F. Zavatarelli u.a: Feuilletons von Ignaz Kolisch

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Das schachjournalistische Phänomen Ideka

von Ralf Binnewirtz

Drei Schachhistoriker und -autoren haben sich zusammengetan, um die 92 sonntäglichen Feuilletons von Ignaz Kolisch – erschienen 1886-1888 in dessen eigener Wiener Allgemeinen Zeitung – in einem kompakten Band zu vereinen, der weit über die Schachwelt hinaus Interesse beanspruchen darf. Denn diese Feuilletons tangieren und reflektieren nahezu alle Bereiche der Gesellschaft und vermitteln in der ausgefeilten Prosa des Autors ein Zeit- und Sittengemälde Westeuropas aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erneut darf sich der Rezensent mit einer schillernden Figur der Schachgeschichte befassen. Diesmal ist es jedoch alles andere als ein Enfant terrible (wie zuletzt Hein Donner), sondern das Multitalent Ignaz Kolisch (1837-1889), ab 1881 Baron Ignaz von Kolisch, der ein weithin nomadenhaftes Leben führte und seine Feuilletons unter dem Pseudonym Ideka publizierte.

Hilfreicher Fussnoten-Service

Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio, Michael Burghardt (Hrsg): Die Feuilletons von Ignaz Kolisch, Edition MarcoDer vorliegende Sammelband ist keineswegs eine reine Kompilation, denn die Herausgeber Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio und Michael Burghardt haben über 1100 erhellende Anmerkungen in Fussnoten hinzugefügt, um die Verständlichkeit der Texte für die heutige Leserschaft zu verbessern. Der hochgebildete und äusserst sprachgewandte Kolisch kultivierte nämlich nicht nur im gesprochenen, sondern auch im geschriebenen Wort die Vorliebe, seine Ausführungen mit fremdsprachigen Sentenzen anzureichern (in Latein, Französisch, Englisch, usw.). Sehr hilfreich ist auch die „Übersetzung“ von regional-zeitgenössischen Ausdrücken im Text, zudem wurden zahllose, heute meist unbekannte Personen recherchiert, die daselbst auftauchen.

Diversität ohne Schach-Fokus

Baron Ignaz Kolisch - Schach-Feuilletonist - Glarean Magazin
Vom Schachmeister zum Finanzmogul: Ignaz Kolisch (1837-1889)

Die inhaltliche Mannigfaltigkeit der Beiträge wird bereits durch das Inhaltsverzeichnis angedeutet, dort erfolgt auch eine thematische Zuordnung, indem den einzelnen Feuilletons bestimmte Themenbereiche (wie Aktuelles, Finanzwelt, Kurzweiliges, Zeitgeschichte, etc.) zugewiesen werden. Lediglich in wenigen Fällen bilden zwei bis drei Feuilletons eine lockere Fortsetzungsgeschichte, ansonsten sind eigenständige Einzelepisoden die Regel. Das Buch lädt daher dazu ein, kreuz und quer zu lesen oder auch eine thematische Auswahl bei der Lektüre vorzunehmen. Dem Thema „Schach“ ist keine dominierende Rolle zugedacht, es taucht bei den 92 Feuilletons nur zwölf Mal auf; sowie zusätzlich in Anhang A, der fünf unkommentierte Partien von Kolisch in Kurznotation verzeichnet. Demzufolge ist das Buch für einen breiten Leserkreis (selbst ohne Schachkenntnisse) prädestiniert, aber natürlich auch empfehlenswert für Schachfreunde, die über den Tellerrand der eigenen Passion hinausblicken möchten.

Angaben zum Inhalt müssen naturgemäss fragmentarisch bleiben, wenige subjektiv herausgegriffene Beiträge und wiederkehrende thematische Motive will ich aber – quasi als appetizer – kurz erwähnen.

Esoterik und Aberglaube

Weitgehend von der Ratio geleitet, stand Kolisch esoterischen Modetrends wie dem Spiritismus und verwandten Phänomenen ungläubig-kritisch gegenüber (siehe Feuilleton 2; auch F. 25), von kleinen abergläubischen Überzeugungen war aber auch er nicht völlig frei (F. 20). Ob Kolisch sonderlich religiös war, bleibt offen; seine jüdischen Wurzeln erwähnte er nicht, allzu verständlich angesichts eines progressiven Antisemitismus in Wien, dem er auch in seinen Feuilletons immer wieder vehement entgegentrat.

Politisch aktuell geblieben

Anzeige Amazon: Roger Willemsen - Gute Tage - Begegnungen mit Menschen und Orten
Anzeige

Politisch war Kolisch liberal eingestellt, seine kleinen Polemiken haben häufig kaum an Aktualität eingebüsst. Ein für sich selbst sprechendes Zitat (aus F. 52, S. 317) kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen:
„Die Zerfahrenheit unserer öffentlichen Zustände, die Unsicherheit in den politischen Programmen, die Schwankungen unserer hoch- und niedertrabenden Volkstribunen und vor Allem die Unverlässlichkeit unserer grossen Parteiführer berauben mich nachgerade jedes bürgerlichen Vergnügens. Ich weiss heute nicht mehr, wem ich glauben soll, ich komme in die peinlichste Verlegenheit, wenn ich zu entscheiden habe, welchem Volksbeglücker ich mein Vertrauen schenken soll, und gerathe in helle Verzweiflung, wenn ich vor der Frage stehe, wessen beredte Auslassungen ich vorzugsweise auf mich wirken lassen darf“.
An anderer Stelle beschreibt Kolisch den radikalisierten Pöbel, der sich in gewalttätigen Demonstrationen Bahn bricht – bis hin zur (gerade noch verhinderten) Lynchjustiz (F. 21). Und er geisselt die „gewissenlosen Phrasendrescher“, die als mentale Brandstifter die leichte Verführbarkeit der Massen ausnutzen.

Betrüger und Scharlatane

"Das Gespräch drehte sich um Geister": Leseprobe aus "Die Feuilletons von Ignaz Kolisch" (Vergrösserung mit Mausklick)
„Das Gespräch drehte sich um Geister“: Leseprobe aus „Die Feuilletons von Ignaz Kolisch“ (Vergrösserung mit Mausklick)

Von ungebrochener Aktualität ist wiederum das Unwesen der Betrüger und Kleinkriminellen, die sich in den Metropolen Europas tummelten (siehe insb. F. 23): Praktisch ungestört konnten diese „Industrieritter“ (d.h. Nepper und Bauernfänger, Scharlatane und Rosstäuscher) ganze Stadtviertel in Beschlag nehmen. Heutzutage haben sich derlei Aktivitäten zu weiten Teilen globalisiert bzw. ins Internet verlagert, bei weiterhin geringer Erfolgsquote der Strafverfolgungsbehörden.
Ein spezieller Fall ist die lesenswerte Episode über einen verarmten, des Praktizierens längst entwöhnten Medicus, der infolge Kolischs Ratschlägen ein Vermögen im Orient erwerben kann (F. 65): Mit einer Therapie, die lediglich auf der Anwendung von frischem kalten Wasser beruht, „heilte“ er eingebildete Kranke in der Hautevolee (somit ein reiner Placeboeffekt) und liess sich dafür fürstlich entlohnen – wenigstens hat es bei den derart Gesundeten keine Armen getroffen. Fazit: Kurpfuscherei lohnt sich, wenn man es richtig anstellt – zumindest war dies noch im 19. Jahrhundert so.

Russische Verhältnisse

Kolisch scheute sich auch keineswegs, Missstände im östlichen Teil unseres Kontinents aufzuzeigen. So nahm er schonungslos das mächtige Reich der Russen ins Visier, wo sich das Geschwür der Korruption und die Schmiergeld-Kultur wie Mehltau über das ganze Land gelegt hatten (F. 45).
In diesem bunten Potpourri der Unterhaltungsbeilagen sind diejenigen, die sich ganz oder teilweise der reinen Erheiterung widmen, durchaus gut vertreten. Wer einmal herzhaft lachen möchte, mag beispielsweise F. 55 „Nicht für Damen“ lesen, das zudem mit einem geradezu märchenhaften Finale aufwartet. Unvergessen in ihrer ergötzenden Komik bleiben auch die trefflich geschilderten „Eroberungsversuche“ eines gealterten Lebemanns auf einem Pariser Boulevard (Passage auf S. 320) – und vieles andere mehr.


Exkurs: Kolisch als Schachmeister

W.E./Ignaz Kolisch konnte hervorragend mit dem Geld und mit dem Wort umgehen – aber auch mit den Schachfiguren. Als Erz-Schachromantiker des 19. Jahrhunderts führte er eine scharfe Angriffsklinge, die auch vor bekannten Grössen seiner Zeit keinerlei Respekt zeigte.
Hier ein paar Kostproben:


Famoser Unterhalter

Bereits von seinen Zeitgenossen wurde Kolisch attestiert, ein famoser Unterhalter zu sein, und in der kleinen Form des Feuilletons mit maximal 5-7 Seiten konnte er seine Fähigkeiten offenbar besonders vorteilhaft zur Geltung bringen. Eine überaus gelungene Mischung aus Witz, Ironie und tieferer Bedeutung, die seine Beiträge charakterisiert, war sicherlich ein Garant des Erfolgs. Dazu gesellte sich seine glänzende Formulierungskunst und ein (für einen Bankier!) wohl singulärer literarischer Schachzug: Mit frappierender Offenheit liess er sein Lesepublikum teilhaben an seinen Gedanken, seinen Interessen und Emotionen, was seinen Schriften eine hohe Authentizität verlieh und die Anhänglichkeit seiner Leserschaft immens vertiefte.

Fliessende Grenzen zwischen Fact & Fiction

Anzeige Amazon - Michael Ehn - Genials Schach im Wiener Kaffeehaus 1750 - 1918
Anzeige

In welchem Ausmass Kolischs Schilderungen mit realen Begebenheiten seines bewegten Lebens übereinstimmen und welche Anteile auf Fiktion beruhen, ist nicht immer klar. Auch sind zeitlich auseinanderliegende Ereignisse wohl vereinzelt zusammengeführt worden. All dies mag jedoch von untergeordneter Bedeutung gewesen sein, solange seine Anekdoten geistreiche und amüsante Unterhaltung boten.
Ich finde das Buch inhaltlich hochinteressant und auch in der Ausstattung bestens gelungen (solide Hardcover-Ausgabe mit Fadenheftung). Ein biografisches Vorwort „Der literarische Schachmeister“, ein vorangestelltes Kapitel „Kolisch als Feuilletonist“ sowie mehrere Anhänge rahmen das Werk ein. Unbedeutende Druckfehler im Original wurden von den Herausgebern korrigiert, verbliebene kleine Vertipper haben Seltenheitswert. Insgesamt verspricht das Buch einen ungetrübten Lesegenuss, daher gebe ich die uneingeschränkte Empfehlung: Kaufen und lesen!

Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio und Michael Burghardt (Hrsg.): Die Feuilletons von Ignaz Kolisch, 544 Seiten, Edition Marco, ISBN 978-3-924833-82-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Feuilleton auch über Helmut Pflegers neue ZEIT-Schachspalten

Alexander Münninghoff: Hein Donner (Schach-Biographie)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 8 Minuten

Donnerhall im Reich der Schachliteratur

von Ralf Binnewirtz

Der holländische Grossmeister Jan Hein Donner (1927-1988) wird bei der jungen Generation weitgehend in Vergessenheit geraten sein, zumal er auf der Schachbühne nicht in die obersten Ränge gelangen konnte. Und ausserhalb der niederländischen Schachliteratur sind nur wenige biografische Details über ihn verbreitet worden. Der Ende April verstorbene Autor Alexander Münninghoff hat dem nonkonformistischen Schach-Grossmeister und -Autor ein bemerkenswertes literarisches Denkmal gesetzt, das nun auch in Englisch erschienen ist.

Hein Donner - The Biography - New In Chess NIC - Alexander MünninghoffJohannes Hendrikus (Hein) Donner war sicherlich die schillerndste Figur in der Geschichte des niederländischen Schachs – jedenfalls auf GM-Niveau. Als Spross einer prominenten, streng calvinistischen Familie in Den Haag – sein Vater Jan Donner brachte es zum Justizminister der Niederlande – sollte Hein als Einziger des sechsköpfigen Donner-Nachwuchses aus der Art schlagen: Er hatte zwar halbherzig einige Semester Jura absolviert, entschloss sich dann aber – sehr zum Leidwesen seines Vaters – zu einer keineswegs risikofreien Profilaufbahn im Schach. Ein weitgehend ungebundenes, bohemienhaftes Leben in der Schachwelt entsprach seinem Naturell offenbar weitaus mehr als eine konventionelle Laufbahn im Establishment.

Mal top, mal flop

Faul, genial, scharfzüngig: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)
Scharfzüngig, faul, witzig, polemisch, genial: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)

Hein Donner (GM-Titel 1959) war ein weit überdurchschnittliches Talent, um nicht zu sagen Genie in die Wiege gelegt, aber zumindest als Schachspieler hat er den in ihn gesetzten Erwartungen nicht recht entsprochen. Seine Faulheit, gepaart mit einem Mangel an Disziplin und Ehrgeiz (er verfolgte nicht die Neuerungen in der Eröffnungstheorie, bereitete sich auf Turniere in der Regel nicht vor und gab sich mit dem Erreichten zufrieden), zeitigten ein ständiges Auf und Ab in den Turnierresultaten und verhinderten den Aufstieg in die höchsten Sphären, wobei ihm auch noch eine ausgeprägte Russenphobie im Wege stand.
Im Gedächtnis der Nachwelt ist Donner vor allem als Verlierer zahlreicher Kurzpartien verblieben, die ihn im Kreis seiner internationalen GM-Kollegen zum Gespött machten als „unumstrittenen Träger der Narrenkappe“ 1). Gleichwohl war er in der Zeitspanne zwischen Max Euwe und Jan Timman der stärkste niederländische Schachspieler.

Zur Ehrenrettung Donners sei hier eine seiner respektablen Gewinnpartien präsentiert:

In seiner Spielleidenschaft hat sich Donner auch in unzähligen anderen Spielen (u.a. Bridge) versucht, lediglich vom Damespiel hat er sich verächtlich abgewandt.

