Das Schach-Kreuzworträtsel im August 2022

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Die ganze Welt des Schachs im Rätsel-Puzzle

Die Welt des Schachs, wie wir es schon seit hunderten von Jahren kennen, ist bevölkert von spannenden Partien, genialen Kombinationen, großartigen Persönlichkeiten, auch skurrilen Figuren, und von abertausenden interessanter theoretischer und biographischer Print- und Online-Werke.
Diese ganze Fülle spiegelt sich im neuen August-Kreuzworträtsel des GLAREAN MAGAZINS wider.
Wir wünschen viel Spaß und erfolgreiches Schach-Knobeln!  ♦

Schach-Kreuzworträtsel August 2022 - Chess Cross Puzzle - Glarean Magazin - Walter Eigenmann_Seite_1

Schach-Kreuzworträtsel August 2022 - Chess Cross Puzzle - Glarean Magazin - Walter Eigenmann_Seite_2

Hier das Rätsel drucken (PGN)







Hier findet sich die Lösung—> „Weiterlesen“

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Das Schach-Kreuzworträtsel im August 2022

Schach-Partien – Kombinationen – Stellungen – Lösungen

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Partien – Kombinationen – Stellungen – Lösungen

Schachgesellschaft Luzern:
Vereinsmeisterschaft 2022

1. Runde

Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet ein Analyse-Fenster; dort kann die Partie auch als PGN-Datei runtergeladen werden (Klick auf Button ganz rechts).

Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet ein Analyse-Fenster; dort kann die Partie auch als PGN-Datei runtergeladen werden (Klick auf Button ganz rechts).


Schweizerische Mannschafts-Meisterschaft 2022

Schachgesellschaft Luzern: 3. Runde

Schach-Partien – Kombinationen – Stellungen – Lösungen

Computerschach: EAS-Messung der Engine-Aggressivität

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Elo ist nicht (mehr) alles

von Stefan Pohl

Bekanntlich hat die Spielstärke der besten Schachprogramme jedes menschliche Maß und Schachverständnis schon weit hinter sich gelassen. Auch wenn bei Engines die Elo-Berechnung als Lieferant für absolute Werte nicht unumstritten ist, so ist doch klar, daß die 3’500-Elo-Marke von den besten Engines wie Stockfish u.a. mit Sicherheit bereits deutlich überschritten wurde. Auch die Programme der erweiterten Spitze liegen immer noch deutlich über 3’000 Elo, womit selbst ein menschlicher Weltmeister absolut chancenlos wäre. Ein neues Tool EAS misst demgegenüber nicht die Elo-Performance, sondern die Engine-Aggressivität.

Leader bei der Turnier-Performance, aber nicht in Sachen Aggressivität: Die Freeware-Schach-Engine Stockfish
Leader bei der Turnier-Performance, aber nicht in Sachen Aggressivität: Die Freeware-Schach-Engine Stockfish

Um der herkömmlichen Elo-Messung im Computerschach eine weitere Mess-Qualität zur Seite zu stellen, habe ich ein Tool entwickelt für schnelle Opfer-Suche in Partien – es wurde im GLAREAN MAGAZIN bereits vorgestellt. Nun liegt eine deutlich erweiterte und verbesserte Version dieses Tools vor, das Tool „Engines Aggressiveness Statistics“ EAS. Es ermöglicht die Aggressivität der Engines zu messen und dieser einen numerischen Wert – den sog. EAS-Score – zuzuweisen. Denn in Zeiten der überstarken Schachprogramme ist es für den Schachspieler interessant, möglichst aggressiv spielende Engines für Analysen oder das eigene Spiel gegen die Engines zu finden, denn das superstarke Engine-Schach wird ansonsten zwar immer besser, aber auch zunehmend steriler und damit für den Menschen auch langweiliger.

Kurz und aggressiv

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Wie funktioniert das EAS-Tool? Es sind aus dem Internet etliche Engine-Ranglisten bzw. Partien-Sammlungen downloadbar, deren Betreiber Schach-Engines gegeneinander spielen lassen und daraus eine Elo-Rangliste der Engines generieren. Ich selbst führe ebenfalls eine solche Rangliste, die sich auf die besten ca. 40 Engines konzentriert: Die sog. SPCC-Rangliste, die ca. 180’000 Partien umfasst (!) Daraus errechnet nun das EAS-Tool für jede Engine die Zahl jener Gewinnpartien, in denen die Engine ein Opfer gespielt hat, sowie die Zahl der besonders kurzen Gewinnpartien. Diese Zahlen werden dann in prozentualen Bezug zu der Zahl der insgesamt von dieser Engine erspielten Gewinnpartien gesetzt.
Damit ist es auch für schwächere Engines (mit weniger Gewinnpartien) möglich, einen hohen EAS-Score zu erreichen, da mit weniger Gewinnpartien auch weniger Opferpartien und Kurzsiege für einen hohen EAS-Score nötig sind. Dies ist sehr wichtig, da die Engine-Spielstärke ja nicht mit gemessen werden oder sonstwie in die Auswertung einfließen soll.
Zusätzlich vergibt das Tool mehr Punkte für höherwertige Opfer als für einfache Bauernopfer, und mehr Punkte für Kurzpartien, je nachdem wie kurz sie sind.

Aggressivität vs Performance

Aus diesen EAS-Scores läßt sich nun sehr einfach eine eigene EAS-Rangliste erstellen, die die Engines gemäß ihrer Aggressivität ordnet. Diese findet sich ebenfalls auf der Website des Autors, mit einer zusätzlichen Gegenüberstellung des klassischen Elo-Rankings:

Ranking Vergleich - Performance vs EAS - Glarean Magazin
Die Top-20 im Vergleich „Elo-Performance vs Engine-Aggressivität“

Wie man sehen kann, ist nun z.B. die unumstrittene Top-Engine Stockfish (SPCC-Ranking rechts) in der EAS-Rangliste (links) nur im gehobenen Mittelfeld zu finden. An ihrer Spitze steht stattdessen – mit großem Vorsprung – die nur Insiderkreisen bekannte Freeware-Engine Velvet 4.

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Enthalten ist auf der Webseite außerdem eine Beschreibung der genauen Aufschlüsselung der Punktevergabe. Die EAS-Tools sowie eine neuere, verbesserte Version des oben erwähnten Opfersuch-Tools können dort kostenlos heruntergeladen werden. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Computerschach auch: Komodo Dragon 3 bei Chessbase erschienen


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Computerschach: EAS-Messung der Engine-Aggressivität

Harald Schneider-Zinner: Strategieschule (Schach)

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Die Kunst, das Spiel zu planen

von Mario Ziegler

Die Frage stellt sich jedem Schachspieler in jeder Partie: Wie ist eine gegebene Stellung zu beurteilen? Soll man sie eher strategisch spielen oder stehen taktische Überlegungen im Vordergrund? Diesen Fragen widmet sich der österreichische Internationale Meister Harald Schneider-Zinner in seinem zweibändigen Werk „Strategieschule“ auf DVD.

Strategieschule Band 1+2: Die Kunst des Tauschens - Fritztrainer: Interaktives Video-Schachtraining) DVD-ROM – Harald Schneider-Zinner„Strategie ist die Kunst, das Spiel zu planen. Strategie befasst sich mit den allgemeinen Plänen zum siegreichen Abschluss der Partie oder zum Erreichen eines Zieles in einem Partieteil. Strategische Züge sind gewöhnlich positionell; sie helfen, eine Stellung zu schaffen, in der der Plan ausgeführt werden kann.“ Mit diesen Worten fassen Ex-Weltmeister Max Euwe und Walter Meiden in ihrem Klassiker „Meister gegen Amateur“ das Wesen der Strategie im Schachspiel zusammen. Ist der lernwillige Schachenthusiast erst einmal über die Anfangsgründe des Spiels hinweggeschritten, so kommt unweigerlich der Moment, wo er sich auf das Gebiet der Strategie wagen muss. Im Vergleich zur Taktik, wo die Ideen offensichtlicher sind und das Ziel im Gewinn von Material oder dem Angriff gegen den gegnerischen König besteht, sind strategische Überlegungen subtiler: Existieren langfristige Schwächen? Empfiehlt sich der Abtausch der einen oder anderen Figur? Kann man ein bestimmtes Endspiel anstreben? Und noch grundsätzlicher: Wie ist eine gegebene Stellung zu beurteilen? Soll man sie eher strategisch spielen oder stehen taktische Überlegungen im Vordergrund?

International renommierter Trainer

Harald Schneider-Zinner - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
International gefragter Schach-Trainer: Harald Schneider-Zinner

Der Autor der vorliegenden „Strategieschule“ Harald Schneider-Zinner (geb. 1968) zählt zu den profiliertesten Schachtrainern des deutschsprachigen Raums. Zu seinen Schülern gehören die österreichischen Spitzenspieler Valentin Dragnev und Felix Blohberger, und als Trainer der Frauen-Nationalmannschaft führte er das ÖSB-Team zu herausragenden Resultaten (4.-9. Platz bei der Mannschafts-Europameisterschaft 2015, 2. Platz beim Mitropa-Cup 2018).
Seit 2010 leitet er die Trainerausbildung in Österreich. Kurz gesagt: Schneider-Zinner kann auf eine reiche Erfahrung von der Grundlagenarbeit bis hin zum Leistungssport zurückgreifen.

„Stehe ich besser oder schlechter?“

Wie oft steht man in einer Partie vor der Frage, wie genau man eine Stellung angehen soll! Stehe ich besser oder schlechter? Soll ich die Position statisch oder dynamisch behandeln? Wie soll ich meine Bedenkzeit investieren? Diesen und weiteren Fragen geht Schneider-Zinner an Hand von Klassikern, aber auch sehr vielen neueren Beispielen aus der Weltspitze und dem österreichischen Schach nach.
Aus der Vielzahl der nützlichen Themen (Hebel, Planfindung, typische Springer- und Läufermanöver, Prinzip der überzähligen Figur) möchte ich mit der „Schwerfiguren-Regel“, ein vielleicht etwas weniger bekanntes Prinzip herausgreifen. Sie besagt, dass im Fall einer ungleichen Anzahl von Schwerfiguren derjenige Spieler mit mehr Schwerfiguren einen Abtausch dieser Figuren vornehmen sollte. Die verbleibenden Schwerfiguren können sich dann besser entfalten.

Hier ein Beispiel aus einer Blitzpartie des Autors:

bast (2448) – Harald Schneider-Zinner (2455)
Internet-Blitzpartie 3+2

Bast - Schneider-Zinner Harald - Internet-BlitzMateriell ist die Stellung etwa gleich, aber die schwarzen Türme sind optimal postiert. Nach besagter Schwerfiguren-Regel muss Weiß nun den Tausch seines letzten Turms vermeiden: 30.Td3+ Ke7 und nun sollte 31.Te3 erfolgen, wonach der Bauer c2 wegen des Abzugsschachs 32.Lb3+ natürlich tabu ist. Schwarz steht auch hier wohl besser, muss aber noch sehr lange hart arbeiten. Nach dem Partiezug 31.Txd8? Kxd8 32.c3 Tc5 konnte Schwarz seinen Turm weiter aktivieren und stand auf Gewinn.

Aspekte des Abtausches

Im 2. Band stehen die verschiedenen Aspekte des Abtauschs (Wann soll man überhaupt tauschen? Welche Richtlinien gilt es zu beachten? Wie kann man durch Abtausch offene Linien oder schwache Felder ausnutzen? usw.) im Mittelpunkt. Jede DVD wird durch 20 Aufgaben zur eigenständigen Bearbeitung abgerundet.

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Wie bei den Trainings-DVDs von ChessBase üblich präsentiert der Autor seine Themen in Form eines Videos. An geeigneten Stellen wird der Zuschauer aufgefordert, das Video anzuhalten und sich eigene Gedanken zu machen. Schneider-Zinner hat eine angenehme Art des Vortrags. Er versetzt sich in den „Gesprächspartner“ und bezieht ihn soweit möglich ein. Das Material ist gut ausgewählt und wird überzeugend präsentiert.

Engines – ja oder nein?

Inwieweit ein stärkeres Eingehen auf die Vorschläge der Engines notwendig gewesen wäre, ist eine schwierige Frage. In einer früheren Rezension verweist GM Prusikin darauf, „dass einige Beispiele der strengen Computerprüfung nicht standhalten – wobei es sich freilich darüber streiten lässt, ob bzw. inwiefern das von Bedeutung ist.“

Hierzu ein Beispiel:

Loek van Wely – Magnus Carlsen
Wettkampf Schragen 2006, 3. Partie

Van Wely Loek - Carlsen Magnus (35...Kf5) - 1.DiagrammSchneider-Zinner zeigt diese Partie unter der Fragestellung, wie viele Züge ein starker Spieler vorausrechnet. Seiner Meinung nach musste Carlsen in der folgenden Partiephase nur kurze Sequenzen kalkulieren, die er an die Spielweise seines Gegners anpasste. Prägnant formuliert Schneider-Zinner: „Schach spielt sich in Teilplänen ab“. Es folgte: 22…a5 23.La3 a4 24.Sb5 axb3 25.axb3 Sc5 26.Tb1 Se4 27.Td7 h5 28.Lc1 Td8 29.Txd8+ Txd8 30.Le3 Sd2 31.Lxd2 Txd2 32.h4 Kh7 33.Kf1 Kg6 34.Kg2 Le7 35.Sc3 Kf5

Van Wely Loek - Carlsen Magnus (35...Kf5)Carlsen hat seit dem letzten Diagramm offenkundig viele Fortschritte gemacht: Durch den Hebel …a7-a5–a4 wurde die weiße Struktur am Damenflügel geschwächt, Schwarz konnte seinen König und seinen Turm aktivieren und die verwundbaren weißen Bauern ins Visier nehmen. Dabei gelang es dem künftigen Weltmeister – damals noch ein Teenager – meisterlich, weißes Gegenspiel im Keim zu ersticken.

