Helmut Krausser: Glutnester (Gedichte)

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Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

von Stefan Walter

Helmut Krausser, Jahrgang 1964, ist Schriftsteller, Komponist und Schachspieler. Nach mehreren Romanen hat er nun wieder einen Gedichte-Band veröffentlicht mit dem Titel „Glutnester“.

Die Umschlaggestaltung der „Glutnester“ ist etwas melancholisch ausgefallen, aber gelungen. Noch zum Äußerlichen: Die Verlagswerbung auf den letzten Seiten finde ich persönlich bei einem Lyrikband etwas unangebracht, aber Verlag und Künstler wollen ja auch leben – dazu unten mehr.
Auf den über 100 Seiten finden sich etwa 90 Gedichte. Stilistisch geht es querbeet, mal mit Reim, mal ohne, mal mit regelmäßigem Metrum, mal ohne, mal mit Stropheneinteilung, mal – Sie ahnen es – ohne. Ein paar experimentelle Texte sind dabei, ein paar Sonette.

Querbeet durch die Stile und Zeiten

Inhaltlich setzt sich auf den ersten Blick diese Beliebigkeit fort. Da gibt es Albernes wie:
„Anfanghund / (…) Freundin sagt: Mach mehr Hund. / (…) Die Leute hassen Gedichte, doch sie / lieben Hunde, das hebt sich auf, / (…) Endehund.“
Oder Satirisches:
„O wie sie Ravioli macht, / (…) Grün-rot-gelb leuchtet ihr / Werk, und wie verdorben / müsste man sein, sich / diese exorbitante Kreation einzuverleiben (…) Ich fotografiere ihre / Ravioli, stelle sie auf / Facebook und Instagram / zur Schau (…)“.
Auch Banales wie:
„Mir fällt partout auf Reim kein / so zwingend geiler Reim ein (…)“
Oder Niveauloses wie:
„Dörte mi fa so lala, / schwörte mir Amore ma. / (…) Wann krichste wieda Lust, frag ichse, / weil ich seit April schon (…)“.

Helmut Krausser - Glarean Magazin
Helmut Krausser

Dazwischen finden sich jedoch die Texte, in denen Krausser glänzen kann:
„Unten macht der Plebs publik, / wieviel er heut gesoffen hat. / Oben schreib ich die Musik / der Zukunft auf ein Notenblatt. (…)“ ist eine hübsche Übertragung von Schillers „Bittschrift“.
Im titelgebenden „Glutnester suchen“ bezieht sich Krausser – sicher nicht zufällig – auf (Karl) Kraus, in Begrifflichkeit, Stil und Ironie:
„(…) bis / ich Feuer fange, brenne, / wieder Fackel bin und / zündeln kann.“

Von Adorno bis Krausser

Überhaupt, diese vielen Anspielungen des Intellektuellen Krausser. Schostakowitsch bewundert er, über Adorno und die Beatles macht er sich lustig. Auf den „Faust“ weist er hin, oder auf William Carlos Williams berühmtes „This is just to say“, auf die „Loreley“, das „Nibelungenlied“, Dantes „Inferno“, auf „Jesaja“, auf Artaud, auf Clint Eastwood und natürlich immer wieder auf Krausser.
Krausser schreibt Gedichte im Stil des Expressionismus, des Symbolismus, der Minnelyrik – und schafft es in allen Fällen konsequent, das Zitierte zu subvertieren.

Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

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Bleibt (als letzte große Gruppe von Gedichten) noch Kraussers Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein. In „Glückliche Künstler“ streiten die frisch bezahlten Titelhelden darum, wer die Rechnung im Restaurant übernehmen darf: „(…) der Kellner bringt / Pizza“.
In „Vor etwa 6’000 Jahren“ erzählt uns der Dichter von seinen Anfängen:
Er „(…) brachte / die Leute zum Lachen und / Weinen und bat am Ende um / ein wenig zu essen (…)“, während eine junge Literatin ihm erklärt:
„(…) sie schreibe für sich selbst / (…) Spannungslinien finde sie / ermüdend (…)“. Mit wenig Begeisterung stellt er dabei fest:
Sie „(…) lebt von Preisen und / Stipendien und lacht über / mich Knecht, der ich jeden Tag schufte (…)“.

Und in diesem Sinne passt das wilde Durcheinander dann doch wieder zusammen. Krausser bringt viel, um manchem etwas zu bringen. Er stellt den anspruchsvollen Leser mit Artaud zufrieden; den schnapsvollen mit derben Späßchen; die Freundin mit Hunden; und den Verleger mit Füllmaterial.
Wir sind also gut unterhalten, und der arme Poet kann seinen Magen füllen.♦

Helmut Krausser: Glutnester – Gedichte, 112 Seiten, Piper/Berlin Verlag, ISBN 978-3827013941

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Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt (Prosa)

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Humor und unzähmbare Lebenslust

von Alexandra Lavizzari

Sechs Romane des hochgelobten kolumbianischen Autors Tomás González (1950 in Medellín geboren) liegen bereits in deutscher Übersetzung vor; nun gibt der Verlag Edition 8 eine Sammlung von Erzählungen heraus, die drei Bänden aus den Jahren 1993, 2012 und 2016 entnommen sind und mit drei weiteren Erzählungen ergänzt wurden. Unter der Betreuung von Peter Schultze-Kraft haben sein Bruder Rainer, seine Tochter Ophelia, Gert Loschütz, Peter Stamm und Jan Weiz jeweils im Zweigespann an deren Übertragung aus dem Spanischen gearbeitet.

Der Klappentext geizt nicht mit Superlativen und weckt hohe Erwartungen, wenn gewisse Szenen in der einleitenden Erzählung eines Samuel Beckett für würdig befunden werden und andernorts Tschechow zum Vergleich herangezogen wird. Das klingt vielversprechend, sagt man sich, öffnet den sehr schön gestalteten Band und vertieft sich noch so gerne in die erste Erzählung „Ein unwahrscheinliches Grün“.

Boris…

Man kann sich nach einer Weile fragen, ob es fünfzig Seiten bedarf, um die psychiche und soziale Abwärtsspirale zu beschreiben, die den Maler Boris nach einem nicht näher erläuterten Todesfall in einen obdachlosen Alkoholiker verwandelt. Wohin die Geschichte steuert, steht nämlich nach wenigen Seiten fest: Boris schlittert und schlittert, wobei der Autor seinen Lesern die Einsicht in dessen Gefühlswelt verweigert und sich stattdessen, einem unbeteiligten Chronisten gleich, auf die minutiöse Protokollierung dieses Abstiegs beschränkt. Immerhin wird die Konsequenz des distanzierten Blicks hin und wieder durchbrochen und darf der Leser mitbekommen, was Boris empfindet.

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt - Erzählungen, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5Solche Passagen sind jedoch Ausnahmen in González‘ ästhetischem Programm, denn dem Autor geht es hier um mehr als um die Aufzeichnung eines individuellen Schicksals. Sein Thema ist Ohnmacht und Scheitern des Menschen auf existenzieller Skala, und dazu gehört auch, ganz im Beckettschen Sinn, das reine Aufzählen von Bewegungsabläufen, die unaufhaltsam auf den Nullpunkt zusteuern.
Der Leser sieht diesen für Boris am Horizont aufblitzen, aber González, der sich als ein wahrer Meister im Enden seiner Geschichten erweist, bricht vorher ab. Boris legt sich einfach schlafen, und wir wissen: es geht noch ein Stückchen weiter abwärts, und noch ein Stückchen, und das einzige, was dem Gescheiterten bleibt, ist, mit Würde hinzunehmen, dass dem so ist.

Carola…

González lässt uns in diesem Band am Leben verschiedenster Menschen teilhaben: Scheiternde wie Boris sind auch Carola in „Carola Dicksons unendliche Reise“, und der Ich-Erzähler in Víctor kehrt zurück. Erstere ist Lehrerin in Brooklyn und setzt sich in den Kopf, nach ihrer Pensionierung die Welt zu umseglen, um den Menschen zu helfen. Sie kauft sich schon Jahre vor ihrem Vorhaben ein Boot, lernt segeln, kauft Kompass und Sextanten und fühlt sich an Bord bald geborgener als im eigenen Zuhause.

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Die Sturheit, mit welcher diese Frau ihr Ziel vorbereitet, verleiht ihr von Anfang an eine rührende Tragik, und tatsächlich kommt es, wie es bei einem solch verrückten Unterfangen eben kommen muss. Carola gerät in einen Sturm und erleidet Schiffbruch. Den Menschen ist nicht zu helfen – und Carola auch nicht. Der Text lässt offen, ob sie nach diesem Debakel nicht einen zweiten Versuch starten wird.

Víctor…

Víctors Geschichte reiht sich thematisch nahtlos an jene von Boris, Carola und manch anderer Figur in diesem Band, doch zeichnet sie eine besonders originelle Erzähltechnik aus, die dem erzählten Tatbestand Vielschichtigkeit verleiht. Víctor kehrt zurück nach New Orleans, dem Ort, an dem er vor zwölf Jahren mit Frau und Tochter gelebt hat. Während der Reise erinnert er sich an die Umstände seines Weggangs, an den in extremis verhinderten Gewaltakt an seiner Frau, die darauf die Türschlösser auswechselte und ihn schließlich festnehmen ließ, weil er sie nicht in Ruhe ließ. „Warum will man zurück, wenn man nicht kann, dachte ich.“

Tomás González - Schriftsteller - Glarean Magazin
Tomás González (*1950)

Diese Rückreise, in einer Art Bewusstseinsstrom erzählt, oszillierend zwischen kühl beobachteter Gegenwart und emotionsgeladener Vergangenheit, gehört zu den besten Erzählungen des Bandes. Die Grenzen zwischen Innen- und Aussenwelt greifen immer wieder ineinander über, bald überwiegen die Erinnerungen – „stinkend wie ein toter Hund im Mangrovensumpf zur Mittagszeit“ – bald die Wahrnehmung des vertrauten Meerstrandes mit seinen Muscheln und zu Smaragden geschliffenen Flaschenscherben, und geschickt dieser Zone zwischen Damals und Jetzt entlang lässt uns der Autor an dieser eindrücklichen Reise teilhaben.

