Musik-Psychologie: Chorgesang und kognitive Fähigkeiten

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Chorsingen fördert emotionale und intellektuelle Kompetenzen

von Walter Eigenmann

Die positiven neurologischen Effekte des Musizierens mit einem Instrument sind in der Kognitionswissenschaft umfangreich untersucht und breit belegt: Aktives Instrumentalspiel kann die kognitive Flexibilität verbessern, d.h. die Fähigkeit, den Fokus zwischen verschiedenen Denkprozessen zu regulieren und zu wechseln.
Die kognitiven Vorteile des Chorsingens hingegen wurden bisher von der Forschung vernachlässigt. Dies ändert sich nun mit einer Studie der Universität von Helsinki, die kürzlich in der Zeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde. Sie gibt klare Hinweise darauf, dass der Chorgesang ähnliche Vorteile wie das Spielen eines Instruments mit sich bringt.

Die Ergebnisse der Forscher um die finnische Psychologin und Therapeutin Emmi Pentikäinen zeigen, dass gerade ältere Sänger/innen eine bessere verbale Flexibilität hatten als jene Teilnehmer der Kontrollgruppe, die das Chorsingen nicht als Hobby hatten. Dabei gilt als erwiesen, dass verbale Flexibilität auch eine bessere kognitive Flexibilität widerspiegelt.

Chorgesang - Singen im Verein - Dirigent mit Sängerinnen und Sängern - Chorkonzert auf der Bühne - Glarean MagazinDamit unterstützen die neuen Erkenntnisse aus Helsinki die entspr. früheren Ergebnisse: „Chorgesang hat vergleichbar positive Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen zumal älterer Menschen wie das Instrumental-Spiel. Und unsere entspr. Befunde erweitern unser Verständnis darüber, wie verschiedene Aktivitäten auch im späteren Leben die Kognition beeinflussen können“, meint Pentikäinen.

Stärkeres Sozialgefühl dank Chorsingen

Die Studie untersuchte weiter den möglichen Nutzen des Chorsingens für das emotionale sowie das soziale Wohlbefinden älterer Menschen. Dabei zeigte die Auswertung entspr. Fragebögen, dass diejenigen, die über einen längeren Zeitraum (mehr als 10 Jahre) in einem Chor gesungen hatten, ein größeres soziales Zusammengehörigkeitsgefühl empfanden als jene mit weniger oder überhaupt keiner Erfahrung im Chorsingen.

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Interessant in diesem Zusammenhang: Jene Studienteilnehmer, die vor weniger als 10 Jahren mit dem Chorsingen begonnen hatten, waren insgesamt zufriedener mit ihrem Gesundheitszustand als diejenigen mit längerer Gesangserfahrung oder diejenigen, die nicht in einem Chor sangen. Pentikäinen dazu: „Es ist möglich, dass die Menschen, die später im Leben einem Chor beigetreten sind, dadurch die Motivation gefunden haben, ihre Gesundheit durch einen aktiven und gesunden Lebensstil zu erhalten. Andererseits könnten sich die Beziehungen und sozialen Netzwerke, die durch die Chorzugehörigkeit bei denjenigen, die länger dabei waren, als fester Bestandteil ihres Lebens etabliert haben; daher auch das verstärkte Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit.“

Chorgesang erfordert komplexe Informationsverarbeitung

Ein Gespann, das die Wissenschaft immer wieder beschäftigt: Die Musik und das Gehirn
Ein Gespann, das die Wissenschaft immer wieder beschäftigt: Die Musik und das Gehirn

Das Altern bringt Veränderungen der kognitiven Funktionen sowie der physischen und sozialen Umgebung des Einzelnen mit sich, die sich alle auf sein Wohlbefinden auswirken. Und da die Bevölkerung immer älter wird, wird es immer wichtiger, Wege zur Verbesserung des Wohlbefindens und der Lebensqualität älterer Erwachsener zu finden. Laut Pentikäinen bietet nun gerade der Chorgesang eine gute Möglichkeit, das Wohlbefinden älterer Menschen zu unterstützen, da es flexible exekutive Funktionen und die Regulierung der Aufmerksamkeit erfordert:

„Chorsingen ist in der Praxis einfach und mit geringem Aufwand zu betreiben. Es ist eine Aktivität, die eine vielseitige Informationsverarbeitung erfordert, da sie die Verarbeitung verschiedener sensorischer Reize, die Motorik im Zusammenhang mit der Stimmproduktion und -kontrolle, die sprachliche Leistung, das Erlernen und Einprägen von Melodien und Texten sowie die Emotionen, die durch die gesungenen Stücke geweckt werden, kombiniert“, halten die Forscher fest. ♦

Lesen Sie zum Thema Musik-Psychologie auch über: Musik und Gefühle (Neurowissenschaftliche Studie)

… sowie zum Thema Musik und Alter: Handbuch der Seniorenchor-Leitung


Neurowissenschaft: Musik und Gefühle

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Gehirnforschung über glückliche und traurige Musik

von Walter Eigenmann

Dass Musik (jeder Couleur) beim Menschen starke und unterschiedlichste emotionale Reaktionen auslösen kann, ist bekannt; Musik und Gefühle sind eng gekoppelt. Doch wie sind diese psychischen Mechanismen neuronal lokalisiert? Finnische Forscher der Universität Turku um Vesa Putkinen gingen dieser Frage in einer Studie mit 102 Probanden nach.

Die Studie, Ende Dezember 2020 im englischen Cerebral Cortex Journal publiziert, wurde im nationalen finnischen PET-Zentrum durchgeführt. Dabei hörten 102 Versuchspersonan Musik, die Emotionen hervorruft, während ihr Gehirn mittels Funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) gescannt wurde.

Instrumentalmusik von ängstlich bis zärtlich

Magnetresonanztomographie fMRT - Visualisierung der neuronalen Regionen - Glarean Magazin
Visualisierung der neuronalen Regionen mittels Magnetresonanztomografie

Die Ausgangslage präsentierte sich gemäss Putkinen folgendermaßen: „Musik kann ein starkes subjektives Erleben von Emotionen hervorrufen, aber es ist umstritten, ob diese Reaktionen die gleichen neuronalen Schaltkreise aktivieren wie Emotionen, die durch biologisch bedeutsame Ereignisse hervorgerufen werden.
Wir untersuchten die funktionelle neuronale Basis von musikinduzierten Emotionen. Hierzu bekamen die Probanden emotional ansprechende – sprich: fröhliche, traurige, ängstliche und zärtliche – Instrumentalstücke zu hören, während ihre hämodynamische Hirnaktivität gemessen wurde“.

Musik-Karte des Gehirns

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Die Forscher nutzten einen maschinellen Lernalgorithmus, um zu kartieren, welche Gehirnregionen aktiviert werden, wenn die verschiedenen musikinduzierten Emotionen voneinander getrennt werden. Forschungsleiter Vesa Putkinen: „Anhand der Aktivierung des auditorischen und motorischen Kortex konnten wir genau vorhersagen, ob die Versuchsperson glückliche oder traurige Musik hörte. Der auditorische Kortex verarbeitet die akustischen Elemente der Musik, wie Rhythmus und Melodie. Die Aktivierung des motorischen Kortex wiederum könnte damit zusammenhängen, dass Musik bei den Zuhörern Gefühle der Bewegung auslöst, selbst wenn sie Musik hören, während sie in einem fMRT-Gerät stillhalten“.

Emotionen-Vergleich bei Musik und Film

Kernspintomograph MRT - Glarean Magazin
Kernspintomograph

Weiter fanden die Forscher um Putkinen heraus, welche Hirnregionen aktiviert werden, wenn die Versuchsteilnehmer stark emotionale Videos ansehen, um zu testen, ob die gleichen Regionen auch beim Hören von emotionaler Musik stimuliert werden.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die von Filmen und Musik hervorgerufenen Emotionen zum Teil auf dem Betrieb unterschiedlicher Mechanismen im Gehirn beruhen:

„Filme aktivieren zum Beispiel die tieferen Teile des Gehirns, die Emotionen in realen Situationen regulieren. Das Hören von Musik aktivierte diese Regionen nicht stark, und ihre Aktivierung trennte auch nicht die musikinduzierten Emotionen voneinander. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Filme die realen Ereignisse, die Emotionen hervorrufen, realistischer nachbilden können und somit die angeborenen Emotionsmechanismen aktivieren.

Musik kann zu Tränen rühren - Glarean Magazin
Musik kann zu Tränen rühren

Was die musikinduzierten Emotionen betrifft, so basieren sie auf den akustischen Eigenschaften der Musik und sind durch kulturelle Einflüsse und die persönliche Geschichte gefärbt.“

Vesa Putkinen und sein Team fassen ihre Studie zusammen: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass verschiedene musikinduzierte Basisemotionen unterschiedliche Repräsentationen in Regionen haben, die die auditive Verarbeitung, die motorische Kontrolle und die Interozeption unterstützen, aber nicht stark auf limbische und mediale präfrontale Regionen angewiesen sind, die für Emotionen mit Überlebenswert entscheidend sind.“ ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musikforschung auch: Musizieren fördert das mathematische Denken (Pädagogische Studie)

… sowie zum Thema Musikpsychologie: Das Mikrotiming im Rhythmus – Was bringt den Jazz wirklich zum Swingen?

Weitere interessante Internet-Beiträge zum Thema Musik und Emotionen:


Problem-Schach: Der Studien-Komponist Mikhail Zinar

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The Master of the Knights

von Walter Eigenmann

Der am 22. November 1951 im ukrainischen Gvozdavka (Region Odessa) geborene Schachstudien-Komponist Mikhail Zinar (auch: Sinar) zählt zu den bekanntesten und bedeutendsten Vertretern seiner Zunft. Das Oeuvre dieses innovativen, für seine technische Perfektion, okönomische Spielführung und ästhetische Attraktivität hochgeschätzten Problemkomponisten umfasst über 400 Aufgaben.

Mikhail Zinar - Schachproblem-Komponist - Studien-Autor - Glarean Magazin
Mikhail Zinar (geb. 1951)

Insbesondere auf dem Gebiete der Bauernendspiele zeigen Zinars Werke eine Originalität, die auf viele seiner Kollegen enormen Einfluss hatte und noch immer nimmt. Bedeutende Zeitgenossen wie die russischen Studienschöpfer E. Pogosyants, G. Nadareishvili, Al.P. Kuznetsov, V. Dolgov oder L. Mitrofanov schöpften aus dem Arsenal Zinars und bezogen sich teils explizit auf dessen Arbeiten.

Meister des Bauern-Endspiels

Es waren beispielsweise Endspiele wie das folgende, die Zinars Ruhm begründeten. Wie in vielen Studien spielt auch hier der Zugzwang eine entscheidende Rolle. Die ökonomische und gleichzeitig originelle Realisierung der Grundidee trägt aber die deutliche Handschrift des grossen Meisters aus Gvozdavka:

Matt in 9 Zügen

FEN: 8/5p2/1p2p3/kP2P3/P1K1PP1p/1P6/2P5/8 w

…und der Springer-Umwandlung

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Etwas im Schatten seiner legendären Bauernendspiele stehen Zinars Figuren-Stellungen. Aber auch hier finden sich wahre Diamanten des schöpferischen Problemkomponierens.
In den folgenden drei Aufgaben erweist sich der Ukrainer als wahrer Master of the Knights. Es handelt sich um Stücke, die sogar für moderne Computerschach-Programme eine Herausforderung darstellen. Im Zentrum des Geschehens steht jeweils die Springer-Unterverwandlung – eine Spezialität Zinars:
(Mausklick in einen Zug oder eine Variante öffnet ein Analyse-Fenster mit PGN-Download-Möglichkeit)

Matt in 16 Zügen

FEN: 1q6/1pPp1p1p/1P1P1P1P/7P/8/p1ppB3/PprrP3/1nk1K3 w


Matt in 20 Zügen

FEN: 8/2p1p1p1/PpP1P1P1/1K2P1P1/P7/4p3/pp2P1p1/kn2R3 w


Matt in 18 Zügen

FEN: 8/1P1p1p1p/3P1P1P/1pK5/P7/Pp2p3/bpp1P2P/nkb4R w


Anzeige Amazon: Mikhail Zinar's Difficult Pawn Endings: A World Champion's Favorite Composers - Sergei TkachenkoWer sich näher mit der Biographie und dem Schaffen von Mikhail Zinar befassen will, dem sei der informative Artikel seines ukrainischen Komponisten-Kollegen Sergei Tkatschenko auf der russischen Online-Plattform Chesspro.ru empfohlen. Tkatschenko hat ausserden vor zwei Jahren eine Monographie über „Mikhail Zinar’s Difficult Pawn Endings“ herausgebracht. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Problemschach auch über den Studien-Komponisten Evgeny Kopylov

Ausserdem zum Thema Schachkompositionen über Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain


English translation:

The Master of the Knights

The chess study composer Mikhail Zinar (also: Sinar), born on 22 November 1951 in Gvozdavka (Odessa region), Ukraine, is one of the best known and most important representatives of his guild. The oeuvre of this innovative problem composer, highly esteemed for his technical perfection, okonomic game management and aesthetic attractiveness, comprises over 400 problems.

