Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet

Bemerkenswerte Musik- und Schach-Novitäten

von Wal­ter Ei­gen­mann

Nikola Komatina: Inspiration – Accordion (CD)

Beim Laien, zu­mal beim Lieb­ha­ber so­ge­nann­ter „Volks­mu­sik“ haf­tet dem Ak­kor­deon noch im­mer der Nim­bus des Humm­tata-Hand­or­gelns oder des schmalz-kit­schi­gen Shanty-Schif­fer­kla­viers an. Als kon­zer­tant-vir­tuo­ses Solo-In­stru­ment wird es in der brei­ten Öf­fent­lich­keit noch im­mer zu we­nig wahr­ge­nom­men – al­len­falls noch in sei­ner Funk­tion als Be­stand­teil von mehr oder we­ni­ger am­bi­tiö­sen „Harmonika“-Orchestern.

Akkordeon-Musik vom Barock bis zur Moderne

Nikola Komatina (Akkordeon): Inspiration - Werke von Scarlatti, Bach, Moszkowski, Aho und Zabel (GWK-Records)
Ni­kola Ko­ma­tina (Ak­kor­deon): In­spi­ra­tion – Werke von Scar­latti, Bach, Mosz­kow­ski, Aho und Za­bel (GWK-Re­cords)

Wel­che fa­cet­ten­rei­chen Spiel­tech­ni­ken dem Hand­zug-In­stru­ment Ak­kor­deon je­doch in­ne­woh­nen, wel­che viel­fäl­ti­gen Klang­spek­tren es zu rea­li­sie­ren ver­mag, das be­wei­sen sol­che Aus­nahme-Vir­tuo­sen wie der ser­bi­sche Ak­kor­deo­nist Ni­kola Ko­ma­tina. Bei dem La­bel GWK-Re­cords hat der 29-jäh­rige, be­reits in jun­gen Jah­ren mit vie­len Prei­sen aus­ge­zeich­nete Vir­tuose nun sein CD-De­büt er­hal­ten mit der Pro­duk­tion „In­spi­ra­tion“ – ei­ner sti­lis­tisch sehr he­te­ro­ge­nen Zu­sam­men­stel­lung von D. Scar­latti über J.S. Bach und M. Mosz­kow­ski bis hin zu Ka­levi Aho (*1949) und Frank Za­bel (*1968).
Mo­derne Mu­sik auf dem Ak­kor­deon: ja – aber auch Ba­rock und Spät­ro­man­tik? Ko­ma­tina lässt al­len mu­sik­ge­schmack­li­chen Pu­ri­ta­nis­mus hin­ter sich und führt sein In­stru­ment durch­aus stil­si­cher durch die Epo­chen – dank phra­sie­rungs- und ar­ti­ku­la­ti­ons­rei­cher Meis­ter­schaft, die den be­tref­fen­den Wer­ken wei­tere Klang­op­tio­nen er­öff­nen.

Dynamische Möglichkeiten des Instruments ausgeschöpft

Ko­ma­tina weiß da­bei ge­nau um die Vor­züge des Ak­kor­de­ons, wenn er (im Book­let) be­tont, dass sein In­stru­ment bei ba­ro­cken Stü­cken eben Dy­na­mik-Ab­stu­fun­gen rea­li­sie­ren kann, über die das „ori­gi­nale“ Cem­balo nicht verfügt(e). Bei Scar­lat­tis Toc­cata d-Moll K 141 kon­tras­tiert Ko­ma­tina „stark rhyth­misch ge­prägte“ Pas­sa­gen mit „ge­sang­lich-wei­chen“, bei Bachs Eng­li­scher Suite Nr. 5 e-Moll BWV 810 wollte er „die ein­zel­nen Töne mit Creschendo und De­cre­scendo ge­stal­ten und die Span­nung über meh­rere Takte hal­ten“.

Die spieltechnischen Grenzen erreicht

Bis an die spiel­tech­ni­schen Gren­zen des Ak­kor­de­ons geht In­ter­pret Ko­ma­tina nicht nur im Ca­price Nr. 1 von Frank Za­bel, son­dern ins­be­son­dere auch bei Ka­levi Ahos 2. So­nate für Ak­kor­deon „Black Birds“; so­gar Vir­tuose Ko­ma­tina at­tes­tiert die­sem Stück, „ei­nes der kom­ple­xes­ten, auf­re­gends­ten und schwie­rigs­ten Werke der mo­der­nen Ak­kor­de­on­lite­ra­tur“ dar­zu­stel­len. Und so­wohl bei Za­bel als auch bei Aho kann da­bei der Ak­kor­deo­nist, des­sen tech­ni­sche Vir­tuo­si­tät so­wohl im rechts­hän­di­gen Dis­kant- wie im links­hän­di­gen Baß-Be­reich des In­stru­ments ih­res­glei­chen sucht, hin­sicht­lich der Klang-Re­gis­ter aus dem Vol­len schöp­fen: Ko­ma­tina spielt auf ei­ner gro­ßen Kon­zert-Bu­gari, de­ren wei­tes Spek­trum der Klap­pen-Re­gis­ter den klang­li­chen An­for­de­run­gen ge­rade mo­der­ner Kom­po­nis­ten ge­recht wird. Von der Imi­ta­tion von Vo­gel­stim­men (in Ahos „Black Birds“) bis hin zu den kom­ple­xen Klang­schich­ten in Za­bels „Ca­price“ deckt der ser­bi­sche Künst­ler eine fas­zi­nie­rend viel­fäl­tige und in die­ser In­ten­si­tät noch sel­ten ge­hörte Span­nungs­weite mo­der­ner Ak­kor­de­on­mu­sik ab. ♦

Ni­kola Ko­mata (Ac­cor­dion): In­spi­ra­tion – Werke von Do­me­nico Scar­latti, Ka­levi Aho, Jo­hann Se­bas­tian Bach, Frank Za­bel und Mo­ritz Mosz­kowsi, Spiel­dauer 53:45, GWK-Re­cords

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin zum Thema Ak­kor­deon-Mu­sik auch über die CD des Sa­lon-Or­ches­ters Prima Ca­rezza: Pour­quoi, Ma­dame?


Werner Kaufmann: Zwingende Züge (Schach)

Wer nach ei­nem bi­blio­gra­phisch schön auf­be­rei­te­ten, mit sau­ber ge­stal­te­tem Lay­out ver­se­he­nen, mit gut struk­tu­rier­ten Kom­men­ta­ren be­stück­ten und mit vie­len Dia­gram­men ge­spick­ten Schach­buch sucht, wird bei Wer­ner Kauf­manns „Zwin­gen­den Zü­gen“ nicht fün­dig. Noch nicht mal eine Print-Aus­gabe gibt es von die­ser jüngs­ten Pu­bli­ka­tion des in der Zen­tral­schweiz recht be­kann­ten Na­tio­nal­liga-Spie­lers und Fide-Meis­ters. Schach-Pu­ris­ten mit jah­re­lan­ger Ge­wöh­nung an den äs­the­ti­schen Main­stream der kon­ven­tio­nel­len Schach­buch-Her­stel­lung las­sen also am bes­ten die Fin­ger von die­sen „Zwin­gen­den Zü­gen“.

Schachpädagogisch originäre Denkansätze

Wer aber aus­ge­lei­erte, häu­fig aus­tausch­bare Pseudo-Kom­men­tie­rung ver­ab­scheut, statt­des­sen sehr ori­gi­näre, mit Ei­gen­leis­tung ge­ne­rierte Denk­an­sätze schätzt, die schach­päd­ago­gisch für Spie­ler bis ca. 2000 Elo wirk­lich nütz­lich sind, der liegt bei Kauf­mann gold­rich­tig. Kauf­manns E-Book nimmt das ur­alte Evans-Gam­bit zum Aus­gangs­punkt mo­derns­ter On-the-Board-Über­le­gun­gen und pro­pa­giert Denk­wege, die gänz­lich ohne (häu­fig ein­fach nach­ge­plap­perte bzw. sinn­ent­leerte) Wort­hül­sen wie „Mus­ter­er­ken­nung“ oder „Stra­te­gie“ aus­kom­men. An­stelle sol­cher schach­päd­ago­gisch meist ne­bu­lö­ser „An­lei­tun­gen“ setzt „Zwin­gende Züge“ auf prak­ti­ka­ble und am Brett vom Spie­ler si­tua­tiv um­setz­bare An­re­gun­gen für das Be­rech­nen wir­kungs­vol­ler Schach­züge.