Unterwegs im Amsterdamer Szene-Viertel

Anzeige Amazon - Schachfieber - Von der Liebe zu einem unmöglichen Spiel - Sebastian Raedler
Anzeige

Einen grossen Teil seiner Freizeit verbrachte Donner in der Amsterdamer Szene („The Ring Of Canals“) bzw. im elitären Künstler-Zirkel „De Kring“, den er gemeinhin abends und nachts aufsuchte, da er erst am späten Nachmittag aus dem Bett zu steigen pflegte. Dort traf er auf die lokale Intelligenzia, mit der er sich in unermüdlichen Diskussionen messen oder aber den Clown spielen konnte. Donner, der sich schon früh zu einem notorischen „contrarian“ entwickelte hatte, also grundsätzlich die gegenteilige Meinung seines Gegenübers einnahm, war nicht nur körperlich (mit knapp 2 m Grösse), sondern auch intellektuell ein Riese. Ausgestattet mit einem messerscharfen Verstand, mit enormer Eloquenz und sardonischem Witz, war er praktisch jedem Gegner verbal gewachsen, wenn nicht überlegen. Und sollte ein Disput zu einem Faustkampf eskalieren, was gelegentlich vorkam, so besass Donner auch hier aufgrund seiner Obelix-artigen Statur Vorteile. Es darf daher nicht wundern, wenn die Zahl seiner Freunde überschaubar blieb. Seine legendäre Dauerfehde mit Lodewijk Prins (Ehren-GM 1982) soll hier nur erwähnt sein.

In der Romanliteratur verewigt

Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch
Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch

Eine tiefe Freundschaft verband Donner mit dem Schriftsteller Harry Mulisch, dem Donner literarisch nachzueifern suchte – nicht immer zum Vorteil seiner Turnier-Performance (siehe z.B. Santa Monica 1966). In seinem Roman „Die Entdeckung des Himmels“ (1992) hat Mulisch seinen Freund posthum in der Figur des Onno Quist verewigt. In diesem Kontext ist auch das aufschlussreiche Interview zu erwähnen, das Dirk Jan ten Geuzendam mit Harry Mulisch geführt hat (Kap. 11 – Harry Mulisch’s Heinweh).

Weitaus erfolgreicher als am Turnierbrett war Donner als Schachschriftsteller, hier konnte er seine Lust an der Polemik und Provokation gleichermassen ausleben. Aber unter seinen zahllosen, in über drei Jahrzehnten in diversen holländischen Zeitungen publizierten Artikeln finden sich auch manche seriösen Beiträge. Eine Selektion seiner besten Artikel ist als Anthologie erschienen: „The King – Chess Pieces“ steht in der Gunst der internationalen Leserschaft bis heute ganz oben. [Rezension von Taylor Kingston]

Kreativität auch im Rollstuhl

Anzeige Amazon - Schach-Endspiele für Kids - Verbessere deine Endspielfähigkeiten mit Dr. John Nunns raffinierten Übungen - Gambit Verlag
Anzeige

Nach einem Schlaganfall im August 1983, der Donner für die letzten Lebensjahre in ein Pflegeheim verbannte, blieb ihm, an den Rollstuhl gefesselt, nur das Schreiben als einzige kreative Beschäftigung. Mit einem Finger auf der Schreibmaschine verfasste er minimalistische Beiträge: Für „Na mijn dood geschreven“ [Nach meinem Tod geschrieben] wurde ihm 1987 der höchst angesehene Henriëtte-Roland-Holst-Preis verliehen. Auch die öffentliche Erstpräsentation von De Koning: Schaakstukken konnte er noch (in einem miserablen Zustand) erleben. Er hat sein Schicksal klaglos hingenommen. Eine im November 1988 unversehens eingetretene Magenblutung bedeutete den endgültigen Exitus.

Donners Frauen – ein wechselhaftes Glück

Donner lernte seine erste Freundin Olga Blaauw im Frühling 1949 kennen, sie lebten gut sechs Jahre ohne Trauschein zusammen. Die Trennung wurde unerwartet ausgelöst durch einen Heiratsantrag Donners (nach dessen Rückkehr von Göteborg 1955), der die Leidenschaft instantan erlöschen liess.

Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering
Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering

Die zweite erwähnenswerte Dame, die in Donners Leben trat, war Irène van de Weetering, im Jahre 1958 noch „eine 18-jährige Nymphe“. Als sich Ende 1959 Nachwuchs ankündigte, war die eigentlich unerwünschte Heirat nach calvinistischem Reglement unvermeidlich. Das zweite Kind kam Anfang 1962. Während Donner seinen Nachwuchs (Sohn und Tochter) abgöttisch liebte, war das Verhältnis zu seiner Ehefrau deutlich kühler – schon bald nach der Trauung hatte er eh ein promiskuitives Wanderleben begonnen. Die marode Liaison ging schliesslich vollends in die Brüche, als sich Irène 1966 der anarchistischen Provo-Bewegung anschloss und Stadträtin in Amsterdam wurde (Scheidung 1968).

Donners letzte Frau war die Anwältin Marian Couterier, die er 1971 ehelichte. Die Verbindung verlief von Beginn in harmonischen Bahnen, und Hein wandelte sich gar zum Familienmensch, eine Tochter kam 1974 zur Welt. Die Ehe währte bis zu Heins Tod.

Polarisierender Charakter mit Bohemien-Charme

Nicht jeder wird sich mit der Persönlichkeit eines Hein Donner identifizieren können, zu ambivalent sind hierfür die Eindrücke, die man bei der Lektüre gewinnt. Donners zwanghafte Streitsucht insbesondere im trunkenen Zustand, sein despektierliches Verhalten gegenüber Meisterkollegen, sein Dominanzgehabe sind Attribute einer merklichen Ungeniessbarkeit. Hierzu mögen auch noch sein meist schmuddeliges Outfit und eine nachlässige körperliche Hygiene zählen. Indes gehörte Donner zu einer Spezies, die in der heutigen Schachszenerie ausgestorben ist: Ein echtes Original mit Ecken und Kanten und einem sehr spezifischen Humor. Ein unabhängiger Geist, der sich nicht um Konventionen scherte, der sein Leben lebte, wie er es wollte, auch wenn es (durch übermässiges Rauchen und Trinken) gesundheitlich bedenklich schien oder er sein soziales Umfeld brüskierte. Und schliesslich war er einer der besten und unterhaltsamsten Schachschriftsteller aller Zeiten.

Kontroverse Persönlichkeit meisterhaft biografiert

Alexander Münninghoff - Schriftsteller Journalist Biograph - Glarean Magazin
Biograph ohne Beschönigungen: Alexander Münninghoff

Alexander Münninghoff hat diesen polarisierenden Charakter vortrefflich beschrieben, dabei unangemessene hagiografische Beschönigungen bewusst vermieden. Eine gewisse Nachsichtigkeit des Autors gegenüber seinem biografischen Objekt ist zwar spürbar, aber nicht gravierend. Die englische Übersetzung ist rundum gelungen und – solide Englischkenntnisse vorausgesetzt – flüssig lesbar, zumal der Autor seine Darstellung chronologisch angelegt hat. Vor allem hat er die wichtigste Forderung beherzigt, die ein gutes Buch erfüllen muss: Es darf seine Leserschaft keinesfalls langweilen! Daher gebe ich eine klassische Empfehlung weiter: „Lest die besten Bücher zuallererst; sonst kommt ihr überhaupt nicht dazu, sie zu lesen.“ (Henry David Thoreau)
Neun Seiten Bildtafeln (18 s/w-Fotos aus Donners Leben) und ein Kapitel mit 34 kommentierten Donner-Partien (Recherche/Analysen von Maarten de Zeeuw) komplettieren das Werk. Fehler sind eher selten, lediglich die auf S. 128 mit Nr. 23 referenzierte Partie gegen Kortschnoi sucht man in der Partieauswahl / Kap. 12 vergeblich. ♦

1) Die Runde um die Welt machte die sensationelle Kurzpartie des Chinesen Liu Wenzhe gegen Donner, Olympiade Buenos Aires 1978 (s. S. 265), die erste Partie, die ein Chinese gegen einen westlichen GM gewann. Kommentar Donner: „Now I will be the Kieseritzky of China.”

Alexander Münninghoff: Hein Donner – The Biography, 272 Seiten (engl.), New In Chess, ISBN 978-90-5691-892-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Biographien auch über Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies

Andrew Soltis: Bobby Fischer Rediscovered (Schach)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Ein Schach-Genie im Spiegel seiner Partien

von Ralf Binnewirtz

Dem amerikanischen Grossmeister und Schachautor Andrew Soltis ist mit „Bobby Fischer Rediscovered“, einer nach 17 Jahren merklich verbesserten Zweitauflage, ein beachtlicher Wurf gelungen.
Mit nunmehr 107 herausragenden und ausgewogen kommentierten Fischer-Partien sowie zahlreichen informativen Textbeigaben, die Leben und Werk des legendären Protagonisten erhellen, ist diese Partieauswahl ein unverzichtbarer Bestandteil jeder ernsthaften Fischer-Kollektion.

Bobby Fischer Rediscovered - Andrew Soltis - Batsford Chess - Cover - Glarean MagazinAuch nach dem Tode von Bobby Fischer im Jahre 2008 ist der stetige Strom der Publikationen aller Art über die amerikanische Schachlegende nicht verebbt. Das aktuellste Produkt dieser anhaltenden Faszination ist die runderneuerte Zweitauflage der Partieselektion, die der US-Grossmeister und renommierte Schach-Autor Andrew Soltis erstmals 2003 vorgelegt hat. Die im Buchtitel formulierte, auf den ersten Blick etwas kurios anmutende „Wiederentdeckung Fischers“ erklärte der Autor bereits 2003 damit, dass dessen Partien nach drei Jahrzehnten (ab Reykjavik 1972 gerechnet) eine neue Betrachtung und Bewertung mit frischem Blick verdient hätten. Schauen wir uns an, was wir von der im Untertitel so vorgestellten „überarbeiteten, ergänzten und neu analysierten Auflage“ 2020 erwarten dürfen.

Einblicke in Fischers Persönlichkeit

Anzeige Amazon - Bauernopfer - Das Spiel der Könige, Schach ist Krieg auf dem Brett - Blue-ray Arthaus
Anzeige

In der Einleitung („Author’s Note“) blickt Soltis u.a. zurück auf die persönlichen – mal mehr, mal weniger zufälligen – Begegnungen mit dem von ihm bewunderten Schachgenie in der US-Schachszene. Hieraus hat sich allerdings nie eine dauerhafte Bekanntschaft oder gar Freundschaft entwickelt (eine solche wurde bekanntlich nur wenigen Auserwählten zuteil). Eine einmalige Schnellpartie gegen Fischer (1971) verkorkste Soltis in Gewinnstellung zum Verlust, allzu sehr gelähmt von der dominanten Präsenz seines Gegenübers.
Diese kurzen Treffen gewähren bereits interessante Einblicke in Fischers Persönlichkeit. Des Weiteren geben die Einführungen zu den Partien einen informativen Überblick auf den schachlichen Werdegang Fischers, auf dessen Vorlieben, Vorzüge und Schwächen, auf seine fundamentalen schachlichen Grundsätze, die er in kurze Faustregeln zu fassen pflegte, und seine eröffnungstheoretische Vorbereitung. Es sind diese persönlich gefärbten Ausführungen des Autors, bisweilen angereichert mit historischen Bezügen und anekdotenhaften Begebenheiten, die eine besondere Stärke des Buchs ausmachen und erheblich zum Lesevergnügen beitragen. Und dazu, dass der Leser auch den Menschen Bobby Fischer ein wenig kennenlernt.

No smoke, no drinks, no girls

Hierzu ein kurzes Beispiel: Vor dem Interzonenturnier Portoroz 1958 schrieb Fischer-Mutter Regina einen „enthüllenden“ Brief an den Jugoslawischen Schachverband, in dem sie kundtat: „… He [Bobby] would not give simultaneous exhibitions or interviews – and didn’t like journalists ‚who ask non-chess questions‘ about his private life. She volunteered to the Yugoslavs that Fischer didn’t smoke, drink or date girls and ‚doesn’t know how to dance.‘ But, she added, ‚He likes to swim, play tennis, ski, skate, etc.'“ (S. 25)
Selbstredend kann und soll das Buch nicht mit einer echten Biografie konkurrieren, wie sie etwa Frank Brady verfasst hat.

Bobby Fischer Rediscovered - Andrew Soltis - Batsford Chess - Lesebeispiel - Glarean Magazin
Die „Jahrhundertpartie“ gegen Donald Byrne (8. Matchpartie in New York 1956) mit Fischers legendärem Damenopfer, kommentiert von Andrew Soltis

Wenden wir uns dem Hauptteil des Buches zu, den aufgenommenen Partien. Die 100 Games der Erstauflage, in chronologischer Folge angeordnet, finden sich auch in der Neuauflage wieder: Sie umspannen die gesamte Schachkarriere Fischers von der „Jahrhundertpartie“ 1956 gegen D. Byrne bis zur 11. Match-Partie gegen Spasski in Sveti Stefan 1992. Nur etwa ein Viertel dieser Partien ist auch in Fischers eigenem Werk „Meine 60 denkwürdigen Partien“ enthalten. Neu hinzugekommen ist ein Epilog mit 7 weiteren Partien, die bislang „übersehen“ wurden bzw. nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren haben.


Exkurs: Die Partie Bobby Fischer vs Andrew Soltis

… aus dem Jahre 1971 ist vielleicht kein Ruhmesblatt für Grossmeister Soltis. Aber hey, der Gegner hiess Bobby Fischer…

(Mittels Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet sich ein Analyse-Fenster, inklusive Download-Option als PGN-Datei)


Gute Balance zwischen Text und Varianten

Anzeige Amazon: 100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen, verblüffende Strategien - Walter Eigenmann
Anzeige

Sämtliche Partien wurden von Soltis gründlich kommentiert, ohne dass sich seine Analysen in weitläufige, unübersichtliche Verzweigungen von Varianten ergehen. Dies und eine ausgewogene Balance zwischen Textkommentierung und Varianten wird die grosse Mehrheit der Leserschaft zu schätzen wissen. Die Analysen wurden für die Neuauflage beträchtlich überarbeitet, sie beruhen teilweise auf eigenen Bemühungen, teils auf fremden Vorgängeranalysen, was sicherlich nicht kritikwürdig ist. Dies gilt auch für Soltis‘ Entscheidung, keine Verlustpartien Fischers aufzunehmen, sowie nur wenige – dafür hochinteressante – Remispartien.

