Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten (CD – Tobias Koch)

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Eine neue Dimension

von Christian Busch

So mancher Bewunderer von Schuberts letzten Sonaten wird sich beim Anhören verschiedener Aufnahmen mal gefragt haben: Wie langsam kann, ja darf man das spielen? Mit welchem Tempo kommt man dem wahrhaftigen Schubert am nächsten, so dass die Zeit gesprengt wird und stillsteht?
Der Düsseldorfer Konzertpianist Tobias Koch hat sich nun – unter dem Motto „Zukunftsmusik“ – Schuberts letzten drei Klaviersonaten gewidmet und sie – originalgetreu auf dem Hammerflügel von Conrad Graf (Wien, 1835) aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum für das Innsbrucker Label Musikmuseum – neu aufgenommen.

Immer sind da diese Schritte. Die sich mühsam einen Weg durch die verschneite Winterlandschaft bahnenden Schritte des einsamen Wanderers. Missmut, Verzweiflung und tiefe Traurigkeit klingen an, ein Innehalten, ein hoffnungsvolles-, ja wehmütiges Erinnern, doch dann kehrt die schöne, aber resignativ-dumpfe Anfangsmelodie zurück. Der Kreis schließt sich. Ein schicksalhafter, auswegloser Gang, eine Flucht gar ohne Ziel? Wie tief kann sich ein Mensch in sich zurückziehen? An manchen Stellen stockt die Musik, einem Herzstillstand gleich. Ist das der Tod?

Suche nach dem wahren Schubert-Sound

Franz Schubert: Zukunftsmusik - Die letzten drei Klaviersonaten - Tobias Koch - Musik MuseumFragen, die beim Hören von Franz Schuberts letzter, geheimnisumwobener und einzigartiger Klaviersonate in B-Dur D 960 aufkommen. Das Werk eines 31-jährigen und doch eines seiner letzten. Schubert starb nur wenige Wochen nach der Vollendung. Ein tonales Vermächtnis eines Komponisten, der kurz zuvor am Grabe Beethovens gestanden hatte und mit dessen drei letzten Klaviersonaten ein ungeheures Erbe antrat, das zu ignorieren noch schwerer als es zu übertreffen war. Musikgeschichtlich der bedeutende Schritt von der Klassik zur Romantik. Eine Sonate, die – hat man sie einmal gehört – zum lebenslangen Begleiter werden kann.

Der inneren Tiefe angenähert

Pianist Tobias Kochs „Zukunftsmusik“ nähert sich Schuberts Monumentalität und innerer Tiefe mit ausgesucht bedächtigen Tempi, wenn er sowohl die melodischen resignativen Passagen auskostend ebenso wie die immer wiederkehrenden leidenschaftlichen Ausbrüche in ihrer ganzen Tiefe darzustellen sucht. Doch wäre es grob fahrlässig, seine Einspielung darauf zu reduzieren.

C-moll: Auf Beethovens Spuren

In der Sonate D958 kehrt Schubert mit der Tonart c-Moll, die er oft als Haupttonart einer Komposition gemieden hat, zum Modell Beethovens mit seinem kämpferischen Duktus zurück. Überdeutlich „zitiert“ er im Eingangsthema des Kopfsatzes aus Beethovens 32 Variationen in c-moll (WoO80). Doch in der Folge weicht das unruhige Drängen einer lyrischen Stimmung, die im zweiten Thema in ein „friedvoll-idyllisches Kreisen um Zentraltöne“ (Michael Wersin) mündet: Eine neue musikalische Welt!
So knüpft Schubert an den volkserzieherischen, heroischen Charakter seines Vorgängers nur an, um ihn als gescheitertes Unterfangen in die private Abgeschiedenheit, in die Innerlichkeit und den Raum der Liebe zu geleiten. Schubert wird damit zum Antipoden des an Aufklärung, Emanzipation und politischen Fortschritt glaubenden Beethovens.

Franz Schubert - Klaviersonate D958 - Beginn des Adagio - Glarean Magazin
„Tiefgründige Nachtwache“: Beginn des Adagio in Franz Schuberts Klaviersonate D958

Breite und klangvolle Deutung

Tobias Koch - Pianist - Glarean Magazin
Tobias Koch (geb. 1968 in Kempen/D)

Tobias Koch legt gerade diese ungeheure und gewichtig Neuerung in seiner breit und klangvoll angelegten Deutung frei. Das Hammerklavier ächzt und funkelt in unendlichen Schattierungen, so dass man das Gefühl hat, direkt neben Schubert auf einem alten Sofa mit ein paar losen Sprungfedern zu sitzen. An manchen Stellen scheint Johann Sebastian Bach mit auf dem Sofa zu sitzen. Das Adagio wird zur tiefgründigen Nachwache, das Finale ein erstaunlicher Triumph des sich kreativ entfaltenden Individuums. Der Pianist spielt alle Wiederholungen und präsentiert Schuberts c-moll-Sonate in fast 37 Minuten gewichtiger Tonrede.

Die 2. „Atlas“-Sonate

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Auch die A-Dur-Sonate D959 erinnert an Beethoven und stammt doch unverkennbar aus der romantischen Feder Schuberts, nicht nur mit den zwei immer wiederkehrenden Viertel-Schlägen aus dem von Schubert vertonten Heine-Lied „Der Atlas“ – ein Hinweis auf Schuberts persönliche Lebenssituation, die von Krankheit, Todesahnung und Resignation durchzogen war. Auch hier finden wir wunderbare melodische Abläufe mit „himmlischen Längen“ (Robert Schumann), welche den romantischen Charakter, die Hinwendung vom Öffentlichen ins Private, vom leidenschaftlichen Kampf zum sich seiner Liebe vergewissernden Herz ausmachen.

Unnatürlich verlangsamt

Kochs Zugriff kann hier im 1. Satz nicht recht greifen. Schon der Beginn klingt sperrig, zu stockend und unnatürlich verlangsamt. Der leichte melodienverliebte Fluss geht verloren, auch wenn einige Stellen unerhört gewichtig und auskostend geraten. In jedem Fall fällt es hier schwer, sich von vorherigen klanglichen Vorstellungen und Deutungen zu lösen. Es scheint aber, dass Kochs Zugriff eher der letzten Sonate vorbehalten und angemessen sein könnte. Das wird noch einmal im letzten Satz, dem Rondo, deutlich, auch wenn es auch hier großartige Momente ungeahnter Monumentalität und berückender Stille zu entdecken gibt.

Franz Schubert - Klaviersonate D959 - Auszug 1. Satz - Glarean Magazin
„Melodienverliebter Fluss“:  Zitat aus Franz Schuberts Klaviersonate D959

Das Vermächtnis: Sonate in B-Dur D960

Deutlich stimmiger ist Kochs Zugriff des Gewichtigen bei der letzten, eingangs bereits charakterisierten B-Dur Sonate, Schuberts pianistischem Schwanengesang, das sein umfangreichstes Klavierwerk ist, auch darin Beethovens in der gleichen Tonart komponierten Hammerklaviersonate ähnelnd. Hier kehrt der einsame Wanderer der Winterreise wieder, seine schweren Schritte, suchend, kreisend und sich im Nirgendwo verlierend.

Franz Schubert - Klaviersonate D960 - Beginn Andante sostenuto - Glarean Magazin
„An die letzten Dinge rührend“: Beginn des Andante sostenuto in Franz Schuberts Klaviersonate D960

Tobias Koch, so möchte man sagen, trägt Schubert auf Händen, nimmt sich alle Zeit der Welt, jegliche Schattierungen, Zwischentöne, Unterstimmen und versteckte Akkorde ans Licht zu befördern. Sein Vortrag ist durchgehend leidenschaftlich, mal jäh und donnernd, dann wieder tänzerisch leicht bis zärtlich streichelnd und von dem Bestreben beseelt, Schubert „letzte Worte“ zu entschlüsseln.

Innovativer Interpretationsansatz

Komponist Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel) - Glarean Magazin
Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel)

Das Hammerklavier erweist sich als kongenialer Partner, der nichts glättet oder einebnet, sondern Schuberts rauhe, unwirtliche Welt in ihren vielfarbigen Schattierungen hervorragend tonal widerspiegelt. Ein unerhörtes Klangerlebnis, das interpretatorisch eine neue Dimension erschließt. Nicht einmal bei Valery Afanassiev dauert der Kopfsatz so lange wie bei Tobias Koch (über 31 Minuten). Das Andante sostenuto gerät mit seinem choralartigen, feierlichen Ton einmal mehr zu einer berückenden, an die letzten Dinge rührenden Introspektive der romantischen Seele. Das Finale greift den innovativen Interpretationsansatz auf und schließt die überzeugende Darbietung mit großer Eindringlichkeit ab.

Eine neue Schubert-Dimension

Die neuen Einspielungen von Tobias Koch erweitern das Spektrum der Interpretationen von Schuberts Klaviersonaten um eine neue Dimension. Seine Deutung ist nicht geprägt von virtuosem Zur-Schau-Stellen pianistischer Virtuosität, sondern vom „heißen Bemühen“ um Schuberts einzigartige Werke. Sie stellen vertraute Klangvorstellungen in Frage und liefern auf einem historischen Instrument höchst interessante Alternativen, welche nicht nur den Schubert-Liebhaber zum Überdenken seiner Hörgewohnheiten bringen kann. ♦

Zukunftsmusik – Franz Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten, Tobias Koch (Fortepiano Conrad Graf – Wien um 1835), Musik Museum

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema klassische Klaviermusik auch über die neue CD von See Siang Wong: Fantasia – Werke von Beethoven


 

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Werke von Beethoven

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Virtuoses und farbenreiches Klavierspiel

von Mario Knöpfler

Bitte nicht noch eine Beethoven CD? Das Beethoven-Jahr 2020 im Rahmen seines 250. Geburtstages fiel wegen der Corona-Pandemie ins Wasser. Nun wurden, um den Jubilar zu ehren, die Feierlichkeiten bis 2021 verlängert. So präsentiert uns auch der Pianist See Siang Wong – nach einer beeindruckenden und umfangreichen Diskographie bei Decca und Sony – das erste Album seiner Beethoven-Trilogie, „Fantasia“, die er mit den „Fantasie“-Klavierwerken des Meisters gestaltet: Den beiden op. 27 Sonaten, der Fantasie op. 77, und – als Schlusswerk – der Chorfantasie op. 80.

Wong möchte uns vor allem unbekanntere Perlen des Komponisten näherbringen. Dass die Mondschein-Sonate op. 27/2 etwas aus dieser Dramaturgie herausfällt, stört nicht, da der chinesisch-schweizerische Konzertpianist See Siang Wong mit seiner höchst persönlichen Interpretation besticht.
So ist der Anfang der „Mondschein“ bei ihm nicht ein sentimentales Adagio mit Mondesschimmer, sondern wirkt wie eine düstere gespenstische Geisternacht. Die langsamen Triolen rauschen wehmütig wie der Wind über den Gräbern und die punktierten Rhythmen ertönen rau wie Todesglocken. Wong setzt dabei quasi buchstäblich die Anweisungen Beethovens um, für den ganzen Satz nur ein einziges Pedal zu nehmen – und das lässt sich hören: Die leicht dissonierenden Harmonien und Farben wechseln sich ab und bewirken, dass die Klänge melancholisch zu schweben beginnen. Es entstehen so unerhörte Klangfelder im Raum, die einen an eine fast impressionistische Klangsprache erinnern.

Donner und Blitz

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Als Kontrast interpretiert er den zweiten Satz leichtfüssig und spontan, wie ein Zwiegespräch. Ein kleines Intermezzo zwischen den zwei gross angelegten Ecksätzen, oder wie Liszt es so schön nannte: „Wie eine Blume zwischen zwei Abgründen“.
Nahtlos geht Wong dann „attaca“ über in den Prestissimo-Satz, mit stürmischem Drang und voller Energie. Plastisch wirkt seine Klavierkunst, und selten wurde das Finale mit so viel Donner und Blitz gehört und gespielt!

Betörend schlicht

See Siang Wong - Pianist - Glarean Magazin
Virtuoses und klangsinnliches Klavierspiel: „Fantasia“-Pianist See Siang Wong (Foto: SRF / Christoffel)

Die Sonate „Quasi una Fantasia“ op. 27.1 ist zu unrecht die weniger bekannte der zwei Sonaten. Beethoven hat sie noch mehr wie eine grosse Fantasia auskomponiert. Die vier Sätze gehen direkt ineinander über und machen das Werk in seiner Gesamtarchitektur zu einer der interessantesten Sonaten Beethovens.
See Siang Wong spielt die Sonate mit einer betörenden Schlichtheit und dem Verständnis für die Form und Struktur. So wirkt der erste Satz erfrischend neu und klar. Das Seitenthema mit punktierter Artikulation tönt in seiner Interpretation ungewöhnlich, keck und leicht wie einer Opernarie. Rossini schaut hierbei zu um die Ecke! Auch den anderen Sätzen zeichnen sich aus durch ein wunderbar sprechendes und farbenreiches Spiel, den Fantasia-Charakter der Sonate zurecht.

Virtuose Spielfreude

Ludwig van Beethoven am Klavier - Glarean Magazin
Beethoven am Klavier im Kreise von Adepten

Die Fantasia op. 77 ist vielleicht auf dem Album das kurioseste der Werke. So hat Beethoven diese selber an seinem legendären Akademie-Konzert vom 22. Dezember 1808 gespielt – ein Konzert, das mit einem Mammutprogramm von fünf Stunden (darunter das 4. Klavierkonzert und zwei Sinfonien sowie die Chorfantasie) eigentlich unmöglich war für das Publikum. Beethoven hat dabei die Fantasia improvisiert und danach aufgeschrieben. Sie ist wahrscheinlich die einzige wirklich überlieferte Improvisation Beethovens.
Wong kann den dramaturgischen Verlauf des Werkes nachempfinden und gestaltet die verschiedenen Variationen und Umspielungen des Themas mit viel Spielfreude und Virtuosität.

