Peter Biro: Der Fluch der Aphrodite (Eine Corona-Reise-Humoreske)

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Der Fluch der Aphrodite

Peter Biro (Text und Fotos)

„Ich kam, sah und siechte“

So hatte ich mir meine aktuelle Ferienreise auf Zypern nicht vorgestellt. Was ursprünglich als ein kleiner, zweiwöchiger Ausflug auf die mediterrane Sonneninsel geplant war (und als solcher auch anfing), endete mit einem Aufenthalt in einem heruntergekommenen Aussätzigenasyl. Ein denkbar steiler Abstieg für einen qualitätsbewussten, fröhlichen Weltenbummler. Aber beginnen wir von vorn.

Aphrodites wunderbare Reisepläne

Meine äußerst reisekundige Gemahlin kam mit der Idee, meine bevorstehenden zwei Ferienwochen im September auf Zypern zu verbringen. Das sei eine ideale Destination in dieser Jahreszeit: Sonniges Wetter, warmes Meer und eine mit Pinien und Zypressen gesprenkelte Landschaft ganz nach unserem Geschmack. Und als besonders verlockende Dreingabe für Wohlgeimpfte wie wir: Die Befreiung von Covid-Tests bei der Einreise.
Für uns mit unserer bewährten Langstreckenerfahrung bedeutete der Flug von weniger als vier Stunden einen vergleichsweise gemütlichen Hüpfer. Nach kurzer Debatte über die Details der Unterbringung einigten wir uns auf eine Woche in einer angemieteten Villa im Nordwesten, gefolgt von einem Hotelaufenthalt im Südosten. Bis zum Wechsel des Aufenthaltsortes würden wir uns außerdem ein Auto mieten, welches der örtlichen Gepflogenheit entsprechend, spiegelverkehrte Innereien aufweist (in der Medizin heißt dieser seltene, angeborene Umstand situs inversus). In Zypern herrscht nämlich Linksverkehr. Auch diese Herausforderung quittierte ich mit nur einem Achselzucken, was, wie sich später herausstellte, doch nicht so einfach war wie theoretisch angedacht. Aber auch damit ging es nachher gut, insbesondere nachdem ich mir fest vorgenommen hatte, mich nach jedem Rechtsabbiegen bewusst links zu halten; es war schon erstaunlich, wieviel Aufmerksamkeit und Willenskraft die konstante Einhaltung dieses guten Vorsatzes erforderte.

Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns
Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns

Guten Mutes und mit allen Requisiten eines Strandurlaubs ausgestattet traten wir die wohlgeplante Reise an. Zwar ist die Insel in etwa von Ost nach West durch eine Waffenstillstandslinie zwischen dem griechischen Süden und dem türkisch besetzten Norden geteilt. Aber der nordwestliche Zipfel mit der naturbelassenen Akamas-Halbinsel gehört noch zum griechischen Teil. Und dort, am wogenden Busen der Natur, fanden wir die „Latchi Luxury Villa“, in der wir unsere erste Urlaubswoche verbrachten. Der geräumige Bungalow mit Garten und Pool war eine angemessene Unterbringung für uns zwei verwöhnte Weltreisenden. Die kleine Hafenstadt bei Neo Chorio war pittoresk und bot ausgedehnte Strände und Verpflegungsmöglichkeiten mit reichlich Lokalkolorit. Der Akamas-Naturpark mit seinen Pinienwäldern ist von holprigen Naturpfaden durchzogen, auf denen man nur mit Quads oder Buggys verkehren kann – grundsätzlich nur in halsbrecherischem Tempo; eine Tätigkeit, der wir auch zwei ganze Ausflugstage widmeten.

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Natürlich war uns die mythologische Geschichte um Aphrodites Schaumgeburt an den Gestaden der Insel bekannt. Was wir nicht wussten, war, dass die prominente Dame, das Urbild aller Kosmetikerinnen, überall auf Zypern ihre Spuren hinterlassen hatte – sehr zum Wohlgefallen der lokalen Geschäftswelt. Nahezu fast alles, was sehens- oder bemerkenswert ist, trägt ihren werbewirksamen Namen. Das sind unzählige Tavernen, Pizzerias, Ausflugsboote und allerlei Seifen und Waschpulver. Und natürlich sind diverse Sehenswürdigkeiten und Naturphänomene mit ihrem Namen verbunden.

