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Willkommen beim GLAREAN MAGAZIN und viel Spass auf dem Trip durch die ganze Welt der Literatur, des Schachs, des Rätsels und der Musik!


Computer-Schach: The Engines Crackers 2 (Update)

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Knacknüsse für Schachprogramme

von Walter Eigenmann

(Update September 2021)

Die Spielstärke der modernen Schachprogramme hat bekanntlich ein derart hohes Niveau erreicht, dass der Mensch längst nicht mehr mithalten kann. (Dass aber abseits der Computer-Schach-Szene wie schon seit Jahrhunderten trotzdem nach wie vor ein äußerst reger Turnierbetrieb herrscht, muss nicht extra ausgeführt werden und spricht für die ungebrochene Kraft des Königlichen Spiels).
Diese Seite stellt echte Knacknüsse für Schachprogramme vor: „The Engine Crackers“. Es sind Chess Puzzles, die auch heutigen „Motoren“ mächtig viel Berechnung abverlangen…

Modern Chess - Schach-Figuren - Schach-Kunst - Glarean MagazinEs ist inzwischen zu einer großen Herausforderung geworden, neue Knacknüsse für Schachprogramme aufzuspüren. Die Engines rechnen heutzutage sehr schnell, sehr selektiv, sehr tief, und ihre Algorithmen arbeiten mit ausgeklügelten Programmiertechniken. In Verbindung mit ständig beschleunigten Prozessoren spüren sie damit auch die verborgensten Geheimnisse einer Schachstellung auf.
Aber ein paar letzte weiße Flecken auf der Engine-Landkarte gibt es durchaus auch heute noch. Sie zu entdecken erfordert allerdings etwas Knowhow über die Funktionsweise dieser „Motoren“, vor allem aber einen erfahrenen Umgang mit den Engines selber. Denn die Defizite von Schachprogrammen sind nur mit Hilfe von Schachprogrammen zu finden…

Teststellungen für 30 Sekunden Bedenkzeit/Zug

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Diese Seite ist also solchen Stellungen gewidmet, an denen die Engines überdurchschnittlich heftig zu knabbern haben. Dabei sind die Aufgaben grundsätzlich nicht unmöglich zu lösen für Schachmotoren. Auch trifft man zuweilen das Phänomen an, dass mal ein Programm genau jenes Puzzle blitzschnell löst, welches alle anderen nicht verstehen.
Apropos: Ich persönlich erachte eine Teststellung dann als schwierig, wenn die meisten starken Schachprogramme mit ihren jeweiligen Default-Einstellungen auf durchschnittlicher aktueller Hardware länger als 30 Sekunden für die Lösung benötigen.

Umfangreiche Recherchen

Woher stammen all die Crackers hier? Sie sind das Ergebnis meiner umfangreichen Recherchen der letzten Jahre in diversen Datenbanken, kommerziellen wie kostenlosen. (Darunter sind zahlreiche Puzzles, die erstmals im GLAREAN MAGAZIN publiziert wurden).

The Engines Crackers - Schach-Aufgabe - Chess-Puzzle - Nickel vs Oosterom - GLAREAN MAGAZIN
Das moderne Fernschach arbeitet mit feinsten Nuancen mittels Interaktion mit den Engines, so wie hier in einer Partie der beiden Großmeister Nickel vs Oosterom: Dh4-e1 (!)

A) Hervorragend geeignet für die Suche nach komplexen Stellungen sind v.a. die Partien von Fernschach-Meisterspielern. Correspondence Chess Players pflegen versiert mit Computerprogrammen zu arbeiten, und ihr „Forschungstrieb“ generiert Partien auf allerhöchstem Niveau. Das effiziente, ja geradezu wissenschaftliche Handling mit Engines und GUI-Analysewerkzeugen ist das Markenzeichen erfolgreicher Fernschachspieler, ohne maschinelle Unterstützung ist heutzutage ein FS-Spiel auf Top-Niveau undenkbar. (Siehe hierzu auch das Interview mit Fernschach-Grossmeister Arno Nickel) Die Fahndung nach geeignetem Material kann sich allerdings aufwändig gestalten: Das heutige großmeisterliche Fernschach arbeitet mit filigranen, nuancenreichen Zügen, die herauszufiltern rechenintensiv sein kann.

B) Weiter finden sich interessante Puzzles für Schachprogramme bei den Programmen selber. Denn die führenden Engines liefern ebenfalls ein (fast) fehlerfreies Spiel, in den einschlägigen Internet-Schach-Datenbanken nach brauchbaren Perlen zu fischen verlangt allerdings einige Erfahrung im Umgang mit Engine-Settings – und viel Geduld.

Computer-Chess vs Human-Chess

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C) Ein drittes Gebiet für die Puzzle-Recherche ist das Problemschach mit seinen Studien. Hier sind die wirklich anspruchsvollen Aufgaben für Computer zwar seltener zu finden, weil die Studien eher nach künstlerisch-ästhetischen denn nach Performance-Kriterien konzipiert sind. Dementsprechend leisten diese Wenigsteiner-Aufgaben den Programmen meist kaum Widerstand.
Dafür legt das Problemschach seinen Finger zuweilen genau in jene Wunden, die Schachprogrammen besonders weh tun. Die Stichworte sind hier der Zugzwang, der Horizonteffekt oder die vielzügige Mattführung. Wer die Engines also stark herausfordern will, sucht auch in den Studien-Sammlungen, wie sie im Internet zuhauf anzutreffen sind.

D) Last but not least ist natürlich der riesige historische Pool mit von Menschen ausgetragenen Turnierpartien zu erwähnen. Doch diese Quelle ist als Datenmaterial fürs Computerschach nur von begrenzter Attraktivität. Denn so genial manche Kombinationen all der Giganten einer vielhundertjährigen Schachgeschichte daherkommen: Unter dem unbarmherzigen Mikroskop eines heutigen Computerprogramms zerschmilzen sie fast ausnahmslos zu einer „Petit Combinaison“ a la Capablanca, die in nullkommnix Sekunden gelöst (oder dann als inkorrekt entlarvt) wird… ♦

Über Reaktionen in Form von eigenen Analysen, Engine-Ergebnissen u.a. würde ich mich freuen. Benützen Sie hierzu einfach die „Kommentar“-Funktion. Gerne werden auch Vorschläge für schwierige neue Testaufgaben geprüft und ggf. unter dem Namen des „Finders“ veröffentlicht.
Die Seite hier wird regelmässig mit neuen Puzzles bestückt; also am besten immer mal wieder vorbei schauen.

Analyse-Brett mit PGN-Download - Glarean Magazin
PGN-Download im Analyse-Fenster

Der Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das Analyse-Fenster. Dort ist auch ein Download der entspr. PGN-Datei möglich.

Die Reihe wird fortgesetzt!


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FEN: 6k1/2p2p1p/4pP2/8/1pPB1P1P/7p/1KP1R3/7r w

FEN: r1n5/k3pp2/2Rr4/1p6/1p6/p4pp1/QP4Pn/4RBK1 w

Studieren Sie zum Thema Teststellungen für Schachprogramme auch die Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (08)

Internationaler Kompositionswettbewerb für Orgelmusik 2022

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Zeitgenössische Werke für Konzertorgel

Kirchen-Orgel - Church Organ - Musikinstrumente - GLAREAN MAGAZINAnlässlich der Einweihung der großen Konzert-Orgel in der Helsinki Music Hall im Jahre 2024 wird der internationale Kompositionswettbewerb Kaija Saariaho für Orgelmusik 2022 ausgeschrieben. Ziel des Contest ist es, neue und interessante Kompositionen für Orgel solo sowie Konzerte für Orgel und Orchester zu fördern.

Der Wettbewerb umfasst drei Sparten: Konzerte für Orgel & Sinfonieorchester, Werke für Kammerorchester, sowie Solowerke für Orgel. Die neuen Werke werden in Konzerten im Jahr 2024, dem Jahr der Einweihung der Orgel, zu hören sein. Aufgeführt werden die prämierten Stücke vom Helsinki City Orchestra und dem Radio-Sinfonieorchester sowie einem renommierten Konzertorganisten.

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Die Dauer der Solo- & Kammerorchester-Werke sollte ca. 15 Minuten, die Dauer von Konzerten ca. 20-30 Minuten betragen. Die Teilnahme ist für Komponist*innen jeglichen Alters und aller Nationalitäten offen.

Einsende-Schluss für die Partituren ist am 29. Oktober 2022, hier finden sich die weiteren Details der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die weiteren Ausschreibungen zu Kompositionswettbewerben

Die Schweizer Literaturschrift TÄXTZIT („Textzeit“ – Band 12)

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Reichhaltige Literatur-Landschaft

von Walter Eigenmann

Neben den unzähligen Online-Literatur-Portalen jeglicher Genre- und Stil-Couleur wird oft vergessen, dass auch noch ein paar papierene Repräsentanten der Gattung „Literaturzeitschrift“ die helvetische Landschaft des künstlerischen Schreibens einfärben. TÄXTZIT („Textzeit“) ist eine dieser seltenen, beileibe nicht nostalgischen Literatur-Gazetten – ein ausschließlich von und für Schweizer Autoren geschaffenes „Präsentationsforum für Schreibende und Illustrierende“.

„TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift“ will gemäß Selbstdarstellung den „professionell Schreibenden und Illustrierenden ein kostenloses Präsentationsforum bieten, sie schweizweit bekannt und damit die Literatur- wie die Illustrationenlandschaft bereichern und vielfältiger machen“. Ein hehres und ehrenhaftes Ziel – weder originell noch neu zwar, aber wichtig und interessant, sofern die Qualität der Inhalte stimmt.

Wertschätzung der literarischen Arbeit

TäxtzIt (Textzeit) - Die Schweizer Literaturschrift - Cover Band 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZINMittlerweile sind der Initiant & Verleger Arno Seeli und seine Mitstreiter bei Band 12 (Juni 2021) angekommen, nachdem man vor rund neun Jahren (März 2012) die allererste Ausgabe vom Stapel gelassen hatte. Aktuell enthält das Heft 52 Seiten „erlesene Literatur und Illustrationen“, gedruckt wird eine Auflage von 1’000 Exemplaren.

Eine lobenswerte Besonderheit von TÄXTZIT ist, dass seit Heft 9 den Autor*innen ein Seitenhonorar von 45 Franken bezahlt wird. Das scheint nur auf den ersten Blick wenig; in Zeiten der grassierenden „Druckzuschuss-Verlage“, wo die Schreibenden für ihre Veröffentlichungen gar selbst zur Kasse gebeten werden, ist das vielmehr eine schöne Geste der Anerkennung und Wertschätzung ihrer literarischen Arbeit.

Ohne thematische Fokussierung

Arno Seeli und seine Crew arbeiten ohne thematische Schwerpunkte oder genrespezifische Vorgaben. Neben kurzprosaischen Texten findet sich ebenso das knappe Gedicht oder die literarische Buchbesprechung wie die autobiographische Notiz oder die augenzwinkernde Alpen-Satire.
Garniert und strukturiert werden diesmal alle Texte mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Zürcher Illustratorin Yasmin König. Auch sie ist zeichnerisch vielfältig zugange, aber meist gehört ihre Aufmerksamkeit dem idyllischen Stimmungsbild oder der Momentaufnahme aus Familie und Natur. Dabei stellen die ganzseitigen Illustrationen einen ungezwungenen Bezug zum vorausgegangenen Text her, in jedem Falle lockern sie die „Bleiwüste“ des Drucktextes mit schlicht-eindringlichem Zeichenstrich auf.

Ein Dutzend Schweizer Autor*innen

Melanie Gerber - Glarean Magazin
Melanie Gerber (photoandmore)

Zufall oder auch nicht: Genau zwölf helvetische Schriftsteller*innen präsentiert diese zwölfte TÄXTZYT-Nummer. Die Namen der Autor*innen sind dabei so illuster wie ihre Beiträge.
Melanie Gerber eröffnet mit „Zuhause“ den Texte-Reigen und erzählt von einer, die just zu Beginn der Corona-Pandemie und nach einer kürzlichen Trennung aus der gemeinsamen Wohnung wegzieht – und trotz ihrer vielen Umbrüche und Baustellen und der allgemeinen Endzeitstimmung die Kurve doch noch kriegt und sich auf dem Balkon ein neues inneres Zuhause erobert.
Ein zweiter Text „Was ich nicht weiß“ von Gerber ist dann sehr viel ernsterer Natur: Er thematisiert verschiedene Möglichkeiten der Begegnung mit dem Tod – auch jenem von Kindern. Angeregt wird die Schaffung von stationären Schweizer Kinderhospizen.

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Nicht fiktiv, sondern dokumentierend sind zwei Beiträge von Dominik Riedo unterwegs. Riedo reportiert zum einen gewisse Zustände bzw. Praktiken des Schweizer Gesundheits- bzw. Spitalwesens. In seinem zweiten Artikel würdigt er das literarische Schaffen von Carl A. Loosli, dem „Karl Kraus der Schweiz“, wie er diesen achtungsvoll tituliert. Und dabei einen „ganzen Kosmos ‚Loosli'“ konstatiert, den es – nun, da es im Rotpunkt-Verlag eine neue Werkausgabe in 7 Bänden gebe – noch intensiver zu erforschen gelte. Denn Loosli’s Zeit beginne jetzt erst wirklich, ist Riedo überzeugt, und seine Rezeption würde einer Schweiz guttun, „die auch heute viele der von Loosli angeprangerten Missstände weiterhin nicht behoben“ habe.

