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Willkommen beim GLAREAN MAGAZIN und viel Spass auf dem Trip durch die ganze Welt der Literatur, des Schachs, des Rätsels und der Musik!


Birgit Fuß: Jim Morrison (Musiker-Biographie)

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Aspekte einer kreativen Seele

von Horst-Dieter Radke

Anfangs Juli 1971: Ich saß mit einem Freund in einem englischen Cafe nicht weit entfernt der St. Pauls Cathedral. Wir hatten es wahr gemacht, waren nach London getrampt, beide noch keine achtzehn Jahre alt. Wenige Minuten zuvor hatte ich mir noch den Melody Maker gekauft, dann unbesehen zusammengerollt unter den Arm geklemmt. Als ich die Zeitung später aufschlug, der Schock: Jim Morrison war tot. In Paris gestorben. Wie und warum? Genaues wusste man noch nicht. „This ist the End“, dachten wir. Nach Jimi Hendrix und Janis Joplin im Jahr zuvor nun auch noch er…

Waren „The Doors“ nur einer?

Birgit Fuss: Jim Morrison (biografía del músico)Es ist seither üblich, die Band „The Doors“ auf ihren Frontmann zu reduzieren, selbst in Büchern, die sich der ganze Truppe widmen. Tatsächlich kamen die restlichen Musiker zusammen auf keinen grünen Zweig mehr. Die Alben, die nach Morrisons Tod erschienen, hatten keinen Erfolg und werden bis heute nicht geschätzt. Das Büchlein aus der Reihe „100-Seiten“ des Reclam-Verlages tut konsequenterweise auch gar nicht mehr so, als ginge es um das Quartett „The Doors“, sondern ebenfalls nur um Jim Morrison.
Fairerweise widmet Biographin Birgit Fuß ihr drittes Kapitel – „We Could Be So Good Together“ – der ganzen Band, und das vierte – „Break on Through (to the Other Side)“ – deren sieben Alben. Außerdem lässt sie keinen Zweifel daran, dass Morrison ohne die anderen Drei sicher auf keinen grünen Zweig gekommen wäre. Zu jener Zeit, als die Band gegründet wurde, war er nur ein Rumhänger, der sich für etwas Besonderes hielt, was ihn damals sicher nicht von anderen Aussteigern unterschieden hat. Ray Manzarek war es im Grunde, der die „gespannte Bogensehne“ losließ.

Die Liebe und das Spirituelle

Jim Morrison - Revista Glarean
„Freier Oberkörper, wallendes Haar, dunkle Stimme, Ekstase auf der Bühne“: Jim Morrison (1943-1971)

Gleichwohl, der Sänger und Dichter Morrison ist das Anliegen der Autorin, und so steht er im Mittelpunkt der anderen Kapitel: Dem zweiten, in dem sein Werdegang vor den Doors geschildert wird, und dem fünften, in dem es um „Die Liebe“ geht. Ein weiteres Kapitel geht näher auf den Dichter und seinen Bezug zum Spirituellen ein –“I am the lizard king / I can do anything“, zwei Themen, die allzuoft in den Hintergrund rücken, wenn über The Doors berichtet wird.
Bei diesem Thema scheint die Autorin denn auch die größte Kompetenz zu haben. Man merkt, sie hat sich ausreichend mit Morrison und seinen Texten beschäftigt, auch mit seinen Vorbildern William Blake, Friedrich Nietzsche, Arthur Rimbaud und die Autoren der Beat-Generation, allen voran Jack Kerouac.

Verschiedene Aspekte einer kreativen Seele

Modelo literario de Morrison: el autor de culto Jack Kerouac
Literarisches Morrison-Vorbild: Kultautor Jack Kerouac

Ein Kapitel beschäftigt sich mit den Skandalen. Es ist vielleicht das entbehrlichste, aber ich meine, es ist auch nicht verkehrt, dass sie erwähnt werden. In der Summe und auch jeder einzelne Vorfall im Detail zeigt, wie überbewertet derartiges in den 60ern genommen wurde – von beiden Seiten. Betrachtet man, was sich manch andere Rockmusiker nach Morrison so geleistet haben, kommt man eher zu dem Schluss, dass er doch ein braver Junge war. Aus heutiger Sicht. In den Sechzigern jedoch bargen seine Eskapaden einiges an Sprengstoff.

This Is The End

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Das letzte Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit dem Tod Morrisons – „This ist the end / Beautiful friend“. Das Traurige zum Schluss. Viel Neues wird nicht berichtet, die Autorin weiß auch nicht mehr, als ohnehin bekannt ist. Aber sie fasst es gut zusammen. Und sie hat Fragen, die sie Jim Morrison gern gestellt hätte. Verteilt über das Buch stellt sie diese und versucht sich an einer Deutung. Antworten hat sie natürlich nicht. So etwas gerät leicht in ein unkritisches Fangesäusel.
Dieses Fettnäpfchen umgeht Birgit Fuß jedoch geschickt. Ich war anfangs versucht, diese Teile des Buches einfach zu übergehen. Nachdem ich mich überwunden hatte, den ersten von vier Abschnitten zu lesen, musste ich bei den folgenden nicht weiter darüber nachdenken. Es sind persönliche Reflexionen – aber keineswegs uninteressant für Leser.

Schwachstelle Musik

Wenig versteht die Autorin allerdings von der Musik. Auf diese wird eher oberflächlich eingegangen. Es verwundert sie, wenn Songs nicht von Morrison stammen, und übersieht dabei den nicht unerheblichen Anteil der anderen drei Musiker von Anfang an. Den Einsatz von Bläsern und Streichern auf dem Album „The Soft Parade“ – dem wohl experimentellsten der Doors – missbilligt sie sogar: „… und nun ertönten schon in den ersten Minuten Fanfaren, die hier kein Mensch braucht.“ Das ist sicher keine Einzelmeinung. Viele hätten es immer gerne geradeaus und gleich: Bluesorientierter Rock in Quartettbesetzung ohne Abweichung nach links und rechts. So gilt dieses Album nach wie vor als das schwächste der Doors.

Mehr Dichter als Komponist

The Doors - Concierto de Filadelfia 1968 - Revista Glarean
Skandalumwittert: Doors-Konzert 1968 in Philadelphia

Doch es gibt auch andere Sichtweisen dazu, insbesondere unter der Berücksichtigung, dass „The Doors“ zu jener Zeit kaum noch Auftrittsmöglichkeiten bekamen – der Skandale wegen. Das letzte, titelgebende Stück, ein Zusammenschnitt verschiedener Stücke oder Fragmente, mehr Lyrik denn Song, zeigt schon in der Einleitung, die Manzarek mit einem Spinett (oder einer elektronischen Variante) beginnt, alles das, was die Doors damals musikalisch aufzubieten hatten, auch ihre bereits an Hardrock gemahnenden Momente. Zwei Stücke gelten nach wie vor als Klassiker und fehlen in keiner Kompilation: „Touch me“ (von Robbie Kriege) und „Wild Child“ (von Morrison).
Doch Morrison war, bei aller melodischen Erfindungsgabe mehr Dichter als Komponist, und was die anderen der Band in dieser Hinsicht leisteten, ist ein anderes Thema. Insofern ist dieses Manko im Grunde keines für dieses Buch über ihn.

Noch ein Buch über Jim Morrison?

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Fazit: Noch ein Buch über Morrison-The-Doors? Soll man es lesen? Ich meine: Warum nicht?! Spektakuläres Neues erfährt man nicht, und vielleicht ist manches (etwa die Musik) etwas zu stiefmütterlich behandelt. Aber in der Summe ist es gut, und selbst wenn man schon einiges gelesen hat, ist dieses kleine Büchlein nicht nur zur Auffrischung der Erinnerungen, sondern auch noch für Überraschungen gut, etwa im Kapitel über den „Dichter“ Morrison. Man liest nicht lange daran, einen oder zwei Abende, wenn man nicht der Versuchung unterliegt, das Buch aus der Hand zu legen und die alten Platten (oder CDs) aufzulegen. ♦

Birgit Fuß: Jim Morrison (Biographie), 100 Seiten, Reclam Verlag, ISBN 978-3150205761

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Pop-/Rock-Musik auch über Gebhardt & Stark: Wem gehört die Popgeschichte?


Walter Eigenmann: 12 Zeit-Einteilungen für Klavier

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12 Zeit-Einteilungen für Klavier

12 Zeiteinteilungen für Klavier - Walter Eigenmann - 24 SeitenDie „12 Zeit-Einteilungen für Klavier“ entstanden in den Jahren 1979 bis 1981.
Ihre Tonzentren verlaufen entlang des Quintenzirkels, kompositorisch sind sie der Zwölftontechnik verpflichtet.

Jeder dieser zwölf Klavier-Miniaturen ist ein spezieller Gemütszustand zugeordnet.
Das musikalisch-emotionale Spektrum durchmisst grundlegende menschliche Befindlichkeiten von „nervös“ bis „gelassen“. Die Schwierigkeitsgrade erstrecken sich von sehr leicht bis sehr schwierig. ♦

Walter Eigenmann: 12 Zeit-Einteilungen für Klavier, 24 Seiten, ISBN 978-3347318236


 

Julia Kohli: Menschen wie Dirk (Short Storys)

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Literarische Vignetten vom Feinsten

von Alexandra Lavizzari

Sieben Storys legt die Winterthurer Schriftstellerin und Kulturpublizistin Julia Kohli in ihrem zweiten Buch vor. Es sind dies kurze Momentaufnahmen von „Menschen wie Dirk“ in einer Krisensituation, Männern wie Frauen, und aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Ein Hammer!

Mein erster Gedanke, nachdem ich die letzte Story zu Ende gelesen hatte, war: Ach, warum sind es nur sieben Geschichten, jetzt bin ich doch so richtig in Fahrt und würde mir fürs Leben gern weitere sieben Geschichten zu Gemüte führen. Und mein zweiter Gedanke war: gleich ein zweites Mal lesen und besonders auf die herrlichen, schockierenden, superorginellen Begriffe achten, mit denen Julia Kohli ihre Prosa würzt.

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos VerlagInzwischen habe ich die eine und andere Geschichte tatsächlich zweimal gelesen und herausgefunden, was mich an ihnen fesselt: Nicht so sehr der Plot – wobei Plot für diese Texte ohnehin nicht unbedingt massgebend ist – , auch nicht die Figuren, nein, was diese Storys für mich auszeichnet, ist die einmalige Mischung von leiser Subtilität und brutaler Wucht.

Schwelende Gewalt

Ohne Umschweife wird in der Geschichte „Samantha“ ein mörderischer Sommer mit dem lakonischen Satz „Ein Sommertag wie eine Wildsau“ angekündigt. Nach dieser Feststellung, die im Leser die Assoziation eines ungehemmtem Ausbruches auslösen mag, spannt uns die Autorin jedoch auf die Folter mit der Beschreibung einer unsicheren, übergewichtigen Frau, die eine Weile am Zürcher See spaziert und dabei gewissen Stellen ihres Körpers eine seltsame, fast krankhafte Aufmerksamkeit schenkt. Vorerst also nichts mit Gewalt, nur Rückschau auf ein gewöhnliches Leben, unterbrochenes Philosophiestudium, zehn Jahre Flugbegleiterin und Einsamkeit, mit der sich Samantha recht und schlecht abfindet. Was sich da im Laufe der Jahre wie das Wasser in ihren Beinen aufgestaut hat, merkt sie selbst erst später, im Flugzeug, als ein angetrunkener Passagier mit einer belästigenden Geste plötzlich das Fass zum Überlaufen bringt – und die Wildsau in ihr befreit.