Keine Pläne!“

Wer­ner Kauf­manns Credo, das er be­reits in sei­nem „Keine Pläne!“, dem Vor­gän­ger-Band der „Zwin­gen­den Züge“ pro­kla­mierte und nun an­hand zahl­lo­ser kon­kre­ter Lehr­par­tien und -stel­lun­gen des für die­sen Zweck op­ti­ma­len Evans-Gam­bits do­ku­men­tiert, ver­kün­det al­len Ler­nen­den:

Im Schach geht es um drei Sa­chen:

  1. Dro­hung an­se­hen
  2. Al­les an­grei­fen
  3. Nichts ein­stel­len“

Am bes­ten zi­tie­ren wir Kauf­mann aus­führ­li­cher:

Pat­zer glau­ben viel eher als Gross­meis­ter zu wis­sen, was ge­rade zu tun ist, und ord­nen ihre Züge ir­gend­wel­chen po­si­tio­nel­len oder stra­te­gi­schen Zie­len un­ter. Dem ge­gen­über prüft der GM, was ge­rade in der Stel­lung drin ist, ver­sucht sich über seine Op­tio­nen Klar­heit zu ver­schaf­fen und wählt eine die­ser Op­tio­nen. Kurzum, der Pat­zer spielt abs­trakt, der GM kon­kret. Ich bin über­zeugt, dass ich im Schach nur Fort­schritte ma­chen kann, wenn ich mich daran ge­wöhne, mich von Zug zu Zug um Dro­hun­gen und Ge­gen­dro­hun­gen zu küm­mern, ohne ir­gend­wel­che stra­te­gi­schen Ziele zu ver­fol­gen.
Der durch­schnitt­li­che Schach­spie­ler hat un­ge­fähr 1600 Elo, was be­deu­tet, dass die Hälfte al­ler Spie­ler we­ni­ger Elo hat. Über 1800 kom­men 20%, über 2000 10% und über 2200 noch 3% der Spie­ler. Über 2400 sind es noch ein paar Pro­mille, aber rich­tig gu­tes Schach wird erst ab 2600 ge­spielt. Über­las­sen wird doch das Pla­nen den­je­ni­gen, die Va­ri­an­ten auch kor­rekt be­rech­nen kön­nen…

Eine Kurz- bzw. Zu­sam­men­fas­sung der Kaufmann’schen „Ge­setze“ bie­tet der Au­tor sel­ber auf sei­ner Web­seite.
Je­den­falls aber ist „Zwin­gende Züge“ des er­folg­rei­chen In­ner­schwei­zer Na­tio­nal­liga-Spie­lers und Fern­schach- so­wie Com­pu­ter­schach-Ex­per­ten Wer­ner Kauf­mann sehr poin­tiert und auch wit­zig ge­schrie­ben, seine Zu­g­ana­ly­sen sind mit mo­derns­ter Soft­ware ve­ri­fi­ziert (und kor­ri­gie­ren oft­mals auch „feh­ler­hafte“ Pro­gramm-Vor­schläge…), die Denk­an­sätze sind äu­ßerst un­kon­ven­tio­nell, aber auch äu­ßerst ein­leuch­tend.
Für Tur­nier­spie­ler, die sich für ein­mal ab­seits der üb­li­chen „stra­te­gi­schen“ Ver­all­ge­mei­ne­run­gen be­we­gen und sich kon­kret auf die schach­li­chen Not­wen­dig­kei­ten ein­las­sen wol­len, ist die­ses E-Book eine lehr­rei­che Hilfe im Dschun­gel des Va­ri­an­ten-Di­ckichts – und ins­ge­samt eine ori­gi­nelle Er­gän­zung des Schach-Bü­cher­schran­kes. Emp­feh­lung! ♦

Wer­ner Kauf­mann: Zwin­gende Züge – er­läu­tert an­hand von Cap­tain Wil­liam Evans‘ Gam­bit, e-book (Kindle Edi­tion), 104 Sei­ten, Da­mensprin­ger Ver­lag

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin (quasi als Ge­gen­ent­wurf) zum Thema „Schach­päd­ago­gik“ auch über Ou­de­wee­te­ring: Mus­ter­er­ken­nung im Mit­tel­spiel


Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy (CD)

Das Duo Ima­gin­aire – das sind die Würz­bur­ger Kon­zert-Har­fe­nis­tin Si­mone Sei­ler und der Edin­burg­her Solo-Kla­ri­net­tist John Cor­bett. Ge­mein­sam rea­li­sier­ten die bei­den Künst­ler ein ganz spe­zi­el­les Mu­sik-Pro­jekt: „Ja­pa­nes Echoes“ nennt sich ihre neue CD, die nicht we­ni­ger als sechs ja­pa­ni­sche Komponist(inn)en vor­stellt, wel­che in ih­ren Wer­ken „ant­wor­ten“ auf je ein selbst­ge­wähl­tes Pré­lude von De­bussy. Diese ja­pa­ni­sche Hom­mage à Claude De­bussy re­flek­tiert viel­fäl­tig auch die große Fas­zi­na­tion, die Ja­pans und über­haupt die fern­öst­li­che Mu­sik­tra­di­tion mit ih­rer Klang­sinn­lich­lich­keit auf den ge­nia­len Im­pres­sio­nis­ten aus­übte.

Sechs unterschiedliche japanische Stil-Ausprägungen

Das halbe Dut­zend Werke von Sa­to­shi Mi­n­ami (*1955), Yas­uko Yama­guc­chi (*1969), Taka­shi Fu­jii (*1959), Ku­miko Omura (*1970), Takayuki Rai (*1954) und Asako Miyaki (*1967) durch­misst eine weite Band­breite an Kom­po­si­ti­ons­tech­ni­ken und Klang­sti­len. Je­des der De­bussy-Pré­ludes als die vor­an­ge­stell­ten Aus­gangs­punkte der Kom­po­nis­ten aus Ja­pan wurde von dem Duo tran­skri­biert aus dem Kla­vier-Ori­gi­nal in das Kla­ri­nette-Harfe-Du­ett, und über die Le­gi­ti­ma­tion sol­cher Über­tra­gung ei­nes doch sehr Kla­vier-fo­kus­sier­ten Im­pres­sio­nis­mus und des­sen klang­lich-pia­nis­ti­schen Spe­zi­fi­ka­tio­nen ließe sich strei­ten. Doch als Ex­pe­ri­ment auch im Sinne von „West meets East“ und als Ge­gen­über­stel­lung sehr un­ter­schied­li­cher me­lo­di­scher und har­mo­ni­scher Kon­zepte bei „see­len­ver­wand­schaft­li­chem“ An­satz hat dies Pro­jekt des Duo Ima­gin­aire seine Be­rech­ti­gung.

Eine Art musikalische Haiku“

In sei­nem Book­let um­reißt das Duo die In­ten­tion sei­ner „Ja­pa­nese Echoes“ fol­gen­der­ma­ßen:

Wie wich­tig die Ton­farbe für De­bussy ist, zeigt sich in der Ver­wen­dung sei­ner ex­pan­si­ven Klang­far­ben­pa­lette, die sich auf den Raum oder Um­feld be­zieht, nicht je­doch auf die Struk­tur. Dies ge­schieht ana­log zur Shakuha­chi-Hon­kyoku-Tra­di­tion, bei der sich der Schwer­punkt auf die Äs­the­tik ei­nes ein­zi­gen Tons kon­zen­triert. Der Klang ist da­bei wich­ti­ger als die Struk­tur. […] Die mu­si­ka­li­sche Ant­wort der ja­pa­ni­schen Komponist(inn)en ist eine Art mu­si­ka­li­sche Haiku oder bes­ser Waka (Ant­wort­ge­dicht). Es lässt das aus­ge­wählte Pré­lude in ei­ner neuen Per­spek­tive er­schei­nen und macht dem Hö­rer den Be­zug De­bus­sys zur ja­pa­ni­schen Kul­tur deut­lich.