Dialogisierend und klangsinnlich

Ludwig van Beethoven - Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester - Anfang - Glarean Magazin
Ludwig van Beethoven: Anfang der Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester

Am Schluss ertönt die fulminante Chorfantasie op. 80. Sie hat eine unkonventionelle Besetzung mit Chor, Orchester und Klavier und war ein Fiasko bei der Uraufführung im Akademie-Konzert. Das Orchester geriet mit Beethoven als Solisten wegen eines Missverständnisses um eine Wiederholung völlig auseinander: Beethoven spielte sie, das Orchester nicht, ein grosser Tumult brach aus.
Da wäre Beethoven wohl vollends zufrieden gewesen mit der vorliegenden Einspielung, worin See Siang Wong gemeinsam mit dem RSO Wien und dem Wiener Singverein unter der Leitung von Leo Hussain wunderbar dialogisierend und mit viel Gespür für Klangsinn dem Text von Kupfer gerecht werden: „Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor, hat ein Geist sich aufgeschwungen, hallt ihm stets ein Geisterchor“. Einer der gelungensten Aufnahmen dieses Werks und eine schöne Krönung des ersten Teils von Wong’s Beethoven-Trilogie.
Zum Glück doch noch eine Beethoven CD! ♦

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Trilogy 1 mit Beethoven-Klaviermusik, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Wiener Singverein, Leo Hussain (Dirigent), Audio-CD RCA Red Seal (Sony Music)


Mario Knöpfler

Geb. 1957 in St.Gallen, langjährige Tätigkeit beim Schweizer Radio und Fernsehen als Redakteur und Produzent, lebt in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Beethoven auch über den Musik-Kalender 2020: Beethoven und ich

… sowie über Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern


 

Khatia Buniatishvili: Labyrinth (Klavier solo)

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Im Irrgarten des Geistes

von Jakob Leiner

Es ist wahr, hat man das suchende Element in dem neuen Album „Labyrinth“ von Khatia Buniatishvili einmal registriert, scheint es sich mit jedem Höreindruck noch zu potenzieren. Und hier könnte man bereits zu einem Kern der „Labyrinth“ betitelten Einspielung, Ende 2020 bei Sony Classical erschienen, vorgedrungen sein: das Suchende als Wiederholung, als eine sich selbstverstärkende, fast repetitive Kraft, die brachial nicht sein muss.

Labyrinth Khatia Buniatishvili (Klavier), Erik Satie (Komponist), Ennio Morricone (Komponist) und weitere - Audio CDIn Buniatishvilis Auswahl der Stücke sowie ihrer liebevollen Interpretation äußert sich neben dem Suchenden eine zweite Wirkungsebene von hochwirksamer Sinnlichkeit. Das gilt sowohl für Filmmusikalisches wie „Deborah’s Theme“ von Ennio Morricone („Once Upon a Time in America“) als auch für „unser aller“ Bach, u.a. vertreten mit der (angejazzten) „Badinerie“ aus der zweiten sowie seiner genialen „Air“ aus der dritten Orchestersuite.

Grenzen zwischen E- und U-Musik aufgelöst

Buniatishvili scheut sich nicht, die Grenzen der sogenannten E- und U-Musik, ohnehin ein ältliches und durchaus umstrittenes Klassifikationsschema, mit der Anordnung der kurzen Einzelwerke aufzulösen. Das gelingt, weil sie sich der Musik sämtlicher Genres (bzw. Epochen) mit derart unvoreingenommener Zärtlichkeit nähert, dass jene zum „Mörtel“ des gesamten Albums werden kann. Der Ohrwurm-Charakter der allesamt wohlbekannten Stücke erleichtert natürlich die Rezeption um eine gewisse intellektuelle Anforderung, die ja nicht immer intendiert sein muss.

Couperin - Les Barricades Mysterieuses - Glarean Magazin
Neben S. Rachmaninov, S. Gainsbourg, J.S. Bach und A. Pärt: „Les Barricades Mysterieuses“ von F. Couperin

Was beliebig scheint – folgt auf die berühmte Rachmaninov-Vocalise doch eine Transkription des wunderbaren Gainsbourg-Chansons „La Javanaise“ (Juliette Gréco lässt grüßen), an welchen sich Couperins „Les Barricades mystérieuses“ anschließt, nur um wieder zu einem Bach’schen Arrangement (der „Sicilienne“ nach Vivaldis „Concerto Op. 3, Nr. 11“) zu springen – diese stilistisch mutige Abfolge erklärt sich beim Hören von selbst. Buniatishvilis tatsächlich schwervergleichliche Feinheit im Anschlag spannt den Bogen sowie eine gewisse Verklärtheit, die nicht als Pathos missverstanden werden darf.

Introvertierte Musik-Sammlung

Die französisch-georgische Pianistin möchte dieses Konzeptalbum nicht als Beispiel ihrer enormen Virtuosität (man denke nur an Schumanns Klavierkonzert mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Paavo Järvi) verkaufen – nein, es ist eine stille, geradezu introvertierte Musiksammlung, die sie vorlegt.
Arvo Pärts reduktive Gebetskomposition „Pari intervallo“ steht stellvertretend für das Ausmaß an meditativer Versenkung, die zeitweise erreicht wird. Zwei streng parallel geführte Linien, dem persönlichen Tintinnabuli-Stil des estnischen Komponisten folgend, bilden über knapp acht Minuten hin ein klares klangoptisches Muster, das von Es-Moll-Dreiklängen bestimmt wird. Nicht nur (Selbst-)Spiritualität zugeneigte Menschen werden der Transzendenz, die hier zusammen mit Schwester Gvantsa Buniatishvili zu vier Händen meisterhaft transportiert wird, etwas abgewinnen können.

Von Bach bis Cage

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Natürlich darf in einer solchen durchaus nach philosophischen Gesichtspunkten festgelegten Stückauswahl auch John Cages „Nichtwerk“ „4’33“ nicht fehlen. Frühlingshafte Realklänge wie entferntes Vogelgezwitscher werden, dem CD-Booklet nach auf einem Friedhof aufgenommen, zur aleatorischen Musik von hoher imaginativer Wirksamkeit. Bezeichnend, dass die Künstlerin kurze kontemplative Texte zu jedem Werk selbst verfasste – das Labyrinth als Sinnbild für einen Lebensweg, der Verirrung gewissermaßen beinhalten muss und den man trotzdem selbstreflektiert und bewusst zu gehen in der Lage ist. Zugleich schwingt die Aufforderung mit, die intrinsische Ordnung, für die der Albumname ebenso steht, aus metaphysischer Vogelperspektive sowohl wahrzunehmen als auch zu ergründen.

Schnulzige Gesten neben überzeugender Seriösität

Virtuose Sinnlichkeit - Die Pianistin Khatia Buniatishvili - Musik im Glarean Magazin
„Virtuose Sinnlichkeit und intrinsische Ordnung“: Die Pianistin Khatia Buniatishvili

Es lässt sich nicht vermeiden, dass der Gestus an manchen Stellen mit dem Schnulzigen liebäugelt, jedoch verliert er nie eine seriöse Überzeugungskraft. Die Ligeti-Etüde „Arc-en-ciel“ oder Johannes Brahms melancholisches „Intermezzo in A-Dur“ aus den 6 Klavierstücken bestätigen jene interpretatorische Reife, die der erst 33-Jährigen vielfach attestiert wird. Das empfindsame Spiel mit Zwischenstimmen kennzeichnet auch die Liszt-Consolation in Des-Dur als „poetischer Gedanke“.
Somit ist „Labyrinth“ ein gewagtes wie sensibles Album, das genau durch diese Mischung besticht. Der Bezug auf jene neoromantische Konzeption des menschlichen Geistes als wechselseitiges Eintauchen und Eingetauchtwerden in die Vielfalt einer Weltbeseeltheit ist in pandemischen Zeiten ebenso heilsam wie wahr. Wehe dem, der anders spricht… ♦

Khatia Buniatishvili (Klavier): Labyrinth (Div. Komponisten) Audio-CD, Label Sony Classical


Jakob Leiner - Lyriker, Musik, Arzt - Glarean MagazinJakob Leiner

Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klaviermusik auch über Komitas: Seven Songs (Pianistin: Lusine Grigoryan)

… sowie über: Severin von Eckardstein plays Robert Schumann – Ein Plädoyer für die Romantik

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Das Klavierwerk von Ernest Bloch & Ferruccio Busoni


Siegmeth, Hunstein, Wolf: Winterreise nach Franz Schubert (Audio-CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Gemeinsame Sprache zweier Musikwelten

von Horst-Dieter Radke

Das Wort „Winterreise“ assoziiert sofort mit Franz Schubert, wohingegen die Instrumente, die auf dem Cover des entspr. Albums zu sehen sind, gleich für Irritationen sorgen. Saxophon und Theorbe, anstatt Klavier – kann das gut gehen? Die Rückseite macht dann die negative Vorahnung komplett: „nach Schubert“. Aber, um die negativen Konnotationen nicht zu weit zu treiben: Die Sache ist besser, als sie scheint. Viel besser!

Was als erstes auffällt in dieser neuen „Winterreise“ nach Schubert mit dem Saxophonisten Hugo Siegmeth, dem Lautenisten Axel Wolf und dem Sprecher Stefan Hunstein: Es wird nicht adaptiert. Die Klavierstimme wurde nicht auf Laute und Saxophon aufgeteilt. Beide spielen eigenständig, greifen hier und da Themen aus Schuberts Melodien auf, variieren sie aber frei und verlassen sie auch gern. Manchmal liegt das Aufgreifen des Originals auch hinter dem Vordergründigen, etwa durch den Tonartwechsel. Das zweite, was auffällt, ist dass nicht gesungen wird. Stefan Hunstein spricht die Texte, so wie sie als Gedicht von Wilhelm Müller geschrieben wurden, also auch unter Verzicht mancher Wiederholungen, wie sie die Liedfassung vorsieht.

Keine Berührungsängste

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Man muss Schuberts Winterreise im Original nicht kennen, um dieses Album mit Genuss zu hören. Doch es schadet auch nicht, denn so kann man nach Motiven und Bekanntem fahnden und sich darüber freuen, wie die Musiker die Themen aufgreifen und sich von ihnen lösen. Spannend ist zu hören, wie sich zwei Musiker aus unterschiedlichen musikalischen Welten nicht nur ergänzen, sondern zu einer homogenen, gemeinsamen Musiksprache finden. Das Saxophon und die Bassklarinette, die niemals ihre Herkunft aus dem Jazz leugnen, klingen an manchen Stellen doch sehr klassisch, die Laute dagegen an nicht wenigen Stellen sehr modern, etwa in „Gefror’ne Tränen“.

Musik ohne Gesangsirritation

Franz Schubert - Gemälde von Wilhelm August Rieder 1875 - Glarean Magazin
Inspirator für Neue Musik: Franz Schubert (Gemälde von Wilhelm August Rieder 1875

Überrascht war ich, als mir auffiel, dass ich schon nach wenigen Malen Hören der CD ganze Strophen der Verse im Kopf hatte und auswendig wiederholen konnte. Das ist mir vorher mit der originalen Schubert-Version nie passiert. Da blieb mal diese und jene Zeile hängen, nie aber mehr. Die Melodien schon eher. Möglich, dass dies mit den Wiederholungen, die oft kreuz und quer durch die Strophen gehen, zusammenhängt. Vielleicht auch mit der Musik, die bei Schubert doch die Aufmerksamkeit auf sich zieht, nicht selten sogar dann, wenn das Klavier nur begleitet. Bei dieser Fassung „nach Schubert“ irritiert die Musik nicht beim Gesang. Manchmal unterbricht der Sprecher die Musik abrupt – und lässt sie in den Sprechpausen zwischen den Strophen wieder aufleben. Den „Lindenbaum“, der es ja in vereinfachter Form bis ins Volksliedgut gebracht hat, habe ich natürlich im Kopf. Die fragmentierte Einleitung des Tenorsaxophons liebe ich vom ersten Hören an, auch, wie es die Stimme des Sprechers bei der ersten Strophe führt, die fast ein An-Singen ist.

Alte und neue Version als je Ganzes

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Ich habe versucht, beide Versionen im Vergleich zu hören, also Lied für Lied. Daran habe ich schnell die Lust verloren, so nach dem sechsten oder siebten Lied. Beide Versionen sind als Ganzes zu hören, dann entfalten sie ihre eigene Schönheit und insbesondere die „nach“-Fassung zeigt eine Eigenständigkeit, die nicht den Vergleich mit dem Original suchen muss. Genau genommen ist sie selber ein Original. Dass sie die andere Fassung jedoch verdrängt, muss man nicht befürchten.

Wie man mit altem Material kongenial umgeht und dabei Neues schafft, zeigt dieses Album sehr gut, auch, wie man Welten zusammenführt – etwa Jazz- und Renaissance-Musik. Der fehlende Gesang stört überhaupt nicht. Gesprochen wirkt der Text anders, wird deutlicher wahrgenommen. Müsste ich ein Album als „Album des Jahres“ auszeichnen, wäre es dieses für mich, und dafür müsste ich nicht lange überlegen. ♦

Axel Wolf (Laute), Stefan Hunstein (Sprecher), Hugo Siegmeth (Saxophon): Winterreise nach Schubert, Oehms Classics (Naxos)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schubert und die Moderne auch über Franz Schubert & Jörg Widmann: Oktette

… sowie zum Thema Musikgeschichte: Das 50-Euro-Preisrätsel Musik vom November 2020

Ausserdem zum Thema Crossover-Musik mit Saxophon: Saxofour – Oparettet den Jazz

Weitere Links zum Thema „Winterreise“

Maximilian Ehrhardt: None but the Brave (Harfenmusik)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Saitenzauber aus Wales

von Horst-Dieter Radke

1983 war es das Album „The Music of Turlough O’Carolan“ von Patrick Ball, das nicht mehr von meinem Plattenteller herunter wollte, wieder und wieder gehört werden musste. Natürlich lässt so etwas dann nach einer Weile nach, und auch andere Musik kommt zu ihrem Recht. So ähnlich ging es mir aber jetzt, fast vierzig Jahre später mit dem Album „None but the Brave“ von Maximilian Ehrhardt.