Wider klischierte Rollenmuster

Julia Kohli - Literatur-Rezensionen Glarean Magazin
Julia Kohli (geb. 1978 in Winterthur)

In den meisten Geschichten finden wir ein Element von Gewalt, aber nicht immer springt es dem Leser so wuchtig ins Gesicht, oft schimmert es in scheinbar harmloser Dosierung durch die Zeilen, vor allem in den Dialogen zwischen Mann und Frau oder in den Gedanken von Männern über Frauen undumgekehrt. Stets ist eine dunkle Spannung spürbar, die uns beim Lesen auf die kleinsten Nuancen hellhörig macht.
Thematisch kreisen Kohlis Texte um die Gender-Rollen und die archaischen Klischees, denen Frauen aus männlicher Sicht noch immer zu entsprechen haben. Frauen wie Samantha und Christine in den Geschichten „Samantha“ und „Pierre“ nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, andere wie die Hauptfigur in „Irina“ oder die „drei Walküren“ in der Geschichte „Kurt“ arbeiten mit intellektuellen Argumenten gegen diese Klischierung und sonstige veraltete männliche Verhaltensmuster an.

Ein gewisser Männertyp

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Durch die Systematik, mit der Kohli diese Rollen darlegt, wird uns insbesondere Einblick in die Männerpsyche oder, besser gesagt, in die Psyche eines gewissen Männertyps gewährt, denn Kohlis Männer gehören alle in die Kategorie klassischer, hoffnungsloser ‚Losers‘. Da ist ein zum Beispiel ein Feigling wie Kurt in der gleichnamigen Geschichte, der bei einer Diskussion mit seinen Schülerinnen – er taxiert sie herablassend als „Trullas“, „Hexen“, „jammernde Heulbojen“, „Hupfdohlen“, „verklemmte Zwetschgen“ etc. – seinen Unterrichtsstil an der Kunstakademie verteidigen muss und sich dabei auf peinlichste Art und Weise bei ihnen anzubiedern versucht. Während er vor diesen emanzipierten Frauen schwitzt und röchelt und sich bald wie ein angeschossener Eber vorkommt, denkt er wehmütig an seine brasilianische Frau und woher er sie sich geholt hat: „Dort trugen die Frauen noch High Heels, wackelten mit ihren Hintern und freuten sich über Komplimente… Eine Welt, die noch einigermaßen im Lot war, im Gegensatz zu diesem schweizerischen Vogelfutter.“ Solche Sätze treffen den Typ Mann und seinen Konflikt mit gebildeten, selbstbewussten Frauen auf den Nagel.

Männliche Aggression

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In der Geschichte „Urs“ präsentiert uns Kohli ein wahres Ekel von einem Mann und lässt uns zwanzig Seiten lang in seinem Kopf wohnen; fast möchte man sagen, leider, so verkorkst und elend sieht es da drin aus, so aggressiv und frauenfeindlich. Dabei denkt und agiert Urs ganz einfach aus reinstem Frust am Leben, das es nie richtig gut mit ihm gemeint hat. Im Grunde genommen ist er ein armer Kerl, aber, wie der Text zeigt, kann Frust ganz schön schlimme Auswüchse haben, und Sympathie für Urs brauchen wir als Leser keine auzufbringen, er verdient sie nicht. Aber was bleibt ist das ungute Gefühl, dass man draussen Männern wie Urs begegnen kann; auf der Straße, im Tram, im Einkaufsladen, irgendwo. Männer wie Urs gibt es, man weiß es ja eigentlich, aber nach der Lektüre ist dieses Wissen von einem leisen Grauen durchzogen.

Sprachliche Bravour

Die Geschichte „Urs“ ist ein harter Brocken, und hier wie bei den andern Geschichten spielt die Sprache eine massgebliche Rolle, um die momentane Befindlichkeit der Hauptfigur in ihrer ureigenen Krisensituation zu veranschaulichen. Sie ist es auch, die einen von der ersten Zeile an in Bann zieht und trotz der, gelinde gesagt, düsteren bis schrecklichen Vorkomnisse ein derart grosses Lesevergnügen bereitet. Kohlis Vokabular ist an sich schon bewundernswert, aber zur Geltung kommt es erst so richtig in der Präzision des Tons und der Eigenheit, mit denen die Figuren sprechend und denkend ihre Zugehörigkeit zu einem gewissen Typen und einer gewissen sozialen Schicht verraten.
Die Gefahr, die Figuren auf diese Typisierungen zu reduzieren, würde durchaus bestehen, aber Kohli umschifft diese gekonnt. Bisweilen laufen die Geschichten auf eine Pointe zu, wie bei Dirk, einer in Mexiko angesiedelten Geschichte, in der die Hauptfigur wegen eines eiternden Tattoos ins Grübeln kommt und nach dem ersten Streit mit der mexikanischen Freundin der Reise zu ihren Verwandten mit Bangen entgegensieht. Was es mit dieser Reise auf sich hat, entpuppt sich vielleicht eine Spur zu abrupt, aber es zwingt einen gleichsam, nochmals zurückzublättern und nach Indizien für das überraschende Ende zu fahnden.
Wie gesagt: zweimal lesen! Es lohnt sich. ♦

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos Verlag, 172 Seiten, ISBN 978-3-03925-008-0

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R. & S. Zürcher: Das Mädchen und die Spinne (Spielfilm)

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Trauerspiel im Dreivierteltakt

von Katka Räber

Die beiden Schweizer Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher haben mit „Das Mädchen und die Spinne“ einen eigenwilligen Film über jetzige Beziehungen gedreht. Der Film wurde an der Berlinale 2021 mit dem Preis für die beste Regie in der Sektion Encounters ausgezeichnet. Begründung der Jury: „Die beeindruckende Ausführung einer rigorosen Inszenierung, welche die Mehrdeutigkeit jeder Figur mit Anmut, Humor sowie Raffinesse unterstützt und letztlich die Komplexität menschlicher Beziehungen umfasst.“

Das Mädchen und die Spinne - Gebrüder Zürcher - Rezension Glarean MagazinWährend des Umzugs von Lisa, einer jungen Frau, aus einer WG und des Einzugs in ihre neue Wohnung, die sie nun alleine bewohnen will, entwickelt sich die Handlung, und auch die Charaktere der Protagonisten zeigen sich in verschiedenen Schattierungen. Die drei Aristotelischen Einheiten von Ort, Handlung und Zeit, hier an zwei Tagen, werden eingehalten. Bloss einige Erinnerungssequenzen ergänzen die Handlung. In jeder der beiden Wohnungen geht es sehr chaotisch zu, ich hätte da nicht dabeisein wollen. Ganz viele Helfer, Handwerker, Lisas Mutter, andere Hausbewohner und auch Kinder aus den beiden Wohnhäusern handeln und sprechen durcheinander, was es aber auch wiederum leichtfüssig macht – ein wenig im Stil von manchen älteren, stilisierten französischen Filmen.

Gefilmte Stillleben

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Obwohl das Beziehungsnetz der Figuren durch kleine Dialog-Episoden ausgeklügelt ist, habe ich mit keiner der Personen mitgefiebert. Sie blieben mir fern, fremd und nicht besonders sympathisch, auch wenn die jungen Menschen schön anzuschauen waren. Aber durch die stilisierte Verfremdung und Überhöhung der Gesprächsfetzen blieben alle auf Distanz. Auch untereinander, obwohl sie einst Freunde gewesen sein wollen. Dies war wohl die Aussage der möglichen Beziehungsmuster. Mir kam das vor, als hätte ich in einer Ausstellung interessante, schön gefilmte Stillleben angeschaut.

Das Mädchen und die Spinne - Gebrüder Zürcher - Szenen-Foto - Rezension Glarean Magazin
„Alle lächeln ständig, obwohl es nichts zu lachen gibt“: Szenen-Foto aus „Das Mädchen und die Spinne“

Die Figuren sollten sicher die Einsamkeit eines jeden Einzelnen zeigen. Jede und jeder wühlt scheinbar im eigenen Schlamm, macht vielleicht sogar Witzchen, alle lächeln ständig, obwohl es nichts zu lachen gibt. Wie in Tschechowschen Theaterstücken, nur halt in die Gegenwart versetzt, wo alle einsam und unglücklich sind – oder ein bisschen ratlos, obwohl sie vorgeben, einander geliebt zu haben. Wahrscheinlich war es das, was die Euphorie des Berlinale-Publikums hervorrief.

Lange Blicke rätselhafter Figuren

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Als ich aus dem Kinosaal kam, war ich schlecht gelaunt. Während dem Film habe ich mich sogar ein bisschen gelangweilt, was mir sehr selten passiert, da ich Beziehungsfilme liebe. Und lustig müssen sie auch nicht sein, aber ein wenig Humor sollte nicht fehlen. (Scheinbar gab es ihn ja, ich habe ihn aber nicht entdeckt). „Das Mädchen und die Spinne“ ist eher ein zeitgenössisches Trauerspiel im Dreivierteltakt – die Melodie eines bekannten Walzers begleitet einen durch den ganzen Film. Immerhin: Rhythmus hat der Streifen, und die langen Blicke der rätselhaften Figuren bleiben mir im Gedächtnis… ♦

Ramon Zürcher & Silvan Zürcher (Regie): Das Mädchen und die Spinne, Spielfilm, Deutschland 2021, mit Henriette Confurius, Liliane Amuat, Ursina Lardi u.a.

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Jazz: Rudi Berger featuring Toninho Horta (Audio-CD)

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Kongeniale Partnerschaft

von Horst-Dieter Radke

Die Geige ist im Jazz kein unbekanntes Instrument, aber man kommt doch mit wenigen Namen aus, wenn man herausragende Jazz-Violinisten erwähnen will. Joe Venuti und Stéphane Grappelli etwa im Swing, Jean Luc Ponty, Zbigniew Seifert im Modern Jazz, L. Shankar im World Jazz und Mark Feldman im freien Jazz beispielsweise. Und Rudi Berger natürlich, den man, wenn er irgendwo zugeordnete werden sollte, dem lateinamerikanischen Jazz zurechnen könnte. Mit dem Gitarristen Toninho Horta spielte er unlängst bei Gramola (Naxos) ein bemerkenswertes Album ein: „Rudi Berger featuring Toninho Horta“.

Als nach einem langen Intro der Gitarre die Violine einsetzt, meine ich Stéphane Grappelli zu hören. Diesen ganz besonderen Ton, dieses Vibrato, das nicht vordergründig wie ein Vibrato klingt, das Grappelli auch in schnellen Passagen zeigte, kann der Wiener Violinist Rudi Berger (*1954) auch. Dass er aber trotzdem einen ganz eigenen Ton hat, erfährt man noch im gleichen Stück „Waltz for Jeremy“, welches das Album eröffnet.

Rudi Berger ist ein Ausnahmegeiger im Jazz, so wie auch Grappelli einer war – zu seiner Zeit. Ihm zur Seite steht der Brasilianer Toninho Horta und das so souverän, dass man manchmal nicht genau weiß, wer dieses Album nun eigentlich konzipiert hat. Der musikalische Anteil ist ebenbürtig, beide sind mit Kompositionen auf dem Album vertreten, Horta hat sogar einen etwas größeren Anteil. Seine Solopassagen sind ausgeprägt, dass von einer einfachen Begleitung nicht gesprochen werden kann. Er singt dazu mit einer Stimme, die fast wie ein Instrument klingt.

Langjährige Zusammenarbeit

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Berger und Horta kennen sich schon länger. Sie haben bereits in den späten 1980er Jahren in New York miteinander gespielt und in Brasilien, wo Berger von 1998 bis 2001 lebte und arbeitete. Die Aufnahmen dieses Albums sind aus verschiedenen Aufnahmesession zusammengestellt. Die älteste Aufnahme – Gabriele, der sogenannte „Bonustrack“ – stammt aus dem Jahr 1988 und wurde in New York eingespielt. Ebenfalls in New York wurden 1997 weitere vier Titel aufgenommen. In Rio de Janeiro spielte man fünf Titel im Jahr 2000 ein. Die ersten acht Stücke sind neueren Datums und entstanden 2019 in Österreich.

Toninho Horta - Gitarrist - Glarean Magazin
Toninho Horta (*1948)

Natürlich hört man, dass Toninho Horta aus Brasilien kommt. Der Rhythmus und Duktus von Bossa Nova und Samba sind verinnerlicht und kommen immer wieder zur Geltung. Doch Horta kann mehr, spielt mehr, entlockt seiner Gitarre Sequenzen, die keineswegs nur auf diese lateinamerikanischen Stilrichtungen festzulegen sind. Sein harmonisches Verständnis ist phänomenal. Beim ersten Zuhören habe ich manchmal die Aufmerksamkeit für die Violine verloren, weil es so spannend war, der Gitarre und deren harmonischen Entwicklungen zu folgen.