Idyllisches neben Satirischem

Lilly Bardill - Glarean Magazin - Autorin
Lilly Bardill (geb. 1935)

Die Churer Erzählerin Lilly Bardill, mit 86 Jahren die erfahrenste der hier vertretenen Autorinnen, schildert in „Jakobs Ausflug“ die Eskapaden eines leicht dementen Betagtenheim-Bewohners, der sich auf einer Reise zu seiner Tochter in schönen Augenblicken verliert und deshalb nie am Ziel ankommt.  Es geschieht, was geschehen muss: Jakob wird vermisst, die polizeiliche Suche beginnt… Der Plot der kurzen Story mag nicht neu sein, wird aber von der Autorin rührend-verschmitzt und empathisch präsentiert.
Deftiger geht’s zur Sache in Sandra Rutschis dreiseitiger Groteske „Als der Mönch nach Hawaii durchbrannte“. Das weltberühmte Berge-Trio Eiger, Mönch und Jungfrau erwacht plötzlich zum Leben, beginnt ein angeregtes Gezanke, weil die Jungfrau keine Jungfrau mehr sein möchte. Derweil sich der Mönch verärgert über den Jura hinweg davonmacht, fallen Eiger und Jungfrau stöhnend übereinander her. Während er seine Hand schon „zum Joch weiterwandern“ lässt, bekommt sie plötzlich Gewissensbisse… Was das mit Hawaii zu tun hat? Lesen Sie selbst.

Yasmin Koenig - Illustratorin - Täxtzit-Heft Nr. 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Die berühmten Schweizer Berggipfel Eiger, Mönch und Jungfrau als Fun-Park: Zeichnung der Illustratorin Yasmin König (TÄXTZIT Band 12 – Juni 2021)

Lyrisches und Prosaisches aus der Innerschweiz

Dolores Linggi (Schwyz) und Beat Wild (Zug) sind zwei angesehene Innerschweizer Literaten. Linggi, Preisträgerin der „Zentralschweizer Literaturförderung“,  steuerte dem neuen TÄXTZIT-Band fünf assoziationsschwere Gedichte bei, während Wild mit dem knapp vierseitigen Prosatext „Nicht fallen lassen“ vertreten ist. Darin möchte eine alte Frau ihrer Zufallsbekanntschaft Oskar, der eine Tumor-Operation hinter sich hat, die Rückkehr ins Leben erleichtern.
Eine dritte Innerschweizerin ist die 20-jährige Luzernerin Lia-Aurelia Kraft. Ihre kleine Love-Story „Frühling“ ist dicht formuliert und im besten Sinne rührend. Kraft steht trotz ihres jugendlichen Alters bereits eine facettenreiche Sprache zur Verfügung – eine schöne Entdeckung der TÄXTZIT-Macher.

Beziehungen in der Ostschweiz

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In einer Zeitschrift mit deutschsprachigen Beiträgen aus Helvetien darf der östliche Teil des Landes nicht fehlen; die Ostschweizer Literaturszene ist mit Beatrice Häfliger (Hoffeld) und Philip Messmer (Sulgen) repräsentiert. Häfligers Text singt ebenfalls das Hohelied der Liebe und deren Entstehung, eingebettet in innige Waldseligkeit. Er mag in diesem Heft am deutlichsten das literatur-psychologische Klischee der „Schweizer Nabelschau“ bedienen, ist aber gleichzeitig auch ein zärtliches und genau beobachtendes, dabei sprachlich eloquentes Stenogramm einer sehr ursprünglichen Mensch-Natur-Beziehung.
Messmer geht da in seinem „Therapie“-Text eine deutlich herbere Beziehung an; sie beginnt damit, dass Ehefrau Sabine ihren Paul mit der Bratpfanne niederstreckt… Zum Schluss wird doch noch alles gut: „Sabine und Paul schafften es nicht einmal bis ins Schlafzimmer und trieben es auf der Treppe“. Auf der Strecke hingegen bleibt der behandelnde Arzt der beiden…

Originelles Literatur-Konzept

Mit Daniela Huwyler ist eine zweite Lyrikerin vertreten. Sie präsentiert drei sprachgewandte und rhythmisch interessante Gedichte namens „Agenda“, „Rabenzirkel“, „Schneeschwer“. Des Wädenswilers Peter Burkhards Kurzprosa-Beitrag schließlich titelt „Tod in der Aare“. Darin erhält Laura nächtens im Bett gespenstischen Besuch von einer Unbekannten mit „triefend nassem, schulterlangen Haar“…

Ein auch nur kurzer Blick auf die Autoren und Inhalte dieser (Deutsch-)Schweizer „Literaturschrift“ zeigt sofort das sympathische Konzept und die durchdachte Rezeptur. Wie der Herausgeber und verantwortliche Redakteur Arno Seeli in seinem „Auftakt“ festlegt, müssen die Texte „die Schweiz thematisieren, noch unveröffentlicht sowie institutionen- und werbeneutral sein“. Außerdem dürfen die Beiträge maximal vier Seiten umfassen. Trotz dieser formalen Vorgaben ist dem umtriebigen Literatur-Animator ein interessanter inhaltlicher Mix gelungen.

Gestalterisch Luft nach oben

Schweizer Literaturzeitschriften - Orte - Delirium - Narr - Mütze - GLAREAN MAGAZIN
Die kleine Schweiz als großes Land der Literaturzeitschriften, beispielsweise MÜTZE, NARR, DELIRIUM, ORTE (um nur einige zu nennen)

Herumnörgeln an solchen idealistischen Periodika lässt sich ja immer. Zum Beispiel könnte dem einen oder anderen das „Schweizer“ im Untertitel etwas großspurig erscheinen – angesichts keines einzigen französisch- oder italienischsprachigen Beitrags. Auch hinsichtlich des etwas pausbäckigen Heft-Layouts und der ruralen Typographie bestünde noch Luft nach oben; guter Inhalt schließt eine attraktive Verpackung nicht aus. Und drittens würden je ein paar bio- und bibliographische Stichworte zu allen vertretenen Autor*innen das Heft noch informativer abrunden.

Biotopische Beschaulichkeit

Der konsequente Fokus der Texte(-Auswahl) auf Helvetien bzw. das sog. „Schweizerische“ führt zwar hier nirgends zu literarischen Grenzüberschreitungen. Wer sprachliche Innovation, thematische Internationalität, das formale Experiment oder gar geopolitische Schweiz-Motive sucht, wird von TÄXTZIT enttäuscht. Das vielzitierte „Lokalkolorit“, die „Sicht nach Innen“ und eine gewisse gewollte Naivität des Narrativen sind die bestimmenden Ingredienzen dieser „Schweizer Literatur“.
Aber solche biotopische Beschaulichkeit hat sowohl ihren Reiz als auch ihre Legitimität. Denn die Provinzialität kommt hier charmant mit Unterhaltungswert daher. Und nicht jeder literarische Text muss die Welt gleich aus den Angeln heben.

Verdienstvolles Literatur-Projekt

Kurzum: TÄXTZIT ist ein verdienstvolles Literatur-Projekt, das eine sowohl erhellende wie anregende Tour d’horizont bietet durch einen wichtigen Teil des zeitgenössischen Literaturschaffens der deutschsprachigen Schweiz. Alle Texte sind sorgfältig lektoriert bzw. redigiert und die Themen-Wahl abwechslungsreich komponiert.

Dieser Autoren-Gazette ist also in diesem Sinne durchaus eine noch wachsende Leserschaft zu wünschen – hier sind ein engagierter Herausgeber und ein offensichtlich motiviertes Mitarbeiterteam am Werk. Der Schnauf möge den Machern nicht so bald ausgehen – und auch das Selbstbewusstsein nicht, das es braucht, um als Print-Medium gegen ein Heer von kostenlosen Internet-Literaturangeboten bestehen zu können. ♦

Arno Seeli (Hrsg): TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift – Band 12, 52 Seiten A5-quer-Format mit Klammerheftung, Wortzimmerer Verlag, ISBN 978-3-9524327-8-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Literaturzeitschriften auch über SCRIPTUM – Das Schweizer Literaturmagazin

… sowie zum Thema Schweizer Literatur den Essay von Mario Andreotti: Tendenzen der Schweizer Literatur

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Originale Erstpublikationen von Schweizer Schriftsteller*innen

Lorenz Merz (Regie): Soul of a Beast (Schweizer Spielfilm)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Wild, animalisch, schön, frei

von Katka Räber

Endlich konnte in Locarno wieder das Internationale Filmfestival – unter Corona-Schutzmassnahmen – über die Piazza Grande gehen. Welch eine Wohltat, welch ein Fest der Sinne! Für mich war diesmal der Spielfilm „Soul of a Beast“ des Regisseurs Lorenz Merz der herausragende Schweizer Beitrag.

Warum gehe ich ins Kino? Was erwarte ich von einem Kinobesuch? Was geben mir Filme? Mit Filmen kann ich reisen, auch ganz weit, ohne ins Flugzeug steigen zu müssen. Ein Kinobesuch ist immer billiger als jeder Easy-Jet-Flug – und für die Umwelt viel gesünder. Filme können mich in die entferntesten Landschaften entführen. Sie bringen mir fremde Kulturen, fremde Lebensarten, fremde Schicksale näher. Ich kann mich identifizieren – oder gerade umgekehrt: Meine Position differenzieren. Ich kann Empathie mit den Protagonist/Inn/en empfinden oder mich mit meiner Meinung abgrenzen. Filme regen mich an, liefern Diskussionsstoff, verleiten zum Träumen oder vermitteln mir neue Informationen, neue Lösungen von Lebensproblemen. Oder (last but not least) sie unterhalten mich und bringen mich auf neue oder andere Gedanken.

Jung, leidenschaftlich, authentisch

Filmfestival Locarno 2021 - Soul of a Beast - Movie Cover - Glarean MagazinVieles davon deckt für mich der herausragende Schweizer Film „Soul of a Beast“ ab, bei dem eigentlich nur die „schwizerdütschen“ Dialoge darauf hinweisen, dass es ein helvetischer Streifen ist.
Der Film ist jung, leidenschaftlich, schnell, authentisch und stark. Die Geschichten des jungen Mannes Gabriel, der als Teenie in Zürich Vater geworden ist und jetzt als alleinerziehender Jugendlicher seines ca. dreijährigen Sohnes zwischen Verantwortung und seiner jugendlichen Lebensfreude und Lust am Ausprobieren und Ausloten von Grenzen pendelt.

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Hierzu wird das Publikum auf eine hinreissende Art mitgenommen. Zoé, die ebenfalls noch nicht volljährige Mutter des kleinen Jaimie, ist im Gegensatz zum wilden Skateboardfahrer Gabriel, der zusammen mit seinem Freund Joel das urbane Zürich unsicher macht, ein verwöhntes Kind der Zürcher Goldküste und in ihrem steten Drogenrausch als Mutter nicht zu gebrauchen. Gabriel verliebt sich in die Freundin seines Freundes Joel, in die ungezähmte Corey, die gerade auf dem Sprung ist zu ihrem Vater nach Südamerika. Junges, wildes Verliebsein, Eifersucht und Gefühle von Verrat und Freundschaft, von Verantwortung und Traum.

Schöne junge Menschen im Gefühlschaos

Soul of a Beast - Schweizer Spielfilm - Ella Rumpf - Film-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
„Schöne junge Menschen im Gefühlschaos“: Ella Rumpf und…

Ich habe selten diese Zerrissenheit von jugendlicher Unbekümmertheit, Risikobereitschaft und Verantwortung auch körperlich auf der Leinwand dargestellt gesehen und dadurch im eigenen Inneren als Erinnerung erlebt. Da stimmt der wilde Rhythmus, die Bilderfolge, hervorragend durch die Kamera eingefangen, die schauspielerische Leistung aller Mitwirkenden, einschliesslich des kleinen Jaimie.
Obwohl auch Drogen und grosse Gefahren eine Rolle spielen, schaut man den schönen jungen Menschen in ihrem Gefühlschaos gerne zu. Das fast animalische Gefühl des Wunsches nach Freiheit, das filmische Einfangen der jungen Sexualität und der Zerrissenheit zwischen Wunschträumen und Wirklichkeit sind sehr menschlich und feinfühlig dargestellt. Die Seele eines wilden Tieres schlummert in so manchem jungen Menschen. Wehe, wenn sie losgelassen…

Soul of a Beast - Schweizer Spielfilm - Pablo Caprez - Film-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
… Pablo Caprez im Schweizer Spielfilm „Soul of a Beast“ (2021)

„Soul of a Beast“ hätte ich sogar den Goldenen Leoparden gegönnt, was ich sonst praktisch noch nie bei Schweizer Produktionen in Erwägung gezogen habe. Wobei man sich keineswegs immer mit den Protagonisten identifizieren muss, um mit Sympathie und Empathie an ihrer Seite zu stehen. Es war der authentische Rhythmus und Ton der Bilder und die Echtheit der jungen Gefühle, die mich filmisch absolut überzeugt haben. Herausragend. ♦

Lorenz Merz (Regie): Soul of a Beast – Spielfilm, mit Pablo Caprez, Ella Rumpf, Luna Wedler, Tonatiuh Radzi u.a., 100 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Film auch über Thaïs Odermatt: Amazonen einer Grossstadt

Schachzug der Woche (02): LeelaChessZero vs Stockfish

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Amoklauf eines Springers

von Walter Eigenmann

Über das Schachprogramm LeelaChessZero wurde auch im GLAREAN MAGAZIN schon mehrmals berichtet. Zu welchen „strategischen“ Höhenflügen diese NN-Software, die Ende Dezember 2017 ihren Siegeszug im Schlepptau des KI-Programmes AlphaZero antrat, in der Lage ist, zeigte sich wieder im sog. „Superfinale“ des Internet-Engine-Turnieres TCEC (2021).

