Peter Biro: Die wundersame Apothekerverdopplung (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Die wundersame Apothekerverdopplung

Peter Biro

Nach wie vor ringen die Sachverständigen um eine Erklärung für die seltsame Naturerscheinung, die in der unansehnlichen schottischen Kleinstadt Plockton an der Küste der Grafschaft Broomshire ihren Anfang genommen hat. Seitdem verbreitet sich das seltsame Phänomen der plötzlichen Apothekerverdopplung wie ein Lauffeuer von Nord nach Süd über die britischen Inseln. Zurzeit wird im Wochenrhythmus über neue aufgetretene Verdopplungsfälle berichtet, wonach aus jeweils einem Apotheker urplötzlich zwei Individuen entstanden sind, die völlig identisch aussehen und sich ebenso verhalten.
Die entstandenen Duplikate ähneln gewissermassen eineiigen Zwillingen, nur mit dem Unterschied, dass sie spiegelbildlich verkehrt sind; einer ist ein Rechtshänder, der andere ein Linkshänder. Wo vorhanden, ist auch der jeweilige Scheitel der Pharmazeuten spiegelbildlich umgekehrt gezogen. Ein weiteres, besonderes Charakteristikum dieser Erscheinung ist, dass sie ausschliesslich bei pakistanisch-stämmigen Apothekern auftritt, und darunter auch nur solche betrifft, die mindestens seit zehn Jahren ihren Beruf ausüben.

Anzeige Amazon - Kopfschmerz- und Migräne-Kappe – Eine Kopfschmerz-Eismaske oder ein Hut zur Linderung von Migräne und Spannungskopfschmerzen. Dehnbar, bequem, dunkel und kühl (von Magic Gel)
Anzeige

Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat, mit denen die Betroffenen hantierten, oder gar übernatürliche Mechanismen im Spiel sind, ist reine Spekulation. Selbst der allwissende Pfarrer der Gemeinde, der für absonderliche Epiphanien im Zusammenhang mit dem benachbarten Loch wohlbekannt ist, weiss diesbezüglich keine passende Erklärung, zumal die wundersame Leibesvermehrung bisher ausschliesslich bei moslemischen Apothekern beobachtet wurde.
Am besten kennt man noch den ersten Fall, der sich – wie aus heiterem Himmel – im eingangs erwähnten Plockton ereignet hatte. Er betraf Ghulam Mussafar, den 58-jährigen Apotheker des kleinen, beschaulichen Ortes. Dieser ging eines Tages auf Geheiss seiner Frau in den Keller hinunter, um eingemachten Orangengelee zu holen. Kurze Zeit später kam er in zweifacher Ausführung wieder an die Oberfläche – in beiden Varianten jeweils mit einem Marmeladeglas in der Hand.
Der unerwartete Anblick der doppelten Gatten-Erscheinung liess Fatima Mussafar, die Herrin des Hauses, zuerst an ihrem Verstand zweifeln. Aber nachdem sie beiden Männern flüchtig in die Augen sah, sank sie kurzerhand bewusstlos in sich zusammen. Daraufhin rannten beide Apotheker in den angrenzenden Lagerraum der Apotheke, um Riechsalz zu holen, und der zu Tode erschrockenen Ehefrau wieder auf die Beine zu helfen. Dies war die einzige einträchtige Zusammenarbeit der beiden Apothekervarianten, bevor sie sich in die Haare gerieten.
Fatima wachte aus ihrer kurzfristigen Ohnmacht auf und überzeugte sich handgreiflich über die Realität der phantastischen Erscheinung. Dabei kam sie zur Schlussfolgerung, dass sie sich offensichtlich in einer bigamistischen Beziehung befand, was in ihrem Kulturkreis erst recht nicht toleriert würde. Von der Aussicht auf Ächtung durch ihre strengen Eltern und obendrein vom soeben Erlebten geradezu überwältigt, lief die nur mit ihrem Morgenrock bekleidete Frau in die highländische Kälte hinaus, schnurstracks zu ihrer Freundin, der Ärztin des Ortes, um sich Rat und Zuspruch zu holen.

Alte Apotheke - Glarean Magazin
Die wundersame Apothekerverdopplung: „Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat?“

Es war besagte praktische Ärztin, Dr. Lilian McAuliffe, die, als erste wissenschaftlich geschulte Person mit der neuartigen Apothekerverdopplung konfrontiert wurde und darüber die Öffentlichkeit informierte. Ihr knapper und wissenschaftlich eher unsystematischer Bericht, den sie zuhanden des Lokalreporters Henry Bigelow vom Kyle of Lochalsh Traritrara verfertigte, beschrieb, in der bekannt sparsamen schottischen Art, den Ablauf der Ereignisse mit ausgesprochen kurzen Sätzen. Demzufolge entstand die Verdopplung des Apothekers Ghulam Mussafar innerhalb weniger Augenblicke, als dieser sich kurz im Keller des Hauses aufhielt um die erwähnte Marmelade zu holen. Beim Griff nach dem Einmachglas habe es einen kurzen Knall gegeben, gefolgt von einem grellen bläulichen Lichtblitz. Danach sei Stille eingetreten, jedoch sei ein stechender Geruch die Kellertreppe emporgestiegen, der entfernt an verbrannte Wollsocken erinnerte. Anschliessend waren zwei völlig identische Kopien des zwar verwirrt aussehenden, aber ansonsten unversehrten Apothekers in Erscheinung getreten, beide Kopien gleich gekleidet und sich auch sonst gleichartig verhaltend.