Musik aus New York…

Den Übergang zu den älteren Aufnahmen bei Titel 9 („Ouverture“) merkt man sehr wohl. Er ist aber nicht so krass, dass das Album einen fragmentarischen Eindruck hinterlässt. Das Ensemble ist arg in den Hintergrund gemischt worden, und nur bei den Solopassagen werden das Klavier und die Gitarre dann und wann etwas stärker hervorgeholt.
In Bergers Komposition „Bossa for Toninho“ hält Berger sich mit seiner Geige stark zurück und fügt sich in das Ensemble ein. Horta überrascht bei diesem Stück mit einem Part auf der elektrischen Gitarre. Im folgenden „Profuda Emoção“ von Toninho Horta ist wieder diese Grappelli-Assoziation da.

Musiknoten - Rudi Berger - Beluschka - Autograph - Glarean Magazin
Allmählicher Spannungsaufbau über mehr als sechs Minuten hinweg: Autograph von Rudi Bergers „Beluschka“

Bergers „Beluschka“ beginnt zunächst so spannungslos wie eine beliebige New-Age-Komposition. Doch die Spannung baut sich im Laufe der sechseinhalbminütigen Komposition auf, und auch wieder ab, so dass es keineswegs ein langweiliges Hörvergnügen ist oder gar für Hintergrundmusik taugt. Es gibt zu viel, was darin passiert und die hörende Aufmerksamkeit anregt, etwa das Bassspiel von Victor Bailey.

… und Rio de Janeiro

Jazz-Geiger Rudi Berger an einer Live-Session in Wien - Glarean Magazin
Jazz-Geiger Rudi Berger an einer Live-Session in Wien

Ab Track 13 stammen die Aufnahmen aus Rio de Janeiro. Nun dominiert auch die Flöte. Das Spektrum der Musik weitet sich. Nach zwei typischen brasilianischen Nummern mit all dem Bossa-Swing, den sie aufbringen können, überrascht mit „Dona Olimpia“ von Toninho Horta eine gefühlvolle Ballade, die mehr romantische denn lateinamerikanische Anklänge zeigt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig die beiden Musiker sich Beschränkungen auferlegen. Nach einem lebhafteren Zwischenspiel „Autumn in Brooklyn“ beginnt dann das letzte offizielle Stück „Viver de Amor“ wieder verhalten und sentimental, wechselt aber schnell in einen stringenten Rhythmus, über dem sich Bergers Violine deutlich und modern abhebt.

Wehmütiges Ende

Der Bonus-Track aus dem Jahr 1988 zeigt Berger mit kleinem Ensemble und ohne Tonhino Horta. Das fällt auf. Er fehlt. Seine Gitarrenarbeit, die alle vorherigen Stücke nicht unwesentlich strukturiert und geprägt hat, wird vermisst. Einziger Trost ist, dass Bergers Violine noch da ist. Es kommt mächtig sentimental daher, fast möchte ich augenzwinkernd sagen: Es ist gehörig Schmalz drin – gut dass das Album damit zu Ende ist. Ich bin mir aber sicher, ich werde beim künftigen Hören nicht vorher abschalten.

Kurzum: Ein Album, das Spaß macht, das zum Zuhören anregt – und vor allem zum Wiederhören. Es gibt einen tollen Überblick über die Lebensleistung der beiden Musiker und hebt die Stimmung bei jedem Hören. Vor allem macht es neugierig auf einen Liveauftritt; ich hoffe, irgendwann in der Zeit nach Corona dazu noch einmal Gelegenheit zu haben. ♦

Berger (Violine) & Horta (Gitarre): Rudi Berger featuring Toninho Horta, Audio-CD, Label Gramola Records (Naxos), 1h-12min

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jazz-CD auch über Jacques Stotzem: Places we have been

Außerdem zum Thema Jazz im GLAREAN: Mathias Löffler – Rock & Jazz Harmony


Helmut Krausser: Glutnester (Gedichte)

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Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

von Stefan Walter

Helmut Krausser, Jahrgang 1964, ist Schriftsteller, Komponist und Schachspieler. Nach mehreren Romanen hat er nun wieder einen Gedichte-Band veröffentlicht mit dem Titel „Glutnester“.

Die Umschlaggestaltung der „Glutnester“ ist etwas melancholisch ausgefallen, aber gelungen. Noch zum Äußerlichen: Die Verlagswerbung auf den letzten Seiten finde ich persönlich bei einem Lyrikband etwas unangebracht, aber Verlag und Künstler wollen ja auch leben – dazu unten mehr.
Auf den über 100 Seiten finden sich etwa 90 Gedichte. Stilistisch geht es querbeet, mal mit Reim, mal ohne, mal mit regelmäßigem Metrum, mal ohne, mal mit Stropheneinteilung, mal – Sie ahnen es – ohne. Ein paar experimentelle Texte sind dabei, ein paar Sonette.

Querbeet durch die Stile und Zeiten

Inhaltlich setzt sich auf den ersten Blick diese Beliebigkeit fort. Da gibt es Albernes wie:
„Anfanghund / (…) Freundin sagt: Mach mehr Hund. / (…) Die Leute hassen Gedichte, doch sie / lieben Hunde, das hebt sich auf, / (…) Endehund.“
Oder Satirisches:
„O wie sie Ravioli macht, / (…) Grün-rot-gelb leuchtet ihr / Werk, und wie verdorben / müsste man sein, sich / diese exorbitante Kreation einzuverleiben (…) Ich fotografiere ihre / Ravioli, stelle sie auf / Facebook und Instagram / zur Schau (…)“.
Auch Banales wie:
„Mir fällt partout auf Reim kein / so zwingend geiler Reim ein (…)“
Oder Niveauloses wie:
„Dörte mi fa so lala, / schwörte mir Amore ma. / (…) Wann krichste wieda Lust, frag ichse, / weil ich seit April schon (…)“.

Helmut Krausser - Glarean Magazin
Helmut Krausser

Dazwischen finden sich jedoch die Texte, in denen Krausser glänzen kann:
„Unten macht der Plebs publik, / wieviel er heut gesoffen hat. / Oben schreib ich die Musik / der Zukunft auf ein Notenblatt. (…)“ ist eine hübsche Übertragung von Schillers „Bittschrift“.
Im titelgebenden „Glutnester suchen“ bezieht sich Krausser – sicher nicht zufällig – auf (Karl) Kraus, in Begrifflichkeit, Stil und Ironie:
„(…) bis / ich Feuer fange, brenne, / wieder Fackel bin und / zündeln kann.“

Von Adorno bis Krausser

Überhaupt, diese vielen Anspielungen des Intellektuellen Krausser. Schostakowitsch bewundert er, über Adorno und die Beatles macht er sich lustig. Auf den „Faust“ weist er hin, oder auf William Carlos Williams berühmtes „This is just to say“, auf die „Loreley“, das „Nibelungenlied“, Dantes „Inferno“, auf „Jesaja“, auf Artaud, auf Clint Eastwood und natürlich immer wieder auf Krausser.
Krausser schreibt Gedichte im Stil des Expressionismus, des Symbolismus, der Minnelyrik – und schafft es in allen Fällen konsequent, das Zitierte zu subvertieren.

Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

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Bleibt (als letzte große Gruppe von Gedichten) noch Kraussers Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein. In „Glückliche Künstler“ streiten die frisch bezahlten Titelhelden darum, wer die Rechnung im Restaurant übernehmen darf: „(…) der Kellner bringt / Pizza“.
In „Vor etwa 6’000 Jahren“ erzählt uns der Dichter von seinen Anfängen:
Er „(…) brachte / die Leute zum Lachen und / Weinen und bat am Ende um / ein wenig zu essen (…)“, während eine junge Literatin ihm erklärt:
„(…) sie schreibe für sich selbst / (…) Spannungslinien finde sie / ermüdend (…)“. Mit wenig Begeisterung stellt er dabei fest:
Sie „(…) lebt von Preisen und / Stipendien und lacht über / mich Knecht, der ich jeden Tag schufte (…)“.

Und in diesem Sinne passt das wilde Durcheinander dann doch wieder zusammen. Krausser bringt viel, um manchem etwas zu bringen. Er stellt den anspruchsvollen Leser mit Artaud zufrieden; den schnapsvollen mit derben Späßchen; die Freundin mit Hunden; und den Verleger mit Füllmaterial.
Wir sind also gut unterhalten, und der arme Poet kann seinen Magen füllen.♦

Helmut Krausser: Glutnester – Gedichte, 112 Seiten, Piper/Berlin Verlag, ISBN 978-3827013941

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Lyrik auch über Ines Oppitz: Hoffnung (Drei Gedichte)


Interview mit der Komponistin Kathrin Denner

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Kultur ist wichtiger denn je

Jakob Leiner im Gespräch mit der Komponistin Kathrin Denner

Die deutsche Komponistin Kathrin Denner (*1986) ist eine profilierte Vertreterin jener jüngeren Komponistinnen-Generation, die sich für die Verbreitung und Profilierung der zeitgenössischen Kunst-Musik auch auf politischer Ebene bemüht. Denner ist Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe, für die Belange ihrer Berufsgruppe setzt sie sich als Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbandes sowie als Delegierte der GEMA ein.
Im Interview mit dem GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner äußert sie sich über einige Aspekte ihres persönlichen Schaffens und über verschiedene Problemfelder der aktuellen Kunstmusik-„Szene“.

Glarean Magazin: Was sind eigentlich Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?

Kathrin Denner - Komponistin - Musik im GLAREAN MAGAZIN
„Ich stelle dem Stück Fragen, und es antwortet mir“: Komponistin Kathrin Denner

Kathrin Denner: Eine konkrete Erinnerung habe ich nicht. Mir ist aber sehr präsent, dass wir zuhause immer Bayern 4 Klassik gehört haben. Das ist eine wirklich schöne Erinnerung. Wir haben immer geraten, was wir da gerade hören. Damals wurden noch ganze Sinfonien gespielt und es gab wenig „easy listening“-Sendungen mit kurzen Ausschnitten. So lernte ich sehr viel klassische Musik und ihre Stilistiken kennen.

In Saarbrücken studierten Sie zuerst Trompete und Musiktheorie. Gab es einen Schlüsselmoment, der die Begeisterung für die Zeitgenössische Musik und das Komponieren weckte?

Ich muss vorwegnehmen, dass ich zeitgenössische Musik durch meinen klassisch geprägten Hintergrund immer furchtbar fand. Mein Herz ging auf bei Mahler, Bruckner und Beethoven. Die Zeitgenössische Musik habe ich nicht verstanden. Diese hatte für mich überhaupt keinen Sinn ergeben. Es war nicht nur so, dass ich sie nicht mochte, ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.

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Dann hat mir glücklicherweise ein Bekannter die Augen geöffnet, der mir das Ligeti-Requiem vorgespielt hat. In einem dunklen Raum mit Surround-Lautsprechern. Das war phänomenal. Ich habe erkannt, dass der Bruch zwischen der späten Romantik und Ligeti nicht so groß war. Innerhalb kürzester Zeit habe ich dann alles Zeitgenössische in mich aufgesogen und versucht, alles ganz schnell kennenzulernen. Ligeti ist mir bis heute wichtig, aber es gibt nun natürlich noch andere KomponistInnen, die mich inspirieren und die ich sehr mag und schätze.

Was macht für Sie den Reiz und die Faszination am Komponieren aus?

Ich mache einfach wahnsinnig gerne Musik. Und es ist doch toll, wenn man noch mehr gestaltet als das, was schon in Noten geschrieben steht: Wenn man selbst kreiert.

Gibt es eine grundsätzliche Herangehensweise für die Arbeit an einem Stück?