In dieser „Top Chess Engine Championship“ werden – für Computerschach-Verhältnisse – überdurchschnittlich lange Bedenkzeiten angewendet. Das macht den Wettbewerb zwar noch anfälliger für Remis-Ergebnisse, zeitigt aber gleichzeitig eine Schachqualität von extrem hohem Niveau.

So kam es in dem TCEC-Superfinale 2021 zwischen den beiden Finalisten LeelaChessZero und Stockfish zu folgender Position:

LCZero (69626)  – Stockfish (20210713)
Weiß am Zuge

Schachzug der Woche (2) - 4. August 2021 - GLAREAN MAGAZIN (Walter Eigenmann)FEN: 2rq1rk1/1b1nbpp1/p3p2p/1p1pP2P/1P1B4/P2BQN2/5PP1/R4RK1 w

In dieser Stellung setzte LeelaChessZero als Weißer zu einem regelrechten Amoklauf des Springers an: Über vier Stationen und das ganze Brett hinweg landet die Figur schließlich auf der gegnerischen Grundreihe, wonach die Stellung des Schwarzen praktisch aufgabereif ist.

Hier geht’s zur Analyse der Stellung, inkl. Download als PGN-Datei

Es wundert nicht, dass solchen „strategischen Meisterleistungen“ das Attribut „menschlich“ zuerkannt wird. Wenn wir dann noch den Line-Output untersuchen, den Lc0 in der Ausgangsstellung produziert, ist sofort ersichtlich, dass die Engine und ihr NN-Netzwerk nicht zufällig auf diese Springerwanderung verfiel, sondern deren Stationen tatsächlich „vorausgedacht“ hat.

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Ob die vom Menschen kreierte Umschreibung „strategisch“ im Zeitalter des Computers noch angebracht ist, wird schon lange unter den Schachtheoretikern kontrovers diskutiert. Denn zuweilen entpuppt sich in der Engine-Analyse die „Strategie“ als bloß „Tiefe Taktik“. Nur halt nicht für den beschränkten Berechnungshorizont des Menschen… ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach auch über Taylor Kingston: Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior

Außerdem zum Thema Schachtaktik: Das Schach-Alphabet: Buchstabe A

Internationaler Kompositionswettbewerb Belfort 2022

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Zeitgenössische Musik für Blasorchester

Musik-Ensemble - Blasorchester - GLAREAN MAGAZINDas Orchestre d’Harmonie de la Ville de Belfort offeriert in Zusammenarbeit mit der Stadt Belfort/F zum zweiten Mal seinen Internationalen Kompositionswettbewerb für Blasorchester.
Ziel des Wettbewerbs ist die Bereicherung des Repertoires an Originalmusik für Blasorchester und Ensemble für zeitgenössische Musik.

Der Schwierigkeitsgrad des eingereichten Werkes sollte auch für Amateurorchester erreichbar sein (Grad 3-4), die Dauer eines Stücks soll zwischen 8 bis 12 Minuten betragen.

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Der Wettbewerb ist für Staatsangehörige aller Länder ohne Altersbeschränkung offen und mit einem Preis-Geld von insgesamt 8’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 18. Mai 2022, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie im GLARAN MAGAZIN auch die weiteren Ausschreibungen zu internationalen Kompositionswettbewerben

Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R. (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Dechiffrierende Stenogramme

von Walter Eigenmann

Der Karlsruher Schriftsteller Rainer Wedler legt mit „Die Versuche des Rudolph Anton R.“ einen neuen Prosa-Band vor. Auf 176 Buchseiten breitet Wedler eine Fülle von grotesken bis absurden, oft aberwitzigen, doch auch zärtlichen, teils analytischen, dann wieder erotischen Stenogrammen aus. Entstanden ist eine kaleidoskopische Dechiffrierung des Innen- und Außenlebens eines jungen Schriftstellers – Autobiographisches nicht ganz ausgeschlossen…

„Erzählst du mir eine Geschichte?
Sie rollt sich neben mich und trommelt auf meinen Bauch, der ein kümmerlicher Schallkörper ist.
Aus meinem Leben oder fiktiv?
Kann man das trennen?
Nein.
Was aber soll ich erzählen, ohne zu langweilen?“ (S. 96)

Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R. (Roman), Pop-VerlagInhaltliche Stränge (oder Strenge), Figuren-Entwicklungen, Literarische Bekenntnisse, Politisches Kalkül, Sozial-Analyse, Exquisite Schauplätze, Knatternde Sprache, Vielfalt der Szenarien, oder auch nur unterhaltsames Erzählen, verbunden mit ordentlich Sex&Crime – solcherlei „gewöhnliche“ Prosa-Ingredienzien mag für „gewöhnliche Literatur“ ausreichen, um breit goutiert, also erfolgreich zu sein.
Bei dem 79-jährigen Autor Rainer Wedler findet sich, nach zahlreichen Roman-, Kurzprosa- und Lyrik-Büchern, inzwischen nichts mehr davon. „Die Versuche des Rudolph Anton R.“, der neueste Wedler, erscheint jenen, welche die Entwicklung dieses produktiven Dichters verfolgt haben, vielmehr als regelrechtes Alterswerk. Verknappt, verdichtet auf viele heterogene Psycho-Stenogramme, legiert in zahllose kleinere, teils nur ein paar Zeilen lange Abschnitte, und eingedampft mittels Kurz-Sätzen mit kaum Kommata und vielen Punkten – so schlingert sich das Leben des Protagonisten R. A. Ringelretz durch dessen Reflexionen, die nie erklären, sondern immer nur konstatieren. Und gerade dadurch erhellen.

Autopsie eines Schriftstellerlebens

Rainer Wedler - Schriftsteller - Glarean Magazin
Rainer Wedler (geb. 1942)

Wedlers Prosa – ich tue mich schwer, diese „Versuche“ Roman zu nennen – ist von einer derart gereiften, eloquenten, fokussierten Qualität, dass man schier schon gefesselt ist allein vom sprachlichen, weniger vom inhaltlichen Geschehen: „Stille. Heiliggeist schlägt zehn Mal, das dauert. Stille. Die dauert.“ In diesem Buch passiert ständig etwas – aber kaum je etwas Erwartetes. Und ob all das Unerwartete eine innere Kohärenz hat, könnte allein eine ausgedehnte Binnenanalyse aufzeigen.
„Die Versuche des Rudolph Anton R.“ ist ein einziges, man muss es so banal ausdrücken: Lesevergnügen. Keine Belehrung, keine Durchleuchtung, keine Analyse. Allenfalls die Autopsie eines Schriftstellerlebens, das sich abspielt in „Phantasmagorien, die über mich kommen und mich spalten“. Wie gesagt: Autobiographisches nicht ganz ausgeschlossen…

Das Wedlersche Schreiben, sein exaltiertes Assozieren und Illustrieren, sein sprunghaft-ungezähmtes Verbinden entlegendst-heterogener Denk- und Gefühlsinhalte wird nicht jede Leserschicht vorbehaltlos entzücken. Das Vergnügen an dieser Literatur ist direkt proportional der Fähigkeit, sich dem Sog einer geradezu sezierenden Sprache auszuliefern.

Eines der vielen Sprachspiele – alias erotisches Geplänkel – in diesem „Roman“ geht so:

„Ich weiß es und ich weiß, dass sie es weiß. Mit der Sprache kommen wir nicht weiter. Die Zeit zerdehnen kann sie zerreißen.
Das Spiel beginnt.
Sie zieht ihr T-Shirt über den Kopf, die Haare verwirren sich, ich reiße mein Hemd auf, dass die Knöpfe nur so springen, werfe es ihr über den Kopf, sie schüttelt es weg, ihre Bällchen hüpfen.
Nach einer halben Stunde steht es eins zu eins.“

Virtuos und phantasievoll

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Rainer Wedlers extrem wortschatzreiches, dabei mit durchaus Situationskomik durchzogenes, auch regelmäßig mit zynischem Schmunzeln hinter vorgehaltener Hand angereichertes Buch, wie es virtuos und phantasievoll, aber auch mit viel distanzierter Kälte die Irrungen und Wirrungen eines vom Leben (und den Frauen) überraschten Literaten zelebriert, wird so manchen Leser verständnislos zurücklassen. Es sei denn, er vermag auf einer Meta-Ebene mitzulesen. Dort wo die Sprache selber zum Ereignis wird.

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Man wird auf dem modernen Literaturmarkt nur wenige Bücher finden, die so künstlerisch und zugleich so verantwortungsvoll und so präzis mit dem Wort umgehen wie diese „Versuche des Rudolph Anton R.“. Hier fährt einer die Ernte eines jahrzehntelangen, geduldigen, sorgfältigen, auch exzessiven Umgangs mit dem Ausdrucksmittel Sprache ein. Nirgends schiefe Bilder, nie ein richtiges Wort am falschen Ort, keine lustig-flachen Sätze. Jeder Buchstabe sitzt und klingt. Noch nicht mal lautmalerische Holprigkeiten, geschweige denn semantisches Langweilen mittels Wiederholungen oder Betonungen oder Insistierungen. Wedler schreibt üppig – aber nichts ist überflüssig. Sorgfalt in jedem Satz, schätzungsweise nach einem sehr langen Entstehungsprozess.
Die kreative Sprunghaftigkeit dieses „Romans“ über den Schriftsteller Rudolph Anton Ringelretz hat tatsächlich etwas von Ringelnatz an und in sich. Doch die schwerelose Virtuosität und der Assoziationsreichtum dieser Sprache macht sie zu einem singulären Erlebnis über jeden absurden Witz hinaus.
Ja: Ein Lesevergnügen. Und: Am Ende des Buches ist man nicht schlauer. Aber klüger. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Moderne Romane auch über Klaus Modick: Fahrtwind

Robert Hübner: SCHUND (Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Chronik eines privaten Schachzirkels

von Ralf Binnewirtz

Aus dem aktuell wieder etwas üppigeren Angebot an Schachbüchern in deutscher Sprache sollte das neue Werk von Großmeister Robert Hübner eine nähere Betrachtung verdienen, auch weil es mit dem erklärungsbedürftigen Titel „SCHUND“ und dem dubios anmutenden Untertitel „Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten“ prädestiniert scheint, ein neugieriges Lesepublikum anzulocken. Man mag sich fragen, ob diese Titulierung einem zuweilen gern geübten Understatement des Autors entspringt, zumal auf der Buchrückseite das einsame Diktum „Ein überflüssiges Buch“ in eine ähnliche Kerbe schlägt. Deutet sich hier etwa ein kurioser Akt von Selbstgeißelung an?

Nein, dem ist keineswegs so: Denn die „Dilettanten“ sind hier ausschließlich als „Liebhaber“ zu verstehen, und SCHUND ergibt sich aus dem Namen des Mini-Amateurschachvereins „Schachverband unverzagter Dilettanten“, dessen Historie im Buch dargelegt wird. Dieses enthält alle Partien der Mitglieder untereinander, und die Berichte zu zwei Fernreisen, die sich im Lauf der Vereinsgeschichte ergeben haben, sind in die Partiesammlung eingebunden. Eine (laut Vorwort versehentlich hineingeratene 😉) schachfremde Zugabe „Mumienportraits“ beschließt das Werk.

Eine famose Einleitung

Robert Hübner: SCHUND (Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten) - Rezension im GLAREAN MAGAZINIn einem glänzend formulierten Einleitungstext gibt Robert Hübner einen kurzen Rückblick auf die letzten 50 Jahre Schachbetrieb und die teils umwälzenden Veränderungen, die sich in dieser Zeit zugetragen haben, und die keinesfalls immer bzw. völlig zum Vorteil des Schachs und seiner Protagonisten geraten sind. Hübners unverwechselbare Diktion dürfte aus seinen früheren Publikationen hinlänglich bekannt sein, sie ist u.a. charakterisiert durch die Verwendung eines oft ein wenig antiquiert wirkenden Wortschatzes, und auch der bevorzugten alten deutschen Rechtschreibung hat er die Treue gehalten.
Seit jeher hat er es verstanden, seine (schach)kulturkritischen Ausführungen mit einer gehörigen Prise Witz oder mit subtiler Ironie anzureichern, weshalb ich diese Einleitung mit wachsendem Vergnügen gelesen habe. Wir erfahren hier auch über die beiden Gründer des SCHUND-Verbands, Arndt Borkhardt und Guntram Hilbenz, und den weitgehend machtlosen Verbandspräsidenten, offenbar Robert Hübner persönlich.