Don Rafael…

Ähnlich konstruiert der Autor die Reise an die Küste, die den an Alzheimer erkrankten Don Rafael in den Mittelpunkt seiner Familie stellt. Diese schenkt ihm einmal im Jahr die Illusion, mit dem Expreso del Sol an die Küste zu fahren, indem sie die Wohnung in einen Eisenbahnwagen und Wartesaal verwandeln. Die Bahnreise führt durch die üppige Tropenlandschaft Kolumbiens, an verlassenen Bahnhöfen und Bananenpflanzungen vorbei, Leute steigen zu, Verkäuferinnen halten Tamales und Anananascheiben feil, und das alles erleben wir durch die Augen des kranken, aber glücklich zu Hause sitzenden Rafaels und gleichzeitig aus der Sicht der Familienmitglieder, die ihm diese Fahrt mit den ausgefallendsten Mitteln vorgaukeln. Die Geschichte, die übrigens auch als Hörspiel vorliegt, ist klar dem magischen Realismus Gabriel Márquez‘ verpflichtet und vom Autor auch als Hommage ihm zugedacht.

Sprachlicher Ballast und…

Peter Stamm - Glarean Magazin
González-Übersetzer Peter Stamm

Vergleiche mit Márquez und vor allem mit Beckett sind jedoch fehl am Platz, wenn es um die Sprache geht. Peter Stamm lobt González‘ Stil, bezeichnet ihn als „sehr trocken, aber zugleich sehr atmosphärisch.“ Spräche er von seinem eigenen Stil, würde ich mit ihm sofort einig gehen. Aber González ist nicht Peter Stamm, er verzichtet darauf, seine Sprache zu entschlacken, besonders von Adjektiven, deren Häufung oft zu klischierten Beschreibungen von Figuren und Situationen führen: „Der Frau, die ihm das Zimmer vermietete – eine phlegmatische Blondine mit einem naiven, unpersönlichen Auftreten, billigem Schmuck und zerkauten Fingernägeln – …“

… redundante Informationen

Beispiele für redundante Informationen finden sich in allen dreizehn Erzählungen leider zuhauf. Dass die Blondine dem Klischee einer Blondine so genau entsprechen muss, mag man durchlassen, aber dass man, wie in der Erzählung Die Heimkehr der verlorenen Tante zusammen mit recht einfach typisierenden Merkmalen sogar die Augenfarbe des Chauffeurs einer andern Tante erfahren muss, ist nicht einzusehen.

Ungemütlicher literarischer Widerspruch

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Der sprachliche Beschreibungsballast tut nicht nur dem Erzählfluss Abbruch, sondern schafft auch einen ungemütlichen literarischen Widerspruch: Einerseits ist die Identifikation mit den Figuren verweigert, weil dem Leser deren Innenleben vorenthalten wird, und andererseits will der Autor uns über jede noch so sekundäre Figur Details mitgeben, die für die Geschichte vollkommen irrelevant sind. Das ist schade.

Themen des Scheitern dominieren diesen Band, aber weil González‘ seine Figuren auch mit einer Prise Humor und unzähmbarer Lebenslust ausstattet, bleibt nach Ende der Lektüre nicht das Dunkle und Hoffnungslose haften, sondern eine große Farbenpracht und, ja, eine ebenso große Lust, nach Kolumbien aufzubrechen, um Land und Leute kennenzulernen ♦

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt – Erzählungen, 240 Seiten, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kolumbianische Literatur auch über Mauricio Botero: Don Ottos Klassikkabinett


 

Literaturwettbewerb 2021 für Science Fiction Storys

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Ferne Welten – Andere Zeiten

Literatur-Wettbewerb - Ueberlicht 2021 - Science Fiction Ausschreibung - Modern PhantastikSo lautet das Motto der neuen Literaturausschreibung in der ostdeutschen Edition UEBERLICHT der Netz-Plattform Moderne Phantastik.
Gesucht werden unveröffentlichte SF-Geschichten im Umfang von 50’000 bis 99’000 Zeichen.

Verlangt ist „ursprüngliche Science Fiction, am liebsten Utopien“. Hinsichtlich Alter und Nationalität bestehen keine Einschränkungen.
Einsende-Schluss ist am 30. November 2021, hier können die weiteren Einzelheiten nachgelesen werden. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Science Fiction auch über den Technik-Visionär Isaac Asimov


Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams (Roman)

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Der Mensch, die traurige Maschine

von Alexandra Lavizzari

Der Schweizer Schriftstellerin und Dramatikerin Martina Clavadetscher ist mit „Die Erfindung des Ungehorsams“ eine literarisch beeindruckende Dystopie gelungen, deren formale Struktur auf wunderbare Weise den Inhalt widerspiegelt und ihm Akzente setzt. Wie schon bei ihrem Erstling „Knochenlieder“ lohnt es sich, den Roman gleich zweimal hintereinander zu lesen, oder, in diesem Fall zumindest, nochmals den ersten mit „I.“ überzeichneten Teil, der sich erst im Zusammenhang mit dem letzten Teil in seiner ganzen Schauderhaftigkeit erschließen wird.

Die Autorin Martina Clavadetscher macht dem Leser den Einstieg in ihre düstere Zukunftswelt nicht leicht, und man mag zu Beginn vielleicht vor lauter Rätsel über die virtuose Sprache hinweglesen, weil man sich allzu schnell im Text orientieren möchte.
Wer ist Iris, die mit Eric in einem Appartement in Manhattan lebt und den beiden geladenen Frauen Godwin und Wollestone ihre Geschichte heute unbedingt bis zum Kern erzählen will? Wer ist Ada, von der sie erzählt? Und wer sind ihre Schwestern, „all die Frauen da draußen, die wie Zeitbomben ihr Leben leben“?

Die Erfindung des Ungehorsams - Martina Clavadetscher - Roman - UnionsverlagDie Namen der Gäste liefern immerhin einen ersten Hinweis – Mary Shelleys Vater hieß Godwin und ihre Mutter Wollestonecraft. Mary Shelley, die im Sommer 1816 am Genfer See „Frankenstein“ zu schreiben begann, liefert denn auch eines der beiden Mottos von Clavadetschers Roman: “Ich habe es gefunden. Was mich entsetzt hat, wird andere entsetzen.“
Es, der künstliche Mensch und die mit dessen Erschaffung aufkommenden ethischen Fragen bilden, wie sich bald herausstellt, den Kern dieses komplexen Textes, um den Plot und Sprache in einer sich gegenseitig beleuchtenden Wechselseitigkeit kreisen.

Körperwelten

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Auf Iris in Manhattan folgt im zweiten Teil die Geschichte von Ling in der chinesischen Metropole Shenzhen, einer jungen, leicht autistischen Halbschwester von Iris, die in einer Sexpuppenfabrik arbeitet. Nach Arbeitsschluss trifft sie sich mit ihrer Adoptivgrossmutter Zea zum Ritual in der Pagode und isst Abend für Abend in derselben Imbissbude, bevor sie sich zu Hause den Film „Paradise Express“ zu Gemüte führt. Ihre Arbeit in der Fabrik besteht in der Messung und Prüfung der frisch gegossenen Silikonkörper; „ungewollte Überbleibsel der Gussgeburt“ werden weggebrannt und versiegelt, bis makellose Leiber daliegen und ihnen die Köpfe angeschraubt werden können. Spätestens bei diesen minutiösen Beschreibungen hat uns die Autorin in ihren Bann gezogen und tastet man sich mit zunehmender Faszination – aber auch Beunruhigung – durch das subtile Vexierspiel mit lebenden und leblosen Körpern.

Zeitreise ins viktorianische England

Geniale Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)
Mathematik-Genie und Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)

Zur Entwirrung der verschiedenen Erzählstränge trägt im dritten Teil eine Zeitreise ins viktorianische England bei. Clavadetscher lässt eine Sexpuppe, die Ling aus der Fabrik entwendet hat und als Gefährtin sozusagen adoptiert, die Biografie von Ada Lovelace erzählen, der legitimen Tochter Lord Byrons und Pionierin der modernen Informatik. Mit dieser interessanten Forscherin hat sich Clavadetscher schon in ihrem 2019 in Leipzig uraufgeführten Stück „Frau Ada denkt Unerhörtes“ befasst. Ada Lovelace ist ihr offenbar ein Anliegen.

Prosastück im Roman

Bei der Lektüre dieses dritten Romanteils kann man sich des Eindrucks denn nicht ganz erwehren, dass es sich um ein ursprünglich eigenständiges Prosastück handelt, das die Autorin dann mit neuen, in der Gegenwart spielenden Kapiteln zu einem Roman erweitert hat. Ada Lovelaces Biografie steht nämlich abgerundet und in sich geschlossen da. Wir erfahren alle wesentlichen Fakten und Etappen ihres Lebens von den Mädchenträumen bis zum frühen Krebstod, wo die Beschränkung auf Forschung und kühnen Zukunftsvisionen dem Bruchstückhaften der andern Frauenleben in den Rahmenkapiteln vielleicht besser entsprochen und so dem Roman eine überzeugendere Einheit verliehen hätte.

