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Peter Biro: Der Exodus der Schachfiguren (Humoreske)

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Der Exodus der Schachfiguren

Peter Biro

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei…

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei. Der besonders nachdenkliche King Black kam nach kurzer Introspektion zum Schluss, dass diese Maßnahme unumgänglich und somit eigentlich bereits eine beschlossene Sache sei. Die Entscheidung war ihm gar nicht leichtgefallen, aber der heimliche Abgang vom Schachbrett sei nun mal die einzige Möglichkeit, aus der quadratischen Enge des Spielfelds auszubrechen und die seit langem ersehnte Freiheit zu erlangen.

Lange Abende an verrauchten Spieltischen

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Peter Biro - Glarean Magazin
Gelingt den 32 Schachfiguren die Flucht runter vom Brett in die Freiheit?

Mit dramatischen Worten erläuterte er seinen in vier Reihen aufgestellten schwarzen und weißen Landsleuten die tragische Leidensgeschichte seines unterdrückten Volkes. Er sparte nicht mit bildreichen Schilderungen der elend langen Abende an verrauchten Spieltischen, an denen er und seine Kameraden sich von wahren oder vermeintlichen Geistesgrößen herumschieben lassen mussten und zu grausamen Gladiatorenkämpfen gezwungen wurden. Bei diesen Wettkämpfen wurden jedes Mal etliche seiner Untertanen vom Brett gefegt und bis auf weiteres in den Figurenkasten gesperrt. Je nach Vermögen der Spieler blieb bestenfalls nur der siegreiche König mit einigen wenigen Getreuen als Überlebende des jeweiligen Spiels übrig. Mit anderen Worten, viele seiner Landsleute wurden Opfer eines allabendlich stattfindenden Massakers.

Melania von Ohrensausen

Schach-Humoreske - Melania von Ohrensausen - Glarean Magazin
„Guter Kleidergeschmack war Melanias Sache nicht“

Dieses wehrlose Ausgeliefertsein musste um jeden Preis beendet werden, und gerade jetzt sei dafür die Zeit gekommen. Seine Partnerin, die schwarze Königin Melania Carlotta III (eine geborene Herzogin von Ohrensausen und Schlyck) war zunächst ebenso wenig begeistert vom plötzlichen Freiheitsdrang ihres Gatten wie ihre weiße Gegenspielerin, welche bekanntlich die heimliche Geliebte King Blacks war.
Obendrein wusste Melania von Ohrensausen nicht so recht, was im Falle einer Flucht anzuziehen wäre. Im Gegensatz zu ihrer weißen Gegenspielerin haderte sie ständig mit der Garderobe – denn guter Kleidergeschmack war nun mal ihre Sache nicht. Aber ein finales Machtwort des vierten Bohemunds tat seine Wirkung, und sie fügte sich nicht nur gehorsam in ihr Schicksal, sie begann sogar die Idee der Befreiung bei den anderen Figuren zu propagieren.

Gemeinsame Flucht…

Damit war bald die Mehrheit des Klans, namentlich die schwarzen Gefolgsleute mit der vom Herrscher verordneten Aktion einverstanden. Nur sein linker Läufer blieb irgendwie unbeeindruckt, denn dieser hatte bei einem früher ausgetragenen Kampf seinen komplementärfarbigen Kopf verloren. Jene als Haupt fungierende weiße Kugel ruhte nun unbenutzt in der Figurenschachtel und wartete darauf, von einer barmherzigen Hand wieder auf den zylindrisch schlanken Torso aufgeleimt zu werden. Aber so kopflos wie er nun mal war, konnte der behinderte Läufer nicht an den hitzigen Debatten um Verbleib oder Gehen teilnehmen, und blieb weitgehend über die sich entfaltenden Ereignisse im Dunkeln – eben in jener der kleinen, mit Samt ausgelegten Holzkiste am Rande des Spielbretts.

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Ein weit größeres Problem als der ratlose, linke Läufer war es, den gegnerischen Klan, das heißt die weiße Mannschaft, von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Flucht zu überzeugen. Ihr Anführer, der weiße König Wenzeslaus II, im Volksmund auch Ol` King White genannt, war für seine eher zaudernde Haltung bekannt, so dass beim Versuch ihn zu überreden mit vehementem Widerspruch zu rechnen war. Aber der schwarzbärtige Bohemund hatte dafür noch einen Trumpf in der Hand: er veranlasste seine Geliebte, die weiße Königin Bianca Liposuccta IX (geborene Fürstin von Schlagobers de Saan), ihrem Gatten die Notwendigkeit einer baldigen Flucht subtil einzuflüstern.
Gemäß kolportierter Gerüchte aus den Reihen der schwatzhaften Höflinge, gab diese ihr Bestes (was immer das auch gewesen sein mag), um ihren weißbärtigen Gemahl zu überzeugen, seinen anfänglichen Widerstand gegen einen Exodus der Figuren aufzugeben. Trotz gutem Zureden und einiger hier nicht weiter zu erläuternder Tricks und Kniffe der geschickt agierenden Bianca von Schlagobers de Saan bestand Ol` King White, alias Wenzeslaus II, wenigstens auf einen ritterlichen Zweikampf als Entscheidungshilfe. Er vertrat den Standpunkt, dass eine Meinungsverschiedenheit zwischen gekrönten Häuptern, grundsätzlich mittels eines Duells zu regeln ist, so wie es sich nach höfischer Art geziemt und vom einfachen Bauernvolk auch erwartet wird. Dies gilt sogar trotz der unwiderlegbaren Tatsache, dass nicht nur die einfachen Figuren, sondern auch die royalen Würdenträger aus nichts anderem als aus gewöhnlichem Kleinholz gefertigt sind.

… in die große weite Welt

Das vom Ol` King White, dem zweiten der Wenzelslaeuse geforderte Duell musste sich in Form eines Turniers, oder besser gesagt eines ritterlichen Schlagabtauschs inmitten des Schachbretts abspielen und von den Besten der Besten beider Volksgruppen ausgefochten werden. Deshalb führten beide Herrscher je einen Turm, einen Springer und drei Bauern ins Feld, um eine endgültige Entscheidung in Sachen Flucht oder Verbleib zu erwirken.

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„…bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel.“

Die Kombattanten trafen sich symmetrisch angeordnet entlang der Kampflinie zwischen D4\F4 und D5\F5, und begannen sogleich aufeinander einzuschlagen. Als erstes kickten sich die vorgeschickten Bauern gegenseitig vom Feld, dann umsprangen sich die Rösser eine Weile ergebnislos, bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel, und dieser wiederum von seinem schwarzen Gegenüber gefällt wurde. Der übrig gebliebene, siegeiche schwarze Turm stand triumphierend auf E5 und winkte seiner jovial lächelnden Königin zu, um den Sieg der schwarzen Partei und somit des eigenen Anliegens zu signalisieren. Auf diese Weise wurde entschieden, dass während der kommenden Nacht die gesamte Truppe unter der Führung des schwarzen Königs vom Spielbrett türmen und in die große, weite Welt aufbrechen würde.

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„…denn es war ein regnerischer Dienstagabend.“

Das Wetter war den Flüchtenden gewogen, denn es war ein mondscheinloser, regnerischer Dienstagabend. King Black rechnete richtigerweise damit, dass es diesmal kein Schachturnier geben und deswegen die Luft im unbewachten Spielzimmer rein bleiben würde. Eine derart günstige Gelegenheit zum unbemerkten Abschleichen durfte nicht verpasst werden. Zwar hatte keine der 32 Figuren eine Ahnung davon, was auf sie da draußen wartete, aber alle hatten genug vom ständigen Herumexerzieren, das ewige Rumstehen in Reih und Glied, das aggressive Vorrücken gegen ihresgleichen, das sich gegenseitig Bedrohen müssen und vor allem vom anschließenden Gemetzel während der allwöchentlichen Schachpartien.

Erste Vorbereitungen…

Bohemund, der blacke King gab das Zeichen, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Die Figuren kontrollierten ein letztes Mal die Filzsohlen, auf denen sie leise davonschleichen sollten. Neugierig und mit einer gewissen Portion Neid betrachtete die dunkle Melanie ihre hellhäutige Konkurrentin am gegenüberliegenden Brettrand, die wieder einmal eleganter als sie angezogen war. Bianca stand kerzengerade in ihrem besten Reisekostüm, vom weißen König und einem ebensolchen Berittenen auf D8 eingerahmt. Die vier Rösser wieherten bereits ungeduldig und sprangen regelkonform in L-förmigen Schrittfolgen tänzelnd umher.
Derweil hetzten die drei intakten Läufer diagonal in der Gegend herum, um eventuelle Hindernisse auf dem vorgesehenen Fluchtweg auszukundschaften. Nur der kopflose linke Läufer der schwarzen Partei hatte keine Ahnung davon, was da vor sich ging, und auch keine weiteren Bedürfnisse außer dem einen: wohlverleimt endlich wieder mit seinem Haupt vereinigt zu werden. Er wurde behutsam von seinem vorangestellten Bauern an der Hand geführt, während der abgeschlagene Kopf natürlich auch mitkam, und zwar in der Obhut des rechten weißen Turms, der gleichzeitig die Nachhut anführen sollte.

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„24 flachbrüstige Damen des gleichnamen Brettspiels“

Mehr pro forma und ohne große Hoffnung auf Zustimmung lud Bohemund die 24 Damen des gleichnamigen Brettspiels ein, sich seinem Tross anzuschließen. Aber wie erwartet wiesen die ängstlichen Figürchen auch nur den bloßen Gedanken an eine Flucht weit von sich, und der zutiefst bohemundete König Black bedauerte bereits, sie überhaupt gefragt zu haben. Stattdessen stapelten sich die 24 flachbrüstigen Damen ängstlich in vier Reihen in einer Ecke des Figurenkastens und beobachteten sorgenvoll die Abmarschvorbereitungen der Schachkollegen beiderlei Couleur.

… und mitternächtlicher Abmarsch…

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„Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts“

Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts, und als diese Mitternacht schlug, marschierte die erste Kolonne unter den aufmerksamen Blicken Bohemunds ab, der am Spielfeldrand stehend, der Prozession aufmerksam zusah und jeder Figur ermutigend auf die kreisrunde Schulter klopfte. Die erste Gruppe, gewissermaßen die Vorhut, bestand aus dem treuen linken schwarzen Turm, einem weißen Läufer und fünf Bauern beiderlei Farben. Anschließend folgte die Hauptmacht unter der Führung von König Wenzeslaus und der beiden Königinnen, die sich unentwegt gegenseitig beäugten und ihre Garderoben abschätzten. Im Zentrum marschierte unmittelbar dahinter die königliche Leibgarde bestehend aus zwei Türmen, flankiert von den zwei Springern Dexter und Linky, ihrerseits gefolgt von neun gemischten Bauern einschließlich desjenigen mit dem kopflosen Läufer an der Hand. Als letzter der Hauptstreitmacht gesellte sich Bohemund hinzu und winkte der etwas zurückbleibenden Nachhut, ihm baldmöglichst zu folgen. Diese ging anschließend unter der Führung des rechten, weißen Turms zusammen mit den restlichen Offizieren und Bauern, die große Mühe drauf verwendeten, die Spuren des Auszugs zu verwischen.

… über den Vorhang…

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Vorsichtig seilten sich die Schachfiguren eine nach der anderen an einer Falte des Vorhangs, der direkt an den Spieltisch grenzte, zum Teppichboden herunter. Die ganze Aktion dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis alle sich in einer langen Reihe zu Füßen des nächsten Tischbeins zum Zählapell aufstellten. Lediglich die zuoberst gestapelten Domino-Steine im benachbarten Regal hatten etwas von der Aktion mitbekommen und gaben die aufregende Nachricht vom Auszug der Kollegen ihren zahlenmäßig passenden Nachbarn weiter. So war es bald eine ausgemachte Sache unter den Bewohnern des Spielzimmers, dass eine große Fluchtbewegung angelaufen war.
Man war sich einig, dass wenn anderntags das Fehlen der Schachfiguren bemerkt würde, ein ziemlicher Aufruhr ausbreche. Der Besitzer des Spielzimmers und dessen Inhalts, ein gewisser Herr Michael Faraon, seines Zeichens Aktuar des örtlichen Schachklubs, sei bekanntermaßen sehr jähzornig und nachtragend. Das wusste man schon von früher, nachdem Herr Faraon einmal eine Kreuz-Sieben mit Kaffee befleckt und damit unbrauchbar gemacht hatte. Daraufhin zerriss er wutentbrannt die Karte und schleuderte das ganze Pack nutzloser Kanasta-Karten in den Kamin. Sowohl die Dominosteine, als auch die danebenliegenden Pokerkarten hofften inständig, dass der zu erwartende Wutanfall des Herrn Faraon sich nicht gegen sie richten würde. Der Herzkönig vom Kartenstapel überbrachte den Abrückenden die Abschiedsgrüße der versammelten Spielwaren und winkte seinen scheidenden Kollegen traurig hinterher.

… und das Treppenhaus …

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Zwei Läufer - Peter Biro - Glarean Magazin
„Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften“.

Nach einem abschließenden Zählapell blies Bohemund Black zum endgültigen Abmarsch aus dem Spielzimmer. In geordneter Reihe marschierte die Kolonne an Tisch und Stühlen vorbei, passierte in einem strategisch geschickt angelegten Umgehungsmanöver das Kanapee und ein niedriges Kartentischchen, und durch die nur leicht angelehnte Tür erreichten alle Figuren wohlbehalten das Treppenhaus. Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften, und sie kehrten mit der Meldung zurück, dass man jede Stufe am besten entlang der Teppichkante herunterklettern könnte. Dies würde für die gesamte Truppe mehrere Stunden dauern.