Nur eine Handvoll Mitglieder

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Zu den beiden Gründungsmitgliedern stießen später Adriaan Poffers aus dem Osten der Niederlande (Nijverdal), der sich als spielstärkstes Mitglied entpuppen sollte, sowie der bekannte deutsche FM René Borngässer, der bisher allerdings nur eine einzige Stippvisite bei einem Treffen in Düsseldorf gegeben hat. Zwei Mitglieder, A. Borkhardt und A. Poffers, haben ihren schachlichen Werdegang mit eigenen Worten im Buch präsentiert, über ihr Leben außerhalb des Schachs wird der Mantel des Schweigens gebreitet.1) Angesichts der kleinen Mitgliederzahl mag es vielen Lesern vermessen erscheinen, von einem Schachverband und einer Verbandsweltmeisterschaft zu sprechen, wie im Buch geschehen. Offenbar darf diese Form der Übertreibung, die das gesamte Buch durchzieht, nicht allzu ernst genommen werden.

Großmeisterlich kommentierte Partien

Robert Hübner an einer öffentlichen Schach-Simultanvorstellung
Großmeister Robert Hübner (geb. 1948) an einer öffentlichen Schach-Simultanvorstellung

Von den 45 Partien, die alle vom Autor in der ihm eigenen akribischen Art kommentiert wurden, sind nur zwei von Hübner selbst, eine weitere von Borngässer, die restlichen 42 Partien wurden bei diversen Anlässen von den drei Mitgliedern Borkhardt, Hilbenz und Poffers ausschließlich untereinander ausgetragen. Es ist klar, dass sich diese Amateur-Partien nicht auf hohem Meisterniveau bewegen können, zuweilen häufen sich auf beiden Seiten Ungenauigkeiten und Fehler jeglicher Art, und nicht selten werden Gewinnstellungen zum Verlust verkorkst, so dass der Partieausgang unvorhersehbar ist.
Bei vielen Nachspielenden mögen solche Partien aufgrund ihres limitierten Unterhaltungswerts wenig Begeisterung auslösen, sie könnten sich allerdings gut eignen als Lehr- und Übungsstoff in Schachkursen für fortgeschrittene Anfänger. Es sei dahingestellt, ob dies der Intention des Autors entsprach, kundgetan hat Hübner diesen Verwendungszweck seines Buchs nicht.

Im fernen Usbekistan

Fund von Alten Schachfiguren aus Afrasiab (Nähe Samarkand) Usbekistan - König, Streitwagen, Wesir, Elephant - Glarean Magazin
Fund der ältesten Schachfiguren in Afrasiab (Nähe des usbekischen Samarkand) aus dem 6.-8. Jahrhundert: König, Streitwagen, Wesir, Elephant (v.l.n.r.)

2017 wird Hübner von Verbandsarzt Hilbenz eine kraftschöpfende Reise verordnet, um einer temporären Schlaffheit abzuhelfen. Es ist hier nicht möglich, auf Stationen und Details dieser Gruppenreise, an der auch Hilbenz als betreuender Arzt teilnahm, näher einzugehen. Ob von der Reiseschilderung wohl merkliche Spuren im Gedächtnis der Leser verbleiben? Vielleicht von der Reiseleiterin, einer lähmende Langeweile verbreitenden matronenhaften „Babuschka“, die von Hübner trefflich verbal imitiert wird. Oder vom usbekischen Nationalhelden in spe, Temur (= Tamerlan), bei dessen Name mir spontan „Der Eiserne Käfig des Tamerlan“2) in den Sinn kommt. Aber derlei Assoziationen scheinen Hübner nicht zu befallen, und auch zum Besuch von Afrasiab bei Samarkand bleibt unerwähnt, dass dort 1977 die ältesten Schachfiguren der Welt ausgegraben wurden. Am Ende der Reise wird Hübner die „Mopshaftigkeit seines Tuns“ bewusst („Was suchte ich in Zentralasien?“), und er schließt das Kapitel mit dem erheiternden Kurzgedicht „Mopsenleben“ von Christian Morgenstern.

Viertägige Exkursion nach Böotien

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Ich vermerke, dass beide Reiseberichte ohne schachliche Zutaten auskommen. Bei der zweiten Reise im Mai 2019 ist erneut das Gespann Hilbenz / Hübner unterwegs: Im von Hilbenz gesteuerten Leihwagen geht es über Stock und Stein durch die griechische Landschaft, durch Orte und Bergdörfer mit mehr oder weniger zugänglichen Sehenswürdigkeiten. Erneut erspare ich mir Einzelheiten. Ich erwähne lediglich, dass der Altphilologe Hübner mehrfach an ihm geeignet erscheinenden Stellen aus antiken Texten zitiert, besonders umfänglich von Thukydides, und einmal kürzer von Platon. Die Übersetzungen aus dem Altgriechischen hat er selbst besorgt. Chapeau!

Ansehnliche Mumienportraits

Die vier im Schlusskapitel wiedergegebenen Mumienportraits (Nachbildungen, Eitempera auf Holz) sind in Farbe reproduziert worden. Mumienportraits waren Beigaben zur altägyptischen Mumienbestattung (nach 30 v. Chr.), die den Verstorbenen meist in jugendlichem, zumindest deutlich jüngerem Alter zeigen, möglicherweise ein wenig idealisiert in der Darstellung. Aus meiner Sicht ein gefälliger Schlusspunkt, der vom Autor schon im Vorwort mit einer kleinen Eulenspiegelei vorbeugend entschuldigt wird (siehe Leseprobe) – wegen der thematischen Ferne vom Rest des Buchs.

Vereinschronik mit Trainingsoption

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Robert Hübner hat in diesem Buch eine private Schachidylle beschrieben, die sich eine kleine Gruppe von Freunden geschaffen hat in dem Bestreben, sich ihrem Hobby nach eigenen Vorstellungen und unbeeinflusst von den Auswüchsen eines modernen Spielbetriebs widmen zu können. Ein weitgehend hermetischer Mikrokosmos, der Interaktionen mit der restlichen Schachwelt nicht vorsieht. Gut 75% des Buchs werden von den Partien beansprucht, die an sich für die Nachwelt kaum erhaltenswert wären. Erst Hübners eingehende, oft tiefschürfende, aber stets gut verständliche Kommentierung sorgt dafür, dass die Partien nutzbar werden als Trainingsmaterial für aufstrebende Schachjünger. Zugleich hat der Autor seinen SCHUNDlern eine Art Vereinschronik der letzten rund acht Jahre beschert, die die Erinnerung an gemeinsame Aktivitäten festhält, auch wenn letztere bald versanden sollten(?) Im Buch wird nicht mitgeteilt, ob dieser kleine Schachzirkel weiterhin Bestand haben wird. Aber vielleicht stellen sich auch Nachahmer ein.

SCHUND - Robert Hübner - Beispielseite - Glarean Magazin
Großmeisterliche Kommentierung kleinmeisterlicher Partien: Beispielseite aus „SCHUND“ von Robert Hübner

Ein überflüssiges Buch?

Dies mag von einem Teil der Leser bejaht werden, sofern sie bereits schachlich so hoch qualifiziert sind, dass ein Studium der Partien für sie entbehrlich ist. Geringer qualifizierte Schachfreunde haben hier umfängliches Material an der Hand, wo sie Fehlern begegnen, wie sie sie wohl oft selbst begehen: mangelhafte taktische Berechnungen, strategische Fehleinschätzungen, allzu schematische Züge, Missgriffe im Endspiel und andere leichtfertige Vergehen. Für sie kann dieses Buch durchaus empfohlen werden. Alle anderen werden hoffentlich ausreichende Orientierung hinsichtlich einer Kaufentscheidung erhalten haben.
Zu erwähnen bleibt letztlich die gediegene Ausstattung des Buchs (Fadenheftung!) und eine exzellente Textsatz-Gestaltung von Ulrich Dirr. ♦

1)Über Prof. Dr. med. Arndt Borkhardt erfahren wir mehr aus dessen Wikipedia-Seite; Dr. med. Guntram Hilbenz ist ein Allgemeinmediziner aus dem hessischen Florstadt (Wetterau-Kreis) mit einer ELO von knapp unter 2000, soweit ich dies eruieren konnte
2)Siehe z.B. Hilmar Ebert, Friedrich Wolfenter: Kegelschach, Aachen 1997, S. 277

Robert Hübner: SCHUND – Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten, 183 Seiten, Edition Marco, ISBN 978-3-924833-84-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Feuilleton auch über Geilmann/Stiefel/Herbold: Boris Spasski (Schach-Biographie)

Außerdem zum Thema Schach über: Gert von Ameln – Salin und der Schwarze Zauberer (Schach-Märchen)

Das Sudoku-Quartett im September 2021

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Der unbeschwerte Zahlen-Puzzle-Spass

Ein bisschen Logik, ein bisschen Vorstellungskraft, ein bisschen Erinnerungsvermögen – mehr ist nicht nötig, um in Sachen Sudoku-Rätsel eine Menge Denksport-Spass zu haben. Die folgenden vier Puzzles haben die Schwierigkeitsgrade „sehr einfach“, „einfach“, „mittelschwer“ und „schwer“.
Das GLAREAN wünscht viel Erfolg beim Knobeln des Sudoku-Quartetts September 2021!

Sudoku September 2021 - Aufgaben - Glarean Magazin
Sudoku September 2021 – Aufgaben – Glarean Magazin

Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

Sudoku – die Regeln

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Ein Sudoku besteht aus 9 x 9 Feldern, die zusätzlich in 3 x 3 Blöcken mit 3 x 3 Feldern aufgeteilt sind.
Jede Zeile, jede Spalte und jeder Block soll alle Zahlen von 1 bis 9 jeweils genau einmal enthalten.
In ein paar der Felder sind bereits Zahlen vorgegeben. Bei einem Sudoku darf es nur eine mögliche Lösung geben, und diese muss rein logisch gefunden werden können.

Knobeln Sie im Glarean Magazin zum Thema Rätsel auch das Sudoku-Quartett vom Juni 2017

… sowie das Sudoku-Quartett vom März mit unterschiedlich schwierigen Rätsel-Aufgaben

Auflösung der 4 Rätsel —> (weiterlesen) Weiterlesen

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Roman/Thriller)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

„… überall ein wenig fremd, nicht nur in Amerika“ (S. 291)

In Amerika ist „alles besser“?

von Isabelle Klein

Mit „Wo der Wolf lauert“ liefert die Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen ein Buch mit Mehrwert, voller Denkanstöße und psychologischer Raffinesse. Der Thriller kommt nur langsam in Fahrt, dafür aber umso nachdrücklicher. Zugleich wird das feine Psychogramm einer Mutter nachgezeichnet, die nicht loslassen kann und für alles Bewältigungsstrategien braucht. Ihre Probleme reichen weit zurück – auch im gelobten Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Und sie verschwinden trotz Privilegien wie viel Geld und viel Zeit nicht…

Eines ist sicher: In Gundar-Goshens neuem Roman wird uns, leise und sehr eindringlich, fast wie in Watte gepackt (passend zu dem sehr gelungenen, in „Art Deco“ gehaltenen Buch-Cover) die Problematik der Familie Schuster, bestehend aus Mutter Lilach, Vater Michael und dem pubertierenden Sohn Adam, verdeutlicht. Heimatlos und doch verbunden, geflohen vor omnipräsenter Gewalt in Israel – und nun in der gleichförmig-oberflächlichen Freundlichkeit (oder besser: Verlogenheit) des American Way of Life eingebunden.

Die alltäglich-belanglose Leere

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert, Roman, Kein & Aber VerlagUnd so sind aus den Emigrierten schnell die amerikanisierten Lila’s geworden: Michael und Adam (der sich weigert, in der Öffentlichkeit Hebräisch zu sprechen). In Palo Alto leben sie den Californian Dream des Silicon Valley, als das ruhige Idyll durch den Anschlag auf die dortige Synagoge, bei dem ein junges Mädchen stirbt, aus der Bahn geworfen wird.
In vielen alltäglichen, vermeintlich belanglosen Details offenbart sich die Leere und die Traurigkeit, ja die perfektionistische Getriebenheit, die Lila einfängt und nicht mehr loslässt. Auch die Ängste sind omnipräsent: Die Angst, allein zu sein; Angst, nicht alles richtig zu machen; Die Angst, Ziel eines erneuten Anschlags zu werden, Angst; und die Angst um das einzige (in Watte gepackte) Kind.

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Rettung naht in Form von Uri, einem Waffenbruder Michaels, der den Sohn Adam in der alten Kampfkunst Kravat, einer Art martialischem Survivaltraining, unterweisen soll. Und so nimmt ein Geschehen an Fahrt auf, das eine Kette von erschütternden Ereignissen auslöst. Beginnend mit dem Tod Jamals, eines Mitschülers Adams; Lilach ist gezwungen, ihre heile Watte-Welt zu überdenken und ihren Sohn wirklich kennenzulernen; weg vom gelangweilten, nach Perfektionismus strebenden Hausfrauendasein, mit gemeinnütziger Arbeit im Altenheim.
Damit wird Trainer Uri, Adams neues Idol, unverzichtbarer Bestandteil des Schusterschen Lebens, mit weitreichenden Folgen.