Especially in the field of pawn endgames, Zinar’s works show an originality that had and still has an enormous influence on many of his colleagues. Important contemporaries such as the Russian study creators E. Pogosyants, G. Nadareishvili, Al.P. Kuznetsov, V. Dolgov or L. Mitrofanov drew from Zinar’s arsenal and sometimes explicitly referred to his works.

Master of the Pawn Endgame

It was endgames like the following, for example, that established Zinar’s fame. As in many studies, zugzwang plays a decisive role here. The economic and at the same time original realisation of the basic idea, however, bears the clear signature of the great master from Gvozdavka:

… and Master of the Knights

Zinar’s piece positions are somewhat overshadowed by his legendary pawn endgames. But here, too, we find true diamonds of creative problem composition.
In the following three problems, the Ukrainian proves to be a true Master of the Knights. These are pieces that are a challenge even for modern computer chess programs. In the centre of the action in each case is the knight sub-conversion – a speciality of Zinar’s (mouse click in a move or a variation opens an analysis window with PGN download option):

If you want to take a closer look at the biography and work of Mikhail Zinar, we recommend the informative article by his Ukrainian composer colleague Sergei Tkatschenko on the Russian online platform Chesspro.ru. Tkatschenko also published a monograph on „Mikhail Zinar’s Difficult Pawn Endings“ two years ago. ♦

(Links, Games and Pictures see above)


 

Pädagogik-Studie: Musizieren fördert das mathematische Denken

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Wissenschaftliches Plädoyer für eine ganzheitliche Schulbildung

Wie Musik das mathematische Denken beeinflusst

von Walter Eigenmann

Eine umfangreiche Meta-Studie des amerikanischen Musikpädagogen und -Therapeuten Prof. Dr. Martin Bergee von der Universität Kansas weist erstmals einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen musikalischen und mathematischen bzw. sprachlichen Leistungen bei Schülern nach. Nach Bergee ist erwiesen: Musizieren fördert das mathematische Denken.

Musik und Mathematik - Arithmetique et Musique - Glarean Magazin
François Bonnemer: Arithmetique et Musique (Paris 17. Jh.)

Postuliert wurde von diversen Disziplinen wie Musik-Neuropsychologie, Musik-Pädagogik und Musik-Kultursoziologie ja schon lange, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Musikausübung und kognitiver Leistung bestehe. Dieser angenommenen direkten Assoziation stand Studien-Autor Bergee allerdings zu Beginn seiner entspr. Forschungen eher skeptisch gegenüber.
Originalton Bergee: „Es gibt seit langem die Vorstellung, „dass diese Bereiche nicht nur zusammenhängen, sondern dass es eine Ursache-Wirkung-Beziehung gibt – dass man, wenn man in einem Bereich besser wird, per se auch in einem anderen Bereich besser wird. Je mehr man sich mit Musik beschäftigt, desto besser werde man in Mathematik oder Lesen sein. Doch das war mir schon immer suspekt“.
Bergee weiter: „Ich habe vielmehr geglaubt, dass die Beziehung korrelativ und nicht kausal ist: Ich wollte zeigen, dass es wahrscheinlich eine Reihe von Hintergrundvariablen gibt, die die Leistung in jedem akademischen Bereich beeinflussen – insbesondere Dinge wie das Bildungsniveau der Familie; wo der Schüler lebt; ob er weiß oder nicht weiß ist; etc“.

Überraschend starke Relation Musik-Mathematik

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Kurzum, Bergee’s Intention war zu Anfang seiner Meta-Studie zu zeigen, dass diese angenommene Relation „wahrscheinlich unecht“ sei, weil solche „Hintergrundeinflüsse die Haupttreiber solcher Relationen“ seien. Bergee ging also ursprünglich davon aus, dass der angebliche positive Effekt des Musizierens auf die mathematischen und sprachlichen Kompetenzen wegfällt, sobald von diesen demographischen u.a. Einflüssen abstrahiert wird. Damit wäre ein Zusammenhang zwischen musikalischen und mathematisch-kognitiven Leistungen bei Schülern widerlegt.

Die späteren Ergebnisse von Bergee’s Meta-Studie Multilevel Models of the Relationsip between Music Achievement and Math Achievement – publiziert Ende November 2020 im renommierten „Journal of Research in Music Education“ – zeigten nun aber statistisch signifikante Assoziationen zwischen Musik- und mathematischen Schulleistungen. Bergee: „Zu meiner großen Überraschung sind sie nicht nur nicht verschwunden, sondern die Beziehungen sind wirklich stark.“

Vielfältige Einflüsse der kognitiven Entwicklung

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Dabei sei das seinen Studien zugrundeliegende Design keine einfache Sache gewesen, „weil es Einflüsse gibt, die auf verschiedenen Ebenen passieren können. Es kann ein Einfluss auf der Ebene der einzelnen Person sein, aber es gibt auch Einflüsse, die auf der Ebene des Klassenzimmers, der Schule und des Schulbezirks passieren können, und diese sind hierarchisch. Das beinhaltet eine komplizierte Reihe von Analysen“.

Bergee konkreter: „Vielleicht teilt die musikalische Unterscheidung auf einer eher mikroskopischen Ebene – Tonhöhen, Intervalle, Metren – eine kognitive Basis mit bestimmten Mustern der Unterscheidung in der Sprache. In ähnlicher Weise teilen sich vielleicht die eher makroskopischen Fähigkeiten der modalen und tonalen Zentrumsunterscheidung einen psychologischen oder neurologischen Raum mit Aspekten der mathematischen Kognition. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie weisen zumindest auf diese Möglichkeit hin.“

Wider das modulare Erziehungsmodell

Musik und Gehirn: Wie genau wirken sich Musikhören und Musizieren auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen aus? - Glarean Magazin
Wie genau wirken sich Musikhören und Musizieren auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen aus?

In einem kürzlichen Interview führte Bergee weiter aus: „Basierend auf den Ergebnissen ist der Punkt, den wir zu machen versuchten, dass es wahrscheinlich allgemeine Lernprozesse gibt, die allen akademischen Leistungen zugrunde liegen, egal in welchem Bereich. Musikalische Leistungen, mathematische Leistungen, Leseleistungen – es gibt wahrscheinlich allgemeinere Prozesse des Geistes, die in jedem dieser Bereiche zum Tragen kommen“.

Damit appelliert Musik-Forscher Bergee an eine gesamtheitliche Förderung der kognitiven Erziehung. Bergee: „Wenn es also Ihr Ziel ist, die Person zu erziehen – den Geist der Person zu entwickeln -, dann müssen Sie die ganze Person erziehen. Mit anderen Worten: Lernen ist vielleicht nicht so modular, wie man oft denkt.“

Nicht unterrichten, sondern entwickeln

Jugend und Musik - Musizieren und Entwicklung - Glarean Magazin
Ganzheitliche Entwicklung mit Hilfe der Musik

Das impliziere mehr, als Kinder einfach in Fächer zu unterrichten: „Man muss sie in diesen Fächern entwickeln„. Damit will Bergee nicht sagen, dass das Erlernen von Musik notwendigerweise die Mathematik- oder Lese-Leistungen eines Kindes verbessert. Aber soviel lasse sich behaupten: „Wenn Sie wollen, dass sich der Verstand eines jungen Menschen – oder eines jeden Menschen – entwickelt, dann müssen Sie ihn auf allen Wegen entwickeln, auf denen er entwickelt werden kann. Man kann nicht einige Arten des Lernens anderen Arten des Lernens opfern, aus welchen Gründen auch immer, sei es finanziell oder gesellschaftlich.“ ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik und Schule auch über Lutz Jäncke: Macht Musik schlau?

Ausserdem zum Thema Musikwissenschaft: Die auditiv-sensorische Synchronisation – Über die Fähigkeit des Takthaltens

… sowie zum Thema Musikschule das Pamphlet von Jürg Seiberth: Die Musik braucht die Schule nicht!


Problem-Schach: Der Studien-Komponist Evgeny Kopylov

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Die künstlerische Seite des Schachspiels

von Walter Eigenmann

Das Reich der Schach-Studien ist ein faszinierendes. Zumindest für jene, die dem Königlichen Spiel nicht nur eine sportliche oder eine spieltheoretische, sondern auch eine ästhetisch-künstlerische Seite abgewinnen können. Ein besonders profilierter Vertreter dieser Gattung ist der russische Studien-Komponist Evgeny Kopylov.

Schach-Studie Evgeny Kopylov - Problem-Komponist - Glarean MagazinEvgeny Kopylov (geb. 1973) ist zwar auch im On-The-Board-Turnierschach ein starker Internationaler Meister mit einem seinerzeit maximalen Rating von über 2450 Elo. Aber vor allem als Komponist origineller und schwieriger Schachstudien schafft er immer wieder preisgekrönte Gebilde, deren Komplexität sogar moderne Schachprogramme oft ratlos zurücklassen – zumindest minutenlang…

Vor kurzem gewann Kopylov mit dem „Pobeda-75“-Studienturnier 2020 abermals einen renommierten Preis, und zwar mit dem folgenden Werk:

Weiss am Zug gewinnt

FEN-String: 7Q/B3n1R1/BpR5/5p1P/pb6/6K1/5r2/4q1k1 w
Mausklick in einen Zug oder eine Variante öffnet ein Analyse-Fenster mit PGN-Download


Weiss am Zug gewinnt

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Noch nicht genug Turmopfer? Dann hier gleich nochmals ein Prachtsexemplar, diesmal aus der Schachzeitschrift 64 vor zwei Jahren.
Wer den Lösungszug von einer Engine herausfinden lassen will, braucht etwas mehr Geduld als sonst; normalerweise knacken heutige Schachprogramme solche Endspiel-Stellungen in Bruchteilen einer Sekunde…

FEN-String: 8/6Pr/4pR2/7k/3B1p1P/1B3K2/5p1r/8 w
Mausklick in einen Zug oder eine Variante öffnet ein Analyse-Fenster mit PGN-Download


Insbesondere die traditionellen Alpha-Beta-Engines bekunden mit unserer Nummer Drei im Kopylov-Bunde einige Mühe:

Weiss hält remis

FEN-String: 8/r3P3/4bPKp/8/r7/7k/8/5R2 w
Mausklick in einen Zug oder eine Variante öffnet ein Analyse-Fenster mit PGN-Download


Studieren Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachstudien auch das Schach-Osterei 2020

Ausserdem zum Thema schwierige Schach-Knacknüsse: Die „Asterix“-Stellungen aus dem Jahre 2007

Musik-Psychologie: Klang und Timing (Studie)

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Das rhythmische Zentrum des Klangs

von Walter Eigenmann

„Für unseren Gesamteindruck von Musik ist es sehr wichtig, dass die Details stimmen“, sagt die Musikwissenschaftlerin Anne Danielsen vom RITMO-Zentrum für interdisziplinäre Studien über Rhythmus, Zeit und Bewegung an der Universität Oslo. Gemeinsam mit ihrem Forscherkollegen Guilherme Schmidt Câmara sucht sie in ihrem Forschungsprojekt „Timing und Sound“ nach Antworten auf diese Details: „In Bezug auf Klang und Timing gibt es einige Grundregeln, an die sich die meisten Musikschaffenden halten. Nur wenige wissen jedoch, was sie rhythmisch tatsächlich tun, um es richtig klingen zu lassen“.

„Wenn wir mit Musikern und Produzenten sprechen, wird klar, dass sie die Klänge einfach automatisch anpassen, um das richtige Timing zu erreichen – das ist eine Form von implizitem Wissen“, sagt Câmara. Um nun dieses Wissen expliziter zu machen, haben die Forscher die Faktoren untersucht, die beeinflussen, wann wir ein Klanggeschehen wahrnehmen. Sie haben ein Muster gefunden und festgestellt, dass unsere Wahrnehmung des Timings eng mit der Qualität des Klangs zusammenhängt – ob er nun weich oder scharf, kurz oder lang und wackelig ist oder nicht.

Wann „geschieht“ ein Ton?