Auf der Akamas-Halbinsel besichtigten wir „Aphrodite‘s Bath“, eine Süßwasserquelle in einer nischenförmigen Vertiefung im wild überwucherten Berghang, allerdings mit Planschverbot für Normalsterbliche. Unweit davon gibt es das „Aphrodite Beach“, wo wir uns, der mythologischen Bedeutung des Ortes vollkommen bewusst, in die warmen Fluten stürzten, um ihnen anschließend in dramatischer Manier wieder zu entsteigen. Irgendwie gelangen diese Ausstiege meiner Frau weit überzeugender als mir.
Dann weiter im Süden ist noch „Aphrodite‘s Rock“, eine Felsformation im türkisblauen Meer, die postkartenartige Motive für Fotoaufnahmen von Damen bietet, die, ihrer berühmten Geschlechtsgenossin nacheifernd, sich vor der grandiosen Kulisse in laszive Posen werfen. Weitere Aphrodisiaka hatten wir nicht mehr ins Programm genommen, dafür war unsere Ferienzeit zu kurz.

Keine Frage, die zypriotische Gastronomie ist besonders wohlschmeckend und infolgedessen berühmt. Sie beruht zum großen Teil auf frisch gefangenen Meeresfrüchten, inseleigenem Gemüse und von uralten Bäuerinnen bei Sonnenaufgang gezupften Kräutern. Darüber hinaus wird fast alles mit Krümeln von Fetakäse bestreut. Das ebenfalls autochthone Olivenöl mitsamt eingelegten ganzen Früchten rundet das Ganze ab. Man bleibt nicht hungrig auf Zypern. Im Gegenteil. Ich musste mir allerdings im Verlauf des Zypernaufenthalts neue Hosen zulegen.

Aphrodites gastliche Herbergen

Felsformation namens “Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel
Felsformation namens „Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel

Obwohl es heißt, dass man am siebten Tage ruhen soll, sattelten wir stattdessen unseren Fiat und fuhren an das diametral entgegengesetzte, südöstliche Ende der Insel, das wesentlich touristischer erschlossen ist und entsprechend auch mehr Komfort bietet. Wir zogen in unser sehr schickes, brandneues Adults Only-Hotel im sicheren Bewusstsein dessen, dass nun die zweite, noch luxuriösere Hälfte unserer Urlaubsreise anbrechen würde.
Zunächst sah es danach auch aus. Das Zimmer mit Prachtbalkon und Panoramablick zum azurblauen Meer, ausgedehnte Poollandschaft sowie Service vom Besten versprachen einen tadellosen Aufenthalt. Direkt neben der angrenzenden Klippe gab es eine kleine, kieselsandige Bucht, in der man ins körperwarme Meer waten und zwischen Fischen und Schildkröten herumschwimmen konnte. Es war einfach zu perfekt, um so zu bleiben.

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Und ebendarum blieb es nicht so. Am dritten Tag verspürte ich eine gewisse Unpässlichkeit, später kam ein dumpfer Kopfschmerz dazu, das sich bei jedem Hustenstoß verstärkte. Letztere beruhten auf einen ständigen Hustenreiz, der die Trias der häufigsten Covid-Symptome dekorativ abschloss. Mit einem Wort, die gefürchtete Erkrankung war bei mir scheinbar ausgebrochen, und das trotz erfolgter, doppelter Impfung sieben Monate zuvor. Von unziemlichen Befürchtungen geplagt hielt ich mich etwa zwei Tage lang vornehmlich im Hintergrund, und hegte die Hoffnung, dass sich das alles geben würde. Es gab sich aber nicht, die Kopfschmerzen schrien förmlich nach Tabletten.
Dann entschloss ich mich zur Klärung des Sachverhalts. In der benachbarten Apotheke absolvierte ich einen sogenannten Rapid Test, der in fünf Minuten die Gewissheit brachte: Ich hatte einen sog. Impfdurchbruch und war an Covid erkrankt. Durch den Test tauchte mein Name automatisch in den Annalen der Gesundheitsbehörde auf, und da das Ergebnis eindeutig positiv war, begann mein drastischer Abstieg vom luxusverwöhnten Reisenden zum als allgemeingefährlich geltenden Aussätzigen, der vom Rest der Menschheit fernzuhalten ist.
Hätte ich den Test nicht durchgeführt, wäre mir die Ächtung wahrscheinlich erspart geblieben, aber ich wäre gleichzeitig eine wandernde Ansteckungsquelle für ahnungslose Mitmenschen geworden – eine Schuld und Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen wollte.