… durch die Katzentür …

Ein dritter Läufer blieb etwas zurück und linste durch den Türspalt zurück, um eventuelle Verfolger rechtzeitig auszumachen. Gesagt, getan, mit der Vorhut voran kraxelten alle Figuren in einer überfigürlichen Anstrengung die Treppe bis zum Flur hinunter, was fast bis zum Morgengrauen dauerte. An mehreren Stellen führten die beiden Könige einen Zählapell durch, um die Mannschaft auf Vollständigkeit und Fahnenfluchtfähigkeit zu prüfen. Am Treppenabsatz angekommen, wurde eine kleine Abschiedszeremonie mit Trompetenklang und Einrollen der Fahnen abgehalten, und anschließend entwich der gesamte Schachfigurensatz durch die Katzentür.

… in den Maulwurfsbau

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Den ersten Tag campierte die Truppe im improvisierten Biwak eines Maulwurfsbaus im Garten des Faraon-Hauses, denn allen Geflüchteten war klar, dass man sich bei Tageslicht besser nicht blicken lassen sollte. Ansonsten könnte ein verräterisches Haustier die Deserteure erkennen, ausbuddeln und Herrn Faraon Bericht erstatten. Das konnte böse enden, z.B. damit, dass man einem Strafbataillon zugeteilt würde, was wiederum eine mehrjährige Fronarbeit beim Mühlespiel bedeutete oder gar schlimmeres: zu Feuerholz degradiert zu werden. In der Tat machte Faraons getigerte Hauskatze Annabella Schnurrdibus wiederholt Kontrollgänge durch Haus und Garten, aber sie bemerkte die sich eng aneinander duckenden Figuren im Maulwurfshügel nicht. So blieben die Geflohenen unentdeckt und konnten in der zweiten Nacht ihre Flucht fortsetzen.

Letzter diagonaler Erkundungsgang

Um einen improvisierten Kartenkiesel versammelt, beugten sich die beiden Könige bei einer Lagebesprechung über eine grob gezeichnete Skizze der Umgebung, welche die Läufer von ihrem letzten, diagonalen Erkundungsgang mitgebracht hatten. In Gegenwart von je einem weißen und einem schwarzen Turm sowie der drei Läufer studierten King Black und Ol` King White die in Frage kommenden, weiterführenden Fluchtrouten. Zwar versperrte eine große Pfütze den einzig gangbaren Weg zur Straße, aber der weiße Wortführer der Läufer meinte, man könnte sie durchwaten, wenn die Sonne lang genug darauf geschienen und sie wenigstens teilweise ausgetrocknet haben würde. Dann genüge es, wenn der Anführer der Truppe, also King Black, auf die seichteste Stelle des verbleibenden Wassers zeigen würde, wo sich die Truppe in die Fluten wagen könnte.

Zurück zu den Anfängen

Elefant mit Turm – Fresko aus der mozarabischen Einsiedelei (ermita) San Baudelio de Berlanga - Glarean Magazin
„Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort“ (Spanisches Fresko mit Elefant und Turm)

Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort und erinnerte die Anwesenden an jene Schreinerwerkstatt, aus der er und die anderen ursprünglich stammten. Jenes Atelier gehörte einem gewissen Meister Astalosh, der die altertümliche Drehbank betrieb, an der seinerzeit sie alle – außer den Springern – in ihre zylindrische Form gedrechselt worden waren. Dort, so behauptete der weiße Turm, könnte man sich unauffällig unter die unfertigen Bauteile und den herumliegenden Holzabfall aus der laufenden Produktion verstecken.
Da die Schreinerwerkstatt nur eine Tagereise vom Maulwurfshügel entfernt war, wurde beschlossen, dass sich die Figuren dorthin über die folgenden vier Nächte in getrennt vorstoßenden Gruppen durchschlagen sollten. Jede Gruppe würde unter der Führung eines gekrönten Hauptes, also eines Königs oder einer Königin stehen und aus jeweils einem Turm, einem Springer, einem Läufer und vier Bauern bestehen. Außerdem wurde vereinbart, dass falls eine Gruppe auf der Flucht von der gemeingefährlichen Schnurrdibus oder gar von Herrn Faraon persönlich ertappt werden sollte, kein Wort über die anderen verloren werden durfte; nicht einmal unter einem peinlichen Verhör mittels Schraubzwinge oder Fuchsschwanzsäge.

Erfolgsgekrönter Exodus

Bis auf die letzte Gruppe, welche den kopflosen Läufer transportierte, erreichten alle Figuren planmäßig den schützenden Abfallhaufen neben der Schreinerei. Die letzte Gruppe war zwangsläufig langsamer unterwegs und wurde von einem streunenden Hund aufgehalten, der fast die gesamte Nachbarschaft wach kläffte, als er der ungewöhnlichen Prozession gewahr wurde. Aber bereits unter dem ersten, blendenden Strahl der Morgensonne erreichten auch die letzten Figuren den schützenden Holzhaufen und konnten sich im Sägemehl von Astaloshs Werkstatt endlich von den Strapazen ihrer abenteuerlichen Flucht ausruhen. So geschah es, dass dem waghalsigen Exodus der Schachfiguren ein krönender Erfolg beschieden war.

Epilog

Der Schreinermeister Astalosh durchsuchte regelmäßig den Abfallhaufen nach noch brauchbarem Material, denn hie und da benötigte er Kleinteile für eine Verzierung oder Ergänzung irgendeines Möbelstücks. So stieß er auf die verstreut herumliegenden Schachfiguren, die ihm irgendwie bekannt vorkamen. Da er aber nicht alle auf einmal erblickte, dachte er nicht daran, diese wieder einem Schachspiel zuzuführen, zumal damit kaum mehr etwas zu verdienen war. Stattdessen fand er für die nach und nach aufgeklaubten Figuren unterschiedliche Verwendungen, die dazu führten, dass die Gruppe definitiv auseinandergerissen wurde:

• Neun Bauern endeten als Schubladen-Griffe für die Schlafzimmerkommode eines jungen Brautpaares und wurden zwangsläufig Augenzeugen von deren intensiver Familienplanung.
• Die verbleibenden sieben Bauern wurden als Kegel in einem Miniaturbowling-Spielkasten für Kinder verbaut und landeten auf dem Gabentisch eines stark kurzsichtigen Jünglings namens Hubert.
• Mit den vier Türmen verlängerte Herr Astalosh die Beine eines kleinen Beistelltisches, welches – welch eine Ironie des Schicksals! – von Herrn Faraon für sein Spielzimmer bestellt wurde. Nach Auslieferung des fertigen Kleinmöbels und nach Einbruch der Nacht kam es im Spielzimmer zu einer unerwarteten Wiedersehensfeier unter Beteiligung der Dame-Figuren, der Pokerkarten und der Dominosteine, welche die vier immobilisierten Rückkehrer nach deren Erlebnissen während ihrer Flucht ausfragten. Umgekehrt berichteten sie den bodenständigen Türmen, dass Herr Faraon während der verzweifelten Suche nach den verschwundenen Schachfiguren einen kurzen und heftigen Wutanfall erlitten, das Schachbrett zerbrochen und die beiden Stoppuhren in den Müll geworfen hatte.
• Dexter, der rechtsstehende, weiße Springer endete als Verzierungen im Rahmen eines Garderobenspiegels, welcher Jahre später zu einem Zahnarztstuhl umgearbeitet wurde. In diesem wiederum wurde er zu einem Griff umfunktioniert, welchen die Patienten kräftig drücken konnten, wenn der Schmerz unter der Behandlung überhandnahm. Linky gelangte auf verschlungenen Umwegen nach Österreich und wurde als symbolisches Dekorationselement in einer Menütafel verbaut, und zwar über dem Tresen des „Weißen Rössl“ am Wolfgangsee.
• Die zwei schwarzen Springer (Nero und Misericordius) wurden zu Regenschirmgriffen umgestaltet. Als solche gingen sie mit anderen Haushaltsartikeln in den Export. Nero endete im norwegischen Stavanger als unentbehrliches Accessoire eines Seiltänzers, der jeden Sonntagnachmittag mit einem Matjeshering in der einen und dem Schirm in der anderen Hand zwischen den beiden Türmen der Kathedrale balancierte. Der Schirm mit Misericordius wurde zum Sonnenschutz einer malaysischen Lehrerin, die in einem abgelegenen Urwalddorf verwaiste Makaken zu Stenotypisten und Fluglotsen ausbildete.
• Die drei intakten Läufer blieben zurück und versteckten sich unter einem Werkzeugschrank. Um verirrten Kameraden beizustehen, gingen sie sporadisch auf Erkundungsmissionen, die sie diametral in sämtliche Ecken des Raumes unternahmen. Sie trafen aber keine Verirrten mehr aus dem alten Figurensatz an. Ansonsten blieben Sie jahrelang unter dem Gestell versteckt, bis eines Tages die Werkstatt abgerissen und einem Waschsalon weichen musste. Wahrscheinlich wurden sie mit dem Schutt aus dem Abbruch entsorgt, jedenfalls hörte man seitdem nichts mehr von ihnen.
• Der kopflose Läufer, den man unter großen Mühen mitgeschleppt hatte, wurde sehr bald nach seiner Ankunft durch Herrn Astalosh als unbrauchbar erkannt und verschreddert. Kopflos wie er war, endete er als Holzpellet in einer Heizanlage. Sein Haupt machte indes Karriere als hübsch gemaserte, besonders leichte Murmel in der Kugelsammlung von Astalosh Junior.
• Die beiden Königinnen blieben weiterhin schicksalhaft zusammen und hatten somit die Möglichkeit sich weiterhin gegenseitig anzukeifen. Sie wurden als Handgriffe auf ein Paar hübsch dekorierten Cocktailspießen angebracht, auf die man Oliven oder Zitronenscheiben aufzog. Dergestalt kamen sie in ihrer neuen Eigenschaft als Besteck in einer Karaoke-Bar zum Einsatz. Aus Cocktailgläsern ragend, musterten sie sich weiterhin gegenseitig mit unfreundlichen Blicken und warfen sich gelegentlich beleidigende Bemerkungen betreffend ihrer Garderoben zu.
• König Wenzeslaus II alias Ol` King White endete als dekorativer Knauf am oberen Wendepunkt eines barocken Treppengeländers, von wo er jahrzehntelang die auf- und absteigenden Hausgäste der vornehmen Villa beobachten und daraus seine ganz persönlichen Schlüsse ziehen konnte. Seine Memoiren erschienen Jahre später unter dem Titel `Vom Thron zur Zierfigur – Erinnerungen eines aufgestellten Königs` bei Klappezu & Affetot 2009, Wien, London, Buxtehude.
• Bohemund IV, oder King Black, der initiative schwarze König, der die ganze Fluchtaktion geplant, befohlen und angeführt hatte, wurde an die Spitze einer Standartenstange montiert, die bei Aufmärschen der Heilsarmee der Blaskapelle vorangetragen wurde. Auf diese Weise konnte er, standesbewusst wie er nun mal war, an feierlichen Zeremonien lange Jahre an vorderster Stelle teilnehmen und sich am Tschingderassabum und dem ganzen Tamtam um ihn herum erfreuen. Dabei glaubte er felsenfest, dass der Jubel der freudig am Straßenrand zuschauenden Menschen ihm alleine galt und der ganze Aufmarsch ihm zu Ehren abgehalten wurde.

Moral der G’schicht: Süß ist die Freiheit selbst dann, wenn sie einem nur zu einem zeitweiligen und banalen Weiterleben verhilft! ♦


Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Anekdoten aus der Welt des Schachs

Weitere Satiren von Peter Biro im GLAREAN MAGAZIN

Thaïs Odermatt: Amazonen einer Grossstadt (Film)

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Kritik an überholten Gender-Vorstellungen

von Katka Räber

Mit dem Dokumentar-Film „Amazonen einer Großstadt“ der Schweizer Regisseurin Thaïs Odermann begeben wir uns in Berlin auf die Suche nach heldenhaften, kämpferischen Frauen, die den Mut haben, ihre Träume zu leben – heraus aus der traditionellen Rolle, eigenen Gesetzen und Vorstellungen folgend.

Amazonen einer Grossstadt - Film von Thais Odermatt - Rezensionen Glarean MagazinAmazonen, die weiblichen Kriegerinnen aus der Mythologie, die ihren eigenen weiblichen Staat regierten und von vielen männlichen Autoren immer wieder besungen wurden: Wie können sie heute, in unserer Gegenwart, aussehen und wirken? Thaïs Odermatt, die selber schon in ihrer Kindheit auch als Mädchen ihre Rechte und ihre Stellung gerne kämpferisch eroberte (wie sie zu Beginn des Films zeigt), lässt uns im spannenden Mix vier Frauen kennenlernen, von denen jede auf ihre Art einen Kampf führt.

Engagement für die Menschenrechte

  • Die älteste, die grauhaarige Irmela Mensah-Schramm geht als politisch engagierte Menschenrechtsaktivistin zu Fuss durch Berlin und übersprayt alle Neo-Nazi-Parolen und -Zeichen. Sie kratzt minutiös alle Kleber dieser Art ab und setzt so ihren Widerstand gegen die Nazi-Tendenzen um.
  • Die in Bangladesch in einem Abfallcontainer als Baby aufgefundene und in ein Spital und später in ein Kinderheim gerettete und nach Dänemark adoptierte Sara lebt heute als DJ That Fucking Sara in Berlin und setzt ihre Wut in Musik in Clubs auf der ganzen Welt ein. Daraus ergeben sich kraftvolle Beats, die viele Menschen beflügeln – und sie selber von der eigenen Wut auf die Lebensverhältnisse befreit.

Körperlich kanalisierte Wutentladung

  • Thais Odermatt - Schweizer Film-Regisseurin - Rezensionen Glarean Magazin
    Regisseurin Thais Odermatt (Geb. 1980 in Stans/CH)

    Auch die Ukrainerin Maryna Ivashko hat den unwiderstehlichen Drang nach körperlicher, gesteuerter, kanalisierter Wutentladung unter dem Einsatz von Kraft nach unerbittlichem Training und sogar brutalem Zweikampf des MMA (Mixed Martial Arts). Es war für mich schwierig, die brutalen Kämpfe, bei denen alle Kampfsporttechniken eingesetzt werden, anzuschauen. Interessant, wie unterschiedlich die Lebensenergie ausgelebt werden kann. Die ausdrucksschöne Maryna braucht, ihrer Aussage nach, diesen körperliche Kampf.