Während Patrick Ball auf der Langspielplatte ausschliesslich auf originäre, für die keltische Harfe geschriebene Musik setzte, spielt Maximilian Ehrhardt neben walisischen und schottischen Volksweisen Musik, die für die walisische Harfe adaptiert wurde, etwa von Vivaldi, Corelli oder Händel. Er benutzt dabei die Walisische Tripelharfe, bei der die Saiten in drei Ebenen angeordnet sind. Ehrhardt spielt ein neues Instrument, das nach einem historischen aus dem 18. Jahrhundert gebaut wurde.

Walisische Barockmusik

Walisische Tripelharfe - Tim Hampson - 18. Jahrhundert - Glarean Magazin
Walisische Tripelharfe, gebaut im 18. Jahrhundert von Tim Hampson

Die Musik, die auf dieser CD eingespielt wurde, stammt aus drei Manuskriptsammlungen der walisischen Nationalbibliothek in Aberystwyth, sowie aus einer Sammlung von John Parry (1710-1776). Dieser gilt als der berühmtestes walisische Harfenist seiner Zeit. Wie der ein halbes Jahrhundert früher lebende Ire Turlough O’Carolan war er blind. Bekannt war er damals als Parri Ddall, Rhiwabon (der Blinde Parry aus Ruabon). Rhiwabon/Ruabon war ein kleiner Ort in Wales.

John Parry arbeitete den grössten Teil seines Lebens für die Adelsfamilie Williams-Wynn in Wynnstay und in London. Sein Sohn William Parry (1792 – 1791) malte ein Bild von ihm, auf dem er mit geschlossenen Augen an der walisischen Trippelharfe zu sehen ist. Der introvertierte Ausdruck des Musikers passt gut zu den Stücken, die Maximilian Ehrhardt eingespielt hat. Das Bild ist heute im Walisischen Nationalmuseum in Cardiff zu sehen. Manche der Stücke und Bearbeitungen aus den Manuskriptsammlungen stammen ebenfalls von John Parry.

Der blinde Harfenist

John Parry - Harfenist England - Glarean Magazin
Der blinde englische Harfen-Virtuose John Parry (1710-1782)

Die Harfenmusik John Parrys ist Barockmusik mit folkloristischem Einschlag, wobei die traditionellen Elemente nicht störend oder nivellierend zwischen den barocken Melodien stehen, sondern sich einfügen, als gehörten sie da schon immer hin. Die Harfe klingt transparenter als das Cembalo, sicher weil das Spiel mit den Fingern direkt an den Saiten eine grössere Beeinflussung derselben zulässt, als die durch Kiele angerissenen Saiten des Tasteninstruments. Auch die bei Barockmusik üblichen forte-piano-Effekte klingen auf der Harfe weniger abrupt.
Beim Hören der CD bekomme ich Lust, den Musiker Ehrhardt live mit dieser Musik zu erleben. Ich hoffe, dazu habe ich einmal Gelegenheit…

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Die Musik wurde von Deutschlandradio aufgenommen und von Carpe Diem Records veröffentlicht (CD-16321). Das Booklet ist informativ, berichtet ausführlich über die walisische Harfe und ihre Musik. Dafür gibt es von mir eine Kaufempfehlung. ♦

Maximilian Ehrhardt: None but the Brave – Harfenmusik des 18. Jahrhunderts aus Wales, Audio-CD, Carpe Diem Records / Deutschlandfunk

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Harfen-Musik auch über Englichova (Harp) & Veverka (Oboe): Impressions (CD)

Holger Falk u.a: Il Gondoliere Veneziano (Musik-CD)

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Venezianischer Gondel-Traum

von Horst-Dieter Radke

„Il Gondoliere Veneziano“ mit Arien von Cerruti, Tartini und Vivaldi nimmt den Hörer mit auf eine klangschöne, zauberhafte Reise durch die berühmte Lagunen-Stadt. Dabei werden gar live in Venedig aufgenommene Toncollagen integriert. Eine CD von und aus einer Stadt, die von Klängen und Musik lebt.

Il Gondoliere Veneziano - Holger Falk - Ensemble Nuovo Aspetto - Duo Merzouga - Tartini - VivaldiBei unserem letzten Venedigbesuch vor fünf Jahren sind wir nicht Gondel gefahren. Wir haben auch keinen Gondoliere singen gehört. Mitgenommen haben wir trotzdem den Eindruck, dass Venedig eine Stadt der Klänge ist, und zwar sehr unterschiedlicher. Morgens, wenn die Stadt sich langsam füllt, klingt sie anders als mittags, wenn der Strom der Touristen die Stadt fast zum Platzen bringt. Und zur gleichen Zeit wieder anders, wenn man ausweicht in Bereiche, die von den Tagesbesuchern nicht frequentiert werden, oder man mit dem Vaporetto zu entfernten Bereichen flieht. Abends, wenn die meisten die Stadt verlassen haben, meint man, sie habe ihre eigene Stimme zurückbekommen.

Auf den Wassern des Canale Grande

Beim Hören dieser CD entstand das Bild des Venedigs in mir, dass ich erlebt habe. Das liegt nicht unwesentlich an den Toncollagen, die vom Klang Duo Merzouga (Eva Pöpplein und Janko Hanushevsky) in Venedig aufgenommen und teilweise elektronisch ergänzt wurden. Es liegt natürlich auch an der Musik.

Bariton-Sänger Holger Falk - Glarean Magazin
Bariton Holger Falk (geb. 1972)

Bariton Holger Falk singt Lieder, welche die Gondoliere ehemals gesungen haben könnten. Zu hören sind sie in den Kanälen der Lagunenstadt schon lange nicht mehr, doch waren sie im 18. Jahrhundert in ganz Europa berühmt, und einige Sammlungen wurden veröffentlicht. Aus diesen bedient sich der Sänger reichlich, mischt auch noch anderes darunter, zum Beispiel eine Arie von Tartini. Diese ist ein ganz besonderer Leckerbissen, denn von Tartini gibt es sonst fast nur Instrumentalmusik zu hören.

Holger Falk wird bei seinen mit Engagement vorgetragenen Liedern – wozu durchaus auch ein schrilles Lachen gehört oder ein beiläufiges Vor-sich-hin-singen – vom Ensemble Nuovo Aspetto begleitet, einige singt er auch a capella. Dazwischen gibt es Instrumentalsätze von Vivaldi. Ein Programm, das zeigt, was Venedig ist: Eine Stadt, die von Klängen und Musik lebt.

Vielfältige Musik-Informationen

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Zu loben ist auch das ausführliche Booklet. Es enthält nicht nur Informationen zur Produktion und zu den Künstlern, sondern auch einiges über den musikalischen Hintergrund. Sogar Herr von Goethe kommt zu Wort, mit Auszügen aus seiner „Italienischen Reise„. Besonders schön ist, dass auch die Liedertexte enthalten sind, neben dem Original jeweils auch eine deutsche und englische Übersetzung. So weiss man, wovon Holger Falk so mitreissend singt: Von einer nächtlichen Gondelfahrt, von Liebe und Liebesverlust und von Armut. Am Ende weiss man mehr über die vergangene Musik der Gondoliere. Mag sie auf den Kanälen in Venedig nicht mehr zu hören sein – dass sie den Weg wieder in die Konzertsäle oder wenigstens auf die hauseigene Musikanlage gefunden hat, ist zu begrüssen.

Dieses Programm ist geeignet für ein breites Publikum, nicht nur für Liebhaber Alter Musik. In Zeiten, in denen die persönliche Reisefreiheit durch eine Pandemie eingeschränkt ist, verhilft diese CD zu einer virtuellen Reise an die Adria. Das ist mehr, als man von einer CD mit Alter Musik erwarten kann. ♦

Holger Falk (Bariton), Nuovo Aspetto, Duo Merzouga: Il Gondoliere Veneziano – A musical voyage through Venice, Audio-CD

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Italienische Klassik auch über Giuseppe Tartini: 4-parts Sonatas and Sinfonias (CD)

Michael Daugherty: This Land Sings

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Auf den Spuren von Woody Guthrie

von Horst-Dieter Radke

Woody Guthrie (1912 – 1967) ist der amerikanische Liedermacher schlechthin. Aber auch bei uns ist er kein Unbekannter. Sein „This Land is Your Land“ war seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fast so häufig in geselliger Runde bei Lagerfeuer und Gitarrenbegleitung zu hören, wie „Heute hier, morgen dort“ von Hannes Wader. Eine CD von Michael Daugherty mit dem Titel „This Land Sings“ und dem Untertitel „Inspired by the Life and Times of Woody Guthrie“ weckt deshalb Erwartungen, die, das sei gleich vorweg gesagt, sowohl enttäuscht als auch übertroffen werden.

Anlehnungen mit Eigenständigkeit

Michael Daugherty: This Land Sings - Inspired by the Life and Times of Woody Guthrie - NaxosDie Enttäuschung liegt darin, dass Musik von Woody Guthrie fast nicht zu hören ist, es sei denn als Zitat. Das liegt aber auch daran, dass Musik von Woody Guthrie nicht immer von ihm selbst war, sondern „ausgeliehen“ von anderen. Die Ouvertüre, mit der die CD beginnt, zitiert unüberhörbar „This Land is Your Land“. Doch der Komponist Michael Daugherty stellt im Booklet klar, dass es eine alte Volksmelodie ist, die sich nicht nur Woody Guthrie für sein Lied, sondern zuvor auch schon die Carter-Family ausgeliehen hatten. Diese Praxis übt dann der Komponist bei vielen Beiträgen selbst, ohne dabei an Eigenständigkeit im Ergebnis zu verlieren.

Auf Amerikas staubigen Strassen

Komponist Michael Daugherty auf den Spuren von Woody Guthrie
Komponist Michael Daugherty auf den Spuren von Woody Guthrie

Michael Daugherty (geb. 1954) ist einer der meistgespielten US-Komponisten. Für „This Land Sings“ hat er sich, so schreibt er im Booklet, auf die Spuren von Woody Guthrie gemacht, ist überall dort entlang gezogen, wo ehemals auch der amerikanische Liedermacher auf staubigen Strassen unterwegs war.
Zurückgekehrt von dieser Reise schrieb er seine eigenen „originellen“ Lieder, wie er im typischen amerikanischen Selbstbewusstsein zur Kenntnis gibt. Das Ganze war eine Auftragsarbeit, für die er sich um viel Authentizität bemüht. Der Wechsel von instrumentalen und vokalen Stücken habe er der Praxis der damals üblichen Radiosendungen abgeschaut. Das instrumentale Ensemble minimierte er, um einen Hinweis auf die damalige Wirtschaftskrise zu geben. Lediglich Violine, Klarinette/Bassklarinette, Fagott, Trompete/Flügelhorn, Posaune, Kontrabass und Schlagzeug gibt er den beiden Sängern zur Seite und erweitert gelegentlich selbst mit der Mundharmonika.
Dass Woody Guthries Instrument – die Gitarre – fehlt, stört nicht eine Sekunde. Annika Socolofsky (Sopran) und John Daugherty (Bariton; nicht mit dem Komponisten verwandt) singen die Lieder, und insbesondere die Sopranistin gibt dem ganzen oft eine Stimmung, die an die Songs und die Zeit von Woody Guthrie erinnert. Der Bariton alleine – so gut er an sich ist – hätte das nicht geschafft.

Michael Daugherty - This Land Sings - Woody Guthrie - Begin Overture - Full Score - Glarean Magazin
Beginn der „Ouvertüre“ zu „This Land Sings“ von Michael Daugherty

Guthrie-ferne Zitate

Komponist Daugherty greift auf Melodien der amerikanischen Volksmusik zurück, schreckt aber auch nicht vor Woody-Guthrie-fernen Zitaten zurück, etwa in „Marfa Lights“, wo er das berühmte „Aranjuez-Konzert“ von Rodrigo zitatmässig einbaut. Der Komponist stellt sich allerdings einen am Rio Grande entlang wandernden Woody Guthrie dabei vor. Im Grunde braucht man die Kommentare des Komponisten nicht, um Vergnügen an dieser musikalischen Hommage zu bekommen und ihre Intention zu verstehen. Im Nachhinein zu lesen, was er sich dabei gedacht hat und mit den eigenen Vorstellungen nach dem ersten Hören abzugleichen ist jedoch keine schlechte Sache.

Kleines Ensemble macht grosse Musik

Sopranistin Annika Socolofsky, Bariton John Daugherty und Alan Miller (Dirigent des Ensemble Dogs of Desire) performen im Wechsel von instrumentalen und vokalen Songs
Sopranistin Annika Socolofsky, Bariton John Daugherty und Alan Miller (Dirigent des Ensemble Dogs of Desire) performen im Wechsel von instrumentalen und vokalen Songs

Das „kleine Ensemble“ klingt in manchen Stücken so voll, dass man ein grösseres Orchester dahinter wähnt. Besonders reizvolle finde ich aber die Songs, die tatsächlich minimalistisch daherkommen, etwa „Bread and Roses“, das nur von Sopran und Fagott getragen wird. Daugherty widmet es den Millionen Frauen, die für Gleichberechtigung kämpften und schliesslich 1920 das Wahlrecht durchsetzen konnten. Ein Duett ist auch „This Trombone Kills Facists“, das die Posaune mit dem Schlagzeug ausführt und „“My Heart is Burning“, das Mundharmonika und Kontrabass austragen. Zahlreiche Stücke werden von dem Ensemble Dogs of Desire unter ihrem Dirigenten Alan Miller engagiert unterstützt.

Lebendig und spontan

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Diese CD enttäuscht jene, die erwarten, darauf viel von Woody Guthrie zu hören; das ist nicht der Fall. Aber man kann, wenn man gut zuhört, einiges über ihn hören. Und in dieser Beziehung übertrifft die CD zumindest meine Erwartung. Insbesondere das Ganze im Zusammenhang er-hört ist eine überdurchschnittlich gelungene Hommage, die bei allen Bezügen und Zitaten viel Eigenständigkeit in Komposition und Tonsprache aufweist. Obwohl ich Lieblingslieder darauf habe, werde ich die CD wohl künftig ausschliesslich komplett hören, weil vor allem so das musikalische Bild vom Leben und der Zeit Woody Guthries erzeugt wird.