Nach einer kurzen, zielgerichteten Zusammenarbeit der beiden Mussarafkopien zur Wiederbelebung der in Ohnmacht gefallenen, gemeinsamen Gattin, begann eine Auseinandersetzung um die Rechte an der Identität der ursprünglichen Person, gefolgt von Streitigkeiten um den Besitz von Haus, Hof, Garten, dem geleasten Aston Martin und der Apotheke. Beide Mussarafs bestanden darauf, der rechtmässige Apotheker des Ortes zu sein und über die fachlichen Kenntnisse zu verfügen, die zur Ausübung des pharmazeutischen Berufs erforderlich waren. Eiligst kramten sie in den Schubladen des Bürotischs nach der Identitätskarte sowie offiziellen Nachweisen und Diplomen, die sie sich gegenseitig unter die Nase hielten.
Aufgrund der völligen Übereinstimmung in allen Belangen liess sich auch aufgrund der vorgelegten Dokumente keinerlei Einigung erzielen, wer nun von ihnen der „richtige“ Ghulam Mussaraf wäre. Beide bestanden vehement darauf, der rechtmässige Eigentümer der Persönlichkeitsrechte zu sein und beschuldigten den jeweils anderen, nur eine Kopie zu verkörpern, die augenblicklich zu verschwinden habe. Insbesondere konnten sich die zwei Streithähne nicht um das Vorrecht einigen, wer von ihnen nun bei der Dame des Hauses im Doppelbett nächtigen dürfte. Fatima wiederum lehnte es entschieden ab, in der Mitte zwischen den beiden Gatten zu liegen. Allein schon ihres Rückens wegen könnte sie es nicht auf der Besucherritze aushalten, vom zu erwartenden doppelten Schnarchkonzert ganz zu schweigen.
Unnötig zu sagen, dass die zwei Kopien des Apothekers keine definitive Einigung darüber finden konnten, wer von ihnen nun der rechtmässige Besitzer und Bewohner des Hauses und des darin befindlichen Inventars war. Als sie einsehen mussten, dass keiner von ihnen nachgeben würde, fanden sie zumindest einen zeitweiligen Ausweg. Als provisorisches modus vivendi vereinbarten sie, sich bei der Arbeit und im privaten Bereich im Wochenturnus abzuwechseln. Während der eine, sagen wir Mussaraf A, sich in der Apotheke aufhielt und die Geschäfte führte, verblieb der andere im Haus und widmete sich dem Privatleben und der Pflege der ehelichen Beziehung. In der darauffolgenden Woche übernahm Mussaraf B den Laden und sein alter ego besorgte die häuslichen Pflichten und Angelegenheiten. Letzteres geschah insbesondere aus wohlverstandener Rücksicht gegenüber der sensiblen Fatima, die auf diese Weise einigermassen beruhigt zu ihrem geordneten Lebensumständen zurückfinden konnte.
Mit der Zeit ergab es sich – nicht ganz zur Unzufriedenheit der nervlich und auch sonst etwas überstrapazierten Gattin – dass Haushalt und Geschäftsführung ungefähr doppelt so schnell und effektiv erledigt wurden wie vor der Einführung des unerwarteten ménage a trois. Auch das Liebesleben der Apothekerinnenfrau verbesserte sich um den Faktor 2, so dass die Dame des Hauses sich recht zügig mit der neuen Situation anfreundete. Zurzeit ist es allerdings noch unklar, ob es bei den drei Mussarafs weiterhin so harmonisch zugeht.

Anzeige Amazon - In medias res: 222 Aphorismen (Walter Eigenmann)
Anzeige

Die sich einstellende Routine beruhigte einstweilen die Gemüter, und bis jetzt (toi-toi-toi!) hört man kein Gezeter aus dem kleinen Haus am Ortsrand von Plockton. Glücklicherweise befinden sich die Kinder der Familie seit dem Auftreten dieser Ereignisse bei ihren Grosseltern in Karatschi, so dass ihnen der Schock der väterlichen Verdopplung vorerst erspart bleibt. Wie es mit den doppelten Ghulams inzwischen weiterging, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis, aber ähnlich gelagerte Fälle wiederholten sich rund ein Dutzend Mal in Schottland und im nördlichen England, allesamt ausschliesslich pakistanisch-stämmige Apotheker betreffend. Die einzige Gemeinsamkeit, welche von findigen Sachverständigen als irgendwie ursächlich für die mysteriösen Apothekerverdopplungen verdächtigt wird, war der Umstand, dass alle diese Pharmazeuten nach alten Rezepturen mit selbstgemachten Kräuterpasten für orientalische Hautausschläge hantiert hatten. Das scheint eine ehrwürdige Tradition dieses Berufsstandes vom asiatischen Subkontinent zu sein, allerdings sind keinerlei ähnlich gelagerten Fälle aus Indien oder Pakistan bekannt geworden. Manche Bevölkerungsstatistiker haben allerdings auf auffällig häufigere Mehrlingsgeburten bei Familienmitgliedern dieses Berufsstandes hingewiesen.

Nun befassen sich namhafte Chemiker, Biologen und Zwillingsforscher mit dem seltsamen Phänomen und suchen nach einer plausiblen Erklärung. Hinter vorgehaltener Hand werden Vermutungen über ungeahnte Interaktionen zwischen altindischen Tinkturen mit Kräuteressenzen von der Atlantikküste angestellt. Allerdings gibt es bisher noch keine überzeugenden Hinweise. Natürlich hat sich die Boulevardpresse der Sache angenommen und schlachtet die sensationellen Ereignisse mit marktschreierischen Schlagzeilen aus. Wochenlang belagerten mehrere in- und ausländische Fernsehteams das kleine Haus am Ortsrand von Plockton, um wenigstens ein Bild zu erhaschen, auf dem beide Apotheker gleichzeitig zu sehen sind. Allerdings haben sie damit keinen Erfolg gehabt und konnten immer nur den einen der beiden Apotheker hinter dem Schaufenster oder auf dem Weg erspähen, wenn dieser unterwegs war, um Besorgungen zu erledigen. Auf keinem der Bilder oder Filmsequenzen konnte man erkennen, ob es sich um Ghulam Mussaraf A oder B handelte. Manche enttäuschten Berichterstatter reisten nach und nach wieder ab und einige zogen die doppelte Ausführung des Plocktoner Apothekers sogar in Zweifel. Dann hiess es, dass es sich lediglich um einen PR-Stunt gehandelt habe, um dem verschlafenen Ort zu einer gewissen Bekanntheit, und dem Tourismusbetrieb zu einem Aufschwung zu verhelfen. Allerdings spricht das sporadische Auftreten von Apothekerverdopplungen andernorts gegen diese Hypothese. Immerhin verzeichnete die einzige Gaststätte des Ortes einen sprunghaften Anstieg des Umsatzes, das einzige zu vermietende Fremdenzimmer war von da an kontinuierlich belegt, und der umtriebige Bürgermeister gab umgehend eine nah gelegene Schafsweide als Autobusparkplatz frei.
Nun ist abzuwarten, wie sich die Sachlage entwickelt, und ob, wann und wo es zu weiteren Apothekerverdopplungen kommen wird, beziehungsweise was die schlussendliche Erklärung für dieses ungewöhnliche Phänomen ist. Man darf gespannt bleiben. ♦

Diese Geschichte widme ich meinem seligen Vater Ladislaus Biro (1915-2010), der zeitlebens ein einzelner Apotheker war, und dem es nie gelang sich zu verdoppeln. Im Gegenteil.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN von Peter Biro auch die Satire Schreibblockade


Peter Biro: Der Fluch der Aphrodite (Eine Corona-Reise-Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 15 Minuten

Der Fluch der Aphrodite

Peter Biro (Text und Fotos)

„Ich kam, sah und siechte“

So hatte ich mir meine aktuelle Ferienreise auf Zypern nicht vorgestellt. Was ursprünglich als ein kleiner, zweiwöchiger Ausflug auf die mediterrane Sonneninsel geplant war (und als solcher auch anfing), endete mit einem Aufenthalt in einem heruntergekommenen Aussätzigenasyl. Ein denkbar steiler Abstieg für einen qualitätsbewussten, fröhlichen Weltenbummler. Aber beginnen wir von vorn.

