Peter Biro: Die wahre Natur der Entenvögel (Humoreske)

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Die wahre Natur der Entenvögel

Peter Biro

Lange Zeit hat man den Mantel des Schweigens bzw. das Grabtuch der Verleugnung über die wahre Natur der Entenvögel gebreitet. Sehr lange sogar, wenn man bedenkt, dass bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert erste Vermutungen darüber angestellt wurden, dass diese Wasservögel von außerirdischer Provenienz sein könnten.

Humoreske: Die wahre Natur der Entenvögel - Konspiratives Ententreffen (Collage von Peter Biro)
Konspiratives Ententreffen (Collage von Peter Biro)

Der erste, der diese Feststellung handschriftlich auf einer Serviette des Bistros „L´Aubaine en Ville“ aufgezeichnet und anderntags bei einer Zusammenkunft der Pariser Beutelrattenforscher – sogar nonverbal mittels pantomimischer Darstellung – ausgesprochen hatte, war kein Geringerer als Antoine Horst D´Oevre, der berühmteste Astralornithologe seiner Zeit, namentlich der Epoche der ausgehenden Gasbeleuchtung.
Aufgrund seiner jahrelangen Beobachtungen am Rande des benachbarten Weihers hatte er jene bahnbrechende Einsicht gewonnen, und gleich da, im feuchten Röhricht beschlossen, etwas gegen die sich abzeichnende Bedrohung zu unternehmen. Er brachte den Mut auf, seine Theorie über die spektakuläre Herkunft und den heimtückischen Auftrag des Entenvolkes im Kreise seiner Zunftkollegen bekanntzumachen. Die Allgemeinheit hingegen wurde geflissentlich übergangen und über das unheimliche Wesen der globalen Entenschaft im Unklaren gelassen. Im Gegenteil, man unternahm von Seiten der Eingeweihten alles, um diese Vögel zu verharmlosen und sie lediglich als Quelle von Fleisch, Eiern und Daunen zu portraitieren.

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Kurz zusammengefasst, so führte D´Oevre mittels ausdrucksstarker Gestikulation aus, handelte es sich bei Enten um eine raffiniert getarnte und vorsorglich eingeschmuggelte Art von Aliens, die den Planeten Erde auskundschaften und für eine spätere Übernahme durch die außerirdische Zivilisation der Paraktoplygischen Blefulanten – eine Antoine bestens bekannte, außergalaktische Lebensform – vorbereiten sollten. Unsere so harmlos ausschauenden Enten vermögen dank ihrer Mobilität in alle Winkel sämtlicher irdischen Klimazonen vorzudringen, diese gründlich zu erforschen und ihre Erkenntnisse an die außerirdischen Auftraggeber weiterzuleiten.
Dank ihrer Vielseitigkeit können sie sich überall ungeniert fortbewegen: An Land nennt man das „watscheln“, auf dem Wasser tun sie „paddeln“, und in der Luft sieht man sie gruppenweise „flattern“. Die lustig taumelnde Fortbewegung an Land gestalten sie als ein geschicktes Täuschungsmanöver, um die Menschen von Vermutungen abzuhalten, sie könnten eine Gefahr für die menschliche Zivilisation darstellen. Sie bauen dabei auf das weit verbreitete menschliche Vorurteil, dass jemand, der mit dem Bürzel wedelt, ein harmloser Zeitgenosse sein muss.

Verdeckte Ermittlungen: Abgetauchte Ente

Dergestalt in alle Himmelsrichtungen beweglich, also a) watschelnd, b) paddelnd und c) flatternd, haben die Enten und ihre willigen Kollaborateure alle Einzelheiten der Erdoberfläche samt Flussauen, Binnenseen, essbaren Materialien, Bodenschätzen und geeigneten Landeplätzen ausgekundschaftet. Ihre Erkenntnisse wiederum leiteten sie mittels eines Geheimcodes – den wir naiverweise als unverständliches „Geschnatter“ wahrnehmen – an ihre böswilligen Auftraggeber weiter. Letztere wiederum verarbeiten die ankommenden Entenrufe zu nützlichen Informationen zuhanden ihrer Militärstrategen, die damit die Eroberung der Erde bestens planen können.

Außerirdische Strategen: Flugente
Außerirdische Strategen: Flugente

Auf ihren riesigen Pipekalumpischen Schautafeln und mittels dreidimensionaler Animationen bringen die außerirdischen Strategen ihre Invasionspläne zur interplanetaren Darstellung. So können die Alien-Verantwortlichen ihre Vorgehensweise üben und in mannigfachen Variationen durchspielen.
Wann der Zugriff auf unseren Planeten erfolgen wird, das wissen wir natürlich nicht, denn die Wege des Herrn Cthulkus, des obersten Ovulators im paraktoplygischen Himmelreich des Exoplaneten P.H.1890 Craftlove, sind unergründlich. Dies zumindest gemäß dem gelenkigen Horst D´Oevre, der obendrein meint, dass die Invasion unmittelbar bevorsteht. Oder mit anderen Gesten ausgedrückt, dass es sich dabei nur noch um Jahrhunderte handeln kann.

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Es ist schon befremdlich, wie falsch wir betreffend der Anatidae genannten Entenvögel lagen. Laut „Brehms Tierleben“ sind diese in 47 Gattungen und 150 Arten unterteilt. Die bekanntesten darunter sind die Stockenten, Krickenten, Tangenten und Pekingenten. Während die Stockenten sich in städtischem Umfeld bewegen und höhere Gebäude nach geeigneten Beobachtungsposten untersuchen, studieren Krickenten die Eignung von Sportstadien als mögliche Versammlungsorte für Alien-Kommandos. Die Tangenten kennen sich besonders gut mit kurvenreichen Gewässern aus, die hervorragende Versteckmöglichkeiten für heimlich gelandete Landefähren bieten. Pekingenten wiederum haben sich auf das Auskundschaften von asiatischen Restaurants spezialisiert, die bekanntlich überall vorkommen, und als unauffällige Eintrittspforten für die außerirdische Invasion dienen können. Die ersten alienischen Landungstruppen würde man gut und gerne für chinesisches Küchenpersonal halten, und ihnen auf diese Weise einen erleichterten Zugang zu unseren sensiblen Installationen ermöglichen. Erst wenn es zu spät ist, werden die hinter den Reiskochern hervorkriechenden Enterkommandos ihre Tarnung als chinesische Gastronomen abwerfen, und unsere aus ihrer Perspektive lächerlich veralteten Waffen mit ihren fortschrittlichen Glutamatkanonen verschmoren.

Die vier wichtigsten Entenarten: Stockente, Krickente, Pekingente und Tangente
Die vier wichtigsten Entenarten (von oben nach unten): Stockente, Krickente, Pekingente und Tangente

Nun stellt sich die Frage: was können wir dagegen unternehmen? Die Enten gnadenlos bejagen, sie bis in die entferntesten Weiher verfolgen und nacheinander abschießen? Das ist gewiss eine Möglichkeit – aber wie sich das bei früheren Kampagnen zur Schädlingsbekämpfung herausgestellt hat, doch keine nachhaltige Lösung. Es würden selbst bei größtem Jagderfolg einige Exemplare übrigbleiben und als unentdeckte sog. „Kundschafter des kosmischen Friedens“ die Invasoren mit nützlichen Informationen beliefern.
Oder sollten wir uns mit unserem Schicksal abfinden und weiterhin so tun, als wüssten wir nichts? Sollten wir uns nur hie und da eine Entenmahlzeit gönnen, uns auf deren Daunen ausruhen und ihre Eier zu Ostern bemalen, gerade so als wären sie nichts weiter als harmlose Wasservögel? Ich sage, nein, und nochmals nein! Das dürfen wir nicht tun! Damit würden wir unsere Nachkommen dem wildfremden kosmischen Gesindel ausliefern und sie einem ungewissen Schicksal überlassen. Also was dann?

Da wir vom technischen, zivilisatorischen und gastronomischen Standpunkt aus betrachtet im Hintertreffen liegen, müssen wir die Sache schlau angehen. Unsere menschliche, verschlagene Raffinesse ist den Paraplygischen Blefulanten völlig unbekannt. Sie können sich die menschliche Hinterlist, die während der Entwicklungsgeschichte der Primaten evolutionär entstand und zur höchsten Vollendung verfeinert wurde, nicht vorstellen. Damit könnten wir den Invasoren beikommen, indem wir im Vorfeld den einen Oberbefehlshaber der weltweiten Entenvögel erwischen, festnehmen und ihn nach angemessener Behandlung umdrehen. Das heißt, ihn mit abwechselnder B´nB (das ist Belohnung und Bestrafung) gefügig machen und ihn veranlassen, falsche Informationen an den Blefulanten-Generalstab zu schnattern.

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Die beste, für Enten geeignete kombinierte B´nB besteht gemäß Horst D´Oevre aus der abwechselnden Anwendung von Zuckermais und Peitsche, am besten durch zwei versierte Verhörende im Sinne eines Good-Cop-Bad-Cop-Duos. Es gibt nichts Schlimmeres für eine Ente als ihren glattrasierten Bürzel mit einer eingefetteten Fuchssehnenpeitsche bearbeitet zu bekommen – da würde selbst der zäheste Friedenskundschafter alles gestehen und bereitwillig mitmachen. Und der Verlockung durch lauwarmen Zuckermais können sie allesamt nicht widerstehen.

Das Problem ist nur: Wie können wir herausfinden, wer dieser Oberbefehlshalber des Entenvolkes, das heißt, wer wohl der Buntgefiederte Omnipot(e)nte Großerpel ist? Hierfür müssen wir eine konzentrierte, groß angelegte Suchaktion organisieren, bei der alle verfügbaren Astralornithologen als lizenzierte Entenanalysten zum Einsatz kämen. Sie müssten dann vorderhand mit einer App ausgestattet sein, welche selbst die unscheinbarsten Merkmale des Großerpels erkennen und deren unzweideutige Entdeckung – eigentlich Ent(e)deckung – anzeigt. Diese auf der Kombination von Qualitätsoptik und Künstlicher Intelligenz basierende Technologie ist durch mehrere Pat(e)nte geschützt und funktioniert zuverläßig selbst auf größere Ent(e)fernungen.

Die größte außerirdische Bedrohung seit dem Terminator: Als Ente getarnte Aliens
Die größte außerirdische Bedrohung seit den Predators: Als Enten getarnte Aliens

Antoine Horst D´Oevre hat inzwischen seinen ent(e)ressierten Zunftkollegen mittels Grimassensprache ausrichten lassen, dass er ent(e)schlossen sei, sich persönlich an die Spitze dieser außerordentlich wichtigen Ent(e)wicklung zu stellen. Gerne zeigt er allen interessierten Entenjägern seinen ent(e)zückenden neuen Ententöter, den er sich neulich zugelegt hat, nachdem er sich den Kaufpreis von seiner bescheidenen Leibr(e)nte abgespart hatte. Aber die Rettung der Menschheit geht vor, und Antoine drückt tanzend seine Zuversicht darüber aus, dass wir den Obererpel erwischen können. Er meint, der Trick sei, sobald dieser ent(e)tarnt wurde, ihn nicht mehr ent(e)kommen zu lassen.
Aber jetzt ist es noch zu früh für eine Ent(e)warnung. Es gibt viel zu tun, und von einer Ent(e)spannung sind wir noch weit ent(e)fernt. Hoffen wir, dass unser Plan gelingen wird, und wir im Erfolgsfall unisono verkünden können: „Ente gut, alles gut!“ ♦

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Ulrich Becher: Murmeljagd (Roman)

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Botschaft an die Menschheit

von Alexandra Lavizzari

Anlässlich des 100. Geburtstages von Ulrich Becher im Januar 2010 legte der Frankfurter Verlag Schöffling und Co. den sprachwuchtigen, 1969 erschienenen Exilroman „Murmeljagd“ nach Jahrzehnten der Vergessenheit neu auf, und nun erscheint das Buch im Taschenbuchformat beim Diogenes Verlag in Zürich mitsamt einem brillanten Nachwort von Eva Menasse.

