, aus dem Schloss bei Wien ein Schlosshotel und aus den beiden fremden Wanderern zwei homophile, vermeintlich mit Drogen dealende Easy-Rider-Cyclisten – und so weiter. Stilsicher werden – mit einer Prise narkotisch wirkender Pilze und anderer Gräser angereichert – Kulissen und Reliquien ausgetauscht. Deren Flair erschließt sich weiter durch die Popsongs, die als Motti über den Kapiteln stehen, und durch die gelegentliche Erwähnung von RAF und Roten Brigaden. Tiefgehender und sozialkritischer war das bei Eichendorff auch nicht.

Stimmung, Rhythmus und schwebende Leichtigkeit

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Auch wenn der Ich-Erzähler bei seinen eigenen Dichtungen an seine Grenzen stößt, wird absolut flott fabuliert. Fast scheint es so, als habe er Eichendorffs Originaltext durch eine moderne Übersetzungsmaschine gejagt, die alles transponiert, ohne Stimmung, Rhythmus und die schwebende Leichtigkeit zu verlieren. Mit ebenso leichtfüßigem Charme und schwindelerregender Verspieltheit entstehen toskanische Gartenlandschaften und die von Zypressen und Olivenhainen gesäumten arkadischen Sehnsuchtsorte der romantischen Seele.

Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)
Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)

Das ist wirklich verblüffend und wäre ein spannendes Thema für eine germanistische Seminar-Arbeit, denn auch die Zeichnung des überwiegend eins zu eins übernommenen Figuren-Inventars gelingt in ihrer naiven, aber direkten und pointierten Art – auch unter gänzlicher Wahrung der romantischen Ironie. Und doch dürfte den Leser Klaus Modicks gekonnte Hommage und Reminiszenz an Eichendorffs Künstlerepisode nur halb zufriedenstellen. Denn bei aller Vergnüglichkeit bleibt die Geschichte doch allzu sehr eine schablonenhafte Imitation – ohne, dass Reise-, Lebens- und Liebesmotive irgendeine Aktualisierung, Vertiefung oder Erweiterung erfahren.

So beschert „Fahrtwind“ zweifellos ein beträchtliches Lesevergnügen und nicht nur in Corona-Zeiten ein sinnliches Italien-Erlebnis, hinterlässt bei dem literarisch ambitionierteren Leser, vielleicht auch bei dem genauen Kenner der Eichendorff’schen Vorlage jedoch auch eine gewisse Ratlosigkeit darüber, dass nach 200 Jahren am Ende einfach „alles, alles gut“ ist. Aber lesen Sie selbst, denn lesenswert ist der neue Modick allemal! ♦

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman), 208 Seiten, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978 3462001303

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literarische Romantik auch über den Roman von Gerwin van der Werf: Der Anhalter

Julia Kohli: Menschen wie Dirk (Short Storys)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Literarische Vignetten vom Feinsten

von Alexandra Lavizzari

Sieben Storys legt die Winterthurer Schriftstellerin und Kulturpublizistin Julia Kohli in ihrem zweiten Buch vor. Es sind dies kurze Momentaufnahmen von „Menschen wie Dirk“ in einer Krisensituation, Männern wie Frauen, und aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Ein Hammer!

Mein erster Gedanke, nachdem ich die letzte Story zu Ende gelesen hatte, war: Ach, warum sind es nur sieben Geschichten, jetzt bin ich doch so richtig in Fahrt und würde mir fürs Leben gern weitere sieben Geschichten zu Gemüte führen. Und mein zweiter Gedanke war: gleich ein zweites Mal lesen und besonders auf die herrlichen, schockierenden, superorginellen Begriffe achten, mit denen Julia Kohli ihre Prosa würzt.

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos VerlagInzwischen habe ich die eine und andere Geschichte tatsächlich zweimal gelesen und herausgefunden, was mich an ihnen fesselt: Nicht so sehr der Plot – wobei Plot für diese Texte ohnehin nicht unbedingt massgebend ist – , auch nicht die Figuren, nein, was diese Storys für mich auszeichnet, ist die einmalige Mischung von leiser Subtilität und brutaler Wucht.

Schwelende Gewalt

Ohne Umschweife wird in der Geschichte „Samantha“ ein mörderischer Sommer mit dem lakonischen Satz „Ein Sommertag wie eine Wildsau“ angekündigt. Nach dieser Feststellung, die im Leser die Assoziation eines ungehemmtem Ausbruches auslösen mag, spannt uns die Autorin jedoch auf die Folter mit der Beschreibung einer unsicheren, übergewichtigen Frau, die eine Weile am Zürcher See spaziert und dabei gewissen Stellen ihres Körpers eine seltsame, fast krankhafte Aufmerksamkeit schenkt. Vorerst also nichts mit Gewalt, nur Rückschau auf ein gewöhnliches Leben, unterbrochenes Philosophiestudium, zehn Jahre Flugbegleiterin und Einsamkeit, mit der sich Samantha recht und schlecht abfindet. Was sich da im Laufe der Jahre wie das Wasser in ihren Beinen aufgestaut hat, merkt sie selbst erst später, im Flugzeug, als ein angetrunkener Passagier mit einer belästigenden Geste plötzlich das Fass zum Überlaufen bringt – und die Wildsau in ihr befreit.

Wider klischierte Rollenmuster

Julia Kohli - Literatur-Rezensionen Glarean Magazin
Julia Kohli (geb. 1978 in Winterthur)

In den meisten Geschichten finden wir ein Element von Gewalt, aber nicht immer springt es dem Leser so wuchtig ins Gesicht, oft schimmert es in scheinbar harmloser Dosierung durch die Zeilen, vor allem in den Dialogen zwischen Mann und Frau oder in den Gedanken von Männern über Frauen undumgekehrt. Stets ist eine dunkle Spannung spürbar, die uns beim Lesen auf die kleinsten Nuancen hellhörig macht.
Thematisch kreisen Kohlis Texte um die Gender-Rollen und die archaischen Klischees, denen Frauen aus männlicher Sicht noch immer zu entsprechen haben. Frauen wie Samantha und Christine in den Geschichten „Samantha“ und „Pierre“ nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, andere wie die Hauptfigur in „Irina“ oder die „drei Walküren“ in der Geschichte „Kurt“ arbeiten mit intellektuellen Argumenten gegen diese Klischierung und sonstige veraltete männliche Verhaltensmuster an.