Die CD ist zu empfehlen. Die Kompositionen sind originell, selbst dort, wo fremdes Material verwendet wird. Die ausführenden Musiker schaffen ein hervorragendes Klangbild, das die beiden Sänger kongenial ergänzt. Es ist keine spontane Musik, sondern durchkomponierte, doch es klingt nicht steif und akademisch, sondern sehr lebendig. ♦

Michael Daugherty: This Land Sings – Inspired by the Life and Times of Woody Guthrie, Dogs of Desire (Alan Miller), Audio-CD, Spielzeit 01:05:21, Naxos CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik zwischen Klassik und Pop auch über die CD von Richard Harvey: Evensong – New Choral Music

… sowie zum Thema Folk über die CD Insomnia des Harriet Quartets

Weitere Internet-Artikel über Michael Daugherty


English Translation

On the trail of Woody Guthrie

by Horst-Dieter Radke

Woody Guthrie (1912 – 1967) is the American songwriter par excellence. But he is no stranger to us either. His „This Land is Your Land“ has been heard since the seventies of the last century almost as often in convivial company around campfires and with guitar accompaniment. A CD by Michael Daugherty with the title „This Land Sings“ and the subtitle „Inspired by the Life and Times of Woody Guthrie“ therefore raises expectations which, let it be said right away, will be both disappointed and exceeded.

Leanings with independence

The disappointment lies in the fact that music by Woody Guthrie is almost never heard, except as a quote. But this is also because music by Woody Guthrie was not always from himself, but „borrowed“ from others. The overture with which the CD begins unmistakably quotes „This Land is Your Land“. But composer Michael Daugherty makes it clear in the booklet that it is an old folk melody that not only Woody Guthrie borrowed for his song, but also the Carter family before. The composer himself then practices this practice in many of his contributions, without losing any independence in the result.

On America’s dusty streets

Michael Daugherty (born 1954) is an American composer and teacher. As he writes in the booklet, he has followed in the footsteps of Woody Guthrie, has moved along wherever the American singer-songwriter once walked on dusty roads. Returning from this journey, he wrote his own „original“ songs, as he states in typical American self-confidence. The whole thing was a commissioned work, for which he strives for a lot of authenticity. The alternation of instrumental and vocal pieces he had copied from the practice of radio broadcasts at the time. He minimized the instrumental ensemble in order to give a hint at the economic crisis of the time. Only the violin, clarinet/bass clarinet, bassoon, trumpet/flügelhorn, trombone, double bass and percussion are given to the two singers‘ side, and occasionally he himself expands with the harmonica.
The fact that Woody Guthrie’s instrument – the guitar – is missing does not bother him for a second. Annika Socolofsky (soprano) and John Daugherty (baritone; not related to the composer) sing the songs, and the soprano in particular often gives the whole thing a mood reminiscent of the songs and the time of Woody Guthrie. The baritone alone – as good as he is in himself – would not have been able to do this.

Guthrie-far quotations

Composer Daugherty draws on melodies from American folk music, but he does not shy away from quotations from Woody Guthrie, for example in „Marfa Lights“, where he incorporates Rodrigo’s famous „Aranjuez Concerto“ as a quotation. The composer, however, imagines a Woody Guthrie walking along the Rio Grande. Basically, you don’t need the composer’s comments to take pleasure in this musical homage and to understand its intention. But to read afterwards what he had in mind and to compare it with his own ideas after the first listening is not a bad thing.

Small ensemble makes great music

The „small ensemble“ sounds so full in some pieces that one would think there is a larger orchestra behind it. But I find the songs that really come across as minimalistic particularly appealing, such as „Bread and Roses“, which is only carried by soprano and bassoon. Daugherty dedicates it to the millions of women who fought for equal rights and were finally able to enforce the right to vote in 1920. A duet is also „This Trombone Kills Facists“, which performs the trombone with the drums, and „“My Heart is Burning“, which features harmonica and Contrabass.

Lively and spontaneous

This CD disappoints those who expect to hear much of Woody Guthrie on it; this is not the case. But you can hear a lot about him if you listen well. And in this respect the CD at least exceeds my expectations. Especially the whole thing heard in context is an above-average homage, which shows a lot of independence in composition and sound language despite all references and quotations. Although I have my favourite songs on it, I will probably only listen to the CD in its entirety in the future, because this is how the musical picture of Woody Guthrie’s life and time is created.

The CD is to be recommended. The compositions are original, even where foreign material is used. The performing musicians create an excellent sound image that congenially complements the two singers. It is not spontaneous music, but through-composed, but it does not sound stiff and academic, but very lively. ♦

(Links & Pictures above)

Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Sensibles Gespür für die intimen Passagen

von Christian Busch

Die junge norwegische Cello-Virtuosin Sandra Lied Haga (geb. 1994 in Oslo) legt im CD-Label Simax/Naxos mit Tschaikowskis „Rococo Variationen“ und Dvoraks Cello-Konzert ein beeindruckendes Album-Debüt vor, das einige andere renommierte Aufnahmen in verschiedener Hinsicht übertrumpft.

„Fragt nach dem Zauber nicht,
der mich erfüllt!
Ihr könnt die Seligkeit ja doch nicht fassen,
die seine Liebe mich hat fühlen lassen,
die Liebe, die nur mir, mir einzig gilt.“

Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak (CD) - Musik-Rezension
Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak

Aus diesem von Antonin Dvorak um die Jahreswende 1887/1888 vertonten Lied „Lasst mich allein“ von Ottilie Kleinschrod spricht ein seliges, in seiner unvergleichlichen Liebe ruhendes Herz, das sich – zum Schutz seiner kostbaren Liebe – der Welt verschliesst. Es ist das Lieblingslied von Dvoraks Schwägerin, der Gräfin Josefine Kaunic – und der Schlüssel zu Dvoraks berühmtem, 1895 in der Neuen Welt komponierten Konzert für Violoncello und Orchester op. 104 in h-moll.
Heimweh, Bestürzung über die schwere Erkrankung seiner Jugendliebe, aber auch optimistische Aufbruchsstimmung standen bei Dvoraks bedeutender Komposition mit symphonischen Ausmassen Pate. Als er vom Tode seiner ehemaligen Klavierschülerin erfährt, ändert er seine Partitur und integriert das schon im 2. Satz zitierte Lied auch in das Finale – das Konzert wird nun endgültig zum Hohelied der Liebe.

Aus Norwegens unendlicher Weite stammend

Sandra Lied Haga - Violoncello - Glarean Magazin
Technische Brillanz und sensitive Empathie: Die Cellistin Sandra Lied Haga

Aus der unendlich weiten Perspektive norwegischer Landschaft stammend, war Sandra Lied Haga schon im Alter von drei Jahren Teilnehmerin des Förderprogramms junger Talente am Barrat Due Institute of Music in Oslo und wurde, längst auf vielen internationalen Festivals präsent, jüngst mit dem Equinor Classical Music Award 2019 ausgestattet. Ihr zur Seite steht in dieser Aufnahme mit Konzertmitschnitten vom Februar und März 2019 aus der Great Hall des Moskauer Konservatoriums das State Academic Symphony Orchestra of Russia „Evgeny Svetlanov“ unter der Leitung von Terje Mikkelsen.

Und was man dort hört, ist schlicht überwältigend. Schon die konzentrierte, massvolle, bedächtige, aber niemals schleppende Einleitung lässt erkennen, dass es nicht um ein paar schmissige Effekte oder das blosse Auskosten „schöner Stellen“ geht, sondern um den Spannungsbogen, den „grossen Atem“ und die Seele des Werks.
Man staunt darüber, wenn Lied Haga ihren Part mit unverbrauchter Natürlichkeit, sicherem Instinkt und grosser Virtuosität zu einer überzeugenden, faszinierend schönen und berührenden Darbietung gestaltet. Fernab von Routine und Klischees gelingt ihr der fliessende Übergang von den extrovertierten Ausbrüchen bis zu den Momenten der wunderbar intimen, gesanglichen Introspektive.

Hohelied der Liebe

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Der zweite, aus dem Liedmotiv geformte Satz mutet wie ein inniges Liebesduett – über den Ozean hinweg – an, zunächst scheinbar zerbrochen, dann intensiviert durch die Nachricht der Erkrankung. Dass gerade die lyrischen Stellen – auch dank der grossartigen Partnerschaft zwischen Orchester und Solisten – besonders gelungen sind, liegt an der insgesamt sehr stimmigen und werkgetreuen Deutung Lied Hagas, die – von Mikkelsen und dem Orchester auf den vielzitierten „Händen getragen“ – dem Werk mit feinem Gespür und beglückender Sensibilität begegnet. Doch ragen diese berückend schön gespielten Momente nicht heraus, sondern sondern fügen sich nahtlos in die geschlossene und stimmige Darbietung. Es entspinnt sich ein über drei Sätze andauernder, intensiver Dialog, der Dvoraks letztes grosses Werk als „Hohe(s) Lied der Liebe“ geradezu neu entdeckt.

Blick für das Wesentliche

Peter Tschaikowski - Faksimile Titelseite Variationen über ein Rokoko-Thema - Cello-Part - Glarean Magazin
Handschriftliches Faksimile der Titelseite von Tschaikowskis „Variationen über ein Rokoko-Thema“ (Cello-Part gewidmet dem Cellisten G. Fitzenhagen)

Mit demselben unverstellten Blick für das Wesentliche nehmen die Ausführenden auch Peter Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“ ins Visier. Konzeptionell folgerichtig greifen sie dabei auf das Original zurück, statt auf die auf Wunsch von Tschaikowskys Cellisten Wilhelm Fitzenhagen geänderte Fassung, welche dem Solisten eine grössere Bühne der Selbstdarstellung bot.
Auch hier bestaunen wir den klaren, natürlich-schönen Ton der jungen Norwegerin, die in grossem Einvernehmen mit Orchester und Dirigent die Reminiszenz des Komponisten an eine andere Zeit, nämlich die Klangwelt des 18. Jahrhunderts (vor allem die des jungen W.A. Mozart) zum Leben erweckt.

Sandra Lied Haga legt also mit diesen zwei Romantik-Einspielungen ein grossartiges Debütalbum vor. Ihr Ton ist von natürlicher „nordischer“ Klarheit, doch ebenso zeigt sie ein sensibles Gespür für die intimen Passagen dieser Standardwerke des romantischen Repertoires. Sie erliegt nie der Versuchung einer Selbstdarstellung, sondern dringt werkgetreu zum Kern der Werke vor, auch dank ihrer gleichwertigen Partner. Damit stellt sie so manche Aufnahme renommierter Künstler und Plattenlabels in den Schatten. Eine schöne Entdeckung. ♦

Peter Tchaikovsky: Variations on a Rococo Theme op. 33 (Original Version); Antonin Dvorak: Celle Concerto in B Minor op. 104 – Sandra Lied Haga (Cello), The State Academic Symphony Orchestra of Russia ‘Evgeny Svetlanov‘, Terje Mikkelsen, Simax Classics (Naxos)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Cello-Musik auch über Sol Gabetta: Cello-Konzert von Edward Elgar


English Translation

Sensitive feeling for the intimate passages

The young Norwegian cello virtuoso Sandra Lied Haga (born in Oslo in 1994) makes an impressive album debut on the Simax/Naxos CD label with Tchaikovsky’s „Rococo Variations“ and Dvorak’s Cello Concerto, outdoing several other renowned recordings in various ways.

„Don’t ask about the magic,
that fills me!
You can’t believe the bliss,
that his love made me feel,
the love that is only for me, only for me.“

From this song „Leave me alone“ by Ottilie Kleinschrod, set to music by Antonin Dvorak at the turn of 1887/1888, speaks a blessed heart, resting in its incomparable love, which – to protect its precious love – closes itself off from the world. It is the favourite song of Dvorak’s sister-in-law, Countess Josefine Kaunic – and the key to Dvorak’s famous Concerto for Violoncello and Orchestra op. 104 in B minor, composed in the New World in 1895.
Homesickness, dismay at the serious illness of his childhood love, but also an optimistic mood of departure were the inspiration for Dvorak’s important composition of symphonic dimensions. When he learns of the death of his former piano pupil, he changes his score and integrates the song quoted in the second movement into the finale – the concerto now finally becomes the Song of Songs of Love.

Coming from Norway’s infinite vastness

Coming from the infinitely wide perspective of the Norwegian landscape, Sandra Lied Haga was already at the age of three a participant in the Young Talent Promotion Programme at the Barrat Due Institute of Music in Oslo and, long since present at many international festivals, was recently awarded the Equinor Classical Music Award 2019. In this recording of concert recordings of February and March 2019 from the Great Hall of the Moscow Conservatory, she is accompanied by the State Academic Symphony Orchestra of Russia „Evgeny Svetlanov“ conducted by Terje Mikkelsen.

And what you hear there is simply overwhelming. Even the concentrated, measured, thoughtful, but never sluggish introduction makes it clear that it is not about a few snappy effects or the mere savouring of „beautiful passages“, but about the tension, the „great breath“ and the soul of the work.
One is amazed when Lied Haga shapes her part with unspent naturalness, sure instinct and great virtuosity to a convincing, fascinatingly beautiful and touching performance. Far away from routine and clichés, she succeeds in making the smooth transition from the extroverted outbursts to the moments of the wonderfully intimate vocal introspection.

Song of Love

The second movement, formed from the song motif, seems like an intimate love duet – across the ocean – at first seemingly broken, then intensified by the news of illness. The fact that the lyrical passages in particular – also thanks to the great partnership between orchestra and soloists – are particularly successful is due to the overall very coherent and faithful interpretation of Haga’s song, which – carried by Mikkelsen and the orchestra on the much-quoted „hands“ – meets the work with fine feeling and delightful sensitivity. However, these enchantingly beautifully played moments do not stand out, but rather fit seamlessly into the closed and coherent performance. An intensive dialogue develops over three movements, which almost rediscovers Dvorak’s last great work as the „Song of Love“.