  • Ganz anders die vierte Protagonistin, die kurdische Ex-Guerillakriegerin Zilan, die als 13-Jährige von den Eltern in die Berge von Kurdistan als Freiheitskämpferin geschickt worden ist. Sie lebte zehn Jahre als Kämpferin und sagt jetzt, in Berlin lebend als die sanfte Mutter eines Babys, ein Gewehr in den Händen zu halten entmenschliche vollkommen. Es dürfe nie so weit kommen. Damals, als Guerillakriegerin, war sie bereit zu sterben. Jetzt will sie leben und helfen, die Zukunft positiv zu gestalten.

Die moderne Amazone

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Amazonen einer Grossstadt“ räumt auf mit der Vorstellung, alle Frauen seien nur sanft und zahm und ganz wut- und aggressionsfrei. Der Dokumentarfilm lädt ein zu einer sehr spannenden Auseinandersetzung mit überlieferten, konservativen Gendervorstellungen. Und es gibt sie auch heute noch, und heute erst recht: Die Amazonen, die mutigen, oft wütenden, engagierten Kämpferinnen für unterschiedlichste Anliegen – nicht nur in Berlin… ♦

Thaïs Odermatt (Regie): Amazonen einer Grossstadt, Dokumentarfilm, 66 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Film auch über R. & S. Zürcher: Das Mädchen und die Spinne (Spielfilm)

Cees Nooteboom: Abschied (Gedicht aus der Zeit des Virus)

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Nachdenken über den Menschen

von Stefan Walter

Cees Nooteboom (*1933) ist einer der großen niederländischen Dichter, und unter diesen in Deutschland sicherlich der bekannteste. Für „Abschied“, ein „Gedicht aus der Zeit des Virus“, das man wohl guten Gewissens als seinen Schwanengesang betrachten darf, hat er sich der eher seltenen Form des Langgedichts bedient.

Cees Nooteboom: Adiós (poema de la época del virus)In der noblen Bibliothek Suhrkamp als zweisprachige Ausgabe Niederländisch–Deutsch erschienen, gibt es an den Äußerlichkeiten des „Abschieds“ von Cees Nooteboom erwartungsgemäß nichts zu kritisieren. Der dunkelviolette Einband ist von einem schlichten Schutzumschlag in Weiß mit einem schmalen violetten Streifen umgeben; große Experimente wird der Leser hier nicht erwarten. Ein Lesebändchen ist vorhanden, gleichfalls violett. Oder, um es in den Worten des Gedichtes zu sagen, „dazu die passende Farbe: / das Lila von Tod und Geburt.“
Auf jeder Doppelseite findet sich, ganz wie sich das gehört, links der Originaltext, rechts die deutsche Übersetzung. Jeder Abschnitt bekommt seine eigene Doppelseite. Ein kurzes Nachwort des Autors hilft ein bisschen beim inhaltlichen Verständnis des nicht ganz einfachen Textes. Vier Zeichnungen von Max Neumann runden das Buch ab.

Strenge Gliederung

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Das Gedicht selbst, untertitelt mit „Gedicht aus der Zeit des Virus“, folgt einer strengen Gliederung: Drei Kapitel zu je elf nummerierten Abschnitten zu je 13 Versen, in drei Strophen plus einen Nachsatz getrennt. Die Stropheneinteilung erscheint rein formal, Strophenenjambements sind die Regel; als Sinneinheit dient ausschließlich der Abschnitt, der in vielen Fällen aus einem einzigen Satz besteht.

Wesentlich anstrengender ist es, den teils sehr dunklen Inhalt zu erhellen. Da eine Rezension glücklicherweise keine umfassende Interpretation zu liefern braucht, kann ich mich hier auf einzelne Stellen beschränken.
„Dies fragte sich der Mann im Wintergarten, / das Ende vom Ende, was könnte das sein? / Etwas ganz ohne Kummer (…)“ beginnt der Text. Der Mann sieht im ersten Abschnitt u.a. einen „entblätterten Feigenbaum“, „die tausendjährigen Steine der Mauer“, „wie die Nacht korrigiert werden sollte“, „die Grammatik der Enteignung“, „Rückzug nach der Niederlage“, „doch keine Bestimmung“.

Nebeinander von Metaphern und Wertungen

Cees Noteboom - Reporta Glarean
Cees Nooteboom (Geb. 1933 in Den Haag)

Dieses auffällige gleichrangige Nebeneinander von Bildern, Metaphern und Wertungen zieht sich durch das ganze große Gedicht von Cees Nooteboom. So erinnert sich der Mann im zweiten Abschnitt an den Krieg, an „Soldaten beim Abzug, bang, dreckig“ statt wie zuvor „mit neuer Zukunft versehen, mit Opfern“, „die Rückseite des Spiegels“, „die Falle der Not“.
Er erinnert sich an die Kindheit, die Eltern, das Meer, an Freunde, an Mädchen, an Reisen, aber die Wehmut muss jedes Mal wieder sehr zeitnah Platz machen für Angst oder Trauer, „einsame / Augen ohne Stirne gehen um, Gliedmaßen / ohne Anhang, Spukgestalten, Phantasmen / gesponnen aus bösen Geschichten“.
Der Mann wird zum Gärtner, der die Blumen bewundert, „grün und hartnäckig / ohne Furcht vor dem Ende“, aber dennoch sieht er als erstes „tote Blätter, der Boden nass und schwarz“.
„Wie viele Rätsel kannst Du ertragen?“ Gelegentlich zweifelt man als Leser, ob solche Sätze noch diegetisch sind, oder ob der Autor ironisches Mitleid äußern möchte, wenn wir dem ständigen Wechsel von Ort, Zeit, Personen und Gegenständen, immer nur angedeutet, kaum folgen können.

Meisterliche Beherrschung von Form und Stil

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Im zweiten Kapitel nehmen die Unklarheiten, die Andeutungen, die negativen Wertungen immer mehr zu: „Ein verkehrtes Paradies voll / Ungeheuern, die uns gleichen, ein / abgenagtes Gesicht mit einem / Strauch auf dem Rücken“, „es sind Menschen, glaub’s oder nicht, Kloake der Evolution“, „das erfundene / Genie, das seine Kotze verkauft / und die Seele dazu“. Glücklich mag man die Erinnerungen des alten Mannes eher nicht nennen.

Ruhiger wird es dann wieder im dritten Kapitel. Philosophische Überlegungen („Was für ein Geräusch macht die Erde / im Hause des Kosmos“), Erinnerungen an Freunde („Freunde, Brüder, Geliebte, / und immer nahmen sie Abschied, bogen ab nach links / oder rechts, verschwanden wie Schatten“), sie führen erbarmungslos auf das Ende hin: „Dort richtet sich jemand auf, eine / letzte Gestalt, die sich entfernt, / ich schaue ihr nach, der einzigen / meines Lebens“.
Bis das lyrische Ich, das wohl nicht allzu weit vom Autor entfernt sein dürfte, zum Schluss erkennt: „Hier muss es sein, / hier nehme ich Abschied von mir selbst / und werde dann langsam / niemand.“

Man muss an der wortreichen, bildhaften, zwischen Pathos und Bathos changierenden Sprache nicht unbedingt Gefallen finden. Ohne Zweifel jedenfalls beherrscht Nooteboom Form und Stil meisterlich und zwingt den Leser zum Nachdenken über den Menschen, seine Fehler und die conditio humana. Absolut lesenswert. ♦

Cees Nooteboom: Abschied (Gedicht aus der Zeit des Virus), Zweisprachige Ausgabe Niederländisch/Deutsch, 88 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-22522-6

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Lyrik auch über Helmut Krausser: Glutnester (Gedichte)

Schachzug der Woche (01): Praveen Rallabandi vs Günter Schulz

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Das Verblüffende im Verborgenen

von Walter Eigenmann

Auch (und gerade) im Schach fahnden wir gerne nach dem Einzigartigen, dem Ausnahmephänomen, dem sensationellen Spektakel – das verspricht Nervenkitzel gepaart mit ästhetischem Vergnügen.

Doch zuweilen liegt das Verblüffende verborgen im Kleinen, Unscheinbaren, Unauffälligen – gerade im Schach!

Praveen Rallabandi – Günter Schulz (ICCF 2019)
Weiß am Zuge

P.Rallabandi vs G.Schulz - Corr 2019 - Juego de ajedrez por correspondencia - Comentario Walter Eigenmann
FEN: r2qk1nr/pp1n1pp1/2pbp1p1/3p2P1/2PP3P/4P3/PP1N1P2/R1BQKB1R w KQkq

In dieser Stellung, entstanden in einer ICCF-Fernschach-Partie 2019 zwischen dem Engländer Praveen Rallabandi und dem Deutschen Günter Schulz, entdeckte (bzw. erforschte) der Weiße einen Zug, der analytisch nachweisbar der nachhaltigste unter mehreren attraktiven Optionen ist, den aber nicht mal die modernsten Schachprogramme auf dem Radar haben.
Von Menschen werden solche Züge, die weder Game Changer sind noch auch nur die Figurenkonstellation positionell sichtlich verbessern, gerne übersehen. Und vom Computer werden sie „übersehen“, weil die Stellungen extrem tiefes Rechnen verlangen (hier: ca. 50 Halbzüge), bis der resultierende Stellungsvorteil die Stellungsbeurteilung final nach oben korrigiert.

Tipp: Der Anziehende bringt den Schwarzen in eine Art „Zugzwang“ auf offenem Brett…

Wie verschaffte sich hier der englische Korrespondenzschach-Meister ganz unscheinbar, aber nachhaltig eine bleibende Initiative?

Hier finden Sie die Lösung: Schachzug der Woche 01

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach auch über Taylor Kingston: Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior

Außerdem zum Thema Schachtaktik: Das Schach-Alphabet: Buchstabe A


English Translation

The Power Of Silence

is’nt so highly valued in our society – and certainly not in chess! There, too, the uniquely spectacular, the sensational, the „loud“ gives us a thrill and satisfies our need for power and beauty.
But sometimes the surprisingly amazing is to be found in the inconspicuously small. A flower, for example, that breaks through road asphalt – or the so-called „silent move“ in a game of chess…

That’s what happened in the correspondence chess game P. Rallabandi vs. G. Schulz 2019, where this position was created (Diagram see above).

With which „silent move“, an inconspicuous but very lasting and demonstrably best one, did the white player surprise his black opponent here?

The solution can be found here


 

Taylor Kingston: Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 9 Minuten

Lebendige Partien eines Todgeweihten

von Ralf Binnewirtz

Der US-amerikanische Schachhistoriker und -autor Taylor Kingston dürfte den meisten Schachfreunden bekannt sein, mir selbst ist noch die „gute alte“ ChessCafe-Seite (bevor diese für Nutzer bezahlpflichtig wurde) in angenehmer Erinnerung, wo er mit unzähligen Rezensionen auf sich aufmerksam gemacht hat. Für das neueste Buch aus seiner Feder: „Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior“ hatte Kingston zunächst einen korrigierten Reprint der Partiesammlung von Fred Reinfeld aus dem Jahre 1936, „Colle’s Chess Masterpieces“, ins Auge gefasst. Aber ein solches Update hätte heutigen Ansprüchen nicht genügt, so dass er sich zu einer kompletten Neubearbeitung entschloss, die auch mit einer erheblichen Erweiterung des Umfangs einherging.

Biografie? Fehlanzeige!

Edgard Colle: Caissa's Wounded Warrior - Taylor KingstonWer aufgrund des Titels eine Biografie von Edgard Colle erwartet hat, wird eine solche in diesem Buch nicht finden. Bereits ein zweiter länglicher Untertitel auf der inneren Titelseite weist auf die Intentionen des Autors hin: „An exploration and celebration of the artistry of the Belgian chess champion and prolific international tournament player Edgard Colle (1897–1932)“. In der Tat ist (bisher) über Colles Leben außerhalb des Schachs nahezu nichts bekannt geworden, seine Familie, Jugend und Erziehung, Berufsausbildung zum Journalisten, sein Werdegang und Aufstieg zum Schachmeister bleiben im Dunkeln1), und inwieweit sich der Nebel durch weitere Recherchen in belgischen Archiven noch lichten wird, bleibt abzuwarten2). Taylor Kingston gibt freimütig zu, dass er diese Arbeit nicht leisten konnte.

Edgard Colle vs Alexander Alekhine - Schach-Turnier 1925 - Glarean Magazin
Edgard Colle (rechts) am Brett gegen Alexander Aljechin (Turnier 1925)

Der Autor musste sich daher darauf beschränken, in einem einleitenden Teil I über den historischen Hintergrund zu referieren sowie Erinnerungen von zeitgenössischen Meistern bzw. Nachrufe aus der Schachliteratur zu zitieren. So erfahren wir aus Max Euwes Gedenkboek Colle über die herzliche Freundschaft zwischen dem späteren WM Euwe und Edgard Colle, der Meister aus Gent war ein häufiger Gast bei Euwe in Amsterdam und wurde quasi ein Familienmitglied (für Euwes Kinder war er der „Onkel Colle“).

Krankheit und früher Tod

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Colles bedauernswert fragiler Gesundheitszustand war bedingt durch ein Magengeschwür, das ihn auch bei Schachturnieren zunehmend quälte und einschränkte, es war für seinen tragischen, allzu frühen Tod mit 34 Jahren verantwortlich: Die medizinischen Möglichkeiten seiner Zeit waren für eine erfolgreiche Behandlung schlicht unzureichend, und nach drei überstandenen, wirkungslosen Operationen sollte er den vierten Eingriff nicht überleben, kurz vor seiner geplanten Vermählung und der ersehnten Gründung einer eigenen Familie, wobei er sich auch beruflich hatte umorientieren wollen – vom Schachmeister zum Journalisten.

