Geilmann/Stiefel/Herbold: Boris Spasski (Schach-Biographie)

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Revue eines faszinierenden Schachlebens

von Walter Eigenmann

Lange Zeit stand der 10. Schachweltmeister Boris Spasski sowohl medial wie bibliographisch völlig im Schatten seines legendären Kontrahenten Bobby Fischer, an den er im spektakulären „Match des Jahrhundertes“ 1972 in Reykjavik den Titel abgeben musste. Eine deutschsprachige Monographie über den genialen „Leningrader Cowboy“ (geb. 1937) schließt nun diese Lücke im deutschsprachigen Schachbuch-Regal. Der neue Band des Autoren-Trios Ulrich Geilmann, Frank Stiefel und Manfred Herbold bringt uns nicht nur den großen Schachspieler, sondern auch den Menschen Boris Spasski näher.

Wussten Sie, dass Spasski 1976 nur deshalb aus der Sowjetunion nach Frankreich loskam, weil Staatspräsident Georges Pompidou persönlich sich bei Leonid Breschnew für seine „Freilassung“ einsetzte? Oder dass Spasski drei Leidenschaften sehr intensiv pflegte: Den Kaffee, die Zigarette und die Frauen? Oder dass Spasski am Grabe von Bobby Fischer bitterlich weinte, weil er in seinem ehemaligen WM-Feind einen späteren guten Freund verloren hatte?
Solche Details und noch eine Fülle mehr davon finden sich in Ulrich Geilmanns neuer Spasski-Biographie, die das Leben des genialen russisch-französischen Ex-Weltmeisters aus Leningrad in Wort & Bild & Partie auf feuilletonistisch amüsante Weise Revue passieren lässt.

Kombinationsvermögen und Stellungsgefühl

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In seinem Vorwort attestiert der deutsche Internationale Meister Bernd Schneider (und ehemalige Spasski-Kollege in der Solinger Bundesliga-Mannschaft) dem „russischen Bären“ Boris Spasski eine „herausragende Schachintuition, ein phantastisches Kombinationsvermögen und ein begnadetes Stellungsgefühl“. Und genau diese drei Qualitäten – also weniger die neurotische Schachbesessenheit eines Bobby Fischer, nicht die unbändige Kampflust eines Viktor Kortschnoi oder die kalte Präzision des jungen Anatoly Karpow und auch nicht das trickreiche Va-banque-Spiel eines Michael Tal – waren es, die das 1937 in Leningrad geborene Schachgenie schließlich im Jahre 1969 zum WM-Fight gegen Tigran Petrosjan und zum Titelgewinn führten.

Munterer Plauderton

Aufstrebendes Schachgenie 1956: Der junge Spasski
Aufstrebendes Schachgenie: Der 19-jährige Spasski unter sowjetischer Flagge

Im munteren, eher feuilletonistischen denn fachwissenschaftlichen Plauderton, gespickt mit allerlei Fakten, Anekdoten, Statements und Interviews geleitet Biograph Geilmann den Leser durch ein Schachleben, das ein faszinierendes, teils euphorisches, teils deprimierendes, doch immer interessantes Auf-Und-Ab im internationalen Schachzirkus der GM-Diven, Turnierbühnen und Politkriege darstellt. Boris Spasski – das ist mehr als das „Anhängsel“ von Bobby Fischer im legendären „Match des Jahrhunderts“ des Jahres 1972 im fernen Reykjavík. Boris Spasski, und dies dokumentiert das Buch der drei Autoren Ulrich Geilmann, Frank Stiefel und Manfred Herbold überdeutlich – dieser Name steht für das völlig singuläre Leben eines Schachmeisters, der die Vielfalt und Zerrissenheit, den Glanz und auch viel Elend einer ganzen Schachära in sich vereint.

Witzig-akkurate Illustrationen

Boris Spasski - Der Leningrad Cowboy - Ein Schachleben - Ulrich Geilmann - Inhaltsverzeichnis (Glarean Magazin)
Inhaltsverzeichnis von „Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben“

Leider enthält der Band kein einziges historisches Foto, obwohl passende Aufnahmen im Internet gebührenfrei und einfach zu organisieren gewesen wären. In diese schmerzliche Bresche sprang jedoch der bekannte Schach-Cartoonist Frank („Fränk“) Stiefel, der sich mächtig ins Zeug bzw. in den schwarz-weißen Zeichnungsstift legte. In unnachahmlich-bekannter Manier steuerte er Portraits, Situationsbilder und träf karikierende Zeichnungen bei, die den Text mit akkurat-köstlichem „Pinselstrich“ auflockern.

2’300 Spasski-Partien

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Daneben führt die neue Spasski-Biographie aber nicht nur seine wesentlichen Lebensstationen an, sondern sie enthält eine riesige Menge von Partien-Material aus allen Schaffensperioden des Leningrader Schachgenies. Zum einen sind da zahlreiche Schlüssel-Begegnungen im Buch selber zu finden, allesamt detailliert kommentiert und mit zahlreichen Diagrammen gespickt. Zum anderen legen die Autoren ihrem Band eine Bonus-CD mit nicht weniger als 2’300 Spasski-Partien bei – alle ebenfalls kommentiert, wobei den Löwenanteil der Anmerkungen der Buchautor Ulrich Geilmann selber sowie div. Computerprogramme mit ihrer „Taktischen Analyse“ beisteuerten. Alle Games wurden dabei sowohl im Standard-PGN- als auch im differenzierteren Chessbase-CBH-Format archiviert.

Amüsanter Schach-Lesestoff

Der 340 Seiten starke, in 16 Kapitel gegliederte Band mag seine Schwächen haben: Die komplette Absenz von historischem Bildmaterial, die zuweilen etwas holprige Sprache des inhaltlichen Teils (ok, das mag Geschmacksache sein) sowie leider diverse (durch sorgfältigeres Lektorat vermeidbare) Tipp- und Satzzeichen-Fehler müssen erwähnt werden. Bei einem stolzen Verkaufspreis von 30 Euro wäre diesbezüglich etwas mehr Akribie bei der Endkontrolle angemessen gewesen.

Boris Spasski - Der Leningrad Cowboy - Ein Schachleben - Ulrich Geilmann - Beispielseite (Glarean Magazin)
Beispiel-Seite aus Geilmann/Stiefel/Herbold: „Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben“

Auf der anderen Seite glänzt dieser (wohl auch als Liebhaberprojekt konzipierte) neue Band des Autoren-Trios Geilmann/Stiefel/Herbold durch schöne bibliographische Gestaltung, durch seine oft erfrischend unkonventionelle Partien-Kommentierung, durch eine breite Palette von (teils bis anhin unbekannten) biographischen Fakten und nicht zuletzt durch seinen köstlichen Mix von diversem anekdotischem „Psychofutter“, das uns nicht nur den Schachspieler, sondern auch den Menschen Boris Spasski näher bringt.

Karikatur von Frank Stiefel - Boris Spasski auf dem Weg zum Olymp - Glarean Magazin
Boris Spasski auf seinem Flug zum Olymp (Karikatur von Frank Stiefel)

Fazit: „Boris Spasski – Ein Schachleben“ bereitet echtes Schach-Lesevergnügen. Die Biographie ist flüssig und unterhaltsam geschrieben, wartet mit zahllosen Anekdoten, aber auch vielen familiären und politischen Schlüsselmomenten im Leben des 10. Schachweltmeisters auf, und sie präsentiert eine in dieser Kompaktheit und kommentatorischen Qualität überdurchschnittliche und äußerst umfangreiche Partien-Sammlung.
Vor allem aber wird mit dieser Spasski-Monographie eine Lücke im deutschsprachigen Schachbuch-Regal geschlossen, indem sie eine der schillerndsten, doch bis anhin leider weitgehend unter Wert beachteten Persönlichkeiten der Schachgeschichte in den Fokus holt. Das allein stellt ein hohes Verdienst dieses Buches dar. ♦

Ulrich Geilmann, Frank Stiefel, Manfred Herbold: Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben, 340 Seiten, plus Partien-Sammlung (CD), Maya-&Paul-Verlag, ISBN 978-3981984934

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Weltmeisterschaften auch über André Schulz: Das grosse Buch der Schachweltmeisterschaften

…sowie zum Thema Bobby Fischer von Frank Brady: Endspiel

Taylor Kingston: Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior

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Lebendige Partien eines Todgeweihten

von Ralf Binnewirtz

Der US-amerikanische Schachhistoriker und -autor Taylor Kingston dürfte den meisten Schachfreunden bekannt sein, mir selbst ist noch die „gute alte“ ChessCafe-Seite (bevor diese für Nutzer bezahlpflichtig wurde) in angenehmer Erinnerung, wo er mit unzähligen Rezensionen auf sich aufmerksam gemacht hat. Für das neueste Buch aus seiner Feder: „Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior“ hatte Kingston zunächst einen korrigierten Reprint der Partiesammlung von Fred Reinfeld aus dem Jahre 1936, „Colle’s Chess Masterpieces“, ins Auge gefasst. Aber ein solches Update hätte heutigen Ansprüchen nicht genügt, so dass er sich zu einer kompletten Neubearbeitung entschloss, die auch mit einer erheblichen Erweiterung des Umfangs einherging.

Biografie? Fehlanzeige!

Edgard Colle: Caissa's Wounded Warrior - Taylor KingstonWer aufgrund des Titels eine Biografie von Edgard Colle erwartet hat, wird eine solche in diesem Buch nicht finden. Bereits ein zweiter länglicher Untertitel auf der inneren Titelseite weist auf die Intentionen des Autors hin: „An exploration and celebration of the artistry of the Belgian chess champion and prolific international tournament player Edgard Colle (1897–1932)“. In der Tat ist (bisher) über Colles Leben außerhalb des Schachs nahezu nichts bekannt geworden, seine Familie, Jugend und Erziehung, Berufsausbildung zum Journalisten, sein Werdegang und Aufstieg zum Schachmeister bleiben im Dunkeln1), und inwieweit sich der Nebel durch weitere Recherchen in belgischen Archiven noch lichten wird, bleibt abzuwarten2). Taylor Kingston gibt freimütig zu, dass er diese Arbeit nicht leisten konnte.

Edgard Colle vs Alexander Alekhine - Schach-Turnier 1925 - Glarean Magazin
Edgard Colle (rechts) am Brett gegen Alexander Aljechin (Turnier 1925)

Der Autor musste sich daher darauf beschränken, in einem einleitenden Teil I über den historischen Hintergrund zu referieren sowie Erinnerungen von zeitgenössischen Meistern bzw. Nachrufe aus der Schachliteratur zu zitieren. So erfahren wir aus Max Euwes Gedenkboek Colle über die herzliche Freundschaft zwischen dem späteren WM Euwe und Edgard Colle, der Meister aus Gent war ein häufiger Gast bei Euwe in Amsterdam und wurde quasi ein Familienmitglied (für Euwes Kinder war er der „Onkel Colle“).

Krankheit und früher Tod

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Colles bedauernswert fragiler Gesundheitszustand war bedingt durch ein Magengeschwür, das ihn auch bei Schachturnieren zunehmend quälte und einschränkte, es war für seinen tragischen, allzu frühen Tod mit 34 Jahren verantwortlich: Die medizinischen Möglichkeiten seiner Zeit waren für eine erfolgreiche Behandlung schlicht unzureichend, und nach drei überstandenen, wirkungslosen Operationen sollte er den vierten Eingriff nicht überleben, kurz vor seiner geplanten Vermählung und der ersehnten Gründung einer eigenen Familie, wobei er sich auch beruflich hatte umorientieren wollen – vom Schachmeister zum Journalisten.

Schachritter ohne Furcht und Tadel

Edgard Colle - Primer premio en Scarborough 1930 - Mesa cruzada - Revista Glarean
Einer der großen Turnier-Höhepunkte für Edgard Colle: Erster Preis in Scarborough 1930, noch vor Maroczy und Rubinstein

Hans Kmoch hat in der Wiener Schachzeitung einen ergreifenden Nachruf auf Colle geschrieben, der in englischer Übersetzung im Buch wiedergegeben ist.3) Seine Worte bezeugen, dass sich Colle – ob am oder abseits des Schachbrett(s) – stets vorbildlich verhalten hat, allzeit ein perfekter Gentleman, der trotz seiner Krankheit nie in Wehleidigkeit verfiel, sich vielmehr durch Optimismus und Heiterkeit hervortat. Zugleich war er ein unermüdlicher Kämpfer am Schachbrett, ein „knight sans peur et sans reproche“ (Kingston), ein „Schachmeister mit dem Körper eines Todgeweihten und mit dem Geist eines unsterblichen Helden“ (Kmoch).

Vorbildliche Partien-Präsentation

Colle-Eröffnungs-System - Glarean Magazin
Charakteristisches Stellungsbild im Colle-Eröffnungssystem: Weiß plant früher oder später den Bauernvorstoß e3-e4

Teil II, das Herzstück des Buchs, präsentiert auf gut 200 Seiten 110 kommentierte Partien und Partiefragmente, neun weitere unkommentierte Partien (die in den Auszügen aus Euwes Gedenkboek erwähnt sind) finden wir in Anhang A. Allein die schiere Zahl der Partien (gegenüber lediglich 51 im Reinfeld-Buch) zeigt, dass der Autor eine immense Arbeit investiert hat mit der Sichtung und Auswahl, die ja unvermeidlich mit der Computerprüfung aller Partien verknüpft war.
Erwartungsgemäß haben sich hierbei manche alten „Meisterwerke“ (bei Reinfeld) als wenig meisterlich entpuppt. Die Kommentierung der Partien beruht nun wesentlich auf sorgfältigen Engine-Analysen, bisweilen sind im Buch auch die Computerbewertungen eingestreut (mit Angabe der eingesetzten Engine und der berechneten Halbzüge).

Moderne Ansprüche befriedigend

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Wie schon aus dem Inhaltsverzeichnis in der Leseprobe ersichtlich, hat Kingston die Partiesektion unterteilt in eine Reihe von Kapiteln, die bestimmte Partietypen, Partiephasen oder Aspekte der schachlichen Fähigkeiten thematisieren. Innerhalb der Kapitel wurde keine chronologische Ordnung angestrebt, die Partien sind nur grob nach ansteigender Komplexität sortiert. Es fällt positiv auf, dass alle Kapitel durch eine Einführung eingeleitet werden, gleiches gilt für die meisten Partien, wobei hier in der Regel Colles Gegner kurz vorgestellt werden. Im Vergleich zum Reinfeld-Klassiker ist mit der ungleich ausführlicheren und tieferen Partiekommentierung (verbal und mit Varianten), mit der figurinen Notation sowie zahlreichen eingefügten Diagrammen eine Partiesammlung entstanden, die modernen Ansprüchen gerecht wird.