Ein gewisser Männertyp

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Durch die Systematik, mit der Kohli diese Rollen darlegt, wird uns insbesondere Einblick in die Männerpsyche oder, besser gesagt, in die Psyche eines gewissen Männertyps gewährt, denn Kohlis Männer gehören alle in die Kategorie klassischer, hoffnungsloser ‚Losers‘. Da ist ein zum Beispiel ein Feigling wie Kurt in der gleichnamigen Geschichte, der bei einer Diskussion mit seinen Schülerinnen – er taxiert sie herablassend als „Trullas“, „Hexen“, „jammernde Heulbojen“, „Hupfdohlen“, „verklemmte Zwetschgen“ etc. – seinen Unterrichtsstil an der Kunstakademie verteidigen muss und sich dabei auf peinlichste Art und Weise bei ihnen anzubiedern versucht. Während er vor diesen emanzipierten Frauen schwitzt und röchelt und sich bald wie ein angeschossener Eber vorkommt, denkt er wehmütig an seine brasilianische Frau und woher er sie sich geholt hat: „Dort trugen die Frauen noch High Heels, wackelten mit ihren Hintern und freuten sich über Komplimente… Eine Welt, die noch einigermaßen im Lot war, im Gegensatz zu diesem schweizerischen Vogelfutter.“ Solche Sätze treffen den Typ Mann und seinen Konflikt mit gebildeten, selbstbewussten Frauen auf den Nagel.

Männliche Aggression

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In der Geschichte „Urs“ präsentiert uns Kohli ein wahres Ekel von einem Mann und lässt uns zwanzig Seiten lang in seinem Kopf wohnen; fast möchte man sagen, leider, so verkorkst und elend sieht es da drin aus, so aggressiv und frauenfeindlich. Dabei denkt und agiert Urs ganz einfach aus reinstem Frust am Leben, das es nie richtig gut mit ihm gemeint hat. Im Grunde genommen ist er ein armer Kerl, aber, wie der Text zeigt, kann Frust ganz schön schlimme Auswüchse haben, und Sympathie für Urs brauchen wir als Leser keine auzufbringen, er verdient sie nicht. Aber was bleibt ist das ungute Gefühl, dass man draussen Männern wie Urs begegnen kann; auf der Straße, im Tram, im Einkaufsladen, irgendwo. Männer wie Urs gibt es, man weiß es ja eigentlich, aber nach der Lektüre ist dieses Wissen von einem leisen Grauen durchzogen.

Sprachliche Bravour

Die Geschichte „Urs“ ist ein harter Brocken, und hier wie bei den andern Geschichten spielt die Sprache eine massgebliche Rolle, um die momentane Befindlichkeit der Hauptfigur in ihrer ureigenen Krisensituation zu veranschaulichen. Sie ist es auch, die einen von der ersten Zeile an in Bann zieht und trotz der, gelinde gesagt, düsteren bis schrecklichen Vorkomnisse ein derart grosses Lesevergnügen bereitet. Kohlis Vokabular ist an sich schon bewundernswert, aber zur Geltung kommt es erst so richtig in der Präzision des Tons und der Eigenheit, mit denen die Figuren sprechend und denkend ihre Zugehörigkeit zu einem gewissen Typen und einer gewissen sozialen Schicht verraten.
Die Gefahr, die Figuren auf diese Typisierungen zu reduzieren, würde durchaus bestehen, aber Kohli umschifft diese gekonnt. Bisweilen laufen die Geschichten auf eine Pointe zu, wie bei Dirk, einer in Mexiko angesiedelten Geschichte, in der die Hauptfigur wegen eines eiternden Tattoos ins Grübeln kommt und nach dem ersten Streit mit der mexikanischen Freundin der Reise zu ihren Verwandten mit Bangen entgegensieht. Was es mit dieser Reise auf sich hat, entpuppt sich vielleicht eine Spur zu abrupt, aber es zwingt einen gleichsam, nochmals zurückzublättern und nach Indizien für das überraschende Ende zu fahnden.
Wie gesagt: zweimal lesen! Es lohnt sich. ♦

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos Verlag, 172 Seiten, ISBN 978-3-03925-008-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Gender-Diskussion auch über Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert


Helmut Krausser: Glutnester (Gedichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

von Stefan Walter

Helmut Krausser, Jahrgang 1964, ist Schriftsteller, Komponist und Schachspieler. Nach mehreren Romanen hat er nun wieder einen Gedichte-Band veröffentlicht mit dem Titel „Glutnester“.

Die Umschlaggestaltung der „Glutnester“ ist etwas melancholisch ausgefallen, aber gelungen. Noch zum Äußerlichen: Die Verlagswerbung auf den letzten Seiten finde ich persönlich bei einem Lyrikband etwas unangebracht, aber Verlag und Künstler wollen ja auch leben – dazu unten mehr.
Auf den über 100 Seiten finden sich etwa 90 Gedichte. Stilistisch geht es querbeet, mal mit Reim, mal ohne, mal mit regelmäßigem Metrum, mal ohne, mal mit Stropheneinteilung, mal – Sie ahnen es – ohne. Ein paar experimentelle Texte sind dabei, ein paar Sonette.

Querbeet durch die Stile und Zeiten

Inhaltlich setzt sich auf den ersten Blick diese Beliebigkeit fort. Da gibt es Albernes wie:
„Anfanghund / (…) Freundin sagt: Mach mehr Hund. / (…) Die Leute hassen Gedichte, doch sie / lieben Hunde, das hebt sich auf, / (…) Endehund.“
Oder Satirisches:
„O wie sie Ravioli macht, / (…) Grün-rot-gelb leuchtet ihr / Werk, und wie verdorben / müsste man sein, sich / diese exorbitante Kreation einzuverleiben (…) Ich fotografiere ihre / Ravioli, stelle sie auf / Facebook und Instagram / zur Schau (…)“.
Auch Banales wie:
„Mir fällt partout auf Reim kein / so zwingend geiler Reim ein (…)“
Oder Niveauloses wie:
„Dörte mi fa so lala, / schwörte mir Amore ma. / (…) Wann krichste wieda Lust, frag ichse, / weil ich seit April schon (…)“.

Helmut Krausser - Glarean Magazin
Helmut Krausser

Dazwischen finden sich jedoch die Texte, in denen Krausser glänzen kann:
„Unten macht der Plebs publik, / wieviel er heut gesoffen hat. / Oben schreib ich die Musik / der Zukunft auf ein Notenblatt. (…)“ ist eine hübsche Übertragung von Schillers „Bittschrift“.
Im titelgebenden „Glutnester suchen“ bezieht sich Krausser – sicher nicht zufällig – auf (Karl) Kraus, in Begrifflichkeit, Stil und Ironie:
„(…) bis / ich Feuer fange, brenne, / wieder Fackel bin und / zündeln kann.“

Von Adorno bis Krausser

Überhaupt, diese vielen Anspielungen des Intellektuellen Krausser. Schostakowitsch bewundert er, über Adorno und die Beatles macht er sich lustig. Auf den „Faust“ weist er hin, oder auf William Carlos Williams berühmtes „This is just to say“, auf die „Loreley“, das „Nibelungenlied“, Dantes „Inferno“, auf „Jesaja“, auf Artaud, auf Clint Eastwood und natürlich immer wieder auf Krausser.
Krausser schreibt Gedichte im Stil des Expressionismus, des Symbolismus, der Minnelyrik – und schafft es in allen Fällen konsequent, das Zitierte zu subvertieren.

Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

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Bleibt (als letzte große Gruppe von Gedichten) noch Kraussers Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein. In „Glückliche Künstler“ streiten die frisch bezahlten Titelhelden darum, wer die Rechnung im Restaurant übernehmen darf: „(…) der Kellner bringt / Pizza“.
In „Vor etwa 6’000 Jahren“ erzählt uns der Dichter von seinen Anfängen:
Er „(…) brachte / die Leute zum Lachen und / Weinen und bat am Ende um / ein wenig zu essen (…)“, während eine junge Literatin ihm erklärt:
„(…) sie schreibe für sich selbst / (…) Spannungslinien finde sie / ermüdend (…)“. Mit wenig Begeisterung stellt er dabei fest:
Sie „(…) lebt von Preisen und / Stipendien und lacht über / mich Knecht, der ich jeden Tag schufte (…)“.

Und in diesem Sinne passt das wilde Durcheinander dann doch wieder zusammen. Krausser bringt viel, um manchem etwas zu bringen. Er stellt den anspruchsvollen Leser mit Artaud zufrieden; den schnapsvollen mit derben Späßchen; die Freundin mit Hunden; und den Verleger mit Füllmaterial.
Wir sind also gut unterhalten, und der arme Poet kann seinen Magen füllen.♦

Helmut Krausser: Glutnester – Gedichte, 112 Seiten, Piper/Berlin Verlag, ISBN 978-3827013941

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Lyrik auch über Ines Oppitz: Hoffnung (Drei Gedichte)


Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt (Prosa)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Humor und unzähmbare Lebenslust

von Alexandra Lavizzari

Sechs Romane des hochgelobten kolumbianischen Autors Tomás González (1950 in Medellín geboren) liegen bereits in deutscher Übersetzung vor; nun gibt der Verlag Edition 8 eine Sammlung von Erzählungen heraus, die drei Bänden aus den Jahren 1993, 2012 und 2016 entnommen sind und mit drei weiteren Erzählungen ergänzt wurden. Unter der Betreuung von Peter Schultze-Kraft haben sein Bruder Rainer, seine Tochter Ophelia, Gert Loschütz, Peter Stamm und Jan Weiz jeweils im Zweigespann an deren Übertragung aus dem Spanischen gearbeitet.

Der Klappentext geizt nicht mit Superlativen und weckt hohe Erwartungen, wenn gewisse Szenen in der einleitenden Erzählung eines Samuel Beckett für würdig befunden werden und andernorts Tschechow zum Vergleich herangezogen wird. Das klingt vielversprechend, sagt man sich, öffnet den sehr schön gestalteten Band und vertieft sich noch so gerne in die erste Erzählung „Ein unwahrscheinliches Grün“.

Boris…

Man kann sich nach einer Weile fragen, ob es fünfzig Seiten bedarf, um die psychiche und soziale Abwärtsspirale zu beschreiben, die den Maler Boris nach einem nicht näher erläuterten Todesfall in einen obdachlosen Alkoholiker verwandelt. Wohin die Geschichte steuert, steht nämlich nach wenigen Seiten fest: Boris schlittert und schlittert, wobei der Autor seinen Lesern die Einsicht in dessen Gefühlswelt verweigert und sich stattdessen, einem unbeteiligten Chronisten gleich, auf die minutiöse Protokollierung dieses Abstiegs beschränkt. Immerhin wird die Konsequenz des distanzierten Blicks hin und wieder durchbrochen und darf der Leser mitbekommen, was Boris empfindet.

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt - Erzählungen, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5Solche Passagen sind jedoch Ausnahmen in González‘ ästhetischem Programm, denn dem Autor geht es hier um mehr als um die Aufzeichnung eines individuellen Schicksals. Sein Thema ist Ohnmacht und Scheitern des Menschen auf existenzieller Skala, und dazu gehört auch, ganz im Beckettschen Sinn, das reine Aufzählen von Bewegungsabläufen, die unaufhaltsam auf den Nullpunkt zusteuern.
Der Leser sieht diesen für Boris am Horizont aufblitzen, aber González, der sich als ein wahrer Meister im Enden seiner Geschichten erweist, bricht vorher ab. Boris legt sich einfach schlafen, und wir wissen: es geht noch ein Stückchen weiter abwärts, und noch ein Stückchen, und das einzige, was dem Gescheiterten bleibt, ist, mit Würde hinzunehmen, dass dem so ist.

Carola…

González lässt uns in diesem Band am Leben verschiedenster Menschen teilhaben: Scheiternde wie Boris sind auch Carola in „Carola Dicksons unendliche Reise“, und der Ich-Erzähler in Víctor kehrt zurück. Erstere ist Lehrerin in Brooklyn und setzt sich in den Kopf, nach ihrer Pensionierung die Welt zu umseglen, um den Menschen zu helfen. Sie kauft sich schon Jahre vor ihrem Vorhaben ein Boot, lernt segeln, kauft Kompass und Sextanten und fühlt sich an Bord bald geborgener als im eigenen Zuhause.

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Die Sturheit, mit welcher diese Frau ihr Ziel vorbereitet, verleiht ihr von Anfang an eine rührende Tragik, und tatsächlich kommt es, wie es bei einem solch verrückten Unterfangen eben kommen muss. Carola gerät in einen Sturm und erleidet Schiffbruch. Den Menschen ist nicht zu helfen – und Carola auch nicht. Der Text lässt offen, ob sie nach diesem Debakel nicht einen zweiten Versuch starten wird.

Víctor…

Víctors Geschichte reiht sich thematisch nahtlos an jene von Boris, Carola und manch anderer Figur in diesem Band, doch zeichnet sie eine besonders originelle Erzähltechnik aus, die dem erzählten Tatbestand Vielschichtigkeit verleiht. Víctor kehrt zurück nach New Orleans, dem Ort, an dem er vor zwölf Jahren mit Frau und Tochter gelebt hat. Während der Reise erinnert er sich an die Umstände seines Weggangs, an den in extremis verhinderten Gewaltakt an seiner Frau, die darauf die Türschlösser auswechselte und ihn schließlich festnehmen ließ, weil er sie nicht in Ruhe ließ. „Warum will man zurück, wenn man nicht kann, dachte ich.“

Tomás González - Schriftsteller - Glarean Magazin
Tomás González (*1950)

Diese Rückreise, in einer Art Bewusstseinsstrom erzählt, oszillierend zwischen kühl beobachteter Gegenwart und emotionsgeladener Vergangenheit, gehört zu den besten Erzählungen des Bandes. Die Grenzen zwischen Innen- und Aussenwelt greifen immer wieder ineinander über, bald überwiegen die Erinnerungen – „stinkend wie ein toter Hund im Mangrovensumpf zur Mittagszeit“ – bald die Wahrnehmung des vertrauten Meerstrandes mit seinen Muscheln und zu Smaragden geschliffenen Flaschenscherben, und geschickt dieser Zone zwischen Damals und Jetzt entlang lässt uns der Autor an dieser eindrücklichen Reise teilhaben.