Bobby Fischer und Mutter Regina - Melonen-Essen in Manhattan - Schach im Glarean Magazin
Teenager Bobby und Mutter Regina beim Melonen-Essen in Brooklyn / New York

Die Markenzeichen von Bobby Fischers Stil, das luzide Positionsspiel, die Fähigkeit, Vorteile zu generieren und diese gnadenlos zu verwerten, die taktische Schlagfertigkeit, all dies verknüpft mit einem unbändigen Siegeswillen, scheinen in all seinen grossartigen Partien auf. Dabei zeigt sich, dass Fischer insgesamt nur sehr wenige Opferpartien gespielt hat, auch wenn diese zu seinen bekanntesten gehören mögen.
Mit dieser ausgezeichneten Partieauswahl dürften nicht nur Fischer-Fans voll auf ihre Kosten kommen. Ich kann dieses Buch nur nachhaltig empfehlen – es dürfte die zweitbeste Partiesammlung zu Bobby Fischer sein, die beste stammt halt immer noch vom grossen Meister selbst! ♦

Andrew Soltis: Bobby Fischer Rediscovered, 312 Seiten, Batsford, ISBN 978-1-84994-606-3 (engl.)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Genies auch die Anekdoten aus der Welt des Schachs

… sowie zum Thema „Schach in der Zeit des Kalten Krieges“ von Boris Gulko & Viktor Kortschnoi: Der KGB setzt matt

Weitere interessante Internet-Links zu Bobby Fischer:

Viola Sanden: Playground Chess (Schach-Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Schach auf amourösen Pfaden

von Ralf Binnewirtz

Der Debütroman der Wuppertaler Autorin Viola Sanden (alias Manuela Sanne) „Playground Chess“ ist dem noch jungen New Adult-Genre zuzurechnen: In diesem Fall ein Liebesroman, der die Altersgruppe der etwa 18- bis 30-Jährigen im Visier hat. Das Ungewöhnliche an dieser Lovestory ist zweifellos deren allmähliche virtuelle Anbahnung auf einem Schachserver, wo schnelle Partien zwischen gemeinhin anonymen Kontrahenten ausgetragen werden.
Das in zarter Rosatönung gehaltene Buchcover ist durch ein attraktives Design marketingwirksam gestaltet und legt dem Betrachter nahe, dass eine vornehmlich weibliche Leserschaft angesprochen werden soll. Werfen wir einen kurzen Blick auf den Verlauf seiner Story.

Online Chess mit Nickname Caissa

Playground Chess - Berührt Geführt - Liebesroman Viola Sanden - Piper Verlag - Glarean MagazinCatrin (Cati), 28, studierte Ökotrophologin (also Ernährungswissenschaftlerin) aus Düsseldorf, ist seit einiger Zeit solo, nachdem sie sich von Daniel getrennt hat – der ihr nichtsdestotrotz ein Freund und Helfer in allen Lebenslagen geblieben ist und im Buch eine substanzielle Nebenrolle spielt. Letzteres gilt auch für Catrins beste Freundin Anett, die ihr Privatleben – weniger zurückhaltend und besonnen als Cati – mit häufigen kurzlebigen Affären anreichert.
Catrin spielt in ihrer Freizeit vorzugsweise Schach auf der Onlineplattform „Playground Chess“ (unter ihrem Nickname „Caissa“ – die Nymphe/Göttin des Schachs) und trifft dort auf den ihr schachlich weit überlegenen „Magnus“ (wem kommt da nicht sofort der amtierende norwegische Schachweltmeister in den Sinn?), der mit bürgerlichem Namen Jon heisst und als Lehrer für Englisch und Mathematik in Bonn lebt. Beide sind offenbar direkt voneinander angetan, Neugier und Faszination wachsen sukzessive im Verlauf einiger Wochen, katalysiert durch einen zunehmenden E-Mail-Austausch und durch begleitende Online-Chats. Aber die derart voneinander erlangten Eindrücke und Kenntnisse bleiben naturgemäss unvollständig oder unsicher, woran auch ein von Jon initiiertes „Game“, ein auf Ehrlichkeit beruhendes Frage-und-Antwort-Spiel zwecks gegenseitigen besseren Kennenlernens, nichts grundlegend ändert.

Virtuality vs Reality

Schach Liebe Sex - Chess Love - Glarean Magazin
Liebesnacht via Online-Schach: Virtuality oder Reality?

In diesem ersten Teil des Buchs, überschrieben mit Virtuality, wird somit ein merklicher Spannungsbogen erzeugt: Die Frage und die sich steigernde Erwartung, ob, wann, wo und wie den Wort-Spielereien im ausschliesslich virtuellen Raum letztlich ein Nachspiel in der realen Welt folgt, harrt der Auflösung. Diese wird in Teil 2 des Romans – Reality – gegeben. Anhänger des Problemschachs mögen in diesem Kontext eine Schachkomposition assoziieren, bei der das virtuelle Spiel (Verführungen, Probespiele) zum reellen Spiel (eigentliche Lösung) hinführt, aber diese formale Analogie soll hier nicht überstrapaziert werden. Im Buch verabreden sich Catrin und Jon zu einem unverbindlichen Date in einem Kölner Hotel, und es kommt, wie es kommen muss: Das Treffen kulminiert in einer leidenschaftlichen Liebesnacht.

Viola Sanden - Manuela Sanne - Schriftstellerin - Playground Chess - Glarean Magazin
Unterhaltsam schreibend und intelligent konzipierend: Debüt-Romancière Viola Sanden (©Wynn Photodesign)

Aber alsbald ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, Jon versetzt Catrin bei einem anschliessenden Date, und (mehr soll hier nicht verraten werden) letztlich bleibt es offen, ob die Beziehung langfristig Bestand haben kann. Wer ein Happy End à la Rosamunde Pilcher erwartet haben sollte, wird daher mehr oder weniger enttäuscht sein. Indes ist es aus Sicht des Rezensenten positiv zu werten, dass die Autorin keinen solch trivialen Schlusspunkt gesetzt hat. Zudem erhält sie sich die Option, in einem Folgeband die Geschichte von Catrin und Jon weiterzuspinnen, was sich natürlich anbietet, sofern sich dieser erste Band auch als kommerzieller Erfolg erweisen sollte.

Romanhandlung ohne Konflikte

FAZIT: „Playground Chess“ ist ein ungewöhnlicher Liebesroman, in dem sich das Online-Schach als Vehikel für eine Liebesaffäre entpuppt. Für die anfangs erwähnte Zielgruppe und diejenigen, die diese Art von Literatur mögen, verdient der unterhaltsame, gut geschriebene und intelligent konzipierte Roman sicherlich eine nachdrückliche Empfehlung. Und wer weiss, vielleicht wird die eine oder der andere durch die Lektüre angeregt, sich etwas näher mit dem königlichen Spiel zu befassen?

Die wesentlichen Figuren des Romans sind generell positiv gezeichnet und können als Sympathieträger gelten. Keinen Platz gibt es für den klassischen Bösewicht, der als Gegenspieler bedrohlich dazwischenfunkt und Unheil anrichten will. Ernste Konflikte sind in der Romanhandlung nicht vorgesehen. Die im Buch aufgebaute Spannung hält sich damit in gewissen Grenzen, wer atemberaubenden Thrill sucht, sollte zu anderen Büchern greifen.
Der Schreibstil der Autorin ist durchweg flüssig und leicht verständlich, der Satzbau übersichtlich, so dass das Lesepublikum ihren Gedankengängen mühelos folgen kann. Bei diversen Kapiteln wechselt die Erzählperspektive von der Ich-Erzählerin Catrin auf andere Protagonisten (Jon, Anett, Daniel), ein dramaturgisch geschickt eingesetztes Mittel, das uns die Sichtweise der anderen beteiligten Personen auf das Geschehen nahebringt. Da diese Kapitel jeweils durch den Namen des Erzählers in der Überschrift kenntlich gemacht sind, sollte dies keine Irritationen bei der Lektüre auslösen.

Schachwissen unnötig

Anzeige AMAZON (AGREATLIFE Königliches Schachspiel aus Holz handgefertigt - Hochwertiges Schachbrett aus Echtholz magnetisch - Wooden Chess Set - Schachkassette Mittelalter)
Anzeige

Ausgesprochen gefallen hat mir, dass die Autorin sämtlichen Kapiteln ein beziehungsreiches Zitat bzw. eine Weisheit von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten vorangestellt hat, wofür sie offenbar nicht nur die Schachliteratur durchforsten musste. Als Auftakt zu ihrem Werk hat sie zudem ein Schachsonett von Christian Morgenstern reproduziert. Der insgesamt positive Eindruck wird noch durch den Befund gestützt, dass im Text bemerkenswert wenige Tippfehler verblieben sind. Erwähnt sei lediglich, dass der niederländische Schach-GM J. van der Wiel durch einen Buchstabendreher etwas unglücklich zu „van der Weil“ mutiert ist (S. 120 oben) – vielleicht eine Auswirkung der unseligen automatischen Rechtschreibkorrektur….

Anzeige Amazon: 100 brillante Schachzüge: Geniale Kombinationen - Verblüffende Strategien - Walter Eigenmann
Anzeige

Was die schachlichen Inhalte des Romans betrifft, so dürfen Schachfreunde nicht allzu viel Tiefgang erwarten. Dies ist offenbar der unausgesprochenen Forderung geschuldet, die Mehrheit einer schachunkundigen Leserschaft nicht durch übermässiges Expertenwissen zu vergraulen. Playground Chess ist daher auch ohne spezifische Schachkenntnisse gut lesbar. Ansonsten scheint die Autorin in ihrem Schachwissen gefestigt, im Text sind ihr keine fundamentalen s(ch)achlichen Fehler unterlaufen. Dies ist erfreulich angesichts der bereits bestehenden schachbelletristischen Literatur, in der sich teils eklatante Fehler versammelt haben. ♦

Viola Sanden: Playground Chess – Berührt. Geführt, Roman, 212 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50264-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Literatur und Schach auch über Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires (Schachroman)

… sowie zum Thema Online-Dating in der Romanliteratur über Anke Behrend: Fake Off!

Christian Mann: Schach – Die Welt auf 64 Feldern

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Tour de Force durch die Schachwelt

von Ralf Binnewirtz

Der Autor Dr. Christian Mann, Professor für Alte Geschichte in Mannheim und Internationaler Meister im Schach, legt mit seinem Taschenbuch „Schach – Die Welt auf 64 Feldern“ seinen schachliterarischen Erstling vor. Der Klappentext deutet an, dass der Leser einen facettenreichen Überblick über die Welt des Schachs erwarten darf, realisiert in einem kleinformatigen Büchlein von lediglich 128 Seiten – zweifellos ein ambitioniertes Unterfangen. Hierbei werden noch 24 Seiten verwendet für „Vorspann“ und Inhaltsangabe, Spielregeln/Notation, Glossar, Register, Literaturverzeichnis sowie eine Auflistung der Weltmeister am Ende des Buchs.

Christian Mann - Schach - Die Welt auf 64 Feldern - Beck Verlag - Rezensionen Glarean MagazinDas Buch dürfte insbesondere Einsteiger in das Gebiet des Schachs ansprechen, zumindest suggeriert dies das aufgenommene, gut neun Seiten beanspruchende Regelwerk. Aber auch allen Schachfreunden, die sich kurz über die Geschichte des Schachs, über Randgebiete bzw. kulturelle Aspekte des Spiels informieren möchten, dürfte es als erste Auskunftsquelle dienlich sein. (Hier finden sich die exakten Inhaltsangaben des Bandes).

Faszination Schach

Zum Auftakt beleuchtet der Autor zwei entscheidende Stellungen aus WM-Partien der Vergangenheit. Es folgen mehr oder weniger kurze Betrachtungen des Autors zur politischen Instrumentalisierung des Schachs, zur Einordnung als Sport, Spiel, Wissenschaft oder Kunst, zum Auftreten in Literatur und Film, zu Schachcomputern usw. bilden Appetitanreger auf Themen, die in späteren Kapiteln ausführlicher behandelt werden. Leider mit nur wenigen Zeilen bedacht ist das Thema Problemschach. Ich hätte es begrüsst, wenn der Autor diesem künstlerischen Zweig des Schachs an späterer Stelle etwas mehr Beachtung geschenkt hätte, zumal manch anderes Thema im Buch vergleichsweise ausführlich behandelt wird.1) Im Literaturverzeichnis wird „Die Schwalbe – Zeitschrift für Problemschach“ angeführt, dieses Vereinsorgan ist aber vor allem für fortgeschrittene Problemfreunde geeignet, zudem erhält man die Zeitschrift nur regelmässig als Mitglied der Schwalbe, deutsche Vereinigung für Problemschach e.V.

Geschichte des Schachs

Prof. Dr. Christian Mann - Schach-Autor - Glarean Magazin
Historiker, Autor, Schachmeister: Prof. Dr. Christian Mann

Vom mythen- und legendenumrankten Ursprung des Schachs im ostasiatischen Raum2) und der weiteren Ausbreitung des Spiels nach Europa führt uns der Autor sukzessive auf der Zeitachse voran: Von der Rolle des Schachs im Mittelalter, die Dynamisierung des Spiels durch die Metamorphose von Dame und Läufer in langschrittige Figuren gegen Ende des 15. Jahrhunderts und die weitere Entwicklung über Philidor bis ins 19. Jahrhundert. Wer über die teils konzise Darstellung hinaus weiter reichende Kenntnisse erwerben will, muss auf andere schachhistorische Werke zurückgreifen. Indes gilt dies analog für das gesamte Buch.
Die nachfolgenden Unterkapitel widmen sich der Zeit ab 1851 (erstes Schachturnier der Neuzeit in London) bis zur Gegenwart und damit den klassischen Schachweltmeistern von Wilhelm Steinitz bis Magnus Carlsen. Nicht berücksichtigt werden die FIDE-Weltmeister aus der Zeit des Schismas 1993 bis 2005. Gelegentlich nimmt der Autor die Gelegenheit wahr, Ereignisse der Vergangenheit etwas näher ins Visier zu nehmen: Zum Beispiel bei Aljechin, der 1941 mit antisemitischen Schriften gegen jüdische Schachspieler agitiert hat, wobei er u.a. auch einen Emanuel Lasker verunglimpfte. Bei der Lektüre dieser Passage ist dem Rezensenten der frappierende „Sinneswandel“ aufgefallen, den Aljechin hier vollzogen hat. Denn letzterer hatte noch wenige Jahre zuvor (in Nottingham 1936) denselben Lasker mit Worten der Wertschätzung und aufrichtigen Bewunderung gewürdigt.3)

Leben und Denken des Schachspielers

Immense Bedeutung für die theoretische Vorbereitung: Der Schachcomputer bzw. die moderne Schachsoftware
Immense Bedeutung für Partieschach On-the-Board: Der Schachcomputer bzw. die moderne Schachsoftware

Der Autor zeigt zunächst auf, warum Schach als Sport einzustufen ist, bespricht die diversen Formate von Turnieren und Wettkämpfen sowie Bedenkzeitregelungen. Das hier vermittelte fundamentale Wissen mag teilweise etwas trocken erscheinen, ist aber gerade für Einsteiger sehr wertvoll, um in den Schachmedien das Geschehen im nationalen oder internationalen Schachzirkus verfolgen zu können. Die finanziellen Einkunftsmöglichkeiten, insbesondere für diejenigen, die nicht den Top 100 zugehören, wirken ernüchternd. Das Ranglistensystem auf Basis der Elo-Zahlen wird ebenso erläutert wie die durch Erfüllung von Normen erzielbaren Titel für Männer und Frauen.
Im Unterkapitel „Training und Wettkampf“ wird vor allem die immense Bedeutung hervorgehoben, die der Computer im Partieschach gewonnen hat: bei der Vorbereitung auf den Gegner, in der häuslichen Ausarbeitung von Eröffnungsneuerungen, bei der nachträglichen Analyse.4) Als Antidot für ein überhandnehmendes „Retortenschach“ wird das auf Bobby Fischer zurückgehende Schach960 vorgeschlagen.

