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Willkommen beim GLAREAN MAGAZIN und viel Spass auf dem Trip durch die ganze Welt der Literatur, des Schachs, des Rätsels und der Musik!


Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (Band 1-3)

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Referenzwerk für alle Leistungsklassen

von Thomas Binder

Mit dem Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer legen Großmeister Luther und seine Co-Autoren ein mehrbändiges Standardwerk für Schachtrainer jeden Leistungsniveaus vor. Neben der Erläuterung rein schachlicher Themen – immer mit dem Schwerpunkt auf deren Vermittlung im Training – stehen trainingstheoretische und allgemein schachliche Beiträge, die das Wissen des Trainers abrunden. Das Werk ist bereits jetzt umfassend, aber lässt die Tür für eine Fortsetzung offen.

Thomas Luther ist ein deutscher Schachgroßmeister, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu den besten Spielern seines Landes gehörte. Er war dreimal deutscher Einzelmeister (zuletzt 2006) und spielte bei fünf Schacholympiaden (darunter einmal für die internationale Auswahl der Körperbehinderten). Inzwischen ist er nur noch gelegentlich am Turnierbrett anzutreffen, arbeitet vornehmlich als Trainer und vertritt zudem die Interessen behinderter Schachfreunde beim Weltverband FIDE.
Als Trainer geht Luther weit über das reine Training – zu seinen Schützlingen gehörte u.a. die spätere Weltklassespielerin Elisabeth Pähtz – hinaus und widmet sich der Ausbildung von Trainern sowie den theoretischen Grundlagen des Schachtrainings.

850 Seiten geballtes Wissen

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (3 Bände)Im Dresdner JugendSchach-Verlag hat Thomas Luther nun unter Mitarbeit einer Reihe weiterer namhafter Schachtrainer das dreibändige „Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer“ vorgelegt. Das sind über 850 Seiten geballtes Wissen und Material für Trainer jeder Leistungs- und Erfahrungsstufe – ein Standardwerk im besten Sinne, das das Zeug hat noch für Generationen von Schachausbildern gute Dienste zu leisten.
Band 1 und 2 bauen inhaltlich aufeinander auf und Band 3 ist als „Materialband“ betitelt. Er enthält ein weiteres Füllhorn an Aufgaben und einige ausführliche Texte, auf die in den vorherigen Kapiteln verwiesen wurde.

Auch für Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke

Thomas Luther am Schachbrett - Glarean Magazin
Schrieb ein „beispielloses“ Kompendium „von unschätzbarem Wert“: Großmeister Thomas Luther (*1969 in Erfurt)

Der Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke kann das Werk quasi als Trainer-Lehrbuch durcharbeiten, wird aber wohl von der Fülle des Materials erschlagen sein. Ohne einen erfahrenen Mentor wird er auch mit der besten Lektüre nicht vorankommen. Bereits aktive Trainer, die möglichst auch eigene praktische Erfahrung als Spieler mitbringen – egal auf welchem Liganiveau – finden ein Kompendium an Ratschlägen und Materialien von unschätzbarem Wert. Selbst sehr erfahrene und spielstarke Trainer werden es zu schätzen wissen, hier ihre Materialsammlung zu ergänzen und manch interessante Hintergrundinformation erhalten, die ihnen bisher entgangen war.
Im Großen und Ganzen kann man den Inhalt in drei Komplexe einteilen, die sich kapitelweise verschränken, so dass der Leser insgesamt vom Elementaren zum Komplizierteren geführt wird.

Klassisches Schachlehrbuch für Trainer

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_07
Die Formen des Schachunterrichts mal theoretisch…

Da sind zum einen die Abschnitte, die sich zu einem nahezu klassischen Schachlehrbuch zusammenstellen ließen. Der Adressat ist aber auch hier bereits der Trainer. Alles wird unter dem Gesichtspunkt der Vermittlung an den Lernenden dargestellt. Nach Grundübungen zu den Spielregeln und den Besonderheiten der Figuren folgen weiterführende Schachlektionen. Diese unterteilen sich in die Abschnitte „Eröffnung“, „Taktik I“, „Endspiel I“ (Bauernendspiele), „Strategie“, „Taktik II“ und „Endspiel II“ (Turmendspiele). Bei den Eröffnungen bleibt Luther erwartungsgemäß knapp. Es geht hier nur sehr begrenzt um konkrete Varianten, mehr um die Grundprinzipien, die der Trainer seinem Schüler vermitteln muss. Im Endspiel konzentriert sich der Autor mit Bauern- und Turmendspielen auf diejenigen Typen, die in der Praxis besonders wichtig sind.

Vom „Gummiband-Motiv“ bis zum Turnier-Wertungssystem

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_08
… und mal praktisch (Leseproben aus Luther: Handbuch für den Schachtrainer, Bd.1)

Auch hier habe ich kaum ein wichtiges Thema vermisst. Sehr gut gelungen sind die Kapitel zu Taktik und Strategie. Im Taktik-Apparat werden erwartungsgemäß die wichtigsten Kombinationsmotive vorgestellt. Sie sind mit anschaulichen Beispielen illustriert und mit Liebe zum Detail aufbereitet. Das „Gummiband-Motiv“ hat man z.B. schon oft gesehen, aber bisher nicht unter diesem Namen gekannt. Die Strategie-Themen sind erfreulich ausführlich, wobei der Schwerpunkt auf der Bauernstruktur liegt. Auch hier erleichtern die Partiebeispiele das Verständnis enorm.
Nicht vergessen werden auch jene Schachtrainer, die wegen geringer Erfahrung im Turnierschach noch ein paar Erläuterungen zu Turnier- und Wertungssystemen benötigen. Der Anhang von Band 1 ist für sie geschrieben.
Alle bereits bei der inhaltlichen Besprechung mit prägnanten Beispielen erläuterten Themen werden jeweils durch umfangreiche Teststellungen und Arbeitsblätter (sowohl im Haupt- wie im Materialband) ergänzt.

Pionierarbeit in Sachen Trainingsmethodik

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Ein zweiter Komplex sind Kapitel zur Trainingsmethodik. Dass es darüber in dieser Ausführlichkeit und Detailschärfe praktisch keine vergleichbare Literatur gibt, hätte den Wert der vorliegenden Arbeit schon allein begründet. Der große Erfahrungsschatz der Autoren tut ein Übriges. Es wimmelt nur so von praktischen Ratschlägen, liebevoll bis ins Detail ausgearbeitet – von der richtigen Position des Trainers vor dem Demobrett bis zu den Besonderheiten des Trainings für Spät- oder Wiedereinsteiger. Zudem werden einzelne Trainingsansätze vorgestellt, von denen auch manch erfahrener Schachcoach wohl noch nichts gehört hat. Vieles wird dabei im Zusammenhang mit den inhaltlichen Themen vermittelt, ein weiterführendes Kapitel über Schachtraining und ein Ausblick auf das Hochleistungstraining schließen den zweiten Band ab.

Schachmedizinische und -psychologische Elemente berücksichtigt

Schließlich gibt es einen Komplex von Beiträgen zur Wissensvermittlung, die über das Kerngeschäft des Schachtrainers hinausgehen, dessen Schachwissen aber abrunden sollen. So gibt es in jedem der beiden Hauptbände je ein Kapitel zur Schachgeschichte und zur Schachpsychologie, außerdem einen umfassenden Abschnitt über das schachtypische Talent und seine Messung sowie u.a. über „Wunderkinder“ und Beiträge über medizinische Aspekte (u.a. Doping).

Tadelloses Buch-Outfit

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1-3 - Strategie - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Strategische Lehrbeispiele, hier: Der „Minoritätsangriff“

Dem hohen Aufwand, den die Autoren in ihr Werk gesteckt haben, trägt auch die äußere Aufmachung Rechnung. Alles ist tadellos layoutet und angenehm lesbar, selbst in den weniger bebilderten Abschnitten. Schreibfehler halten sich in einem so kleinen Rahmen, dass sie den Wert der Bücher in keiner Weise trüben.
Dem Aufbau aus abgeschlossenen Abschnitten verschiedener Autoren ist es geschuldet, dass manches nicht ganz konsistent über den Tisch kommt. Im Kapitel über das Remis wird z.B. die 50-Züge-Regel verschwiegen und die Stellungswiederholung nur als Zugwiederholung behandelt. Andererseits wird das Dauerschach vorgestellt – wir sind hier eben nicht in der Regelkunde, sondern in praktischen Überlegungen zur Punkteteilung.
Etwas knapp kommen dabei „technische Remisstellungen“ weg, wenn z.B. nur erwähnt (aber nicht erklärt) wird, dass die Dame gegen einen Läuferbauern auf der vorletzten Reihe nicht gewinnen kann – ganz abgesehen davon, dass dies auch für den Randbauern gilt. Die konsistente Darstellung der Remisformen findet sich später im Materialband in einem Kapitel über praxisrelevante Regelfragen.

Kontroverse Meinungen zu einigen Themen

Die Autoren scheuen sich auch nicht, zu einigen Themen kontroverse Meinungen zu vertreten. Das ist sogar eine Stärke des Buches. Man hat immer den Eindruck, von Luther und seinen Kollegen direkt angesprochen zu werden – ihre persönliche Sicht und Erfahrung teilen zu dürfen. Dennoch wird man ihnen nicht an allen Punkten zustimmen. Unangenehm ist mir z.B. der despektierliche Umgang mit der Geschichte eines deutschen „Wunderkindes“ aus den 1960er-Jahren aufgefallen.

Wunsch: Ein weiterer Band zu neuen Detail-Fragen

Schach-Simultan - Weltmeister Garry Kasparow gegen U-18 Jugendliche - Finnland 20213 - Glarean Magazin
Praktische Schach-Lektionen vom Ex-Weltmeister: Garry Kasparow an einer Simultan-Vorstellung gegen U18-Jugendliche in Helsinki

Nun kann man ein noch so umfangreiches Trainerlehrbuch schreiben, es wird immer Wünsche geben, die offen bleiben. Was die rein schachlichen Inhalte des Werkes betrifft, haben die Autoren sich offenbar auf einen Level an Tiefe und Komplexität geeinigt, den sie nicht überschreiten wollten. Das ist verständlich und es ist ihnen gut gelungen. Über alle Themen halten sie diese Vorgabe sehr konsequent ein, sorgen somit dafür, dass das Gesamtwerk an Umfang und Anspruch genau die Erwartungen erfüllt. Der Weg, hier und da noch weiter ins Detail zu gehen oder neue Themen aufzugreifen, ist ja nicht verbaut – ein weiterer Band wäre vorstellbar, Stoff dafür sicher mehr als genug vorhanden. Vielleicht darf dies hiermit sogar als Wunsch formuliert sein!?

