Das Musik-Zitat der Woche von Irmgard Jungmann

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Musik und Geschäft

Irmgard Jungmann

In den letzten Dezennien ist ein rapide fortschreitender Konzentrationsprozess in der Medienindustrie und im Musikgeschäft zu beobachten. Die großen Vier heißen Universal, Sony-BMG, EMI und Warner. Norman Lebrecht beschrieb in seinem Buch „Aufstieg und Fall der Klassikindustrie“ in beeindruckender Weise den weltweiten Niedergang in der Sparte der Klassikindustrie. Während die Musikindustrie noch bis in die 70er Jahre hinein ihr großes Geschäft mit den Langspielplatten klassischer Musik machen konnte, sanken seither die Verkaufszahlen der Medienindustrie im Klassikbereich und haben seit den 90er Jahren einen Tiefstand erreicht.
Lebrecht listete einige Faktoren auf, die den Niedergang beschleunigt hätten. Vor allem habe die Überproduktion an Aufnahmen klassischer Werke den Markt so gut wie zusammenbrechen lassen (bis 1994 gab es beispielsweise 79 Aufnahmen von Dvoraks 5. Symphonie). Ebenso haben die Unzerstörbarkeit der CD in Kombination mit ihrer ausgefeilten Klangqualität sowie die Möglichkeiten des Internet die Absatzmöglichkeiten verringert. Zuletzt bezeichnet Lebrecht auch den Zustand der Avantgardemusik als einen Grund für die schwindenden Absatzzahlen im Klassiksektor und zitiert den ehemaligen Sony-Produzenten Michael Haas: „Letztendlich wurde die Klassik von den Komponisten im Stich gelassen. Ohne eine neue Musik, die intelligente, sensible Konsumenten hören wollten, blieb nur die Möglichkeit, das Vergangene wieder aufzuwärmen“.

Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik - Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert - J.B. Metzler VerlagAn diesem Punkt stehen wir heute. Neue „ernste“ Musik wird nur von einem kleinen Bevölkerungskreis aufgenommen und lässt sich kaum verkaufen. Sie fristet ein vergleichsweise kümmerliches Dasein im großen Weltmarkt der Musik, der Markt für traditionelle klassische Musik scheint mit der „Aufwärmung“ des immer Gleichen mehr oder minder gesättigt zu sein.
Die Musikkonzerne sind aber, da sie es mit künstlerischen Produkten zu tun haben, von den Medienexperten, den Künstlern, den Ausführenden ebenso wie den komponierend „Mischenden“, ihrem Erfindungsgeist, ihrer »Innovationskraft« abhängig.

Norman Lebrecht: Ausgespielt - Aufstieg und Fall der Klassikindustrie - Schott VerlagDie großen Marktchancen liegen inzwischen längst im Bereich der Popmusik, die ihre Fähigkeit zu musikalischer Entwicklung, zur Innovation, zum Experimentieren mit Althergebrachtem ebenso wie mit Neuem unter Beweis gestellt hat, die ohne die Behinderung durch ästhetische Bedenken Bach, die Gregorianik, Miminal Music, Indische Kunstmusik oder jede Art von Folklore verarbeiten kann und inzwischen längst neue Stile und Moden wie Rock, Rap, Techno, Hiphop geschaffe hat. In diesen Bereichen „spielt die Musik“. ♦

Aus Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik – Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert, J.B. Metzler Verlag, 260 Seiten, ISBN 978-3476022974

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klassik und Pop-Musik auch den Essay von Frieder W. Bergner: Das U und das E in der Musik

… sowie zum Thema E-Musik das Zitat der Woche von Ursula Petrik: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik

Außerdem zum Thema Klassische Musik das Musik-Zitat der Woche von Alexander Köhler: Stirbt die klassische Musik aus?

Weitere Web-Links zum Thema:


Charité – Staffel 3 der ARD-TV-Serie

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Menschlich glaubwürdig gestaltet

von Katka Räber

Arzt-Serien haben berechtigterweise nicht nur einen guten Ruf, wenn es um die früheren Götter in Weiß geht. Ein Krankenhaus ist aber, ähnlich wie ein Hotel oder eine Schule, ein idealer Ort für immer wieder neue Schicksale und spannende Begegnungen, die nicht nur Klischees bedienen müssen. In der ARD-Serie über das 300-jährige Berliner Krankenhaus Charité wurde kein fiktives Spital gewählt, sondern ein besonders geschichts- und geschichtenträchtiges.

Die „Charité“-Serien-Filme weisen eine hohe filmische und schauspielerische Qualität auf und vor allem sehr viel dokumentiertes, historisches Potential. Die ersten beiden Staffeln spielten sich ab in den Jahren 1888 und dann in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges.
Die Ereignisse der 3. Staffel konzentrieren sich auf die Monate vor und nach dem Mauerbau 1961, und sie widerspiegeln sehr eindrücklich die Atmosphäre der geteilten Stadt und die Stimmung der Menschen in der DDR. Dadurch bietet die Serie nicht nur spannende Unterhaltung anhand von menschlichen Schicksalen, sondern auch historische, politische Dokumentation.

Geschichtlich eindrückliche Fall-Beispiele

Charité Film-Kritik - Medizin inmitten politischer Umbruchzeiten - Rezensionen Glarean Magazin
Medizin inmitten politischer Umbruchzeiten: Die Charité zu Zeiten des Berliner Mauerbaus

Die Protagonisten sind nicht nur fiktives Personal, sondern es werden echte, berühmte Persönlichkeiten der Wissenschaft dargestellt. Der damalige Stand der Medizin wird durch eindrückliche Fallbeispiele gezeigt und durch die politische Situation sehr interessant dramaturgisch auch auf der Gefühlsebene wiedergegeben. Wir folgen den Tatsachen, dass z.B. erst 1960/61 die Polio-Impfung erfunden und gegen die Kinderlähmung parallel im Westen und in der Sowjetunion entwickelt wurde. Die Impfung wurde im Ostblock sogar früher als im Westen großflächig eingesetzt, was man hier durch einen Krankheitsfall vorgeführt bekommt.

Wir werden Zeugen von vielen anderen Krankheitsverläufen, an denen man beispielsweise zeigt, dass die Planwirtschaft oft Wichtiges verpasste und dadurch z.B. Einweghandschuhe Mangelware waren oder dass es manchmal zu verheerenden Engpässen in der Lieferung von Penicillin kam.
Sehr interessant ist der Bezug zur heutigen Corona-Situation, was das Impfen betrifft. Auch in unserer Zeit wird der medizinische Fortschritt mit der Politik verwoben, es gibt Engpässe in der Versorgung mit Gesichtsmasken, und auch die Verteilung vom Impfstoff ist im Moment ein Politikum.

Politische Einmischung in die Medizin

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Im Zusammenhang mit dieser Serie war ich neugierig auf historische Tatsachen, die die Charité betreffen. Nach dem Krieg war die Klinik zu 90 Prozent zerstört und wurde in der DDR wieder aufgebaut. Die Stasi beteiligte sich maßgeblich am Aufbau des Charité-Personals und fürchtete den Verrat von Forschungsgeheimnissen an den sogenannten Klassenfeind. Daher mischte sich das Ministerium für Staatssicherheit nach Mitbestimmung ein, wenn es darum ging, wer Karriere machen durfte oder wer überhaupt für Auslandsreisen an Kongresse in Frage kam. Es war ja nicht möglich, aus der DDR auszureisen.

Medizin-Koryphäe und Polit-Vertuscher - Otto Prokop - Glarean Magazin
Medizin-Koryphäe und Polit-Vertuscher: Gerichtsmediziner Otto Prokop

Zwei der Hauptprotagonisten der Serie, wie z.B. der österreichische Gerichtsmediziner Prof. Otto Prokop und die Kinderärztin und Neonatologin Dr. Rapoport sind beide auch mit dieser Thematik konfrontiert. Prokop war als Gerichtsmediziner auch für die Obduktionen der Todesopfer an der Berliner Mauer zuständig und trug durch sein Schweigen dazu bei, dass es der DDR gelang, Todesumstände und Todesursachen der Maueropfer zu vertuschen. Nach außen legte er aber Wert auf politische Unabhängigkeit und war nie Mitglied in einer Partei.
Die Kinderärztin Ingeborg Rapoport war Mitglied in der SED und sehr überzeugt von der Ideologie, die sie auch nach dem Mauerfall noch verteidigte. Ihr bewegtes Schicksal wäre auch einen Film wert.

Die Kombination des Menschlichen mit der damals so dramatischen politischen Realität des Kalten Krieges und der medizinischen Entwicklung macht die glaubwürdig gestaltete Serie hoch spannend und sehenswert. ♦

Charité – Geschichten von Leben und Tod, TV-Serie, Sender ARD

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Politik und Film auch über Julia von Heinz: Und morgen die ganze Welt


 

Das Musik-Zitat der Woche von Bettina Skrzypczak

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Vom Verändern durch Musik

Bettina Skrzypczak

Bettina Skrzypczak - Komponistin - Musik-Dozentin - Glarean Magazin
Bettina Skrzypczak (Bild Priska Ketterer)

„Mit dem, was man etwas verengt ‚politische Musik‘ nennt, habe ich zwar meine Schwierigkeiten, aber ein Realitätsbezug kann auf vielerlei Arten entstehen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sagen: Ja, so ist es, und man kann nichts machen.
In mir brennt etwas, ich möchte etwas bewirken mit meiner Musik und etwas verändern. Ich finde, nur durch starke Stimmen kann etwas in Bewegung gebracht werden.“

Aus einem Interview der Schweizer Musikzeitung mit der Komponistin und Musik-Dozentin Bettina Skrzypczak (Ausgabe Nr. 12/2020)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN ausserdem das Musik-Zitat der Woche von Hans G. Bastian: Brauchen wir Musik?

… sowie zum Thema Komponieren auch über den Internationalen Kompositionswettbewerb der PAS 2021

Weitere interessante Web-Links zum Thema Neue Musik


Julia von Heinz: Und morgen die ganze Welt (Film)

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Zwischen Antifa und Rechtspopulismus

von Katka Räber

„Und morgen die ganze Welt“ ist ein Film (Regie: Julia von Heinz) über das Aneinandergeraten der autonomen Jugend und der militanten Neonaziszene in Deutschland. Ein Abbild der jetzigen Gesellschaft an den politischen Rändern, wo Antifaschismus und Populismus die Stimmung zum Kochen bringen. Stark, leidenschaftlich, jung und sehr authentisch.

Und morgen die ganze Welt - Spielfilm 2020 - Julia von Heinz - Filmplakat - Glarean MagazinLuisa ist eine Jurastudentin im ersten Semester, Tochter aus „gutem Haus“ einer Familie des alten deutschen Adels, bei denen Jagden zum Alltagssport gehören. In der zuhause so angepassten Tochter brodelt starke Wut gegen die faschistischen Rechten. Luisa wird durch ihre beste Freundin aus früherer Schulzeit in eine politisierte WG aufgenommen, die im autonomen Jugendzentrum wohnt und Proteste gegen rechtsgerichtete Demonstrationen plant.

Politische und erotische Spannungsfelder

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Luisa’s Wut ist allerdings militanter als der politische Wille ihrer friedfertigen Freundin. In mehreren, sehr spannend dargestellten Szenen werden wir Zeugen verschiedener Manövern solcher Zusammenstösse zwischen Demonstrierenden beider militanter Gruppierungen und der Polizei. Luisa gerät politisch und erotisch ins Spannungsfeld von zwei jungen Führungskräften dieser Autonomen, Alfa (Noah Saavedra) und Lenor (Tonio Schneider). Alfa stiftet immer stärker zu gewalttätigen Aktionen an, Lenor will mit Gewalt nichts zu tun haben, was die Übernamen beider Protagonisten bereits suggerieren.
Als Publikum wird man Zeuge  spannender, meist illegaler Geschehnisse mit dem gedanklichen Hintergrund, die Demokratie retten zu wollen. Aber die jungen Leute sind nicht nur Polit-Aktivisten, sondern auch Menschen – voller Wut, voller Ängste, Zwiespalt und voller Leidenschaften.