Nervenkrieg - Von Aura bis Zweikampf - Angewandte Psychologie für Trainer, Schachlehrer und Spieler - Ein Lehrbuch in elf Modulen - Marion Bönsch-Kauke
Anzeige Amazon

In „Die Gedanken eines Schachspielers: das Geheimnis von Spielstärke“ widmet sich der Autor vornehmlich den drei schachspezifischen Fähigkeiten des Spielers: Dem (Theorie-)Wissen, der Rechenfähigkeit am Brett und dem Schachgefühl, der intuitiven Einschätzung von nicht exakt berechenbaren Stellungen. Zur Entwicklung der Schachlehre, insbesondere des Positionsspiels, schlägt der Autor einen grossen Bogen von Steinitz bis zu den Vertretern der Moderne, d.h. John Watson, Jonathan Rowson und Willy Hendriks mit ihren schachliterarischen Bestsellern. Der Autor beendet diesen Abschnitt mit der Betrachtung von drei kritischen Stellungen aus der 5. WM-Partie 2008, Kramnik – Anand.
Die letzten Schwerpunkte des Kapitels, „Psychologie, Doping und Computerbetrug“ sowie „Genie“ und „Wahnsinn“, sollen gleichfalls nur kurz erwähnt sein. Bei letzterem ist so manche Darstellung klischeebehaftet bzw. entbehrt der sachlichen Grundlage. Dass Schachspieler auch ausserhalb ihrer eigenen Sphäre zu herausragenden Leistungen imstande sein können (entgegen einer pauschalen Aussage Einsteins), belegt der Autor an einigen Beispielen.

Schach in der Gesellschaft

Unter der Überschrift „Schach im Alltag und in der Wissenschaft“ bündelt der Autor vielfältige Themen, vom Schach in der Werbung über schachmathematische Probleme bis hin zu Schach in der Psychologie, Debatten über Talent und Lernen sowie dem Nutzen von Schach für die kindliche Entwicklung (Schach an Schulen). Ein eingestreuter ca. halbseitiger Exkurs zur heiligen Theresia von Ávila, einer mittelalterlichen Mystikerin, die posthum (1944) zur Schutzpatronin der Schachspieler avancierte, scheint dem Rezensenten im gegebenen Kontext allerdings entbehrlich.

Thomas Glavinic - Carl Haffners Liebe zum Unentschieden - Roman deutscher taschenbuch verlag
Bedeutsamer Roman-Erstling von Thomas Glavinic aus der Psycho-Welt des Schachspiels: „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“

In den Fokus des Autors rücken schliesslich „Lebensunfähige Genies und zynische Meisterdenker“, d.h. „Schach in Literatur, Film und Kunst“. Aus der Fülle der Schachbelletristik werden vier Werke selektiert und besprochen: Stefan Zweigs „Schachnovelle“, Vladimir Nabokovs „Lushins Verteidigung“, Thomas Glavinics „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ sowie „Die Schachspieler von Buenos Aires“ von Ariel Magnus. – Schachszenen in Filmen gibt es unzählige, aber nur relativ wenige Filme, deren Handlung massgeblich vom Schach bestimmt wird – der Autor kann einige Beispiele benennen und kurz vorstellen. –
Im Abschnitt über bildende Kunst beleuchtet der Autor exemplarisch das „Reunion“-Projekt von Marcel Duchamp und John Cage, bei dem die Züge von Schachpartien in Musik transformiert werden. Vielleicht wäre hier noch die japanische Fluxus-Künstlerin Takako Saito eine Erwähnung wert gewesen, die sich in der Nachfolge von Duchamp wie kein(e) andere(r) um die Verbindung von Schach und Kunst („Fluxchess“) bemüht und verdient gemacht hat.5)

Schach und die Gender-Frage

Mit „Ein brisantes Thema: Schach und Geschlechterbeziehungen“ hat sich der Autor einem in der sonstigen Schachliteratur wenig bedachten Sujet angenommen, das in den Online-Medien immer wieder auftaucht und oft heftig disputiert wird, ohne dass ein übergreifender Konsens in Reichweite scheint.
Die „Drosophila der Künstlichen Intelligenz“: „Computerschach vom ‚Schachtürken‘ bis zu AlphaZero“ gibt hiernach einen Überblick über die Entwicklung des Computerschachs von der Geschichte über den „getürkten“ Schachautomaten des Baron von Kempelen im 18. Jh. bis zum aufsehenerregenden jüngsten Produkt der technischen Entwicklung, dem selbstlernenden Programm AlphaZero bzw. dessen Open-Source-Variante „Leela“. Es ist noch nicht abzusehen, welche futuristischen Möglichkeiten der technischen Anwendung sich hieraus auch auf ausserschachlichen Feldern ergeben könnten.

Informativer Überblick

Insgesamt hat der Autor sein Anliegen, den Mikrokosmos des Schachs mit seinen vielfältigen Aspekten und Verknüpfungen zu anderen (kulturellen, gesellschaftlichen) Bereichen im Taschenbuchformat zu präsentieren, routiniert und sachkundig umgesetzt. Aus nicht allzu ferner Zeit fällt vor allem ein weiteres Buch mit vergleichbarer Zielsetzung – indes höherem Anspruch – ins Auge: Michael Ehn, Hugo Kastner: „Alles über Schach“ (Hannover 2010), das aber aufgrund der unterschiedlichen Aufmachung (Format, Umfang, reichhaltige u. teils farbige Bebilderung) keinen echten Vergleich zulässt. Ähnliches gilt für das bereits 35 Jahre alte SCHACH – Spiel Sport Wissenschaft Kunst (hrsg. von Helmut Pfleger/Horst Metzing, Hamburg 1984), das natürlich in verschiedenen Teilen nicht mehr aktuell sein kann.

Sorgfältige Recherche

FAZIT: Insbesondere für Einsteiger und Amateure erscheint „Schach – Die Welt auf 64 Feldern“ von Christian Mann durchweg sehr nützlich und wertvoll, und es bietet so manchen Blick über den Tellerrand in weniger alltägliche Gefilde des Schach-Kosmos. Einzelne mehr oder weniger bedeutsame Lücken können vielleicht in einer späteren Auflage gestopft werden. Insgesamt erhält der Käufer einen gehaltvollen und instruktiven Überblick über die Welt des Schachs zum kleinen Preis, so dass ich dieses Bändchen gerne weiterempfehle.

Die Fülle des Stoffs im vorliegenden Buch wurde vom Autor – soweit für den Rezensenten erkennbar – sorgfältig recherchiert und aufbereitet. Schwerpunktsetzung oder Gewichtung von Themen/Details sind der unvermeidbar subjektiven Wahl des Autors geschuldet, ich vermute, die Mehrzahl der Leser wird sich mit der getroffenen Auslese anfreunden können. Ein ernster Wermutstropfen bleibt die sehr spärliche Berücksichtigung des Kunstschachs. Ein wenig unterrepräsentiert ist auch das Gebiet der Schach-Varianten, wo lediglich das Schach960 angesprochen wird. Hier besteht bisweilen eine Überlappung mit dem Märchenschach (z.B. beim Räuberschach = Schlagschach).

Angenehmer Lesefluss

In Stil und Diktion ist das Buch ausgewogen und gut verständlich, so dass ein angenehmer Lesefluss resultiert. Von den 22 Abbildungen des Buchs entfallen 19 auf Schachdiagramme, hier hätte man die Attraktivität durch Aufnahme weiterer Illustrationen/Fotos noch etwas steigern können. Sachliche Fehler sind mir nicht aufgefallen, eine kleine Unstimmigkeit auf S. 67 bezüglich der Abb. 4 + 5 („linke/rechte Stellung“ statt richtig „obere/untere …“) ist kaum der Rede wert.
Das Verzeichnis „Literatur und Webseiten“ (mit kurz kommentierten Literaturangaben) scheint mir etwas knapp bemessen und in der Auswahl nicht immer optimal. Vereinzelt könnte die genannte Literatur etwas aktueller sein, wie im Fall des schachhistorischen Werks von Joachim Petzold.
Im Buch unerwähnt bleiben andersartige Aktivitäten von Schachfreunden, die sich abseits des Kampfs am Brett abspielen und nicht immer meisterliche Spielstärke voraussetzen:
– Tätigkeit als Schachhistoriker, ferner als Autor von Büchern/Artikeln/Beiträgen (auch im Web);
– Sammler von (bibliophiler) Schachliteratur; von Schachfiguren/-sets; von Schach-Memorabilien oder Schachmotiv-Sammler, die alle in diversen (teils internationalen) Vereinen organisiert sind. ♦

Christian Mann: Schach – Die Welt auf 64 Feldern, 128 Seiten, C.H. Beck Verlag, ISBN 978 3 406 73970 5


1) Als eine empfehlenswerte Einführung in das Gebiet sei das Buch von Michael Ehn u. Hugo Kastner: Schachkompositionen (Hannover 2013) genannt, das alle Kategorien des Problemschachs einbezieht. Weitere Literatur für Einsteiger wurde in den einschlägigen Artikeln von Bernd Gräfrath (Schach 10/2018, S. 66-70) und Thomas Brand (Schach 12/2018, S. 66-70) besprochen.

2) Der letzte Stand der Urschachforschung ist zusammengefasst in Jean-Louis Cazaux and Rick Knowlton: A World of Chess – Its development and variations through centuries and civilizations. McFarland, Jefferson 2017

3) So schrieb Aljechin in seiner Turnierrückschau (Manchester Guardian, 29.08.1936): „Ich finde es fast unmöglich, Lasker zu kritisieren, derart ist meine Bewunderung für ihn, gleichermassen als Persönlichkeit, Künstler und treuer Anhänger des Schachs. Ich kann nur eins sagen, Lasker mit 67 ist immer noch Lasker, vielleicht nicht als praktischer Spieler, aber gewiss als Führer der Schachwelt, mit seiner ausgesprochen jugendlichen Energie, seinem Kampfgeist und der unvergleichlichen Tiefe seiner Auffassung der Probleme auf dem Brett. Sein Beispiel ist gleichsam ein Beispiel für unsere eigene Zeit wie für die Schachspieler kommender Generationen.“ [Zitiert nach Forster/Hansen/Negele, Emanuel Lasker – Denker Weltenbürger Schachweltmeister. Berlin 2009, S. 49] – Eine aktualisierte Zusammenfassung der ganzen Affäre bietet z.B. Edward Winter mit seinem Feature article Was Alekhine a Nazi?

4) Übrigens hat der Computer auch im Problemschach erhebliche Relevanz erlangt, einmal zur Korrektheitsprüfung beim Komponieren (mit Hilfe spezieller Löseprogramme), andererseits um in riesigen Problemdatenbanken eventuelle Vorgänger von Aufgaben aufzuspüren. Mehr hierzu ist in dem jüngst erschienenen Buch von Wolfgang Dittmann (†): Der Flug der Schwalbe – Geschichte einer Problemschach-Vereinigung (Zweite Aufl. aktualisiert und ergänzt von Thomas Brand und Hans Gruber, München 2018) nachzulesen.

5) Die inzwischen 90-jährige Künstlerin, die in Düsseldorf lebt, ist immer noch künstlerisch aktiv. Literatur (Ausstellungskatalog): Takako Saito: Dreams To Do. Snoeck, Köln 2018.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Geschichte auch über Gerhard Josten: Auf der SeidenStrasse zur Quelle des Schachs

… sowie zum Thema Schach-Psychologie über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen (Schach-Training)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Übungsziel: Fehlgriffe minimieren

von Ralf Binnewirtz

Das neueste Buch des italienischen FIDE-Meisters und Schach-Trainers Franco Zaninotto ist der Kategorie „Test- und Trainingsbücher“ zuzurechnen. Zaninottos Anliegen in „Aus Fehlern lernen“ ist es, dem bereits mit einem grundlegenden Schachwissen ausgestatteten Spieler durch ein gezieltes Training zu einer allmählichen Verbesserung seiner Fähigkeiten zu verhelfen. Damit einher gehen sollte auch ein gestärktes Vertrauen des Trainierten in seine so erworbenen Fähigkeiten. Den eigentlichen Trainingseinheiten (Tests) sind einführende, lehrbuchhafte Kapitel vorangestellt, die auf die anschliessenden Tests vorbereiten. Die Zielgruppe ist nicht allzu scharf umrissen, man kann sie im Elo-Bereich 1400 bis 2000 (Spieler der Kategorie 1 bis 3) ansiedeln.

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Schach-Rezensionen - Glarean MagazinIn didaktisch bewährter Manier folgt Zaninotto klassischen Vorbildern (wie z.B. Tarrasch: „Das Schachspiel“ 1931), wenn er mit der Behandlung des Endspiels beginnt, um mit dem Mittelspiel und endlich der Eröffnung fortzufahren. Diese Abfolge ist u.a. deswegen sinnreich, als für die Übergänge zwischen den Partiephasen Mittelspiel/Endspiel, zuweilen auch Eröffnung/Mittelspiel profunde Endspielkenntnisse oft unerlässlich sind. Den drei o.g. Partieabschnitten entsprechend ist das Buch in drei Teile – mit jeweils diversen Kapiteln – gegliedert. Hierbei werden zunächst die wichtigsten Grundlagen zur betreffenden Partiephase vermittelt und anhand von analysierten Partien bzw. Partiefragmenten illustriert, wobei bereits hier gelegentliche Übungsfragen an den Leser eingestreut werden. Wichtige Merk- und Grundsätze werden zudem durch farblich unterlegte Textkästen hervorgehoben. Zum Schluss eines jeden Teils findet sich zunächst ein Kapitel Tests mit 20 Übungsaufgaben, diese in Diagrammform und lediglich mit der Angabe versehen, wer am Zuge ist.

Typische Fehler von Elo-2000-Spielern

Der Löser ist daher gefordert, selbst herauszufinden, ob und auf welche Art ein Gewinn oder ein Remis zu erzielen ist oder vielleicht nur eine Fortsetzung aufzuspüren ist, die dem Gegner die relativ grössten Probleme bereitet. Im nachfolgenden abschliessenden Kapitel Lösungen werden selbige in ausführlicher Kommentierung angegeben, wobei nochmals die zugehörigen Diagramme (hier mit den Partiedaten) abgedruckt sind – eine erfreuliche Hilfestellung.
Für die Partieauswahl wurden weitestgehend Spieler mit einer Elo-Zahl unterhalb 2000 berücksichtigt, also mit einem recht geringen Bekanntheitsgrad: Hier mag sich der Leser selbst wiederfinden und vielleicht auch die typischen Fehler, die er gelegentlich begeht, und die er abzustellen trachtet. Das Gros der Partien stammt aus Turnieren und Wettkämpfen der letzten Jahre. Unstimmigkeiten im Text treten selten auf, so muss auf S. 70 / Übung 19 unter 4) der richtige Lösungszug offenbar 49…Lh3! lauten (statt des unmöglichen Ld3).