Ada Lovelace

Differenzmaschine von Ada Lovelace' Freund Charles Babbage - Glarean Magazin
Differenzmaschine von Ada Lovelace‘ Freund Charles Babbage

Seit Kindheit von Maschinen jeglicher Art fasziniert, wollte die mathematisch hochbegabte Ada mit zwölf Jahren eine Flugmaschine erfinden, doch erst fünf Jahre später erlaubte ihr die Begegnung und Freundschaft mit dem Mathematiker Charles Babbage, ihr Zahlenwissen mit der Zukunftsvision vom Potenzial einer „analytischen Maschine“ zu verbinden und darüber zu schreiben. Babbage arbeitete gerade an einer „Differenzmaschine“ und bat Ada, einen französischen Artikel darüber ins Englische zu übersetzen. Eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten war Frauen damals verwehrt, aber Ada ließ sich nicht abschrecken, sondern ergriff die Gelegenheit, ihre eigenen Gedanken zum Übersetzten beizusteuern.
Es entstanden acht „Notizen“, dreifach so lang wie der Artikel selbst, aus denen ersichtlich wird, dass Ada weit über die blossen numerischen Möglichkeiten der Maschine hinaussah. Die Maschine könnte Musiknoten produzieren, argumentierte sie, auch Buchstaben und Bilder, warum nicht? Und weiter: Die Maschine könnte sprechen! Der Schritt zur selbstständig denkenden und handelnden Maschine, also zu Frankensteins Kreatur, wie sie sich Mary Shelley ausgedacht hat, ist theoretisch denn nur noch ein winziger.

Kernfrage Herkunft

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Womit wir wieder bei der erzählenden Sexpuppe sind und schließlich im letzten Kapitel zurück bei Iris in Manhattan landen, die… Doch nein, es werde hier nicht verraten, welche Bewandtnis es mit ihr hat. Bloß sei hingewiesen, dass der Text als Ganzes wie eine Zwiebel angelegt ist – „Hülle über Hülle über Hülle über Kern“, und dass diese Struktur auch Clavadetschers Kernthema illustriert: die Frage der Einmaligkeit des lebenden Körpers im Gegensatz zum identisch wiederholbaren des künstlichen.
Nicht nur die Sexpuppen in der chinesischen Fabrik können ad infinitum aus derselben Gussform kreiiert werden, wird uns gezeigt, sondern auch der Mensch hat seine eigene Gussform, eine biologische Herkunft, die er als Urbild mit sich herumträgt und weitergibt. Jeder Mensch ist ein neues eigenständiges Wesen, eine neue Hülle sozusagen, aber zugleich auch nur das provisorische Endglied in der Kette des sich ständig wiederholenden unzähmbaren Lebens.

Spiegelungen über Raum und Zeit

Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher
Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher

Diese Wiederholbarkeit wird im Roman geschickt durch Bild- und Situationsspiegelungen über Raum und Zeit dargelegt und steuert letztlich auf den verstörenden Zweifel zu, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen künstlichen und menschlichen Wesen gibt. Und dieser Zweifel führt seinerseits zur Frage, was das für eine Welt wäre – oder ist -, in der identische Wesen kein Gefühl der eigenen Identität entwickeln können, weil sie in der Gegenwart des Andern doch nur ins eigene Gesicht blicken.
Ja, was wäre – oder ist – das für eine Welt? Wer eine Antwort sucht, der lasse sich von Martina Clavadetschers Sprachgewalt mitreissen und gehörig überraschen. ♦

Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams, Roman, 288 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-00565-5


Alexandra Lavizzari - Glarean MagazinAlexandra Lavizzari
Geb. 1953 in Basel, Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft, Verschiedene belletristische, kunstgeschichtliche, übersetzerische und literaturkritische Publikationen in Büchern und Zeitungen, lebt als Autorin und Malerin in Somerset/GB


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… sowie zum Thema Schweizer Autorinnen über Isabelle Stamm: Schonzeit (Roman)


Julian Barnes: Der Mann im roten Rock (Biographie)

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Biographie oder Kulturgeschichte?

von Isabelle Klein

Ob einem dieses Werk, das sicherlich gut geschrieben und eloquent daher kommt, nun gefällt oder doch eher nicht, ist vor allem von einem abhängig: Was erwartet man von einem Buch, dessen Hauptaugenmerk „Der Mann im roten Rock“, sprich – erwartungsgemäß mehr oder weniger – eine Biographie sein sollte? Diese Frage sollte man sich im Vorfeld besser stellen.

Für mich war quasi selbsterklärend: Ich lese hier eine geistreiche Biographie, deren Ziel es ist, sich Dr. Samuel Pozzi, einem zeitgenössischen Star anzunähern. Selbigen also in den Mittelpunkt der Betrachtung der rund 300 Seiten starken Lektüre gestellt zu sehen.
Weit gefehlt – ob nun meine Erwartung oder der Aufbau dafür verantwortlich ist, sei dahingestellt.

Literaturwissenschaftliches Geflecht

Klar ist nur, dass sich Julian Barnes, zumindest für meinen Lesegeschmack, vergaloppiert. Während man wartet, mehr über den Mann im roten Rock, sein Leben, sein Wirken, sein Inneres und seine Lebensstationen zu erfahren, wird man zunächst erst einmal recht unvermittelt in einen wilden Gedankenfluss rund um zeitgenössische Skandalliteratur (Hysmans „A Rebours“, zu Deutsch: „Gegen den Strich“) geworfen. Hier wird die fiktionale Figur des Jean Floressas des Esseintes dem Grafen de Montesquiou nachempfunden, dieser ist wiederum ein guter Freund Pozzis.

Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi
Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi (1846-1918)

Und so befinden wir uns mitten in einem Belle-Epoque’schen und literaturwissenschaftlichen Geflecht, das über den Kanal schwappt und gerne und unerhört oft, zumindest für mein Empfinden, über des Esseintes und seine Umsetzung in Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ schwadroniert. Und sich darin ausufernd und lamentoartig verliert. Klatsch, v.a. der sexuellen Art – Dekadenz, Duelle und Dandytum sind Programm!

Simples Aneinanderreihen von Belanglosigkeiten

Erwarten Sie, sich bei all dem Pozzi auch nur ansatzweise mal über mehrere Seiten anzunähern? Fehlanzeige. Selbiges geschieht auf gelungene Art und Weise über das Aufzählen belangloser Tatsachen (Ehe, Betrug an selbiger) hinaus erst im letzten Drittel durch die Betrachtung der Tagebucheinträge seiner Tochter Charlotte (wobei der Wahrheitsgehalt fraglich scheint).
Ansonsten bleibt das Ganze, was es ist – ein Tableau vivant, ein Aneinanderreihen von allem, was Rang und Namen in der Belle Epoque hat, zu beiden Seiten des Kanals. Namedropping par excellence, und zwar ein wüstes. Und wieder bleibt die Frage: Sollte man nicht eine besondere Beziehung zu dem Sujet herstellen?
Sollte man sich Sargents Darstellung als auch seinem Werk nicht genauer annähern, als nur Bilder über 300 Seiten aneinanderzureihen? Und süffisant von roten Kordeln als Zeichen eines gewiss beeindruckenden Körperteils eines Stieres zu schwadronieren?

Ohne Punkt und Komma

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Und all das dann auch noch ohne Punkt und Komma. Soll heißen, das Buch weist keinerlei erkennbare Gliederung und Struktur auf. Kapitel? Wer braucht das bei so viel Expertise? Quellennachweise? Dito. Zitate werden gleichfalls nicht belegt. Eine Art Literaturverzeichnis findet man nur hinten in Form von Literaturhinweisen zur deutschen Ausgabe – ganz und gar nicht zufriedenstellend für meinen Geschmack.
Beispielsweise hätte ich auf Seite 51, wenn Barnes auf Queen Victorias „treue Witwenschaft“ verweist, als Fan Viktorianischer Geschichte gerne einen Beleg. Denn sowohl zu Schulzeiten als auch bei weiterführender Lektüre habe ich gelernt, dass Lytton Stracheys erzkonservatives Bild der treuen Witwe eben schon lange widerlegt ist.

Tratsch und Klatsch der Belle Epoque

„Eine Biographie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden, und das gilt nirgends mehr als beim Sex- und Liebesleben“, so Barnes. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass zu Pozzis Lebensende seine getrennt lebende Ehefrau und seine Tochter alle privaten Zeugnisse vernichtet haben, die einen Einblick gegeben hätten, ist es nahezu unmöglich, ein tiefschürfendes Bild von Pozzis Seelenleben zu zeichnen. Und doch bleibt der Autor zu sehr seinen Exkursen verhaftet. Erst am Ende beschreibt er, was für ihn den Reiz des Sujets Pozzi ausmachte.

Karikatur von Adrien Barrère - Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi) - Glarean Magazin
Karikatur von Adrien Barrère: Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi)

Dies versöhnt etwas und öffnet im Nachwort den Blick auf einen außergewöhnlichen Mann, der in heutigen Zeiten des Nationalismus diesen damals zu überwinden versucht hat. Etwas zu fein nuanciert und während der Lektüre nur zu erahnen, hätte es mehr in Worte gefasst werden müssen. Die persönliche Verbindung zu Pozzi bleibt so im Unklaren. Wenngleich oberflächlich einiges von seinem v. a. beruflichen Wirken und Werdegang natürlich abgehakt wird.
Immer wenn man ansatzweise den Eindruck hat, Pozzi irgendwie fassen zu können, entgleitet er wieder ins Dickicht der vielen belanglosen Fakten, die in diesem Umfang, in diesem Werk, so nicht gebraucht werden. Krankt dieses Werk an einer gewissen Selbstverliebtheit infolge überzogener Selbstdarstellung des Autors?

Ein Meister der Ironie

Trotz versöhnlicher Noten gegen Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack. Hätte ich eine Monographie über Oscar Wildes Dorian Gray und die Frage lesen wollen, ob dies nun eine abkupferte Variante von Hysmans „Gegen den Strich“ ist, hätte ich eben nicht zu „Der Mann im roten Rock“ gegriffen. Hätte mich die Belle Epoque in erster Linie mit all ihrem Glanz, ihrem Klatsch, ihren sexuellen Ausschweifungen, ihrem Dandytum und all ihren illustren Namen gereizt, hätte ich einen Bildband gewählt.