Meistens mache ich mir sehr lange Gedanken darüber, was ich eigentlich für das Stück möchte. Und dabei scheint es immer so, als würde ich nichts komponieren. Der Prozess geht also schon lange vorher nur im Kopf los. Ich stelle dem Stück Fragen: Obwohl es noch nicht in Noten existiert, antwortet es mir. Das habe ich von meinem Lehrer Johannes Schöllhorn gelernt.

Kathrin Denner - Komposition Autograph - Interview im Glarean Magazin
Autographisches Zitat aus „Nyberga Eleven“ für Trompete und Klavier von Kathrin Denner

Ich schreibe vor dem eigentlichen Notieren sehr viel auf. Meist in Worten und mit der Hand. Ich nehme mein Kompositionsbuch nicht immer, aber oft mit nach draußen, setze mich irgendwo hin und befrage mein Stück. Grundsätzliche Fragen nach Dauer, Besetzung, etc., aber auch Spezifischeres: Wie verhält sich das eine Instrument zum anderen? Wenn ich weiß, was ich will, geht der Rest verhältnismäßig schnell.

Kommen Kompositionsblockaden vor und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ja, leider. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, zu komponieren. Früher habe ich die Stücke nur so „rausgehauen“. Jetzt muss ich immer richtig arbeiten, bis etwas entsteht. Eine wirkliche Methode, die Blockaden zu überwinden, habe ich nicht. Meistens hilft es, wenn ich einen Auftrag habe und die Zeit drängt.

Hat sich Ihr Anspruch an (eigene) Musik in den letzten Jahren verändert?

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Ja, ich bin wesentlich kritischer mit mir und meiner eigenen Musik geworden. Wahrscheinlich geht das Komponieren deshalb nicht mehr so einfach von der Hand. Ob sich das positiv auf meine Stücke auswirkt, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe es natürlich. An Musik generell ist der Anspruch vielleicht insofern gestiegen, als dass ich gute Aufnahmen und Aufführungen bevorzuge. Aber ich schätze immer die Leistungen, Begabungen und das Können anderer und kann auch über „Fehler“ hinweghören, wenn mit Freude und Leidenschaft musiziert wird.

Werke von Komponistinnen sind in den Programmheften der deutschsprachigen Kulturlandschaft noch immer unterrepräsentiert. Zufall oder System?

Leider sind Komponisten in den Programmen noch deutlich in der Mehrheit. Obwohl die Frauen auf den Podien der zeitgenössischen Musik zunehmend sichtbarer werden. Während meiner Studienzeit gab es eigentlich immer relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnisse. Trotzdem können wir noch nicht wirklich von einer Chancengleichheit sprechen. Aufträge bekommen leider immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen. Die einflussreichen Stellen sind von Männern besetzt. Ich kann mir vorstellen, dass diese un- bzw. unterbewusst dann wiederum das männliche Geschlecht bevorzugen.

Gender-Diskussion in Musik und Tanz - Glarean Magazin
„Kompositionsaufträge bekommen immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen“: Anhaltende Gender-Diskussion in der Musik

Noch gibt es Handlungsbedarf für mehr Gendergerechtigkeit. Glücklicherweise ist dieses Thema mittlerweile in den Köpfen angekommen, und es gibt vermehrt Festivals, Kurse und Podien, die sich intensiv mit Genderfragen auseinandersetzen.

Sie sind auch kulturpolitisch aktiv und setzen sich für die Belange Ihrer Berufsgruppe ein. Wie sieht diese Arbeit aktuell aus?

Im Moment bin ich im Vorstand des Deutschen KomponistInnenverbands (DKV) sowie als Delegierte der außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder der GEMA und im GEMA-Wertungsausschuss tätig.
Der DKV ist ein Zusammenschluss von Komponistinnen und Komponisten aller Genres und Stilrichtungen, die der solidarische Gedanke einer Interessenvertretung für alle musikalisch Kreativen eint. Wir setzen uns für die Belange der Kreativen in verschiedenen Bereichen ein – im Moment natürlich u.a. auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Wir engagieren uns auf nationaler und internationaler Ebene zum Beispiel im Aufsichtsrat und anderen Gremien bei der GEMA, dem Kulturrat, dem Deutschen Musikrat, der Künstlersozialkasse, der Initiative Urheberrecht und der ECSA mittels unserer zuständigen Delegierten.

Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich) - Glarean Magazin
Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich)

Die GEMA – Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte – ist eine Verwertungsgesellschaft für Komponisten, Texter und Musikverleger. Zu ihren Aufgaben zählt es, die Nutzungsrechte ihrer Mitglieder zu verwalten und eine entsprechende Vergütung zu gewährleisten. Stellvertretend für den Urheber sorgt die GEMA durch das Urheberrecht für den Schutz der Werke. Seit nunmehr drei Jahren bin ich Delegierte der angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder.

Eigentlich glaube ich immer, die Falsche für diese Art von Job zu sein, aber irgendjemand muss es eben machen. Ich versuche, mich so gut wie möglich für meine komponierenden KollegInnen einzusetzen. Es muss engagierte Menschen geben, die die Interessen der – in meinem Fall – Musikschaffenden vertreten. Besonders in der heutigen Zeit, in der möglichst viel möglichst kostenlos sein soll. Es gibt viele andere Bereiche, in denen ich gerne noch aktiver wäre, aber die Zeit ist begrenzt, und so habe ich mir mein Feld gesucht, in dem ich mein Wissen einbringen und als kleines Zahnrädchen mitgestalten kann.

Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Menschen für das Gemeinwohl einsetzen und nicht immer nur darauf vertraut wird, dass da schon irgendwer ist, der alles regelt. Jeder Mensch hat eine Begabung, die für einen bestimmten Bereich hilfreich wäre. Es würde mich freuen, wenn diese Talente nicht ungenutzt blieben.

Das Streitwort der Kulturszene im Jahr 2020 lautete „systemrelevant“. Gibt es ein Wort, das Sie passender fänden?

Überrumpelt von der ganzen Corona-Zeit habe ich mich aus den Debatten über die Systemrelevanz tatsächlich zum größten Teil herausgehalten. Ein besseres Wort fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Unsere kulturelle Vielfalt ist einzigartig, aber wir haben eine schwache Position – keine starke Lobby. Vielleicht zeugt der Ausschluss der Kultur von Ignoranz, aber die Pandemie ist für alle neu und die Politik trifft die Entscheidungen sicherlich nicht leichtfertig, auch wenn sich einige Entscheidungen anschließend als falsch herausstellen werden oder schon herausgestellt haben.

Leerer Musik-Konzertsaal in Corona-Zeiten - Glarean Magazin
Wegen Pandemie geschlossen: Leerer Konzertsaal und de facto Berufsverbot für Musiker

Dass die Kultur keine marginale Rolle innehat, ist jetzt, nach über einem Jahr der Pandemie, denke ich, allen bewusst geworden. Ich hoffe, dass wir möglichst schnell zu einer gewissen Normalität zurückkehren können. Noch sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels, aber ich vertraue auf seine Existenz.

Wie hat Ihre kompositorische Arbeit auf das zurückliegende Corona-Jahr reagiert?

Eigentlich hätte ich (viel) Zeit gehabt, viel zu arbeiten. Und meine Arbeit findet ja sowieso meist allein statt. Aber ich habe mich der Ohnmacht voll hingegeben. Im Grunde habe ich meine Zeit verschwendet mit Inhaltslosigkeit. Mit Netflix und Handygames. Ich hatte eine einzige Aufführung – statt des geplanten großen Orchesterstücks mit über 80 Aufführenden, wurde ein Stück für ein Soloinstrument gespielt. Alle anderen Konzerte wurden abgesagt. Frustration ist hier das richtige Wort.

Musik und Corona - Rückzug ins Innenleben - Glarean Magazin
Musik in Zeiten von Corona und Aufführungsverboten: Rückzug ins „Innen, ins Bei-sich-sein“

Aber ewig kann man sich nicht hängen lassen, es muss weitergehen. Glücklicherweise haben mich ein paar Aufträge wieder motivieren können. Dabei war auch ein Auftrag des Bundesjugendchores, welcher sich thematisch im weitesten Sinne mit der Pandemie beschäftigt. Mit dem „Innen“ – also dem Innen im Geiste, aber auch dem Innen in den eigenen vier Wänden, mit diesem Bei-sich-sein. Ich beschäftigte mich mit unterschiedlichen sozialen Beziehungen (hier schwingt auch das „-Innen“ als Genderform mit), Verhältnissen und Interaktionen. Auch zwei weitere Kompositionen haben sich direkt auf die Corona-Ohnmacht bezogen.

Wie eng liegen Angst und Hoffnung beieinander?

Sehr eng. Manchmal ist die Hoffnung dominierend, manchmal beherrscht mich die Angst.

Gibt es ein spezielles Stück, das Ihnen schon längere Zeit vorschwebt?

Ich arbeite schon seit einiger Zeit an meinem Stück „Agnesma“ für Trompete und Orchester. Ich schreibe es für den wahnsinnig tollen Trompeter Simon Höfele. Aber es kommt immer wieder etwas dazwischen, und so ist der Kompositionsprozess durchlöchert. Es ist kein Auftrag, sondern intrinsisch motiviert. Ich freue mich aufs Weiterschreiben, wenn ich dann mal wieder Zeit habe.

Wie wird sich  eigentlich die Musik der Zukunft anhören?

Oh, das weiß ich nicht. Aber ich wäre gerne eine Zeitreisende, die in der Zukunft vorbeischauen kann… Etwas zu erfinden, was es noch nicht gibt, ist sehr schwer. Es gibt immer Entwicklungsprozesse, die sich auf Bekanntes beziehen.
Einen oder sogar mehrere Schritte zu überspringen, dazu wären wir vielleicht gern in der Lage, aber ich glaube, das ist nicht möglich. Wir sind Kinder unserer Zeit. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit dem Schweizer Komponisten Fabian Müller: Neue Musik?

Außerdem zum Thema: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik (Ursula Petrik)


Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt (Prosa)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Humor und unzähmbare Lebenslust

von Alexandra Lavizzari

Sechs Romane des hochgelobten kolumbianischen Autors Tomás González (1950 in Medellín geboren) liegen bereits in deutscher Übersetzung vor; nun gibt der Verlag Edition 8 eine Sammlung von Erzählungen heraus, die drei Bänden aus den Jahren 1993, 2012 und 2016 entnommen sind und mit drei weiteren Erzählungen ergänzt wurden. Unter der Betreuung von Peter Schultze-Kraft haben sein Bruder Rainer, seine Tochter Ophelia, Gert Loschütz, Peter Stamm und Jan Weiz jeweils im Zweigespann an deren Übertragung aus dem Spanischen gearbeitet.

Der Klappentext geizt nicht mit Superlativen und weckt hohe Erwartungen, wenn gewisse Szenen in der einleitenden Erzählung eines Samuel Beckett für würdig befunden werden und andernorts Tschechow zum Vergleich herangezogen wird. Das klingt vielversprechend, sagt man sich, öffnet den sehr schön gestalteten Band und vertieft sich noch so gerne in die erste Erzählung „Ein unwahrscheinliches Grün“.

Boris…

Man kann sich nach einer Weile fragen, ob es fünfzig Seiten bedarf, um die psychiche und soziale Abwärtsspirale zu beschreiben, die den Maler Boris nach einem nicht näher erläuterten Todesfall in einen obdachlosen Alkoholiker verwandelt. Wohin die Geschichte steuert, steht nämlich nach wenigen Seiten fest: Boris schlittert und schlittert, wobei der Autor seinen Lesern die Einsicht in dessen Gefühlswelt verweigert und sich stattdessen, einem unbeteiligten Chronisten gleich, auf die minutiöse Protokollierung dieses Abstiegs beschränkt. Immerhin wird die Konsequenz des distanzierten Blicks hin und wieder durchbrochen und darf der Leser mitbekommen, was Boris empfindet.