Colles Eröffnungssystem kaum ein Randthema

Bis heute ist Colle im kollektiven Schachgedächtnis präsent durch das von ihm geschaffene Eröffnungssystem, das er selbst virtuos handhabte und später auch von seinem Landsmann George Koltanowski propagiert und ausgearbeitet wurde. Dass Koltanowski im Buch zu kurz gekommen ist4), mag man kritisieren, andererseits wollte Kingston in seinem Buch nicht die Eröffnungstheorie des Colle-Systems abgehandelt haben, vielmehr die Spielkunst von Colle demonstrieren, exemplifiziert an dessen Partien. Literatur zum Colle-System gibt es schließlich schon genug.

Großer Taktiker mit wechselhaftem Erfolg

Legendäres Markenzeichen von Edgard Colle: Das Läuferopfer auf h7

Der Spielstil von Colle kann mit vielerlei Attributen versehen werden: dynamisch-aktiv, scharf, kraftvoll, aufregend, kreativ, taktisch-kämpferisch … Jedenfalls war Colle in allen Schach-Sätteln versiert. Seine schwankenden Turniererfolge waren fraglos seiner chronischen Erkrankung geschuldet (zu seinen größten Erfolgen zählen die ersten Plätze in Meran 1926 und Scarborough 1930). Man kann davon ausgehen, dass er deshalb auch eine stark taktisch ausgerichtete Spielweise mit der Aussicht auf eine schnelle Entscheidung bevorzugt hat. Seine Vorliebe für das Läuferopfer auf h7 (in seiner Eröffnung) soll bei seinen Meisterkollegen sprichwörtlich gewesen sein.5) Wenn es sein musste, hat er lange Sitzungen am Turnierbrett trotzdem klaglos angenommen. Nur gegen einige Spitzenspieler (Aljechin, Capablanca, Nimzowitsch, Vidmar) hat er leider nie eine Gewinnpartie verzeichnen können.

Eine von Colles Glanzpartien – seine „Unsterbliche“ – darf hier nicht fehlen:

Colle hat in knapp 10 Jahren über 50 Turniere und ein Dutzend Wettkämpfe gespielt, das ist eine beachtliche Quote. Es lässt sich nicht genau sagen, wo ein gesunder Colle bei einem längeren Leben in der Rangliste der Schachgrößen gelandet wäre, seine höchste historische Ratingzahl von Nov. 1930 stuft ihn als die Nr. 14 seiner Zeit ein.

Gelungene Partiesammlung eines faszinierenden Spielers

Das Buch wird komplettiert durch ein Vorwort von Andy Soltis und durch diverse Anhänge: Tabellen zu Colles Turnier- und Matchergebnissen, sämtliche Turniertabellen, eine Bibliografie sowie Indizes der Spieler und Eröffnungen. Insgesamt ist Taylor Kingston eine solide, verlässliche und gut kommentierte Partiesammlung zu Colle gelungen, die in allen Belangen zufriedenstellen dürfte und die eine lange bestehende Lücke in der Schachliteratur geschlossen hat, denn der alte „Reinfeld“ ist wegen der bekannten Mängel wenig nutzbar. Zudem ist der außergewöhnliche Mensch und Schachspieler Edgard Colle damit wieder verstärkt ins Bewusstsein der Schachfreunde gerückt worden, auch deswegen verdient das Buch eine Empfehlung. Die ultimative Colle-Biografie ist zwar noch nicht erschienen, aber wir dürfen berechtigte Hoffnung hegen, dass sie in nicht so ferner Zukunft auf unserem Büchertisch liegt. ♦

1)Frank Hoffmeister gibt in seinem Buch „100 Jahre Belgische Schachgeschichte“ (Thinkers Publishing 2020) wenige Details, die Kingston für sein Buch vermutlich nicht mehr berücksichtigen konnte. Ein auffälliger Satz aus dem Abschnitt über Colle sei hier zitiert, da er mit dem integren Charakter Colles nicht im Einklang scheint (S. 46): „Der Vorstand des Genter Clubs schloss seinen Vereinsmeister von 1917 und 1918 allerdings nach Ende des 1. Weltkriegs wegen ‚Sympathie für den Feind‘ für drei Jahre aus, bevor er auf Betreiben von Präsident Verschueren im Jahr 1921 rehabilitiert wurde.“
Als Quelle ist eine Genter Schachklub-Chronik aus dem Jahre 2000 angegeben, in der sich auch ein längerer Gedenkartikel von Bernard de Bruycker über Colle findet.
Hingewiesen sei noch auf die schöne Website „Belgian Chess History“ von Nikolaas Verhulst (mit einer Seite über Colle ), die auch von Taylor Kingston gewürdigt wird.

2)Der belgische GM Luc Winants arbeitet aktuell an einer umfassenden Colle-Biografie (nach Hoffmeister, s. [1] S. 47)

3)Das deutsche Original dieses Nekrologs in der WSZ Nr. 9, Mai 1932, S. 129f., ist online verfügbar auf ANNO – AustriaN Newspapers Online https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=sze&datum=1932&pos=191&size=45. In einer Nachlese zu Colle ist dort (S. 131-133) auch Colles letzte Turnierpartie gegen A. Rubinstein (Rotterdam, Dez. 1931) wiedergegeben, die zugleich Rubinsteins letzte Turnierpartie gewesen ist – eine bemerkenswerte, um nicht zu sagen merkwürdige Koinzidenz! Siehe im Buch das Kapitel „Swan Song“, S. 228-233

4)So John Donaldson in seinem Review in Oklahoma Chess Monthly, June 2021, p. 9f. http://ocfchess.org/pdf/OCM-2021-06-01.pdf

5)Dr. Stefan Ottow: „Meister des Läuferopfers – Edgard Colle und sein System“, in Kaissiber Nr. 3, Juli-Sept. 1997, S. 44-57

Taylor Kingston: The Fighting Chess of Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior, 272 Seiten, Russell Enterprises Inc., ISBN 978-1-949859-27-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Theorie auch über Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer

Birgit Fuß: Jim Morrison (Musiker-Biographie)

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Aspekte einer kreativen Seele

von Horst-Dieter Radke

Anfangs Juli 1971: Ich saß mit einem Freund in einem englischen Cafe nicht weit entfernt der St. Pauls Cathedral. Wir hatten es wahr gemacht, waren nach London getrampt, beide noch keine achtzehn Jahre alt. Wenige Minuten zuvor hatte ich mir noch den Melody Maker gekauft, dann unbesehen zusammengerollt unter den Arm geklemmt. Als ich die Zeitung später aufschlug, der Schock: Jim Morrison war tot. In Paris gestorben. Wie und warum? Genaues wusste man noch nicht. „This ist the End“, dachten wir. Nach Jimi Hendrix und Janis Joplin im Jahr zuvor nun auch noch er…

Waren „The Doors“ nur einer?

Birgit Fuss: Jim Morrison (biografía del músico)Es ist seither üblich, die Band „The Doors“ auf ihren Frontmann zu reduzieren, selbst in Büchern, die sich der ganze Truppe widmen. Tatsächlich kamen die restlichen Musiker zusammen auf keinen grünen Zweig mehr. Die Alben, die nach Morrisons Tod erschienen, hatten keinen Erfolg und werden bis heute nicht geschätzt. Das Büchlein aus der Reihe „100-Seiten“ des Reclam-Verlages tut konsequenterweise auch gar nicht mehr so, als ginge es um das Quartett „The Doors“, sondern ebenfalls nur um Jim Morrison.
Fairerweise widmet Biographin Birgit Fuß ihr drittes Kapitel – „We Could Be So Good Together“ – der ganzen Band, und das vierte – „Break on Through (to the Other Side)“ – deren sieben Alben. Außerdem lässt sie keinen Zweifel daran, dass Morrison ohne die anderen Drei sicher auf keinen grünen Zweig gekommen wäre. Zu jener Zeit, als die Band gegründet wurde, war er nur ein Rumhänger, der sich für etwas Besonderes hielt, was ihn damals sicher nicht von anderen Aussteigern unterschieden hat. Ray Manzarek war es im Grunde, der die „gespannte Bogensehne“ losließ.

Die Liebe und das Spirituelle

Jim Morrison - Revista Glarean
„Freier Oberkörper, wallendes Haar, dunkle Stimme, Ekstase auf der Bühne“: Jim Morrison (1943-1971)

Gleichwohl, der Sänger und Dichter Morrison ist das Anliegen der Autorin, und so steht er im Mittelpunkt der anderen Kapitel: Dem zweiten, in dem sein Werdegang vor den Doors geschildert wird, und dem fünften, in dem es um „Die Liebe“ geht. Ein weiteres Kapitel geht näher auf den Dichter und seinen Bezug zum Spirituellen ein –“I am the lizard king / I can do anything“, zwei Themen, die allzuoft in den Hintergrund rücken, wenn über The Doors berichtet wird.
Bei diesem Thema scheint die Autorin denn auch die größte Kompetenz zu haben. Man merkt, sie hat sich ausreichend mit Morrison und seinen Texten beschäftigt, auch mit seinen Vorbildern William Blake, Friedrich Nietzsche, Arthur Rimbaud und die Autoren der Beat-Generation, allen voran Jack Kerouac.

Verschiedene Aspekte einer kreativen Seele

Modelo literario de Morrison: el autor de culto Jack Kerouac
Literarisches Morrison-Vorbild: Kultautor Jack Kerouac

Ein Kapitel beschäftigt sich mit den Skandalen. Es ist vielleicht das entbehrlichste, aber ich meine, es ist auch nicht verkehrt, dass sie erwähnt werden. In der Summe und auch jeder einzelne Vorfall im Detail zeigt, wie überbewertet derartiges in den 60ern genommen wurde – von beiden Seiten. Betrachtet man, was sich manch andere Rockmusiker nach Morrison so geleistet haben, kommt man eher zu dem Schluss, dass er doch ein braver Junge war. Aus heutiger Sicht. In den Sechzigern jedoch bargen seine Eskapaden einiges an Sprengstoff.

This Is The End

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Das letzte Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit dem Tod Morrisons – „This ist the end / Beautiful friend“. Das Traurige zum Schluss. Viel Neues wird nicht berichtet, die Autorin weiß auch nicht mehr, als ohnehin bekannt ist. Aber sie fasst es gut zusammen. Und sie hat Fragen, die sie Jim Morrison gern gestellt hätte. Verteilt über das Buch stellt sie diese und versucht sich an einer Deutung. Antworten hat sie natürlich nicht. So etwas gerät leicht in ein unkritisches Fangesäusel.
Dieses Fettnäpfchen umgeht Birgit Fuß jedoch geschickt. Ich war anfangs versucht, diese Teile des Buches einfach zu übergehen. Nachdem ich mich überwunden hatte, den ersten von vier Abschnitten zu lesen, musste ich bei den folgenden nicht weiter darüber nachdenken. Es sind persönliche Reflexionen – aber keineswegs uninteressant für Leser.

Schwachstelle Musik

Wenig versteht die Autorin allerdings von der Musik. Auf diese wird eher oberflächlich eingegangen. Es verwundert sie, wenn Songs nicht von Morrison stammen, und übersieht dabei den nicht unerheblichen Anteil der anderen drei Musiker von Anfang an. Den Einsatz von Bläsern und Streichern auf dem Album „The Soft Parade“ – dem wohl experimentellsten der Doors – missbilligt sie sogar: „… und nun ertönten schon in den ersten Minuten Fanfaren, die hier kein Mensch braucht.“ Das ist sicher keine Einzelmeinung. Viele hätten es immer gerne geradeaus und gleich: Bluesorientierter Rock in Quartettbesetzung ohne Abweichung nach links und rechts. So gilt dieses Album nach wie vor als das schwächste der Doors.

Mehr Dichter als Komponist

The Doors - Concierto de Filadelfia 1968 - Revista Glarean
Skandalumwittert: Doors-Konzert 1968 in Philadelphia

Doch es gibt auch andere Sichtweisen dazu, insbesondere unter der Berücksichtigung, dass „The Doors“ zu jener Zeit kaum noch Auftrittsmöglichkeiten bekamen – der Skandale wegen. Das letzte, titelgebende Stück, ein Zusammenschnitt verschiedener Stücke oder Fragmente, mehr Lyrik denn Song, zeigt schon in der Einleitung, die Manzarek mit einem Spinett (oder einer elektronischen Variante) beginnt, alles das, was die Doors damals musikalisch aufzubieten hatten, auch ihre bereits an Hardrock gemahnenden Momente. Zwei Stücke gelten nach wie vor als Klassiker und fehlen in keiner Kompilation: „Touch me“ (von Robbie Kriege) und „Wild Child“ (von Morrison).
Doch Morrison war, bei aller melodischen Erfindungsgabe mehr Dichter als Komponist, und was die anderen der Band in dieser Hinsicht leisteten, ist ein anderes Thema. Insofern ist dieses Manko im Grunde keines für dieses Buch über ihn.

Noch ein Buch über Jim Morrison?

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Fazit: Noch ein Buch über Morrison-The-Doors? Soll man es lesen? Ich meine: Warum nicht?! Spektakuläres Neues erfährt man nicht, und vielleicht ist manches (etwa die Musik) etwas zu stiefmütterlich behandelt. Aber in der Summe ist es gut, und selbst wenn man schon einiges gelesen hat, ist dieses kleine Büchlein nicht nur zur Auffrischung der Erinnerungen, sondern auch noch für Überraschungen gut, etwa im Kapitel über den „Dichter“ Morrison. Man liest nicht lange daran, einen oder zwei Abende, wenn man nicht der Versuchung unterliegt, das Buch aus der Hand zu legen und die alten Platten (oder CDs) aufzulegen. ♦

Birgit Fuß: Jim Morrison (Biographie), 100 Seiten, Reclam Verlag, ISBN 978-3150205761

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Pop-/Rock-Musik auch über Gebhardt & Stark: Wem gehört die Popgeschichte?

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock (Biographie)

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Biographie oder Kulturgeschichte?

von Isabelle Klein

Ob einem dieses Werk, das sicherlich gut geschrieben und eloquent daher kommt, nun gefällt oder doch eher nicht, ist vor allem von einem abhängig: Was erwartet man von einem Buch, dessen Hauptaugenmerk „Der Mann im roten Rock“, sprich – erwartungsgemäß mehr oder weniger – eine Biographie sein sollte? Diese Frage sollte man sich im Vorfeld besser stellen.

Für mich war quasi selbsterklärend: Ich lese hier eine geistreiche Biographie, deren Ziel es ist, sich Dr. Samuel Pozzi, einem zeitgenössischen Star anzunähern. Selbigen also in den Mittelpunkt der Betrachtung der rund 300 Seiten starken Lektüre gestellt zu sehen.
Weit gefehlt – ob nun meine Erwartung oder der Aufbau dafür verantwortlich ist, sei dahingestellt.