An eye for the essential

With the same undisguised eye for the essential, the performers also take aim at Peter Tchaikovsky’s „Rococo Variations“. Conceptually logical, they fall back on the original, instead of the version modified at the request of Tchaikovsky’s cellist Wilhelm Fitzenhagen, which offered the soloist a larger stage for self-expression.
Here, too, we marvel at the clear, naturally beautiful tone of the young Norwegian who, in great agreement with orchestra and conductor, brings to life the composer’s reminiscence of another time, namely the sound world of the 18th century (especially that of the young W.A. Mozart).

Sandra Lied Haga thus presents a great debut album with these two romantic recordings. Her tone is of natural „Nordic“ clarity, but she also shows a sensitive feeling for the intimate passages of these standard works of the romantic repertoire. She never succumbs to the temptation of self-portrayal, but penetrates the core of the works faithfully, also thanks to her equal partners. In this way she outshines many a recording by renowned artists and record labels. A beautiful discovery. ♦

Peter Tchaikovsky: Variations on a Rococo Theme op. 33 (original version); Antonin Dvorak: Celle Concerto in B Minor op. 104 – Sandra Lied Haga (cello), The State Academic Symphony Orchestra of Russia ‚Evgeny Svetlanov“, CD-Label Naxos

(Links and Pictures above)

Saxofour: Oparettet den Jazz (Musik-CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Jazz-Hommage an die Operette

von Horst-Dieter Radke

Der erste Eindruck beim Hören des jüngsten Albums „Oparettet den Jazz“ des Ensembles Saxofour: Gute Laune kommt auf. Es macht Spass zuzuhören. Die Arrangements sind intelligent und werden gekonnt gespielt. Die Freiheiten, die sich die Solisten nehmen, passen in das Korsett des fix Notierten wunderbar hinein.

Saxofour - Saxophon Quartett Wien - Oparettet den Jazz - Rezension Glarean MagazinFreiheiten nehmen sich die vier Saxofour-Mitglieder aber nicht nur beim Spielen heraus, sondern auch beim Komponieren. Zitate drängen sich schon beim ersten Hören auf, lassen sich aber oft nicht sofort exakt lokalisieren – oder dann, wenn man schon meint, etwas zuordnen zu können, verwandeln sie sich wieder. Je öfter man jedoch die Musik hört, desto eher geht einem hier und da ein Licht auf, auch wenn man sich in Operetten nicht so gut auskennt. Manches hat man dann doch schon gehört. Obwohl ich Musik eher nicht „nebenbei“ höre, überraschte es mich jedenfalls, dass ich die CD mehrfach auflegte, auch wenn ich gerade mit anderem beschäftigt war. Sie macht eben einfach gute Stimmung, und dann geht manches andere auch flotter von der Hand.

Seit 30 Jahren im österreichischen Musikleben

Die Akteure von "Oparettet den Jazz": Das Saxofour-Quartett Florian Bramböck, Klaus Dickbauer, Christian Maurer, Wolfgang Puschnig
Die Akteure von „Oparettet den Jazz“: Das Saxofour-Quartett Florian Bramböck, Klaus Dickbauer, Christian Maurer, Wolfgang Puschnig

Die Musiker – oder wie sie sich auf ihrer Homepages nennen: Musikanten – des Quartetts sind seit fast dreissig Jahren in diesem Ensemble unterwegs, aber auch in anderen Besetzungen aktiv in der österreichischen Musikszene. Und es wird nur geblasen: Kein Drumset, kein Bass und schon gar kein Klavier müssen mittun. Dabei grooven und swingen die vier, dass es eine Freude ist. Es spielen Florian Bramböck (Tenor- und Baritonsaxofon), Klaus Dickbauer (Alt- und Baritonsaxophon, Klarinette und Bassklarinette), Christian Maurer (Sopran- und Tenorsaxophon, Bassklarinette) und Wolfgang Puschnig (Altsaxophon und Flöte).

Humorvolle Titelwahl

Dass die vier auch Spassvögel sind, hört man nicht nur ihren Arrangements an, sondern kommt auch in den Bezeichnungen zur Geltung, die sie sich als Name für ihr Quartett, als Titel für ihre CDs und vor allem für die Titel ihrer Musikstücke ausgedacht haben. „Komm mit“, das Eingangsstück fordert direkt auf, den vieren bei ihren musikalischen Eskapaden zu folgen, was man ruhig tun darf; man wird zwar verführt, muss dies aber nicht bereuen.

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„Borstenvieh“ wiederum klingt kratziger, als es dann daherkommt. Das Bariton-Saxophon führt das Vieh gut durch das Stück und lässt sich auch nicht aus der Bahn bringen durch die (es umtanzenden) anderen Saxophone.
„Lippen schweigen“ vielleicht, das Holz der vier Bläser jedoch nicht, weshalb die Lippen auch da in Bewegung sind. „Schenkt man“ der Musik des Quartetts ausreichend Beachtung, wird man schnell erkennen, was in diesem Stück wo verschenkt wird. Zeller sei dank, obwohl der eigentlich als Mitkomponist hätte erwähnt werden müssen, so deutlich ist das Zitat. Andererseits aber auch das Ergebnis so originell, dass man dies nicht zwingend einfordern muss.
Mit dem Titel „Arie vom toten Hund“ ist man dann fast schon bei Frank Zappa angelangt.

Gekonnte Arrangements, gekonntes Zusammenspiel, gekonnte Improvisationen, Spass der auch beim Zuhörer ankommt – das ist „Oparettet den Jazz“. Ich wüsste nicht, wem von dieser CD abgeraten werden sollte – allenfalls denjenigen, die sich die Griesgrämigkeit absolut nicht vertreiben lassen wollen. Alle anderen dürften ihre Freude an diesem Saxofour-Album haben. ♦

Saxofour: Oparettet den Jazz, Div. Komponisten, Audio-CD, 1h-2min, Naxos Deutschland

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Saxophon-Musik auch über das Pindakaas-Quartett: Ballads of Good Life


Richard Harvey: Evensong – New Choral Music (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Musik für den Abend und für die Nacht

von Horst-Dieter Radke

Mein erster Eindruck von „Evensong“, der neuen CD von Richard Harvey war dieser: Klingt irgendwie nach Gregorianik. Aber dann auch wieder nicht: zu gross sind die Sprünge innerhalb der Melodie. Mehrstimmigkeit und Harmonien passen auch nicht zu diesen alten Klängen. Also doch modern und neu? Ja – irgendwie kommt das Alte aber immer wieder durch. Manches klingt nach Madrigal und Motette, anderes nach Pärt oder Whitacree. In der Summe ist es aber kein Abklatsch, sondern ein eigenständiges Werk, das ich gerne in Folge gehört habe.

Intelligente Titelwahl

Richard Harvey - Evensong - New Choral Music - Cover Naxos - Musik Review Glarean MagazinDen Titel kann man vielfältig interpretieren: Abendgesang (dazu passen Titel wie Night Song, The Call, Lullay, Et in Arcadia, Evensong), oder auch Abendandacht, Abendgebet (Dona Nobis Pacem, Sanctus, Credo). Das dritte Stück – The Call – kommt ganz ohne altes Pathos aus. Es klingt eher wie ein für Chor umgesetzter Popsong. Das ist nicht negativ gemeint, zumal die Sopranistin Amy Haworth, bekannt auch schon als Ensemblemitglied von The Tallis Scholars, beeindruckend aus dem Chor hervorsticht. Das wiederholt sie noch einmal beim Titelstück Evensong. Lullay klingt dann fast schon wieder wie ein altenglisches Lied, etwa von Dowland oder Purcell. Sanctus erinnert stellenweise an alte Madrigale, besonders die letzten von Gesualdo.

Chor im Vordergrund

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Der Chor steht unüberhörbar im Vordergrund. Instrumente, die eingesetzt werden – bei den Titeln 3 und 4 auch Streichorchester – unterstützen und ergänzen den Chor, ohne ihn zu verdrängen. Beim letzten Stück begleitet der Komponist selber dezent mit Panflöte und Psaltererium.

Der Estnische Philharmonische Chor unter der Leitung von Heli Jürgenson macht seine Sache gut. Aufgenommen wurde im St Nicholas Kirchen Museum in Tallinn, und zwar ausschliesslich nachts. Diese Atmosphäre kommt spürbar in der Aufnahme beim Hörer an. Natürlich kann man sagen, dass dies ein subjektives Empfinden ist, was auch stimmt, aber ich habe die CD nach dem ersten Hören in der Folge vor allem spätabends und nachts wiederholt gehört, weil mir einfach die Ruhe dieser Zeit zu dieser Musik am besten zu passen schien.

Wanderer zwischen Klassik und Pop

Richard Harvey - Komponist - Flötist - Glarean Magazin
Richard Harvey

Richard Harvey ist kein Unbekannter. Der britische Komponist und Musiker hat eine unorthodoxe Karriere gemacht. Nach dem Studium schlug er ein Angebot des London Philharmonic Orchestra aus und spielte lieber in der Progressive Rock-Gruppe Gryphon mit, die stark von Folk- und Mittelalter-Einflüssen profitiert. Harvey brachte Krummhorn, Harmonium, Mandoline und andere Instrumente mit ein.
Er schrieb auch Filmmusik („Lady Chatterleys Liebhaber“, „Das dreckige Dutzend Teil 2“, „Luther“, „Eichmann“ u.a.). Er dirigierte das London Symphony Orchestra bei einigen Klassik-Rock-Alben und nahm mit dem Gitarristen John Williams das Afrika-orientierte Album „Magic Box“ auf.

Lust auf Live-Performance geweckt

Richard Harvey - Notenzitat Filmmusik Da Vinci Code
Zitat aus Harveys Filmmusik zu „The Da Vinci Code“ („Kyrie For The Magdalena„)

Seit 2005 tourt Richard Harvey mit Williams unter „John Williams & Richard Harvey’s World Tour“ weltweit, wobei ihr Programm eine Mischung aus klassischer Musik und Weltmusik aus allen fünf Kontinenten umfasst.
Harvey schrieb auch Konzerte, die von anderen Musikern aufgeführt wurden (John Williams mit klassischer Gitarre, Michaela Petrie für Blockflöte u.a.). Der Komponist bewegt sich als Komponist und Musiker souverän zwischen den Polen anspruchsvoller klassischer Musik, Weltmusik und populärer Musik.

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Fazit: „Evensong“ ist ein Album, das sich zu hören lohnt, das vor allem Lust macht, die Lieder einmal live zu geniessen. Und es motiviert dazu, sich auch mit den anderen Arbeiten des Komponisten zu beschäftigen. Ich kannte bis anhin nur die Zusammenarbeit mit John Williams („Magic Box“), werde aber in der nächsten Zeit auch in andere verfügbare Aufnahmen hineinhören. ♦

Richard Harvey: Evensong – New Choral Music, Chorwerke, Estonian Philharmonic Chamber Choir, Heli Jürgenson (Audio-CD – 50 min.)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über die CD von Martin Grubinger: Drums `N` Chant (Gregorianik und Percussion)

… sowie zum Thema Chormusik über die „Chorbibliothek“ für Männerchor („Quo vadis, Chorgesang?“)


English Translation

Music for the evening and for the night

by Horst-Dieter Radke (Glarean Magazin)

My first impression of the new CD by Richard Harvey: Evensong was: Sounds like Gregorianik somehow. But then again not: the leaps within the melody are too big. Polyphony and harmonies don’t fit to these old sounds either. So modern and new after all? Yes – But somehow the old comes through again and again. Some sounds like Madrigal and Motette, others like Pärt or Whitacree. In sum, however, it is not a copy, but an independent work that I liked to hear in a row.

The title can be interpreted in many ways: Evening singing (songs like Night Song, The Call, Lullay, Et in Arcadia, Evensong fit to it), or also evening prayer (Dona Nobis Pacem, Sanctus, Credo). The third piece – The Call – gets along without any old pathos. It sounds more like a pop song realized for choir. This is not meant negatively, especially since the soprano Amy Haworth, already known as a member of The Tallis Scholars, stands out impressively from the choir. She repeats this once again in the title track Evensong. Lullay almost sounds like an Old English song again, for example by Dowland or Purcell. Sanctus reminds in places of old madrigals, especially the last ones of Gesualdo.

The choir is unmistakably in the foreground. Instruments that are used – including string orchestras in Titles 3 and 4 – support and complement the choir without displacing it. In the last piece, the composer himself accompanies discreetly with pan flute and psaltererium.

The Estonian Philharmonic Choir under the direction of Heli Jürgenson is doing a good job. It was recorded in the St Nicholas Church Museum in Tallinn, exclusively at night. This atmosphere is noticeably reflected in the recording. Of course one can say that this is a subjective feeling, which is also true, but I listened to the CD repeatedly after the first listening in the episode, especially late in the evening and at night, because simply the tranquillity of this time seemed to me to fit this music best.

Richard Harvey is no stranger. The British composer and musician has had an unorthodox career. After his studies, he turned down an offer from the London Philharmonic Orchestra and preferred to play in a progressive rock group Gryphon, which profited greatly from folk and medieval influences. Harvey brought in Krummhorn, harmonium, mandolin and other instruments.
He also wrote film music („Lady Chatterley’s Lover“, „Das Dreckige Dutzend Part 2“, „Luther“, „Eichmann“ and others). He conducted the London Symphony Orchestra on several classical rock albums and recorded the Africa-oriented album „Magic Box“ with guitarist John Williams.

Since 2005 Richard Harvey has been touring the world with Williams under „John Williams & Richard Harvey’s World Tour“, where their program includes a mixture of classical music and world music from all five continents.
Harvey has also written concerts performed by other musicians (John Williams with classical guitar, Michaela Petrie for recorder and others). As a composer and musician, the composer moves confidently between the poles of sophisticated classical music, world music and popular music.