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt - Erzählungen, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5Solche Passagen sind jedoch Ausnahmen in González‘ ästhetischem Programm, denn dem Autor geht es hier um mehr als um die Aufzeichnung eines individuellen Schicksals. Sein Thema ist Ohnmacht und Scheitern des Menschen auf existenzieller Skala, und dazu gehört auch, ganz im Beckettschen Sinn, das reine Aufzählen von Bewegungsabläufen, die unaufhaltsam auf den Nullpunkt zusteuern.
Der Leser sieht diesen für Boris am Horizont aufblitzen, aber González, der sich als ein wahrer Meister im Enden seiner Geschichten erweist, bricht vorher ab. Boris legt sich einfach schlafen, und wir wissen: es geht noch ein Stückchen weiter abwärts, und noch ein Stückchen, und das einzige, was dem Gescheiterten bleibt, ist, mit Würde hinzunehmen, dass dem so ist.

Carola…

González lässt uns in diesem Band am Leben verschiedenster Menschen teilhaben: Scheiternde wie Boris sind auch Carola in „Carola Dicksons unendliche Reise“, und der Ich-Erzähler in Víctor kehrt zurück. Erstere ist Lehrerin in Brooklyn und setzt sich in den Kopf, nach ihrer Pensionierung die Welt zu umseglen, um den Menschen zu helfen. Sie kauft sich schon Jahre vor ihrem Vorhaben ein Boot, lernt segeln, kauft Kompass und Sextanten und fühlt sich an Bord bald geborgener als im eigenen Zuhause.

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Die Sturheit, mit welcher diese Frau ihr Ziel vorbereitet, verleiht ihr von Anfang an eine rührende Tragik, und tatsächlich kommt es, wie es bei einem solch verrückten Unterfangen eben kommen muss. Carola gerät in einen Sturm und erleidet Schiffbruch. Den Menschen ist nicht zu helfen – und Carola auch nicht. Der Text lässt offen, ob sie nach diesem Debakel nicht einen zweiten Versuch starten wird.

Víctor…

Víctors Geschichte reiht sich thematisch nahtlos an jene von Boris, Carola und manch anderer Figur in diesem Band, doch zeichnet sie eine besonders originelle Erzähltechnik aus, die dem erzählten Tatbestand Vielschichtigkeit verleiht. Víctor kehrt zurück nach New Orleans, dem Ort, an dem er vor zwölf Jahren mit Frau und Tochter gelebt hat. Während der Reise erinnert er sich an die Umstände seines Weggangs, an den in extremis verhinderten Gewaltakt an seiner Frau, die darauf die Türschlösser auswechselte und ihn schließlich festnehmen ließ, weil er sie nicht in Ruhe ließ. „Warum will man zurück, wenn man nicht kann, dachte ich.“

Tomás González - Schriftsteller - Glarean Magazin
Tomás González (*1950)

Diese Rückreise, in einer Art Bewusstseinsstrom erzählt, oszillierend zwischen kühl beobachteter Gegenwart und emotionsgeladener Vergangenheit, gehört zu den besten Erzählungen des Bandes. Die Grenzen zwischen Innen- und Aussenwelt greifen immer wieder ineinander über, bald überwiegen die Erinnerungen – „stinkend wie ein toter Hund im Mangrovensumpf zur Mittagszeit“ – bald die Wahrnehmung des vertrauten Meerstrandes mit seinen Muscheln und zu Smaragden geschliffenen Flaschenscherben, und geschickt dieser Zone zwischen Damals und Jetzt entlang lässt uns der Autor an dieser eindrücklichen Reise teilhaben.

Don Rafael…

Ähnlich konstruiert der Autor die Reise an die Küste, die den an Alzheimer erkrankten Don Rafael in den Mittelpunkt seiner Familie stellt. Diese schenkt ihm einmal im Jahr die Illusion, mit dem Expreso del Sol an die Küste zu fahren, indem sie die Wohnung in einen Eisenbahnwagen und Wartesaal verwandeln. Die Bahnreise führt durch die üppige Tropenlandschaft Kolumbiens, an verlassenen Bahnhöfen und Bananenpflanzungen vorbei, Leute steigen zu, Verkäuferinnen halten Tamales und Anananascheiben feil, und das alles erleben wir durch die Augen des kranken, aber glücklich zu Hause sitzenden Rafaels und gleichzeitig aus der Sicht der Familienmitglieder, die ihm diese Fahrt mit den ausgefallendsten Mitteln vorgaukeln. Die Geschichte, die übrigens auch als Hörspiel vorliegt, ist klar dem magischen Realismus Gabriel Márquez‘ verpflichtet und vom Autor auch als Hommage ihm zugedacht.

Sprachlicher Ballast und…

Peter Stamm - Glarean Magazin
González-Übersetzer Peter Stamm

Vergleiche mit Márquez und vor allem mit Beckett sind jedoch fehl am Platz, wenn es um die Sprache geht. Peter Stamm lobt González‘ Stil, bezeichnet ihn als „sehr trocken, aber zugleich sehr atmosphärisch.“ Spräche er von seinem eigenen Stil, würde ich mit ihm sofort einig gehen. Aber González ist nicht Peter Stamm, er verzichtet darauf, seine Sprache zu entschlacken, besonders von Adjektiven, deren Häufung oft zu klischierten Beschreibungen von Figuren und Situationen führen: „Der Frau, die ihm das Zimmer vermietete – eine phlegmatische Blondine mit einem naiven, unpersönlichen Auftreten, billigem Schmuck und zerkauten Fingernägeln – …“

… redundante Informationen

Beispiele für redundante Informationen finden sich in allen dreizehn Erzählungen leider zuhauf. Dass die Blondine dem Klischee einer Blondine so genau entsprechen muss, mag man durchlassen, aber dass man, wie in der Erzählung Die Heimkehr der verlorenen Tante zusammen mit recht einfach typisierenden Merkmalen sogar die Augenfarbe des Chauffeurs einer andern Tante erfahren muss, ist nicht einzusehen.

Ungemütlicher literarischer Widerspruch

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Der sprachliche Beschreibungsballast tut nicht nur dem Erzählfluss Abbruch, sondern schafft auch einen ungemütlichen literarischen Widerspruch: Einerseits ist die Identifikation mit den Figuren verweigert, weil dem Leser deren Innenleben vorenthalten wird, und andererseits will der Autor uns über jede noch so sekundäre Figur Details mitgeben, die für die Geschichte vollkommen irrelevant sind. Das ist schade.

Themen des Scheitern dominieren diesen Band, aber weil González‘ seine Figuren auch mit einer Prise Humor und unzähmbarer Lebenslust ausstattet, bleibt nach Ende der Lektüre nicht das Dunkle und Hoffnungslose haften, sondern eine große Farbenpracht und, ja, eine ebenso große Lust, nach Kolumbien aufzubrechen, um Land und Leute kennenzulernen ♦

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt – Erzählungen, 240 Seiten, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kolumbianische Literatur auch über Mauricio Botero: Don Ottos Klassikkabinett


 

Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (Band 1-3)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Referenzwerk für alle Leistungsklassen

von Thomas Binder

Mit dem Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer legen Großmeister Luther und seine Co-Autoren ein mehrbändiges Standardwerk für Schachtrainer jeden Leistungsniveaus vor. Neben der Erläuterung rein schachlicher Themen – immer mit dem Schwerpunkt auf deren Vermittlung im Training – stehen trainingstheoretische und allgemein schachliche Beiträge, die das Wissen des Trainers abrunden. Das Werk ist bereits jetzt umfassend, aber lässt die Tür für eine Fortsetzung offen.

Thomas Luther ist ein deutscher Schachgroßmeister, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu den besten Spielern seines Landes gehörte. Er war dreimal deutscher Einzelmeister (zuletzt 2006) und spielte bei fünf Schacholympiaden (darunter einmal für die internationale Auswahl der Körperbehinderten). Inzwischen ist er nur noch gelegentlich am Turnierbrett anzutreffen, arbeitet vornehmlich als Trainer und vertritt zudem die Interessen behinderter Schachfreunde beim Weltverband FIDE.
Als Trainer geht Luther weit über das reine Training – zu seinen Schützlingen gehörte u.a. die spätere Weltklassespielerin Elisabeth Pähtz – hinaus und widmet sich der Ausbildung von Trainern sowie den theoretischen Grundlagen des Schachtrainings.

850 Seiten geballtes Wissen

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (3 Bände)Im Dresdner JugendSchach-Verlag hat Thomas Luther nun unter Mitarbeit einer Reihe weiterer namhafter Schachtrainer das dreibändige „Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer“ vorgelegt. Das sind über 850 Seiten geballtes Wissen und Material für Trainer jeder Leistungs- und Erfahrungsstufe – ein Standardwerk im besten Sinne, das das Zeug hat noch für Generationen von Schachausbildern gute Dienste zu leisten.
Band 1 und 2 bauen inhaltlich aufeinander auf und Band 3 ist als „Materialband“ betitelt. Er enthält ein weiteres Füllhorn an Aufgaben und einige ausführliche Texte, auf die in den vorherigen Kapiteln verwiesen wurde.

Auch für Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke

Thomas Luther am Schachbrett - Glarean Magazin
Schrieb ein „beispielloses“ Kompendium „von unschätzbarem Wert“: Großmeister Thomas Luther (*1969 in Erfurt)

Der Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke kann das Werk quasi als Trainer-Lehrbuch durcharbeiten, wird aber wohl von der Fülle des Materials erschlagen sein. Ohne einen erfahrenen Mentor wird er auch mit der besten Lektüre nicht vorankommen. Bereits aktive Trainer, die möglichst auch eigene praktische Erfahrung als Spieler mitbringen – egal auf welchem Liganiveau – finden ein Kompendium an Ratschlägen und Materialien von unschätzbarem Wert. Selbst sehr erfahrene und spielstarke Trainer werden es zu schätzen wissen, hier ihre Materialsammlung zu ergänzen und manch interessante Hintergrundinformation erhalten, die ihnen bisher entgangen war.
Im Großen und Ganzen kann man den Inhalt in drei Komplexe einteilen, die sich kapitelweise verschränken, so dass der Leser insgesamt vom Elementaren zum Komplizierteren geführt wird.

Klassisches Schachlehrbuch für Trainer

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_07
Die Formen des Schachunterrichts mal theoretisch…

Da sind zum einen die Abschnitte, die sich zu einem nahezu klassischen Schachlehrbuch zusammenstellen ließen. Der Adressat ist aber auch hier bereits der Trainer. Alles wird unter dem Gesichtspunkt der Vermittlung an den Lernenden dargestellt. Nach Grundübungen zu den Spielregeln und den Besonderheiten der Figuren folgen weiterführende Schachlektionen. Diese unterteilen sich in die Abschnitte „Eröffnung“, „Taktik I“, „Endspiel I“ (Bauernendspiele), „Strategie“, „Taktik II“ und „Endspiel II“ (Turmendspiele). Bei den Eröffnungen bleibt Luther erwartungsgemäß knapp. Es geht hier nur sehr begrenzt um konkrete Varianten, mehr um die Grundprinzipien, die der Trainer seinem Schüler vermitteln muss. Im Endspiel konzentriert sich der Autor mit Bauern- und Turmendspielen auf diejenigen Typen, die in der Praxis besonders wichtig sind.

Vom „Gummiband-Motiv“ bis zum Turnier-Wertungssystem

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_08
… und mal praktisch (Leseproben aus Luther: Handbuch für den Schachtrainer, Bd.1)

Auch hier habe ich kaum ein wichtiges Thema vermisst. Sehr gut gelungen sind die Kapitel zu Taktik und Strategie. Im Taktik-Apparat werden erwartungsgemäß die wichtigsten Kombinationsmotive vorgestellt. Sie sind mit anschaulichen Beispielen illustriert und mit Liebe zum Detail aufbereitet. Das „Gummiband-Motiv“ hat man z.B. schon oft gesehen, aber bisher nicht unter diesem Namen gekannt. Die Strategie-Themen sind erfreulich ausführlich, wobei der Schwerpunkt auf der Bauernstruktur liegt. Auch hier erleichtern die Partiebeispiele das Verständnis enorm.
Nicht vergessen werden auch jene Schachtrainer, die wegen geringer Erfahrung im Turnierschach noch ein paar Erläuterungen zu Turnier- und Wertungssystemen benötigen. Der Anhang von Band 1 ist für sie geschrieben.
Alle bereits bei der inhaltlichen Besprechung mit prägnanten Beispielen erläuterten Themen werden jeweils durch umfangreiche Teststellungen und Arbeitsblätter (sowohl im Haupt- wie im Materialband) ergänzt.

Pionierarbeit in Sachen Trainingsmethodik

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Ein zweiter Komplex sind Kapitel zur Trainingsmethodik. Dass es darüber in dieser Ausführlichkeit und Detailschärfe praktisch keine vergleichbare Literatur gibt, hätte den Wert der vorliegenden Arbeit schon allein begründet. Der große Erfahrungsschatz der Autoren tut ein Übriges. Es wimmelt nur so von praktischen Ratschlägen, liebevoll bis ins Detail ausgearbeitet – von der richtigen Position des Trainers vor dem Demobrett bis zu den Besonderheiten des Trainings für Spät- oder Wiedereinsteiger. Zudem werden einzelne Trainingsansätze vorgestellt, von denen auch manch erfahrener Schachcoach wohl noch nichts gehört hat. Vieles wird dabei im Zusammenhang mit den inhaltlichen Themen vermittelt, ein weiterführendes Kapitel über Schachtraining und ein Ausblick auf das Hochleistungstraining schließen den zweiten Band ab.

Schachmedizinische und -psychologische Elemente berücksichtigt

Schließlich gibt es einen Komplex von Beiträgen zur Wissensvermittlung, die über das Kerngeschäft des Schachtrainers hinausgehen, dessen Schachwissen aber abrunden sollen. So gibt es in jedem der beiden Hauptbände je ein Kapitel zur Schachgeschichte und zur Schachpsychologie, außerdem einen umfassenden Abschnitt über das schachtypische Talent und seine Messung sowie u.a. über „Wunderkinder“ und Beiträge über medizinische Aspekte (u.a. Doping).

Tadelloses Buch-Outfit

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1-3 - Strategie - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Strategische Lehrbeispiele, hier: Der „Minoritätsangriff“

Dem hohen Aufwand, den die Autoren in ihr Werk gesteckt haben, trägt auch die äußere Aufmachung Rechnung. Alles ist tadellos layoutet und angenehm lesbar, selbst in den weniger bebilderten Abschnitten. Schreibfehler halten sich in einem so kleinen Rahmen, dass sie den Wert der Bücher in keiner Weise trüben.
Dem Aufbau aus abgeschlossenen Abschnitten verschiedener Autoren ist es geschuldet, dass manches nicht ganz konsistent über den Tisch kommt. Im Kapitel über das Remis wird z.B. die 50-Züge-Regel verschwiegen und die Stellungswiederholung nur als Zugwiederholung behandelt. Andererseits wird das Dauerschach vorgestellt – wir sind hier eben nicht in der Regelkunde, sondern in praktischen Überlegungen zur Punkteteilung.
Etwas knapp kommen dabei „technische Remisstellungen“ weg, wenn z.B. nur erwähnt (aber nicht erklärt) wird, dass die Dame gegen einen Läuferbauern auf der vorletzten Reihe nicht gewinnen kann – ganz abgesehen davon, dass dies auch für den Randbauern gilt. Die konsistente Darstellung der Remisformen findet sich später im Materialband in einem Kapitel über praxisrelevante Regelfragen.

Kontroverse Meinungen zu einigen Themen

Die Autoren scheuen sich auch nicht, zu einigen Themen kontroverse Meinungen zu vertreten. Das ist sogar eine Stärke des Buches. Man hat immer den Eindruck, von Luther und seinen Kollegen direkt angesprochen zu werden – ihre persönliche Sicht und Erfahrung teilen zu dürfen. Dennoch wird man ihnen nicht an allen Punkten zustimmen. Unangenehm ist mir z.B. der despektierliche Umgang mit der Geschichte eines deutschen „Wunderkindes“ aus den 1960er-Jahren aufgefallen.

Wunsch: Ein weiterer Band zu neuen Detail-Fragen

Schach-Simultan - Weltmeister Garry Kasparow gegen U-18 Jugendliche - Finnland 20213 - Glarean Magazin
Praktische Schach-Lektionen vom Ex-Weltmeister: Garry Kasparow an einer Simultan-Vorstellung gegen U18-Jugendliche in Helsinki

Nun kann man ein noch so umfangreiches Trainerlehrbuch schreiben, es wird immer Wünsche geben, die offen bleiben. Was die rein schachlichen Inhalte des Werkes betrifft, haben die Autoren sich offenbar auf einen Level an Tiefe und Komplexität geeinigt, den sie nicht überschreiten wollten. Das ist verständlich und es ist ihnen gut gelungen. Über alle Themen halten sie diese Vorgabe sehr konsequent ein, sorgen somit dafür, dass das Gesamtwerk an Umfang und Anspruch genau die Erwartungen erfüllt. Der Weg, hier und da noch weiter ins Detail zu gehen oder neue Themen aufzugreifen, ist ja nicht verbaut – ein weiterer Band wäre vorstellbar, Stoff dafür sicher mehr als genug vorhanden. Vielleicht darf dies hiermit sogar als Wunsch formuliert sein!?

Digitalzeitalter zu kurz gekommen

Wenn wir bei den Wünschen sind – was fehlt mir noch? Zunächst könnte der Verlag an zwei Stellen für etwas mehr Übersichtlichkeit sorgen: In der Kopfzeile jeder Seite stehen neben der Seitenzahl nur der verkürzte Buchtitel und der Name des Autors. Hilfreich wäre es, hier jeweils das aktuelle Kapitel zu notieren, gern auch den jeweiligen Unterabschnitt. Außerdem würde ich mir ein Sachregister (meinetwegen auch ein Namensregister der zitierten Meisterpartien) wünschen. Dem Aufbau des Werkes ist es geschuldet, dass sich Themen überschneiden und später wieder aufgegriffen werden, da wäre ein Register hilfreich.

Online-Schach-Unterricht - Glarean Magazin
Das Digitalzeitalter zuwenig berücksichtigt: Online-Schachunterricht via Internet

Inhaltlich wünsche ich mir ein verstärktes Eingehen auf die Erscheinungsformen des Digitalzeitalters. Überspitzt formuliert: Das vorliegende Werk hätte so auch schon vor 30 Jahren geschrieben werden können. Ausführliche Abschnitte über Training und Analyse mit Computer-Unterstützung, über digitale Trainingsmedien – seien es professionelle Produkte oder frei verfügbare Internet-Videos – und schließlich natürlich über das Schachspielen auf Online-Servern mit all seinen Facetten sollten unbedingt Berücksichtigung finden. Das sind Fragen, mit denen man selbst beim Training jüngerer Schüler frühzeitig konfrontiert wird.
Vielleicht können die Autoren aus ihrer reichen Erfahrung auch noch mehr konkrete Tipps für die Organisation kleiner Turniere und praktische Ratschläge für das Verhalten bei Schachturnieren (für Spieler wie Trainer!) einfügen. Das wäre wiederum Stoff für ein ganzes Kapitel.
Dem Potential dieses neuen Standardwerkes ist mit solchen Ergänzungswünschen kein Zweifel angetan. Schon jetzt liegt ein beispielloses Werk vor, aus dem Schachtrainer unendliche Anregungen und noch mehr anwendungsbereite Beispiele schöpfen können. ♦

Thomas Luther u.a: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer, Bände 1-3, je 288 Seiten, JugendSchach Verlag Dresden

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Training auch über Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen


Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten (CD – Tobias Koch)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Eine neue Dimension

von Christian Busch

So mancher Bewunderer von Schuberts letzten Sonaten wird sich beim Anhören verschiedener Aufnahmen mal gefragt haben: Wie langsam kann, ja darf man das spielen? Mit welchem Tempo kommt man dem wahrhaftigen Schubert am nächsten, so dass die Zeit gesprengt wird und stillsteht?
Der Düsseldorfer Konzertpianist Tobias Koch hat sich nun – unter dem Motto „Zukunftsmusik“ – Schuberts letzten drei Klaviersonaten gewidmet und sie – originalgetreu auf dem Hammerflügel von Conrad Graf (Wien, 1835) aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum für das Innsbrucker Label Musikmuseum – neu aufgenommen.

Immer sind da diese Schritte. Die sich mühsam einen Weg durch die verschneite Winterlandschaft bahnenden Schritte des einsamen Wanderers. Missmut, Verzweiflung und tiefe Traurigkeit klingen an, ein Innehalten, ein hoffnungsvolles-, ja wehmütiges Erinnern, doch dann kehrt die schöne, aber resignativ-dumpfe Anfangsmelodie zurück. Der Kreis schließt sich. Ein schicksalhafter, auswegloser Gang, eine Flucht gar ohne Ziel? Wie tief kann sich ein Mensch in sich zurückziehen? An manchen Stellen stockt die Musik, einem Herzstillstand gleich. Ist das der Tod?

Suche nach dem wahren Schubert-Sound

Franz Schubert: Zukunftsmusik - Die letzten drei Klaviersonaten - Tobias Koch - Musik MuseumFragen, die beim Hören von Franz Schuberts letzter, geheimnisumwobener und einzigartiger Klaviersonate in B-Dur D 960 aufkommen. Das Werk eines 31-jährigen und doch eines seiner letzten. Schubert starb nur wenige Wochen nach der Vollendung. Ein tonales Vermächtnis eines Komponisten, der kurz zuvor am Grabe Beethovens gestanden hatte und mit dessen drei letzten Klaviersonaten ein ungeheures Erbe antrat, das zu ignorieren noch schwerer als es zu übertreffen war. Musikgeschichtlich der bedeutende Schritt von der Klassik zur Romantik. Eine Sonate, die – hat man sie einmal gehört – zum lebenslangen Begleiter werden kann.

Der inneren Tiefe angenähert

Pianist Tobias Kochs „Zukunftsmusik“ nähert sich Schuberts Monumentalität und innerer Tiefe mit ausgesucht bedächtigen Tempi, wenn er sowohl die melodischen resignativen Passagen auskostend ebenso wie die immer wiederkehrenden leidenschaftlichen Ausbrüche in ihrer ganzen Tiefe darzustellen sucht. Doch wäre es grob fahrlässig, seine Einspielung darauf zu reduzieren.

C-moll: Auf Beethovens Spuren

In der Sonate D958 kehrt Schubert mit der Tonart c-Moll, die er oft als Haupttonart einer Komposition gemieden hat, zum Modell Beethovens mit seinem kämpferischen Duktus zurück. Überdeutlich „zitiert“ er im Eingangsthema des Kopfsatzes aus Beethovens 32 Variationen in c-moll (WoO80). Doch in der Folge weicht das unruhige Drängen einer lyrischen Stimmung, die im zweiten Thema in ein „friedvoll-idyllisches Kreisen um Zentraltöne“ (Michael Wersin) mündet: Eine neue musikalische Welt!
So knüpft Schubert an den volkserzieherischen, heroischen Charakter seines Vorgängers nur an, um ihn als gescheitertes Unterfangen in die private Abgeschiedenheit, in die Innerlichkeit und den Raum der Liebe zu geleiten. Schubert wird damit zum Antipoden des an Aufklärung, Emanzipation und politischen Fortschritt glaubenden Beethovens.

Franz Schubert - Klaviersonate D958 - Beginn des Adagio - Glarean Magazin
„Tiefgründige Nachtwache“: Beginn des Adagio in Franz Schuberts Klaviersonate D958

Breite und klangvolle Deutung

Tobias Koch - Pianist - Glarean Magazin
Tobias Koch (geb. 1968 in Kempen/D)

Tobias Koch legt gerade diese ungeheure und gewichtig Neuerung in seiner breit und klangvoll angelegten Deutung frei. Das Hammerklavier ächzt und funkelt in unendlichen Schattierungen, so dass man das Gefühl hat, direkt neben Schubert auf einem alten Sofa mit ein paar losen Sprungfedern zu sitzen. An manchen Stellen scheint Johann Sebastian Bach mit auf dem Sofa zu sitzen. Das Adagio wird zur tiefgründigen Nachwache, das Finale ein erstaunlicher Triumph des sich kreativ entfaltenden Individuums. Der Pianist spielt alle Wiederholungen und präsentiert Schuberts c-moll-Sonate in fast 37 Minuten gewichtiger Tonrede.