Literaturwissenschaftliches Geflecht

Klar ist nur, dass sich Julian Barnes, zumindest für meinen Lesegeschmack, vergaloppiert. Während man wartet, mehr über den Mann im roten Rock, sein Leben, sein Wirken, sein Inneres und seine Lebensstationen zu erfahren, wird man zunächst erst einmal recht unvermittelt in einen wilden Gedankenfluss rund um zeitgenössische Skandalliteratur (Hysmans „A Rebours“, zu Deutsch: „Gegen den Strich“) geworfen. Hier wird die fiktionale Figur des Jean Floressas des Esseintes dem Grafen de Montesquiou nachempfunden, dieser ist wiederum ein guter Freund Pozzis.

Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi
Legendärer Pariser Gynäkologe, Chirurg, Neurolog und Anthropolog: Dr. Samuel Jean Pozzi (1846-1918)

Und so befinden wir uns mitten in einem Belle-Epoque’schen und literaturwissenschaftlichen Geflecht, das über den Kanal schwappt und gerne und unerhört oft, zumindest für mein Empfinden, über des Esseintes und seine Umsetzung in Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ schwadroniert. Und sich darin ausufernd und lamentoartig verliert. Klatsch, v.a. der sexuellen Art – Dekadenz, Duelle und Dandytum sind Programm!

Simples Aneinanderreihen von Belanglosigkeiten

Erwarten Sie, sich bei all dem Pozzi auch nur ansatzweise mal über mehrere Seiten anzunähern? Fehlanzeige. Selbiges geschieht auf gelungene Art und Weise über das Aufzählen belangloser Tatsachen (Ehe, Betrug an selbiger) hinaus erst im letzten Drittel durch die Betrachtung der Tagebucheinträge seiner Tochter Charlotte (wobei der Wahrheitsgehalt fraglich scheint).
Ansonsten bleibt das Ganze, was es ist – ein Tableau vivant, ein Aneinanderreihen von allem, was Rang und Namen in der Belle Epoque hat, zu beiden Seiten des Kanals. Namedropping par excellence, und zwar ein wüstes. Und wieder bleibt die Frage: Sollte man nicht eine besondere Beziehung zu dem Sujet herstellen?
Sollte man sich Sargents Darstellung als auch seinem Werk nicht genauer annähern, als nur Bilder über 300 Seiten aneinanderzureihen? Und süffisant von roten Kordeln als Zeichen eines gewiss beeindruckenden Körperteils eines Stieres zu schwadronieren?

Ohne Punkt und Komma

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Und all das dann auch noch ohne Punkt und Komma. Soll heißen, das Buch weist keinerlei erkennbare Gliederung und Struktur auf. Kapitel? Wer braucht das bei so viel Expertise? Quellennachweise? Dito. Zitate werden gleichfalls nicht belegt. Eine Art Literaturverzeichnis findet man nur hinten in Form von Literaturhinweisen zur deutschen Ausgabe – ganz und gar nicht zufriedenstellend für meinen Geschmack.
Beispielsweise hätte ich auf Seite 51, wenn Barnes auf Queen Victorias „treue Witwenschaft“ verweist, als Fan Viktorianischer Geschichte gerne einen Beleg. Denn sowohl zu Schulzeiten als auch bei weiterführender Lektüre habe ich gelernt, dass Lytton Stracheys erzkonservatives Bild der treuen Witwe eben schon lange widerlegt ist.

Tratsch und Klatsch der Belle Epoque

„Eine Biographie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden, und das gilt nirgends mehr als beim Sex- und Liebesleben“, so Barnes. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass zu Pozzis Lebensende seine getrennt lebende Ehefrau und seine Tochter alle privaten Zeugnisse vernichtet haben, die einen Einblick gegeben hätten, ist es nahezu unmöglich, ein tiefschürfendes Bild von Pozzis Seelenleben zu zeichnen. Und doch bleibt der Autor zu sehr seinen Exkursen verhaftet. Erst am Ende beschreibt er, was für ihn den Reiz des Sujets Pozzi ausmachte.

Karikatur von Adrien Barrère - Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi) - Glarean Magazin
Karikatur von Adrien Barrère: Mitglieder der Pariser Medizinischen Fakultät 1904 (7. von links S. Pozzi)

Dies versöhnt etwas und öffnet im Nachwort den Blick auf einen außergewöhnlichen Mann, der in heutigen Zeiten des Nationalismus diesen damals zu überwinden versucht hat. Etwas zu fein nuanciert und während der Lektüre nur zu erahnen, hätte es mehr in Worte gefasst werden müssen. Die persönliche Verbindung zu Pozzi bleibt so im Unklaren. Wenngleich oberflächlich einiges von seinem v. a. beruflichen Wirken und Werdegang natürlich abgehakt wird.
Immer wenn man ansatzweise den Eindruck hat, Pozzi irgendwie fassen zu können, entgleitet er wieder ins Dickicht der vielen belanglosen Fakten, die in diesem Umfang, in diesem Werk, so nicht gebraucht werden. Krankt dieses Werk an einer gewissen Selbstverliebtheit infolge überzogener Selbstdarstellung des Autors?

Ein Meister der Ironie

Trotz versöhnlicher Noten gegen Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack. Hätte ich eine Monographie über Oscar Wildes Dorian Gray und die Frage lesen wollen, ob dies nun eine abkupferte Variante von Hysmans „Gegen den Strich“ ist, hätte ich eben nicht zu „Der Mann im roten Rock“ gegriffen. Hätte mich die Belle Epoque in erster Linie mit all ihrem Glanz, ihrem Klatsch, ihren sexuellen Ausschweifungen, ihrem Dandytum und all ihren illustren Namen gereizt, hätte ich einen Bildband gewählt.

Julian Barnes - Schriftsteller - Glarean Magazin
Julian Barnes (*1946)

Sicherlich weiß Julian Barnes, worüber er schreibt, und er ist ein Meister der Ironie und der unterhaltsamen Seitenhiebe – doch letztlich hat er, so wie er dieses Buch konzipiert, für mich das Ziel verfehlt, dem Leser die illustre Gestalt des Dr. Samuel Pozzi nahezubringen. Und so haucht auch unser Star sein Leben wie viele andere als Folge eines geglückten Attentats oder misslungenen Duells aus.

Zu viel zu unstrukturiert in zu wenige Seiten gepackt – so das Fazit. Eine verwirrende, da gedanklich nicht immer nachvollziehbare Lektüre, die meist zäh mäandert, um dann wieder wüst auszuschlagen. Letztlich eine Frage der Erwartung, die der Leser an dieses Buch stellt. Für mich ein ermüdendes Unterfangen, das nur zu sehr zum Querlesen anregt.

Zur deutschen Ausgabe: Kiepenhauer & Witsch gibt ein hochwertig aufgemachtes Buch heraus – dem nur eines fehlt: ein rotes Lesezeichen. ♦

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock, Biographie, 298 Seiten, Verlag Kiepenhauer & Witsch, ISBN 978-3-462-05476-7

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Robert Johnson: Adolf Anderssen (Schach-Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Rückschau auf die Schach-Romantik

von Ralf Binnewirtz

Es mag wunderlich klingen, dass sich ein australischer Vollzeit-Schafzüchter hingebungsvoll einer deutschen Schachgröße des 19. Jahrhunderts widmet und die Ergebnisse seiner langjährigen Recherchen in Buchform vorlegt. Indes hat sich Robert Johnson hiermit einen Lebenstraum erfüllt, denn bereits als 11-Jähriger hatte er sich nachhaltig für Adolf Anderssen begeistert. 16 Jahre später, 1993, nahm Johnson die Arbeit an seinem Buch auf, die sich – unvorhersehbar – über ein gutes Vierteljahrhundert erstrecken sollte. Soweit zur Entstehungsgeschichte des „bislang besten australischen Schachbuchs“ (nach Bob Meadley), das in diesem Jahr im Selbstverlag des Autors erschienen ist: Adolf Anderssen – Combinative Chess Genius.

Eigentlich hätte dieser schmucke, großformatige und schwergewichtige Band zum 200. Geburtstag von Adolf Anderssen am 6. Juli 2018 das Licht der Schachwelt erblicken sollen, aber dies war dem Autor (und der Schachwelt) nicht vergönnt. Schauen wir uns näher an, wie Johnson sein Opus Magnum konzipiert und inhaltlich präpariert hat.

Adolf Anderssen - Combinative Chess Genius - Schach-Biographie Robert Johnson - Buch-Rezensionen Glarean MagazinAuf das Vorwort des Autors folgt mit zehn biografischen Kapiteln der Hauptteil des Werkes: Dem jeweiligen rein biografischen Part ist eine Auswahl kommentierter Partien nachgestellt, die dem behandelten Zeitraum oder Ereignis zugeordnet sind. Über das ganze Buch verteilt sind außerdem 36 große Bildtafeln (von Anderssen selbst bzw. den großen Meistern jener Zeit und von einzelnen Gebäuden, sowie drei in Farbe von Anderssens Grabstätte).

Ausnahmespieler mit menschlicher Größe

Der biografische Teil vermittelt die Fakten und Erkenntnisse, die der Autor zusammengetragen hat über den Gymnasialprofessor aus Breslau (in den Fächern Mathematik und Deutsch) und den zeitweilig stärksten Schachspieler der Welt (1851-57; 1860-66), der in London 1851 das erste Schachturnier der Neuzeit gewann und wie kein anderer die romantische Epoche des Schachs verkörpert und geprägt hat.

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In einem der Kapitel wird insbesondere der Mensch Anderssen beleuchtet, der keine eigene Familie gründete, aber in seinem beruflichen wie schachlichen Umfeld ein hohes Ansehen genoss und in Fairness, Charakter und Integrität seinesgleichen suchte. Das hier entworfene Bild Anderssens wird untermauert und vertieft durch zahlreiche in den Text eingestreute Zitate aus alten Quellen, die zum Lesegenuss erheblich beitragen.

Ein Schatz magischer Partien

Die im Buch reproduzierten 80 (nicht ausschließlich Gewinn-)Partien des virtuosen Kombinationskünstlers Anderssen sind weitgehend mit historischen Kommentaren und Analysen versehen, hin und wieder hat Johnson (ein langjähriger Fernschachspieler) eigene Anmerkungen beigesteuert. Sicherlich ist diese Kommentierung für die Mehrzahl der Leser völlig ausreichend. Wer einzelne Analysen vertiefen möchte, muss wohl oder übel die eigene Engine bemühen.1)

Adolf Anderssen - Combinative Chess Genius - Schach-Biographie Robert Johnson - Probeseite - Buch-Rezensionen Glarean Magazin
Probeseite aus Robert Johnson: Adolf Anderssen – Combinative Chess Genius

An ungewöhnlicher Stelle, direkt im Anschluss an das Frontispiz, finden sich zwei tabellarische Aufstellungen zu Anderssens Turnier- und Matchergebnissen (mit den Turnierplatzierungen sowie der Zahl der Gewinn-, Remis- und Verlustpartien). Die zugehörigen Turniertabellen wurden nicht ins Buch aufgenommen, gegebenenfalls sind diese vom Leser in anderen Quellen nachzuschlagen.
Apropos Anderssen-Partien: Adolf Anderssen ist bekanntlich der Gewinner der sog. Unsterblichen Partie, die im Jahre 1851 in London zwischen ihm und dem Schachmeister Lionel Kieseritzky ausgetragen wurde und ob ihres kombinatorischen Feuerwerks zur wohl berühmtesten Partie der Schachgeschichte avancierte.

Stiefmütterlich behandeltes Problemschaffen

Was mir indessen allzu kurz kommt, ist das Problemschaffen Adolf Anderssens – lediglich erwähnt wird im ersten Kapitel sein Büchlein Aufgaben für Schachspieler von 1842. Schließlich hat Anderssen auch auf dem Gebiet des künstlerischen Schachproblems eine beachtliche Pionierarbeit geleistet2), und eine kleine Auswahl seiner Kompositionen, fachkundig im Buch besprochen, hätte der Bedeutung dieser Leistung Rechnung getragen.

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Auch wenn diese Biografie kein reiner Bildband ist, so ist sie doch in ihrer hochwertigen Ausstattung einem coffee-table book vergleichbar. Insbesondere das ausnehmend attraktive Design des Vorderdeckels, die zahlreichen historischen Bilder und der Druck auf schwerem Glanzpapier werden das bibliophile Sammlerherz erfreuen. Eine nette Zugabe des Autors: für den Verkauf vorgesehene Exemplare der relativ kleinen Auflage (von 204 Stück) werden von ihm auf dem Vorsatz signiert und datiert.

Diskutable Typographie

An der typografischen Gestaltung werden sich vermutlich die Geister scheiden: Ist die Schrift in Gottschalls Anderssen-Biografie (1912) so winzig geraten, dass man bei längerem Lesen eine Schädigung seiner Augen befürchten muss, so hat Johnson mit der Wahl einer besonders großen (serifenlosen) Schrift das Gegenteil angestrebt – zumindest für sehschwache Leser ein Vorteil. Aber vornehmlich bei den Partien ergibt sich hieraus im Verein mit dem durchgängig verwendeten Flattersatz ein insgesamt wenig harmonisches Schriftbild, dem ich etwas ambivalent gegenüberstehe.
Die Farbgebung (hell- und mittelgraue Felder) bei den Diagrammen scheint mir ganz annehmbar, aber letztere wären ohne die rundum laufenden, m. E. entbehrlichen Brettkoordinaten fraglos ansehnlicher ausgefallen. Zudem führt die stattliche Größe der Diagramme manches Mal zum vorzeitigen Seitenumbruch (mit erheblichem Leerraum), wenn ein Diagramm nicht mehr unten auf die Seite passt. Zu den hier verwendeten Apronus-Diagrammen gibt es natürlich auch zufriedenstellende Alternativen.

Liebens- und lesenswerte Hommage

Adolf Anderssen - Combinative Chess Genius - Schach-Biographie Robert Johnson - Matt in sechs Zügen - Glarean Magazin
„Das Tor zur modernen Epoche des Schachproblems aufgestoßen“: Adolf Anderssen als Problemschach-Komponist: Weiss setzt in sechs Zügen matt!