Dass De­bus­sys Klang­sinn­lich­keit, seine le­bens­lange Af­fi­ni­tät zur fern­öst­li­chen Kul­tur, seine Sen­si­bi­li­tät für Raum und Stille kein west­li­cher Kon­tra­punkt, son­dern ein ima­gi­na­ti­ves Pen­dent zu ja­pa­ni­schen Klang­tra­di­tio­nen dar­stellt, do­ku­men­tiert das Duo Ima­gin­aire sehr ein­dring­lich. Ho­her Ver­schmel­zungs­grad des Sai­ten- mit dem Holz­blas-In­stru­ment und buch­stäb­lich zau­ber­hafte Klang­lich­keit zeich­nen diese Ersteinspie­lun­gen aus. Da­bei durch­mes­sen sie eine vom Pen­ta­to­ni­schem bis zum Quasi-Im­pro­vi­sa­to­ri­schen rei­chende, teils me­di­ta­tive, teils ges­ten­rei­che, rhyth­misch oft kaum nach­voll­zieh­bar struk­tu­rierte, dy­na­misch aber feinst ab­ge­stufte Mu­sik-Pa­lette, de­ren Ko­lo­rit bei al­ler im­pres­sio­nis­ti­schen Ori­en­tiert­heit die ja­pa­ni­sche Her­kunft nie ver­leug­net. Das Duo mu­si­ziert ein­dring­lich, ver­fügt über die nö­ti­gen Tech­ni­ken sou­ve­rän, ins­be­son­dere der Kla­ri­net­tist in­ter­pre­tiert vir­tuos. Ein sehr an­re­gende Pro­duk­tion. ♦

Duo Ima­gin­aire: Ja­pa­nese Echoes – Hom­mage à Claude De­bussy, John Cor­bett (Kla­ri­nette) und Si­mone Sei­ler (Harp), Spiel­dauer 57:28, TYX-Art La­bel

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin auch zum Thema „Harfe und Blas­in­stru­ment“ über K. Eng­li­chova (Harfe) und V. Ve­verka (Oboe): Im­pres­si­ons, Werke von Ra­vel, De­bussy und Sluka

Englichova (Harp) & Veverka (Oboe): Impressions (CD)

Solo – oder die Freiheit des Einzelnen

von Mi­chael Ma­ger­cord

Harfe und Oboe – zwei In­stru­mente, die im Or­ches­ter nur zum Ein­satz kom­men, wenn es darum geht, et­was Farbe in das Werk zu brin­gen: Die Harfe, wenn es lieb­lich wer­den soll, ver­süßt sie die Klänge, die sü­ßer nie klin­gen, oder wenn ihr für ei­nen Wech­sel im Tempo über alle Sai­ten ge­stri­chen wird, nur um dann wie­der zu ver­stim­men. Die Oboe wie­derum kommt zum Ein­satz, wenn ein­mal ein rauer Ton in das Klang­werk hin­ein qua­ken soll, der ehr­lich und di­rekt sein soll – bei Pe­ter und der Wolf, wo je­des Tier durch ein In­stru­ment re­prä­sen­tiert wird, steht die Oboe für die Ente. Keine un­be­ding­ten Al­pha­tiere un­ter den Mu­sik­in­stru­men­ten also – und wenn die dann so­lis­tisch auf­tre­ten? Und nun auch noch ge­mein­sam?

Oboe und Harfe im Duo, lieblich und quäkend – oder umgekehrt

Katerina Englichova und Vilem Veverka: Impressions - Ravel Debussy Sluka (Works for Oboe and Harp)
Ka­te­rina Eng­li­chova und Vi­lem Ve­verka: Im­pres­si­ons – Ra­vel De­bussy Sluka (Works for Oboe and Harp)

Zu­erst spielte vor fünf Jah­ren Vi­lem Ve­verka, Obo­ist bei den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern, ein Al­bum mit Te­le­manns zwölf Phan­ta­sien und Brit­tens sechs Me­ta­mor­pho­sen ein. Ka­te­rina Eng­li­chova folgte ihm dann 2015 mit ih­rer CD für Har­fen­werke. Die ver­sierte Kon­zert­har­fis­tin setzte auf ein zeit­ge­nös­si­sches Repertoire.Und nun ha­ben die bei­den in die­sem Jahr ein ge­mein­sa­mes Al­bum auf­ge­nom­men. Oboe und Harfe im Duo, lieb­lich und quä­kend und auch mal um­ge­kehrt. Und man könnte nun dar­über schrei­ben, wie ge­konnt es ge­spielt ist und wie hübsch sich das an­hört, und da­für auch die in­stru­men­ten­ge­rechte Aus­wahl der all­be­kann­ten Stü­cke der fran­zö­si­schen Im­pres­sio­nis­ten Ra­vel und De­bussy ins Feld füh­ren. Man könnte nun be­män­geln, dass ein we­nig mehr Mut beim Pro­gramm der CD hö­here Re­le­vanz ver­lie­hen hätte. Im­mer­hin, zwei Erst­auf­nah­men von kür­ze­ren Wer­ken von Lubos Sluka zei­gen, dass an­ge­nehme Hör­bar­keit auch zeit­ge­nös­si­schen Kom­po­nis­ten ge­lin­gen kann. Und man könnte schließ­lich sa­gen, dass diese CD viel­leicht an­ders als die je­wei­li­gen So­lo­ein­spie­lun­gen auch de­nen ei­nen Hör­ge­nuss bie­tet, die den bei­den In­stru­men­ten sonst nicht so­viel ab­ge­win­nen kön­nen.

Cover-Gestaltung als unmusikalischer Verpackungsschwindel

Aber nein, an wel­chen Miss­tö­nen stört man sich statt­des­sen – und das so­gar noch, be­vor man über­haupt ei­nen Ton ge­hört hat? An der Co­ver­ge­stal­tung die­ser CD, und den bei­den an­de­ren auch noch gleich nach­träg­lich. Ei­gent­lich sollte es dem Hö­rer von Mu­sik doch egal sein, wenn sich ein Fo­to­graf mit be­son­ders al­ber­nen In­sze­nie­run­gen her­vor­tut und eine an­sons­ten doch se­riöse Plat­ten­firma ver­sucht, ihre Ver­trags­künst­ler als Su­per­stars zu ver­mark­ten. Aber kann man denn Su­per­star wer­den, wenn man die Harfe streicht oder in die Oboe prus­tet? Oder da­durch, dass man die Oboe schul­tert, sich in Gum­mi­bän­dern ver­hed­dert oder sich um ei­nen auf den ers­ten Blick qual­len­haf­ten Ge­gen­stand herum um­grei­fend ver­greift? Das al­les hat so gar nichts mit der Mu­sik zu tun, die da­mit ver­kauft wird. Also ein kla­rer Fall von plum­pem Ver­pa­ckungs­schwin­del und kru­der Selbst­dar­stel­lung oben­drein: Will­kom­men im Face­book-Zeit­al­ter.

Musikalische Vision durch das Visuelle gestört

Warum aber sollte das den Hö­rer stö­ren? Der hört doch nur. Rich­tig, aber hö­ren ist im­mer auch se­hen. Vor dem geis­ti­gen Auge ent­steht eine Vi­sion, und die wird vom CD-Co­ver zu­min­dest be­ein­flusst. Diese Art von Foto- und De­sign­kunst teilt vor al­lem ei­nes mit: die Prot­ago­nis­ten neh­men nicht so rich­tig ernst, was sie tun. Und da sie nun ein­mal in ers­ter Li­nie Mu­si­ker sind, ist es die Mu­sik, die sie nicht ernst neh­men. Aber viel­leicht woll­ten sie auch ein­fach sa­gen: Wir neh­men uns selbst nicht so ernst, son­dern nur die Mu­sik.