An dieser Stelle spielte van Wely mit 36.Sa4 einen Zug, der nach Meinung der Engines (verwendet wurden Fritz 15, Houdini 6.02 und Stockfish 14.1) nicht im Entferntesten die beste Fortsetzung darstellt. Sie favorisieren statt dessen 36.Te1, 36.b4 und 36.Kf1. Schneider-Zinner geht auf keinen dieser Züge ein, sondern legt lediglich dar, dass 36.Kf3?? natürlich an der Gabel 36…Td3+ scheitert und 36.Td1 ebenfalls nicht besonders attraktiv ist: 36.Td1 Txd1 37.Sxd1 Ke4 „und der viel aktivere König und der Läufer, der im Spiel an beiden Flügeln stärker ist als der Springer, entscheiden die Partie“ (Schneider-Zinner im Video). Die Partie ging weiter mit 36…Lf6 37.Sxb6 Ld4 38.Sc8 Kg4 39.Tf1 Lc5 40.b4 Lxb4 41.Sb6 Lc5 42.Sa4 Ld4 43.c5 Tc2 und Schwarz stand auf Gewinn.

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An diesem Partieverlauf wird deutlich, worin das Potential der Computervorschläge im 36. Zug liegt:
1) 36.Te1 mit der Idee Te1–e3 setzt den Turm zur Deckung des verwundbaren Bauern b3 ein und bringt die Möglichkeit Te3–f3+ ins Spiel.
2) 36.Kf1 ist ein „unmenschlicher“ Zug, der den eigenen König passiver stellt und dem gegnerischen Monarchen den Weg nach f3 freimacht. Aber er ermöglicht auch das Manöver Sc3–e2, das den Druck des schwarzen Turms auf den Bauern f2 abfedert.
3) Mit 36.b4 möchte Weiß seine Bauernmehrheit in Gang setzen. Die taktische Rechtfertigung ist, dass nach 36…Tc2 37.Sd1 der Bauer c4 wegen der Gabel auf e3 tabu ist.

Denken in (Teil-)Plänen

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Nach allen diesen Möglichkeiten steht Schwarz besser, aber nach keiner so gut wie in der Partie. Hätte man also im Detail auf sie eingehen müssen? Wenn eine umfassende Analyse der Partie vorgenommen werden soll, muss die Antwort natürlich „ja“ lauten. Doch darum geht es dem Autor nicht, er möchte ja gerade zeigen, dass in dieser Partie nicht die konkrete Variantenberechnung, sondern das Denken in (Teil-)Plänen im Vordergrund stand. Unter diesem Aspekt lenken vielleicht Computerzüge, die auf taktischen Details wie der Gabelmöglichkeit auf e3 basieren, vom Kern des Themas ab. Wie in vielen anderen Bereichen der Lehr- und Trainingstätigkeit steht hinter allem die Frage der didaktischen Reduzierung.

Etwas verwundert hat mich die hohe Zahl der Schreibfehler in den Analysen. Auch wenn sie den Wert des Trainingsmaterials nicht beeinträchtigen, wären sie doch mit geringem Aufwand zu vermeiden gewesen.

Grundlegende Themen der Schachstrategie

Die „Strategieschule“ hat mich überzeugt. Dem Zuschauer werden viele grundlegende Themen der Schachstrategie präsentiert, wobei die praktische Relevanz an vorderster Stelle steht. Als Zielgruppe sehe ich fortgeschrittene Spieler mit einer Spielstärke ab ca. 1500 DWZ. Zudem finden selbstverständlich Trainer eine Vielzahl von durchweg prägnanten Beispielen. Über die Notwendigkeit, in den Analysen noch weiter ins Detail zu gehen, kann man streiten – ohnehin ist jeder Benutzer natürlich angehalten, sich zu den Beispielen eigene Gedanken zu machen und diese durch Analyse mit dem Computer zu überprüfen. ♦

Harald Schneider-Zinner: Strategieschule – Band 1 & 2, DVD Chessbase Hamburg

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema „Fritztrainer“ auch über Vasily Smyslov – Master Class Band 14


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Harald Schneider-Zinner: Strategieschule (Schach)

Axel Gutjahr: Schachspuk auf Ruine Rochenstein

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Neues Anfänger-Lehrbuch für Acht- bis Zehnjährige

von Thomas Binder

Drei Jahre nach „Schach spielen mit Niveau“ legt der ehemalige Schachtrainer Axel Gutjahr mit „Schachspuk auf Ruine Rochenstein“ ein neues Schachbuch für Kinder vor.

Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Axel GutjahrDie Zielgruppe von „Schachspuk auf Ruine Rochenstein“ ist mit der Altersangabe „ab acht Jahren“ gut getroffen, dürfte allerdings auch nur wenig darüber hinaus gehen. Oberhalb von 10 Jahren sind Kinder für Bücher dieser Art sicher nicht mehr zugänglich. Dabei stellt sich ohnehin die Frage, ob in der genannten Altersgruppe ein Schachlernen durch einsame Buchlektüre noch zeitgemäß ist. Der anhaltend reiche Vorrat solcher Werke auf dem Markt scheint den Autoren allerdings Recht zu geben, und in diesem Feld gehört Gutjahrs neues Buch gewiss zu den Favoriten.

Schach-Kobold in Burgruinen

Axel Gutjahr - Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Heel Verlag (Plaza) - Beispiel-Seite 1 - Rezension GLAREAN MAGAZIN
„Kingerecht vorgetragen“: Beispielseite aus Axel Gutjahr: „Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Was bekommen wir also auf den gut 140 Seiten geboten? Die drei Kinder Pit, Tina und Atze erkunden die Ruine der Burg Rochenstein. Dort werden sie zunächst von einem Fußboden in Schachbrettform und dann von den einzelnen Figuren empfangen, die ihnen von Grund auf die Schachregeln erklären. Mit dem ersten Grundwissen ausgestattet, empfängt sie dann der Kobold Mattotto und erklärt ihnen die weiteren Spielregeln (umfassend bis zum en-passant-Schlagen und zu den Remisregeln) sowie einfache taktische Motive.

Die drei Partiephasen werden jeweils elementar angerissen: Die Kinder und mit ihnen der Leser erlernen die Grundbegriffe der Eröffnung, dann ein paar taktische Tricks (Fesselung, Gabel etc.) im Mittelspiel und schließlich wichtige Endspiel-Begriffe wie Quadratregel, Elementare Matts, Bauerndurchbruch, Oppositionsregel, Randbauer). Diese Aufzählung ist nahezu vollständig. Es ist also klar (und eigentlich unvermeidlich), dass hier noch sehr viel fehlt, was Kinder im betreffenden Alter über Schach lernen können und sollten.

Kindgerechte Textaufbereitung

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Enorm wichtig ist es, dass alles sehr kindgerecht vorgetragen wird. Die Texte sind übersichtlich und keine Buchstabenwüsten. Große Stellungsbilder lassen keine Frage offen, was gerade besprochen wird. Ein enormer Gewinn sind die herrlichen Illustrationen von Ralph Handmann auf praktisch allen Seiten des Buches.

Abgerundet wird der Lehrteil von immer wieder eingestreuten kurzen Fakten rund um das königliche Spiel unter dem Motto „Wusstest du…“ Dass auch solche Stereotype wie das Narrenmatt und die Reiskornlegende nicht fehlen dürfen, versteht sich fast von selbst. (Es gibt Dinge, die habe ich einfach zu oft gelesen, als dass sie mich noch begeistern würden).

Anfänger-Lehrbuch mit Update-Bedarf

Axel Gutjahr - Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Heel Verlag (Plaza) - Beispiel-Seite 2 - Rezension GLAREAN MAGAZIN
„Tolle Bebilderung“: Beispielseite aus Axel Gutjahr: „Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Schauen wir nun, was wir nicht geboten bekommen: Über den schachlichen Gehalt kann man streiten. Der Autor hat sich offenbar eine Grenze dessen gesetzt, was er vermitteln will. Da wird er nie so genau meinen Geschmack treffen, aber immerhin hält er diese Linie konsistent durch. Es ist ein reines Einstiegs-Lehrbuch, welches der Weiterführung – am besten natürlich in einem Verein oder in einer schulischen Schach-AG – bedarf. Leider fehlt mir auch die im Untertitel angedeutete Spannung. Die Kinder erlernen ehrfürchtig das Schachspiel. Auf alle Fragen antworten sie brav und meist auch sofort richtig. Widerstreitende Meinungen, Korrekturen unrichtiger Antworten gibt es nicht. So wird auch die Chance vertan, die handelnden Kinder als eigenständige Charaktere auszuprägen.

Fehlende Rahmenhandlung

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Eine echte Rahmenhandlung gibt es nicht, die versprochene Spannung findet nicht statt. Angesichts der sprachlichen Stärken, der tollen Bebilderung und des kindgerechten Layouts hat dieses Buch eine Fortsetzung verdient. So wie die Leser älter werden, können auch die Buchhelden mit ihnen wachsen. Eine zweite Folge würde den schachlichen Inhalt vertiefen und anspruchsvoller machen. Das könnte man dann in eine Rahmenhandlung einbinden, bei der die Kinder (sowohl Pit, Tina und Atze als auch die Leser) Schachrätsel zu knacken haben und damit insgesamt eine spannende Aufgabe lösen (sei es ein Labyrinth zu erkunden, einen Schatz zu finden oder eine Prinzessin zu befreien – sorry für die Klischees).
Das würde Gutjahrs Ansatz abrunden und dem Buch ganz neue Chancen auf dem Markt eröffnen, ja vielleicht sogar ein neues Genre innerhalb der Schachliteratur für Kinder begründen. ♦

Axel Gutjahr: Schachspuk auf Ruine Rochenstein, Das spannende Schachbuch für Kinder, 144 Seiten, Heel Verlag, ISBN 978-3-96664-365-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kinder- und Jugend-Schach auch über Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids

… sowie über Circon Verlag: Schachtricks für Kinder (Lehrbuch)


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Axel Gutjahr: Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Computerschach: Komodo Dragon 3 bei Chessbase erschienen

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Ein Programm für alle Fälle

von Walter Eigenmann

Das moderne Computerschach kennt mittlerweile hunderte von verschiedenen Engines unterschiedlichster Spielstärke – und die stärksten unter ihnen würden mit WM Magnus Carlsen und seinen genialen Profi-Kollegen wohl umspringen wie mit Lehrlingen. Dabei handelt es sich zumeist um Freeware, darunter mit Stockfish auch die aktuelle Nummer-Eins. Seit langem ist diesem Platzhirschen – neben dem drittstärksten Programm LeelaChess – aber eine kommerzielle Engine dicht auf den Fersen: Komodo Dragon. Dessen jüngste, dritte Version wird nun ebenfalls – exakt ein Jahr nach Dragon 2 – von der Hamburger Schachsoftware-Firma Chessbase unter deren hauseigenem Interface „Fritz“ vertrieben.

Chessbase Komodo Dragon 3: PC-Schachprogramm mit neuronaler NetzwerktechnikDass die Komodo-Gründer bzw. -Programmierer Don Dailey (†), Larry Kaufman und Mark Lefler ihre erfolgreiche Engine nicht nur in Eigenregie verkaufen, sondern zusätzlich bei Chessbase unterkommen konnten, dürfte für beide Seiten eine Win-Win-Situation darstellen: Mit dem weltweit sehr erfolgreich vertriebenen „Fritz“-Interface (hier: die Version 18) kann der starke Motor unter eine professionelle Haube kriechen, während die Hamburger neben ihrer „klassischen“ Fritz-Engine noch ein zweites, extrem starkes Programm-Pferd im Stall haben.
Der Zukauf von kommerziellen Engines hat bei Chessbase jahrzehntelange Tradition: Von „ChessTiger“ und „Junior“ über „Hiarcs“, „Shredder“ und „Rybka“ bis hin zu jetzt „Komodo“ nahm CB immer wieder externe Programme bzw. Programmierer unter Vertrag – natürlich stets gleichzeitig mit seiner Hausmarke „Fritz“.

Neuer Wein in alten Schläuchen

Komodo Dragon 3 - Chessbase - Eröffnungsbildschirm - Mai 2022 - Schach-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Der Eröffnungsbildschirm des neuen Komodo Dragon 3 von Chessbase

Über das Graphical User Interface „Fritz“ in seiner aktuellsten Version haben wir bereits berichtet: Fritz 18. Die „Fritz“-Programmoberfläche ist seit Jahren – trotz eines gewissen Innovations-Staus, der bei den letzten Nummern zu beobachten war – der unangefochtene Leader unter allen kommerziellen GUI und bei den internationalen Schachprofis das meistverwendete Schachprogramm; beim Heer der Amateur- und Klubspieler ist „Fritz“ ohnehin seit Jahrzehnten fest etabliert als Analyse- und Datenbank-Werkzeug.
Die jüngste Komodo Version 3 von Chessbase übernimmt dieses Interface unverändert – „neuer Wein in alten Schläuchen“ also. Wenden wir uns dementsprechend der Engine selber zu.

Personalities für jeden Geschmack

Komodo Dragon 3 - Neun Schach-Personalities - Rezensionen Glarean Magazin
Die neun Personalities des Komodo Dragon 3

Nach der Installation der neuen Komodo-Ausgabe von Chessbase hat der Anwender plötzlich neun weitere Engines in seinem Programme-Ordner. Denn wie schon bei der Vorgänger-Version 2.6 diversifiziert auch Komodo-Dragon 3 seine Default-Engine in sog. „Personalities“.
Damit knüpfen die Macher des Schach-Warans – wenngleich in sehr viel geringerem Ausmaß – an das legendäre Schach-Paket „Chessmaster“ (1991-2007) an, das seinerzeit viele Dutzende solcher vorprogrammierter „Spieler-Persönlichkeiten“ für ein möglichst abwechslungsreiches Spiel des Users gegen das Programm mitlieferte und damit einen der wichtigsten Kaufanreize für diese damals weitverbreitete Software darstellte. (Ein weiteres, kostenloses Schachprogramm, bei dem die Personality unterschiedlich gewählt werden kann, ist z.B. Pro Deo von Ed Schröder. Zu nennen ist außerdem das spielstarke Stockfish-Derivat ShashChess mit mehreren solcher Personalites).

Vom Anfänger bis zum Weltmeister

Unter dem Chessbase-GUI konnten schon immer all jene, die „Fritz“ nicht zum Analysieren, sondern zum Selberspielen nutzen, die Engine-Stärke drosseln. Bei Komodo-Dragon wählt der Anwender nun fix programmierte Varianten aus, die da heißen: Dragon 3 (Default), Dragon Active, Dragon Aggressive, Dragon Beginner, Dragon Defensive, Dragon Endgame, Dragon Human, Dragon MCTS, Dragon Positional.