Das Buch schließt mit einem Nachdruck von Steinitz‘ wortreichem Nekrolog auf Anderssen aus The Field 1879, einer nahezu 3-seitigen Bibliografie sowie den Indizes der Partiegegner und Eröffnungen. Nennenswerte Fehler sind mir kaum aufgefallen.3) Warum auf der inneren Titelseite diese Biografie als „autobiography“ bezeichnet wird, bleibt eine offene Frage. Ansonsten dürfte diese lesenswerte Hommage auf das deutsche Kombinationsgenie nicht nur im angloamerikanischen Sprachraum auf lebhaftes Interesse stoßen. Da – neben der erbaulichen Lektüre des biografischen Teils – auch die taktisch fulminanten Partien beste Unterhaltung garantieren, kann ich für dieses Werk eine klare Empfehlung aussprechen. In der deutschen Schachliteratur wird nach wie vor eine moderne und zugleich erschöpfende, d.h. die ultimative Anderssen-Biografie, vermisst – ob sie jemals erscheinen wird? ♦

1)Mir fiel auf, dass Johnson zwei deutsche Turnierbücher in seiner Bibliografie nicht berücksichtigt hat: Dr. Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851, St. Ingbert 2013 [mit computergestützten Analysen]; und Stefan Haas: Das Schachturnier zu Baden-Baden 1870 – Der unbekannte Schachmeister Adolf Stern, Ludwigshafen 2006.

2)„Dabei ist Anderssens Bedeutung für die Entwicklung der Problemkunst nicht weniger hoch einzuschätzen als seine Leistungen … im Kampf Mann gegen Mann … Er … ging in seinen Aufgaben weit über das hinaus, was Stamma und die Modenesen an taktischen Finessen aufzuweisen hatten; er verfeinerte und vertiefte den Inhalt, die ‚Kombination‘, verzichtete ihr zuliebe vielfach schon auf den äußeren Schein einer partiegemäßen Aufstellung und wagte es als erster, den ‚stillen‘, nicht schachbietenden Zug, der vor ihm allenfalls als Ruhe- und Höhepunkt im späteren Verlauf der Lösung Verwendung gefunden hatte, an den Anfang zu stellen. Damit war das Tor zur modernen Epoche des Schachproblems aufgestoßen.“ (Herbert Grasemann in Problemschach, Berlin 1955, S. 15)
Eine gänzlich umgearbeitete Zweitauflage von Anderssens Büchlein erschien 1852. Die Schwalbe-PDB enthält 85 Probleme Anderssens.

3)In Partie 18 muss es Herrmann Pollmächer heißen statt Hermann Pollmacher.

Robert Johnson: Adolf Anderssen – Combinative Chess Genius, 353 Seiten, Clark & Mackay Self Publishing, Brisbane (Australia), ISBN 978-0-646-81614-2 – Vertrieb: Tony Peterson

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Biographien auch über Alexander Münninghoff: Heiner Donner


Musik: Zum Tode des Gitarristen Julian Bream (1933-2020)

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Ausnahmemusiker mit grosser Kulturvielfalt

von Horst-Dieter Radke

Am 14. August dieses Jahres starb 87-jährig der englische Gitarrist und Lautenist Julian Bream. Auch wenn manch einer ob des unvermeidlichen Todes und des doch langen Lebens mit den Schultern zuckt: Ich finde es immer wieder bedauerlich, wenn jemand stirbt, den ich zeitlebens sehr geschätzt habe, mag er oder sie noch so alt geworden sein. Dies trifft auf Julian Bream ganz besonders zu.

Erste Erfahrungen mit der Gitarre machte Bream mit der Jazzgitarre seines Vaters. Im Alter von 11 Jahren bekam er eine spanische Gitarre geschenkt, auf der er Unterricht von Boris Perott erhielt. Mit 12 Jahren gewann er einen Preis für sein Klavierspiel, der es ihm ermöglichte, am Royal College of Music zu studieren. Gitarre lernte er autodidaktisch weiter und gab im Alter von 13 Jahren sein erstes Konzertdebüt. Mit 18 Jahren trat er mit der Gitarre in der Londoner Wigmare Hall auf. Während seiner Militärzeit kamen ihm die frühen Erfahrungen auf Vaters Jazzgitarre zu Gute, denn er spielte in dieser Zeit Gitarre in der Royal Artillery Band.

Mit Klassik durch Europa

Nachruf auf den Gitarristen Julian Bream - Glarean Magazin 2020
Julian Bream (15. 7. 1933 – 14. 8. 2020)

Nach seiner Militärzeit nahm er jeden musikalischen Job an, den er bekommen konnte. Er spielte Filmmusik für die BBC und tourte mit klassischem Gitarrenrepertoire durch Europa (ab 1954) und den Rest der Welt (ab 1958). Nebenbei entdeckte er die Laute, passte das Instrumente an seine Bedürfnisse an – er spielte ein relatives grosses Instrument, und nicht nur mit einer einzelnen hohen Saite sondern deren zwei –, brachte mit dem Tenor Peter Pears die Lieder von John Dowland wieder in die Konzertsäle und gründete das Julian Bream Consort, das zu den ersten Ensembles gehörte, das alte Musik auf Originalinstrumenten spielte. Er spezialisierte sich jedoch nicht nur auf alte Musik, traf Musiker anderer Kulturen (etwa Ali Akbar Khan und Paco Pena), und spielte auch Kompositionen zeitgenössischer Komponisten, von denen eine ganze Reihe speziell für Bream komponierten. Benjamin Brittens „Nocturnal“, oder Hans Werner Henze die Sonaten „Royal Winter Music“. Die spanische Gitarrenmusik legte er in Einspielungen von der Renaissance bis zum 20. Jahrhundert vor. Seine Einspielungen auf CD sind auch heute noch verfügbar, einzeln und in Sammlungen.

In erster Linie Musiker

Julian Bream war der erste Gitarrist, der mich für die klassische Gitarre einnahm. Segovia liess mich kalt, und andere waren mir noch nicht untergekommen. Bream war Gitarrist, natürlich, aber in erster Linie Musiker. Er brillierte nicht vordergründig mit stupender Technik, sondern interpretierte die Musik, die Komponisten niedergeschrieben hatten. Seine Technik ist selbstverständlich enorm, man kann keine Begrenzungen hören, aber sie tritt hinter der Musik zurück.

Julian Bream - Gitarrenmusik aus drei Jahrhunderten - Glarean Magazin
Legendäres Bream-Album auf Vinyl: „Gitarrenmusik aus drei Jahrhunderten“

Meine Begegnung mit diesem Ausnahmegitarristen geschah folgendermassen: Als Schüler war ich immer knapp bei Kasse, doch einmal hatte ich Dank eines kurzen Jobs etwas mehr Geld als üblich in der Tasche und ging in einen Plattenladen. Heraus kam ich mit einer Kassette, die zwei LPs von Julian Bream enthielt. Titel: „Gitarrenmusik aus drei Jahrhunderten“. Ursprünglich wollte ich etwas von Jimi Hendrix oder ähnliches kaufen. Da man sich damals aber die Platten noch im Laden anhörte und die Kassette von Bream vor der Ecke ‚Rock/Pop‘ stand, kam ich gar nicht erst bis dahin. Ich hörte nur bis zum dritten Stück („Tombeau sur la mort de M. Comte de Logy“ von S.L. Weiss, nach zwei Stücken von Bach), danach gab es kein Überlegen, kein ‚Für und Wider‘ mehr. Mein finanzieller Etat war wieder auf dem üblichen Niveau, und ich zog mit den neuen Platten heimwärts.

Die Laute der Gitarre angepasst

Tatsächlich enthielten die beiden Platten der Kassette wenig originäres Gitarrenrepertoire. Da war unweigerlich das d-moll Präludium von Bach, da war Villa-Lobos mit seinem Choros Nr. 1. Und da waren die Spanier Torróba, Albéniz, de Falla und Turina, von denen nur der erste tatsächlich für die Gitarre geschrieben hatte, die Musik der anderen Spanier von den Gitarristen aber schon so vereinnahmt war wie die Lautenmusik von Bach. Zusätzlich fand sich auf den Platten aber auch Musik von Domenico Scarlatti, Maurice Ravel, Luigi Boccherini, Joaquin Rodrigo und Benjamin Britten. Letzterer mit dem Nocturnal, das er nach Motiven Dowlands extra für Julian Bream geschrieben hatte.

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Aber, ob nun für Gitarre komponiert oder nur für Gitarre arrangiert – die Musik klang authentisch, und Willkürlichkeiten wie bei Segovia, bei aller interpretatorischen Freiheiten die sich Bream nahm, konnte man nicht finden. Bald darauf bekam ich mit „The Woods so Wild“ eine LP geschenkt, auf der Bream Laute spielte. Auch das hat mich damals berührt und für die Laute interessiert, die ich nur am Rande und eher oberflächlich beachtet hatte bis dahin. Heute weiss ich, dass Bream kein originärer Lautenist war, dass er das Instrument seiner Gitarrentechnik angepasst hat. Ich höre trotzdem noch ab und an seine Lauten-Alben, weil auch da das Phänomen, dass er als Musiker unabhängig vom Instrument das Werk darbietet, trotz allem überzeugt. In letzter Konsequenz ziehe ich das aller vermeintlichen Werktreue vor.

Gitarrenmusik als Trost und Freude

Nun ist er also abgetreten. Sein letztes Konzert liegt schon 18 Jahre zurück. Die beiden Schallplatten höre ich nicht mehr so oft wie seine CDs, aber sie sind mit mir durch all die Jahrzehnte meines Lebens gegangen und waren mir oft und oft Genuss, Entspannung, Trost und Freude, das wird auch sicher so bleiben. Und jedes Mal wenn ich sie höre, höre ich Musik und nur nebenbei Gitarre. Ich bedauere seinen Tod sehr, auch wenn ich weiss, dass er letztendlich für jeden unvermeidlich ist. ♦

Lesen Sie zum Thema Klassische Gitarrenmusik auch über Jakob Banso: Connect – Electronic Works For Guitar

Alexander Münninghoff: Hein Donner (Schach-Biographie)

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Donnerhall im Reich der Schachliteratur

von Ralf Binnewirtz

Der holländische Grossmeister Jan Hein Donner (1927-1988) wird bei der jungen Generation weitgehend in Vergessenheit geraten sein, zumal er auf der Schachbühne nicht in die obersten Ränge gelangen konnte. Und ausserhalb der niederländischen Schachliteratur sind nur wenige biografische Details über ihn verbreitet worden. Der Ende April verstorbene Autor Alexander Münninghoff hat dem nonkonformistischen Schach-Grossmeister und -Autor ein bemerkenswertes literarisches Denkmal gesetzt, das nun auch in Englisch erschienen ist.

Hein Donner - The Biography - New In Chess NIC - Alexander MünninghoffJohannes Hendrikus (Hein) Donner war sicherlich die schillerndste Figur in der Geschichte des niederländischen Schachs – jedenfalls auf GM-Niveau. Als Spross einer prominenten, streng calvinistischen Familie in Den Haag – sein Vater Jan Donner brachte es zum Justizminister der Niederlande – sollte Hein als Einziger des sechsköpfigen Donner-Nachwuchses aus der Art schlagen: Er hatte zwar halbherzig einige Semester Jura absolviert, entschloss sich dann aber – sehr zum Leidwesen seines Vaters – zu einer keineswegs risikofreien Profilaufbahn im Schach. Ein weitgehend ungebundenes, bohemienhaftes Leben in der Schachwelt entsprach seinem Naturell offenbar weitaus mehr als eine konventionelle Laufbahn im Establishment.

Mal top, mal flop

Faul, genial, scharfzüngig: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)
Scharfzüngig, faul, witzig, polemisch, genial: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)

Hein Donner (GM-Titel 1959) war ein weit überdurchschnittliches Talent, um nicht zu sagen Genie in die Wiege gelegt, aber zumindest als Schachspieler hat er den in ihn gesetzten Erwartungen nicht recht entsprochen. Seine Faulheit, gepaart mit einem Mangel an Disziplin und Ehrgeiz (er verfolgte nicht die Neuerungen in der Eröffnungstheorie, bereitete sich auf Turniere in der Regel nicht vor und gab sich mit dem Erreichten zufrieden), zeitigten ein ständiges Auf und Ab in den Turnierresultaten und verhinderten den Aufstieg in die höchsten Sphären, wobei ihm auch noch eine ausgeprägte Russenphobie im Wege stand.
Im Gedächtnis der Nachwelt ist Donner vor allem als Verlierer zahlreicher Kurzpartien verblieben, die ihn im Kreis seiner internationalen GM-Kollegen zum Gespött machten als „unumstrittenen Träger der Narrenkappe“ 1). Gleichwohl war er in der Zeitspanne zwischen Max Euwe und Jan Timman der stärkste niederländische Schachspieler.

Zur Ehrenrettung Donners sei hier eine seiner respektablen Gewinnpartien präsentiert:

In seiner Spielleidenschaft hat sich Donner auch in unzähligen anderen Spielen (u.a. Bridge) versucht, lediglich vom Damespiel hat er sich verächtlich abgewandt.

Unterwegs im Amsterdamer Szene-Viertel

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Einen grossen Teil seiner Freizeit verbrachte Donner in der Amsterdamer Szene („The Ring Of Canals“) bzw. im elitären Künstler-Zirkel „De Kring“, den er gemeinhin abends und nachts aufsuchte, da er erst am späten Nachmittag aus dem Bett zu steigen pflegte. Dort traf er auf die lokale Intelligenzia, mit der er sich in unermüdlichen Diskussionen messen oder aber den Clown spielen konnte. Donner, der sich schon früh zu einem notorischen „contrarian“ entwickelte hatte, also grundsätzlich die gegenteilige Meinung seines Gegenübers einnahm, war nicht nur körperlich (mit knapp 2 m Grösse), sondern auch intellektuell ein Riese. Ausgestattet mit einem messerscharfen Verstand, mit enormer Eloquenz und sardonischem Witz, war er praktisch jedem Gegner verbal gewachsen, wenn nicht überlegen. Und sollte ein Disput zu einem Faustkampf eskalieren, was gelegentlich vorkam, so besass Donner auch hier aufgrund seiner Obelix-artigen Statur Vorteile. Es darf daher nicht wundern, wenn die Zahl seiner Freunde überschaubar blieb. Seine legendäre Dauerfehde mit Lodewijk Prins (Ehren-GM 1982) soll hier nur erwähnt sein.

In der Romanliteratur verewigt

Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch
Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch

Eine tiefe Freundschaft verband Donner mit dem Schriftsteller Harry Mulisch, dem Donner literarisch nachzueifern suchte – nicht immer zum Vorteil seiner Turnier-Performance (siehe z.B. Santa Monica 1966). In seinem Roman „Die Entdeckung des Himmels“ (1992) hat Mulisch seinen Freund posthum in der Figur des Onno Quist verewigt. In diesem Kontext ist auch das aufschlussreiche Interview zu erwähnen, das Dirk Jan ten Geuzendam mit Harry Mulisch geführt hat (Kap. 11 – Harry Mulisch’s Heinweh).