Aphrodites wunderbare Reisepläne

Meine äußerst reisekundige Gemahlin kam mit der Idee, meine bevorstehenden zwei Ferienwochen im September auf Zypern zu verbringen. Das sei eine ideale Destination in dieser Jahreszeit: Sonniges Wetter, warmes Meer und eine mit Pinien und Zypressen gesprenkelte Landschaft ganz nach unserem Geschmack. Und als besonders verlockende Dreingabe für Wohlgeimpfte wie wir: Die Befreiung von Covid-Tests bei der Einreise.
Für uns mit unserer bewährten Langstreckenerfahrung bedeutete der Flug von weniger als vier Stunden einen vergleichsweise gemütlichen Hüpfer. Nach kurzer Debatte über die Details der Unterbringung einigten wir uns auf eine Woche in einer angemieteten Villa im Nordwesten, gefolgt von einem Hotelaufenthalt im Südosten. Bis zum Wechsel des Aufenthaltsortes würden wir uns außerdem ein Auto mieten, welches der örtlichen Gepflogenheit entsprechend, spiegelverkehrte Innereien aufweist (in der Medizin heißt dieser seltene, angeborene Umstand situs inversus). In Zypern herrscht nämlich Linksverkehr. Auch diese Herausforderung quittierte ich mit nur einem Achselzucken, was, wie sich später herausstellte, doch nicht so einfach war wie theoretisch angedacht. Aber auch damit ging es nachher gut, insbesondere nachdem ich mir fest vorgenommen hatte, mich nach jedem Rechtsabbiegen bewusst links zu halten; es war schon erstaunlich, wieviel Aufmerksamkeit und Willenskraft die konstante Einhaltung dieses guten Vorsatzes erforderte.

Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns
Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns

Guten Mutes und mit allen Requisiten eines Strandurlaubs ausgestattet traten wir die wohlgeplante Reise an. Zwar ist die Insel in etwa von Ost nach West durch eine Waffenstillstandslinie zwischen dem griechischen Süden und dem türkisch besetzten Norden geteilt. Aber der nordwestliche Zipfel mit der naturbelassenen Akamas-Halbinsel gehört noch zum griechischen Teil. Und dort, am wogenden Busen der Natur, fanden wir die „Latchi Luxury Villa“, in der wir unsere erste Urlaubswoche verbrachten. Der geräumige Bungalow mit Garten und Pool war eine angemessene Unterbringung für uns zwei verwöhnte Weltreisenden. Die kleine Hafenstadt bei Neo Chorio war pittoresk und bot ausgedehnte Strände und Verpflegungsmöglichkeiten mit reichlich Lokalkolorit. Der Akamas-Naturpark mit seinen Pinienwäldern ist von holprigen Naturpfaden durchzogen, auf denen man nur mit Quads oder Buggys verkehren kann – grundsätzlich nur in halsbrecherischem Tempo; eine Tätigkeit, der wir auch zwei ganze Ausflugstage widmeten.

Anzeige Amazon: Amor und Aphrodite - Erotische Liebeskunst und Spiritualität in den Weltkulturen - Hans Walder
Anzeige

Natürlich war uns die mythologische Geschichte um Aphrodites Schaumgeburt an den Gestaden der Insel bekannt. Was wir nicht wussten, war, dass die prominente Dame, das Urbild aller Kosmetikerinnen, überall auf Zypern ihre Spuren hinterlassen hatte – sehr zum Wohlgefallen der lokalen Geschäftswelt. Nahezu fast alles, was sehens- oder bemerkenswert ist, trägt ihren werbewirksamen Namen. Das sind unzählige Tavernen, Pizzerias, Ausflugsboote und allerlei Seifen und Waschpulver. Und natürlich sind diverse Sehenswürdigkeiten und Naturphänomene mit ihrem Namen verbunden.

Auf der Akamas-Halbinsel besichtigten wir „Aphrodite‘s Bath“, eine Süßwasserquelle in einer nischenförmigen Vertiefung im wild überwucherten Berghang, allerdings mit Planschverbot für Normalsterbliche. Unweit davon gibt es das „Aphrodite Beach“, wo wir uns, der mythologischen Bedeutung des Ortes vollkommen bewusst, in die warmen Fluten stürzten, um ihnen anschließend in dramatischer Manier wieder zu entsteigen. Irgendwie gelangen diese Ausstiege meiner Frau weit überzeugender als mir.
Dann weiter im Süden ist noch „Aphrodite‘s Rock“, eine Felsformation im türkisblauen Meer, die postkartenartige Motive für Fotoaufnahmen von Damen bietet, die, ihrer berühmten Geschlechtsgenossin nacheifernd, sich vor der grandiosen Kulisse in laszive Posen werfen. Weitere Aphrodisiaka hatten wir nicht mehr ins Programm genommen, dafür war unsere Ferienzeit zu kurz.

Keine Frage, die zypriotische Gastronomie ist besonders wohlschmeckend und infolgedessen berühmt. Sie beruht zum großen Teil auf frisch gefangenen Meeresfrüchten, inseleigenem Gemüse und von uralten Bäuerinnen bei Sonnenaufgang gezupften Kräutern. Darüber hinaus wird fast alles mit Krümeln von Fetakäse bestreut. Das ebenfalls autochthone Olivenöl mitsamt eingelegten ganzen Früchten rundet das Ganze ab. Man bleibt nicht hungrig auf Zypern. Im Gegenteil. Ich musste mir allerdings im Verlauf des Zypernaufenthalts neue Hosen zulegen.