Ideologien in den Vorgärten der Genügsamkeit

Julia von Heinz - Film-Regisseur - Glarean Magazin
Regisseurin Julia von Heinz

All das wird grossartig von viel Musik begleitet. Wer jagt wen? Während der Räumung des autonomen Jugendzentrums ertönt eine Verdi-Arie. Wessen Ideologie gewinnt in den Vorgärten der normalen Genügsamkeit? Der Film zeigt aber nicht verherrlichend die junge, ideologisch linke Seite, sondern auch die Zweifel, das Müffelnde und Allzumenschliche. Vielleicht sogar das Revoluzzertum auf Zeit, bevor das spätere, meist gesetzte Leben beginnt.

und morgen die ganze Welt - Film-Rezension - Polizei-Szene - Glarean Magazin
Szenen-Foto aus „Und morgen die ganze Welt“

Und morgen die ganze Welt ist ein gelungenes Polit-Plädoyer mit ausgezeichnet besetzten Rollen der beiden jungen Frauen und der Männer, aber auch des alten Revoluzzers der früheren Generation (Andreas Lust). Die Grundthematik des Filmes ist gleich zweimal explizit erwähnt: Der Artikel 129 des Grundgesetzes der dt. Bundesverfassung über das Widerstandsrecht wird anfänglich in schriftlicher Form in Erinnerung gerufen, zum Schluss nochmals hörbar im Wortlaut gemacht. Und die Frage ist immer präsent: Wer hat das Recht, die Staatsordnung zu schützen – und mit welchen Mitteln? ♦

Julia von Heinz (Regie): Und morgen die ganze Welt, Spielfilm mit Mala Emde u.a. 110 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Rechtspopulismus auch über Beat Ringger: Die Zukunft der Demokratie

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus (Bildband)

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Gleiches Recht für alle

von Sigrid Grün

Der Feminismus, die weltweite Frauenbewegung hat einen weiten Weg zurückgelegt – der noch lange nicht zu Ende ist. Weltweit herrschen immer noch Verhältnisse, die Frauen systematisch benachteiligen. In Saudi-Arabien haben Frauen bis heute kein Recht auf freie Meinungsäusserung, sie dürfen nicht zusammen mit Männern studieren, und viele Dinge sind ohne Einwilligung eines männlichen Vormundes verboten. Weltweit hat sich in den vergangenen 150 Jahren viel getan, aber selbst in Europa verdienen Frauen immer noch deutlich weniger als Männer. Die auf US-amerikanische Geschichte spezialisierte Historikerin Jane Gerhard hat gemeinsam mit Dan Tucker dieses Coffee Table Book zur Geschichte des Feminismus herausgebracht.

„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann.“ (Margaret Mead)

Warum ein Bildband? Bilder vermitteln die Dynamik und die emotionalen Botschaften sehr viel intensiver, als ein Text dies könnte. Und es geht auch darum, dass Bilder „die Besonderheiten einer Kultur, einer bestimmten Aufmachung, eines Auftritts und anderer Details, die einer Geschichte erst die Würze verleihen, besonders gut zu transportieren vermögen.“ (Seite 6)

Breit gestreute Themenfelder

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus - Die illustrierte Geschichte der weltweiten FrauenbewegungDie Bilder (Fotos, Plakate, Gemälde) vermögen tatsächlich, einen sehr lebendigen Eindruck zu vermitteln. Sie zeigen hervorragend auf, wie Frauen aus vergangenen Zeiten und fremden Kulturen alle für eine Sache gekämpft haben: Gleichberechtigung.
Das Buch ist nach unterschiedlichen Themenfeldern gegliedert. Zunächst geht es um politische Mitbestimmung, insbesondere um das Recht zu wählen („Eine Stimme haben“). Hier wird die Situation in den USA sehr stark ins Zentrum gerückt. Dies ist natürlich vor allem dem Umstand geschuldet, dass das Buch eine Übersetzung ist und von US-AmerikanerInnen herausgegeben wurde. Beginnend bei der Seneca Falls Convention, die am 19. und 20. Juli 1848 in Seneca Falls (New York) abgehalten wurde und die „Declaration of Sentiments“ hervorbrachte, wird die Geschichte der Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten sehr gut in Wort und Bild vermittelt.
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch die oftmals enge Verbindung zwischen der Frauenbewegung und der Abstinenzbewegung, weil Frauen extrem unter dem Alkoholmissbrauch ihrer Männer litten. Die grösste Abstinenzbewegung war die Woman’s Christian Temperance Union (WTCU). Auch die Situation in anderen Ländern (Grossbritannien, Deutschland, China, Saudi-Arabien…) wird aufgegriffen, aber in weitaus geringerem Umfang als diejenige in den USA.

Die weibliche Selbstbestimmung

New Yorker Zeitungs-Illustration 1870 - Frauenärztin Elisabeth Blackwell bei einer Anatomie-Lektion - Glarean Magazin
New Yorker Zeitungs-Illustration aus dem Jahre 1870, die Amerikas erste und einflussreichste Frauenärztin Elisabeth Blackwell bei einer ihrer Anatomie-Lektionen zeigt

Im zweiten Kapitel, „Das Recht auf Selbstbestimmung“, geht es um Bürgerrechte und ganz zentral um das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen. Es werden beeindruckende Persönlichkeiten wie Elizabeth Blackwell vorgestellt, die als erste Ärztin der Vereinigten Staaten gilt und mehrere medizinische Hochschulen für Frauen gründete. Im Zusammenhang mit den Protesten von AbtreibungsbefürworterInnen fällt eine Person auf, die einen erstaunlichen Sinneswandel durchgemacht hat: Die ehemalige Aktivistin Norma McCorvey (Pseudonym Jane Roe), die noch 1989 für das Recht von Frauen, über ihren Körper selbst zu bestimmen demonstrierte, konvertierte 1994 zum Katholizismus und wurde zur Abtreibungsgegnerin, die ihre Rolle in der Frauenbewegung plötzlich bedauerte.

Das weitverbreitete Abtreibungsverbot

In vielen Ländern ist Abtreibung – selbst nach einer Vergewaltigung oder einer Gefährdung der Mutter – immer noch strikt verboten. In Irland hat das u.a. dazu geführt, dass ein 13-jähriges Vergewaltigungsopfer nicht nach England ausreisen durfte, um dort eine Abtreibung vornehmen zu lassen – und zum Tod einer Frau, bei der eine bereits beginnende Fehlgeburt festgestellt worden war, und die trotzdem nicht abtreiben durfte und schliesslich infolge einer Blutvergiftung starb. Seit 1984 gibt es in den USA (immer wieder durch einzelne Präsidenten gelockert), den Global Gag Rule (Globale Knebelvorschrift), die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Gesundheitswesen eine Aufklärung bezüglich Schwangerschaftsabbrüchen verbietet – andernfalls droht eine vollständige Streichung der finanziellen Unterstützung durch die US-Regierung.

Die Gleichstellung der Ehepartner

Müssen Frauen gleichberechtigt sein - Strassen-Statements in den 1950er Jahren - Glarean Magazin
Müssen Frauen gleichberechtigt sein – Strassen-Statements in den 1950er Jahren – Glarean Magazin

In „Raus aus dem Puppenhaus“ geht es um die Ehe und die wirtschaftlichen Rechte von Frauen. Die Gleichstellung der Ehepartner vor dem Gesetz ist dabei ebenso Thema wie die Kinderehe.
„We can do it“ widmet sich der Frau in der Arbeitswelt. Heute noch müssen vor allem Frauen unter katastrophalen Bedingungen arbeiten, die sie oft das Leben kosten. Die Brände in Textilfabriken haben insbesondere die Leben weiblicher Arbeiterinnen gefordert. Frauen verdienen immer noch weniger als Männer und müssen in vielen Fällen Haushalt und Pflege von Kindern und Alten zusätzlich zur Erwerbstätigkeit erledigen.

Sexismus und Rassismus

Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung
„Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung“

Im fünften Kapitel, „Im Auge des Betrachters“, rücken Frauenbilder in den Mittelpunkt. Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung. Feministische Künstlerinnen setzten dieser Tradition etwas entgegen und ermöglichten auf diese Weise eine Neuidentifikation mit dem weiblichen Äusseren.
Das letzte Kapitel schliesslich, „Gleiches Recht für alle“, widmet sich schliesslich der Gleichberechtigung aller Menschen, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht. Während sich die frühe Suffragettenbewegung weitgehend aus der Oberschicht rekrutierte, setzte sich im Lauf des vergangenen Jahrhunderts (u.a. in der zweiten Feminismuswelle in den 1970er Jahren) zusehends die Einsicht durch, dass es um Gleichberechtigung für alle Menschen gehen muss. Und so wird im im letzten Abschnitt die Überwindung von Rassismus sowie der Sexismus und die LGBTQIA-Bewegung untersucht.

Fokus auf dem Anglo-Amerikanischen

Den ungewöhnlichen, bis anhin kaum gesehenen Ansatz, einen Bildband über Feminismus zu veröffentlichen, finde ich grossartig. Die Umsetzung ist auch sehr gelungen. Ich empfehle, zunächst jeweils den Bildteil und anschliessend den Textteil (oder umgekehrt) durchzulesen, weil der Lesefluss sonst ständig durch den Bildteil (mit umfangreichen Bildunterschriften) unterbrochen wird.

Der Fokus liegt hier ganz klar auf dem anglo-amerikanischen Kulturraum, was ich anfangs etwas irritierend fand. Letztendlich wird aber auch die Entwicklung der weltweiten Frauenbewegung sehr gut umrissen. Ein schöner und gut lesbarer Bildband, den ich allen, die am Thema Feminismus interessiert sind, empfehlen kann. ♦

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus – Die illustrierte Geschichte der weltweiten Frauenbewegung, 256 Seiten, Prestel Verlag, ISBN 978-3-791-38529-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Feminismus und Sexismus auch über Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

… sowie zum Thema Frauenbewegung über Traditionsbrüche und Erinnerungsarbeit – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Peter Biro: Schluss mit lustig! – Zur Corona-Pandemie 2020

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Schluss mit lustig!

Appell eines Arztes zur Covid-19-Pandemie

von Prof. Dr. med. Peter Biro

Normalerweise ist mir selten ernst zumute, und ich finde in fast allem etwas Heiteres zum darüber Frotzeln. Aber jetzt ist es aus mit der Lustigkeit. Diese wurde in letzter Zeit zunehmend von Verzweiflung abgelöst.

Natürlich mache ich mir Sorgen um die mir nahestehenden Personen, und auch um meine eigene Gesundheit. Aber nicht das ist es, was mich zur Verzweiflung treibt, sondern die Ignoranz der Zeitgenossen und die Nachlässigkeit der Behörden.

Corona-Virus - Pandemie 2020 - Covid-19 - Glarean Magazin
Warum die Corona-Pandemie keine gewöhnliche Grippe ist

Wir sind inmitten einer exponentiellen Verschlechterung der Lage mit einer Verdoppelung der Fallzahlen für Kranke, Schwerkranke und Todesfälle alle zwei bis drei Tage. Was dabei am meisten beunruhigt, ist das grassierende Unverständnis des ehrenwerten Publikums für exponentielles Wachstum. Bei konstanter Verdoppelung entstehen binnen kürzester Zeit gewaltige Zahlen. Die altbekannte Weizenkorn-Legende von der Belohnung des Schachspiel-Erfinders durch den dankbaren persischen König veranschaulicht diese Unvorstellbarkeit: Auf die Frage, was er sich als Bezahlung für seinen Dienst wünsche, antwortete der Meister, dass er ein Weizenkorn fürs erste Feld des Schachbretts haben möchte, gefolgt von doppelt so viel, also zwei auf dem zweiten – und so weiter, mit Verdopplung der Körnerzahl mit jedem weiteren der 64 Felder. Der von der scheinbaren Bescheidenheit des Erfinders belustigte König gab den Auftrag an seine Bediensteten zur Ausführung weiter. Es dauerte nicht lange, bis sich herausstellte, dass es bei weitem nicht genug Weizen auf der ganzen Erde gab, um auch nur einen Bruchteil des Auftrags zu erfüllen.

Chance des totalen Lock-Downs verpasst

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean Magazin
Prof. Dr. Peter Biro: „Schluss mit lustig!“

Was ich damit sagen will ist, dass die Ausbreitung der Corona-Infektion sich so rasant abspielt, dass durch normale Erfahrung voreingenommene Menschen diese dem exponentiellen Wachstum innewohnende Gefahr nicht wirklich verstehen. Die bis vor kurzem nonchalant in grossen Rudeln flanierenden Sonnenanbeter am Seeufer zeugen von dieser Ignoranz. Dabei hätte es eine einzige Möglichkeit gegeben, die massenhafte Ausbreitung zu verhindern: Man hätte gleich am Anfang – als noch erst wenige Fälle gemeldet wurden – die weitestgehenden Massnahmen ergreifen müssen wie das totale Lockdown und die völlige Isolation auf allen Ebenen – von der Einzelperson über die Ortschaften und Regionen bis hin zum ganzen Land.
Doch der Moment, als das noch hätte nützen können, wurde in der Schweiz wie fast überall andernorts sträflich verpasst. Um eine Analogie aus meinem beruflichen Wirkungskreis zu bemühen, das ist ähnlich zur Krebserkrankung: Sobald diese diagnostiziert ist, wird man nicht die Behandlung schrittweise mit dem Wachstum des Tumors ausbauen, sondern gleich am Anfang mit der maximalen Therapie beginnen, z.B. mit einer Radikaloperation. Nur so kann man Krebs einigermassen wirksam bekämpfen: maximale Massnahmen bei noch geringer Tumorprogredienz. Dasselbe gilt für alles, was gegen exponentielles Wachstum angewendet werden soll.