Don Rafael…

Ähnlich konstruiert der Autor die Reise an die Küste, die den an Alzheimer erkrankten Don Rafael in den Mittelpunkt seiner Familie stellt. Diese schenkt ihm einmal im Jahr die Illusion, mit dem Expreso del Sol an die Küste zu fahren, indem sie die Wohnung in einen Eisenbahnwagen und Wartesaal verwandeln. Die Bahnreise führt durch die üppige Tropenlandschaft Kolumbiens, an verlassenen Bahnhöfen und Bananenpflanzungen vorbei, Leute steigen zu, Verkäuferinnen halten Tamales und Anananascheiben feil, und das alles erleben wir durch die Augen des kranken, aber glücklich zu Hause sitzenden Rafaels und gleichzeitig aus der Sicht der Familienmitglieder, die ihm diese Fahrt mit den ausgefallendsten Mitteln vorgaukeln. Die Geschichte, die übrigens auch als Hörspiel vorliegt, ist klar dem magischen Realismus Gabriel Márquez‘ verpflichtet und vom Autor auch als Hommage ihm zugedacht.

Sprachlicher Ballast und…

Peter Stamm - Glarean Magazin
González-Übersetzer Peter Stamm

Vergleiche mit Márquez und vor allem mit Beckett sind jedoch fehl am Platz, wenn es um die Sprache geht. Peter Stamm lobt González‘ Stil, bezeichnet ihn als „sehr trocken, aber zugleich sehr atmosphärisch.“ Spräche er von seinem eigenen Stil, würde ich mit ihm sofort einig gehen. Aber González ist nicht Peter Stamm, er verzichtet darauf, seine Sprache zu entschlacken, besonders von Adjektiven, deren Häufung oft zu klischierten Beschreibungen von Figuren und Situationen führen: „Der Frau, die ihm das Zimmer vermietete – eine phlegmatische Blondine mit einem naiven, unpersönlichen Auftreten, billigem Schmuck und zerkauten Fingernägeln – …“

… redundante Informationen

Beispiele für redundante Informationen finden sich in allen dreizehn Erzählungen leider zuhauf. Dass die Blondine dem Klischee einer Blondine so genau entsprechen muss, mag man durchlassen, aber dass man, wie in der Erzählung Die Heimkehr der verlorenen Tante zusammen mit recht einfach typisierenden Merkmalen sogar die Augenfarbe des Chauffeurs einer andern Tante erfahren muss, ist nicht einzusehen.

Ungemütlicher literarischer Widerspruch

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Der sprachliche Beschreibungsballast tut nicht nur dem Erzählfluss Abbruch, sondern schafft auch einen ungemütlichen literarischen Widerspruch: Einerseits ist die Identifikation mit den Figuren verweigert, weil dem Leser deren Innenleben vorenthalten wird, und andererseits will der Autor uns über jede noch so sekundäre Figur Details mitgeben, die für die Geschichte vollkommen irrelevant sind. Das ist schade.

Themen des Scheitern dominieren diesen Band, aber weil González‘ seine Figuren auch mit einer Prise Humor und unzähmbarer Lebenslust ausstattet, bleibt nach Ende der Lektüre nicht das Dunkle und Hoffnungslose haften, sondern eine große Farbenpracht und, ja, eine ebenso große Lust, nach Kolumbien aufzubrechen, um Land und Leute kennenzulernen ♦

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt – Erzählungen, 240 Seiten, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kolumbianische Literatur auch über Mauricio Botero: Don Ottos Klassikkabinett


 

Literaturwettbewerb 2021 für Science Fiction Storys

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Ferne Welten – Andere Zeiten

Literatur-Wettbewerb - Ueberlicht 2021 - Science Fiction Ausschreibung - Modern PhantastikSo lautet das Motto der neuen Literaturausschreibung in der ostdeutschen Edition UEBERLICHT der Netz-Plattform Moderne Phantastik.
Gesucht werden unveröffentlichte SF-Geschichten im Umfang von 50’000 bis 99’000 Zeichen.

Verlangt ist „ursprüngliche Science Fiction, am liebsten Utopien“. Hinsichtlich Alter und Nationalität bestehen keine Einschränkungen.
Einsende-Schluss ist am 30. November 2021, hier können die weiteren Einzelheiten nachgelesen werden. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Science Fiction auch über den Technik-Visionär Isaac Asimov


Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Der Mensch, die traurige Maschine

von Alexandra Lavizzari

Der Schweizer Schriftstellerin und Dramatikerin Martina Clavadetscher ist mit „Die Erfindung des Ungehorsams“ eine literarisch beeindruckende Dystopie gelungen, deren formale Struktur auf wunderbare Weise den Inhalt widerspiegelt und ihm Akzente setzt. Wie schon bei ihrem Erstling „Knochenlieder“ lohnt es sich, den Roman gleich zweimal hintereinander zu lesen, oder, in diesem Fall zumindest, nochmals den ersten mit „I.“ überzeichneten Teil, der sich erst im Zusammenhang mit dem letzten Teil in seiner ganzen Schauderhaftigkeit erschließen wird.

Die Autorin Martina Clavadetscher macht dem Leser den Einstieg in ihre düstere Zukunftswelt nicht leicht, und man mag zu Beginn vielleicht vor lauter Rätsel über die virtuose Sprache hinweglesen, weil man sich allzu schnell im Text orientieren möchte.
Wer ist Iris, die mit Eric in einem Appartement in Manhattan lebt und den beiden geladenen Frauen Godwin und Wollestone ihre Geschichte heute unbedingt bis zum Kern erzählen will? Wer ist Ada, von der sie erzählt? Und wer sind ihre Schwestern, „all die Frauen da draußen, die wie Zeitbomben ihr Leben leben“?

Die Erfindung des Ungehorsams - Martina Clavadetscher - Roman - UnionsverlagDie Namen der Gäste liefern immerhin einen ersten Hinweis – Mary Shelleys Vater hieß Godwin und ihre Mutter Wollestonecraft. Mary Shelley, die im Sommer 1816 am Genfer See „Frankenstein“ zu schreiben begann, liefert denn auch eines der beiden Mottos von Clavadetschers Roman: “Ich habe es gefunden. Was mich entsetzt hat, wird andere entsetzen.“
Es, der künstliche Mensch und die mit dessen Erschaffung aufkommenden ethischen Fragen bilden, wie sich bald herausstellt, den Kern dieses komplexen Textes, um den Plot und Sprache in einer sich gegenseitig beleuchtenden Wechselseitigkeit kreisen.