Aphrodites gastliche Herbergen

Felsformation namens “Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel
Felsformation namens „Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel

Obwohl es heißt, dass man am siebten Tage ruhen soll, sattelten wir stattdessen unseren Fiat und fuhren an das diametral entgegengesetzte, südöstliche Ende der Insel, das wesentlich touristischer erschlossen ist und entsprechend auch mehr Komfort bietet. Wir zogen in unser sehr schickes, brandneues Adults Only-Hotel im sicheren Bewusstsein dessen, dass nun die zweite, noch luxuriösere Hälfte unserer Urlaubsreise anbrechen würde.
Zunächst sah es danach auch aus. Das Zimmer mit Prachtbalkon und Panoramablick zum azurblauen Meer, ausgedehnte Poollandschaft sowie Service vom Besten versprachen einen tadellosen Aufenthalt. Direkt neben der angrenzenden Klippe gab es eine kleine, kieselsandige Bucht, in der man ins körperwarme Meer waten und zwischen Fischen und Schildkröten herumschwimmen konnte. Es war einfach zu perfekt, um so zu bleiben.

Anzeige Amazon: Gefährlicher Glaube - Die radikale Gedankenwelt der Esoterik - Pia Lamberty - Katharina Nocun
Anzeige

Und ebendarum blieb es nicht so. Am dritten Tag verspürte ich eine gewisse Unpässlichkeit, später kam ein dumpfer Kopfschmerz dazu, das sich bei jedem Hustenstoß verstärkte. Letztere beruhten auf einen ständigen Hustenreiz, der die Trias der häufigsten Covid-Symptome dekorativ abschloss. Mit einem Wort, die gefürchtete Erkrankung war bei mir scheinbar ausgebrochen, und das trotz erfolgter, doppelter Impfung sieben Monate zuvor. Von unziemlichen Befürchtungen geplagt hielt ich mich etwa zwei Tage lang vornehmlich im Hintergrund, und hegte die Hoffnung, dass sich das alles geben würde. Es gab sich aber nicht, die Kopfschmerzen schrien förmlich nach Tabletten.
Dann entschloss ich mich zur Klärung des Sachverhalts. In der benachbarten Apotheke absolvierte ich einen sogenannten Rapid Test, der in fünf Minuten die Gewissheit brachte: Ich hatte einen sog. Impfdurchbruch und war an Covid erkrankt. Durch den Test tauchte mein Name automatisch in den Annalen der Gesundheitsbehörde auf, und da das Ergebnis eindeutig positiv war, begann mein drastischer Abstieg vom luxusverwöhnten Reisenden zum als allgemeingefährlich geltenden Aussätzigen, der vom Rest der Menschheit fernzuhalten ist.
Hätte ich den Test nicht durchgeführt, wäre mir die Ächtung wahrscheinlich erspart geblieben, aber ich wäre gleichzeitig eine wandernde Ansteckungsquelle für ahnungslose Mitmenschen geworden – eine Schuld und Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen wollte.

Aphrodites herzzerreißende Verzweiflung

Das positive Testergebnis löste eine ganze Reihe bürokratischer Aktivitäten aus: Ich wurde noch einmal getestet, anschließend musste ich eine detaillierte Liste meiner Begegnungen der letzten Tage erstellen und mich fürs Abholen in ein besonderes Isolationshotel bereitmachen. Meine Frau, die nachweislich Covid-negativ war und das auch glücklicherweise blieb, schwankte in ihrer Haltung mir gegenüber zwischen Tröstung und blutigen Lynchphantasien. Ich versuchte ihre Balance mehr in Richtung der ersteren zu lenken und nahm herzzerreißend Abschied von ihr, als ich von einem grimmig dreinblickenden Talibankämpfer abgeführt wurde. Sie hätte anderntags nach Hause fliegen können, entschloss sich aber zu bleiben und meine zehntägige Isolation abzuwarten.

Ich nahm also Abschied von allem, was mir lieb und teuer war: Lieb war die Frau, teuer war das vorzeitig verlassene Adults Only-Hotel. Allein schon die Fahrt in die „Eden Ressort“ genannte, behördlich geführte Abschottungs-Institution gab mir schon einen Vorgeschmack auf den nun unaufhaltsam einsetzenden sozialen Absturz: Der Kleintransporter, mit dem man mich wegkarrte, war ein unbequemer, schäbiger Gefängnisbus, mit dem man wahrscheinlich zum Tode Verurteilte zur Hinrichtung zu fahren pflegte. Vom Fahrer komplett abgetrennt saß ich allein in einer isolierten Passagierkabine und konnte durch die kleinen Fenster die entsetzten Gesichter von Passanten am Straßenrand beobachten, die mich mit betroffenem Gesichtsausdruck wahlweise voller Mitleid oder vor Entsetzen anguckten. Sie schienen das beige Gefährt zu kennen, mit dem man die Insel von gefährlichen Subjekten zu reinigen pflegte.

Einziger Lichtblick im "Eden Resort": Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich
Einziger Lichtblick im „Eden Resort“: Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich

Bei der Ankunft ins abgelegene Isolationshotel wurde ich von einer nach Astronautenart vermummten Gestalt in Empfang genommen und in mein Zimmer geleitet. Der Alien sprach kein Wort mit mir, machte nur unmissverständliche Gesten und ließ mich allein und etwas ratlos in meiner tristen Kemenate zurück. Welch ein Unterschied zur servilen Katzbuckelei des Bedienpersonals im Hotel! Unterwürfiges Verhalten mir gegenüber konnte ich noch nie ausstehen, jetzt aber begann ich mich geradezu danach zu sehnen. Das ganze Ambiente meiner neuen Bleibe verströmte den Charme einer sibirischen Jugendherberge zu Zeiten Nikita Chrustschows. Für das Notwendigste war gesorgt, aber auch nicht mehr: Bettwäsche, Handtuch, Seife und ein Wasserkocher. Die drohend aufgelegte Hausordnung klang nicht viel angenehmer als diejenige eines Instituts für schwererziehbare Kleinkriminelle. Das karge, ziemlich abgewetzte und lieblos eingerichtete Doppelzimmer durfte ich alleine bewohnen, was ein Privileg war, wie man mir anschließend versicherte. Andere Insassen mussten sich zu zweit ein Zimmer teilen.

Aphrodites trostlose Siechengruft

Anzeige Amazon: Covid-19 und Long-Covid - Bessere Resilienz durch immunrelevante Mikronährstoffe
Anzeige

Damit begann mein zehntägiger Aufenthalt in einer Institution, die allem Anschein nach auf einer Romanvorlage von Kafka beruhte: Lange, schummrig beleuchtete Korridore, keinerlei Schmuck an den Wänden, aber überall Kameras an der Decke. Gelegentlich huschten miesgelaunte Gestalten aus oder ins Zimmer. Die überwiegende Mehrzahl der Hotelgäste waren russische Reisende, die nach der Ankunft getestet und für positiv befunden wurden. Die wenigsten waren wie ich während des Aufenthalts erkrankt. Wer während der Isolation nicht an Covid sterben würde, dem drohte der Tod durch Langeweile und Vereinsamung. Man sollte sich möglichst nur im Zimmer aufhalten, konnte aber auch auf den Flur hinausgehen und mit anderen Insassen seine Erfahrungen und nebenbei auch seine Viren austauschen. Draußen vor dem Haus war ein kleiner, höchst dilettantisch abgesperrter Bereich zum Luftschnappen bereitgestellt. Dort traf ich die anderen Delinquenten, deren wichtigste Beschäftigung das Rückwärtszählen der Tage war – auf Russisch natürlich. Ein Glück, dass wir einen halbwegs funktionsfähigen WIFI hatten, so dass der wacklige Kontakt zur Außenwelt einigermaßen aufrechterhalten werden konnte.

Drei Mal am Tag klopfte es kurz an der Tür, und wenn man öffnete, baumelte an der Klinke bereits eine Tüte mit der nächsten Mahlzeit. Diese war mengenmäßig in Ordnung, aber über die Qualität und Schmackhaftigkeit gingen die Meinungen auseinander; zumindest für diejenigen, die noch schmecken und riechen konnten. Diese schwankten zwischen „scheußlich“ und „erträglich“. Immerhin, Zypern ließ seine in Ungnade gefallenen Besucher nicht verhungern. Allerdings ließ es sie deutlich spüren, dass sie als Virusträger höchst unwillkommen waren, und dass man sie nur aus humanistischen Gründen am Leben halten würde.

Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im “Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl
Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im „Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl

Die sich in der Isolation entfaltenden Probleme waren vielerlei Art: Ausgeliefertsein, Vereinsamung, Ameisenprozession entlang des Bettrands, ein Schlangenfraß von einer Verpflegung, und natürlich allem voran die zähfließend um sich greifende Langeweile. Diese Umstände wechselten sich in verschiedensten Kombinationen ab. Alleine die Vorstellung, dass dieses Elend zehn ewigwährende Tage und Nächte andauern würde, lieferte insbesondere am Anfang reichlich Rohstoff für eine zünftige Depression.
Aber man darf auch nicht die angenehmen Seiten der Abschottung vergessen: man konnte ungestört seinen Gedanken nachhängen. Allerdings, spätestens nach zwei Stunden hatte ich sämtliche meine Gedanken aufgebraucht, und es kam nichts Neues mehr hinzu. Ich beschloss meine Erlebnisse aufzuschreiben, als investigativer Journalist direkt am Ort des Geschehens gewissermaßen. Ich würde sie dem Feuilleton der New York Times anbieten, oder noch besser, sie als Beitrag für den Pulitzer-Preis einreichen. Aber die kostbaren Eingebungen versiegten schnell, und es fielen mir nur diese larmoyanten Jammerzeilen ein.

Abends vor dem Einschlafen wünschte ich mir als Erstes, anderntags woanders aufzuwachen. Meinetwegen inmitten einer Autobahnkreuzung, oder in der Wüste Gobi, auf einer Müllhalde, in einem Schlachthaus, oder sogar inmitten eines dieser neuartigen Gyms von schwitzenden Männern umlagert – egal wo, nur nicht wieder hier. Doch es half nichts, ich erwachte jeden Morgen in den nassgeschwitzten Laken des „Eden Resorts“ wie an einem sich fortwährend wiederholenden Murmeltiertag. Natürlich ventilierte ich insgeheim so meine Ausbruchsphantasien. Am besten sollte ich analog zum Sklaven Jim einige Abschiedsworte mit Blut auf Klopapier hinterlassen, aber woher die streichfähige Blutwurst nehmen? Die Aufpasser danach zu fragen, hätte meine Absichten aufgedeckt.

Anzeige Amazon: In medias res - 222 Aphorismen - Walter Eigenmann
Anzeige

Nein, wie sich bald herausstellte, aus dem streng überwachten Komplex war kein Entkommen möglich. Die elende Behausung, welche passenderweise besser Aphrodites Siechengruft hätte heißen sollen, hielt seine positiv getesteten und negativ gestimmten Insassen mit den muskulösen Armen einer fürsorglichen Brachialschwester aus der geschlossenen Psychiatrie fest. Wohin hätte man auch ausreißen sollen? Wenn man zufälligerweise keinen Oligarchen zum Freund hatte, der einen in einer heimlichen Aktion aus einer abgelegenen Bucht abholen und auf seiner Jacht davonsegeln würde… Tja, dann könnte man dem Martyrium ein vorzeitiges Ende setzen. Mein bester Freund ist leider kein Oligarch, nicht mal stellvertretender Assistenzbuchhalter auf Stundenbasis, und eine Jacht hat er auch nicht. Nur ein abgewetztes Surfboard. Was blieb: weiterhin die Zeit rückwärts zählen.

Aphrodites bedauernswerte Jünger

Werfen wir nun einen Blick auf die Insassen, die im gleichen Schlamassel steckten wie ich. Auf den drei Etagen waren dem Vernehmen nach an die 130 Verurteilte einquartiert, aber den meisten von ihnen begegnete ich nicht. Meine benachbarten Flurkollegen waren mit wenigen Ausnahmen lauter Russen: Einzelpersonen oder Familien mit Kindern aller Altersgruppen. Alle versuchten den Kleinen den Zwangsaufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und versorgten sie mit eingeschmuggelter Eiscreme oder unterhielten sie mit improvisierten Spielen wie Bowling mit einem Gummiball und leeren Wasserflaschen.
In dem kleinen Viereck draußen vor dem Haus liefen unendliche Diskussionsrunden zwischen den Insassen, die sich vermutlich stets um dasselbe drehten: unserem Schicksal als weggesperrte Aussätzige. Das allerdings ist aus sprachlichen Gründen nur eine Vermutung. Unter den Russen gab es eine Mehrzahl, die keine andere Sprache beherrschte, und eine Minderheit, die passabel Englisch konnte. Zu den Letzteren gehörte ein armenisches Pärchen aus Georgien. Sie wurden von den Ereignissen auf ihrer Hochzeitsreise eingeholt, die ihnen wohl in denkwürdiger Erinnerung bleiben dürfte. Die einzigen Nicht-Russen waren ein junges Paar mit Kleinkind aus Birmingham, er Lastwagenfahrer, sie Hebamme und selber hochgradig schwanger. Dann gabs noch einen Inder und zwei Syrer, die ununterbrochen an ihren Handys hingen.

Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt
Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt

Als Isolations-Anfänger musste ich den nach und nach erfolgenden Abgang meiner alteingesessenen Kameraden erleben, die langsam durch neue Einlieferungen ersetzt wurden. Mit einer gewissen Befriedigung nahm ich meine Entwicklung vom ansteckenden Grünschnabel zum Quarantäne-Veteranen zur Kenntnis und versorgte meinerseits die Neuankömmlinge mit wertvollen Tipps. Einer davon war der virtuelle Einkauf von komfortverbessernden Dingen im nahegelegenen Ramschladen. Das spielte sich so ab, dass der Ladenbesitzer, ein gewisser Demetrios, einem per WhatsApp über hundert Bilder von seinen Ladenregalen zuschickte. Darauf konnte man in mühsamer Sucharbeit die gewünschten Produkte lokalisieren, deren griechische Aufschriften einen jedoch oft zum Rätselraten veranlassten: Waren das nun geröstete Pistazien in Wasabikruste oder assortierte Pfeilspitzen aus Bronze für die Belagerung von Troja? Wahrscheinlich erstere.

Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen
Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen

Wenn man das Gewünschte endlich erkannt und lokalisiert hatte, dann sandte man das entsprechende Regalbild wieder zurück mit einem Hinweis wie „2 pcs of the strange looking yellow item on the upper row in third position from left, please. And a banana“. Außerdem schickte man dem geschäftstüchtigen Demetrios – nach Überwindung stärkster innerer Hemmnisse – seine Kreditkartendetails und wartete auf die Lieferung. Letztere traf meist am Nachmittag ein, und man wurde von der Rezeption angerufen, um das Bestellte bei der Pforte entgegen zu nehmen. Diese öffnete sich für einen Sekundenbruchteil und fiel nach der Entgegennahme der Sendung gnadenlos schnell wieder ins Schloss. Danach stand man erneut einsam und verlassen vor dem wieder hermetisch versperrten Himmelstor und zog mit seinen Antidepressiva schwermütig von dannen.

Einmal am Tag kam ein Vermummter vorbei und hielt einem eine Pistole an den Kopf. Okay, sein Thermometer sah nur wie eine Pistole aus. Aber auf dem Display erschienen unmittelbar die Zeichen der Zeit: „36,4°C“ oder „Sterblicher, dein Leben nähert sich seinem Ende“.
Meine Temperatur war glücklicherweise stets normal, aber um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, buchte ich für den Tag meiner vorgesehenen Entlassung schon mal vorsorglich den Rückflug. Das hielt ich für ein wirksames Mittel, die Zukunft vorwegzunehmen bzw. gezielt zu meinen Gunsten zu beeinflussen. Wenn der Trick klappt, könnte sich das als lebensverlängernde Maßnahme erweisen. Dann werde ich schon mal ein Ticket zum Silvesterball von 2076 buchen – zu meinem 120. gewissermaßen, den ich am liebsten mit Kaviar, Champagner und einem Dutzend Gogo-Tänzerinnen mit rosa Federboas verbringen möchte.

Aphrodites keimende Hoffnung

Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner
Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner

Inzwischen korrespondiere ich in Bild und Ton mit meiner von der Infektion verschonten Frau. Meine Idee vom Silvesterball im 2076 fand sie sehr gut, bis auf die Sache mit den rosa Federboas. Zwölf davon seien einfach zu viel für einen Hundertzwanzigjährigen. Sie hat sich aus Kummer über mein Schicksal eine kleine Luxussuite gemietet mit direktem Poolzugang und nicht weit vom Strand. Dort versucht sie das Strandleben stellvertretend für mich zu genießen.
Im Gegensatz zu mir muss sie sich selbst versorgen, während ich hier alle Annehmlichkeiten der Vollpension in Anspruch nehmen darf. Nichts wünscht sie sich so sehr wie ebenfalls Mahlzeiten in grünen Plastiktüten außen an den Türknopf gehängt zu bekommen. So ist nun mal das traurige Schicksal des alleingelassenen Luxusreisenden: man/frau kann nicht alles haben. Aber sie weiß auch, dass sie auf keinen Fall ins „Eden Resort“ rein darf. Sie muss stark sein und die Wartezeit auf meine Freilassung in der Einsamkeit ihrer Luxuswohnung mit Meerblick aushalten. Arme Marina!

Die 10 Tage begannen zunächst unmerklich, danach ganz sachte abzuperlen. Noch sieben Tage, noch sechs Tage, noch fünf Tage (gleich Halbzeit)! Noch vier Tage, noch drei Tage, noch zwei Tage (gleich Lagerkoller). Dabei habe ich einen neuen Rekord aufgestellt: 30 geradezu ungenießbare Mahlzeiten, die in grünen Tüten am Türknopf hingen, aufgegessen und verdaut.
Dann blieb nur noch ein Tag, d.h. weniger als 24 Stunden! Ich bekam ein Austrittszertifikat, welches mir bescheinigte, dass ich wieder ein Mensch wie jeder andere war und kein Staatsfeind mehr. Man fragte sogar, auf welche Uhrzeit ich das Taxi bestellen wolle, welches mich abholen sollte. Oh! Ein „Taxi, taxi, oder besser ταξί!“, welch ein wundervolles Wort aus der klassischen Antike, ursprünglich wohl der Kriegswagen von Menelaos – dachte ich zumindest. Stimmt leider nicht, es kommt vom lateinischen taxa für die Berechnung eines Fahrpreises. Mir egal, Hauptsache es bringt mich geschwind weg von hier.

Aphrodites spürbare Erleichterung

Anzeige Amazon: Immun Power - Wie du mit einem gesunden Darm deine Abwehrkräfte stärkst und nie wieder krank wirst - Dr. Friederike Feil
Anzeige

Während Sie diese Zeilen lesen, die mit garantiert virusfreien Tränen der Rekonvaleszenz geschrieben wurden, bin ich bereits in der Schweiz bei der Arbeit und blicke mit Erstaunen und Dankbarkeit auf meine Reise nach Zypern zurück. So ein Abenteuer ist nicht jedermanns Sache. Auf die ängstlich vorgetragene Frage des französischen Schriftstellers Arthur Rimbaud an seinen Freund und Berufskollegen Arthur Schnitzler, was er denn tun sollte, antwortete dieser mit dem vielzitierten: „Du fragst mich, was Du tun sollst? Ich sage Dir, lebe wild und gefährlich!“ Ich halte es mit dem Österreicher. Der übervorsichtige Rimbaud ignorierte den freundlichen Rat seines Kollegen und starb jung im Bett. Mir kann das, jetzt mit dem baldigen Erreichen des 65. Lebensjahrs, wohl nicht mehr passieren…
Ich bitte um Nachsicht für den plötzlichen Abbruch dieses Diskurses an dieser Stelle. Soeben habe ich herausgefunden, dass es sehr verlockend wäre, eine Flusskreuzfahrt auf dem Oberen Nil zum Tanganjika-See zu unternehmen. Die Malaria schert mich wenig bis gar nicht, schließlich habe ich einen Mückenspray. Und Ebola – Schnebola… ist mir Wurst! ♦


Prof. Dr. med. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN außerdem die Satire von Peter Biro: Schreibblockade oder Der Förster und die Jägerin

Peter Biro: Schluss mit lustig! – Zur Corona-Pandemie 2020

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Schluss mit lustig!

Appell eines Arztes zur Covid-19-Pandemie

von Prof. Dr. med. Peter Biro

Normalerweise ist mir selten ernst zumute, und ich finde in fast allem etwas Heiteres zum darüber Frotzeln. Aber jetzt ist es aus mit der Lustigkeit. Diese wurde in letzter Zeit zunehmend von Verzweiflung abgelöst.

Natürlich mache ich mir Sorgen um die mir nahestehenden Personen, und auch um meine eigene Gesundheit. Aber nicht das ist es, was mich zur Verzweiflung treibt, sondern die Ignoranz der Zeitgenossen und die Nachlässigkeit der Behörden.

Corona-Virus - Pandemie 2020 - Covid-19 - Glarean Magazin
Warum die Corona-Pandemie keine gewöhnliche Grippe ist

Wir sind inmitten einer exponentiellen Verschlechterung der Lage mit einer Verdoppelung der Fallzahlen für Kranke, Schwerkranke und Todesfälle alle zwei bis drei Tage. Was dabei am meisten beunruhigt, ist das grassierende Unverständnis des ehrenwerten Publikums für exponentielles Wachstum. Bei konstanter Verdoppelung entstehen binnen kürzester Zeit gewaltige Zahlen. Die altbekannte Weizenkorn-Legende von der Belohnung des Schachspiel-Erfinders durch den dankbaren persischen König veranschaulicht diese Unvorstellbarkeit: Auf die Frage, was er sich als Bezahlung für seinen Dienst wünsche, antwortete der Meister, dass er ein Weizenkorn fürs erste Feld des Schachbretts haben möchte, gefolgt von doppelt so viel, also zwei auf dem zweiten – und so weiter, mit Verdopplung der Körnerzahl mit jedem weiteren der 64 Felder. Der von der scheinbaren Bescheidenheit des Erfinders belustigte König gab den Auftrag an seine Bediensteten zur Ausführung weiter. Es dauerte nicht lange, bis sich herausstellte, dass es bei weitem nicht genug Weizen auf der ganzen Erde gab, um auch nur einen Bruchteil des Auftrags zu erfüllen.

Chance des totalen Lock-Downs verpasst

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean Magazin
Prof. Dr. Peter Biro: „Schluss mit lustig!“

Was ich damit sagen will ist, dass die Ausbreitung der Corona-Infektion sich so rasant abspielt, dass durch normale Erfahrung voreingenommene Menschen diese dem exponentiellen Wachstum innewohnende Gefahr nicht wirklich verstehen. Die bis vor kurzem nonchalant in grossen Rudeln flanierenden Sonnenanbeter am Seeufer zeugen von dieser Ignoranz. Dabei hätte es eine einzige Möglichkeit gegeben, die massenhafte Ausbreitung zu verhindern: Man hätte gleich am Anfang – als noch erst wenige Fälle gemeldet wurden – die weitestgehenden Massnahmen ergreifen müssen wie das totale Lockdown und die völlige Isolation auf allen Ebenen – von der Einzelperson über die Ortschaften und Regionen bis hin zum ganzen Land.
Doch der Moment, als das noch hätte nützen können, wurde in der Schweiz wie fast überall andernorts sträflich verpasst. Um eine Analogie aus meinem beruflichen Wirkungskreis zu bemühen, das ist ähnlich zur Krebserkrankung: Sobald diese diagnostiziert ist, wird man nicht die Behandlung schrittweise mit dem Wachstum des Tumors ausbauen, sondern gleich am Anfang mit der maximalen Therapie beginnen, z.B. mit einer Radikaloperation. Nur so kann man Krebs einigermassen wirksam bekämpfen: maximale Massnahmen bei noch geringer Tumorprogredienz. Dasselbe gilt für alles, was gegen exponentielles Wachstum angewendet werden soll.

So verhalten, als sei man bereits erkrankt!

Jetzt ist zu befürchten, dass uns eine ähnliche Entwicklung wie in Italien bevorsteht. Aber wenn man schon nicht mit der adäquaten Reaktion der Behörden rechnen kann, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns individuell richtig zu verhalten. Und das heisst, so zu tun als sei man bereits erkrankt – mit dem Imperativ, in die persönliche Isolation zu gehen. Man gehe nirgendwo mehr hin, man halte Abstand, desinfiziere regelmässig die Hände und lasse sich die Einkäufe vor die Tür bringen. Wenn man kein Desinfektionsmittel mehr auftreiben kann, lange man nach den Spirituosen in der heimischen Kellerbar. Wenn man nichts dergleichen hat, sollte man regelmässig die Hände waschen, das hilft auch. Aber das Wichtigste ist: Zuhause bleiben, verdammt nochmal! ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Weitere Internet-Adressen zum Thema Corona-Pandemie 2020

.