Julian Barnes - Schriftsteller - Glarean Magazin
Julian Barnes (*1946)

Sicherlich weiß Julian Barnes, worüber er schreibt, und er ist ein Meister der Ironie und der unterhaltsamen Seitenhiebe – doch letztlich hat er, so wie er dieses Buch konzipiert, für mich das Ziel verfehlt, dem Leser die illustre Gestalt des Dr. Samuel Pozzi nahezubringen. Und so haucht auch unser Star sein Leben wie viele andere als Folge eines geglückten Attentats oder misslungenen Duells aus.

Zu viel zu unstrukturiert in zu wenige Seiten gepackt – so das Fazit. Eine verwirrende, da gedanklich nicht immer nachvollziehbare Lektüre, die meist zäh mäandert, um dann wieder wüst auszuschlagen. Letztlich eine Frage der Erwartung, die der Leser an dieses Buch stellt. Für mich ein ermüdendes Unterfangen, das nur zu sehr zum Querlesen anregt.

Zur deutschen Ausgabe: Kiepenhauer & Witsch gibt ein hochwertig aufgemachtes Buch heraus – dem nur eines fehlt: ein rotes Lesezeichen. ♦

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock, Biographie, 298 Seiten, Verlag Kiepenhauer & Witsch, ISBN 978-3-462-05476-7

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Biographien auch über den Arzt Albert Schweitzer von Claus Eurich: Radikale Liebe


Werner K. Bliß: Im blauen Land (Vier poetische Orte)

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Im blauen Land

Vier poetische Orte

Werner Bliß


ödön

aufbruch
zum see auf
eichengesäumter allee
erspüren dramatischer w:orte
von horváth

kein gewitter im anzug
in der jackentasche
das notizbuch

Niemand prophezeit uns
eine italienische Nacht oder
das bedeutendste ereignis
unseres lebens

das
endgültigste

See - © Werner Bliss - Glarean Magazin
Goldenes Glück - © Werner Bliss - Glarean Magazin

bucht 27

ein hündchen spielt dem
fremden ein lächeln
ins gesicht

der weißwein am
nebentisch löst
die zunge

das wort jahrhundert-
wende fällt wir
verstummen
halten inne

der ausflugsdampfer pflügt
konzentrische kreise
goldenes glück
am sonnigen
spinnenfaden

aus herzogin annas bilderbuch

für Izabella und Florian

fernab
der welt
dem zeitgeist

hufschläge der kindheit

zurückblättern
der seiten anhalten
abgeschabtes neu bebildern
beschriften wortbilder von hinten
aufzäumen galoppwechsel
im grünen veltliner
trinken

eine volte für die kartoffel im
handgedrehten knödel eine
piaffe für die biersoße
versammlung
finden

vom biergarten
den heimgarten
wagen

Kindheit - © Werner Bliss - Glarean Magazin
Das Unerhörte - © Werner Bliss - Glarean Magazin

schwaiganger zwai

war es des wallachs
wiehern war´s der
geruch am
pferdehals
die hand
erzählt dem
mähnenhaar
vom
schweiß
vom stolz
vom unerhörten


Werner Bliss - Schriftsteller - Glarean MagazinWerner K. Bliß

Geb. 1950 in Schiltach/D, Studium der Chemie und Mathematik, anschließend jahrelang als Pädagoge tätig, zahlreiche Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern, Zeitschriften und Online-Portalen, verschiedene Bilder- und Objekt-Ausstellungen, lebt als Autor und Künstler in Hausach/D

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Lyrik auch das „Gedicht des Tages zum Jahreswechsel 2020/21“ von Johann W. von Goethe: Dauer im Wechsel

… sowie zum Thema Neue Gedichte von Tanja Dückers: Lacrimosa


Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek (Roman)

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Unverwüstlicher angelsächsischer Optimismus

von Bernd Giehl

Der Bestsellerautor Matt Haig hat ein neues Buch in Deutschland veröffentlicht. Bisher hat Haig, 1975 in Sheffield/England geboren, 11 Bücher in deutscher Übersetzung auf den Markt gebracht. „Die Mitternachtsbibliothek“ (The Midnight Library) ist sein zwölftes.
Viele seiner Romane sind im Raum der Phantastik angesiedelt. Haig bekennt sich zu seiner Diagnose „Depression“. Dass er die Krankheit kennt, spürt man in der „Mitternachtsbibliothek“.

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, Droemer VerlagAls ich anfing, das Buch zu lesen, wunderte ich mich bald. Es war die Sprache. Mehr wusste ich nicht. Aber ich las nur ein paar Seiten. Mein eigener Roman, an dem ich gerade schrieb, brauchte all meine Aufmerksamkeit.
Als ich nach ein paar Tagen weiterlas, kam die Verwunderung wieder. Eigentlich war sie tief abgesunken. Ich hatte schließlich zu tun; Sie erinnern sich. Ein langes Kapitel meines Romans hatte von Leben und Tod gehandelt, und ums Leben oder Sterben dreht es sich auch in der Mitternachtsbibliothek“. Nur dass die Heldin „freiwillig“ in den Tod geht, weil ihr Leben von einem „Schwarzen Loch“ angezogen wird. Falls es denn so etwas wie „Freiwillig in den Tod gehen“ gibt.

Den Pflegekräften im Gesundheitswesen gewidmet

Haigs Roman ist ein Zitat von Sylvia Plath vorangestellt, der amerikanischen Dichterin und Ehefrau von Ted Hughes, die vor allem durch ihr kurzes Leben voller Unglück und ihren anschließenden „Freitod“ berühmt geworden ist. Ihre Lyrik ist kompliziert. Ted Hughes hat ihr einen wunderbaren Gedichtband gewidmet: „Birthday Letter“. Wer ein solches Zitat voranstellt, stellt sich einem hohen Anspruch.
Außerdem gibt es auch noch eine Widmung „Für alle Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Und für die Pflegekräfte. Danke.“ Das klingt anders. Sehr anders. Hat das etwas mit dem Roman zu tun?

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Aber das nur am Rand. Zunächst sieht es ja auch ganz danach aus, als könne der Autor den Anspruch des Plath-Zitats erfüllen. „Neunzehn Jahre, bevor sie starb, saß Nora Seed in der kleinen, warmen Bibliothek der Hazeldine Schule in Bedford. Sie saß an einem niedrigen Tisch und starrte auf ein Schachbrett.“
Das nächste Kapitel beginnt mit fast den gleichen Worten: „Siebenundzwanzig Stunden bevor sie beschloss zu sterben, saß Nora Seed auf ihrem schäbigen Sofa, scrollte sich durch die glücklichen Leben anderer Menschen und wartete darauf, dass irgendetwas passierte.“ „Variation eines Leitmotivs“ nennt man so etwas in der Musik.

Locker-coole Sprache

Aber dann liest man weiter und wundert sich erneut. Gut, hier wird vom gewöhnlichen Unglück einer nicht mehr ganz jungen Frau erzählt, die vor kurzem ihre Hochzeit hat platzen lassen. Ihre Katze ist gerade überfahren worden und ihr Bruder hat nicht bei ihr vorbeigeschaut, als er einen Freund in der Stadt besucht hat. Man kann verschiedener Meinung sein, ob das Gründe sind, sich das Leben zu nehmen. Aber darauf kommt es auch weniger an. Eine alte Kritiker-Weisheit sagt: Wichtig ist die Sprache, die einer schreibt. Notfalls kann er dann auch einen beliebigen Tag mit eher langweiligen Menschen in Dublin beschreiben, die durch die Stadt ziehen und sich auch einmal begegnen. Ereignisloser als der „Ulysses“ sind wenige Romane.

Matt Haig - Schriftsteller - Glarean Magazin
Matt Haig (*1975)

Es dauerte also einige Zeit, ehe ich mich an Haigs Sprache gewöhnt hatte. Zuerst dachte ich: Matt Haig hat das Buch für Jugendliche geschrieben. So locker und „cool“ kommt es daher. Aber dann habe ich gelesen, dass Nora Seed ja schon 35 ist. Für einen Jugendlichen ist das jenseits von Gut und Böse.
Im Kapitel „Antimaterie“ ändert sich dann der Ton. Da geht Mattis näher ran, und aus der Plastiksprache mit Soundeffekten wird etwas anders: ein Autor, der sich in die Verzweiflung seiner Protagonistin einzufühlen beginnt. Erst recht passiert das im Kapitel „Das Buch des Bereuens“, das Nora Seed, die nun in die „Mitternachtsbibliothek“ eingetreten ist und ihre alte Schulbibliothekarin Mrs. Elm wiedertrifft, als erstes in die Hand nimmt. Da stehen all die Dinge drin, die sie im Lauf ihres Lebens getan und später gern ungeschehen gemacht hätte, von den Kleinigkeiten bis zur Entscheidung, ihren Freund Dan nicht zu heiraten.
Für einen Jugendlichen oder eine Leserin von Frauenromanen ist das gut geschrieben, aber wer jemals den „Stiller“ oder gar „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch gelesen hat, kennt andere, „modernere“ Möglichkeiten, das Thema zu beschreiben.

Philosophische Massentauglichkeit

An der Sprache hätte Matt Haig also ruhig noch etwas arbeiten können Allerdings wäre das Buch dann nicht mehr massentauglich geworden und bei Droemer erschienen, sondern bestenfalls bei Hanser. Vielleicht auch nur in einem anspruchsvollen Kleinverlag wie Stroemfeld/Roter Stern. (Natürlich bezogen auf die englische Verlagslandschaft, die ich aber nicht kenne.) Und Übersetzungen wären natürlich auch nicht drin gewesen. Man muss sich eben entscheiden, was man will. Da der Autor vorgibt, Nora sei Philosophin und habe sich ausgiebig mit Henry David Thoreau und dessen Buch „Walden“ beschäftigt, einer Studie über selbstgewählte Einsamkeit in den Wäldern von Massachusetts, das er 1845 schrieb, würde ein Roman in einer hochliterarischen Sprache sicher passen.