So verhalten, als sei man bereits erkrankt!

Jetzt ist zu befürchten, dass uns eine ähnliche Entwicklung wie in Italien bevorsteht. Aber wenn man schon nicht mit der adäquaten Reaktion der Behörden rechnen kann, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns individuell richtig zu verhalten. Und das heisst, so zu tun als sei man bereits erkrankt – mit dem Imperativ, in die persönliche Isolation zu gehen. Man gehe nirgendwo mehr hin, man halte Abstand, desinfiziere regelmässig die Hände und lasse sich die Einkäufe vor die Tür bringen. Wenn man kein Desinfektionsmittel mehr auftreiben kann, lange man nach den Spirituosen in der heimischen Kellerbar. Wenn man nichts dergleichen hat, sollte man regelmässig die Hände waschen, das hilft auch. Aber das Wichtigste ist: Zuhause bleiben, verdammt nochmal! ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Weitere Internet-Adressen zum Thema Corona-Pandemie 2020

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B. Zizek (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden

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Die Universalien der Kulturen

von Heiner Brückner

Individuelle und gesellschaftliche Differenzerfahrung zeigt sich insbesondere im Umgang mit dem Fremden schlechthin als wertende Andersartigkeit. Ein neuer Symposiums-Band „Formen der Aneignung des Fremden“ der beiden Herausgeber Boris Zizek und Hanna N. Piepenbring thematisiert die Aneignungsmöglichkeit der den Kulturen gemeinsamen Universalien.

Erwartungsvoll begann ich mir die Diskursergüsse der theoretischen Auseinandersetzungen sowie durch empirische Fallbeispiele vereinten Erarbeitung über die Aneignung des Fremden ausserhalb der eigenen Person anzueignen, erwartungsvoll schliesse ich den Band. Möglicherweise taugen die beabsichtigten weiterführenden Aspekte des Fremdverstehens für eine gewisse Öffnung innerhalb von Fakultätsgrenzen zu einer akademischen interkulturellen Öffnung dem Fremden gegenüber. Als Resümee ergeben sich die Struktureigenschaften der Position des Fremden: Er erlebt eine Krise und Distanz zur neuen Gruppe, hat mehr Freiheiten, allerdings auch mehr Risiken und erschliesst sich die Umwelt konstruierend durch eigene Sinngebung.

Bekannte Kernaussagen in neuen Wörterhülsen

Boris Zizek - Hanna Piepenbring - Formen der Aneignung des Fremden - Universitätsverlag Winter Heidelberg - Rezensionen Glarean MagazinIm Detail betrachtet, werden in diesem Symposiums-Band des „Zentrums für Interkulturelle Studien zur Erforschung globaler Kulturphänomene“ bekannte Kernaussagen mit neu geschliffenen Wörterhülsen bestückt. Das Erkenntnispulver ist nicht ausreichend, um eine Lunte zu befeuern, die einen nachhaltigen Wirkungstreffer auf der Veränderungszielscheibe explodieren lassen könnte. Das Fremde wird fremd bleiben, solange es Menschen gibt, die es als solches belassen oder als Gefährdung empfinden, denn akzeptieren und respektieren der Würde jeden Subjektes verlangt eigene Standhaftigkeit und angemessenes Zurücknehmen seiner selbst.
Der 10. Band der Schriftenreihe Intercultural Studies nimmt flüchtig als lyrisches Exempel das Gedicht „Der Fischer“ von Johann Wolfgang Goethe unter die Lupe, das Wasser nicht als Chemikalie beschreibt, sondern als mit Lebensbezug Erfahrenes gestaltet. Darin scheint nicht das Fremde so fremd, sondern vielmehr ist die Person mit dem Fremden des ihr Vertrauten beschäftigt.

Der Ethnologie-Begriff in der Historie

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Wurzelnd auf dem Kolonialherren-Denken wird – historisch fokussiert – Ethnologie zum Schlagwort. Es entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts aus der inneren Befremdung durch die kulturelle Stufenentwicklung zum Händler, der beweglicher ist, weil er nicht an Traditionen gebunden zu sein scheint. Im Mittelalter seien die intellektuellen Fähigkeiten zur Völkerverständigung geschaffen worden (Todorov). Doch subjektive Aneignung ist mehr, als ein Studienaufenthalt in einem fremden Land vermitteln kann.
Im 20. Jahrhundert begünstigt der Beginn expliziter theoretischer Auseinandersetzung mit dem Fremden das Verständnis vom Grenzgänger oder Immigranten bis hin zur Destruktion „sozialer Exterritorialität“, nämlich einer „Soziologie der Vernichtungslager“ in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung

Als Formen der Verkörperung, um das Fremde als an sich kulturelles und erlerntes Konstrukt in Alltagssituationen zu überwinden, werden Elemente der „Martial Arts“ angeführt und methodologisch eine Lücke im deutschen Forschungsdiskurs zur Kulturabhängigkeit in den Grenzen der Biographieforschung aufgedeckt. Der Beitrag über die „Marokko-Reise Eugène Delacroix’“ versteht darüber hinaus künstlerisches Handeln als eine gesteigerte Form der Aneignung.

Formen der Aneignung des Fremden - Interkulturen - Anpassung - Bevölkerung - Rezensionen Glarean Magazin
„Neues Fremdsein aufgrund von Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung“

Die sozialwissenschaftliche Perspektive unterscheidet zwischen drastischer Inhumanität innerhalb der Menschheitsgeschichte und empathischer Offenheit und erwähnt die moralische Seite der Begegnung mit dem Fremden vom Einfluss frühkindlicher Fremd-Erfahrungen.
Das 21. Jahrhundert wird mittels Feldforschung exemplifiziert, einmal anhand der subkulturellen indischen HipHop-Szene. Und auch am Beispiel koreanischer Remigranten von Krankenschwestern und Bergarbeitern, die in den 60er und 70er Jahren von der BRD angeworben worden waren, wird deutlich, dass nach einer Überanpassung ein neues Fremdsein geänderter Werte zu keiner versöhnenden Verschmelzung führt.

Partielle Assimilation unabdingbar

In einer subjekttheoretischen Analyse gelangt der Autor zu der Einsicht, dass eine partielle Assimilation unabdingbar ist, um in einem fremden Milieu zu bestehen. Die Merkmale Objektivität und (zweifelhafte) Loyalität als Grenzgänger oder Immigrant, können durch Assimilation dazu führen den eigenen Status zu verlieren oder innerhalb der Ursprungsgruppen ewige Randexistenz zu bleiben.
Für die akute aktuelle gesellschaftliche Lage in der Migrations-Debatte reissen die vorliegenden internationalen Beiträge aus sozial- und erziehungswissenschaftlicher, psychologischer, linguistischer und historischer Perspektive wichtige Aspekte an. Sie verdeutlichen darüber hinaus die Komplexität, die der gesellschaftliche Aneignungsprozess erfordert. Mehr aber nicht. ♦

Boris Zizek, Hanna N. Piepenbring (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden, 180 Seiten, Universitätsverlag Winter Heidelberg, ISBN 978-3-8253-4687-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Interkulturelle Anpassung auch über Adibeli Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

… sowie zum Thema Kultur-Aneignung den Essay von Rolf Stolz: Die Kultur-Utopie Europa

Anton „ViscaBarca“ Rinas: Realtalk (Rezension)

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Psycho-Striptease eines Gaming-Influencers

von Heiner Brückner

Der YouTube-Fame als greller Schein. Ist das Kunst oder ehrgeizige Individualinszenierung? Nein, es ist für den einen oder anderen tragische Realität. Aber diese Offenbarung, die „ViscaBarca“ zum eigenen Whistleblower macht oder zum Seelenstripper, wie Anton Rinas selbst sagt, ist heilsam – für ihn selbst, und hoffentlich für viele Follower.
Sicherlich ist mit Kulturarbeit und Kunst kein Staat zu machen, aber es handelt sich dabei um konkretes Leben und nicht um eine virtuelle Scheinwelt, selbst wenn sie Visionäres und Fantastisches projiziert und prolongiert.

Viscabarca - Anton Rinas - Realtalk - Mein Leben als Influencer - Cover - Rezension Glarean MagazinAnton Rinas alias ViscaBarca konnte sich den Lebenstraum vieler junger Menschen erfüllen. „Als erfolgreicher YouTuber und Social Medias Performer begeistert er über eine Million Abonnenten, verdient mit 17 bereits fünfstellige Summen im Monat“, kündigt der Verlag das Werk über „Trug, Schein und Schulden“ eines Gamers an. Dann kam der Absturz des digitalen Modephänomens als Influencer. Ich lese die Bekennergeschichte mehr als diagonal, weil mich das Thema reizt, weil ich den Herkunftsort des Autors kenne, und weil ich auf die Verlockungen der Verlagsanpreisung hereingefallen bin. Bin ich der Influenz erlegen? Noch will ich mich erwehren durch das Lesen der veröffentlichten Fakten.

Wer füttert den Beeinflusser?

Fussball-Fans FC Barcelona - Glarean Magazin
„Es lebe Barca, die tolle spanische Fussballmannschaft“: Das Massen-Game als Social-Multiplikator

Wer füttert den Beeinflusser, von wem lässt er sich beeinflussen? Wen hat er im Visier, auf wen oder was zielt er ab? Das sind Hintergrundfragen, die entscheidend sind, weil sie den Schein hinter allem aufdecken. Freimütig zählt Rinas seine Fake-Accounts genauso auf wie seine millionenfachen Likes. Sein Aka-Name ViscaBarca ist Programm und eigentliche Lebenssehnsucht, die er sich wegen körperlichen Handicaps nicht mehr erfüllen kann: Es lebe Barca, die tolle spanische Fussballmannschaft.
Wessen entledigt er sich also bei seinem öffentlich gemachten Höllentrip durch eine Influencer-Biografie unter dem Titel „Realtalk“?

Down To Earth und Back To Life

Glarean Magazin - Muster-Inserat - Banner 250x176Das erste Kapitel fasst zusammen, wie der Offenbarungseid in ein 15-minütiges Realtalk-Video als „Balsam für meine Seele“ gepackt werden sollte. Das letzte schilderte, wie er nach dem Absturz wieder „down to earth“ kommen konnte. Dazwischen wird die Chronologie seines Auf- und Abstiegs ausgebreitet: die chaotischen Zustände in Familie, Erfolg und Misserfolg in Gaming-WGs, und wie die geliebte Schwester und ihr Mann, sein Schwager, ihn finanziell bis in den Ruin auspumpen. Dreimal stellt er eine Liste der Ausgaben von 4000 bis auf 205’000 Euro Schulden auf. Nach dem Absturz findet er in München „mit Disziplin und Fleiss“ wieder „back to life“, wird wegen des „Schwester-Videos“ als „InzestBarca“ beschimpft und erleidet wirtschaftlich den nächsten Rückschlag wegen einer undurchsichtigen Steuerberaterin.

Den „ganzen Scheiss“ hinausgekotzt

Viscabarca - Anton Rinas - Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen - Glarean Magazin
„Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen“: FC-Barcelona-Fan Viscabarca alias Anton Rinas

Reden wir Klartext („Realtalk“) und nicht lange um die 271 Seiten herum, so wie es das Elaborat auch tut: verzweifelter Seelenstrip, Digga, literarisch bescheiden, moralisch als abschreckendes Exempel einsetzbar, aus der katastrophalen finanziellen Notlage geboren.
ViscaBarca lamentiert in seinem Schriftstück nicht gefühlsduselig, will auch nicht „rumheulen“, er kotzt den „ganzen Scheiss“ offensichtlich ungeschminkt heraus. Der seelische Auswurf ist ein notgedrungenes, eigentlich nicht druckreifes Drauflos-Quasseln in der lässigen YouTube-Sprechweise bzw. Social Medias Plattformen. Häufige Wiederholungen, teils Widersprüche, chaotisches Hin- und Her-Springen entlarven die ganze Summe der Entscheidungsflexibilität eines unschlüssigen jungen Mannes, der am Ende seiner eigenen Hilfswerk-Biografie zu einem allgemein hinreichend bekannten Fazit gelangt. Nämlich, dass sein süchtiger Spielkonsum nur eine Flucht vor der eigenen Leere gewesen sei.