Schachritter ohne Furcht und Tadel

Edgard Colle - Primer premio en Scarborough 1930 - Mesa cruzada - Revista Glarean
Einer der großen Turnier-Höhepunkte für Edgard Colle: Erster Preis in Scarborough 1930, noch vor Maroczy und Rubinstein

Hans Kmoch hat in der Wiener Schachzeitung einen ergreifenden Nachruf auf Colle geschrieben, der in englischer Übersetzung im Buch wiedergegeben ist.3) Seine Worte bezeugen, dass sich Colle – ob am oder abseits des Schachbrett(s) – stets vorbildlich verhalten hat, allzeit ein perfekter Gentleman, der trotz seiner Krankheit nie in Wehleidigkeit verfiel, sich vielmehr durch Optimismus und Heiterkeit hervortat. Zugleich war er ein unermüdlicher Kämpfer am Schachbrett, ein „knight sans peur et sans reproche“ (Kingston), ein „Schachmeister mit dem Körper eines Todgeweihten und mit dem Geist eines unsterblichen Helden“ (Kmoch).

Vorbildliche Partien-Präsentation

Colle-Eröffnungs-System - Glarean Magazin
Charakteristisches Stellungsbild im Colle-Eröffnungssystem: Weiß plant früher oder später den Bauernvorstoß e3-e4

Teil II, das Herzstück des Buchs, präsentiert auf gut 200 Seiten 110 kommentierte Partien und Partiefragmente, neun weitere unkommentierte Partien (die in den Auszügen aus Euwes Gedenkboek erwähnt sind) finden wir in Anhang A. Allein die schiere Zahl der Partien (gegenüber lediglich 51 im Reinfeld-Buch) zeigt, dass der Autor eine immense Arbeit investiert hat mit der Sichtung und Auswahl, die ja unvermeidlich mit der Computerprüfung aller Partien verknüpft war.
Erwartungsgemäß haben sich hierbei manche alten „Meisterwerke“ (bei Reinfeld) als wenig meisterlich entpuppt. Die Kommentierung der Partien beruht nun wesentlich auf sorgfältigen Engine-Analysen, bisweilen sind im Buch auch die Computerbewertungen eingestreut (mit Angabe der eingesetzten Engine und der berechneten Halbzüge).

Moderne Ansprüche befriedigend

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Wie schon aus dem Inhaltsverzeichnis in der Leseprobe ersichtlich, hat Kingston die Partiesektion unterteilt in eine Reihe von Kapiteln, die bestimmte Partietypen, Partiephasen oder Aspekte der schachlichen Fähigkeiten thematisieren. Innerhalb der Kapitel wurde keine chronologische Ordnung angestrebt, die Partien sind nur grob nach ansteigender Komplexität sortiert. Es fällt positiv auf, dass alle Kapitel durch eine Einführung eingeleitet werden, gleiches gilt für die meisten Partien, wobei hier in der Regel Colles Gegner kurz vorgestellt werden. Im Vergleich zum Reinfeld-Klassiker ist mit der ungleich ausführlicheren und tieferen Partiekommentierung (verbal und mit Varianten), mit der figurinen Notation sowie zahlreichen eingefügten Diagrammen eine Partiesammlung entstanden, die modernen Ansprüchen gerecht wird.

Colles Eröffnungssystem kaum ein Randthema

Bis heute ist Colle im kollektiven Schachgedächtnis präsent durch das von ihm geschaffene Eröffnungssystem, das er selbst virtuos handhabte und später auch von seinem Landsmann George Koltanowski propagiert und ausgearbeitet wurde. Dass Koltanowski im Buch zu kurz gekommen ist4), mag man kritisieren, andererseits wollte Kingston in seinem Buch nicht die Eröffnungstheorie des Colle-Systems abgehandelt haben, vielmehr die Spielkunst von Colle demonstrieren, exemplifiziert an dessen Partien. Literatur zum Colle-System gibt es schließlich schon genug.

Großer Taktiker mit wechselhaftem Erfolg

Legendäres Markenzeichen von Edgard Colle: Das Läuferopfer auf h7

Der Spielstil von Colle kann mit vielerlei Attributen versehen werden: dynamisch-aktiv, scharf, kraftvoll, aufregend, kreativ, taktisch-kämpferisch … Jedenfalls war Colle in allen Schach-Sätteln versiert. Seine schwankenden Turniererfolge waren fraglos seiner chronischen Erkrankung geschuldet (zu seinen größten Erfolgen zählen die ersten Plätze in Meran 1926 und Scarborough 1930). Man kann davon ausgehen, dass er deshalb auch eine stark taktisch ausgerichtete Spielweise mit der Aussicht auf eine schnelle Entscheidung bevorzugt hat. Seine Vorliebe für das Läuferopfer auf h7 (in seiner Eröffnung) soll bei seinen Meisterkollegen sprichwörtlich gewesen sein.5) Wenn es sein musste, hat er lange Sitzungen am Turnierbrett trotzdem klaglos angenommen. Nur gegen einige Spitzenspieler (Aljechin, Capablanca, Nimzowitsch, Vidmar) hat er leider nie eine Gewinnpartie verzeichnen können.

Eine von Colles Glanzpartien – seine „Unsterbliche“ – darf hier nicht fehlen:

Colle hat in knapp 10 Jahren über 50 Turniere und ein Dutzend Wettkämpfe gespielt, das ist eine beachtliche Quote. Es lässt sich nicht genau sagen, wo ein gesunder Colle bei einem längeren Leben in der Rangliste der Schachgrößen gelandet wäre, seine höchste historische Ratingzahl von Nov. 1930 stuft ihn als die Nr. 14 seiner Zeit ein.

Gelungene Partiesammlung eines faszinierenden Spielers

Das Buch wird komplettiert durch ein Vorwort von Andy Soltis und durch diverse Anhänge: Tabellen zu Colles Turnier- und Matchergebnissen, sämtliche Turniertabellen, eine Bibliografie sowie Indizes der Spieler und Eröffnungen. Insgesamt ist Taylor Kingston eine solide, verlässliche und gut kommentierte Partiesammlung zu Colle gelungen, die in allen Belangen zufriedenstellen dürfte und die eine lange bestehende Lücke in der Schachliteratur geschlossen hat, denn der alte „Reinfeld“ ist wegen der bekannten Mängel wenig nutzbar. Zudem ist der außergewöhnliche Mensch und Schachspieler Edgard Colle damit wieder verstärkt ins Bewusstsein der Schachfreunde gerückt worden, auch deswegen verdient das Buch eine Empfehlung. Die ultimative Colle-Biografie ist zwar noch nicht erschienen, aber wir dürfen berechtigte Hoffnung hegen, dass sie in nicht so ferner Zukunft auf unserem Büchertisch liegt. ♦

1)Frank Hoffmeister gibt in seinem Buch „100 Jahre Belgische Schachgeschichte“ (Thinkers Publishing 2020) wenige Details, die Kingston für sein Buch vermutlich nicht mehr berücksichtigen konnte. Ein auffälliger Satz aus dem Abschnitt über Colle sei hier zitiert, da er mit dem integren Charakter Colles nicht im Einklang scheint (S. 46): „Der Vorstand des Genter Clubs schloss seinen Vereinsmeister von 1917 und 1918 allerdings nach Ende des 1. Weltkriegs wegen ‚Sympathie für den Feind‘ für drei Jahre aus, bevor er auf Betreiben von Präsident Verschueren im Jahr 1921 rehabilitiert wurde.“
Als Quelle ist eine Genter Schachklub-Chronik aus dem Jahre 2000 angegeben, in der sich auch ein längerer Gedenkartikel von Bernard de Bruycker über Colle findet.
Hingewiesen sei noch auf die schöne Website „Belgian Chess History“ von Nikolaas Verhulst (mit einer Seite über Colle ), die auch von Taylor Kingston gewürdigt wird.

2)Der belgische GM Luc Winants arbeitet aktuell an einer umfassenden Colle-Biografie (nach Hoffmeister, s. [1] S. 47)

3)Das deutsche Original dieses Nekrologs in der WSZ Nr. 9, Mai 1932, S. 129f., ist online verfügbar auf ANNO – AustriaN Newspapers Online https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=sze&datum=1932&pos=191&size=45. In einer Nachlese zu Colle ist dort (S. 131-133) auch Colles letzte Turnierpartie gegen A. Rubinstein (Rotterdam, Dez. 1931) wiedergegeben, die zugleich Rubinsteins letzte Turnierpartie gewesen ist – eine bemerkenswerte, um nicht zu sagen merkwürdige Koinzidenz! Siehe im Buch das Kapitel „Swan Song“, S. 228-233

4)So John Donaldson in seinem Review in Oklahoma Chess Monthly, June 2021, p. 9f. http://ocfchess.org/pdf/OCM-2021-06-01.pdf

5)Dr. Stefan Ottow: „Meister des Läuferopfers – Edgard Colle und sein System“, in Kaissiber Nr. 3, Juli-Sept. 1997, S. 44-57

Taylor Kingston: The Fighting Chess of Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior, 272 Seiten, Russell Enterprises Inc., ISBN 978-1-949859-27-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Theorie auch über Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer

Interview mit dem Komponisten Christian Henking

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Jeder Routine ausgewichen

Jakob Leiner im Gespräch mit dem Schweizer Komponisten Christian Henking

Der Basler Komponist Christian Henking gehört zu den fruchtbarsten zeitgenössischen Komponisten der Schweiz, sein Œuvre umfasst fast alle Sparten, Gattungen und Formen der „Klassischen Musik“. Daneben ist er vielfältig und geachtet auch als Kunstfotograf tätig. GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner fragte Henking nach seinen Intentionen, Schaffensprozessen und künstlerischen Antriebskräften.

Glarean Magazin: Herr Henking, was sind Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?

Christian Henking: Das muss im Elternhaus gewesen sein. Bei uns lief viel knisternde klassische Musik (knisternd, weil von alten Schallplatten abgespielt). Deshalb war die klassische Musik für mich von klein auf eine Selbstverständlichkeit, währenddem ich die Jazz- und Popszene selbst entdecken musste.

Komponieren in frühester Kindheit

Komponist Christian Henking - Interview im Glarean Magazin - Juni 2021
Christian Henking

Welche musikalischen oder auch nichtmusikalischen Hintergründe haben Sie letztlich zum Komponieren gebracht?

Ich hatte das große Glück, dass viele meiner Verwandten professionelle Musiker*innen waren und sind – meine Eltern aber nicht. Sie waren höchst gebildet, kulturell extrem interessiert und auch künstlerisch begabt, aber eben nicht Musiker. Das gab mir eine ungeheure Freiheit – und wohl auch den Drang, Musiker zu werden, und zwar im Speziellen Komponist. Einer meiner Großonkel war Dirigent und Komponist, er war, als ich noch sehr klein war, mein erster Lehrer. Ich habe komponiert, bevor ich begann, seriös Klavierstunden zu nehmen.

Als Komponist schufen Sie bisher ein Œuvre großer Bandbreite, zahlreiche Vokal- und kammermusikalische Werke ebenso wie szenische, orchestrale oder jazzig-tonale Kompositionen. Kennen Sie künstlerischen Spieltrieb?

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Die „jazzig-tonalen“ Kompositionen – was für eine merkwürdige Bezeichnung! – sind nicht Teil meines Werkes, sondern lediglich hingeworfene Späße, die halt immer noch auf meiner Werkliste herumlungern. Ich müsste dies endlich mal ändern. Vor allem liebe ich zwar Jazz, bin aber kein Jazzer. Der Jazz ist ja eine eigenständige, vielfältige, großartige Kultur. Wir „Klassiker“ sollten uns hüten zu meinen, man könne so locker-flockig auch „jazzig“ komponieren.
Aber sonst mag meine Bandbreite tatsächlich recht groß ein – das kommt daher, dass mich praktisch nichts nicht interessiert. Daraus wächst so etwas wie ein Spieltrieb. Ich bin überaus neugierig und mache gerne etwas zum allerersten Mal.
Es fällt aber auf, dass ich mich bis jetzt noch nicht tiefer mit Elektronik beschäftigt habe. Das Interesse dazu wäre natürlich da, aber ich müsste mich ein paar Jahre zurückziehen, um mich da reinzuarbeiten, und dazu fehlt mir momentan der Mut.

„Ich arbeite einfach drauflos“

Christian Henking (1961 geboren in Basel) studierte nach dem Abitur Musiktheorie bei Theo Hirsbrunner, danach folgte eine zweijährige Kapellmeisterausbildung bei Ewald Körner. Ab 1987 absolvierte er ein Kompositionsstudium bei Cristobal Halffter und Edison Denisov, in Meisterkursen bei Wolfgang Rihm und Heinz Holliger. Christian Henking wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 2016 mit dem Musikpreis des Kantons Bern. Er ist Dozent an der Hochschule der Künste Bern für Komposition, theoretische Fächer und Kammermusik. Seine Werke erscheinen beim Verlag Müller & Schade.
Daneben besteht eine intensive fotografische Tätigkeit: Unterricht bei Simon Stähli an der Schule für Gestaltung Bern, sowie bei Tim Davoli, Adrian Moser und Anita Vozza. Ausstellungen u.a. an der photo 09, 12 und 16 in Zürich, im Kornhaus Bern 2011, in Schönbühl 2012, im ONO Bern 2013, in der Galerie Hofer und Hofer 2015 und im Berner Generationen Haus 2016.

Gibt es inspirative Routinen im Entstehungsprozess für ein neues Werk?

Ich bin meistens nicht inspiriert, wenn ich mit einer Komposition beginne. Ich arbeite einfach drauflos, schreibe Blödsinn oder schlechtes Zeugs und habe das Vertrauen, dass irgendwann, vielleicht nach Wochen oder Monaten, die Inspiration dank der Arbeit kommen wird. Den Blödsinn und das schlechte Zeugs schmeiße ich dann weg, und die Komposition beginnt zu wachsen. Deshalb verstehe die künstlerische Arbeit als eine Art Zerstörungsprozess: Ich „erschaffe“ zwar etwas, dafür aber zerstöre ich unendlich viel.
Dieser Ablauf mag eine Art von Routine sein – inhaltlich aber weiche ich jeder Routine aus.