Anne Danielsen und Guilherme Schmidt Camara - Musikwissenschaftler Oslo Norway - Glarean Magazin
Prof. Dr. Anne Danielsen und Guilherme Schmidt Camara

Es ist wichtig, die Klänge aller Instrumente so zu timen, dass die Musik gut klingt, aber die verschiedenen Töne werden nicht unbedingt gespielt, wenn man sie hört. „Wissenschaftler sind bisher davon ausgegangen, dass wir das Timing zu Beginn eines Klangs wahrnehmen, haben aber nicht kritisch darüber reflektiert, was passiert, wenn die Klänge unterschiedliche Formen haben“, sagt Danielsen. Denn ein Klang habe ein rhythmisches Zentrum: „Wenn Sie sich eine Schallwelle vorstellen, befindet sich dieses Zentrum in der Nähe der Spitze der Welle, und Ihre Wahrnehmung, wo sich der Schall zeitlich befindet, ist tatsächlich dort oben, und nicht dort, wo er beginnt.

Rhythmische Zentren verschiedener Klänge

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„Wenn der Ton scharf ist, fällt der Anfang mit diesem rhythmischen Zentrum zusammen. Bei einem längeren und wackeligeren Klang nehmen wir wahr, dass sich das Zentrum lange nach dem eigentlichen Beginn des Klangs befindet.
Um einen Takt zu schlagen oder zusammen in einer Band zu spielen, müssen sich die Musiker aufeinander einstimmen, um es richtig zu machen: „Wenn man einen leisen Klang hat und möchte, dass er genau auf dem Schlag zu hören ist, dann muss man ihn etwas früher platzieren, damit man ihn auch so erleben kann“, sagt Danielsen.

Experimente zu den Strategien der Musiker

Um dies zu untersuchen, hat Câmara kontrollierte Experimente mit erfahrenen Gitarristen, Bassisten und Schlagzeugern durchgeführt. Ihnen allen wurde eine rhythmische Referenz gegeben, ein einfaches Groove-Pattern, das in vielen Genres zu finden ist. Dann wurden sie gebeten, auf drei verschiedene Arten mitzuspielen: Entweder direkt im Takt, ein wenig hinter oder ein wenig vor dem Takt“, erklärt sie. Auf diese Weise konnte sie testen, wie sie das Timing der verschiedenen Klänge wahrnehmen und wie sie spielen, um die Klänge auf einen Takt zu timen. Nach den Experimenten fragten sie die Musiker, was sie versucht hatten.

Klang dem Timing angepasst

Musikwissenschaft - Studie Klang und Timing 2020 - Orchester-Streicher-Gruppe - Glarean Magazin
Ob Samba, Sinfonik oder Hip-Hop: „Jedes Genre hat sein charakteristisches mikrorhythmisches Profil und seine grundlegenden psychoakustischen Regeln“

Diese benutzten ihre eigenen Worte, indem sie sagen, dass sie „langsamer“ oder „stärker“ spielen, wenn sie nach dem Takt zielen. „Dies passt gut zu dem, was wir als ein Muster der Beeinflussung des Klangs und nicht nur seines Orts sehen“, meint Danielsen. Sie weist darauf hin, dass das Timing des eigenen Spiels nach einem Takt etwas ist, das alle Musiker üben, also etwas, worüber jeder nachdenkt. „Sie sind sich jedoch viel weniger bewusst, wie sie den Klang nutzen, um Timing-Unterschiede zu kommunizieren“.

Musiker manipulieren Klang und Zeit

Die Forscher glauben, dass unsere Wahrnehmung von Schall in der Zeit auf grundlegenden psychoakustischen Regeln beruht, also darauf, wie das Gehirn Schallsignale wahrnimmt. Alle Musiker berücksichtigen diese mehr oder weniger festgelegten Regeln, aber wie sie das tun, hängt davon ab, in welches Genre ihr Spiel fällt.
„Jedes Genre hat ein charakteristisches mikrorhythmisches Profil. Samba hat sein eigenes, EDM hat sein eigenes, Hip-Hop hat ein anderes“, sagt Danielsen.

Musik-Computer - Audio-Software - Mischpult und Künstliche Intelligenz - Glarean Magazin
„Musiker am Computer erhöhen rhythmische Präzision durch Jonglieren mit den Klängen“

Bei der Musikproduktion sieht der Produzent den Klang vor sich auf dem Bildschirm und kann die Musik drehen und wenden, indem er die Beziehung der Klänge zueinander bewegt: „Produzenten, die am Computer einen Groove erzeugen, wissen das. Sie bewegen Klänge im Takt hin und her und denken: ‚Wenn ich ihn dort hinstelle, funktioniert er, und wenn ich ihn dort hinstelle, funktioniert er nicht‘. Sie lernen also durch Erfahrung, und wenn etwas präzise klingen soll, müssen sie mit den Klängen ein bisschen herum jonglieren“.

Die menschliche Qualität in der KI-Musik

Die norwegischen Forscher glauben, dass unser Wissen darüber, wie verschiedene Arten von Schall das Timing beeinflussen, zur Entwicklung von Software genutzt werden könnte, die künstliche Intelligenz zur Erzeugung von Musik verwendet. „Wir können eine Sequenz bereits grooviger und menschlicher gestalten, so dass sie nicht völlig mechanisch klingt. Wenn wir mit einem programmierten Takt beginnen, dann können die Algorithmen die Klänge leicht bewegen, um den Stil zu beeinflussen. Wenn der Algorithmus auch die Form des Klangs berücksichtigt, können wir eine noch breitere Palette an rhythmischen Bedingungen erhalten, die die Musik auf ästhetisch ansprechendere Weise gestalten können“, sagt Câmara.

Spielraum für Fehler

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Denn wenn wir live spielen, wollen wir einen Spielraum für Fehler, wir sind keine Maschinen: „Es gibt immer ein gewisses Mass an Asynchronität“, sagt Câmara, der selbst Musiker ist. Obwohl es sich um winzige Verschiebungen handle, habe der Mensch ein geschultes Ohr dafür, mit Hilfe von Schall etwas in der Zeit zu platzieren: „In manchen Kontexten können 10 bis 20 Millisekunden ausreichen, um einen Unterschied zu hören. Wir müssen uns dessen nicht völlig bewusst sein, aber wir können es fühlen“.

Anne Danielsen weist darauf hin, dass dies nicht nur für Menschen gilt, die mit Musik arbeiten. „Im Vergleich zu dem, was wir mit unseren Augen wahrnehmen, ist unsere Präzision in Bezug auf Zeit und Klang äußerst präzise. Das macht uns sehr empfindlich für räumliche Klangunterschiede. Aber auch beim Hören von Stimmenunterschieden – ob jemand wütend, traurig, glücklich oder verärgert ist – verwenden wir feinmaschige Audioinformationen, um zu interpretieren, was diese Stimme tatsächlich vermittelt“, sagt sie. „Es mag unglaublich klein und unbedeutend erscheinen, aber in Wirklichkeit ist es eine sehr wichtige Information für uns“.

Musik fordert sensorische Grenzen heraus

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„Wenn man einen leisen Klang hat und möchte, dass er genau auf dem Schlag zu hören ist, dann muss man ihn etwas früher platzieren, damit man ihn auch so erleben kann“

Danielsen ist der Meinung, dass die Tatsache, dass die Musikforschung uns in die Lage versetzt hat, psychoakustische Regeln zu entdecken, die sich darauf beziehen, wie das menschliche Gehirn Schall wahrnimmt, etwas über die Bedeutung der Musikforschung aussagt. „Wir tun in der Musik extreme Dinge. Indem wir die Grenzen dessen ausloten, was wir ästhetisch ansprechend finden können, testen wir auch unseren Wahrnehmungsapparat. Man könnte sagen, dass Musik ständig mit unseren Sinnen experimentiert. Deshalb ist Musik ein gutes Forschungsthema, um herauszufinden, wie wir Klang wahrnehmen, wie wir zuhören und wie wir ihn zeitlich strukturieren“. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Rhythmus und Musikwissenschaft auch:

Die Halloween-Schach-Studie 2020

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Verhexte Schach-Teufelei

von Walter Eigenmann

Heute ist die Nacht der Nächte. Es spukt und geistert, es heult und schreit in allen Ecken und an allen Enden – die Geister sind entfesselt. Rette sich wer kann, sonst gibt’s Saures statt Süsses!
Und auch auf dem Schachbrett ist der Teufel los, denn die GLAREAN-Hexe hat die gefürchtete Halloween-Schach-Studie 2020 aus der Tiefe geholt, die jeden Grossmeister und jedes Schachprogramm erzittern lässt.

Mit welchem teuflischen Zug bringt sie nicht nur alle menschlichen Schachspieler um den Verstand, sondern lässt auch Computer-Engines vor Angst mit den Bits klappern?

FEN: 2k5/1p3pp1/p1p1p1p1/2P1P1P1/PP1P1P1P/K7/8/8 w

Halloween Hexe spielt Schach - Halloween Chess Witch plays Chess - Glarean Magazin 2020
Eine verhexte Halloween-Schachstellung: Weiss zieht und gewinnt…

Die Lösung finden Sie, wenn Sie „weiterlesen“ —>

Wer von Halloween 2020 noch nicht genug hat, kann sich noch zwei weitere gespenstische Halloween-Knacknüsse antun:

Das Halloween Chess Puzzle 2018  und  das Halloween Chess Puzzle 2009

English Translation

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Tonight is the night of nights. It haunts and ghosts, it howls and screams in every corner and at every end – the ghosts are unleashed.
And all hell is breaking loose on the chess board too, because the GLAREAN WITCH has brought the dreaded Halloween Chess Study 2020 out of the depths, which makes every grandmaster and every chess program tremble.

With which diabolical move does she not only drive all human chess players out of their minds, but also makes computer engines rattle with the bits in fear?

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Musikwissenschaft: Die auditiv-motorische Synchronisation

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Über die Fähigkeit des Takthaltens

von Walter Eigenmann

Wie können Menschen sicher die Strasse überqueren, während sie den Gegenverkehr hören? Wie können sie zu neuer Musik tanzen oder Team-Synchronisierungen wie z.B. beim Rudern durchführen? Kurz: Wie koordinieren Menschen ihre Handlungen mit den Geräuschen, die sie hören? Die auditiv-motorische Synchronisation ist Gegenstand einer Studie unter der Leitung von Forschern an der kalifornischen McGill University um Caroline Palmer. Sie wirft ein neues Licht darauf, wie auditorische Wahrnehmung und motorische Prozesse zusammenwirken.

Takthalten – mehr als nur Bewegung oder gutes Zuhören

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Musik-Neurologische Forschung mittels Elektroenzephalografie: Messung von Gehirnströmen bei kognitiv-motorischen Prozessen

In einem kürzlich im Journal of Cognitive Neuroscience erschienenen Artikel konnten die Forscher unter der Leitung von Caroline Palmer, einer Professorin der McGill-Abteilung für Psychologie, neuronale Marker der Schlagwahrnehmung von Musikern identifizieren. Überraschenderweise entsprachen diese Marker nicht der Fähigkeit des Musikers, einen Schlag zu hören oder zu produzieren – nur seiner Fähigkeit, sich mit ihm zu synchronisieren.

„Die Autoren sind als ausführende Musiker mit musikalischen Situationen vertraut, in denen ein Interpret nicht korrekt im Takt mit seinen Mitspielern ausgerichtet ist. Daher waren wir daran interessiert zu untersuchen, wie das Gehirn eines Musikers auf Rhythmen reagiert. Es könnte sein, dass manche Menschen bessere Musiker sind, weil sie anders zuhören, oder es könnte sein, dass sie ihren Körper anders bewegen“, erklärt die kanadische Neurowissenschaftlerin Palmer, verantwortliche Autorin des Artikels.

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„Wir fanden heraus, dass die Antwort eine Übereinstimmung zwischen dem Pulsieren oder den Schwingungen in den Hirnrhythmen und dem Pulsieren des musikalischen Rhythmus war. Es geht nicht nur um Zuhören oder um Bewegung. Es ist eine Verbindung des Gehirnrhythmus‘ mit dem Hörrhythmus.“

Neuronale Marker bei der Schlag-Wahrnehmung

Die Forscher benutzten die Elektroenzephalographie – bei EEGs werden Elektroden auf die Kopfhaut gelegt, um die elektrische Aktivität im Gehirn zu messen -, um die Hirnaktivität zu messen, während die Teilnehmer des Experiments, allesamt erfahrene Musiker, ihr Klopfen mit einer Reihe von musikalischen Rhythmen synchronisierten, die sie hörten. Auf diese Weise waren sie in der Lage, neuronale Marker der Schlagwahrnehmung bei Musikern zu identifizieren, die ihrer Fähigkeit, gut zu synchronisieren, entsprachen.