Aphrodites herzzerreißende Verzweiflung

Das positive Testergebnis löste eine ganze Reihe bürokratischer Aktivitäten aus: Ich wurde noch einmal getestet, anschließend musste ich eine detaillierte Liste meiner Begegnungen der letzten Tage erstellen und mich fürs Abholen in ein besonderes Isolationshotel bereitmachen. Meine Frau, die nachweislich Covid-negativ war und das auch glücklicherweise blieb, schwankte in ihrer Haltung mir gegenüber zwischen Tröstung und blutigen Lynchphantasien. Ich versuchte ihre Balance mehr in Richtung der ersteren zu lenken und nahm herzzerreißend Abschied von ihr, als ich von einem grimmig dreinblickenden Talibankämpfer abgeführt wurde. Sie hätte anderntags nach Hause fliegen können, entschloss sich aber zu bleiben und meine zehntägige Isolation abzuwarten.

Ich nahm also Abschied von allem, was mir lieb und teuer war: Lieb war die Frau, teuer war das vorzeitig verlassene Adults Only-Hotel. Allein schon die Fahrt in die „Eden Ressort“ genannte, behördlich geführte Abschottungs-Institution gab mir schon einen Vorgeschmack auf den nun unaufhaltsam einsetzenden sozialen Absturz: Der Kleintransporter, mit dem man mich wegkarrte, war ein unbequemer, schäbiger Gefängnisbus, mit dem man wahrscheinlich zum Tode Verurteilte zur Hinrichtung zu fahren pflegte. Vom Fahrer komplett abgetrennt saß ich allein in einer isolierten Passagierkabine und konnte durch die kleinen Fenster die entsetzten Gesichter von Passanten am Straßenrand beobachten, die mich mit betroffenem Gesichtsausdruck wahlweise voller Mitleid oder vor Entsetzen anguckten. Sie schienen das beige Gefährt zu kennen, mit dem man die Insel von gefährlichen Subjekten zu reinigen pflegte.

Einziger Lichtblick im "Eden Resort": Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich
Einziger Lichtblick im „Eden Resort“: Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich

Bei der Ankunft ins abgelegene Isolationshotel wurde ich von einer nach Astronautenart vermummten Gestalt in Empfang genommen und in mein Zimmer geleitet. Der Alien sprach kein Wort mit mir, machte nur unmissverständliche Gesten und ließ mich allein und etwas ratlos in meiner tristen Kemenate zurück. Welch ein Unterschied zur servilen Katzbuckelei des Bedienpersonals im Hotel! Unterwürfiges Verhalten mir gegenüber konnte ich noch nie ausstehen, jetzt aber begann ich mich geradezu danach zu sehnen. Das ganze Ambiente meiner neuen Bleibe verströmte den Charme einer sibirischen Jugendherberge zu Zeiten Nikita Chrustschows. Für das Notwendigste war gesorgt, aber auch nicht mehr: Bettwäsche, Handtuch, Seife und ein Wasserkocher. Die drohend aufgelegte Hausordnung klang nicht viel angenehmer als diejenige eines Instituts für schwererziehbare Kleinkriminelle. Das karge, ziemlich abgewetzte und lieblos eingerichtete Doppelzimmer durfte ich alleine bewohnen, was ein Privileg war, wie man mir anschließend versicherte. Andere Insassen mussten sich zu zweit ein Zimmer teilen.

Aphrodites trostlose Siechengruft

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Damit begann mein zehntägiger Aufenthalt in einer Institution, die allem Anschein nach auf einer Romanvorlage von Kafka beruhte: Lange, schummrig beleuchtete Korridore, keinerlei Schmuck an den Wänden, aber überall Kameras an der Decke. Gelegentlich huschten miesgelaunte Gestalten aus oder ins Zimmer. Die überwiegende Mehrzahl der Hotelgäste waren russische Reisende, die nach der Ankunft getestet und für positiv befunden wurden. Die wenigsten waren wie ich während des Aufenthalts erkrankt. Wer während der Isolation nicht an Covid sterben würde, dem drohte der Tod durch Langeweile und Vereinsamung. Man sollte sich möglichst nur im Zimmer aufhalten, konnte aber auch auf den Flur hinausgehen und mit anderen Insassen seine Erfahrungen und nebenbei auch seine Viren austauschen. Draußen vor dem Haus war ein kleiner, höchst dilettantisch abgesperrter Bereich zum Luftschnappen bereitgestellt. Dort traf ich die anderen Delinquenten, deren wichtigste Beschäftigung das Rückwärtszählen der Tage war – auf Russisch natürlich. Ein Glück, dass wir einen halbwegs funktionsfähigen WIFI hatten, so dass der wacklige Kontakt zur Außenwelt einigermaßen aufrechterhalten werden konnte.