Die 2. „Atlas“-Sonate

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Auch die A-Dur-Sonate D959 erinnert an Beethoven und stammt doch unverkennbar aus der romantischen Feder Schuberts, nicht nur mit den zwei immer wiederkehrenden Viertel-Schlägen aus dem von Schubert vertonten Heine-Lied „Der Atlas“ – ein Hinweis auf Schuberts persönliche Lebenssituation, die von Krankheit, Todesahnung und Resignation durchzogen war. Auch hier finden wir wunderbare melodische Abläufe mit „himmlischen Längen“ (Robert Schumann), welche den romantischen Charakter, die Hinwendung vom Öffentlichen ins Private, vom leidenschaftlichen Kampf zum sich seiner Liebe vergewissernden Herz ausmachen.

Unnatürlich verlangsamt

Kochs Zugriff kann hier im 1. Satz nicht recht greifen. Schon der Beginn klingt sperrig, zu stockend und unnatürlich verlangsamt. Der leichte melodienverliebte Fluss geht verloren, auch wenn einige Stellen unerhört gewichtig und auskostend geraten. In jedem Fall fällt es hier schwer, sich von vorherigen klanglichen Vorstellungen und Deutungen zu lösen. Es scheint aber, dass Kochs Zugriff eher der letzten Sonate vorbehalten und angemessen sein könnte. Das wird noch einmal im letzten Satz, dem Rondo, deutlich, auch wenn es auch hier großartige Momente ungeahnter Monumentalität und berückender Stille zu entdecken gibt.

Franz Schubert - Klaviersonate D959 - Auszug 1. Satz - Glarean Magazin
„Melodienverliebter Fluss“:  Zitat aus Franz Schuberts Klaviersonate D959

Das Vermächtnis: Sonate in B-Dur D960

Deutlich stimmiger ist Kochs Zugriff des Gewichtigen bei der letzten, eingangs bereits charakterisierten B-Dur Sonate, Schuberts pianistischem Schwanengesang, das sein umfangreichstes Klavierwerk ist, auch darin Beethovens in der gleichen Tonart komponierten Hammerklaviersonate ähnelnd. Hier kehrt der einsame Wanderer der Winterreise wieder, seine schweren Schritte, suchend, kreisend und sich im Nirgendwo verlierend.

Franz Schubert - Klaviersonate D960 - Beginn Andante sostenuto - Glarean Magazin
„An die letzten Dinge rührend“: Beginn des Andante sostenuto in Franz Schuberts Klaviersonate D960

Tobias Koch, so möchte man sagen, trägt Schubert auf Händen, nimmt sich alle Zeit der Welt, jegliche Schattierungen, Zwischentöne, Unterstimmen und versteckte Akkorde ans Licht zu befördern. Sein Vortrag ist durchgehend leidenschaftlich, mal jäh und donnernd, dann wieder tänzerisch leicht bis zärtlich streichelnd und von dem Bestreben beseelt, Schubert „letzte Worte“ zu entschlüsseln.

Innovativer Interpretationsansatz

Komponist Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel) - Glarean Magazin
Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel)

Das Hammerklavier erweist sich als kongenialer Partner, der nichts glättet oder einebnet, sondern Schuberts rauhe, unwirtliche Welt in ihren vielfarbigen Schattierungen hervorragend tonal widerspiegelt. Ein unerhörtes Klangerlebnis, das interpretatorisch eine neue Dimension erschließt. Nicht einmal bei Valery Afanassiev dauert der Kopfsatz so lange wie bei Tobias Koch (über 31 Minuten). Das Andante sostenuto gerät mit seinem choralartigen, feierlichen Ton einmal mehr zu einer berückenden, an die letzten Dinge rührenden Introspektive der romantischen Seele. Das Finale greift den innovativen Interpretationsansatz auf und schließt die überzeugende Darbietung mit großer Eindringlichkeit ab.

Eine neue Schubert-Dimension

Die neuen Einspielungen von Tobias Koch erweitern das Spektrum der Interpretationen von Schuberts Klaviersonaten um eine neue Dimension. Seine Deutung ist nicht geprägt von virtuosem Zur-Schau-Stellen pianistischer Virtuosität, sondern vom „heißen Bemühen“ um Schuberts einzigartige Werke. Sie stellen vertraute Klangvorstellungen in Frage und liefern auf einem historischen Instrument höchst interessante Alternativen, welche nicht nur den Schubert-Liebhaber zum Überdenken seiner Hörgewohnheiten bringen kann. ♦

Zukunftsmusik – Franz Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten, Tobias Koch (Fortepiano Conrad Graf – Wien um 1835), Musik Museum

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema klassische Klaviermusik auch über die neue CD von See Siang Wong: Fantasia – Werke von Beethoven


 

Brekke & Olafsson: The Chess Saga Of Fridrik Olafsson

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Denkmal für eine Schach-Legende

von Ralf Binnewirtz

Mit Freude und Genugtuung dürften die schachbegeisterten Isländer, aber auch die meisten Schach(buch)freunde weltweit diese „Chess Saga of Fridrik Ólafsson“ begrüßen, die die rund 70 Jahre umspannende Schachlaufbahn von Fridrik Ólafsson erstmals für eine globale Leserschaft in Englisch darlegt.
Die Neuerscheinung basiert auf Ólafssons Partiesammlung aus dem Jahre 1976 mit lediglich 50 Partien, die in Altnorwegisch (Isländisch) verfasst war. Mit nunmehr 114 vorbildlich kommentierten Partien und vier Endspielen sowie einer reichhaltigen Bebilderung bildet das aktuelle Werk eine würdige Aufarbeitung von Ólafssons schachlichem Erbe.

The Chess Saga of Fridrik Ólafsson - Schach-Biographie - Rezensionen Glarean MagazinDer inzwischen 86-jährige Fridrik Ólafsson (GM-Titel 1958) hat seine Schacherfolge weithin als Amateur erstritten, allenfalls zeitweilig hat man ihn als Halb-Profi erlebt. Beruflich war er als Jurist tätig (u.a. 1968-74 als Beamter in der Isländischen Abteilung für Justiz und Kirche), 21 Jahre (ab 1982) war er Generalsekretär des isländischen Parlaments „Althingi“, zudem ist er als FIDE-Präsident mit kurzer Amtszeit (1978-82) in Erinnerung – über die Hintergründe seiner Nichtwiederwahl 1982 gibt Kap. 8 Auskunft. Sein Privatleben wird im Buch nur marginal gestreift, 1962 hat er Audus Juliusdóttir geheiratet, die ihm zwei Töchter schenkte.

Aufstieg zum Weltklassespieler

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Trotz der nachteiligen geografischen Insellage Islands reifte Ólafsson im Laufe der 50er Jahre zu einem starken Großmeister heran, der es bis in das WM-Kandidatenturnier 1959 in Bled/Zagreb/Belgrad schaffte, und der sich auch den gefürchteten Sowjetrussen häufig als ebenbürtig erwies. Ins Buch aufgenommene, teils glanzvolle Gewinnpartien gegen die Schachgrößen seiner Zeit zeugen von seiner enormen Spielstärke, die immer wieder aufschien, auch als längst andere Prioritäten Ólafssons Leben bestimmten.
Sein Spielstil war auf Angriff ausgerichtet, strategische Meisterstücke wie sein Sieg gegen Reshevsky 1963 ergaben sich selten. Vielmehr haben brillante Angriffssiege wie gegen Wade 1954, Eliskases 1960 oder Tal 1975, um nur wenige zu nennen, das Bild eines unerschrockenen Schach-Vikingers geprägt, der seine Anhänger begeisterte, und der als Nationalheld in Islands Geschichte eingegangen ist. „The legend will stay alive as long as the Icelandic people care for their history.“ (Gudmundur Thórarinsson in seinem Buch-Beitrag „Fridrik Ólafsson and His Achievements“)

Chronik einer Schachlaufbahn

Islands Grandsigneur des Schachs: Fridrik Ólafsson
Islands Grandseigneur des Schachs: Fridrik Ólafsson (geb. 1935)

Rund 95 Prozent des Buchs werden durch die Schilderung von Ólafssons schachlichem Werdegang – von 1946 bis 2016 – und von den Partien belegt. Diese Gesamtchronik ist in zehn Kapitel unterteilt, jedes Kapitel deckt eine mehr oder weniger lange Episode ab, in Abhängigkeit vom Umfang der schachlichen Aktivitäten und Ereignisse. Eingeleitet wird jedes Kapitel durch ein eigenes „Frontispiz“ mit Legende sowie einem 1-seitigen Text, der ein Resümee des betreffenden Zeitabschnitts gibt. Auch allen nachfolgenden Partien ist ein einführender Textabschnitt vorangestellt, somit gewinnt man durch die Lektüre sämtlicher Textbeiträge einen trefflichen Überblick über Ólafssons Schachkarriere. Die Turnierergebnisse und Matchresultate finden sich bei den Partien, gebündelt in der rechten/dritten Spalte des dreispaltigen Textsatzes. Verschiedentlich sind auch Turniertabellen aus zeitgenössischen Quellen reproduziert worden.

Hochklassig: Partien, Bebilderung, Ausstattung

52 der 114 Partien wurden von Ólafsson selbst präsentiert, gegebenenfalls bearbeitet/ergänzt von Co-Autor Øystein Brekke. Bei den restlichen Partien hat neben dem Letztgenannten eine Reihe weiterer namhafter Kommentatoren mitgewirkt. Die Kommentierung selbst ist durchweg ausgezeichnet, idealerweise geizt sie nicht mit verbalen Ausführungen und ist auch nicht zu variantenlastig, gelegentliche Computeranalysen wurden unauffällig integriert. Die Partien werden durch zahlreiche Diagramme aufgelockert und somit für die Leser leichter verfolgbar, dazu verleiht eine Vielzahl von historisch interessanten Fotos dem Band ein erfreulich abwechslungsreiches Innenleben. Von insgesamt 115 s/w-Abbildungen sind hier 20 erstmals veröffentlicht worden.
Dass man dieses liebevoll gestaltete Buch gerne zur Hand nimmt, ist auch auf seine gediegene Ausstattung (Hardcover-Edition, Druck auf Glanzpapier) und das gefällige quadratische Format (21,5 x 21,5 cm) zurückzuführen. Eine erhellende Leseprobe zum Partieteil sowie die beiden Vorworte von Gudni Jóhannesson und Øystein Brekke sind online verfügbar.


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Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das betr. Analyse-Fenster inkl. Download der Partie

Blick zurück auf „goldene“ Schachzeiten

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Das vorliegende Werk stellt schon insofern eine gewisse Ausnahme dar, als die meisten Schachbücher aus nordeuropäischen Ländern in ihren Landessprachen geschrieben werden und daher in der übrigen Schachwelt kaum Verbreitung oder Beachtung finden. Dieses Schicksal wird dem Ólafsson-Buch sicherlich erspart bleiben. Zudem bietet es mehr als eine reine Partiesammlung, es könnte auch lehrbuchmäßig als Leitfaden für die Angriffsführung gegen den feindlichen König genutzt werden. Und zu weiten Teilen entführt es seine Leser in eine vergangene Zeit, wo die Schachmeister noch nicht computerbewehrten Cyborgs ähnelten1). Hin und wieder lasse ich mich gerne in die alten Schachzeiten zurückversetzen, auch wenn diese nicht in allen Belangen golden waren… Sie vielleicht auch? ♦

1)Vgl. John Hartmann,“Garry Kasparov Is a Cyborg, or What ChessBase Teaches Us about Technology“, in: Benjamin Hale (ed.), „Philosophy Looks at Chess“, Chicago and La Salle, Ill. 2008, p. 39-63

Øystein Brekke, Fridrik Ólafsson: The Chess Saga of Fridrik Ólafsson, 288 Seiten, Norsk Sjakkforlag, ISBN 978-82-90779-28-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Legendäre Schachspieler auch über Viktor Kortschnoi: Meine besten Kämpfe


Literaturwettbewerb 2021 für Science Fiction Storys

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Ferne Welten – Andere Zeiten

Literatur-Wettbewerb - Ueberlicht 2021 - Science Fiction Ausschreibung - Modern PhantastikSo lautet das Motto der neuen Literaturausschreibung in der ostdeutschen Edition UEBERLICHT der Netz-Plattform Moderne Phantastik.
Gesucht werden unveröffentlichte SF-Geschichten im Umfang von 50’000 bis 99’000 Zeichen.