Wenn man das alberne CD-Cover von "Impressions" beim Hören möglichst weit weg legt, so dass man es nicht im Blick hat, formen sich Harfe und Oboe trotz ihrer unterschiedlichen Klänge zu einem spannungsreichen Ganzen, worin sich die altbekannten Stücke von Ravel und Debussy neu entdecken lassen.
Wenn man das al­berne CD-Co­ver von „Im­pres­si­ons“ beim Hö­ren mög­lichst weit weg legt, so dass man es nicht im Blick hat, for­men sich Harfe und Oboe trotz ih­rer un­ter­schied­li­chen Klänge zu ei­nem span­nungs­rei­chen Gan­zen, worin sich die alt­be­kann­ten Stü­cke von Ra­vel und De­bussy neu ent­de­cken las­sen.

Na, wenn das so ist! Was also tun in Zei­ten wie die­sen, wo selbst die selbst­iro­ni­sche Di­stanz mit größ­ter Auf­dring­lich­keit ze­le­briert wird? CD aus der Hülle neh­men, auf­le­gen und dann Au­gen zu und durch: hö­ren und sich selbst ein Bild ma­chen be­zie­hungs­weise von der Mu­sik ma­chen las­sen. Im­mer­hin, diese klit­ze­kleine Frei­heit der in­ne­ren Selbst­ver­wirk­li­chung wird uns in der Kon­fron­ta­tion mit den per­ma­nen­ten Selbst­dar­stel­lun­gen noch ge­las­sen.
Kurzum: Wenn man das al­berne CD-Co­ver von „Im­pres­si­ons“ beim Hö­ren mög­lichst weit weg legt, so dass man es nicht im Blick hat, for­men sich Harfe und Oboe trotz ih­rer un­ter­schied­li­chen Klänge zu ei­nem span­nungs­rei­chen Gan­zen, worin sich die alt­be­kann­ten Stü­cke von Ra­vel und De­bussy neu ent­de­cken las­sen – wenn auch die et­was äl­te­ren So­lo­al­ben der bei­den Mu­si­ker über die hö­here künst­le­ri­sche Re­le­vanz ver­fü­gen. ■

Ka­te­rina Eng­li­chova (Harfe) und Vi­lem Ve­verka (Oboe): Im­pres­si­ons, Werke von Ra­vel, De­bussy und Sluka, Au­dio-CD, Su­pra­phon

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin zum Thema „Mu­sik für Harfe“ auch über Hein­rich Lau­fen­berg: King­dom of Hea­ven (En­sem­ble Dragma)

Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

Ein Plädoyer für die Romantik

von Chris­tian Busch

Wenn es dun­kelt, die Sonne im Waldes­schat­ten ver­sinkt und der Him­mel in stern­kla­rer Nacht im Blü­ten­staub still die Erde küsst, spannt in dämm­ri­gen Fel­sen­klüf­ten die Seele weit ihre Flü­gel, als flöge sie nach Haus, und lüf­tet ihr in­ners­tes Ge­heim­nis: die Liebe. „Durch alle Töne tö­net / im bun­ten Er­den­traum / Ein lei­ser Ton / Für den der heim­lich lauscht“ (Fried­rich Schle­gel)

Severin von Eckardstein plays Robert Schumann
Se­ve­rin von Eckard­stein plays Ro­bert Schu­mann

Wie in Jo­seph von Ei­chen­dorffs Land­schaf­ten formte die Ro­man­tik wie keine an­dere Epo­che die Spra­che und Welt der Seele, wel­che sich in Ab­ge­schie­den­heit und pri­va­ter In­ti­mi­tät un­ge­ach­tet ge­sell­schaft­li­cher Wirk­lich­keit und po­li­ti­scher Zen­sur zu Wort bzw. zum Tone mel­det. Schon der große Idea­list Beet­ho­ven hatte sich in sei­nem 1816 kom­po­nier­ten Lied­zy­klus «An die ferne Ge­liebte» zur ro­man­ti­schen Ton­spra­che der In­ner­lich­keit be­kannt, wel­che sei­nen ro­man­ti­schen Nach­fol­gern den Weg eb­nete. Ro­bert Schu­mann, der als schweig­sam, in­tro­ver­tiert, hoch­ge­bil­det und als In­be­griff der deut­schen Hoch­ro­man­tik gilt, fand sein Ele­ment zwi­schen mil­dem Eu­se­bius und wil­dem Flo­re­stan im Phan­tas­ti­schen, in der mu­si­ka­li­schen «Fan­ta­sie» des Kla­viers, dem In­stru­ment der Seele.

Balance zwischen Florestan und Eusebius

Se­ve­rin von Eckard­stein (*1978)

Der 1978 in Düs­sel­dorf ge­bo­rene Pia­nist Se­ve­rin von Eckard­stein hat sich nun in sei­ner neuen CD ne­ben den drei Fan­ta­sie­stü­cken op. 111 und den Fan­ta­sie­stü­cken op. 12 auch Ro­bert Schu­manns ein­zig­ar­ti­ger Fan­ta­sie in C-Dur op. 17 an­ge­nom­men. Bei der 1838 voll­ende­ten Fan­ta­sie, die zu­gleich Aus­druck von Schu­manns lei­den­schaft­li­cher, aber pro­ble­ma­ti­scher Be­zie­hung zu Clara Wieck  («das Pas­sio­nier­teste, was ich je ge­schrie­ben habe») als auch eine Hom­mage an Beet­ho­ven (man höre nur die Trio­len aus der Mond­schein­so­nate im drit­ten Satz) war, kommt es zwei­fel­los im­mer wie­der neu dar­auf an, die Ba­lance zwi­schen san­gui­ni­schem Flo­re­stan und dem jede ex­tro­ver­tierte Ef­fekt­ha­sche­rei fremd an­mu­ten­den Eu­se­bius in Schu­manns Tem­pe­ra­ment zu fin­den. Jeg­li­ches Zu­viel an ju­gend­li­cher Über­schwäng­lich­keit oder di­stan­ziert ab­ge­klär­tem, ver­meint­lich rei­fen Mu­si­zie­ren sind hier eher ab­träg­lich.

Brodelndes Temperament neben harmonischer Liebes-Sehnsucht

Pianist Eckardstein gelingt in "Robert Schumann" der perfekte Spagat zwischen Sentimentalität und teilnahmsloser Distanz mit einer am Ende edlen Note. Ein Plädoyer unserer Zeit für die Romantik - hervorragend.
Pia­nist Eckard­stein ge­lingt in „Ro­bert Schu­mann“ der per­fekte Spa­gat zwi­schen Sen­ti­men­ta­li­tät und teil­nahms­lo­ser Di­stanz mit ei­ner am Ende ed­len Note. Ein Plä­doyer un­se­rer Zeit für die Ro­man­tik – her­vor­ra­gend.