Digitalzeitalter zu kurz gekommen

Wenn wir bei den Wünschen sind – was fehlt mir noch? Zunächst könnte der Verlag an zwei Stellen für etwas mehr Übersichtlichkeit sorgen: In der Kopfzeile jeder Seite stehen neben der Seitenzahl nur der verkürzte Buchtitel und der Name des Autors. Hilfreich wäre es, hier jeweils das aktuelle Kapitel zu notieren, gern auch den jeweiligen Unterabschnitt. Außerdem würde ich mir ein Sachregister (meinetwegen auch ein Namensregister der zitierten Meisterpartien) wünschen. Dem Aufbau des Werkes ist es geschuldet, dass sich Themen überschneiden und später wieder aufgegriffen werden, da wäre ein Register hilfreich.

Online-Schach-Unterricht - Glarean Magazin
Das Digitalzeitalter zuwenig berücksichtigt: Online-Schachunterricht via Internet

Inhaltlich wünsche ich mir ein verstärktes Eingehen auf die Erscheinungsformen des Digitalzeitalters. Überspitzt formuliert: Das vorliegende Werk hätte so auch schon vor 30 Jahren geschrieben werden können. Ausführliche Abschnitte über Training und Analyse mit Computer-Unterstützung, über digitale Trainingsmedien – seien es professionelle Produkte oder frei verfügbare Internet-Videos – und schließlich natürlich über das Schachspielen auf Online-Servern mit all seinen Facetten sollten unbedingt Berücksichtigung finden. Das sind Fragen, mit denen man selbst beim Training jüngerer Schüler frühzeitig konfrontiert wird.
Vielleicht können die Autoren aus ihrer reichen Erfahrung auch noch mehr konkrete Tipps für die Organisation kleiner Turniere und praktische Ratschläge für das Verhalten bei Schachturnieren (für Spieler wie Trainer!) einfügen. Das wäre wiederum Stoff für ein ganzes Kapitel.
Dem Potential dieses neuen Standardwerkes ist mit solchen Ergänzungswünschen kein Zweifel angetan. Schon jetzt liegt ein beispielloses Werk vor, aus dem Schachtrainer unendliche Anregungen und noch mehr anwendungsbereite Beispiele schöpfen können. ♦

Thomas Luther u.a: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer, Bände 1-3, je 288 Seiten, JugendSchach Verlag Dresden

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Training auch über Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen


Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten (CD – Tobias Koch)

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Eine neue Dimension

von Christian Busch

So mancher Bewunderer von Schuberts letzten Sonaten wird sich beim Anhören verschiedener Aufnahmen mal gefragt haben: Wie langsam kann, ja darf man das spielen? Mit welchem Tempo kommt man dem wahrhaftigen Schubert am nächsten, so dass die Zeit gesprengt wird und stillsteht?
Der Düsseldorfer Konzertpianist Tobias Koch hat sich nun – unter dem Motto „Zukunftsmusik“ – Schuberts letzten drei Klaviersonaten gewidmet und sie – originalgetreu auf dem Hammerflügel von Conrad Graf (Wien, 1835) aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum für das Innsbrucker Label Musikmuseum – neu aufgenommen.

Immer sind da diese Schritte. Die sich mühsam einen Weg durch die verschneite Winterlandschaft bahnenden Schritte des einsamen Wanderers. Missmut, Verzweiflung und tiefe Traurigkeit klingen an, ein Innehalten, ein hoffnungsvolles-, ja wehmütiges Erinnern, doch dann kehrt die schöne, aber resignativ-dumpfe Anfangsmelodie zurück. Der Kreis schließt sich. Ein schicksalhafter, auswegloser Gang, eine Flucht gar ohne Ziel? Wie tief kann sich ein Mensch in sich zurückziehen? An manchen Stellen stockt die Musik, einem Herzstillstand gleich. Ist das der Tod?

Suche nach dem wahren Schubert-Sound

Franz Schubert: Zukunftsmusik - Die letzten drei Klaviersonaten - Tobias Koch - Musik MuseumFragen, die beim Hören von Franz Schuberts letzter, geheimnisumwobener und einzigartiger Klaviersonate in B-Dur D 960 aufkommen. Das Werk eines 31-jährigen und doch eines seiner letzten. Schubert starb nur wenige Wochen nach der Vollendung. Ein tonales Vermächtnis eines Komponisten, der kurz zuvor am Grabe Beethovens gestanden hatte und mit dessen drei letzten Klaviersonaten ein ungeheures Erbe antrat, das zu ignorieren noch schwerer als es zu übertreffen war. Musikgeschichtlich der bedeutende Schritt von der Klassik zur Romantik. Eine Sonate, die – hat man sie einmal gehört – zum lebenslangen Begleiter werden kann.

Der inneren Tiefe angenähert

Pianist Tobias Kochs „Zukunftsmusik“ nähert sich Schuberts Monumentalität und innerer Tiefe mit ausgesucht bedächtigen Tempi, wenn er sowohl die melodischen resignativen Passagen auskostend ebenso wie die immer wiederkehrenden leidenschaftlichen Ausbrüche in ihrer ganzen Tiefe darzustellen sucht. Doch wäre es grob fahrlässig, seine Einspielung darauf zu reduzieren.

C-moll: Auf Beethovens Spuren

In der Sonate D958 kehrt Schubert mit der Tonart c-Moll, die er oft als Haupttonart einer Komposition gemieden hat, zum Modell Beethovens mit seinem kämpferischen Duktus zurück. Überdeutlich „zitiert“ er im Eingangsthema des Kopfsatzes aus Beethovens 32 Variationen in c-moll (WoO80). Doch in der Folge weicht das unruhige Drängen einer lyrischen Stimmung, die im zweiten Thema in ein „friedvoll-idyllisches Kreisen um Zentraltöne“ (Michael Wersin) mündet: Eine neue musikalische Welt!
So knüpft Schubert an den volkserzieherischen, heroischen Charakter seines Vorgängers nur an, um ihn als gescheitertes Unterfangen in die private Abgeschiedenheit, in die Innerlichkeit und den Raum der Liebe zu geleiten. Schubert wird damit zum Antipoden des an Aufklärung, Emanzipation und politischen Fortschritt glaubenden Beethovens.

Franz Schubert - Klaviersonate D958 - Beginn des Adagio - Glarean Magazin
„Tiefgründige Nachtwache“: Beginn des Adagio in Franz Schuberts Klaviersonate D958

Breite und klangvolle Deutung

Tobias Koch - Pianist - Glarean Magazin
Tobias Koch (geb. 1968 in Kempen/D)

Tobias Koch legt gerade diese ungeheure und gewichtig Neuerung in seiner breit und klangvoll angelegten Deutung frei. Das Hammerklavier ächzt und funkelt in unendlichen Schattierungen, so dass man das Gefühl hat, direkt neben Schubert auf einem alten Sofa mit ein paar losen Sprungfedern zu sitzen. An manchen Stellen scheint Johann Sebastian Bach mit auf dem Sofa zu sitzen. Das Adagio wird zur tiefgründigen Nachwache, das Finale ein erstaunlicher Triumph des sich kreativ entfaltenden Individuums. Der Pianist spielt alle Wiederholungen und präsentiert Schuberts c-moll-Sonate in fast 37 Minuten gewichtiger Tonrede.

Die 2. „Atlas“-Sonate

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Auch die A-Dur-Sonate D959 erinnert an Beethoven und stammt doch unverkennbar aus der romantischen Feder Schuberts, nicht nur mit den zwei immer wiederkehrenden Viertel-Schlägen aus dem von Schubert vertonten Heine-Lied „Der Atlas“ – ein Hinweis auf Schuberts persönliche Lebenssituation, die von Krankheit, Todesahnung und Resignation durchzogen war. Auch hier finden wir wunderbare melodische Abläufe mit „himmlischen Längen“ (Robert Schumann), welche den romantischen Charakter, die Hinwendung vom Öffentlichen ins Private, vom leidenschaftlichen Kampf zum sich seiner Liebe vergewissernden Herz ausmachen.

Unnatürlich verlangsamt

Kochs Zugriff kann hier im 1. Satz nicht recht greifen. Schon der Beginn klingt sperrig, zu stockend und unnatürlich verlangsamt. Der leichte melodienverliebte Fluss geht verloren, auch wenn einige Stellen unerhört gewichtig und auskostend geraten. In jedem Fall fällt es hier schwer, sich von vorherigen klanglichen Vorstellungen und Deutungen zu lösen. Es scheint aber, dass Kochs Zugriff eher der letzten Sonate vorbehalten und angemessen sein könnte. Das wird noch einmal im letzten Satz, dem Rondo, deutlich, auch wenn es auch hier großartige Momente ungeahnter Monumentalität und berückender Stille zu entdecken gibt.

Franz Schubert - Klaviersonate D959 - Auszug 1. Satz - Glarean Magazin
„Melodienverliebter Fluss“:  Zitat aus Franz Schuberts Klaviersonate D959

Das Vermächtnis: Sonate in B-Dur D960

Deutlich stimmiger ist Kochs Zugriff des Gewichtigen bei der letzten, eingangs bereits charakterisierten B-Dur Sonate, Schuberts pianistischem Schwanengesang, das sein umfangreichstes Klavierwerk ist, auch darin Beethovens in der gleichen Tonart komponierten Hammerklaviersonate ähnelnd. Hier kehrt der einsame Wanderer der Winterreise wieder, seine schweren Schritte, suchend, kreisend und sich im Nirgendwo verlierend.

Franz Schubert - Klaviersonate D960 - Beginn Andante sostenuto - Glarean Magazin
„An die letzten Dinge rührend“: Beginn des Andante sostenuto in Franz Schuberts Klaviersonate D960

Tobias Koch, so möchte man sagen, trägt Schubert auf Händen, nimmt sich alle Zeit der Welt, jegliche Schattierungen, Zwischentöne, Unterstimmen und versteckte Akkorde ans Licht zu befördern. Sein Vortrag ist durchgehend leidenschaftlich, mal jäh und donnernd, dann wieder tänzerisch leicht bis zärtlich streichelnd und von dem Bestreben beseelt, Schubert „letzte Worte“ zu entschlüsseln.

Innovativer Interpretationsansatz

Komponist Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel) - Glarean Magazin
Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel)

Das Hammerklavier erweist sich als kongenialer Partner, der nichts glättet oder einebnet, sondern Schuberts rauhe, unwirtliche Welt in ihren vielfarbigen Schattierungen hervorragend tonal widerspiegelt. Ein unerhörtes Klangerlebnis, das interpretatorisch eine neue Dimension erschließt. Nicht einmal bei Valery Afanassiev dauert der Kopfsatz so lange wie bei Tobias Koch (über 31 Minuten). Das Andante sostenuto gerät mit seinem choralartigen, feierlichen Ton einmal mehr zu einer berückenden, an die letzten Dinge rührenden Introspektive der romantischen Seele. Das Finale greift den innovativen Interpretationsansatz auf und schließt die überzeugende Darbietung mit großer Eindringlichkeit ab.