Weitaus erfolgreicher als am Turnierbrett war Donner als Schachschriftsteller, hier konnte er seine Lust an der Polemik und Provokation gleichermassen ausleben. Aber unter seinen zahllosen, in über drei Jahrzehnten in diversen holländischen Zeitungen publizierten Artikeln finden sich auch manche seriösen Beiträge. Eine Selektion seiner besten Artikel ist als Anthologie erschienen: „The King – Chess Pieces“ steht in der Gunst der internationalen Leserschaft bis heute ganz oben. [Rezension von Taylor Kingston]

Kreativität auch im Rollstuhl

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Nach einem Schlaganfall im August 1983, der Donner für die letzten Lebensjahre in ein Pflegeheim verbannte, blieb ihm, an den Rollstuhl gefesselt, nur das Schreiben als einzige kreative Beschäftigung. Mit einem Finger auf der Schreibmaschine verfasste er minimalistische Beiträge: Für „Na mijn dood geschreven“ [Nach meinem Tod geschrieben] wurde ihm 1987 der höchst angesehene Henriëtte-Roland-Holst-Preis verliehen. Auch die öffentliche Erstpräsentation von De Koning: Schaakstukken konnte er noch (in einem miserablen Zustand) erleben. Er hat sein Schicksal klaglos hingenommen. Eine im November 1988 unversehens eingetretene Magenblutung bedeutete den endgültigen Exitus.

Donners Frauen – ein wechselhaftes Glück

Donner lernte seine erste Freundin Olga Blaauw im Frühling 1949 kennen, sie lebten gut sechs Jahre ohne Trauschein zusammen. Die Trennung wurde unerwartet ausgelöst durch einen Heiratsantrag Donners (nach dessen Rückkehr von Göteborg 1955), der die Leidenschaft instantan erlöschen liess.

Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering
Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering

Die zweite erwähnenswerte Dame, die in Donners Leben trat, war Irène van de Weetering, im Jahre 1958 noch „eine 18-jährige Nymphe“. Als sich Ende 1959 Nachwuchs ankündigte, war die eigentlich unerwünschte Heirat nach calvinistischem Reglement unvermeidlich. Das zweite Kind kam Anfang 1962. Während Donner seinen Nachwuchs (Sohn und Tochter) abgöttisch liebte, war das Verhältnis zu seiner Ehefrau deutlich kühler – schon bald nach der Trauung hatte er eh ein promiskuitives Wanderleben begonnen. Die marode Liaison ging schliesslich vollends in die Brüche, als sich Irène 1966 der anarchistischen Provo-Bewegung anschloss und Stadträtin in Amsterdam wurde (Scheidung 1968).

Donners letzte Frau war die Anwältin Marian Couterier, die er 1971 ehelichte. Die Verbindung verlief von Beginn in harmonischen Bahnen, und Hein wandelte sich gar zum Familienmensch, eine Tochter kam 1974 zur Welt. Die Ehe währte bis zu Heins Tod.

Polarisierender Charakter mit Bohemien-Charme

Nicht jeder wird sich mit der Persönlichkeit eines Hein Donner identifizieren können, zu ambivalent sind hierfür die Eindrücke, die man bei der Lektüre gewinnt. Donners zwanghafte Streitsucht insbesondere im trunkenen Zustand, sein despektierliches Verhalten gegenüber Meisterkollegen, sein Dominanzgehabe sind Attribute einer merklichen Ungeniessbarkeit. Hierzu mögen auch noch sein meist schmuddeliges Outfit und eine nachlässige körperliche Hygiene zählen. Indes gehörte Donner zu einer Spezies, die in der heutigen Schachszenerie ausgestorben ist: Ein echtes Original mit Ecken und Kanten und einem sehr spezifischen Humor. Ein unabhängiger Geist, der sich nicht um Konventionen scherte, der sein Leben lebte, wie er es wollte, auch wenn es (durch übermässiges Rauchen und Trinken) gesundheitlich bedenklich schien oder er sein soziales Umfeld brüskierte. Und schliesslich war er einer der besten und unterhaltsamsten Schachschriftsteller aller Zeiten.

Kontroverse Persönlichkeit meisterhaft biografiert

Alexander Münninghoff - Schriftsteller Journalist Biograph - Glarean Magazin
Biograph ohne Beschönigungen: Alexander Münninghoff

Alexander Münninghoff hat diesen polarisierenden Charakter vortrefflich beschrieben, dabei unangemessene hagiografische Beschönigungen bewusst vermieden. Eine gewisse Nachsichtigkeit des Autors gegenüber seinem biografischen Objekt ist zwar spürbar, aber nicht gravierend. Die englische Übersetzung ist rundum gelungen und – solide Englischkenntnisse vorausgesetzt – flüssig lesbar, zumal der Autor seine Darstellung chronologisch angelegt hat. Vor allem hat er die wichtigste Forderung beherzigt, die ein gutes Buch erfüllen muss: Es darf seine Leserschaft keinesfalls langweilen! Daher gebe ich eine klassische Empfehlung weiter: „Lest die besten Bücher zuallererst; sonst kommt ihr überhaupt nicht dazu, sie zu lesen.“ (Henry David Thoreau)
Neun Seiten Bildtafeln (18 s/w-Fotos aus Donners Leben) und ein Kapitel mit 34 kommentierten Donner-Partien (Recherche/Analysen von Maarten de Zeeuw) komplettieren das Werk. Fehler sind eher selten, lediglich die auf S. 128 mit Nr. 23 referenzierte Partie gegen Kortschnoi sucht man in der Partieauswahl / Kap. 12 vergeblich. ♦

1) Die Runde um die Welt machte die sensationelle Kurzpartie des Chinesen Liu Wenzhe gegen Donner, Olympiade Buenos Aires 1978 (s. S. 265), die erste Partie, die ein Chinese gegen einen westlichen GM gewann. Kommentar Donner: „Now I will be the Kieseritzky of China.”

Alexander Münninghoff: Hein Donner – The Biography, 272 Seiten (engl.), New In Chess, ISBN 978-90-5691-892-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Biographien auch über Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

„Dass ich unentwegt stolpere…“

von Sigrid Grün

Sie war Karoline, Carola, Carlinchen, Barbara – Klabunds Frau, Brechts Muse und eine der berühmtesten deutschen Schauspielerinnen: Carola Neher, die 1900 als Karoline zur Welt kam und sich nach nichts mehr sehnte als nach den Brettern, die die Welt bedeuten. Charlotte Roth (Pseudonym von Charlotte Lyne) hat ihrem aufregenden Leben nun den Roman „Die Königin von Berlin“ gewidmet, der uns in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts entführt.

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)
Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

Nach ihrer Ausbildung in einer Bank verlässt Karoline Neher Hals über Kopf ihre Mutter und ihren geliebten Bruder und reist von München nach Baden-Baden – eigentlich will sie nach Berlin, aber dafür reicht ihr Geld nicht. Ohne richtige Schauspielausbildung kommt sie nur in Pagenrollen zum Einsatz. Bald erweist sich das Theater in der Kurstadt als Sackgasse, und Karoline, die sich mittlerweile Carola genannt hat, landet wieder in München, wo der ersehnte Erfolg auch ausbleibt. In der bayerischen Landeshauptstadt trifft sie allerdings einen Mann, der zu einer Schlüsselfigur in ihrem Leben werden sollte: Bertolt Brecht. Ihm folgt sie bald auch nach Berlin, denn er sieht in der jungen Schauspielerin mehr als andere Regisseure, die ihr immer nur kleine Rollen geben.

Lebenslange Liebe zu Klabund

Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) 1930 - Glarean Magazin
Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) in Berlin Ende der 1920er Jahre

In Berlin geniesst sie das freie Leben. Sie will sich nicht binden, bis sie eines Tages in der Strassenbahn einem hageren Mann mit Brille begegnet, der etwas in ihr zum Schwingen bringt. Alfred Henschke, genannt Klabund, ist zehn Jahre älter als Carola Neher und schwer an Tuberkulose erkrankt. Doch die Liebe zwischen den beiden reicht bis zu seinem Tod in Davos. An seinem Sterbebett gesteht ihm Carola: „Ich kann ein Biest sein, eine Plage, weil ich im Grunde nicht weiss, wie ein Mensch mit einem Menschen umgeht, aber ich bin verloren ohne dich. Du weisst, dass ich ohne dich keinen Fuss vor den anderen setzen kann, dass ich unentwegt stolpere.“

Seine Krankheit überschattet die ganze Beziehung. Klabund vergöttert Carola und lässt ihr alle Freiheiten: „Ich war einmal gar nicht so viel anders als du, dachte er. Ich bin es noch immer, ich möchte genau wie du eine Kerze sein, die an beiden Enden brennt und mir das Leben zum Feuerwerk macht. Meine Kerze ist nur schon ein bisschen zu kurz dafür, doch der Teufel soll mich frikassieren, wenn ich dir deswegen deinen Spass verderbe.“
Er war Carola Nehers grosse Liebe. Doch ein weiterer Mann spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle im Leben der Schauspielerin. Bertolt Brecht schrieb ihr die Rolle der Polly Peachum aus der Dreigroschenoper auf den Leib. Das Stück und die Verfilmung Anfang der 30er Jahre, sollten ihre grössten Triumphe werden, der Barbara-Song ihr Lied.

Rahmenhandlung in die 1970er Jahre verlegt

Charlotte Roth lässt eine spannende Zeit lebendig werden. Die Geschichte um die kurzen Leben von Klabund – er wurde nur 38 – und Carola Neher, die mit gerade mal 41 Jahren in einem sowjetischen Zwangsarbeiterlager starb, ist in eine Rahmenhandlung gebettet, die sich Ende der 70er Jahre in Edenkoben zuträgt, einem Ort, mit dem Neher verbunden war. Ein Fremder kommt in die Gemeinde, um etwas über die Vergangenheit von Carola zu erfahren. Wer der Mann ist, wird erst ganz zum Schluss klar.

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Roths Roman basiert auf zahlreichen Tatsachen und enthält natürlich auch Ausschmückungen. Besonders zu Beginn hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte einige Längen aufweise. Doch die Beziehung zwischen dem sympathischen Klabund und der Schauspielerin, die verletzlicher ist, als sie vorgibt zu sein, wird von der Autorin ganz wunderbar literarisch aufgearbeitet.
Charlotte Roth ist ein berührender und interessanter Roman über eine Schauspielerin gelungen, die mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten ist. In „Die Königin von Berlin“ werden eine Zeit und ein Lebensgefühl lebendig, die uns seit einem Jahrhundert faszinieren: „Die goldenen Zwanziger“. Eine schöne Lektüre, die ich allen ans Herz legen kann. ♦

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin – Sie war die Muse von Bertolt Brecht, Roman, 416 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28232-8

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Roman von Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

… sowie zum Thema Berlin über Susanne Schüssler (Hrsg.): Berlin – Eine literarische Einladung

Claus Eurich: Radikale Liebe (Albert Schweitzer)

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Herzensbildung als Menschheitsethik

von Heiner Brückner

Der emeritierte Hochschullehrer für Kommunikationswissenschaften und Ethik Prof. Dr. Claus Eurich betätigt sich weiterhin als Kontemplationslehrer und Buchautor. Sein neuestes, ambitiöses Werk ist „Radikale Liebe – Die Lebensethik Albert Schweitzers – Hoffnung für Mensch und Erde“. Anspruch und Inhalt dieser Schweitzer-Monographie klaffen allerdings weit auseinander.

Der Verlagstext verheisst einen „leuchtenden Hoffnungsstrahl für die Zukunft der Erde“ und behauptet, dass Albert Schweitzer „alles, was er sagte, selber lebte“. Auf Einzelheiten geht die Laudatio nicht näher ein. Der Autor verspricht im zweiten Teil seines Buches die propagierte „Ehrfurcht vor dem Leben“ in die Gegenwart zu holen und „uns den wohl einzigen Weg der Rettung“ zu zeigen.
Um es vorweg zu nehmen: Ermahnend ist Claus Eurichs Lobpreis auf den „Urwalddoktor von Lambarene“ zweifellos, überzeugend oder ermutigend ist der wortreiche Text keineswegs und schon gar nicht optimistisch gegenwartstauglich.

Claus Eurich - Radikale Liebe - Albert Schweitzer Monographie - Cover Via Nova Verlag - Rezension Glarean MagazinEs sei fünf nach zwölf, meint Autor Eurich und sieht in seiner Neuerscheinung „Radikale Liebe“ die Lebensethik des Friedensnobelpreisträgers von 1952, Albert Schweitzer, als den Erlösungsweg. Doch Eurich entwirft ein desaströses, destruktives Zeitszenario: „Und so steuert die Titanic mit dem Namen ,Homo sapiens‘ unbeirrt auf den Eisberg zu.“ Als Rettung bietet er die Theorien Albert Schweitzers mit dem Primat des Geistigen, der nur durch „unsere Vorstellung einer universalen Ethik“ seinen Sinn erhalte. Das kommt mir vor wie eine Geister-Scheinung, die bei mir aber keine Geist-Erscheinung, sondern Widerspruch und Unmut über die Allgemeinplätze und Paraphrasen hervorruft. Denn kurz darauf zitiert der Autor: „So, im Mitfühlen mit allen Geschöpfen und der entsprechenden ethischen Tat, verdient der Mensch erst den Namen Mensch.“

Gefesselt und geblendet von der Theorie

Albert Schweitzer beim Bach-Spiel an der Orgel - Original Columbia Masterworks 1952 - Glarean Magazin
Schweitzer beim Bach-Spielen an der Orgel – (Original Columbia Masterworks 1952)

Ich bezichtige ihn nicht der Sentimentalität, er scheint vielmehr gefesselt und geblendet von der Theorie, die er verficht, und nicht mehr in der Lage nachvollziehbar zu strukturieren, sondern landet immer wieder in den kurzschlüssigen Konklusionen seines selbstverliebten immanenten Denkschemas. Aufrüttelnd oder anrührend ist sein Gesinnungs-Hilferuf schon, aber nicht innovativ. Denn wer oder was ist der Rettungsengel, die Umkehr-Rettung?
Das intensiv gelobte und gehuldigte Übergenie Albert Schweitzer, der sich in nahezu allen wichtigen Lebensbereichen als Professor generalis gerierte, nämlich Theologe und Pfarrer, Musikwissenschaftler, Bach-Biograph, Orgelexperte, Konzertorganist, Mediziner, Kämpfer gegen Atomwaffen, Friedensnobelpreisträger, Philosoph, Ethiker, Kosmopolit, „schlichter Mensch und Diener der Mitgeschöpflichkeit“, war zu Lebzeiten auch ein Meister der Selbstinszenierung, hat sein Hospital nicht modernisiert, mit der Begründung von Tierliebe unhygienische Zustände zugelassen und einen kolonialen Führungsstil gepflegt.
Aus dem Elfenbeinturm einer Zitatenmühle antiquiert-nostalgischer Alma-Mater-Mentalität doziert Eurich in schwelgerischer Vorlesungsmanier und reiht die Widersprüchlichkeiten süffisant aneinander: „Dieses Fach in der Lebensschule trägt den Namen: Bildung des Herzens.“

Konkrete Lebensanhaltungspunkte vermieden

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Mit vagen Statements wie „Die Ethik der Ehrfurcht […] mischt sich in alles ein […] , wo dies notwendig ist“ vermeidet er konkrete Lebensanhaltspunkte überwiegend. Meine Geduld weiterzulesen war spätestens hier zu Ende, doch aus „Ehrfurcht“ vor dem Autor kämpfte ich mich auch durch die zweite Hälfte, denn da sollte es pragmatischer werden. Er verspricht die propagierte „Ehrfurcht vor dem Leben“ in die Gegenwart zu holen und „uns den wohl einzigen Weg der Rettung“ zu zeigen. Gelegentlich hält der Autor inne, um nicht falsch verstanden zu werden: „Menschheit als Schönheit in Entwicklung“, dann sofort aber hätten „wir das Gleichgewicht des Lebens so massiv gestört“ – “ […] dass das letztendlich im Suizid enden muss“. Und die Klage über den „schändlichen Umgang mit unseren nächsten Verwandten, den Tieren“, das Versagen der alten Ethik (sprich europäischen – ausser Albert Schweitzer – anthroposophischen Nische). Schweitzer stellt er als „Pate der modernen Tierschutzbewegung“ heraus.