Nie wieder Fake Shit

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Rinas ringt sich zum Einsichtsvorsatz durch: „… ich würde nie wieder fake shit machen, um etwas vorzuleben, das nichts mit mir und meinem Herzen zu tun hat.“ Und er hat Ratschläge parat: „Lass dich nicht von anderen abhalten, deine Träume zu verwirklichen. […] Das Leben wird noch hart genug, auch wenn wir nicht aufeinander rumhacken.“
Genusslesen war das nicht, weder inhaltlich noch sprachlich (z. B. „Ich kam nicht mehr auf mein Leben klar!“ – „Auf die Situation kam ich echt nicht klar.“) noch vom Erkenntnisgewinn her betrachtet. Abschreckend ist wohl der einzige positive Aspekt an diesem „Teil“ (Zitat Rinas), das ohne die mitschreibende Hilfe seines Bekannten Josip Radovic „niemals so cool“ geworden wäre.

An erster Stelle dankt er den Zuschauern und YouTube-Kollegen für ihre Treue. Nach Mitleid heischt er nicht, der Leser muss nicht in wehleidiges Mitklagen verfallen. Vielmehr darf er sich über die schnelle Vergesslichkeit der YouTube-Follower beim Neubeginn des Influencers wundern. Es ist frappierend, was da abging und worauf man leicht hereinfallen kann.
Kurzum: „Realtalk“ ist die öffentlich gemachte private Bekennerstory des Influencers Anton Rina aka ViscaBarca in 22 Kapiteln über einen ganz persönlichen Psychoterror als Gaming-Zocker mit Computerspielen in flapsigem YouTube-Speech. ♦

Anton Rinas „ViscaBarca“: Realtalk – Trug, Schein und Schulden / Mein Leben als Influencer, 272 Seiten, Community Editions, ISBN 978-3960961055

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Digitale Welt 2.0 auch das „Zitat der Woche“ von
Felix Stalder: Kultur der Digitalität

ausserdem zum Thema Sprachzerfall den Essay von
Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben.

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Lothar Becker: Das Erzgebirge, die Stasi und ich (Satire)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Das Erzgebirge, der Wald, die Stasi und ich

Lothar Becker

Ich war ein Idiot. Und was für einer! Im Oktober 89 habe ich angefangen, für die Stasi zu arbeiten. Im Oktober 89. Wie kann man nur so blöd sein, werdet ihr fragen. Im Oktober 89 ist doch mit der DDR schon alles vorbei gewesen. Ich weiss, ich weiss. Rückblickend bin ich ja derselben Ansicht.
Aber ich schwöre, damals habe ich nichts geahnt. Wirklich. Ich dachte, das geht immer so weiter mit der Zone und mit den Ostmächten und mit den Westmächten und mit dem Eisernen Vorhang und alledem. Die Betonköpfe sind nicht reformierbar, habe ich gedacht. Die kleben an ihrer Macht. An den Verhältnissen wird sich in den nächsten fünfhundert Jahren nichts ändern. Warum ich das gedacht habe, weiss ich bis heute nicht. Vielleicht habe ich mich etwas zu oft im Wald aufgehalten und deswegen das eine oder andere nicht mitbekommen.
Ich bin eben ein Erzgebirgler wie er im Buche steht. Naturverbunden, heimatliebend. Im Wald war die DDR noch stabil. Da war es wie immer. Im Wald gab es keine politischen Eruptionen. Im Wald gab es keinen Gorbatschow und kein Neues Forum. Manchmal kam einer vorbei, der sah aus wie Rainer Eppelmann. Aber er war es dann doch nicht. Ich muss sagen, im Wald habe ich mich nicht eingesperrt gefühlt.
Aber sonst immer. Eingesperrt und beobachtet. Und belauscht. Vor allem belauscht. Weil ich Musik gemacht habe, Songs geschrieben und so. Protestsongs. In erzgebirgischem Dialekt. Denn ich wollte Freiheit, die Umwälzung, den Kapitalismus. Natürlich, was denn sonst. Das wollten ja alle damals. Aber ich hatte keine Ahnung, dass im Oktober 89 politisch schon einiges im Gange gewesen ist. Die Perestroika hatte ich irgendwie verpasst. Im Wald sind die Verhältnisse wie all die Jahre davor gewesen, und ich habe mit meinen Liedern gegen diese Waldverhältnisse angekämpft. Auf erzgebirgisch. Ich war ein Mundart-Dissident.

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Aber warum bist du dann zum Stasi gegangen, werdet ihr fragen? Das ist kompliziert. So kompliziert wie alles damals. Ich will versuchen, es euch zu erklären. Damals musste man um die Ecke denken, wenn man die Machthaber austricksen wollte, man musste für etwas sein, wenn man gegen es sein wollte, und umgekehrt musste man gegen etwas sein, wenn man dafür sein wollte. Versteht ihr? Also wenn man so tat, als wäre man für die bestehenden Verhältnisse, konnte man leichter gegen sie sein, und genau das habe ich gemacht.
Im Klartext: Zur Stasi bin ich gegangen, weil ich in den Westen wollte. Natürlich nur zu Besuch. Mit einem Visum. Ich wollte auf jeden Fall wieder zurückkommen. Ohne mein Erzgebirge wäre ich ja zu Grunde gegangen. Trotzdem musste ich mal rüber. Aus künstlerischen Gründen. Ich hatte von Gundermann gehört, der aus demselben Grund mit der Stasi zusammengearbeitet hatte. Gerhard Gundermann, der singende Baggerfahrer. Gundermann wollte im Westen auftreten und berühmt werden. Das wollte ich auch. Im Westen konnte man Karriere machen. Wer es im Westen schaffte, war der Held. Und der wäre ich gern gewesen.
Also habe ich mich in Annaberg als IM bei der Stasi beworben. Mein Führungsoffizier hiess Ralf und trug zwei Parteiabzeichen, um seine unverbrüchliche Treue zum Arbeiter- und Bauernstaat zu zeigen. „Ich zahle auch zwei Mal die Mitgliedsbeiträge“, sagte er, „die Partei ist mein Ein und Alles.“ Ralfs Deckname war Rolf. Ich musste ihn Rolf nennen, damit seine Identität nicht aufflog.
„Warum willst du innoffizieller Informant werden?“, fragte Rolf.
„Wegen Dings, na hier Sieg des Sozialismus und so“, sagte ich.
„Dufte“, sagte Rolf, „und wie willst uns helfen?“
„Als Spitzel“, sagte ich, „indem ich den Klassenfeind denunziere!“
„Jemand bestimmtes?“, erkundigte sich Rolf.
„Nee, generell“, sagte ich.
„Namen“, sagte Rolf, „wir brauchen Namen.“
„Hm“, sagte ich und überlegte. Ich kannte nur Sven. Sven hatte zusammen mit Vojtech, einem Bekannten aus Teplice begonnen, T-Shirts aus sudanesischen Textilabfällen herzustellen. Weitere Stoffreste erhielten sie vom afghanischen Militär und einer albanischen Fabrik für protestantische Herrenunterwäsche. Sven und Vojtech schrieben „Schwerter zu Pflugscharen“ oder „Lieber tot als rot“ auf die Stoffe, und drei tschechische Näherinnen sassen Tag und Nacht an ihren Nähmaschinen, denn die Nachfrage nach T-Shirts war in Ostdeutschland überwältigend. Sven und Voijtech befanden sich auf dem besten Weg, mit ihren Produkten reich zu werden. Dass sie damit der Volkswirtschaft und dem Ansehen der Republik und allem schadeten, war ihnen egal.

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Zufälligerweise wusste ich, dass Sven am 28. Oktober eine neue Lieferung über den Grenzübergang Oberwiesenthal geplant hatte. Ich wusste es deswegen, weil ich mir bei ihm ein T-Shirt mit der Aufschrift „Stasi in den Tagebau“ bestellt hatte, und es noch am selben Abend in Crottendorf abholen wollte.
Rolf freute sich. „Dafür stellen wir einige Genossen ab!“, bestimmte er, „wenn die Sache funktioniert, dann können wir auch was für dich tun!“ Na, das lief doch prima!
Tatsächlich hatte sich Sven dann am 28. Oktober mit seinen drei Näherinnen, Olga, Larissa und Jana in einem bis unter die Decke mit T-Shirts vollgepackten Tatra von Teplice zum Grenzübergang Oberwiesenthal auf den Weg gemacht. Nun weiss ich nicht, wer von euch schon einen Tatra gesehen hat, aber allen, die das Fahrzeug nicht kennen, kann ich versichern, es war der schwerste PKW seiner Zeit. Ein russisches Produkt, das gemacht wurde, um sich durch den sibirischen Schnee zu fräsen, und nebenher alles von der Fahrbahn zu schleudern, was dort nicht hingehörte: kraftstrotzende Wildrinder, Elche oder Bären zum Beispiel, wirklich alles.
Dummerweise war Sven während des steilen Anstieges zum Zollgebäude der Sprit ausgegangen. Das mag am zusätzlichen Gewicht der viertausend, ins Wageninnere gepressten T-Shirts gelegen haben, aber auch an Olga, die nicht ganz so dürr wie Larissa und Jana gewesen ist. „Scheisse!“, hatte Sven gerufen, „Olga, Larissa, Jana! Aussteigen und schieben!“ Olga, Larissa und Jana stiegen aus und begannen, den Skoda die steil ansteigende Strasse von Bozi Dar zum Grenzübergang nach oben zu schieben. Sven sass hinter dem Steuer und lenkte, und nur, wenn Larissa, Olga und Jana zu schnell waren, bremste er ein wenig.
Die Zollbeamten kriegten sich kaum ein vor Lachen, als Olga, Larissa und Jana das Auto vor ihnen abstellten, aber dann winkten sie Sven zur Seite, und nahmen den Wagen gründlich auseinander. „Zoll?“, fragte einer der tschechischen Beamten.
„Nix Zoll!“, erboste sich Sven, „Eigenbedarf. Das ziehe ich alles selber an!“
„Ha, ha!“, sagten die Zollbeamten und konfiszierten den gesamten Wageninhalt. Dann sperrten sie Sven, Larissa, Olga und Jana zwei Stunden lang ein, telefonierten mit ihren Vorgesetzten und liessen sie schliesslich wieder gehen. Ohne die T-Shirts versteht sich. Da schüttelte Sven resigniert den Kopf, setzte sich hinters Steuer und liess sich von Olga, Larissa und Jana zurück nach Teplice schieben.

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Unten in Crottendorf warteten ich und die anderen Genossen der Stasi bis zum Morgengrauen auf Sven und die T-Shirts, aber als abzusehen war, dass er nicht mehr auftauchen würde, blies Rolf den Einsatz ab. „Na, das war ja wohl nichts!“, konstatierte er, „ich hoffe, wir haben keinen Verräter in unseren Reihen!“ Damit war ich gemeint. Da habe ich „Ach, so ist das!“ gerufen, und bin gegangen. Wenn eine Tür da gewesen wäre, hätte ich sie zugeknallt. War aber nicht.
Ein paar Wochen später fiel die Mauer. Nach der Wende interessierte sich kein Mensch mehr für singende Mundart-Dissidenten. Weder im Osten noch im Westen. Fragt Gundermann! Wie so viele andere auch musste ich mich im Arbeitsamt in Annaberg melden. Und nun stellt euch einmal vor, wer mir da als Sachbearbeiter gegenübersass: Es war Rolf!
„Mensch Rolf!“, rief ich, „das ist ja vielleicht eine Überraschung!“
„Tut mir leid, hier gibt es keinen Rolf!“, sagte Rolf, „ich heisse Ralf!“
„Alles klar, Ralf!“, sagte ich, „ich brauche einen Job, hörst du?“
„Schwierig, schwierig“, murmelte Rolf, „mit deiner Vergangenheit! Du warst doch bei der Stasi, oder?“
„Andere doch auch!“, sagte ich.
„So? Wer denn?“, ereiferte sich Rolf.
„Das weisst du doch ganz genau!“, sagte ich.
„Ich?“, brüllte Rolf, „Ich soll was wissen? Das ist doch wohl die Höhe! Mein ganzes Leben lang habe ich gegen das Regime gekämpft, niemand war aktiver im Untergrund als ich! Das fehlte noch, dass ich von einem Stasi-Spitzel als Stasi-Spitzel denunziert werde! Ausgerechnet ich, eine Säule des Widerstandes. Und ich soll dir einen Job versorgen? Das kannst du ein für alle Mal vergessen. Und jetzt raus hier, aber dalli!“
Da habe ich mich wortlos umgedreht, die Tür hinter mir zugeschlagen, und bin wieder in den Wald gegangen. Im Wald waren die Verhältnisse wie immer. Im Wald war es noch wie im Osten. Manchmal kam einer vorbei, der sah aus wie Ibrahim Böhme. Aber er war es dann doch nicht. ♦


Lothar Becker - Schriftsteller Publizist - Glarean MagazinLothar Becker

Geb. 1959 in Limbach-Oberfrohna/D, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Veröffentlichungen von Musical- und Theater-Stücken, lebt als Jugend-Sozialpädagoge, Musical-Komponist und Band-Musiker in Lembach/D

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema DDR-Mauerfall auch über den Roman von
Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

ausserdem zum Thema Politik und Gesellschaft eine weitere Satire von
Lothar Becker: Hitler in der U-Bahn

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Mario Andreotti: „Eine Kultur schafft sich ab“ (Rezension)

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Wider den Zeitgeist

von Alexander Meier

„Eine Kultur schafft sich ab“ – so der hellhörig machende Titel des neuesten Buches von Prof. Dr. Mario Andreotti, dem ehemaligen Kantonsschullehrer und Lehrbeauftragten für Sprache- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen und dem Dozenten für Neuere deutsche Literatur an zwei Pädagogischen Hochschulen. Der Band vereinigt in chronologischer Reihenfolge 52 Kolumnen, die der Autor von 2012 bis 2019 im St. Galler Tagblatt und dessen Partnerzeitungen in den CH Media verfasst hat.