Körperwelten

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Auf Iris in Manhattan folgt im zweiten Teil die Geschichte von Ling in der chinesischen Metropole Shenzhen, einer jungen, leicht autistischen Halbschwester von Iris, die in einer Sexpuppenfabrik arbeitet. Nach Arbeitsschluss trifft sie sich mit ihrer Adoptivgrossmutter Zea zum Ritual in der Pagode und isst Abend für Abend in derselben Imbissbude, bevor sie sich zu Hause den Film „Paradise Express“ zu Gemüte führt. Ihre Arbeit in der Fabrik besteht in der Messung und Prüfung der frisch gegossenen Silikonkörper; „ungewollte Überbleibsel der Gussgeburt“ werden weggebrannt und versiegelt, bis makellose Leiber daliegen und ihnen die Köpfe angeschraubt werden können. Spätestens bei diesen minutiösen Beschreibungen hat uns die Autorin in ihren Bann gezogen und tastet man sich mit zunehmender Faszination – aber auch Beunruhigung – durch das subtile Vexierspiel mit lebenden und leblosen Körpern.

Zeitreise ins viktorianische England

Geniale Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)
Mathematik-Genie und Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)

Zur Entwirrung der verschiedenen Erzählstränge trägt im dritten Teil eine Zeitreise ins viktorianische England bei. Clavadetscher lässt eine Sexpuppe, die Ling aus der Fabrik entwendet hat und als Gefährtin sozusagen adoptiert, die Biografie von Ada Lovelace erzählen, der legitimen Tochter Lord Byrons und Pionierin der modernen Informatik. Mit dieser interessanten Forscherin hat sich Clavadetscher schon in ihrem 2019 in Leipzig uraufgeführten Stück „Frau Ada denkt Unerhörtes“ befasst. Ada Lovelace ist ihr offenbar ein Anliegen.

Prosastück im Roman

Bei der Lektüre dieses dritten Romanteils kann man sich des Eindrucks denn nicht ganz erwehren, dass es sich um ein ursprünglich eigenständiges Prosastück handelt, das die Autorin dann mit neuen, in der Gegenwart spielenden Kapiteln zu einem Roman erweitert hat. Ada Lovelaces Biografie steht nämlich abgerundet und in sich geschlossen da. Wir erfahren alle wesentlichen Fakten und Etappen ihres Lebens von den Mädchenträumen bis zum frühen Krebstod, wo die Beschränkung auf Forschung und kühnen Zukunftsvisionen dem Bruchstückhaften der andern Frauenleben in den Rahmenkapiteln vielleicht besser entsprochen und so dem Roman eine überzeugendere Einheit verliehen hätte.

Ada Lovelace

Differenzmaschine von Ada Lovelace' Freund Charles Babbage - Glarean Magazin
Differenzmaschine von Ada Lovelace‘ Freund Charles Babbage

Seit Kindheit von Maschinen jeglicher Art fasziniert, wollte die mathematisch hochbegabte Ada mit zwölf Jahren eine Flugmaschine erfinden, doch erst fünf Jahre später erlaubte ihr die Begegnung und Freundschaft mit dem Mathematiker Charles Babbage, ihr Zahlenwissen mit der Zukunftsvision vom Potenzial einer „analytischen Maschine“ zu verbinden und darüber zu schreiben. Babbage arbeitete gerade an einer „Differenzmaschine“ und bat Ada, einen französischen Artikel darüber ins Englische zu übersetzen. Eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten war Frauen damals verwehrt, aber Ada ließ sich nicht abschrecken, sondern ergriff die Gelegenheit, ihre eigenen Gedanken zum Übersetzten beizusteuern.
Es entstanden acht „Notizen“, dreifach so lang wie der Artikel selbst, aus denen ersichtlich wird, dass Ada weit über die blossen numerischen Möglichkeiten der Maschine hinaussah. Die Maschine könnte Musiknoten produzieren, argumentierte sie, auch Buchstaben und Bilder, warum nicht? Und weiter: Die Maschine könnte sprechen! Der Schritt zur selbstständig denkenden und handelnden Maschine, also zu Frankensteins Kreatur, wie sie sich Mary Shelley ausgedacht hat, ist theoretisch denn nur noch ein winziger.

Kernfrage Herkunft

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Womit wir wieder bei der erzählenden Sexpuppe sind und schließlich im letzten Kapitel zurück bei Iris in Manhattan landen, die… Doch nein, es werde hier nicht verraten, welche Bewandtnis es mit ihr hat. Bloß sei hingewiesen, dass der Text als Ganzes wie eine Zwiebel angelegt ist – „Hülle über Hülle über Hülle über Kern“, und dass diese Struktur auch Clavadetschers Kernthema illustriert: die Frage der Einmaligkeit des lebenden Körpers im Gegensatz zum identisch wiederholbaren des künstlichen.
Nicht nur die Sexpuppen in der chinesischen Fabrik können ad infinitum aus derselben Gussform kreiiert werden, wird uns gezeigt, sondern auch der Mensch hat seine eigene Gussform, eine biologische Herkunft, die er als Urbild mit sich herumträgt und weitergibt. Jeder Mensch ist ein neues eigenständiges Wesen, eine neue Hülle sozusagen, aber zugleich auch nur das provisorische Endglied in der Kette des sich ständig wiederholenden unzähmbaren Lebens.

Spiegelungen über Raum und Zeit

Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher
Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher

Diese Wiederholbarkeit wird im Roman geschickt durch Bild- und Situationsspiegelungen über Raum und Zeit dargelegt und steuert letztlich auf den verstörenden Zweifel zu, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen künstlichen und menschlichen Wesen gibt. Und dieser Zweifel führt seinerseits zur Frage, was das für eine Welt wäre – oder ist -, in der identische Wesen kein Gefühl der eigenen Identität entwickeln können, weil sie in der Gegenwart des Andern doch nur ins eigene Gesicht blicken.
Ja, was wäre – oder ist – das für eine Welt? Wer eine Antwort sucht, der lasse sich von Martina Clavadetschers Sprachgewalt mitreissen und gehörig überraschen. ♦

Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams, Roman, 288 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-00565-5


Alexandra Lavizzari - Glarean MagazinAlexandra Lavizzari

Geb. 1953 in Basel, Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft, Verschiedene belletristische, kunstgeschichtliche, übersetzerische und literaturkritische Publikationen in Büchern und Zeitungen, lebt als Autorin und Malerin in Somerset/GB


Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren

… sowie zum Thema Schweizer Autorinnen über Isabelle Stamm: Schonzeit (Roman)

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock (Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Biographie oder Kulturgeschichte?

von Isabelle Klein

Ob einem dieses Werk, das sicherlich gut geschrieben und eloquent daher kommt, nun gefällt oder doch eher nicht, ist vor allem von einem abhängig: Was erwartet man von einem Buch, dessen Hauptaugenmerk „Der Mann im roten Rock“, sprich – erwartungsgemäß mehr oder weniger – eine Biographie sein sollte? Diese Frage sollte man sich im Vorfeld besser stellen.