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Zitieren wir diesbezüglich hier kurz aus dem Beschrieb von Chessbase, wo die Programm-Macher festhalten, dass sich die Spielstärke bei Komodo Dragon 3 grundsätzlich „beliebig nach der gewünschten Elo-Stärke von 1 bis maximal 3500 einstellen“ lasse. „Die Elo-Werte beziehen sich dabei auf menschliches Spiel im Schnellschach und eignen sich z.B., um für ein ausgeglichenes Match zu sorgen. Denn bei reduzierter Spielstärke unterlaufen der Engine die Fehler, die von Menschen mit der eingestellten Wertungszahl zu erwarten sind.
Die Elo-Einstellungen von Komodo Dragon 3 sind gegen viele menschliche Spieler unterschiedlichster Spielstärke getestet und abgestimmt worden, insbesondere im GM-Bereich in zahlreichen Schnellschachpartien gegen GM Alex Lenderman, der zum Entwicklerteam von Komodo gehört.“


Exkurs: Die Personality „Endgame“

Welche der acht zusätzlichen Dragon-Personalities nun genau wie in welchem Schach-Segment spielt, müssten weitergehende Tests und Analysen zeigen. Der Autor hat sich bis jetzt mit zweien dieser Dragon-Derivate näher beschäftigen können, nämlich mit „Endgame“ und mit „Aggressive“.

Komodo-Dragon-3 - Optionen-Fenster - Endgame Einstellungen - Fritz18 - Glarean Magazin
Die „Endgame“-Einstellungen von Komodo-Dragon-3 unter Fritz-18, wie sie für das untenstehende Turnier benützt wurden

Performt die Personality Endgame tatsächlich besser als die Default-Einstellung? In einem Stellungstest mit 100 mittelschwierigen bis sehr schwierigen Endspiel-Aufgaben schnitt die „Endgame“-Option keineswegs besser ab – im Gegenteil. Das hat allerdings seinen Grund weniger in ihrer Endspiel-Performance als vielmehr in der Tatsache, dass bei Dragon nur „Default“ die starke NN-Bewertung nutzt, alle anderen Personalities nicht. Damit ist deren Spielstärke per se massiv gedrosselt. Näheres dazu findet sich in der offiziellen Readme-Datei von Komodo. (Das Problem bestand natürlich auch bei der Dragon-Einstellung „Aggressive“, welche im untenstehenden Turnier zum Einsatz kam und dort entsprechend schlecht abschnitt).

Trotzdem war es interessant, die Endspiel-Performance der entspr. Dragon-Personality zu untersuchen.
Das Ergebnis war allerdings ernüchternd: Zahlreiche Lösungen, die andere Spitzen-Engines innert 15 Sekunden entdeckten, schaffte diese Einstellung auch nach Minuten nicht. Umgekehrt kam es nur sehr selten vor, dass sie als einziges Programm eine Aufgabe löste.

Hier stellvertretend einige Stellungen, welche von den meisten Programmen in Sekunden gelöst werden, aber für „Endgame“ von Komodo-Dragon-3 eine Nummer zu hoch sind.
(Der Autor testete auf einem AMD-Ryzen-7 / 16Threads & 5-men-Syzygy). Ein Mausklick auf irgend einen Partie-Zug öffnet das entspr. Analyse-Fenster inkl. Download-Option:

Die obigen vier Stellungen sind natürlich nicht repräsentativ, umfangreichere Tests könnten andere, positivere Ergebnisse zeitigen.


Exkurs: Die Personality „Aggressive“

Eine weitere hochinteressante Dragon-„Persönlichkeit“ ist die Einstellung „Aggressive“. Aktuell dürfte es kein Programm des modernen Engine-Zirkus‘ geben, das nur annähernd so einfallsreich, so opferfreudig und so angriffslustig spielt wie diese Komodo-Personality.
Dabei ist die Gesamt-Turnier-Performance von „Aggressive“ haarsträubend schlecht – aus dem oben bereits erwähnten Grunde, und wie auch die Turnier-Tabelle unten dokumentiert, wo „Aggressive“ ohne einen einzigen Partien-Gewinn die Schlusslaterne trägt. „Aggressive“ – das bedeutet Angriffsschach zuweilen mit der Brechstange, und gegen derart starke Konkurrenz mit ihrer gnadenlos präzisen Verteidigungsarbeit, wie sie die modernen NN-Programme an den Tag legen, hat es solch „romantisches“ Schach einen schweren Stand.

Michael Tal - Schachweltmeister - Glarean Magazin
Weilt das legendäre Angriffs-Genie Michael Tal inkognito wieder unter uns – in Gestalt des Computerschach-Komodo-Warans „Dragon“?

Aber wer „Aggressive“-Partien näher untersucht, erlebt Thriller-Schach-Kino vom Feinsten! Es lohnt sich, wenigstens die entspr. Remis-Games nachzuspielen. Die Personality hat Material-Einstellungen und Stellungsbewertungen implentiert, die sie kompromisslos auf Angriff spielen lässt, wobei Bauern- und Figuren-Opfer quasi zur Pflicht gehören. Es ist, als wäre der legendäre Weltmeister Michael Tal wieder auferstanden – in der Form eines noch weitaus gefährlicheren Warans…

Hier einige Beispiele für diesen attraktiven Spiel-Stil – und zwar aus Partien, die trotz jeweiliger Materialdefizite unentschieden endeten (notabene gegen extrem starke NN-Engines):

„Aggressive“ kennt nur eine Richtung: Nach vorne. Dabei haben Raumgewinn, Linien- und Diagonalen-Öffnen inkl. Vorposten-Schaffung zwecks direktem Königsangriff absolut oberste Priorität, auch unter Bauern- und Figuren-Opfern.
In dem folgenden Bruderkrieg steckt Weiß gleich zwei Bauern ins Geschäft, nur um den Gegner am am freien Figurenspiel zu hindern bzw. den eigenen Raum-Radius zu vergrössern:

Die nächste Stellung entstand aus einem klassischen „Franzosen“. Auch hier benützt die Engine die erste beste Gelegenheit, von den ausgelatschten Eröffnungspfaden abzuweichen und den Gegner zu Erklärungen zu zwingen. Und auch diesmal gelingt es dem gegnerischen Programm nicht, diese Frechheiten mit einem Sieg zu bestrafen; die Partie endete später remis:

Die ganze Welt nimmt in der nachstehenden sizilianischen Standard-Stellung mit Weiß den Bauern auf d4 – für „Aggressive“ ist das viel zu langweilig. Erneut ist der Drang unübersehbar: Turbo-Entwicklung, um baldmöglichst gerüstet zu sein für den Angriff. In der Großmeister-Szene kommt 4. Ld3 natürlich nicht vor. Komodo-Dragon schreibt hier also Eröffnungs-Geschichte…


PGN-Download-Button
Download-Button im Analyse-Fenster

Der Mausklick auf einen Zug oder eine Variante in der Notation öffnet das entspr. Analyse-Fenster mit der Option des Downloadens als PGN-Datei.

Alternativ lassen sich die Stellungen hier nachspielen bzw. runterladen.

„Aggressive“ ist in erster Linie eine begnadete Gambit-Engine. Hier ein viertes Beispiel dieses unbekümmerten Kampf-Stils in einer selteneren Variante des Nordischen Gambits. Diesmal ist der Gegner die Nummer 2/3 der Welt – doch auch hier endete der Kampf des David (Alpha-Beta-Bewertung) gegen Goliath (NN-Bewertung) mit einem Remis. Romantik-Schach des 19. Jahrhunderts – mitten im Maschinen-Zeitalter des 21. Jahrhunderts…


Leichter Zugewinn an Spielstärke

Komodo Dragon 3 - Logo - Mai 2022 - Schach-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Seit Jahren der hartnäckigste Verfolger der Nummer Eins Stockfish: Der Komodo-Waran von komodo.chess

Natürlich interessiert primär mal die Default-Spielstärke der neuen Dragon-Engine. Komodo ist wie alle führenden modernen Schachmotoren eine sog. Neural-Network-Engine (NN), wobei sie ihr eigenes, natürlich programmiertechnisch speziell abgestimmtes Netzwerk „eingebettet“ mitbringt und dieses nicht wie die meisten anderen (z.B. Stockfish) extra downloaden muss; letzteres ist optional aber nach wie vor möglich.

Hinsichtlich Spielstärke hat Dragon 3 zugelegt – aber der Zugewinn ist überschaubar, wie die bisherigen Turnier-Resultate der einschlägigen Partien-Generatoren CCRL und CEGT ausweisen. (Auch das eigene Privat-Turnier des Autors – siehe unten – zeigt gegenüber Dragon 2.6 einen Zuwachs der Turnier-Performance in bescheidenstem Rahmen).
Unbestritten ist aber, dass der „Drachen“ der stärkste Konkurrent des „Fisches“ war und vorläufig auch bleiben wird, auch dies zeigen alle bisherigen Tests und Turniere mit dem jüngsten Komodo-Zuwachs:

CCRL - Chess Engines Rating Blitz - 25. May 2022
Dem Leader dicht auf den Fersen: Dragon 3 gelistet bei CCRL in der Blitz-Rating-Liste vom 25. Mai 2022
CEGT - Chess Engines Rating 40-20 - 25. May 2022
Merklich hinter Stockfish, knapp vor FatFritz und LeelaChess: Dragon 3 gelistet bei CEGT in der 40/20-Rating-Liste vom 25. Mai 2022

Komodo Dragon 3 und die Analyse

Interessanter als Ranglisten-Vergleiche ist allerdings das Untersuchen der Binnenstrukturen von Partien des neuen Dragon, aber auch das Verhalten der Engine beim Analysieren.
Um das Zweite vorwegzunehmen: Gerade hier zeigen sich die neuen computerschachlichen Ansätze unmittelbar, wie schon ein paar erste, aber repräsentative Test-Stellungen demonstrieren. (Die folgenden Ergebnisse wurden auf einem AMD-Ryzen-7 mit 16Threads, 2Gb Hash und 5-men-Syzygy-TB’s unter dem Interface Komodo-Dragon-3 von Chessbase erzielt):

Karjakin vs Carlsen (Shamkir 2019)
Schwarz am Zuge

Karjakin vs Carlsen - Shamkir 2019 - Schwarz am Zuge - 19... e4FEN: r3k2r/1pq1bpp1/p2p2n1/3Ppb1p/1QP4P/2N1B1P1/PP2BP2/R3K2R b KQkq – 0 19

Im Gegensatz zu seinem direkten Vorgänger Dragon 2.6.1 (und den meisten anderen Spitzen-Engines) findet der neue Dragon 3 den positionellen, die Inititative sichernden Bauernvorstoss 19. – e4! des amtierenden Weltmeisters in nullkomma-fast-null Sekunden.
Solche blitzschnellen Lösungen lassen meist darauf schließen, dass die Engine den betr. Stellungstypus „kennt“ und adäquat behandeln kann.

Feco vs Jones (Corr. Game 2017)
Schwarz am Zuge

Feco vs Jones - Correspondence Chess 2017 - Schwarz am Zuge - 29... Db6 (am)FEN: 4Qnk1/1pq4p/2p3p1/p2p1p1P/P2P1P2/2PB2P1/1P3K2/8 b – – 0 29

So wie Dragon 2.6.1 möchten sich hier praktisch alle starken Programme mit 29. – Db6? am weißen Bauern b2 delektieren, was aber den sicheren Tod des Schwarzen bedeutete.
Der neue „Drachen“ riecht den Braten recht schnell und sucht stattdessen den Damentausch mit Dd7 oder Df7. Denn am Damenflügel kann Schwarz zwar seinem Materialismus frönen, doch auf der anderen Brettseite geht’s seinem König an den Kragen…

R. Becker (Studie 2015)
Weiß am Zuge

R. Becker Studie - Weiss am Zuge - 1. Dd3FEN: 8/p2p4/r7/1k6/8/pK5Q/P7/b7 w – – 0 1

Nur wenige Spitzen-Programme lösen die obige Studien-Aufgabe innert Sekunden, indem sie sofort in die erforderliche Tiefe von mind. 30 Halbzügen (!) kommen. Komodo-Dragon 3 holt hier den Lösungszug 1. Dd3! unverzüglich auf den Bildschirm, seine Konkurrenten lassen sich demgegenüber teils über eine halbe Minute Zeit.


 

Die vier Stellungen und
Analysen lassen sich
hier downloaden.

Cvak vs Kubicki (Corr.-Analyse)
Weiß am Zuge

Cvak vs Kubicki - Correspondence Chess 2019 (Analyse) - Weiss am Zuge - 31. Lxc51rb1r3/5qk1/3b2p1/1pnPp1Pp/2P1Bp2/pP6/P2NQB1P/1KR3R1 w – – 0 31

In dieser komplexen Mittelspiel-Stellung steht Weiß mit dem Rücken zur Wand, denn er hat genau einen Rettungsanker, der die Partie knapp hält: 31. Lxc5!
Die meisten Engines würden hier mit 31.cxb5? sang- und klanglos untergehen – nicht so Dragon 3. Nach ca. 10 Sekunden „weiß“ der neue „Drachen“, dass nur der Figuren-Abtausch entlastet.
Überhaupt fällt beim Analysieren von Dragon-3-Partien auf, wie hartnäckig das Programm schlechte Stellungen zu verteidigen vermag. Insbesondere Fernschach-Spieler dürften diese Qualität des jüngsten Komodo besonders zu schätzen wissen…

Dragon 3 gegen den Rest der Engine-Welt

Das Analysieren von eigenen oder fremden Games gehört bei Schachspielern (gleich welcher Stärkeklasse) ohne Zweifel zum Hauptverwendungszweck von Schachprogrammen, sei es zum Aufspüren von Fehlern oder zum Trainieren des Eröffnungsrepertoire. Dieser Zielsetzung trägt Chessbase Rechnung, indem neben der neuen Engine und dem zugehörigen Interface auch eine Sammlung von über einer Million Partien mitgeliefert wird. Die „Database 2022“ enthält dabei auch tausende von Games, die professionell von Großmeistern kommentiert wurden. Die jüngste Partie der Datenbank datiert vom 20. Oktober 2021, die älteste ist eine Begegnung zwischen Bird und Anderssen aus dem Jahre 1851.