"Ob jeder gleich so gut wie ein Schlagzeuger werden könnte, ist noch nicht klar..."
„Ob jeder gleich so gut wie ein Schlagzeuger werden könnte, ist noch nicht klar…“

„Wir waren überrascht, dass selbst hochtrainierte Musiker manchmal eine verminderte Fähigkeit zur Synchronisation mit komplexen Rhythmen zeigten, und dass sich dies in ihren EEGs widerspiegelte“, sagten die Co-Erstautoren Brian Mathias und Anna Zamm, beide Doktoranden im Palmer-Labor. „Die meisten Musiker sind gute Synchronisierer; dennoch war dieses Signal empfindlich genug, um die ‚guten‘ von den ‚besseren‘ oder ‚Super-Synchronisierern‘, wie wir sie manchmal nennen, zu unterscheiden“.

Synchronisierung kann trainiert werden

Caroline Palmer - Musik-Psychologin - Neurowissenschaftlerin - Glarean Magazin
Die amerikanische Musik-Psychologin und Neurowissenschaftlerin Dr. Caroline Palmer

Es ist nicht klar, ob jemand ein solcher ‚Super-Synchronisierer‘ werden kann, aber laut Caroline Palmer ist es vielleicht möglich, die Fähigkeit zur Synchronisierung zu verbessern. „Die Bandbreite der von uns untersuchten Musiker lässt vermuten, dass die Antwort ‚ja‘ lauten würde. Ermutigend ist auch die Tatsache, dass nur 2-3 Prozent der Bevölkerung ‚gehörlos schlagen‘. Das Üben verbessert definitiv ihre Fähigkeit und verbessert die Ausrichtung der Hirnrhythmen auf die musikalischen Rhythmen. Aber ob jeder gleich so gut wie ein Schlagzeuger werden könnte, ist noch nicht klar…“ ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema neurowissenschaftliche Musikpsychologie auch über die Musik als soziales Experimentierfeld

Ausserdem zum Thema: Östliche und westliche Musiker-Gehirne im Vergleich

Das neue grosse Musik-Kreuzworträtsel im Juli 2020

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Puzzle-Spass aus allen Bereichen der Musik

von Walter Eigenmann

Das neue grosse Musik-Kreuzworträtsel im Juli 2020 sucht wieder nach Begriffen aus allen Bereichen der Musik. Dabei hält unser Crossword Puzzle viele einfache, aber auch zahlreiche schwierige Aufgaben aus Pop und Rock, Folk und Jazz, Klassik und Schlager parat.
Downloaden Sie das Kreuzworträtsel mit der Funktion „PDF herunterladen“ und drucken Sie die Datei aus – aber ohne sofort auf der separaten Seite mit den Lösungen zu kiebitzen… 😉

Das GLAREAN wünscht heftiges Rätsel-Vergnügen!

Musikrätsel Glarean Magazin - Crossword Puzzle Music - Juni 2020 - Aufgaben und Lösungen

Knobeln Sie im Glarean Magazin auch das Musik-Kreuzworträtsel im April 2020

Neuronale Forschung mit japanischen und westlichen Musikern

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Östliche und westliche Musiker-Gehirne im Vergleich

von Walter Eigenmann

Arbeiten die Gehirne von japanischen Klassik-Musikern anders als jene von westlichen oder von Nichtmusikern? Eine neue Studie untersuchte die spezifischen Arten neuronalen Verhaltens bei den Teilnehmern, wenn sie ungewohnten Rhythmen und nicht-rhythmischen Melodie-Mustern ausgesetzt waren. Ausgebildete Musiker zeigten im Vergleich zu Nichtmusikern eine grössere Fähigkeit zur Rhythmus-Vorhersage – mit subtileren Unterschieden zwischen denen, die in japanischer oder westlicher klassischer Musik ausgebildet waren. Diese Forschung könnte Auswirkungen haben auf weitere Studien über den kulturellen Einfluss auf das Lernen und die Gehirnentwicklung überhaupt.

„Musik ist allgegenwärtig und unverzichtbar in unserem täglichen Leben. Musik kann uns belohnen, uns trösten und uns emotional befriedigen“, sagt Projekt-Assistenzprofessor Tatsuya Daikoku vom Internationalen Forschungszentrum für Neurointelligenz der Universität Tokio. „Es ist also keine Überraschung, dass die Wirkung von Musik auf das Gehirn gut erforscht ist. Viele Studien konzentrieren sich jedoch auf westliche klassische Musik, Pop, Jazz usw., während unsere Studie die erste ist, die neuronale Mechanismen bei Praktikern der japanischen klassischen Musik, bekannt als Gagaku-Musikstil, untersucht“.

Japanische Musik ohne regelmässiges Taktmuster

Musik ohne regelmässiges Taktmuster: Das japanische Rhythmus-Instrument Binzasara
Musik ohne regelmässiges Taktmuster: Das japanische Rhythmus-Instrument Binzasara

Viele japanische Aufführungskünste, wie z.B. im Noh- oder Kabuki-Theater, beinhalten Musik, die nicht unbedingt einem regelmässigen Taktmuster folgt, wie dies bei der westlichen klassischen Musik typischerweise der Fall ist. Das heisst, die japanische klassische Musik dehnt sich manchmal aus oder zieht Beats ohne mathematische Regelmässigkeit zusammen. Dieses Zeitintervall wird oft als MA bezeichnet – ein wichtiger Begriff in der gesamten japanischen Kultur ist.

Daikoku und sein Forschungspartner, Assistenzprofessor Masato Yumoto von der Graduierten-Schule für Medizin, untersuchten, wie verschiedene Gruppen von ausgebildeten Musikern und Nichtmusikern auf unterschiedliche Rhythmusmuster reagierten. Die Idee war, herauszufinden, wie die musikalische Ausbildung das statistische Lernen, die Art und Weise, wie unser Gehirn sequenzielle Informationen – in diesem Fall Rhythmen – interpretiert und antizipiert, beeinflussen könnte.

Rhythmus-Lernen in der linken Gehirn-Hemisphäre

Hirnströme von Musikern untersucht: Magnetoenzephalographie
Hirnströme von Musikern untersucht: Magnetoenzephalographie

Die Forscher zeichneten die Hirnaktivität der Teilnehmer direkt auf, indem sie eine Technik namens Magnet-Enzephalographie verwendeten, bei der magnetische Signale im Gehirn untersucht werden. Anhand der Daten konnten Daikoku und Yumoto feststellen, dass das statistische Lernen der Rhythmen in der linken Hemisphäre des Gehirns der Teilnehmer stattfand. Und, was wichtig ist: Es gab ein höheres Aktivitätsniveau bei denjenigen mit musikalischer Ausbildung, sei es in der japanischen oder der westlichen klassischen Musik.

„Wir erwarteten, dass Musiker im Vergleich zu Nichtmusikern ein starkes statistisches Lernen von ungewohnten Rhythmussequenzen aufweisen würden. Dies wurde in früheren Studien beobachtet, die sich mit Reaktionen auf unbekannte Melodien befassten. Also war dies an sich keine solche Überraschung“, sagte Daikoku. „Was aber wirklich interessant ist, ist dass wir Unterschiede in den neuronalen Reaktionen zwischen denjenigen feststellen konnten, die in japanischer oder westlicher klassischer Musik ausgebildet wurden“.

Gehirnentwicklung bei unterschiedlichen Erziehungskulturen

Diese Unterschiede zwischen japanischen und westlichen klassischen Musikern sind offenbar viel subtiler und zeigen sich in der neuronalen Verarbeitung von Komplexität im Rhythmus höherer Ordnung. Obwohl es nicht der Fall ist, dass die eine oder andere Kultur besser oder schlechter als die andere abschneidet, impliziert diese Erkenntnis, dass unterschiedliche kulturelle Erziehung und Bildungssysteme einen spürbaren Einfluss auf die Gehirnentwicklung haben können.

Japanische Musikerin mit der Bambusflöte Shakuhachi - Glarean Magazin
Japanische Musikerin mit der Bambusflöte Shakuhachi

„Diese Forschung ist Teil eines grösseren Puzzles, das wir erforschen wollen – das der Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den Sprachen und der Musik der Kulturen, und wie sie das Lernen und die Entwicklung beeinflussen“, sagte Daikoku. „Wir untersuchen auch die Musik als Mittel zur Behandlung von Entwicklungsstörungen wie etwa Sprachstörungen. Ich persönlich hoffe, dass das Interesse an klassischer japanischer Musik wieder erwacht; vielleicht wird diese Studie diejenigen, die mit solcher Musik nicht vertraut sind, dazu inspirieren, diesen wichtigen Teil der japanischen Kulturgeschichte zu hören und zu schätzen“. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema aussereuropäische Musik auch über Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient

… sowie zum Thema Musik-Psychologie: Klang und Timing – Das rhythmische Zentrum des Klangs

Computer-Schach: The Engine Crackers

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 17 Minuten

Neue Knacknüsse für Schachprogramme

von Walter Eigenmann

Die Spielstärke der modernen Schachprogramme hat bekanntlich ein derart hohes Niveau erreicht, dass der Mensch längst nicht mehr mithalten kann. (Dass aber abseits der Computer-Schach-Szene wie schon seit Jahrhunderten nach wie vor ein äusserst reger Turnierbetrieb herrscht, spricht für die ungebrochene Kraft des Königlichen Spiels).
Diese Seite stellt echte Knacknüsse für Schachprogramme vor: „The Engine Crackers“. Es sind Chess Puzzles, die auch heutigen „Motoren“ mächtig viel Berechnung abverlangen…

Modern Chess - Schach-Figuren - Schach-Kunst - Glarean MagazinEs ist inzwischen zu einer grossen Herausforderung geworden, neue Knacknüsse für Schachprogramme aufzuspüren. Die Engines rechnen heutzutage sehr schnell, sehr selektiv, sehr tief, und ihre Algorithmen arbeiten mit ausgeklügelten Programmiertechniken. In Verbindung mit ständig beschleunigten Prozessoren spüren sie damit auch die verborgensten Geheimnisse einer Schachstellung auf.
Aber ein paar letzte weisse Flecken auf der Engine-Landkarte gibt es durchaus auch heute noch. Sie zu entdecken erfordert allerdings etwas Knowhow über die Funktionsweise dieser „Motoren“, vor allem aber einen erfahrenen Umgang mit den Engines selber. Denn die Defizite von Schachprogrammen sind nur mit Hilfe von Schachprogrammen zu finden…

Teststellungen für 30 Sekunden und länger

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Diese Seite ist also solchen Stellungen gewidmet, an denen die Engines überdurchschnittlich heftig zu knabbern haben. Dabei sind die Aufgaben grundsätzlich nicht unmöglich zu lösen für Schachmotoren. Auch trifft man zuweilen das Phänomen an, dass mal ein Programm genau jenes Puzzle blitzschnell löst, welches alle anderen nicht verstehen.
Apropos: Ich persönlich erachte eine Teststellung dann als schwierig, wenn die meisten starken Schachprogramme mit ihren jeweiligen Default-Einstellungen auf durchschnittlicher aktueller Hardware durchschnittlich länger als 30 Sekunden für die richtige Lösung benötigen.

Recherchen in vielen Datenbanken

Woher stammen all die Crackers hier? Sie sind das Ergebnis meiner umfangreichen Recherchen in diversen Datenbanken, kommerziellen wie kostenlosen. Hervorragend geeignet für die Suche nach komplexen Stellungen sind v.a. die Partien von Fernschach-Meisterspielern. Correspondence Chess Players pflegen versiert mit Computerprogrammen zu arbeiten, und ihr „Forschungstrieb“ generiert Partien auf allerhöchstem Niveau. Das effiziente, ja geradezu wissenschaftliche Handling mit Engines und GUI-Analysewerkzeugen ist das Markenzeichen erfolgreicher Fernschachspieler, ohne maschinelle Unterstützung ist heutzutage ein FS-Spiel auf Top-Niveau undenkbar. (Siehe hierzu auch das Interview mit Fernschach-Grossmeister Arno Nickel)

Schach-Aufgabe - Chess Puzzle - The Engine Crackers Nr.6 - Cvak vs Kubicki - Schwarz zieht Dxf3 - Glarean Magazin
Schwarz am Zuge ist mit zwei Bauern in der Kreide. Aber unerwartet verschafft er sich mit einer verblüffenden Kombination durchschlagenden Vorteil. Was spielte Fernschach-Meister R. Cvak hier gegen T. Kubicki 2019?