Psychologisch stimmig unterbaut

Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen - Glarean Magazin
„Wunderbar metaphernreiche Sprachwelt“: Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen

Während Mainstream-Thriller häufig an Action, rasanten Turns und Twists, Brutalität und einem Zuviel von allem (außer von Substanz) kranken, kreiert Gundar-Goshen ein psychologisch unterbautes, stimmiges und nicht überladenes Grundgerüst, das nicht nur atmosphärisch dicht ist und von Rückblenden lebt, die nach und nach Lilas Probleme offenbaren, sondern auch einen unauslotbaren Fortgang des Geschehens bereitstellt. Kein Wunder, dass dabei alle Figuren aus dem Vollen schöpfen: Autorin Ayelet Gundar-Goshen ist studierte Psychologin. Hinzu kommt ihr Studium von Film und Drehbuch, frühere Werke wurden auch bereits verfilmt. So liest sich auch dieser Roman wie ein Skript: Langsam, leise, eindrücklich sieht man die Orte vor dem inneren Auge entstehen, ahnt, wie stimmungsvoll der Film sein wird.

Wider den American Way of Life

The American Way of Life - Glarean Magazin
Der „American Way of Life“ in den 1940er Jahren

„Wo der Wolf lauert“, und das tut er an vielen Stellen, ist ein Werk voller Konflikte, die, tief verdeckt, nach und nach emporschweben: Konflikte der Gewalt, der Herkunft/Staatsangehörigkeit, der Religion. Und ebenso ist das Buch voll von Dichotomien wie beispielsweise Heimatland/Herkunftsland oder Opfer/Täter. Dabei verschwimmen Grenzen und werden Lebenswirklichkeiten eingefangen, ohne konstruiert zu wirken. Weit und doch eng – die Enge der prüden und oberflächlichen US-Gesellschaft bzw. des American Way of Life, in dem alles wunderbar und toll sei. Frei/gefangen: Frei durch die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, gefangen in der prüden Enge der Gesellschaft.

Alles ist möglich

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Und so zwiegespalten alle in diesem Buch sind, so herrlich offen arbeitet die Autorin mit Motiven, Schuldzuweisungen und Folgen. Klar ist, dass alles und zugleich nichts in Stein gemeißelt ist. Alles ist möglich, vieles wird offengelassen, ein einfaches Ja oder Nein wird sie uns auch am Ende nicht geben.
So verweilt man gerne mit dem Buch in der Hand. Taucht in den Kokon einer ruhigen, privilegierten Welt der gelangweilten und ängstlichen Lila ein – und in die schnörkellose, wunderbar metaphernreiche Sprachwelt der Autorin, die voller komplexer Sachverhalte und Figuren ist. Alles in allem ein literarisches Kleinod für jeden, der die Hast und Wucht des Mainstreams satt hat und sich einzulassen vermag auf jede Menge Abgründe und unauslotbare Realitäten. Last but not least ist der Roman auch eine nette kleine Demontage des American Way of Life… ♦

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Roman/Thriller) – 344 Seiten, Kein & Aber Verlag, ISBN 978-3-0369-5849-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Psychologie auch über Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

Bernd Stegmann (Hrsg): Handbuch der Chormusik

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Ein Kompendium „klassischer“ Vokalwerke

von Walter Eigenmann

Mit der Umschreibung und Einordnung von über 800 bedeutenden (oder zumindest bemerkenswerten) Chorwerken aus sechs Jahrhunderten, also aus der Früh-Renaissance bis heute und von Clémant Janequin (†1558) bis zu Jake Runestad (*1986), legen die Verlage Bärenreiter und Metzler mit ihrem neuen Kompendium „Handbuch der Chormusik“ einen eindrücklichen Tour d’Horizont durch den gemeinschaftlichen Kunstgesang aller Zeiten hin. In den Fokus gezogen wurde dabei das instrumental unbegleitete Chorstück bzw. das Vokalwerk mit wenig Begleitinstrumentarium (Cembalo, Klavier, Orgel).

Handbuch der Chormusik - 800 Werke aus sechs Jahrhunderten - Bernd Stegmann - Bärenreiter VerlagDer Band ist offensichtlich rein lexikalisch konzipiert, soll also als Nachschlagewerk fungieren: Nicht chronologisch oder stilistisch oder kategorial sind die 800 Werkportraits angeordnet, sondern alphabetisch nach den Komponisten. Gleichwohl enthält ein Register im Anhang die übliche Themen-Liste verwandter Lexika („Tod/Leben“, „Nacht/Tag“, „Jahreszeiten“, „Liebe“ u.a.) sowie eine Übersicht auf alle Textautor/inn/en – womit auch musikgeschichtlich Interessierte schnell zu den einschlägigen Buchseiten manövrieren können.

Im Fokus: Das individuell gestaltete Kunstwerk

Herausgeber Bernd Stegmann umreißt die grundsätzliche Intention des Handbuchs so: „Die Autorinnen und Autoren stellen das individuell gestaltete Kunstwerk in den Vordergrund und nicht so sehr sein Aufgehen in einer musikhistorischen Entwicklung. Daher wurde anstelle übergeordneter gattungspezifischer oder historisch orientierter Darstellungen auf erhellende Schlaglichter gesetzt“.
Dabei werden jeder einzelnen Werkbesprechung die Angaben zum Entstehungsjahr, zum/r Textdicher/in, zur Besetzung, zur Dauer und zum Verlag des Erstdrucks vorangestellt.

Handbuch der Chormusik - Bernd Stegmann - 800 Werke aus sechs Jahrhunderten - Bernd Stegmann - Beispiel-Seite - Rezension Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus B. Stegmann (Hrsg): Handbuch der Chormusik – 800 Werke aus sechs Jahrhunderten – Bärenreiter-Metzler Verlag 2021

Die Portraits der Einzelstücke selber sind durchwegs zwar konzentriert auf ihren wesentlichen musikalischen Gehalt, aber sowohl informativ bezüglich Entstehungsgeschichte und zudem (z.B. für Dirigenten) oft sogar hilfreich, wo sie nicht nur Angaben zur kompositorischen Struktur, sondern auch Tipps zur Chordidaktik oder zur modernen Aufführungspraxis enthalten.

Informativ und sorgfältig

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Natürlich impliziert jede Titel-Auswahl immer auch eine gewisse Subjektivität bzw. musikalische Präferenz der involvierten Verfasser – ausnahmslos kompetente Experten ihrer Fachgebiete -, und nicht bei jedem Werkportrait lässt der Umfang der Besprechung nachvollziehbar auf die Bedeutung oder Aktualität des betr. Chorstückes schließen. Andererseits stellte die Beschränkung auf 800 Stücke bzw. Liedersammlungen angesichts einer erschlagenden Fülle von -zig Tausenden heute verfügbarer hochqualitativer Chorwerke zweifellos eine besondere Herausforderung dar für Herausgeber und Mitarbeiter – eine Aufgabe, der dieses Kompendium inhaltlich sehr informativ und lexikalisch sorgfältig nachkam.

Bereicherung des Chor-Bücherregals

Handbuch der Chormusik - Bernd Stegmann - 800 Werke aus sechs Jahrhunderten - Bernd Stegmann - Inhaltsverzeichnis - Rezension Glarean Magazin
„Handbuch der Chormusik“: Inhaltsverzeichnis

Zwei Dinge kann der Leser bedauern: Der über 720 Seiten starke Band enthält keine einzige Noten-Illustration (was angesichts der inhaltlichen Materialfülle allerdings verständlich ist); außerdem werden heutzutage so schwergewichtig praktizierte Chorgattungen wie Pop oder Jazz komplett ausgeblendet. Möglicherweise sind aber diese beiden Musiksparten ja Gegenstand eines zweiten, ähnlich sorgfältig konzipierten und fachlich instruktiven Bandes der beiden Verlagshäuser? Zusätzliche, möglicherweise jüngere Leserschichten wären einem solchen Folgeprojekt wohl garantiert.

Inhaltliche Qualität und lexikalische Sorgfalt

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Mit seinem stolzen Buchpreis von über 90 Euro richtet sich dieses eindrückliche Nachschlagewerk nicht an den/die Amateur-Durchschnittssänger/in. Für alle anderen aber stellt dieses Handbuch eine wirkliche Bereicherung des modernen Chor-Bücherregals dar: Die Qualität der Beiträge, das Spektrum der behandelten Vokalstücke und die lexikalische Sorgfalt dieses Nachschlagewerkes sind vorbildlich und bieten jedem/r Chorinteressierten, ob Dirigent/in, Sänger/in, Hörende/r oder Studierende/r eine Fülle von Informationen, Anregungen, Tipps und Inspirationen rund um das enorm facettenreiche Gebiet des Singens im Ensemble. ♦

Bernd Stegmann (Hrsg): Handbuch der Chormusik – 800 Werke aus sechs Jahrhunderten, 718 Seiten, Bärenreiter/Metzler Verlag, ISBN 9783761823422

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Chormusik auch: Chorgesang und kognitive Fähigkeiten (Musik-Psychologie)

… sowie zum Thema Musik im Alter: Handbuch der Seniorenchor-Leitung (Kai Koch)

Geilmann/Stiefel/Herbold: Boris Spasski (Schach-Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Revue eines faszinierenden Schachlebens

von Walter Eigenmann

Lange Zeit stand der 10. Schachweltmeister Boris Spasski sowohl medial wie bibliographisch völlig im Schatten seines legendären Kontrahenten Bobby Fischer, an den er im spektakulären „Match des Jahrhundertes“ 1972 in Reykjavik den Titel abgeben musste. Eine deutschsprachige Monographie über den genialen „Leningrader Cowboy“ (geb. 1937) schließt nun diese Lücke im deutschsprachigen Schachbuch-Regal. Der neue Band des Autoren-Trios Ulrich Geilmann, Frank Stiefel und Manfred Herbold bringt uns nicht nur den großen Schachspieler, sondern auch den Menschen Boris Spasski näher.

Wussten Sie, dass Spasski 1976 nur deshalb aus der Sowjetunion nach Frankreich loskam, weil Staatspräsident Georges Pompidou persönlich sich bei Leonid Breschnew für seine „Freilassung“ einsetzte? Oder dass Spasski drei Leidenschaften sehr intensiv pflegte: Den Kaffee, die Zigarette und die Frauen? Oder dass Spasski am Grabe von Bobby Fischer bitterlich weinte, weil er in seinem ehemaligen WM-Feind einen späteren guten Freund verloren hatte?
Solche Details und noch eine Fülle mehr davon finden sich in Ulrich Geilmanns neuer Spasski-Biographie, die das Leben des genialen russisch-französischen Ex-Weltmeisters aus Leningrad in Wort & Bild & Partie auf feuilletonistisch amüsante Weise Revue passieren lässt.

Kombinationsvermögen und Stellungsgefühl

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In seinem Vorwort attestiert der deutsche Internationale Meister Bernd Schneider (und ehemalige Spasski-Kollege in der Solinger Bundesliga-Mannschaft) dem „russischen Bären“ Boris Spasski eine „herausragende Schachintuition, ein phantastisches Kombinationsvermögen und ein begnadetes Stellungsgefühl“. Und genau diese drei Qualitäten – also weniger die neurotische Schachbesessenheit eines Bobby Fischer, nicht die unbändige Kampflust eines Viktor Kortschnoi oder die kalte Präzision des jungen Anatoly Karpow und auch nicht das trickreiche Va-banque-Spiel eines Michael Tal – waren es, die das 1937 in Leningrad geborene Schachgenie schließlich im Jahre 1969 zum WM-Fight gegen Tigran Petrosjan und zum Titelgewinn führten.

Munterer Plauderton

Aufstrebendes Schachgenie 1956: Der junge Spasski
Aufstrebendes Schachgenie: Der 19-jährige Spasski unter sowjetischer Flagge

Im munteren, eher feuilletonistischen denn fachwissenschaftlichen Plauderton, gespickt mit allerlei Fakten, Anekdoten, Statements und Interviews geleitet Biograph Geilmann den Leser durch ein Schachleben, das ein faszinierendes, teils euphorisches, teils deprimierendes, doch immer interessantes Auf-Und-Ab im internationalen Schachzirkus der GM-Diven, Turnierbühnen und Politkriege darstellt. Boris Spasski – das ist mehr als das „Anhängsel“ von Bobby Fischer im legendären „Match des Jahrhunderts“ des Jahres 1972 im fernen Reykjavík. Boris Spasski, und dies dokumentiert das Buch der drei Autoren Ulrich Geilmann, Frank Stiefel und Manfred Herbold überdeutlich – dieser Name steht für das völlig singuläre Leben eines Schachmeisters, der die Vielfalt und Zerrissenheit, den Glanz und auch viel Elend einer ganzen Schachära in sich vereint.

Witzig-akkurate Illustrationen

Boris Spasski - Der Leningrad Cowboy - Ein Schachleben - Ulrich Geilmann - Inhaltsverzeichnis (Glarean Magazin)
Inhaltsverzeichnis von „Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben“

Leider enthält der Band kein einziges historisches Foto, obwohl passende Aufnahmen im Internet gebührenfrei und einfach zu organisieren gewesen wären. In diese schmerzliche Bresche sprang jedoch der bekannte Schach-Cartoonist Frank („Fränk“) Stiefel, der sich mächtig ins Zeug bzw. in den schwarz-weißen Zeichnungsstift legte. In unnachahmlich-bekannter Manier steuerte er Portraits, Situationsbilder und träf karikierende Zeichnungen bei, die den Text mit akkurat-köstlichem „Pinselstrich“ auflockern.