Conclusion: „Evensong“ is an album which is worth listening to and which above all makes you want to enjoy the songs live. And it also motivates you to take a closer look at the composer’s other works. Until now I only knew the collaboration with John Williams („Magic Box“), but in the near future I will also listen to other available recordings. ♦

Jacques Stotzem: Places we have been (Audio-CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Melodisch frei entfaltete Gitarre

von Horst-Dieter Radke

Er muss nichts mehr beweisen, denn in seiner nunmehr fast vierzigjährigen Karriere hat der belgische Gitarrist Jacques Stotzem ausreichend gezeigt, dass er nicht nur ein versierter Steelstring-Gitarrist ist, sondern auch ein ganz passabler Komponist und Arrangeur. Stotzem gehört nicht zu denen, die Pattern aneinanderreihen, sondern baut seine Kompositionen logisch und harmonisch auf. Melodien werden nicht in ein Akkordgerüst geklemmt, sondern entfalten sich frei und nicht selten von kontrapunktischen Basslinien untermalt. Seine harmonischen Strukturen sind dem Jazz näher als einfachen Folk- und Blues-Songs. Nun legt er mit „Places we have been“ ein weiteres Zeugnis seiner Schaffenskraft auf.

Jacques Stotzem - Places we have been - Musik-CD Gitarre - Acoustic Music Records - Glarean MagazinNeben seinen eigenen Kompositionen arrangiert Stotzem Songs aus Rock und Pop für die Akustikgitarre, von Jimi Hendrix und Rory Gallagher beispielsweise. Letzterem hat er sogar eine eigene CD gewidmet: To Rory (2015).

Ruhige musikalische Reise

Die aktuelle CD „Places we have been“ – die 18. in seinem Oeuvre – enthält neun grösstenteils ruhige Kompositionen, die schon beim ersten Hören für sich einnehmen. Doch erst beim wiederholten Auflegen entfalten sie ihre ganze Schönheit. Stotzem will mit diesem Album an die Stationen seiner musikalischen Reisen erinnern, denn er ist Gast auf den Konzertbühnen der ganzen Welt. Wo die einzelnen Stationen liegen, erfährt der Hörer nicht, denn die Titel sind recht allgemein gehalten und Reminiszenzen an bestimmte Regionen sind kaum zu erkennen.

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Er spielt von Plätzen, an denen „wir“ waren (Places we have been), beschreibt musikalisch erlebte Momente, die ewig andauern könnten (It could last forever), erzählt von Aufbruch (Morgen geht’s weiter) und Ankommen im Nirgendwo (Middle of nowhere), von ruhigen Momenten (La tranquillté des jours simples) und nostalgischen Erinnerungen an einen Abend (Nostalgie d’un soir). Das ist so unbestimmt benannt, dass sich der Hörer nicht von fremden Erinnerungen gefangen nehmen lassen muss, sondern eigene daran knüpfen kann. Stotzems musikalische Reise wird so auch zu einer eigenen, selbst erlebten.

Nahtlos-kunstvolle Übergänge

Jacques Stotzem - Gitarrist - Places we have been - Glarean Magazin
Jacques Stotzem (*1959)

Die Werbung spricht von der „Leichtigkeit der Melodielinien“. Für mich hört sich das immer an wie die Werbung für Schokolade, die „so leicht schmeckt“. Worte, die tatsächlich keinen Sinn ergeben und nur einen subjektiven Eindruck beim Leser oder Hörer erzeugen sollen. Was aber klar wird beim Hören, dass es eben tatsächlich Melodien sind, die Stotzem als Grundlage seiner Kompositionen nimmt und auch deutlich ausarbeitet, keine leeren Harmonien, keine Akkordcluster oder einfach nur kurze Riffs. Man kann mitsummen, wenn man will. Man könnte mitsingen, wenn man sich einen Text dazu einfallen lässt. Die Melodien sind nicht einfach gebaut, aber durchaus eingängig. Man hört diese Melodien auch dann noch, wenn der Gitarrist das Zupfen/Picking verlässt und perkussive Schlagtechniken anwendet. Er beherrscht dies so kunstvoll, dass es fast nicht bemerkt wird, wenn er von der einen zur anderen Technik wechselt. Das geht so nahtlos ineinander über, dass die Übergänge als solche nicht auffallen.

Anfangstakte des Titelstücks der CD "Places we have been" des Gitarristen und Komponisten Jacques Stotzem
Anfangstakte des Titelstücks der CD „Places we have been“ des Gitarristen, Arrangeurs und Komponisten Jacques Stotzem

Fazit: „Places we have been“ von Jacques Stotzem ist nicht nur den Afficionados der Steelstring-Gitarre zu empfehlen, sondern allen, die gern ruhige, anspruchsvolle Musik hören. Man hört sie sich nicht so schnell leid – wenn überhaupt -, und findet immer wieder etwas in diesen kleinen „Miniaturen“ zu entdecken. Dieser ruhige Musiker gibt etwas von seiner Unaufgeregtheit auch an seine Hörer weiter – selbst dann, wenn die Momente der Spannung und Entspannung häufig wechseln. Kaufempfehlung. ♦

Jacques Stotzem, Gitarre: Places we have been (Audio-CD), Acoustic Music Records

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Gitarren-Musik auch über Jakob Bangso: Connect – Electronic Works for Guitar (Audio-CD)

… sowie über das neue Harmonik-Kompedium des Gitarristen Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony


English translation

Melodically free unfolded guitar

by Horst-Dieter Radke

He doesn’t have to prove anything anymore, because in his almost forty-year career the Belgian guitarist Jacques Stotzem has sufficiently shown that he is not only an experienced steelstring guitarist, but also a quite passable composer and arranger. Stotzem does not belong to those who string patterns together, but builds his compositions logically and harmoniously. Melodies are not clamped into a chord structure, but unfold freely and often accompanied by contrapuntal bass lines. His harmonic structures are closer to jazz than simple folk and blues songs.

Besides his own compositions Stotzem arranges songs from rock and pop for the acoustic guitar, by Jimi Hendrix and Rory Gallagher for example. He even dedicated a CD to the latter: To Rory (2015).

Quiet musical journey

The current CD „Places we have been“ – the 18th in his oeuvre – contains nine mostly quiet compositions, which already capture the listener’s attention on first hearing. But only when they are repeated do they unfold their full beauty. With this album Stotzem wants to recall the stages of his musical journeys, because he is a guest on concert stages all over the world. The listener doesn’t know where the individual stations are, because the titles are quite general and reminiscences of certain regions are hardly recognizable.

He plays from places where „we“ were (Places we have been), describes musically experienced moments that could last forever (It could last forever), tells of departure (Morgen geht’s weiter) and arrival in nowhere (Middle of nowhere), of quiet moments (La tranquillté des jours simples) and nostalgic memories of an evening (Nostalgie d’un soir). This is so vaguely named that the listener does not have to let himself be captivated by foreign memories, but can tie his own to them. Stotzem’s musical journey thus also becomes his own, self-experienced one.

Seamless, artistic transitions

The advertising speaks of the „lightness of the melody lines“. For me, it always sounds like advertising chocolate that „tastes so light“. Words that really don’t make sense and are only meant to make a subjective impression on the reader or listener. But what becomes clear when listening to them is that they are actually melodies that Stotzem takes as the basis of his compositions and also clearly elaborates, no empty harmonies, no chord clusters or just short riffs. You can hum along if you want. You could sing along if you come up with a text. The melodies are not simple, but catchy. You can still hear these melodies even when the guitarist leaves plucking/picking and uses percussive percussion techniques. He masters this so artfully that it is almost unnoticed when he changes from one technique to the other. This merges so seamlessly that the transitions as such are not noticeable.

Conclusion: „Places we have been“ by Jacques Stotzem is not only to be recommended to the Afficionados of the Steelstring guitar, but also to everyone who likes to listen to quiet, sophisticated music. You don’t get tired of them so quickly – if at all – and you always find something to discover in these little „miniatures“. This quiet musician also passes on some of his unexcitement to his listeners – even when the moments of tension and relaxation change frequently. Buy recommendation. ♦

Jacques Stotzem, Guitar: Places we have been (Audio-CD), Acoustic Music Records

Giya Kancheli: Letters to Friends (Musik-CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Filmmusik für Freunde

von Horst-Dieter Radke

Filmmusik hat sich längst von der ausschliesslichen Funktion, die Handlung eines Films angemessen zu untermalen, befreit. Sie ist schon bei Hitchcock manchmal Teil der Handlung, zum Beispiel in „The Man Who Knew Too Much“, das er zweimal verfilmte (1934 & 1956). Seit den 1960er Jahren wurde manche Filmmusik auch abseits der Kinosäle zu einem Verkaufsschlager, etwa die Musik zu den Karl May Filmen von Martin Böttcher. Und seit der Jahrtausendwende gehen ganze Orchester mit Filmmusik auf Tournee, mal um einen Film live zu begleiten, meist aber im Konzertsaal ohne flimmernde Bilder an der Leinwand, etwa mit der Musik zur „Herr-der-Ringe“-Trilogie.

Giya Kancheli - Letters to Friends - CD-Cover - Glarean MagazinDoch bereits seit den frühen 1930er Jahren, fast also vom Beginn des Tonfilms an, konnten für die Aufgabe der musikalischen Untermalung eines Films bedeutende Komponisten gewonnen werden, etwa Erich Wolfgang Korngold, Michael Nyman, Philipp Glass, um nur wenige Namen einmal willkürlich herauszugreifen. Andere Komponisten wurden überhaupt durch ihre Filmmusik so bekannt wie die Filmschaffenden selbst: Ennio Morricone, John Williams und Hans Zimmer, um drei Ikonen zu nennen. Wie angekommen die Filmmusik im klassischen Konzertbetrieb ist, zeigt Stargeigerin Anne-Sophie Mutter, die neuerdings mit Musik des Komponisten John Williams auftritt und Musik aus Star Wars, Harry Potter und anderen Filmen spielt, dazu auch ein Album aufnahm.

Score from the podium: Only the stars!

Der georgische Komponist Giya Kancheli (geb. 1935 in Tiflis) - Glarean Magazin
Giya Kancheli

John Williams ist ebenfalls eine sichere Sache. Seinen Namen kennen auch Leute, die sonst ausserhalb des aktuellen Pop-Programms keine Namen kennen. Von Gija Kancheli haben aber auch viele Klassikhörer noch nichts gehört, zumindest diejenigen, die auf die üblichen Klassiker setzen. Bei einer persönlichen kleinen Umfrage konnte ich das feststellen, aber auch, dass er für einige schon so als eine Art „Geheimtipp“ gilt. Für mich ist er das, seit ich die CD „Letters To Friends“ kenne, auch.

From stage and film to the friends

Soeben erreichte uns die Nachricht, dass Giya Kancheli gestern (2. Oktober 2019) mit 84 Jahren in seiner Geburtsstadt Tiflis gestorben ist. 1935 geboren, besuchte er ab 1959 das Staatliche Konservatorium in Tiflis, wo er Komposition studierte. Als freischaffender Komponist schuf er Symphonien und andere Orchesterwerke, Kammermusik und vor allem Musik zu zahlreichen Filmen und Theaterwerken. Ab 1991 lebte er überwiegend in Westeuropa, unter anderem in Berlin und Antwerpen. (HD-R)

Die „Letters to Friends for Violin and String Orchestra“ ist nun nicht einfach die Musik, die den Filmen unterlegt war. Kancheli hat die Themen einiger Orchester- und Bühnenmusiken genommen und zunächst für Klavier, später für Klavier und Violine bearbeitet, oder besser gesagt: umgearbeitet. Als der italienische Geiger Andrea Cortesi ihn um ein Violinkonzert bat, nahm er sich das Material noch einmal vor. Uraufgeführt wurde es im Juli 2017 mit den Georgian Strings in Tiflis, mit denen auch die Einspielung dieser CD stattfand.

Giya Kancheli - She Is Here - Filmmusik aus Sherekilebi (1974) - Glarean Magazin
Notenbeispiel: Beginn von „She Is Here“ (Musik zum Film „Sherekilebi“, Georgien 1974) von Giya Kancheli

Die einzelnen kurzen Sätze – insgesamt 25, manche kaum eineinhalb Minuten, das längste viereinhalb Minuten –, sind jeweils einer bestimmten Person gewidmet, etwa das letzte „Letter to director Robert Sturua (1938)“, mit dem er am Rustaweli-Theater in den 1960er und 1970er Jahren zusammengearbeitet hatte. Die Musik stammt aus den Bühnenmusiken zu „Richard III“ von William Shakespeare. Von den Filmemachern und ihren Filmen – etwa Liana Eliava, Levan Chelidze und Zaira Arsenishvili – hat man hierzulande eher noch nichts gehört. Andere wie Lana Gogoberidze haben es aber auch schon auf die internationalen Filmfestspiele von Cannes gebracht (1984). Das ist beim Hören aber durchaus von Vorteil. Keine Bilder aus dem Film oder von der Bühne lenken unnötig von der Musik ab.

Tagträumend durch die Themen hören

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Die Vielfalt der Themen und Melodien machen das Hören der CD zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Bei dem einem Stück wähnt man sich in die Zeiten der 1940er Jahre zurück versetzt, anderes klingt überraschend modern – niemals aber atonal. Der Interpret Andrea Cortesi schreibt dazu im Booklet: „These pieces are daydreams. And not the renderings of fantasy an dunconscious, but states of limpid sensitivity and consiscouness. It is precisely when the breaths of our feelings and thoughts touch the profile of the sound that there are not many differences between what is physical and what ist beeyond it.“ Besser lässt sich das nicht formulieren.
Cortesi macht seine Sache bei dieser Musik gut. Er ist immer präsent und nicht zu überhören. Und doch ist er oft so verwoben mit dem Kammerorchester, dass er niemals wie ein Fremdkörper wirkt, sondern wie „einer der ihren“. Und obwohl das Orchester gut besetzt ist – sechs mal Violine 1, fünf mal Violine 2, fünf mal Viola, drei Celli und einen Kontrabass – klingt alles eher wie Kammermusik denn wie ein Orchester – sehr intim.