Weiters finden sich interessante Puzzles für Schachprogramme bei den Programmen selber. Denn die führenden Engines liefern ebenfalls ein (fast) fehlerfreies Spiel, in den einschlägigen Internet-Schach-Datenbanken nach brauchbaren Perlen zu fischen verlangt allerdings einige Erfahrung im Umgang mit Engine-Settings und viel Geduld.

Computer Chess vs Human Chess

Ein drittes Gebiet für die Puzzle-Recherche ist das Problemschach mit seinen Studien. Hier sind die wirklich anspruchsvollen Aufgaben für Computer zwar seltener zu finden, weil die Studien eher nach künstlerisch-ästhetischen denn nach schachtechnischen Kriterien konzipiert sind. Dementsprechend leisten diese Wenigsteiner-Aufgaben den Programmen meist kaum Widerstand.
Dafür legt das Problemschach seinen Finger zuweilen genau in jene Wunden, die Schachprogrammen besonders weh tun. Die Stichworte sind hier der Zugzwang, der Horizonteffekt oder die vielzügige Mattführung.

Last but not least ist natürlich der riesige Pool mit von Menschen ausgetragenen Turnierpartien zu erwähnen. Doch diese Quelle ist als Datenmaterial fürs Computerschach nur von begrenzter Attraktivität. Denn so genial manche Kombinationen all der Giganten einer vielhundertjährigen Schachgeschichte daherkommen: Unter dem unbarmherzigen Mikroskop eines heutigen Computerprogramms zerschmilzen sie fast ausnahmslos zu einer „Petit Combinaison“ a la Capablanca, die in nullkommnix Sekunden gelöst (oder dann als inkorrekt entlarvt) wird… ♦

Über Reaktionen in Form von eigenen Analysen, Engine-Ergebnissen u.a. würde ich mich freuen. Benützen Sie hierzu einfach die „Kommentar“-Funktion. Gerne werden auch Vorschläge für schwierige neue Testaufgaben geprüft und ggf. unter dem Namen des „Finders“ veröffentlicht.
Die Seite hier wird regelmässig mit neuen Puzzles bestückt; also am besten immer mal wieder vorbei schauen.

Der Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das Analyse-Fenster. Dort ist auch ein Download der entspr. PGN-Datei möglich.


FEN: 3q3N/1p5k/5B2/8/1p2p1Rp/1P5K/p3PP2/8 w


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FEN: 2rqr1k1/pp1bbp1p/2n1p1pB/2N1P3/1PQp4/P4N2/5PP1/3RR1K1 w

FEN: 6k1/2p3p1/B4R1P/R3P2K/4p1pP/P3q3/1Qp5/2r4r w

FEN: K1k5/p2p2p1/2pP4/5PpP/4Pb2/QP4q1/8/8 w

 

FEN: rnbq1rk1/4ppb1/p1pp1np1/1p5p/2PPP2P/2N1BP2/PP1Q2P1/2KR1BNR w

 

FEN: r7/pp2Pp1k/5P1p/PBp1B1p1/5n2/8/8/5K2 w

FEN: r4r2/b2q2pk/3p2np/N2pp3/PP1P4/2P3PP/1B3P2/R3RQK1 b

FEN: R7/8/p3R3/3p4/5n2/K7/4P3/4kn2 w

FEN: rnbqk2r/pp1p1ppp/3P1n2/b1p5/8/2N2N2/PP2PPPP/R1BQKB1R w KQkq

FEN: 4nr1k/pp1r2p1/5p1p/2p1PR2/P1B3RQ/3P4/2P3KP/q7 w

FEN: 2rqkb1r/1b1n1ppp/p1npp3/1p4P1/3NPP2/P1N1B3/1PP4P/R2QKBR1 w Qk

FEN: 3rq2k/1p1r1pp1/p1p1p2p/P1PnP3/3PB1PP/5R1K/3Q1P2/3R4 w

FEN: 1rb1r3/5qk1/3b2p1/1PnPp1Pp/4B3/pP3Q2/P2N1B1P/1KR3R1 b

FEN: 2r2r2/p2qnpbk/1pn3p1/2pNp2p/P1P1P3/3P1P2/3N1BPP/R2Q1R1K w

FEN: 7k/pp1pBp1N/1p3Pp1/b3K1PR/P3P2p/R1n4P/2P1N1P1/3q4 w

FEN: 2k5/p2p4/1P6/P3p3/1q2N3/2p5/K7/7Q w

FEN: k7/P4pp1/1P6/2p1P3/2P1n3/p5pB/P4n2/K5b1 w

FEN: 5N1n/3P1p1p/5P1k/1Pp1P2p/4KP1P/2p5/p4b2/5N2 w

Studieren Sie zum Thema Teststellungen für Schachprogramme auch die Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (08)

Computerschach: Die besten Engines der Welt (2)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 26 Minuten

Das grosse Turnier der Schachprogramme

von Walter Eigenmann

Vor drei Jahren hat der Autor in seinem Schach-Report „Die besten Engines der Welt“ ein Turnier mit 31 der häufigst verwendeten Programme besprochen. Seither hat das Computerschach eine gänzlich neue Entwicklung der Programmierung erlebt: Das KI-Programm Leela-Chess-Zero (Lc0) mit seinen ständig verbesserten Neuronalen Networks. Dieser gegenüber der traditionellen Alpha-Beta-Konzeption der herkömmlichen Engines gänzlich andere Strang der Schachprogrammierung mischt nun an der Spitze kräftig mit. Es war also an der Zeit, auf dem heimischen Ryzen-7 und seinen 16 Cores ein zweites grosses Turnier mit erneut 31 der momentan meistverwendeten Schachmotoren aufzusetzen: „Die besten Engines der Welt – Zwei“.

Bis anhin war ja, wenn’s um die absolute Spitze im Computerschach ging, nur von einem Programm die Rede: Stockfish. Über die Jahre gewachsen und von hunderten eifriger Tester und Anwender getragen, entwickelte sich diese Freeware-Engine zum einsamen Überflieger der Szene, gegen den nicht einmal die beiden kommerziellen Programme Komodo und Houdini eine Chance hatten. Doch dann überfiel im Dezember 2017 das AI-Projekt AlphaZero von DeepMind (by Google) die Schachwelt, und kein Stein blieb mehr auf dem anderen.

Bei Lc0 in die Schule gehen

Schach-Weltmeister Magnus Carlsen und AlphaZero - New in Chess 2019 - Glarean Magazin
Gelehrig in Sachen „Material vs Initiative“: Weltmeister Magnus Carlsen (Cover „New In Chess“ NIC – 2019)

Nicht nur das Computerschach geriet durch AlphaZero bzw. nun durch seinen würdigen (und v.a. kostenlosen) Nachfolger Lc0 in Aufruhr, auch die internationale Grossmeister-Szene bis hinauf zu WM Magnus Carlsen blickte gebannt auf diese Forschung, deren Produkte so ganz anders und zugleich höllisch stark Schach spielten. Und so nebenbei ein paar eröffnungstheoretische und mittelspielstrategische Glaubenssätze erfolgreich in Frage stellten.
Mittlerweile gibt sogar die oberste Etage der GM-Gilde unverhohlen zu, bei Lc0 in die Schule zu gehen. Beispielsweise Weltmeister Carlsen, über den es in der August-2019-Ausgabe der renommierten Zeitschrift „New in Chess“ heisst: „Magnus’ play is like that in the original ten AlphaZero games, with the initiative being a more important factor than the number of pawns“.

Das AI-Schach als „Game Changer“

Natasha Regan - Chess Author Game Changer - Glarean Magazin
Co-Autorin von „Game Changer“: Die Mathematikerin Natasha Regan

Feiert also die „romantische Ära“ des Opfer-Schachs von Paul Morphy bis Michael Tal ein Comeback infolge der Initialzündung Lc0? Einfach mit dem Unterschied, dass Leela’s taktischen, positionellen und strategischen Opfer immer korrekt sind?
Fest steht jedenfalls, dass das KI-Programm bzw. seine autodidaktisch generierten Netzwerke bereits einen schon jetzt spürbaren Einfluss auf das Welt-Schach der Top-50-Spieler ausübt. In ihrem Buch „Game Changer – AlphaZero’s Groundbreaking Chess Strategies and the Promise of AI“ erläutern Grossmeister Mathew Sadler und die Mathematikerin Natasha Regan ausführlich, welche Implikationen dieses neue AI-Schach für die moderne Spielweise im internationalen Turnierschach beinhaltet.

Ein neuer Star am Engine-Himmel

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Und was setzen die „Traditionalisten“ dieser geballten neuronalen Wucht entgegen? Sie bessern Stockfish & Co. immer noch mehr nach, versuchen dessen Schwächen auszumerzen, ohne seine Stärken zu mindern, was in der Alpha-Beta-Welt eine Herausforderung darstellt. Im Moment scheint Stockfish zu stagnieren. Doch das diagnostizierte man schon in früheren Entwicklungsperioden, nur um dann wieder überrascht zu beobachten, dass der Fisch erneut 50 Comp-Elo zugelegt und die Konkurrenten im Teich einen nach dem anderen weggebissen hatte.

Neuerdings wird allerdings die Alleinherrschaft von Stockfish nicht nur von LeelaChessZero, sondern unmissverständlich von einem Mitglied des eigenen Clans in Frage gestellt. Das Stockfish-Derivat Eman des Programmierers Omar Khalid aus den Vereinigten Arabischen Emiraten trumpft nämlich gerade ganz gross auf im internationalen Engine-Zirkus.
Wer dieses Programm beim Spielen beobachtet, der stellt sofort fest: Die Engine hat einen enormen Speed am Leib. Sie geht so rasant in die Tiefe, dass sogar dem Allesrechner Stockfish der Atem stockt. Auf meinem Rechner hat es jedenfalls aktuell keinen Gegner, die taktische Power dieses Emporkömmlings ist fulminant. Untersuchen wir also diesen Eman aus Arabien etwas näher…


Exkurs: EMAN von Khalid Omar

Wer ist Khalid Omar?

Khalid Omar - Chess Engine Programmer Eman - Glarean Magazin
Bastelte aus Stockfish die Turbo-Engine des Jahres: Eman-Programmierer Khalid Omar (geb. 1977)

Khalid Omar, der Programmierer der Schach-Engine Eman, die aus dem Open-Source-Programm Stockfish hervorgegangen ist, wurde 1977 in Kuweit geboren und schloss 2000 sein Studium als Elektro-Ingenieur an der Jordan University of Science & Technology ab. Seitdem arbeitet er in den Vereinigten Arabischen Emiraten als Chief Technology Officer eines internationalen IT-Unternehmens. Khalid Omar ist verheiratet und Vater von vier Töchtern.

„Mein dominierendes Hobby ist das Schachspiel, und ich bin aktiv auf mehreren Online-Plattformen wie z.B. lichess.org oder chess.com unterwegs“, verriet der 42-jährige IT-Experte dem Glarean Magazin. Nur um gleich zu schmunzeln: „Meine Online-Schachwertung liegt irgendwo bei 1800 Elo, ich programmiere Schach also weit besser als ich es spiele…“

Nicht bei Null angefangen…

Mit der Generierung seiner Überflieger-Engine Eman begann er vor zweieinhalb Jahren, wobei er (wie die meisten heutigen Schachprogrammierer…) nicht mehr bei Null anfangen musste, sondern die Open-Source-Engine Stockfish hernahm und daran herumzuschrauben begann. Omar’s Herumschrauben erwies sich allerdings als sehr viel erfolgreicher als das anderer Stockfish-„Kloner“: Seit seinen 5.0-Versionen zählt Eman zu den Top-Drei neben Lc0 und Stockfish.

Schach-Programmierung - Chess Engine - Eman-Konfiguration - Walter Eigenmann - Glarean Magazin
Das Konfigurations-Menü von Eman 5.6 offeriert dem Anwender eine Fülle von Einstellungen. Wer diese Defaults geschickt manipuliert, holt aus der Engine gut und gerne nochmals 20-30 Elo’s heraus…

Dass Eman aber nicht einfach nur ein überdurchschnittlich erfolgreicher Aufguss von SF ist, sondern mittlerweile als quasi eigenständiges Engine-Produkt be- und geachtet werden sollte, davon ist sein Schöpfer überzeugt: „Heute ist Eman nicht mehr zu vergleichen mit Stockfish“, meint Omar. „Meine vielen Änderungen beeinflussten fast jeden Aspekt des ursprünglichen Stockfish vom Zeitmanagement bis zur Thread-Synchronisation. Und das betrifft nicht nur den Alpha-Beta-Algorithmus, sondern ebenso den Bewertungsteil, der das Rückgrat jeder guten Schach-Engine ist“.