Flugschrift für die Renaissance eines Humanisten

Claus Eurich - Glarean Magazin
Autor Claus Eurich (geb. 1950)

Die kämpferische Flugschrift für die Renaissance eines verdienten Humanisten, allerdings in einer Art und Weise, die jenseits von wissenschaftlicher Sachlichkeit liegt, liest sich wie das Skript zu einem kontemplativen Entspannungs- und Vertiefungsseminar im „Kampf“ gegen das „Desaströse“ ohne akademischen Diskurs. Bezeichnend auch die persönliche Anrede an den Leser im Stil gewisser Ratgeber-Literatur: du („Fang an, … Lebe schon jetzt deinen Traum und dein Ideal, unbeirrt, dem Leben dienend.“).
Zwar wird vorwiegend auf die Predigt von Albert Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ Februar 1919 rekurriert und aus dessen Ethik-Philosophie zitiert, aber durch die Auswahl und die verwirrende Aneinanderreihung ergeben sich Gegensätze, Widersprüche und gehäufte Wiederholungen, die mehr über den Geschmack oder die Vorliebe des Autor aussagen, als dass sie Schweitzers Theorie schlüssig erhellen. Wenn Eurich am Schluss als Resümee an Franz von Assisi erinnert, dessen Armut Albert Schweitzer in ein „neuzeitliches Gewand“ gekleidet habe, dann erhebt er ihn zum Heiligen oder schwächt sein beabsichtigtes Hofieren des Urwalddoktors ab.
Da möchte ich ihn an sein Zitat aus der Kulturphilosophie Schweitzers verweisen: „Wahre Ethik fängt an, wo der Gebrauch der Worte aufhört“ – und dann das Buch zuklappen… ♦

Claus Eurich: Radikale Liebe – Die Lebensethik Albert Schweizers – Hoffnung für Mensch und Erde, Sachbuch, 120 Seiten, ViaNova Verlag, ISBN 978-3-866-16473-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kulturgeschichte auch über den Essay von Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

Weitere Internet-Beiträge über Albert Schweitzer

Der GLAREAN-Herausgeber bei Instragram:


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Anton „ViscaBarca“ Rinas: Realtalk (Rezension)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Psycho-Striptease eines Gaming-Influencers

von Heiner Brückner

Der YouTube-Fame als greller Schein. Ist das Kunst oder ehrgeizige Individualinszenierung? Nein, es ist für den einen oder anderen tragische Realität. Aber diese Offenbarung, die „ViscaBarca“ zum eigenen Whistleblower macht oder zum Seelenstripper, wie Anton Rinas selbst sagt, ist heilsam – für ihn selbst, und hoffentlich für viele Follower.
Sicherlich ist mit Kulturarbeit und Kunst kein Staat zu machen, aber es handelt sich dabei um konkretes Leben und nicht um eine virtuelle Scheinwelt, selbst wenn sie Visionäres und Fantastisches projiziert und prolongiert.

Viscabarca - Anton Rinas - Realtalk - Mein Leben als Influencer - Cover - Rezension Glarean MagazinAnton Rinas alias ViscaBarca konnte sich den Lebenstraum vieler junger Menschen erfüllen. „Als erfolgreicher YouTuber und Social Medias Performer begeistert er über eine Million Abonnenten, verdient mit 17 bereits fünfstellige Summen im Monat“, kündigt der Verlag das Werk über „Trug, Schein und Schulden“ eines Gamers an. Dann kam der Absturz des digitalen Modephänomens als Influencer. Ich lese die Bekennergeschichte mehr als diagonal, weil mich das Thema reizt, weil ich den Herkunftsort des Autors kenne, und weil ich auf die Verlockungen der Verlagsanpreisung hereingefallen bin. Bin ich der Influenz erlegen? Noch will ich mich erwehren durch das Lesen der veröffentlichten Fakten.

Wer füttert den Beeinflusser?

Fussball-Fans FC Barcelona - Glarean Magazin
„Es lebe Barca, die tolle spanische Fussballmannschaft“: Das Massen-Game als Social-Multiplikator

Wer füttert den Beeinflusser, von wem lässt er sich beeinflussen? Wen hat er im Visier, auf wen oder was zielt er ab? Das sind Hintergrundfragen, die entscheidend sind, weil sie den Schein hinter allem aufdecken. Freimütig zählt Rinas seine Fake-Accounts genauso auf wie seine millionenfachen Likes. Sein Aka-Name ViscaBarca ist Programm und eigentliche Lebenssehnsucht, die er sich wegen körperlichen Handicaps nicht mehr erfüllen kann: Es lebe Barca, die tolle spanische Fussballmannschaft.
Wessen entledigt er sich also bei seinem öffentlich gemachten Höllentrip durch eine Influencer-Biografie unter dem Titel „Realtalk“?

Down To Earth und Back To Life

Glarean Magazin - Muster-Inserat - Banner 250x176Das erste Kapitel fasst zusammen, wie der Offenbarungseid in ein 15-minütiges Realtalk-Video als „Balsam für meine Seele“ gepackt werden sollte. Das letzte schilderte, wie er nach dem Absturz wieder „down to earth“ kommen konnte. Dazwischen wird die Chronologie seines Auf- und Abstiegs ausgebreitet: die chaotischen Zustände in Familie, Erfolg und Misserfolg in Gaming-WGs, und wie die geliebte Schwester und ihr Mann, sein Schwager, ihn finanziell bis in den Ruin auspumpen. Dreimal stellt er eine Liste der Ausgaben von 4000 bis auf 205’000 Euro Schulden auf. Nach dem Absturz findet er in München „mit Disziplin und Fleiss“ wieder „back to life“, wird wegen des „Schwester-Videos“ als „InzestBarca“ beschimpft und erleidet wirtschaftlich den nächsten Rückschlag wegen einer undurchsichtigen Steuerberaterin.

Den „ganzen Scheiss“ hinausgekotzt

Viscabarca - Anton Rinas - Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen - Glarean Magazin
„Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen“: FC-Barcelona-Fan Viscabarca alias Anton Rinas

Reden wir Klartext („Realtalk“) und nicht lange um die 271 Seiten herum, so wie es das Elaborat auch tut: verzweifelter Seelenstrip, Digga, literarisch bescheiden, moralisch als abschreckendes Exempel einsetzbar, aus der katastrophalen finanziellen Notlage geboren.
ViscaBarca lamentiert in seinem Schriftstück nicht gefühlsduselig, will auch nicht „rumheulen“, er kotzt den „ganzen Scheiss“ offensichtlich ungeschminkt heraus. Der seelische Auswurf ist ein notgedrungenes, eigentlich nicht druckreifes Drauflos-Quasseln in der lässigen YouTube-Sprechweise bzw. Social Medias Plattformen. Häufige Wiederholungen, teils Widersprüche, chaotisches Hin- und Her-Springen entlarven die ganze Summe der Entscheidungsflexibilität eines unschlüssigen jungen Mannes, der am Ende seiner eigenen Hilfswerk-Biografie zu einem allgemein hinreichend bekannten Fazit gelangt. Nämlich, dass sein süchtiger Spielkonsum nur eine Flucht vor der eigenen Leere gewesen sei.

Nie wieder Fake Shit

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Rinas ringt sich zum Einsichtsvorsatz durch: „… ich würde nie wieder fake shit machen, um etwas vorzuleben, das nichts mit mir und meinem Herzen zu tun hat.“ Und er hat Ratschläge parat: „Lass dich nicht von anderen abhalten, deine Träume zu verwirklichen. […] Das Leben wird noch hart genug, auch wenn wir nicht aufeinander rumhacken.“
Genusslesen war das nicht, weder inhaltlich noch sprachlich (z. B. „Ich kam nicht mehr auf mein Leben klar!“ – „Auf die Situation kam ich echt nicht klar.“) noch vom Erkenntnisgewinn her betrachtet. Abschreckend ist wohl der einzige positive Aspekt an diesem „Teil“ (Zitat Rinas), das ohne die mitschreibende Hilfe seines Bekannten Josip Radovic „niemals so cool“ geworden wäre.

An erster Stelle dankt er den Zuschauern und YouTube-Kollegen für ihre Treue. Nach Mitleid heischt er nicht, der Leser muss nicht in wehleidiges Mitklagen verfallen. Vielmehr darf er sich über die schnelle Vergesslichkeit der YouTube-Follower beim Neubeginn des Influencers wundern. Es ist frappierend, was da abging und worauf man leicht hereinfallen kann.
Kurzum: „Realtalk“ ist die öffentlich gemachte private Bekennerstory des Influencers Anton Rina aka ViscaBarca in 22 Kapiteln über einen ganz persönlichen Psychoterror als Gaming-Zocker mit Computerspielen in flapsigem YouTube-Speech. ♦

Anton Rinas „ViscaBarca“: Realtalk – Trug, Schein und Schulden / Mein Leben als Influencer, 272 Seiten, Community Editions, ISBN 978-3960961055

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Digitale Welt 2.0 auch das „Zitat der Woche“ von
Felix Stalder: Kultur der Digitalität

ausserdem zum Thema Sprachzerfall den Essay von
Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben.

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Musik-Kalender 2020 – „Beethoven und ich“

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

53 Bekenntnisse zu Beethoven

von Walter Eigenmann

Im kommenden Jahr 2020 begeht die Musikwelt einmal mehr ein Jubiläum der Superlative, nämlich das 250. Geburtsjahr von Ludwig van Beethoven. Die Musikforscher werden sich überschlagen mit neuen Analysen der Werke des „Titanen“, die Labels werden ihre alt-verstaubten Gesamtaufnahmen seiner Sonaten und Sinfonien aus ihren Vinyl-Gräbern schaufeln, die Mono- und Biographen zum x-sten Male die Entstehungsgeschichte von „Für Elise“ aufkochen, die Merchandise-Industrie ihre T-Shirts mit „Ode an die Freude“ oder „Eroica“ drauf in die Kleiderläden bugsieren, und es wunderte nicht, wenn auch die Film-Regisseure den einen oder anderen neuen Beethoven-Streifen ins Kino hievten.

Der Musik-Kalender 2020 - Beethoven und ich - Cover - Glarean MagazinKein Zweifel besteht jedenfalls darüber, dass die Konzertsäle bald weltweit überquellen werden vor lauter Beethoven. Denn für den Kult um solche ausholenden, extrem dominanten Jahrhundert-Genies wie Beethoven ist unsere 2.0-Welt wie geschaffen. Ob heutzutage derartige Jubiläen einer solch singulären Erscheinung wie Beethoven allerdings auch nur ansatzweise gerecht werden können, oder ob’s bei den üblichen pietätvollen Häppchen in den Social Medias bleibt, muss je am Einzelergebnis solcher „Erinnerungsarbeit“ festgemacht werden. Immerhin sind allenthalben regelrechte Monster-Zyklen angekündigt im Beethoven-Jahr 2020, wie beispielsweise bei der deutschen Beethoven-Jubiläums-GmbH (BTHVN 2020).

Zitaten-Schatz der Zeitgenossen

Eine Möglichkeit, zumindest skizzenhaft den Einfluss Beethovens seinerzeit und heute zu umreissen, ist jene, die der Verlag „Edition-Momente“ beschritt mit seinem neuen Musik-Kalender 2020 unter dem Titel „Beethoven und ich“, nämlich jene Leute zu Worte kommen zu lassen, die professionell und unvermittelt mit dem Menschen Beethoven und seinem Werk befasst waren oder sind: Seine (komponierenden oder interpretierenden) Zeitgenossen, seine heutigen Realisierenden in den Orchestern und Kammerensembles, kurzum jene Musik-Verständigen, die an ihm in den Konzertsälen, Plattenstudios und Bücherstuben unmöglich vorbeikamen und noch immer nicht vorbeikommen.

Hymnen und Erinnerungen im Wochentakt

Probeseite aus Musik-Kalender 2020 - Beethoven und ich - Edition Momente - Glarean Magazin
Probeseite aus dem „Musik-Kalender 2020“ mit einem Statement von Luigi Nono

Beginnend mit dem ersten Januar-Blatt und dem legendären Beethoven-Konzert, das der Pianist Arturo Benedetti Michelangeli 1942 in Rom gab, bis hin zur letzten Dezember-Woche bzw. zum Zitat des Cellisten Pablo Casals, das Beethovens 9. Sinfonie als „Wunder“ verherrlicht, bindet der Kalender auf 53 Wochenblättern einen eindrucksvollen Strauss von Erinnerungen, Gesprächen, Bekenntnissen, Zitaten, Bildern, Fotos, Zeichnungen, Notizen und Anekdoten von Claudio Arrau und Leonard Bernstein oder Johannes Brahms über Sergiu Celibidache oder Clara Haskil bis hin zu Gustav Mahler, Gioacchino Rossini oder Günter Wand.

Ob Komponisten oder Dirigenten oder Instrumentalisten – sie alle zollen einem ganz grossen der menschlichen Kulturgeschichte ihren Respekt, und nicht immer ist endgültig klar, ob die Verehrung einem Künstler oder nicht doch eher einem Gott gilt… Womit wir wieder glücklich im Musik-Olymp und bei den Podesten gelandet sind, auf die solche Exemplarischen halt – erst recht aus so grosser Zeitdistanz – immer noch gerne gestellt werden.