2’300 Spasski-Partien

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Daneben führt die neue Spasski-Biographie aber nicht nur seine wesentlichen Lebensstationen an, sondern sie enthält eine riesige Menge von Partien-Material aus allen Schaffensperioden des Leningrader Schachgenies. Zum einen sind da zahlreiche Schlüssel-Begegnungen im Buch selber zu finden, allesamt detailliert kommentiert und mit zahlreichen Diagrammen gespickt. Zum anderen legen die Autoren ihrem Band eine Bonus-CD mit nicht weniger als 2’300 Spasski-Partien bei – alle ebenfalls kommentiert, wobei den Löwenanteil der Anmerkungen der Buchautor Ulrich Geilmann selber sowie div. Computerprogramme mit ihrer „Taktischen Analyse“ beisteuerten. Alle Games wurden dabei sowohl im Standard-PGN- als auch im differenzierteren Chessbase-CBH-Format archiviert.

Amüsanter Schach-Lesestoff

Der 340 Seiten starke, in 16 Kapitel gegliederte Band mag seine Schwächen haben: Die komplette Absenz von historischem Bildmaterial, die zuweilen etwas holprige Sprache des inhaltlichen Teils (ok, das mag Geschmacksache sein) sowie leider diverse (durch sorgfältigeres Lektorat vermeidbare) Tipp- und Satzzeichen-Fehler müssen erwähnt werden. Bei einem stolzen Verkaufspreis von 30 Euro wäre diesbezüglich etwas mehr Akribie bei der Endkontrolle angemessen gewesen.

Boris Spasski - Der Leningrad Cowboy - Ein Schachleben - Ulrich Geilmann - Beispielseite (Glarean Magazin)
Beispiel-Seite aus Geilmann/Stiefel/Herbold: „Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben“

Auf der anderen Seite glänzt dieser (wohl auch als Liebhaberprojekt konzipierte) neue Band des Autoren-Trios Geilmann/Stiefel/Herbold durch schöne bibliographische Gestaltung, durch seine oft erfrischend unkonventionelle Partien-Kommentierung, durch eine breite Palette von (teils bis anhin unbekannten) biographischen Fakten und nicht zuletzt durch seinen köstlichen Mix von diversem anekdotischem „Psychofutter“, das uns nicht nur den Schachspieler, sondern auch den Menschen Boris Spasski näher bringt.

Karikatur von Frank Stiefel - Boris Spasski auf dem Weg zum Olymp - Glarean Magazin
Boris Spasski auf seinem Flug zum Olymp (Karikatur von Frank Stiefel)

Fazit: „Boris Spasski – Ein Schachleben“ bereitet echtes Schach-Lesevergnügen. Die Biographie ist flüssig und unterhaltsam geschrieben, wartet mit zahllosen Anekdoten, aber auch vielen familiären und politischen Schlüsselmomenten im Leben des 10. Schachweltmeisters auf, und sie präsentiert eine in dieser Kompaktheit und kommentatorischen Qualität überdurchschnittliche und äußerst umfangreiche Partien-Sammlung.
Vor allem aber wird mit dieser Spasski-Monographie eine Lücke im deutschsprachigen Schachbuch-Regal geschlossen, indem sie eine der schillerndsten, doch bis anhin leider weitgehend unter Wert beachteten Persönlichkeiten der Schachgeschichte in den Fokus holt. Das allein stellt ein hohes Verdienst dieses Buches dar. ♦

Ulrich Geilmann, Frank Stiefel, Manfred Herbold: Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben, 340 Seiten, plus Partien-Sammlung (CD), Maya-&Paul-Verlag, ISBN 978-3981984934

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Weltmeisterschaften auch über André Schulz: Das grosse Buch der Schachweltmeisterschaften

…sowie zum Thema Bobby Fischer von Frank Brady: Endspiel

Peter Biro: Der Exodus der Schachfiguren (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 16 Minuten

Der Exodus der Schachfiguren

Peter Biro

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei…

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei. Der besonders nachdenkliche King Black kam nach kurzer Introspektion zum Schluss, dass diese Maßnahme unumgänglich und somit eigentlich bereits eine beschlossene Sache sei. Die Entscheidung war ihm gar nicht leichtgefallen, aber der heimliche Abgang vom Schachbrett sei nun mal die einzige Möglichkeit, aus der quadratischen Enge des Spielfelds auszubrechen und die seit langem ersehnte Freiheit zu erlangen.

Lange Abende an verrauchten Spieltischen

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Peter Biro - Glarean Magazin
Gelingt den 32 Schachfiguren die Flucht runter vom Brett in die Freiheit?

Mit dramatischen Worten erläuterte er seinen in vier Reihen aufgestellten schwarzen und weißen Landsleuten die tragische Leidensgeschichte seines unterdrückten Volkes. Er sparte nicht mit bildreichen Schilderungen der elend langen Abende an verrauchten Spieltischen, an denen er und seine Kameraden sich von wahren oder vermeintlichen Geistesgrößen herumschieben lassen mussten und zu grausamen Gladiatorenkämpfen gezwungen wurden. Bei diesen Wettkämpfen wurden jedes Mal etliche seiner Untertanen vom Brett gefegt und bis auf weiteres in den Figurenkasten gesperrt. Je nach Vermögen der Spieler blieb bestenfalls nur der siegreiche König mit einigen wenigen Getreuen als Überlebende des jeweiligen Spiels übrig. Mit anderen Worten, viele seiner Landsleute wurden Opfer eines allabendlich stattfindenden Massakers.

Melania von Ohrensausen

Schach-Humoreske - Melania von Ohrensausen - Glarean Magazin
„Guter Kleidergeschmack war Melanias Sache nicht“

Dieses wehrlose Ausgeliefertsein musste um jeden Preis beendet werden, und gerade jetzt sei dafür die Zeit gekommen. Seine Partnerin, die schwarze Königin Melania Carlotta III (eine geborene Herzogin von Ohrensausen und Schlyck) war zunächst ebenso wenig begeistert vom plötzlichen Freiheitsdrang ihres Gatten wie ihre weiße Gegenspielerin, welche bekanntlich die heimliche Geliebte King Blacks war.
Obendrein wusste Melania von Ohrensausen nicht so recht, was im Falle einer Flucht anzuziehen wäre. Im Gegensatz zu ihrer weißen Gegenspielerin haderte sie ständig mit der Garderobe – denn guter Kleidergeschmack war nun mal ihre Sache nicht. Aber ein finales Machtwort des vierten Bohemunds tat seine Wirkung, und sie fügte sich nicht nur gehorsam in ihr Schicksal, sie begann sogar die Idee der Befreiung bei den anderen Figuren zu propagieren.

Gemeinsame Flucht…

Damit war bald die Mehrheit des Klans, namentlich die schwarzen Gefolgsleute mit der vom Herrscher verordneten Aktion einverstanden. Nur sein linker Läufer blieb irgendwie unbeeindruckt, denn dieser hatte bei einem früher ausgetragenen Kampf seinen komplementärfarbigen Kopf verloren. Jene als Haupt fungierende weiße Kugel ruhte nun unbenutzt in der Figurenschachtel und wartete darauf, von einer barmherzigen Hand wieder auf den zylindrisch schlanken Torso aufgeleimt zu werden. Aber so kopflos wie er nun mal war, konnte der behinderte Läufer nicht an den hitzigen Debatten um Verbleib oder Gehen teilnehmen, und blieb weitgehend über die sich entfaltenden Ereignisse im Dunkeln – eben in jener der kleinen, mit Samt ausgelegten Holzkiste am Rande des Spielbretts.

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Ein weit größeres Problem als der ratlose, linke Läufer war es, den gegnerischen Klan, das heißt die weiße Mannschaft, von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Flucht zu überzeugen. Ihr Anführer, der weiße König Wenzeslaus II, im Volksmund auch Ol` King White genannt, war für seine eher zaudernde Haltung bekannt, so dass beim Versuch ihn zu überreden mit vehementem Widerspruch zu rechnen war. Aber der schwarzbärtige Bohemund hatte dafür noch einen Trumpf in der Hand: er veranlasste seine Geliebte, die weiße Königin Bianca Liposuccta IX (geborene Fürstin von Schlagobers de Saan), ihrem Gatten die Notwendigkeit einer baldigen Flucht subtil einzuflüstern.
Gemäß kolportierter Gerüchte aus den Reihen der schwatzhaften Höflinge, gab diese ihr Bestes (was immer das auch gewesen sein mag), um ihren weißbärtigen Gemahl zu überzeugen, seinen anfänglichen Widerstand gegen einen Exodus der Figuren aufzugeben. Trotz gutem Zureden und einiger hier nicht weiter zu erläuternder Tricks und Kniffe der geschickt agierenden Bianca von Schlagobers de Saan bestand Ol` King White, alias Wenzeslaus II, wenigstens auf einen ritterlichen Zweikampf als Entscheidungshilfe. Er vertrat den Standpunkt, dass eine Meinungsverschiedenheit zwischen gekrönten Häuptern, grundsätzlich mittels eines Duells zu regeln ist, so wie es sich nach höfischer Art geziemt und vom einfachen Bauernvolk auch erwartet wird. Dies gilt sogar trotz der unwiderlegbaren Tatsache, dass nicht nur die einfachen Figuren, sondern auch die royalen Würdenträger aus nichts anderem als aus gewöhnlichem Kleinholz gefertigt sind.

… in die große weite Welt

Das vom Ol` King White, dem zweiten der Wenzelslaeuse geforderte Duell musste sich in Form eines Turniers, oder besser gesagt eines ritterlichen Schlagabtauschs inmitten des Schachbretts abspielen und von den Besten der Besten beider Volksgruppen ausgefochten werden. Deshalb führten beide Herrscher je einen Turm, einen Springer und drei Bauern ins Feld, um eine endgültige Entscheidung in Sachen Flucht oder Verbleib zu erwirken.

Piezas de ajedrez de torre blanca y caballero negro - Glarean Magazin
„…bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel.“

Die Kombattanten trafen sich symmetrisch angeordnet entlang der Kampflinie zwischen D4\F4 und D5\F5, und begannen sogleich aufeinander einzuschlagen. Als erstes kickten sich die vorgeschickten Bauern gegenseitig vom Feld, dann umsprangen sich die Rösser eine Weile ergebnislos, bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel, und dieser wiederum von seinem schwarzen Gegenüber gefällt wurde. Der übrig gebliebene, siegeiche schwarze Turm stand triumphierend auf E5 und winkte seiner jovial lächelnden Königin zu, um den Sieg der schwarzen Partei und somit des eigenen Anliegens zu signalisieren. Auf diese Weise wurde entschieden, dass während der kommenden Nacht die gesamte Truppe unter der Führung des schwarzen Königs vom Spielbrett türmen und in die große, weite Welt aufbrechen würde.

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„…denn es war ein regnerischer Dienstagabend.“

Das Wetter war den Flüchtenden gewogen, denn es war ein mondscheinloser, regnerischer Dienstagabend. King Black rechnete richtigerweise damit, dass es diesmal kein Schachturnier geben und deswegen die Luft im unbewachten Spielzimmer rein bleiben würde. Eine derart günstige Gelegenheit zum unbemerkten Abschleichen durfte nicht verpasst werden. Zwar hatte keine der 32 Figuren eine Ahnung davon, was auf sie da draußen wartete, aber alle hatten genug vom ständigen Herumexerzieren, das ewige Rumstehen in Reih und Glied, das aggressive Vorrücken gegen ihresgleichen, das sich gegenseitig Bedrohen müssen und vor allem vom anschließenden Gemetzel während der allwöchentlichen Schachpartien.

Erste Vorbereitungen…

Bohemund, der blacke King gab das Zeichen, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Die Figuren kontrollierten ein letztes Mal die Filzsohlen, auf denen sie leise davonschleichen sollten. Neugierig und mit einer gewissen Portion Neid betrachtete die dunkle Melanie ihre hellhäutige Konkurrentin am gegenüberliegenden Brettrand, die wieder einmal eleganter als sie angezogen war. Bianca stand kerzengerade in ihrem besten Reisekostüm, vom weißen König und einem ebensolchen Berittenen auf D8 eingerahmt. Die vier Rösser wieherten bereits ungeduldig und sprangen regelkonform in L-förmigen Schrittfolgen tänzelnd umher.
Derweil hetzten die drei intakten Läufer diagonal in der Gegend herum, um eventuelle Hindernisse auf dem vorgesehenen Fluchtweg auszukundschaften. Nur der kopflose linke Läufer der schwarzen Partei hatte keine Ahnung davon, was da vor sich ging, und auch keine weiteren Bedürfnisse außer dem einen: wohlverleimt endlich wieder mit seinem Haupt vereinigt zu werden. Er wurde behutsam von seinem vorangestellten Bauern an der Hand geführt, während der abgeschlagene Kopf natürlich auch mitkam, und zwar in der Obhut des rechten weißen Turms, der gleichzeitig die Nachhut anführen sollte.