Eine neue Schubert-Dimension

Die neuen Einspielungen von Tobias Koch erweitern das Spektrum der Interpretationen von Schuberts Klaviersonaten um eine neue Dimension. Seine Deutung ist nicht geprägt von virtuosem Zur-Schau-Stellen pianistischer Virtuosität, sondern vom „heißen Bemühen“ um Schuberts einzigartige Werke. Sie stellen vertraute Klangvorstellungen in Frage und liefern auf einem historischen Instrument höchst interessante Alternativen, welche nicht nur den Schubert-Liebhaber zum Überdenken seiner Hörgewohnheiten bringen kann. ♦

Zukunftsmusik – Franz Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten, Tobias Koch (Fortepiano Conrad Graf – Wien um 1835), Musik Museum

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema klassische Klaviermusik auch über die neue CD von See Siang Wong: Fantasia – Werke von Beethoven


 

Brekke & Olafsson: The Chess Saga Of Fridrik Olafsson

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Denkmal für eine Schach-Legende

von Ralf Binnewirtz

Mit Freude und Genugtuung dürften die schachbegeisterten Isländer, aber auch die meisten Schach(buch)freunde weltweit diese „Chess Saga of Fridrik Ólafsson“ begrüßen, die die rund 70 Jahre umspannende Schachlaufbahn von Fridrik Ólafsson erstmals für eine globale Leserschaft in Englisch darlegt.
Die Neuerscheinung basiert auf Ólafssons Partiesammlung aus dem Jahre 1976 mit lediglich 50 Partien, die in Altnorwegisch (Isländisch) verfasst war. Mit nunmehr 114 vorbildlich kommentierten Partien und vier Endspielen sowie einer reichhaltigen Bebilderung bildet das aktuelle Werk eine würdige Aufarbeitung von Ólafssons schachlichem Erbe.

The Chess Saga of Fridrik Ólafsson - Schach-Biographie - Rezensionen Glarean MagazinDer inzwischen 86-jährige Fridrik Ólafsson (GM-Titel 1958) hat seine Schacherfolge weithin als Amateur erstritten, allenfalls zeitweilig hat man ihn als Halb-Profi erlebt. Beruflich war er als Jurist tätig (u.a. 1968-74 als Beamter in der Isländischen Abteilung für Justiz und Kirche), 21 Jahre (ab 1982) war er Generalsekretär des isländischen Parlaments „Althingi“, zudem ist er als FIDE-Präsident mit kurzer Amtszeit (1978-82) in Erinnerung – über die Hintergründe seiner Nichtwiederwahl 1982 gibt Kap. 8 Auskunft. Sein Privatleben wird im Buch nur marginal gestreift, 1962 hat er Audus Juliusdóttir geheiratet, die ihm zwei Töchter schenkte.

Aufstieg zum Weltklassespieler

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Trotz der nachteiligen geografischen Insellage Islands reifte Ólafsson im Laufe der 50er Jahre zu einem starken Großmeister heran, der es bis in das WM-Kandidatenturnier 1959 in Bled/Zagreb/Belgrad schaffte, und der sich auch den gefürchteten Sowjetrussen häufig als ebenbürtig erwies. Ins Buch aufgenommene, teils glanzvolle Gewinnpartien gegen die Schachgrößen seiner Zeit zeugen von seiner enormen Spielstärke, die immer wieder aufschien, auch als längst andere Prioritäten Ólafssons Leben bestimmten.
Sein Spielstil war auf Angriff ausgerichtet, strategische Meisterstücke wie sein Sieg gegen Reshevsky 1963 ergaben sich selten. Vielmehr haben brillante Angriffssiege wie gegen Wade 1954, Eliskases 1960 oder Tal 1975, um nur wenige zu nennen, das Bild eines unerschrockenen Schach-Vikingers geprägt, der seine Anhänger begeisterte, und der als Nationalheld in Islands Geschichte eingegangen ist. „The legend will stay alive as long as the Icelandic people care for their history.“ (Gudmundur Thórarinsson in seinem Buch-Beitrag „Fridrik Ólafsson and His Achievements“)

Chronik einer Schachlaufbahn

Islands Grandsigneur des Schachs: Fridrik Ólafsson
Islands Grandseigneur des Schachs: Fridrik Ólafsson (geb. 1935)

Rund 95 Prozent des Buchs werden durch die Schilderung von Ólafssons schachlichem Werdegang – von 1946 bis 2016 – und von den Partien belegt. Diese Gesamtchronik ist in zehn Kapitel unterteilt, jedes Kapitel deckt eine mehr oder weniger lange Episode ab, in Abhängigkeit vom Umfang der schachlichen Aktivitäten und Ereignisse. Eingeleitet wird jedes Kapitel durch ein eigenes „Frontispiz“ mit Legende sowie einem 1-seitigen Text, der ein Resümee des betreffenden Zeitabschnitts gibt. Auch allen nachfolgenden Partien ist ein einführender Textabschnitt vorangestellt, somit gewinnt man durch die Lektüre sämtlicher Textbeiträge einen trefflichen Überblick über Ólafssons Schachkarriere. Die Turnierergebnisse und Matchresultate finden sich bei den Partien, gebündelt in der rechten/dritten Spalte des dreispaltigen Textsatzes. Verschiedentlich sind auch Turniertabellen aus zeitgenössischen Quellen reproduziert worden.

Hochklassig: Partien, Bebilderung, Ausstattung

52 der 114 Partien wurden von Ólafsson selbst präsentiert, gegebenenfalls bearbeitet/ergänzt von Co-Autor Øystein Brekke. Bei den restlichen Partien hat neben dem Letztgenannten eine Reihe weiterer namhafter Kommentatoren mitgewirkt. Die Kommentierung selbst ist durchweg ausgezeichnet, idealerweise geizt sie nicht mit verbalen Ausführungen und ist auch nicht zu variantenlastig, gelegentliche Computeranalysen wurden unauffällig integriert. Die Partien werden durch zahlreiche Diagramme aufgelockert und somit für die Leser leichter verfolgbar, dazu verleiht eine Vielzahl von historisch interessanten Fotos dem Band ein erfreulich abwechslungsreiches Innenleben. Von insgesamt 115 s/w-Abbildungen sind hier 20 erstmals veröffentlicht worden.
Dass man dieses liebevoll gestaltete Buch gerne zur Hand nimmt, ist auch auf seine gediegene Ausstattung (Hardcover-Edition, Druck auf Glanzpapier) und das gefällige quadratische Format (21,5 x 21,5 cm) zurückzuführen. Eine erhellende Leseprobe zum Partieteil sowie die beiden Vorworte von Gudni Jóhannesson und Øystein Brekke sind online verfügbar.


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Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das betr. Analyse-Fenster inkl. Download der Partie

Blick zurück auf „goldene“ Schachzeiten

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Das vorliegende Werk stellt schon insofern eine gewisse Ausnahme dar, als die meisten Schachbücher aus nordeuropäischen Ländern in ihren Landessprachen geschrieben werden und daher in der übrigen Schachwelt kaum Verbreitung oder Beachtung finden. Dieses Schicksal wird dem Ólafsson-Buch sicherlich erspart bleiben. Zudem bietet es mehr als eine reine Partiesammlung, es könnte auch lehrbuchmäßig als Leitfaden für die Angriffsführung gegen den feindlichen König genutzt werden. Und zu weiten Teilen entführt es seine Leser in eine vergangene Zeit, wo die Schachmeister noch nicht computerbewehrten Cyborgs ähnelten1). Hin und wieder lasse ich mich gerne in die alten Schachzeiten zurückversetzen, auch wenn diese nicht in allen Belangen golden waren… Sie vielleicht auch? ♦

1)Vgl. John Hartmann,“Garry Kasparov Is a Cyborg, or What ChessBase Teaches Us about Technology“, in: Benjamin Hale (ed.), „Philosophy Looks at Chess“, Chicago and La Salle, Ill. 2008, p. 39-63

Øystein Brekke, Fridrik Ólafsson: The Chess Saga of Fridrik Ólafsson, 288 Seiten, Norsk Sjakkforlag, ISBN 978-82-90779-28-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Legendäre Schachspieler auch über Viktor Kortschnoi: Meine besten Kämpfe


Literaturwettbewerb 2021 für Science Fiction Storys

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Ferne Welten – Andere Zeiten

Literatur-Wettbewerb - Ueberlicht 2021 - Science Fiction Ausschreibung - Modern PhantastikSo lautet das Motto der neuen Literaturausschreibung in der ostdeutschen Edition UEBERLICHT der Netz-Plattform Moderne Phantastik.
Gesucht werden unveröffentlichte SF-Geschichten im Umfang von 50’000 bis 99’000 Zeichen.

Verlangt ist „ursprüngliche Science Fiction, am liebsten Utopien“. Hinsichtlich Alter und Nationalität bestehen keine Einschränkungen.
Einsende-Schluss ist am 30. November 2021, hier können die weiteren Einzelheiten nachgelesen werden. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Science Fiction auch über den Technik-Visionär Isaac Asimov


See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Werke von Beethoven

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Virtuoses und farbenreiches Klavierspiel

von Mario Knöpfler

Bitte nicht noch eine Beethoven CD? Das Beethoven-Jahr 2020 im Rahmen seines 250. Geburtstages fiel wegen der Corona-Pandemie ins Wasser. Nun wurden, um den Jubilar zu ehren, die Feierlichkeiten bis 2021 verlängert. So präsentiert uns auch der Pianist See Siang Wong – nach einer beeindruckenden und umfangreichen Diskographie bei Decca und Sony – das erste Album seiner Beethoven-Trilogie, „Fantasia“, die er mit den „Fantasie“-Klavierwerken des Meisters gestaltet: Den beiden op. 27 Sonaten, der Fantasie op. 77, und – als Schlusswerk – der Chorfantasie op. 80.

Wong möchte uns vor allem unbekanntere Perlen des Komponisten näherbringen. Dass die Mondschein-Sonate op. 27/2 etwas aus dieser Dramaturgie herausfällt, stört nicht, da der chinesisch-schweizerische Konzertpianist See Siang Wong mit seiner höchst persönlichen Interpretation besticht.
So ist der Anfang der „Mondschein“ bei ihm nicht ein sentimentales Adagio mit Mondesschimmer, sondern wirkt wie eine düstere gespenstische Geisternacht. Die langsamen Triolen rauschen wehmütig wie der Wind über den Gräbern und die punktierten Rhythmen ertönen rau wie Todesglocken. Wong setzt dabei quasi buchstäblich die Anweisungen Beethovens um, für den ganzen Satz nur ein einziges Pedal zu nehmen – und das lässt sich hören: Die leicht dissonierenden Harmonien und Farben wechseln sich ab und bewirken, dass die Klänge melancholisch zu schweben beginnen. Es entstehen so unerhörte Klangfelder im Raum, die einen an eine fast impressionistische Klangsprache erinnern.