Beeindruckendes Puzzle über einen Giganten

Ungeachtet aller Glorifizierung verdichtet diese facettenreiche Kalender-Sammlung aber durchaus zahlreiche Puzzle-Stücke zu einer eindrücklichen Gesamtschau, die sich dem Menschen Beethoven und seinem Werk unterhaltsam, reichhaltig, vielseitig, ja schillernd, und teilweise beeindruckend nähert.

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Der Kalender kommt layouterisch sehr ästhetisch daher, mit intelligent ausgewählten Bezügen, seien diese direkt-musikalischer oder „nur“ biographischer Natur, und mit sehr ansprechendem, teils unbekanntem Bild-Material. ausserdem fällt verdienstvoll ins Auge: Die 60-blättrige Anthologie versammelt nicht nur männliche Beethoven-Adepten, sondern auch zahlreiche Frauen mit ihren bedeutungsvollsten Beiträgen, musikalischen Bezügen, und ja: menschlichen Beziehungen über und zu Beethoven. Namentlich seien nur Fanny Hensel (Komponistin), Jenny Lind (Sopranistin) oder Myra Hess (Pianistin) hervorgehoben.

Informativer und ästhetischer Tour d’Horizon

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Ein jeder der Kalender-Tage 2020 ist über den je ganzseitigen Fokus hinaus mit den entspr. Geburts- bzw. Todeszahlen von hunderten weiterer Musik-Berühmtheiten aus vergangener und jüngster Zeit garniert.
Alles in allem ein Musik-Kalender, der weniger als hübscher Memory-Wandschmuck taugen will denn als ästhetischer und informativer Tour d’Horizon über einen Komponisten, der Musikgeschichte geschrieben hat wie kein zweiter – und seit 250 Jahren ausstrahlt bis in unsere Tage hinein. ♦

Edition Momente: Der Musik-Kalender 2020 – Beethoven und ich, 60 Blätter, ISBN 978-3-0360-3020-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema auch über
Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien

… sowie als grafische Ehrerbietung den neuen künstlerischen Scherenschnitt von Simone Frieling: Ludwig van Beethoven

Weitere Beiträge über Beethoven im Internet:

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Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado – Eine Biographie

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Das Geheimnis der Stille

von Christian Busch

Jeder kennt das, wenn der letzte Akkord und sein Nachhall verklungen ist, das Orchester schweigt, der Dirigent, den Blick nach innen gerichtet, die Arme sinken lässt und ein magischer Moment der geheimnisvollen, unfassbaren Stille den Saal erfüllt. Spätestens hier hält es jeder mit Felix Mendelssohn Bartholdy, dem die Worte so „vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die einem die Seele erfüllt mit tausend besseren Dingen als Worten“, erschienen. Der italienische Komponist Luigi Nono sah das Wesentliche in der Musik darin, ein Höchstmass an nach aussen gerichteter Innerlichkeit zu erzeugen. Um exakt diesen Moment der Stille und um die Fähigkeit, die „Anderen in der Stille [zu] hören“, ging es auch Claudio Abbado ein Leben lang.

Primus inter pares

Wolfgang Schreiber - Claudio Abbado - Der stille Revolutionär - Biographie - Glarean MagazinAls der italienische Dirigent am 20. Januar 2014 in Bologna in Alter von 80 Jahren verstarb, war sich die musikalische Welt einig darüber, dass sie mit ihm eine aussergewöhnliche, einzigartige Persönlichkeit verlor, vielleicht mehr als jemas zuvor bei dem Tod eines grossen Dirigenten. Denn zweifellos haben viele grosse Dirigenten ihr internationales Publikum, ihre Orchester in aller Welt und nicht zuletzt ihr gesamtes kulturelles Umfeld geprägt, die Persönlichkeit Claudio Abbados konnte und kann jedoch unter allen mal mehr, mal weniger selbstverliebten, oft tyrannisch und selbstherrlich agierenden Dirigenten eine Ausnahmestellung für sich beanspruchen, war er doch entschiedener und kompromissloser Antipode zu seinen illustren Vorgängern in den grossen musikalischen Zentren London, Wien und Berlin.

Fünf Jahre nach Abbados Ableben erscheint nun mit Wolfgang Schreibers Biographie „Der stille Revolutionär“ die erste umfassende Würdigung des am 26. Juni 1933 in eine Mailänder Musikerfamilie hineingeborenen Künstlers. In 17 sorgfältig recherchierten und aufschlussreichen Kapiteln zeichnet er nicht ohne Bewunderung, doch aus respektvoller Distanz den Lebensweg des faszinierenden, von seinem Publikum hochverehrten Musikers. Parallel dazu entsteht ein präzises Charakterbild der introvertierten, aber grosse Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen entwickelnden Persönlichkeit Abbados, das von einem Überblick über dessen umfangreiche Schallplattenproduktion abgerundet wird.

Auf Furtwänglers Spuren

Abbado nach der Aufführung von Brahms' Requiem im Wiener Musikverein am 3. April 1997
Abbado nach der Aufführung von Brahms‘ Requiem im Saal des Wiener Musikvereins am 3. April 1997

Trotz der vielen Facetten des intellektuellen Kosmos‘ Abbados findet sich die Liebe zur Musik, mit der der junge Mailänder schon früh als Kind in Berührung kam, als roter Leitfaden in all seinem Denken, Fühlen und Handeln. So wird sich der später mächtige, die kulturellen Zentren Mailand, London, Chicago, Wien und Berlin beherrschende Maestro immer als Diener der Musik verstehen, auch weil er es stets ebenso versteht sich zurückzuziehen, sich die Ruhe und Stille künstlerischer Inspiration (Sardinien, Engadin) und damit die Neugier auf immer wieder Neues zu bewahren.

Damit einher geht die Liebe zur Weltliteratur, die ihn zeitlebens zu einem umfassend gebildeten und künstlerisch interdisziplinär denkenden Menschen macht, dem es niemals um Machtwillen, persönliche Eitelkeit oder Geltungsbewusstsein geht, sondern nur um die Musik und die (vor allem jungen) Menschen, mit denen er sie in einem gemeinschaftlichen Akt zum Leben erweckt. So kann es nicht verwundern, dass nicht sein berühmter Landsmann Arturo Toscanini, sondern der grosse Wilhelm Furtwängler zu Abbados Vorbild erwuchs. Man erinnert sich vielleicht daran, wie Abbado im Umfeld der Aufnahmen seines ersten Beethoven-Zyklus‘ in Wien mit den Philharmonikern strahlend bekannte, dass sie die Aufnahmen Furtwänglers im Musikvereinssaal gehört hätten, die nun wirklich „sehr, sehr schön“ gewesen seien.

Der Gipfel: Berlin (1989 – 2002)

FAZIT: Die Abbado-Biographie „Der stille Revolutionär“ von Wolfgang Schreiber ist, auch wenn sie vielleicht nicht viel Neues oder gar Sensationelles bietet, in höchstem Masse verdienstvoll und unentbehrlich, daher unbedingt lesenswert für alle, welche die klassische Musik lieben. Wenn Schreibers Projekt, den beeindruckenden Lebensweg des Ausnahmekünstlers und -menschen zu beschreiben, als rundum gelungen zu bezeichnen ist, dann nicht zuletzt auch deshalb, weil es – darin ganz dem Vorbild Abbados folgend – sich darauf beschränkt, eine Annäherung an den Kosmos und die Vielseitigkeit einer grossen Persönlichkeit zu leisten.

Mit diesem Hintergrund verfolgt Wolfgang Schreiber, von 1978 bis 2002 Musikredakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, die verschiedenen Stationen Abbados von dessen italienischen Wurzeln über die Metropolen Mailand, London und Chicago über Wien nach Berlin. Das Berliner Kapitel, das mit der Zeit des Mauerfalls beginnt, ist sicherlich das aufregendste, auch kontroverseste Kapitel in Abbados Karriere, weil es neben der spannenden politischen Situation sicher auch den Scheitelpunkt darstellt, nicht zuletzt wegen Abbados beginnender schwerer Erkrankung, auf Grund derer er es von da an vorzieht, mit ausgewählten, befreundeten Musikern seines Vertrauens und selbst gegründeten Orchestern (Luzerner Festivalorchester, Orchestra Mozart) eigene Projekte zu verfolgen.

Wolfgang Schreibers Abbado-Biographie ist, auch wenn sie vielleicht nicht viel Neues oder gar Sensationelles bietet, in höchstem Masse verdienstvoll und unentbehrlich, daher unbedingt lesenswert für alle, welche die klassische Musik lieben.

Claudio Abbado - The Early Recordings
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Wenn Schreibers Projekt, den beeindruckenden Lebensweg des Ausnahmekünstlers und -menschen zu beschreiben, als rundum gelungen zu bezeichnen ist, dann nicht zuletzt auch deshalb, weil es, darin ganz dem Vorbild Abbados folgend, sich darauf beschränkt, eine Annäherung an den Kosmos und die Vielseitigkeit einer grossen Persönlichkeit zu leisten; das letzte Geheimnis bleibt – wie das Ende eines grossartigen Konzertes – in der dem grossen Dirigenten angemessen multiperspektivischen Offenheit. Denn der Biograph schlägt das Kapitel Abbado am Ende nicht zu, sondern auf, als wolle er das Ende der goldenen Zeit nicht wahrhaben… ♦

Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado – Der stille Revolutionär, Eine Biographie, C.H. Beck Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-406-71311-8

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musiker-Biographien auch über Michael Hofmeister: Alexander Ritter

… sowie über Joachim Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit (Karl May-Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Glanz und Elend eines deutschen Mythos

von Christian Busch

Nun sehen wir sie endlich von Angesicht zu Angesicht – die schon fast legendären Blutsbrüder Old Shatterhand und Winnetou, den weissen Mann, der über das Grosse Wasser kam, um im Westen eine neue Heimat zu finden und Heldentaten zu verrichten, die ihm unsterblichen Ruhm eintragen sollten, und den letzten Häuptling der Apatschen, der bedingungslos sein Leben einsetzt, wenn es gilt, dem Recht zum Siege zu verhelfen, den aber bereits die Tragik seiner sich im Todeskampf noch einmal aufbäumenden Rasse überschattet. Mit ihnen durchqueren wir die Höhen und Tiefen des gewaltigen Felsengebirges, mit ihnen reiten wir über die endlosen Weiten der amerikanischen Prärien, mit ihnen erleben wir das grosse Abenteuer eines gnadenlosen Kampfes um den Besitz märchenhafter Reichtümer.

So verheissungsvoll und klangvoll-pathetisch begann 1962 mit „Der Schatz im Silbersee“ die höchst erfolgreiche Verfilmung der bereits von Millionen Lesern verschlungen Abenteuer-Romane des deutschen Schriftstellers Karl May (1842-1912). Mit ihnen erlebte das Werk des schon zu Lebezeiten vielfach angefochtenen, gebürtigen Sachsen, das zuvor gerne als Lügenwerk und für die Jugend gefährlich eingeschätzt wurde, eine neue Renaissance, welche dank laufend neuer Medien und schliesslich einer kompletten Neuverfilmung bis heute anhält.

Motivisch zugespitzte Momente

Philipp Schwenke - Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste - Karl May - Rezension Glarean MagazinIn seinem jüngst erschienenen Karl-May-Roman „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ begibt sich Philipp Schwenke nun auf die Spuren des keineswegs unumstrittenen und unbescholtenen Autors, der – als des vermeintlichen Pudels Kern – es stets mit der Wahrheit nicht so genau genommen hatte. So begleiten wir May auf seinen wenigen, echten Reisen in den Orient, erleben Szenen seiner Ehe im gesellschaftlichen Umfeld seiner sächsischen Heimat, und seinen ständigen, mitunter grotesk anmutenden Kampf, wenn es darum geht, beweisen zu müssen, dass er sowohl erfahrener, unüberwindlicher Westmann wie Weltmann und Sprachentalent ist.
Dabei erliegt Schwenke nicht der Versuchung einer lückenlos chronologischen Darstellung, sondern bedient sich ausgewählter, motivisch zugespitzter Momente aus dem Leben Mays, um ihn in seinem allerdings wundesten Punkt und grössten Dilemma, dem von Wahrheit und Schwindel, zu beleuchten. So sind wir Zeuge, wie May für das etwas lange und nicht gänzlich abgesicherte „Ausleihen“ einer Uhr um seine ganze Laufbahn gebracht wird und sich von dort an der Kampf mit Wahrheit und Gesetz durch sein Leben zieht. Da der Roman – und das ist durchaus zweckgebunden – auf über 600 Seiten einige Längen aufweist, so nehmen wir ausgiebig teil an Mays ambivalentem Dasein, blicken hinter die Kulissen seiner schmucken Villa Shatterhand in Radebeul, das mitunter surreal-absurde Eheleben mit seiner ersten Frau Emma, die nicht unpikante Dreiecksbeziehung zwischen Emma, seiner zweiten Frau Klara und ihm, sein grotesk-komisches Scheitern, wenn er auf der Höhe seiner Romanhelden handeln soll, und erkennen nicht zuletzt seinen zweifellos redlichen Versuch, den Deutschen im Kaiserreich ein pazifistischer Erzieher und Vermittler zwischen den Rassen zu sein.

Glanz und Elend eines Ungewöhnlichen

Philipp Schwenke - Karl-May-Roman - Glarean Magazin
Biograph eines Ungewöhnlichen: Karl-May-Romancier Philipp Schwenke (geb. 1978)

Glanz und Elend sind dabei untrennbar miteinander verwoben, denn so wahrheitsgetreu und authentisch Mays Erzählungen vom „weissen Mann, der über das Grosse Wasser kam“ und dem „edlen Wilden“ auch scheinen, so wenig Wahrheit ist doch an ihnen, wodurch sie auch um die Jahrhundertwende für die deutsche Presse ein gefundenes Fressen werden. Gerade kläglich erscheint Mays Versuch die Existenz des Häuptlings der Apatschen mit einer schwarzen Haarlocke zu beweisen. So erleben wir Mays Qualen im Verlauf seiner fortschreitenden Blossstellung nicht ohne Verwunderung, ist doch für unsere Zeit der Wahrheitsgehalt belletristischer Romane fast völlig unwichtig, spätestens seit Nietzsches stigmatisierender Erkenntnis der Dichter als Lügner und Narren („nur ein Dichter! ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes, das lügen muss, das wissentlich, willentlich lügen muss„). Mays Verhängnis waren dabei indes nicht seine Erzählungen, sondern lediglich seine Behauptung, dass sie wahr seien.

