Eva Demski: Mein anarchistisches Album (Sozialgeschichte)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

narchismus für nfänger

von Jakob Krajewsky

Als junge Punks im besitz­bür­ger­li­chen Ham­burg haben wir das A im Kreis oft auf Strom­käs­ten oder an Häu­ser­wände gesprayt. Mut­tern meinte nur, das sei gefähr­lich. Wir waren ahnungs­los: Wel­che Kon­zepte sich hin­ter die­sem Zei­chen ver­bar­gen – wir wuss­ten es damals nicht, es galt uns ein­fach nur als Pro­vo­ka­tion. Genau da setzt Eva Dem­ski an. Sie erklärt im Vor­wort ihres „anar­chis­ti­schen Albums“, dass es noch kei­nen sys­te­ma­ti­schen Ver­such gäbe, anar­chis­ti­sche Kon­zepte ver­glei­chend dar­zu­stel­len. Das würde dem anar­chis­ti­schen Gedan­ken­gut, das sehr indi­vi­dua­lis­tisch geprägt ist, zuwiderlaufen…

Die Autorin Eva Dem­ski wurde 1944 in Regens­burg als Toch­ter des Büh­nen­bild­ners Rudolf Küf­ner gebo­ren. Sie stu­dierte 1964 bis 1968 Kunst­ge­schichte, Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie in Mainz und Frei­burg. Als Assis­ten­tin der Dra­ma­tur­gie arbei­tete sie beim Schau­spiel Frank­furt und war als Ver­lags­lek­to­rin und Über­set­ze­rin tätig, u.a. über­setzte Dem­ski das Buch „Anar­chis­mus“ von Daniel Gué­rin aus dem Fran­zö­si­schen. Ver­hei­ra­tet war sie bis zu sei­nem Tode in 1974 mit Rei­ner Dem­ski. Von 1969-1977 arbei­tete sie für den Hes­si­schen Rund­funk, u.a. bei der Sen­dung „Titel, The­sen, Tem­pa­ra­mente. Seit 1977 wirkte sie als freie Schrift­stel­le­rin und wurde viel­fach mit Prei­sen bedacht. Eva Dem­ski war bis 1996 Mit­glied im P.E.N.

Wie geht Freiheit?

Eva Demski - Mein anarchistisches Album - Suhrkamp Verlag 2022Dem­ski erin­nert sich an ihre Jahre als Stu­die­rende und bringt viele schrille Fotos von Ute Dietz in ihr Album zum Thema als Doku­men­ta­tion ein. Die­ses „Album“ ist keine wis­sen­schaft­li­che Abhand­lung, es kommt sprach­lich locker daher, ohne Anspruch auf Voll­kom­men­heit. Die Autorin stellt ver­schie­dene Figu­ren aus der Szene des Anar­chis­mus der Moderne vor. Und sie stellt Fra­gen: Wie geht Frei­heit? Zitiert Erich Müh­sam: „Ich hab’s mein Leb­tag nicht gelernt, mich frem­dem Zwang zu fügen.“ Es wird unter­schie­den zwi­schen dem welt­an­schau­li­chen Anar­chis­mus und den Bom­ben­wer­fern. Im ers­ten Kapi­tel von ins­ge­samt 16 folgt ein name drop­ping bekann­ter Grö­ßen: Baku­nim, Fürst Kro­pot­kin, der Phi­lo­soph Leo­pold Kohr, Clara Zet­kin, u.a.

Was ist eine Anarchistin?