Donner und Blitz

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Als Kontrast interpretiert er den zweiten Satz leichtfüssig und spontan, wie ein Zwiegespräch. Ein kleines Intermezzo zwischen den zwei gross angelegten Ecksätzen, oder wie Liszt es so schön nannte: „Wie eine Blume zwischen zwei Abgründen“.
Nahtlos geht Wong dann „attaca“ über in den Prestissimo-Satz, mit stürmischem Drang und voller Energie. Plastisch wirkt seine Klavierkunst, und selten wurde das Finale mit so viel Donner und Blitz gehört und gespielt!

Betörend schlicht

See Siang Wong - Pianist - Glarean Magazin
Virtuoses und klangsinnliches Klavierspiel: „Fantasia“-Pianist See Siang Wong (Foto: SRF / Christoffel)

Die Sonate „Quasi una Fantasia“ op. 27.1 ist zu unrecht die weniger bekannte der zwei Sonaten. Beethoven hat sie noch mehr wie eine grosse Fantasia auskomponiert. Die vier Sätze gehen direkt ineinander über und machen das Werk in seiner Gesamtarchitektur zu einer der interessantesten Sonaten Beethovens.
See Siang Wong spielt die Sonate mit einer betörenden Schlichtheit und dem Verständnis für die Form und Struktur. So wirkt der erste Satz erfrischend neu und klar. Das Seitenthema mit punktierter Artikulation tönt in seiner Interpretation ungewöhnlich, keck und leicht wie einer Opernarie. Rossini schaut hierbei zu um die Ecke! Auch den anderen Sätzen zeichnen sich aus durch ein wunderbar sprechendes und farbenreiches Spiel, den Fantasia-Charakter der Sonate zurecht.

Virtuose Spielfreude

Ludwig van Beethoven am Klavier - Glarean Magazin
Beethoven am Klavier im Kreise von Adepten

Die Fantasia op. 77 ist vielleicht auf dem Album das kurioseste der Werke. So hat Beethoven diese selber an seinem legendären Akademie-Konzert vom 22. Dezember 1808 gespielt – ein Konzert, das mit einem Mammutprogramm von fünf Stunden (darunter das 4. Klavierkonzert und zwei Sinfonien sowie die Chorfantasie) eigentlich unmöglich war für das Publikum. Beethoven hat dabei die Fantasia improvisiert und danach aufgeschrieben. Sie ist wahrscheinlich die einzige wirklich überlieferte Improvisation Beethovens.
Wong kann den dramaturgischen Verlauf des Werkes nachempfinden und gestaltet die verschiedenen Variationen und Umspielungen des Themas mit viel Spielfreude und Virtuosität.

Dialogisierend und klangsinnlich

Ludwig van Beethoven - Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester - Anfang - Glarean Magazin
Ludwig van Beethoven: Anfang der Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester

Am Schluss ertönt die fulminante Chorfantasie op. 80. Sie hat eine unkonventionelle Besetzung mit Chor, Orchester und Klavier und war ein Fiasko bei der Uraufführung im Akademie-Konzert. Das Orchester geriet mit Beethoven als Solisten wegen eines Missverständnisses um eine Wiederholung völlig auseinander: Beethoven spielte sie, das Orchester nicht, ein grosser Tumult brach aus.
Da wäre Beethoven wohl vollends zufrieden gewesen mit der vorliegenden Einspielung, worin See Siang Wong gemeinsam mit dem RSO Wien und dem Wiener Singverein unter der Leitung von Leo Hussain wunderbar dialogisierend und mit viel Gespür für Klangsinn dem Text von Kupfer gerecht werden: „Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor, hat ein Geist sich aufgeschwungen, hallt ihm stets ein Geisterchor“. Einer der gelungensten Aufnahmen dieses Werks und eine schöne Krönung des ersten Teils von Wong’s Beethoven-Trilogie.
Zum Glück doch noch eine Beethoven CD! ♦

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Trilogy 1 mit Beethoven-Klaviermusik, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Wiener Singverein, Leo Hussain (Dirigent), Audio-CD RCA Red Seal (Sony Music)


Mario Knöpfler

Geb. 1957 in St.Gallen, langjährige Tätigkeit beim Schweizer Radio und Fernsehen als Redakteur und Produzent, lebt in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Beethoven auch über den Musik-Kalender 2020: Beethoven und ich

… sowie über Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern


 

Das Musik-Zitat der Woche von Irmgard Jungmann

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Musik und Geschäft

Irmgard Jungmann

In den letzten Dezennien ist ein rapide fortschreitender Konzentrationsprozess in der Medienindustrie und im Musikgeschäft zu beobachten. Die großen Vier heißen Universal, Sony-BMG, EMI und Warner. Norman Lebrecht beschrieb in seinem Buch „Aufstieg und Fall der Klassikindustrie“ in beeindruckender Weise den weltweiten Niedergang in der Sparte der Klassikindustrie. Während die Musikindustrie noch bis in die 70er Jahre hinein ihr großes Geschäft mit den Langspielplatten klassischer Musik machen konnte, sanken seither die Verkaufszahlen der Medienindustrie im Klassikbereich und haben seit den 90er Jahren einen Tiefstand erreicht.
Lebrecht listete einige Faktoren auf, die den Niedergang beschleunigt hätten. Vor allem habe die Überproduktion an Aufnahmen klassischer Werke den Markt so gut wie zusammenbrechen lassen (bis 1994 gab es beispielsweise 79 Aufnahmen von Dvoraks 5. Symphonie). Ebenso haben die Unzerstörbarkeit der CD in Kombination mit ihrer ausgefeilten Klangqualität sowie die Möglichkeiten des Internet die Absatzmöglichkeiten verringert. Zuletzt bezeichnet Lebrecht auch den Zustand der Avantgardemusik als einen Grund für die schwindenden Absatzzahlen im Klassiksektor und zitiert den ehemaligen Sony-Produzenten Michael Haas: „Letztendlich wurde die Klassik von den Komponisten im Stich gelassen. Ohne eine neue Musik, die intelligente, sensible Konsumenten hören wollten, blieb nur die Möglichkeit, das Vergangene wieder aufzuwärmen“.

Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik - Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert - J.B. Metzler VerlagAn diesem Punkt stehen wir heute. Neue „ernste“ Musik wird nur von einem kleinen Bevölkerungskreis aufgenommen und lässt sich kaum verkaufen. Sie fristet ein vergleichsweise kümmerliches Dasein im großen Weltmarkt der Musik, der Markt für traditionelle klassische Musik scheint mit der „Aufwärmung“ des immer Gleichen mehr oder minder gesättigt zu sein.
Die Musikkonzerne sind aber, da sie es mit künstlerischen Produkten zu tun haben, von den Medienexperten, den Künstlern, den Ausführenden ebenso wie den komponierend „Mischenden“, ihrem Erfindungsgeist, ihrer »Innovationskraft« abhängig.

Norman Lebrecht: Ausgespielt - Aufstieg und Fall der Klassikindustrie - Schott VerlagDie großen Marktchancen liegen inzwischen längst im Bereich der Popmusik, die ihre Fähigkeit zu musikalischer Entwicklung, zur Innovation, zum Experimentieren mit Althergebrachtem ebenso wie mit Neuem unter Beweis gestellt hat, die ohne die Behinderung durch ästhetische Bedenken Bach, die Gregorianik, Miminal Music, Indische Kunstmusik oder jede Art von Folklore verarbeiten kann und inzwischen längst neue Stile und Moden wie Rock, Rap, Techno, Hiphop geschaffe hat. In diesen Bereichen „spielt die Musik“. ♦

Aus Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik – Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert, J.B. Metzler Verlag, 260 Seiten, ISBN 978-3476022974

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klassik und Pop-Musik auch den Essay von Frieder W. Bergner: Das U und das E in der Musik

… sowie zum Thema E-Musik das Zitat der Woche von Ursula Petrik: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik

Außerdem zum Thema Klassische Musik das Musik-Zitat der Woche von Alexander Köhler: Stirbt die klassische Musik aus?

Weitere Web-Links zum Thema:


Das Sudoku-Quartett im Februar 2021

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Unbeschwerter Zahlen-Puzzle-Spass

Das Sudoku-Quartett hat im Glarean Magazin eine vieljährige Tradition. Auch im Februar 2021 stellen wir wieder vier interessante, aber nicht allzu schwierige Zahlen-Puzzles vor, damit auch Sudoku-Novizen auf ihre Kosten kommen. Wir wünschen ungetrübten Rätsel-Spass!

Sudoku 1-4 - Februar 2021 - Aufgaben - Glarean Magazin

Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

Hier können Sie die vier Sudoku-Rätsel auch online lösen:

Sudoku – Die Regeln

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Ein Sudoku besteht aus 9 x 9 Feldern, die zusätzlich in 3 x 3 Blöcken mit 3 x 3 Feldern aufgeteilt sind. Jede Zeile, jede Spalte und jeder Block soll alle Zahlen von 1 bis 9 jeweils genau einmal enthalten.
In ein paar der Felder sind bereits Zahlen vorgegeben. Bei einem Sudoku darf es nur eine mögliche Lösung geben, und diese muss rein logisch gefunden werden können.

Knobeln Sie im Glarean Magazin zum Thema Rätsel auch das Sudoku-Quartett im Dezember 2016

Auflösung —> (weiterlesen)

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Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams (Roman)

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Der Mensch, die traurige Maschine

von Alexandra Lavizzari

Der Schweizer Schriftstellerin und Dramatikerin Martina Clavadetscher ist mit „Die Erfindung des Ungehorsams“ eine literarisch beeindruckende Dystopie gelungen, deren formale Struktur auf wunderbare Weise den Inhalt widerspiegelt und ihm Akzente setzt. Wie schon bei ihrem Erstling „Knochenlieder“ lohnt es sich, den Roman gleich zweimal hintereinander zu lesen, oder, in diesem Fall zumindest, nochmals den ersten mit „I.“ überzeichneten Teil, der sich erst im Zusammenhang mit dem letzten Teil in seiner ganzen Schauderhaftigkeit erschließen wird.

Die Autorin Martina Clavadetscher macht dem Leser den Einstieg in ihre düstere Zukunftswelt nicht leicht, und man mag zu Beginn vielleicht vor lauter Rätsel über die virtuose Sprache hinweglesen, weil man sich allzu schnell im Text orientieren möchte.
Wer ist Iris, die mit Eric in einem Appartement in Manhattan lebt und den beiden geladenen Frauen Godwin und Wollestone ihre Geschichte heute unbedingt bis zum Kern erzählen will? Wer ist Ada, von der sie erzählt? Und wer sind ihre Schwestern, „all die Frauen da draußen, die wie Zeitbomben ihr Leben leben“?