„Eman ist jetzt ein ganz anderes Programm“

Danach gefragt, was genau denn die vielen Features sind, die Eman als Mehrwert gegenüber Stockfish aufweist, beginnt Omar selbstbewusst aufzuzählen:

  • Full Analyse – Dank dieser Funktion behandelt Eman alle Züge bis zu einer bestimmten konfigurierbaren Tiefe als Hauptvariationszüge. Das erlaube es der Engine, eine umfassendere Suche in sehr grosse Tiefen durchzuführen, ohne viel Zeit zu verlieren.
  • Experience – Eman erinnert sich an die Züge, die es gemacht hat, und erinnert sich auch an die Züge des Gegners. All diese Daten werden in einer „Erfahrungsdatei“ gespeichert, um später verwendet zu werden, wenn die gleiche Stellung wieder angetroffen wird. Diese Erfahrungsdaten können optional als Buch verwendet werden, damit die Maschine ohne Nachdenken aus den Erfahrungsdaten spielen kann.
  • Coherence Evaluation – Vereinfacht formuliert versucht Eman mit dieser „Kohärenzbewertung“, zwischen Stellungen mit gleichem Score zu unterscheiden. Originalton Omar: „For instance, in Stockfish and other engines, the final score is the sum of all the individual evaluations such as Material, King Safety, Mobility, Passed Pawns, etc. With this logic, it is possible to have two equivalent scores with very different king safety values! Eman tries to compensate for this by looking at the evaluation parts individually and then calculating the Coherence value which indicates how healthy are the evaluation parts. The Coherence value is then added to the final evaluation seen by the Alpha-Beta algorithm“.
  • NUMA Awareness – Eman nützt die modernen High-End-NMUA-CPU’s bestmöglich aus, indem die Aware Systems implentiert wurden, welche dem Motor noch mehr Geschwindigkeit bei der Suche verleihen soll.
  • Search logic – Eman wurde eine verbesserte Suchlogik implentiert, wodurch das Programm aggressiver und dynamischer als Stockfish agiert.

Geheimnisvolle Qualität aus dem Orient…

Eman Chess Engine - Top-Shot f6-f5 - Glarean Magazin
Eman-Spezialität Freibauer: Mit den kraftvollen schwarzen Bauernvorstössen f6-f5-f4 und e4-e3 setzt Eman 5.5 den weissen (Komodo 13.3) unter Druck ( FEN-String: 1b2r3/1p3qk1/5pp1/1r1Pp2p/pNNnQ2P/P1R3P1/1P3PK1/3R4 b )

Programmierer Omar könnte, wie er gegenüber dem Glarean Magazin durchblicken lässt, noch mehr aus seiner Eman-Werkstatt berichten. Aber wie viele andere Schachprogrammierer, seien sie nun auf der Open-Source- oder der kommerziellen Schiene unterwegs, will er nicht alle seine Geheimnisse preisgeben. „Feind hört mit“, wie das in früheren Zeiten hiess…
Nun, solange diese Engine kostenlos – übrigens nur direkt/persönlich beim Autor abzuholen – erhältlich ist, wird die internationale Anwenderschaft solche Geschenke wie Eman dankend entgegen nehmen, ohne sich besonders lange bei irgend welchen Streitpunkten in Sachen GPU-Lizenzen aufzuhalten…

Bald die neue Nummer Eins?

Eines steht jedenfalls fest: In den letzten Wochen und Monaten häuften sich die Versionen des hochinteressanten Stockfish-Ablegers Eman – jeweils immer mit merkbarem Spielstärke-Zuwachs. Demgegenüber verzeichnet weder das Stockfish- noch das Lc0-Lager in letzter Zeit Fortschritte, über die zu reden sich lohnte…
Man darf also gespannt sein, ob sich dieser Freeware-Motor aus Arabien auch in Zukunft so rasant weiter entwickelt wie bisher. Sollte sich Eman noch länger so erfolgreich abnabeln vom grossen Übervater Stockfish, werden wir möglicherweise bald mit einer neuen Nummer Eins unsere Vereins- und Fernschach-Partien analysieren können… ♦


An der Spitze wird’s immer enger

Noch hauchdünn die Nummer Eins des Computerschachs, aber eng attackiert von LeelaChessZero und Eman: Die Freeware-Engine Stockfish
Noch hauchdünn die Nummer Eins des Computerschachs, aber eng attackiert von LeelaChessZero und Eman: Die Freeware-Schach-Engine Stockfish

Das internationale Engine-Karrusell dreht sich aktuell etwas langsamer als auch schon. Was nicht verwundert: Die Programme – zumal jene auf der Alpha-Beta-Programmierschiene – machen einen irgendwie ausgereizten Eindruck, weil sie inzwischen auf einem extrem hohen Niveau Schach spielen, das fulminante Qualitätssprünge nicht mehr zulässt.
Beim Original-Stockfish werden die Intervalle, die deutliche Elo-Fortschritte zeigen, immer länger. Die SF-Derivate holen zwar auf, bleiben aber stets leicht hinter ihrem Ziehvater. Auch auf der KI-Schiene sind in letzter Zeit die euphorisch stimmenden Schübe der Neuronal Networks ausgeblieben.

Zwei Überraschungen: Fritz und Eman

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Erfreulich ist immerhin, dass sich Chessbase-„Fritz“ (nach Jahren der Stagnation) in Form einer neuen NN-Engine namens Fat Fritz wieder eindrücklich zurückgemeldet hat in die Top-Five-Liga. Zwar ist Fat Fritz ein Lc0-Ableger, wie Eman ein Stockfish-Ableger ist, doch beide sind offenbar kräftig dabei sich schachlich zu emanzipieren. Die NN-Engine Fritz Fat liegt aktuell in der Version 1.1 vor und ist eine kostenlose Beigabe des jüngsten Chessbase-Gesamtpaketes Fritz 17.

Top-Leistungen trotz knapper Bedenkzeit

Die nachstehende Rangliste wurde generiert von 31 alten und neuesten Engines nach 930 Partien, doppelrundig ausgespielt während Tagen auf einem AMD-Ryzen7 mit einer Bedenkzeit pro Engine von 2 Min + 2 Sec-Inkrement. Die NN-Programme liefen mit 1 Thread auf einer flotten RTX-2080-GPU, im Gegenzuge erhielten die Alpha-Beta’s alle verfügbaren 16 Threads.

20 Halbzüge in 2 Sekunden

Wen die scheinbar kurze Bedenkzeit von 2/2 irritiert: Mit modernen Prozessoren auf modernen Mainboards spielen moderne Programme inzwischen ein so unglaublich spektakuläres und gleichzeitig präzises Schach, dass man sich über die Qualität der Partien keinerlei Sorgen machen muss. Die selektivsten Programme rechnen teilweise in wenigen Sekunden fast 30 Halbzüge tief!

Ein Beweis dafür sind die untenstehenden TopShots, die alle aus diesem Blitz-Turnier stammen. Darunter finden sich Knacknüsse, die für Schachprogramme aus der zweiten Liga – dazu gehören z.B. einst so gefeierte Engines wie Rybka, Shredder, Fritz oder Critter – ein Buch mit sieben Siegeln sind… ♦

Download aller Dateien

Rangliste mit 31 neuen und alten Engines

Die besten Schach-Programme der Welt - Best Engines - Tournament 2020 - Glarean Magazin
AMD-Ryzen7-2700x 3,7 GHz • 16 CPU 1024 MB Hash • Fritz 17-64bit • 2m+2s/Engine • 5-moves-Book • 5-men-Szyzygy/TB – GPU RTX 2080 (Chimera 2 = Brainfish&Lc0&Stockfish)

10 Top-10-Top-Shots

(Mausklick auf Zug oder Variante öffnet ein Analyse-Fenster)

FEN-String: 1b2r3/1p3qk1/5pp1/1r1Pp2p/pNNnQ2P/P1R3P1/1P3PK1/3R4 b

FEN-String: rnb1nrk1/pp3ppp/1q2p3/3pN1P1/P1pP1B2/b1P1P3/3N1P1P/1BRQK2R w K

FEN-String: rnb1nrk1/pp3ppp/1q2p3/3pN1P1/P1pP1B2/b1P1P3/3N1P1P/1BRQK2R w K

FEN-String: 2rq1rk1/1p1n2np/p2p4/P2Pbpp1/2P1p3/RN6/1PQ1BPPP/2B1R1K1 b

FEN-String: 5rk1/2r2pb1/2B4p/N3p3/2Q2p2/2P5/P4PPP/1b4K1 b

FEN-String: r1q2rk1/p1p2ppp/1bp5/3pPnB1/3P4/2N4P/PP2QP2/2KR2R1 w

FEN-String: 8/p3kp2/6rn/P1pP1pqp/1rP1p3/4P1PB/5P1R/3Q1R1K b

FEN-String: rn1q1rk1/3b2pp/1n2pp2/1p6/p1pPP3/2P2NP1/2QB1PBP/RR4K1 w

FEN-String: r7/1p1k1ppp/3n4/p2Pp3/6P1/4P3/PP2B2P/2R3K1 b

FEN-String: r2qr1k1/1b2bppp/ppn2n2/3pN3/N2p1P2/3BP3/PP1B2PP/2RQ1RK1 b


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Weitere interessante Internet-Links zum Schach-Apps und -Engines:


English Translation

The great tournament of chess programs

by Walter Eigenmann

Three years ago in his chess report „The best engines in the world“ the author discussed a tournament with 31 of the most frequently used programs. Since then computer chess has experienced a completely new development in programming: the AI program Leela-Chess-Zero (Lc0) with its constantly improved neural networks. This completely different strand of chess programming compared to the traditional alpha-beta conception of the conventional engines is now at the top. So it was time to set up a second big tournament on the home Ryzen-7 and its 16 cores with again 31 of the currently most used chess engines: „The best engines in the world – two“.

Until now, when it came to the absolute top in computer chess, there was only one program: Stockfish. Grown over the years and supported by hundreds of eager testers and users this freeware engine developed into the lonely high-flyer of the scene against which not even the two commercial programs Komodo and Houdini had a chance. But then the AI project AlphaZero from DeepMind (by Google) invaded the chess world in December 2017, and no stone was left unturned.

Going to school with Lc0

Not only computer chess got into an uproar by AlphaZero and now by its worthy (and above all free) successor Lc0, but also the international grandmaster scene up to WM Magnus Carlsen looked spellbound at this research, whose products played chess in a completely different and at the same time hellishly strong way. And thus, by the way, successfully challenged a few opening theory and middlegame strategy beliefs.
Meanwhile even the highest level of the GM guild openly admits to go to school at Lc0. For example world champion Carlsen, about whom the August 2010 issue of the renowned magazine „New in Chess“ says: „Magnus‘ play is like that in the original ten AlphaZero games, with the initiative being a more important factor than the number of pawns“.

AI Chess as „Game Changer“

So does the „romantic era“ of victim chess from Paul Morphy to Michael Tal celebrate a comeback as a result of the initial ignition Lc0? Simply with the difference that Leela’s tactical, positional and strategic sacrifices are always correct?
In any case it is certain that the AI program or its autodidactically generated networks already have a noticeable influence on the world chess of the top 50 players. In their book „Game Changer – AlphaZero’s Groundbreaking Chess Strategies and the Promise of AI“ Grand Master Mathew Sadler and the mathematician Natasha Regan explain in detail which implications this new AI-chess has for the modern way of playing in international tournament chess.

A new star in the engine sky

And what do the „traditionalists“ counter this concentrated neuronal force? They keep improving Stockfish & Co., trying to eliminate its weaknesses without diminishing its strengths, which is a challenge in the Alpha-Beta world. At the moment Stockfish seems to stagnate. However, this was diagnosed in earlier developmental periods, only to find that the fish had once again gained 50 Comp-Elo and bit off the competitors in the pond one by one.

Recently, however, the sole rule of Stockfish has not only been questioned by LeelaChessZero, but unmistakably by a member of her own clan. The Stockfish-derivative Eman of the programmer Omar Khalid from the United Arab Emirates is currently making a big splash in the international engine circus.
Anyone who watches this program play will immediately notice that the engine has enormous speed. It goes so fast and deep that even the all-purpose computer Stockfish is breathless. On my computer there is currently no opponent, the tactical power of this upstart is brilliant. So let’s examine this eman from Arabia a little closer…


Excursus: EMAN by Khalid Omar

Who is Khalid Omar?