Drei Mal am Tag klopfte es kurz an der Tür, und wenn man öffnete, baumelte an der Klinke bereits eine Tüte mit der nächsten Mahlzeit. Diese war mengenmäßig in Ordnung, aber über die Qualität und Schmackhaftigkeit gingen die Meinungen auseinander; zumindest für diejenigen, die noch schmecken und riechen konnten. Diese schwankten zwischen „scheußlich“ und „erträglich“. Immerhin, Zypern ließ seine in Ungnade gefallenen Besucher nicht verhungern. Allerdings ließ es sie deutlich spüren, dass sie als Virusträger höchst unwillkommen waren, und dass man sie nur aus humanistischen Gründen am Leben halten würde.

Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im “Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl
Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im „Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl

Die sich in der Isolation entfaltenden Probleme waren vielerlei Art: Ausgeliefertsein, Vereinsamung, Ameisenprozession entlang des Bettrands, ein Schlangenfraß von einer Verpflegung, und natürlich allem voran die zähfließend um sich greifende Langeweile. Diese Umstände wechselten sich in verschiedensten Kombinationen ab. Alleine die Vorstellung, dass dieses Elend zehn ewigwährende Tage und Nächte andauern würde, lieferte insbesondere am Anfang reichlich Rohstoff für eine zünftige Depression.
Aber man darf auch nicht die angenehmen Seiten der Abschottung vergessen: man konnte ungestört seinen Gedanken nachhängen. Allerdings, spätestens nach zwei Stunden hatte ich sämtliche meine Gedanken aufgebraucht, und es kam nichts Neues mehr hinzu. Ich beschloss meine Erlebnisse aufzuschreiben, als investigativer Journalist direkt am Ort des Geschehens gewissermaßen. Ich würde sie dem Feuilleton der New York Times anbieten, oder noch besser, sie als Beitrag für den Pulitzer-Preis einreichen. Aber die kostbaren Eingebungen versiegten schnell, und es fielen mir nur diese larmoyanten Jammerzeilen ein.

Abends vor dem Einschlafen wünschte ich mir als Erstes, anderntags woanders aufzuwachen. Meinetwegen inmitten einer Autobahnkreuzung, oder in der Wüste Gobi, auf einer Müllhalde, in einem Schlachthaus, oder sogar inmitten eines dieser neuartigen Gyms von schwitzenden Männern umlagert – egal wo, nur nicht wieder hier. Doch es half nichts, ich erwachte jeden Morgen in den nassgeschwitzten Laken des „Eden Resorts“ wie an einem sich fortwährend wiederholenden Murmeltiertag. Natürlich ventilierte ich insgeheim so meine Ausbruchsphantasien. Am besten sollte ich analog zum Sklaven Jim einige Abschiedsworte mit Blut auf Klopapier hinterlassen, aber woher die streichfähige Blutwurst nehmen? Die Aufpasser danach zu fragen, hätte meine Absichten aufgedeckt.

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Nein, wie sich bald herausstellte, aus dem streng überwachten Komplex war kein Entkommen möglich. Die elende Behausung, welche passenderweise besser Aphrodites Siechengruft hätte heißen sollen, hielt seine positiv getesteten und negativ gestimmten Insassen mit den muskulösen Armen einer fürsorglichen Brachialschwester aus der geschlossenen Psychiatrie fest. Wohin hätte man auch ausreißen sollen? Wenn man zufälligerweise keinen Oligarchen zum Freund hatte, der einen in einer heimlichen Aktion aus einer abgelegenen Bucht abholen und auf seiner Jacht davonsegeln würde… Tja, dann könnte man dem Martyrium ein vorzeitiges Ende setzen. Mein bester Freund ist leider kein Oligarch, nicht mal stellvertretender Assistenzbuchhalter auf Stundenbasis, und eine Jacht hat er auch nicht. Nur ein abgewetztes Surfboard. Was blieb: weiterhin die Zeit rückwärts zählen.