Dem Leser einfach gemacht

Die Bibliothek - Büchersammlung - Der Ort der vielen Leben - Glarean Magazin
Der Ort der vielen Leben: Die Bibliothek

Aber Matt Haig will mehr. Deshalb macht er es dem Leser einfach. Er lässt Nora an der Schwelle zwischen Leben und Tod in einer Bibliothek landen, die nur ein einziges Buch in unzähligen Variationen enthält: das Buch ihres eigenen Lebens. Eins davon ist das „Buch des Bereuens“, die anderen enthalten ihr Leben als Olympiateilnehmerin (sie war eine englische Spitzenschwimmerin), als Gletscherforscherin in der Arktis (das war einmal ihr Traum) als Frau eine Pub-Betreibers (Dans Traum), als Besitzerin einer Katze. Aber jedes Mal scheitert dieses Leben.

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Auf Spitzbergen, wo sie Eisberge erforscht und einem Eisbären begegnet, der sie als Mittagessen betrachtet, dem sie aber entkommt, trifft sie Hugo, der – wie sie selbst – eine Reise durch seine eigenen möglichen Leben macht. Selbstverständlich glaubt Nora, er sei für sie bestimmt. Sie befindet sich schließlich im Buch eines Bestseller-Autors.
Aber natürlich bleibt auch er nicht, denn Nora muss weiter; diesmal als Musikerin, und wenn der geneigte Leser gehofft hatte, dass sie diesmal als Mitglied einer Garagenband vor dreißig Leuten auftritt und dabei glücklich wird, wird er natürlich enttäuscht. Sie findet sich in ihrer alten Band „The Labyrinthians“ wieder, und die spielen vor zehntausenden begeisterten Zuhörern in Sao Paulo. Am nächsten Tag wird es weitergehen nach Rio. Danach steht Asien auf dem Tourneeplan.
Jetzt weiß der Leser zwar immer noch nicht, welches Leben sich Nora wünscht, aber die Träume von Matt Haig kennt er dafür umso besser.

Es gibt kein wahres Leben im falschen

An diesem Punkt hätte ich beinah aufgehört zu lesen. Es waren zwar immer noch 120 Seiten bis zum großem Finale, aber ich war erst einmal bedient. Das Thema gefiel mir, aber ein Buch ist mehr als eine These oder ein Thema. Ich hätte also aufgegeben, so wie Nora Seed – aber in dem Moment schien der Autor zu spüren, dass er es zu weit getrieben hatte. Er lässt sie noch einmal in die Bibliothek zurückkehren, die sie in ihrem Zorn fast zerstört, und hernach sind es „normale“ Leben, die sie ausprobieren darf: Als Besitzerin einer Hundezucht, als Ehefrau eines kalifornischen Winzers – und schließlich in einem zusammenfassenden Kapitel alle nur erdenklichen Leben. Nur jenes der Geisha fehlt in der Aufzählung, aber das kann Haig in der nächsten Ausgabe ja noch hinzufügen.

Philosoph Theodor W. Adorno - Es gibt kein wahres Leben im falschen - Glarean Magazin
Philosoph Theodor W. Adorno: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“

Doch die wirkliche Erkenntnis, die Matt Haig uns durch Nora Seed verkünden lässt, lautet: „Es gibt kein wahres Leben im falschen.“ Verzeihung, da habe ich mich wohl bei den Philosophen vergriffen. Adorno wird von ihr ja nicht einmal erwähnt. Und da Haig nun einmal dem Pessimismus abgeschworen hat, muss ich es so formulieren: Es gibt nur ein wahres Leben, und das ist jenes, das du gerade lebst. Dementsprechend stürzt die Mitternachtsbibliothek in dem Moment ein, als Nora gerade ihr ideales Leben gefunden zu haben scheint, und Nora wird vor ihrem Selbstmordversuch gerettet.

Optimismus à la Camus

Es ist der unverwüstliche angelsächsische Optimismus, der mich stört. Natürlich beeinflusst er auch die Sprache. Am Ende ist alles gut, und Nora kann mit einer neuen Erkenntnis in ihr altes Leben zurückkehren.
Dennoch: Ich habe das Buch gern und auch mit Gewinn gelesen. Es ist die optimistische Variante von Camus‘ Erkenntnis, dass man dem Absurden trotzen und den Stein weiterwälzen muss. Selbst wenn er auf dem Gipfel wieder herunterrollt.
Allerdings würde Matt Haig das so niemals formulieren. ♦

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, 320 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28256-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing

Außerdem zum Thema Literatur von Martin Kirchhoff: Möwen über dem Wasser (Lyrik)


 

Rainer Wedler: Hui Buh (Satire)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Hui Buh

Rainer Wedler

Auch in einem kleinen Ort ist ab und zu mal die Polizei unterwegs, und sei es nur aus Langeweile oder zur Abwechslung, besser gesagt: Langeweile lechzt nach Abwechslung. Wie dem auch sei, Polizeihauptmeister Pierenkamp hat mit Polizeiobermeisterin Bartelsen vor einiger Zeit vereinbart, bei jeder neuen Tour die Position zu wechseln, jetzt also hat Pierenkamp es sich hinter dem Lenkrad gemütlich gemacht, die neue E-Klasse ist schon ein tolles Gefährt, sagt er jedes Mal und freut sich. Auf solche altbackenen Bemerkungen muss Fenja nicht mehr reagieren, das hat sich im Lauf der Zeit von allein so reguliert. Sie genießt die helle Frühlingssonne, prüft ihre frisch angemalten Fingernägel auf klitzekleine Fehler und ist glücklich, dass der Zufall die beiden Nordlichter im tiefsten Bayern zusammengeführt hat.

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Auch in einem kleinen Ort kann es für ein paar Meter zweispurig für zwei Ampeln werden. Die E-Klasse links, ein ältlicher Golf mit deutlichen Gebrauchsspuren rechts. Fenja Bartelsen hat ihre Nagelkontrolle ohne größere Beanstandungen beendet, sieht nach links, aber hallo!
Was is?
Megageil, sag ich dir.
Ja, was jetzt?
Ich halt mal die Kelle raus.
Der alte Golf will flüchten, die Sirene lässt ihn rechts ranfahren.
Ist ehrlich megageil!
Eine kleine Ziege sitzt auf dem Schoß der Beifahrerin und mampft vom Stroh, das auf dem Armaturenbrett mit einem Stück Drahtzahn befestigt ist.
Ihren Führerschein, bitte.
Neben der jungen Frau, die dem Zicklein die Flasche gibt, sitzt die Mutter, wie sich auf Nachfrage herausstellt. Die kramt jetzt in ihrer voluminösen Tasche aus abgeschabtem Leder, findet endlich den verlangten F-Schein. Die kleine Ziege schnappt danach.
Jetzt ist aber genug, geben Sie mir endlich den Lappen!
Der Lappen ist schon lange kein Lappen mehr und Fenja schon ziemlich gereizt.
Also Frau Weinser, was soll das Vieh da?
Das Vieh ist kein Vieh, das ist Hui Buh, unsere Hui Buh.
So tönt es von der Ziegenhüterin.
Fenja tönt auf derselben Welle zurück, Ihren Personalausweis.
Die Beifahrerin sperrt das Maul auf wie eine ausgewachsene Ziege, was?
Den Personalausweis!
Elena Weinser, Mutter und Tochter?!
Elena nickt und küsst das Vieh aufs Maul. Fietje lässt sich die Adresse geben, Fenja geht um den ergrauten Golf, tritt gegen einen Reifen, notiert das Nummernschild, sagt zu Mutter und Tochter, Sie werden mit einer Anzeige rechnen müssen, tippt kurz an sein Mützenschild, Sie können jetzt weiterfahren.
Die beiden Bemützten grinsen sich an, Hui Buh, auf geht`s, grinst Fenja.
Man fährt schon seit bald zwei Jahren miteinander Streife, so ein Benz ist ziemlich geräumig.
Jetzt sagt sie apart, und was macht mein Ziegenbock nach Feierabend?

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Die Polizei hat ihre Pflicht erfüllt, das Landratsamt kommt jetzt ins Spiel, das ganz schnell zu Ende ist. Der Ziegenbock wird unter Geschrei und Geboxe abgeholt, auch er tritt gegen die Tierpfleger, er ahnt wohl, dass eine wunderbare Zeit für ihn zu Ende geht. Er wird auf einen Gnadenhof gebracht. Die amtliche Begründung: Das Tier ist nicht artgerecht gehalten worden. Gleichzeitig wird die Enteignung angeordnet.
Die Frauen aber, ihres Bettgenossen beraubt, ziehen vor Gericht.
Die anderen Ziegen haben unseren Hui Buh immer gemobbt, deshalb. Und die Tochter ergänzt, deshalb hat er kaum noch was gegessen, ja, er wäre bestimmt verhungert.
Das Gericht in Gestalt einer für diesen Job viel zu hübschen Richterin entscheidet:
Das Tier wurde nicht artgerecht gehalten, das ging so weit, dass der Ziegenbock, sagen wir es vorsichtig, ein auf den Menschen geprägtes Sexualverhalten zeigte. Letzteres wird im anhängenden Strafverfahren verhandelt werden.
Mutter und Tochter beginnen zu weinen, wie abgesprochen, überhaupt ist das Ganze hier ein kleines Theater. Die Richterin kann sich ein Lachen nicht länger verkneifen und denkt doch dabei, dass in ihrer schicken Wohnung ihr Wuffy auf sie wartet, bellt, wenn er die Schlüssel hört, schwanzwedelnd zu ihr hochspringt, kaum ist die Tür auf. ♦


Rainer Wedler - Schriftsteller - Glarean MagazinRainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys „Liber de vita“; zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Satire von Rainer Wedler: Keiner hat Gottfried Wilhelm gefragt

Außerdem zum Thema Satire von Peter Biro: Des Königs windige Ansprache


 

Martin Kirchhoff: Möwen über dem Wasser (Gedicht)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Möwen über dem Wasser