FAZIT: „Letters To Friends“ von Giya Kancheli sind 65 Minuten unterhaltende (Film-)Musik. Aber diese kleinen Miniaturen sind mehr als nur Unterhaltung, auch wenn das sich als erster Eindruck einstellt. Die vielen kurzen, teils filigranen Themen fordern zum intensiven Mithören heraus. Und alles interpretiert von hervorragenden Musikern – Kaufempfehlung!

Zusammengefasst: „Letters To Friends“ von Giya Kancheli sind 65 Minuten unterhaltende Musik. Aber diese kleinen Miniaturen sind mehr als nur Unterhaltung, auch wenn das sich als erster Eindruck einstellt. Die vielen kleinen, teils filigranen Themen fordern zum intensiven Mithören heraus, und wenn man dann entdeckt, das sich in einem solchen Stück nicht nur ein, sondern auch zwei Themen verstecken, erlebt man sogar so etwas wie ein Glücksgefühl. Dabei alles interpretiert von hervoragenden Musikern, Solist wie Orchester – etwas Besseres konnte dem Komponisten nicht passieren, was Kancheli selbst auch so sieht und persönlich im Vorwort des Booklets zum Ausdruck bringt. ♦

Giya Kancheli: Letters to Friends – For Violin and String Orchestra, Andrea Cortesi (Violine), Georgian Strings, Brillant Classics

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Dirk Maassen: Avalanche – Brücke zwischen den Welten

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… sowie von „Bright Is The Ring Of Words“ für Bariton & Klavier


English Translation

Film music for friends

by Horst-Dieter Radke

Film music has long since freed itself from its exclusive function of providing an appropriate background to the plot of a film. In Hitchcock’s film „The Man Who Knew Too Much“, for example, which he filmed twice (1934 & 1956), it is sometimes part of the plot. Since the 1960s some film music became a bestseller even outside the cinemas, for example the music for the Karl May films by Martin Böttcher. And since the turn of the millennium entire orchestras have been touring with film music, sometimes to accompany a film live, but mostly in concert halls without flickering pictures on the screen, for example with the music for the „Herr-der-Ringe“ trilogy.

But as early as the early 1930s, almost from the beginning of the sound film, important composers such as Erich Wolfgang Korngold, Michael Nyman and Philipp Glass have been won over to the task of providing a musical background for a film, to pick out just a few names at random. Other composers became as famous for their film music as the filmmakers themselves: Ennio Morricone, John Williams and Hans Zimmer, to name three icons. Star violinist Anne-Sophie Mutter, who recently appeared with music by composer John Williams and plays music from Star Wars, Harry Potter and other films, also recorded an album to show how well film music has arrived in the classical concert business.

Score from the podium: Only the stars!

Picture: Giya Kancheli

John Williams is also a sure thing. Even people who don’t know any names outside the current pop program know his name. But many classic listeners haven’t heard of Gija Kancheli, at least those who rely on the usual classics. In a small personal survey I was able to find out that, but also that he is a kind of „insider tip“ for some. For me it is the same since I’ve known the CD „Letters To Friends“.

From stage and film to the friends

Box: We have just received the news that Giya Kancheli died yesterday (October 2, 2019) at the age of 84 in his native Tbilisi. Born in 1935, he attended the State Conservatory in Tbilisi from 1959, where he studied composition. As a freelance composer he created symphonies and other orchestral works, chamber music and above all music for numerous films and theatre works. From 1991 he lived mainly in Western Europe, including Berlin and Antwerp. (HD-R)

The „Letters to Friends for Violin and String Orchestra“ is not just the music that was underlaid by the films. Kancheli took the themes of some orchestral and stage music and first arranged them for piano, later for piano and violin, or rather: reworked them. When the Italian violinist Andrea Cortesi asked him for a violin concerto, he took up the material again. It was premiered in July 2017 with the Georgian Strings in Tbilisi, with which the recording of this CD also took place.

Picture: Beginning of „She Is Here“ (music for the film „Sherekilebi“, Georgia 1974) by Giya Kancheli

The individual short movements – a total of 25, some barely one and a half minutes, the longest four and a half minutes – are each dedicated to a specific person, such as the last „Letter to director Robert Sturua (1938)“, with whom he worked at the Rustaweli Theater in the 1960s and 1970s. The music comes from the stage music for „Richard III“ by William Shakespeare. The filmmakers and their films – such as Liana Eliava, Levan Chelidze and Zaira Arsenishvili – have not yet been heard of in Germany. But others like Lana Gogoberidze have already made it to the Cannes International Film Festival (1984). But that’s an advantage when it comes to listening. No pictures from the film or from the stage unnecessarily distract from the music.

Daydreaming listening through the themes

The variety of themes and melodies make listening to the CD an entertaining experience. One piece seems to take you back in time to the 1940s, the other sounds surprisingly modern – but never atonal. The interpreter Andrea Cortesi writes in the booklet: „These pieces are daydreams. And not the renderings of fantasy an dunconscious, but states of limpid sensitivity and consiscouness. It is precisely when the breaths of our feelings and thoughts touch the profile of the sound that there are not many differences between what is physical and what ist beeyond it.“ There is no better way to formulate this.
Cortesi’s doing well with this music. He is always present and not to be overheard. And yet he is often so interwoven with the chamber orchestra that he never seems like a foreign body, but like „one of theirs“. And although the orchestra is well staffed – six times violin 1, five times violin 2, five times viola, three cellos and a double bass – everything sounds more like chamber music than like an orchestra – very intimate.

Box: CONCLUSION: „Letters To Friends“ by Giya Kancheli are 65 minutes of entertaining (film) music. But these little miniatures are more than just entertainment, even if it turns out to be a first impression. The many short, partly filigree themes challenge you to listen to them intensively. And all interpreted by outstanding musicians – buy recommendation!

In summary: „Letters To Friends“ by Giya Kancheli are 65 minutes of entertaining music. But these little miniatures are more than just entertainment, even if it turns out to be a first impression. The many small, sometimes filigree themes challenge you to listen to them intensively, and when you discover that not only one but also two themes are hidden in such a piece, you even experience something like a feeling of happiness. Everything interpreted by outstanding musicians, soloists and orchestras – something better could not happen to the composer, which Kancheli himself sees and personally expresses in the preface of the booklet. ♦ (All links above)

Giuseppe Tartini: 4-parts Sonatas and Sinfonias (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Meisterhaft transparente Vorklassik

von Horst-Dieter Radke

Giuseppe Tartini (1692-1770), ein italienischer Komponist und Violinist, der noch ein junger Mann war, als Corelli starb, und der Vivaldi immerhin noch um dreissig Jahre überlebte, ist vor allem wegen seiner sog. Teufelstriller-Sonate – hier eine Video-Aufnahme mit Anne-Sophie Mutter – in Erinnerung. Doch weniger dieser Sonate als der Geschichte wegen, die sich darum rankt. Denn er selbst soll erzählt haben, dass ihm der Teufel im Traum erschienen und ihm wunderbar auf der Violine vorgespielt habe, so dass er nach dem Erwachen – unfähig dies zu reproduzieren – zumindest mit jener Sonate eine Ahnung von dieser teuflisch schönen Musik zustande gebracht haben will.
Die „Teufelstriller“ wird heute noch von vielen Künstlern gespielt, leider aber oft ausschliesslich – und damit die Vielzahl an Kompositionen des Meisters, der damals einen grossen Einfluss auf die europäische Musik hatte (etwa bei dem Dresdner Kapellmeister Naumann oder des preussischen Königs Friedrichs Haus- und Hofkomponisten Johann Gottlieb Graun) in den Hintergrund rücken. Allein deshalb ist jede andere Einspielung Tartinischer Musik grundsätzlich zu begrüssen.

Streichquartett oder reduziertes Orchester?

Tartini - 4-parts Sonatas and Sinfonias - Musik-Rezensionen Glarean MagazinNun aber ausgerechnet vierstimmige Streichersonaten und Sinfonias aus dem Spätbarock? Tatsächlich auch mit der üblichen Quartettbesetzung – zwei Violinen, Viola und Cello interpretiert? Womöglich Streichquartette aus einer Zeit, in der es diese doch noch gar nicht gegeben haben kann? Hat denn nicht erst Josef Haydn die Vorlage für diese „Form“ entwickelt, die dankbar von Mozart aufgegriffen, von Beethoven, Schubert und anderen aus- und weiterentwickelt wurde? So ganz übergangslos ist das natürlich nicht passiert, denn in kleinen Besetzungen hat man auch schon früher musiziert. Die barocke Triosonate ist ein gutes Beispiel dafür, doch unterscheidet sich diese noch durch den Generalbass deutlich von der späteren Quartettbesetzung, in der jedes Instrument eine gleichberechtigte Stimme hat. Der sehr informative Text im Booklet zur CD gibt dazu ausführlich Antwort auf diese Fragen und beschreibt, wie diese Kompositionen Tartinis aus der Musizierpraxis des Meisters und seiner Schüler entstanden sein könnten.

Vision einer Ausführung vor 250 Jahren

Tartini - Teufelstriller-Sonate - Zeitgenössische Illustration - Glarean Magazin
Louis-Léopold Boilly: Der Teufel gibt Tartini im Traum die „Triller-Sonate“ ein (Radierung 1824)

Das Ensemble Il Demetrio wird der noch unentschlossenen Ausführung der vierstimmigen Stücke dadurch gerecht, dass sie diese teilweise nur mit Streichern und bei einigen Sonaten(sätzen) mit zusätzlichem Basso continuo – auf einem Cembalo ausgeführt – eingespielt hat. Und sie spielen die Kompositionen der Zeit, der sie entstammt, angemessen und nicht so, wie man es bei manchen Interpreten der Teufelstrillersonate hört, als wäre ein klassischer Komponist der Urheber gewesen.

FAZIT: Bei der neuen CD von Il Demetrio mit 4-parts Sonatas and Sinfonias von Giuseppe Tartini handelt es sich um eine beachtenswerte Einspielung von Musik des Spätbarocks und der Vorklassik jenseits der gängigen Muster – und vor allem mit einem Repertoire, das man nicht schon zur Genüge von -zig anderen Einspielungen kenn. Zudem ausgeführt von Musikern, denen man nicht nur die Freude am Musizieren anhört, sondern auch die Kompetenz, mit der sie diese Kompositionen meistern.

Der erste Eindruck, dass es sich um barocke Concertos mit reduziertem Personal handelt, verfliegt schon nach wenigen Takten. Man hat den Eindruck, dass man eine Sinfonia noch nie so transparent gehört hat wie in dieser Einspielung. Und fast wie von selbst entsteht beim Hören das Bild, wie der Meister einigen Schülern seine Noten aufs Pult legt und sie auffordert, zu spielen; wie er herumgeht, zufrieden nickend, über die Leistungen seiner Adepten, sich dann und wann ans Cembalo setzt um die Musik zu unterstützen, und dann doch wieder die vier Musiker allein spielen lässt. Viel zu schnell ist die Stunde um, die diese CD vorhält.

Kurzum: Es handelt sich um eine beachtenswerte Einspielung von Musik des Spätbarocks und der Vorklassik jenseits der gängigen Muster – und vor allem mit einem Repertoire, das man nicht schon zur Genüge von -zig anderen Einspielungen kennt, und ausgeführt von Musikern, denen man nicht nur die Freude am Musizieren anhört, sondern auch die Kompetenz, mit der sie diese Kompositionen ausführen. ♦

Guiseppe Tartini: 4-parts Sonatas and Sinfonias – Il Demetrio & Mauricio Schiavo, Label Brilliant Classics – Audio-CD 54min.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Vorklassische Musik auch über das
Sojka-Streichquartett: Ersteinspielungen böhmisch-mährischer Quartette

… sowie zum Thema Barockmusik über
Bernhard Moosbauer: Vivaldi – Die vier Jahreszeiten

Bright Is The Ring Of Words (Bariton & Klavier – CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Von Ralph Vaughan Williams bis Gerald Finzi

von Horst-Dieter Radke

Beim ersten unvoreingenommenen Hören von „Bright is the Ring of Words“ mit Liedern für Bariton & Klavier klingt der Gesang von Chris Booth-Jones erfrischend „jung“. Um so überraschender ist es dann festzustellen, dass Booth-Jones eine bereits fast fünfzigjährige Karriere hinter sich hat. Nun, wie ein gerade von der Akademie entlassener Jüngling klingt er zwar nicht, aber ein so hohes Alter entnimmt man seiner Interpretation nicht gleich.

Bright Is the Ring of Words - CD-Cover - Musik-Rezensionen - Glarean MagazinDer zweite Eindruck des unbefangenen Hörens ist die Homogenität von Gesang und Klavierstimme. Begleitung mag ich in diesem Fall gar nicht schreiben, denn in fast sämtlichen Liedern aller vier auf der CD vertretenen Komponisten erreicht die Klavierstimme einen hohen Grad an Eigenständigkeit. Man könnte sie sich mit Genuss auch ohne die Gesangsstimme anhören. Igor Kennaway, der den Part am Klavier übernommen hat, spielt angemessen unaufdringlich, sensibel, ohne sich jedoch zurückzunehmen.
Aufgenommen wurden von Booth-Jones und Kennaway vier Liederzyklen englischer Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die meisten aus der Zeit vor oder kurz nach dem 1. Weltkrieg. Wer aus diesen Informationen avantgardistische Klänge folgert, wird enttäuscht – vielleicht aber auch positiv überrascht.

Lieder eines Wanderers

Robert Louis Stevenson (1850-1894) ist als Autor der „Schatzinsel“ und Erzählungen wie „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ kein Unbekannter. Sein lyrisches Schaffen liegt jedoch meinen Recherchen zufolge noch in keiner Übersetzung vor. Die Lieder auf der CD sind dank der hervorragenden Artikulation des Sängers gut zu verfolgen. Wer darüber hinaus den Anspruch hat, mitlesen zu wollen, kann die Texte hier aufspüren.

Die ersten neun Lieder auf dieser CD komponierte Ralph Vaughan Williams (1872-1958), der dabei Texte von Robert Louis Stevenson benutzte, die dieser unter dem Titel „Songs of Travel“ veröffentlicht hatte. Darunter ist auch das Gedicht, dessen Titel der CD den Namen gab. Ein einsamer Reisender beschreibt in diesen Liedern seine Naturerlebnisse, und im Hintergrund vermutet man, sicher nicht zu Unrecht, eine verlorene Liebe.
Die Lieder klingen nicht fröhlich, keineswegs jedoch sentimental, sondern eher erhaben. Ein gut gewählter Anfang für diese Zusammenstellung.

Songs aus kurzen Leben

Tragischer kommen die sechs Lieder („A Shropshire Lad“) von George Butterworth (1885-1916) daher. Die Texte stammen von A. E. Housman (1859-1936) und beschreiben eine verlorene Jugend in den ländlichen Gebieten Mittelenglands (Shropshire). Angesichts des frühen Todes des Komponisten – er starb bei der Schlacht an der Somme – ist diese Auswahl fast schon prophetisch zu nennen. Die Stücke dämpfen den positiven Eindruck, den die Stevenson-Lieder zuvor aufgebaut haben, fast ein wenig herab. Aber sie sind zu gut, um die Stimmung wirklich zu gefährden.

Dichter mit volksliedhaftem Unterton: A. E. Housman
Dichter mit volksliedhaftem Unterton: A. E. Housman

Ebenfalls bei Houseman bediente sich Ernest John Moeran (1894-1950), allerdings erst nach dem ersten Weltkrieg. Auch seine vier Lieder aus dem Zyklus „Ludlow Town“ entstammen der Sammlung „A Shropshire Lad“.
Während man bei Butterworth eine „Vorausahnung“ annehmen könnte, spricht hier aus der musikalischen Sprache möglicherweise das eigene Erleben im Krieg. Das vierte – „The lads in their hundreds“ – klingt fast wie ein Volkslied. Bei diesem hat mich anfangs die Klavierbegleitung sogar irritiert, weil sie diesen volksliedhaften Charakter vermeintlich zerstört. Beim wiederholten Hören ging mir dann auf, dass dies gerade in der Absicht des Komponisten gelegen haben mag – und inzwischen ist es, genau in dieser Kombination, eines meiner Lieblingslieder auf dieser CD.

Rückgriff auf den grossen Meister

Gerald Finzi (1901-1956), der letzte Komponist dieser CD, war ein Schüler des ersten (Williams). Seinen fünf Liedern liegen Texte von Shakespeare zu Grunde. Dabei versucht Finzi auf keine Weise, in seiner Musik an Shakespears Zeitalter anzuknüpfen. Vielleicht erinnert das erste – „Come away, come away, death“ – mit seiner Traurigkeit ein wenig an Dowland. Die Melodie ist aber ganz zeitgemäss und könnte durchaus auch ein halbes Jahrhundert später von Philipp Glass komponiert worden sein:

Gerald Finzi - Anfangstakte von Come away come away death - Glarean Magazin
Die Anfangstakte von „Come away, come away, death“ von Gerald Finzi

Bevor man depressive Anwandlungen bekommt, holt das nächste Lied „Who is Sylvia?“ wieder auf den Boden zurück. Es ist nicht gerade fröhlich, aber klingt in Melodik und Tonsprache „zupackend“.
Das nächste – „Fear No More the Heat o’ the Sun“ – ist berührend und beinahe ein wenig sentimental, was schliesslich der letzte Titel – „O Mistress Mine“ – dann wieder zurücknimmt.

Fazit: Die interessante CD „Bright is the Ring of Words“ vereint vier Liederzyklen von englischen Komponisten, die bis auf R. Vaughan Williams eher unbekannt sind. Interpretiert werden die Lieder von zwei Künstlern, die ihre Sache professionell angingen und die richtige Balance von Stimme und Instrument fanden. Auch die Auswahl und die Zusammenstellung der Songs ist gut und passend. So ist ein Album entstanden, das man nicht nur einmal, sondern immer wieder gerne auflegt und anhört.

Diese interessante CD vereint vier Liederzyklen von englischen Komponisten, die bis auf R. Vaughan Williams eher unbekannt sind. Interpretiert werden die Lieder von zwei Künstlern, die ihre Sache professionell angingen und die richtige Balance von Stimme und Instrument fanden. Auch die Auswahl und die Zusammenstellung der Songs ist gut und passend. So ist ein Album entstanden, das man nicht nur einmal, sondern immer wieder gerne auflegt und anhört. ♦

Bright Is The Ring Of Words – Englische Lieder von Vaughan, Butterworth, Moeran, Finzi; Chris Booth-Jones (Bariton) & Igor Kennaway (Klavier), Magpie Records (Naxos)

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Rikard Nordraak: Songs and Piano Music

…sowie über
Zoryana & Olena Kushpler: Slawische Seelen


Capella Antiqua Bambergensis: Heinrich (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Kaiser, König, Spielmannsleut

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das Jahr 919 ist für die Geschichte jenes europäischen Landstriches, den wir heute (unter anderem) Deutschland nennen, in der Tat ein wichtiges. Der Liudolfingerfürst Heinrich, bekannt als der Vogler (wobei dieses Agnomen wohl weniger das ornithologische denn vielmehr das Interesse des Sachsenfürsten am anderen Geschlecht näher beschreibt), wird in der Königspfalz zu Fritzlar zum ersten deutschen König erhoben und begründet damit jenes Herrschergeschlecht, das nach der Krönung seines Sohnes Otto I. zum Kaiser als „Ottonen“ bekannt ist. Grund genug für die renommierte Capella Antiqua Bambergensis, gemeinsam mit Schauspieler Udo Schenk eine CD mit dem Titel „Heinrich: König und Kaiser – Herrscher und Heiliger“ herauszubringen. Mit einer Mischung aus Musik des Mittelalters und einem literarischen Anteil soll Heinrich – so legt es zumindest der Titel nahe – in seiner Welt sichtbar gemacht werden.

Mehr als Heinrich

Heinrich - König und Herrscher - Audio-CD-Capella Antiqua Bambergensis - Rezension Glarean MagazinTatsächlich handelt es sich bei dieser CD aber nicht um eine musikalisch-literarische Biographie Heinrichs, sondern um einen Parforceritt durch die Ära Ottonen. Der 919 gekrönte Heinrich spielt hier letztlich gar keine so entscheidende Rolle. Aber das macht in der Gesamtschau auch nichts, ist dies doch nicht das einzige Element, das bei dieser Produktion nicht so recht stimmig ist. Da wäre zum einen der literarische Anteil der Produktion. Weil sich im Jahre 2019 nicht nur Heinrichs Thronjubiläum jährt, sondern auch der 1000. Todestag des Merseburger Bischofs Thietmar, schlüpft Mime Schenk in die Rolle jenes Bischofs, der vor allem dadurch bekannt ist, dass er mit seiner acht Bände zählenden „Chronicon sive Gesta Saxonum“ (Chronik oder Geschichte der Sachsen) aus den Jahren 1012-1015 eine der wichtigsten Quellen zum ottonischen Zeitalter hinterlassen hat. Ob die Erzählerfiktion aber wirklich nötig gewesen wäre? Bisweilen – besonders zu Beginn der CD – irritiert sie eher, wenn Thietmar von „seiner“ Capella Antiqua spricht, in der Rückschau (quasi von einer Wolke aus) architektonische Vorteile der zu Lebzeiten von ihm nicht mehr erfahrenen Gotik reflektiert oder ganz im anglizismenreichen Duktus der Gegenwart in Punkto des Liebeslebens der Kaiserpaare raunend von seinen „Insiderquellen“ spricht. Mit der Zeit gewöhnt sich der Hörer jedoch daran. Leider – und das führt dazu, das die CD sich gegen Ende hin länger anfühlt, als sie mit einer Spielzeit von knapp 75 Minuten ist – neigt Udo Schenks Rezitation nicht selten zu einem zu andachtsvoll-huldigenden Ton, der den Hörer nach einiger Zeit nach etwas facettenreicherer Modulation, nach kerniger Akzentuierung, nach einem saftigeren Sprachfluss lechzen lässt.

Ottonische Frauen

Heinrich und Kunigunde - Tafelbild 17. Jahrhundert - Heiligenbild - Glarean Magazin
Heinrich II. und seine Kunigunde (Heiligen-Tafelbild aus dem 17. Jahrhundert)

Sieht man von dergleichen ab und konzentriert sich stattdessen auf den Inhalt des Vorgetragenen, so ist doch zu konstatieren, dass der Hörer dieser Produktion tatsächlich einen knappen, gleichwohl aber interessanten Einstieg in die Welt der Ottonen mitnehmen kann. Sicher, ob der vom Medium vorgegebenen Notwendigkeit zur Verkürzung der hochkomplexen Sachverhalte, erfährt im Grunde kaum etwas über die politischen Geschehnisse der Epoche. Und doch gibt es einen Umstand, der den Hörer dazu verführt, sich mit den Ottonen zu beschäftigen, einen Umstand, der in der deutschen und mittelalterlichen Geschichte überhaupt als geradezu einzigartig heraussticht: das eigentlich Interessante an den zwei Heinrichs und den drei Ottos sind ihre Frauen. Mit einer geradezu erfreulichen Beharrlichkeit kommt das von Thomas Spindler verfasste Skript immer wieder auf die beiden Mathilden, auf Adelheid, auf Theophanu und auf Kunigunde von Luxemburg zu sprechen und deutet nachdrücklich an, welchen ungeheuren Einfluss die Königinnen bzw. Kaiserinnen auf ihre Männer und damit auf die Geschicke des Reiches hatten. Exemplarisch hierfür steht gegen Ende der Produktion Thomas Spindlers Bewertung der Kaiserin Kunigunde, die mit ihrem Gemahl Heinrich II. kinderlos blieb und somit gemeinsam mit ihm die Dynastie der Ottonen beschloss: „Ohne Kunigunde wäre Heinrich II. nicht das geworden, wofür wir ihn heute bewundern.“

Schmückendes Beiwerk auf höchstem Niveau

Capella Antiqua Bambergensis (neu) - Glarean Magazin
Capella Antiqua Bambergensis

Die auf dieser CD versammelte Musik wird von der Capella Antiqua Bambergensis gestaltet. Hinzu treten singend und die verschiedensten Instrumente spielend Jule Bauer, David Mayoral, Murat Coşkun und Benjamin Dressler. Alle Musikerinnen und Musiker sind seit vielen Jahren Meister ihres jeweiligen Faches, nicht nur künstlerisch und technisch, sondern auch musikphilologisch. Insofern ist es nicht wirklich verwunderlich, dass man es hier mit musikalisch hochklassigen Nachempfindungen zu tun hat, die nur selten – beispielsweise im am Hof Alfons X. von Kastilien entstandenen „Cantigas ‚Par Deus‘“ – Gefahr laufen, aufgrund eines überdrehten Gestus in jenen Bereich abzurutschen, dem ein wenig ein Geschmäckle von Mittelalterpop anhaftet.

FAZIT: Nicht alle Ingredienzen des neuen CD-Projektes von Capella Antiqua Bambergensis werden dessen Motiv „Heinrich II.“ wirklich stimmig gerecht. Die Auswahl der Musik-Stücke hätte man sich stilistisch zeitnaher an der Ottonen-Ära orientiert vorstellen können, und der Rezitationsstil von Sprecher Udo Schenk – der Schauspieler schlüpft in die Rolle des Merseburger Bischofs Thietmar – neigt zuweilen zu einem nicht immer angebrachten andachts- und salbungsvollen Ton. Insgesamt aber eine interessante Produktion, die einen abwechslungsreichen Parforce-Ritt durch die ganze so historisch wichtige Ära der Ottonen darstellt. Erhellende Booklet-Texte runden die CD informativ ab.

Auf der anderen Seite: Wer will – zugegeben – auch sagen, wie von 1000 Jahren tatsächlich aufgespielt wurde? Das mag schon irgendwie so geklungen haben. Schön gelingen das Instrumentalstück „Parlamento“, das omnipräsente „Palästinalied“ Walthers, das „Je nuns hons pris“ aus der Feder von Richard Löwenherz und das „A Chantar“ der Trobairitz Beatriz de Dia. Schaut man sich nun aber Liste der genannten Stücke und darüber hinaus noch die restlichen dieser CD an, so offenbart sich unmittelbar die Schwäche dieser Auswahl, denn keine der vorgestellten Kompositionen stammt aus der Zeit der Ottonen. Der Fachfrau und dem Fachmann mag dies ganz natürlich erscheinen, gibt es – nimmt man den gregorianischen Choral einmal aus – doch kaum Quellen zur Musik des früheren Mittelalters, schon gar nicht zu Volkslied, Tanz und Spielmannsmusik.

Erhellende Booklet-Texte

Dem Laien, der mittels dieser CD die Welt des musikalischen Mittelalters betritt, dürfte dies allerdings nicht zwingend bekannt sein, sodass sich hier schnell voreilige Vorstellungen von dem, was dereinst bei Mummenschanz und Kurtzweyl von fahrendem Volk und Marketenderin über den Marktplatz schallte, einschleichen können. Letztlich – und das muss man bei aller Freude, die die Darbietungen letztlich machen, geradeheraus sagen – steuern die vorgestellten Werke nichts zum eigentlichen Gehalt der Produktion bei, sondern übernehmen die etwas schale Rolle des schmückenden Beiwerks.
Insgesamt erfreulich ist das Booklet, das einen knackigen Text zur Epoche der Ottonen und einen zur Geburt der Mehrstimmigkeit von Wolfgang Spindler, der 1983 die Capella Antiqua Bambergensis gegründet hat. Dass jedoch die Texte zu den einzelnen Musikstücken nicht den Weg ins Booklet gefunden haben, ist bedauerlich. ♦

Capella Antiqua Bambergensis: Heinrich -König und Kaiser, Herrscher und Heiliger; Faszinierende Herrschergeschichten des Mittelalters; Udo Schenk (Sprecher), Audio-CD, CAB Records

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