Buch-Struktur und -Inhalt

Teil I – Das Endspiel bietet vier einführende Kapitel, die verschiedenen Endspieltypen gewidmet sind:
Kap. 1 Bauernendspiele behandelt die wichtigsten Elemente und Regeln dieser Endspiele wie Przepiórka-Linie, Opposition/Fernopposition, Quadrat-Regel, Freibauer (entfernter), Tempomanöver (Dreiecksmarsch des Königs).
Kap. 2 Turmendspiele konzentriert sich auf die am häufigsten auftretenden Endspiele T + Bauer(n) gegen T; diskutiert werden u.a. die Philidor-Stellung, die Lucena-Stellung, der Brückenbau, das Abschneiden des gegnerischen Königs.
Kap. 3 Sonstige Endspiele berücksichtigt die Endspiele K+L+B gegen K; L+B gegen L; L+BB gegen L; D gegen B bzw. BB; D+B gegen D; T gegen L; T gegen S.
Kap. 4 Strategische Endspiele befasst sich mit Endspielen, deren Ausgang noch ungewiss ist, wo zunächst Stellungsbewertung und Planfindung einsetzen müssen und der Übergang in ein technisches Endspiel (der Kap. 1 bis 3) zu einem späteren Zeitpunkt ansteht. Faktoren wie die Aktivität des Königs (und ggf. der Figuren), die Bauernstellung/-schwächen und der Raumvorteil nehmen eine spielbestimmende Rolle ein. Bei den Partiebeispielen wurden verschiedene Materialkonstellationen (mit Türmen, Leichtfiguren, Bauern) ausgewählt.

Zum Selbsttest ein Bauernendspiel (aus Kap. 5/6 – Tests / Lösungen):

Übung 14

Schwarz am Zug

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Übung Nr. 14 - Glarean Magazin

8/2p5/5k2/2PPp3/1p3pK1/1P6/8/8 b – – 0 1

(Lösungen am Ende des Beitrags)

Teil II – Das Mittelspiel verzeichnet drei vorbereitende Kapitel:
Kap. 7 mit der unerwarteten Kapitelüberschrift Schachkultur diskutiert Felderschwächen, Angriffsmarken, Bauernstrukturen und hierdurch bedingte Figurenaktivitäten. Lehren und Leitsätze der Klassiker (Steinitz, Tarrasch, Nimzowitsch) werden herangezogen, um die statischen Elemente der Schachstrategie zu beleuchten. So hat sich bereits Steinitz über dauerhafte und temporäre Stellungsvor-/nachteile und deren Behandlung ausgelassen. Auf die Unverzichtbarkeit eines Studiums der Klassiker wird hingewiesen.
Kap. 8 Fehler und Denkweisen behandelt vermeidbare Fehler und deren Vermeidung insbesondere durch Fehlerkontrolle, eine Methodik der Vorausberechnung, prophylaktisches Denken (nach Dworetski), sowie die richtige Nutzung der Bedenkzeit.
Kap. 9 Planfindung thematisiert die Bewertung von Stellungen und die darauf beruhende Entwicklung eines strategischen Plans.

Auch hier eine kleine Kostprobe aus Kap. 10 / 11 – Tests / Lösungen:

Übung 32

Schwarz am Zug

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Übung Nr. 32 - Glarean Magazin

r3r1k1/5pbp/p5p1/qp2N3/2pPn1P1/P1PbB2P/1P3P1N/2K1Q1RR b – – 0 1

Teil III – Die Eröffnung kann selbstredend keine Abhandlung sämtlicher Eröffnungssysteme bieten. Das 12-seitige Kap. 12 Das Eröffnungs-Repertoire vermittelt wesentliche Grundprinzipien der Eröffnung, rät zum Aufbau eines soliden Repertoires und erläutert die Massnahmen, die der Vorbereitung auf den nächsten Gegner dienen.

Vielleicht versuchen Sie sich an einer Aufgabe aus Kap. 13 / 14 – Tests / Lösungen?

Übung 52

Schwarz am Zug

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Übung Nr. 52 - Glarean Magazin

r1bqk2r/1p2bppp/p1np1n2/4p1B1/4P3/N1NB4/PPP2PPP/R2QK2R b KQkq – 0 1

Trainingsaufgaben der Zielgruppe angepasst

Der Autor hatte bei der Auswahl der Übungsaufgaben seine Zielgruppe im Blick und daher darauf geachtet, dass stets einer der Kontrahenten deutlich unter Elo 2000 liegt. Damit wird das Trainingsniveau dieser Spielstärke-Gruppe (mit den für sie charakteristischen Fehlzügen) angepasst bzw. vermieden, dass die Löser mit allzu anspruchsvollen Aufgaben überfordert werden. Die generell unspezifizierte Aufgabenstellung sorgt dafür, dass die Löser sich zunächst grundlegend über die Stellung klar werden müssen, dass Kandidatenzüge und zugehörige Varianten zu prüfen sind, um letztlich die richtige Entscheidung zu treffen. Hierbei ist natürlich die Einbeziehung taktischer wie auch positioneller Überlegungen erforderlich. Nach Massgabe des Autors soll schliesslich nicht nur innerhalb einer vorgegebenen Zeit (meist 10 Min.) der Schlüsselzug gefunden werden, sondern auch die mit letzterem verknüpfte Idee.

Die Angaben in den Lösungen gehen oft deutlich darüber hinaus, teils werden die Partien bis zum Ende ausgeführt. Die Partien selbst sind wenig spektakulär, hier sollte die Erwartungshaltung des Lesers nicht zu hoch sein. Indes gerät dieser Umstand dem didaktischen Anliegen des Buchs nicht zum Nachteil. Im Vordergrund stehen die Vermeidung und Ausnutzung von Fehlern, das Erlernen und Einüben technischer Fertigkeiten, das solide schachliche Handwerk. Dies ist nicht an einem Tag erlernt, sondern bedingt einen langwierigen Prozess, der dem Lernenden ein unaufhörliches Training abverlangt.

Verinnerlichen durch Wiederholen

Jedenfalls ist der Lerneffekt bei der beschriebenen Vorgehensweise wohl etwas besser als bei Trainingsbüchern, die Übungen mit gezielten Fragestellungen versehen oder direkt eine Auswahl von Antworten (nach dem Multiple-Choice-Verfahren) anbieten. Zudem empfiehlt Zaninotto, die Lektüre inklusive Übungen mehrmals und in grösserem zeitlichen Abstand, dann aber mit reduzierter Bedenkzeit zu wiederholen, um den Stoff zu verinnerlichen. Es ist klar, dass ein Trainingserfolg sich nur einstellen kann, wenn der lernende Schachfreund bereit ist, sich diesem Programm zu unterwerfen: persönliche Motivation und Durchhaltevermögen werden den Erfolg bestimmen.

FAZIT: Der Trainingsband „Aus Fehlern lernen“ von Franco Zaninotto präsentiert mit gut ausgewählten Übungen für Amateur-Spieler mit einer Spielstärke von ca. 2000 Elo eine nützliche Konzeption, um eigene Fehlgriffe am Brett möglichst zu minimieren.

Resümee: Im Wesentlichen ein Test- und Trainingsbuch für Spieler unterhalb Elo 2000, werden in diesem Werk nicht nur Testaufgaben mit Lösungen präsentiert, sondern vorab auch die wichtigsten Grundlagen und Merkregeln zu den drei Partiephasen (Endspiel, Mittelspiel, Eröffnung) erläutert. Die abschliessenden 3 x 20, also insgesamt 60 Testaufgaben (ohne spezifische Fragestellung) kopieren die Situation beim Kampf am Brett. Gemeinsam mit den Übungen in den Beispielpartien scheint diese Konzeption gelungen und geeignet, den talentierten wie fleissigen Schachfreund zu ertüchtigen, die Zahl der eigenen Fehlgriffe zu minimieren, zugleich gegnerische Fehler schnell zu erkennen und auszunutzen. ♦

Lösungen

Übung 14

Laszlo Lorincz (1833) – Istvan Farkas (1569)
Ungarn 2016

Um zu gewinnen, muss Schwarz dieselbe Stellung mit Weiss am Zug erreichen – und das ist bekanntlich mit Hilfe eines Dreiecks-Manövers zu bewerkstelligen.
59…Kf7
1) Es geht auch 59…Ke7 60.Kf3 Kf7 61.Ke4 Kf6-+.
2) Nicht jedoch 59…c6? 60.d6! Ke6 61.Kf3 Kd7 62.Ke4 Ke6 63.Kf3=.
60.Kf3 Ke7 61.Kg4 Kf6
Wir haben die Diagrammstellung mit Weiss am Zug erreicht!
62.Kf3 Kf5 63.Kf2 e4 64.Ke2 Ke5 65.d6 cxd6 66.c6 Ke6 und Schwarz gewinnt.
In der Partie folgte fehlerhaft 59…e4?? 60.Kxf4 e3 61.Kxe3 Ke5 62. D6 cxd6 63.cxd6?
63.c6 Ke6 64.Kd4 d5 65.Kc5 d4 66.Kb6! d3 67.c7 Kd7 68.Kb7+-
63…Kxd6 64.Kd4 Kc6 65.Kc4 Kb6?
65…Kc7 66.Kxb4 Kb6=
66.Kxb4 und Weiss gewann.

Übung 32

Anum Sheikh (1471) – Keith Aitchison (1716)
London 2016

23…Txe5!
Denn der Läufer wird sehr nützlich für den bald folgenden Königsangriff sein. Auch nach 23…Lxe5?! 24.dxe5 Txe5 25.Ld4 Te6 stünde Schwarz viel besser, aber Weiss könnte sich noch zur Wehr setzen.
24.dxe5 b4!
Herzlichen Glückwunsch, wenn Sie auch diesen Zug in der Planung gesehen haben!
1) Ausreichend war auch 24…Lxe5 mit der Eventualfolge 25.Sf3 Lxc3 26.Dd1 Lxb2+ 27.Kxb2 c3+ 28.Kb3 Lc4+ 29.Kc2 Da4+ 30.Kb1 Dxa3 31.Dc2 Ld3.
2) In der Partie folgte 24…Lf8? 25.f3 Sc5 26.Lxc5 Lxc5 -/+.
25.cxb4
Natürlich nützen auch Verzweiflungstaten wie 25.Lc5 bxc3-+ oder 25.Lb6 Dxb6-+ nichts mehr.
25…Dxe5 nebst Matt in wenigen Zügen.

Übung 52

Lutz Neumann (1830) – Siegfried Huttinger (1493)
Bodenmais 2017

Die Diagrammstellung wurde auf folgendem Wege erreicht: 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Sa3 Le7 9.Ld3?
Besser war 9.Lxf6 Lxf6 10.Sc4+/= oder 9.Sc4+/=.
1) Nach dem Standardzug 9…b5? und der Folge 10.Lxf6 Lxf6 11.Sd5 Le6 entstand eine ausgeglichene Stellung.
2) Viel besser war 9…Sxe4! mit einem Mehrbauern nach 10.Lxe7
(10.Lxe4 Lxg5 11.Sc4 Sd4)
10…Sxc3 11.Lxd8 Sxd1 12.Txd1 Kxd8 und nun z.B. 13.Sc4 Kc7 14.Le4 Td8 15.Se3 Se7-/+.

Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen, Joachim Beyer Verlag / Eltmann, 169 Seiten, ISBN 978-3-95920-082-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachtraining auch über Rudolf Teschner: Schach in 40 Stunden

…sowie zum Thema Schach für Kinder über das Schachmärchen von Gert von Ameln: Salin und der Schwarze Zauberer

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Ständige Korrespondenten des Glarean Magazins

Thomas Binder - Glarean MagazinThomas Binder (Schach)

Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als Programmierer in Berlin
Thomas Binder im Glarean Magazin


Dr. Ralf BinnewirtzRalf Binnewirtz - Glarean Magazin (Schach)

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig
Ralf Binnewirtz im Glarean Magazin


Christian Busch - Glarean MagazinChristian Busch (Musik & Literatur)

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Spanien, lebt in Düsseldorf
Christian Busch im Glarean Magazin


Walter Eigenmann - Glarean MagazinWalter Eigenmann (Musik & Literatur & Schach/Rätsel)

Geb. 1956 in Luzern/CH, seit 2007 Herausgeber und Redakteur des Online-KulturJournals Glarean Magazin
Walter Eigenmann im Glarean Magazin


Bernd Giehl - Glarean MagazinBernd Giehl (Literatur)

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim
Bernd Giehl im Glarean Magazin


Sigrid Grün - Glarean MagazinSigrid Grün (Literatur)

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals
Sigrid Grün im Glarean Magazin


Isabelle Klein - Glarean MagazinIsabelle Klein (Literatur)

Geb. 1975 in Würzburg, Lehramts-Staatsexamen, Studium der Soziologie und Politologie, zahlreiche Online-Belletristik- und Sachbuch-Rezensionen, lebt in Hannover
Isabelle Klein im Glarean Magazin


Katka Raeber - Glarean MagazinKatka Räber (Literatur & Film)

Geb. 1953 in der Tschechoslowakei, 1968 Übersiedlung in die Schweiz, Studium der Slavistik, Germanistik und Literaturkritik in Zürich, später Paarberatungsausbildung und Psychodrama-Diplom, lebt als Sachbuch- und belletristische Autorin sowie als Therapeutin und Fotografin in Basel
Katka Räber im Glarean Magazin


Horst-Dieter Radke - Glarean MagazinHorst-Dieter Radke (Musik & Literatur)

Geb. 1953 in Hamm/D, Wirtschaftsinformatiker, Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Betriebspädagogik an der Universität Koblenz-Landau, daneben Musiklehrerprüfung; freiberuflicher Lektor und Schriftsteller, Buch-Veröffentlichungen zu regionalen und geschichtlichen Themen, Romane, Krimis, Novellen, Erzählungen
Horst-Dieter Radke im Glarean Magazin


Stefan Walter - Glarean MagazinStefan Walter (Literatur)

Geb. 1978, Autor von Lyrik und Kurzprosa, passionierter Schachspieler, lebt mit seiner Familie als Rechtsanwalt in Neuburg/D
Stefan Walter im Glarean Magazin


Mario Ziegler - Glarean MagazinDr. Mario Ziegler (Schach)

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach
Mario Ziegler im Glarean Magazin

Lesen Sie auch unser Editorial und das Inhaltsverzeichnis

Karsten Müller: Endspiele der Weltmeister (Schach-DVD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 8 Minuten

Schmackhaftes Endspiel-Potpourri aus der Weltmeister-Küche

von Ralf Binnewirtz

Das Endspiel als letzte Phase der Partie mag Anfängern als weniger wichtig oder gar langweilig erscheinen im Vergleich zu Eröffnung und Mittelspiel. In Wirklichkeit sind beide Attribute unzutreffend. Denn ungezählte Partien wurden erst im Endspiel aufgrund profunder Kenntnisse dieses Partiestadiums entschieden. Die grossen Meister der Vergangenheit und Gegenwart waren bzw. sind fast ausnahmslos herausragende Könner im Endspiel. Ihrem Können auf diesem Gebiet spürt der deutsche GM Karsten Müller in seinem neuen DVD-Kurs „Endspiele der Weltmeister“ nach.