Khalid Omar, the programmer of the chess engine Eman, which emerged from the open source program Stockfish, was born in Kuwait in 1977 and graduated in 2000 as electrical engineer from Jordan University of Science & Technology. Since then he has been working in the United Arab Emirates as Chief Technology Officer of an international IT company. Khalid Omar is married and has four daughters.

„My dominant hobby is chess, and I am active on several online platforms such as lichess.org or chess.com,“ the 42-year-old IT expert told Glarean Magazin. Just to smile right away: „My online chess rating is somewhere around 1800 Elo, so I program chess much better than I play it…“

Not starting from scratch…

He started to generate his high-flyer engine Eman two and a half years ago, whereby he (like most of today’s chess programmers…) did not have to start from scratch, but took the open source engine Stockfish and started to tinker with it. However, Omar’s tinkering turned out to be much more successful than that of other Stockfish „cloners“: Since his 5.0 versions, Eman is among the top three besides Lc0 and Stockfish.

But his creator is convinced that Eman is not just an above-averagely successful infusion of SF, but should be considered and respected as a quasi independent engine product: „Today, Eman can no longer be compared to Stockfish,“ says Omar. „My many changes influenced almost every aspect of the original Stockfish from time management to thread synchronization. And that doesn’t just apply to the alpha-beta algorithm, but also to the evaluation part, which is the backbone of any good chess engine“.

„Eman is now a completely different program“

Asked what exactly are the many features that Eman has as added value compared to Stockfish, Omar confidently starts to enumerate them:

Full Analysis – Thanks to this feature Eman treats all moves up to a certain configurable depth as main variation moves. This allows the engine to perform a more comprehensive search in very large depths without wasting much time.

Experience – Eman remembers the moves it has made and also remembers the moves of the opponent. All this data is stored in an „experience file“ to be used later when the same position is encountered again. This experience data can optionally be used as a book, so that the machine can play without thinking from the experience data.

Coherence Evaluation – Put simply, with this „coherence evaluation“ Eman tries to distinguish between positions with the same score. Original sound Omar: „For instance, in Stockfish and other engines, the final score is the sum of all the individual evaluations such as Material, King Safety, Mobility, Passed Pawns, etc. With this logic, it is possible to have two equivalent scores with very different king safety values! Eman tries to compensate for this by looking at the evaluation parts individually and then calculating the Coherence value which indicates how healthy are the evaluation parts. The Coherence value is then added to the final evaluation seen by the Alpha-Beta algorithm“.

NUMA Awareness – Eman makes the best possible use of modern high-end NUMA CPUs by implementing Aware Systems, which are designed to give the engine even more search speed.

Search logic – Eman has implemented an improved search logic, making the program more aggressive and dynamic than Stockfish.

Mysterious quality from the Orient…

Programmer Omar could tell us even more about his Eman workshop, as he lets us know from the Glarean MagazinE. But like many other chess programmers, be they on the open source or commercial track, he does not want to reveal all his secrets. „Enemy is listening“ as it was called in former times…
Well, as long as this engine is available free of charge – by the way only to be picked up directly/personally from the author – the international user community will gratefully accept such gifts as Eman without spending a lot of time on any controversial issues concerning GPU licenses

Soon the new number one?

One thing is for sure: In the last weeks and months, the versions of the highly interesting Stockfish spin-off Eman have been accumulating – always with a noticeable increase in playing strength. On the other hand, neither the Stockfish nor the Lc0 camp has made any progress lately that is worth talking about…
So you can be curious whether this freeware engine from Arabia will continue to develop as rapidly as it has done so far. If Eman should cut the cord of the great over-father Stockfish for a longer period of time, we might soon be able to analyze our club and correspondence chess games with a new number one… ♦


Engine Tournaments: It’s getting tighter at the top

The international engine carousel is currently spinning a bit slower than it already is. Which is not surprising: The programs – especially those on the alpha-beta programming rail – make a somewhat exhausted impression, because they play chess at an extremely high level that no longer allows for brilliant quality leaps.
With the original Stockfish, the intervals, which show clear Elo progress, become longer and longer. The SF derivatives are catching up, but always stay slightly behind their foster-father. On the AI track, too, the euphoric thrusts of the Neuronal Networks have recently failed to materialize.

Two surprises: Fritz and Eman

At least it is pleasing that Chessbase-„Fritz“ (after years of stagnation) has made an impressive return to the top five league in the form of a new NN engine called Fat Fritz. Although Fat Fritz is a Lc0 offshoot, like Eman is a Stockfish offshoot, both are obviously strongly in the process of emancipating themselves chess-wise. The NN-engine Fritz Fat is currently available in version 1.1 and is a free addition to the latest Chessbase-package Fritz 17.

Top performances despite short time for consideration

The ranking above was generated by 31 old and newest engines after 930 games, played double round during days on an AMD Ryzen7 with a time per engine of 2 min + 2 sec increment. The NN programs ran with 1 thread on a fast RTX-2080-GPU, in return the alpha-beta’s got all 16 available threads.

20 half moves in 2 seconds

Who is irritated by the apparently short time for consideration of 2/2: With modern processors on modern mainboards, modern programs now play such an incredibly spectacular and at the same time precise chess that you don’t have to worry about the quality of the games. The most selective programs sometimes calculate almost 30 half moves in a few seconds!

Proof of this are the 10 TopShots above, which all originate from this Blitz tournament. Among them there are cracking nuts which are a book with seven seals for chess programs from the second league – this includes e.g. once so celebrated engines like Rybka, Shredder, Fritz or Critter… ♦

Neurowissenschaft: Musik als soziales Experimentierfeld

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Herzen im gruppendynamischen Gleichtakt

von Walter Eigenmann

Im Alltag sind bekanntlich Gruppen- und Zusammenarbeit von grosser Bedeutung. Welchen positiven Einfluss auf die physiologische, psychische und soziale Synchronität der Menschen kann dabei die Musik entwickeln? Über die Wechselwirkung von Musik und Zusammenarbeit gibt eine neue Studie zum Thema „Musik als soziales Experimentierfeld“ der Bar-Ilan-Universität im israelischen Ramat Gan Auskunft.

In der Chormusik ist das Phänomen längst bekannt: Beim gemeinsamen Musizieren beginnen die Herzen der Sängerinnen und Sänger nach kurzer Zeit in einen Gleichtakt zu verfallen. Nicht zuletzt die musikalisch synchronisierte Atmung löst hier den Effekt aus.
Doch wie funktioniert eine solche erhöhte physiologische Synchronität ausserhalb vorgegebener musikalischer Zielsetzungen? Und welche Aufgabenaspekte der Herzfunktion können durch eine solche bewusste Synchronität die Gruppenleistung verbessern?

„Herzen, die zusammen trommeln, schlagen zusammen“

Herz-Synchronisation durch Musik - Glarean Magazin
Gruppendynamische Synchronisation der Herzen durch Musik-Rhythmen

Die interdisziplinäre israelische Studie, veröffentlicht in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Scientific Reports“, berichtet über die Entdeckung, dass beim Zusammentrommeln Aspekte der Herzfunktion von Gruppenmitgliedern – insbesondere das Zeitintervall zwischen den einzelnen Schlägen (IBI) – synchronisiert werden.
Diese physiologische Synchronisation wurde während einer neuartigen musikalischen Trommelaufgabe aufgezeichnet, die speziell für die Studie in einer Zusammenarbeit zwischen Sozial-Neuro-Wissenschaftlern und Wissenschaftlern der Musikabteilung entwickelt wurde.

51 Gruppen mit je drei Teilnehmern

An dem Schlagzeugspiel nahmen 51 Gruppen mit drei Teilnehmern teil, in denen IBI-Daten kontinuierlich gesammelt wurden. Die Teilnehmer wurden gebeten, ihr Schlagzeugspiel – auf einzelnen Schlagzeugpads innerhalb eines elektronischen Schlagzeugsets, das von der Gruppe gemeinsam benutzt wurde – an ein Tempo anzupassen, das der Gruppe über Lautsprecher präsentiert wurde.
Für die Hälfte der Gruppen war dabei das Tempo konstant und vorhersehbar, so dass das daraus resultierende Schlagzeugspiel und sein Output synchron sein sollten. Bei der anderen Hälfte änderte sich das Tempo ständig und war praktisch nicht nachvollziehbar, so dass das daraus resultierende Trommeln und der musikalische Output asynchron sein sollten.
Diese Aufgabenstellung ermöglichte es den Forschern, den Grad der Verhaltenssynchronisation beim Trommeln zwischen den Gruppenmitgliedern zu manipulieren und die Dynamik der Veränderungen des IBI für jeden Teilnehmer während des gesamten Experiments zu beurteilen.

Gezielter physiologischer Gleichtakt

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Im Anschluss an diese strukturierte Trommelaufgabe wurden die Teilnehmer gebeten, das Trommeln frei miteinander zu improvisieren. Die Gruppen mit hoher physiologischer Synchronität in der strukturierten Aufgabe zeigten in der freien Improvisationssitzung mehr Koordination beim Trommeln.

Die Analyse der Daten zeigte, dass die Trommelaufgabe in den Gruppen eine physiologische Synchronisation hervorrief, die über das hinausging, was zufällig erwartet werden konnte. ausserdem lassen die Verhaltenssynchronisation und die verbesserte physiologische Synchronisation beim Trommeln jeweils auf einzigartige Weise eine erhöhte Erfahrung von Gruppenzusammenhalt voraussagen. Und schliesslich zeigten die Forscher, dass eine höhere physiologische Synchronität auch eine erhöhte Gruppenleistung zu einem späteren Zeitpunkt bei einer anderen Gruppenaufgabe vorhersagt.

Aus Synchronität resultiert Kooperationsfähigkeit

Ilanit Gordon - Psychologin - Neurowissenschaftlerin - Israel - Glarean Magazin
„Verstärktes Gefühl des Zusammenhalts zwischen Gruppenmitgliedern“: Neurowissenschaftlerin Ilanit Gordon

„Unsere Ergebnisse präsentieren einen multimodalen verhaltensbezogenen und physiologischen Bericht darüber, wie die Synchronisation zur Bildung der Gruppenbindung und der daraus folgenden Kooperationsfähigkeit beiträgt“, sagt Dr. Ilanit Gordon, Leiterin des Labors für soziale Neurowissenschaften an der Psychologischen Fakultät der Bar-Ilan-Universität. „Eine Manipulation der Verhaltenssynchronität und der sich abzeichnenden physiologischen Koordination in IBI zwischen Gruppenmitgliedern sagt ein verstärktes Gefühl des Zusammenhalts zwischen den Gruppenmitgliedern voraus“.

Musik als experimentelle Plattform der sozialen Interaktion

Musik-Therapeut Avi Gilboa - Music Therapy - Musikwissenschaftler Israel - Glarean Magazin
„Musik als experimentelle Plattform der sozialen Interaktion“: Therapeut Avi Gilboa

Co-Autor der Studie Prof. Avi Gilboa formuliert die Perspektiven der Forschungsergebnisse noch weitergehend: „Wir glauben, dass das gemeinsame Musizieren eine vielversprechende experimentelle Plattform für die Umsetzung ökologischer und vollständig interaktiver Szenarien darstellt, die den Reichtum und die Komplexität der menschlichen sozialen Interaktion erfassen. Diese Ergebnisse sind aufgrund der entscheidenden Wichtigkeit von Gruppen für das Handeln, die Identität und den sozialen Wandel in unserer Welt von besonderer Bedeutung“.

Quelle Bar-Ilan Universität: „Herzen, die zusammen trommeln, schlagen zusammen – Gruppentrommeln stimuliert die verhaltensmässige und physiologische Synchronisation, die zur Bildung sozialer Bindungen und einer daraus folgenden Kooperationsfähigkeit beiträgt“, Israel 2020 ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik und Medizin über neue Forschungsergebnisse bezüglich Musik in der Gruppe

… sowie zum Thema Musik und Gesundheit über Stressreduzierung durch Musikhören

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Computerschach: NN- und AB-Programme noch gleichauf

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Klare Überlegenheit nicht in Sicht

von Walter Eigenmann

Der Hauptzweck der modernen Schachprogrammierung für die Anwender ist die Analyse von (eigenen oder fremden) Partien. Demgegenüber sind Turnier-Statistiken oder KI-Forschung nur „Abfallprodukte“.
Aber von Zeit zu Zeit ist es aufschlussreich, die aktuellen Engines nicht nur zum Analysieren einzusetzen, sondern sie auch mal unter- bzw. gegeneinander zu testen. Haben sich die vielgerühmten neuen NN-Engines mittlerweile vor der AB-Programmierung an die Spitze setzen können? Ein neues Engine-Turnier, ausgetragen auf einem heimischen AMD-Ryzen7-2700X zeigt eine nach wie vor unscharfe Momentaufnahme. Das Fazit gleich vorweggenommen: NN- und AB-Programme sind noch gleichauf.