Wie digital komponieren Sie?

Gar nicht. Ich bin ein musikalischer Dinosaurier, der noch alles mit Bleistift auf ein Papier kritzelt. Ich kenne Finale und Sibelius nur vom Hörensagen. Zum Glück ist mein Verlag so großzügig, dass ein toller Angestellter meine Bleistift-Reinschrift auf Finale überträgt.

Komponierend in Farben denken

Viele Ihrer Werke beinhalten Textvertonungen, zu Ihrer Oper „Leonce und Lena“ nach Georg Büchners gleichnamigem Lustspiel haben Sie selbst das Libretto verfasst. „Prima le parole, dopo la musica“ also?

Das scheint nur so. Im Werk „Schnee“ sind Musik, Sprache, Bewegung und Licht gleichzeitig entstanden, es gäbe noch etliche andere Beispiele zu nennen. Bei der Oper „Leonce und Lena“ habe ich tatsächlich den Originaltext neu konzipiert, bevor die Musik entstanden ist – das ist für mich aber nicht die Regel, sondern nur eine Möglichkeit.

Welches Stück wollten Sie schon immer einmal komponieren?

Eine dritte Oper.

Sehen und hören als künstlerische Wechselbeziehung

Sie sind auch als vielseitiger Fotograf tätig. Ausgleich zum Musikkosmos oder Variation desselben künstlerischen Selbstverständnisses?

"Es war einmal ein Winter": Szenenfoto aus dem Theatre Musical "Schnee" von Christian Henking und Zarin Moll (Atelier Contrast)
Szenenfoto aus dem Theatre Musical „Schnee“ von Christian Henking und Zarin Moll

Beides. Wenn ich mit dem Auge arbeite, erholt sich mein Ohr und umgekehrt. Gleichzeitig merke ich immer wieder, wie ähnlich ich formal denke, wenn ich fotografiere oder komponiere. Zu erwähnen ist noch, dass ich beim Komponieren häufig eine große Sehnsucht nach vielfältigen Klangfarben verspüre. Das kommt wohl daher, dass ich farbenblind bin. Als Fotograf denke ich also nicht in Farben, als Komponist sehr wohl.

Warum abbilden?

Als Fotograf bilde ich nur scheinbar etwas ab. Eigentlich fotografiere ich mich immer selbst. Jedes Foto, mag es nun eine Gabel oder etwas Abstraktes oder was weiß ich abbilden, ist eigentlich ein Selbstportrait, weil ich ja nur zeigen kann, wie ich die Welt sehe, nicht wie sie ein anderer Mensch sieht.

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Wie alltäglich sind Humor und (Selbst)Ironie in der zeitgenössischen Kunst- und Kulturszene?

In der Théâtre-Musical-Szene sind Humor und Ironie eine Selbstverständlichkeit – Gott sei Dank. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich mit großer Leidenschaft Théâtre-Musical-Werke. Ansonsten aber haben es der Humor und die Ironie zuweilen schwer in unserer bedeutungsschwangeren Szene. Humor scheint unseriös zu sein, und Ironie sucht man bei Bach und Brahms vergebens, also kann das ja nicht gut sein. Dabei gibt es wunderbare Werke, die mit Humor und Ironie fantastisch umgehen, man denke nur an Werke von Kagel, Schnittke, Ligeti und wie sie alle heißen.

Christian Henking - Partitur-Seite - aus Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit- Interview im Glarean Magazin - Juni 2021
Partitur-Seite aus „Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit“ von Christian Henking

„Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik“

Wie haben Sie das vergangene kulturverarmte Corona-Jahr erlebt?

Alle Konzerte wurden abgesagt resp. verschoben. Es war schon ein Glücksfall, wenn eine Uraufführung wenigstens für das Radio aufgenommen werden konnte, als Ersatz für ein Konzert. Ein Gefühl des „Verdorrens“ schlich sich ein. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich unglaubliches Glück hatte, denn die Anstellung an der Hochschule hielt mich über Wasser. Ich war und bin also in einer Luxus-Situation und habe kein Recht, mich zu beklagen. Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik.

Wie hört sich eigentlich die Musik der Zukunft an?

Großartige Musik hat es immer gegeben, in allen Kulturen und Zeiten, also wird es auch in Zukunft großartige Musik geben. Wie die klingen wird, hängt nicht so sehr von den Komponierenden ab, sondern von den Umständen. Still wird es auf jeden Fall nie werden, dazu ist der Mensch zu laut. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit der Komponistin Kathrin Denner

Internationaler Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich

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Texte zum Thema „Existenzielle Gefühle“ gesucht

Literaturhaus Zürich - Glarean MagazinSeinen Schreibwettbewerb „Texte des Monats“ offeriert das Literaturhaus Zürich bereits seit 20 Jahren. Für 2021 wurden dabei je monatlich bereits elf „existenzielle Gefühle und Regungen“ zu thematischen Vorgaben erklärt – das 12. Thema für den Dezember 2021 können nun die Autoren selbst deklarieren.

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Der Wettbewerb ist für Teilnehmer/innen aller Altersklassen aus allen Nationen offen, auch Gattungsgrenzen bestehen keine. Der Umfang soll 15’000 Zeichen nicht überschreiten, und die Texte dürfen noch nicht anderweitig publiziert worden sein.
Einsende-Schluss ist am 5. Dezember 2021, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die übrigen Ausschreibungen zu Literaturwettbewerben

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Modernisiertes Italien-Fernweh

von Christian Busch

Klaus Modicks neuer Roman „Fahrtwind“ ist eine romantische Reiserzählung und eine Reminiszenz an Eichendorffs berühmte „Taugenichts„-Novelle, die das Italien-Reisefernweh in die Siebziger Jahre transponiert, in des Autors eigene Studienzeit.

Klaus Modick: Fahrtwind, Roman, Kiepenheuer & Witsch Verlag 2021„Wem Gott will rechte Gunst erweisen / Den schickt er in die weite Welt. / Dem will er seine Wunder weisen / In Berg und Wald und Strom und Feld!“ Mit diesen Zeilen stürzte sich vor ungefähr 200 Jahren Joseph Freiherr von Eichendorffs berühmter, längst zur literarischen Legende und zum Sinnbild deutsch-romantischer Italien-Sehnsucht gewordener Taugenichts in sein Reiseabenteuer, das ihn über Wien bis nach Rom und in die Arme seiner Geliebten führt.
Wer kennt nicht die zum Paradigma romantisierter Reiselust stilisierte Einleitung der Künstlernovelle, in welcher der gestrenge Vater seinen faulenzenden, musikverliebten Herrn Sohn und Müßiggänger in die Welt hinausschickt:
„Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.“ – „‚Nun“, sagte ich, „wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.‘ Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen…'“.

Folie für eine Modernisierung

Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff
Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff

In Klaus Modicks neuem Roman „Fahrtwind“, der bereits zum „Spiegel“-Bestseller avanciert ist, dient nun, wie der Autor bereits im Vorwort freimütig bekennt, Eichendorffs Erzählung als Folie für eine Modernisierung. Modick verlegt seine Geschichte in die Siebziger Jahre, seine eigene Studentenzeit – und scheint seine Jugend nachholen zu wollen. Er ist nun ein auf den sinnigen Namen Müller getaufter Studiosus vagabundicus, der kurz nach dem Abitur sorg- und ziellos aufbricht, um dem geregelten, bürgerlichen Leben der Spießer und Philister zu entkommen („Die Trägen, die zu Hause liegen / Erquicket nicht das Morgenrot / Sie wissen nur vom Kinderwiegen / Von Sorgen, Last und Not um Brot“).
Aus der Mühle wird der Klempnerbetrieb, aus der Geige die Gitarre, aus der Wanderschaft eine Tramptour, aus der Kutsche der beiden vornehmen Damen ein „Mercedes Roadster 107“, aus dem Schloss bei Wien ein Schlosshotel und aus den beiden fremden Wanderern zwei homophile, vermeintlich mit Drogen dealende Easy-Rider-Cyclisten – und so weiter. Stilsicher werden – mit einer Prise narkotisch wirkender Pilze und anderer Gräser angereichert – Kulissen und Reliquien ausgetauscht. Deren Flair erschließt sich weiter durch die Popsongs, die als Motti über den Kapiteln stehen, und durch die gelegentliche Erwähnung von RAF und Roten Brigaden. Tiefgehender und sozialkritischer war das bei Eichendorff auch nicht.

Stimmung, Rhythmus und schwebende Leichtigkeit

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Auch wenn der Ich-Erzähler bei seinen eigenen Dichtungen an seine Grenzen stößt, wird absolut flott fabuliert. Fast scheint es so, als habe er Eichendorffs Originaltext durch eine moderne Übersetzungsmaschine gejagt, die alles transponiert, ohne Stimmung, Rhythmus und die schwebende Leichtigkeit zu verlieren. Mit ebenso leichtfüßigem Charme und schwindelerregender Verspieltheit entstehen toskanische Gartenlandschaften und die von Zypressen und Olivenhainen gesäumten arkadischen Sehnsuchtsorte der romantischen Seele.

Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)
Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)

Das ist wirklich verblüffend und wäre ein spannendes Thema für eine germanistische Seminar-Arbeit, denn auch die Zeichnung des überwiegend eins zu eins übernommenen Figuren-Inventars gelingt in ihrer naiven, aber direkten und pointierten Art – auch unter gänzlicher Wahrung der romantischen Ironie. Und doch dürfte den Leser Klaus Modicks gekonnte Hommage und Reminiszenz an Eichendorffs Künstlerepisode nur halb zufriedenstellen. Denn bei aller Vergnüglichkeit bleibt die Geschichte doch allzu sehr eine schablonenhafte Imitation – ohne, dass Reise-, Lebens- und Liebesmotive irgendeine Aktualisierung, Vertiefung oder Erweiterung erfahren.

So beschert „Fahrtwind“ zweifellos ein beträchtliches Lesevergnügen und nicht nur in Corona-Zeiten ein sinnliches Italien-Erlebnis, hinterlässt bei dem literarisch ambitionierteren Leser, vielleicht auch bei dem genauen Kenner der Eichendorff’schen Vorlage jedoch auch eine gewisse Ratlosigkeit darüber, dass nach 200 Jahren am Ende einfach „alles, alles gut“ ist. Aber lesen Sie selbst, denn lesenswert ist der neue Modick allemal! ♦

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman), 208 Seiten, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978 3462001303

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literarische Romantik auch über den Roman von Gerwin van der Werf: Der Anhalter

Birgit Fuß: Jim Morrison (Musiker-Biographie)

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Aspekte einer kreativen Seele

von Horst-Dieter Radke

Anfangs Juli 1971: Ich saß mit einem Freund in einem englischen Cafe nicht weit entfernt der St. Pauls Cathedral. Wir hatten es wahr gemacht, waren nach London getrampt, beide noch keine achtzehn Jahre alt. Wenige Minuten zuvor hatte ich mir noch den Melody Maker gekauft, dann unbesehen zusammengerollt unter den Arm geklemmt. Als ich die Zeitung später aufschlug, der Schock: Jim Morrison war tot. In Paris gestorben. Wie und warum? Genaues wusste man noch nicht. „This ist the End“, dachten wir. Nach Jimi Hendrix und Janis Joplin im Jahr zuvor nun auch noch er…

Waren „The Doors“ nur einer?

Birgit Fuss: Jim Morrison (biografía del músico)Es ist seither üblich, die Band „The Doors“ auf ihren Frontmann zu reduzieren, selbst in Büchern, die sich der ganze Truppe widmen. Tatsächlich kamen die restlichen Musiker zusammen auf keinen grünen Zweig mehr. Die Alben, die nach Morrisons Tod erschienen, hatten keinen Erfolg und werden bis heute nicht geschätzt. Das Büchlein aus der Reihe „100-Seiten“ des Reclam-Verlages tut konsequenterweise auch gar nicht mehr so, als ginge es um das Quartett „The Doors“, sondern ebenfalls nur um Jim Morrison.
Fairerweise widmet Biographin Birgit Fuß ihr drittes Kapitel – „We Could Be So Good Together“ – der ganzen Band, und das vierte – „Break on Through (to the Other Side)“ – deren sieben Alben. Außerdem lässt sie keinen Zweifel daran, dass Morrison ohne die anderen Drei sicher auf keinen grünen Zweig gekommen wäre. Zu jener Zeit, als die Band gegründet wurde, war er nur ein Rumhänger, der sich für etwas Besonderes hielt, was ihn damals sicher nicht von anderen Aussteigern unterschieden hat. Ray Manzarek war es im Grunde, der die „gespannte Bogensehne“ losließ.

Die Liebe und das Spirituelle

Jim Morrison - Revista Glarean
„Freier Oberkörper, wallendes Haar, dunkle Stimme, Ekstase auf der Bühne“: Jim Morrison (1943-1971)

Gleichwohl, der Sänger und Dichter Morrison ist das Anliegen der Autorin, und so steht er im Mittelpunkt der anderen Kapitel: Dem zweiten, in dem sein Werdegang vor den Doors geschildert wird, und dem fünften, in dem es um „Die Liebe“ geht. Ein weiteres Kapitel geht näher auf den Dichter und seinen Bezug zum Spirituellen ein –“I am the lizard king / I can do anything“, zwei Themen, die allzuoft in den Hintergrund rücken, wenn über The Doors berichtet wird.
Bei diesem Thema scheint die Autorin denn auch die größte Kompetenz zu haben. Man merkt, sie hat sich ausreichend mit Morrison und seinen Texten beschäftigt, auch mit seinen Vorbildern William Blake, Friedrich Nietzsche, Arthur Rimbaud und die Autoren der Beat-Generation, allen voran Jack Kerouac.