Anzeige Amazon: In medias res - 222 Aphorismen - Walter Eigenmann
Anzeige

 

Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe (Satire)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Peter Biro

Ich lasse mich nicht von massenhysterischen Phänomenen anstecken. Weder von der Überfremdung durch isländische Klimaflüchtlinge noch vom Weltuntergang aufgrund des Maya-Kalenders. Ok, ein Mangel an Lutschbonbons könnte mich zeitweilig aus der Bahn werfen. Das wäre eine wirklich ernste Sache. Aber wie gesagt, meistens bin ich immun gegenüber Modeerscheinungen, selbst wenn diese mein Überleben bis zum nächsten kirchlichen Feiertag sichern würden. Mit meiner antizyklischen Lebensweise bin ich bis jetzt gut durchgekommen, ausser vielleicht beim Linksabbiegen in den Kreisverkehr. Dort musste ich stets klein beigeben und mich in den allgemeinen Strom der Fahrzeuge einordnen. Aber sonst nichts dergleichen. Im Prinzip bin ich also kein Opportunist. Aber dieses eine Mal machte ich eine Ausnahme, und zwar wegen diesem verfluchten Coronavirus. Und scheiterte damit kläglich.
Nach gründlichen Überlegungen kam ich zum Schluss, dass eine Coronavirus-Infektion schon mal gar nicht eine erstrebenswerte Sache ist. Heutzutage haben wir viel schönere Krankheiten und elegantere Todesarten als schniefend und hustend einzugehen. Wenn man des Covid-19 wegen abserbelt, gibt man damit ein armseliges Bild ab. Man sondert jede Menge unappetitlichen Schleim aus allen Körperöffnungen ab. Einfach widerlich! Wenn mir schon mein letztes Stündlein schlagen soll, dann muss es bitte sauber, feierlich und erhaben zugehen. Ich möchte von ergriffenen Angehörigen beweint werden, die sorgsam gewählte Lobesworte über mich murmeln und meinen verfrühten Abgang aufrichtig bedauern. Aber zum Glück ist es noch nicht soweit. Ich habe gerade meine Temperatur gemessen: schallend triumphierende 36,5°C!

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Satiren im Glarean Magazin
Peter Biro

Trotz meiner erwähnten Abneigung gegen vorherrschende Modetrends blieb ich von der aktuellen Entwicklung nicht unbeeinflusst. Als immer mehr Zeitgenossen mit Gesichtsmasken herumliefen, begann ich mir auch eine überzuziehen. Um es sogar besser zu machen, trug ich zusätzlich noch eine am Hinterkopf. Dann hiess es, dass man in der Öffentlichkeit keine engeren körperlichen Kontakte mehr eingehen dürfe. Daraufhin hörte ich mit meiner liebgewordenen Gepflogenheit auf, unbekannte junge Damen auf der Strasse zu umarmen und herzhaft abzuknutschen. Zudem besuchte ich keine grossveranstaltung mehr, ausser Saunaklubs. Diese sind die wohl letzten virusfreien Oasen, in denen man sich ungezwungen in angenehmer Damengesellschaft frei bewegen kann.
Es heisst ja, dass Coronaviren nicht hitzeresistent sind. Ich schüttle keine Hände, auch nicht den Kopf, und auch nicht meinen stets einsatzbereiten Würfelbecher, den ich als Entscheidungshilfe für lebenswichtige Angelegenheiten stets bei mir trage. Stattdessen befolge ich die wohlwollenden Anweisungen der Behörden ebenso gehorsam wie die uneigennützigen Ratschläge kompetenter Homöopathen.

Neulich jedoch erlebte ich einen ersten Rückschlag beim empfehlungskonformen Verhalten. Und das kam so: In den Nachrichten wurde erwähnt, dass vereinzelte Bürger Hamsterkäufe tätigten, was sich dann zunehmend häufte und zur Massenbewegung wurde. Ich konnte mir zunächst keinen Reim darauf machen, auf welche mysteriöse Weise der Hamsterkauf einen vor der Infektion schützen sollte. Aber man muss nicht alles verstehen, was die Obrigkeit verlangt. Wichtig ist es ihren Anweisungen zu folgen. Also beschloss ich daraufhin ebenfalls mit Hamsterkäufen zu beginnen.

Anzeige Amazon: Die Spanische Grippe - Eine Geschichte der Pandemie von 1918 - Vitalis Verlag
Anzeige

Als ich dann allerdings zu meinem ersten Versuch ausrückte, waren die letzten verfügbaren Exemplare schon restlos ausverkauft. Ich fand nur noch Restbestände an Meerschweinchen, Schildkröten und hilflos zwitscherndes Federvieh. Damit war natürlich kein Staat zu machen, schon gar nicht in diesen gefährlichen Zeiten.
Doch ich gab nicht so schnell die Hoffnung auf, meine nun mal beschlossene Hamsterbeschaffung erfolgreich zu Ende zu bringen. Ich klapperte zunächst alle Zoogeschäfte der Stadt ab, dann diejenigen des Umlands und sogar der ganzen Region. Aber keine der von mir aufgesuchten Tierhandlungen hatten genügend Hamster vorrätig, um mir einen anständigen Schutz zuzulegen. Dabei schraubte ich meine Erwartungen schrittweise zurück: statt der geplanten drei Dutzend Goldhamster hätte ich auch einen Satz Silberhamster akzeptiert. Von mir aus hätten sogar einige bronzene Exemplare darunter sein dürfen. Aber weit gefehlt! Nicht nur dass die beste Ware bereits weg war, selbst die artverwandten Wüstenspringmäuse waren alle.

Von zunehmender Verzweiflung getrieben, erwog ich einen nächtlichen Einbruch in den eher nachlässig geschützten Tierpark. Ich bin ja ein grundehrlicher Mensch, aber hier ging es ja schliesslich um meine Gesundheit. Ich weiss nicht, wie man die tierische Entsprechung für den moralisch eher akzeptablen Mundraub des Verhungernden nennt. Wenn beispielsweise das erheischte Deliktgut ein Mops wäre, würde man das „Hundraub“ nennen? Ich weiss es nicht. Wäre für kleine, handzahme Nager die analoge sprachliche Entsprechung vielleicht „Hamstermopsen“? Was auch immer, ich war bereit zu allem, selbst zu einem nächtlichen Einbruch in das Gehege der „Cricetinae“ genannten Steppenwühler. Aber ich hatte weder die geeigneten Einbruchswerkzeuge noch den erforderlichen Mut für eine solche Aktion. Damit war das keine gangbare Lösung und schon gar kein Ersatz für einen seriösen Hamsterkauf.
So gesehen wollte ich meinen Frust bei einem entspannenden Saunaklubbesuch abbauen, aber als ich vor der zugesperrten Tür des abgedunkelten Etablissements stand, konnte ich nur noch den nachlässig aufgeklebten Hinweis zur Kenntnis nehmen: „Aufgrund der lagebedingten ausbleibenden Kundschaft bleibt unser Saunaklub ‚Nymphen-Dampf‘ bis auf weiteres geschlossen. Besuchen Sie unsere Webseite, um den Zeitpunkt der erneuten Betriebsaufnahme zu erfahren“. Hol’s der Hamster!  ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Satire von Helmut Haberkamm: Anschaffungen

ausserdem zum Thema Corona-Virus von Peter Biro: Schluss mit lustig!