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„24 flachbrüstige Damen des gleichnamen Brettspiels“

Mehr pro forma und ohne große Hoffnung auf Zustimmung lud Bohemund die 24 Damen des gleichnamigen Brettspiels ein, sich seinem Tross anzuschließen. Aber wie erwartet wiesen die ängstlichen Figürchen auch nur den bloßen Gedanken an eine Flucht weit von sich, und der zutiefst bohemundete König Black bedauerte bereits, sie überhaupt gefragt zu haben. Stattdessen stapelten sich die 24 flachbrüstigen Damen ängstlich in vier Reihen in einer Ecke des Figurenkastens und beobachteten sorgenvoll die Abmarschvorbereitungen der Schachkollegen beiderlei Couleur.

… und mitternächtlicher Abmarsch…

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„Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts“

Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts, und als diese Mitternacht schlug, marschierte die erste Kolonne unter den aufmerksamen Blicken Bohemunds ab, der am Spielfeldrand stehend, der Prozession aufmerksam zusah und jeder Figur ermutigend auf die kreisrunde Schulter klopfte. Die erste Gruppe, gewissermaßen die Vorhut, bestand aus dem treuen linken schwarzen Turm, einem weißen Läufer und fünf Bauern beiderlei Farben. Anschließend folgte die Hauptmacht unter der Führung von König Wenzeslaus und der beiden Königinnen, die sich unentwegt gegenseitig beäugten und ihre Garderoben abschätzten. Im Zentrum marschierte unmittelbar dahinter die königliche Leibgarde bestehend aus zwei Türmen, flankiert von den zwei Springern Dexter und Linky, ihrerseits gefolgt von neun gemischten Bauern einschließlich desjenigen mit dem kopflosen Läufer an der Hand. Als letzter der Hauptstreitmacht gesellte sich Bohemund hinzu und winkte der etwas zurückbleibenden Nachhut, ihm baldmöglichst zu folgen. Diese ging anschließend unter der Führung des rechten, weißen Turms zusammen mit den restlichen Offizieren und Bauern, die große Mühe drauf verwendeten, die Spuren des Auszugs zu verwischen.

… über den Vorhang…

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Vorsichtig seilten sich die Schachfiguren eine nach der anderen an einer Falte des Vorhangs, der direkt an den Spieltisch grenzte, zum Teppichboden herunter. Die ganze Aktion dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis alle sich in einer langen Reihe zu Füßen des nächsten Tischbeins zum Zählapell aufstellten. Lediglich die zuoberst gestapelten Domino-Steine im benachbarten Regal hatten etwas von der Aktion mitbekommen und gaben die aufregende Nachricht vom Auszug der Kollegen ihren zahlenmäßig passenden Nachbarn weiter. So war es bald eine ausgemachte Sache unter den Bewohnern des Spielzimmers, dass eine große Fluchtbewegung angelaufen war.
Man war sich einig, dass wenn anderntags das Fehlen der Schachfiguren bemerkt würde, ein ziemlicher Aufruhr ausbreche. Der Besitzer des Spielzimmers und dessen Inhalts, ein gewisser Herr Michael Faraon, seines Zeichens Aktuar des örtlichen Schachklubs, sei bekanntermaßen sehr jähzornig und nachtragend. Das wusste man schon von früher, nachdem Herr Faraon einmal eine Kreuz-Sieben mit Kaffee befleckt und damit unbrauchbar gemacht hatte. Daraufhin zerriss er wutentbrannt die Karte und schleuderte das ganze Pack nutzloser Kanasta-Karten in den Kamin. Sowohl die Dominosteine, als auch die danebenliegenden Pokerkarten hofften inständig, dass der zu erwartende Wutanfall des Herrn Faraon sich nicht gegen sie richten würde. Der Herzkönig vom Kartenstapel überbrachte den Abrückenden die Abschiedsgrüße der versammelten Spielwaren und winkte seinen scheidenden Kollegen traurig hinterher.

… und das Treppenhaus …

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Zwei Läufer - Peter Biro - Glarean Magazin
„Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften“.

Nach einem abschließenden Zählapell blies Bohemund Black zum endgültigen Abmarsch aus dem Spielzimmer. In geordneter Reihe marschierte die Kolonne an Tisch und Stühlen vorbei, passierte in einem strategisch geschickt angelegten Umgehungsmanöver das Kanapee und ein niedriges Kartentischchen, und durch die nur leicht angelehnte Tür erreichten alle Figuren wohlbehalten das Treppenhaus. Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften, und sie kehrten mit der Meldung zurück, dass man jede Stufe am besten entlang der Teppichkante herunterklettern könnte. Dies würde für die gesamte Truppe mehrere Stunden dauern.

… durch die Katzentür …

Ein dritter Läufer blieb etwas zurück und linste durch den Türspalt zurück, um eventuelle Verfolger rechtzeitig auszumachen. Gesagt, getan, mit der Vorhut voran kraxelten alle Figuren in einer überfigürlichen Anstrengung die Treppe bis zum Flur hinunter, was fast bis zum Morgengrauen dauerte. An mehreren Stellen führten die beiden Könige einen Zählapell durch, um die Mannschaft auf Vollständigkeit und Fahnenfluchtfähigkeit zu prüfen. Am Treppenabsatz angekommen, wurde eine kleine Abschiedszeremonie mit Trompetenklang und Einrollen der Fahnen abgehalten, und anschließend entwich der gesamte Schachfigurensatz durch die Katzentür.

… in den Maulwurfsbau

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Den ersten Tag campierte die Truppe im improvisierten Biwak eines Maulwurfsbaus im Garten des Faraon-Hauses, denn allen Geflüchteten war klar, dass man sich bei Tageslicht besser nicht blicken lassen sollte. Ansonsten könnte ein verräterisches Haustier die Deserteure erkennen, ausbuddeln und Herrn Faraon Bericht erstatten. Das konnte böse enden, z.B. damit, dass man einem Strafbataillon zugeteilt würde, was wiederum eine mehrjährige Fronarbeit beim Mühlespiel bedeutete oder gar schlimmeres: zu Feuerholz degradiert zu werden. In der Tat machte Faraons getigerte Hauskatze Annabella Schnurrdibus wiederholt Kontrollgänge durch Haus und Garten, aber sie bemerkte die sich eng aneinander duckenden Figuren im Maulwurfshügel nicht. So blieben die Geflohenen unentdeckt und konnten in der zweiten Nacht ihre Flucht fortsetzen.

Letzter diagonaler Erkundungsgang

Um einen improvisierten Kartenkiesel versammelt, beugten sich die beiden Könige bei einer Lagebesprechung über eine grob gezeichnete Skizze der Umgebung, welche die Läufer von ihrem letzten, diagonalen Erkundungsgang mitgebracht hatten. In Gegenwart von je einem weißen und einem schwarzen Turm sowie der drei Läufer studierten King Black und Ol` King White die in Frage kommenden, weiterführenden Fluchtrouten. Zwar versperrte eine große Pfütze den einzig gangbaren Weg zur Straße, aber der weiße Wortführer der Läufer meinte, man könnte sie durchwaten, wenn die Sonne lang genug darauf geschienen und sie wenigstens teilweise ausgetrocknet haben würde. Dann genüge es, wenn der Anführer der Truppe, also King Black, auf die seichteste Stelle des verbleibenden Wassers zeigen würde, wo sich die Truppe in die Fluten wagen könnte.

Zurück zu den Anfängen

Elefant mit Turm – Fresko aus der mozarabischen Einsiedelei (ermita) San Baudelio de Berlanga - Glarean Magazin
„Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort“ (Spanisches Fresko mit Elefant und Turm)

Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort und erinnerte die Anwesenden an jene Schreinerwerkstatt, aus der er und die anderen ursprünglich stammten. Jenes Atelier gehörte einem gewissen Meister Astalosh, der die altertümliche Drehbank betrieb, an der seinerzeit sie alle – außer den Springern – in ihre zylindrische Form gedrechselt worden waren. Dort, so behauptete der weiße Turm, könnte man sich unauffällig unter die unfertigen Bauteile und den herumliegenden Holzabfall aus der laufenden Produktion verstecken.
Da die Schreinerwerkstatt nur eine Tagereise vom Maulwurfshügel entfernt war, wurde beschlossen, dass sich die Figuren dorthin über die folgenden vier Nächte in getrennt vorstoßenden Gruppen durchschlagen sollten. Jede Gruppe würde unter der Führung eines gekrönten Hauptes, also eines Königs oder einer Königin stehen und aus jeweils einem Turm, einem Springer, einem Läufer und vier Bauern bestehen. Außerdem wurde vereinbart, dass falls eine Gruppe auf der Flucht von der gemeingefährlichen Schnurrdibus oder gar von Herrn Faraon persönlich ertappt werden sollte, kein Wort über die anderen verloren werden durfte; nicht einmal unter einem peinlichen Verhör mittels Schraubzwinge oder Fuchsschwanzsäge.

Erfolgsgekrönter Exodus

Bis auf die letzte Gruppe, welche den kopflosen Läufer transportierte, erreichten alle Figuren planmäßig den schützenden Abfallhaufen neben der Schreinerei. Die letzte Gruppe war zwangsläufig langsamer unterwegs und wurde von einem streunenden Hund aufgehalten, der fast die gesamte Nachbarschaft wach kläffte, als er der ungewöhnlichen Prozession gewahr wurde. Aber bereits unter dem ersten, blendenden Strahl der Morgensonne erreichten auch die letzten Figuren den schützenden Holzhaufen und konnten sich im Sägemehl von Astaloshs Werkstatt endlich von den Strapazen ihrer abenteuerlichen Flucht ausruhen. So geschah es, dass dem waghalsigen Exodus der Schachfiguren ein krönender Erfolg beschieden war.

Epilog

Der Schreinermeister Astalosh durchsuchte regelmäßig den Abfallhaufen nach noch brauchbarem Material, denn hie und da benötigte er Kleinteile für eine Verzierung oder Ergänzung irgendeines Möbelstücks. So stieß er auf die verstreut herumliegenden Schachfiguren, die ihm irgendwie bekannt vorkamen. Da er aber nicht alle auf einmal erblickte, dachte er nicht daran, diese wieder einem Schachspiel zuzuführen, zumal damit kaum mehr etwas zu verdienen war. Stattdessen fand er für die nach und nach aufgeklaubten Figuren unterschiedliche Verwendungen, die dazu führten, dass die Gruppe definitiv auseinandergerissen wurde:

• Neun Bauern endeten als Schubladen-Griffe für die Schlafzimmerkommode eines jungen Brautpaares und wurden zwangsläufig Augenzeugen von deren intensiver Familienplanung.
• Die verbleibenden sieben Bauern wurden als Kegel in einem Miniaturbowling-Spielkasten für Kinder verbaut und landeten auf dem Gabentisch eines stark kurzsichtigen Jünglings namens Hubert.
• Mit den vier Türmen verlängerte Herr Astalosh die Beine eines kleinen Beistelltisches, welches – welch eine Ironie des Schicksals! – von Herrn Faraon für sein Spielzimmer bestellt wurde. Nach Auslieferung des fertigen Kleinmöbels und nach Einbruch der Nacht kam es im Spielzimmer zu einer unerwarteten Wiedersehensfeier unter Beteiligung der Dame-Figuren, der Pokerkarten und der Dominosteine, welche die vier immobilisierten Rückkehrer nach deren Erlebnissen während ihrer Flucht ausfragten. Umgekehrt berichteten sie den bodenständigen Türmen, dass Herr Faraon während der verzweifelten Suche nach den verschwundenen Schachfiguren einen kurzen und heftigen Wutanfall erlitten, das Schachbrett zerbrochen und die beiden Stoppuhren in den Müll geworfen hatte.
• Dexter, der rechtsstehende, weiße Springer endete als Verzierungen im Rahmen eines Garderobenspiegels, welcher Jahre später zu einem Zahnarztstuhl umgearbeitet wurde. In diesem wiederum wurde er zu einem Griff umfunktioniert, welchen die Patienten kräftig drücken konnten, wenn der Schmerz unter der Behandlung überhandnahm. Linky gelangte auf verschlungenen Umwegen nach Österreich und wurde als symbolisches Dekorationselement in einer Menütafel verbaut, und zwar über dem Tresen des „Weißen Rössl“ am Wolfgangsee.
• Die zwei schwarzen Springer (Nero und Misericordius) wurden zu Regenschirmgriffen umgestaltet. Als solche gingen sie mit anderen Haushaltsartikeln in den Export. Nero endete im norwegischen Stavanger als unentbehrliches Accessoire eines Seiltänzers, der jeden Sonntagnachmittag mit einem Matjeshering in der einen und dem Schirm in der anderen Hand zwischen den beiden Türmen der Kathedrale balancierte. Der Schirm mit Misericordius wurde zum Sonnenschutz einer malaysischen Lehrerin, die in einem abgelegenen Urwalddorf verwaiste Makaken zu Stenotypisten und Fluglotsen ausbildete.
• Die drei intakten Läufer blieben zurück und versteckten sich unter einem Werkzeugschrank. Um verirrten Kameraden beizustehen, gingen sie sporadisch auf Erkundungsmissionen, die sie diametral in sämtliche Ecken des Raumes unternahmen. Sie trafen aber keine Verirrten mehr aus dem alten Figurensatz an. Ansonsten blieben Sie jahrelang unter dem Gestell versteckt, bis eines Tages die Werkstatt abgerissen und einem Waschsalon weichen musste. Wahrscheinlich wurden sie mit dem Schutt aus dem Abbruch entsorgt, jedenfalls hörte man seitdem nichts mehr von ihnen.
• Der kopflose Läufer, den man unter großen Mühen mitgeschleppt hatte, wurde sehr bald nach seiner Ankunft durch Herrn Astalosh als unbrauchbar erkannt und verschreddert. Kopflos wie er war, endete er als Holzpellet in einer Heizanlage. Sein Haupt machte indes Karriere als hübsch gemaserte, besonders leichte Murmel in der Kugelsammlung von Astalosh Junior.
• Die beiden Königinnen blieben weiterhin schicksalhaft zusammen und hatten somit die Möglichkeit sich weiterhin gegenseitig anzukeifen. Sie wurden als Handgriffe auf ein Paar hübsch dekorierten Cocktailspießen angebracht, auf die man Oliven oder Zitronenscheiben aufzog. Dergestalt kamen sie in ihrer neuen Eigenschaft als Besteck in einer Karaoke-Bar zum Einsatz. Aus Cocktailgläsern ragend, musterten sie sich weiterhin gegenseitig mit unfreundlichen Blicken und warfen sich gelegentlich beleidigende Bemerkungen betreffend ihrer Garderoben zu.
• König Wenzeslaus II alias Ol` King White endete als dekorativer Knauf am oberen Wendepunkt eines barocken Treppengeländers, von wo er jahrzehntelang die auf- und absteigenden Hausgäste der vornehmen Villa beobachten und daraus seine ganz persönlichen Schlüsse ziehen konnte. Seine Memoiren erschienen Jahre später unter dem Titel `Vom Thron zur Zierfigur – Erinnerungen eines aufgestellten Königs` bei Klappezu & Affetot 2009, Wien, London, Buxtehude.
• Bohemund IV, oder King Black, der initiative schwarze König, der die ganze Fluchtaktion geplant, befohlen und angeführt hatte, wurde an die Spitze einer Standartenstange montiert, die bei Aufmärschen der Heilsarmee der Blaskapelle vorangetragen wurde. Auf diese Weise konnte er, standesbewusst wie er nun mal war, an feierlichen Zeremonien lange Jahre an vorderster Stelle teilnehmen und sich am Tschingderassabum und dem ganzen Tamtam um ihn herum erfreuen. Dabei glaubte er felsenfest, dass der Jubel der freudig am Straßenrand zuschauenden Menschen ihm alleine galt und der ganze Aufmarsch ihm zu Ehren abgehalten wurde.