Verschiedene Aspekte einer kreativen Seele

Modelo literario de Morrison: el autor de culto Jack Kerouac
Literarisches Morrison-Vorbild: Kultautor Jack Kerouac

Ein Kapitel beschäftigt sich mit den Skandalen. Es ist vielleicht das entbehrlichste, aber ich meine, es ist auch nicht verkehrt, dass sie erwähnt werden. In der Summe und auch jeder einzelne Vorfall im Detail zeigt, wie überbewertet derartiges in den 60ern genommen wurde – von beiden Seiten. Betrachtet man, was sich manch andere Rockmusiker nach Morrison so geleistet haben, kommt man eher zu dem Schluss, dass er doch ein braver Junge war. Aus heutiger Sicht. In den Sechzigern jedoch bargen seine Eskapaden einiges an Sprengstoff.

This Is The End

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Das letzte Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit dem Tod Morrisons – „This ist the end / Beautiful friend“. Das Traurige zum Schluss. Viel Neues wird nicht berichtet, die Autorin weiß auch nicht mehr, als ohnehin bekannt ist. Aber sie fasst es gut zusammen. Und sie hat Fragen, die sie Jim Morrison gern gestellt hätte. Verteilt über das Buch stellt sie diese und versucht sich an einer Deutung. Antworten hat sie natürlich nicht. So etwas gerät leicht in ein unkritisches Fangesäusel.
Dieses Fettnäpfchen umgeht Birgit Fuß jedoch geschickt. Ich war anfangs versucht, diese Teile des Buches einfach zu übergehen. Nachdem ich mich überwunden hatte, den ersten von vier Abschnitten zu lesen, musste ich bei den folgenden nicht weiter darüber nachdenken. Es sind persönliche Reflexionen – aber keineswegs uninteressant für Leser.

Schwachstelle Musik

Wenig versteht die Autorin allerdings von der Musik. Auf diese wird eher oberflächlich eingegangen. Es verwundert sie, wenn Songs nicht von Morrison stammen, und übersieht dabei den nicht unerheblichen Anteil der anderen drei Musiker von Anfang an. Den Einsatz von Bläsern und Streichern auf dem Album „The Soft Parade“ – dem wohl experimentellsten der Doors – missbilligt sie sogar: „… und nun ertönten schon in den ersten Minuten Fanfaren, die hier kein Mensch braucht.“ Das ist sicher keine Einzelmeinung. Viele hätten es immer gerne geradeaus und gleich: Bluesorientierter Rock in Quartettbesetzung ohne Abweichung nach links und rechts. So gilt dieses Album nach wie vor als das schwächste der Doors.

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The Doors - Concierto de Filadelfia 1968 - Revista Glarean
Skandalumwittert: Doors-Konzert 1968 in Philadelphia

Doch es gibt auch andere Sichtweisen dazu, insbesondere unter der Berücksichtigung, dass „The Doors“ zu jener Zeit kaum noch Auftrittsmöglichkeiten bekamen – der Skandale wegen. Das letzte, titelgebende Stück, ein Zusammenschnitt verschiedener Stücke oder Fragmente, mehr Lyrik denn Song, zeigt schon in der Einleitung, die Manzarek mit einem Spinett (oder einer elektronischen Variante) beginnt, alles das, was die Doors damals musikalisch aufzubieten hatten, auch ihre bereits an Hardrock gemahnenden Momente. Zwei Stücke gelten nach wie vor als Klassiker und fehlen in keiner Kompilation: „Touch me“ (von Robbie Kriege) und „Wild Child“ (von Morrison).
Doch Morrison war, bei aller melodischen Erfindungsgabe mehr Dichter als Komponist, und was die anderen der Band in dieser Hinsicht leisteten, ist ein anderes Thema. Insofern ist dieses Manko im Grunde keines für dieses Buch über ihn.

Noch ein Buch über Jim Morrison?

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Fazit: Noch ein Buch über Morrison-The-Doors? Soll man es lesen? Ich meine: Warum nicht?! Spektakuläres Neues erfährt man nicht, und vielleicht ist manches (etwa die Musik) etwas zu stiefmütterlich behandelt. Aber in der Summe ist es gut, und selbst wenn man schon einiges gelesen hat, ist dieses kleine Büchlein nicht nur zur Auffrischung der Erinnerungen, sondern auch noch für Überraschungen gut, etwa im Kapitel über den „Dichter“ Morrison. Man liest nicht lange daran, einen oder zwei Abende, wenn man nicht der Versuchung unterliegt, das Buch aus der Hand zu legen und die alten Platten (oder CDs) aufzulegen. ♦

Birgit Fuß: Jim Morrison (Biographie), 100 Seiten, Reclam Verlag, ISBN 978-3150205761

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Walter Eigenmann: 12 Zeit-Einteilungen für Klavier

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12 Zeit-Einteilungen für Klavier

12 Zeiteinteilungen für Klavier - Walter Eigenmann - 24 SeitenDie „12 Zeit-Einteilungen für Klavier“ entstanden in den Jahren 1979 bis 1981.
Ihre Tonzentren verlaufen entlang des Quintenzirkels, kompositorisch sind sie der Zwölftontechnik verpflichtet.

Jeder dieser zwölf Klavier-Miniaturen ist ein spezieller Gemütszustand zugeordnet.
Das musikalisch-emotionale Spektrum durchmisst grundlegende menschliche Befindlichkeiten von „nervös“ bis „gelassen“. Die Schwierigkeitsgrade erstrecken sich von sehr leicht bis sehr schwierig. ♦

Walter Eigenmann: 12 Zeit-Einteilungen für Klavier, 24 Seiten, ISBN 978-3347318236


 

Julia Kohli: Menschen wie Dirk (Short Storys)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Literarische Vignetten vom Feinsten

von Alexandra Lavizzari

Sieben Storys legt die Winterthurer Schriftstellerin und Kulturpublizistin Julia Kohli in ihrem zweiten Buch vor. Es sind dies kurze Momentaufnahmen von „Menschen wie Dirk“ in einer Krisensituation, Männern wie Frauen, und aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Ein Hammer!

Mein erster Gedanke, nachdem ich die letzte Story zu Ende gelesen hatte, war: Ach, warum sind es nur sieben Geschichten, jetzt bin ich doch so richtig in Fahrt und würde mir fürs Leben gern weitere sieben Geschichten zu Gemüte führen. Und mein zweiter Gedanke war: gleich ein zweites Mal lesen und besonders auf die herrlichen, schockierenden, superorginellen Begriffe achten, mit denen Julia Kohli ihre Prosa würzt.

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos VerlagInzwischen habe ich die eine und andere Geschichte tatsächlich zweimal gelesen und herausgefunden, was mich an ihnen fesselt: Nicht so sehr der Plot – wobei Plot für diese Texte ohnehin nicht unbedingt massgebend ist – , auch nicht die Figuren, nein, was diese Storys für mich auszeichnet, ist die einmalige Mischung von leiser Subtilität und brutaler Wucht.

Schwelende Gewalt

Ohne Umschweife wird in der Geschichte „Samantha“ ein mörderischer Sommer mit dem lakonischen Satz „Ein Sommertag wie eine Wildsau“ angekündigt. Nach dieser Feststellung, die im Leser die Assoziation eines ungehemmtem Ausbruches auslösen mag, spannt uns die Autorin jedoch auf die Folter mit der Beschreibung einer unsicheren, übergewichtigen Frau, die eine Weile am Zürcher See spaziert und dabei gewissen Stellen ihres Körpers eine seltsame, fast krankhafte Aufmerksamkeit schenkt. Vorerst also nichts mit Gewalt, nur Rückschau auf ein gewöhnliches Leben, unterbrochenes Philosophiestudium, zehn Jahre Flugbegleiterin und Einsamkeit, mit der sich Samantha recht und schlecht abfindet. Was sich da im Laufe der Jahre wie das Wasser in ihren Beinen aufgestaut hat, merkt sie selbst erst später, im Flugzeug, als ein angetrunkener Passagier mit einer belästigenden Geste plötzlich das Fass zum Überlaufen bringt – und die Wildsau in ihr befreit.

Wider klischierte Rollenmuster

Julia Kohli - Literatur-Rezensionen Glarean Magazin
Julia Kohli (geb. 1978 in Winterthur)

In den meisten Geschichten finden wir ein Element von Gewalt, aber nicht immer springt es dem Leser so wuchtig ins Gesicht, oft schimmert es in scheinbar harmloser Dosierung durch die Zeilen, vor allem in den Dialogen zwischen Mann und Frau oder in den Gedanken von Männern über Frauen undumgekehrt. Stets ist eine dunkle Spannung spürbar, die uns beim Lesen auf die kleinsten Nuancen hellhörig macht.
Thematisch kreisen Kohlis Texte um die Gender-Rollen und die archaischen Klischees, denen Frauen aus männlicher Sicht noch immer zu entsprechen haben. Frauen wie Samantha und Christine in den Geschichten „Samantha“ und „Pierre“ nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, andere wie die Hauptfigur in „Irina“ oder die „drei Walküren“ in der Geschichte „Kurt“ arbeiten mit intellektuellen Argumenten gegen diese Klischierung und sonstige veraltete männliche Verhaltensmuster an.

Ein gewisser Männertyp

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Durch die Systematik, mit der Kohli diese Rollen darlegt, wird uns insbesondere Einblick in die Männerpsyche oder, besser gesagt, in die Psyche eines gewissen Männertyps gewährt, denn Kohlis Männer gehören alle in die Kategorie klassischer, hoffnungsloser ‚Losers‘. Da ist ein zum Beispiel ein Feigling wie Kurt in der gleichnamigen Geschichte, der bei einer Diskussion mit seinen Schülerinnen – er taxiert sie herablassend als „Trullas“, „Hexen“, „jammernde Heulbojen“, „Hupfdohlen“, „verklemmte Zwetschgen“ etc. – seinen Unterrichtsstil an der Kunstakademie verteidigen muss und sich dabei auf peinlichste Art und Weise bei ihnen anzubiedern versucht. Während er vor diesen emanzipierten Frauen schwitzt und röchelt und sich bald wie ein angeschossener Eber vorkommt, denkt er wehmütig an seine brasilianische Frau und woher er sie sich geholt hat: „Dort trugen die Frauen noch High Heels, wackelten mit ihren Hintern und freuten sich über Komplimente… Eine Welt, die noch einigermaßen im Lot war, im Gegensatz zu diesem schweizerischen Vogelfutter.“ Solche Sätze treffen den Typ Mann und seinen Konflikt mit gebildeten, selbstbewussten Frauen auf den Nagel.

Männliche Aggression

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In der Geschichte „Urs“ präsentiert uns Kohli ein wahres Ekel von einem Mann und lässt uns zwanzig Seiten lang in seinem Kopf wohnen; fast möchte man sagen, leider, so verkorkst und elend sieht es da drin aus, so aggressiv und frauenfeindlich. Dabei denkt und agiert Urs ganz einfach aus reinstem Frust am Leben, das es nie richtig gut mit ihm gemeint hat. Im Grunde genommen ist er ein armer Kerl, aber, wie der Text zeigt, kann Frust ganz schön schlimme Auswüchse haben, und Sympathie für Urs brauchen wir als Leser keine auzufbringen, er verdient sie nicht. Aber was bleibt ist das ungute Gefühl, dass man draussen Männern wie Urs begegnen kann; auf der Straße, im Tram, im Einkaufsladen, irgendwo. Männer wie Urs gibt es, man weiß es ja eigentlich, aber nach der Lektüre ist dieses Wissen von einem leisen Grauen durchzogen.

Sprachliche Bravour

Die Geschichte „Urs“ ist ein harter Brocken, und hier wie bei den andern Geschichten spielt die Sprache eine massgebliche Rolle, um die momentane Befindlichkeit der Hauptfigur in ihrer ureigenen Krisensituation zu veranschaulichen. Sie ist es auch, die einen von der ersten Zeile an in Bann zieht und trotz der, gelinde gesagt, düsteren bis schrecklichen Vorkomnisse ein derart grosses Lesevergnügen bereitet. Kohlis Vokabular ist an sich schon bewundernswert, aber zur Geltung kommt es erst so richtig in der Präzision des Tons und der Eigenheit, mit denen die Figuren sprechend und denkend ihre Zugehörigkeit zu einem gewissen Typen und einer gewissen sozialen Schicht verraten.
Die Gefahr, die Figuren auf diese Typisierungen zu reduzieren, würde durchaus bestehen, aber Kohli umschifft diese gekonnt. Bisweilen laufen die Geschichten auf eine Pointe zu, wie bei Dirk, einer in Mexiko angesiedelten Geschichte, in der die Hauptfigur wegen eines eiternden Tattoos ins Grübeln kommt und nach dem ersten Streit mit der mexikanischen Freundin der Reise zu ihren Verwandten mit Bangen entgegensieht. Was es mit dieser Reise auf sich hat, entpuppt sich vielleicht eine Spur zu abrupt, aber es zwingt einen gleichsam, nochmals zurückzublättern und nach Indizien für das überraschende Ende zu fahnden.
Wie gesagt: zweimal lesen! Es lohnt sich. ♦

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos Verlag, 172 Seiten, ISBN 978-3-03925-008-0

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R. & S. Zürcher: Das Mädchen und die Spinne (Spielfilm)

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Trauerspiel im Dreivierteltakt

von Katka Räber

Die beiden Schweizer Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher haben mit „Das Mädchen und die Spinne“ einen eigenwilligen Film über jetzige Beziehungen gedreht. Der Film wurde an der Berlinale 2021 mit dem Preis für die beste Regie in der Sektion Encounters ausgezeichnet. Begründung der Jury: „Die beeindruckende Ausführung einer rigorosen Inszenierung, welche die Mehrdeutigkeit jeder Figur mit Anmut, Humor sowie Raffinesse unterstützt und letztlich die Komplexität menschlicher Beziehungen umfasst.“

Das Mädchen und die Spinne - Gebrüder Zürcher - Rezension Glarean MagazinWährend des Umzugs von Lisa, einer jungen Frau, aus einer WG und des Einzugs in ihre neue Wohnung, die sie nun alleine bewohnen will, entwickelt sich die Handlung, und auch die Charaktere der Protagonisten zeigen sich in verschiedenen Schattierungen. Die drei Aristotelischen Einheiten von Ort, Handlung und Zeit, hier an zwei Tagen, werden eingehalten. Bloss einige Erinnerungssequenzen ergänzen die Handlung. In jeder der beiden Wohnungen geht es sehr chaotisch zu, ich hätte da nicht dabeisein wollen. Ganz viele Helfer, Handwerker, Lisas Mutter, andere Hausbewohner und auch Kinder aus den beiden Wohnhäusern handeln und sprechen durcheinander, was es aber auch wiederum leichtfüssig macht – ein wenig im Stil von manchen älteren, stilisierten französischen Filmen.