Umso ver­blüf­fen­der das Er­geb­nis, das Schu­manns «Zwei See­len woh­nen ach in mei­ner Brust» mit gro­ßer Na­tür­lich­keit und Klar­heit ver­eint. Die gro­ßen Sprünge und Ge­gen­sätze in der Kom­po­si­tion, hier bro­deln­des Tem­pe­ra­ment, aus­bre­chen­der Stolz und rausch­hafte Ge­trie­ben­heit ei­ner­seits, träu­me­ri­scher Schwe­be­zu­stand, fried­voll-har­mo­ni­sche Sehn­sucht nach Liebe an­de­rer­seits sind auf wun­der­same und doch schein­bar selbst­ver­ständ­li­che Weise – und doch ohne Glät­tun­gen – ver­bun­den; phan­tas­tisch!  Und wenn man die CD in seine Samm­lung ein­reiht, hat man das Ge­fühl, dass auf den äl­te­ren, durch­aus lei­den­schaft­li­che­ren Auf­nah­men (Arrau, Kis­sin, Le Sage) ein we­nig Staub liegt.
Die eben­falls äu­ßerst ge­lun­ge­nen Dar­bie­tung der Fan­ta­sie­stü­cke op. 111 und op. 12, wel­che in ih­rer zwar vir­tuo­sen, aber im­mer ro­man­ti­sches Ethos ver­kör­pern­den Epi­so­den fas­zi­nie­ren, run­den die CD, die au­ßer­dem mit ei­nem fach­kun­dig-em­pha­ti­schen Kom­men­tar des Künst­lers im Book­let ver­se­hen ist, ab. – Ein Plä­doyer un­se­rer Zeit für die Ro­man­tik. ■

Se­ve­rin von Eckard­stein (Kla­vier): Se­ve­rin von Eckard­stein plays Ro­bert Schu­mann, Cavi-Mu­sic (Har­mo­nia Mundi)

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin auch über die Skrja­bin-In­ter­pre­ta­tio­nen von Ma­ria Lett­berg: Das Solo-Kla­vier­werk

Hanna Bachmann (Piano): Janacek, Beethoven (CD)

Ein pianistisch-musikalisches Versprechen

von Wal­ter Ei­gen­mann

Hanna Bachmann: Sonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann, SchumannWenn eine erst 24-Jäh­rige das Kla­vier so spielt wie Hanna Bach­mann, so nennt man das für­wahr – auch in un­se­ren Zei­ten der In­fla­tion von «Wun­der­kin­dern» – eine Ent­de­ckung. Die junge Ös­ter­rei­che­rin wid­mete sich wäh­rend ih­res Stu­di­ums vor­nehm­lich Beet­ho­ven, mit dem sie am Bon­ner Beet­ho­ven­fest 2015 de­bü­tierte – und nun prä­sen­tiert sie mit ih­rer ers­ten CD-Ein­spie­lung Ja­na­ceks So­nate 1.X.1905, Schu­manns zweite So­nate op. 22 und Beet­ho­vens «Adieux»-Sonate. In die­sen «Klassiker»-Reigen stellt sie au­ßer­dem – eine Über­ra­schung – die in­ter­es­sante siebte und letzte So­nate des 1898 ge­bo­re­nen und 1944 in Ausch­witz von den Na­zis er­mor­de­ten ös­ter­rei­chisch-un­ga­ri­schen Kom­po­nis­ten und Pia­nis­ten Vik­tor Ull­mann.

Von Beethoven über die Romantik zur Schönberg-Schule

Beginn des Trio's aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann
Be­ginn des Trio’s aus dem vier­ten Satz der Kla­vier­so­nate Nr. 7 von Vik­tor Ull­mann

Von Beet­ho­ven über die Ro­man­tik zum Schön­berg-Schü­ler Ull­mann also – ist dies das große Span­nungs­feld der Pia­nis­tin Bach­mann, die of­fen­sicht­lich trotz (oder we­gen?) ih­rer Ju­gend­lich­keit keine sti­lis­ti­schen Be­rüh­rungs­ängste kennt? Und auch keine kla­vier­tech­ni­schen Hür­den, sei an­ge­merkt: ins­be­son­dere Bach­manns Schu­mann, auch ihr letz­ter Ull­mann-Satz zeu­gen von be­reits enor­mer Bril­lanz, die sich paart mit sen­si­ti­vem An­schlag und zu­gleich Klang­sinn. Wenn man die­ses CD-De­büt von Hanna Bach­mann als pia­nis­ti­sches Ver­spre­chen neh­men soll, dann wird von die­ser jun­gen Künst­le­rin noch sehr viel zu hö­ren und zu re­den sein.

Förderung junger und vielversprechender Künstler

Die Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite.
Die junge, aber pia­nis­tisch wie mu­si­ka­lisch sehr ge­reifte ös­ter­rei­chi­sche Pia­nis­tin Hanna Bach­mann glänzt gleich in ih­rem CD-De­büt mit pro­fi­lier­ter Werk­aus­wahl und sti­lis­ti­scher Weite. Das deut­sche La­bel TY­X­art führt Bach­mann als fein­füh­lige Künst­le­rin mit So­na­ten von Beet­ho­ven, Ja­na­cek, Schu­mann und Ull­mann ein und weckt da­mit Hoff­nun­gen auf wei­tere No­vi­tä­ten die­ser Pia­nis­tin.

Eine An­er­ken­nung sei an die­ser Stelle noch aus­drück­lich ver­merkt zu dem im re­gens­bur­gi­schen Nit­ten­dorf do­mi­zi­lier­ten, erst seit fünf Jah­ren ak­ti­ven La­bel TY­X­art, in des­sen neuer Se­rie «Ri­sing Stars» junge Musiker/innen wie eben Hanna Bach­mann ein qua­li­täts­vol­les Haus für ihre Erst­auf­nah­men fin­den. Denn in dem No­vi­tä­ten-ge­flu­te­ten Klas­sik-, über­haupt dem CD-Markt im­mer neu auf viel­ver­spre­chende Ta­lente hin­zu­wei­sen, das birgt künst­le­ri­sche und fi­nan­zi­elle Ri­si­ken. Diese un­be­irrt und über Jahre hin­weg auf edi­to­risch ho­hem Ni­veau in Kauf zu neh­men ver­dient Re­spekt – und alle Neu­gier des Mu­sik­lieb­ha­bers! ■

Hanna Bach­mann: Kla­vier­so­na­ten von Ja­na­cek, Beet­ho­ven, Ull­mann und Schu­mann, TY­X­art 2016, 73 Min. / ASIN B01NAK28ZN

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin auch über die Schu­mann-In­ter­pre­ta­tio­nen des Pia­nis­ten Se­ve­rin von Eckard­stein

Sojka-Streichquartett: Böhmische Kammermusik (CD)

Ersteinspielungen böhmischer Vorklassik-Quartette

von Wal­ter Ei­gen­mann

String Chamber Music - Sojka Quartet - Kammel u.a. - TYXart - CoverDan­kens­wer­ter­weise über­zeu­gen klei­nere CD-La­bels wie das vor vier Jah­ren ge­grün­dete deut­sche TY­X­art (Nit­ten­dorf) im­mer wie­der mit CD-Pro­duk­tio­nen, die ei­ner­seits mit stils­ti­schen Kon­zep­tio­nen völ­lig ab­seits des kom­mer­zi­el­len Main­streams agie­ren, aber gleich­zei­tig auf hohe künst­le­ri­sche und auf­nah­me­tech­ni­sche Qua­li­tät Wert le­gen. Ein gu­tes Bei­spiel die­ses An­spru­ches von TY­X­art-Grün­der und -Re­cord­ing-Pro­du­cer An­dreas Zieg­ler stellt auch die jüngste TY­X­art-Kam­mer­mu­sik-Pro­duk­tion dar, die böh­misch-mäh­ri­sche Kom­po­nis­ten des 18. Jahr­hun­derts mit aus­ge­such­ten und kaum auf­ge­führ­ten, kom­po­si­to­risch aber ex­qui­si­ten Streich­quar­tet­ten vor­stellt. Da­bei prä­sen­tiert das Pra­ger So­jka Quar­tet mit Mar­tin Kos und Mar­tin Ka­plan (Vio­li­nen), Jo­sef Fi­ala (Viola) und Hana Vit­kova (Vio­lon­cello) als Ersteinspie­lun­gen drei Quar­tette von An­to­nin Kam­mel, Flo­rian L. Gas­s­mann und An­ton Zim­mer­mann so­wie die C-Dur-So­nate von Franz Koc­z­wara für 2 Vio­len und Cello.