Für mich war quasi selbsterklärend: Ich lese hier eine geistreiche Biographie, deren Ziel es ist, sich Dr. Samuel Pozzi, einem zeitgenössischen Star anzunähern. Selbigen also in den Mittelpunkt der Betrachtung der rund 300 Seiten starken Lektüre gestellt zu sehen.
Weit gefehlt – ob nun meine Erwartung oder der Aufbau dafür verantwortlich ist, sei dahingestellt.

Literaturwissenschaftliches Geflecht

Klar ist nur, dass sich Julian Barnes, zumindest für meinen Lesegeschmack, vergaloppiert. Während man wartet, mehr über den Mann im roten Rock, sein Leben, sein Wirken, sein Inneres und seine Lebensstationen zu erfahren, wird man zunächst erst einmal recht unvermittelt in einen wilden Gedankenfluss rund um zeitgenössische Skandalliteratur (Hysmans „A Rebours“, zu Deutsch: „Gegen den Strich“) geworfen. Hier wird die fiktionale Figur des Jean Floressas des Esseintes dem Grafen de Montesquiou nachempfunden, dieser ist wiederum ein guter Freund Pozzis.

Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi
Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi (1846-1918)

Und so befinden wir uns mitten in einem Belle-Epoque’schen und literaturwissenschaftlichen Geflecht, das über den Kanal schwappt und gerne und unerhört oft, zumindest für mein Empfinden, über des Esseintes und seine Umsetzung in Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ schwadroniert. Und sich darin ausufernd und lamentoartig verliert. Klatsch, v.a. der sexuellen Art – Dekadenz, Duelle und Dandytum sind Programm!

Simples Aneinanderreihen von Belanglosigkeiten

Erwarten Sie, sich bei all dem Pozzi auch nur ansatzweise mal über mehrere Seiten anzunähern? Fehlanzeige. Selbiges geschieht auf gelungene Art und Weise über das Aufzählen belangloser Tatsachen (Ehe, Betrug an selbiger) hinaus erst im letzten Drittel durch die Betrachtung der Tagebucheinträge seiner Tochter Charlotte (wobei der Wahrheitsgehalt fraglich scheint).
Ansonsten bleibt das Ganze, was es ist – ein Tableau vivant, ein Aneinanderreihen von allem, was Rang und Namen in der Belle Epoque hat, zu beiden Seiten des Kanals. Namedropping par excellence, und zwar ein wüstes. Und wieder bleibt die Frage: Sollte man nicht eine besondere Beziehung zu dem Sujet herstellen?
Sollte man sich Sargents Darstellung als auch seinem Werk nicht genauer annähern, als nur Bilder über 300 Seiten aneinanderzureihen? Und süffisant von roten Kordeln als Zeichen eines gewiss beeindruckenden Körperteils eines Stieres zu schwadronieren?

Ohne Punkt und Komma

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Und all das dann auch noch ohne Punkt und Komma. Soll heißen, das Buch weist keinerlei erkennbare Gliederung und Struktur auf. Kapitel? Wer braucht das bei so viel Expertise? Quellennachweise? Dito. Zitate werden gleichfalls nicht belegt. Eine Art Literaturverzeichnis findet man nur hinten in Form von Literaturhinweisen zur deutschen Ausgabe – ganz und gar nicht zufriedenstellend für meinen Geschmack.
Beispielsweise hätte ich auf Seite 51, wenn Barnes auf Queen Victorias „treue Witwenschaft“ verweist, als Fan Viktorianischer Geschichte gerne einen Beleg. Denn sowohl zu Schulzeiten als auch bei weiterführender Lektüre habe ich gelernt, dass Lytton Stracheys erzkonservatives Bild der treuen Witwe eben schon lange widerlegt ist.

Tratsch und Klatsch der Belle Epoque

„Eine Biographie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden, und das gilt nirgends mehr als beim Sex- und Liebesleben“, so Barnes. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass zu Pozzis Lebensende seine getrennt lebende Ehefrau und seine Tochter alle privaten Zeugnisse vernichtet haben, die einen Einblick gegeben hätten, ist es nahezu unmöglich, ein tiefschürfendes Bild von Pozzis Seelenleben zu zeichnen. Und doch bleibt der Autor zu sehr seinen Exkursen verhaftet. Erst am Ende beschreibt er, was für ihn den Reiz des Sujets Pozzi ausmachte.

Karikatur von Adrien Barrère - Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi) - Glarean Magazin
Karikatur von Adrien Barrère: Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi)

Dies versöhnt etwas und öffnet im Nachwort den Blick auf einen außergewöhnlichen Mann, der in heutigen Zeiten des Nationalismus diesen damals zu überwinden versucht hat. Etwas zu fein nuanciert und während der Lektüre nur zu erahnen, hätte es mehr in Worte gefasst werden müssen. Die persönliche Verbindung zu Pozzi bleibt so im Unklaren. Wenngleich oberflächlich einiges von seinem v. a. beruflichen Wirken und Werdegang natürlich abgehakt wird.
Immer wenn man ansatzweise den Eindruck hat, Pozzi irgendwie fassen zu können, entgleitet er wieder ins Dickicht der vielen belanglosen Fakten, die in diesem Umfang, in diesem Werk, so nicht gebraucht werden. Krankt dieses Werk an einer gewissen Selbstverliebtheit infolge überzogener Selbstdarstellung des Autors?

Ein Meister der Ironie

Trotz versöhnlicher Noten gegen Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack. Hätte ich eine Monographie über Oscar Wildes Dorian Gray und die Frage lesen wollen, ob dies nun eine abkupferte Variante von Hysmans „Gegen den Strich“ ist, hätte ich eben nicht zu „Der Mann im roten Rock“ gegriffen. Hätte mich die Belle Epoque in erster Linie mit all ihrem Glanz, ihrem Klatsch, ihren sexuellen Ausschweifungen, ihrem Dandytum und all ihren illustren Namen gereizt, hätte ich einen Bildband gewählt.

Julian Barnes - Schriftsteller - Glarean Magazin
Julian Barnes (*1946)

Sicherlich weiß Julian Barnes, worüber er schreibt, und er ist ein Meister der Ironie und der unterhaltsamen Seitenhiebe – doch letztlich hat er, so wie er dieses Buch konzipiert, für mich das Ziel verfehlt, dem Leser die illustre Gestalt des Dr. Samuel Pozzi nahezubringen. Und so haucht auch unser Star sein Leben wie viele andere als Folge eines geglückten Attentats oder misslungenen Duells aus.

Zu viel zu unstrukturiert in zu wenige Seiten gepackt – so das Fazit. Eine verwirrende, da gedanklich nicht immer nachvollziehbare Lektüre, die meist zäh mäandert, um dann wieder wüst auszuschlagen. Letztlich eine Frage der Erwartung, die der Leser an dieses Buch stellt. Für mich ein ermüdendes Unterfangen, das nur zu sehr zum Querlesen anregt.