Modernen Engines beim Spielen zuzusehen erinnert zuweilen an die eigenen Anfänger-Zeiten, als Taktik und Strategie noch ein (Schach-)Buch mit (mindestens) sieben Siegeln waren. Schnell, präzis, komplex, tödlich – die Programme knallen in Millisekunden so ausgefeilte Züge auf das virtuelle Brett, die noch vor 15 Jahren jedem Profi-Kommentator ein Heer von Doppelten Ausrufezeichen entlockt hätten. Wenn er sie denn überhaupt in ihrer ganzen Tiefe kapierte…

30 Halbzüge in einigen Sekunden

Schach-Report NN vs AB Engines - Springer-Umgruppierungen - Schachturniere - Glarean MagazinDenn man vergegenwärtige sich, dass bereits bei einer Bedenkzeit für die ganze Partie von nur vier Minuten diese Silikon-Monster auf flotten PC’s im Durchschnitt bis zu 30 Halbzüge weit (!) pro Zug vorausrechnen können. Und dies mit so raffinierten Algorithmen der Evaluierung und Bewertung, dass sie taktisch sogar bei diesem rasanten Spiel-Tempo kaum je Fehler machen. Zumindest keine, die ein Mensch ohne analytische Zuhilfenahme von eben diesen Programmen erkennen könnte…

Wen wundert’s also, dass heutzutage das häufigste Resultat zwischen Schach-Engines das Remis ist – ungeachtet irgendwelcher ausgeklügelter Opening-Books, welche diese mittlerweile extrem hohe Remis-Rate im Engine-Turnierbetrieb etwas senken sollen, aber nicht massgeblich können. (Vergl. hierzu auch eigene Turnier-Tests zum Thema Eröffnungsbücher).

Kopf-an-Kopf-Rennen

Die nachfolgende Rangliste wurde generiert von 17 der aktuell stärksten Programme in einem doppelrundigen Turnier. Und die Tabelle zeigt ein Bild, wie es momentan bei vielen Engine-Turnieren in der Computerschach-Szene anzutreffen ist: Die KI-Engine LeelaChess-Zero mit ihren Networks und die Alpha-Beta-Programme (hier vertreten durch SugarR & Brainfish) mit ihren ausgeklügelten Schachalgorithmen liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei zahllosen Unentschieden:

Schach-Rangliste Schlusstabelle Engine-Turnier 4+2 AMD-Ryzen7-Glarean Magazin
Hardware: AMD Ryzen7 2700X 3,7 GHz • 1024 Mb Hash • 8Cores/16Threads • GPU RTX2080 Software: GUI Fritz 17 • 4min & 2sec Bedenkzeit pro Engine • 5-Moves-Opening-Book • 5-men-Syzygy-Tablebases

Unbezwingbare Leela (Lc0)

Das NN-Programm Lc0 25.0 mit dem Neuronalen Netz „t60-3010“ erwies sich in dieser Ausmarchung als unschlagbar: Es verlor keine einzige seiner 32 Partien und gewann immerhin deren 10 – eine beeindruckende Leistung, wenn man das extrem starke Gegnerfeld sieht. Mit 12 Siegen als das aggressivste Network erwies sich hier das „t40-1541“ mit Lc0 23.2. Überraschend weiters die noch vor dem einstigen Weltmeister Komodo rangierende neue Chessbase-NN-Engine Fat Fritz.
Insgesamt kann bei den Top-Ten dieses Rankings allerdings nicht von einem Sieger geredet werden, ein Punkt mehr oder weniger entschied über mehrere Ränge vor oder zurück, und zwischen dem erst- und dem zehntplatzierten Programm liegen gerade mal 4 Punkte. (Dass das Turnier keinerlei statistische Aussagekraft beansprucht, muss nicht extra betont werden. En masse „Partien auf Halde“ zu Statistik-Zwecken werden auf Engine-Portalen wie z.B. CCRL produziert.)

Lavieren wie Nimzowitsch

Bahnbrechende Untersuchung zur Schach-Strategie: "Mein System" von Aaron Nimzowitsch
Bahnbrechende Untersuchung zur Schach-Strategie: „Mein System“ von Aaron Nimzowitsch

Wer die knapp 300 Partien analytisch untersucht im Hinblick auf NN-spezifisches Schachverhalten, der wird in verschiedener Hinsicht fündig. Insbesondere fallen diverse positionelle Aspekte der KI-Spielführung ins Auge; einige grundsätzliche Überlegungen zu LeelaChessZero finden sich hier: Künstliche Schach-Intelligenz – Als Autodidakt zur Weltspitze.
Bezüglich des hier fraglichen Engine-Turnieres sei exemplarisch ein spezifisch „strategisches Motiv“ herausgegriffen: Die Umgruppierung. Bereits Nimzowitsch hatte ja – in seinem bahnbrechenden Strategie-Buch „Mein System“ – das Figuren-Umgruppieren als zentralen Bestandteil seines neu eingeführten Schach-Begriff des Lavierens definiert, und mit LeelaChess scheint dieses Stratagem fröhliche Urständ zu feiern. Wohlgemerkt ohne menschliches Zutun…

Virtuose Handhabung des Springers

Computerschach und Springer-Manöver - Leela Chess Zero - Report Glarean Magazin
Der Springer und das PC-Mainboard: Symbiose in Gestalt von Leela Chess Zero

Die Engine Lc0 (bzw. ihre Neuronalen Netze) ist eine grandiose Meisterin im dynamischen Umdisponieren von unvorteilhaft platzierten Figuren hin zur aktiveren Positionierung. In weit höherem Masse als ihre Alpha-Beta-Kolleginnen trachtet Leela nach permanenter Optimierung ihrer Figurenstellungen. Besonders virtuos geht das NN-Programm mit seinen Springern um.

Nachfolgend vier Beispiele dafür, wie geschickt und effizient die Springer-Überführungen auf stärkere Felder vorgenommen werden – sogar noch dann, wenn die taktischen Komplikationen auf dem Brett eigentlich keineswegs eine traditionelle „Ruhesuche“ erlauben:

FEN-String: r2q1rk1/1b2bppp/4pn2/1p1p4/p1pP1B2/PnP1PN1P/1PBNQPP1/3RR1K1 w

FEN-String: r1b1q1k1/1p1p1ppp/1bpPn1n1/p3rB2/7P/PPN3P1/1BPQN3/R3KR2 w Q

FEN-String: 3qkb1r/1r3pp1/1nn1p2p/p2pP2P/1ppP4/1PP2NR1/P2BNPP1/1R1Q2K1 w k

FEN-String: 1b1r3k/ppnqn1p1/4br1p/3p1p2/3Pp3/BPN1PPPB/P1RNQ2P/5RK1 b

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Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachturniere auch über das Super-Schach aus China: Das GM-Turnier in Danzhou

… sowie den Report: Ju Wenjun ist die neue Schach-Weltmeisterin

ausserdem zum Thema Computerschach: Das Duell der Engine-Giganten

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English Translation (NN vs AB)

Clear superiority not in sight

by Walter Eigenmann

The main purpose of modern chess programming for the users is the analysis of (own or foreign) games. In contrast, tournament statistics or AI research are only „waste products“. But from time to time it is instructive not only to use the current engines for analysis, but also to test them among or against each other. Have the much-praised new NN engines meanwhile been able to take the lead before AB programming? A new engine tournament, held on a domestic AMD Ryzen7-2700X, still shows a blurred snapshot. The conclusion immediately anticipated: NN and AB programs are still equally strong.

Watching modern engines at play sometimes reminds one of one’s own beginner times, when tactics and strategy were still a (chess) book with (at least) seven seals. Fast, precise, complex, deadly – in milliseconds the programs slam such sophisticated moves onto the virtual board that 15 years ago any professional commentator would have been able to elicit an army of double exclamation marks. If he even understood them in all their depth…

30 half moves in a few seconds

Just think, if you consider that the whole game takes only four minutes, these silicon monsters can calculate up to 30 half moves per move on average on fast PCs. And this with such sophisticated algorithms of evaluation and scoring that they hardly ever make mistakes tactically, even at this rapid game tempo. At least none that a human being could recognize without the analytical help of these programs…

So it’s not surprising that nowadays the most common result between chess engines is a draw – regardless of any sophisticated opening books which are supposed to reduce the meanwhile extremely high draw rate in engine tournament mode a bit, but cannot do so significantly. (Cf. also own tournament tests on the subject of opening books).

Neck-and-neck race

The following ranking was generated by 17 of the currently strongest programs in a double round tournament. And the table shows a picture as it is currently to be found in many engine tournaments in the computer chess scene: The AI-Engine LeelaChess-Zero with its networks and the Alpha-Beta-Programs (here represented by SugarR & Brainfish) with their sophisticated chess algorithms are fighting a neck-and-neck race in countless draws:

Schach-Rangliste Schlusstabelle Engine-Turnier 4+2 AMD-Ryzen7-Glarean Magazin

Hardware: AMD Ryzen7 2700X 3.7 GHz – 1024 Mb Hash – 8Cores/16Threads – GPU RTX2080 Software: GUI Fritz 17 – 4min & 2sec reflection time per engine – 5-Moves-Opening-Book – 5-men-Syzygy-Tablebases

Indomitable Leela (Lc0)

The NN program Lc0 25.0 with the neural network „t60-3010“ proved to be unbeatable in this selection: It didn’t lose a single one of its 32 games and won 10 of them – an impressive performance considering the extremely strong opponent field. With 12 wins, the most aggressive network proved to be the „t40-1541“ with Lc0 23.2, and surprisingly, the new Chessbase-NN engine Fat Fritz, which is still ahead of the former World Champion Komodo.
All in all, however, there can be no talk of a winner in the top ten of this ranking, one point more or less decided several ranks forward or backward, and there are only 4 points between the first and tenth-placed program. (The fact that the tournament does not claim any statistical significance need not be emphasized. En masse „games on stockpile“ for statistical purposes are produced on engine portals such as CCRL)

Lavieren like Nimzowitsch

Whoever analytically examines the almost 300 games with regard to NN-specific chess behaviour will find something in various respects. Especially various positional aspects of AI chess play catch the eye.
Regarding the engine tournament in question here a specific „strategic motive“ is taken as an example: The regrouping. Nimzowitsch had already defined – in his groundbreaking strategy book „My System“ – the regrouping of pieces as a central component of his newly introduced chess concept of manoeuvring, and with LeelaChess this stratagem seems to celebrate its joyful beginnings. Mind you, without any human intervention…

Virtuoso handling of the knight

The engine Lc0 (or rather its neural networks) is a grandiose master in dynamically repositioning unfavorably placed figures towards more active positioning. To a far greater extent than her alpha-beta colleagues, Leela strives for permanent optimization of her figure positions. The NN program is particularly virtuoso with its knights.

Below are four examples of how skilfully and efficiently the knights are transferred to stronger squares – even when the tactical complications on the board do not allow for a traditional „Quiescence search„: —> (See the games above)

Gedicht des Tages von Nomuro Boto (Tanka-Literatur)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Weil die Nachtigall
eine süsse Stimme hat

von Walter Eigenmann

Nomura Boto (1806-1867) - Japanische Lyrikerin - Glarean Magazin
Nomura Boto (1806-1867)

Das japanische Kurzgedicht Tanka ist eine über 1’300 Jahre alte, reimlose Lyrik-Form mit 31 gewichteten Silben (Moren) im Rhythmus 5-7-5 (Oberstollen) und 7-7 (Unterstollen).
Unser Frühlings-Gedicht des Tages „Weil die Nachtigall“ stammt von der japanischen Lyrikerin und Nonne Nomuro Bôtô (Moton Nomura). Sie war eine Dichterin der späten königlichen Tokugawa-Ära und lebte von 1806 bis 1867, also gegen Ende der Edo-Periode. ♦


Nomura Boto - Japanische Tanka-Lyrik-Literatur - Vogelkäfig - Weil die Nachtigall - Glarean Magazin Weil die Nachtigall

eine süsse Stimme hat

und so gerne singt,

sitzt sie jetzt im Käfig fest –

Ja, so geht es auf der Welt!

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die drei Winter-Haiku von Pawel Markiewicz

… sowie zum Thema Frühling das Gedicht des Tages von Ludwig Uhland: Lob des Frühlings