Auch wenn es bisweilen inhaltliche Überschneidungen gibt – die Kolumnen waren ursprünglich nicht zur Publikation in der Form einer Anthologie vorgesehen –, vermag das Buch den Leser von Anfang an zu interessieren, zum Weiterlesen zu animieren. Das liegt nicht nur an den Themen, sondern zu einem grossen Teil auch an der unprätentiösen, klar auf die Sache fokussierte Sprache. Der Autor verfügt mühelos über ein umfassendes Wissen und über profunde Sachkenntnisse. Er wird dennoch nie geschwätzig.

Bildung und Hochschulzugang

Mario Andreotti Eine Kultur schafft sich ab - Beiträge zu Bildung und Sprache - Literatur-Cover Format-Ost - Glarean MagazinWorum geht es Autor Andreotti? Was gibt ihm in der Schweizer Bildungslandschaft zur Besorgnis Anlass?
Zunächst zur Situation an den Gymnasien und das Bologna-System im universitären Bereich: Es ist eine Tatsache, dass der Besuch des Gymnasiums nicht mehr als sogenannter Königsweg zur Hochschule gilt, und dass seine Position mit den Jahren geschwächt worden ist. Mit dem Numerus Clausus an der medizinischen Fakultät wurde das Maturazeugnis fraglos abgewertet. Es verlor zudem an Bedeutung, insofern vor allem in der Westschweiz Studienanwärter über eine rein fachspezifische Aufnahmeprüfung an einer Universität aufgenommen werden können. Unklar ist auch mehr und mehr, was „gymnasiale Bildung“ überhaupt ist. Die Nähe der vage formulierten Allgemeinbildung am Gymnasium zu jener in den Diplom- und Berufsmittelschulen ist unbefriedigend. Mario Andreotti fordert deswegen vom Gymnasium einen wohl definierten, unabdingbaren Bildungskanon, um die Studierfähigkeit seiner Absolventen zu erreichen. Der VSMP (Verein Schweizerischer Mathematiker- und Physiklehrkräfte) hat hier mit einer Projektgruppe bereits Pionierarbeit geleistet und gleichzeitig Fachwissen gegenüber der Pädagogik und Didaktik prioritär behandelt. Ob die Lehrkräfte gefunden werden können, welche diesem Anforderungsprofil genügen, ist freilich eine andere Sache.

Lehren die Gymnasien das Falsche?

Einen unabdingbaren Kanon festzulegen ist das eine. Wer indessen das Niveau der Maturitätsschulen erhöhen möchte, muss sich überlegen, wie wünschenswert es ist, eine möglichst hohe Maturitätsquote im jeweiligen Kanton anzustreben. Mario Andreotti plädiert in diesem Fall für Mut zur Elite. Die Bildung einer Elite sei für den Staat und die Gesellschaft ebenso wichtig wie die Förderung der Schwachen. Das bedeutet einen Abschied von der Idee eines Massengymnasiums, der Rekrutierung von Bildungsreserven, wie es seinerzeit nach dem Sputnik Schock verlangt worden ist.

Schule - Klassenzimmer - Gymnasium für alle - Schweizer Bildungslandschaft - Sprachkultur - Glarean Magazin
Wird an den (Schweizer) Gymnasien das Falsche unterrichtet?

Wird an Gymnasien das Falsche unterrichtet? Nach einhelliger Meinung von Bildungsexperten ist dem so. Der vermittelte Stoff sei zum Teil veraltet, zum Teil sogar mangelhaft. In den Lehrplänen figurierten Vorstellungen, die als Grundlage für ein Hochschulstudium nichts taugten. Mario Andreotti lehnt die Vorwürfe nicht rundweg ab. Zumal das Fächerangebot sei angesichts einer sich rasch wandelnden Gesellschaft mit ständig neuen Aufgaben an den Einzelnen immer wieder zu überprüfen. Doch marginalisierte Fächer wie etwa Geschichte, politische Bildung und Philosophie, aber auch Latein, müssten eine Aufwertung erfahren. Ihnen müsse mehr Raum gewährt werden. Bildung und Ausbildung ist eben nicht dasselbe. Bei der Ausbildung geht es um beruflich direkt Verwertbares und abfragbares Wissen, bei der Bildung hingegen um ein ganzheitliches Wissen, das der humanistischen Bildungsidee verpflichtet ist. Ein rein pragmatisches Denken darf den gymnasialen Fächerkanon nicht zunehmend bestimmen.

„Bulimisches Lernen“

1999 verpflichteten sich 29 europäische Nationen, einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu schaffen, das Bologna System einzuführen. Als Signatarstaat der ersten Stunde setzte die Schweiz die Reform zügig um. Als Ziel wurde die Förderung der Mobilität und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Bildungsstandortes Europa anvisiert. Wichtige Eckpfeiler: das dreistufige Studiensystem mit Bachelor, Master und Doktorat sowie das Leistungspunkteprogramm ETCS (European Credits Transfer System). Wohin hat uns Bologna geführt?

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Mario Andreotti kann der Reform wenig Positives abgewinnen. Zwar ist die Mobilität der Studierenden etwas grösser geworden, aber ansonsten bleibt der Bologna Prozess aus seiner Sicht, pointiert ausgedrückt, „eine trübe Baustelle“. Das Sammeln von Kreditpunkten – es scheint besonders stark amerikanischen Universitäten abgeschaut worden zu sein – ist geradezu „leicht grotesk“. Die Studierenden werden offensichtlich als eine Art „Fabrikarbeiter“ definiert, die ihre Präsenz womöglich bald einmal mit einer Stempeluhr registrieren lassen müssen. Zu einer Studienzeitverkürzung ist es dank der erwähnten neu eingeführten Diplome nicht gekommen. Und der wohl gravierendste Punkt: es gibt viel zu wenig Nachhaltigkeit im Lernprozess. Das ECTS- Punkte Sammeln erfordert an jedem Semesterende das Bestehen einer Prüfung, was die Studierenden fast unzumutbar belastet. Zu Recht diagnostiziert Mario Andreotti angesichts dieses Befundes ein „bulimisches“ Lernen: Der Lernstoff wird schnell aufgenommen, um ihn dann ebenso schnell wieder zu vergessen.

Nüchterne Aufklärung im Fokus

Liest man die Kolumne über den Bologna-Prozess, könnte der Eindruck entstehen, der Autor habe sich bisweilen unbewusst von der Formel „prodesse et delectare“ inspirieren lassen, die von der Ars Poetica des Horaz abgeleitet werden kann. Der unterhaltende Aspekt („delectare“) stellt sich indessen primär nur ein, wenn der Gegenstand der Untersuchung plötzlich quasi wie von selbst in einem grotesken oder skurrilen Licht auftaucht. Zur Hauptsache geht es dem Autor ums „prodesse“ (nützen), genauer, um sachliche, nüchterne Aufklärung. Übrigens ohne jegliche Häme. Sein typisches Vorgehen, verkürzt, folgt dem Muster: Observation, Befund, Analyse, Erfragen der Hintergründe, Überlegungen zu möglichen Folgen und – implizit oder explizit – Forderungen.
Nach diesem Prinzip wird auch die Lage an der Volksschule thematisiert. Das Resultat: Die Einführung von Frühfremdsprachen, von neuen Unterrichtsformen und der Lehrplan 21 trüben das Bild beträchtlich ein.

Problematik der Frühfremdsprachen

Schulkinder - Bildungssystem - Hausaufgaben - Schulfächer - Schreiben lernen - Glarean Magazin
Frühfremdsprachen in der Schule: „Ein nicht kindgerechter pädagogischer Irrweg“?

Wenn der Name des Autors Andreotti bei Anglisten erwähnt wird, dann fällt das Echo oft nicht durchwegs positiv aus: “ We are not amused“. Sie sind der Ansicht, das sei doch der Spielverderber, der gegen das Englisch sei. Das grenzt indessen an eine üble Verdrehung der ganzen Wahrheit. Dem Autor geht es vorerst grundsätzlich um die Problematik der Frühfremdsprachen Englisch und Französisch. Deutliche Worte fallen hier. Der Fremdsprachunterricht in der Primarschule ist ein kostspieliger und „nicht kindgerechter pädagogischer Irrweg“. Beweise fehlen, welche belegen könnten, dass die Langzeitwirkung von Frühenglisch und Frühfranzösisch einmal positiv bilanziert werden könnte. Nach den ersten Lebensjahren erwirbt das Kind die Sprache zusehends analytischer, nicht mehr ganzheitlich. Zentral sind dabei das Auswendiglernen von Vokabeln und das Erlernen von Grammatikregeln. Das funktioniert aber erfahrungsgemäss nicht vor dem 10. bis 12. Altersjahr, bis zu einem Zeitpunkt, wo das Kind fähig ist, abstrakter zu denken.

Dringend: Ausbau der Sprachkompetenz

Was müsste geschehen? Mario Andreotti befürwortet in vielen seiner Kolumnen mit Vehemenz und zu Recht einen Ausbau der deutschen Sprachkompetenz unserer Jugendlichen. Und so verwundert es nicht, wenn er fordert, die Stundendotation für den Frühfremdsprachenunterricht müsste dem Deutschunterricht zugesprochen werden. Besonders in der Deutschschweiz. Hier gilt es ja vorerst richtig Hochdeutsch zu lernen. Eine subtile Argumentation, die noch durch eine weitere, durchaus nachvollziehbare Überlegung ergänzt wird. Bei diesem angedachten Szenario könnte in Übereinstimmung mit der Zürcher Linguistin Simone Pfenninger in Sachen Fremdsprachenerwerb durchaus später begonnen werden. Nach dem Grundsatz: besser spät und intensiv als früh und halbbatzig.

Neues ist nicht immer besser

Mario Andreotti - Literatur-Autor - Glarean Magazin
Kultur-Rufer und Sprach-Warner: Mario Andreotti

Moderne Unterrichtsformen und die Diskreditierung des guten Frontalunterrichts, in den sich ja durchaus phasenweise andere soziale Lernformen integrieren lassen, führen nach Mario Andreotti in eine Sackgasse. Selbstorganisiertes Lernen, SOL, auf der Primarstufe ist in der Tat schlichtweg eine Überforderung des Kindes. Hier folgt der Autor nachvollziehbar dem Kinder- und Jugendpsychologen Allan Guggenbühl. Die Kinder sind gar nicht in der Lage Lernprozesse selbst zu steuern und fühlen sich gestresst, allein gelassen. Dies zumal auch, da die Lehrkraft lediglich diskret als Coach, als Lernbegleiter ihre Rolle wahrnehmen darf. Wie der Lehrplan 21, Mario Andreotti nennt ihn aus guten Gründen einen „Blindenführer“, mit diesem Konzept kompatibel sein soll, ist recht rätselhaft. Einerseits wollen Bildungsexperten Kindern möglichst viel Freiheit zugestehen, andererseits sollen deren Kompetenzen mit äusserst elaborierten Rastern beurteilt werden.