Technisch filigran und fein durchgehört

Weitgefächerter böhmischer Spät-Barocker und Wiener-Vorklassik-Wegbereiter: Florian Leopold Gassmann (1729-1794)
Weit­ge­fä­cher­ter böh­mi­scher Spät-Ba­ro­cker und Wie­ner-Vor­klas­sik-Weg­be­rei­ter: Flo­rian Leo­pold Gas­s­mann (1729-1794)

Das durch­wegs tech­nisch fi­li­gran und fein durch­ge­hört mu­si­zie­rende So­jka stellt ge­rade mit den bei­den Quar­tet­ten des Haydn-Weg­be­rei­ters Kam­mel (op. 7/2) so­wie des kom­po­si­to­risch sehr weit­ge­fä­cher­ten Spät­ba­ro­cken und Mar­tini-Schü­lers Gas­s­mann (Nr.2/1804) zwei be­son­ders ex­em­pla­ri­sche Werke des böh­misch-mäh­ri­schen Mu­sik-Er­bes vor, wel­ches die Mann­hei­mer Schule um Stamitz bis hin­ein zur Wie­ner Früh­klas­sik teils in­iti­ierte, teils ver­voll­stän­digte. Auch mit Zim­mer­manns F-Dur-Quar­tett (op.3/3) prä­sen­tie­ren die vier So­jka-Strei­cher ein die Ori­gi­na­li­tät böh­mi­scher Kam­mer-Kom­po­nis­ten ein­drück­lich do­ku­men­tie­rende Ersteinspie­lung, de­ren un­ge­wöhn­li­che, va­ria­tive Satz­folge und die spiel­tech­nisch vir­tuose An­for­de­run­gen stel­lende Ar­chi­tek­to­nik her­vor­ra­gend her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den.

Rhythmisch agil und doch klanglich satt

Innovative Kammermusiker mit stilistisch vielseitigem Repertoire: Das Sojka Quartet (Prag)
In­no­va­tive Kam­mer­mu­si­ker mit sti­lis­tisch viel­sei­ti­gem Re­per­toire: Das So­jka Quar­tet (Prag)

Die Af­fi­ni­tät des So­jka-Quar­tetts zu die­sem böh­mi­schen Erbe des frü­hen 18. Jahr­hun­derts über­rascht umso mehr, als die vier Mu­si­ker bis an­hin eher mit Wie­ner Klas­sik, vor al­lem aber mit mo­der­ner tsche­chi­scher Kam­mer­mu­sik (Sa­miec, Cer­vinka, Pexidr u.a.) so­wie mit In­ter­pre­ta­tio­nen der Zwei­ten Wie­ner Schule (Schön­berg, We­bern u.a.) in Er­schei­nung ge­tre­ten sind, und sie un­ter­streicht da­mit ein­drück­lich die künst­le­ri­sche Fle­xi­bi­li­tät und sti­lis­ti­sche Spann­weite die­ser Strei­cher-For­ma­tion. Das Quar­tett in­ter­pre­tiert grund­sätz­lich mit rhyth­mi­scher Agi­li­tät und trotz­dem be­tont sat­tem Quar­tett-Klang, der wohl nicht nur der Auf­nah­me­tech­nik, son­dern auch dem leicht hal­li­gen Auf­nah­me­ort (Ober­pfäl­zi­scher Be­zirk-Fest­saal) ge­schul­det ist.

Das Prager Sojka-Streichquartett stellt in dem kleinen, aber feinen Klassik-Label TYXart seltene, jedoch exqusite Kammermusiken von bedeutsamen böhmisch-mährischen Komponisten der Frühklassik vor: Kammel, Gassmann, Koczwara und Zimmermann. Die interessante CD-Produktion enthält ausschließlich Ersteinspielungen, das Quartett musiziert dabei filigran und mit doch betont füllig-sattem Streicherklang. Eine empfehlenswerte Novität.
Das Pra­ger So­jka-Streich­quar­tett stellt in dem klei­nen, aber fei­nen Klas­sik-La­bel TY­X­art sel­tene, je­doch ex­qusite Kam­mer­mu­si­ken von be­deut­sa­men böh­misch-mäh­ri­schen Kom­po­nis­ten der Früh­klas­sik vor: Kam­mel, Gas­s­mann, Koc­z­wara und Zim­mer­mann. Die in­ter­es­sante CD-Pro­duk­tion ent­hält aus­schließ­lich Ersteinspie­lun­gen, das Quar­tett mu­si­ziert da­bei fi­li­gran und mit doch be­tont fül­lig-sat­tem Strei­cher­klang. Eine emp­feh­lens­werte No­vi­tät.

Das So­jka ver­bin­det da­bei ge­glückt das me­lo­disch Leicht-Un­be­schwerte des böh­mi­schen Ko­lo­rits mit dem dy­na­misch kraft­voll nach­ge­zeich­ne­ten Zu­griff in den Kopf­sät­zen, und es fin­det dann wie­der schön mit­schwin­gen­des Me­los in den ru­hi­gen Tei­len. In ein­zel­nen Pas­sa­gen mag der Glanz der Gei­gen­hö­hen et­was zu kurz kom­men zu­guns­ten der fül­lig-dunk­len Tie­fen, aber das dürfte auf klang­ge­schmack­li­cher Prä­fe­renz des So­jka-Quar­tetts ba­sie­ren.
Ab­ge­run­det wird die ebenso in­ter­es­sante wie über­ra­schende CD-Pu­bli­ka­tion durch ein in­for­ma­ti­ves, mehr­spra­chi­ges, das mu­sik­his­to­ri­sche Um­feld der Quar­tette und ih­rer Kom­po­nis­ten kurz be­leuch­ten­des Book­let. Kauf­emp­feh­lung! ♦

So­jak Quar­tet: String Cham­ber Mu­sic by 18th Cen­tury Bo­hemian Com­po­sers – Kam­mel, Gas­s­mann, Koc­z­wara, Zim­mer­mann – TY­X­art 2016

Le­sen Sie auch im Glarean Ma­ga­zin über das Pa­vel-Haas-Quar­tett: Pro­ko­fiew – Streich­quar­tette 1 & 2

Liska & Honzak: Bercheros & Uncertainty (CD)

Auf Linie gebracht: Bassisten als Bandleader

von Mi­chael Ma­ger­cord

Bercheros - Odyssey - Glarean MagazinEin Kom­po­nist für Film­mu­sik, der seine Wur­zeln im Jazz ver­or­tet, ge­stand mir ein­mal, dass er, wenn er par­tout kei­nen Ein­fall für eine Me­lo­die-Li­nie be­komme, zu­nächst ent­spre­chend der fil­mi­schen Vor­ga­ben eine Bass-Li­nie ein­spielt, auf der sich dann al­les wei­tere fin­den lässt.
Mu­sik, die be­weg­ten Bil­dern un­ter­legt wird, folgt ei­ner zu­vor fest­ge­leg­ten Dra­ma­tur­gie. Und ein we­nig wir­ken die bei­den vor­lie­gen­den Al­ben, in de­nen die Bas­sis­ten je­weils den Ton an­ge­ben, auch wie Film­mu­sik. Ob­wohl es keine Plat­ten mit Film­mu­sik sind, son­dern eher das, was man ein­mal «Kon­zept­al­ben» nannte: eine drei­vier­tel Stunde zu­sam­men­hän­gende Klang­ge­bilde – das kann ent­we­der groß­ar­tig wer­den oder ganz be­son­ders re­pe­ti­tiv en­den.