Ein Schwächeln im Endspiel hat zuweilen den Werdegang von Schachgrössen schicksalhaft beeinflusst: So hat David Bronstein 3 seiner 5 Verluste im WM-Kampf gegen Botwinnik 1951 einer schwachen Endspielführung zu verdanken. Er hat diese „Niederlage“ (d.h. kein Titel für den Herausforderer bei Gleichstand am Matchende) für den Rest seines Lebens nicht mehr verwunden. Ein eindringlicher Apell, das Studium des Endspiels nicht zu vernachlässigen!

Anerkannter Endspiel-Experte: Karsten Müller

Karsten Müller - Endspiele der Weltmeister - Rezension Glarean Magazin
Karsten Müller – Endspiele der Weltmeister – Rezension Glarean Magazin

Grossmeister Karsten Müller aus Hamburg, ein weltweit anerkannter Endspiel-Experte und promovierter Mathematiker, ist bereits vielfach und erfolgreich als Schachautor hervorgetreten: Im konventionellen Printbereich, in Online-Kolumnen (wie im US-amerikanischen ChessCafe und bei ChessBase) sowie auf Trainings-DVDs, erwähnt sei hier seine komplette Endspielschule, die auf 14 DVDs einzeln oder im Gesamt-Bundle bei ChessBase erschienen ist.
Mit seiner neuesten DVD widmet sich Müller den Endspielkünsten der sechs letzten Weltmeister ‒ ohne Berücksichtigung der FIDE-Weltmeister 1993-2005. Auch so ist die DVD reichhaltig bestückt mit Videosequenzen (Gesamtspielzeit 9 Std. 37 Min) und Partiedatenbanken. In bewährter Manier ist ein interaktives Training mit Video-Feedback integriert, das dem passiven Zuhörer eine aktive Mitarbeit nahelegt.
Die besagten sechs Weltmeister werden auf der DVD in chronologischer Abfolge in separaten Kapiteln präsentiert, die Oberfläche ist übersichtlich gestaltet und intuitiv bedienbar, und zu jedem Video ist die zugehörige (kommentierte) Partie (oder das Partiefragment) aus einer Datenbank zum nochmaligen Nachspielen aufrufbar.

Videoclips zu Endspielen von sechs Weltmeistern

Zur Einstimmung ist den Weltmeister-Kapiteln ein Einführungsvideo vorangestellt, in dem Karsten Müller einen kurzen Überblick gibt zu dem, was den Nutzer auf der DVD erwartet.

Bobby Fischer

Robert Bobby Fischer - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Schach-Genie und Endspiel-Virtuose mit Turm&Läufer gegen Turm&Springer: Robert James „Bobby“ Fischer (1943-2008)

Die Videos zu Fischers Endspielen sind unterteilt in 4 (Unter-)Kapitel: 1) Theoretische Endspiele (5 Videoclips), 2) Turmendspiele (9 Clips), 3) Das Fischer-Endspiel (6 Clips), 4) Berühmte Partien, Rätsel, Mysterien (5 Clips).
Bobby Fischer gilt als universeller Spieler, dessen Stil von Pragmatismus, einem unablässigen Drang zur Initiative und einem unbedingten Siegeswillen geprägt war, Charakteristika, die sich natürlich auch in seinen Endspielen wiederfanden. Er besass eine Vorliebe für das Läuferpaar, und die Konstellation Turm + Läufer gegen Turm + Springer gehörte zu seinen Spezialitäten. Zahlreiche Endspiele mit dieser Materialverteilung, von Karsten Müller als „Fischer-Endspiele“ hervorgehoben, hat er mit der Läuferseite zum Sieg geführt. Insbesondere in den Kandidatenkämpfen mit Mark Taimanow (Vancouver 1971) und auch Tigran Petrosjan (Buenos Aires 1971) hat er seine Gegner damit an den Rand der Verzweiflung gebracht. Diesen Endspielen ist auf der DVD ein besonderes Kapitel (Nr. 3) gewidmet. Bei den berühmten/mysteriösen Partien (Kap. 4) dürften die erste Matchpartie gegen Boris Spasski (Reykjavik 1972) mit Fischers riskantem Bauernraub auf h2 und die 13. Matchpartie auf besonderes Interesse stossen; letztere mit einem faszinierenden Endspiel (Türme + ungleichfarbige Läufer), in dem Spasski schliesslich unter dem zunehmenden Druck kollabierte.

Screenshot Karsten Müller - Endspiele der Weltmeister - Rezension Glarean Magazin
Aufgeräumte DVD-Oberfläche im bekannten Chessbase-Standard-Look: Brett mit Partie-Notation und Video-Fenster

Anatoli Karpow

Mit 12 Videoclips und 2 interaktiven Tests.
Nicht nur wegen seiner grandiosen Endspielbehandlung hat Anatoli Karpow schon zu Lebzeiten Legendenstatus erreicht. Über zwei Jahrzehnte gehörte er zur absoluten Weltspitze, seine WM-Kämpfe gegen Viktor Kortschnoi und Garri Kasparow sind Teil des kollektiven Schachgedächtnisses geworden, seine zahllosen Turniersiege haben Rekordmarken gesetzt. Seine Endspieltechnik war phantastisch, häufig gelang es ihm, mikroskopische Stellungsvorteile zum Sieg zu verdichten. Er verstand es wie kaum ein Zweiter, seine Figuren auf die wirkungsvollsten Felder zu setzen, gleichzeitig die Figuren des Gegners maximal einzuschränken und so das Spiel völlig zu dominieren. Sein Gespür für Harmonie und Koordination der Figuren war unübertrefflich. Exemplarisch genannt sei das phantastische Springer-Läufer-Endspiel gegen Kasparow (WM-Match Moskau 1984, 9. Partie) mit einer scheinbar einfachen Stellung, die aber ungeahnte Tiefen aufweist und mit der sich etliche Grossmeister analytisch befasst haben ‒ sogar Karsten Müller musste eine erste Beurteilung revidieren. Kasparow verliert die Partie, weil er versteckte Ressourcen zum Remis nicht nutzen kann, während Karpow mit teilweise genialen Manövern aufwartet.

Garri Kasparow

Garri Kasparow - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Legende schon zu Lebzeiten und faszinierender Endspiel-Könner: Ex-Schach-Weltmeister Garri Kasparow (Geb. 1963)

Mit 12 Videoclips und 1 interaktiven Test.
Garri Kasparow ist fraglos zu den stärksten Schachspielern aller Zeiten zu zählen, auch wenn die Expertenmeinungen über den absoluten Spitzenplatz subjektiv divergieren mögen. Er ist wohl den meisten in Erinnerung für seinen aggressiv-dynamischen Stil in Eröffnung und Mittelspiel und seine akribische Vorbereitung auf Wettkämpfe ‒ seine 5 WM-Matches mit Karpow sind legendär und füllen immer wieder stattliche Bände. [Aktuell ist eine neue Chronik dieser Wettkämpfe von Jan Timman angekündigt.] Zudem gilt er als der erste, der den Computer professionell für die Vorbereitung zu nutzen wusste. Auch im Bereich der Endspiele hat er faszinierende Leistungen gezeigt, von denen natürlich nur die Spitze des Eisbergs für die DVD aufbereitet werden konnte. Als Beispiele will ich die beiden klassischen Turmendspiele nennen, die er gegen Kortschnoi (Barcelona 1989 und London 1983) gewann, sowie seine Doppelturmendspiele, die er gegen Topalow (Las Palmas 1996 und Linares 1999) nach dramatischem Verlauf für sich entscheiden konnte.

Wladimir Kramnik

Unterteilt in 4 (Unter-)Kapitel: 1) Kramniks Technik (2 Videoclips), 2) Endspiele mit Turm und Springer gegen Turm und Läufer (2 Clips), 3) Strategische Initiative (7 Clips), 4) Kramnik vs. Kasparow (2 Clips); dazu 2 interaktive Tests.
Wladimir Kramnik startete seine steile und spektakuläre Schachkarriere als solider Positionsspieler, einerseits geprägt vom Stil Karpows, andererseits von Kasparows Methoden der theoretischen Vorbereitung. Auch Kramnik ist bekannt dafür, mit grosser Zähigkeit aus kleinsten Vorteilen einen Gewinn herauszukitzeln, sein Spielstil ist vornehmlich auf strategische Initiative gerichtet. Für seine Fähigkeiten im Endspiel ist er berühmt. Bereits im Kindesalter hat er sich für Endspiele begeistert, daher konnte er in Botwinniks Schachschule früh seine diesbezüglichen Fähigkeiten demonstrieren. Die DVD kann lediglich anhand einer kleinen Auswahl zeigen, wie später zahllose Grossmeister der höchsten Kategorie seinem Endspielkönnen Tribut zahlen mussten.
Kramniks Name wird für immer mit der schachhistorischen Leistung verknüpft sein, einen Kasparow entthront zu haben, ohne seinem grossen Gegner einen einzigen Sieg zu gestatten! Zwei Endspiel-Leckerbissen aus der WM London 2000 werden von Karsten Müller vorgestellt.

Viswanathan Anand

Viswanathan Anand - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Der „Tiger von Madras“ als genialer Endspiel-Künstler: Ex-WM Viswanathan Anand (Geb. 1969)

Mit 8 Videoclips und 1 interaktiven Test.
Der Inder Viswanathan Anand konnte in seiner frühen schachlichen Entwicklung zwar nicht auf die sowjetrussische Schachschule zurückgreifen, dafür auf ein aussergewöhnliches Naturtalent, das ihm eine phänomenale Intuition bescherte. Von Kramnik wird ihm ausserdem eine singuläre Eigenschaft unter sämtlichen Schachspielern bescheinigt: die magisch anmutende Fähigkeit, ein Gegenspiel unmittelbar, praktisch aus dem Nichts zu kreieren. (Carsten Hensel: Wladimir Kramnik, Göttingen 2018, S. 244f.) Die Endspieltechnik gehörte anfangs nicht zu seinen ausgesprochenen Stärken, aber dieses Defizit hat er durch kontinuierliche Verbesserung ausgeräumt, so dass sein Stil, der als dynamisch-universell einzustufen ist, keine ersichtlichen Schwächen aufweist. Im Mittelspiel überrascht der „Tiger von Madras“ häufig mit genialen taktischen Geistesblitzen, und auch der Zeitpunkt für eine günstige Abwicklung ins Endspiel pflegt ihm nicht zu entgehen. Im Endspiel zeigt er eine gewisse Vorliebe für den Springer, den er virtuos zu handhaben versteht. Weitere Beispiele auf der DVD belegen, dass ihm auch mit Läufern und Schwerfiguren beeindruckende Endspielleistungen gelungen sind.

Magnus Carlsen

Magnus Carlsen - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Vom Wunderkind zum aktuell weltbesten Schachspieler mit Endspiel-Klasse: Weltmeister Magnus Carlsen (Geb. 1990)

Mit 10 Videoclips und 2 interaktiven Tests.
Anders als bei seinem Vorgänger Vishy Anand räumt Magnus Carlsen der computergestützten eröffnungstheoretischen Vorbereitung keinen Vorrang ein. Ihm genügt es, eine spielbare Stellung zu erhalten, die er im Mittel- und Endspiel dank seines überlegenen intuitiven Schachverständnisses erfolgreich behandeln kann. Vorzugsweise inszeniert er ein lang anhaltendes positionelles Druckspiel, um gegnerische Fehler zu provozieren, zugleich ist er (wie Karpow) in der Lage, seine Figuren höchst harmonisch zu koordinieren. Ein starker Kampfgeist, Zähigkeit und körperliche Fitness tragen dazu bei, langwierige Endspiele scheinbar ermüdungsfrei am Brett durchzustehen ‒ die sich irgendwann einstellenden Fehler des Gegners weiss er dann gnadenlos zu bestrafen. Im Endspiel (2)T + L vs. (2)T + L bei gleichfarbigen Läufern treten Carlsens Stärken besonders hervor, Karsten Müller hat für diesen Typ die Bezeichnung „Carlsen-Endspiele“ vorgeschlagen und kommentiert auf der DVD einige musterhafte Beispiele. Dass zwei vorentscheidende Siege Carlsens in seinem ersten WM-Kampf gegen Anand (Chennai 2013, 5. u. 6. WM-Partie auf der DVD) aus Endspielfehlern seines Gegners resultierten, unterstreicht nochmals die Bedeutung der letzten Partiephase.

Rückschau auf 50 Jahre Endspielgeschichte

FAZIT: Karsten Müller hat für die DVD „Endspiele der Weltmeister“ eine lehr- und abwechslungsreiche Auswahl von Endspielen kommentiert, die die letzten sechs klassischen Weltmeister in ihren Spielstilen und mit ihren Fähigkeiten in der Führung des Endspiels charakterisieren. Damit wird dem Nutzer eine Praxis der Endspiele auf höchstem Niveau präsentiert und zugleich die historische Entwicklung des Endspiels über ein halbes Jahrhundert nachvollzogen, die zahlreiche Highlights aufweist. Ein interaktives Training mit Video-Feedback verstärkt und festigt den Lerneffekt. Die durchweg didaktisch gelungene Darstellung des Materials im zweckdienlichen audiovisuellen Format verdient eine nachdrückliche Empfehlung.