Fazit: Philipp Schwenkes Karl-May-Roman erweckt die schillernde Figur des grossen, sächsischen und längst zum nationalen Mythos gewordenen Erzählers Karl May – auf wissenschaftlichem Fundament und akribischer Arbeit fussend – auf ehrenvolle, aber auch entmythisierende Weise zum Leben. Ein spätes Denkmal, eine aktuelle Würdigung in unserer Zeit. Fehlen am Ende nur noch Martin Böttchers Filmmelodien zum Abschluss einer gelungenen, späten Rehabilitierung…

Zum Vorschein kommt in Schwenkes Roman, der auf minutiös recherchierten Erkenntnissen der Karl-May-Forschung basiert und dessen Verdienst es nicht etwa ist, Spektakuläres, Singuläres aufzudecken, sondern das hintergründig Bedeutsame an dem scheinbar Sensationellem sichtbar zu machen, daher ein vielschichtiger Mensch, der seinen Lesern in einem gleichen dürfte – ein Mann aus einfachsten, ärmlichen Verhältnissen, der auf der einen Seite begierig nach Anerkennung und sozialem Aufstieg lechzt, der aber auf der anderen Seite ein ehrliches und aufrichtiges Interesse hat Welt und Menschen zu verbessern, darin seinem bewunderten Vorbild Friedrich Schiller ähnlich. Und wie viele Leser, die genau jene erhabene ethisch-menschliche Haltung und Unbesiegbarkeit von Mays Helden angezogen hat, bezeugen mit ihrem Sinn für das Aussergewöhnliche ihre eigene Nichtgewöhnlichkeit?
Wo Sein und Schein in einem Spannungsfeld liegen, ist für alles Platz, nur nicht für Mittelmässigkeit, Stumpfsinn und Kleinmut – May (und Schwenke) sei Dank! ♦

Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste – Ein Karl-May-Roman, 608 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 978-3-462-05107-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Karl May auch über Karl May und seine Zeit – Bilder-Texte (Biographie)

…sowie zum Thema Biographien über Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders

ausserdem im GLAREAN zum Thema Reiseerzählungen über den Roman von Gerwin van der Werf: Der Anhalter

Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Beethovens überwältigender Klangrausch

von Heiner Brückner

Der österreichische Dichter Franz Grillparzer (1791 bis 1872) fragt in einem Gedicht über die Musik seines Freundes Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827): „Ward’s Genuss schon? Ist’s noch Qual?“ Er fasste damit das Auffassungsempfinden seiner Zeitgenossen, die Beethovens Musik oft chaotisch empfanden, zusammen. Diese Rezeption ist auf dem Hintergrund des kleinwüchsigen Komponisten mit der Kraftnatur, die als ruppig, unwirsch, ungestüm erlebt wird, nachzuvollziehen. Nicht nur weil er im „Wirtshaus … zu hart gekochte Eier den Kellnern hinterher“ geschmissen habe.

Beginn einer neuen Musik

Karl-Heinz Ott Rausch und Stille - Beethovens Sinfonien - Rezensionen Glarean MagazinAllerdings gibt es damals auch Stimmen, die den Beginn einer neuen Musik erahnten, die in metaphysische Abgründe vorzudringen wage. Karl-Heinz Ott, Autor der Neuerscheinung „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ nennt unter anderem den Komponisten und Dramatiker Richard Wagner (1813-1883), der in seiner 1870 erschienenen Beethoven-Schrift angemerkt hat: „Überblicken wir den kunstgeschichtlichen Fortschritt, welchen die Musik durch Beethoven getan hat, so können wir ihn bündig als den Gewinn einer Fähigkeit bezeichnen“, die „weit über das Gebiet des ästhetisch Schönen in die Sphäre des durchaus Erhabenen getreten“ ist.

Tiefgründiger Beethoven-Biograph: Karl-Heinz Ott
Tiefgründiger Beethoven-Biograph: Karl-Heinz Ott

Gegenwärtige Hörer verstören Beethovens Sinfonien längst nicht mehr. Für den Philosophen der Frankfurter Schule und Komponisten Theodor W. Adorno (1903 bis 1969) beispielsweise beginnt die neuere Musikgeschichte mit Beethoven, der mit Tradiertem nicht breche, sondern es aufbreche. Somit kann der Schriftsteller, Essayist und literarische Übersetzer Karl-Heinz Ott (geboren 1957) über Beethovens Sinfonien ungleich feinfühlender, tiefgründiger und umfassend formulieren und komprimieren: „Rausch und Stille“. In den weitreichenden und weit greifenden Ausführungen erfährt der Leser selbstredend biografische Details aus dem Leben des am Ende tauben Musikers. Wie der ursprüngliche Klaviervirtuose frei improvisierte und fantasierte. Wie er mit Verschlechterung seines Gehörsinns sich auf das Komponieren konzentrierte, dabei um jede einzelne Note gerungen hat ‒ und wie er in eine tiefe Krise geschlittert ist. Weil er gegen Lebensende seine eigenen Werke nicht mehr hören konnte.

„Ein Kosmos ohne Worte“

Vor allem aber sind die Beschäftigung mit den neun Sinfonien im Einzelnen und das Eintauchen in die emotionale Ausdruckskraft der Musik sowie die Ausdrucksstärke des Komponisten beim Nachverfolgen eine im positiven Sinne berauschende Lektüre: Sie fördert die emotionale Wucht dieser Sinfonischen Dichtungen zutage und beschreibt sie mit poetischer Empathie.
Dem Titel gemäss arbeitet Ott die kompositorischen Mittel heraus, die aus Beethovens Notensetzungen einen Klangrausch schwellen lassen, der durch gehäuften Einsatz von Fermaten der Stille vor und nach dem Sturm intensiven Nachhall verleiht.

Totenmaske von Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Totenmaske von Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Die sich widersprechenden Auffassungen über Musik im Allgemeinen erstrecken sich vom „Taumeln“ bis zum „Takte zählen“. Wie sollte auch ein Mensch allein diesen „Kosmos ohne Worte“ erfassen können. Die unterschiedlichen Herangehensweisen grosser Staatsmänner, Denker und Philosophen an diese urkräftige Klangwirkung hebt Ott immer wieder hervor, schält Motive an Notenbeispielen heraus und bezieht sie auf die Thematik.
Zudem arbeitet er jede der neun Sinfonien satzweise anhand von Notenbeispielen durch. Einprägsam gestaltet Ott zu jeder Sinfonie einen thematischen Exkurs. Darin werden die Titel gleichsam zu Charakterisierungen der einzelnen Werke. Ihre Überschriften lauten: Windinstrumente; Musikalische Scherze; Lust an Trauermusik; Von der Kirche in den Konzertsaal; Die verlorene Melodie; Orpheus gegen Prometheus; Musik als Wahrheit; Nach der Neunten kommt der Tod sowie Sturm und Stille.

Beschäftigung mit den geistesgeschichtlichen Grundlagen

Fazit: Karl-Heinz Ott eröffnet uns mit „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ die Welt, aus der Beethoven das Urkraft-Universum seiner Sinfonien schöpft, als einen fesselnden, leidensdruckstarken Musikgenuss. Oder frei nach Grillparzer: Qual ist’s, aber viel mehr noch Genuss. „Beethoven ist nicht wie Mozart oder Schubert für seine Melodien berühmt, sondern für Rhythmik und Wucht.“

Wer dieses Buch gelesen hat, wird den „Mann mit der wilden Mähne“ nicht mehr reduzieren auf die vier berühmten Schicksals-Taktschläge der fünften Sinfonie oder den humanistischen Welthit „Ode an die Freude“, die seit 1972 als offizielle Europahymne bei nahezu jedem europäischen Grossereignis intoniert wird.
Das ergibt schlussendlich eine hoch intensive Beschäftigung auf harmonietechnischen, aber auch geistesgeschichtlichen Grundlagen, die eine umfassende Bibliografie und ein Personenregister vervollständigen.
Karl-Heinz Ott eröffnet uns mit „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ die Welt, aus der Beethoven das Urkraft-Universum seiner Sinfonien schöpft, als einen fesselnden, leidensdruckstarken Musikgenuss. Oder frei nach Grillparzer: Qual ist’s, aber viel mehr noch Genuss. „Beethoven ist nicht wie Mozart oder Schubert für seine Melodien berühmt, sondern für Rhythmik und Wucht.“ ♦

Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien, 272 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00396-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Beethoven auch über Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern

… sowie zum Thema Musiker-Biographien über Joachim Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre


Zum 100. Todestag von Rosa Luxemburg

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Eine Art weiblicher Franziskus

von Simone Frieling

Rosa Luxemburg wurde am 5. März 1871 als Rozalia Luxenburg in der Kleinstadt Zamosc, im russisch besetzten Teil Polens, als jüngstes von fünf Kindern, geboren. Der Vater Eliasz gab seinen gutgehenden Holzhandel auf und zog mit seiner Familie nach Warschau, damit auch seine Töchter Zugang zu einer besseren Bildung bekamen. Noch nicht fünfzehn Jahre alt, stand die Gymnasiastin mit rebellisch gesinnten Studentenkreisen in Verbindung und engagierte sich in einer illegalen revolutionären Gruppe. Von einer Verhaftungswelle bedroht, floh sie im Dezember 1888 allein in die Schweiz. In Zürich blieb sie weiter in Kontakt mit der polnischen Arbeiterbewegung, studierte Nationalökonomie und promovierte 1897 mit einer „trefflichen Arbeit über die industrielle Entwicklung Polens“, wie ihr Doktorvater Julius Wolf urteilte.

Rosa Luxemburg - Scherenschnitt - Simone Frieling - Glarean MagazinDurch eine Scheinehe erwarb Rosa Luxemburg 1896 die deutsche Staatsbürgerschaft, fortan lebte sie in Berlin und arbeitete für die deutsche Sozialdemokratie. Während der ersten russischen Revolution 1905 reiste sie illegal nach Warschau, wo sie 1906 verhaftet wurde. Nach Stellung einer hohen Kaution freigekommen, kehrte sie nach Berlin zurück. Im Jahr 1907 vertrat sie die SPD auf dem 5. Parteitag der russischen Sozialdemokratie in London und nahm die Arbeit als Dozentin an der zentralen Parteischule der SPD in Berlin auf. In dieser Zeit schrieb sie ihre grossen theoretischen Werke, die „Einführung in die Nationalökonomie“ und „Die Akkumulation des Kapitals„.

Ermordet wegen Ungehorsam gegen die Obrigkeit

1913, ein Jahr vor Kriegsausbruch, rief sie bei einer Massenkundgebung in Frankfurt-Bockenheim die Menschen zur Kriegsdienst- und Befehlsverweigerung auf. Wegen „Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und Anordnung der Obrigkeit“ wurde sie zu einem Jahr Haft verurteilt. Luxemburg wurde in ihrem Leben neun Mal inhaftiert und in sieben verschiedenen Gefängnissen untergebracht. Nach der Entlassung aus ihrer letzten Haft in Breslau im November 1918 blieben ihr nur noch wenige Wochen für den politischen Kampf. Sie wurde, nach fehlgeschlagenem Spartakus-Aufstand, den sie nicht befürwortet hatte, zusammen mit Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 von Regierungstruppen aufgespürt und brutal ermordet. Rosa Luxemburg war zeitlebens mit Russland, das damals Polen einschloss, und der russischen Revolution verbunden, in der deutschen SPD hat sie sich nie wirklich zu Hause gefühlt.

Der Büffel-Brief von Rosa Luxemburg

Rosa Luxemburg & Büffel - Scherenschnitt - Simone Frieling - Glarean Magazin
Rosa Luxemburg mit Büffel (Scherenschnitte von Simone Frieling)

Eine der stärksten, schönsten und traurigsten Tiererzählungen, die man mit vollem Recht zur Weltliteratur zählen kann, hat Rosa Luxemburg geschrieben. Ihre Beschreibung geschundener Büffel im Gefängnishof von Breslau hat eine Intensität, der sich kaum ein Mensch entziehen kann. Als Karl Kraus im Mai 1920 auf Luxemburgs Büffel-Brief stiess, entschied er sich gleich dafür, ihn in seine Vorlesungen aufzunehmen. Zwei Monate später dann, im Juli, veröffentlichte er ihn in seiner Zeitschrift Die Fackel mit den Worten:
„Der tiefste, je in einem Saal bewirkte Eindruck war die Vorlesung des Briefes von Rosa Luxemburg, den ich am Pfingstsonntag in der Arbeiter-Zeitung gefunden und auf die Reise mitgenommen hatte. Er war im Deutschland der unabhängigen Sozialisten noch völlig unbekannt. Schmach und Schande jeder Republik, die dieses im deutschen Sprachbereich einzigartige Dokument von Menschlichkeit und Dichtung nicht allem Fibel- und Gelbkreuzchristentum zum Trotz zwischen Goethe und Claudius in ihre Schulbücher aufnimmt und nicht zum Grausen vor der Menschheit dieser Zeit der ihr entwachsenden Jugend mitteilt, dass der Leib, der solch eine hohe Seele umschlossen hat, von Gewehrkolben erschlagen wurde. Die ganze lebende Literatur Deutschlands bringt keine Träne wie die dieser jüdischen Revolutionärin hervor und keine Atempause wie die nach der Beschreibung der Büffelhaut: und die ward zerrissen“.

„Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt; auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär, voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken…, die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum ersten Mal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz, mit grossen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen… die Soldaten, die den Wagen führen, erzählen, dass es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis dass für sie das Wort gilt ‚vae victis’… An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, dass die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, dass die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte!
‚Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid‘, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein… Die Tiere zogen schliesslich an und kamen über den Berg, aber eines blutete…
Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still erschöpft, und eines, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen, wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiss, wofür, weshalb, nicht weiss, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll… ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien, saftigen, grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier – diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende, muffige Heu, mit faulem Stroh gemischt, die fremden, furchtbaren Menschen, und – die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt… O, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht.“

Von tiefstem Humanismus geprägt

Rosa Luxemburgs Beziehung zu Tieren war von völlig anderer Art als die zu Menschen, zu denen sie, bei aller herzlichen Verbundenheit, immer eine letzte Distanz behielt. Tiere konnten ihr nicht nah genug sein; ausdrücklich identifiziert sie sich in der Büffelerzählung mit dem Tier und nicht mit dem Menschen. Im Schmerz und Blut ist sie mit dem Tier eins; die Aufzählung des minderwertigen Futters für das Tier erinnert an ihre schlechte Gefängniskost, die verlorenen Weiden an ihre verlorene Freiheit, das Leid der Tiere an ihr Leid. Rosa Luxemburg hat hier ein Tier- und Menschenbild geschaffen, das von tiefstem christlichen Humanismus geprägt ist. Zu Recht könnte man sie als eine Art weiblichen Franziskus bezeichnen. ♦


Simone Frieling - Malerin Autorin Illustratorin - Glarean MagazinSimone Frieling

Geboren 1957 in Wuppertal/D, lebt als freiberufliche Malerin, Illustratorin und Buch-Autorin in Mainz; jüngste Veröffentlichung: Rebellinnen – Hannah Arendt, Rosa Luxemburg, Simone Weil

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