Gratwanderungen für Jazz-Bassisten

Mit To­mas Liska und Ja­ro­mir Hon­zak, ha­ben sich zwei ver­sierte Jazz-Bas­sis­ten und ihre je­wei­li­gen For­ma­tio­nen in ih­ren neuen Ein­spie­lun­gen – beide bei Su­pra­phon – auf ge­nau diese Grat­wan­de­rung be­ge­ben. «Ber­che­ros Odys­see» nennt To­mas Liska, der jün­gere von bei­den, seine Kom­po­si­tion, die der Ab­sol­vent des Ber­li­ner Jazz-In­sti­tuts zu­sam­men mit sei­nen Kom­mi­li­to­nen Fa­biana Striff­ler (Geige), Si­mon Ma­rek (Cello), Mar­kus Ehr­lich (Kla­ri­nette) und Na­ta­lie Haus­mann (Te­nor­sa­xo­phon) un­ter dem Band­na­men Pente ein­ge­spielt hat. Das Al­bum folgt ganz und gar der Kon­zept­idee. Die sechs ein­zel­nen Pas­sa­gen hei­ßen auch kon­se­quen­ter­weise «Parts», die ein zu­sam­men­hän­gen­des Gan­zes bil­den sol­len.
Liska war zu­vor eher in der Welt­mu­sik und im Blue­grass un­ter­wegs. Mit dem Stu­dium be­gann wohl die Reise durch phi­lo­so­phi­sche und äs­the­ti­sche Tie­fen sei­nes Fa­ches. Seine CD ge­wor­dene Odys­sey mit ei­nem Ti­tel, der aus den Na­men sei­nes Stu­di­en­or­tes und dem des In­dia­ner­stam­mes der Che­ro­kee zu­sam­men­ge­setzt wurde, kommt zu­nächst et­was in­tel­lek­tu­ell und ernst da­her, ver­liert sich ab und zu im Free Jazz, um dann doch im­mer wie­der kür­zere Auf­ent­halte an be­kann­ten Or­ten ein­zu­le­gen: wenn näm­lich die Geige oder das Cello folk­lo­ris­tisch er­tö­nen, die Kla­ri­nette ei­nen Gos­pel an­deu­tet oder uns das Sa­xo­phon auf dem Bal­kan Sta­tion ma­chen lässt – und trotz­dem fin­det es zu ei­ner ly­ri­schen, un­prä­ten­tiö­sen Ein­heit.

Meditative Dichte ohne Instrumenten-Akrobatik

Honzak - Uncertainty - Glarean Magazin
Hon­zak: „Un­cer­tainty“

Et­was tra­di­tio­nel­ler er­scheint aufs erste Hö­ren das Al­bum des ver­sier­ten Alt­jaz­zers Ja­ro­mir Hon­zak zu sein. Auch er hatte einst stu­diert, nur liegt das schon bald 30 Jahre zu­rück. Zehn Jahre zu­vor hatte er sei­nen Mi­li­tär­dienst in ei­ner Ar­mee­band in Prag ab­sol­viert, und da­nach be­gann seine Lauf­bahn in der Jazz­szene der Stadt. Sein Stu­di­en­ort war dann Bos­ton. Nach dem USA-Auf­ent­halt be­gann seine in­ter­na­tio­nale Kar­riere als Bas­sist, Band­lea­der – und Kom­po­nist.
«Un­cer­tainty» heißt die Zu­sam­men­stel­lung von acht ei­ge­nen Ti­teln, die er mit den we­sent­lich jün­ge­ren E-Gi­tar­ris­ten Da­vid Doruzka, Pia­nis­ten Vit Kris­tan, dem fran­zö­si­schen Sa­xo­pho­nis­ten An­to­nin-Tri Ho­ang und schwe­di­schen Schlag­zeu­ger Jon Fält ein­ge­spielt hat. Je­des Stück steht für sich, hat eine an­dere in­stru­men­tale Zu­sam­men­set­zung. Und ist das erste Stück mit dem de­kla­ma­to­ri­schen Ti­tel «Smell of change» noch flot­ter E-Gi­tar­ren-Jazz, so ist im zwei­ten der Wan­del da und im drit­ten schließ­lich voll­zo­gen: hin zu ei­ner me­di­ta­ti­ven und ly­ri­schen Dichte, die sich weit­ge­hend der In­stru­men­ten-Akro­ba­tik ent­hält, und die man durch­aus als Aus­flug in die «Un­ge­wiss­heit» er­le­ben kann.

In ihren jüngsten Aufnahmen folgen Altjazzer Jaromir Honzak («Uncertainty») und Neujazzer Tomas Liska («Bercheros Odyssey») weiterhin den Vorgaben der Bass-Linien. Dass diese Wahrung einer guten Musik-Tradition dem Treiben der doch so freiheitsliebenden Improvisations-Musiker erst die Form gibt, in der sich dann ihre sprühenden Ideen oder – im Gegenteil – ihre Hingabe in tiefe Gefühlswelten ergießen können, beweisen einmal mehr diese beiden lyrischen, ja meditativen Alben.
In ih­ren jüngs­ten Auf­nah­men fol­gen Alt­jaz­zer Ja­ro­mir Hon­zak («Un­cer­tainty») und Neu­jaz­zer To­mas Liska («Ber­che­ros Odys­sey») wei­ter­hin den Vor­ga­ben der Bass-Li­nien. Dass diese Wah­rung ei­ner gu­ten Mu­sik-Tra­di­tion dem Trei­ben der doch so frei­heits­lie­ben­den Im­pro­vi­sa­ti­ons-Mu­si­ker erst die Form gibt, in der sich dann ihre sprü­hen­den Ideen oder – im Ge­gen­teil – ihre Hin­gabe in tiefe Ge­fühls­wel­ten er­gie­ßen kön­nen, be­wei­sen ein­mal mehr diese bei­den ly­ri­schen, ja me­di­ta­ti­ven Al­ben.

Beide Al­ben ha­ben – bei al­len Un­ter­schie­den – schließ­lich doch ei­nes ge­mein­sam: Es sind ihre kla­ren bass-li­nes, die ihre mu­si­ka­li­sche Fan­ta­sien auf Li­nie hal­ten. Sie erst ma­chen aus der Grat­wan­de­rung zwi­schen Klän­gen und At­mo­sphä­ren, aus den Stück­chen und den Tei­len ein zu­sam­men­hän­gen­des Gan­zes. Viel­leicht ist dies ja auch das höchste an der ho­hen Kunst des Bass-Spiels. Und sollte den bei­den Bas­sis­ten darum ge­gan­gen sein: mis­sion ac­com­pli. ■

To­mas Liska & Pente: Ber­che­ros-Odys­sey, Au­dio-CD, Su­pra­phon / Ja­ro­mir Hon­zak & Band: Un­cer­tainty, Au­dio-CD, Su­pra­phon

Heinrich Laufenberg: Kingdom of Heaven (CD)

«Stand vf, stand vf, du sele min»

von Wolf­gang-Ar­min Ritt­meier

Der große Me­diä­vist Fer­di­nand Seibt hat zu Be­ginn sei­nes be­deu­ten­den Bu­ches «Glanz und Elend des Mit­tel­al­ters» aus dem Jahre 1999 die denk­wür­dige Aus­sage ge­tä­tigt, dass er nicht hätte im Mit­tel­al­ter le­ben wol­len, wüsste man doch heute sehr ge­nau, dass Krank­hei­ten, Seu­chen, Ar­mut, Krieg, re­li­giö­ser Wahn, Un­ter­drü­ckung und mensch­li­ches Lei­den die gro­ßen Kon­stan­ten je­nes Zeit­rau­mes wa­ren, den man heute – je nach Schule – zwi­schen dem 6. und dem 15. Jahr­hun­dert nach Chris­tus ver­or­tet.
Und doch ist die Ro­man­ti­sie­rung des Mit­tel­al­ters, die einst im 19. Jahr­hun­dert be­gann, auch heute noch in vol­lem Schwange. Die Bil­der vom ed­len Re­cken, der schö­nen Jung­frau, der trut­zi­gen Feste, vom bun­ten Tur­nier, dem welt­ver­ges­se­nen Klos­ter, dem rauen und den­noch gu­ten Le­ben sind tief ins kol­lek­tive Be­wusst­sein der Po­pu­lär­kul­tur ein­ge­brannt und wer­den in Bel­le­tris­tik, Mu­sik, Film und Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten wie der «So­ciety of Crea­tive Ana­chro­nism» im­mer wie­der wohl­feil be­dient.