Die Erfindung des Ungehorsams - Martina Clavadetscher - Roman - UnionsverlagDie Namen der Gäste liefern immerhin einen ersten Hinweis – Mary Shelleys Vater hieß Godwin und ihre Mutter Wollestonecraft. Mary Shelley, die im Sommer 1816 am Genfer See „Frankenstein“ zu schreiben begann, liefert denn auch eines der beiden Mottos von Clavadetschers Roman: “Ich habe es gefunden. Was mich entsetzt hat, wird andere entsetzen.“
Es, der künstliche Mensch und die mit dessen Erschaffung aufkommenden ethischen Fragen bilden, wie sich bald herausstellt, den Kern dieses komplexen Textes, um den Plot und Sprache in einer sich gegenseitig beleuchtenden Wechselseitigkeit kreisen.

Körperwelten

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Auf Iris in Manhattan folgt im zweiten Teil die Geschichte von Ling in der chinesischen Metropole Shenzhen, einer jungen, leicht autistischen Halbschwester von Iris, die in einer Sexpuppenfabrik arbeitet. Nach Arbeitsschluss trifft sie sich mit ihrer Adoptivgrossmutter Zea zum Ritual in der Pagode und isst Abend für Abend in derselben Imbissbude, bevor sie sich zu Hause den Film „Paradise Express“ zu Gemüte führt. Ihre Arbeit in der Fabrik besteht in der Messung und Prüfung der frisch gegossenen Silikonkörper; „ungewollte Überbleibsel der Gussgeburt“ werden weggebrannt und versiegelt, bis makellose Leiber daliegen und ihnen die Köpfe angeschraubt werden können. Spätestens bei diesen minutiösen Beschreibungen hat uns die Autorin in ihren Bann gezogen und tastet man sich mit zunehmender Faszination – aber auch Beunruhigung – durch das subtile Vexierspiel mit lebenden und leblosen Körpern.

Zeitreise ins viktorianische England

Geniale Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)
Mathematik-Genie und Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)

Zur Entwirrung der verschiedenen Erzählstränge trägt im dritten Teil eine Zeitreise ins viktorianische England bei. Clavadetscher lässt eine Sexpuppe, die Ling aus der Fabrik entwendet hat und als Gefährtin sozusagen adoptiert, die Biografie von Ada Lovelace erzählen, der legitimen Tochter Lord Byrons und Pionierin der modernen Informatik. Mit dieser interessanten Forscherin hat sich Clavadetscher schon in ihrem 2019 in Leipzig uraufgeführten Stück „Frau Ada denkt Unerhörtes“ befasst. Ada Lovelace ist ihr offenbar ein Anliegen.

Prosastück im Roman

Bei der Lektüre dieses dritten Romanteils kann man sich des Eindrucks denn nicht ganz erwehren, dass es sich um ein ursprünglich eigenständiges Prosastück handelt, das die Autorin dann mit neuen, in der Gegenwart spielenden Kapiteln zu einem Roman erweitert hat. Ada Lovelaces Biografie steht nämlich abgerundet und in sich geschlossen da. Wir erfahren alle wesentlichen Fakten und Etappen ihres Lebens von den Mädchenträumen bis zum frühen Krebstod, wo die Beschränkung auf Forschung und kühnen Zukunftsvisionen dem Bruchstückhaften der andern Frauenleben in den Rahmenkapiteln vielleicht besser entsprochen und so dem Roman eine überzeugendere Einheit verliehen hätte.

Ada Lovelace

Differenzmaschine von Ada Lovelace' Freund Charles Babbage - Glarean Magazin
Differenzmaschine von Ada Lovelace‘ Freund Charles Babbage

Seit Kindheit von Maschinen jeglicher Art fasziniert, wollte die mathematisch hochbegabte Ada mit zwölf Jahren eine Flugmaschine erfinden, doch erst fünf Jahre später erlaubte ihr die Begegnung und Freundschaft mit dem Mathematiker Charles Babbage, ihr Zahlenwissen mit der Zukunftsvision vom Potenzial einer „analytischen Maschine“ zu verbinden und darüber zu schreiben. Babbage arbeitete gerade an einer „Differenzmaschine“ und bat Ada, einen französischen Artikel darüber ins Englische zu übersetzen. Eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten war Frauen damals verwehrt, aber Ada ließ sich nicht abschrecken, sondern ergriff die Gelegenheit, ihre eigenen Gedanken zum Übersetzten beizusteuern.
Es entstanden acht „Notizen“, dreifach so lang wie der Artikel selbst, aus denen ersichtlich wird, dass Ada weit über die blossen numerischen Möglichkeiten der Maschine hinaussah. Die Maschine könnte Musiknoten produzieren, argumentierte sie, auch Buchstaben und Bilder, warum nicht? Und weiter: Die Maschine könnte sprechen! Der Schritt zur selbstständig denkenden und handelnden Maschine, also zu Frankensteins Kreatur, wie sie sich Mary Shelley ausgedacht hat, ist theoretisch denn nur noch ein winziger.

Kernfrage Herkunft

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Womit wir wieder bei der erzählenden Sexpuppe sind und schließlich im letzten Kapitel zurück bei Iris in Manhattan landen, die… Doch nein, es werde hier nicht verraten, welche Bewandtnis es mit ihr hat. Bloß sei hingewiesen, dass der Text als Ganzes wie eine Zwiebel angelegt ist – „Hülle über Hülle über Hülle über Kern“, und dass diese Struktur auch Clavadetschers Kernthema illustriert: die Frage der Einmaligkeit des lebenden Körpers im Gegensatz zum identisch wiederholbaren des künstlichen.
Nicht nur die Sexpuppen in der chinesischen Fabrik können ad infinitum aus derselben Gussform kreiiert werden, wird uns gezeigt, sondern auch der Mensch hat seine eigene Gussform, eine biologische Herkunft, die er als Urbild mit sich herumträgt und weitergibt. Jeder Mensch ist ein neues eigenständiges Wesen, eine neue Hülle sozusagen, aber zugleich auch nur das provisorische Endglied in der Kette des sich ständig wiederholenden unzähmbaren Lebens.

Spiegelungen über Raum und Zeit

Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher
Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher

Diese Wiederholbarkeit wird im Roman geschickt durch Bild- und Situationsspiegelungen über Raum und Zeit dargelegt und steuert letztlich auf den verstörenden Zweifel zu, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen künstlichen und menschlichen Wesen gibt. Und dieser Zweifel führt seinerseits zur Frage, was das für eine Welt wäre – oder ist -, in der identische Wesen kein Gefühl der eigenen Identität entwickeln können, weil sie in der Gegenwart des Andern doch nur ins eigene Gesicht blicken.
Ja, was wäre – oder ist – das für eine Welt? Wer eine Antwort sucht, der lasse sich von Martina Clavadetschers Sprachgewalt mitreissen und gehörig überraschen. ♦

Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams, Roman, 288 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-00565-5


Alexandra Lavizzari - Glarean MagazinAlexandra Lavizzari

Geb. 1953 in Basel, Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft, Verschiedene belletristische, kunstgeschichtliche, übersetzerische und literaturkritische Publikationen in Büchern und Zeitungen, lebt als Autorin und Malerin in Somerset/GB


Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren

… sowie zum Thema Schweizer Autorinnen über Isabelle Stamm: Schonzeit (Roman)


Julian Barnes: Der Mann im roten Rock (Biographie)

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Biographie oder Kulturgeschichte?

von Isabelle Klein

Ob einem dieses Werk, das sicherlich gut geschrieben und eloquent daher kommt, nun gefällt oder doch eher nicht, ist vor allem von einem abhängig: Was erwartet man von einem Buch, dessen Hauptaugenmerk „Der Mann im roten Rock“, sprich – erwartungsgemäß mehr oder weniger – eine Biographie sein sollte? Diese Frage sollte man sich im Vorfeld besser stellen.

Für mich war quasi selbsterklärend: Ich lese hier eine geistreiche Biographie, deren Ziel es ist, sich Dr. Samuel Pozzi, einem zeitgenössischen Star anzunähern. Selbigen also in den Mittelpunkt der Betrachtung der rund 300 Seiten starken Lektüre gestellt zu sehen.
Weit gefehlt – ob nun meine Erwartung oder der Aufbau dafür verantwortlich ist, sei dahingestellt.

Literaturwissenschaftliches Geflecht

Klar ist nur, dass sich Julian Barnes, zumindest für meinen Lesegeschmack, vergaloppiert. Während man wartet, mehr über den Mann im roten Rock, sein Leben, sein Wirken, sein Inneres und seine Lebensstationen zu erfahren, wird man zunächst erst einmal recht unvermittelt in einen wilden Gedankenfluss rund um zeitgenössische Skandalliteratur (Hysmans „A Rebours“, zu Deutsch: „Gegen den Strich“) geworfen. Hier wird die fiktionale Figur des Jean Floressas des Esseintes dem Grafen de Montesquiou nachempfunden, dieser ist wiederum ein guter Freund Pozzis.

Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi
Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi (1846-1918)

Und so befinden wir uns mitten in einem Belle-Epoque’schen und literaturwissenschaftlichen Geflecht, das über den Kanal schwappt und gerne und unerhört oft, zumindest für mein Empfinden, über des Esseintes und seine Umsetzung in Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ schwadroniert. Und sich darin ausufernd und lamentoartig verliert. Klatsch, v.a. der sexuellen Art – Dekadenz, Duelle und Dandytum sind Programm!

Simples Aneinanderreihen von Belanglosigkeiten

Erwarten Sie, sich bei all dem Pozzi auch nur ansatzweise mal über mehrere Seiten anzunähern? Fehlanzeige. Selbiges geschieht auf gelungene Art und Weise über das Aufzählen belangloser Tatsachen (Ehe, Betrug an selbiger) hinaus erst im letzten Drittel durch die Betrachtung der Tagebucheinträge seiner Tochter Charlotte (wobei der Wahrheitsgehalt fraglich scheint).
Ansonsten bleibt das Ganze, was es ist – ein Tableau vivant, ein Aneinanderreihen von allem, was Rang und Namen in der Belle Epoque hat, zu beiden Seiten des Kanals. Namedropping par excellence, und zwar ein wüstes. Und wieder bleibt die Frage: Sollte man nicht eine besondere Beziehung zu dem Sujet herstellen?
Sollte man sich Sargents Darstellung als auch seinem Werk nicht genauer annähern, als nur Bilder über 300 Seiten aneinanderzureihen? Und süffisant von roten Kordeln als Zeichen eines gewiss beeindruckenden Körperteils eines Stieres zu schwadronieren?

Ohne Punkt und Komma

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Und all das dann auch noch ohne Punkt und Komma. Soll heißen, das Buch weist keinerlei erkennbare Gliederung und Struktur auf. Kapitel? Wer braucht das bei so viel Expertise? Quellennachweise? Dito. Zitate werden gleichfalls nicht belegt. Eine Art Literaturverzeichnis findet man nur hinten in Form von Literaturhinweisen zur deutschen Ausgabe – ganz und gar nicht zufriedenstellend für meinen Geschmack.
Beispielsweise hätte ich auf Seite 51, wenn Barnes auf Queen Victorias „treue Witwenschaft“ verweist, als Fan Viktorianischer Geschichte gerne einen Beleg. Denn sowohl zu Schulzeiten als auch bei weiterführender Lektüre habe ich gelernt, dass Lytton Stracheys erzkonservatives Bild der treuen Witwe eben schon lange widerlegt ist.

Tratsch und Klatsch der Belle Epoque

„Eine Biographie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden, und das gilt nirgends mehr als beim Sex- und Liebesleben“, so Barnes. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass zu Pozzis Lebensende seine getrennt lebende Ehefrau und seine Tochter alle privaten Zeugnisse vernichtet haben, die einen Einblick gegeben hätten, ist es nahezu unmöglich, ein tiefschürfendes Bild von Pozzis Seelenleben zu zeichnen. Und doch bleibt der Autor zu sehr seinen Exkursen verhaftet. Erst am Ende beschreibt er, was für ihn den Reiz des Sujets Pozzi ausmachte.

Karikatur von Adrien Barrère - Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi) - Glarean Magazin
Karikatur von Adrien Barrère: Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi)

Dies versöhnt etwas und öffnet im Nachwort den Blick auf einen außergewöhnlichen Mann, der in heutigen Zeiten des Nationalismus diesen damals zu überwinden versucht hat. Etwas zu fein nuanciert und während der Lektüre nur zu erahnen, hätte es mehr in Worte gefasst werden müssen. Die persönliche Verbindung zu Pozzi bleibt so im Unklaren. Wenngleich oberflächlich einiges von seinem v. a. beruflichen Wirken und Werdegang natürlich abgehakt wird.
Immer wenn man ansatzweise den Eindruck hat, Pozzi irgendwie fassen zu können, entgleitet er wieder ins Dickicht der vielen belanglosen Fakten, die in diesem Umfang, in diesem Werk, so nicht gebraucht werden. Krankt dieses Werk an einer gewissen Selbstverliebtheit infolge überzogener Selbstdarstellung des Autors?

Ein Meister der Ironie

Trotz versöhnlicher Noten gegen Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack. Hätte ich eine Monographie über Oscar Wildes Dorian Gray und die Frage lesen wollen, ob dies nun eine abkupferte Variante von Hysmans „Gegen den Strich“ ist, hätte ich eben nicht zu „Der Mann im roten Rock“ gegriffen. Hätte mich die Belle Epoque in erster Linie mit all ihrem Glanz, ihrem Klatsch, ihren sexuellen Ausschweifungen, ihrem Dandytum und all ihren illustren Namen gereizt, hätte ich einen Bildband gewählt.

Julian Barnes - Schriftsteller - Glarean Magazin
Julian Barnes (*1946)

Sicherlich weiß Julian Barnes, worüber er schreibt, und er ist ein Meister der Ironie und der unterhaltsamen Seitenhiebe – doch letztlich hat er, so wie er dieses Buch konzipiert, für mich das Ziel verfehlt, dem Leser die illustre Gestalt des Dr. Samuel Pozzi nahezubringen. Und so haucht auch unser Star sein Leben wie viele andere als Folge eines geglückten Attentats oder misslungenen Duells aus.

Zu viel zu unstrukturiert in zu wenige Seiten gepackt – so das Fazit. Eine verwirrende, da gedanklich nicht immer nachvollziehbare Lektüre, die meist zäh mäandert, um dann wieder wüst auszuschlagen. Letztlich eine Frage der Erwartung, die der Leser an dieses Buch stellt. Für mich ein ermüdendes Unterfangen, das nur zu sehr zum Querlesen anregt.

Zur deutschen Ausgabe: Kiepenhauer & Witsch gibt ein hochwertig aufgemachtes Buch heraus – dem nur eines fehlt: ein rotes Lesezeichen. ♦

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock, Biographie, 298 Seiten, Verlag Kiepenhauer & Witsch, ISBN 978-3-462-05476-7

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Biographien auch über den Arzt Albert Schweitzer von Claus Eurich: Radikale Liebe


Musik-Psychologie: Chorgesang und kognitive Fähigkeiten

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Chorsingen fördert emotionale und intellektuelle Kompetenzen

von Walter Eigenmann

Die positiven neurologischen Effekte des Musizierens mit einem Instrument sind in der Kognitionswissenschaft umfangreich untersucht und breit belegt: Aktives Instrumentalspiel kann die kognitive Flexibilität verbessern, d.h. die Fähigkeit, den Fokus zwischen verschiedenen Denkprozessen zu regulieren und zu wechseln.
Die kognitiven Vorteile des Chorsingens hingegen wurden bisher von der Forschung vernachlässigt. Dies ändert sich nun mit einer Studie der Universität von Helsinki, die kürzlich in der Zeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde. Sie gibt klare Hinweise darauf, dass der Chorgesang ähnliche Vorteile wie das Spielen eines Instruments mit sich bringt.

Die Ergebnisse der Forscher um die finnische Psychologin und Therapeutin Emmi Pentikäinen zeigen, dass gerade ältere Sänger/innen eine bessere verbale Flexibilität hatten als jene Teilnehmer der Kontrollgruppe, die das Chorsingen nicht als Hobby hatten. Dabei gilt als erwiesen, dass verbale Flexibilität auch eine bessere kognitive Flexibilität widerspiegelt.

Chorgesang - Singen im Verein - Dirigent mit Sängerinnen und Sängern - Chorkonzert auf der Bühne - Glarean MagazinDamit unterstützen die neuen Erkenntnisse aus Helsinki die entspr. früheren Ergebnisse: „Chorgesang hat vergleichbar positive Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen zumal älterer Menschen wie das Instrumental-Spiel. Und unsere entspr. Befunde erweitern unser Verständnis darüber, wie verschiedene Aktivitäten auch im späteren Leben die Kognition beeinflussen können“, meint Pentikäinen.

Stärkeres Sozialgefühl dank Chorsingen

Die Studie untersuchte weiter den möglichen Nutzen des Chorsingens für das emotionale sowie das soziale Wohlbefinden älterer Menschen. Dabei zeigte die Auswertung entspr. Fragebögen, dass diejenigen, die über einen längeren Zeitraum (mehr als 10 Jahre) in einem Chor gesungen hatten, ein größeres soziales Zusammengehörigkeitsgefühl empfanden als jene mit weniger oder überhaupt keiner Erfahrung im Chorsingen.

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Interessant in diesem Zusammenhang: Jene Studienteilnehmer, die vor weniger als 10 Jahren mit dem Chorsingen begonnen hatten, waren insgesamt zufriedener mit ihrem Gesundheitszustand als diejenigen mit längerer Gesangserfahrung oder diejenigen, die nicht in einem Chor sangen. Pentikäinen dazu: „Es ist möglich, dass die Menschen, die später im Leben einem Chor beigetreten sind, dadurch die Motivation gefunden haben, ihre Gesundheit durch einen aktiven und gesunden Lebensstil zu erhalten. Andererseits könnten sich die Beziehungen und sozialen Netzwerke, die durch die Chorzugehörigkeit bei denjenigen, die länger dabei waren, als fester Bestandteil ihres Lebens etabliert haben; daher auch das verstärkte Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit.“

Chorgesang erfordert komplexe Informationsverarbeitung

Ein Gespann, das die Wissenschaft immer wieder beschäftigt: Die Musik und das Gehirn
Ein Gespann, das die Wissenschaft immer wieder beschäftigt: Die Musik und das Gehirn

Das Altern bringt Veränderungen der kognitiven Funktionen sowie der physischen und sozialen Umgebung des Einzelnen mit sich, die sich alle auf sein Wohlbefinden auswirken. Und da die Bevölkerung immer älter wird, wird es immer wichtiger, Wege zur Verbesserung des Wohlbefindens und der Lebensqualität älterer Erwachsener zu finden. Laut Pentikäinen bietet nun gerade der Chorgesang eine gute Möglichkeit, das Wohlbefinden älterer Menschen zu unterstützen, da es flexible exekutive Funktionen und die Regulierung der Aufmerksamkeit erfordert:

„Chorsingen ist in der Praxis einfach und mit geringem Aufwand zu betreiben. Es ist eine Aktivität, die eine vielseitige Informationsverarbeitung erfordert, da sie die Verarbeitung verschiedener sensorischer Reize, die Motorik im Zusammenhang mit der Stimmproduktion und -kontrolle, die sprachliche Leistung, das Erlernen und Einprägen von Melodien und Texten sowie die Emotionen, die durch die gesungenen Stücke geweckt werden, kombiniert“, halten die Forscher fest. ♦

Lesen Sie zum Thema Musik-Psychologie auch über: Musik und Gefühle (Neurowissenschaftliche Studie)

… sowie zum Thema Musik und Alter: Handbuch der Seniorenchor-Leitung


Werner K. Bliß: Im blauen Land (Vier poetische Orte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Im blauen Land

Vier poetische Orte

Werner Bliß


ödön

aufbruch
zum see auf
eichengesäumter allee
erspüren dramatischer w:orte
von horváth

kein gewitter im anzug
in der jackentasche
das notizbuch

Niemand prophezeit uns
eine italienische Nacht oder
das bedeutendste ereignis
unseres lebens

das
endgültigste

See - © Werner Bliss - Glarean Magazin
Goldenes Glück - © Werner Bliss - Glarean Magazin

bucht 27

ein hündchen spielt dem
fremden ein lächeln
ins gesicht

der weißwein am
nebentisch löst
die zunge

das wort jahrhundert-
wende fällt wir
verstummen
halten inne

der ausflugsdampfer pflügt
konzentrische kreise
goldenes glück
am sonnigen
spinnenfaden

aus herzogin annas bilderbuch

für Izabella und Florian

fernab
der welt
dem zeitgeist

hufschläge der kindheit

zurückblättern
der seiten anhalten
abgeschabtes neu bebildern
beschriften wortbilder von hinten
aufzäumen galoppwechsel
im grünen veltliner
trinken

eine volte für die kartoffel im
handgedrehten knödel eine
piaffe für die biersoße
versammlung
finden

vom biergarten
den heimgarten
wagen

Kindheit - © Werner Bliss - Glarean Magazin
Das Unerhörte - © Werner Bliss - Glarean Magazin

schwaiganger zwai

war es des wallachs
wiehern war´s der
geruch am
pferdehals
die hand
erzählt dem
mähnenhaar
vom
schweiß
vom stolz
vom unerhörten


Werner Bliss - Schriftsteller - Glarean MagazinWerner K. Bliß

Geb. 1950 in Schiltach/D, Studium der Chemie und Mathematik, anschließend jahrelang als Pädagoge tätig, zahlreiche Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern, Zeitschriften und Online-Portalen, verschiedene Bilder- und Objekt-Ausstellungen, lebt als Autor und Künstler in Hausach/D

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Lyrik auch das „Gedicht des Tages zum Jahreswechsel 2020/21“ von Johann W. von Goethe: Dauer im Wechsel

… sowie zum Thema Neue Gedichte von Tanja Dückers: Lacrimosa


Charité – Staffel 3 der ARD-TV-Serie

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Menschlich glaubwürdig gestaltet

von Katka Räber

Arzt-Serien haben berechtigterweise nicht nur einen guten Ruf, wenn es um die früheren Götter in Weiß geht. Ein Krankenhaus ist aber, ähnlich wie ein Hotel oder eine Schule, ein idealer Ort für immer wieder neue Schicksale und spannende Begegnungen, die nicht nur Klischees bedienen müssen. In der ARD-Serie über das 300-jährige Berliner Krankenhaus Charité wurde kein fiktives Spital gewählt, sondern ein besonders geschichts- und geschichtenträchtiges.

Die „Charité“-Serien-Filme weisen eine hohe filmische und schauspielerische Qualität auf und vor allem sehr viel dokumentiertes, historisches Potential. Die ersten beiden Staffeln spielten sich ab in den Jahren 1888 und dann in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges.
Die Ereignisse der 3. Staffel konzentrieren sich auf die Monate vor und nach dem Mauerbau 1961, und sie widerspiegeln sehr eindrücklich die Atmosphäre der geteilten Stadt und die Stimmung der Menschen in der DDR. Dadurch bietet die Serie nicht nur spannende Unterhaltung anhand von menschlichen Schicksalen, sondern auch historische, politische Dokumentation.

Geschichtlich eindrückliche Fall-Beispiele

Charité Film-Kritik - Medizin inmitten politischer Umbruchzeiten - Rezensionen Glarean Magazin
Medizin inmitten politischer Umbruchzeiten: Die Charité zu Zeiten des Berliner Mauerbaus

Die Protagonisten sind nicht nur fiktives Personal, sondern es werden echte, berühmte Persönlichkeiten der Wissenschaft dargestellt. Der damalige Stand der Medizin wird durch eindrückliche Fallbeispiele gezeigt und durch die politische Situation sehr interessant dramaturgisch auch auf der Gefühlsebene wiedergegeben. Wir folgen den Tatsachen, dass z.B. erst 1960/61 die Polio-Impfung erfunden und gegen die Kinderlähmung parallel im Westen und in der Sowjetunion entwickelt wurde. Die Impfung wurde im Ostblock sogar früher als im Westen großflächig eingesetzt, was man hier durch einen Krankheitsfall vorgeführt bekommt.

Wir werden Zeugen von vielen anderen Krankheitsverläufen, an denen man beispielsweise zeigt, dass die Planwirtschaft oft Wichtiges verpasste und dadurch z.B. Einweghandschuhe Mangelware waren oder dass es manchmal zu verheerenden Engpässen in der Lieferung von Penicillin kam.
Sehr interessant ist der Bezug zur heutigen Corona-Situation, was das Impfen betrifft. Auch in unserer Zeit wird der medizinische Fortschritt mit der Politik verwoben, es gibt Engpässe in der Versorgung mit Gesichtsmasken, und auch die Verteilung vom Impfstoff ist im Moment ein Politikum.

Politische Einmischung in die Medizin

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Im Zusammenhang mit dieser Serie war ich neugierig auf historische Tatsachen, die die Charité betreffen. Nach dem Krieg war die Klinik zu 90 Prozent zerstört und wurde in der DDR wieder aufgebaut. Die Stasi beteiligte sich maßgeblich am Aufbau des Charité-Personals und fürchtete den Verrat von Forschungsgeheimnissen an den sogenannten Klassenfeind. Daher mischte sich das Ministerium für Staatssicherheit nach Mitbestimmung ein, wenn es darum ging, wer Karriere machen durfte oder wer überhaupt für Auslandsreisen an Kongresse in Frage kam. Es war ja nicht möglich, aus der DDR auszureisen.

Medizin-Koryphäe und Polit-Vertuscher - Otto Prokop - Glarean Magazin
Medizin-Koryphäe und Polit-Vertuscher: Gerichtsmediziner Otto Prokop

Zwei der Hauptprotagonisten der Serie, wie z.B. der österreichische Gerichtsmediziner Prof. Otto Prokop und die Kinderärztin und Neonatologin Dr. Rapoport sind beide auch mit dieser Thematik konfrontiert. Prokop war als Gerichtsmediziner auch für die Obduktionen der Todesopfer an der Berliner Mauer zuständig und trug durch sein Schweigen dazu bei, dass es der DDR gelang, Todesumstände und Todesursachen der Maueropfer zu vertuschen. Nach außen legte er aber Wert auf politische Unabhängigkeit und war nie Mitglied in einer Partei.
Die Kinderärztin Ingeborg Rapoport war Mitglied in der SED und sehr überzeugt von der Ideologie, die sie auch nach dem Mauerfall noch verteidigte. Ihr bewegtes Schicksal wäre auch einen Film wert.

Die Kombination des Menschlichen mit der damals so dramatischen politischen Realität des Kalten Krieges und der medizinischen Entwicklung macht die glaubwürdig gestaltete Serie hoch spannend und sehenswert. ♦

Charité – Geschichten von Leben und Tod, TV-Serie, Sender ARD

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Politik und Film auch über Julia von Heinz: Und morgen die ganze Welt


 

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Unverwüstlicher angelsächsischer Optimismus

von Bernd Giehl

Der Bestsellerautor Matt Haig hat ein neues Buch in Deutschland veröffentlicht. Bisher hat Haig, 1975 in Sheffield/England geboren, 11 Bücher in deutscher Übersetzung auf den Markt gebracht. „Die Mitternachtsbibliothek“ (The Midnight Library) ist sein zwölftes.
Viele seiner Romane sind im Raum der Phantastik angesiedelt. Haig bekennt sich zu seiner Diagnose „Depression“. Dass er die Krankheit kennt, spürt man in der „Mitternachtsbibliothek“.

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, Droemer VerlagAls ich anfing, das Buch zu lesen, wunderte ich mich bald. Es war die Sprache. Mehr wusste ich nicht. Aber ich las nur ein paar Seiten. Mein eigener Roman, an dem ich gerade schrieb, brauchte all meine Aufmerksamkeit.
Als ich nach ein paar Tagen weiterlas, kam die Verwunderung wieder. Eigentlich war sie tief abgesunken. Ich hatte schließlich zu tun; Sie erinnern sich. Ein langes Kapitel meines Romans hatte von Leben und Tod gehandelt, und ums Leben oder Sterben dreht es sich auch in der Mitternachtsbibliothek“. Nur dass die Heldin „freiwillig“ in den Tod geht, weil ihr Leben von einem „Schwarzen Loch“ angezogen wird. Falls es denn so etwas wie „Freiwillig in den Tod gehen“ gibt.

Den Pflegekräften im Gesundheitswesen gewidmet

Haigs Roman ist ein Zitat von Sylvia Plath vorangestellt, der amerikanischen Dichterin und Ehefrau von Ted Hughes, die vor allem durch ihr kurzes Leben voller Unglück und ihren anschließenden „Freitod“ berühmt geworden ist. Ihre Lyrik ist kompliziert. Ted Hughes hat ihr einen wunderbaren Gedichtband gewidmet: „Birthday Letter“. Wer ein solches Zitat voranstellt, stellt sich einem hohen Anspruch.
Außerdem gibt es auch noch eine Widmung „Für alle Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Und für die Pflegekräfte. Danke.“ Das klingt anders. Sehr anders. Hat das etwas mit dem Roman zu tun?

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Aber das nur am Rand. Zunächst sieht es ja auch ganz danach aus, als könne der Autor den Anspruch des Plath-Zitats erfüllen. „Neunzehn Jahre, bevor sie starb, saß Nora Seed in der kleinen, warmen Bibliothek der Hazeldine Schule in Bedford. Sie saß an einem niedrigen Tisch und starrte auf ein Schachbrett.“
Das nächste Kapitel beginnt mit fast den gleichen Worten: „Siebenundzwanzig Stunden bevor sie beschloss zu sterben, saß Nora Seed auf ihrem schäbigen Sofa, scrollte sich durch die glücklichen Leben anderer Menschen und wartete darauf, dass irgendetwas passierte.“ „Variation eines Leitmotivs“ nennt man so etwas in der Musik.

Locker-coole Sprache

Aber dann liest man weiter und wundert sich erneut. Gut, hier wird vom gewöhnlichen Unglück einer nicht mehr ganz jungen Frau erzählt, die vor kurzem ihre Hochzeit hat platzen lassen. Ihre Katze ist gerade überfahren worden und ihr Bruder hat nicht bei ihr vorbeigeschaut, als er einen Freund in der Stadt besucht hat. Man kann verschiedener Meinung sein, ob das Gründe sind, sich das Leben zu nehmen. Aber darauf kommt es auch weniger an. Eine alte Kritiker-Weisheit sagt: Wichtig ist die Sprache, die einer schreibt. Notfalls kann er dann auch einen beliebigen Tag mit eher langweiligen Menschen in Dublin beschreiben, die durch die Stadt ziehen und sich auch einmal begegnen. Ereignisloser als der „Ulysses“ sind wenige Romane.

Matt Haig - Schriftsteller - Glarean Magazin
Matt Haig (*1975)

Es dauerte also einige Zeit, ehe ich mich an Haigs Sprache gewöhnt hatte. Zuerst dachte ich: Matt Haig hat das Buch für Jugendliche geschrieben. So locker und „cool“ kommt es daher. Aber dann habe ich gelesen, dass Nora Seed ja schon 35 ist. Für einen Jugendlichen ist das jenseits von Gut und Böse.
Im Kapitel „Antimaterie“ ändert sich dann der Ton. Da geht Mattis näher ran, und aus der Plastiksprache mit Soundeffekten wird etwas anders: ein Autor, der sich in die Verzweiflung seiner Protagonistin einzufühlen beginnt. Erst recht passiert das im Kapitel „Das Buch des Bereuens“, das Nora Seed, die nun in die „Mitternachtsbibliothek“ eingetreten ist und ihre alte Schulbibliothekarin Mrs. Elm wiedertrifft, als erstes in die Hand nimmt. Da stehen all die Dinge drin, die sie im Lauf ihres Lebens getan und später gern ungeschehen gemacht hätte, von den Kleinigkeiten bis zur Entscheidung, ihren Freund Dan nicht zu heiraten.
Für einen Jugendlichen oder eine Leserin von Frauenromanen ist das gut geschrieben, aber wer jemals den „Stiller“ oder gar „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch gelesen hat, kennt andere, „modernere“ Möglichkeiten, das Thema zu beschreiben.