Eva Demski
Eva Dem­ski: „Wie geht Freiheit?“

In den ein­zel­nen Kapi­teln wid­met sich Eva Dem­ski all­ge­mei­nen Betrach­tun­gen wie: „Die meis­ten von uns hal­ten sich ohne Sys­tem nicht für über­le­bens­fä­hig“ Dabei wird die Har­vard-Pro­fes­so­rin Shos­hona Zuboff mit dem Begriff „Über­wa­chungs­ka­pi­ta­lis­mus“ zitiert. Dann fragt Dem­ski: Was ist eine Anar­chis­tin, ein Anar­chist? – und kommt auf Pippi Langstrumpf.
Wei­ter wid­met sie sich ein­zel­nen Prot­ago­nis­ten, z.B. der rus­si­schen Jüdin Emma Gold­man und ihrem quir­li­gen Lebens­lauf mit freier Liebe und offe­nen Bezie­hun­gen samt ihrem poli­ti­schen Akti­vis­mus, sowie Emmas Herz für die frühe LGBT-Com­mu­nity in den USA. Die Ant­ago­nis­ten und „bösen Kapi­ta­lis­ten“ als Ange­hö­rige einer Klasse „jener küh­len, cal­vi­nis­ti­schen Kapi­tal­hö­rig­keit“ wie die Indus­tri­el­len Frick, Car­ne­gie und Rocke­fel­ler wer­den mit ihrem Stif­tungs­we­sen vorgeführt.

Ambiguität des Systems

Anzeige Amazon: Anarchie!: Idee - Geschichte - Perspektiven
Anzeige

Die Ambi­gui­tät unse­res Sys­tems wird offen­ge­legt: „Woher das Geld für die wun­der­ba­ren Kon­zert­säle, Samm­lun­gen und Biblio­the­ken kam, und wie viel Blut und Schweiß daran klebt, inter­es­siert nie­man­den mehr.“ Emma Gold­mann liebte die Oper, den Kitsch – und war oft im Gefäng­nis. Auf Emmas Grab­stein steht gleich­sam als Credo: …dass Frei­heit nicht zu einem Volk her­ab­käme, das Volk müsse sich selbst zu ihr erhe­ben!“ Im Kapi­tel „Auf Glei­sen, auf Rei­sen“ erzählt Dem­ski dann von den Hobos in den USA, die sich auf die Güter­wa­gen wag­ten und gra­tis quer durchs große Land als Wan­der­ar­bei­ter reis­ten – Män­ner wie Frauen.

Anarchy in Switzerland und Kreuzberg

Die Schweiz als Ursprungsland des Anarchismus: Michael Bakunin, Gründer der Antiautoritären Internationalen im jurassischen St. Imier
Die Schweiz als Ursprungs­land des Anar­chis­mus: Michael Baku­nin, Grün­der der Anti­au­to­ri­tä­ren Inter­na­tio­na­len im juras­si­schen St. Imier

Nett ist auch Demskis Schwenk in die Schweiz zu den anar­chis­ti­schen Uhr­ma­chern: Edel­ar­bei­ter, die genü­gend innere Frei­heit besa­ßen, anar­chi­sche Gedan­ken zu hegen. Sie wagt damit einen Blick auf die „Mikro­his­to­ri­sche Glo­bal­ge­schichte zu den Anfän­gen der anar­chis­ti­schen Bewe­gung“. Ich erin­nere mich noch, wie es bei den Punks in den 1980ern hieß: „Züri brennt“. Und man dachte: Na klar, es muss eine ent­spre­chende Szene geben in der so auf­ge­räum­ten Schweiz, schließ­lich war auch Lenin dort in Klau­sur. Im Kapi­tel „Beson­dere Zei­ten“ kommt diese zur Sprache.
Sei­ten­hiebe ver­teilt Dem­ski gegen Klaus Schwab und die heu­ti­gen eli­tä­ren Welt­spit­zen­funk­tio­näre, die auf Vol­kes Kos­ten unter Aus­schluss des­sel­ben ihren Welt­wirt­schafts­gip­fel in Davos ver­an­stal­ten. Wobei diese Eli­ten gemäss Dem­ski sich und ihre Gedan­ken der neuen Welt­ord­nung fei­ern wür­den; sie wür­den zwar liber­tär klin­gen, seien aber in ihrer Kon­se­quenz totalitär.