Kein romantisierender Mittelalter-Kitsch

Kingdom of Heaven - Musik von Heinrich Laufenberg und seinen Zeitgenossen, Ensemble Dragma
King­dom of Hea­ven – Mu­sik von Hein­rich Lau­fen­berg und sei­nen Zeit­ge­nos­sen, En­sem­ble Dragma

Nicht, dass die vor­lie­gende CD ro­man­ti­sie­ren­der Mit­tel­al­ter-Kitsch wäre. Die Pro­duk­tion – die si­cher nur zu­fäl­lig den Ti­tel mit ei­ner Kreuz­fah­rer­schmon­zette von Rid­ley Scott aus dem Jahre 2005 teilt – ist durch und durch hoch­klas­sig und aka­de­misch im bes­ten Sinne, be­steht das En­sem­ble Dragma mit Agnieska Bud­zińska-Ben­nett (Ge­sang, Harfe, Dreh­leier), Jane Acht­mann (Vielle, Glo­cken) und Marc Le­won (Ge­sang, Plek­trumlaute, Vielle) doch aus drei ar­ri­vier­ten Spe­zia­lis­ten für mit­tel­al­ter­li­che Mu­sik. Sie kon­zen­triert sich the­ma­tisch auf das Werk von Hein­rich Lau­fen­berg, je­nes ale­man­ni­schen Mön­ches, der wohl um das Jahr 1390 in Frei­burg im Breis­gau ge­bo­ren wurde und am 31. März 1460 in Jo­han­ni­ter­klos­ter zu Straß­burg ver­stor­ben ist. Hinzu tre­ten Werke zeit­ge­nös­si­scher Lie­der­dich­ter.

Laufenberg-Lieder im Deutsch-Französischen Krieg 1870 zerstört

Heinrich von Laufenberg (aus der Handschrift des Buchs der Figuren, die 1870 in Straßburg verbrannt ist)
Hein­rich von Lau­fen­berg (aus der Hand­schrift des Buchs der Fi­gu­ren, die 1870 in Straß­burg ver­brannt ist)

Dass wir heute über­haupt Lie­der von Hein­rich Lau­fen­berg hö­ren kön­nen, grenzt an ein Wun­der, sind die mit­tel­al­ter­li­chen Co­di­ces, die seine Lie­der ur­sprüng­lich ent­hiel­ten (es wa­ren wohl um die 120 Stück), doch beim An­griff auf Straß­burg im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg 1870 zer­stört wor­den. Kurz vor­her je­doch hatte der Kir­chen­lied­for­scher Phil­ipp Wa­cker­na­gel in ei­ner um­fang­rei­chen Edi­tion Lau­fen­bergs Texte her­aus­ge­ge­ben. Auch sind über viele un­ter­schied­li­che Wege Me­lo­dien zu 17 Tex­ten auf uns ge­kom­men, so­dass es heute mög­lich ist, Lau­fen­berg in Text und Mu­sik zu er­le­ben. Al­ler­dings wis­sen wir – und dar­auf weist Marc Le­won in sei­nem höchst in­for­ma­ti­ven Book­let-Text ganz deut­lich hin – nicht, wie die No­ten dem Text tat­säch­lich zu­zu­ord­nen sind, und zwar weil nur No­ten ohne jeg­li­che Struk­tu­rie­rung oder Text­be­zug über­lie­fert wor­den sind. Zu­dem ist nicht klar, ob die No­ten kom­plett über­lie­fert wur­den oder ob manch eine nicht von ei­nem For­scher des 19. Jahr­hun­derts – eine da­mals durch­weg gän­gige Pra­xis – «nach­emp­fun­den» wurde. Die vor­lie­gende nun Re­kon­struk­tion kann sich durch­weg hö­ren las­sen. So tönt Agnieska Bud­zińska-Ben­nett in den der Chris­tus­minne zu­ge­hö­ri­gen Lie­dern wie «Es ta­get min­nen­cli­che“ oder im be­rühm­ten «Be­ne­di­cite» des Mönchs von Salz­burg förm­lich wie vom Him­mel her, so glatt, glei­ßend hell und den­noch mit ei­ner ge­wis­sen Grund­wärme tim­briert klingt ihr Stimme. Aus­ge­spro­chen an­re­gend und ab­wechs­lungs­reich ge­stal­tet auch Mark Le­won seine Lie­der, bei­spiels­weise «Ein le­rer rúft vil lut », ei­nem Dis­kurs über das rechte Le­ben und den rech­ten Glau­ben.

Technisch und gestalterisch niveauvoll musiziert

Wolfenbütteler Lautentabulatur - Glarean Magazin
Aus­schnitt der Wol­fen­büt­te­ler Lau­ten­ta­bu­la­tur

Aber auch die In­stru­men­tal­stü­cke, die sich auf die­ser CD fin­den, wer­den von den drei Mu­si­kern des En­sem­ble Dragma (die in drei Tracks von Hanna Marti  und Eliza­beth Ram­sey un­ter­stützt wer­den) auf tech­nisch und ge­stal­te­risch höchs­tem Ni­veau mu­si­ziert. Auf ein be­son­de­res Schman­kerl, die diese CD dem Alte-Mu­sik-Afi­cio­nado bie­tet, muss hier ge­son­dert hin­ge­wie­sen wer­den. Denn ne­ben den Lie­dern und In­stru­men­tal­stü­cken Hein­rich Lau­fen­bergs und sei­ner Zeit­ge­nos­sen bringt diese Pro­duk­tion erst­mals kom­plett jene Stü­cke, die der so­ge­nann­ten «Wol­fen­büt­te­ler Lau­ten­ta­bu­la­tur» ent­stam­men, ei­ner frag­men­ta­ri­schen Quelle aus der zwei­ten Hälfte des 15. Jahr­hun­derts, die erst vor ein paar Jah­ren ent­deckt wurde und die äl­teste bis­her be­kannte Lau­ten­ta­bu­la­tur über­haupt dar­stellt. Marc Le­won prä­sen­tiert seine auf sei­ner in­ten­si­ven Be­schäf­ti­gung mit der Ta­bu­la­tur ba­sie­rende Re­kon­struk­tion. Und auch dies ist ein ech­ter Oh­ren­schmaus.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Das En­sem­ble Drama prä­sen­tiert mit sei­ner Pro­duk­tion «King­dom of Hea­ven» Lie­der Hein­rich Lau­fen­bergs und sei­ner Zeit­ge­nos­sen so­wie das kom­plette Ma­te­rial der Wol­fen­büt­te­ler Lau­ten­ta­bu­la­tur. Die at­mo­sphä­risch aus­ge­spro­chen dichte, her­vor­ra­gend mu­si­zierte und phi­lo­lo­gisch ex­qui­sit ge­ar­bei­tete Pro­duk­tion kann rundum und ohne Ab­stri­che emp­foh­len wer­den.

Und so ist das, was dem Hö­rer hier 78 Mi­nu­ten lang ent­ge­gen­tönt, so der­ar­tig per­fekt mu­si­ziert, dass man am Ende den Ein­druck hat, hier eben doch idea­len Klän­gen aus ei­nem idea­li­sier­ten Mit­tel­al­ter zu lau­schen. Ob die Stim­men und In­stru­mente ei­nes Mön­ches im kal­ten und zu­gi­gen Klos­ter oder die des über schlam­mige und schlechte Wege von Wei­ler zu Wei­ler zie­hen­den Spiel­man­nes so ge­schnie­gelt ge­klun­gen ha­ben mö­gen? Der Rea­li­tät nä­her mö­gen wohl René Cle­men­cics Auf­nah­men mit­tel­al­ter­li­cher Mu­sik sein, doch die vor­lie­gende CD er­mög­licht es dem Hö­rer, ei­nen Blick ins «King­dom of Hea­ven» zu er­ha­schen.■

King­dom of Hea­ven – Mu­sik von Hein­rich Lau­fen­berg und sei­nen Zeit­ge­nos­sen, En­sem­ble Dragma, La­bel Ra­mee (RAM 1402), Au­dio-CD

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