Zur deutschen Ausgabe: Kiepenhauer & Witsch gibt ein hochwertig aufgemachtes Buch heraus – dem nur eines fehlt: ein rotes Lesezeichen. ♦

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock, Biographie, 298 Seiten, Verlag Kiepenhauer & Witsch, ISBN 978-3-462-05476-7

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Biographien auch über den Arzt Albert Schweitzer von Claus Eurich: Radikale Liebe


Werner K. Bliß: Im blauen Land (Vier poetische Orte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Im blauen Land

Vier poetische Orte

Werner Bliß


ödön

aufbruch
zum see auf
eichengesäumter allee
erspüren dramatischer w:orte
von horváth

kein gewitter im anzug
in der jackentasche
das notizbuch

Niemand prophezeit uns
eine italienische Nacht oder
das bedeutendste ereignis
unseres lebens

das
endgültigste

See - © Werner Bliss - Glarean Magazin
Goldenes Glück - © Werner Bliss - Glarean Magazin

bucht 27

ein hündchen spielt dem
fremden ein lächeln
ins gesicht

der weißwein am
nebentisch löst
die zunge

das wort jahrhundert-
wende fällt wir
verstummen
halten inne

der ausflugsdampfer pflügt
konzentrische kreise
goldenes glück
am sonnigen
spinnenfaden

aus herzogin annas bilderbuch

für Izabella und Florian

fernab
der welt
dem zeitgeist

hufschläge der kindheit

zurückblättern
der seiten anhalten
abgeschabtes neu bebildern
beschriften wortbilder von hinten
aufzäumen galoppwechsel
im grünen veltliner
trinken

eine volte für die kartoffel im
handgedrehten knödel eine
piaffe für die biersoße
versammlung
finden

vom biergarten
den heimgarten
wagen

Kindheit - © Werner Bliss - Glarean Magazin
Das Unerhörte - © Werner Bliss - Glarean Magazin

schwaiganger zwai

war es des wallachs
wiehern war´s der
geruch am
pferdehals
die hand
erzählt dem
mähnenhaar
vom
schweiß
vom stolz
vom unerhörten


Werner Bliss - Schriftsteller - Glarean MagazinWerner K. Bliß

Geb. 1950 in Schiltach/D, Studium der Chemie und Mathematik, anschließend jahrelang als Pädagoge tätig, zahlreiche Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern, Zeitschriften und Online-Portalen, verschiedene Bilder- und Objekt-Ausstellungen, lebt als Autor und Künstler in Hausach/D

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Lyrik auch das „Gedicht des Tages zum Jahreswechsel 2020/21“ von Johann W. von Goethe: Dauer im Wechsel

… sowie zum Thema Neue Gedichte von Tanja Dückers: Lacrimosa


Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Unverwüstlicher angelsächsischer Optimismus

von Bernd Giehl

Der Bestsellerautor Matt Haig hat ein neues Buch in Deutschland veröffentlicht. Bisher hat Haig, 1975 in Sheffield/England geboren, 11 Bücher in deutscher Übersetzung auf den Markt gebracht. „Die Mitternachtsbibliothek“ (The Midnight Library) ist sein zwölftes.
Viele seiner Romane sind im Raum der Phantastik angesiedelt. Haig bekennt sich zu seiner Diagnose „Depression“. Dass er die Krankheit kennt, spürt man in der „Mitternachtsbibliothek“.

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, Droemer VerlagAls ich anfing, das Buch zu lesen, wunderte ich mich bald. Es war die Sprache. Mehr wusste ich nicht. Aber ich las nur ein paar Seiten. Mein eigener Roman, an dem ich gerade schrieb, brauchte all meine Aufmerksamkeit.
Als ich nach ein paar Tagen weiterlas, kam die Verwunderung wieder. Eigentlich war sie tief abgesunken. Ich hatte schließlich zu tun; Sie erinnern sich. Ein langes Kapitel meines Romans hatte von Leben und Tod gehandelt, und ums Leben oder Sterben dreht es sich auch in der Mitternachtsbibliothek“. Nur dass die Heldin „freiwillig“ in den Tod geht, weil ihr Leben von einem „Schwarzen Loch“ angezogen wird. Falls es denn so etwas wie „Freiwillig in den Tod gehen“ gibt.

Den Pflegekräften im Gesundheitswesen gewidmet

Haigs Roman ist ein Zitat von Sylvia Plath vorangestellt, der amerikanischen Dichterin und Ehefrau von Ted Hughes, die vor allem durch ihr kurzes Leben voller Unglück und ihren anschließenden „Freitod“ berühmt geworden ist. Ihre Lyrik ist kompliziert. Ted Hughes hat ihr einen wunderbaren Gedichtband gewidmet: „Birthday Letter“. Wer ein solches Zitat voranstellt, stellt sich einem hohen Anspruch.
Außerdem gibt es auch noch eine Widmung „Für alle Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Und für die Pflegekräfte. Danke.“ Das klingt anders. Sehr anders. Hat das etwas mit dem Roman zu tun?

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Aber das nur am Rand. Zunächst sieht es ja auch ganz danach aus, als könne der Autor den Anspruch des Plath-Zitats erfüllen. „Neunzehn Jahre, bevor sie starb, saß Nora Seed in der kleinen, warmen Bibliothek der Hazeldine Schule in Bedford. Sie saß an einem niedrigen Tisch und starrte auf ein Schachbrett.“
Das nächste Kapitel beginnt mit fast den gleichen Worten: „Siebenundzwanzig Stunden bevor sie beschloss zu sterben, saß Nora Seed auf ihrem schäbigen Sofa, scrollte sich durch die glücklichen Leben anderer Menschen und wartete darauf, dass irgendetwas passierte.“ „Variation eines Leitmotivs“ nennt man so etwas in der Musik.

Locker-coole Sprache

Aber dann liest man weiter und wundert sich erneut. Gut, hier wird vom gewöhnlichen Unglück einer nicht mehr ganz jungen Frau erzählt, die vor kurzem ihre Hochzeit hat platzen lassen. Ihre Katze ist gerade überfahren worden und ihr Bruder hat nicht bei ihr vorbeigeschaut, als er einen Freund in der Stadt besucht hat. Man kann verschiedener Meinung sein, ob das Gründe sind, sich das Leben zu nehmen. Aber darauf kommt es auch weniger an. Eine alte Kritiker-Weisheit sagt: Wichtig ist die Sprache, die einer schreibt. Notfalls kann er dann auch einen beliebigen Tag mit eher langweiligen Menschen in Dublin beschreiben, die durch die Stadt ziehen und sich auch einmal begegnen. Ereignisloser als der „Ulysses“ sind wenige Romane.