Gefilmte Stillleben

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Obwohl das Beziehungsnetz der Figuren durch kleine Dialog-Episoden ausgeklügelt ist, habe ich mit keiner der Personen mitgefiebert. Sie blieben mir fern, fremd und nicht besonders sympathisch, auch wenn die jungen Menschen schön anzuschauen waren. Aber durch die stilisierte Verfremdung und Überhöhung der Gesprächsfetzen blieben alle auf Distanz. Auch untereinander, obwohl sie einst Freunde gewesen sein wollen. Dies war wohl die Aussage der möglichen Beziehungsmuster. Mir kam das vor, als hätte ich in einer Ausstellung interessante, schön gefilmte Stillleben angeschaut.

Das Mädchen und die Spinne - Gebrüder Zürcher - Szenen-Foto - Rezension Glarean Magazin
„Alle lächeln ständig, obwohl es nichts zu lachen gibt“: Szenen-Foto aus „Das Mädchen und die Spinne“

Die Figuren sollten sicher die Einsamkeit eines jeden Einzelnen zeigen. Jede und jeder wühlt scheinbar im eigenen Schlamm, macht vielleicht sogar Witzchen, alle lächeln ständig, obwohl es nichts zu lachen gibt. Wie in Tschechowschen Theaterstücken, nur halt in die Gegenwart versetzt, wo alle einsam und unglücklich sind – oder ein bisschen ratlos, obwohl sie vorgeben, einander geliebt zu haben. Wahrscheinlich war es das, was die Euphorie des Berlinale-Publikums hervorrief.

Lange Blicke rätselhafter Figuren

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Als ich aus dem Kinosaal kam, war ich schlecht gelaunt. Während dem Film habe ich mich sogar ein bisschen gelangweilt, was mir sehr selten passiert, da ich Beziehungsfilme liebe. Und lustig müssen sie auch nicht sein, aber ein wenig Humor sollte nicht fehlen. (Scheinbar gab es ihn ja, ich habe ihn aber nicht entdeckt). „Das Mädchen und die Spinne“ ist eher ein zeitgenössisches Trauerspiel im Dreivierteltakt – die Melodie eines bekannten Walzers begleitet einen durch den ganzen Film. Immerhin: Rhythmus hat der Streifen, und die langen Blicke der rätselhaften Figuren bleiben mir im Gedächtnis… ♦

Ramon Zürcher & Silvan Zürcher (Regie): Das Mädchen und die Spinne, Spielfilm, Deutschland 2021, mit Henriette Confurius, Liliane Amuat, Ursina Lardi u.a.

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Jazz: Rudi Berger featuring Toninho Horta (Audio-CD)

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Kongeniale Partnerschaft

von Horst-Dieter Radke

Die Geige ist im Jazz kein unbekanntes Instrument, aber man kommt doch mit wenigen Namen aus, wenn man herausragende Jazz-Violinisten erwähnen will. Joe Venuti und Stéphane Grappelli etwa im Swing, Jean Luc Ponty, Zbigniew Seifert im Modern Jazz, L. Shankar im World Jazz und Mark Feldman im freien Jazz beispielsweise. Und Rudi Berger natürlich, den man, wenn er irgendwo zugeordnete werden sollte, dem lateinamerikanischen Jazz zurechnen könnte. Mit dem Gitarristen Toninho Horta spielte er unlängst bei Gramola (Naxos) ein bemerkenswertes Album ein: „Rudi Berger featuring Toninho Horta“.

Als nach einem langen Intro der Gitarre die Violine einsetzt, meine ich Stéphane Grappelli zu hören. Diesen ganz besonderen Ton, dieses Vibrato, das nicht vordergründig wie ein Vibrato klingt, das Grappelli auch in schnellen Passagen zeigte, kann der Wiener Violinist Rudi Berger (*1954) auch. Dass er aber trotzdem einen ganz eigenen Ton hat, erfährt man noch im gleichen Stück „Waltz for Jeremy“, welches das Album eröffnet.

Rudi Berger ist ein Ausnahmegeiger im Jazz, so wie auch Grappelli einer war – zu seiner Zeit. Ihm zur Seite steht der Brasilianer Toninho Horta und das so souverän, dass man manchmal nicht genau weiß, wer dieses Album nun eigentlich konzipiert hat. Der musikalische Anteil ist ebenbürtig, beide sind mit Kompositionen auf dem Album vertreten, Horta hat sogar einen etwas größeren Anteil. Seine Solopassagen sind ausgeprägt, dass von einer einfachen Begleitung nicht gesprochen werden kann. Er singt dazu mit einer Stimme, die fast wie ein Instrument klingt.

Langjährige Zusammenarbeit

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Berger und Horta kennen sich schon länger. Sie haben bereits in den späten 1980er Jahren in New York miteinander gespielt und in Brasilien, wo Berger von 1998 bis 2001 lebte und arbeitete. Die Aufnahmen dieses Albums sind aus verschiedenen Aufnahmesession zusammengestellt. Die älteste Aufnahme – Gabriele, der sogenannte „Bonustrack“ – stammt aus dem Jahr 1988 und wurde in New York eingespielt. Ebenfalls in New York wurden 1997 weitere vier Titel aufgenommen. In Rio de Janeiro spielte man fünf Titel im Jahr 2000 ein. Die ersten acht Stücke sind neueren Datums und entstanden 2019 in Österreich.

Toninho Horta - Gitarrist - Glarean Magazin
Toninho Horta (*1948)

Natürlich hört man, dass Toninho Horta aus Brasilien kommt. Der Rhythmus und Duktus von Bossa Nova und Samba sind verinnerlicht und kommen immer wieder zur Geltung. Doch Horta kann mehr, spielt mehr, entlockt seiner Gitarre Sequenzen, die keineswegs nur auf diese lateinamerikanischen Stilrichtungen festzulegen sind. Sein harmonisches Verständnis ist phänomenal. Beim ersten Zuhören habe ich manchmal die Aufmerksamkeit für die Violine verloren, weil es so spannend war, der Gitarre und deren harmonischen Entwicklungen zu folgen.

Musik aus New York…

Den Übergang zu den älteren Aufnahmen bei Titel 9 („Ouverture“) merkt man sehr wohl. Er ist aber nicht so krass, dass das Album einen fragmentarischen Eindruck hinterlässt. Das Ensemble ist arg in den Hintergrund gemischt worden, und nur bei den Solopassagen werden das Klavier und die Gitarre dann und wann etwas stärker hervorgeholt.
In Bergers Komposition „Bossa for Toninho“ hält Berger sich mit seiner Geige stark zurück und fügt sich in das Ensemble ein. Horta überrascht bei diesem Stück mit einem Part auf der elektrischen Gitarre. Im folgenden „Profuda Emoção“ von Toninho Horta ist wieder diese Grappelli-Assoziation da.

Musiknoten - Rudi Berger - Beluschka - Autograph - Glarean Magazin
Allmählicher Spannungsaufbau über mehr als sechs Minuten hinweg: Autograph von Rudi Bergers „Beluschka“

Bergers „Beluschka“ beginnt zunächst so spannungslos wie eine beliebige New-Age-Komposition. Doch die Spannung baut sich im Laufe der sechseinhalbminütigen Komposition auf, und auch wieder ab, so dass es keineswegs ein langweiliges Hörvergnügen ist oder gar für Hintergrundmusik taugt. Es gibt zu viel, was darin passiert und die hörende Aufmerksamkeit anregt, etwa das Bassspiel von Victor Bailey.

… und Rio de Janeiro

Jazz-Geiger Rudi Berger an einer Live-Session in Wien - Glarean Magazin
Jazz-Geiger Rudi Berger an einer Live-Session in Wien

Ab Track 13 stammen die Aufnahmen aus Rio de Janeiro. Nun dominiert auch die Flöte. Das Spektrum der Musik weitet sich. Nach zwei typischen brasilianischen Nummern mit all dem Bossa-Swing, den sie aufbringen können, überrascht mit „Dona Olimpia“ von Toninho Horta eine gefühlvolle Ballade, die mehr romantische denn lateinamerikanische Anklänge zeigt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig die beiden Musiker sich Beschränkungen auferlegen. Nach einem lebhafteren Zwischenspiel „Autumn in Brooklyn“ beginnt dann das letzte offizielle Stück „Viver de Amor“ wieder verhalten und sentimental, wechselt aber schnell in einen stringenten Rhythmus, über dem sich Bergers Violine deutlich und modern abhebt.

Wehmütiges Ende

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Der Bonus-Track aus dem Jahr 1988 zeigt Berger mit kleinem Ensemble und ohne Tonhino Horta. Das fällt auf. Er fehlt. Seine Gitarrenarbeit, die alle vorherigen Stücke nicht unwesentlich strukturiert und geprägt hat, wird vermisst. Einziger Trost ist, dass Bergers Violine noch da ist. Es kommt mächtig sentimental daher, fast möchte ich augenzwinkernd sagen: Es ist gehörig Schmalz drin – gut dass das Album damit zu Ende ist. Ich bin mir aber sicher, ich werde beim künftigen Hören nicht vorher abschalten.

Kurzum: Ein Album, das Spaß macht, das zum Zuhören anregt – und vor allem zum Wiederhören. Es gibt einen tollen Überblick über die Lebensleistung der beiden Musiker und hebt die Stimmung bei jedem Hören. Vor allem macht es neugierig auf einen Liveauftritt; ich hoffe, irgendwann in der Zeit nach Corona dazu noch einmal Gelegenheit zu haben. ♦

Berger (Violine) & Horta (Gitarre): Rudi Berger featuring Toninho Horta, Audio-CD, Label Gramola Records (Naxos), 1h-12min

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jazz-CD auch über Jacques Stotzem: Places we have been

Außerdem zum Thema Jazz im GLAREAN: Mathias Löffler – Rock & Jazz Harmony


Helmut Krausser: Glutnester (Gedichte)

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Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

von Stefan Walter

Helmut Krausser, Jahrgang 1964, ist Schriftsteller, Komponist und Schachspieler. Nach mehreren Romanen hat er nun wieder einen Gedichte-Band veröffentlicht mit dem Titel „Glutnester“.

Die Umschlaggestaltung der „Glutnester“ ist etwas melancholisch ausgefallen, aber gelungen. Noch zum Äußerlichen: Die Verlagswerbung auf den letzten Seiten finde ich persönlich bei einem Lyrikband etwas unangebracht, aber Verlag und Künstler wollen ja auch leben – dazu unten mehr.
Auf den über 100 Seiten finden sich etwa 90 Gedichte. Stilistisch geht es querbeet, mal mit Reim, mal ohne, mal mit regelmäßigem Metrum, mal ohne, mal mit Stropheneinteilung, mal – Sie ahnen es – ohne. Ein paar experimentelle Texte sind dabei, ein paar Sonette.

Querbeet durch die Stile und Zeiten

Inhaltlich setzt sich auf den ersten Blick diese Beliebigkeit fort. Da gibt es Albernes wie:
„Anfanghund / (…) Freundin sagt: Mach mehr Hund. / (…) Die Leute hassen Gedichte, doch sie / lieben Hunde, das hebt sich auf, / (…) Endehund.“
Oder Satirisches:
„O wie sie Ravioli macht, / (…) Grün-rot-gelb leuchtet ihr / Werk, und wie verdorben / müsste man sein, sich / diese exorbitante Kreation einzuverleiben (…) Ich fotografiere ihre / Ravioli, stelle sie auf / Facebook und Instagram / zur Schau (…)“.
Auch Banales wie:
„Mir fällt partout auf Reim kein / so zwingend geiler Reim ein (…)“
Oder Niveauloses wie:
„Dörte mi fa so lala, / schwörte mir Amore ma. / (…) Wann krichste wieda Lust, frag ichse, / weil ich seit April schon (…)“.

Helmut Krausser - Glarean Magazin
Helmut Krausser

Dazwischen finden sich jedoch die Texte, in denen Krausser glänzen kann:
„Unten macht der Plebs publik, / wieviel er heut gesoffen hat. / Oben schreib ich die Musik / der Zukunft auf ein Notenblatt. (…)“ ist eine hübsche Übertragung von Schillers „Bittschrift“.
Im titelgebenden „Glutnester suchen“ bezieht sich Krausser – sicher nicht zufällig – auf (Karl) Kraus, in Begrifflichkeit, Stil und Ironie:
„(…) bis / ich Feuer fange, brenne, / wieder Fackel bin und / zündeln kann.“

Von Adorno bis Krausser

Überhaupt, diese vielen Anspielungen des Intellektuellen Krausser. Schostakowitsch bewundert er, über Adorno und die Beatles macht er sich lustig. Auf den „Faust“ weist er hin, oder auf William Carlos Williams berühmtes „This is just to say“, auf die „Loreley“, das „Nibelungenlied“, Dantes „Inferno“, auf „Jesaja“, auf Artaud, auf Clint Eastwood und natürlich immer wieder auf Krausser.
Krausser schreibt Gedichte im Stil des Expressionismus, des Symbolismus, der Minnelyrik – und schafft es in allen Fällen konsequent, das Zitierte zu subvertieren.

Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

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Bleibt (als letzte große Gruppe von Gedichten) noch Kraussers Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein. In „Glückliche Künstler“ streiten die frisch bezahlten Titelhelden darum, wer die Rechnung im Restaurant übernehmen darf: „(…) der Kellner bringt / Pizza“.
In „Vor etwa 6’000 Jahren“ erzählt uns der Dichter von seinen Anfängen:
Er „(…) brachte / die Leute zum Lachen und / Weinen und bat am Ende um / ein wenig zu essen (…)“, während eine junge Literatin ihm erklärt:
„(…) sie schreibe für sich selbst / (…) Spannungslinien finde sie / ermüdend (…)“. Mit wenig Begeisterung stellt er dabei fest:
Sie „(…) lebt von Preisen und / Stipendien und lacht über / mich Knecht, der ich jeden Tag schufte (…)“.

Und in diesem Sinne passt das wilde Durcheinander dann doch wieder zusammen. Krausser bringt viel, um manchem etwas zu bringen. Er stellt den anspruchsvollen Leser mit Artaud zufrieden; den schnapsvollen mit derben Späßchen; die Freundin mit Hunden; und den Verleger mit Füllmaterial.
Wir sind also gut unterhalten, und der arme Poet kann seinen Magen füllen.♦

Helmut Krausser: Glutnester – Gedichte, 112 Seiten, Piper/Berlin Verlag, ISBN 978-3827013941

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Lyrik auch über Ines Oppitz: Hoffnung (Drei Gedichte)


Interview mit der Komponistin Kathrin Denner

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 9 Minuten

Kultur ist wichtiger denn je

Jakob Leiner im Gespräch mit der Komponistin Kathrin Denner

Die deutsche Komponistin Kathrin Denner (*1986) ist eine profilierte Vertreterin jener jüngeren Komponistinnen-Generation, die sich für die Verbreitung und Profilierung der zeitgenössischen Kunst-Musik auch auf politischer Ebene bemüht. Denner ist Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe, für die Belange ihrer Berufsgruppe setzt sie sich als Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbandes sowie als Delegierte der GEMA ein.
Im Interview mit dem GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner äußert sie sich über einige Aspekte ihres persönlichen Schaffens und über verschiedene Problemfelder der aktuellen Kunstmusik-„Szene“.

Glarean Magazin: Was sind eigentlich Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?

Kathrin Denner - Komponistin - Musik im GLAREAN MAGAZIN
„Ich stelle dem Stück Fragen, und es antwortet mir“: Komponistin Kathrin Denner

Kathrin Denner: Eine konkrete Erinnerung habe ich nicht. Mir ist aber sehr präsent, dass wir zuhause immer Bayern 4 Klassik gehört haben. Das ist eine wirklich schöne Erinnerung. Wir haben immer geraten, was wir da gerade hören. Damals wurden noch ganze Sinfonien gespielt und es gab wenig „easy listening“-Sendungen mit kurzen Ausschnitten. So lernte ich sehr viel klassische Musik und ihre Stilistiken kennen.

In Saarbrücken studierten Sie zuerst Trompete und Musiktheorie. Gab es einen Schlüsselmoment, der die Begeisterung für die Zeitgenössische Musik und das Komponieren weckte?

Ich muss vorwegnehmen, dass ich zeitgenössische Musik durch meinen klassisch geprägten Hintergrund immer furchtbar fand. Mein Herz ging auf bei Mahler, Bruckner und Beethoven. Die Zeitgenössische Musik habe ich nicht verstanden. Diese hatte für mich überhaupt keinen Sinn ergeben. Es war nicht nur so, dass ich sie nicht mochte, ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.

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Dann hat mir glücklicherweise ein Bekannter die Augen geöffnet, der mir das Ligeti-Requiem vorgespielt hat. In einem dunklen Raum mit Surround-Lautsprechern. Das war phänomenal. Ich habe erkannt, dass der Bruch zwischen der späten Romantik und Ligeti nicht so groß war. Innerhalb kürzester Zeit habe ich dann alles Zeitgenössische in mich aufgesogen und versucht, alles ganz schnell kennenzulernen. Ligeti ist mir bis heute wichtig, aber es gibt nun natürlich noch andere KomponistInnen, die mich inspirieren und die ich sehr mag und schätze.

Was macht für Sie den Reiz und die Faszination am Komponieren aus?

Ich mache einfach wahnsinnig gerne Musik. Und es ist doch toll, wenn man noch mehr gestaltet als das, was schon in Noten geschrieben steht: Wenn man selbst kreiert.

Gibt es eine grundsätzliche Herangehensweise für die Arbeit an einem Stück?

Meistens mache ich mir sehr lange Gedanken darüber, was ich eigentlich für das Stück möchte. Und dabei scheint es immer so, als würde ich nichts komponieren. Der Prozess geht also schon lange vorher nur im Kopf los. Ich stelle dem Stück Fragen: Obwohl es noch nicht in Noten existiert, antwortet es mir. Das habe ich von meinem Lehrer Johannes Schöllhorn gelernt.

Kathrin Denner - Komposition Autograph - Interview im Glarean Magazin
Autographisches Zitat aus „Nyberga Eleven“ für Trompete und Klavier von Kathrin Denner

Ich schreibe vor dem eigentlichen Notieren sehr viel auf. Meist in Worten und mit der Hand. Ich nehme mein Kompositionsbuch nicht immer, aber oft mit nach draußen, setze mich irgendwo hin und befrage mein Stück. Grundsätzliche Fragen nach Dauer, Besetzung, etc., aber auch Spezifischeres: Wie verhält sich das eine Instrument zum anderen? Wenn ich weiß, was ich will, geht der Rest verhältnismäßig schnell.

Kommen Kompositionsblockaden vor und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ja, leider. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, zu komponieren. Früher habe ich die Stücke nur so „rausgehauen“. Jetzt muss ich immer richtig arbeiten, bis etwas entsteht. Eine wirkliche Methode, die Blockaden zu überwinden, habe ich nicht. Meistens hilft es, wenn ich einen Auftrag habe und die Zeit drängt.

Hat sich Ihr Anspruch an (eigene) Musik in den letzten Jahren verändert?

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Ja, ich bin wesentlich kritischer mit mir und meiner eigenen Musik geworden. Wahrscheinlich geht das Komponieren deshalb nicht mehr so einfach von der Hand. Ob sich das positiv auf meine Stücke auswirkt, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe es natürlich. An Musik generell ist der Anspruch vielleicht insofern gestiegen, als dass ich gute Aufnahmen und Aufführungen bevorzuge. Aber ich schätze immer die Leistungen, Begabungen und das Können anderer und kann auch über „Fehler“ hinweghören, wenn mit Freude und Leidenschaft musiziert wird.

Werke von Komponistinnen sind in den Programmheften der deutschsprachigen Kulturlandschaft noch immer unterrepräsentiert. Zufall oder System?

Leider sind Komponisten in den Programmen noch deutlich in der Mehrheit. Obwohl die Frauen auf den Podien der zeitgenössischen Musik zunehmend sichtbarer werden. Während meiner Studienzeit gab es eigentlich immer relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnisse. Trotzdem können wir noch nicht wirklich von einer Chancengleichheit sprechen. Aufträge bekommen leider immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen. Die einflussreichen Stellen sind von Männern besetzt. Ich kann mir vorstellen, dass diese un- bzw. unterbewusst dann wiederum das männliche Geschlecht bevorzugen.

Gender-Diskussion in Musik und Tanz - Glarean Magazin
„Kompositionsaufträge bekommen immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen“: Anhaltende Gender-Diskussion in der Musik

Noch gibt es Handlungsbedarf für mehr Gendergerechtigkeit. Glücklicherweise ist dieses Thema mittlerweile in den Köpfen angekommen, und es gibt vermehrt Festivals, Kurse und Podien, die sich intensiv mit Genderfragen auseinandersetzen.

Sie sind auch kulturpolitisch aktiv und setzen sich für die Belange Ihrer Berufsgruppe ein. Wie sieht diese Arbeit aktuell aus?

Im Moment bin ich im Vorstand des Deutschen KomponistInnenverbands (DKV) sowie als Delegierte der außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder der GEMA und im GEMA-Wertungsausschuss tätig.
Der DKV ist ein Zusammenschluss von Komponistinnen und Komponisten aller Genres und Stilrichtungen, die der solidarische Gedanke einer Interessenvertretung für alle musikalisch Kreativen eint. Wir setzen uns für die Belange der Kreativen in verschiedenen Bereichen ein – im Moment natürlich u.a. auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Wir engagieren uns auf nationaler und internationaler Ebene zum Beispiel im Aufsichtsrat und anderen Gremien bei der GEMA, dem Kulturrat, dem Deutschen Musikrat, der Künstlersozialkasse, der Initiative Urheberrecht und der ECSA mittels unserer zuständigen Delegierten.

Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich) - Glarean Magazin
Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich)

Die GEMA – Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte – ist eine Verwertungsgesellschaft für Komponisten, Texter und Musikverleger. Zu ihren Aufgaben zählt es, die Nutzungsrechte ihrer Mitglieder zu verwalten und eine entsprechende Vergütung zu gewährleisten. Stellvertretend für den Urheber sorgt die GEMA durch das Urheberrecht für den Schutz der Werke. Seit nunmehr drei Jahren bin ich Delegierte der angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder.

Eigentlich glaube ich immer, die Falsche für diese Art von Job zu sein, aber irgendjemand muss es eben machen. Ich versuche, mich so gut wie möglich für meine komponierenden KollegInnen einzusetzen. Es muss engagierte Menschen geben, die die Interessen der – in meinem Fall – Musikschaffenden vertreten. Besonders in der heutigen Zeit, in der möglichst viel möglichst kostenlos sein soll. Es gibt viele andere Bereiche, in denen ich gerne noch aktiver wäre, aber die Zeit ist begrenzt, und so habe ich mir mein Feld gesucht, in dem ich mein Wissen einbringen und als kleines Zahnrädchen mitgestalten kann.

Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Menschen für das Gemeinwohl einsetzen und nicht immer nur darauf vertraut wird, dass da schon irgendwer ist, der alles regelt. Jeder Mensch hat eine Begabung, die für einen bestimmten Bereich hilfreich wäre. Es würde mich freuen, wenn diese Talente nicht ungenutzt blieben.

Das Streitwort der Kulturszene im Jahr 2020 lautete „systemrelevant“. Gibt es ein Wort, das Sie passender fänden?

Überrumpelt von der ganzen Corona-Zeit habe ich mich aus den Debatten über die Systemrelevanz tatsächlich zum größten Teil herausgehalten. Ein besseres Wort fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Unsere kulturelle Vielfalt ist einzigartig, aber wir haben eine schwache Position – keine starke Lobby. Vielleicht zeugt der Ausschluss der Kultur von Ignoranz, aber die Pandemie ist für alle neu und die Politik trifft die Entscheidungen sicherlich nicht leichtfertig, auch wenn sich einige Entscheidungen anschließend als falsch herausstellen werden oder schon herausgestellt haben.

Leerer Musik-Konzertsaal in Corona-Zeiten - Glarean Magazin
Wegen Pandemie geschlossen: Leerer Konzertsaal und de facto Berufsverbot für Musiker

Dass die Kultur keine marginale Rolle innehat, ist jetzt, nach über einem Jahr der Pandemie, denke ich, allen bewusst geworden. Ich hoffe, dass wir möglichst schnell zu einer gewissen Normalität zurückkehren können. Noch sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels, aber ich vertraue auf seine Existenz.

Wie hat Ihre kompositorische Arbeit auf das zurückliegende Corona-Jahr reagiert?

Eigentlich hätte ich (viel) Zeit gehabt, viel zu arbeiten. Und meine Arbeit findet ja sowieso meist allein statt. Aber ich habe mich der Ohnmacht voll hingegeben. Im Grunde habe ich meine Zeit verschwendet mit Inhaltslosigkeit. Mit Netflix und Handygames. Ich hatte eine einzige Aufführung – statt des geplanten großen Orchesterstücks mit über 80 Aufführenden, wurde ein Stück für ein Soloinstrument gespielt. Alle anderen Konzerte wurden abgesagt. Frustration ist hier das richtige Wort.

Musik und Corona - Rückzug ins Innenleben - Glarean Magazin
Musik in Zeiten von Corona und Aufführungsverboten: Rückzug ins „Innen, ins Bei-sich-sein“

Aber ewig kann man sich nicht hängen lassen, es muss weitergehen. Glücklicherweise haben mich ein paar Aufträge wieder motivieren können. Dabei war auch ein Auftrag des Bundesjugendchores, welcher sich thematisch im weitesten Sinne mit der Pandemie beschäftigt. Mit dem „Innen“ – also dem Innen im Geiste, aber auch dem Innen in den eigenen vier Wänden, mit diesem Bei-sich-sein. Ich beschäftigte mich mit unterschiedlichen sozialen Beziehungen (hier schwingt auch das „-Innen“ als Genderform mit), Verhältnissen und Interaktionen. Auch zwei weitere Kompositionen haben sich direkt auf die Corona-Ohnmacht bezogen.

Wie eng liegen Angst und Hoffnung beieinander?

Sehr eng. Manchmal ist die Hoffnung dominierend, manchmal beherrscht mich die Angst.

Gibt es ein spezielles Stück, das Ihnen schon längere Zeit vorschwebt?

Ich arbeite schon seit einiger Zeit an meinem Stück „Agnesma“ für Trompete und Orchester. Ich schreibe es für den wahnsinnig tollen Trompeter Simon Höfele. Aber es kommt immer wieder etwas dazwischen, und so ist der Kompositionsprozess durchlöchert. Es ist kein Auftrag, sondern intrinsisch motiviert. Ich freue mich aufs Weiterschreiben, wenn ich dann mal wieder Zeit habe.

Wie wird sich  eigentlich die Musik der Zukunft anhören?

Oh, das weiß ich nicht. Aber ich wäre gerne eine Zeitreisende, die in der Zukunft vorbeischauen kann… Etwas zu erfinden, was es noch nicht gibt, ist sehr schwer. Es gibt immer Entwicklungsprozesse, die sich auf Bekanntes beziehen.
Einen oder sogar mehrere Schritte zu überspringen, dazu wären wir vielleicht gern in der Lage, aber ich glaube, das ist nicht möglich. Wir sind Kinder unserer Zeit. ♦

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