Martin Kirchhoff

Möwen über dem Wasser, das Blau,
Störche stolzieren, suchen im Gras
gegenüber Dünen weiß wie Schnee,
ein Leuchtturm, Bäume säumen ihn,
die Nehrung vermischt sich mit Wasser,
so blau, die Bäume, das Haff weit
grenzenlos die Ruhe, unendlich fast,
wo die Windenburg einst stand
Ventés Raga, Melodien, Vogelstimmen,
im Nemunasdelta murmelt das Wasser,
so Blau, so Blau, so Blau, die Möwe schwebt,
weiter, zum Oblast Kaliningrad,
nicht weit, nicht nah, die Dünen wandern,
die Bäume schweigen, Wasser murmelt,
ein Storch schwingt sich in die Luft,
weiß und schwarz und rot im Blau
über die Nehrung hin zur Ostsee.
Möwen über dem Wasser - Weisser Strand am Meer unter blauem Himmel - Glarean Magazin

Martin Kirchhoff - Schriftsteller - Glarean MagazinMartin Kirchhoff

Geb. 1954 in Leonberg/D, zahlreiche Lyrik- und Prosapublikationen in Büchern, Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Literaturpreise, im Vorstand der Künstlergilde Esslingen, lebt in Weil/Stadt

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Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Lyrik auch über den Roman von Sally Rooney: Normale Menschen

… sowie zum Thema Literatur das „Zitat der Woche“ von Daniel Annen: Erzählen von Corona

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN über die Ausschreibung eines neuen Literaturwettbewerbes 2021 zum Thema: Der Tag am Meer


Sally Rooney: Normale Menschen (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Der Liebe Freud, der Liebe Leid

von Christian Busch

Der Roman „Normale Menschen“ von Sally Rooney handelt von Marianne und Connell – einer studentischen On/-off-Beziehung im Kontext von gesellschaftlicher Konvention und transzendentaler Obdachlosigkeit. Rooney’s Erzählen hat seine Stärken – und noch mehr Schwächen.

Im 13. Jahrhundert schickte sich Gottfried von Straßburg, ein Kleriker im Dienste des bischöflichen Hofes an, die aus unterschiedlichen Quellen bereits überlieferte Liebesgeschichte zweier edler Herzen neu zu erzählen: Tristan und Isolde. Mit der Bewahrung des Andenkens an ihre im Tode endende, innige Liebe wollte er nicht nur herzensedle, aber unglücklich Liebende stärken, sondern auch seelenlos, weil nur aus äußerlichen und gesellschaftlichen Erwägungen Liebende läutern.
In seinem Prolog erhält die Minne seiner aus irdischen Gefilden stammenden Liebenden exemplarische Vorbildhaftigkeit, ja sogar die Weihe eines Mysteriums, das seine konkrete Gestaltung in der Liebesgrotte von Cornwall in der Höhle eines Venusberges findet, wo die beiden Ausgestoßenen ihrer idealen, aber verbotenen Liebe eine Zeit lang frönen – ein Sanktuarium der höchsten Liebe.

Die Liebe – im Tod unzerstörbar?

Sally Rooney: Normale Menschen - Roman - Luchterhand Verlag - Literatur-Rezensionen Glarean MagazinDahinter steckt die Vorstellung von der Liebe als einer unzerstörbaren, weil zwei Wesen in ihrer Einzigartigkeit für immer (im Tod) miteinander verschmelzenden Kraft. Darum geht es spätestens seit Gottfrieds mittelalterlicher Versdichtung in allen Liebeserzählungen, so auch in dem internationalen Bestseller „Normal People“ der irischen Autorin Sally Rooney. Der Roman geht inzwischen auch als TV-Soap in Serie und ist in aller Munde (und Auge). Was wird also aus den Liebenden im Roman des 21. Jahrhundert, so könnte man fragen – oder: Was wird aus der Idee der absoluten Liebe und dem Triumph über konventionelle Moral und Gesellschaftsordnung?

Kein innovativer Plot

Januar 2011. Connell ist der uneheliche Sohn von Lorraine, die bei Denise Sheridan, einer verwitweten Rechtsanwältin der Oberschicht in Westirland, als schlecht bezahlte Putzfrau arbeitet. Er ist sportlich, attraktiv und am College daher angesehen. Als er seine Mutter von der Arbeit abholt, begegnet er Marianne, Denises Tochter, eine ungeliebte, von ihrem älteren Bruder Alan überwachte, intelligente und geistvolle, aber unterdrückte Seele.

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Da ihre Liebe keine Anerkennung finden kann, halten beide ihre erotischen Treffen geheim. Doch als Connell nicht Marianne, sondern ein anderes Mädchen zum Abschlussball einlädt, kommt es zum Bruch. An der Universität ändern sich die Vorzeichen. Nun ist Connell der gesellschaftliche Outsider, während Marianne als wohlhabendes Mitglied der Upper-Class aufblüht. Doch ihre Beziehungen mit anderen sind zum Scheitern verurteilt. Marianne landet zunächst beim Schnösel Jamie, dann bei einem zwielichtigen schwedischen Fotographen. Connell hingegen fällt nach dem Selbstmord eines Freundes und der oberflächlichen Beziehung zu Helen in tiefe Depression.
Doch egal was kommt, die beiden finden sich immer wieder, ihre Vertrautheit, ihre erotische Anziehungskraft und das Gefühl der Einzigartigkeit ihrer Liebe hält an – bis zum Schluss (Februar 2015)? So weit der zugegeben wenig innovative Plot.

Monoton dahinplätschernde Sprache

Sally Rooney - Schriftstellerin - Glarean Magazin
Literarisches Fräuleinwunder: Sally Rooney (geb. 1991)

Und wenn man ehrlich ist, bleibt der ganze Hype um Sally Rooneys zweiten Roman rätselhaft, denn weder die Geschichte selbst mit ihren für das Genre typischen Missverständnis-Wendungen und stereotypen gesellschaftlichen Hürdenklischees, noch die seichte und monoton dahin plätschernde Sprache verleihen dem Roman Tiefe oder seelischen Reichtum. So wird man den Eindruck nicht los, dass die beiden vor allem deshalb nicht zusammenkommen können, weil die Autorin es für die Dramaturgie ihres Plots nicht will. Soziale Barrieren werde nämlich höchstens angedeutet.
Erzähltechnisch liest der Roman sich weitgehend wie eine Anhäufung von Regieanweisungen, also äußerer Handlungen, die für den Leser offen und vielseitig interpretierbar, damit aber auch belanglos und beliebig bleiben. So etwas ist leicht konsumierbar, weil man es nicht nicht verstehen kann, bzw. jegliche Interpretation irrelevant ist. Ständig muss man lesen, wie ein Glas angefasst, eine Zigarette angezündet oder eine leere Gestik ausgeführt wird. Die Dialoge bleiben blass. Der Blick hinter die Fassade fehlt.

Lieblose Zeichnung der Figuren

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Nicht etwa, dass einem Connell und Marianne gleichgültig bleiben, aber liegt dies nicht an der lieblosen und oberflächlichen Zeichnung aller anderen Figuren? An der kaum einmal vertieften Darstellung gesellschaftlicher Wirklichkeiten? An den nur in Umrissen skizzierten beruflichen Tätigkeiten und Freizeitaktivitäten aller Figuren?
Zweifellos hat der Roman seine Stärken. Wenn die beiden Figuren sich begegnen und Rooney deren vertrautes und liebevolles Verhältnis keinesfalls unerotisch und kontrastiv zur weiteren Romanlangeweile auf die Leinwand – Verzeihung: auf das Papier – tupfert, dann tröstet das über manche banale Passage hinweg. Für einen gelungenen Liebesroman ist dies jedoch zu wenig.

Kommerziell angelegtes Romanprojekt

Und deswegen ist diese Geschichte eben nur ein geschickt lanciertes und oberflächen-taugliches Konstrukt, das – gerade in seiner audiovisuellen Verwertbarkeit – nur vordergründige Bedürfnisse des Publikums befriedigt, aber keine Innerlichkeit, Authentizität oder Originalität bietet. Der Roman hinterlässt keine Spuren, sondern eher das Gefühl, man habe sich durch einen grauen Schleier durchgearbeitet. Man würde ihn keinesfalls ein zweites Mal lesen. Der Schluss passt in dieses Bild eines vor allem kommerziell angelegten Romanprojektes.

Fazit: Wer einen aktuellen Liebesroman sucht, findet ihn sicherlich in Sally Rooneys „Normale Menschen“ auf der Höhe, aber auch auf der Tiefe der Zeit. Wer mitreden will, muss ihn lesen.
Wer aber etwas Wesentliches oder gar Neues über das Wesen der Liebe erfahren möchte, wer eine neue Sprache für die Liebe sucht, wer eine neue, originelle Liebesgeschichte erwartet, der sollte sich anders orientieren. ♦

Sally Rooney: Normale Menschen, Roman, 320 Seiten, Luchterhand Verlag (Randomhouse), ISBN 978-3-630-87542-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Liebesroman auch über Ernst Halter: Mermaid

…sowie über die Erzählungen von Viktorija Tokarjewa: Liebesterror


Gedichte und Geschichten gesucht für Buch-Anthologie

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Thema: „Der Tag am Meer“

Strandleben - Lebensfreude - Glarean Magazin - Der Tag am MeerFür seine Buch-Edition „Mupfel“ sucht der deutsche Baltrum-Verlag neue Gedichte und Geschichten; auch Briefe oder andere Formen sind möglich. Das Thema dieser Anthologie lautet „Der Tag am Meer“.

Eingesandt werden können „Geschichten, die geeignet sind, einem jungen Publikum vorgelesen zu werden – Geschichten die einen Tag am Meer beschreiben“. Die Autorinnen und Autoren können je bis zu vier Texte einreichen, die jeweils maximal zwölf Norm-Seiten umfassen sollen.

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Einsende-Schluss ist am 30. November 2021, hier sind die weiteren Einzelheiten der Ausschreibung zu finden. ♦

Lesen Sie zum Thema „Meer in der Literatur“ auch über den Roman von Ernst Halter: Mermaid

… sowie die weiteren Literatur-Ausschreibungen

Ausserdem im GLAREAN MAGAZIN Kurprosa von Martin Kirchhoff: Strandleben


Peter Biro: Des Königs windige Ansprache (Satire)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Des Königs windige Ansprache

Peter Biro

Mit bebenden Herzen erwartete die Nation die Radioübertragung der diesjährigen königlichen Ansprache zur Eröffnung des Parlaments. Das war keine Kleinigkeit für den alternden Monarchen, und nichts, rein gar nichts konnte ihn davon abhalten, dieser staatstragenden Verpflichtung nachzukommen. Nicht einmal sein letztmaliger Schlaganfall, der ihn der Fähigkeit, direkt zu seinem Volk zu sprechen, beraubt hatte. Seitdem konnte sich der Herrscher mit seiner engsten Umgebung lediglich per Handzeichen verständigen.
Seine traditionellen Ansprachen zur Parlamentseröffnung wurden jedoch stets über das Radio verbreitet, und bekanntlich konnten selbst die ausdruckstärksten Gesten des Königs auf dieser Weise nicht bei der Zuhörerschaft ankommen. Die einzige auditive Verständigungsform, die dem kränkelnden Monarchen noch verblieben war, waren die Windgeräusche, die er dank jahrelanger Übung und mit festem, königlichem Willen, via seinen hochwohlgeborenen Anus kunstvoll absondern konnte. Anders ausgedrückt, seine Radioansprache zur Parlamentseröffnung erfolgte in Form und Wortwahl sorgsam formulierter Fürze.

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In Erwartung der diesjährigen königlichen Rede stand ein ganzes Team von Sprechfunk-Mitarbeitern und Tontechnikern parat, um die üblicherweise in energischem Tonfall vorgetragene Darbietung des Königs aufzuzeichnen, damit dieser, sachgerecht editiert, während der Parlamentseröffnung abgespielt werden konnte. Im Vorfeld waren bereits einige kürzere Geräuschfetzen aufgenommen worden, die der König während der letzten Mahlzeiten mit verkniffenem Gesichtsausdruck ins Sitzkissen gedrückt hatte. Aber ein schön ausformuliertes, mit allerlei rhetorischen Kniffen verziertes Kommuniqué zur bevorstehenden Parlamentsperiode fehlte den Rundfunkleuten noch. Deshalb wandte sich der Chefreporter des Palaststudios an den diensthabenden Leibarzt mit der Frage, ob und wann denn mit der langersehnten Ansprache des Monarchen zu rechnen sei. Schliesslich dränge die Zeit, denn es wären nunmehr nur noch wenige Stunden bis zum Sendebeginn.
Der Leibarzt beruhigte den Fragenden mit der fachlich fundierten Auskunft, dass nach der letzten Abendmahlzeit des Herrschers, durchaus mit einem längeren, wohlartikulierten Diskurs zu rechnen sei. Der Monarch habe eine eigens für ihn zusammengesetzte, für staatstragende Ansprachen besonders förderliche Diät erhalten. Diese bestand aus Linsensuppe, Bohneneintopf und Wirsingkohlrouladen, lauter bekannte Auslöser für in den Wind geflüsterte Verlautbarungen. Da sei sehr wohl Verlass auf die ernährungsbedingte Gasentwicklung im hochwohlgeborenen Gekröse. Und die ganze Ärzteschaft am Hofe erwarte diesmal auch besonders wohlklingende Formulierungen, da man dafür gesorgt habe, dass zur Hauptspeise des Königs, ein Salat aus besonders ästhetisch geformten Zierkohls hinzugefügt wurde. Ausserdem habe man für den standesgemässen Abschluss der Rede noch ein Dessert von Sojabohnen-Sorbet an karamellisierten Knallschoten hinzugefügt, das dem Monarchen sehr gut gemundet habe. Insbesondere Letztere eigneten sich als Rohstoff für explosive Ausdrücke und zündende Pointen.

Hinterteil: "Sojabohnen-Sorbet an karamellisierten Knallschoten"
„Sojabohnen-Sorbet an karamellisierten Knallschoten“

Der noch nicht wirklich beruhigte Chefmoderator war von dieser Aussicht auf eine formvollende königliche Ansprache hoch erfreut, äusserte jedoch Zweifel, ob die Zeit noch reichen würde, alle vornehmen Gedanken des Herrschers rechtzeitig aufzunehmen. Da konnte ihn der Doktor diesbezüglich beruhigen, denn erst vor Minuten habe er, der Leibarzt persönlich, bereits kleinste, niederfrequente Seufzer aus dem Hinterteil des gerade erwachenden Königs vernommen. Das höfische, sogenannte Lever stünde unmittelbar bevor und bald werde seine Majestät seinen ersten Morgenkaffee schlürfen. Hinzu kommt dann noch die übliche Tagesration in Eselsmilch aufgeweichter Dörrpflaumen und in einer Lake von Glaubersalz getränkter Korinthen. Gleich drauf werde seine Majestät mit dem sorgsam formulierten Ablassen seiner monarchischen Winde beginnen.

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Gleichzeitig mit dem hastigen Aufstellen der königlichen Frühstückstafel baute sich die Truppe des Radiostudios mit allen erforderlichen Gerätschaften auf. Sie stellten den mit einer frischen Wachswalze bestückten Phonographen gleich in die Nähe des königlichen Lehnstuhls und drehten den Aufnahmetrichter in die akustisch optimale Richtung. Der in Galauniform gekleidete Moderator, der noch erfreulicherweise über genügend Blähungen verfügte, führte geschwind eine Probeaufnahme mit einigen knapp formulierten Fürzchen durch. Alles war perfekt vorbereitet, als der noch leicht schläfrige König sich in den Lehnstuhl setzte und mit dem rituellen Frühstück begann, der nach einem jahrhundertealten Zeremoniell durchgeführt wurde. Alle Anwesenden beobachteten aus angemessener Entfernung das sich langsam entfaltende Geschehen und lauschten gespannt nach den ersten königlichen Windabsonderungen. Lediglich den livrierten Speichelleckern war es gestattet, direkt am Frühstückstisch zu agieren und seiner Majestät den Kaffee einzuschenken, sowie die Weizenkleie-Croissants mit Butter und Pflaumenmarmelade zu beschmieren.

Lucas Cranach 1545 - Furzen auf die Obrigkeit - Glarean Magazin
Holzschnitt von Lucas Cranach d.Ä. 1545: Furzen auf die Obrigkeit

Das würdige Befrühstücken des Landesvaters nahm seinen seit Generationen gewohnten Lauf, und die Darmmikroben tief im Innern des Herrschers begannen folgsam ihre staatstragende, gasbildnerische Arbeit. Eine Weile waren nur die leisen Schlürfgeräusche vom Munde des Königs zu hören, ebenso das Plätschern der von lauwarmer Eselsmilch triefenden Dörrpflaumen, als der sichtlich überraschte König plötzlich das Handzeichen zu vermehrter Aufmerksamkeit gab. Unter Aufwendung aller seiner noch verfügbaren Körperkräfte erhob er sich ächzend aus den Samtkissen und beugte sich gehobenen Blickes leicht nach vorne. Daraufhin brach sich aus seinem Innern ein langer Schwall von Darmwinden den Weg ins Freie, sowie ins freudig gespitzte Gehör der Lauschenden. Nur die erregt zitternde Nadel des diensteifrig surrenden Phonographen wagte sich noch zu bewegen. Mit Entzücken hörte die gesamte Kamarilla die langersehnte königliche Ansprache, die da lautete:
„Krz, krz, prrrrz (kleine Pause)…, fratrz, fratrz, hruuuuu! (Applaus). Klafrz, pre-pre-preee klabrumm“ Stärkerer Applaus, danach eine längere, künstlerische Pause, während derer seine Majestät sich noch einmal auf Inhalt und Ausdruck zu konzentrieren versuchte. Dann führte er seine staatstragenden Gedanken weiter aus:
„Schmrz, haprz, lapapprz… ähm…“, er räusperte sich kurz und setzte dann zum wichtigsten Teil seiner Ansprache, nämlich zum bewegenden Schlusswort, an:
„Fuuuuuuhurz!“

Collage von Peter Biro - Butler mit Phonograph - Glarean Magazin
„Jetzt mussten nur noch die unvermeidlichen Echos und Störgeräusche aus dem Hintergrund herausgefiltert werden“ (Collage: Peter Biro)

Auf diese emotionalen, ja für manchen der Zuhörenden sogar herzerwärmenden Worte ihres geliebten Monarchen entbrannte ein wahrhaft frenetischer Beifall. Der Chef-Tontechniker stoppte die Walze mit einem zufriedenen Lächeln und übergab sie dem Studioleiter mit einer dem Anlass entsprechend würdevollen Geste. Die Aufnahme schien bestens gelungen zu sein. Jetzt mussten nur noch die unvermeidlichen Echos und Störgeräusche aus dem Hintergrund herausgefiltert werden, und die königliche Ansprache würde für die Übertragung zum vorgesehenen Zeitpunkt parat stehen.
Der Leibarzt war auch sehr zufrieden mit dem Ergebnis seiner sorgfältig zusammengesetzten Diät und verkündete erhobenen Hauptes den Anwesenden die geradezu prophetischen Worte:
„Meine Herren, Sie haben ohrenscheinlich den Erfolg unserer Bemühungen hautnah miterlebt. Drum können wir uns diese grundlegende Wahrheit auf unsere Fahne schreiben: Wer für unseren geliebten König Wind sät, der wird Stürme der Begeisterung ernten“.
Dann entfernte er sich unter den anerkennenden Ovationen der Hofbediensteten aus dem frisch gelüfteten Speisesaal. ♦


Prof. Dr. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristisch-satirische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Satire von Peter Biro: Schreibblockade oder Der Förster und die Jägerin

Ausserdem zum Thema Neue Literatur von Jakob Leiner: Winkel (Zwei Gedichte)


Gedicht des Tages zum Jahreswechsel

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Dauer im Wechsel

Willst du nach den Früchten greifen,

eilig nimm dein Teil davon!