Anarchie-Graffiti in Berlin-Kreuzberg
Anar­chie-Graf­fiti in Berlin-Kreuzberg

Dann folgt ein Schwank über Edel-Punks in Ber­lins Kreuz­berg. Hier klärt Dem­ski ihren per­sön­li­chen Bezug zur Szene: Ein Knei­pier namens Conny, mit dem die Autorin befreun­det ist, wird gehypt. Beson­ders die Idee des Budi­kers, die Wände eines Anarcho-Ladens namens „Voll­mond“ mit gol­de­ner Ret­tungs­fo­lie zu über­klei­den, stellt einen Wert an sich da. So wird das Tun zu anar­chis­ti­schem Gehabe sti­li­siert: „Anar­chis­ten lie­ben und ehren die Über­bleib­sel des Lebens: Ver­ges­sene, ver­brauchte, übrig gelas­sene, aus­ge­setzte und ver­ach­tete Dinge. Mit dem kind­li­chen Mit­leid, das aus ihrer ins Erwach­se­nen­al­ter geret­te­ten magi­schen Phase übrig­ge­blie­ben ist, ver­mö­gen sie das Kost­bare in einer alten Brat­pfanne oder einem zer­fetz­ten Vor­hang zu erkennen.“

Abgesang auf aristokratische Anarchos

Eine wei­tere Epi­sode im Fami­li­en­al­bum behan­delt die aris­to­kra­ti­schen Edel­punks und Möch­te­gern-Anar­chis­ten Karl Lager­feld, Udo Lin­den­berg und Mar­cel Reich-Rani­cky, die mit ihrem eigen­ar­ti­gen Stil­bruch in Ton­fall, Tempo, Duk­tus und Fluk­tus lange in der Welt der Mode, der Musik und der Lite­ra­tur fast auto­kra­tisch herrsch­ten. Dem­ski bezeich­net sol­che Stil-Iko­nen als Anar­chos und begrün­det das mit deren „Simu­la­tion vor­re­vo­lu­tio­nä­rer Pracht“. Natür­lich darf in einem wei­te­ren Teil des Albums der Street­art­künst­ler Banksy nicht feh­len, der die absur­den Gesetze des Kunst­mark­tes und des Stra­ßen­dschun­gels aus den Angeln hebt, um Gutes zu tun.

Anzeige Amazon: In medias res - 222 Aphorismen - Walter Eigenmann
Anzeige

Dem­ski han­gelt sich durch die Glit­zer­wel­ten, und es wird noch abstru­ser: Elon Musk, Jeff Bezos und Peter Thiel wären wohl auch Anar­chos. Lei­der ver­gisst die Autorin Bands wie „Die Ärzte“, „Ein­stür­zende Neu­bau­ten“, „Nina Hagen & Band“, „The Sex Pis­tols“, „The Clash und The Crass“ sowie Men­schen mit Tief­gang wie Mar­tin Buber oder Gershon Scholem, die ein phi­lo­so­phi­sches Anarcho-Prin­zip verkörperten.

Reale Anarcho-Projekte ausgeklammert

Zum Schluss erfolgt ein Lamento, Absage an die Meta­phy­sik des Den­kens – ein Plä­doyer für das Buch an sich. Reale anar­chis­ti­sche Expe­ri­mente wie „Repu­blik Freies Wend­land“, Kopen­ha­gens „Chris­tiana“ oder den tem­po­rä­ren auto­no­men Mini-Kur­den­staat „Rojava“ mit sozia­lis­ti­schem Gemein­schafts­ei­gen­tum auf syri­schem Gebiet beschweigt sie. Das ist für die Lite­ra­tin nicht bur­lesk genug, zu real viel­leicht lite­ra­risch wohl zuwe­nig wertvoll.

Ins­ge­samt kommt das Album erzäh­le­risch-unter­halt­sam daher. Fein ist auch der Groß­druck für schwa­che Augen und die aus­drucks­star­ken Fotos. Aber tief­geis­tige Lek­türe darf nicht erwar­tet wer­den. Meine Buch-Zusam­men­fas­sung: Ⓐnar­chis­mus für Ⓐnfän­ger einer Ⓐltern­den Ⓐuto­rin, die halt noch­mals ein Buch machen wollte… ♦

Eva Dem­ski: Mein anar­chis­ti­sches Album, 220 Sei­ten, Suhrkamp/Insel Ver­lag, 978-3-458-17843-9

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Anar­chis­mus auch über Rosa Luxem­burg: Zum 100. Todesjahr


Der GLAREAN-Her­aus­ge­ber bei INSTAGRAM


 

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)