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In spezifischen Computerschach-Kreisen ist eine weitere Spielwiese für Engines verbreitet (allerdings weniger aus schachlichen denn aus statistischen Gründen): Das automatisierte Ausspielen von Engine-Partien. Die so generierten Games zwischen Motoren untereinander sollen Aufschluss geben über die Gesamt-Performance eines Programmes, wobei meist mehr oder weniger ausgeklügelte „Opening-Books“ sowie 5-7-Steiner-Endgame-Tablebases zum Einsatz kommen. Die beiden wichtigsten dieser Partien-Ersteller CCRL und CEGT wurden oben bereits erwähnt, zahlreiche weitere private Engine-Turniere werden laufend von der weltweiten Anwenderschaft generiert.

Turnier mit 16 Top-Engines

Der Autor hat unter der Komodo-3-Grafikoberfläche von Chessbase ebenfalls ein solches kleines Engine-Turnier aufgesetzt für 16 der besten und häufigst verwendeten Schachmotoren, die aktuell den Engine-Zirkus bevölkern. Generiert wurden dabei insgesamt knapp 500 Partien mit der offiziellen Blitz-Bedenkzeit der FIDE von 3 Min. + 2 Sek. (= Hauptspielzeit plus Zeitbonus pro Zug).
Dies allerdings mit zwei eher selten angewendeten Optionen: Erstens wurde komplett verzichtet auf den Einsatz von Eröffnungsbüchern, um den Engines nicht vorzuschreiben, welche Eröffnungszüge sie spielen sollen. Und zweitens hatten die Programme keinerlei Endspiel-Datenbanken zur Verfügung, damit bei der späteren Partien-Analyse die eigentliche Performance einer Engine auch in dieser Spielphase objektiver untersucht werden kann. Drittens durften die Engines – via die Turnier-Option „Pondering“ – auch dann rechnen, wenn sie nicht am Zuge waren; dies ist das „natürlichste“ Verhalten beim Schachspielen…

Download-Button Turnier-Partien

Detailliert sah das Tournament Setting
folgendermaßen aus:

  • Hardware: AMD Ryzen 7 2700x ( 8CPU / 16Threads )
  • Software: Fritz 18 (Chessbase)
  • 16 Engines ( Je 4 Threads / 1024 Mb Hash )
  • Time Controlling: 3min + 2sec
  • Round Robin: 4 games each against each other
  • Opening Books: No
  • Endgame Tablebases: No
  • Pondering: Yes
  • Total Games: 480
  • Duplicated Games: 0
  • LeelaChess-Network: 783328 ( 2 Threads / RTX 2080)

Natürlich ist dieses Engine-Turnier mit seinen knapp 500 Partien statistisch nicht belastbar, trotzdem entspricht sein Ranking ziemlich genau jenen Ranglisten, die ein Vielfaches an Games pro Engine ausspielen lassen:

Top Engines - 3+2 - Turnier-Tabelle (neu)
Das Turnier der 16 Top-Engines ohne Eröffnungsbücher und Endspiel-Datenbanken

Die Liste zeigt das nunmehr schon seit vielen Monaten bekannte Bild mit dem führenden Triumvirat Stockfish/LeelaChess/Komodo, wobei die Plätze Zwei und Drei immer mal wieder wechseln können zwischen LeelaChess und Dragon. Zieht man zum Vergleich die zahlreich existierenden, diversen Computerschach-Rankings im Internet hinzu, zeigt sich ziemlich deutlich, dass sich Komodo meist auf dem Silber-Podest einreiht.

Interessant ist, dass dieses Turnier keine einzige Partie-Doublette generierte, obwohl keinerlei Opening Books im Spiel waren, die das Eröffnungsverhalten der Motoren gespreizt hätten. Trotzdem verzeichnet die Eröffnungs-Palette einen überraschend weiten ECO-Range:

Trotz fehlenden Eröffnungsbüchern: Ein überraschender Range der ECO-Codes ohne Partien-Dubletten
Trotz fehlenden Eröffnungsbüchern: Ein überraschend weiter Range der ECO-Codes, außerdem ohne Partien-Dubletten

Auch hinsichtlich Endspiel entsprechen die 480 Partien in etwa jenen Häufigkeiten, wie sie sich im Computer- wie im Human-Schach zeigen. Und auch hier machen die reinen Turm-Endspiele die größte und wichtigste Kategorie aus:

Top Engines - 3+2 - Endspiele-Statistik
Alle Engines mussten ihre Endspiel-Performance ohne Endgame-Tablebases demonstrieren

Ein Schachpaket für alle Fälle

Ist Komodo-Dragon-3 aus dem Hause Chessbase ein Must-have für Schachspieler? Unbedingt – sofern man nicht zumindest schon das Fritz-18 oder -17-GUI hat und außerdem mal nicht immer bloß den gleichen Einheitsbrei von Stockfish & Co. aus dem Netz runterladen möchte.
Denn Dragon 3 hat ein deutlich anderes Spiel- und Analyse-Verhalten als alle anderen NN-Engines, beweist aber trotzdem immer wieder eine extrem starke Turnier-Performance. Damit ist dieser dritte „Drachen“ ein echtes Gegen-Programm zum üblichen Freeware-Kuchen mit seinen aberdutzenden von Derivaten und Klonen, die sich inzestiös oft nur in winzigsten Kleinigkeiten unterscheiden.
Chessbase rundet sein jüngstes Komodo-Paket außerdem ab mit einer großen Partien-Datenbank sowie einem 6-monatigen Premium-Account mit Zugang zu den bekannten CB-Online-Services.

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Natürlich empfiehlt sich der Kauf weniger für jene, die F17 oder F18 bereits besitzen und somit die Dragon-3-Engine durchaus direkt bei den Komodo-Machern kaufen und dann einbinden können. Allerdings ist der Preis-Unterschied minim: Bei Amazon z.B. kostet die Chessbase-DVD 74 Euro, während die Programmierer auf ihrer Komodo-Webseite 75 Dollar, also ca. 70 Euro für die nackte Engine verlangen. Rechnet man bei CB noch ein paar Euro für den DVD-Versand hinzu, ist der pure Engine-Download günstiger – aber einbezogen werden sollten bei CB noch die kostenlosen Goodies Premium-Account & Database 2022.

Wie auch immer: Komodo-Dragon-3 zählt nicht nur zu den aktuell stärksten Schachprogrammen überhaupt, sondern setzt dem bunten Engine-Zirkus den vielleicht glänzendsten, weil schachlich und programmiertechnisch sehr alternativ auftrumpfenden Farbtupfer hinzu.
Der neue „Drachen“ 3.0 wird damit zum vielfältig einsetzbaren Analyse- und Sparring-Werkzeug – ein Schachpaket also für alle Fälle. ♦

Chessbase: Komodo Dragon 3 & Fritz 18 GUI – Schachsoftware by Chessbase Hamburg, DVD oder Download

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachsoftware auch über Vasily Smyslov – Master Class Band 14 (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Computerschach: The Engine Crackers


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Computerschach: Komodo Dragon 3 bei Chessbase erschienen

Martin Breutigam: Damen an die Macht (Schach-Kolumnen)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Rätsel und Geschichten

von Thomas Binder

„Damen an die Macht“ des Bremer Internationalen Meisters Martin Breutigam vereint 160 Schachkolumnen aus der Tagespresse in den Jahren 2014 bis 2021. Im Mittelpunkt steht das Vorstellen prägender Personen der aktuellen Schachszene. Aber auch in entlegenere Winkel des Schachuniversums wird der Leser geführt. Insgesamt eine lockere und anregende Lektüre – und eine Kaufempfehlung vor allem als Geschenk für Schachbegeisterte unabhängig von Alter und Spielstärke.

Martin Breutigam: Damen an die Macht - Schach-GeschichtenDem deutschen Schachjournalisten Martin Breutigam kommt das unschätzbare Verdienst zu, eine vom Aussterben bedrohte Gattung zu bewahren: Die historisch so wichtige Schachkolumne in Tageszeitungen. Nach den Ausgaben „Todesküsse am Brett“ von 2010 und „Himmlische Züge“ (2014) legt er nun mit „Damen an die Macht“ im gleichen Verlag erneut eine rückblickende Sammlung seiner Beiträge für den Berliner „Tagesspiegel“ und den Bremer „Weser-Kurier“ vor. Wie chronologisch nicht anders zu erwarten, umspannt diese Ausgabe nun die Jahre 2015 bis 2021.

Reise zu den Schach-Höhepunkten

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Martin Breutigam lädt uns also zu einer Reise zu den Schachhöhepunkten dieser so bewegten Jahre ein. Wir sind zu Gast bei Weltmeisterschaften und Top-Turnieren. In unserer schnelllebigen Zeit war in meiner Erinnerung vieles davon schon verblasst. Carlsens spektakuläres (wenn auch taktisch eher einfaches) Damenopfer zum Abschluss der WM 2016 hatte ich längst vergessen.
So entfaltet sich vor uns ein Kaleidoskop schachlicher Schlaglichter auf einen gerade noch überschaubaren Zeitraum. Absicht oder nicht – am Anfang und am Ende steht der neue deutsche Schachstern Vincent Keymer: Auf Seite 8 darf der 10-Jährige erstmals die Deutsche Meisterschaft der Männer mitspielen, auf Seite 191 ist der 16jährige jetzt Vize-Europameister.
Dazwischen ziehen viele berühmte Namen an uns vorbei, praktisch alle Weltklassespieler haben in diesen sieben Jahren Spuren hinterlassen und sich eine Breutigam-Kolumne verdient.

Entlegenste Winkel

Martin Breutigam - Damen an die Macht - Leseprobe - Beispielseite - Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus Martin Breutigam: Damen an die Macht

Breutigam führt uns aber auch immer wieder in die entlegensten Winkel des Schach-Universums. So stellt er Leonard Barden vor, den Nestor des englischen Schachjournalismus, der eine „Morphy-Zahl“ von 3 besitzt, was bedeutet, dass er nur zwei Zwischenschritte braucht, um sich über reguläre Turnierpartien mit dem amerikanischen Schachstar des vorletzten Jahrhunderts zu verknüpfen.
In anderen Medien und in einer ganz anderen Generation leistet der Amerikaner Maurice Ashley ähnlich Verdienstvolles für die Popularisierung des königlichen Spiels, auch ihm ist eine Kolumne gewidmet. Auch eine Partie von Bahnvorstand Richard Lutz – in seiner Jugend einer der talentiertesten deutschen Schachspieler – wird vorgestellt.
Der gedankliche Horizont, den Martin Breutigam seinem Leser bietet, reicht sehr weit. Immer wieder bezieht er Haltung, indem er Menschen vorstellt, die am Schachbrett und darüber hinaus Haltung bezogen haben. Sei es aktuell im Konflikt mit politischer oder religiöser Bevormundung – der Name Alireza Firouzja sei stellvertretend in den Ring geworfen. Sei es in der Vergangenheit, wo der Autor Geschichten findet, an denen man bisher vorbei gegangen ist – so die des niederländischen Widerstandskämpfers, Reformpädagogen und Schachspielers Johan van Hulst. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen, fast jede der 160 Kolumnen bietet bemerkenswerte Details, neue Einsichten und Anstöße zum Weiterdenken.

Deutlicher Bezug zum Frauenschach

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Der Buchtitel „Damen an die Macht“ ist offenbar insofern Programm, als Bezüge zum Frauenschach deutlich stärker präsent sind, als man sie sonst im Schachalltag und in der Schachpresse wahrnimmt. Das kann kaum Zufall sein, sondern zeigt wohl Breutigams geschärften Blick für die Belange des oft so unterrepräsentierten Geschlechts.
Jede Kolumne kommt mit einer Buchseite aus, die fast zur Hälfte von einem Stellungsdiagramm eingenommen wird. Dann folgt der inhaltliche Text und zum Schluss ganz knapp der Verweis auf die abgebildete Partie mit der Aufforderung die geniale Fortsetzung zu ergründen. Einige wohldosierte ganzseitige Fotos runden den auch äußerlich guten Eindruck ab.
Da es sich nicht primär um ein Lehrbuch handelt, sind freilich die Partiefragmente eher gedacht als unterhaltendes Beiwerk. Die Erläuterung im (kleingedruckten und kopfstehenden) Lösungstext ist entsprechend kurz. Das Buch hat eine andere Zielstellung, als uns schachlich voran zu bringen. Obwohl die Anordnung der Lösung am Fuß der Seite ein ungewolltes Erhaschen der Lösung kaum zulässt, habe ich mich jedenfalls nicht lange mit dem Lösen der Schachrätsel aufgehalten, sondern die kommentierte Zugfolge lieber quasi als Fortsetzung des Haupttextes gelesen.

Perfekte Präsentation von Lesehappen

Vielseitiger und sachkundiger Schach-Autor: Martin Breutigam (Geb. 1965 in Bremen))
Vielseitiger und sachkundiger Schach-Autor: Martin Breutigam (Geb. 1965 in Bremen)

Die wohldurchdachte Auswahl und die perfekte Präsentation in kleinen Lesehappen machen das Buch zu einer willkommenen Lektüre in Bus und Bahn oder bei Wartezeiten. Insofern würde ich auch die Kaufempfehlung aussprechen: „Damen an die Macht“ ist kein Buch mit Lerneffekt, sondern ein reines Lesebuch. Gerade für Menschen, die sich – auf welchem Level auch immer – für Schach begeistern und dabei über den Tellerrand der 64 Felder hinweg schauen, dürfte das vorliegende Taschenbuch ein sehr willkommenes Geschenk sein.
Was wünscht sich der Rezensent noch? Vielleicht könnte man jedem Artikel das Datum der Erstveröffentlichung beigeben. Immerhin steht im Seitenkopf das Jahr, aber die zeitbezogenen Textpassagen wie „neulich“ und „vor einigen Wochen“ verwirren beim Lesen schon etwas. Noch besser wäre es natürlich in manchen Fällen, wenn der Autor seinen Kolumnen einen aktuellen Kurzkommentar beifügen würde, wenn sich inzwischen neue Entwicklungen ergeben haben. Eine solche Ergänzung authentischer Zeitzeugnisse mit dem wissenden Rückblick würde ich als ungemein reizvoll empfinden – auch wenn es dann ein ganz anderes Buch wird. ♦

Martin Breutigam: Damen an die Macht, Rätsel und Geschichten aus der Welt des Schachs, Die Werkstatt Verlag, 192 Seiten, ISBN 9783-0596-0087-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachkolumnen auch über F. Zavatarelli u.a: Feuilletons von Ignaz Kolisch

… sowie zum Thema Frauenschach: Frauen-Schach-Weltmeisterschaft 2020

Martin Breutigam: Damen an die Macht (Schach-Kolumnen)

Workshop Computerschach: Das Such-Tool AGS

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Gesucht: Opfer-Partien

von Stefan Pohl

Profi-Schachspieler, seien sie nun Turnierkämpfer oder Trainer, nutzen vielfach auch entspr. Profi-Datenbanken, um gezielt nach bestimmten Partien mit klar definierten Eigenschaften zu suchen. Solche professionellen und teuren Werkzeuge sind beispielsweise Chessbase oder (etwas kostengünstiger) Chess-Assistant. Auch das Freeware-Programm Scid hat recht vielfältige Such-Funktionen.
Doch für das millionenfache Heer der Hobby-, Laien- oder/und Vereinsspieler täte es meist auch eine schmaler konzipierte Gratis-Software, um in grösseren Datenbanken mit (-zig tausenden Partien), erfasst im sog. PGN-Datenformat, nach interessanten, „aggressiven“ Games zu fahnden. Der deutsche Computerschach-Experte Stefan Pohl hat nun genau dafür ein neues Programm geschrieben, das diesen Job blitzschnell erledigt. Hier stellt er seine „Aggressive Games Search Tools“ AGS erstmals der deutschsprachigen Schachwelt vor.

Da in der heutigen Zeit immer mehr Partien gespielt werden, sowohl von Menschen (entweder online oder dann in den zahllosen Turniersälen) als auch von Schach-Engines gegeneinander, habe ich zwei einfache Tools geschrieben, die automatisiert in beliebigen PGN-Datenbanken nach interessanten (Opfer-)Partien suchen.
Denn besonders Engine-Partien können oft langweilig sein: Sie werden zwar auf einem enorm hohen schachlichen Niveau gespielt, sind aber – auch deswegen – meist recht steril. Viele Partien gehen remis aus, und die Gewinnpartien werden oft erst nach zähem Ringen (letzlich mit minimalsten Vorteilen) im Endspiel entschieden.

Dennoch gibt es natürlich interessante, taktisch spannende Partien – doch diese sind oft tief „begraben“ in riesigen Datenbanken und müssen extra recherchiert werden. Denn nur nach kurzen Gewinnpartien zu suchen reicht hier keinesfalls aus; Oft ergibt sich zwar ein interessanter Verlauf des Mittelspiels, aber bis der Vorteil, den eine Seite erlangt hat, dann wirklich partieentscheidend verwertet werden kann, dauert es oft noch viele Züge. Außerdem: Werden Engine-Partien bis zum Matt (oder technischem Remis) ausgespielt, kann es sowieso lange dauern, bis ein im Mittelspiel errungener Vorteil wirklich zum Matt verwertet wird.

Recherche in den Datenbanken

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Daher habe ich meine Aggressive Games Search Tools (im folgenden kurz AGS) entwickelt, die dieses Problem lösen sollen.
Zunächst gibt es ein Tool, das in allen Gewinnpartien bis zu einer vom User bestimmten Maximal-Zuglänge nach vorgerückten Figuren (der Sieger-Seite) im gegnerischen Lager sucht.
Ein Beispiel: Gewinnt Weiß eine Partie, so sucht das Tool zwischen dem 15. und dem 60. Zug nach weißen Figuren (Dame, Turm, Läufer, Springer) im schwarzen Lager auf der 6./7./8. Reihe. Dies muß mindestens drei Mal der Fall sein, und die betr. Figur darf nicht sofort abgetauscht werden (ein simpler Damen-Tausch auf d8 beispielsweise wäre ja nicht besonders „aggressiv“). Zudem muss sich die Partie noch im Mittelspiel befinden. Letzteres wird über die Materialmenge entschieden: Es müssen noch mindestens Dame, beide Türme und eine Leichtfigur plus mind. vier Bauern pro Seite vorhanden sein – oder dann auch Dame, ein Turm und zwei Leichtfiguren plus mind. vier Bauern pro Seite. Zuvor sucht das Tool nach Opfern, also nach einem mindestens 5 Züge andauernden Materialvorteil im Mittelspiel für jene Seite, welche die Partie schlußendlich verliert (bei nur einem Bauern Vorteil sieben Züge).

Drei Optionen der Suche

Bei dieser Opfersuche kann der User aus drei Optionen wählen:
Startet man das Tool Aggressive_Games_Search_tool.bat, wird zunächst nach dem Namen der PGN-Datei gefragt; anschließend nach der Art der gewünschten Opfersuche:
1= alle Opfer suchen (der Partieverlierer hat für mindestens sieben aufeinanderfolgende Züge im Mittelspiel mindestens einen Bauern mehr)
2= Zwei-Bauern-Opfer suchen (der Partieverlierer hat für mindestens fünf aufeinanderfolgende Züge im Mittelspiel mindestens zwei Bauerneinheiten mehr)
3= wie Option 2, aber die zwei Bauerneinheiten mehr dürfen keine zwei Bauern sein (sondern z.B. der Qualitätsvorsprung Turm für Springer)

AGS-Tool - Stefan Pohl - Computerschach - Februar 2022
Konsolen- und Text-orientiert unter Windows, aber extrem schnell: Die Turbo-Variante des Tools AGS von Stefan Pohl

Es ist klar, dass mehr Partien gefunden werden, wenn man Option 1 nutzt. Die wenigsten Partien ergeben sich mit Option 3, diese sind dann dafür auch auch sehr spektakulär.
Abschließend fragt das Tool noch nach der maximalen Zuglänge der Gewinnpartien in der zu untersuchenden PGN-Datenbank, danach startet das Tool. Je höher die maximale Zuglänge, desto mehr Partien werden logischerweise untersucht und damit auch mehr Partien gefunden. Für Mensch-Partien reicht eine Zuglänge von 80 aus, bei Engine-Partien würde ich 100 empfehlen, v.a. wenn die Engines bis zum Matt spielen mußten; dann können auch höhere Partielängen sinnvoll sein. Für eine komplette Untersuchung aller Gewinnpartien gibt man 250 als Maximallänge ein.

Aggressive Games mit und ohne Opfer

Computerschach-Freund und AGS-Programmierer: Stefan Pohl
Computerschach-Freund und AGS-Programmierer: Stefan Pohl

Ist das Tool mit seiner Suche fertig, ertönt eine kurze Tonfolge, und die gefundenen Partien werden in zwei zusätzlichen PGN-Dateien abgelegt, genannt: „aggressive_no_sacrifices.pgn“ sowie „aggressive_with_sacrifices.pgn“. Wobei in der ersten Datei die „Treffer“ der Suche nach ins gegnerische Feld vorgerückten Sieger-Figuren abgespeichert werden, und in der zweiten Datei dann die Opfer-Partien.
Dabei ist zu beachten, dass es keine sog. Doubletten (also identische Partien) geben kann, denn das AGS-Tool sucht immer zunächst nach Opfern in einer Partie. Nur, wenn keines gefunden wird, wird die Suche nach Figuren der Siegerfarbe vorgerückt im gegnerischen Lager, überhaupt gestartet.

AGS gegen Chessbase

Die Suche nach ins gegnerische Lager vorgerückten Figuren des Siegers ist sehr aufwändig und darum leider eher langsam. (Hier ist das Tool daher nicht schneller als z.B. die Opfersuche in „Chessbase“). Auf einem normalen PC kann man mit einer Ausbeute von ca. 3-5 Partien pro Sekunde bzw. ca. 200-300 pro Minute rechnen.
Aus diesem Grund habe ich eine weitere Version des Tools geschrieben, die auf eine Suche nach ins gegnerische Lager vorgerückten Figuren des Siegers verzichtet und nur nach Opfern sucht:“ AGS_Sacrifices_Only_Turbo.bat“. Dieses Tool sucht also ausschließlich nach Opfern, wobei die Eingaben des Users identisch zu denen des originalen AGS-Tools sind (s.o.).
Diese „reine“ Opfersuche ist um ein Vielfaches schneller und erlaubt daher auch das Durchsuchen von extrem großen Datenbanken in kürzester Zeit. Ich habe testweise eine Datenbank meiner SPCC-Rangliste mit 185000 Partien durchlaufen lassen; Das dauerte nur ca. drei Minuten, das Tool schaffte also ca. 1000 Partien pro Sekunde (!).
Das AGS-Turbo-Tool schreibt die gefundenen Opferpartien in die Datei „games_with_sacrifices.pgn“. Allerdings sind in dieser Datei zunächst alle Partien mit Weißsiegen abgelegt, danach alle Schwarzsiege. Dies war nötig, um die Geschwindkeit des Tools nicht zu beeinträchtigen.

Auch für alle, die auf die komfortable Opfersuche in ChessBase nicht verzichten wollen, bietet das schnelle AGS-TurboTool einen praktischen Nutzen, da man mit seiner Hilfe größere Datenbanken sehr schnell vorfiltern kann. Mit der Suchoption 1 und einer hohen Partiemaximallänge filtert das Tool sehr schnell ca. 5-8 Prozent potentiell interessante Partien aus. Mit dieser um 92%-95% geschrumpften Ergebnis-Datenbank kann man dann wiederum die sehr differenzierte ChessBase-Opfersuche starten.

Die Basis: Das Tool PGN-Extract

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Meine AGS-Tools nutzen für alle wesentlichen Funktionen das sehr mächtige Freeware-Tool pgn-extract des englischen Programmierers David J. Barnes. Dieses befindet sich, wie auch die Figurenverteilungsmuster zur Opfererkennung im bin-Ordner des Downloads. Dort werden auch temporäre Dateien während des Suchprozesses der Tools angelegt (und wieder gelöscht). Der bat-Ordner darf daher nicht wegbewegt oder sein Inhalt verändert oder schreibgeschützt werden. Auch ein mehrfaches Starten der Tools zu selben Zeit geht nur, wenn man den kompletten AGS-Ordner kopiert, so dass jedes der laufenden Tools einen eigenen bin-Ordner bekommt, ansonsten gibt es Datei-Kollisionen.
Wie bei allen Batch-Tools unter Windows gilt: In das schwarze Fenster, in dem sie laufen, darf man nicht mit der Maus hineinklicken, sonst friert das Programm ein. Dies ist ein Problem von Windows, es läßt sich nicht vermeiden…

Eine echte Innovation

Ich meine, dass insbesondere das AGS-Turbo-Tool, das nur nach Opfern sucht, eine echte Innovation darstellt. Denn es war bisher schlicht nicht möglich, Partiedatenbanken mit so hoher Geschwindigkeit nach Opfern zu durchsuchen. Die Opfersuche an sich war bisher v.a. unter ChessBase bekannt, dort ist sie aber sehr viel langsamer. Zwar lassen sich dort auch deutlich mehr spezielle Suchparameter und Stellungsmuster nutzen, aber leider nur mit geringer Suchgeschwindigkeit. Eine wirklich schnelle Opfersuche, um auch große Partiedatenbanken in annehmbarer Zeit zu durchsuchen, gab es bisher schlicht nicht.
Dieses neuartige AGS-Turbo-Tool hat zumindest für mich schon eine neue Erkenntnis erbracht, nämlich die, dass es im modernen Engine-Schach weit öfter Opferpartien, also Siege nach Materialnachteil gibt, als ich das vermutet hatte. Selbst wenn man eine Engine-Partiedatenbank mit dem Turbo-Tool und Option 3 durchsucht, also nur nach wirklich spektakulären Opfern, werden mehr Partien gefunden, als ich jemals gedacht hätte. Ein 7000 Partien Testrun von Stockfish für meine SPCC-Rangliste ergab selbst mit Suchoption 3 noch knapp 200 Partien.

Stockfish: Trotz Materialnachteile zum Sieg

Das finde ich wirklich sehr erstaunlich. Denn eigentlich nimmt man ja an, dass gerade die extrem starke Engine Stockfish gegen schwächere Gegner gewinnt, indem sie nach und nach Materalvorteil erringt und daraus dann in den Partiegewinn abwickelt. Dass aber Stockfish derart häufig sogar deutlichen Materialnachteil in einen Sieg verwandelt, hat mich völlig verblüfft. Engine-Schach der Spitzenklasse ist also doch interessanter und spektakulärer, als es seine zahllosen Remis-Ergebnisse in den entspr. Turnieren vermuten lassen. Vorausgesetzt eben, diese wirklich interessanten Partien werden aus einer riesigen Menge von Partien herausgefiltert. Dank des kostenlosen AGS Turbo-Tools ist das jetzt einfach und schnell für jeden Schachspieler möglich. ♦

Download Aggressive Game Search Tool

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Computer-Schach auch: Die besten Engines der Welt (2)

Workshop Computerschach: Das Such-Tool AGS

Gennadi Sosonko: Genna Remembers (Schach-Erinnerungen)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Spannende Schach-Geschichte(n)

von Thomas Binder

Gennadi Sosonko schildert in „Genna Remembers“ vor allem die Lebensgeschichten von (vorwiegend sowjetischen) Schachmeistern, denen er in seinem Leben dies- und jenseits des „Eisernen Vorhangs“ begegnet ist. So entstehen farbige Lebensbilder, die uns bekannte und weniger bekannte Personen der Schachszene mit ihren Stärken und Schwächen näher bringen.

Gennadi Sosonko: Genna RemembersGroßmeister Gennadi Sosonko war einer der ersten sowjetischen Schachspieler, die in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges einen Turnieraufenthalt nutzten, im Westen zu bleiben. War er in der UdSSR einer unter vielen, gehörte er später in seiner holländischen Wahlheimat lange zur nationalen Spitze, vertrat die Niederlande z.B. bei elf Schacholympiaden.

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere hat es sich „Genna“ zur Aufgabe gemacht, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen und die Eindrücke jener Zeit für die Nachwelt zu erhalten. Mit „Genna Remembers“ liegt nunmehr bereits das fünfte Werk dieser Art vor. Dabei von einer Autobiographie zu sprechen, wäre zu knapp gefasst. Sosonko berichtet zwar sehr wohl „aus erster Hand“, also aus eigenem Erleben – er bleibt aber immer nur Randfigur und stellt andere Persönlichkeiten in den Mittelpunkt.

Hervorragend in der Szene vernetzt

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Um es vorweg zu nehmen: Die Lektüre von „Genna Remembers“ hat bei mir den Wunsch geweckt, nach und nach die vier vorherigen Titel lesen zu wollen.
Sosonko ist offenbar hervorragend in der Schachszene vernetzt – gleichermaßen unter den in den Westen emigrierten Meistern, wie unter jenen, die in der Sowjetunion verblieben waren. Seine persönliche Integrität und Menschenkenntnis eröffnet ihm detaillierte Einblicke in die Lebensgeschichte seiner Gesprächspartner, die er stets mit einem gesunden Maß von Nähe und Distanz aufbereitet. Selbst dort, wo die Nachrichten nicht ganz so schmeichelhaft sind – es soll auch Schachgroßmeister mit Alkoholproblemen geben – bleibt er immer würdevoll, wird nie verletzend oder bloßstellend. Dabei profitiert unser Autor davon, dass er sowohl die schachliche als auch die alltägliche Lebenswirklichkeit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs kennengelernt hat.

Umfassendes Wissen

Gennadi Sosonko - Genna Remembers - Beispiel-Seite - Thinkers Publishing - Rezension Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus „Genna Remembers“ von Gennadi Sosonko (S. 196)

Eine (wohl unfreiwillige) Dokumentation seines Ansehens wie seines umfassenden Wissens enthüllt die folgende kleine Anekdote:
Die sowjetischen Großmeister wurden auf Auslandsreisen von einem „Aufpasser“ des Geheimdienstes KGB begleitet. Beim Bankett nach einem Turnier näherte sich der große Andor Lilienthal diesem Mann: „Ich denke, ich bin hier mit jedermann bekannt, außer – entschuldigen Sie – mit Ihnen. Sind Sie ein Großmeister?“
Der KGB-Major antwortete: „Warum fragen Sie nicht Genna? Er hat schon darüber geschrieben. Er wird mich kennen.“
Selten ist wohl ein Sowjet-Dissident vom KGB selbst so geadelt worden…

Breites Spektrum bekannter Namen

Entspannte Sowjet-Protagonisten im amerikanischen Exil: Alburt, Gulko, Shamkovich (New York 1988)
Entspannte Sowjet-Protagonisten im amerikanischen Exil: Alburt, Gulko, Shamkovich (New York 1988)

Im Mittelpunkt der 15 Kapitel steht meist eine einzelne Persönlichkeit. Einige Beispiele sollen zeigen aus welchem breiten Spektrum bekannter bzw. weniger bekannter Namen hier geschöpft wird:
• Igor Iwanow (1947 – 2005), der sich 1980 nach Kanada absetzte
• Leonid Schamkowitsch (1923 – 2005), seit 1974 im Westen
• Arnfried Pagel (gest. 2015), umtriebiger niederländischer Schachmäzen
• Sergej Nikolajew (1961 – 2007), jakutischer Schachmeister und Unternehmer, 2007 ermordet
• Juri Rasuwajew (1945 – 2012)
• Wiktor Kupreitschik (1949 – 2017)
• Mark Taimanow (1926 – 2016)

Sosonko stellt uns diese und weitere Personen in facettenreichen Porträts vor, meist aus unmittelbar erlebtem Kontakt und angereichert mit vielen kleinen Geschichten. So entsteht vor uns ein lebendiges Bild vom ganzen Wesen dieser Schachspieler mit all ihren Stärken und Schwächen – viel besser, als es eine auf Vollständigkeit bedachte Biographie leisten könnte. Die rein schach-sportlichen Aspekte treten dabei zurück, Turnierergebnisse werden nur am Rande gestreift, wo sie das Geschehen direkt beeinflussen. Partiefragmente sind sehr selten. Sie werden wirksam präsentiert, aber schachanalytisch nur sparsam kommentiert. Selbst hier tritt der Schachspieler hinter den Menschen zurück.

Vor dem Vergessen bewahrt

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Gennadi Sosonko selbst nimmt sich nicht so wichtig. Dennoch entrollt sich aus den vorgestellten Geschichten natürlich ganz nebenbei ein Lebensbild des Autors. Das ist ein zusätzlicher Gewinn, den man aus der Lektüre zieht: Man fühlt sich nicht nur den Porträtierten verbunden, sondern auch dem, der sie für uns vor dem Vergessen bewahrt.
Zwei Highlights mit direktem Bezug zu Sosonko möchte ich erwähnen: Er hat wohl das einzige Vorschaubuch zum WM-Kampf zwischen Fischer und Karpow 1975 geschrieben. Das heißt, geschrieben hat er es natürlich nicht, denn wie wir wissen, fand der Wettkampf nie statt. Einband und „Mockup“ des Buches sind aber erhalten und wurden seinerzeit sogar schon auf einer Messe präsentiert.
2017 erwarb Sosonko bei einer Versteigerung ein ganz eigenes Dokument schachlicher Zeitgeschichte: Jenes Flugticket, von Amsterdam nach Moskau, das Viktor Kortschnoi am 27. Juli 1976 eben nicht benutzte, weil er damals im Westen blieb. Der Sinn für solche Details zeichnet „Genna“ aus und macht sein Werk für jeden an Schachgeschichte und speziell der Epoche des Kalten Krieges interessierten Leser besonders spannend.

Englische Sprachkenntnisse nötig

Was ist noch zu ergänzen? Das Buch ist in angemessenem Umfang bebildert, wobei es sich fast durchweg um Fotos handelt, die auch kundigen Schachhistorikern bislang unbekannt sein dürften.
Die Bilder und die Untergliederung in 15 Kapitel und weiter in kleinere Abschnitte erleichtern auch demjenigen das Lesen, für den die englische Sprache möglicherweise eine gewisse Hürde darstellt. Hier muss man natürlich die Messlatte recht hoch legen. Wir haben einen reinen Prosa-Text vor uns, der uns weit in aus dem schachlichen Bereich hinaus führt. Das übliche Schach-Englisch, mit dem wir auch als Nicht-Muttersprachler bei normaler Schachliteratur gut zurechtkommen, hilft hier nicht weiter. Gute englische Sprachkenntnisse sind also absolut notwendig. Doch auch dies wird meinen eingangs geäußerten Wunsch nach der Lektüre der vier anderen Sosonko-Bücher nicht bremsen. ♦

Gennadi Sosonko: Genna Remembers, Thinkers Publishing 2021, 256 Seiten (engl.), ISBN 978-9464201178

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachpersönlichkeiten auch über Karsten Müller & Luis Engel: Spielertypen im Schach

Gennadi Sosonko: Genna Remembers (Schach-Erinnerungen)

Christmas Tree Chess Puzzles (Weihnachts-Schachrätsel)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

16 Schach-Christbäume wünschen ein frohes Fest!

von Walter Eigenmann

Schon immer haben die Schach-Problemkomponisten und -Studienautoren nicht nur ernsthafte, tiefsinnige oder komplexe Schach-Aufgaben erfunden, sondern auch ihrer Kreativität und Originalität mit allerlei Nachbildungen von „realen“ Gegenständen Ausdruck verliehen. Zum Beispiel mit ganz speziellen Christmas Tree Chess Puzzles.

Christmas Tree Chess Puzzles - 05 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
16 Schach-Christbäume wünschen frohe Weihnachten!

Überraschender Witz auf dem Brett schlägt dem Schachfreund entgegen, wo immer er solchen kunstvollen Konstellationen der Steine begegnet, sei es dass ihre Schöpfer die Buchstaben des Alphabets modellieren, oder ob sie Tiere, Kerzen, Ostereier, Häuser u.a. nachbilden.
Eine besonders schöne und häufig gepflegte Form dieser Studien-Ausprägung sind die vielen Christmas Trees, die insbesondere von angelsächsischen Schachkomponisten im Laufe der letzten 100 Jahre geschaffen wurden. Die Vielfalt dieser Weihnachtsbäume on the board ist erstaunlich und fast ebenso groß, wie sie sich zuhause in der festlich geschmückten Weihnachtsstube präsentiert…

„Weiß am Zuge: Matt in n Zügen“

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Die folgenden 16 Aufgaben sind das Ergebnis meiner umfangreichen Recherche in diversen Studien-Datenbanken und im Internet; sie sind repräsentativ, aber beileibe nicht die einzigen. Und sie alle kommen in der bei Schachstudien bekannten Aufgabenform „Weiß zieht und setzt in n Zügen matt“ daher.
Manche der Puzzles sind verblüffend einfach – und doch zuweilen nicht auf den ersten Blick zu lösen. Und bei einigen kann die weihnächtliche Form so sehr ablenken, dass man vor lauter (Christ)Bäumen den Wald nicht mehr sieht…

Merry Christmas Everyone !

Selbstverständlich verbietet sich bei solchen Matt-Wenigzügern der Einsatz jeglicher Schachsoftware – den Spaß am Knobeln sollte man sich keinesfalls durch den Computer vermiesen lassen.
Wir wünschen viel Spass und Erfolg beim Lösen unserer Christmas Tree Chess Puzzles 2021 – verbunden mit den besten Wünschen zum bevorstehenden Weihnachtsfest! ♦

Christmas Tree Chess Puzzles - 01 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr 01: Matt in 3 Zügen (P. Benko, Internet 2016)
Christmas Tree Chess Puzzles - 02 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 02: Matt in 2 Zügen (Thomas R. Dawson, Chess Amateur 1924)
Christmas Tree Chess Puzzles - 03 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 03: Matt in 2 Zügen (Don French, Internet 1996)
Christmas Tree Chess Puzzles - 04 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 04: Matt in 4 Zügen (Armando Marroqumn, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 05 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 05: Matt in 4 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 06 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 06: Matt in 2 Zügen (P. Steiner, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 07 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 07: Matt in 2 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 08 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 08: Matt in 4 Zügen (Armando Marroqumn, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 09 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 09: Matt in 2 Zügen (Don French, Internet 1996)
Christmas Tree Chess Puzzles - 10 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 10: Matt in 2 Zügen (Pal Benko, Chess Life 1975)
Christmas Tree Chess Puzzles - 11 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 11: Matt in 3 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 12 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 12: Matt in 2 Zügen (E. Papadrosos)
Christmas Tree Chess Puzzles - 13 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 13: Matt in 3 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 14 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 14: Matt in 2 Zügen (A. Marroqumn, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 15 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 15: Matt in 2 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 16 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 16: Matt in 2 Zügen (N. Pergialis)

Hier geht’s zur Lösung der 16 Puzzles

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Studien auch über die Halloween-Schach-Studie 2021: Verhexte Schach-Teufelei

… sowie zum Thema Problemschach über Gerhard Josten: A Study Apiece


English Translation:

16 Chess Christmas trees wish
a Merry Christmas!

by Walter Eigenmann

Chess problem composers and authors have always created not only serious and profound chess problems, but also expressed their creativity and originality with all kinds of replicas of „real“ objects. For example, with very special Christmas Tree Chess Puzzles.

Surprising wit on the board strikes the chess lover wherever he encounters such artistic constellations of pieces, whether their creators model the letters of the alphabet, or whether they recreate animals, candles, Easter eggs, houses and others.

A particularly beautiful and frequently cultivated form of this study expression are the many Christmas Trees, which were created in particular by Anglo-Saxon chess composers in the course of the last 100 years.
The variety of these Christmas trees on the board is astonishing and almost as great as it presents itself at home in the festively decorated Christmas parlor…

The 16 puzzles above are the result of my extensive research in various study databases; they are representative, but by no means the only ones. And they all come in the familiar chess study form „White moves and mates in n moves“.
Some of the puzzles are amazingly simple – and yet sometimes not solvable at first sight. And with some of them the Christmas form can be so distracting that you can’t see the forest for the trees…
Of course, the use of any chess software is prohibited for such easy puzzles – the fun of puzzling should not be spoiled by the computer.
We wish you a lot of fun and success solving our Christmas Tree Chess Puzzles 2021 – together with best wishes for the upcoming Christmas! ♦

Christmas Tree Chess Puzzles (Weihnachts-Schachrätsel)

Computerschach: Fritz 18 (Chessbase) erschienen

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Meist alt, teils neu

von Walter Eigenmann

Die Schach-Software Fritz der Hamburger Software-Firma Chessbase ist neu in ihrer 18. Version auf dem Markt. Inwiefern bzw. in welchem Ausmaß unterscheidet sich der jüngste Fritz vom Vorgänger? Lohnt es, Fritz 18 für sich oder als Geschenk unter den Weihnachtsbaum zu legen?

Wenn ein kommerzielles Schachprogramm über 30 Jahre hinweg mittlerweile 17 Updates hinter sich hat, wird es für die Entwickler immer schwieriger, wirklich innovativ zu bleiben. Zumal „Fritz“ in Amateur- und Profi-Kreisen längst zum Synonym von Schachsoftware überhaupt avanciert ist. Fritz ist weltweit quasi ein Selbstläufer in Sachen Schach-Oberfläche, bei zahllosen Schachspielern aller Leistungsklassen kommt er praktisch im „Abonnement“ auf die heimische Festplatte. Fritz „hat man einfach“…

Neue Analyse-Funktionen

Fritz 18 - Schachsoftware DVD - Chessbase - November 2021Denn nach wie vor (und trotz mittlerweile interessanter Alternativen auch aus dem Freeware-Bereich) ist die Fülle der Optionen dieses Graphical User Interface (GUI) für das digitale Schach unerreicht. Von seiner umfassenden Anbindung in die Welt des Internets noch gar nicht geredet.
Werfen wir also einen genauen Blick darauf, ob Chessbase wieder ein paar echte Innovationen in ihr Aushängeschild gepackt hat, oder ob die Hamburger um die beiden Chef-Entwickler Mathias Feist und Matthias Wüllenweber einfach mehr oder weniger ihren hohen Besitzstand wahrten. Letzeres wäre nicht zum ersten Mal der Fall: Dem Druck der Käufer- und Anhängerschaft nach Novitäten waren die Hamburger in den vergangenen 30 Jahren auch schon mal nicht ganz gewachsen.

Visuelle Bewertung

Vergleicht man (neben den selbstverständlich unterschiedlichen Startbildschirmen der Versionen) – erstmal die Oberflächen von Fritz 17 und Fritz 18 , fällt sofort auf, dass – einem nichts auffällt. Denn Menüstruktur, Features-Angebot, Optionen – alles wie gehabt und im Handling praktisch identisch. Die ganz große 30-Jahr-Jubiläumsfreude kommt also bei dieser 18. Ausgabe nicht auf.

Fritz 18 - Chessbase - Menüstruktur - Schachsoftware - Rezensionen - GLAREAN MAGAZIN
Bezüglich Menü-Struktur nichts Neues unter der GUI-Sonne: Fritz 17 & 18 sind identisch

Doch völlig auf Novitäten verzichten wollte man denn doch nicht, allerdings muss man der Software stark unter die Haube kriechen, um sie zu entdecken. Betrachten wir zuerst den Bereich „Analyse“.
Neu wartet Fritz nun mit einer differenzierteren Visualisierung der Stellungseinschätzung auf; hier sind drei Neuerungen erwähnenswert:

Fritz 18: Die Brettdarstellung und das Engine-Analysefenster erfuhren nützliche Differenzierungen
Fritz 18: Die Brettdarstellung und das Engine-Analysefenster erfuhren kleine Erweiterungen

A) Fritz 18 bewertet die Figurenstellung nun mittels Farbskala: Rote Kennzeichnung bedeutet „schlecht“, gelb ist „mäßig“, und grün meint „gut“. Die „Flammen“ im Bewertungsfenster visualisieren die Stellung insgesamt, z.B. als „normal“, „scharf“ oder „das Brett brennt“.
B) Der Engine-Output weist nun ergänzende Hinweise hinsichtlich z.B. Drohungen auf (rote Varianten-Zeilen).
C) Fährt die Maus über die Notation eines Zuges innerhalb der Analyse-Variante(n), wird der betr. Zug auf dem Brett visualisiert; ein m.E. besonders nützliches Feature.

Fritz für den praktizierenden Schachspieler

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Wären nur diese paar Analyse-Novitäten im neuen Fritz, könnte man die Version getrost als „Neuer Schlauch für alten Wein“, also als überflüssig ad acta legen. Doch Chessbase scheint sich in der Fokussierung seines Analyse-Flaggschiffes wieder auf den real praktizierenden Schachfreund besonnen zu haben unter dem Motto: Hin zu einem Fritz als Sparring-Partner des Vereinsspielers. Das Interface nimmt jetzt den selber spielenden Anwender bei der Hand und lässt ihn gegen und mit Fritz deutlich interessantere und lehrreichere Partien als vorher absolvieren.

Geführt – berührt

… nennt sich die wichtigste Neuerung von Fritz 18. Der User wählt ein ihm entsprechendes Niveau der Gegnerschaft aus, und Fritz spielt auf eben diesem Niveau mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz möglichst „menschliche“ Züge, die auch zweitklassig oder gar fehlerhaft sein können. Der Hersteller selber umschreibt euphorisch diese neue Funktion folgendermaßen:

Fritz 18 - Chessbase - Einfache Partie - Fritz als Vereinsspieler - Schachsoftware - Rezensionen - GLAREAN MAGAZIN
Intelligentes Amateur-Verhalten mithilfe von Künstlicher Intelligenz: Fritz als Vereinsspieler

„Fritz 18 steuert sein Spielverhalten intelligent und führt Sie mit Hilfe subtiler Tipps durch die Partie. Sobald Fritz unter Druck gerät, bevorzugt er als Verteidiger Varianten, die für Sie als Angreifer gute Chancen auf Opfer oder andere Taktik bergen. Damit gelingen oft spektakuläre Angriffssiege. Gegen Fritz 18 werden Sie scharfe Gewinnpartien spielen, die es in 40 Jahren Schachprogrammierung so nicht gegeben hat. Entweder waren die Programme zu stark oder sie lassen keine Opfervarianten zu, sondern geben selbst Material, um Matt abzuwenden. […] Generell spielt Fritz im Modus ‚Geführt – Berührt‘ auf Level ‚Clubspieler‘ zwar gebremst, doch durchaus stark. Die Partien sollen nicht zu einfach sein. Dennoch kann man sehr häufig gewinnen. Dazu gibt es die erheblich verbesserten subtilen Tipps. Den wesentlichen Anteil der Partie gestalten Sie selbst, doch bei Gegenwind holen Sie sich Hilfe.“

Diese „subtilen Tipps“ kommen dann in Form von Hinweisen daher wie: „Greife eine Leichtfigur an“, „Besetze ein starkes Feld“, „Drohe Matt“, „Gewinne Material“, „Biete einen Abtausch an“.

Kaufen oder nicht kaufen?

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Fazit: Die dezidierte Hinwendung des neuen Fritz zum spielenden, nicht nur analysierenden Anwender ist grundsätzlich zu begrüßen. Es ist m.E. der einzige wirklich vielversprechende Weg eines neuen, modernen Schach-Interfaces. Die reinen (und durchaus bewährten) Analyse-Funktionen bleiben ja erhalten, und in Sachen Partien-Verwaltung gibt’s weitere spezialisierte Software (von Chessbase selber über die Freeware Scid bis hin zu anderen kommerziellen Angeboten wie z.B. Chess Assistant).

Einer der geistigen Väter von Fritz 18: Der Physiker, Programmierer und Chessbase-Gründer Matthias Wüllenweber (geb. 1961)
Einer der geistigen Väter von Fritz 18: Der Physiker, Programmierer und Chessbase-Gründer Matthias Wüllenweber (geb. 1961)

Die Frage, ob man als Schachspieler den neuen Fritz kaufen soll, hängt (wie immer und diesmal ganz besonders) von den Präferenzen des Users ab. Wer nicht selber (oder allenfalls online) mittels Software Schach spielen, sondern vorwiegend analysieren will, der braucht Fritz 18 nicht (sofern er bereits eine der Vorgänger-Versionen hat). Denn der Analyse-Sektor des Programms ist trotz der oben erwähnten grafischen Novitäten zuwenig innovativ, und diesbezüglich beschleicht einen allmählich der Eindruck, als wären Chessbase hier die Ideen ausgegangen. Kommt hinzu, dass auch die neue Fritz-Engine zwar neu programmiert wurde (diesmal von Frank Schneider), aber hinsichtlich Spielstärke keinen nennenswerten Fortschritt gegenüber Fritz17 erzielt. (Dass selbstverständlich auch die neue Fritz-Engine jeden der Top-Großmeister der Welt in einem Match in Grund und Boden spielte, braucht nicht näher ausgeführt zu werden). Wer eine absolute State-of-the-art-Engine in der Partien-Analyse einbinden will, greift zum Freeware-Programm Stockfish.

Anders sieht es aus für jene Anwender, die einen interessanten, informativen und lehrreichen Sparring-Partner fürs eigene Schachtraining suchen. Hier hat Fritz 18 seine wirklichen neuen Verdienste, und da lohnt sich durchaus ein Kauf. Für knapp 60 Euro kriegt der User ein Interface, das den „selbstständigen privaten Schachunterricht“ auf ein neues Niveau hebt. ♦

Chessbase: Fritz 18 – Schachsoftware, DVD & Download

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachsoftware auch über Vasily Smyslov – Master Class Band 14 (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Computerschach: The Engine Crackers


Computerschach: Fritz 18 (Chessbase) erschienen

Die Halloween-Schach-Studie 2021

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Verhexte Schach-Teufelei (2)

von Walter Eigenmann

Wieder naht eine Halloween-Nacht, und wieder hat die GLAREAN-Hexe einen ihrer bösesten Zauber über das Schachbrett gelegt. Denn diesmal holte sie aus ihrer Hexenküche eine Endspiel-Studie des großen ukrainischen Schachkomponisten Mikhail Zinar hervor.
Darin lässt sie den schwarzen König über viele Züge hinweg systematisch ausbluten, indem sie den weißen Gegner einen teuflischen Spaziergang übers ganze Brett und wieder zurück vollführen lässt.
Mit welchem höllischen weißen Zug bringt das teuflische Weib den Gegner zur Strecke?
FEN: 8/5p2/1kPp3p/2pP4/K1p2p1P/2p2p2/2P2P2/8 w
Halloween Hexe spielt Schach - Halloween Witch plays Chess - Oktober 2021 - Glarean Magazin
Die GLAREAN-Schach-Hexe stellt auch in der Halloween-Nacht 2021 wieder Mensch und Maschine vor teuflische Schachprobleme

Ein Hinweis für jene, die der GLAREAN-Hexe mit Hilfe des Computers auf die Schliche kommen wollen: Der vorgeschlagene Engine-Zug ist nur dann als die richtige Lösung zu akzeptieren, wenn gleichzeitig auch eine haushoch gewonnene Stellung für Weiß deklariert wird….

Hier geht’s zur Auflösung und Analyse der Stellung.

Knobeln Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die beiden Studien von Halloween 2018 und Halloween 2009

Die Halloween-Schach-Studie 2021

Chessbase (Hrsg): Vasily Smyslov – Master Class Band 14 (Schach-DVD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Die „Suche nach Harmonie“

von Mario Ziegler

Wassili Wassiljewitsch Smyslow (bzw. Vasily Smyslov) war der siebte Weltmeister der Schachgeschichte – und eine der vielfältigsten Persönlichkeiten des internationalen Schachsports. Man attestierte dem Spiel dieses russischen Großmeisters (und studierten Bariton-Sängers) ein besonderes Streben nach harmonischen Figurenstellungen. Diese „Harmonie“ sorgte allerdings nicht dafür, dass sein Leben und Schaffen im breiten Schach-Feuilleton überdurchschnittliche Aufmerksamkeit zugestanden wurde. Eine neue DVD aus dem Hause Chessbase will da etwas nachbessern.

Vasily Smyslov - Wassili Smyslow - Master Class Vol. 14 - Chessbase (Fritz-Trainer)Ich muss gestehen, dass ich vor der Anfertigung dieser Rezension viel zu wenig über Wassili Wassiljewitsch Smyslow (1921-2010) wusste. Natürlich, er war Weltmeister von 1957 bis 1958, nachdem er in seinem ersten Anlauf 1954 Titelverteidiger Botwinnik bei einem Endstand von 12:12 denkbar knapp nicht entthronen konnte. Auf dem Weg zu seinen beiden Titelkämpfen gewann er zwei der wichtigsten Turniere der Schachgeschichte, die Kandidatenturniere von 1953 und 1956, denen in Form der Turnierbücher herausragende literarische Denkmäler gesetzt wurden.

Die „Master Class“ – Reihe von Chessbase

Denkt man an Smyslow, so schwingt sogleich das Wort „Harmonie“ mit – lag doch dem 7. Weltmeister, der auch ausgebildeter Baritonsänger war, ein besonderes Streben nach harmonischer Figurenstellung am Herzen, wie bereits der Titel seines 1979 erschienenen Werkes nahelegt: „Auf der Suche nach Harmonie“. Und doch sind das nicht eben viele Informationen über eine der herausragenden Gestalten der Schachgeschichte. Umso gespannter war ich auf die DVD, die vor wenigen Wochen im Hause ChessBase als 14. Band der Reihe „Master Class“ herausgegeben wurde. Damit fehlen in der illustren Reihe der besprochenen Schachgiganten von den Weltmeistern lediglich noch Wilhelm Steinitz und Max Euwe.

Schach-Weltmeister und Bariton-Sänger: Wassily Smyslow (1921-2010))
Schach-Weltmeister und Bariton-Sänger: Wassily Smyslow (1921-2010))

Nach einer Kurzbiographie wird Smyslows Schaffen in den Bereichen Eröffnung, Strategie, Taktik und Endspiel untersucht. Jedes Kapitel enthält mehrere Videos, sehr oft mit Trainingsfragen versehen. Im Kapitel über die Eröffnung stellt Yannick Pelletier Smyslows die These auf, dass die Auseinandersetzung mit Botwinnik, mit dem sich Smyslow in drei Weltmeisterschaften maß, großen Einfluss auf seine Eröffnungen, insbesondere sein Schwarzrepertoire, gehabt habe. Interessant und in gewisser Weise bezeichnend für Smyslows Stil ist das zweite Video, in dem das Konzept des Doppelfinanchettos behandelt wird, das von Smyslow mit großem Erfolg gewählt wurde, um theoretische Debatten zu vermeiden. Er versuchte mit Weiß von vorneherein nicht, aus der Eröffnung heraus deutlichen Vorteil zu erzielen, sondern spielbare Stellungen zu erhalten.

„Untheoretisches Vorgehen“ in der Eröffnung

Mit diesem Ansatz kommt Smyslow dem Vorgehen heutiger Spitzenspieler erstaunlich nahe. Dass dieses „untheoretische“ Vorgehen auch gegen sehr starke Gegner Früchte trug, zeigt eine Schlüsselpartie im Kandidatenturnier 1956 gegen einen seiner Hauptkonkurrenten, nämlich David Bronstein. Allerdings deckt diese Partie auch eine kleine Schwäche der DVD auf, nämlich die (meiner Ansicht nach) gelegentlich etwas zu pauschalen Bewertungen:

Smyslow-Bronstein - Amsterdam 1956

Enge Verbindung von Strategie und Taktik

Peter Hammer - Rätsel - Denksport - Insertion GLAREAN MAGAZIN - Oktober 2021
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Smyslows Strategie im Mittelspiel nähert sich in sieben Videos Mihail Marin an. Er betont die enge Verbindung von Strategie und Taktik: Smyslow sei kein echter Positionsspieler, als welcher er oft gesehen wird, sondern ein kompletter Spieler, der seine Gegner erst positionell überspielte, um die Partie danach taktisch zu entscheiden. In dieser Hinsicht zieht Marin den überraschenden Vergleich zu Aljechin – sicher nicht der Spieler, an den man am ehesten denken würde, wenn man Smyslow vor Augen hat. Sehr interessant ist die Analyse dreier „Spätwerke“ – Partien, die Smyslow im Herbst seiner langen Karriere im Alter von 52, 62 und 72 Jahren gegen andere Weltklassespieler gewinnen konnte. Marin bezeichnet Smyslows Partien im Alter sogar als „schöner und reiner“ als diejenigen zu seiner Glanzzeit.

Smyslows Endspiel-Schaffen

Karsten Müller - Schach-Endspiel-Experte - GLAREAN MAGAZIN
Endspiel-Experte Dr. Karsten Müller

Mit Karsten Müller widmet sich ein ausgewiesener Endspielexperte dem Schaffen Smyslows in der letzten Partiephase. Auch in den gewählten 6 Beispielen (darunter drei Turmendspielen) wird das vielbeschworene Streben nach Harmonie bemüht. Die Beispiele sind durchgehend eindrucksvoll und werden von Müller gut erklärt, wenngleich man sie, wie auch Müller selbst betont, viel eingehender studieren sollte als lediglich in Form des Videos.
Neben dem Endspiel gehören die taktischen Fähigkeiten zu Smyslows herausragenden Eigenschaften. In 25 interaktiven Taktikaufgaben widmet sich Oliver Reeh diesem Bereich.

Fehlende Datenbank mit Smyslow-Studien

Als Bonus enthält die DVD alle 2856 von Smyslow gespielten Partien (teilweise mit Kommentaren versehen), weitere von Oliver Reeh aufbereitete Trainingsfragen sowie ein aus den Partien des Exweltmeisters generiertes Eröffnungsbuch.

Screenshot Vasily Smyslov - DVD Chessbase - Marin (Strategie) - GLAREAN MAGAZIN
Screenshot aus „Vasily Smyslov – Master Class Band 14“: Strategie-Analysen von M. Marin

Während sich mir der Nutzen dieser Eröffnungsbücher, die sich auch in anderen Publikationen finden, nicht recht erschließt, hätte ich die eine oder andere Zugabe nützlich gefunden. Eine Übersicht über Smyslows Erfolge mag vor allem aus Sicht eines an Schachhistorie Interessierten wünschenswert sein, doch sind es nicht gerade Fans der Schachgeschichte, die als Käufer solcher DVDs in Frage kommen? Ebenso hätte eine Datenbank mit den ca. 150 von Smyslow komponierten Studien die DVD abgerundet.

Interessante Gesamtschau

Wohlverstanden: Das ist Mäkeln auf hohem Niveau. Wenn man die DVD als das begreift, als was sie konzipiert wurde, erfüllt sie die Erwartungen vollkommen: Es wird eine interessante, kompetente Zusammenschau des Smyslow’schen Schaffens in den verschiedenen Partiephasen geboten und dem Zuschauer die Möglichkeit eröffnet, an Schlüsselstellen selbst den Entscheidungen des Meisters nachzuspüren. ♦

K. Müller / M. Marin / O. Reeh / Y. Pelletier: Vasily Smyslov – Master Class Band 14, Chessbase Hamburg

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Weltmeister auch über André Schulz: Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften

Chessbase (Hrsg): Vasily Smyslov – Master Class Band 14 (Schach-DVD)

Computer-Schach: The Engines Crackers 4 (Update)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 15 Minuten

Knacknüsse für Schachprogramme

von Walter Eigenmann

(Version 4 – Update 29. Juli 2022)

Die Spielstärke der modernen Schachprogramme hat bekanntlich ein derart hohes Niveau erreicht, dass der Mensch längst nicht mehr mithalten kann. (Dass aber abseits der Computer-Schach-Szene nach wie vor ein äußerst reger Turnierbetrieb herrscht, muss nicht extra ausgeführt werden und spricht für die ungebrochene Kraft des Königlichen Spiels).
Diese Seite stellt echte Knacknüsse für Schachprogramme vor: „The Engine Crackers“. Es sind Chess Puzzles, die auch heutigen „Motoren“ mächtig viel Berechnung programmiertechnisches Können abverlangen…

Modern Chess - Schach-Figuren - Schach-Kunst - Glarean MagazinEs ist inzwischen zu einer großen Herausforderung geworden, neue Knacknüsse für Schachprogramme aufzuspüren. Die Engines rechnen heutzutage sehr schnell, sehr selektiv, sehr tief, und ihre Algorithmen arbeiten mit ausgeklügelten Programmiertechniken. In Verbindung mit ständig beschleunigten Prozessoren spüren sie damit auch die verborgensten Geheimnisse einer Schachstellung auf.
Aber ein paar letzte weiße Flecken auf der Engine-Landkarte gibt es durchaus auch heute noch. Sie zu entdecken erfordert allerdings etwas Knowhow über die Funktionsweise dieser „Motoren“, vor allem aber einen erfahrenen Umgang mit den Engines selber. Denn die Defizite von Schachprogrammen sind nur mit Hilfe von Schachprogrammen zu finden…

Teststellungen für 30 Sekunden Bedenkzeit/Zug

Anzeige Amazon: 100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen - Verblüffende Strategien - Walter Eigenmann
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Diese Seite ist also solchen Stellungen gewidmet, an denen die Engines überdurchschnittlich heftig zu knabbern haben. Dabei sind die Aufgaben grundsätzlich nicht unmöglich zu lösen für Schachmotoren. Auch trifft man zuweilen das Phänomen an, dass mal ein Programm genau jenes Puzzle blitzschnell löst, welches alle anderen nicht verstehen.
Apropos: Ich persönlich erachte eine Teststellung dann als schwierig, wenn die meisten starken Schachprogramme mit ihren jeweiligen Default-Einstellungen auf durchschnittlicher aktueller Hardware länger als 30 Sekunden für die Lösung benötigen.

Umfangreiche Recherchen

Woher stammen all die Crackers hier? Sie sind das Ergebnis meiner umfangreichen Recherchen der letzten Jahre in diversen Datenbanken, kommerziellen wie kostenlosen. (Darunter sind zahlreiche Puzzles, die erstmals hier im GLAREAN MAGAZIN publiziert wurden).

The Engines Crackers - Schach-Aufgabe - Chess-Puzzle - Nickel vs Oosterom - GLAREAN MAGAZIN
Das moderne Fernschach arbeitet mit feinsten Nuancen mittels Interaktion mit den Engines, so wie hier in einer Partie der beiden Großmeister Nickel vs Oosterom: Dh4-e1 (!)

A) Hervorragend geeignet für die Suche nach komplexen Stellungen sind v.a. die Partien von Fernschach-Meisterspielern. Correspondence Chess Players pflegen versiert mit Computerprogrammen zu arbeiten, und ihr „Forschungstrieb“ generiert Partien auf allerhöchstem Niveau. Das effiziente, ja geradezu wissenschaftliche Handling mit Engines und GUI-Analysewerkzeugen ist das Markenzeichen erfolgreicher Fernschachspieler, ohne maschinelle Unterstützung ist heutzutage ein FS-Spiel auf Top-Niveau undenkbar. (Siehe hierzu auch das Interview mit Fernschach-Grossmeister Arno Nickel) Die Fahndung nach geeignetem Material kann sich allerdings aufwändig gestalten: Das heutige großmeisterliche Fernschach arbeitet mit filigranen, nuancenreichen Zügen, die herauszufiltern rechenintensiv sein kann.

B) Weiter finden sich interessante Puzzles für Schachprogramme bei den Programmen selber. Denn die führenden Engines liefern ebenfalls ein (fast) fehlerfreies Spiel, in den einschlägigen Internet-Schach-Datenbanken nach brauchbaren Perlen zu fischen verlangt ebenfalls einige Erfahrung im Umgang mit Engine-Settings – und viel Hartnäckigkeit.

Computer-Chess vs Human-Chess

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C) Ein drittes Gebiet für die Puzzle-Recherche ist das Problemschach mit seinen Studien. Hier sind die wirklich anspruchsvollen Aufgaben für Computer zwar seltener zu finden, weil die Studien eher nach künstlerisch-ästhetischen denn nach Performance-Kriterien konzipiert sind. Dementsprechend leisten diese Wenigsteiner-Aufgaben den Programmen oft wenig Widerstand.
Aber dafür legt das Problemschach seinen Finger zuweilen genau in jene Wunden, die Schachprogrammen besonders weh tun. Die Stichworte sind hier der Zugzwang, der Horizonteffekt oder die vielzügige Mattführung, die starke Such-Tiefen voraussetzen. Wer die Engines also stark herausfordern will, sucht auch in den Studien-Sammlungen, wie sie im Internet zuhauf anzutreffen sind.

D) Last but not least ist natürlich der riesige historische Pool mit von Menschen ausgetragenen Turnierpartien zu erwähnen. Doch diese Quelle ist als Datenmaterial fürs Computerschach nur von begrenzter Attraktivität. Denn so genial manche Kombinationen all der Giganten einer vielhundertjährigen Schachgeschichte daherkommen: Unter dem unbarmherzigen Mikroskop eines heutigen Computerprogramms zerschmilzen sie fast ausnahmslos zu einer „Petit Combinaison“ a la Capablanca, die in nullkommnix Sekunden gelöst (oder dann als inkorrekt entlarvt) wird… ♦

Über Reaktionen in Form von eigenen Analysen, Engine-Ergebnissen u.a. würde ich mich freuen. Benützen Sie hierzu einfach die „Kommentar“-Funktion. Gerne werden auch Vorschläge für schwierige neue Testaufgaben geprüft und ggf. unter dem Namen des „Finders“ veröffentlicht.
Die Seite hier wird regelmässig mit neuen Puzzles bestückt; also am besten immer mal wieder vorbei schauen.

Analyse-Brett mit PGN-Download - Glarean Magazin
PGN-Download im Analyse-Fenster

Der Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das Analyse-Fenster. Dort ist auch ein Download der entspr. PGN-Datei möglich.

Die Reihe wird fortgesetzt!

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Aufgaben auch über den Schachzug der Woche (02)

Außerdem zum Thema Schach über Robert Hübner: Schund (Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten)


FEN: r6r/ppkb1pb1/2p3pp/PP6/4p3/2R1B1P1/5PBP/4R1K1 w – – 0 21

 

FEN: r2q1rk1/1p2p1bp/2np2p1/2n2b2/p1P5/1PN1QN1P/PB2BPP1/3R1RK1 w – – 0 16

FEN: r4rn1/2p1q1kn/1p1p1pp1/p2Pp1Pp/2P1PPb1/1P1Q2P1/P1B3K1/1RBN1R2 w – – 0 21

FEN: 1r6/1n1R1b2/8/1p1p3k/pPpPp1p1/2P1P3/P2K1PP1/8 w – – 0 1

 

FEN: k3K3/P3N3/8/ppp4p/4p1p1/6R1/rn1PP2B/8 w – – 0 1

 

FEN: r1kn4/p7/pP6/2K5/B1R5/1N6/8/3n4 w – – 0 1

FEN: 7k/p1p3p1/1p1p3p/6B1/2P5/q1PP4/7R/5RK1 w – – 0 1

FEN: r3k2r/4npp1/1qn1p2p/1p1pP2P/p2P2P1/4BN1R/PP3PK1/2RQ4 w k – 0 20

FEN: 2b1k3/8/6R1/2n5/8/B1r1N3/1pB5/6K1 w – – 0 1

FEN: 2b1r3/r2ppN2/8/1p1p1k2/pP1P4/2P3R1/PP3PP1/2K5 w – – 0 2

FEN: r1n5/k3pp2/2Rr4/1p6/1p6/p4pp1/QP4Pn/4RBK1 w – – 0 1

FEN: 6k1/2p2p1p/4pP2/8/1pPB1P1P/7p/1KP1R3/7r w – – 0 1

FEN: 1n1q1r1k/6rp/3p4/pB1P1p1Q/5P1R/1PP5/7R/5K2 w – – 0 31

FEN: 1r3k2/2r4p/2Pq2pP/3P1p2/2B1p3/p3Q1P1/Rb3PK1/3R4 w – – 0 49

Computer-Schach: The Engines Crackers 4 (Update)

Schachzug der Woche (02): LeelaChessZero vs Stockfish

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Amoklauf eines Springers

von Walter Eigenmann

Über das Schachprogramm LeelaChessZero wurde auch im GLAREAN MAGAZIN schon mehrmals berichtet. Zu welchen „strategischen“ Höhenflügen diese NN-Software, die Ende Dezember 2017 ihren Siegeszug im Schlepptau des KI-Programmes AlphaZero antrat, in der Lage ist, zeigte sich wieder im sog. „Superfinale“ des Internet-Engine-Turnieres TCEC (2021).

In dieser „Top Chess Engine Championship“ werden – für Computerschach-Verhältnisse – überdurchschnittlich lange Bedenkzeiten angewendet. Das macht den Wettbewerb zwar noch anfälliger für Remis-Ergebnisse, zeitigt aber gleichzeitig eine Schachqualität von extrem hohem Niveau.

So kam es in dem TCEC-Superfinale 2021 zwischen den beiden Finalisten LeelaChessZero und Stockfish zu folgender Position:

LCZero (69626)  – Stockfish (20210713)
Weiß am Zuge

Schachzug der Woche (2) - 4. August 2021 - GLAREAN MAGAZIN (Walter Eigenmann)FEN: 2rq1rk1/1b1nbpp1/p3p2p/1p1pP2P/1P1B4/P2BQN2/5PP1/R4RK1 w

In dieser Stellung setzte LeelaChessZero als Weißer zu einem regelrechten Amoklauf des Springers an: Über vier Stationen und das ganze Brett hinweg landet die Figur schließlich auf der gegnerischen Grundreihe, wonach die Stellung des Schwarzen praktisch aufgabereif ist.

Hier geht’s zur Analyse der Stellung, inkl. Download als PGN-Datei

Es wundert nicht, dass solchen „strategischen Meisterleistungen“ das Attribut „menschlich“ zuerkannt wird. Wenn wir dann noch den Line-Output untersuchen, den Lc0 in der Ausgangsstellung produziert, ist sofort ersichtlich, dass die Engine und ihr NN-Netzwerk nicht zufällig auf diese Springerwanderung verfiel, sondern deren Stationen tatsächlich „vorausgedacht“ hat.

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Ob die vom Menschen kreierte Umschreibung „strategisch“ im Zeitalter des Computers noch angebracht ist, wird schon lange unter den Schachtheoretikern kontrovers diskutiert. Denn zuweilen entpuppt sich in der Engine-Analyse die „Strategie“ als bloß „Tiefe Taktik“. Nur halt nicht für den beschränkten Berechnungshorizont des Menschen… ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach auch über Taylor Kingston: Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior

Außerdem zum Thema Schachtaktik: Das Schach-Alphabet: Buchstabe A

Schachzug der Woche (02): LeelaChessZero vs Stockfish