Diese fangen an zu reifen,

und die andern keimen schon.

Gleich mit jedem Regengusse

ändert sich dein holdes Tal,

ach, und in demselben Flusse

schwimmst du nicht zum zweitenmal.

aus Johann Wolfgang von Goethe:
Dauer im Wechsel

Gedicht des Tages zum Jahreswechsel - Fluss Winterlandschaft - Glarean Magazin

 

Jakob Leiner: Winkel (Zwei Gedichte)

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Winkel / Fort

Jakob Leiner

WINKEL

Einfall gleich Ausfall
die Bande über den Spiegel
genommen im Kristall
ein ungebügeltes Hemd
Buchrücken gestapelte
Wünsche hinter
einem schiefen Regal
eine verbotene Tür

wir äugen.


FORT

achtend ich
was reifen darf
in zyklischen Kaskaden
fordert Treibgut Strände ein
um die Ausgeglichenheit zu wahren
mehrt vielleicht mein Zorn
sich still zur Fläche hin
die Springflut der
Erinnerung.


Jakob Leiner - Lyriker - Glarean MagazinJakob Leiner

Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Lyrik auch von Johanna Klara Kuppe: Seiltänzerin (Drei Gedichte)


Amélie Nothomb: Die Passion (Roman)

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Stacheln im Fleisch des Christentums

von Bernd Giehl

Machen wir einmal ein Gedankenexperiment. Nehmen wir an, Amélie Nothomb, eine relativ bekannte belgische Schriftstellerin, würde ihren Roman „Die Passion“ in hundert Jahren, also 2120 schreiben und ihr Manuskript dem Diogenes Verlag anbieten. Dort hat sie schon 22 Bücher veröffentlicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde der Diogenes Verlag das Manuskript ablehnen. Zu riskant, würde es heißen. Wer will schon ein Buch über einen unbekannten Religionsstifter lesen? Innerhalb von zwei Wochen hätte sie ihr Manuskript wieder zurück.

Amélie Nothomb - Die Passion - Roman - Diogenes Verlag - Literatur-Rezension Glarean MagazinAber das Experiment geht noch weiter. Nehmen wir an, Amélie Nothomb hätte „Die Passion“ vor 400 Jahren geschrieben. Sie hätte einige Abschnitte ihrer besten Freundin vorgelesen. Die wäre einerseits begeistert gewesen, weil die Zweifel der Hauptfigur an ihrer bevorstehenden Hinrichtung mit den eigenen Zweifeln an der Religion korrespondiert hätten und andererseits erschrocken. Darf man so an der eigenen Religion zweifeln? Ist das nicht Ketzerei? Die beste Freundin hätte es ihrem Mann erzählt, und der wäre zur Obrigkeit gegangen. Man hätte Nothomb festnehmen lassen, sie wäre gefoltert worden und wenn sie große Glück gehabt hätte, hätte sie selbst ihr „Machwerk“ öffentlich verurteilen und ins Feuer werfen müssen. Falls sie weniger Glück gehabt hätte, nun ja … Was für ein Glück, dass die Zeit der Hexenverbrennungen endgültig vorbei ist.

Hexerei im Innern der Figuren

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Womit ich nicht sagen will, dass Amélie Nothomb keine Hexe ist. Sie ist eine. So wie jeder gute Autor und jede gute Autorin ein Hexenmeister oder eine Hexe ist. Weil sie im Inneren ihrer Figuren leben. Weil sie Besitz von ihnen ergreifen und sie wie einen Sukkubus lenken.
Aber Amélie Nothomb ist noch aus einem anderen Grund eine Hexe. Sie lässt Jesus von Nazareth im Augenblick seiner „Passion“ lebendig werden. „Ich wusste schon immer, dass sie mich zum Tode verurteilen werden“, so beginnt ihr neuer Roman.

Kombination von Gott und Mensch

Amelie Nothomb - Schriftstellerin - Literatur im Glarean Magazin
Amelie Nothomb alias Fabienne Claire Nothomb (geb. 1966)

Da spürt jeder aufrechte Christ einen ersten kleinen Stachel. Noch ist er winzig; immerhin heißt es ja schon in den „Leidensankündigungen“ der Evangelisten: „Der Menschensohn muss“ seinen Leidensweg gehen und am Ende gekreuzigt werden aber diese Leidensankündigungen stehen im zweiten Drittel der Evangelien. Nur das Johannesevangelium macht da eine Ausnahme.
Aber Christen sind großmütige Leute, und so werden sie der Autorin gern vergeben, denn der Jesus von Amélie Nothomb ist ein wahrhaft göttlicher Mensch. Nie hat mir die Kombination von Gott und Mensch so eingeleuchtet wie bei ihr.
Sie zweifelt nicht an den Wundern, wie das auch viele Theologen der letzten 200 Jahre getan haben. Das Wunder, Wasser in Wein zu verwandeln, gelingt ihm beinah nebenbei. Nur – und jetzt kommt wieder der Stachel – dass das Brautpaar, dessen Hochzeit Jesus mit seinem Wunder gerettet hat, unter den Hauptzeugen der Anklage vertreten sein werden. „Warum hat er es so spät getan?“ fragen sie. „Eine Stunde früher, und er hätte uns die Blamage erspart.“ Die anderen, an denen ein Wunder geschah, sind ähnlich unzufrieden. Nicht einmal der königliche Beamte, dessen Sohn vom Tode errettet wurde, ist Jesus dankbar, sondern klagt über die Verzögerung und die dadurch ausgestandene Angst.

Jesus – ein Sinnenmensch?

Unzufriedenheit ist überhaupt ein Stichwort. Auch Judas ist unzufrieden, mit der Welt im Allgemeinen und mit Jesus im Besonderen. Er stellt alles in Frage. An das Gute kann er nicht einmal glauben, wenn er es vor Augen hat. Judas ist der Protagonist der „Menge“ die Jesus schließlich verurteilt.
Jesus selbst ist das Gegenteil. Er kann sich an den kleinen Dingen des Lebens freuen: am Geschmack frischen Brotes, an einer Blüte am Wegrand, am aufdämmernden Tag, vor allem am Wasser. Wenn man Durst hat und man zögert das Trinken noch ein paar Augenblicke hinaus, schmeckt frisches Wasser umso köstlicher, behauptet er

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Jesus – ein Sinnenmensch? Jesus gar, der die Frauen liebt? Der für ihre Schönheit empfänglich ist? Der gar eine Beziehung mit Maria Magdalena eingeht? Und der deshalb auch nicht sterben will? Und dessen Verbindung zum Vater nun abreißt, obwohl er bis dahin eng mit ihm verbunden war?
Da möchte jeder gute Christ „Ketzerei“ schreien. Der Glaube oder das Dogma fordert, dass Jesus freiwillig den Willen seines Vaters auf sich genommen hat, um die Sünde der Welt zu tragen. Das unschuldige Opfer leidet für die Schuldigen. Wenn dann jemand kommt, die anscheinend mit dem Glauben sympathisiert und dann behauptet, Jesus habe das Leben zu sehr geliebt um freiwillig in den Tod zu gehen – da sitzt der Stachel ziemlich tief.

Der Masochismus des Christen

Freilich ist Nothomb nicht die erste, die den „Masochismus“ des christlichen Glaubens geißelt. Der erste war Friedrich Nietzsche, der meinte, die Christen müssten erlöster aussehen, bevor er an ihren Erlöser glauben könne. Oder der Theologe Thomas Müntzer, Anführer der Bauern im thüringischen Bauernkrieg 1525, der den „bitteren Christus“ predigte und dafür hingerichtet wurde.
So einfach ist der Autorin also nicht beizukommen. Es sei denn, dass man sie zur „Hexe“ erklärt.

Schöne Schilderungen und viel Reflexion

Wie gesagt, Nothombs Beobachtungen sind zwar meist unverhofft, leuchten aber ein. Dass Jesus dem Leben zugewandt war, kann man leicht an seinen Gleichnissen sehen. Ihre Sprache ist farbig. Die Beziehung zu Maria Magdalena ist zwar ein Klischee – jeder der ein bisschen ketzern wollte, hat sie erwähnt -, aber dafür wunderschön geschildert, so wie nur eine Frau sie beschreiben kann, die selbst Liebe erfahren hat.

Szene aus dem Skandal-Film The Passion Of The Christ von Mel Gibson (Glarean Magazin)
„Masochismus des christlichen Glaubens“? Szene aus dem Skandal-Film „Die Passion Christi“ von Mel Gibson (2004)

Mit 128 Seiten ist der Roman recht kurz; es gibt wenig Handlung – z.B. ist die Verhandlung vor dem Hohen Rat weggelassen (hat vermutlich auch nicht stattgefunden) -, aber dafür viel Reflexion. Manchmal wird Nothomb weitschweifig: Noch ein Satz über den Durst, und noch einer, der mit anderen Worten das Gleiche sagt (der Roman ist ursprünglich unter dem Titel „Soif“ – „Durst“ in Paris erschienen). Da hätte ein rigoroseres Lektorat sicher segensreich wirken können. Aber das ändert nichts daran, dass ich den Roman mit Genuss gelesen habe.
Allerdings warte ich noch auf das Buch, das meine Frage, warum Jesus sterben musste, und vor allem, warum Gott das wollte, hinreichend beantwortet. Es muss auch kein Roman sein. ♦

Amélie Nothomb: Die Passion (Roman), 128 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978 3 257 07141 2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Religion in der Literatur auch den Essay von Heiner Brückner: Vom Himmlischen

… sowie über den satirischen Roman von David Safier: Jesus liebt mich