Wie aus der vorstehenden Beschreibung hervorgeht, präsentiert die DVD eine attraktive Auswahl von Endspielen, die die „klassischen“ Weltmeister der letzten rund 50 Jahre in Turnieren und Wettkämpfen gespielt haben. Die Endspiele werden von Karsten Müller didaktisch ansprechend erläutert bzw. in angemessener Tiefe analysiert. Eine systematische Darstellung von Endspielen ist hierbei natürlich nicht zu erwarten. Müllers Anliegen besteht eben darin, die Kunst des Endspiels, wie sie von den herausragenden Vertretern unseres Spiels praktiziert und häufig in Perfektion vorgetragen wurde, anhand von Beispielen zu vermitteln und dabei im Verein mit interaktiven Trainingseinheiten einen nachhaltigen Lerneffekt zu erzielen. Der Nutzer sollte fundamentale Endspielkenntnisse mitbringen, wenn er die Inhalte der DVD mit Gewinn verarbeiten will.
Es ist klar, dass sich die Spielweisen und Stärken der Weltmeister im Endspiel mehr oder weniger unterscheiden, aber gelegentlich bestehen auch deutliche Parallelen (wie bei Carlsen und Karpow). Weiterhin haben historische Entwicklungen (zunehmende Computer-Nutzung, Wegfall des Partieabbruchs und der Analyse von Hängepartien, Endspiel-Datenbanken) das Spiel in der Praxis tiefgreifend verändert und die Notwendigkeit erhöht, sich ein ausgefeiltes Endspielwissen zu erarbeiten bzw. das vorhandene Wissen auszubauen. Karsten Müller scheint mit dieser DVD thematisch Neuland betreten zu haben, ein ähnliches Werk, das weltmeisterliche Endspiele über einen längeren Zeitraum vergleichend beleuchtet, ist mir nicht bekannt. ♦

Karsten Müller: Endspiele der Weltmeister ‒ Von Fischer bis Carlsen, Fritz-Trainer Endspiele, DVD ChessBase, ISBN 978-3-86681-682-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Endspiele auch über Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

… sowie über András Mészáros: 1000 Schach-Endspiel-Studien

ChessBase: Fritz-Trainer Vol. 10 – Mikhail Botvinnik (DVD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 8 Minuten

Multimediales Schachtraining mit weltmeisterlichem Flair

von Ralf Binnewirtz

„Lerne von den Klassikern!“ ‒ diesem beachtenswerten Ratschlag hat sich das Hamburger Unternehmen ChessBase in seiner DVD-Reihe Master Class im Multimedia-Format angenommen. Soll es doch tatsächlich noch etliche Spieler selbst auf Meisterniveau geben, die zwar Magnus Carlsen kennen, aber mit seinen Vorläufern bis hin zu Steinitz oder Morphy kaum etwas anfangen können. Die besagte Serie verspricht Abhilfe, indem sie die führenden Schachmeister der Vergangenheit und Gegenwart in Videos porträtiert und dabei deren Strategien, Gewinntechniken und die verschiedenen Phasen ihrer Partien in der Analyse hochrangiger Experten erhellt. Zugleich wird mit regelmässig eingestreuten Testfragen der Leser zur Mitarbeit animiert, so dass dieser nicht nur die legendären Schachgrössen mit ihren spezifischen Stärken (und wenigen Schwächen) kennenlernt, sondern auch für die eigene Partieführung von einem Training nach weltmeisterlichen Vorbildern profitiert.

Schachlegende Botwinnik

Chessbase Fritz-Trainer Vol. 10 - Mikhail Botvinnik - Glarean MagazinDie aktuelle Ausgabe ist dem 6. Weltmeister und Patriarchen der sowjetischen Schachschule, Michail Botwinnik, gewidmet. [Ich verwende in meinem Text die deutsche (aussprachenahe) Transkription russischer Eigennamen, auch wenn auf der DVD durchgängig die englische Transkription gepflegt wird.] Michail Botwinnik (1911-1995), dessen Kurzbiografie von Johannes Fischer beigesteuert wird (übernommen aus der Schachzeitschrift KARL 3/2005), war Weltmeister über einen Zeitraum von 15 Jahren (mit kurzen Unterbrechungen 1957/58 und 1960/61) und über 30 Jahre der Vorkämpfer der Sowjetunion. Manchen Schachfreunden mag er als Persönlichkeit langweilig oder ‒ als Erzkommunist aus Überzeugung ‒ alles andere als sympathisch erscheinen. Seine Bedeutung für das Schach dürfte indes unbestritten sein, zumal er auch als Autor, Theoretiker und Schachlehrer Aussergewöhnliches geleistet hat. Die von ihm nach beendeter Schachkarriere etablierte Botwinnik-Schachschule haben viele künftige Grossmeister und einige spätere Weltmeister (Karpow, Kasparow, Kramnik) durchlaufen.

Eine der charismatischsten Persönlichkeiten der Schachgeschichte: Weltmeister Michael Botwinnik (1911-1995)
Eine der charismatischsten Persönlichkeiten der Schachgeschichte: Weltmeister Michael Botwinnik (1911-1995)

Michael Botwinnik hat als Erster die individuelle Vorbereitung auf seine Gegner zur Perfektion getrieben und seine gesamte Lebensweise mit regelmässiger sportlicher Ertüchtigung und einer nahezu spartanischen Ernährung den eigenen Fitness-Ansprüchen unterworfen. Seine Analysen nach Partieabbruch oder -ende waren äusserst akribisch und schonungslos objektiv hinsichtlich eigener Fehler, seine Endspieltechnik war überragend. Ein grosser Teil seines Erfolgs resultierte fraglos aus einer nie erlahmenden Bereitschaft zu harter Arbeit. Wer mehr biografische Details über Botwinnik erfahren möchte als diese DVD zu bieten vermag, ist mit dem ausgezeichneten Werk von Andrew Soltis Mikhail Botvinnik. The Life and Games of a World Chess Champion (McFarland, 2014) gut bedient. Gegenüber dem Buch hat die DVD bekanntlich unschlagbare Vorteile, sobald es um interaktive Trainingsmöglichkeiten oder um ein schnelles Nachspielen von Partien und Analysen am Bildschirm geht.

Videoclips in 4 Gruppen

Befassen wir uns mit dem Herzstück der DVD, den Videoclips, die thematisch in 4 Gruppen gegliedert sind, für die jeweils verschiedene Experten verantwortlich zeichnen. Die gesamte Videospielzeit der deutschen Version beträgt beachtliche 8 Std. 8 Min. (Verlagsangabe).

1. Eröffnungen (8 Clips)

Diesen Teil bestreitet der in Paris lebende Schweizer GM Yannick Pelletier. Er behandelt in 6 Videos die von Botwinnik besonders häufig gespielten Eröffnungen sowie spezielle Strukturen, eingerahmt von einem Einführungsvideo und einer abschliessenden Zusammenfassung. Die 6 Clips thematisieren nacheinander: Holländisch; Halbslawisch; Grünfeld-Indisch; Mit Schwarz gegen 1.e4 [Französisch; Caro-Kann]; Karlsbader Struktur; Vorposten.
Dass Botwinnik zur Eröffnungstheorie zahlreiche eminente Beiträge geliefert hat, ist hinlänglich bekannt. Beispielhaft erinnert sei nur an die komplexe, seinen Namen tragende Botwinnik-Variante in Halbslawisch (5…dxc4), die zu den schärfsten Eröffnungssystemen zählt und bis heute wagemutige Spielernaturen fasziniert und inspiriert. Aber Botwinnik hat nicht nur durch konkrete Ideen und Varianten die Theorie bereichert. Sein Bestreben war vor allem darauf gerichtet, langfristige Strategien zu entwickeln, um aus der Eröffnung typische Situationen und Strukturen im Mittelspiel zu erreichen, die er dann aufgrund seiner profunden Vorarbeit mit Leichtigkeit zu behandeln wusste. Seine tiefen strategischen Pläne reichten zuweilen bis ins Endspiel. Auf dem Feld der vorbereitenden (aber auch nachträglichen) Analyse konnte Botwinnik seine systematisch-wissenschaftliche Arbeitsweise zur Geltung bringen, die sich als wegweisend und vorbildhaft für nachfolgende Generationen erweisen sollte. – Als Zugabe enthält die DVD das Eröffnungsrepertoire von Botwinnik als Variantenbaum („Botvinnik-Powerbooks“).

2. Strategie (7 Clips)

Der Strategie-Part wurde von dem rumänischen GM Mihail Marin aufbereitet, der längst zu den weltbesten Schachautoren zählt. Nach einem einleitenden Video, das einen Überblick über den positionellen aber keineswegs zurückhaltenden Stil Botwinniks gibt, folgen 6 Videos, die einzelne Partien aus Botwinniks Laufbahn präsentieren bzw. nach positionellen Gesichtspunkten sezieren.
Am Anfang steht die legendäre Partie gegen Capablanca (AVRO 1938) mit der unvergesslichen „Links-Rechts-Kombination“, die in zahllosen Partiesammlungen verewigt wurde. Botwinniks tiefe strategische Konzeption triumphiert hier über die kürzeren Teilpläne des Kubaners. Auch taktisch ist der Stratege Botwinnik gemeinhin auf der Höhe, aber er startet seine Kombinationen erst, wenn die positionellen Grundlagen hierzu geschaffen wurden. Nur ausnahmsweise schreckt er vor der eigenen Courage zurück, wenn er aussichtsreiche Opfer zugunsten positioneller Lösungen meidet, die ebenfalls zum Gewinn reichen ‒ so geschehen in der Partie gegen Larsen 1967.
Die Videopräsentationen dieses Teils sind mit interaktiven Trainingsfragen angereichert. Bei der Eingabe von falschen Antwortzügen erfolgt ein kurzes Feedback, wonach der Löser einen neuen Versuch unternehmen kann. Alternativ kann er sich auch die Lösung anzeigen lassen. Daher kann die DVD von Spielern beliebiger Spielstärke genutzt werden, auch der Verlag gibt diesbezüglich keine Einschränkungen an. – Die Partien sind ausserdem in einer separaten Datenbank „Botvinnik_strategy“ zu finden, die Kommentierung liegt hier nonverbal anhand von zahlreichen Varianten vor.

Chessbase Fritz-Trainer Vol. 10 - Mikhail Botvinnik - Screenshot - Glarean Magazin
Vielfältige Inhalte und umfangreiches Trainingsmaterial von einem legendären Vorkämpfer des „Sowjet-Schachs“: Screenshot der Chessbase-DVD „Mikhail Botvinnik“

3. Taktik (20 Clips)

Den Taktik-Teil hat der Hamburger IM Oliver Reeh übernommen, der zwanzig Botwinnik-Partien bzw. Partie-Fragmente aus dem Zeitraum 1926 bis 1968 ausgewählt hat, die für ein interaktives Taktik-Training prädestiniert erscheinen. Neben der bereits erwähnten Partie gegen Capablanca 1938 sind hier zwei weitere klassische Perlen Botwinnikscher Spielkunst zu finden, die mit ihren Opfer-Reigen an frühere romantische Zeiten erinnern: die Partie gegen Tschechower 1935 und eine weitere „Unvergängliche“ gegen Portisch 1968. Die vollständigen Partien zum Nachspielen sind wieder in einer Datenbank „Botvinnik_tactics“ verfügbar, hier sind auch kurze Textkommentare (in Deutsch und Englisch) eingestreut.

4. Endspiele (14 Clips)

Der letzte Video-Teil wird von dem renommierten Hamburger Endspielexperten GM Karsten Müller präsentiert. Er beginnt mit zwei interaktiven Tests aus Botwinniks Endspielen (zuerst ein grossartiger „Mauerbrecher“, anschliessend sehen wir einen zum Remis verteidigenden Botwinnik). Es folgen 12 Clips, in denen Müller die grossartigen Fähigkeiten Botwinniks in dieser Partiephase kommentiert (ohne interaktive Tests). Das berühmteste der hier gebrachten Beispiele ist sicherlich das Endspiel Botwinnik ‒ Bobby Fischer von der Olympiade Varna 1962, das nach nächtlicher Analyse der Hängepartie durch das russische Team und für Fischer schockierend mit Remis endete. Auch hier gibt es wieder eine separate Datenbank „Botvinnik_endgames“ mit den 14 kommentierten Endspielen.
Als weiteres Zusatzmaterial auf der DVD sind zu nennen: Eine Datenbank mit 1235 Botwinnik-Partien (teilweise und unterschiedlich ausführlich kommentiert mit Varianten/Text), die Tabellen von den Turnieren mit Botwinniks Beteiligung aus dem Zeitraum 1931 bis 1969, sowie eine Datenbank mit 410 Trainingsfragen aus 103 Botwinnik-Partien, hier kann der ambitionierte Löser maximal 883 Punkte erzielen. Zum Arbeiten mit den Datenbanken ist der ChessBase Reader 2017 von der DVD oder bei Chessbase zu installieren (sofern nicht ohnehin bereits auf dem PC des Lesers vorliegend).


Exkurs: Botwinnik vs Fischer

W.E./Im Jahre 1962 kam es anlässlich der 15. Schach-Olympiade im bulgarischen Varna bei der Begegnung Sowjetunion vs USA zu einem legendären Duell zweier Titanen der Schachgeschichte (ein Youtube-Video hält das Partie-Ende der beiden fest): Am 1. Brett traf der Vorkämpfer des kommunistischen Russland Michael Botwinnik auf das amerikanische Schachgenie Robert „Bobby“ James Fischer. Der amtierende Weltmeister Botwinnik war damals mit seinen 51 Jahren bereits nicht mehr ganz auf der Höhe seiner Meisterschaft (und wurde ein Jahr später von T. Petrosjan auf dem Thron endgültig abgelöst), doch die beiden unterschiedlichen Spieler lieferten sich einen erbitterten (und in der Folge vielfach kommentierten) Kampf, der legendär in die Schachgeschichte einging.

Zwei Giganten des Schachs an der Olympiade 1962 im Endspiel der Partie, die remis endete: Botvinnik vs Fischer
Zwei Giganten des Schachs an der Olympiade 1962 im Endspiel ihrer Partie, die remis endete: Botvinnik vs Fischer

Der Spielstil der zwei Genies spiegelte sich unmittelbar in ihren Partieanlagen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und unterbreitete diese Partie der beiden Ex-Weltmeister dem inoffiziellen Weltmeister des aktuellen Computerschachs, nämlich dem Freeware-Schach-Programm Stockfish (Assembler-Version). Das Equipment bzw. Setting dieser sog. Taktischen Analyse mit der Datenbank Chessbase 14 war: AMD-FX8350-8Cores-4Ghz-64bit (Engine AsmFish-20180723 / 20sec / 4G Hash).

Diese Partie wurde (wie gesagt) oft und teils sehr unterschiedlich analysiert von zahlreichen Grossmeistern in Büchern und im Internet; deren Kommentare zu vergleichen mit dem Output einer Schach-Engine, gegen die in einem Match zu reüssieren weder ein Botwinnik noch ein Fischer auch nur den Hauch einer Chancen hätte, ist nicht ohne Interesse und Reiz… Ich gebe hier die Computer-Analyse unverändert 1:1 wieder, der Leser mag sie all den anderen Kommentaren gegenüberstellen und ihre Bewertungen vergleichen mit jenen der humanoiden Beurteilungen. Man beachte übrigens die Einschätzung des Programmes, was die Zug-„Genauigkeit“ der zwei Gegner anbelangt: Botwinnik erreichte hier 62%, Fischer „nur“ 55%…

Botvinnik - Fischer Varna 1962 (Stockfish-Analyse CB14) - Glarean Magazin

Hier der Link zu einer interaktiven Partie-Analyse und
zum Download der Partie


Botwinniks Dominanz

FAZIT: Das auf der DVD „Fritz-Trainer 10: Mikhail Botvinnik“ versammelte Material umfasst alle Turnier- und Matchpartien von Botwinnik und sogar einige Simultanpartien, somit einen Grossteil seines schachlichen Erbes. Die personelle Besetzung in den Videoclips mit vier prominenten und bewährten Experten verbürgt hohe fachliche Kompetenz, die sprachliche Präsentation ist generell eingängig und angenehm im Tempo. Ergänzt durch hochwertige Zugaben (Biografie, Taktiktraining etc.), bietet sich die DVD an, einen der erfolgreichsten Weltmeister der Schachgeschichte kennenzulernen, seine Partien zu studieren und durch die interaktive Teilnahme an den Tests und Trainingsaufgaben das Niveau der eigenen Partieführung zu verbessern.