Philosophische Massentauglichkeit

An der Sprache hätte Matt Haig also ruhig noch etwas arbeiten können Allerdings wäre das Buch dann nicht mehr massentauglich geworden und bei Droemer erschienen, sondern bestenfalls bei Hanser. Vielleicht auch nur in einem anspruchsvollen Kleinverlag wie Stroemfeld/Roter Stern. (Natürlich bezogen auf die englische Verlagslandschaft, die ich aber nicht kenne.) Und Übersetzungen wären natürlich auch nicht drin gewesen. Man muss sich eben entscheiden, was man will. Da der Autor vorgibt, Nora sei Philosophin und habe sich ausgiebig mit Henry David Thoreau und dessen Buch „Walden“ beschäftigt, einer Studie über selbstgewählte Einsamkeit in den Wäldern von Massachusetts, das er 1845 schrieb, würde ein Roman in einer hochliterarischen Sprache sicher passen.

Dem Leser einfach gemacht

Die Bibliothek - Büchersammlung - Der Ort der vielen Leben - Glarean Magazin
Der Ort der vielen Leben: Die Bibliothek

Aber Matt Haig will mehr. Deshalb macht er es dem Leser einfach. Er lässt Nora an der Schwelle zwischen Leben und Tod in einer Bibliothek landen, die nur ein einziges Buch in unzähligen Variationen enthält: das Buch ihres eigenen Lebens. Eins davon ist das „Buch des Bereuens“, die anderen enthalten ihr Leben als Olympiateilnehmerin (sie war eine englische Spitzenschwimmerin), als Gletscherforscherin in der Arktis (das war einmal ihr Traum) als Frau eine Pub-Betreibers (Dans Traum), als Besitzerin einer Katze. Aber jedes Mal scheitert dieses Leben.

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Auf Spitzbergen, wo sie Eisberge erforscht und einem Eisbären begegnet, der sie als Mittagessen betrachtet, dem sie aber entkommt, trifft sie Hugo, der – wie sie selbst – eine Reise durch seine eigenen möglichen Leben macht. Selbstverständlich glaubt Nora, er sei für sie bestimmt. Sie befindet sich schließlich im Buch eines Bestseller-Autors.
Aber natürlich bleibt auch er nicht, denn Nora muss weiter; diesmal als Musikerin, und wenn der geneigte Leser gehofft hatte, dass sie diesmal als Mitglied einer Garagenband vor dreißig Leuten auftritt und dabei glücklich wird, wird er natürlich enttäuscht. Sie findet sich in ihrer alten Band „The Labyrinthians“ wieder, und die spielen vor zehntausenden begeisterten Zuhörern in Sao Paulo. Am nächsten Tag wird es weitergehen nach Rio. Danach steht Asien auf dem Tourneeplan.
Jetzt weiß der Leser zwar immer noch nicht, welches Leben sich Nora wünscht, aber die Träume von Matt Haig kennt er dafür umso besser.

Es gibt kein wahres Leben im falschen

An diesem Punkt hätte ich beinah aufgehört zu lesen. Es waren zwar immer noch 120 Seiten bis zum großem Finale, aber ich war erst einmal bedient. Das Thema gefiel mir, aber ein Buch ist mehr als eine These oder ein Thema. Ich hätte also aufgegeben, so wie Nora Seed – aber in dem Moment schien der Autor zu spüren, dass er es zu weit getrieben hatte. Er lässt sie noch einmal in die Bibliothek zurückkehren, die sie in ihrem Zorn fast zerstört, und hernach sind es „normale“ Leben, die sie ausprobieren darf: Als Besitzerin einer Hundezucht, als Ehefrau eines kalifornischen Winzers – und schließlich in einem zusammenfassenden Kapitel alle nur erdenklichen Leben. Nur jenes der Geisha fehlt in der Aufzählung, aber das kann Haig in der nächsten Ausgabe ja noch hinzufügen.

Philosoph Theodor W. Adorno - Es gibt kein wahres Leben im falschen - Glarean Magazin
Philosoph Theodor W. Adorno: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“

Doch die wirkliche Erkenntnis, die Matt Haig uns durch Nora Seed verkünden lässt, lautet: „Es gibt kein wahres Leben im falschen.“ Verzeihung, da habe ich mich wohl bei den Philosophen vergriffen. Adorno wird von ihr ja nicht einmal erwähnt. Und da Haig nun einmal dem Pessimismus abgeschworen hat, muss ich es so formulieren: Es gibt nur ein wahres Leben, und das ist jenes, das du gerade lebst. Dementsprechend stürzt die Mitternachtsbibliothek in dem Moment ein, als Nora gerade ihr ideales Leben gefunden zu haben scheint, und Nora wird vor ihrem Selbstmordversuch gerettet.

Optimismus à la Camus

Es ist der unverwüstliche angelsächsische Optimismus, der mich stört. Natürlich beeinflusst er auch die Sprache. Am Ende ist alles gut, und Nora kann mit einer neuen Erkenntnis in ihr altes Leben zurückkehren.
Dennoch: Ich habe das Buch gern und auch mit Gewinn gelesen. Es ist die optimistische Variante von Camus‘ Erkenntnis, dass man dem Absurden trotzen und den Stein weiterwälzen muss. Selbst wenn er auf dem Gipfel wieder herunterrollt.
Allerdings würde Matt Haig das so niemals formulieren. ♦

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, 320 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28256-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing

Außerdem zum Thema Literatur von Martin Kirchhoff: Möwen über dem Wasser (Lyrik)


 

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Knobeln Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Denksport auch unsere vier Online-Sudoku vom Januar 2021

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Rainer Wedler: Hui Buh (Satire)

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Hui Buh

Rainer Wedler

Auch in einem kleinen Ort ist ab und zu mal die Polizei unterwegs, und sei es nur aus Langeweile oder zur Abwechslung, besser gesagt: Langeweile lechzt nach Abwechslung. Wie dem auch sei, Polizeihauptmeister Pierenkamp hat mit Polizeiobermeisterin Bartelsen vor einiger Zeit vereinbart, bei jeder neuen Tour die Position zu wechseln, jetzt also hat Pierenkamp es sich hinter dem Lenkrad gemütlich gemacht, die neue E-Klasse ist schon ein tolles Gefährt, sagt er jedes Mal und freut sich. Auf solche altbackenen Bemerkungen muss Fenja nicht mehr reagieren, das hat sich im Lauf der Zeit von allein so reguliert. Sie genießt die helle Frühlingssonne, prüft ihre frisch angemalten Fingernägel auf klitzekleine Fehler und ist glücklich, dass der Zufall die beiden Nordlichter im tiefsten Bayern zusammengeführt hat.

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Auch in einem kleinen Ort kann es für ein paar Meter zweispurig für zwei Ampeln werden. Die E-Klasse links, ein ältlicher Golf mit deutlichen Gebrauchsspuren rechts. Fenja Bartelsen hat ihre Nagelkontrolle ohne größere Beanstandungen beendet, sieht nach links, aber hallo!
Was is?
Megageil, sag ich dir.
Ja, was jetzt?
Ich halt mal die Kelle raus.
Der alte Golf will flüchten, die Sirene lässt ihn rechts ranfahren.
Ist ehrlich megageil!
Eine kleine Ziege sitzt auf dem Schoß der Beifahrerin und mampft vom Stroh, das auf dem Armaturenbrett mit einem Stück Drahtzahn befestigt ist.
Ihren Führerschein, bitte.
Neben der jungen Frau, die dem Zicklein die Flasche gibt, sitzt die Mutter, wie sich auf Nachfrage herausstellt. Die kramt jetzt in ihrer voluminösen Tasche aus abgeschabtem Leder, findet endlich den verlangten F-Schein. Die kleine Ziege schnappt danach.
Jetzt ist aber genug, geben Sie mir endlich den Lappen!
Der Lappen ist schon lange kein Lappen mehr und Fenja schon ziemlich gereizt.
Also Frau Weinser, was soll das Vieh da?
Das Vieh ist kein Vieh, das ist Hui Buh, unsere Hui Buh.
So tönt es von der Ziegenhüterin.
Fenja tönt auf derselben Welle zurück, Ihren Personalausweis.
Die Beifahrerin sperrt das Maul auf wie eine ausgewachsene Ziege, was?
Den Personalausweis!
Elena Weinser, Mutter und Tochter?!
Elena nickt und küsst das Vieh aufs Maul. Fietje lässt sich die Adresse geben, Fenja geht um den ergrauten Golf, tritt gegen einen Reifen, notiert das Nummernschild, sagt zu Mutter und Tochter, Sie werden mit einer Anzeige rechnen müssen, tippt kurz an sein Mützenschild, Sie können jetzt weiterfahren.
Die beiden Bemützten grinsen sich an, Hui Buh, auf geht`s, grinst Fenja.
Man fährt schon seit bald zwei Jahren miteinander Streife, so ein Benz ist ziemlich geräumig.
Jetzt sagt sie apart, und was macht mein Ziegenbock nach Feierabend?

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Die Polizei hat ihre Pflicht erfüllt, das Landratsamt kommt jetzt ins Spiel, das ganz schnell zu Ende ist. Der Ziegenbock wird unter Geschrei und Geboxe abgeholt, auch er tritt gegen die Tierpfleger, er ahnt wohl, dass eine wunderbare Zeit für ihn zu Ende geht. Er wird auf einen Gnadenhof gebracht. Die amtliche Begründung: Das Tier ist nicht artgerecht gehalten worden. Gleichzeitig wird die Enteignung angeordnet.
Die Frauen aber, ihres Bettgenossen beraubt, ziehen vor Gericht.
Die anderen Ziegen haben unseren Hui Buh immer gemobbt, deshalb. Und die Tochter ergänzt, deshalb hat er kaum noch was gegessen, ja, er wäre bestimmt verhungert.
Das Gericht in Gestalt einer für diesen Job viel zu hübschen Richterin entscheidet:
Das Tier wurde nicht artgerecht gehalten, das ging so weit, dass der Ziegenbock, sagen wir es vorsichtig, ein auf den Menschen geprägtes Sexualverhalten zeigte. Letzteres wird im anhängenden Strafverfahren verhandelt werden.
Mutter und Tochter beginnen zu weinen, wie abgesprochen, überhaupt ist das Ganze hier ein kleines Theater. Die Richterin kann sich ein Lachen nicht länger verkneifen und denkt doch dabei, dass in ihrer schicken Wohnung ihr Wuffy auf sie wartet, bellt, wenn er die Schlüssel hört, schwanzwedelnd zu ihr hochspringt, kaum ist die Tür auf. ♦


Rainer Wedler - Schriftsteller - Glarean MagazinRainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys „Liber de vita“; zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Satire von Rainer Wedler: Keiner hat Gottfried Wilhelm gefragt

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