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Wiederholt realisiert der Leser bei der Lektüre der Kolumnen, dass das Neue nicht immer das Bessere ist. Das gilt schliesslich in besonderem Masse für das Thema Digitalisierung und Schule. Mario Andreotti glaubt nicht, dass die digitalen Möglichkeiten eine erfolgreiche schulische Zukunft in die Wege leiten werden. Es ist schon fragwürdig, dass die Schule mit dem Kauf der neuen Gerätschaften in den Sog des Marktes gelangt und Gefahr läuft, sich an Modellen des unternehmerischen Wirtschaftens zu orientieren und so pragmatisch denkende Menschen heranbilden kann. Er glaubt nicht, dass die Begeisterung für die digitalen Medien die Lernleistung entscheidend erhöhen wird. Untersuchungen geben ihm Recht. Ein Mehrwert auf Grund des Einsatzes dieser Medien ist bis heute nicht nachgewiesen. Doch die Illusion bleibt, nämlich dass das Lernen dank Mausklicks ohne Anstrengung erfolgen kann und die Schüler sich im Grunde alles selbst beibringen können.
Studien der letzten Jahre – man darf wohl auch an die Hattie Studie denken – geben ihm Recht. Erfolgreiches Lernen hängt stark zusammen mit Lehrerpersönlichkeiten, die den Mut haben zu erziehen. Eine Kuschelpädagogik, die den Schülern alles vermeintlich Unangenehme, zu dem übrigens auch Hausaufgaben gehören mögen, abnehmen will, ist nicht zielführend.

Kein Requiem, sondern ein Appell

„Eine Kultur schafft sich ab“ – der Titel des neuen Buches von Mario Andreotti ist nicht als Requiem, als Abgesang auf eine alte Kultur zu verstehen. Es geht vielmehr um einen dringenden Appell, Neues zu überdenken. Viel steht auf dem Spiel. Adressaten sind vor allem die Akteure, welche den neuen Lehrkonzepten zum Durchbruch verholfen haben. Bildungsforscher, Bildungsexperten, Bildungspolitiker. Es richtet sich aber auch an die Öffentlichkeit. Dem hervorragenden Buch ist eine möglichst grosse Verbreitung zu wünschen. ♦

Mario Andreotti: Eine Kultur schafft sich ab – Beiträge zu Bildung und Sprache, 120 Seiten, FormatOst Verlag, ISBN 978-3-03895-013-4


Alexander Meier

Alexander Meier - Anglist - Rezensent Glarean MagazinGeb. 1946 in Basel, Studium der Anglistik und Germanistik an der Universität Zürich, anschliessend Kantonsschullehrer und Anglist sowie Bezirksschulinspektor und Praktikumslehrer für Englisch, nach der Pensionierung Organisation von Englisch-Weiterbildungskursen und Examinator an Maturitätsschulen, seit 2017 Leiter von Workshops für Englischlehrer in Tanzania (Montessori School), lebt in Oftringen/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin von Mario Andreotti auch den Essay: Sprachwandel oder Sprachzerfall? Wie Jugendliche heute schreiben

… sowie zum Thema Medien und Literatur den Essay: Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebs

ausserdem im Glarean Magazin zum Thema Internet und Sprachkultur: Anton Rinas „ViscaBarca“: Realtalk – Mein Leben als Influencer

Weitere interessante Internet-Beiträge zum Thema Schule und Bildung:

Hauptlernform Projektlernen – Wie geht das? (shift – Schulblog)
Schulvorbereitung – Schuleintritt (Rebecca Finck)

 

 

Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Traditionsbrüche und Erinnerungsarbeit

von Sigrid Grün

Geschichtsschreibung ist niemals völlig neutral, sondern stets ideologisch und subjektiv gefärbt. Die Frauengeschichte, die sowohl Teil der Geschichtswissenschaft als auch der Geschlechterforschung ist, entwickelte sich als Fachgebiet im Rahmen der Frauenbewegung der 1970er Jahre. Damals verstand sich die erstarkende Frauenbewegung als etwas grundlegend Neues. Vorläufer, die es bereits im 19. Jahrhundert gegeben hatte, wurden weitgehend ignoriert. Es zeigt sich also: Die Geschichte der Frauenbewegung ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Der neue Band von Campus: „Erinnern, vergessen, umdeuten?“ arbeitet das Thema auf.

Vom Hexen-Narrativ bis zur Weimarer Republik

Erinnen vergessen umdeuten Frauenbewegungen - Cover Campus Verlag - Rezension Glarean MagazinDie Anthologie „Erinnern, vergessen, umdeuten? – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert“ geht auf eine Tagung im Frühling 2018 zurück. Die Teilnehmerinnen bearbeiteten zahlreiche Fragen – die Ergebnisse liegen nun in gedruckter Form vor. In den 15 Beiträgen geht es u.a. um Louise Otto Peters, eine der Mitbegründerinnen der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert und um die Frauenrechtlerin Lily Braun, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert mit dem Bild der Frau in der Antike, insbesondere mit griechischen Hetären, auseinandersetzte und den hohen Bildungsstand der Prostituierten des Altertums betonte. Es geht aber auch um die „Wirkmacht des Hexen-Narrativs in den europäischen Frauenbewegungen“, um die „Frage nach (fragmentarischen) Traditionsbildungen als Strategie der Mobilisierung eines radikalen Feminismus“ (116) und um Erinnerungskultur nach 1945 und Erinnerungsarbeit im Kaiserreich und in der Weimarer Republik.

Gedächtnisformen und Medienlogiken

FAZIT: Die Themen Erinnerungsarbeit, Traditionsstiftung und Traditionsbrüche werden in dem Band „Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert“ des Herausgeber-Trios Angelika Schaser, Sylvia Schraut und Petra Steymans-Kurz auf vielfältige Weise aufgearbeitet. Selbst HistorikerInnen werden hier sehr viel Neues und Interessantes erfahren, denn die Geschichte der Frauenbewegungen ist immer noch ein stiefmütterlich behandelter Bereich. Der Tagungsband wird definitiv so gut wie ausschliesslich ein Fachpublikum aus der Geschichtswissenschaft und Geschlechterforschung sowie der Kulturwissenschaft ansprechen.

Den Frauenrechtlerinnen Helene Lange und Getrud Bäumer ist ebenso ein Text gewidmet wie den konfessionellen und regionalen Brüchen in der Traditionsstiftung der deutschen Frauenbewegung. Hervorzuheben ist, dass sich in dem Band nicht nur Beiträge zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland finden, sondern auch Galizien (polnische, jüdische und ukrainische Autorinnen), Italien, Finnland und Schweden betrachtet werden. Sehr aufschlussreich ist Susanne Kinnebrocks Beitrag „Warum Frauenbewegungen erinnert werden oder auch nicht – Zum Zusammenspiel von Gedächtnisformen und Medienlogiken“, in dem es um die Gedächtnisse (kommunikatives, kulturelle, kollektives) von Gesellschaften geht.
Drei der 15 Beiträge sind in englischer Sprache verfasst.

Traditionsverluste durch Diktaturen

Besonders interessant an der Geschichte der Frauenbewegungen sind die zahlreichen Brüche. Die frühe, bürgerliche Frauenbewegung, die in puncto Frauenrechte eine Menge bewegte, u.a. das Frauenwahlrecht erwirkte, lief später häufig Gefahr, entweder völlig ignoriert oder gründlich missverstanden zu werden.

Mirja Regensburg - Im nächsten Leben werd ich Mann! - Die hohe Kunst des Lockerbleibens: Ein Crashkurs für Heldinnen des Alltags
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So bezeichnete die Autorin Renate Wiggershaus die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer in einem ihrer Bücher etwa als „aktive Nationalsozialistin“, obwohl Bäumer 1933 von den Nationalsozialisten all ihrer politischen Ämter enthoben wurde. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts sind in erheblichem Masse mit verantwortlich für die Traditionsverluste innerhalb der Frauenbewegung.
Es ist überaus erhellend, etwas darüber zu erfahren, welches Bild sich eine Bewegung von der eigenen Geschichte macht und wie sehr Vorläufer in Vergessenheit geraten oder sogar gänzlich umgedeutet werden können. ♦

Angelika Schaser, Sylvia Schraut, Petra Steymans-Kurz (Hrsg.): Erinnern, vergessen, umdeuten? – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, 406 Seiten, Campus Verlag, ISBN 9783593510330

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Frauenbewegung auch über das Handbuch von Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

… sowie über die Frauen-Biographie von K. Decker: Lou Andreas-Salomé – Der bittersüsse Funke Ich

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Gerhard Oberlin: Deutsche Seele – Ein Psychogramm

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Zum Teufel mit Melancholie und Sehnsucht

von Christian Busch

Hoher Schieferfels in grün bewachsener, romantischer Wein- und Burgenlandschaft, grau-weiss gebleichte Wolken am bedeckten Himmel, tief unten rauscht Vater Rhein, plätschernde Wellen, abgründige Strudel, das Ganze in dämmriges Abendlicht getaucht – das berühmte Loreley-Gemälde des russischen Malers Nicolai von Astudin als Buch-Cover kann durchaus zur Lektüre von Gerhard Oberlins jüngst erschienenem Psychogramm „Ich weiss nicht, was soll es bedeuten“ der deutschen Seele verführen. Es illustriert wesentliche Züge der deutschen Seele: Sehnsucht, Melancholie und die Lust am Untergang.

Gerhard Oberlin - Ich weiss nicht was soll es bedeuten - Deutsche Seele - Ein Psychogramm - Cover - MagazinEin Lesebuch über die deutsche Seele könnte manchem als redundanter Anachronismus erscheinen, leben wir doch längst in einer digital-medialen, global vernetzten Gesellschaft, in der die Seele nur noch als konsumtechnisch relevantes Zielobjekt von Interesse zu sein scheint. Wo darf man das Deutsche und womöglich „rein deutsche“ Wesen suchen? Wohl gar in einer multikulturellen Gesellschaft, welche, durchsetzt von mehreren Einwanderergenerationen, kaum noch etwas mit dem einst berüchtigten deutschen Volk gemein hat? „Fack ju Göhte“ oder was? Oder in den grölenden „Schland“-Schlachtgesängen deutscher Fussballfans, die als einzige in schwarz-rot-goldener Bierseligkeit dem Nationalstolz frönen? Und doch hoffentlich nicht in den neonazistischen Parolen alternativer Reichsbürger…

Fehlende Bewusstseinsträger

Philosoph Theodor W. Adorno ("Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch") versus Lyriker Paul Celan ("Der Tod ist ein Meister aus Deutschland")
Philosoph Theodor W. Adorno („Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“) versus Lyriker Paul Celan („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“)

Vielleicht ist die Frage nach der deutschen Seele deshalb gerade so wichtig, weil es ihr im medialen Einheitsbrei an Bewusstseinsträgern fehlt. Denn Paul Celans Feststellung „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ und Adornos lapidares Fazit, dass man nach Auschwitz kein Gedicht mehr schreiben könne, läuteten zwar nicht das Ende der Auseinandersetzung mit der deutschen Seele ein, markieren aber gewichtige Bremsklötze: Die Stunde Null war gefragt – und mit ihr eine ganze Kulturnation vor der Vernichtung. Ganz recht stellte Thea Dorn 2011 in Bezug auf die deutsche Seele in der ZEIT fest: „Wir haben sie verleugnet und verloren. Aber ohne sie sind wir hilflos. Zeit, sie wieder zum Leben zu erwecken.“

Auch deshalb wird, wer sich auf Oberlins psychoanalytisch begründeten, literarisch belesenen, kulturgeschichtlich phänomenalen und wissenschaftlich fundierten Weg begibt, es nicht bereuen. Denn was – um nur einige zu nennen – beispielsweise Albrecht Dürer, Martin Luther, Wilhelm Müller, Goethe und Heine bis hin zu Leips „Lili Marleen“ verbindet, muss für jeden Deutschen, dem seine Seele – individuell oder auch national-kulturell – wichtig ist, von Interesse sein. Hier ist Oberlin ein glühender Verfechter des seelischen Bewusstseins, das der seelenlosen „Gemütsbesoffenheit“ (Nietzsche) den Kampf ansagt.

Zerrissene deutsche Seele

Reise durch die deutsche Seelen-Landschaft von Albrecht Dürer ("Melancholia") - über Martin Luther ("Eine fest Burg ist unser Gott") bis zu Helene Fischer ("Atemlos")
Reise durch die deutsche Seelen-Landschaft von Albrecht Dürer („Melancholia“) – über Martin Luther („Eine fest Burg ist unser Gott“) bis zu Helene Fischer („Atemlos“)

Denn zweifellos ist die deutsche Seele in ihrer Zerrissenheit Schauplatz widerstrebender Kräfte, wie Friedrich Hölderlins elegischer Charakter Hyperion es wohl am schärfsten und eindringlichsten formuliert hat: „Barbaren von Alters her, durch Fleiss und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark […], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefässes – […]. Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag‘ ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre, wie die Deutschen.“

Und so folgt man Oberlin gerne auf seiner literarischen Reise durch die deutsche Seelen- und Kulturlandschaft, die mit Albrecht Dürers Kupferstich „Melancholia I“ (1514) einsetzt. Vom Streben des Unvollkommenen nach Vollkommenheit ist da zu lesen, von Kunst- und Arbeitsperfektionismus versus Erkenntnisstreben. Und wir staunen, dass wir sofort in medias res der Tugenden und Untugenden des blonden Germanen gelangen, der mit akribischer Gründlichkeit und Disziplin nach hohem Ideal strebt und deshalb in des „Teufels Küche“ (nicht erst Faust) gerät. Wir folgen Oberlin u.a. über Luthers „Feste Burg“, Goethes „Faust“ und Wilhelm Müllers „Lindenbaum“, ohne Erich Kästners „Sachliche Romanze“ aussen vor zu lassen, bis hin zu Helene Fischer.

Vergangenheitslastiges Psychogramm

Seicht-verkitschte Vertonung von Heinrich Heine's "Ich weiss nicht was solles bedeuten" durch Friedrich Silcher
Seicht-verkitschende Vertonung durch Friedrich Silcher von Heinrich Heine’s abgründigem „Ich weiss nicht was soll es bedeuten“

Einen Höhepunkt stellt das Kapitel über Heines berühmtes und titelgebendes Gedicht „Ich weiss nicht, was soll es bedeuten“ dar, das mit Friedrich Silchers eben seichter und spannungsloser („Jedermanns-Sentimentalität“) Vertonung gnadenlos abrechnet. Es geht Oberlin eben nicht um oberflächliche Verdrängungsgemütlichkeit, sondern um das Bewusstsein eines abgründigen, existentiellen Dilemmas unerfüllter Liebe, das er sowohl mythologisch kenntnisreich wie auch in Heines Biographie zu orten weiss.
Schwächen zeigen sich eher am Ende des zweifellos vergangenheitslastigen Psychogramms, wenn der Autor sich, statt sich der Literatur des 20. Jahrhundert zu widmen, von der Literatur ab- und der Kultur des deutschen Schlagers und der deutschen Fussballfan-Kultur zuwendet.

FAZIT: Gerhard Oberlins kulturphilosophischer Diskussionsbeitrag „Ich weiss nicht was soll es bedeuten“ ist eine wichtige Veröffentlichung zu einem wichtigen Thema. Sein Buch ist höchst lesenswert, weil es erstaunliche, beziehungsreiche Erkenntnisse über das Wesen des Deutschen in konzentrierter und zugespitzter Form bietet.

Spätestens bei der Behauptung, der Frauenfussball sei in punkto „Dramatik, Kombinationsfluss, Taktik…“ dem Spiel der männlichen Millionäre überlegen, muss an der Objektivität des Autors gezweifelt werden – oder ist es nur fehlender Fussball-Sachverstand? Zwar analysiert Oberlin auch hier schonungslos grotesk anmutende Missverhältnisse in den „faschistischen“ Strukturen eines gesellschaftlichen Millionengeschäftes. Den Leser lässt er jedoch nach so viel Luther, Heine und Goethe etwas ratlos zurück, der eine Verknüpfung, Zusammenfassung, ein Fazit oder wenigstens einen Ausblick vermisst. Eine deutsches Ende in Melancholie?

Das Deutsche zwischen Barbarei und Genialität

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Gerhard Oberlins kulturphilosophischer Diskussionsbeitrag ist – trotz der angesprochenen Schwächen am Ende – eine wichtige Veröffentlichung zu einem wichtigen Thema. Sein Buch ist dabei höchst lesenswert, weil es erstaunliche, beziehungsreiche Erkenntnisse über das Wesen des Deutschen in konzentrierter und zugespitzter Form bietet. Ohne ein endgültiges und fertiges Bild der deutschen Seele zeichnen zu wollen, gelingt ihm eine kluge Annäherung an den ambivalenten, zwischen Barbarei und Genialität facettenreich schimmernden Deutschen. Damit legt er ein ungeheures seelisches Potential frei, das nicht zu nutzen unverzeihlich wäre. In Zeiten der medialen Gleichschaltung und Nivellierung wird so mancher diesen Text zu seiner Vergewisserung gebraucht haben. ♦

Gerhard Oberlin: Ich weiss nicht, was soll es bedeuten – Deutsche Seele – Ein Psychogramm, 168 Seiten, Verlag Königshausen & Neumann, ISBN 9783826067716

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kulturgeschichte auch über
Deutsche Gesellschaft: Brauchen wir eine Leitkultur?

… sowie über Alessandro Baricco:
Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur

Philipp Ruch: Schluss mit der Geduld! (Eine Polit-Anleitung)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

„Künstler an die Macht“

von Heiner Brückner

Kämpferisch lautet der Titel, das Thema ist brandaktuell, und der Umschlag sticht in grellem Orange in die Augen. Man muss sich reinbeissen in die „Anleitung für kompromisslose Demokratie“ von Philipp Ruch, agitativ betitelt mit „Schluss mit der Geduld“. Wenn man nicht die resignierte Parole der Grossvätergeneration nachbeten möchte, die auch heute gerne angeführt wird, sobald es um eigenen Ansporn und Anspruch geht: „Was hätten wir als Einzelne denn dagegen tun können? Wir wollten doch bloss überleben.“
Oder mit dem Zitat von Astrid Lindgren, das Philipp Ruch in seiner Ansporn-Streitschrift zitiert; sie schreibt in ihrem Kriegstagebuch über den nahezu unbemerkten Einfall der sowjetischen Armee in Finnland: „Wenn man doch nur wüsste!“

Philipp Ruch - Schluss mit der Geduld - Jeder kann etwas bewirken - Cover Ludwig Verlag - Glarean MagazinEs ändert sich einfach nichts von selbst. Das enttäuscht den Aktivisten Ruch im Zentrum für Politische Schönheit, der mit aufmerksamkeitswirksamen Aktionen ein Einsehen erreichen und zum Ruck für Veränderung aufrütteln will. Und damit natürlich nicht nur auf Gegenliebe stösst.

„Denke!“

Zunächst analysiert er im Kapitel „Denke!“ schonungslos und knallhart den chaotischen Meinungswirrwarr: „Demokratiefeindliche Flaggen hängen mittlerweile in Schrebergärten“. Weiter steigert er sich mit markigen Worten und deutlichen Begriffen wie „Lügenpresse“ als Behauptung für ein „Unterdrückungsregime“, das in Talkshows („Schlagstöcke im öffentlichen Gespräch“, „Fernseh-Apartheid“) seine Bühne bekommt, und in dem Politiker sprachliche Dominanz über Menschen erlangen dürfen. Gängige Politikergrössen und Medienvertreter führt er an, auf und teils vor. Man könnte ebenso dieses Werk als Who’s-who-Shortlist aktueller Agitatoren und einigen aus der jüngeren Vergangenheit lesen. Die „kulturelle Phantasie des Landes“ bleibe auf der Strecke. Seine einfachste Regel als Resultat des Denkprozesses lautet denn auch: Die Diktatur der Meinungsmache brechen, keinen Hass aufkommen lassen, sondern sofort ahnden.

„Kämpfe!“

Philipp Ruch - Philosoph und Aktivist mit Kriegsbemalung - Glarean Magazin
Philosoph mit Kriegsbemalung: Aktivist Philipp Ruch

„Kämpfe!“ fordert denn auch das Kapitel Zwei. Ruch studierte „Die Weltbühne“ von 1932. Diese Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft galt in der Weimarer Republik als das Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken. Seine Erkenntnis: sie lag erstens politisch völlig daneben und zweitens Bürgerkrieg entsteht aus „erschreckender Kontinuität der Ereignisse“ nach dem Aufbauprinzip: Getreue sammeln, Waffen horten, „Wahlen als Kabelbinder“, persönliche Verantwortung. Mit der Inszenierung von „Unruhen“ werde noch heute (Meinungs-)Diktatur gemacht. Die AFD (Grossschreibung ist Absicht des Autors) habe sich bereits in Björn Höcke, dem „Primgeiger des Fascismus“ (sic!, Schreibweise der „Weltbühne“) und „Posterboy der Rechtsextremisten“, für Veränderung entschieden. Deshalb benötige das deutsche Grundgesetz „eine Art Hochwasserschutz“.

„Ächte!“

Damit für die Zukunft richtige Mittel im Kampf um die Demokratie gefunden werden, spielt er auch mit dem Mittel Bürgerkrieg, zunächst rein gedanklich. Manchmal verheddert sich der rote Faden im Eifer der Leidenschaft in den fallengelassenen und wiederaufgegriffenen Redundanzmaschen, die an ihm zum finalen Knoten aufgefädelt werden sollten.
Die Dinge kommen sehen und an die eigene Wirkung glauben, ist ein ebenso wenig konkretes Postulat wie die weiteren Allgemeinplätze, die hinauslaufen auf: Wir müssen selbst handeln. Sie werden aber durch „schöne“ oder kantige Formulierungen nicht pragmatischer: „Niemand ist ohnmächtig“, „Wir müssen das Territorium des Idealismus zurückgewinnen.“ Dieses Kapitel überschreibt er mit „Ächte!“ und wird zunehmend griffiger: Wir müssen streiten, denn mit den Rechten zu reden, sei eine „Höflichkeitslähmung“, weil es ausartet in „für Rechte reden“. Kämpferisch konkret, naturgemäss subjektiv fragwürdig klingt die Forderung, wir sollten wie selbstverständlich konsequent gegen Rechtsextremismus vorgehen. Die Frage ist aber eben wie. Da wird Ruch agitatorisch: Stress machen, Steuern verweigern! Verächtlich machen!

FAZIT: „Wenn ich die Wahrheit sagen sollte, müsste ich lügen“, zitiert Philipp Ruch Erich Kästner aus „Die Weltbühne“. Der strebt aber nach Wahrhaftigkeit und benötigt Sehnsuchtsbildung als Grundnahrungsmittel. In seiner schonungslosen Gegenwartsanalyse kommt Ruch zu dem Ergebnis: „Wir hängen am seidenen Faden der Politik.“ Zur Moral tragen Naturwissenschaften nicht bei und Politik schweigt. Er sieht Fiktion in der Kunst als „Königsweg, um die Welt zu verändern“. Denn das Wesen von Aktionskunst sei die „radikale Nähe zur Wirklichkeit“. Wortreich und sprachgewandt klingen „Schluss mit der Geduld“ die flammenden Appelle Philipp Ruchs zur vermeintlichen Rettung der Demokratie mit vielen Ausrufungszeichen und Fragezeichen, aber wenigen und zumeist vagen Beantwortungssätzen. Eine Empfehlung meinerseits – mit Einschränkung.

„Humanisiere!“

Das letzte Kapitel: „Humanisiere!“ Wird er nun wieder zahm? Nein, verweichlichen meint er nicht: „Humanismus kennt keine Kompromisse“, heisst die These auf Seite 140. Die Seenotretter (Made in Germany) beispielsweise retten „das letzte Sandkorn unseres Anstands“. Und zehn Seiten später lassen wir zu, dass unsere Menschlichkeit zerstört wird, wenn „ausgerechnet sie (die Retter der Ertrinkenden) von den Journalisten verächtlich gemacht werden“.
Mit einem Appell ins Innere bricht er seine Thesen auf unseren Alltag herunter. Ausmerzen könnten wir die Rechten nicht, aber wir müssen keine Verträge mit ihnen schliessen. Ohne Anstrengung werde der Kampf nicht abgehen.
Einleuchtender kann der Leser seinem Ansatz folgen, wenn er ein Exempel zu Ende führt. Das wird gegen Ende des Buches mit der fiktionalen „Kindernothilfe des Bundes“ als Aktion des Zentrums für Politische Schönheit deutlich, die tatsächlich 55’000 Willige für die Adoption von Flüchtlingskindern aufweckte. „Wir lassen heute Menschen ertrinken“, „Verrohung des Gesellschaftsinneren“, „Wir leben in der Zeit des Verrats am Humanismus“ – zwar sind diese Sätze erst gegen Ende auf Seite 150 abgedruckt, aber sie sind das Resümee der ausschweifenden Auslassungen, und deshalb führe ich sie hier exemplarisch an.

Philipp Ruch - Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest - Ludwig Verlag
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Zur Moral tragen Naturwissenschaften nicht bei und Politik schweigt, Sehnsuchtsbildung ist aber ein Grundnahrungsmittel. Der „Königsweg, um die Welt zu verändern“ kann folglich nur Fiktion durch Kunst sein. Das Wesen von Aktionskunst ist nämlich die „radikale Nähe zur Wirklichkeit“. Aus Mangel an Vorstellungskraft „verdrängen wir leichter, als mitzuleiden“, bemüht er den österreichischen Schriftsteller Arthur Schnitzler. Um der Menschlichkeit gerecht zu werden, sollten wir uns der Phantasie bedienen. Ja wir haben sogar die „Pflicht“, uns den Abgrund vorzustellen. Theater und Bücher sind die „Herzkammern“ für den Kampf gegen den Ungeist. Gewagt und zweifelhafter erscheint sein Appell: „Komplizenschaft bei Verbrechen, die uns in eine bessere Welt führen“.

Das Aufschreiben ist ein Aufschrei, zweifellos. Aber steckt er mich an? Was veranlasst mich ihm zu folgen, wenn ich das Buch durchgeackert habe? Was könnte man nur ausrichten, damit sich etwas ändert? Hat er Vorschläge auf Lager, die ich nachvollziehen und umsetzen könnte? Teils hat er. Deshalb empfehle ich diese „Anleitung für kompromisslose Demokraten“. Mit der Einschränkung, dass Demokraten sehr wohl kompromissbereit sein sollten – aber auf keinen Fall in ihrem kämpferischen Streben nach Demokratie. ♦

Philipp Ruch: Schluss mit der Geduld – Jeder kann etwas bewirken (Eine Anleitung für kompromisslose Demokraten) – 192 Seiten, Verlag Ludwig ISBN 9783453281196

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kultur und Gesellschaft auch über die Anthologie: Deutsche Gesellschaft: Brauchen wir eine Leitkultur?

… sowie zum Thema Politik und Digitalisierung das „Zitat der Woche“ von Felix Stalder: Postdemokratie oder Commons?

Weitere interessante GLAREAN-Artikel zum Thema Gesellschaft und Kultur: H. Busche & Y. Förster: Mode als ein Prinzip der Moderne?


H. Busche & Y. Förster (Hrsg): Mode als ein Prinzip der Moderne?

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Kleider machen Leute

von Heiner Brückner

Haben Moden trotz allen Strebens nach eindeutigen, klaren und festen Prinzipien in allen gesellschaftlichen Bereichen dennoch eine zentrale Bedeutung? Auf diese Frage könnte man die vielen Fragen der zwölf interdisziplinären Vorträge reduzieren, die ursprünglich anlässlich einer Tagung der Fern-Universität Hagen unter dem Titel „Moden der Kleidung – Moden des Geistes?“ gehalten wurden. Im Vortragskompendium „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ beackern die Professoren-Autoren den Begriff aus unterschiedlichen Fachwissensgebieten und Blickwinkeln. Diese Umfänglichkeit legt eine fokussierte abschliessende Fundamentalantwort der innovativen vielschichtigen Einzelantworten nahe und regt zu intensiver Lektüre an.

Mode als Prinzip der Moderne - Cover - Rezension Glarean MagazinWissenschaftlich soll exploriert werden, ob in der modernen Gesellschaft die Mode durchgängig zu einem Prinzip geworden ist, welches deren innere Struktur prägt. Modernität als beherrschender Faktor der Selbstwahrnehmung gibt es bereits Mitte des 17. Jahrhunderts. Damals wurde die Maxime ausgegeben, dass man überall mit der Mode gehen soll – ausser was die Moral betreffe.
Das „Unterworfensein unter die Moderne“ bezeuge unsere Schwachheit, schrieb Jean de la Bruyère 1688. Der Autor gilt als Moralist und wird zu den französischen Klassikern gerechnet. Unter Mode wird in den vorliegenden Untersuchungen überwiegend die Nachahmung gängiger Erscheinungsmuster des Begriffs von modus (Mass, Regel, Art und Weise), aber auch ihr periodischer Wechsel verstanden.

Interdisziplinäre Fragen und Antworten

Eine kurz gefasste Inhaltsangabe der einzelnen Aufsätze beziehungsweise Vorträge gibt nachfolgend einen Eindruck und Überblick auf den wissenschaftlichen Versuch, einen durch alle Lebensbereiche wirkenden Begriff in den Griff zu bekommen:

  • Der temporale Charakter der Kleidermode als kulturelle Praxis wird von Verena Potthoff in seiner symbolischen Funktion und sozialen Relevanz, die angeblich auch für den „Klassenkampf“ eingesetzt werden, beschrieben.
  • Modernisierung als Konsumgut schildert der Aufsatz von Irene Nierhaus über die Modernisierungen in der Wohnarchitektur vom „Gewand zur Wand“.
  • Sich ständig entwickelnde Phänomene bleiben für Rainer Hartmann die Moden der Freizeitgestaltung.
  • Auch in den temporär beliebten Sportarten manifestiere sich der Zeitgeist, konstatiert Robert Gugutzer an sechs Moden des Sports.
  • Nachhaltigkeit von Mode als Produkt (Design) und Wirtschaftsform sieht Yvonne Förster in den wechselnden Bestimmungen des Körper-Geist-Verhältnisses.
  • Mode und Modernität findet Frank Hillebrandt den Schlüsselbegriff der Soziologie, der zum Symbol des Widerstandes wird, um unsere eigenen Lebensveränderungen zu reflektieren.
  • Paul Hoyningen-Huene klopft die umstrittene „Stringtheorie“ in der Physik ab und erkennt in ihr einen Indikator für Dissens innerhalb der naturwissenschaftlichen Gemeinschaft. Sein Fazit: ein „sachter Wandlungsprozess“.
  • In welchem Sinne Trends in den Geisteswissenschaften vorherrschen, behandelt Tim Rojek in seinem Beitrag. Er unterscheidet bewusste und unbewusste Mode und kommt zu der Schlussfolgerung: „Die Kenntnis und das Bewusstsein … kann uns helfen, klarer zu sehen und Geltungsfragen nicht mit Genesefragen … zu verwechseln.“
  • Gibt es auch „Moden der Künste?“, fragt Georg w. Bertram und antwortet einfach: „Selbstverständlich.“ Er erklärt seine naheliegende Antwort und lässt dann das grosse Aber folgen. Interessant ist sein Exkurs zur Kunstkritik, die die Symptomatik historisch-kulturell geprägter Lebensformen im Hinblick auf ihre zeitgemässen Ansprüche charakterisiere.
  • Was in der Philosophie Moden bedeuten und ob sie vorhanden sind, könne „nicht über eindeutige sinnliche Kennzeichen registriert werden“, erläutert Hubertus Busche. Deshalb exemplifiziert er es an „Grossmoden“, denn das „bloss Modische … ist kein Signum der philosophischen Moderne„.
  • Mode in der Religion - Papst-Gewänder - Glarean Magazin
    „Rein vestimärer Blick“ auf die Wechselwirkung von Religion und Mode: Das Schaufenster des offiziellen päpstlichen Kleider-Ausstatters Lorenzo Gammarelli in Rom

    Am Ende begibt sich Daria Pezzoli-Olgiati auf Spurensuche nach Moden in der Religion. Sie führt zunächst bildhaft die roten Papst-Mokassins, die muslimischen Käppchen bis zu den safranfarbigen buddhistischen Mönchsgewändern an. Vertieft dann religionswissenschaftlich aber auf unterschiedliche Aspekte der Wechselwirkung von Mode und Religion und erörtert „modische Tendenzen in der Religion als Repräsentation von Zugehörigkeit und Abgrenzung im öffentlichen Raum“ in rein „vestimentärer“ Sicht. Da es bei ihrem „besonderen Blick auf die Interaktion der Kommunikationssysteme Mode und Religion“ bleibt, wird für meine Begriffe das in der Fragestellung implizierte „sogar“ der Moden in der Religion (etwa in der Bibelauslegung oder den Kirchengesetzen) nicht einmal gestreift.

Mode als Prinzip moderner Gesellschaften

FAZIT: Die interdisziplinäre Anthologie „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ bietet eine differenzierte Erörterung der zahlreichen heterogenen Strömungstendenzen in den Gesellschaften und Menschen unseres Zeitalters.

Weil es keine allgemeinverbindlich gültige Wahrheit gibt und keine begrenzenden Normen im Denken geben darf, kann auch dieser interdisziplinäre Fächer aus systematischen Antworten der unterschiedlichen Wissenschaftsbereiche keine klärende Gültigkeitsantwort liefern. Sie weiten im Gegenteil den Fokus, der sich auf das Thema Mode beschränkt, zu einem Weitwinkelbild fliessender Übergänge und Konnexionen aus. Das bestätigt ihre Sozialfunktion als faktisches Gesetz, bekräftigt den Zusammenhang zwischen „Modizitätsbewusstsein“ und Mode im Verlaufe des Verlusts der „ewigen Wahrheiten“ nach der Aufklärung. Dynamik des Modebegriffs als „universales kulturelles Gestaltungsprinzip“ wird vom äusserlichen Goutieren bis hin zu theoretischen und auch sittlichen Überzeugungen beeinflusst.
Somit ist für mich ein „überraschendes Ergebnis“ dieser Erkundungen: Der Geist trägt „Kleidungen (…), in denen er soziale Bedürfnisse kommuniziert“, die es allerdings zu durchschauen gilt.
Ich bin geneigt zu folgern, sie tun es auch, weil es derzeit gängige Mode ist, sich nicht festzulegen. Somit ist dieser „interdisziplinäre Erkundungsgang“ über die „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ ein beredtes Beispiel für die Verwirklichung des Themas in sich selbst. Mode ist und war eine Art Prinzip moderner Gesellschaften und wird es bleiben.

Zusammengefasst: Man könnte die Summe auch mit dem Schweizer Novellisten des poetischen Realismus Gottfried Keller (1874) in einen Satz fassen und hätte dann die Kernerkenntnis: „Kleider machen Leute“. Was im Vergleich zur Kurzformel des Poeten das detaillierte Schürfen in den verkrusteten Mode-Schichten der Vergangenheit an Mehrwert bietet, ist die wissenschaftliche Hintergrundanalyse in dieser ausführlichen Erörterung der Strömungstendenzen in den Gesellschaften und Menschen unseres Zeitalters. Dieses Werk schildert komplexe Verhaltensweisen, umgeht aber trotz vieler Worte und Erwägungen klare Festlegungen und lässt letztlich alles offen. ♦

Hubertus Busche und Yvonne Förster (Hrsg): Mode als ein Prinzip der Moderne? – Ein interdisziplinärer Erkundungsgang, 250 Seiten, Mohr Siebeck Verlag, ISBN 978-3-16-156339-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kultur und Gesellschaft auch über den Essay von Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

…sowie zum Thema Mutation der Kultur über Alessandro Baricco: Die Barbaren

Weitere Links zum Thema Mode und Gesellschaft


 

Das Zitat der Woche: Kultur der Digitalität (Felix Stalder)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Postdemokratie oder Commons?

„Die Kultur der Digitalität hat bisher zwei sehr unterschiedliche politische Entwicklungsrichtungen hervorgebracht. Diejenige hin zur „Postdemokratie“ schafft eine im Kern autoritäre Gesellschaft, in der zwar eine grosse kulturelle Vielfalt besteht und die Menschen selbstverantwortlich ihr Leben führen können oder müssen, dabei aber kaum mehr Einfluss auf die politischen und ökonomischen Strukturen ausüben können. Diese werden auf der Grundlage datenintensiver und flächendeckender Überwachung von einigen wenigen überproportional stark beeinflusst. Das daraus entstehende Machtgefälle nimmt laufend zu, ebenso die ökonomische Ungleichheit.

Felix Stalder - Glarean Magazin
Felix Stalder

Demgegenüber führt die Entwicklungsrichtung hin zu den Commons zu einer Erneuerung der Demokratie, aufbauend auf Institutionen, die sich jenseits von Markt und Staat verorten. Im Zentrum steht eine neue Verbindung ökonomischer, sozialer und – immer dringlicher – auch ökologischer Dimensionen des Alltags auf Basis datenintesiver Beteiligungsverfahren. (…)
Ob sich eine dieser Entwicklungen durchsetzen wird oder ob und wie sie koexistieren werden, lässt sich jetzt noch nicht absehen. (…) Zu viele bewegliche Variablen beeinflussen sich gegenseitig. Nicht zuletzt deshalb, weil jeder durch seine Handlungen (…) direkt und indirekt zu diesen widersprüchlichen Entwicklungen beiträgt.“ ♦

(Aus: Felix Stalder, Kultur der Digitalität © Suhrkamp Verlag Berlin 2016)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Digitalisierung auch über die Technisierte Gesellschaft – Bestandsaufnahmen und kritische Analyse eines Hypes

… sowie das Literatur-Zitat der Woche von Hans Magnus Enzensberger

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