Die Ursachen der Überlegenheit Botwinniks über Grossmeister vergleichbaren Talents sind schon weitgehend aus dem vorstehend Gesagten ableitbar. Auch wenn er sich selbst nur als „primus inter pares“ gesehen hat, besass Botwinnik doch entscheidende Vorteile durch seine mit wissenschaftlicher Methodik erarbeiteten Vorbereitungen auf Partie und Gegner, durch die präparierten langfristigen Pläne bis weit ins Mittelspiel, wo seine weniger gut vorbereiteten Gegner nur noch orientierungslos (re)agieren konnten. Seine tiefschürfenden Arbeiten verhalfen ihm wohl auch zu der wertvollen Fähigkeit, Stellungsanalogien in verwandten, scheinbar anders gearteten Stellungen direkt am Brett zu erfassen und zu nutzen (siehe dazu auch A. Jussupow: „Botwinniks Spiel“, in KARL 3/2005). Botwinniks Erfolge basierten zudem auf einem enormen Fleiss, einer unbeirrbaren Zielstrebigkeit und einer eisernen Selbstdisziplin. Sein Spielstil war universell, wenn auch vorwiegend positionell ausgerichtet, und er zeigte keine nennenswerten Schwächen. Lediglich seine berufliche Tätigkeit als Elektroingenieur hinderte ihn daran, eine konstant gute Form aufrechtzuerhalten. Als eine neue Generation von Schachspielern seine Methoden der Vorbereitung adaptierte, büsste er seinen Vorsprung allmählich ein, letztlich musste er auch seinem zunehmenden Alter Tribut zollen. Jedenfalls dürfte die jahrzehntelange sowjetische Hegemonie im Weltschach nach dem 2. Weltkrieg zu einem wesentlichen Teil auf die Pionierarbeit Botwinniks zurückzuführen sein. ♦

Chessbase: Mikhail Botvinnik – Fritz-Trainer Master Class Vol. 10, DVD-Training, ISBN 978-3-86681-649-7

Lesen Sie im Glarean Magazin auch  über
Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Chessbase: „Schach-Problem“ Heft Nummer 4-2018

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Taktik aus der Praxis für die Praxis

von Ralf Binnewirtz

„Schach-Problem“ befasst sich nicht etwa ‒ wie es der Titel im ersten Moment suggerieren könnte ‒ mit Schachproblemen, wie sie aus dem Bereich des Kunstschachs bekannt sind. Vielmehr widmet sich dieses Periodikum, das erstmals 2016 herauskam und viermal jährlich erscheint, ausschliesslich dem taktischen Training für den Kampf am Brett, und es richtet sich nach Aussage des Redakteurs Martin Fischer vornehmlich an Hobbyspieler, die (noch) keinem Verein beigetreten sind. Die Leser werden im aktuellen Heft 4/2018 mit 134 Aufgaben taktischer Prägung konfrontiert, die in Diagrammform präsentiert werden und die es zu lösen gilt, selbstredend ohne Unterstützung des allgegenwärtigen Rechenknechts. Sämtliche Lösungen finden sich in Kurznotation (ohne verbale Kommentierung) am Ende des Büchleins. Doch gehen wir die vier Kapitel der Broschüre nacheinander durch.

100 Aufgaben Bundesliga 2017/2018

Chessbase Schach-Problem Heft Nummer 4 - Taktik-Aufgaben - Glarean MagazinNach Vorwort und Erläuterung der Schachnotation geht es direkt in medias res: Sind die ersten Aufgaben noch sehr leicht lösbar und auch für Einsteiger zu bewältigen, so steigt die Schwierigkeit allmählich deutlich an. Demzufolge ist den Aufgaben ein Schwierigkeitsgrad von Stufe 1 bis 5 zugeordnet, der auf dem Taktik-Server von ChessBase ermittelt wurde. Die auftretenden taktischen Motive sind breit gestreut und variieren ständig.
Die ersten ca. 42 Aufgaben, die überwiegend unter Stufe 1 und 2 rangieren (hier sind auch schon mal einzelne Stufe 3-Aufgaben eingefügt), sollten von einem durchschnittlichen Hobbyspieler ohne grosse Probleme zu lösen sein. Bei den Aufgaben der Stufen 3 bis 5 wird es kniffliger, und es wird vom schachlichen Entwicklungsstand des Spielers abhängen, wie weit er mithalten kann. Ich gebe nachstehend zwei Aufgaben der Stufe 3 bzw. 5 aus dem Buch, damit sich die Leser einen Eindruck verschaffen können. (Die Lösungen finden sich am Ende dieses Beitrags).

Aufgabe 29 (Schwierigkeitsgrad Stufe 3)

Weiss am Zug

Bartel, M. ‒ Kempinski, R.
(USV Dresden ‒ Hamburger SK)

Aufgabe 100 (Schwierigkeitsgrad Stufe 5)

Weiss am Zug

Lindgren, P. ‒ Braun, A.
(FC Bayern ‒ SV Hockenheim)

Taktik-Schule: Der Doppelangriff

Dieser Abschnitt konzentriert sich auf ein einzelnes taktisches Motiv, im aktuellen Heft ist der Doppelangriff an der Reihe. Einer 1-seitigen Einführung mit vier erläuterten Beispielaufgaben folgen 10 Aufgaben zum Lösen (ohne eine Einstufung hinsichtlich der Schwierigkeit). Aus eigenen Löseversuchen darf ich wohl ableiten, dass Hobbyspieler hier keineswegs chancenlos sind. Ein Beispiel zur Illustration:

Aufgabe 108

Weiss am Zug

Martin, J. ‒ Hoffmann, P.
(OSG Baden ‒ USV Dresden)

Weltmeisterlich kombinieren mit Botvinnik

Hier möchte ich vorab bemerken, dass mir in deutschen Büchern die englische Transkription von Eigennamen aus kyrillischer Schrift generell nicht zusagt. Für die meisten Leser mag dieser Punkt nicht von Belang sein, aber sie sollten zumindest wissen, dass in „Schach-Problem“ durchweg die FIDE-Transkription (oder englische Transkription) verwendet und z.B. Botvinnik mit „v“ statt mit „w“ geschrieben wird. Offenbar ist dies eine Folge der Übertragung von Namen aus ChessBase-Datenbanken ohne nachträgliche Anpassung.

100 brillante Schachzüge: Geniale Kombinationen - Verblüffende Strategien (Walter Eigenmann - Tredition Verlag)
Anzeige AMAZON (100 brillante Schachzüge: Geniale Kombinationen – Verblüffende Strategien)

Der Abschnitt wird eingeleitet durch eine kurze Biografie des russischen Patriarchen und Weltmeisters (von 1948-57, 1958-60 und 1961-63) inklusive Foto. (In den vorhergehenden Heften wurden andere Weltmeister beleuchtet.) Es ist jedenfalls löblich, dass in einem Magazin dieser Ausrichtung auch schachhistorische Inhalte Eingang finden. Von den zehn folgenden Knacknüssen auf weltmeisterlichem Niveau sollten sich die Löser nicht zu sehr abschrecken lassen, es gibt auch hier Aufgaben, deren taktischer Ideengehalt für einen versierten Hobbyspieler aufzudröseln ist. Und bisweilen sogar einzügige Gewinne, wie in der folgenden Aufgabe:

Aufgabe 114

Schwarz am Zug

Uhlmann, W. ‒ Botvinnik, M.
(München Olympiade 1958)

Der Ernstfall am Brett

Die letzten 14 Aufgaben sind Partien zwischen Profi und Amateur entnommen, die ebenfalls in der Schachbundesliga gespielt ‒ und in der Hitze des Gefechts nicht immer korrekt fortgesetzt wurden. Erschwerend für den Löser wirkt sich aus, dass er nicht weiss, wonach er zu suchen hat: die durchschlagende Gewinnkombination, die korrekte subtile Verteidigung, die Rettung aus kritischer Lage, es kann alles erdenklich Mögliche vorkommen. Lediglich die letzte Aufgabe 134 (s.u.) dürfte in Sekundenschnelle zu lösen sein (daher verzichte ich auf eine Lösungsangabe).

Aufgabe 134

Schwarz am Zug

Hansen, S. ‒ Bok, B.
(Hamburger SK ‒ SG Solingen)

Faktoren des Erfolgs

Die Frage drängt sich unwillkürlich auf, ob ein neues Periodikum zum Thema Taktik noch benötigt wird, wo doch bereits zahlreiche Bücher zum gleichen Thema am Markt erhältlich sind, zudem sich die Möglichkeiten des Taktik-Trainings im Web noch hinzugesellen. ChessBase weist selbst auf seinen Taktik-Server hin mit einem riesigen Bestand von 50.000 Schachaufgaben online, der zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung steht. Des Weiteren enthalten die gängigen Schachzeitschriften in der Regel Taktik-Rubriken, und die aktuelle Turnierberichterstattung (in Printmedien und im Web) bietet ständig weiteres Anschauungs- und Übungsmaterial. Für den de facto beachtlichen Erfolg von „Schach-Problem“ sind offenbar die folgenden Fakten und Faktoren verantwortlich:
Das Magazin erscheint im handlichen A5-Format und ist infolge kräftiger Karton-Deckel relativ robust ausgestattet. Das Layout ist übersichtlich und die Diagramme, die die Aufgabenstellung stets aus der Sicht des am Zug befindlichen Spielers zeigen, sind von nahezu rekordverdächtiger Grösse, somit nur zwei auf einer Seite platzierbar. Damit dürften auch Sehbehinderte von der guten Erkennbarkeit der Stellungen angetan sein, und generell sollte der Leser sich animiert fühlen, direkt vom Blatt zu lösen. All dies macht das Heft besonders geeignet für Zug- und Flugreisende, die auf längeren Strecken das Angenehme = Unterhaltung mit dem Nützlichen = schachlicher Weiterentwicklung verknüpfen möchten.

Freude an erfolgreichen Löseerlebnissen

FAZIT: Das noch junge Periodikum von Chessbase: „Schach-Problem“ präsentiert in der aktuellen Ausgabe 4/2018 eine gelungene Mischung von 134 taktischen Denksportaufgaben zum selbstständigen Lösen, die mit einer weiten Spanne im Schwierigkeitsgrad einhergeht. Die aus Datenbanken extrahierten Aufgaben entstammen weithin der letzten Deutschen Bundesliga-Saison, abgesehen von einem durchaus interessanten Ausflug in die Botwinnik-Ära. Das zentrale Kapitel „100 Aufgaben Bundesliga 2017/18“ wird ausserdem sinnvoll ergänzt von den Abschnitten „Taktik-Schule: Der Doppelangriff“ und „Der Ernstfall am Brett …“. Das Magazin schlägt eine Brücke zwischen altbewährten Taktik-Klassikern und anspruchsvollen Werken der Moderne, und das Preis-Leistungsverhältnis erscheint ausgewogen.

Der Käufergruppe längst zugehörig sind aber auch Vereinsspieler, die offenbar zunehmend von der Freude an erfolgreichen Löseerlebnissen angetrieben werden, sowie Trainer oder Übungsleiter, die sich gern aus dem üppigen Fundus geeigneter Aufgaben bedienen. Überhaupt mag das besagte Löseerlebnis in Kombination mit der thematischen Variabilität und der wechselnden Schwierigkeit der Aufgaben für die schnell gewachsene Beliebtheit des Magazins bestimmend gewesen sein.
Es kommt hinzu, dass mit diesem Periodikum offenbar eine Lücke geschlossen wurde, die sich zwischen den klassischen Taktik-Lehrbüchern und den modernen, höchst anspruchsvollen Taktik-Werken aufgetan hatte (nach GM Karsten Müller, zitiert von Raymund Stolze). Dieser „Lückenschluss“ hat sich fraglos als ein geschickter marketingstrategischer Schachzug des Verlags erwiesen.
Viele werden schliesslich einen weiteren Pluspunkt darin sehen, dass das Gros der Aufgaben aus Partien der jüngsten Vergangenheit stammt. Zudem treffen Trainingswerke im Zeitschriftenformat gemeinhin auf eine grössere Akzeptanz beim Publikum als umfängliche Bücher, die einen aufwändigeren „Verdauungsprozess“ erfordern. ♦

Lösungen

Aufgabe 29
26. Sc6 droht 27.Dh7+ Kf7 28.Lg6#, wogegen das geschehene 26…Db5 nichts ausrichtet. Das Schlagen des wS verliert indes auch schnell: 26…Lxc6 27.Dh7+ Kf7 28.Lg6+ Ke7 29.Lc5+ oder 26…Txc6 27.Dh7+ Kf7 28.Txd7+ Ke8 29.Lxc6 usw.
Die ersten beiden Züge lassen sich vertauschen: 26.Dh7+ Kf7 27.Sc6 usw. mit gleichem Ergebnis.

Aufgabe 100
31. Dxh7+ Kxh7 3.Th4+ Kg8 33.Se4 f5 34.Sf6+ Kf7 35.Lh6 Sxe5 (35…Da3 36.Tb7+ +-) 36.dxe5 Txe5 37.Sxe5+ Kxf6 38.Lxf8 +-

Aufgabe 108
66. e8D Txe8 67.Df7 (Doppeldrohung 68.Dh7#/Dxe8+) Te7 68.Df8+ Dg8 69.Dh6+ Th7 70.Dxd6 1-0

Aufgabe 114
23… Df7 0-1 Der Doppelangriff auf f2 (mit Mattdrohung) und a2 gewinnt den wT.

Martin Fischer (Hrsg): Schach-Problem ‒ Die rätselhaften Seiten von Fritz, Heft 4/2018, ChessBase Hamburg, 88 Seiten, ISBN 978-3-86681-680-0


Ralf Binnewirtz - Schach-Korrespondent - Mitarbeiter Glarean MagazinDr. Ralf J. Binnewirtz

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Taktik auch über
Werner Kaufmann: Berechnung im Schach

Weitere Internet-Artikel zum Thema Schachtaktik: