Susanne Goga: Der Ballhausmörder (Kriminalroman)

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Zeitportait – Weichspülgang oder Entschleunigung?

von Isabelle Klein

Vielfalt statt Tanz auf dem Vulkan, das ist der Anspruch, dem sich die Autorin Susanne Goga in ihrem neuen Krimi „Der Ballhausmörder“ gemäss Klappentext stellt. Und doch scheitert sie an einer spannenden, sich entwickelnden und runden Darstellung in diesem siebten „Fall für Leo Wechsler“.

Die Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sind spätestens seit Kutschers Verfilmung des „Nassen Fisches“ unter dem TV-Serientitel „Babylon Berlin“ in aller Munde. Exzesse, Superlative, Pomp. Laster und schnelle Schnitte, so ist’s dem Mainstream wohl am liebsten – aber weniger ist mehr. Insofern hebt sich Goga mit ihrem Anliegen und ihrer Serie, die immerhin 2005 mit „Leo Wechsler“ premierte, also zwei Jahre vor Kurschers Erstling um Gereon Rath, wohltuend ab.

Susanne Goga - Der Ballhausmörder - Kriminalroman - dtv-Verlag - Literaturrezensionen GLAREAN MAGAZINEs fängt gelungen an. Ein stimmungsvoller Abend in Clärchens Ballhaus mit all den Nöten und Freuden der Besucher und Bediensteten mündet in einen tragischen Mord, Folge einer Verwechslung, wie recht schnell klar wird. Doch die stimmige Exposition, die mit Lunapark, Ballhäusern, Saalschwestern, Ringvereinen und einer spannenden Eingangslage starten kann, wird schnell obsolet, verliert sich im langatmigen und ereignislosen Spurensuchen, das mehr oder weniger zufällig zum Ergebnis führen. Ein Bonbonpapier als ausschlaggebendens Indiz, dazu eine recht offensichtlich konstruierte Fährte in Verbindung mit Wechslers Tochter – das ist zu schwach für einen guten Krimi.

Susanne Goga - Krimi-Autorin - Schriftstellerin - Glarean Magazin
Susanne Goga

Und Susanne Goga kann es fraglos besser: In „Nachts am Askanischen Platz“ gelang es ihr, das „cozy“ Erscheinungsbild ihrer ersten Romane, die definitiv eher an die weibliche Leserschaft gerichtet sind, aufzubrechen. Tiefer die Abgründe und Gefühle dort, spannender die Krimihandlung und die Nebenschauplätze sowieso.

Ohne Flair für falsche Fährten

Wo bleibt hier das Flair des Ballhauses, wo bleiben die falschen Fährten und Verwicklungen, die andere so gelungen aufgreifen und vertiefen?
Ich denke an Angelika Felendas Kommissär Reitmeyer, der bislang in drei Fällen in München in den Zehner Jahren des 20. Jahrhunderts ermittelt, aber mit wesentlich mehr Alltagswissen und menschlicher Tiefe. Oder Robert Baurs mit „Mord in Metropolis“ beginnende, bislang dreiteilige Serie um einen Berliner Exkommissar und Privatdetektiv, der Wechslers Kollege hätte sein können, der brillant die Zeit und Umstände schildert. Ebenso wie Harald Gilbers, der selbiges zu Ende des Zweiten Weltkrieges ansiedelt (bislang vier Bände).

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Leider gelingt es Susanne Goga für meinen Geschmack nicht, diesen Fall glaubhaft und vor allem empathisch und spannend dem Leser nahezubringen. Auch wenn der Fall in sich logisch und stringent ist, mäandern wir bzw. Wechsler vor uns hin, ringen mit Beziehungsproblemen des vorübergehend strafversetzen und dadurch vollkommen aus der Spur geratenen Kollegen Walther, der den Tritt nicht mehr zu finden scheint.

Nur auf dem Papier, nicht im Kopf

Im zu erwartenden Band 8 wird er so wohl für noch mehr NS-Probleme stehen, die derzeit ja durch die Ex-HJ-Mitgliedschaft des Wechsler’schen Nachwuchses Georg stattfinden. Dies erinnert wiederum stark an die Probleme, die Gereon und Charlotte Rath mit ihrem Adoptivsohn haben.
Kurz: Die Figuren sind zu schematisch und dienen durchweg einem bestimmten Zweck, statt einfach für sich selbst zu stehen und sich sinnigerweise weiterzuentwickeln. Sie bleiben durchgängig dem Papier verhaftet, statt sich im Kopf des Lesers zu entwickeln. Clara, Magda und Wechslers Tochter bleiben schmückendes Beiwerk, ohne Substanz. Ebenso wie viele der zu Beginn Eingeführten um Clairchens Ballhaus. Auch der Mörder bleibt – trotz der psychologischen Unterfütterung und dem kurzen Blick ins Innere sowie einer sechs Jahre zurückliegenden Tat – eine Papierleiche, die alles zwar plausibel erscheinen lässt, aber emotional eindimensional und merkwürdig belanglos bleibt.
Kurz: 320 Seiten, die durchaus nett zu lesen sind, aber bei einem gewissen Anspruch und bei Vertrautheit mit der damaligen Zeit, den Lebensumständen und historischen Ereignissen nicht zu überzeugen vermögen. ♦

Susanne Goga: Der Ballhausmörder (Kriminalroman), 320 Seiten, dtv-Verlag, ISBN 978-3-423-21808-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch über den Krimi von Jo Nesbø: Messer (Komissar Harry Hole Band 12)

Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen (Roman)

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Overkill des Widerwärtigen

von Isabelle Klein

Dass Jean-Christophe Grangé ein Meister der Extreme ist, ist nichts Neues. Mord, Perversion, das Hinabtauchen in die Welt des Bösen, Lasterhaften, der Monstrositäten – das ist sein Metier, perfektioniert über viele Jahre und Bücher hinweg.
Und doch hat er seinen Zenit längst überschritten, wie sein jüngster Roman „Die Fesseln des Bösen“ beweist. Weit entfernt von „Flug der Störche“ oder „Schwarzes Herz der Hölle“ ist der neue Grangé ein Grenzgänger, auf vielfältige Art und Weise…

Paris und der Mord an zwei Stripperinnen der Edelkaschemme „Le Squonk“ bilden das Szenario der Widerwärtigkeiten besonderen Ausmaßes. Ein Mix verschiedenster Abartigkeiten führt unseren Antihelden Stéphane Corso, selbst im Zweifel über seine Daseinsberechtigung, zu Abgründen, die sogar für den erfahrenen Pariser Ermittler zu nah am Wahnsinn verortet scheinen.
Dabei fängt alles so Grangé-typisch schauderhaft schön an. Wir müssen diesmal nicht in das finstere Herz durch verschiedene Länder reisen, sondern befinden uns mitten in Paris, dem Pfuhl der Lasterhaftigkeit. Eine junge Stripperin, brutal ermordet, der Leichnam mit der Unterwäsche gefesselt, achtlos entsorgt. Die Art der Entstellung (vom Mund bis zu den Ohren aufgeschlitzte Wangen, ein postmortales Grinsen erweckt durch einen in die Kehle gestopften Stein) lässt denken an Munchs „Der Schrei“ oder an den Noir-Roman „Die schwarze Dahlie“ von James Ellroy bzw. an dessen Verfilmung durch Brian de Palmas.

Triebtäter mit extremer SM-Gangart

Jean-Christophe Grange - Die Fesseln des Bösen - Thriller - Buch-Cover - Literatur-Rezensionen Glarean MagazinEin Triebtäter? Als eine zweite, gleichermaßen entstellte Leiche aufgefunden wird, ebenfalls eine Angestellte des „Le Squonk“, ermittelt Corso mit seinem Team aus Freaks und Genies unter Hochdruck.
Über japanische Fesselkunst – „Die Wahrheit des Blutes“ inkl. Reminiszenzen an Japan lassen grüßen – und spanische Malerei des 18. Jahrhunderts (Goyas „Pinturas rojas„) bis hin zu sexuellen Devianzen und extremen SM-Gangarten lässt Grangé diesmal nichts aus.
Warum, stellt sich die Frage? Um den Mainstream zu bedienen und den übersättigten und gelangweilten Leser mit exorbitanten Widerlichkeiten hinter dem Thriller-Einheitsbrei hervorzulocken? Mehr ist mehr? Für mein Gusto überhaupt nicht, eher verschreckt das.

Keine regelkonforme Polizeiarbeit

Es fängt düster an im ersten Teil, man ermittelt in verschiedene Richtungen. Unser Antiheld ist von der Vergangenheit zerfressen; von Dämonen heimgesucht, übertreibt er es mit der Gewalt. Regelkonforme Polizeiarbeit ist inexistent. Leider verliert Corso wie auch das ganze Geschehen bald jede Glaubwürdigkeit.
Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, im zweiten Teil entpuppt sich ein stringentes Katz- und Mausspiel, das wie überhaupt die ganze Handlung in sich logisch erscheint.

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Das große Manko liegt – neben einer gewissen Verliebtheit ins Widerliche – v.a. in der absoluten Überfrachtung, die spätestens in dritten Teil mehr als deutlich wird. Muss eine Erkenntnis und ein Turn gleich den nächsten Twist stehenden Fußes jagen? Muss man Charaktere so konzipieren, dass sie nur plakative Widerlinge und Monster sind? Kann man das Publikum nur noch durch zu viele Cliffhanger wirklich fesseln? Willkommen, Generation Netflix. Als Miniserie würde sich die durchwegs dichotome Welt des Ermittlers Corso nebst seinem Antagonisten Philippe Sobieski – dieser ist das monströs widerliche Enfant terrible des Buches, Genie und Mörder, oder vielleicht doch nicht?) – wunderbar eignen.

Charaktere ohne Graustufen

Jean-Christophe Grange - Glarean Magazin
Mit einem Hang zur exzessiven Gewalt-Darstellung: Bestseller-Lieferant Jean-Christophe Grangé („Die purpurnen Flüsse“)

Graustufen scheinen inexistent, entweder nonstop böse, verkommen, dabei aber charismatisch verführerisch, wie der eben erwähnte „Sob le Tob“, bei dessen Charakterisierung Jean-Christoph Grangé aber viel zu sehr übertreibt. Frauen und Männer um ihn herum verkommen automatisch zu willigen Triebfolgenden. Grenzfälle des Erträglichen werden uns beispielsweise durch die Therapeutin eines der Opfer als übergestülpte Moral verkauft. Soll heißen: Es gibt per se nichts Böses (wie hier Nekrophilie); erst die Moral erschafft das Böse.
Gedankengänge mit Potential, wie z.B. die genetische Vererbung des geschilderten Wahnes, werden unglaubhaft „vor den Latz geknallt“ und wirken pathetisch. Generell wird der Überspitzung Tür und Tor geöffnet. Zeit für tiefergehende Betrachtung wesentlicher Elemente bleibt nicht. Ganz in Gegenteil: Unwichtiges Beiwerk wie die Ehe und die SM-Neigungen Corsos Ex Emiliya nimmt über Gebühr Platz ein. All das gipfelt in unübersehbaren Höchstformen im dritten Teil, der durchwegs nur noch zu Kopfschütteln führt.

Spannung mittels exzessivster Gewalt

Diese Rezension verwirrt Sie, weil sie recht assoziativ und wenig greifbar ist? Genau das ist der Eindruck, den dieses – keineswegs schlechte! – Buch in mir ausgelöst hat. Weiter ins Detail zu gehen, um das Unbehagen zu verdeutlichen, würde zu viel aufdecken und des Lesers Spannung schmälern, die vom Roman immerhin recht konstant aufrecht erhalten wird.
Fazit: Die Macht des Blutes trifft auf monströse Taten, die, weit zurückliegend, geplagte Seelen von Anfang an in den Abgrund treiben. Der neue Grangé unterhält streckenweise gut und knüpft an alte Zeiten an, verliert sich aber schnell in der exzessiven Betrachtung extremster Widerlichkeiten. Nichts für schwache Nerven. ♦

Jean-Christophe Grangé: Fesseln des Bösen, Roman-Thriller, 604 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 9783431041293

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Thriller-Roman auch über Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

… sowie zum Thema Französische Krimi-Literatur über Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat

Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

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„Ein Leben, schlimmer als der Tod“

von Isabelle Klein

Es wird eng für Harry Hole, den berühmten Hauptkommisar des norwegischen Kult-Krimi-Autors Jo Nesbo, ganz eng – in seinem Fall Nummer 12: „Messer“.
Das Dutzend ist also voll, und es muss (so das Gesetz der Serie, vgl. unten) ein Paukenschlag her. Für den, der (wie ich) getrost den Klappentext hat Klappentext sein lassen und sich völlig blank ins Lese-Schmankerl gestürzt hat, bietet dieser 12. Band eine völlig unerwartete Entwicklung im Harry-Hole-Universum, die für künftige Bände einiges erahnen lässt.

Jo Nesbo - Messer - Ullstein Verlag Cover - Krimi-Literatur-RezensionenRakel ist tot. Ermordet, brutal erstochen. Diese Hiobsbotschaft ereilt Harry am absoluten Tiefpunkt seines wechselhaften Lebens: Job an der Hochschule weg, Frau weg (sie hatte ihm Monate vorher die Koffer vor die Tür gestellt).
Klar, was Harry macht – das, was er nach Serienmörder fangen am besten kann: Saufen (sorry, aber jedes andere Wort wäre unzutreffend).
Seinen Alkoholkonsum finanziert er mit einer einfachen Polizistentätigkeit, als Partner von Truls Berntsen; Selbst für Alkohol ist nicht genügend Geld da. Trost findet er bei der Forensikerin Alexandra und später auch bei der uns bekannten Kaja Solness, die hier mal wieder kurz in der Heimat weilt. Harry beschließt also, sich erst mal mit seinem Freund Alkohol zu betäuben, so dass Schmerz und Leere ausgeblendet werden – der Rausch als Hilfsmittel.

„Harry fucking Hole“

Erste Verdächtige zeigen sich am Horizont, Harry ermittelt! Haben Gesetz und Ordnung Harry schon jemals von etwas abgehalten? Zusammen mit Kaja, Alexandra und Bjorn nimmt er den Kampf gegen den Mörder der geliebten Frau auf. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

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Und getreu dem Motto ist „Harry fucking Hole, oder der ‚demolition man'“ (S. 49). In diesem 12. Harry-Hole-Fall bleibt nichts dem Zufall überlassen, alles ist perfekt inszeniert, manchmal vielleicht sogar ein klein wenig überkonstruiert. Harry durchlebt Leiden epischen Ausmaßes, die Auflösung kommt einer griechischen Tragödie gleich.
Uns bleibt aber auch nichts erspart, mag der eine denken, oder: JN zieht zwar weite Kreise, aber einmal mehr ist ihm ein geniales Werk des Harry-Hole-Zyklus gelungen, in dem er uns, wie eigentlich in jedem Werk seit „Koma“, atemlos im Ungewissen lässt. Zumindest ist diesmal eines sicher: Harry lebt…

Billy Wilder (Drehbuchautor für viele exzellente Screwballs der 30er und 40er Jahre) sagte einmal ungefähr, dass die Kunst darin bestehe, die Zuschauer glauben zu lassen, dass er einen Wissensvorsprung habe, was jedoch durch die Autoren intendiert ist und eben durch unvorhergesehene twists and turns wieder genommen wird. Selbiges betreibt Nesbø. Er nimmt Anlauf, obwohl er uns durch die durchzechte Nacht, Blackouts, blutige Kleidung und ein verstecktes Messer usw. Böses erahnen lässt, und zieht einen weiten Bogen, bis er zum allesklärenden Ausgangspunkt zurückkehrt.

Grausame Realität des Lebens

So stellt sich Harry, zumindest vorläufig, der grausamen Realität eines Lebens ohne Rakel. Wer anders könnte es sein als seine Nemesis, der der Autor in „Durst“ viel Raum gewidmet hat.
Svein Finne, der Rache an dem Tod seines Nachkommens nehmen will: Wie könnte er Harry besser treffen, als ihm das Wertvollste zu nehmen? Doch als der Serienvergewaltiger ein Alibi hat, wird es eng, und Harrys Augenmerk richtet sich auf den undurschaubaren Chef Rakels, Roar Bohr, ein posttraumatisch belastungsgestörter Kriegsveteran.

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„Smarter killt keiner“ – Film-Szene aus „Der Leopard“ von Jo Nesbo

Hat er ein Motiv? Durch ihn und Kaja teilt Nesbø die Schrecken der Afghanistan-Einsätze. Und schließlich – es scheint, als wären auch hier aller guten Dinge drei – materialisiert sich ein weiterer Verdächtiger: Harrys Nachfolger als Kneipenbesitzer.

Die Themen sind breit gefächert, und wie so oft heissen sie Abhängigkeit, Gewalt, Krieg, Suff, Untreue. Gemeinhin die Fehler der Vergangenheit, die einen bzw. einen jeden in diesem Buch, der Schuld auf sich geladen hat, einholen.

Entwicklung in weiten Kreisen

Der Aufbau ist ausufernd, falsche Fährten und Nebenschauplätze nehmen viel Raum ein. Man mag bemängeln, dass dies alles im Endeffekt zu künstlich sei, dass der rote Faden fehle. Als (mittlerweile) großer Hole-Fan kann ich dies durchaus verstehen. Trotzdem: Genau das ist die nesbøsche Kunst und zeichnet das hohe Niveau der Serie auch nach 12 Teilen aus. Er versteht es, den Leser bei der Stange zu halten. Genau das beherrschen viele Autoren nicht…
Und letztlich fügt alles sich durchaus harmonisch zusammen – das fasziniert und macht betroffen zugleich. Nesbø ist einfach die Drama-Queen der aktuellen Thrillerwelt, er wirft die Angel aus, und schon wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die weite Kreise zieht, auch wenn sie mitunter übers Ziel hinausschießt. Das macht in sich Sinn und generiert den ganz besonderen Reiz des HH-Kosmos‘.

Zu gewaltverherrlichend, zu sexlastig?

Jo Nesbo - Schriftsteller - Krimi-Autor von Harry Hole - Glarean Magazin
Krimi-Bestseller-Autor und Harry Hole-Erfinder Jo Nesbo (geb. 1960)

Die Kritik liegt sicherlich im Detail: Zu gewaltverherrlichend, zu sexlastig. Wie kann Harry, gleich Inspektor Lynley, so kurz nach Rakels Tod bzw. der Trennung in fremde Betten hüpfen? Wie kann Harry sich gottgleich aufschwingen, dabei jedes Rechtsempfinden hinter sich lassen? Oder auch: zu ausschweifend (Schilderung der Gräuel der Blauhelmeinsätze) – usw. All das mag durchaus seine Berechtigung haben, und doch empfinde ich „Messer“ keineswegs als Reinfall, sondern als ausgemachtes Meisterwerk.
Betrachtet man allein die mögliche Entwicklung Harry Holes für die folgenden Fälle (die es dann doch hoffentlich geben wird), hat man ungeahnte Optionen. Denn Harry ist eine Schlange, die sich häutet. Er lässt sich nicht in Kategorien einteilen, er ist schillernd und unberechenbar und dadurch doch fast wieder berechenbar. Und sind wir mal ehrlich: Nordische Krimis waren schon immer „mehr von allem“: Mehr von detaillierter Gewalt, von häufigem und beiläufigem Sex, ausufernd in Länge und Motivationslagen – das wissen wir spätestens seit Stieg Larsson und Adler Olsen, um nur mal zwei zu nennen.

Regeneration einer ganzen Roman-Serie

FAZIT: Der neueste Krimi von Jo Nesbø: Messer ist ein grosser Wurf und dürfte die Geschicke des Nesbo-Protagonisten Harry Hole in ganz neue Gefilde lenken. In diesem 12. Band passiert die spannende Regeneration einer ganzen kultigen Roman-Serie. Empfehlung!

Meines Erachtens ist Rakels Tod ein Befreiungsschlag. Bereits vor vielen Jahren hat Patricia Cornwell ihrer Scarpetta etwas Ähnliches angetan (und Benton dann doch wieder auferstehen lassen). Elizabeth George war da konsequenter und fast noch tragischer, denn sie ließ die hochschwangere Gattin Lynleys vor dessen Augen Opfer eines sinnlosen Anschlags werden.
Serien müssen sich, zumindest nach einer gewissen Laufdauer, regenerieren. Was ist dazu einfacher, als das Leben des Helden von Grund auf zu erschüttern? Während die anderen den Fehler begangen haben, diese Chance nicht für ihre Figuren und Geschichten zu nutzen – beispielsweise sind die Autoren George und Cornwell für mich inzwischen leider unlesbar geworden -, bin ich mir recht sicher, dass Nesbø die Chance nutzen wird und wie Phoenix aus der Asche ersteht. Die Karten stehen gut, denn der Polizist, der Profiler, sie sind erst mal passé, der Vater und ..?. werden dem weiteren Verlauf mitunter eine völlig andere Wendung geben. Ein besserer, ein wie Phoenix der Asche entsteigender Harry Hole ist zu erwarten.

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Eines bleibt sicher: „Messer“ ist ein Buch, das polarisiert. Sollten Sie Neueinsteiger im HH-Universum sein, vielleicht gerade erst einen oder zwei der HH-Krimis gelesen haben, sollten Sie es sich gut überlegen. Aber für den, der offen ist für Entwicklungen und den nordischen Krimi mit Raum für Anderes zu schätzen weiß: Kaufen, lesen genießen. Nesbø ist so gut wie eh und je, für mein Empfinden sogar noch besser. Einfach eine Klasse für sich.

Eine Erkenntnis, die ich aus dieser äusserst anregenden Linie für mich persönlich mitnehme: Jeder, tatsächlich jeder kann plötzlich eine rote Linie überschreiten. Ein Thriller der Extraklasse, der die Harry-Hole-Reihe vollkommen neu justiert. Eine glatte 10 von 10. ♦

Jo Nesbø: Messer (Harry Hole Krimi Bd. 12), Rowohlt Verlag, 574 Seiten, ISBN 9783550081736

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Claudia Praxmeier: Bienkönigin

 

Berthet & Raule: Dein Tod – Mein Kunstwerk (Graphic Novel)

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Kunst und Tod in Barcelona

von Isabelle Klein

Ein Mann, mit bulliger Statur, allein in einem nächtlichen Labyrinth, umzingelt von düsteren, fremdartig tätowierten Gestalten, das ist der Ausgangspunkt der Graphic Novel „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ des Gespanns Philippe Berthet (Zeichnungen) & Raúl Anisa Arsís Raule (Szenario). Die faszinierende Covergestaltung von Berthet und das Vorwort von Raule legen die Erwartungen hoch: Ein Barcelona, wie man es im Film Noir findet, eine mysteriöse Geschichte, die die Schatten der Vergangenheit wiederauferstehen lässt, verratene Gefühle, Lebenslügen – kurzum: Von allem etwas dabei und auf knapp 64 Seiten, das verspricht spannende Unterhaltung.

Dein Tod - Mein Kunstwerk - Philippe Berthet & Raule - Graphic Novel - Cover Glarean MagazinDie Geschichte ist kurz, aufs Wesentliche verdichtet und spielt mit Archetypen. Da wäre der bullige, grauhaarige Pariser Cop Philippe Martin, der mit seiner gebrochenen Nase und Schlagkunst dem Charakter des harten Bullen mit sensiblem Kern alle Ehre macht. Ein Abschiedsbrief einer 25-jährigen Kunststudentin namens Emma Bellamy Martin erfordert seine Ankunft in Barcelona, einer Stadt, die er kennt und liebt. Die junge Frau scheint seine Tochter zu sein, so sagt es wenigstens der Abschiedsbrief. Er begegnet der Frau wieder, die ihn 25 Jahre zuvor Knall auf Fall verlassen hat. Sie beschwört ihn, den Mord an der Tochter aufzuklären, denn sie weiß sicher, dass die lebenslustige Emma, die gerade an ihrer Doktorarbeit schrieb, sich nie das Leben genommen hätte.

Thema im Thema

Ein gefälschter Abschiedsbrief, ein unsteter Freund, ein potentieller Verschmähter und eine wütende Mitbewohnerin halten den Kriminalkommissar in Atem, bis er im furiosen Finale seiner Nemesis begegnet. Was „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ reichlich aufweist, sind skurrile Gestalten und das Spiel mit der noir-typischen Rückblende.

Dein Tod - Mein Kunstwerk - Philippe Berthet & Raule - Graphic Novel - Leseprobe Glarean Magazin
Leseprobe aus „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ von Philippe Berthet & Raule

Ein wenig Ästhetizismus, indem das Autor-Zeichner-Gespann die Ballade „The Lady of Shalott“ von Alfred Tennyson aufgreift und das Thema der Graphic Novel zum Thema im Thema macht; dazu Jacques Brel und weiße Schokolade, zwei Dinge, die Vater als auch Tochter lieb(t)en und einen Vaterschaftstest unnötig machen, denn das Herz schlägt im Gleichtakt; ein kleiner Verweise auf Otto Premingers Film Noir „Laura“ (USA 1944) mit der grandiosen Gene Tierney – solche Dinge lassen das Herz des (Film-)Enthusiasten höher schlagen. Gleich der undurchschaubaren Laura ist Martins Ex eine femme fatale, die letztlich nicht wirklich zu verstehen ist. In ihrer Tochter Emma findet sie ein jüngeres Pendant, das leider recht amorph bleibt. Hier wären stärkere Akzente nicht verkehrt gewesen.

Unterhaltsam und fesselnd

Keine Frage, „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ ist eine kleine feine Graphic Novel. Sie weiß zu unterhalten und zu fesseln. Sie spielt mit Rückblenden, Kontrasten und zeigt ein dunkles Barcelona jenseits von zafonseker Düsternis. Und doch bleibt die Wirkung des Comics durch die recht kompakte Länge begrenzt und kommen bspw. Motive zu kurz. Das Konzept ist gut, aber die Umsetzung hätte durch Länge an Vielschichtigkeit und Tiefe gewonnen, was gerade für den Vater, die Tochter und den/die Täter von großem Vorteil gewesen wäre. Warum wird das Vorgehen der Mörder nicht detaillierter und dadurch weniger stereotyp erklärt?

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Der Autor, der das geheimnisvolle Barcelona zum Leben erwecken will, tut das m. E. in der Zusammenarbeit mit Colorist und Cartoonist nicht wirklich zielsetzend. Zu hell die Farben, zu einfach die Szenerie. Teils wäre dann doch ein zafoneskes Element morbiden Charmes angebracht, ein Zusammenspiel von Licht und Schatten, monochromen Kontrasten und Schattenwürfen, ebenso, wie es der Film Noir der 40er und 50er inszeniert. Gelegentlich kommt solches dann aber doch vor, wenn z. B. in der Leichenhalle eine Frosch-/Fluchtperspektive bedrohlich ein Rollbett in den Vordergrund rückt (S. 6) und die Decken unnatürlich schwarz sind (S. 6 und 7). Selbst Kleinigkeiten wie die im Schwarz verschwindenden Augen Philippes nach seiner Erschütterung im Angesicht von Leiche und Abschiedsbrief überlässt der Zeichner nicht dem Zufall (S. 9, oben links).

FAZIT: Die kleine, aber durchaus feine Graphic Novel „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ weiss zu unterhalten und zu fesseln. Zuweilen bleibt die Leser-Wirkung wegen fehlender Vielschichtigkeit hinter den durch grossartiges Cover und gute Konzeption geschürten Erwartungen zurück. Doch die Novel spielt mit Rückblenden, Kontrasten, zeigt ein Barcelona jenseits von zafonseker Düsternis – ein Barcelona, wie man es aus dem Film Noir kennt. Spannend.

Wenn aber schon der Verlag explizit auf den Noir-Charakter verweist, hätten Berthet/Raule solche Raffinesse noch öfter anlegen können. Allgemein wirkt das Cover, das das Element Wasser und den Tod mit einem Hauch von Gefahr als auch Liebe großformatig vereint, auf mich sehr reizvoll. Doch wie schon erwähnt, kann man diesem geheimnisvoll anziehenden Titelmotiv durch die Kürze der Geschichte nicht annähernd gerecht werden. ♦

Philippe Berthet & Raule: Dein Tod – Mein Kunstwerk (Graphic Novel), 64 Seiten, schreiber&leser Verlag, ISBN 978-3-96582-001-2

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Martin Stauder: Morderverdacht

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Mick Finlay: Arrowood – Die Mördergrube (Krimi)

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„Gestatten: William Arrowood, emotionaler Detektiv“

von Isabelle Klein

Sollten Sie Sherlock-Holmes-Fan sein, seien Sie vorsichtig, denn dieser zweite Fall rund um den zweitbesten Londoner Detektiv William Arrowood und seinen Gehilfen Norman Barnett kann Sie leicht bis stark aggressiv machen, je nachdem, wie stark Ihre Liebe zum Superhirn der Detektivgeschichte ausgeprägt ist, denn laut Letzterem ist Ersterer schlichtweg ein „Scharlatan“ (S.343).

Mick Finlay - Arrowood - Die Mördergrube - Krimi - Harper Collins - Cover - Glarean MagazinWilliam Arrowood hat es nicht leicht. Ständig hält man ihm den genialen Sherlock vor, der gerade raffiniert einen Erben gerettet hat (der Holdernesse-Fall). Arrowoods Meinung nach alles purer Zufall, denn der Meisterdetektiv habe Spuren falsch gedeutet und schlichtweg Glück gehabt. Während Holmes also mit seinem deduktiven Vorgehen und dem Hauptaugenmerk auf dem Deuten von materiellen Hinweisen Fall nach Fall löst, hat unser armer, übergewichtiger, stets von zu engen Schuhen, grausamen Darmwinden und einer untreuen Frau geplagter Detektiv ein gänzlich anderes Herangehen: Er setzt auf Gefühle, nicht auf Logik, denn Menschen sind nun mal von Gefühlen bestimmt und handeln nicht unbedingt logisch. So ist Arrowood nach eigenen Worten ein „emotionaler Detektiv“, der die Menschen versteht und sich in sie hinein zu versetzen versucht.

Eine „rasante Geschichte“?

Mick Finlay - Glarean Magazin
Mick Finlay

So auch in diesem Fall: Die beiden werden vom Ehepaar Barnett an einem kalten Neujahrsmorgen des Jahres 1896 beauftragt, die verlorene Tochter Birdie wieder mit ihnen zu vereinen. Birdie ist „geistesschwach“ und habe sechs Monate zuvor den ebenfalls entwicklungsverzögerten Walter Ockwell, der zusammen mit seinen Geschwistern Godwin und Rosanna einen heruntergekommenen Bauernhof betreibt, geheiratet. Seitdem sei jeder Kontakt von der Schwägerin unterbunden worden, man mache sich große Sorgen um das Wohl des einzigen Kindes.
Arrowood, dessen letzter Fall bereits fünf Wochen zurückliegt, nimmt an, obwohl er von vornherein ahnt, dass das Elternpaar etwas verbirgt. Man einigt sich darauf, dass er zumindest herausfinden soll, ob Birdie wohlauf ist und dort nicht gefangen gehalten wird.

Immer das Gleiche

Und so entspinnt sich laut der Werbung der Times (vgl. hinten auf dem Cover) eine „rasante Geschichte, die sich von Twist zu Twist und Gefahr zu Gefahr bewegt.“ Womit wir schon mitten in dem sind, was für mich den größten Schwachpunkt der viel zu langen Geschichte rund um den Seelenzustand Birdies und eine in Folge der Ereignisse getötete Kesselflickerin darstellt. Es ist eben nichts rasant und voller Wendungen – nein, man verliert irgendwann (rund um die Mitte herum) leicht das Interesse weiterzulesen, denn gefühlt geschieht immer das Gleiche. Arrowood und Barnett nehmen den Zug in den südlichen Vorort und kommen einfach nicht weiter, dabei werden sie von immer mehr Bewohnern angefeindet, verdroschen und öffentlich diffamiert. Gerade Barnett wird ein ums andere Mal Opfer zahlreicher Prügel, während Arrowood seinen Mariani-Wein in sich reinschüttet und von dermaßen üblen Darmwinden geplagt wird, dass man sich fragt, was Finlay damit bezweckt.

Anette Hinrichs - Nordlicht - Die Tote am Strand - Kriminalroman - Spiegel-Bestseller - Blanvalet Verlag
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Für mich besteht der gute Arrowood aus einer eindrucksvoll verfetteten Gestalt, einem riesigen Zinken, aus aufgedunsenen Füßen mit knorrig gelben Zehennägeln, schwarz angelaufen (vgl. S.241), aus widerlichen Geräuschen und Gestank – schlichtweg ein gesundheitliches Wrack.
Seine beiden Protagonisten negativ in Szene setzen, das vermag Finlay grandios. Uns (wie ebenfalls vom Verlag versprochen) aber in die „düsteren Gefilde der viktorianischen Nervenheilanstalten“ zu führen, das geschieht jedenfalls nicht. Oder nur sehr oberflächlich, als die beiden mal wieder kräftig Prügel einstecken, weil sie im Caterham Asylum for Safe Lunatics and Imbeciles rumschnüffeln.

Gepflegte Langeweile

Fassen wir zusammen: „Die Mördergrube“ ist eine sich sehr gemächlich entfaltende Geschichte, die hauptsächlich von der blumigen und bildgewaltigen Ausdrucksweise lebt (bzw. den Leser die Nase rümpfen lässt). Dazu einige ins Spiel geworfene Nebendarsteller wie die mutige Schwester Ettie, den trinkfreudigen Dorfgeistlichen oder den „Mongo“ Willoghby Krott, zuzüglich milde Einblicke ins betrügerische Treiben von Heilanstalten. Darüber hinaus? Nicht viel, und nichts Lehrreiches oder gar Erfreuliches.
Finlay entwickelt ein interessantes Konzept, aus dem man durch den Gegensatz Holmes-Arrowood hätte einiges machen können. Doch er schreibt so schwerfällig, konzipiert einen Fall, der so von Wiederholungen und gepflegter Langeweile lebt, zeichnet seine Charaktere so einseitig, dass man eigentlich nur froh ist, wenn die Geschichte vorbei ist. ♦

Mick Finlay: Arrowood – Die Mördergrube, Kriminalroman, 480 Seiten Harper Collins, ISBN 9783959672931

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Moderne Krimis auch über
Niklas Natt och Dag: 1793

… sowie über den Krimi von
Roland Stark: Tod in zwei Tonarten

Niklas Natt och Dag: 1793 (Roman)

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Die dunkle Seite der Aufklärung

von Isabelle Klein

Sie mögen historische Kriminalromane, in denen alles seinen herkömmlichen Lauf nimmt? Überspringen Sie diese Rezension und lassen Sie ihre Hände von „1793“. Glauben Sie vor allem keinesfalls den Versprechen des Covers, das das Buch mit Caleb Carrs „Einkreisung“ vergleicht – mehr dazu später. Denn mit „1793“ von Niklas Natt och Dag erhalten Sie ein Werk , das sowohl erzählerisch als auch inhaltlich extrem brutal und trostlos ist, in jeder Art und Weise!

Niklas Natt och Dag - 1793 - Roman-Rezension - Glarean MagazinWährend in La Belle France der Geist der Aufklärung tobt und die Köpfe rollen, ist in Stockholm ein kühler Herbsttag, als der Häscher Mickel Cardell einen Toten aus dem Fatburen fischt. Entstellt, gefoltert, zum bloßen Fleischklumpen verkommen ist das, was einmal eine menschliche Existenz war. Einzig das herrlich goldblonde Haar zeugt von früherer Schönheit. Zusammen mit dem todkranken Sekretär der Polizeikammer Cecil Winge macht sich der einarmige Stadtknecht auf die Suche nach dem Mörder und sticht in ein Wespennest aus Lug und Trug und unaussprechlichem Laster.

Brutal und trostlos

Soweit die Ausgangssituation, in der der einarmige (holzschwingende) Kriegsveteran Cardell mit Cecil Winge, der, nur noch ein Schatten seiner selbst, bald seiner fortgeschrittenen Tuberkuloseerkrankung erliegen wird, Hand in Hand ermittel. Die Paarung erinnert mich an ein anderes Duo: C. J. Sansoms Romanreihe um Master Shardlake und seinen Gehilfen Barak – quasi: Shardlake meets Winge und Cardell. Doch während im Tudor-England gegen Ende der Regierungszeit Heinrichs VIII. virtuos das Leise, Ausgeklügelte, der Zwischenton regiert, das Lesen ein Genuss ist und die Mördersuche vielschichtig vonstatten geht, ist das Erstlingswerk des Schweden Niklas Nat och Dagg gänzlich anders angelegt: brutal, martialisch, gewaltig und grausam. Das muss man mögen oder zumindest ertragen können, sonst wird das Buch ganz schnell in der nächsten Ecke landen.

Und genau deswegen verärgert mich sowohl die Leseempfehlung, die Hugendubel herausgibt, als auch das, womit der Piper-Verlag das Buch dem Leser anpreist. Ist man mittlerweile wirklich so weit, dass Netflix‘ Streamingdienst als auschlaggebend betrachtet wird, um das Buch an den Leser zu bringen? Dort lief nämlich gerade die Verfilmung des o.g. Werkes von C. Carr als Serie (The Alienist). Und glauben Sie mir, die seit vielen Jahren das Genre des historischen Krimis, gerade auch in Serie, favorisiert und Caleb Carrs „Einkreisung“ bereits in den frühen 2000ern verschlungen hat: Kein Vergleich, „Die Einkreisung“ ist um Welten besser! Unglaublich auch die Werbung mitten im Buch auf S. 295, wo auf weitere Infos über Dag, den „Meister des Grauens“, verwiesen wird.

Ermittlung in Stockholms ersten Kreisen

Niklas Natt och Dag - 1793 - Glarean Magazin
Schilderer grausamster Gewaltbereitschaft: Niklas Natt och Dag

Zurück zur Handlung: die beiden Ermittler wollen dem toten Fleischklumpen, den sie Karl Johan nennen, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Eine Münze, die im Darm des Toten gefunden wird, bietet erste Anhaltspunkte, als auch eine Kutsche, die den Toten im Fatburen abgeladen hat. Die Spur führt anscheinend in Stockholms erste Kreise. Ein Sündenpfuhl, der auch abgebrühte Krimileser nicht kalt lassen wird, offenbart sich.
Nun sind nordische Kriminalautoren eher für ihre schonungslosen direkten und oft brutalen Ausführungen bekannt als andersrum; man denke an Nesboe, Adler Olsen usw. Doch das, was sich hier in vier Kapiteln offenbart, ist wirklich harter Tobak; martialisch und in der Schilderung der Gewaltbereitschaft grausam, und brutal in der Schilderung der Folter, die dem Tod Karl Johans vorangeht (Kapitel 2). Also definitiv nichts für zarte Gemüter.

So recht zu nähern vermag man sich den beiden Protagonisten nicht; zu lang sind die durch den Aufbau erzeugten Unterbrechungen. Wir erleben den klassischen Krimiplot nur in Kapitel 1, wo das Geschehen durchdacht an Fahrt gewinnt. Was dann folgt, v.a. in Kapitel 2 und 3, hätte gut werden können, hätte Dag m.E. auf ein klein wenig Grausamkeit und deren explizite Schilderung, die fast schon einem Schwelgen in pervers-widerlichen Exzessen (die sich dann auch bis zum Ende hinziehen) gleichkommt, verzichtet. Was treibt einen Menschen an, so in den dunklen Abgründen zu verweilen? Mir stellt sich die Frage: muss das sein, ist weniger nicht mehr? Wo bleibt die Raffinesse bei alldem?
Zum Verständnis: Im zweiten Teil werden wir mit einer armen Seele konfrontiert, die durch Verfehlungen zum Werkzeug des Mörders wird. Kann er mit seiner Schuld weiterleben? Ein interessanter Ansatzpunkt, hätte man mehr Gewicht auf das moralische Dilemma gelegt und nicht dumpf in Exzessen geschwelgt. Teil 3 lässt uns einmal mehr am Menschen zweifeln und bringt eine weitere Figur, die der Hökerin Anna Stina (wird bei einer unzüchtigen Handlung ertappt und landet im Zuchthaus, wo sie weitere Abgründe der menschlichen Seele erblickt) ins Spiel.

Plakative Moral der Geschichte

FAZIT: Der Roman „1793“ von Niklas Natt och Dag fällt als Soziogramm eines Psycho- bzw. Soziopathen – nach all dem exzessiven Hin und Her, vermischt mit etwas Einführung in konfus geschilderte schwedische Geschichte nach dem Tod des Königs und beamtlicher Intriganten – erschreckend schwach aus. Auch seine plakative Moral von der Geschichte, dass keiner ohne Schuld sei und in jedem Täter zugleich auch ein Opfer stecke, bleibt irgendwo beim Schwelgen im Abtrennen von Gliedmassen, im Vergewalten und Augenblenden auf der Strecke.

Da nicht direkt zur Weiterentwicklung und Auflösung der Geschichte beitragend, werden wohl viele kritisieren, dass man dieses Kapitel hätte streichen können. Nicht unbedingt, würde ich sagen, denn das Hauptanliegen des Autors (so würde ich mal unterstellen), Stockholm als absolut widerlichen Sündenpfuhl, die Menschheit insgesamt als Ansammlung von Monstern darzustellen, vermittelt er so eingehend. Der Bogenschlag zurück gelingt, aber überzeugt nicht, sprich die Zusammenführung all dessen im letzten Teil. Soweit ermattet von all den Grausamkeiten und Ausschweifungen, kam mir die Leselust leicht abhanden, die Rückkehr zu Mickel und Winge im mittlerweile winterlichen Stockholm ließ nur vorüberkommend leichte Freude aufwallen: Ein Toter aufersteht zwischenzeitlich und ein Mörder beichtet.

Die Hexen-Richer - Der Fall Maria Renata Singer
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Atemlose Spannung? Von wegen. Das Soziogramm eines Psycho- oder doch eher Soziopathen fällt nach all dem exzessiven Hin und Her, vermischt mit etwas Einführung in konfus geschilderte schwedische Geschichte nach dem Tod des Königs und beamtlicher Intriganten, eschreckend schwach aus. Gut, Simples mag umso nachhaltiger wirken, wenn der Unterbau, die Unterfütterung der Geschichte mit mehr Raffinesse und ausgeklügelter angelegt gewesen wäre. Stattdessen immer nur stupides Verlangen nach Lust und Schmerz, gepaart mit Gewaltbereitschaft und Grausamkeit. Dass letztlich Mörder, Gehilfe als auch Ermittler sich schuldig machen, berührt nicht mehr wirklich, da die plakative Moral von der Geschichte, dass keiner ohne Schuld sei und in jedem Täter zugleich auch ein Opfer stecke, irgendwo beim Schwelgen im Abtrennen von Gliedmassen, im Vergewaltigen und Augenblenden auf der Strecke bleibt.
Letztlich gäbe es noch viel zu Figuren, der Aufklärung und dem menschlichen Wesen zu schreiben und zu analysieren. Doch entsprechend dem Duktus von „1793“ halte ich es einfach und simpel, ganz wie Hobbes uns in seinem Leviathan bereits geschildert hat: Homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Erwarten Sie folglich nichts anderes, und das Buch wird Sie bestens unterhalten. ♦

Niklas Natt och Dag: 1793 – Roman, 494 Seiten, Piper Verlag, ISBN 9783492061315

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Psycho-Krimi auch über den Roman von
Esther Pauchard: Jenseits der Couch

… sowie zum Thema Aufklärung über die historische Monographie von
Carsten Priebe: Eine Reise durch die Aufklärung

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

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Lesen Sie auch unser Editorial und das Inhaltsverzeichnis

Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei (Roman)

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Zwischen Sinnfrage und Obsession

von Isabelle Klein

Deutschland am 13. August 1961: Mauerbau und Schließung der Grenze. Die Ereignisse überschlagen sich: Die NVA steht in Ostberlin, das Potsdamer Abkommen ist gebrochen, die Sowjetzone mutiert zum KZ. Janus Emmeran, Medizinstudent aus Tübingen und Protagonist des Romanes „Frei“ von Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel, hört diese Nachrichten fassungslos während seiner Semesterferien in Westberlin. Er geht neugierig, ob dies möglich wäre, ungehindert in den Osten und wieder zurück. Es reift ein Plan in dem jungen ambitionierten Mann: Menschen aus dem Osten, wie beispielsweise seinem Studienkollegen Pospiech, zur Freiheit zu verhelfen.

Roswitha Quadflieg - Burhart Veigel - Frei - Roman-Rezension Glarean MagazinZu Beginn seiner Fluchthelferkarriere ist alles ganz easy. Man verwendet Pässe von Westdeutschen, schmuggelt sie über die Grenze – problemlos ist man aus Ostberlin in die Freiheit gelangt. Die Pass-Tour wurde geboren, Janus in seinem Höhenflug beflügelt. Ein studentisches Netzwerk zur Fluchthilfe entsteht, und Janus wird zu einem ihrer genialsten Köpfe, der zwischen 1961 bis 1968 über 600 Menschen zur Flucht verhilft. Effektiver Kopf und Staatsfeind Nummer Eins der Bauernrepublik, der raffiniert weitere Wege in die Freiheit ersinnt, in Form der ausgeklügelten Cadillac- und Franzosen-Tour. Gerade letztere bereitet für zahllose DDR-Bürger den Weg in den Westen.

Extrem spannender Beziehungsreigen

Zeitsprung: Berlin 2016. Nach einem geruhsamen Leben, das nicht mehr viel mit der aufregenden studentischen Fluchthelferzeit gemein hat – orthopädische Praxis im beschaulichen Schwabenländle, zuvor Intermezzo in den USA, Kind, Kegel und Familie (immerhin vier Töchter) – möchte es der junggebliebene 68er, immerhin seinen 80 nahe, noch mal wissen. Geschieden, alleinstehend, mit einem recht bewegten Beziehungsreigen in der kurzen Zeit nach der Trennung, antwortet er auf die Annonce einer wesentlich jüngeren Frau, die – jetzt kommt es zu einem sehr geschickten Kunstgriff des Autorenpaares Quadflieg/Veigel) – aus dem Osten der Republik stammt…
Und so wird der Leser mitten in einen extraordinären, extrem spannend zu lesenden Beziehungsreigen hineingezogen, der die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt, und in dem eines ganz schnell klar wird: Janus (der Name ist Programm, denn der eine Abschnitt seines Lebens scheint zum anderen nicht zu passen, sowohl in Vergangenheit als auch der Gegenwart) hat auch nach vielen geruhsamen Jahren sein Freiheits-Gen nicht abgelegt. Er brennt noch immer für die Freiheit, während die rund 30 Jahre jüngere Colette, die einen Verlag leitet und zwei Kinder in den 20ern hat, sich ganz auf die Paarbeziehung beschränken will.

Kampf gegen das Mittelmaß

Todesstreifen der Berliner Mauer 1961 - Glarean Magazin
Taghell beleuchtet, es wird scharf geschossen: Teil des berüchtigten „Todesstreifens“ an der Berliner Mauer 1961

Wer Freiheit nicht kennt, vermisst sie auch nicht, so in etwa Colettes Einstellung zum Thema Meinungsfreiheit und Freiheit der Person. So kann sie in den heißen August-Sommertagen nicht nachvollziehen, dass Janus, von seinem alten Fluchthelferkumpel Harry um Hilfe gebeten, einer jungen Frau mit Migrationshintergrund eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Angst und Repressalien ermöglichen will. Und dafür eben die traute, leidenschaftliche Zweisamkeit von Berlin in das Schweizer Bergpanorama verlegen will.
Janus, aktuell mit der Aufarbeitung seiner Stasi-Akten beschäftigt, sucht immer noch nach Möglichkeiten, anderen die Freiheit zu ermöglichen, ist allerdings inzwischen zu alt für aktive Flüchtlingshilfe. Anisa und das beschauliche, vermeintlich romantische Alpenidyll werden zur Bewährungsprobe für die junge, bis dato problemlos zu stemmende Liebesbeziehung dieser beiden so unterschiedlichen Menschen, die eines verbindet: „Den Kampf gegen das Mittelmaß“ (Seite 147) und die Suche nach erfüllter Liebe.

Burkhart Veigel - DDR-Fluchthelfer - Glarean Magazin
Einer der findigsten DDR-Fluchthelfer: Burkhart Veigel (Geb. 1938 in Eisfeld/D)

Jedoch: Frei nach „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ stellt gerade diese Aktion die aufkeimende große Liebe vor eine große Frage: Kann die Sozialisation in zwei konträren politischen Systemen, zu völlig unterschiedlichen Zeiten und Ausgangsbedingungen gelingen? Wachsen sich zunächst nette Kabbeleien und spitze Sticheleien zur ausgewachsenen Systemkritik aus – z.B durch Colettes kritische Äußerungen über die USA und den Kapitalismus zu Ende des Buches – und wird die Freiheit zum handfesten Hindernis, das einer gemeinsamen Zukunft entgegensteht?

Unterschiedliche Bedeutung von Freiheit

Die Schriftstellerin Roswitha Quadflieg (Geb. 1949 in Zürich)
Die Schriftstellerin Roswitha Quadflieg (Geb. 1949 in Zürich/CH)

Äußerst geschickt erzählen Quadflieg und Veigel diese Geschichte, die lapidar, doch ebenso gewichtig „Frei“ heißt. Sie schlagen wie im lockeren und leichten Flug Brücken zwischen hier und jetzt, zwischen Vergangenheit und verheißungsvoller Zukunft, die wiederum zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings mit dem Wind verwehen mag. Burkhart Veigel erfindet eine Liebesgeschichte, verwebt mit Roswitha Quadflieg äußerst raffiniert Fakten aus seiner Vergangenheit mit Fiktion. So sind Janus und Veigel in vielem eines und doch ganz anders. Veigel erschafft mit Janus Emmeran eine lebendige, virile und sehr vielschichtige Persönlichkeit, die eben nicht einfach einzuordnen ist, zwei Gesichter hat und ein eigenes Alter Ego. Mit der großen Liebesgeschichte am Lebensabend gelingt es ihnen mühelos und höchst effektiv, die unterschiedliche Bedeutung der Freiheit im Leben zwischen Ost und West zu thematisieren und spannungsgeladen das Glück – man fiebert wirklich mit – seinen Lauf nehmen zu lassen.

Ein Buch mit Mehrwert

FAZIT: Der Roman „Frei“ von Roswitha Quadflieg & Burkhart Veigel ist ein wunderbares Buch, dem es mühelos gelingt, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Einen Bann um Janus Emmeran und dessen Freiheitskampf, sowohl im heißen Sommer 2016 und natürlich im Berlin der 1960er Jahre. Ein Buch mit Mehrwert, aus dem der Leser je nach Jahrgang ganz Unterschiedliches schöpfen mag.

Der Roman „Frei“ von Roswitha Quadflieg & Burkhart Veigel ist ein wunderbares Buch, dem es mühelos gelingt, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Einen Bann um Janus Emmeran und dessen Freiheitskampf, sowohl im heißen Sommer 2016 und natürlich im Berlin der 1960er Jahre. Ein Buch mit Mehrwert, aus dem der Leser je nach Jahrgang ganz Unterschiedliches schöpfen mag. So kann es (wie für Burkhart Veigel) zugleich Aufarbeitung und Bewältigung sein, für mich (Jahrgang 75) ist es die erstmalige intensive Auseinandersetzung und hautnahe Begegnung mit der Geschichte der deutsch-deutschen Fluchthilfe. „Frei“ ist zugleich aber auch ein Denkanstoß, dass es mehr solcher außergewöhnlichen Menschen und solcher Engagements wie Veigels bedarf, um Freiheit auch für jene verwirklichen zu können, die sie im Jahre 2018 nicht als selbstverständlich zu erfahren vermögen. ♦

Roswitha Quadflieg, Burkhart Veigel: Frei – Roman, Europa Verlag, 338 Seiten, ISBN 98739589018

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Zeitgeschichtliche Romane auch über
Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

… sowie zum Thema Deutschland:
Gerhard Oberlin: Deutsche Seele – ein Psychogramm

Donat Blum: Opoe (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

In Teilen gelungen, im Ganzen gescheitert

von Isabelle Klein

Die hohen Erwartungen, die Donat Blum mit seinem Roman „Opoe“ durch den Verweis – Zitat im Vorwort – auf Herzogs Film „Fitzcarraldo“ und dessen Opernbau erweckt, nämlich die Grenzen des Erreichbaren zu sprengen, das Verrückte zu verwirklichen, alles zu wollen, diese Erwartungen erfüllt das beinahe lapidare Ende nicht. Damit ist hier das Buch von hinten aufgerollt, da diese Betrachtung am sinnvollsten erscheint. Ein Buch, eine Sinnsuche: Wider Banalitäten, Schwarzweißmalerei; gegen Dualität und verbundene Einordnungen – so das Anfangsversprechen.

Ein vergebliches Leben

Donat Blum - Opoe - Roman-Rezension - Ullstein Verlag - Glarean MagazinSehr gelungen beginnt der Autor seinen Erstling, in dem alles im Fluss scheint, in dem die schwer fassbare Suzanne, die niederländische Oma (Opoe), in ihrer Schweizer Wahlheimat sich jeder Kategorisierung entzieht. Eine introvertierte Frau, die die Oper liebt, genau wie sie Wien liebt, ohne jedoch jemals eines von erlebt zu haben. Ein sinnloses Leben, urteilt der Enkel. „Diese Trauerfeier war das Tüpfelchen auf dem i eines vergebenen Lebens. Der Deckel zum Töpfchen der Sinnlosigkeit“ (Seite 11). Mitten in die Geschichte geworfen, erwartet man durch Fitzcarraldo Famoses, ist in Bann gezogen. Karl Lagerfeld hat einmal gesagt, der Sinn des Lebens sei … ja, was?! Simpel die Antwort: Zu leben!
Insofern polarisiert Blums Anspruch, das Leben einer Frau, die er so gut wie nicht kennt, „aburteilen“ zu können. Acht Jahre sind seit dem Tag vergangen, als er vorübergehend zu Studienzeiten bei der Oma in Bern lebte. Sporadisch der Kontakt seitdem. Man kennt sich nicht wirklich, bleibt einander fremd.

Im Beziehungsgeflecht verflacht

Im Jetzt: die Beerdigung. Beziehungsgeflechte des Enkels, Sinn- und sexuelle Identitätssuche entfalten sich unvermittelt. Der Autor, der wohl zugleich Enkel und Protagonist ist, will Querverbindungen aufzeigen, hat das Gefühl, die Erforschung der Vergangenheit der Oma helfe ihm, sich selbst zu finden.
Deswegen begibt er sich vom Ursprung des Rheins an dessen Ende. Ein widersprüchliches und gerade deswegen gewinnbringendes Bild entfaltet sich vor dem Auge des Lesers, bis das Ganze m.E. in zu viel Beziehungssinnsuche des Enkels ausartet und dadurch verflacht, wobei leider auch Opoe auf der Strecke bleibt.

Perspektiven-Wechsel und Zeitsprünge

Perspektiven-Verschiebungen, Zeitsprünge, Dinge im Fluss, das alles macht das Lesen durchaus interessant. Aber kurze, abgehakte 1-2-Seiten-Kapitel bringen keine Dynamik in „OPOE“.
Blum übernimmt sich, läuft beim Seelenstriptease auf Sand und begeht den Fehler, dass er sich gegen Ende etwas zu sehr in Sex versteigt. Während das Feuilleton bei letzterem gerne über „Altherrensexphantasien“ ätzt, die so keiner braucht, bin ich diesbezüglich der Meinung, dass weniger mehr ist und explizite Erwähnungen einen gewissen Müdigkeitsfaktor erzeugen.
Harsche Worte? Vielleicht, aber nach einem überaus vielversprechenden Beginn, der geradezu kafkaesk anmutet in seiner elliptischen Erzählperspektive, mit Rückblenden und Perspektivwechseln sowie kurzen, sporadischen Episoden und Kapiteln hin und her springt und dem Leser einiges abverlangt, wird das Versprechen, dass eine besondere Beziehung zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Menschen bestünde, nicht gehalten.
Nach also exzellentem Beginn, in dem man voller Fragen ist und sich diese auch im Hinblick auf die eigene Erfahrung mit den Großeltern, samt verpassten Chancen und Auswirkungen, zu stellen bereit ist, verflacht „Opoe“ im Mittelteil zusehends. Man nähert sich der wenig greifbaren Frau, die zu Beginn so gelungen charakterisiert wird, eben nicht weiter an. Oberflächliche Erzählung von Stationen ihres Lebens, Schilderungen fast schon banaler Gegebenheiten lassen Erwartetes zurücktreten. Stattdessen zu viel Sinnsuche in sexueller Erleichterung.

Identitätsfindung auf halbem Wege

Blum schafft es leider nicht ansatzweise, die geweckte Faszination dieser merkwürdigen Großmutter, die so (wunderbar) schwer greifbar und fassbar erscheint, die ihren Enkel siezt und so wenig großmütterlich wirkt, auszubauen. „Geweckte“ Erwartungen sollten auch in einem Erstlingswerk erfüllt werden. Der Klappentext: „[…] mit verblüffender Leichtigkeit erzählt Donat Blum in seinem Debüt […] von den großen Fragen des Lebens.“ Wirklich?
Große Fragen beschränken sich eben nicht, dachte ich zumindest, weitestgehend auf Identitätsfindung durch Beziehungssuche bzw. auf die Frage, ob man mit einem Partner oder mehreren glücklich werden kann. Sondern sie betreffen alle Aspekte des Lebens. Aber vielleicht hat sich mir auch ganz einfach der Sinn von „Opoe“ nicht erschlossen, wer weiß…

Zwischen Bedeutsamkeit und Beliebigkeit

Kurz und bündig: Gerade im letzten Drittel weitet sich das, was sich schon im Mittelteil abzeichnet, ganz enorm aus. Begebenheiten werden gestreift, verkommen durch Kürze und mangelnde Tiefe in ihrer Bedeutsamkeit zur Beliebigkeit und lassen eines fehlen: Intensität und Sinn. Auch unter scheinbar Oberflächlichem lässt sich eben keine Tiefe und Bedeutsamkeit finden. Das Fluide, das Sein selbigens im Urlaub; mit wechselnden bzw. gleichzeitigen Partnern, im Sein der offenen Beziehung; im Austesten des Ertragbaren – dies alles führt eben nicht dorthin, wo es scheinbar soll, nämlich zu tieferem Sinn, zum Erkenntnisgewinn.

In Teilen gelungen, im Ganzen gescheitert

FAZIT: Das Roman-Debüt „Opoe“ von Donat Blum ist ein ambitionierter Versuch, in Teilen gelungen, im Großen gescheitert. Nichtsdestotrotz ein bereicherndes Leseerlebnis, in dem viele Fragen geweckt werden, wenngleich Donat Blum die Erwartungen nicht ganz befriedigen kann

Warum ist beispielsweise diese vergangene Frau plötzlich so wichtig für ihn? Warum fühlt er sich ihr posthum so nah? Was ist davon die Quintessenz, außer dieser: mit kleinen Dingen zufrieden sein? Und leider wird auch das Unzuordenbare ab der Mitte viel zu dual. Die einen sagen, Opoe sei eine Lebefrau, eine Verschwenderin gewesen, wohingegen sie doch auch an andere dachte, selbst Geld verdiente, sich aber nie emanzipierte. All das ist letztlich weit weg vom hehren Anspruch des Beginns, dass Unfassbare zu fassen, Grenzen zu sprengen, multikausal das Schubladendenken ad acta zu legen.

Das Roman-Debüt „Opoe“ von Donat Blum ist ein ambitionierter Versuch, in Teilen gelungen, im Großen gescheitert. Nichtsdestotrotz ein bereicherndes Leseerlebnis, in dem viele Fragen geweckt werden, wenngleich Donat Blum meine Erwartungen nicht befriedigt hat. Zuviel Joel, Yuri und Levin (Männer im Leben des Enkels) gegen Roman-Ende lassen das Sujet leider blass aussehen. ♦

Donat Blum: Opoe – Roman, 176 Seiten, Ullstein Verlag, ISBN-139783961010127

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Roman-Rezension von
Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen

Bernhard Schlink: Olga (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Eine außergewöhnlich gewöhnliche Frau

von Isabelle Klein

In dem Roman von Bernhard Schlink: Olga breitet der Autor eine Geschichte über eine starke Frau in stürmischen Zeiten aus, die beinahe novellenartig anmutet, derart reduziert ist dieser dreiteilige Roman, der mit seiner Kürze als auch mit schnörkelloser Sprache gleichermaßen verwundert wie fasziniert. Am Anfang das eine, zum Ende das andere.
Wir erleben in Schlinks Erzählung Olgas Kindheit, die alles andere als einfach ist und in ihrer Schlichtheit fast schon märchenhaft wirkt – kurz (bei bestimmten Ereignissen), aber auch wieder sehr ausführlich im Vergleich zu manchen Stellen des ersten Teiles, in denen viele Jahre auf wenigen Seiten umrissen werden, und dabei skurril, geradezu kafkaesk in der Schilderung der Vorkommnisse.

Im Wilden Osten des Deutschen Kaiserreiches

Bernhard Schlink - Olga - Roman - Diogenes Verlag (Cover)
Bernhard Schlink – Olga – Roman – Diogenes Verlag

Zur Waise geworden im Wilden Osten des Deutschen Kaiserreiches, wächst sie bei ihrer Großmutter auf: Liebe zu erfahren sei noch wichtiger als zu lieben, wird Olga im hohen Alter sagen. Gerade weil sie als kleines Mädchen eben dies nie erleben durfte. Die „arme“ Olga, die etwas „slawisch“ anmutet und darum abgelehnt wird, schließt Freundschaft mit den Kindern des hiesigen Grundbesitzers. Hier werden die Weichen ihres Lebens – einerseits ambitioniert und emanzipiert – gestellt (eben alles andere als arm), andererseits ist ihre Stärke zugleich Teil ihrer Schwäche, denn sie wird nie über ihren selbst gewählten festgesteckten Radius hinauskommen.
Und gerade hier zeigt sich einmal mehr, wie raffiniert Schlink diesen Roman konzipiert hat. Gerade als man denkt, Olga und ihre mangelnde Freude an Herberts  – ihre große und einzige Liebe – Welterkundung verstanden zu haben, zeigt uns der Autor im dritten Teil – der aus Briefen besteht, die Olga über viele Jahre an den Geliebten adressiert hat -, dass Olga eben doch mehr ist als die Summe ihrer Handlungen: „Dass du zurückkommst und mich all das fragst, was du mich nie gefragt hast: Wie ich leben möchte, ob ich lieber etwas anderes täte als Kinder zu unterrichten, die nicht unterrichtet werden wollen, und was das wäre und was ich von der Welt sehen, wohin ich reisen und wo ich leben möchte, wie Du mir bei alledem helfen kannst.“

Gefangene eines kolonialistischen Umfeldes

Zurück zum Anfang: Weichenstellend für ihr Leben ist die Begegnung mit den Kindern des hiesigen Grundbesitzers, Herbert und Viktoria. Welch imperialistischer Name, der zugleich für die Geisteshaltung der Deutschen zu Zeiten des Kaiserreiches steht! Kolonialismus ist Programm, vor allem in Herberts Leben, der sich dem Regiment und dem Kampf in „Deutsch-Südwest“ gegen die Herero anschließen wird. Die drei sind Gefangene ihres gesellschaftlichen Umfeldes, jeder trägt archetypische Züge in sich. So ist die, die augenscheinlich „arm“ dran ist, die kleine Olga mit dem unerwünschten Background, eben doch gerade die Starke, Ambitionierte, politisch Interessierte und Emanzipierte, kritisch Denkende. Sie alleine wird es aus eigener Kraft zu etwas bringen im Leben, ganz die Selfmade-Frau – Erfolg durch Wissen und Lehre. Und so zieht sich die vermeintliche Schwäche, an Beruf und lokaler Eingebundenheit festzuhalten auch durch das Leben der älteren Olga. – Sie verliert ihr Gehör – welch Glück, denn so muss sie den ungeliebten Nationalsozialismus und die lautstarken Auftritte nicht mit anhören.

Erfolgsautor Bernhard Schlink (hier bei einem TV-Interview) - Glarean Magazin
Erfolgsautor Bernhard Schlink (hier bei einem TV-Interview)

Während Olga mit Herbert eine Freundschaft verbindet, die zu Liebe heranwächst und Zeit ihres Lebens bis über seinen Tod hinaus anhält, ist ihr Verhältnis zu Viktoria von Anfang an belastet. Zerfressen von Standesdünkel, Borniertheit und Neid hintertreibt sie immer wieder deren Freundschaft und aufkeimende Liebe, intrigiert gegen die von Herbert gewünschte Heirat. Doch Olga wäre nicht Olga, wenn sie nicht bemerkenswert ruhig und stark bliebe, unbeirrt ihren Weg ginge. Wie sie später einmal zu Ferdinand (ihr Quasi-Enkel im Nachkriegsdeutschland) sagen wird: „So ist das Kind. Du kannst aus dem, was dir gegeben ist, nicht das Beste machen, wenn du es nicht annimmst.“ Und darin ist Olga wahrlich eine Meisterin!
Heimliche Treffen über Jahre hinweg, lange Zeiten der Abwesenheit, als Herbert zunächst Soldat wird und dann nach Deutsch-Südwest reist, um im irrigen missionarischen Eifer das angeblich überlegene Deutsche der kolonialen Welt zum Heil zu bringen – das ist Olgas Leben als junge Frau. Sie scheint zufrieden mit ihrem kleinen Wirkkreis und freut sich über Berichte von einem fernen Land.

Vom Kaiserreich zum Nazi-Größenwahn

Gekonnt greift Schlink in diversen Andeutungen das Machtstreben der Deutschen auf und an, lässt es schließlich mit der alten Olga in Schall und Rauch aufgehen. Über die Herero, das Streben nach weiteren Kolonien, den nationalsozialistischen Größenwahn durch die Erschließung von „Lebensraum“ im Osten, dem ihr Ziehsohn Eik willenlos verfällt, bis hin zu den 1960ern: Immer wollen die Deutschen alles zu groß. Und so entwirft Schlink ein Gemälde, das äußerst reduziert, schlicht in dem Durchstreifen der Abläufe ist (da werden locker mal Jahre auf 15 Seiten abgerissen), die den Leser über die größeren Zusammenhänge deutscher Geschichte sinnieren und sich ihrer bewusst werden lässt.

Fazit: „Olga“ von Bernhard Schlink ist der Roman über eine außergewöhnlich gewöhnliche Frau inmitten stürmischer Zeiten – vom Wilden Osten des Deutschen Kaiserreiches bis zum Größenwahn der deutschen Nazis. Schlink entwirft ein raffiniertes Zeiten-Gemälde und fesselt mit tragischen und zugleich aufbauenden Handlungssträngen.

Bemerkenswert ist der Stellenwert der Zahl Drei, die immer wiederkehrt. Drei Freunde aus Kindheitstagen, die ihre Lebenswege nachhaltig beeinflussen; Drei Männer, die Olga Vertraute und Weggefährten in unterschiedlichen Lebensstadien sind: Da ist der bereits genannte Herbert, über den sie Zeit ihres Lebens nicht hinwegkommen wird; dann Ziehsohn Eik, der sich genau so wie Herbert einer wahnwitzigen Idee verschreiben wird. Dritter im Bunde ist der junge Ferdinand, den Olga durch ihre Arbeit als Näherin in der jungen Bundesrepublik kennenlernen wird – ihr Vertrauter der letzten Jahre. Hier schließt sich der Kreis, denn die Zahl Drei repräsentiert auch den Aufbau des Romans, und Ferdinand kommt gerade im dritten Teil überragende Bedeutung zu.

Tragisch und aufbauend zugleich

Im ersten Teil lässt uns ein auktorialer Erzähler im Zeitraffer am Leben Olgas in Ostpreußen bis hin zur Vertreibung teilnehmen. Daran schließt ein personaler Erzähler – eben Ferdinand – an, der Olgas Leben als ältere Dame skizziert. So weit, so gut – sehr gelungen und raffiniert schließt Schlink damit den Kreis, indem er Ferdinand auf die Suche nach verschollenen Briefen gehen lässt. Und so erfahren wir endlich ein wenig mehr, als die ruhen gelassene Fassade über die Jahre hinweg preisgibt. ein gelungener und raffinierter Schachzug von Schlink, so letztlich alles wieder zueinander zu führen und dabei doch noch die eine oder andere Überraschung parat zu halten.
Olgas Geschichte ist tragisch und aufbauend zugleich. Es ist die Geschichte einer Frau, die weiß was sie will und wofür sie steht, auch wenn die Männer ihr immer einen Strich durch die Rechnung machen mit ihren Wertewelten… ♦

Bernhard Schlink: Olga, Roman, 320 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3257070156

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Roman von
Philip Pullman: Über den wilden Fluss

Philip Pullman: Über den wilden Fluss (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Eine Woge der Liebe für das Kind

von Isabelle Klein

Mit Prequels und Sequels im Fantasybereich ist das immer so eine Sache – fast keine Saga in Buch- oder Filmform, die nicht, in welche Richtung auch immer, fortgesetzt wird. Braucht man sie wirklich, oder ist alles nur Geldmacherei?
Philip Pullman arbeitet seit vielen Jahren an diesen neuen Bänden, die er interessanterweise als „equel“ (eben weder „Pre-“ noch „Sequel“) bezeichnet, und mit „Über den wilden Fluss“ liegt nun endlich der von Fans heißersehnte erste Teil der neuen Trilogie (im Original „The Book of Dust“ – Vol. 1) vor.

Vieles ist dabei gleich geblieben und doch wieder anders. Neu ist u.a. Malcom, ein mutiger und patenter Junge, den die Liebe zur Freiheit, Wahrheit und zu einem Kind in ein Abenteuer unbekannten Ausmaßes führen wird. Ebenso Alice, ein nüchtern-mürrisches junges Ding, das Malcolm unversehens zur wichtigen Stütze wird Daneben altbekannte Figuren, die uns in der „His Dark Materials“-Trilogie begegnen, nur eben jünger. Zudem eine Welt, die der unseren recht ähnlich ist, aber sich doch in wesentlichen Merkmalen unterscheidet. Wie schon im Hauptwerk erklärt vieles (anbarisches Licht, Gyropkopter … ) sich von selbst und bleibt doch durch das ausbleibende Glossar herrlich indifferent. Denn letztlich bleibt es ja im Vorstellungsvermögen des Einzelnen, wie er sich diese Kleinigkeiten (und Pullmans Weltenentwurf) erklärt.

Das alte Staubphänomen – verdichtet

Neu ist, dass das altbekannte Staubphänomen hier verdichtet wird. Durch den Staub ist die alles beherrschende totalitäre Kirche in Gefahr. Denn ihr zufolge ließe sich die Seele als Materie deuten und verlöre ihren göttlichen Ursprung. Man sieht bereits, auch hier verwebt Pullman wieder exzellent u.a. Blake und Milton zu einer Suche nach Wahrheiten im Kampf um Machtansprüche. Mittendrin ist Malcolm Polstead, zunächst ein elfjähriger biederer Langweiler, der den Eltern im Gasthaus und den Nonnen pflichtbewusst hilft. Durch Beobachten eines mysteriösen Vorfalls trifft er auf die Oakley-Street-Agentin Dr. Relf und sieht sich durch die Zuneigung zu Lyra, die die Nonnen in Pflege genommen haben, bald unversehens in einem dunkel-düsteren Abenteuer, als Wassermassen, sich zu einer biblischen Flut apokalyptischen Ausmaßes zusammenbrauen und man versucht Lyra zu rauben. Einzige Rettung verspricht Malcolms heißgeliebtes Boot „La Belle Sauvage“, auf das er sich samt Baby Lyra und Alice begibt, um dem reißenden Strom zu trotzen und Lyra in Sicherheit zu bringen.

„The meaning of a story emerges in the meeting between the words on the page and the thoughts in the reader’s mind.“** Es ist genau dieser Satz, der auf Pullmans Homepage zu lesen ist, der mich vor vielen Jahren für die „His Dark Materials“-Trilogie begeisterte. Und so lässt sich folglich im All-Age-Bereich für Groß und Klein, für Neueinsteiger und alte Hasen jeweils etwas anderes aus Pullmans Werk ziehen.

Spannend, düster, exzellent

Düster, eine despotische Welt abbildend, erschafft Philip Pullman in seinem Fantasy-Roman "Über den wilden Fluss" eine ungemein packende Geschichte um Lyras Babyzeit. Ein liebenswerter Junge, ein entzückendes Baby - gepaart mit Wassermassen biblischen Ausmaßes in einer Welt voller Wunder.
Düster, eine despotische Welt abbildend, erschafft Philip Pullman in seinem Fantasy-Roman „Über den wilden Fluss“ eine ungemein packende Geschichte um Lyras Babyzeit. Ein liebenswerter Junge, ein entzückendes Baby – gepaart mit Wassermassen biblischen Ausmaßes in einer Welt voller Wunder.

„Über den wilden Fluss“ ist ein spannendes, düsteres Leseabenteuer voller Fantasygestalten für die Jungen, exzellente Theokratie- und Totalitarismuskritik für die Erwachsenen, die sich zugleich an den liebenswerten Protagonisten und ihren fleischgewordenen Seelen in Dæmongestalt (wieder mal höchst entzückend) erfreuen möchten. Und so beginnt es etwas gemächlich in einer Welt, die wieder einmal der unseren so ähnlich und doch ganz anders ist. Mit der reißenden Flut, die Menschen überrascht, obwohl die Zeichen auf Warnung standen, wird aus dem pflichtbewussten Jungen ein mutiger Retter, und die Spannung nimmt Fahrt auf. Zugleich wird alles, was Pullman rational erklärt, ins Übernatürliche verkehrt. Es wimmelt von Elfen, Hexen, Wassergöttern. Genial auch die Idee mit der Insel der Vergessenden, die auf originelle Art und Weise wohl Demenz erklären soll.

Große Spielräume mit durchdachtem Weltenentwurf

Philip Pullman (Geb. 1948)
Philip Pullman (Geb. 1948)

Vor rund 15 Jahren, als ich das erste Mal als Erwachsene Pullmans „Goldener-Kompass-Trilogie“ begegnete, rissen mich Lyra und Co. nicht sonderlich vom Hocker. Zu sehr standen damals die Zeichen auf Zauberfantasy, gepaart mit Internatsromantik, gegen Faschismus. Wobei Pullmans vier Sally-Lockhart-Bücher (viktorianische Abenteuer-Mystery mit einem Hauch Steampunk) eher meinen Geschmack trafen. Heute jedoch, nach vielfältiger Jugend-Fantasy-Lektüre, schätze ich die großen Spielräume, die gute Fantasy-Autoren sich zunutze machen und eben solch einen wunderbar durchdachten Weltenentwurf wie diesen hier schaffen, in dem viel mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Vielschichtiger und gehaltvoller als reine Weltenentwürfe, die nur unterhalten sollen. Zum Glück weit weg von christlich verklärter Romantik à la „Narnia“. Insofern sollten sich auch Erwachsene, denen „Über den wilden Fluss“ vielleicht zunächst als reines Jugendbuch erscheint, nicht abhalten lassen.

Was soll man also sagen über diesen ersten Band einer neuen Trilogie, in dem einfach alles glänzend ist? Gekonnter Spannungsaufbau, eine düstere Odyssee, die vor allem junge Leser im wahrsten Sinne mitreißen wird; daneben ein schnörkelloser Erzählstil, wunderbar nüchtern auf den Punkt gebracht. Gelungene Figurenkonstellation um Lyra Bellaqua. Und für das etwas reifere Publikum jede Menge Verweise auf Pullmans Vorbilder, und die hat er als Literaturdozent wie Blake- und Milton-Verehrer ja zuhauf. Beste Coming-of-Age-Fantasy für ein Publikum von 9 bis 99. Freuen wir uns auf die Fortsetzung. ♦

Philip Pullman: Über den wilden Fluss, Roman, 566 Seiten, Carlsen Verlag, ISBN 978-3-551-58393-2

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Sarah Perry: Die Schlange von Essex (Roman)

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„Und die Welt dreht sich weiter“

von Isabelle Klein

Im viktorianischen London des Jahres 1893 ist das Korsett, das Cora Seaborne die Luft zum Atmen nimmt, nicht nur materiell zu sehen. Ihr Gatte, im Sterben liegend, befreit sie von Zwang und Unterdrückung. Sein Tod gibt ihr endlich die ersehnte Freiheit, dem gesellschaftlichen und weiblichen Dasein voller Einengung durch Konventionen, dem gesellschaftlichen Korsett, zu entfliehen. Was läge näher, als dem Ruf des Herzens, in diesem Fall der Wissenschaft um Fossilien, die Mary Anning mit ihren sensationellen Funden bereits rund ein dreiviertel Jahrhundert zuvor den Weg zu Ruhm geebnet hat, zu folgen und einem Leben voller Freiheit, Luft und Liebe nachzugeben?

Sarah Perry - Die Schlange von Essex (Roman) - Eichborn VerlagZusammen mit ihrer Freundin, zugleich Gesellschafterin und Kindermädchen für den verschrobenen jungen Francis, macht sich das Trio nach Essex, genauer gesagt Colchester auf, um endlich Erfüllung in der Einöde zu finden, voller Anbetung und Hingabe an die Natur. Doch auch weit weg von der Kapitale des Britischen Weltreiches ist man nicht sicher vor alten Bekannten. Ein Arbeitskollege des Verstorbenen weilt samt Gattin ebenda und vermittelt den Kontakt zum Geistlichen des kleinen Örtchens Aldwinter, wo Cora neben der sagenumwobenen „Schlange von Essex“ viel mehr findet, als sie zunächst erwartet.

Natur vs. Glaube vs. Wissenschaft

Perry hat mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Roman, eine feingesponnene, dichte und tiefsinnige Geschichte ersonnen, die zunächst durch ihre feinsinnigen Charaktere punktet, deren angedeuteten Leidenschaften und verworrenen Konstellationen im ersten Drittel des Romans einen Großteil des Reizes der „Schlange von Essex“ ausmachen. Daneben die Suche Coras nach sich selbst. Den Zwängen entfliehen, das „Frau sein“ hinter sich lassen, das doch nur Verdruss und Schmerz (eine unglückliche Ehe, eine gestörte Mutter-Sohn-Beziehung) nach sich gezogen hat. Und gerade da, mitten im Nichts, wird sie der Liebe ihres Lebens begegnen. Nichtsahnend rumpelt man bei der Befreiung eines Schafes aneinander und beschließt einander zu verabscheuen. Als Cora und Pfarrer Will Ransome sich dann offiziell begegnen, ist das Erstaunen groß, denn die Ransomes erwarteten eine ältliche matronenhafte Witwe, samt Sohn auf Freiersfüßen.
Doch sie erhalten etwas ganz anderes – eine treue Freundin, angeregte Gesprächs- und Streitpartnerin, Verbündete und Mitstreiterin wider den dörflichen Wahn, rund um die Schlange, das mythische Wesen, das wohl gekommen ist, die Menschen zu strafen. Sämtliche Geschehnisse, gleich ob der fehlende Frühling, das verdorbene Korn, das Verschwinden einer Ziege… werden dem Leviathan angelastet. Doch während Cora hofft, die Schlange könnte eine monumentale Entdeckung paläontologischer Art sein, die sie eins werden lasse mit ihrem großen Vorbild, möchte Will Ransome all die Vorkommnisse rational erklären. Hitzige Debatten und anregende Streitgespräche sind programmiert, doch dann treibt der Wahn um Gottesstrafen ein ganzes Dorf um. Als Mädchen in Hysterie verfallen und Naomi Banks, die Freundin von Wills und Stellas Tochter Joanna, verschwindet, wird aus Aberglaube vs. Glaube vs. Wissenschaft bitterer Ernst.

Überkonstruiertes Beziehungsgeflecht ermüdet

Bestseller-Autorin Sarah Perry (Geb. 1979)
Bestseller-Autorin Sarah Perry (Geb. 1979)

Schnell jedoch wird das verworrene Beziehungsgeflecht ermüdend und scheint überkonstruiert: Cora und deren mitunter zweideutige Beziehung zu ihrer Gefährtin Martha, der die Bekanntschaft und innige Freundschaft zu Will ein immerwährender Dorn im Auge ist. Auch der geniale Chirurg Luke Garrett, der Arzt des verblichenen Mr. Seaborne war und von einer gemeinsamen Zukunft mit Cora träumt, ist mit von der Partie. Durch eine Nebenhandlung wird er uns die gesamte Handlung über begleiten und zur tragischen Figur, im doppelten Sinne, werden. Auch Martha hat einen Verehrer, den reichen George Spenser, der zugleich Freund und Kollege Lukes ist. Martha, die hier für das soziale Gewissen in der Stadt (London, genauer gesagt die Wohnungsfrage) steht, die ihre Armen ausbeutet und die Reichen ungehindert immer reicher und verkommener werden lässt, ist eine gespaltene Gestalt, die die eine liebt, aber nicht haben kann, den anderen, den sie haben könnte ausnutzt, einen dritten für kurzfristige Befriedigung braucht und sich dann ganz ihren Grundsätzen konträr mit einem vierten einlässt.

Roman-Figuren stellvertretend für die Gesellschaft

Die Figuren stehen stellvertretend für die Gesellschaft und ihren statischen Zustand, der allerdings langsam aufzubrechen droht; ihre Entwicklung ist sinnbildlich für das Mäandern des Lebens (die die Langeweile durch vorgezeichneten Lebenswege sowohl herausstellen als auch konterkarieren soll). Leider führen all die Nebenhandlungsplätze, die vielleicht gut zur Verdeutlichung der Paradigmen Natur (pastorale Idylle) vs. Glaube (Mythen, Bibel) vs. Wissenschaft/Verstand (Darwin und die Möglichkeit der Chirurgie als auch Medizin) sein mögen (bzw. deren Wechsel), schnell zu Vorhersehbarkeit und einem unschönen Ausfransen der Handlung.
Und so entwickelt sich, was kraftvoll, dynamisch, andeutungsreich, kurz: vielversprechend, stringent, verschroben und bizarr beginnt (für Freunde des Skurrilen durchaus verheißend), zum ausufernden Ärgernis, das zunehmend montagehaft Entwicklungen präsentiert, was bei Dickens vielleicht gekonnt integriert ist, hier aber fehl am Platze scheint. Und vor allem das Lesen zur Herausforderung macht…

„Ich habe mich von der Pflicht befreit möglichst hübsch auszusehen“

Der Roman "Die Schlange von Essex" von Sarah Perry scheint weder Fisch noch Fleisch zu sein. Stilistisch und erzählerisch durchaus herausragend aus dem Mainstream-Einheitsbrei, der sich dem Oberflächlich-Offensichtlichen widmet - aber nicht fokussiert genug auf das Anliegen. So verliert sich die Autorin im überkonstruierten Beziehungsgeflecht.
Der Roman „Die Schlange von Essex“ von Sarah Perry scheint weder Fisch noch Fleisch zu sein. Stilistisch und erzählerisch durchaus herausragend aus dem Mainstream-Einheitsbrei, der sich dem Oberflächlich-Offensichtlichen widmet – aber nicht fokussiert genug auf das Anliegen. So verliert sich die Autorin schließlich im überkonstruierten Beziehungsgeflecht.

Wo bleibt dabei die Liebe Coras zu Mary Anning, wo der Diskurs über Darwin, wo ihre Ambition? Wo bleibt vor allem die Schlange von Essex, die bis zur (vorhersehbaren) Auflösung lange in ihrem Ursprung unbeachtet dahin dümpelt. Auch die Liebe zu der Natur, dem verschrobenen Wesen der Landbevölkerung, der interessanten Landschaft um den Blackwater (besagter Flussarm, um den sich hier alles dreht) wird recht schnell beiseitegelegt, was schade ist, denn Perry versteht ihr Handwerk durchaus. Sprachlich ist und bleibt das Buch bis zum Ende ein Genuss, gelungene Metaphern, gekonnte Personifizierungen lassen die Natur, über die Strecken, wo Perry ihr Raum zur Entfaltung gibt, in all ihrer tristen und verwunschenen Schönheit, auferstehen.
Durch all die Entwicklungen und Nebenschauplätze leidet die Verbundenheit des Lesers zur Handlung, zu Personen und Lokalität. So kann man beispielsweise bei Simons Becketts Thriller „Totenfang“ die Landschaft um die Backwaters düstererer und atmosphärisch dichter verfolgen. Weiterer großer Minuspunkt ist die doch unausgegorene bruchstückhafte Liebesgeschichte, die eben nicht das schafft, was für eine gute Herz-Schmerz-Geschichte essenziell ist – uns hineinzuziehen in die Beziehungsthematik, uns zu fesseln, mitfiebern zu lassen und atemlos des Happy Ends zu harren und dieses herbeizusehnen. ♦

Sarah Perry: Die Schlange von Essex, Roman, 492 Seiten, Eichborn Verlag, ISBN 978-3-8479-0030-6

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Patricia Cornwell: Totenstarre (Scarpetta-Krimi)

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„Mir gefällt gar nicht, was gerade hier los ist“

(Lucy zu Tante Kay, Seite 200)

von Isabelle Klein

Kay Scarpetta hat es auch diesmal wieder einmal höchst privat getroffen. In ihrem mittlerweile 24. Fall lässt Cornwell Kay in der Hitze Cambridges bis zum Umfallen schuften. Doch in gewohnter Scarpetta-Manier schlägt sie sich tapfer und kämpft an vielen Fronten…
An einem glühend heißen Nachmittag ist Kay unterwegs, um letzte Erledigungen für den anstehenden Besuch ihrer heißgeliebten Schwester Dorothy zu tätigen, als sie einmal mehr zur Zielscheibe ihres derzeitigen Stalkers „Tail-end Charlie“ – warum nur muss man hier auch in der Übersetzung immer mit Anglizismen arbeiten?! – wird, der wiederum Marino auf den Plan ruft. Und schon sind wir einmal mehr in der höchst kruden und unüberschaubar bösen Welt, die Kay und ihre Lieben umgibt. Marino ist wie so oft von unguten Gefühlen getrieben, während seine Ex-Chefin sinniert: Über das Marihuanablatt-Tattoo ihres Büroleiters Bryce, über den bevorstehenden Vortrag in Harvard mit ihrem Mentor Briggs, über den gefürchteten Besuch der herzallerliebsten Schwester – als einmal mehr ein Leichenfund das rare Privatleben stört, gerade als Kay sich mit ihrem Gatten zum Essen auf dem Campus trifft. Selbstverständlich mischt zugleich das FBI mit und Benton entschwindet… Nicht zu vergessen selbstverständlich die immer Böses witternde, phobische Super-Lucy, die nun auch die am Flughafen weilende Dorothy unter ihre Fittiche nehmen muss.
Wir merken es schon haarscharf im ersten Drittel: Frau Cornwell lässt Scarpetta wieder einmal viel zu viel sinnieren und schwadronieren; dermaßen raumgreifende Redundanz lässt den Leser gerne die Leselust verlieren…

Hinter allem besteht ein Zusammenhang…

Patricia Cornwell - Totenstarre - Thriller - HarperCollins VerlagVon vornherein ist allen Beteiligten mehr als glasklar: Hinter allem besteht ein Zusammenhang, denn neben der Leiche einer jungen Frau namens Elisa Vandersteel mit merkwürdigen Verletzungen, die von einem Blitzschlag herzurühren scheinen, wird auch Briggs nicht unbeschadet aus diesem Drama hervorgehen. Es kann nur eine Verantwortliche geben, wissen Benton und Lucy sofort. Et voilà: Vorhang auf für Carrie Grethen, die uns seit der „Toten ohne Namen“ und schon lange zuvor als Lucys Geliebte und FBI-Ausbilderin das Leben zur Hölle machte. Steckt sie hinter den Mobbing-Attacken auf Kay? Hat Benton recht, wenn er Kay mit nach Maryland nehmen möchte, da er Kay in höchster Gefahr sieht? Neben Marinos Panikmache und Lucys Endzeitstimmung hat Kay nun auch noch mit einem überfürsorglichen Ehemann zu kämpfen…

Dekadente Luxusteilchen des Lebens

Fragen über Fragen, die Cornwell in ihrer „Alles-hängt-mit-allem-zusammen-und-Kay-steht-immer-im-Zentrum-des-Bösen“-Masche derart unglaubwürdig (über)konstruiert, dass einem von Anfang an die Haare zu Berge stehen. Kay sinniert seitenweise über das intellektuelle Harvard der upper class, über teure Luxuskarossen – all das ist sinnbildlich für Cornwells Aufstieg von der Gerichtsreporterin zur Schriftstellerin und ihren Erfolg zu sehen. Scarpetta und Lucy sind wohl ein Mischung aus Marcella Fierro (die Leiterin der Gerichtsmedizin des Staates Virginia, von der Cornwell vieles gelernt hat) und Cornwell höchstselbst.
Erfolg ist eine schöne Sache, aber ermüdend, wenn man als Leser seit nunmehr weit über 15 Jahren all die kleinen dekadenten Luxusteilchen ihres Lebens in jedem Detail miterleben muss. Ergo: Seit nunmehr weit über 14 Bänden überwiegt die Zahlen der schlechten Bücher, die auf krude Weise redundant sind und sich zunehmend in den Phobien der Beteiligten, allen voran in jenen Miss Superwomans Lucy’s, verlieren. Wahrhaft geniale Bücher der Scarpetta-Reihe findet man wenige, nur sieben. Seit dem Tod Bentons und seiner Wiederauferstehung befinden wir uns an einem Punkt, ab dem normales Ermitteln in gut konstruierten und vor allem glaubhaften Zusammenhängen nicht mehr möglich scheint, denn immer wieder nehmen Psychopathen oder alte Bekannte das Quartett in den permanenten Fokus ihrer Bösartigkeiten. Dem Cornwell’schen Mikrokosmos des CFC fehlt es an jedweder Plausibilität, an inhaltlicher Raffinesse und einem Spannungsbogen, eben an alledem, was einen Thriller ausmacht.

Langeweile bei Tatort-Sicherungen

Patricia Cornwell - Glarean Magazin
Die amerikanische Krimi- und Thriller-Autorin Patricia Cornwell (Geb. 1956)

Dabei hilft auch diesmal wieder (wie in allem ihrer Bücher der letzten Jahre) der eng gesteckte Zeitrahmen. Gerade mal 24 Stunden hat Kay, um das Ableben Elisa Vandersteels aufzuklären. Und sie wird dabei nicht müde, uns immer wieder darauf hinzuweisen, dass alles, jedes Wort doppelt und dreifach überlegt werden müsse, denn jede Aussage könne ins Gegenteil verkehrt werden. Und so vergeht, während Kay den Tatort aufsucht, bis zu dem Zeitpunkt, als die Leiche im CFC landet, eine ganze Nacht, während der genervte und gelangweilte Leser verfolgen muss, wie Harold und Rusty in jeder Einzelheit den Tatort sichern.
Wenn Cornwell mit ihrem Wissen brillieren will, soll sie ein Sachbuch über Forensik und die Schwierigkeiten der Tatortsicherung schreiben, aber uns damit verschonen, wie endlos Zeit ins Land geht – und wir unterdessen mit Akronymen (BUD, NCFC, ORNL,RFID, AFSME etc.) und schlechten Metaphern zugemüllt werden.

Akronyme und schlechte Metaphern

Beispiel gefällig? „Seelische Verletzungen können zu Rissen führen, die wie Kratzer auf einer DVD manchmal irreparabel sind“ (S. 207). Oder: „Verwesungsgeruch blüht in unseren Nasenlöchern wie eine dunkle tödliche Blume“ (S. 380).
Beinahe hätte ich es vergessen: Immerhin hat Cornwell diesmal ihre Tendenz zu Schleichwerbung für Apple, Ferrari, Audi und Co. ein wenig gedrosselt, aber an anderer Stelle noch gesteigert. So lautet der Name ihres Zweithundes allen Ernstes „Tesla“…. Schön, dass sie uns durch Lucy, Benton und Kay zeigt, was sie alles erreicht hat, und wie wichtig ihr Status durch eben diese Symbole zu sein scheint. Mich ermüdet, verärgert es. Wir werden neben ihrer Keurig-Kaffemaschine und Bentons Audi auch die Landseer-Bilder in ihrem Büro kennenlernen und erfahren minutiös viele banale Handlungsabläufe (etwa wie sie im Büro über den Teppich läuft oder die Wand mit Bildern passiert usw.).

Literarischer Niedergang einer Kult-Reihe

Patricia Cornwell hat es mit "Totenstarre" einmal mehr geschafft, einen weiteren negativen Höhepunkt in ihrer seit über 15 Jahren abfallenden Serie um die Forensik-Ikone Kay Scarpetta zu erschaffen: Langeweile, Redundanz, Paranoia, Überkonstruktion. Kurz: verschenkte Lesezeit. Schade.
Patricia Cornwell hat es mit „Totenstarre“ einmal mehr geschafft, einen weiteren negativen Höhepunkt in ihrer seit über 15 Jahren abfallenden Serie um die Forensik-Ikone Kay Scarpetta zu erschaffen: Langeweile, Redundanz, Paranoia, Überkonstruktion. Kurz: verschenkte Lesezeit. Schade.

Längst vergangen sind die Zeiten einer spannenden Scarpetta-Lektüre, als die Atmosphäre im mordschwangeren Virginia höchst subtil und effektiv mit geringen, aber dafür umso wirkungsvolleren Kniffen reduziert/maximiert wurde; als Cornwells Ego, Reichtum und schlechte Prosa noch inexistent waren. Die gute alte Scarpetta-Zeit eben.
Patricia Cornwell hat es einmal mehr geschafft, einen weiteren negativen Höhepunkt in ihrer seit weit über 15 Jahren abfallenden Serie um die Forensik-Ikone Kay Scarpetta zu erschaffen: Langeweile, Redundanz, Paranoia, Überkonstruktion. Kurz: verschenkte Lesezeit.
Kehren Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, also besser zu Cornwells genialen Anfängen zurück und gönnen Sie sich die ersten Bücher der Scarpetta-Reihe noch einmal! ♦

Patricia Cornwell: Totenstarre (Kay Scarpetta / Bd. 24), Krimi, HarperCollins Verlag, 432 Seiten, ISBN 978-3959671255

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den
Krimi von Martin Walker: Schwarze Diamanten
und über den Krimi von

Beat Portmann: Alles still

Martin Walker: Schwarze Diamanten (Krimi)

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Spannend, aber thematisch überfrachtet

von Isabelle Klein

Im beschaulichen Saint Denis ist im Dezember jede Menge zu tun für Bruno, den Chef de police: Das lokale Sägewerk schließt, Menschen verlieren ihre Jobs, nicht zuletzt wegen des Sohnes des Besitzers Guillaume Pons, der sich an die Spitze der Écolos gestellt hat. Vater und Sohn sind zutiefst verfeindet. Guillaume ist kürzlich, nach vielen Jahren Auslandsaufenthalt in Asien, wo er scheinbar äußerst erfolgreich war, in seine Heimat zurückgekehrt. Er eröffnet die Auberge des Verts und will Bürgermeister werden – sehr zum Verdruss Brunos…

Martin Walker - Schwarze Diamanten - Der dritte Fall für Bruno, Chef de police - Roman - Diogenes VerlagDoch nicht genug: Bruno, geschäftstüchtiger Trüffelzüchter, verkauft zu Saisonbeginn die „schwarzen Diamanten“ auf dem Markt in Sainte Alvère, als ihn sein Freund Hercule auf Ungereimtheiten hinweist: die teuren Trüffeln wurden anscheinend mit minderwertigen Chinatrüffeln gestreckt und überteuert an Pariser Hotels verkauft. Bruno nimmt sich der Sache an…
Schließlich kommt es auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt, den der Chef de police in seiner Funktion als Weihnachtsmann beehrt, auch noch zu einem Überfall auf den allseits geschätzten vietnamesischen Restaurant- und Weihnachtsmarktstand-Besitzer Nimh. Bruno ermittelt und sticht in ein Wespennest aus Intrigen. Und als Bruno und der Baron sich auf die Schnepfenjagd begeben, finden sie Hercule brutal ermordet…

Motivisch zu viel des Guten

Martin Walker (Glarean Magazin)
Martin Walker

Martin Walker nimmt sich in diesem seinem dritten „Bruno“-Fall einiges vor: Bandenkrieg der Vietnamesen und Chinesen, Organisiertes Verbrechen, verbunden mit dem Kolonialkrieg in Vietnam und dem Algerienkrieg, jede Menge Stoff also – meines Erachtens etwas zu viel, denn durch die Trüffelthematik, gewürzt mit oben genannten Bezügen, ist dieser Krimi thematisch überfrachtet. Dadurch, dass letztlich alle Ereignisse zusammenhängen, wirkt dieser Fall zu konstruiert, es geht zulasten der Stringenz und der Spannung: Der Mord an Hercule geschieht „so nebenbei“ und geht angesichts aller anderen „Probleme“ unter, wird am Ende auch mit wagen Vermutungen abgespeist.
Statt den Fall glaubhaft und durchdacht in den Mittelpunkt zu stellen, wird zu sehr auf anders abgezielt: auf das „Multitalent“, den „Allrounder“ Bruno. Alle seine unzähligen Vorzüge zu nennen ist unmöglich: Bruno ist nicht nur Polizist, Koch, Selbstversorger, Tennis- und Rugbylehrer, sondern auch ambitionierter Trüffelzüchter, Jäger, Kinderretter, Feuerwehr- und Weihnachtsmann. Und er ist immer und überall zur Stelle: Er besorgt Jobs, rettet mal so nebenbei ein Kind aus der Jauchegrube, wird mal schnell zum Feuerwehrmann, rettet dabei weitere Kinder. Bruno ist zum Gutmenschen hochstilisiert, ist positiv völlig überzeichnet, wirkt dadurch unglaubhaft. Überhaupt ist mir die Schwarz-Weiß-Malerei, die der Autor hier betreibt, zu flach: Böse sind nur böse und Gute nur gut. Wo bleiben Einblicke in das Seelenleben und die Entwicklung/Hintergründe/Motive, die die Bösen so böse werden lassen? Den Charakteren fehlt es insgesamt an Tiefe – sie bleiben alle sehr oberflächlich beschrieben. Dafür erhalten wir jede Menge Einblick in Brunos Seelen- bzw Liebesleben: Isabelle, Pamela, eine alleinerziehende Mutter…

Beste Unterhaltung – ein Wohlfühl-Krimi

Bei aller Kritik an Martin Walkers neuem Krimi „Schwarze Diamanten“ mit seiner thematischen Überfrachtung und seiner psychologischen Schwarz-Weiss-Malerei: Das Buch unterhält durchaus bestens, ist prima geeignet beispielsweise als Strandlektüre – ein echter Wohlfühl-Krimi!

Bei aller Kritik ist aber doch zu sagen: das Buch unterhält durchaus bestens, ist prima geeignet beispielsweise als Strandlektüre – ein echter Wohlfühlkrimi. Er enthält viel stimmige Darstellung der Atmosphäre mittels dichtem Beschreibungsstil; man bekommt regelrecht Lust, dem Departement Dordogne, dem Périgord einen Besuch abzustatten, dabei gut zu essen – natürlich mit Trüffeln und Wein… Und wenn der Folgeband die angesprochenen Fehler vermeidet: Konstruiert-gesuchte Handlung, überfrachtete Themata, Oberflächliche Figuren-Entwicklungen, teils psychologische Unglaubwürdigkeit, dann darf man sicher erwartungsvoll dem vierten „Fall“ des Walkerschen Polizeichefs Bruno entgegensehen. Ich jedenfalls werde ihn bestimmt lesen. ■

Martin Walker, Schwarze Diamanten (Black Diamond), Kriminalroman, 348 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3257067828

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Krimi von Esther Pauchard: Jenseits der Couch

… sowie über den neuen Scarpetta-Krimi von
Patricia Cornwell: Totenstarre

Gisa Pauly: Die Hebamme von Sylt (Roman)

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Interessantes Sujet – schlecht realisiert

von Isabelle Klein

In einer stürmischen Sommernacht des Jahres 1872 werden im Haus der Sylter Hebamme Geesche zwei Kinder geboren, deren künftiges Leben nicht unterschiedlicher verlaufen könnte: Hanna und Elisa. Und 16 Jahre später hat sich so einiges im Leben der Protagonisten anders entwickelt als geplant: Geesches Verlobter hat sich das Leben genommen, und der Leser erfährt recht schnell, dass auf dem Gewissen der Hebamme ein furchtbares Geheimnis lastet, das mit der Geburt der beiden Mädchen verbunden ist. Der Bau der Inselbahn bringt den Tourismus nach Sylt, und sowohl Geesche als auch Hanna profitieren davon.

Gisa Pauly - Die Hebamme von Sylt - Roman (Aufbau Verlag)Die Hebamme beherbergt den Hamburger Arzt Leonard Nissen, der ihr Avancen macht. Doch auch Marius Rodenberg, der uneheliche Sohn eines Grafen, kehrt beruflich auf die Insel zurück und umwirbt sie erneut. Pünktlich zur Sommerfrische treffen schließlich wieder Graf von Zederlitz samt Frau und Tochter Elisa zum jährlichen Aufenthalt auf der Insel ein. Sehr zur Freude Hannas, die sich als Elisas Mädchen für alles ein Zubrot verdient. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf durch Hannas intrigantes Wesen, durch Elisas unbekümmerte Verliebtheit in Hannas Stiefbruder Ebbo – und durch das 16 Jahre zurückliegende große Geheimnis. Doch damit nicht genug: Sogar die Königin Rumäniens stattet der aufstrebenden Insel einen Besuch ab, zu guter Letzt sorgt ein schwarz gekleideter, unheimlicher Fremder für Aufruhr und mysteriöse Verwicklungen; erst wird der Initiator des Inselbahnbaus, ein Dr. Pollacsek beraubt – und dann wird ein Mann ermordet…

Zu viele unverbundene Handlungsstränge

Soweit der Inhalt von Gisa Paulys historischem Roman „Die Hebamme von Sylt“ – doch noch selten ist mir derart schwer gefallen, den Inhalt dieser Prosa zusammenzufassen. Es gibt hier einfach zu viele unverbundene Handlungsstränge, selbst die erklärte Hauptfigur des Romans, die Hebamme Geesche bleibt nur eine Protagonistin unter vielen. Demgegenüber wird das angekündigte „Geheimnis“ jedem Leser von Beginn an ersichtlich, ist lediglich plakative Werbung auf dem Cover. Wie gesagt: Die Handlung wird durch ständige überflüssige Details und viel zu ausführliche Beschreibungen permanent „unterbrochen“. Lange Satzkonstrukte und gleichzeitig eine eher simple Sprache lassen das Lesen zu einer belletristischen Durstrecke geraden. Wenn ich ausführlichste Beschreibungen von Gebäuden und Handlungsschauplätzen möchte, lese ich einen Reiseführer, aber zuallerletzt einen historischen Roman. Durch exzessive Hintergrundinformierung und detaillierteste Beschreibung kleinster Handlungsabläufe wie sämtlicher mitwirkenden Personen kann sich die Geschichte Geesches nicht wirklich entfalten; hier wäre eine Fokussierung bzw. Straffung des fast 500-seitigen Textes wichtig gewesen.

Eindimensionale Zeichnung der Protagonisten

Obschon Gisa Paulys Roman „Die Hebamme von Sylt“ durchaus interessant den Schwerpunkt auf die Darstellung von Sylt während dessen touristischer Pionierzeit legt, ist von einer Lektüre abzuraten, denn wer Wert legt auf einen gut geschriebenen, flüssig erzählten, menschlich überzeugenden, spannungsreich konzipierten historischen Roman mit lebendigen Charakteren und unvorhersehbaren „Geheimnissen“, der geht beim neuen „Pauly“ leider leer aus.

Auch die anderen Protagonisten neben der Hebamme bleiben blass, noch schlimmer: eindimensional gezeichnet. Pauly betreibt hier eine extreme Schwarz-Weiß-Malerei. Hanna z.B. ist durchwegs unangenehm und verkommen; Geesche viel zu festgefahren. Das sind keine „echten“ Menschen, sondern Schemata. Dazu trägt wesentlich bei, dass die Autorin weitestgehend auf ein „Innenleben“ ihrer Figuren verzichtete; Der Leser erfährt praktisch nichts über deren Ängste, Sorgen, Gefühle. Besonders abstrus empfand ich aber das letzte Viertel des Buches: Erst passiert hunderte von Seiten beinahe nichts, was das Geschehen hin auf das „tödliche Geheimnis“ vorantriebe – und dann auf einmal verschiedenste Tote. Ein absolut hanebüchenes Buch-Ende, ein finaler, aber aufgesetzter Showdown – unglaubwürdig.

Obschon also Gisa Paulys Historischer Roman „Die Hebamme von Sylt“ durchaus interessant den Schwerpunkt auf die Darstellung von Sylt während dessen touristischer Pionierzeit legt, ist von einer Lektüre abzuraten, denn wer Wert legt auf einen gut geschriebenen, flüssig erzählten, menschlich überzeugenden, spannungsreich konzipierten historischen Prosa-Text mit lebendigen Charakteren und unvorhersehbaren „Geheimnissen“, der geht beim neuen „Pauly“ leider leer aus. ♦

Gisa Pauly, Die Hebamme von Sylt, Roman, 495 Seiten, Rütten&Loening (Aufbau Verlag), ISBN 978-3352008023

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Sarah Lark: Die Insel der roten Mangroven
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Wendel Schäfer: Das verhinderte Spektakel (Groteske)