Ulrich Becher: Murmeljagd - Roman - Taschenbuch Diogenes VerlagAls Sohn eines deutschen Rechtsanwalts und einer Schweizer Pianistin in Berlin geboren, sprengte Ulrich Becher sowohl biografisch als auch literarisch Grenzen. Selber musisch begabt wie die Mutter und auch genügend malerisches Talent beweisend, um vom anspruchsvollen George Grosz als Schüler akzeptiert zu werden, entschied sich Becher indessen für das Studium der Rechtswissenschaften und schrieb sich gleichzeitig mit dem 1932 bei Rowohlt erschienen Novellenband Männer machen Fehler in die höchsten literarischen Ränge.
Die Zeiten waren für Bechers radikale politische Gesinnung jedoch nicht günstig; sein literarisches Début fiel 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer und beendete vorläufig seine vielversprechende Schriftstellerkarriere.

Ein Leben im Exil

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Fortan war ihm auf lange Zeit keine Ruhe mehr gegönnt; der Flucht nach Österreich folgte nach dem ‚Anschluss‘ das Gesuch um eine Schweizer Aufenthaltsbewilligung, welches die Behörden aufgrund seiner militanten antifaschistischen Haltung ablehnten. Wohl oder übel musste Becher seine Exilreise fortsetzen, und zwar zuerst nach Brasilien und 1944 schließlich zu den Schwiegereltern nach New York. Erst 1954 kehrte Becher nach Europa zurück, wo er sich in Basel niederließ und bis zu seinem Tod im Jahr 1990 produktiv aber zunehmend zurückgezogen lebte.

Spannende Langatmigkeit

"Fulminant, meisterhaft, unvergesslich": Schriftsteller Ulrich Becher (1910-1990)
„Fulminant, meisterhaft, unvergesslich“: Schriftsteller Ulrich Becher (1910-1990)

Nach zahlreichen Novellen, Romanen und Bühnenstücken, die im Exil entstanden und zum größten Teil im Rowohlt Verlag erschienen, schrieb Becher in Basel sein fuminantes Meisterwerk „Murmeljagd“, eine Mischung aus Politthriller, Satire und Abenteuerroman, die Leserinnen und Leser unvergesslich skurrile Figuren und Situationen beschert und mit einer vor lauter Dialekteinsprengseln nur so funkelnden Erzählsprache verzaubert.

Ausufernde Phantasie

Bechers ausufernde Fantasie mag bisweilen unsere Geduld und Konzentration strapazieren; handkehrum liest sich die dramatische Flucht des Journalisten Albert Trebla aus dem von den Nazis besetzten Österreich ins schweizerische Engadin wie ein spannender Krimi, sterben ihm doch nach und nach Freunde und Bekannte auf unerklärliche Weise weg und tauchen auf seinem Weg immer wieder Menschen mit dubiosen Absichten auf.
Trebla (ein Palindrom für Albert) ist das Murmeltier des Romantitels; er hetzt mit seiner Frau Xane in einer Zeitspanne von nur einem Monat im Jahre 1938 durch grandios beschriebene Berglandschaften, versteckt sich, überall Gefahr witternd und – mählich in den Wahn getrieben – sogar ins harmlose Pfeifen von Murmeltieren geheime Botschaften der ihn jagenden Nazis hineinlesend.

Wider den Krieg

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Handelt es sich bei „Murmeljagd“ um eine monumentale Autobiografie? Die Passagen, die von Treblas Problemen mit der Schweizer Fremdenpolizei handeln, verleiten zu dieser Annahme, doch Becher wollte, wie er seinem Bruder schrieb, weit über sein persönliches Schicksal hinaus „die fetten sieben Jahre des Hitlerregimes“ anprangern und die verheerenden psychischen Folgen ständiger Lebensangst auf das Befinden von verfolgten Regimegegnern darlegen. Inzwischen weiß man auch, dass Becher mit Trebla nicht sich selbst porträtiert hat, sondern den Maler Axl Leskoschek, der, wie Becher selbst, nach Brasilien emigiert war.

Unvergessliche Schilderungen

Voll des Lobes über Ulrich Bechers "Murmeltier": Poetik-Dozentin Eva Manesse
Voll des Lobes für Ulrich Bechers „Murmeltier“: Poetik-Dozentin Eva Manesse

Eva Menasse ist voll des Lobes für „Murmeljagd“: „Der Zug-Transport der jüdischen und kommunistischen Häftlinge nach Dachau – unvergesslich. Unvergesslich der letzte Ritt des Roda-Roda nachgebildeten Zirkusartisten im KZ – allein für diese Szene hätte Becher den Büchnerpreis verdient, den er natürlich nie bekam; wie gesagt, es fühlte sich keiner zuständig.“
Menasse liefert damit eine der möglichen Erklärungen, weshalb „Murmeljagd“ nach Erscheinen so schnell in Vergessenheit geriet. Aufgrund seines Lebenswegs konnte dem Autor weder Deutschland noch die Schweiz oder Österreich wirklich Heimat sein; er war und blieb letztlich ein Fremder, wo immer er sich aufhielt, auch wenn sein Werk geografisch präzise verankert ist.

Universelle Botschaft

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Eine andere Erklärung mag man in der Zeit sehen, in der Becher seinen Exilroman veröffentlichte. Der zweite Weltkrieg lag bereits zu weit zurück, um die Leserschaft als literarisches Thema noch zu fesseln. Schriftsteller wie Handke und Böll schrieben zu jener Zeit sogenannte Nachkriegsliteratur, man wollte die Gegenwart protokollieren, vielleicht auch endlich vorwärts blicken, nachdem man sich, wie irrtümlicherweise angenommen, bereits bis zum Überdruss mit der Nazivergangenheit auseinandergesetzt hatte.

Ein Roman wie „Murmeljagd“ mag eine Zeit lang in der Flut von Publikationen untergehen; es ist aber eines dieser Bücher, die still und geheim ihren Weg ins Bewusstsein der Bevölkerung zurückfinden, weil sie bei aller Groteske und Skurrilität eine universelle Botschaft an die Menschheit übermittelt. Dem Schöffling und Diogenes Verlag sei Dank dafür, Bechers Botschaft zur weiteren Verbreitung zu verhelfen; sie ist heute mehr denn je von brennender Aktualität. ♦

Ulrich Becher: Murmeljagd – Roman, Diogenes Verlag, 708 Seiten, ISBN 978-3-89561-452-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Nachkriegsliteratur auch über den Roman von Christian Berkel: Ada


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Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern (Roman)

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Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg

von Sigrid Grün

70 Jahre syrische Geschichte erzählt der 1964 in Aleppo geborene Autor Khaled Khalifa. Er ist während des Krieges in Damaskus geblieben und publizierte seine Werke im Ausland, um der Zensur zu entgehen. In „Keiner betete an ihren Gräbern“ erzählt er von der symbolträchtigen Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg und berichtet von der Geschichte eines Landes, das zunächst Teil des Osmanischen Reiches war, anschließend unter französischer Kontrolle stand und 1946 schließlich vollständig unabhängig wurde.

Keiner betete an ihren Gräbern - Khaled Khalifa - Roman1907: Der Euphrat ist über die Ufer getreten und die Überschwemmung zerstört das Dorf Hosch Hanna bei Aleppo. Nur wenige Menschen überleben die Flutkatastrophe. Als der Großgrundbesitzer Hanna Gregorus und der Pferdezüchter Zakaria Bayazidi aus der Zitadelle, die zu einem privaten Freudenhaus umfunktioniert wurde, in ihr Dorf zurückkehren, müssen sie den Tod ihrer Kinder und den Verlust ihres Eigentums verkraften. Auch Hannas Frau Josephine ist ertrunken. Hanna und Zakaria blieben aufgrund ihrer Vergnügungssucht verschont.

Sündiger Lebensstil

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Hanna stellt sich die Frage, ob das die Strafe Gottes für den sündigen Lebensstil ist, dem er und sein Freund frönten: „Hanna fühlte sich wie ein Kind, das gerade in ein anderes Leben ohne Vergangenheit hineingeboren worden war. Eine neue, unbeschriebene Seite, die die Erinnerung an ein Leben voller Trubel, Vergnügungen und Schmerzen hinter sich ließ, das nun sein Ende gefunden hatte. Er fühlte sich schuldig und sehnte sich nach seinem Sohn und dem Gesicht seiner lieben Frau, die ein Leben an seiner Seite ertragen hatte.“
Zakaria, der seinen Freund in einem derart verängstigten Zustand nicht ertragen kann, hilft bei der Bestattung der Toten mit: „Die Gräber der Christen lagen in einer Reihe neben denen der Muslime, daneben in einer geraden dritten Reihe die Gräber der Unbekannten und Fremden.“

Christlich-muslimisch-jüdische Freundschaft

Khaled Khalifa
Khaled Khalifa

Das zentrale Motiv dieses Romanes von Khaled Khalifa ist die religionsübergreifende Freundschaft zwischen dem Christen Hanna, dem Muslim Zakaria und dem Juden Azar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten Angehörige verschiedener Ethnien und Religionsgemeinschaften in der Region. Ähnlich wie knapp 100 Jahre später in Jugoslawien vor Ausbruch des Krieges lagen zwar Spannungen in der Luft, aber es herrschte ein Klima der gegenseitigen Akzeptanz.
Vor allem Hanna und Zakaria sind auf eine besondere Weise miteinander verbunden. Sie sind zusammen aufgewachsen, da die Eltern des Christen Hanna bei einem Massaker ums Leben kamen, als Hanna noch ein Kind war. Auf dieses Ereignis nimmt auch der Titel Bezug. Zakarias Familie nimmt das christliche Waisenkind bei sich auf.
Als Erwachsener begibt sich Hanna schließlich auf die Spur seiner Familie und stößt im Rahmen von Ausgrabungen auf die Reste einer christlichen Kirche, die noch vom Massaker zeugt, bei dem seine Angehörigen ums Leben kamen. Hanna lässt an der Stelle ein Kloster errichten, doch verklären will er sich nicht lassen: „Er wollte kein Heiliger werden. […] Stattdessen hatte er leidenschaftlich ein Leben gelebt, das voller Fehler und Dummheiten war.“

Opulentes orientalisches Erzählen

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Das Buch, das von den Jahren 1881 bis 1951 erzählt, allerdings nicht chronologisch, zeigt auf, von welchen Spannungsfeldern das Leben der Menschen in und um Aleppo geprägt war. Da ist zunächst mal das Spannungsfeld zwischen den Ethnien und Religionen, aber auch das zwischen Männern und Frauen. Während die Frauen nämlich ihre Jungfräulichkeit wie einen Schatz hüten, geben sich die Männer unbeschwert dem Vergnügen hin.

Khaled Khalifa hat einen überbordenden Roman verfasst, in dem das opulente orientalische Erzählen eine große Rolle spielt. Das ausufernde Figureninventar stellt fast durchgehend eine Überforderung dar, weshalb ich dringend empfehle, die vierseitige Auflistung der Figuren im Anhang gründlich zu studieren – am besten, bevor man mit der Lektüre überhaupt beginnt.
Wer sich nicht von der ausführlichen Erzählweise abschrecken lässt, wird hier ein spannendes Buch zur Geschichte einer Region finden, über die wir viel zu wenig wissen. ♦

Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern, Roman, aus dem Arabischen von Larissa Bender, 544 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3498002046

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… sowie zum Thema Islam über Salman Rushdie: Orient versus Okzident?


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Juho Kuosmanen (Regie): Compartment No. 6 (Film)

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Kammerspiel in der Transsibirischen

von Katka Räber

Der Spielfilm Compartment No. 6 („Abteilung Nr. 6“) des Regisseurs Juho Kuosmanen basiert auf dem gleichnamigen Roman der in Finnland sehr bekannten Autorin Rosa Liksom. Ein spannendes Roadmovie mit dem Zug von Moskau nach Murmansk. Und wie bei Sartre in „Huis clos“ („Geschlossene Gesellschaft“) befinden sich die Protagonisten in einem praktisch geschlossenen Raum, in einem Zugabteil…

Compartment No. 6 - Spielfilm - Glarean MagazinDer finnischen Archäologiestudentin Laura erscheint zunächst die Vorstellung, die lange Reise zusammen mit dem ungehobelten, oft groben Minenarbeiter Ljoha zu verbringen wie ein Aufenthalt in der Hölle. Laura hoffte die Reise zu den 10’000 Jahre alten Felsmalereien (Petroglyphen) zusammen mit ihrer Moskauer Geliebten erleben zu können. Doch das Zugabenteuer entwickelt sich anders als erwartet.

Ein persönliches Russland

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Und wir fahren als Publikum mit, erleben einerseits die speziellen russischen Züge, die berühmte Transsibirische Eisenbahn mit dem oft unfreundlichen, unzugänglichen Personal, die Haltestationen sehen wir mit den Augen von Laura, die mit ihrer Kamera zunächst das Alltägliche dieser für uns aussergewöhnlichen Reise filmt und uns so ein sehr persönliches Russland vorstellt.
Gerade in der aktuellen Zeit, in der wir das Verhältnis von Russland und der Ukraine so polarisiert und brutal erleben, bekommen wir einen Einblick in die russische Provinz und erhalten eine Vorstellung von einem Teil der ländlichen Bevölkerung Russlands.

Kammerspiel in einem Zugabteil

Juho Kuosmanen - Regisseur - Glarean Magazin
„Vielschichtige Facetten“: Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen

Dieses Kammerspiel in einem Zugabteil zeigt sehr vielschichtige Facetten der Wahrnehmung unterschiedlicher Bevölkerungsschichten. Auf so engem Raum spielt sich konzentriert das Leben ab. Und all das passiert, immer unerwartet, im langsamen Tempo, mit Humor, oftmals mit Melancholie – und das Herz der Protagonisten wie auch des Publikums öffnet sich. Kein Wunder, dass dieser Film als internationaler Beitrag für den Oscar-Wettbewerb eingereicht worden ist.

Unterwegs steigt ein junger, eher ziellos reisender Finne in das Abteil ein, der auch wieder Bewegung in eine andere Richtung bringt. In der Beziehung zwischen der Finnin Laura und dem Russen Ljoha kommen immer wieder Hürden vor, von denen manche spannend überwunden, manche mit Humor aufgelöst werden, auch die zu erwartende Liebesannäherung findet tatsächlich statt, wenn auch nicht mit einem Hollywood-Happyend.

Transsibirische Eisenbahn - Waggon - Zugabteil - Glarean Magazin
Roadmovie von Moskau nach Murmansk: Waggons der Transibirischen Eisenbahn

Und doch steigen wir erfüllt, beglückt, nachdenklich, aber lächelnd aus dem Zug ins Kinofoyer hinaus, aus dem eisigen Sibirien in den hiesigen Frühling. Wir haben einiges kennengelernt, erfahren – wenn auch nichts, was in einem Tourismus-Reiseführer steht.
Ergreifend, berührend, auch gelegentlich befremdlich, aber auch anders als „lost in translation“. Feurige Begegnungen in der Kälte, überraschend, ehrlich, ohne Pathos, sehr menschlich und filmisch grossartig umgesetzt. ♦

Juho Kuosmanen (Regie): Compartment No. 6, Spielfilm mit Seidi Haarla und Juri Borissow, 112 Minuten, Finnland 2021

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Spielfilm auch über Thaïs Odermatt: Amazonen einer Grossstadt

Literaturwettbewerb 2023 des Kroggl-Verlages

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Gesucht: Kurzgeschichten

Kroggl Verlag - Glarean MagazinKurzgeschichten zu einem freien Thema können dem österreichischen Kroggl-Literaturpreis eingereicht werden. Die Texte sollten (bis zum 1.März 2023) unveröffentlicht sein und eine max. Länge von 20’000 Zeichen haben. Die besten Geschichten werden in einer Anthologie veröffentlicht.
Der Wettbewerb ist mit Geldpreisen dotiert, zugelassen sind Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2022, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie auch die weiteren Literatur-Ausschreibungen im GLAREAN MAGAZIN


Peter Biro: Die wundersame Apothekerverdopplung (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Die wundersame Apothekerverdopplung

Peter Biro

Nach wie vor ringen die Sachverständigen um eine Erklärung für die seltsame Naturerscheinung, die in der unansehnlichen schottischen Kleinstadt Plockton an der Küste der Grafschaft Broomshire ihren Anfang genommen hat. Seitdem verbreitet sich das seltsame Phänomen der plötzlichen Apothekerverdopplung wie ein Lauffeuer von Nord nach Süd über die britischen Inseln. Zurzeit wird im Wochenrhythmus über neue aufgetretene Verdopplungsfälle berichtet, wonach aus jeweils einem Apotheker urplötzlich zwei Individuen entstanden sind, die völlig identisch aussehen und sich ebenso verhalten.
Die entstandenen Duplikate ähneln gewissermassen eineiigen Zwillingen, nur mit dem Unterschied, dass sie spiegelbildlich verkehrt sind; einer ist ein Rechtshänder, der andere ein Linkshänder. Wo vorhanden, ist auch der jeweilige Scheitel der Pharmazeuten spiegelbildlich umgekehrt gezogen. Ein weiteres, besonderes Charakteristikum dieser Erscheinung ist, dass sie ausschliesslich bei pakistanisch-stämmigen Apothekern auftritt, und darunter auch nur solche betrifft, die mindestens seit zehn Jahren ihren Beruf ausüben.

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Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat, mit denen die Betroffenen hantierten, oder gar übernatürliche Mechanismen im Spiel sind, ist reine Spekulation. Selbst der allwissende Pfarrer der Gemeinde, der für absonderliche Epiphanien im Zusammenhang mit dem benachbarten Loch wohlbekannt ist, weiss diesbezüglich keine passende Erklärung, zumal die wundersame Leibesvermehrung bisher ausschliesslich bei moslemischen Apothekern beobachtet wurde.
Am besten kennt man noch den ersten Fall, der sich – wie aus heiterem Himmel – im eingangs erwähnten Plockton ereignet hatte. Er betraf Ghulam Mussafar, den 58-jährigen Apotheker des kleinen, beschaulichen Ortes. Dieser ging eines Tages auf Geheiss seiner Frau in den Keller hinunter, um eingemachten Orangengelee zu holen. Kurze Zeit später kam er in zweifacher Ausführung wieder an die Oberfläche – in beiden Varianten jeweils mit einem Marmeladeglas in der Hand.
Der unerwartete Anblick der doppelten Gatten-Erscheinung liess Fatima Mussafar, die Herrin des Hauses, zuerst an ihrem Verstand zweifeln. Aber nachdem sie beiden Männern flüchtig in die Augen sah, sank sie kurzerhand bewusstlos in sich zusammen. Daraufhin rannten beide Apotheker in den angrenzenden Lagerraum der Apotheke, um Riechsalz zu holen, und der zu Tode erschrockenen Ehefrau wieder auf die Beine zu helfen. Dies war die einzige einträchtige Zusammenarbeit der beiden Apothekervarianten, bevor sie sich in die Haare gerieten.
Fatima wachte aus ihrer kurzfristigen Ohnmacht auf und überzeugte sich handgreiflich über die Realität der phantastischen Erscheinung. Dabei kam sie zur Schlussfolgerung, dass sie sich offensichtlich in einer bigamistischen Beziehung befand, was in ihrem Kulturkreis erst recht nicht toleriert würde. Von der Aussicht auf Ächtung durch ihre strengen Eltern und obendrein vom soeben Erlebten geradezu überwältigt, lief die nur mit ihrem Morgenrock bekleidete Frau in die highländische Kälte hinaus, schnurstracks zu ihrer Freundin, der Ärztin des Ortes, um sich Rat und Zuspruch zu holen.

Alte Apotheke - Glarean Magazin
Die wundersame Apothekerverdopplung: „Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat?“

Es war besagte praktische Ärztin, Dr. Lilian McAuliffe, die, als erste wissenschaftlich geschulte Person mit der neuartigen Apothekerverdopplung konfrontiert wurde und darüber die Öffentlichkeit informierte. Ihr knapper und wissenschaftlich eher unsystematischer Bericht, den sie zuhanden des Lokalreporters Henry Bigelow vom Kyle of Lochalsh Traritrara verfertigte, beschrieb, in der bekannt sparsamen schottischen Art, den Ablauf der Ereignisse mit ausgesprochen kurzen Sätzen. Demzufolge entstand die Verdopplung des Apothekers Ghulam Mussafar innerhalb weniger Augenblicke, als dieser sich kurz im Keller des Hauses aufhielt um die erwähnte Marmelade zu holen. Beim Griff nach dem Einmachglas habe es einen kurzen Knall gegeben, gefolgt von einem grellen bläulichen Lichtblitz. Danach sei Stille eingetreten, jedoch sei ein stechender Geruch die Kellertreppe emporgestiegen, der entfernt an verbrannte Wollsocken erinnerte. Anschliessend waren zwei völlig identische Kopien des zwar verwirrt aussehenden, aber ansonsten unversehrten Apothekers in Erscheinung getreten, beide Kopien gleich gekleidet und sich auch sonst gleichartig verhaltend.

Nach einer kurzen, zielgerichteten Zusammenarbeit der beiden Mussarafkopien zur Wiederbelebung der in Ohnmacht gefallenen, gemeinsamen Gattin, begann eine Auseinandersetzung um die Rechte an der Identität der ursprünglichen Person, gefolgt von Streitigkeiten um den Besitz von Haus, Hof, Garten, dem geleasten Aston Martin und der Apotheke. Beide Mussarafs bestanden darauf, der rechtmässige Apotheker des Ortes zu sein und über die fachlichen Kenntnisse zu verfügen, die zur Ausübung des pharmazeutischen Berufs erforderlich waren. Eiligst kramten sie in den Schubladen des Bürotischs nach der Identitätskarte sowie offiziellen Nachweisen und Diplomen, die sie sich gegenseitig unter die Nase hielten.
Aufgrund der völligen Übereinstimmung in allen Belangen liess sich auch aufgrund der vorgelegten Dokumente keinerlei Einigung erzielen, wer nun von ihnen der „richtige“ Ghulam Mussaraf wäre. Beide bestanden vehement darauf, der rechtmässige Eigentümer der Persönlichkeitsrechte zu sein und beschuldigten den jeweils anderen, nur eine Kopie zu verkörpern, die augenblicklich zu verschwinden habe. Insbesondere konnten sich die zwei Streithähne nicht um das Vorrecht einigen, wer von ihnen nun bei der Dame des Hauses im Doppelbett nächtigen dürfte. Fatima wiederum lehnte es entschieden ab, in der Mitte zwischen den beiden Gatten zu liegen. Allein schon ihres Rückens wegen könnte sie es nicht auf der Besucherritze aushalten, vom zu erwartenden doppelten Schnarchkonzert ganz zu schweigen.
Unnötig zu sagen, dass die zwei Kopien des Apothekers keine definitive Einigung darüber finden konnten, wer von ihnen nun der rechtmässige Besitzer und Bewohner des Hauses und des darin befindlichen Inventars war. Als sie einsehen mussten, dass keiner von ihnen nachgeben würde, fanden sie zumindest einen zeitweiligen Ausweg. Als provisorisches modus vivendi vereinbarten sie, sich bei der Arbeit und im privaten Bereich im Wochenturnus abzuwechseln. Während der eine, sagen wir Mussaraf A, sich in der Apotheke aufhielt und die Geschäfte führte, verblieb der andere im Haus und widmete sich dem Privatleben und der Pflege der ehelichen Beziehung. In der darauffolgenden Woche übernahm Mussaraf B den Laden und sein alter ego besorgte die häuslichen Pflichten und Angelegenheiten. Letzteres geschah insbesondere aus wohlverstandener Rücksicht gegenüber der sensiblen Fatima, die auf diese Weise einigermassen beruhigt zu ihrem geordneten Lebensumständen zurückfinden konnte.
Mit der Zeit ergab es sich – nicht ganz zur Unzufriedenheit der nervlich und auch sonst etwas überstrapazierten Gattin – dass Haushalt und Geschäftsführung ungefähr doppelt so schnell und effektiv erledigt wurden wie vor der Einführung des unerwarteten ménage a trois. Auch das Liebesleben der Apothekerinnenfrau verbesserte sich um den Faktor 2, so dass die Dame des Hauses sich recht zügig mit der neuen Situation anfreundete. Zurzeit ist es allerdings noch unklar, ob es bei den drei Mussarafs weiterhin so harmonisch zugeht.

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Die sich einstellende Routine beruhigte einstweilen die Gemüter, und bis jetzt (toi-toi-toi!) hört man kein Gezeter aus dem kleinen Haus am Ortsrand von Plockton. Glücklicherweise befinden sich die Kinder der Familie seit dem Auftreten dieser Ereignisse bei ihren Grosseltern in Karatschi, so dass ihnen der Schock der väterlichen Verdopplung vorerst erspart bleibt. Wie es mit den doppelten Ghulams inzwischen weiterging, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis, aber ähnlich gelagerte Fälle wiederholten sich rund ein Dutzend Mal in Schottland und im nördlichen England, allesamt ausschliesslich pakistanisch-stämmige Apotheker betreffend. Die einzige Gemeinsamkeit, welche von findigen Sachverständigen als irgendwie ursächlich für die mysteriösen Apothekerverdopplungen verdächtigt wird, war der Umstand, dass alle diese Pharmazeuten nach alten Rezepturen mit selbstgemachten Kräuterpasten für orientalische Hautausschläge hantiert hatten. Das scheint eine ehrwürdige Tradition dieses Berufsstandes vom asiatischen Subkontinent zu sein, allerdings sind keinerlei ähnlich gelagerten Fälle aus Indien oder Pakistan bekannt geworden. Manche Bevölkerungsstatistiker haben allerdings auf auffällig häufigere Mehrlingsgeburten bei Familienmitgliedern dieses Berufsstandes hingewiesen.

Nun befassen sich namhafte Chemiker, Biologen und Zwillingsforscher mit dem seltsamen Phänomen und suchen nach einer plausiblen Erklärung. Hinter vorgehaltener Hand werden Vermutungen über ungeahnte Interaktionen zwischen altindischen Tinkturen mit Kräuteressenzen von der Atlantikküste angestellt. Allerdings gibt es bisher noch keine überzeugenden Hinweise. Natürlich hat sich die Boulevardpresse der Sache angenommen und schlachtet die sensationellen Ereignisse mit marktschreierischen Schlagzeilen aus. Wochenlang belagerten mehrere in- und ausländische Fernsehteams das kleine Haus am Ortsrand von Plockton, um wenigstens ein Bild zu erhaschen, auf dem beide Apotheker gleichzeitig zu sehen sind. Allerdings haben sie damit keinen Erfolg gehabt und konnten immer nur den einen der beiden Apotheker hinter dem Schaufenster oder auf dem Weg erspähen, wenn dieser unterwegs war, um Besorgungen zu erledigen. Auf keinem der Bilder oder Filmsequenzen konnte man erkennen, ob es sich um Ghulam Mussaraf A oder B handelte. Manche enttäuschten Berichterstatter reisten nach und nach wieder ab und einige zogen die doppelte Ausführung des Plocktoner Apothekers sogar in Zweifel. Dann hiess es, dass es sich lediglich um einen PR-Stunt gehandelt habe, um dem verschlafenen Ort zu einer gewissen Bekanntheit, und dem Tourismusbetrieb zu einem Aufschwung zu verhelfen. Allerdings spricht das sporadische Auftreten von Apothekerverdopplungen andernorts gegen diese Hypothese. Immerhin verzeichnete die einzige Gaststätte des Ortes einen sprunghaften Anstieg des Umsatzes, das einzige zu vermietende Fremdenzimmer war von da an kontinuierlich belegt, und der umtriebige Bürgermeister gab umgehend eine nah gelegene Schafsweide als Autobusparkplatz frei.
Nun ist abzuwarten, wie sich die Sachlage entwickelt, und ob, wann und wo es zu weiteren Apothekerverdopplungen kommen wird, beziehungsweise was die schlussendliche Erklärung für dieses ungewöhnliche Phänomen ist. Man darf gespannt bleiben. ♦

Diese Geschichte widme ich meinem seligen Vater Ladislaus Biro (1915-2010), der zeitlebens ein einzelner Apotheker war, und dem es nie gelang sich zu verdoppeln. Im Gegenteil.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN von Peter Biro auch die Satire Schreibblockade


Umm-El-Banine Assadoulaeff (Banine): Kaukasische Tage (Autobiographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Emanzipation auf kaukasisch

von Sigrid Grün

In „Kaukasische Tage“ erzählt Umm-El-Banine Assadoulaeff, die unter dem Pseudonym Banine publizierte, von ihrer Kindheit in Aserbaidschan. Banine, 1905 in Baku geboren, gehörte einer der wohlhabendsten Familien des Landes an. Ihre Großväter waren Erdölmillionäre. Banine und ihre älteren Schwestern wuchsen in einem islamisch geprägten Umfeld auf, erhielten aber eine westliche Erziehung. „Kaukasische Tage“ erschien erstmals 1946 im französischen Original, 1949 in deutscher Übersetzung. Nun wurde das Buch erneut übersetzt – und es ist erstaunlich, wie modern die 1992 in Paris verstorbene Autorin schreibt.

Banine - Kaukasische Tage - dtv VerlagDie Geschichte Aserbaidschans dürfte den wenigsten von uns bekannt sein. Das islamisch geprägte Land am Kaspisee erlebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Umwälzungen und wurde schließlich eine Sowjetrepublik. Banine, die in eine Familie von Ölbaronen hineingeboren wurde, beginnt ihre Erinnerungen mit folgendem Satz: „Wir alle kennen Familien, die zwar arm sind, aber als achtbar gelten. Meine hingegen war außerordentlich reich und alles andere als achtbar.“ Diese Abwandlung des ersten Satzes von Tolstois „Anna Karenina“: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ fasst das, was kommt, perfekt zusammen. Und dabei erzählt Banine derart lebendig und unterhaltsam, dass es eine wahre Freude ist, der Geschichte ihrer Kindheit und frühen Jugend zu folgen.

Islamische Tradition und westlicher Einfluss

Baku - Erdölstadt - Aserbeidschan - Glarean Magazin
Zwischen islamischer Tradition und westlichem Einfluss: Die Metropole Baku im Erdöl-Land Aserbaidschan

Umm-El-Banine Assadoulaeff wächst gemeinsam mit ihren älteren Schwestern Leyla, Suleyka und Süreya in Baku auf. Ein deutsches Kindermädchen kümmert sich um die Sprösslinge der Familie, die durch das Erdöl auf ihren Feldern zu unglaublichem Reichtum gelangt sind. Die Sommer verbringt die weitläufige Familie auf einem riesigen Landsitz, wo die Kinder Streiche aushecken und eine unbeschwerte Abenteuerlust ausleben. Doch es gibt auch ständig Streit – meistens geht es um Geld oder um Traditionen. Eine streng muslimische Großmutter ist angesichts des Verfalls der Sitten oft am Fluchen, gestresste Ehefrauen wünschen sich endlich eine Nebenfrau, damit sie nicht mehr so alleine sind, wenn der Mann unterwegs ist – und die Pokersucht greift um sich. In diesem Spannungsfeld aus islamischer Tradition und westlichen Einflüssen wächst das Mädchen auf.

Das Verlangen zu lieben

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Als Kind erlebt die Autorin, wie das Land unabhängig und der Vater Minister wird. Wenig später kommen die Sowjets und enteignen die Ölbarone, sperren den Vater ein und verdrehen den aserbaidschanischen Mädchen den Kopf. In Aserbaidschan war es damals üblich, mit 14 zu heiraten, was viele junge Frauen auch als Befreiungsschlag erlebt haben, denn ab diesem Zeitpunkt mussten sie nicht mehr auf ihre Jungfräulichkeit achten und konnten endlich so viele Affären haben, wie sie wollten. Auch die Erzählerin berichtet von ihren frühreifen Sehnsüchten: „Seit meinem zehnten Lebensjahr plagte mich das Verlangen zu lieben: Im Dauerzustand der Verliebtheit war mir das Objekt der Romanze gleichgültig, Hauptsache, ich fand Verwendung für mein großes Gefühl.“ (S.186) Und so verliebt sie sich gemeinsam mit ihren Schwestern immer kollektiv in diverse Männer, die stets um die zehn Jahre älter sind als sie selbst.

Sexuelle Freizügigkeit kontra Vorurteile

Banine - Glarean Magazin
Umm-El-Banine Assadoulaeff alias Banine (1905-1992)

Wer die Geschichte einer verklemmten Muslima erwartet, täuscht sich gewaltig. Hier wird herrlich lebendig von sexueller Freizügigkeit, Spielsucht und fluchenden Alten erzählt, die den Sound der Geschichte bestimmen. Dabei ist „Kaukasische Tage“ aber keineswegs ein Skandalbuch, sondern eine authentisch erzählte Geschichte, die uns mit unseren eigenen Vorurteilen konfrontiert und geeignet ist, uns davon zu befreien.
In dem Buch gibt es zahlreiche urkomische Stellen, etwa, als die Erzählerin und ihre Cousine, die sich dem Kommunismus der Besatzer verschrieben haben, bei der Inventarisierung der Häuser ihrer Nachbarn helfen sollen. Ein echtes Kabinettstückchen, bei dem sich die Mädchen den Umstand zunutze machen, dass die älteren aserbaidschanischen Frauen kein Russisch sprechen und die Russen kein Aserbaidschanisch verstehen. Auch die Figuren werden wunderbar charakterisiert, etwa ein Onkel, der immer Fliegen mitisst, wenn er ein Eis verzehrt.

Herrlich lebendiges Schreiben…

Ernst Jünger - Glarean Magazin
Enger Freund und Vertrauter im Geiste: Ernst Jünger

Im Alter von 14 Jahren ist die Kindheit der Erzählerin vorbei. Der Vater landet im Gefängnis und der Mann, der sich um seine Freilassung bemüht, soll ihr Ehemann werden, obwohl sie nicht ihn, sondern einen Russen leidenschaftlich liebt. Trotzdem nimmt sie es hin, mit ihm verheiratet zu werden, denn so ist es üblich. Die Geschichte endet mit einer Fahrt im Orient Express. Die junge Frau lässt ihren ungeliebten und spielsüchtigen Mann in der Türkei zurück und fährt in die Stadt, die für sie bereits als Kind ein Sehnsuchtsort war: Paris. Dort verbrachte Banine auch den Rest ihres Lebens, wo u.a. auch der grosse Schriftsteller Ernst Jünger zu ihrem engsten Freundeskreis zählte.
Banine kehrte kein einziges Mal in ihre Heimat zurück, obwohl sie sogar von den Sowjets eingeladen worden war. Diese Entscheidung bereute sie kurz vor ihrem Lebensende.

… mit Witz und Intelligenz

Fazit: Was für ein herrlich lebendig und modern geschriebenes Buch! Ich konnte gar nicht mehr aufhören, den Familiengeschichten der Erzählerin zu folgen. Witzig und intelligent wird hier von einer untergegangenen Welt berichtet, die so ganz anders war, als viele von uns sich das vermutlich vorstellen. Es sind keine strikten moralischen Vorschriften, die das Leben der Menschen bestimmten, sondern die gleichen Bedürfnisse, die (junge) Menschen seit jeher überall auf der Welt haben: Zu lieben und geliebt zu werden. Oftmals auf gänzlich unmoralische Art und Weise.
„Kaukasische Tage“ ist das unterhaltsamste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Ich kann es nur wärmstens empfehlen!

Banine: Kaukasische Tage (aus dem Französischen übersetzt von Bettina Bach), dtv Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-423-28234-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Emanzipation auch über Angelika Schaser (Hrsg.): Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Gedicht des Tages von Peter Huchel: Wintersee

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Wintersee

Peter Huchel

Winter-See mit Schilf und Himmel - Gedicht des Tages - Dezember 2021 - Glarean Magazin Wintersee

Ihr Fische, wo seid ihr
mit schimmernden Flossen?
Wer hat den Nebel,
das Eis beschossen?

Ein Regen aus Pfeilen,
ins Eis gesplittert,
so steht das Schilf
und klirrt und zittert.

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von Raoul Hausmann: Nichts

… sowie zum Thema Winter das Gedicht des Tages von Walter Gross: Dezembermorgen

Deborah Levy: Ein eigenes Haus (Autobiographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Fade bis lähmend langweilig

von Sigrid Grün

Virginia Woolfs 1929 erschienener Essay „A Room of One’s Own“ gehört zu den am häufigsten rezipierten literarischen Werken der Frauenbewegung – und natürlich sollte „Ein eigenes Haus“ von Deborah Levy auch als eine Adaption dieses Klassikers aufgefasst werden. Doch im Gegensatz zu Woolfs Essay, der mit viel Verve verfasst wurde, wirkt Deborah Levys autobiographische Schrift auf mich fade, um nicht zu sagen lähmend langweilig.

Deborah Levy - Ein eigenes Haus - Autobiographie - Hoffmann und Campe VerlagLiteratur von zerquälten Schriftstellerinnen ist durchaus beliebt. Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ wurde 2019 unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Schreiben ist ein hartes Brot, und als Frau ist es mitunter noch härter – immer noch. Der Titel von Deborah Levys im Herbst erschienenen Teil ihres „Living Autobiography“-Projekts hat mich neugierig gemacht, nicht nur wegen der Anklänge an Woolf, sondern auch, weil mich Autobiographien generell faszinieren.
Um es vorwegzunehmen: Ich habe für die 200 Seiten ewig gebraucht. Die Lektüre war quälend, manchmal beinahe lähmend. Die letzten 50 Seiten habe ich schließlich laut meinem Mann vorlesen müssen, um wach zu bleiben. Er ist schließlich dabei eingeschlafen.

Vor sich hinplätschernd

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Es ist mir unbegreiflich, wie eine derart gefeierte Schriftstellerin so furchtbar langweilig schreiben kann. Ich habe kein Problem mit Bewusstseinsstrom-Literatur, im Gegenteil! Aber ein dermaßen fade vor sich hinplätschernder Bewusstseinsstrom, in dem es viel zu oft um ausufernde Beschreibungen vorgeblich exquisiter Speisen geht, die die Erzählerin verzehrt, war für mich schier unerträglich.
Fast nichts von dem Gelesenen war irgendwie interessant. Es geht um Einkäufe (ein Bananenbäumchen als Kinderersatz, Schuhe und Essen), um die herbeigesehnte Immobilie, die sie sich der eigenen Auffassung zufolge ohnehin nie leisten können wird, weshalb es eine „Imaginärimmobilie“ bleibt, um Begegnungen, die keinerlei Bedeutung zu haben scheinen – und um die eigene Großartigkeit als Autorin, die etwas zu sagen hat und schließlich ein Aufenthaltsstipendium für Paris bekommt.

Keine interessanten Fragen

Deborah Levy
Deborah Levy (*1959)

Schauplätze sind London, New York, Mumbai, Paris, Berlin und eine griechische Insel. Themen sind das Älterwerden, die gescheiterte Ehe, die Kinder, die flügge werden, und der Alltag als Schriftstellerin, der weniger spannend erzählt wird, als ich es mir erhofft hatte.
Wirklich interessante Fragen, wie etwa die nach der weiblichen Selbstbestimmtheit, werden nicht wirklich aufgegriffen. Während Woolf die Bedingungen für das Entstehen großer Literatur noch in „einem Zimmer für sich allein“ und einem finanziellen Spielraum (500 Pfund im Jahr) ausmachte, träumt Deborah Levy von einem Haus mit „eiförmigem Kamin“. Stattdessen hat sie einen „Schuppen […] nicht weit von der Abbey Road“. Und das ist natürlich total romantisch.

Frustration und Lebensmittelkäufe

Es ist eine erhebliche Frustration, die ausgedrückt wird – was durchaus interessant sein kann, wenn das Ganze gut erzählt ist. Aber hier reiht sich eine Belanglosigkeit an die nächste. Das klingt dann zum Beispiel so:
„Wir gingen weiter zur Baron Rouge, wo wir Austern aßen und mit Schankwein hinunterspülten, einem ziemlich groben Wein. Die Austern wurden mit einer Maschine geöffnet, und der Bediener der Maschine arbeitete nonstop, um die Wochenendkundschaft zufriedenzustellen. […] Später schlenderten wir über den Markt und kauften Obst, einen Ziegenkäse im Aschemantel, sämtliche Pilze der Saison und einen Calvados. Im Grunde taten wir nichts anderes, als zu essen und zu trinken. An diesem Abend machten wir in meinem leeren Nest Pilzomelette, gefolgt von Salat, Käse und Obst. Der Calvados war leicht und golden und wärmte.“ (S.133ff).

Unmotiviertes Erzählen

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Ich frage mich: Wen soll das interessieren? Es ist völlig in Ordnung, wenn mal eine solche Szene in einem Buch vorkommt, aber ständige Beschreibungen von Essenskäufen verderben mir jegliche Lust auf eine Lektüre. Und nein, ich bin gerade nicht auf Diät!

Mein Fazit also: “Ein eigenes Haus“ ist das langweiligste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Mir fällt gerade kein einziger Aspekt ein, der mir daran gefallen hätte. Einige Zitate waren vielleicht interessant. Aber die unmotivierte Erzählung einer frustrierten Schriftstellerin, die ihre eigene Großartigkeit immer wieder herausstreichen muss, hat mich definitiv gelehrt, dass es auch Autorinnen und Autoren gibt, auf deren Werke ich in Zukunft besten Gewissens verzichten kann… ♦

Deborah Levy: Ein eigenes Haus (aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schaden), Autobiographie, Hoffmann und Campe Verlag, 212 Seiten, ISBN 978-3-455-00603-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Autobiographie auch über Arno Stocker: Der Klavierflüsterer

… sowie über Eric Baumann: Einen Sommer noch

Steffen Wolf: Der Vogelsang – Rezitationsmusik (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Kongeniales Zusammenspiel von Wort und Ton

von Christian Busch

Christoph Martin Wielands Versdichtung „Der Vogelsang“ aus der Zeit der Spätaufklärung liegt nun in einer spannenden Rezitation mit moderner Tonuntermalung von Steffen Wolf vor. Wer etwas Schönes hat, verdient es zu haben, nur dann, wenn er auch versteht, es zu gebrauchen – heißt: durch Genuss zu würdigen.

Das Motiv des Singvogels

Steffen Wolf - Der Vogelsang - Rezitationsmusik für Sprecher und Streichquartett nach Wieland„Was bist denn du für ein Vogel?“, fragt Prinz Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ verdutzt, als er – gerade erst von den drei Damen vor der listigen Schlange gerettet – auf eine ihm fremdartig erscheinende Gestalt, den fröhlich trällernden Vogelfänger Papageno trifft. Und so ist so mancher unverstandene Künstler als exzentrischer Vogel eingestuft worden, obwohl wir ja spätestens seit La Fontaines Fabeln wissen, dass Vögel nicht einfach brotlose Künstler, sondern Träger schöngeistigen Kulturguts sind.

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Auch Christoph Martin Wielands Versdichtung „Der Vogelsang oder Die drey Lehren“ (1778) erzählt von einem wundersamen, betörend schön singenden Vogel, der im paradiesischen Garten des reichen Hans die Natur in vollem Glanz erblühen lässt. Doch leider sind Kunstverständnis und die Empfänglichkeit bei seinem feisten Besitzer nicht entwickelt („Doch dass er was empfunden hätte, / Das war nun seine Sache nicht“).
Und so endet die fabelartige Versdichtung mit dem Verschwinden des großen Künstlers und dem Verkümmern der idyllischen Gartenlandschaft, welche seinem Besitzer auch nur unverdient zugefallen war. Die Moral: Wem der feine Sinn für die Schönheit der Kunst fehlt, dem helfen auch Reichtum, Glück und Wohlstand nicht – sein Dasein muss verkümmern. So weit, so gut.

Aufklärung und Moderne

Prinz Tamino mit der Zauberflöte - Oper von Mozart - Glarean Magazin
Prinz Tamino mit der Zauberflöte, nach Mozarts gleichnamiger Oper

Der Musiker und Gesangspädagoge Steffen Wolf (*1970) hat nun zu Wielands feinsinnig gewobener Versdichtung eine Rezitationsmusik für einen Sprecher (hier: kein geringerer als der bedeutende Wieland-Forscher Jan Philipp Reemtsma) und Streichquartett (Kizuna-Quartett) komponiert. Die Aufnahme ist als CD bei Tyxart erschienen und lässt aufhorchen, wenn aufklärerische Literatur und zeitgenössische Tonsprache eine spannende Verbindung eingehen.

Gelungenes Konzept von Wort und Tonsprache

Christoph Martin Wieland - Glarean Magazin
Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Aufklärer: Christoph Martin Wieland (1733-1813)

Wielands poetische Naturschilderung, seine Ironie, sein Wortwitz und das Streitgespräch zwischen dem tumben Hans und dem subversiven Zaubervogel werden von den Instrumenten umrahmt und untermalt. Zunächst stellt Wolf dem Erzähltext eine vielschichtige Art Ouvertüre voran, in dem der Konflikt zwischen dem reichen Hans und dem Vogel-Belcanto anklingt. In der vieldeutig und verheißungsvoll klingenden, etwa fünfminütigen Einleitung verschmelzen die gegensätzlichen Positionen zu einem überzeitlichen Dilemma, das der Komposition Aktualität verleiht.

Spannende Korrespondenz

In der Folge entwickelt sich ein geschickter, spannungsvoller Dialog von Wort und Ton. Wolf widersteht dabei der Versuchung, den Vogel Liedhaftes darbieten zu lassen, sondern bleibt bei seiner, sich dem Text unterordnenden, offenen, modernen Tonsprache treu. Tänzerisch leicht, dramatisch dumpf – mal passen sich die Töne dem Sprechrhythmus des Rezitators an, mal verstärken sie die Affekte oder wirken tonmalerisch, indem sie die Vorstellungskraft des Lesers unterstützen.
Das Kizuna-Quartett musiziert füllig-klangpräsent und doch präzis, kontrastiert den Sprecher mit auftrumpfenden Einwürfen oder untermalt lyrisch und sehr empathisch. Wort und Klang korrespondieren dabei spannend. Wolfs Tonsprache ist zwar „modern“, harmonisch aber nicht extrem dissonant, sondern nachvollziehbar das literarische Geschehen unmittelbar „erklärend“.

Generalprobe zu "Vogelsang" (Wieland) mit Komponist Steffen Wolf (stehend), Sprecher Jan Philipp Reemtsma (links) und dem Kizuna-Streichquartett in der Elbphilharmonie Hamburg (Foto: Julia Hauck)
Generalprobe zu „Der Vogelsang“ (Wieland) mit Komponist Steffen Wolf (stehend), Sprecher Jan Philipp Reemtsma (links) und dem Kizuna-Streichquartett in der Elbphilharmonie Hamburg (Foto: Julia Hauck)

Ein gelungenes Konzept! So wird dann auch ein vergessener Text wieder lebendig und als Plädoyer für ästhetische Bildung selbst zu einem höchst exquisiten Kunstgenuss.
Bleibt zu wünschen, dass sich das romantischer Tradition verpflichtete Modell in Zukunft auch auf andere literarische, in Vergessenheit geratene Werke übertragen lässt. ♦

Steffen Wolf: Der Vogelsang – Rezitationsmusik für Sprecher und Streichquartett zu Christoph Martin Wielands Versdichtung „Der Vogelsang oder Die drey Lehren“, Jan Philipp Reemtsma, Kizuna-Streichquartett, TyXart Label, 47 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Streichquartett auch über Pavel-Haas-Quartet: Prokofiew – Streichquartette 1 & 2

Hörbuch: Paris – Werke von Rainer Maria Rilke & Erik Satie

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Spaziergang mit Rilkes Alter Ego

von Christian Busch

In ihrem Hörbuch „Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie“ laden Marit Beyer (Sprecherin) und Olivia Trummer (Klavier) zu einem literarisch-musikalischen Spaziergang durch das Paris der Jahrhundertwende ein. Zu Rilkes Gedichten und Auszügen aus dem 1908 vollendeten Tagebuchroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ erklingen Saties „Gnossiennes“ und „Gymnopédies“.

Paris - Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie - Marit Beyer und Olivia Trummer - HörbuchWer hat nicht – zu Corona-Zeiten oder auch an einem trist-trüben Novembertag – mit einem Spaziergang durch das wie keine andere Stadt zum Promenieren einladende Paris geliebäugelt? Prächtige Bauten, belebte Boulevards, reges gesellschaftliches Treiben und buntes Amusement in großzügig angelegten Parkanlagen mit verführerisch posierenden Statuen und Skulpturen. Mit der neuen CD im Diwan-Hörbuchverlag flanieren wir Seite an Seite mit Rilke, respektive dessen lyrischem Ich oder Alter Ego Malte Laurids Brigge durch die so vielfältige Impressionen bietende französische Metropole der Jahrhundertwende.

Vom Äußeren zum Inneren

Herbsttag in den Tuilerien von Paris - Glarean Magazin
Herbsttag in den Tuilerien von Paris

Es beginnt an einem sonnigen Herbsttag in den Tuilerien, der uns über zunächst über Gesichter der Menschen philosophierend zur Angst führt, die den Dichter beim Anblick einer Frau in der Rue Note-Dame-des Champs, die ihr Gesicht in den Händen verbirgt, überkommt. Auch einen an Krücken gehenden Menschen fasst des Lyrikers feine Beobachtungsgabe ins Auge, die – ausgehend von einer präzisen Wahrnehmung des Äußeren – das Innere enthüllt.
Wir streifen an den Buchhändlern an der Seine (Bouquinistes) vorbei und betrachten verzückt Rilkes „Karussell“ im Jardin du Luxembourg, das selige Lächeln der Kinder im atemlos-blinden Spiel. Im Jardin des Plantes begegnen wir Rilkes berühmten „Panter“, der uns des Dichters inneren Käfig enthüllt, und den ins Imaginäre und Erotische verweisenden „Flamingos“.

Der Dichter spricht

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Höhepunkt unserer Promenade ist jedoch der Besuch in der Bibliothèque Nationale. In der wohltuenden Umgebung von 300 in ihre Lektüre vertieften Lesern spricht Malte Laurids, der die Komödie des Ausländers mit bereits leicht verschlissenem Anzug, aber reinem Kragen bewusst spielt. Sein Gewissen ist das eines Heimatlosen, dem die ihn hartnäckig verfolgenden, zwielichtigen Passanten, die sich ihm verbunden fühlen, unheimlich sind. Hier verrät er uns – nach dem Eintritt in die literarische Welt hinter der Glastür – seinen heimlichen Traum vom Dichter, der im Giebelzimmer eines stillen Hauses im Gebirge ein glückliches Schicksal im Lehnstuhl pflegt. Dieser wisse und schreibe von Mädchen, die vor 100 Jahren gelebt hätten, in ein gelbliches, elfenbeinfarbenes Buch. Ihm dagegen regnet es – (ob)dachlos – in die Augen, denn er ist – das wird offenbar – selbst eine der vielen Großstadtrandgestalten. Der Kreis schließt sich.

Beginn der Gymnopédie Nr. 1 für Klavier von Erik Satie
Grandiose Miniaturen der Introspektive: Gymnopédie Nr. 1 für Klavier von Erik Satie (Anfang)

Symbiose von Wort und Musik

Turm Muzot im Wallis - Wohnort von Rainer Maria Rilke - 1921-1926 - Glarean Magazin
Der mittelalterliche Turm „Muzot“ im schweizerischen Veyras, wo Rilke von 1921 bis 1926 lebte

Marit Beyer rezitiert die Texte des großen Sprachschöpfers und Mitbegründers der Moderne, der zwischen 1902 und 1925 immer wieder nach Paris gereist war, mit innerer Betroffenheit, flüsternder Spannung und beseelter Intensität. Ihr Stimme ist klar und artikuliert, ihr Vortrag von kühler Leidenschaft, die aber auch, wenn sich die Stimme senkt, die Zeit stille stehen lässt. Dann setzen Erik Saties berühmte „Gnossiennes“ und „Gymnopédies“ ein – grandiose Miniaturen der Introspektive, von Olivia Trummer mit dezenter Eindringlichkeit, niemals in den Vordergrund tretend, gespielt. Es ist kaum verblüffend, wie sie sich atmosphärisch nahtlos in die nachdenklich-melancholische Stimmung der „immensen Wirklichkeit“ von Paris einfügen und den Blick von der äußeren Beschreibung nach innen lenken.

Fazit: Ein sehr gelungenes Hörbuch eines literarisch-musikalischen Spaziergangs durch die Stadt der Kunst und der Liebe. Musik und Texte sind wunderbar aufeinander abgestimmt und spiegeln das „fluctuat nec mergitur“ einer Großstadt und ihrer einsamen Seelen stimmig wider. ♦

Marit Beyer (Sprecherin) & Olivia Trummer (Klavier): Paris – Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie, Der Diwan Hörbuchverlag, 1 CD (70 Minuten), ISBN 978-3-941009-82-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Rainer Maria Rilke auch über Jörg Schuster: Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900

… sowie zum Thema Erik Satie über Erik Satie: L´œuvre pour piano (Aldo Ciccolini)


 

Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir – Ein modernes Leben (Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Wegbegleiterin oder Dame de Sartre?

von Isabelle Klein

Mit „Simone de Beauvoir – Ein modernes Leben“ zeichnet Kate Kirkpatrick ein komplexes, eindringliches und eingängiges Porträt des Lebens einer Frau, die wohl wie kein anderer konsequent und bewusst falsch verstanden wurde. Mit Verallgemeinerungen und Schmälerungen des Werkes dieser Ausnahmefigur des 20. Jahrhunderts wird aufgeräumt.

Kate Kirkpatrick - Simone de Beauvoir - Ein modernes Leben - Piper VerlagSimone de Beauvoir war gemäß Kate Kirkpatrick weit mehr als Teil eines „streitbaren intellektuellen Powerpaares“ (S. 10). So räumt Kirkpatrick konsequent und umfassend mit einschlägigen Vorurteilen im Hinblick auf die Schaffens-Beziehung zu Sartre auf und zeigt, dass Beauvoirs Philosophie lange vor dem Pakt mit Sartre im Werden war, und dass Sartre ebenso von ihrem Denken profitierte wie umgekehrt.
Der Biographin gelingt eine komplexe und nicht wertende, dafür aber tiefgreifende Lebenswerkwürdigung und Neubewertung. „Ein gelebtes Leben kann nicht durch seine Nacherzählung wiederaufleben.“ (S. 452) Aber eine Annäherung an die Person Simone de Beauvoir in Form einer Biographie scheint sinnvoll, da laut Beauvoirs Philosophie Denken und Leben verbunden sind und sich verschränken.

Lebensstationen einer Polarisierenden

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Feinsinnig zeichnet Kirkpatrick über die Jahrzehnte hinweg die Lebensstationen und Entwicklungen der Frau hinter der Philosophin nach, die zu Lebzeiten vor allem polarisierte und gerne geringschätzig abgeurteilt wurde. Beginnend mit einer eindrucksvollen Beschreibung der schwierigen Kindheit, voller Enge, Ausweglosigkeit und Religion, ist es kein Wunder, dass sich die junge Simone mit ihrem unbändigen Freiheitsdrang zur großen Libertine des 20. Jahrhunderts entwickelte.

Kate Kirkpatrick - Biographie von Simone de Beauvoir - Literatur-Rezensionen Glarean Magazin
Kenntnisreiche Biographin: Kate Kirkpatrick

Zugleich ist sie aber viel mehr als nur Feministin und Philosophin und Geliebte, die vor allem mit ihrem Pakt, ihren polyamourösen Beziehungen die Zeitgenossen polarisierte; sie war auch Weltenbummlerin, Aktivistin, Freiheitsdenkerin, Arbeitstier…
Diese lebensumfassende Entwicklung, dieses Werden (im Original heißt das Buch treffender „Becoming“) zeichnet die Biografie nach und erlaubt weitreichende Einblicke in die Psyche und den Charakter Beauvoirs. Dabei gelingt es der Autorin immer, die vielen Fehler, die Beauvoir im Laufe ihres fast 80-jährigen Lebens begeht – wie beispielsweise das kontroverse Thema der drei jugendlichen Geliebten, die Beauvoir Zeit ihres Lebens verheimlichte – eben nicht wertend zu beurteilen, sondern als solche stehen zu lassen. Dabei aber den Zeitgeist in Form der Gesellschaftskritik einfließen zu lassen.

Dringend notwendige Korrektur

Jean-Paul Sartre - Philosoph - Glarean Magazin
Kongenialer Partner: Existentialist Jean-Paul Sartre (1905-1980)

Insofern war diese neueste Beauvoir-Biographie dringend notwendig – auch, weil sie mit vielerlei weißen Flecken und Sachverhalten, die Beauvoir selber bewusst aussparte, aufräumt. Ebenso wie Kirkpatrick das Dunkel des Pakts erhellt und so die Beziehung zu Jean-Paul Sartre neu zu bewerten sich nicht scheut – sie war eher eine lebenslange Freundschaft, eine Einheit des Geistes denn des Körpers. Damit wird Beauvoir in all ihren Facetten greifbar und fast wieder lebendig; sie erfährt die Würdigung, um die sie zu Lebzeiten vergeblich kämpfte.

Doch wo Licht, da auch Schatten. So gelungen sich die Biographin ihrem Forschungsobjekt auch nähert, ist die Lektüre in Teilen etwas dröge, mitunter trocken, ebenso teils ausufernd, so z.B. in der recht umfassenden Darstellung ihrer gleichgeschlechtlichen als auch der kontingenten Beziehungen (wie zu Bost) und der dadurch entstehenden Verstrickungen innerhalb der „Familie“. Zumindest für meinen Geschmack, der die Weltenbummlerin, Philosophin und Autorin in aller Ausführlichkeit bevorzugt.

Lebensfacetten exzellent beleuchtet

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Schwerer wiegt allerdings eine immer wieder recht holprige Übersetzung, die auch mit Sinnfehlern punktet. Statt zu „Sinn ergeben“ wird „make sense“ in falscher Übersetzung zu „Sinn machen“ (S. 312). Oder auf Seite 309: „Er [Algren] warf ihr [SdB] vor, sein Leben behalten zu wollen, ohne ihres herzugeben, doch das fand sie ungerecht.“ Weitere Fehler dieser Art, die den Lesefluss hemmen und uns den Sinn anzweifeln lassen, gibt es leider öfter;s da hätte das Lektorat in Kombination mit der Übersetzung sorgfältiger arbeiten müssen.

Summa summarum eine Biographie, die sich dem Werden der Simone de Beauvoir exzellent in all seinen Facetten annähert. Man merkt, dass Kirkpatrick, ihres Zeichens Dozentin an renommierten britischen Bildungsanstalten, ihre Beauvoir und ihren Sartre aus dem FF kennt. Davon profitiert diese Biographie, die sich dem Werk durch das Leben annähert. Mehrwert fraglos inbegriffen! ♦

Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir – Ein modernes Leben, 522 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-07033-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Biographien auch über Edgar Rai: Ascona – Romanbiographie über E. M. Remarque

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle (Roman)

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Reise nach innen

von Alexandra Lavizzari

Peter Stamm setzt mit dem neuen Roman „Das Archiv der Gefühle“ seine Reise nach innen fort und zeigt uns unterwegs auf seine einmalig luzide Art, wie dünn und brüchig die Trennwand zwischen Wirklickkeit, Sehnsucht und Erinnerung sein kann. Stamm lässt seinen Icherzähler, einen eigenbrötlerischen Archivar, immer wieder zwischen diesen Ebenen oszillieren und reiht dabei dessen Wunschdenken nahtlos an Fakten und die erinnerten, oft idyllischen Ereignisse der Vergangenheit an eine gegenwärtige, minutiös protokollierte Vereinsamung zu Zeiten eines bloß angedeuteten Lockdowns.

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle - Roman - S. Fischer VerlagSie heißt Frankziska, die große Jugendliebe des erzählenden Archivars, und sie hat sich, lange nachdem sie einander aus den Augen verloren haben, über die Jahre so tief in seine Gedanken und Gefühle eingenistet, dass er sie überall mit sich herumträgt, wo immer und mit wem er gerade ist. Meist aber ist er allein und führt, seit ihm gekündigt wurde, spazierend und im geerbten Elternhaus weiter vor sich hin archivierend ein freudloses und eintöniges Dasein.

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Aus Franziska ist inzwischen Fabienne der Chanson-Star geworden, und als solche tingelt sie durch die Schweiz und füllt die Klatschspalten der Boulevardpresse mit ihren Konzerten und Liebschaften. Der Ich-Erzähler verfolgt von seiner Klause aus ihre Karriere und quält sich dabei mit der Frage, warum das Leben sie hat auseinanderdriften lassen. Liebte sie ihn denn nicht? Haben sie einfach aus Unachtsamkeit aneinander vorbeigeliebt? Oder hatte es an ihm gelegen? „Vielleicht war ich deshalb so überwältigt gewesen von meinen Gefühlen für Franziska, die aus dem Körper zu kommen schienen, nicht aus dem Kopf. Weil ich sie nicht verstand… Das mag der Grund gewesen sein, weshalb ich alles tat, um nicht zum Opfer dieser Gefühle zu werden.“

Ein verpasstes Leben

Peter Stamm (2) - Glarean Magazin
„Ein leiser, aber literarisch wuchtiger Text“: Peter Stamm (*1963)

Über Jahre lebt der Einzelgänger einigermaßen zufrieden zwischen Fantasievorstellungen von der Geliebten und dem Lesen, Schnippeln, Kleben und Codieren von Zeitungsartikeln. Auch über Franziska/Fabienne führt er eine Akte, und somit weiß er zu jeder Zeit über ihr Leben Bescheid. Aber die gegenwärtige Fabienne interessiert ihn weniger als seine Jugendliebe Franziska, und entsprechend sind die schönsten Passagen dieser Beziehung, die keine ist, letztlich jene, in denen ihn die Franziska von damals in fast märchenhaft gezeichneten Szenen ins Wasser lockt und dann, kaum hat er sie berührt, wie eine unfassbare Nymphe entschlüpft.

Solange Franziska in seinem Kopf wohnt, kann der Archivar mit seinen Gefühlen umgehen und auch dem obsessiven Ordnen von Fakten einen Sinn abgewinnen. Als die Umstände plötzlich ein Wiedersehen ermöglichen und er Franziska nach einem Telefongespräch schließlich in ihrer Luxusvilla mit Pool und allem Drum und Dran besuchen kann, regen sich in ihm jedoch Zweifel: „Mein ganzes Leben kommt mir plötzlich elend vor, es scheint mir, als hätte ich gar nie wirklich gelebt, als hätte ich immer nur anderen beim Leben zugeschaut und gewartet, dass etwas geschieht. Und nichts geschah.“

Das Archiv

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Das Gerüst dieses eindrücklichen und tiefgründigen Textes bildet indessen nicht die Liebesgeschichte, sondern das Archiv. Zu Beginn ist sich der Ich-Erzähler noch über dessen Zweck sicher: Das Archiv ist ein Abbild der Welt und dazu da, um in ihr Ordnung zu schaffen. Das beruhigt ihn, wenn es ihm auch in Momenten der Verweiflung wie ein Verlies vorkommt, in das er sich selbst gesperrt hat.
Allmählich kommt er sich jedoch selbst auf die Schliche und erkennt, dass das Archiv eigentlich nur ein Abbild seiner eigenen Welt ist, die er selbst gestalten und nach Gutdünken verändern kann. Sodann beginnt er es zu vernachlässigen, und es entstehen Lücken, in denen er nach dem ersten Schrecken eine Art Befreiung wittert.

Am Schluss ist er soweit, den ganzen Papierberg zu entsorgen und aus der entstandenen Leere einen Neuanfang mit Franziska zu wagen. Eine ungewisse Zukunft erwartet das Paar, doch sie sind bereit, zusammen anzupacken, was vom Leben übrig bleibt. Auf den letzten Seiten des Romans betrachten sie die Schweizer Alpen im Morgengrauen, Franziska zählt die Gipfel auf: Den Tödi, das Schärhorn, der kleine Mythen – und beendet die Geschichte mit einem atemberaubend schönen Satz, für den allein es sich lohnt, sich diesen leisen und doch wuchtigen literarischen Text zu Gemüte zu führen. ♦

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle, Roman, 188 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3103974027

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Roman-Literatur auch über Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit

… sowie über die neuen Erzählungen von Tomas Gonzales: Die stachelige Schönheit der Welt

Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung (Literaturgeschichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Melange aus Anekdote und Analyse

von Sigrid Grün

Der Autor und Literaturkritiker Helmut Böttiger erhielt 2013 für sein Buch über die Gruppe 47 den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Sachbuch/Essayistik. Er hat bereits zahlreiche Werke zur Literaturgeschichte verfasst, die nicht nur trockene Analysen beinhalten, sondern ausgesprochen lebendig erzählt sind. „Die Jahre der wahren Empfindung“ bietet einen Überblick über die deutschsprachige Literatur der 70er.

Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung - Die 70er - eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur - Wallstein VerlagBöttiger hat sich dazu entschlossen, keine zusammenhängende Literaturgeschichte zu verfassen, sondern das Jahrzehnt in 27 Essays zu porträtieren. Die Siebziger waren ein bewegtes, von Krisen und Umbrüchen geprägtes Jahrzehnt, das auch eine facettenreiche Literatur hervorbrachte. Helmut Böttiger beleuchtet schlaglichtartig Literaturschaffende und Diskurse, die der Epoche ihren besonderen Charakter verliehen haben. Als typisch für die damalige Literatur gilt eine gewisse Selbstzentriertheit, die Böttiger in den Kontext des vielschichtigen Transformationsgeschehens bettet: „Die psychischen Anforderungen, die die gesellschaftlichen Emanzipationsprozesse mit sich brachten, der auf sich selbst zurückgeworfene Einzelne – das wurde zum großen Thema der siebziger Jahre.“

Literaturgeschichte in Geschichten

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So beschäftigt sich der Autor in „Die Narben sind die alten – Hermann Peter Piwitt, Bernward Vesper, Christoph Meckel: Die Auseinandersetzung mit den Nazi-Vätern“ beispielsweise mit der persönlichen Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Besonders tragisch ist hier das Schicksal von Bernward Vesper, dessen Vater Will Vesper ein völkischer Dichter war. In seinem „Fragment gebliebenen“ autobiographischen Roman-Essay „Die Reise“ lotet Bernward Vesper in Form eines Bewusstseinsstroms die zwiespältige Beziehungen zu seinem Vater und zu seiner zeitweiligen Lebensgefährtin Gudrun Ensslin aus. Im Mai 1971 nahm Vesper sich in der Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf das Leben. Er hatte sich bis zum Schluss nicht wirklich von seinem Vater abgegrenzt und litt auch darunter sehr.

Peter Handke und Ingeborg Bachmann

Helmut Böttiger - Literatur - Glarean Magazin
Melange aus Anekdote und Analyse: Literaturkritiker Helmut Böttiger (*1956)

In einem anderen Text geht es um Peter Handke, dem in den Siebzigern eine Verbindung von Literatur und Popkultur gelang und der damit zum intellektuellen Vorbild für viele junge Menschen in der Bundesrepublik wurde. Seine 1975 erschienene Erzählung „Die Stunde der wahren Empfindung“ inspirierte auch den Titel der vorliegenden Textsammlung, die eine Literaturgeschichte in Geschichten ist.

Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann steht gemeinsam mit ihrem Roman „Malina“ im Mittelpunkt eines Textes, in dem es auch um die Beziehungen zu Max Frisch und Paul Celan geht, die eine wichtige Rolle in ihrem Werk spielten. Frisch zum Beispiel als „Urbild der Vaterfigur im Malina-Roman“ (Böttiger).
Auch die Literatur der DDR und wichtige Ereignisse, etwa die Ausbürgerung Wolf Biermanns am 16. November 1976, die eine bedeutende Zäsur darstellte, werden angemessen gewürdigt.

Literaturgeschichte, die neugierig macht

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Es ist eine abwechslungsreiche Melange aus Anekdote und Analyse, die der Autor bietet. Von Uwe Johsons Konflikt mit der Kommune I, deren Mitglieder in seiner Abwesenheit in dessen Wohnung nicht nur das Pudding-Attentat planten, über die Medienwelt (Zeitschriften, Verlage und Buchhandlungen) bis hin zu Porträts der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass schlägt Böttiger einen weiten Bogen, der ein Jahrzehnt umfasst, und das eine Menge zu bieten hat: Verspieltheit und Krise, Wandel und Festhängen in alten Strukturen, Komik und Tragik.

Literarische Aha-Momente

Es sind zahlreiche Aha-Momente, die der Autor uns beschert. Er macht neugierig auf eine Literatur, die vielleicht etwas aus dem Fokus gerückt ist, weil die Literatur der Siebziger vielen als an die Gegebenheiten der Zeit gebunden erscheinen mag. Und gerade deshalb ist es großartig, dass Helmut Böttiger neugierig auf eine Literaturepoche macht, die sehr viel mehr beinhaltet als man annehmen möchte.
Mich hat der Autor auf alle Fälle zur Relektüre einiger Texte veranlasst. Eine gewisse Kenntnis der Hintergründe kann einen völlig neuen Zugang zu literarischen Werken ermöglichen. Es ist das Verdienst von Böttiger, die Siebziger und ihre Literatur in der vorliegenden Literatur- und Kulturgeschichte zum Leben erweckt zu haben. ♦

Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung: Die 70er – eine wilde Blütezeit der Literatur, Wallstein Verlag, 472 Seiten, ISBN 978-3-8353-3939-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literaturgeschichte auch über Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Simenon und Glauser im Roman vereinigt

von Alexandra Lavizzari

In ihrem zweiten, ebenfalls im Limmat Verlag erschienenen Roman „Die schiere Wahrheit“ gewährt die Schaffhauser Autorin Ursula Hasler Einblick in die Schreibwerkstatt zweier grosser Krimischriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Charakter und Lebensläufe unterschiedlicher nicht hätten sein können: Des Belgiers Georges Simenon, dessen mit leichter Feder hingeworfene Maigret-Romane ihm schon früh eine finanziell gut gepolsterte Existenz ermöglichte, und des glück- und ruhelosen Schweizers Friedrich Glauser, der sich, von Morphiumssucht geplagt, seine Studer-Romane unter schwersten psychologischen Bedingungen abringen musste.

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit - Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman - Limmat VerlagSie hätten einander im wahren Leben begegnen können, Georges Simenon und Friedrich Glauser, denn zufälligerweise weilten beide im Sommer 1937 unweit voneinander an der westfranzösischen Atlantikküste. Glauser war mit seinem Roman Matto regiert endlich der Durchbruch gelungen, und er hoffte, an der Seite von Berthe Bendel in einem kleinen Badeort südlich von Nantes seine inneren Dämonen bändigen zu können, um verschiedene literarische Projekte zu Ende zu führen.

Georges Simenon - Glarean Magazin
Vater der legendären Maigret-Romane: Georges Simenon (1903-1989)

Zur gleichen Zeit flüchtete sich Simenon mit seiner schwer depressiven Frau vom Pariser Trubel in die Nähe von La Rochelle, wo er sich nach den erfolgreichen Maigret-Romanen endlich der wahren Literatur zu widmen gedachte. Dieses zeitlichen und geografischen Zufalls hat sich Ursula Hasler in ihrem Roman bedient, um einen Krimi zu schreiben, der die literarischen Eigenheiten beider Autoren miteinander verknüft. Eine Fusion sozusagen, bloß dass Glausers Wachtmeister Studer nicht Simenons Maigret zur Seite steht, sondern eine alte Jungfer namens Amélie Morel, die sich Simenon spontan als Ersatz ausdenkt, weil er 1937 noch im Ernst glaubte, seinen populären Kommissar endgültig in den Ruhestand geschickt zu haben.

Prosa mit Helvetismen

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Buch-Autorin Ursula Hasler sagt es jedoch selbst: Die schiere Wahrheit ist eine Spielerei, als herkömmlicher Krimi nicht wirklich ernst zu nehmen. Und tatsächlich ist nicht so sehr der von Simenon und Glauser während ausgedehnten Strandspaziergängen erfundene Plot um einen am Strand tot aufgefundenen Amerikaschweizer interessant, sondern die Zwischenkapitel, in denen die beiden sich über ihr Schreiben, das Konzipieren von Kriminalfällen, ihre Figurenzeichnung und Evozierung bestimmter Milieus und Atmosphären unterhalten.
Man spürt, dass diesen fiktiven Gesprächen ausgedehnte Recherchen der Autorin zugrunde liegen. Hasler hat nicht nur Leben und Werk von Simenon und Glauser minutiös unter die Lupe genommen, sondern auch deren jeweiligen Schreibstil, den sie sich im eigenen Roman auch aneignet. So streut sie gern Helvetismen in ihre Prosa, wenn Glauser – oder Monsieur Glosère, wie Simenon seinen Kollegen nennt – an der Reihe ist, ein Kapitel des Kriminalfalls beizusteuern. Bisweilen klingen diese Helvetismen etwas forciert, aber während der Lektüre auf Wörter wie „Lismete“, „blutt“, „Chabis“, „z’Bern“ und dergleichen zu stoßen, ruft einen immerhin in Erinnerung, dass man es bei diesem in einem französischen Seebad angesiedelten Roman doch letztlich mit einem Schweizer Text zu tun hat.

Glausers exakt beobachtete „Sächeli“

Friedrich Glauser - Studer Manuskript und Schreibmaschine - Glarean Magazin
Friedrich Glausers „Studer“-Manuskript mit Schreibmaschine (Szenen-Foto aus dem Film „Glauser“)

Simenons und Glausers Postulat, wonach der Autor sich für die Erzeugung von Spannung nicht unbedingt eine verzwickte Handlung ausdenken muss, beherzigt die Autorin leider etwas zu wörtlich. Mitte des Romans lässt sie Glauser sagen: „Eine Handlung kann unglaublich langweilig sein, statisch möchte ich sagen, und eine Erzählung, in der schier nichts passiert, kann spannend sein und voll Dynamik. Nämlich mit exakt beobachteten Sächeli…“
Stimmt. Man denke an Proust Monumentalwerk, in dem über Seiten nichts passiert außer einem Lächeln oder dem von einer Frauenschulter Gleiten eines Schals. Prousts exakt beobachtete „Sächeli“ sind indessen nicht bloße Beschreibungen, sondern mit Erinnerungen, Assoziationen und Emotionen befrachtete Wahrnehmungen, die auf die momentane Befindlichkeit des Beobachtenden zurück reflektieren. In Haslers Prosa sind diese „Sächeli“, die eine Atmosphäre schaffen und die Eigenart der Figuren herauskristallisieren sollten, jedoch meist nur unnötiger Wortballast.

Klischierung von Figuren

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Die dermassen aufs bloße Beschreiben reduzierte Sprache führt bald einmal zur Klischierung der Figuren und Situationen. Vor allem die tüftelnde Amélie Morel verkommt dabei zur blassen französischen Karikatur von Agatha Christie’s Miss Marple. Dass sie eine alte Jungfer ist, wird einen bei jeder Gelegenheit – und ausführlichst – in Erinnerung gerufen, so auch, dass Glauser arm und Simenon reich ist. Aber auch die Prosa selbst ist bis auf den flotten und einladenden Anfang oft überladen und zeitigt bisweilen arg missglückte Stilblüten: „…der zierliche Korbsessel knackte entsetzt und entsetzlich…“ oder: „An ihrem Tisch hockte bockig das Schweigen…“
Was nach der Lektüre dieses Romans bleibt, ist eine Mischung von Ärger und Enttäuschung. Die grundlegende Idee mitsamt überraschendem Schluss à la Pirandello ist brillant und der Schauplatz – Strand, Dünen, Seebad – mit sichtlicher Liebe evoziert, aber eine halbierte Seitenzahl hätte es auch getan, sowohl der Zeit und Geduld des Lesers als auch den beiden hervorragenden Krimiautoren zuliebe, die Hasler hier zum Leben erwecken wollte. ♦

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit – Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman, Roman, Limmat Verlag, 342 Seiten, ISBN 978-3-03926-020-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Krimi auch über Thomas Brändle: Das Geheimnis von Montreux