Matt Haig - Schriftsteller - Glarean Magazin
Matt Haig (*1975)

Es dauerte also einige Zeit, ehe ich mich an Haigs Sprache gewöhnt hatte. Zuerst dachte ich: Matt Haig hat das Buch für Jugendliche geschrieben. So locker und „cool“ kommt es daher. Aber dann habe ich gelesen, dass Nora Seed ja schon 35 ist. Für einen Jugendlichen ist das jenseits von Gut und Böse.
Im Kapitel „Antimaterie“ ändert sich dann der Ton. Da geht Mattis näher ran, und aus der Plastiksprache mit Soundeffekten wird etwas anders: ein Autor, der sich in die Verzweiflung seiner Protagonistin einzufühlen beginnt. Erst recht passiert das im Kapitel „Das Buch des Bereuens“, das Nora Seed, die nun in die „Mitternachtsbibliothek“ eingetreten ist und ihre alte Schulbibliothekarin Mrs. Elm wiedertrifft, als erstes in die Hand nimmt. Da stehen all die Dinge drin, die sie im Lauf ihres Lebens getan und später gern ungeschehen gemacht hätte, von den Kleinigkeiten bis zur Entscheidung, ihren Freund Dan nicht zu heiraten.
Für einen Jugendlichen oder eine Leserin von Frauenromanen ist das gut geschrieben, aber wer jemals den „Stiller“ oder gar „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch gelesen hat, kennt andere, „modernere“ Möglichkeiten, das Thema zu beschreiben.

Philosophische Massentauglichkeit

An der Sprache hätte Matt Haig also ruhig noch etwas arbeiten können Allerdings wäre das Buch dann nicht mehr massentauglich geworden und bei Droemer erschienen, sondern bestenfalls bei Hanser. Vielleicht auch nur in einem anspruchsvollen Kleinverlag wie Stroemfeld/Roter Stern. (Natürlich bezogen auf die englische Verlagslandschaft, die ich aber nicht kenne.) Und Übersetzungen wären natürlich auch nicht drin gewesen. Man muss sich eben entscheiden, was man will. Da der Autor vorgibt, Nora sei Philosophin und habe sich ausgiebig mit Henry David Thoreau und dessen Buch „Walden“ beschäftigt, einer Studie über selbstgewählte Einsamkeit in den Wäldern von Massachusetts, das er 1845 schrieb, würde ein Roman in einer hochliterarischen Sprache sicher passen.

Dem Leser einfach gemacht

Die Bibliothek - Büchersammlung - Der Ort der vielen Leben - Glarean Magazin
Der Ort der vielen Leben: Die Bibliothek

Aber Matt Haig will mehr. Deshalb macht er es dem Leser einfach. Er lässt Nora an der Schwelle zwischen Leben und Tod in einer Bibliothek landen, die nur ein einziges Buch in unzähligen Variationen enthält: das Buch ihres eigenen Lebens. Eins davon ist das „Buch des Bereuens“, die anderen enthalten ihr Leben als Olympiateilnehmerin (sie war eine englische Spitzenschwimmerin), als Gletscherforscherin in der Arktis (das war einmal ihr Traum) als Frau eine Pub-Betreibers (Dans Traum), als Besitzerin einer Katze. Aber jedes Mal scheitert dieses Leben.

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Auf Spitzbergen, wo sie Eisberge erforscht und einem Eisbären begegnet, der sie als Mittagessen betrachtet, dem sie aber entkommt, trifft sie Hugo, der – wie sie selbst – eine Reise durch seine eigenen möglichen Leben macht. Selbstverständlich glaubt Nora, er sei für sie bestimmt. Sie befindet sich schließlich im Buch eines Bestseller-Autors.
Aber natürlich bleibt auch er nicht, denn Nora muss weiter; diesmal als Musikerin, und wenn der geneigte Leser gehofft hatte, dass sie diesmal als Mitglied einer Garagenband vor dreißig Leuten auftritt und dabei glücklich wird, wird er natürlich enttäuscht. Sie findet sich in ihrer alten Band „The Labyrinthians“ wieder, und die spielen vor zehntausenden begeisterten Zuhörern in Sao Paulo. Am nächsten Tag wird es weitergehen nach Rio. Danach steht Asien auf dem Tourneeplan.
Jetzt weiß der Leser zwar immer noch nicht, welches Leben sich Nora wünscht, aber die Träume von Matt Haig kennt er dafür umso besser.

Es gibt kein wahres Leben im falschen

An diesem Punkt hätte ich beinah aufgehört zu lesen. Es waren zwar immer noch 120 Seiten bis zum großem Finale, aber ich war erst einmal bedient. Das Thema gefiel mir, aber ein Buch ist mehr als eine These oder ein Thema. Ich hätte also aufgegeben, so wie Nora Seed – aber in dem Moment schien der Autor zu spüren, dass er es zu weit getrieben hatte. Er lässt sie noch einmal in die Bibliothek zurückkehren, die sie in ihrem Zorn fast zerstört, und hernach sind es „normale“ Leben, die sie ausprobieren darf: Als Besitzerin einer Hundezucht, als Ehefrau eines kalifornischen Winzers – und schließlich in einem zusammenfassenden Kapitel alle nur erdenklichen Leben. Nur jenes der Geisha fehlt in der Aufzählung, aber das kann Haig in der nächsten Ausgabe ja noch hinzufügen.

Philosoph Theodor W. Adorno - Es gibt kein wahres Leben im falschen - Glarean Magazin
Philosoph Theodor W. Adorno: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“

Doch die wirkliche Erkenntnis, die Matt Haig uns durch Nora Seed verkünden lässt, lautet: „Es gibt kein wahres Leben im falschen.“ Verzeihung, da habe ich mich wohl bei den Philosophen vergriffen. Adorno wird von ihr ja nicht einmal erwähnt. Und da Haig nun einmal dem Pessimismus abgeschworen hat, muss ich es so formulieren: Es gibt nur ein wahres Leben, und das ist jenes, das du gerade lebst. Dementsprechend stürzt die Mitternachtsbibliothek in dem Moment ein, als Nora gerade ihr ideales Leben gefunden zu haben scheint, und Nora wird vor ihrem Selbstmordversuch gerettet.

Optimismus à la Camus

Es ist der unverwüstliche angelsächsische Optimismus, der mich stört. Natürlich beeinflusst er auch die Sprache. Am Ende ist alles gut, und Nora kann mit einer neuen Erkenntnis in ihr altes Leben zurückkehren.
Dennoch: Ich habe das Buch gern und auch mit Gewinn gelesen. Es ist die optimistische Variante von Camus‘ Erkenntnis, dass man dem Absurden trotzen und den Stein weiterwälzen muss. Selbst wenn er auf dem Gipfel wieder herunterrollt.
Allerdings würde Matt Haig das so niemals formulieren. ♦

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, 320 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28256-4

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