Verlangt ist „ursprüngliche Science Fiction, am liebsten Utopien“. Hinsichtlich Alter und Nationalität bestehen keine Einschränkungen.
Einsende-Schluss ist am 30. November 2021, hier können die weiteren Einzelheiten nachgelesen werden. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Science Fiction auch über den Technik-Visionär Isaac Asimov


See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Werke von Beethoven

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Virtuoses und farbenreiches Klavierspiel

von Mario Knöpfler

Bitte nicht noch eine Beethoven CD? Das Beethoven-Jahr 2020 im Rahmen seines 250. Geburtstages fiel wegen der Corona-Pandemie ins Wasser. Nun wurden, um den Jubilar zu ehren, die Feierlichkeiten bis 2021 verlängert. So präsentiert uns auch der Pianist See Siang Wong – nach einer beeindruckenden und umfangreichen Diskographie bei Decca und Sony – das erste Album seiner Beethoven-Trilogie, „Fantasia“, die er mit den „Fantasie“-Klavierwerken des Meisters gestaltet: Den beiden op. 27 Sonaten, der Fantasie op. 77, und – als Schlusswerk – der Chorfantasie op. 80.

Wong möchte uns vor allem unbekanntere Perlen des Komponisten näherbringen. Dass die Mondschein-Sonate op. 27/2 etwas aus dieser Dramaturgie herausfällt, stört nicht, da der chinesisch-schweizerische Konzertpianist See Siang Wong mit seiner höchst persönlichen Interpretation besticht.
So ist der Anfang der „Mondschein“ bei ihm nicht ein sentimentales Adagio mit Mondesschimmer, sondern wirkt wie eine düstere gespenstische Geisternacht. Die langsamen Triolen rauschen wehmütig wie der Wind über den Gräbern und die punktierten Rhythmen ertönen rau wie Todesglocken. Wong setzt dabei quasi buchstäblich die Anweisungen Beethovens um, für den ganzen Satz nur ein einziges Pedal zu nehmen – und das lässt sich hören: Die leicht dissonierenden Harmonien und Farben wechseln sich ab und bewirken, dass die Klänge melancholisch zu schweben beginnen. Es entstehen so unerhörte Klangfelder im Raum, die einen an eine fast impressionistische Klangsprache erinnern.

Donner und Blitz

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Als Kontrast interpretiert er den zweiten Satz leichtfüssig und spontan, wie ein Zwiegespräch. Ein kleines Intermezzo zwischen den zwei gross angelegten Ecksätzen, oder wie Liszt es so schön nannte: „Wie eine Blume zwischen zwei Abgründen“.
Nahtlos geht Wong dann „attaca“ über in den Prestissimo-Satz, mit stürmischem Drang und voller Energie. Plastisch wirkt seine Klavierkunst, und selten wurde das Finale mit so viel Donner und Blitz gehört und gespielt!

Betörend schlicht

See Siang Wong - Pianist - Glarean Magazin
Virtuoses und klangsinnliches Klavierspiel: „Fantasia“-Pianist See Siang Wong (Foto: SRF / Christoffel)

Die Sonate „Quasi una Fantasia“ op. 27.1 ist zu unrecht die weniger bekannte der zwei Sonaten. Beethoven hat sie noch mehr wie eine grosse Fantasia auskomponiert. Die vier Sätze gehen direkt ineinander über und machen das Werk in seiner Gesamtarchitektur zu einer der interessantesten Sonaten Beethovens.
See Siang Wong spielt die Sonate mit einer betörenden Schlichtheit und dem Verständnis für die Form und Struktur. So wirkt der erste Satz erfrischend neu und klar. Das Seitenthema mit punktierter Artikulation tönt in seiner Interpretation ungewöhnlich, keck und leicht wie einer Opernarie. Rossini schaut hierbei zu um die Ecke! Auch den anderen Sätzen zeichnen sich aus durch ein wunderbar sprechendes und farbenreiches Spiel, den Fantasia-Charakter der Sonate zurecht.

Virtuose Spielfreude

Ludwig van Beethoven am Klavier - Glarean Magazin
Beethoven am Klavier im Kreise von Adepten

Die Fantasia op. 77 ist vielleicht auf dem Album das kurioseste der Werke. So hat Beethoven diese selber an seinem legendären Akademie-Konzert vom 22. Dezember 1808 gespielt – ein Konzert, das mit einem Mammutprogramm von fünf Stunden (darunter das 4. Klavierkonzert und zwei Sinfonien sowie die Chorfantasie) eigentlich unmöglich war für das Publikum. Beethoven hat dabei die Fantasia improvisiert und danach aufgeschrieben. Sie ist wahrscheinlich die einzige wirklich überlieferte Improvisation Beethovens.
Wong kann den dramaturgischen Verlauf des Werkes nachempfinden und gestaltet die verschiedenen Variationen und Umspielungen des Themas mit viel Spielfreude und Virtuosität.

Dialogisierend und klangsinnlich

Ludwig van Beethoven - Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester - Anfang - Glarean Magazin
Ludwig van Beethoven: Anfang der Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester

Am Schluss ertönt die fulminante Chorfantasie op. 80. Sie hat eine unkonventionelle Besetzung mit Chor, Orchester und Klavier und war ein Fiasko bei der Uraufführung im Akademie-Konzert. Das Orchester geriet mit Beethoven als Solisten wegen eines Missverständnisses um eine Wiederholung völlig auseinander: Beethoven spielte sie, das Orchester nicht, ein grosser Tumult brach aus.
Da wäre Beethoven wohl vollends zufrieden gewesen mit der vorliegenden Einspielung, worin See Siang Wong gemeinsam mit dem RSO Wien und dem Wiener Singverein unter der Leitung von Leo Hussain wunderbar dialogisierend und mit viel Gespür für Klangsinn dem Text von Kupfer gerecht werden: „Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor, hat ein Geist sich aufgeschwungen, hallt ihm stets ein Geisterchor“. Einer der gelungensten Aufnahmen dieses Werks und eine schöne Krönung des ersten Teils von Wong’s Beethoven-Trilogie.
Zum Glück doch noch eine Beethoven CD! ♦

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Trilogy 1 mit Beethoven-Klaviermusik, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Wiener Singverein, Leo Hussain (Dirigent), Audio-CD RCA Red Seal (Sony Music)


Mario Knöpfler

Geb. 1957 in St.Gallen, langjährige Tätigkeit beim Schweizer Radio und Fernsehen als Redakteur und Produzent, lebt in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Beethoven auch über den Musik-Kalender 2020: Beethoven und ich

… sowie über Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern


 

Das Musik-Zitat der Woche von Irmgard Jungmann

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Musik und Geschäft

Irmgard Jungmann

In den letzten Dezennien ist ein rapide fortschreitender Konzentrationsprozess in der Medienindustrie und im Musikgeschäft zu beobachten. Die großen Vier heißen Universal, Sony-BMG, EMI und Warner. Norman Lebrecht beschrieb in seinem Buch „Aufstieg und Fall der Klassikindustrie“ in beeindruckender Weise den weltweiten Niedergang in der Sparte der Klassikindustrie. Während die Musikindustrie noch bis in die 70er Jahre hinein ihr großes Geschäft mit den Langspielplatten klassischer Musik machen konnte, sanken seither die Verkaufszahlen der Medienindustrie im Klassikbereich und haben seit den 90er Jahren einen Tiefstand erreicht.
Lebrecht listete einige Faktoren auf, die den Niedergang beschleunigt hätten. Vor allem habe die Überproduktion an Aufnahmen klassischer Werke den Markt so gut wie zusammenbrechen lassen (bis 1994 gab es beispielsweise 79 Aufnahmen von Dvoraks 5. Symphonie). Ebenso haben die Unzerstörbarkeit der CD in Kombination mit ihrer ausgefeilten Klangqualität sowie die Möglichkeiten des Internet die Absatzmöglichkeiten verringert. Zuletzt bezeichnet Lebrecht auch den Zustand der Avantgardemusik als einen Grund für die schwindenden Absatzzahlen im Klassiksektor und zitiert den ehemaligen Sony-Produzenten Michael Haas: „Letztendlich wurde die Klassik von den Komponisten im Stich gelassen. Ohne eine neue Musik, die intelligente, sensible Konsumenten hören wollten, blieb nur die Möglichkeit, das Vergangene wieder aufzuwärmen“.

Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik - Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert - J.B. Metzler VerlagAn diesem Punkt stehen wir heute. Neue „ernste“ Musik wird nur von einem kleinen Bevölkerungskreis aufgenommen und lässt sich kaum verkaufen. Sie fristet ein vergleichsweise kümmerliches Dasein im großen Weltmarkt der Musik, der Markt für traditionelle klassische Musik scheint mit der „Aufwärmung“ des immer Gleichen mehr oder minder gesättigt zu sein.
Die Musikkonzerne sind aber, da sie es mit künstlerischen Produkten zu tun haben, von den Medienexperten, den Künstlern, den Ausführenden ebenso wie den komponierend „Mischenden“, ihrem Erfindungsgeist, ihrer »Innovationskraft« abhängig.

Norman Lebrecht: Ausgespielt - Aufstieg und Fall der Klassikindustrie - Schott VerlagDie großen Marktchancen liegen inzwischen längst im Bereich der Popmusik, die ihre Fähigkeit zu musikalischer Entwicklung, zur Innovation, zum Experimentieren mit Althergebrachtem ebenso wie mit Neuem unter Beweis gestellt hat, die ohne die Behinderung durch ästhetische Bedenken Bach, die Gregorianik, Miminal Music, Indische Kunstmusik oder jede Art von Folklore verarbeiten kann und inzwischen längst neue Stile und Moden wie Rock, Rap, Techno, Hiphop geschaffe hat. In diesen Bereichen „spielt die Musik“. ♦

Aus Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik – Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert, J.B. Metzler Verlag, 260 Seiten, ISBN 978-3476022974

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klassik und Pop-Musik auch den Essay von Frieder W. Bergner: Das U und das E in der Musik

… sowie zum Thema E-Musik das Zitat der Woche von Ursula Petrik: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik

Außerdem zum Thema Klassische Musik das Musik-Zitat der Woche von Alexander Köhler: Stirbt die klassische Musik aus?

Weitere Web-Links zum Thema:


Das Sudoku-Quartett im Februar 2021

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Unbeschwerter Zahlen-Puzzle-Spass

Das Sudoku-Quartett hat im Glarean Magazin eine vieljährige Tradition. Auch im Februar 2021 stellen wir wieder vier interessante, aber nicht allzu schwierige Zahlen-Puzzles vor, damit auch Sudoku-Novizen auf ihre Kosten kommen. Wir wünschen ungetrübten Rätsel-Spass!

Sudoku 1-4 - Februar 2021 - Aufgaben - Glarean Magazin

Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

Hier können Sie die vier Sudoku-Rätsel auch online lösen:

Sudoku – Die Regeln

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Ein Sudoku besteht aus 9 x 9 Feldern, die zusätzlich in 3 x 3 Blöcken mit 3 x 3 Feldern aufgeteilt sind. Jede Zeile, jede Spalte und jeder Block soll alle Zahlen von 1 bis 9 jeweils genau einmal enthalten.
In ein paar der Felder sind bereits Zahlen vorgegeben. Bei einem Sudoku darf es nur eine mögliche Lösung geben, und diese muss rein logisch gefunden werden können.

Knobeln Sie im Glarean Magazin zum Thema Rätsel auch das Sudoku-Quartett im Dezember 2016

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