Moral der G’schicht: Süß ist die Freiheit selbst dann, wenn sie einem nur zu einem zeitweiligen und banalen Weiterleben verhilft! ♦


Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Anekdoten aus der Welt des Schachs

Weitere Satiren von Peter Biro im GLAREAN MAGAZIN

Thaïs Odermatt: Amazonen einer Grossstadt (Film)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Kritik an überholten Gender-Vorstellungen

von Katka Räber

Mit dem Dokumentar-Film „Amazonen einer Großstadt“ der Schweizer Regisseurin Thaïs Odermann begeben wir uns in Berlin auf die Suche nach heldenhaften, kämpferischen Frauen, die den Mut haben, ihre Träume zu leben – heraus aus der traditionellen Rolle, eigenen Gesetzen und Vorstellungen folgend.

Amazonen einer Grossstadt - Film von Thais Odermatt - Rezensionen Glarean MagazinAmazonen, die weiblichen Kriegerinnen aus der Mythologie, die ihren eigenen weiblichen Staat regierten und von vielen männlichen Autoren immer wieder besungen wurden: Wie können sie heute, in unserer Gegenwart, aussehen und wirken? Thaïs Odermatt, die selber schon in ihrer Kindheit auch als Mädchen ihre Rechte und ihre Stellung gerne kämpferisch eroberte (wie sie zu Beginn des Films zeigt), lässt uns im spannenden Mix vier Frauen kennenlernen, von denen jede auf ihre Art einen Kampf führt.

Engagement für die Menschenrechte

  • Die älteste, die grauhaarige Irmela Mensah-Schramm geht als politisch engagierte Menschenrechtsaktivistin zu Fuss durch Berlin und übersprayt alle Neo-Nazi-Parolen und -Zeichen. Sie kratzt minutiös alle Kleber dieser Art ab und setzt so ihren Widerstand gegen die Nazi-Tendenzen um.
  • Die in Bangladesch in einem Abfallcontainer als Baby aufgefundene und in ein Spital und später in ein Kinderheim gerettete und nach Dänemark adoptierte Sara lebt heute als DJ That Fucking Sara in Berlin und setzt ihre Wut in Musik in Clubs auf der ganzen Welt ein. Daraus ergeben sich kraftvolle Beats, die viele Menschen beflügeln – und sie selber von der eigenen Wut auf die Lebensverhältnisse befreit.

Körperlich kanalisierte Wutentladung

  • Thais Odermatt - Schweizer Film-Regisseurin - Rezensionen Glarean Magazin
    Regisseurin Thais Odermatt (Geb. 1980 in Stans/CH)

    Auch die Ukrainerin Maryna Ivashko hat den unwiderstehlichen Drang nach körperlicher, gesteuerter, kanalisierter Wutentladung unter dem Einsatz von Kraft nach unerbittlichem Training und sogar brutalem Zweikampf des MMA (Mixed Martial Arts). Es war für mich schwierig, die brutalen Kämpfe, bei denen alle Kampfsporttechniken eingesetzt werden, anzuschauen. Interessant, wie unterschiedlich die Lebensenergie ausgelebt werden kann. Die ausdrucksschöne Maryna braucht, ihrer Aussage nach, diesen körperliche Kampf.

  • Ganz anders die vierte Protagonistin, die kurdische Ex-Guerillakriegerin Zilan, die als 13-Jährige von den Eltern in die Berge von Kurdistan als Freiheitskämpferin geschickt worden ist. Sie lebte zehn Jahre als Kämpferin und sagt jetzt, in Berlin lebend als die sanfte Mutter eines Babys, ein Gewehr in den Händen zu halten entmenschliche vollkommen. Es dürfe nie so weit kommen. Damals, als Guerillakriegerin, war sie bereit zu sterben. Jetzt will sie leben und helfen, die Zukunft positiv zu gestalten.

Die moderne Amazone

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Amazonen einer Grossstadt“ räumt auf mit der Vorstellung, alle Frauen seien nur sanft und zahm und ganz wut- und aggressionsfrei. Der Dokumentarfilm lädt ein zu einer sehr spannenden Auseinandersetzung mit überlieferten, konservativen Gendervorstellungen. Und es gibt sie auch heute noch, und heute erst recht: Die Amazonen, die mutigen, oft wütenden, engagierten Kämpferinnen für unterschiedlichste Anliegen – nicht nur in Berlin… ♦

Thaïs Odermatt (Regie): Amazonen einer Grossstadt, Dokumentarfilm, 66 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Film auch über R. & S. Zürcher: Das Mädchen und die Spinne (Spielfilm)

Cees Nooteboom: Abschied (Gedicht aus der Zeit des Virus)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Nachdenken über den Menschen

von Stefan Walter

Cees Nooteboom (*1933) ist einer der großen niederländischen Dichter, und unter diesen in Deutschland sicherlich der bekannteste. Für „Abschied“, ein „Gedicht aus der Zeit des Virus“, das man wohl guten Gewissens als seinen Schwanengesang betrachten darf, hat er sich der eher seltenen Form des Langgedichts bedient.

Cees Nooteboom: Adiós (poema de la época del virus)In der noblen Bibliothek Suhrkamp als zweisprachige Ausgabe Niederländisch–Deutsch erschienen, gibt es an den Äußerlichkeiten des „Abschieds“ von Cees Nooteboom erwartungsgemäß nichts zu kritisieren. Der dunkelviolette Einband ist von einem schlichten Schutzumschlag in Weiß mit einem schmalen violetten Streifen umgeben; große Experimente wird der Leser hier nicht erwarten. Ein Lesebändchen ist vorhanden, gleichfalls violett. Oder, um es in den Worten des Gedichtes zu sagen, „dazu die passende Farbe: / das Lila von Tod und Geburt.“
Auf jeder Doppelseite findet sich, ganz wie sich das gehört, links der Originaltext, rechts die deutsche Übersetzung. Jeder Abschnitt bekommt seine eigene Doppelseite. Ein kurzes Nachwort des Autors hilft ein bisschen beim inhaltlichen Verständnis des nicht ganz einfachen Textes. Vier Zeichnungen von Max Neumann runden das Buch ab.

Strenge Gliederung

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Das Gedicht selbst, untertitelt mit „Gedicht aus der Zeit des Virus“, folgt einer strengen Gliederung: Drei Kapitel zu je elf nummerierten Abschnitten zu je 13 Versen, in drei Strophen plus einen Nachsatz getrennt. Die Stropheneinteilung erscheint rein formal, Strophenenjambements sind die Regel; als Sinneinheit dient ausschließlich der Abschnitt, der in vielen Fällen aus einem einzigen Satz besteht.

Wesentlich anstrengender ist es, den teils sehr dunklen Inhalt zu erhellen. Da eine Rezension glücklicherweise keine umfassende Interpretation zu liefern braucht, kann ich mich hier auf einzelne Stellen beschränken.
„Dies fragte sich der Mann im Wintergarten, / das Ende vom Ende, was könnte das sein? / Etwas ganz ohne Kummer (…)“ beginnt der Text. Der Mann sieht im ersten Abschnitt u.a. einen „entblätterten Feigenbaum“, „die tausendjährigen Steine der Mauer“, „wie die Nacht korrigiert werden sollte“, „die Grammatik der Enteignung“, „Rückzug nach der Niederlage“, „doch keine Bestimmung“.

Nebeinander von Metaphern und Wertungen

Cees Noteboom - Reporta Glarean
Cees Nooteboom (Geb. 1933 in Den Haag)

Dieses auffällige gleichrangige Nebeneinander von Bildern, Metaphern und Wertungen zieht sich durch das ganze große Gedicht von Cees Nooteboom. So erinnert sich der Mann im zweiten Abschnitt an den Krieg, an „Soldaten beim Abzug, bang, dreckig“ statt wie zuvor „mit neuer Zukunft versehen, mit Opfern“, „die Rückseite des Spiegels“, „die Falle der Not“.
Er erinnert sich an die Kindheit, die Eltern, das Meer, an Freunde, an Mädchen, an Reisen, aber die Wehmut muss jedes Mal wieder sehr zeitnah Platz machen für Angst oder Trauer, „einsame / Augen ohne Stirne gehen um, Gliedmaßen / ohne Anhang, Spukgestalten, Phantasmen / gesponnen aus bösen Geschichten“.
Der Mann wird zum Gärtner, der die Blumen bewundert, „grün und hartnäckig / ohne Furcht vor dem Ende“, aber dennoch sieht er als erstes „tote Blätter, der Boden nass und schwarz“.
„Wie viele Rätsel kannst Du ertragen?“ Gelegentlich zweifelt man als Leser, ob solche Sätze noch diegetisch sind, oder ob der Autor ironisches Mitleid äußern möchte, wenn wir dem ständigen Wechsel von Ort, Zeit, Personen und Gegenständen, immer nur angedeutet, kaum folgen können.

Meisterliche Beherrschung von Form und Stil

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Im zweiten Kapitel nehmen die Unklarheiten, die Andeutungen, die negativen Wertungen immer mehr zu: „Ein verkehrtes Paradies voll / Ungeheuern, die uns gleichen, ein / abgenagtes Gesicht mit einem / Strauch auf dem Rücken“, „es sind Menschen, glaub’s oder nicht, Kloake der Evolution“, „das erfundene / Genie, das seine Kotze verkauft / und die Seele dazu“. Glücklich mag man die Erinnerungen des alten Mannes eher nicht nennen.

Ruhiger wird es dann wieder im dritten Kapitel. Philosophische Überlegungen („Was für ein Geräusch macht die Erde / im Hause des Kosmos“), Erinnerungen an Freunde („Freunde, Brüder, Geliebte, / und immer nahmen sie Abschied, bogen ab nach links / oder rechts, verschwanden wie Schatten“), sie führen erbarmungslos auf das Ende hin: „Dort richtet sich jemand auf, eine / letzte Gestalt, die sich entfernt, / ich schaue ihr nach, der einzigen / meines Lebens“.
Bis das lyrische Ich, das wohl nicht allzu weit vom Autor entfernt sein dürfte, zum Schluss erkennt: „Hier muss es sein, / hier nehme ich Abschied von mir selbst / und werde dann langsam / niemand.“

Man muss an der wortreichen, bildhaften, zwischen Pathos und Bathos changierenden Sprache nicht unbedingt Gefallen finden. Ohne Zweifel jedenfalls beherrscht Nooteboom Form und Stil meisterlich und zwingt den Leser zum Nachdenken über den Menschen, seine Fehler und die conditio humana. Absolut lesenswert. ♦

Cees Nooteboom: Abschied (Gedicht aus der Zeit des Virus), Zweisprachige Ausgabe Niederländisch/Deutsch, 88 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-22522-6

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