Aphrodites bedauernswerte Jünger

Werfen wir nun einen Blick auf die Insassen, die im gleichen Schlamassel steckten wie ich. Auf den drei Etagen waren dem Vernehmen nach an die 130 Verurteilte einquartiert, aber den meisten von ihnen begegnete ich nicht. Meine benachbarten Flurkollegen waren mit wenigen Ausnahmen lauter Russen: Einzelpersonen oder Familien mit Kindern aller Altersgruppen. Alle versuchten den Kleinen den Zwangsaufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und versorgten sie mit eingeschmuggelter Eiscreme oder unterhielten sie mit improvisierten Spielen wie Bowling mit einem Gummiball und leeren Wasserflaschen.
In dem kleinen Viereck draußen vor dem Haus liefen unendliche Diskussionsrunden zwischen den Insassen, die sich vermutlich stets um dasselbe drehten: unserem Schicksal als weggesperrte Aussätzige. Das allerdings ist aus sprachlichen Gründen nur eine Vermutung. Unter den Russen gab es eine Mehrzahl, die keine andere Sprache beherrschte, und eine Minderheit, die passabel Englisch konnte. Zu den Letzteren gehörte ein armenisches Pärchen aus Georgien. Sie wurden von den Ereignissen auf ihrer Hochzeitsreise eingeholt, die ihnen wohl in denkwürdiger Erinnerung bleiben dürfte. Die einzigen Nicht-Russen waren ein junges Paar mit Kleinkind aus Birmingham, er Lastwagenfahrer, sie Hebamme und selber hochgradig schwanger. Dann gabs noch einen Inder und zwei Syrer, die ununterbrochen an ihren Handys hingen.

Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt
Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt

Als Isolations-Anfänger musste ich den nach und nach erfolgenden Abgang meiner alteingesessenen Kameraden erleben, die langsam durch neue Einlieferungen ersetzt wurden. Mit einer gewissen Befriedigung nahm ich meine Entwicklung vom ansteckenden Grünschnabel zum Quarantäne-Veteranen zur Kenntnis und versorgte meinerseits die Neuankömmlinge mit wertvollen Tipps. Einer davon war der virtuelle Einkauf von komfortverbessernden Dingen im nahegelegenen Ramschladen. Das spielte sich so ab, dass der Ladenbesitzer, ein gewisser Demetrios, einem per WhatsApp über hundert Bilder von seinen Ladenregalen zuschickte. Darauf konnte man in mühsamer Sucharbeit die gewünschten Produkte lokalisieren, deren griechische Aufschriften einen jedoch oft zum Rätselraten veranlassten: Waren das nun geröstete Pistazien in Wasabikruste oder assortierte Pfeilspitzen aus Bronze für die Belagerung von Troja? Wahrscheinlich erstere.

Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen
Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen

Wenn man das Gewünschte endlich erkannt und lokalisiert hatte, dann sandte man das entsprechende Regalbild wieder zurück mit einem Hinweis wie „2 pcs of the strange looking yellow item on the upper row in third position from left, please. And a banana“. Außerdem schickte man dem geschäftstüchtigen Demetrios – nach Überwindung stärkster innerer Hemmnisse – seine Kreditkartendetails und wartete auf die Lieferung. Letztere traf meist am Nachmittag ein, und man wurde von der Rezeption angerufen, um das Bestellte bei der Pforte entgegen zu nehmen. Diese öffnete sich für einen Sekundenbruchteil und fiel nach der Entgegennahme der Sendung gnadenlos schnell wieder ins Schloss. Danach stand man erneut einsam und verlassen vor dem wieder hermetisch versperrten Himmelstor und zog mit seinen Antidepressiva schwermütig von dannen.

Einmal am Tag kam ein Vermummter vorbei und hielt einem eine Pistole an den Kopf. Okay, sein Thermometer sah nur wie eine Pistole aus. Aber auf dem Display erschienen unmittelbar die Zeichen der Zeit: „36,4°C“ oder „Sterblicher, dein Leben nähert sich seinem Ende“.
Meine Temperatur war glücklicherweise stets normal, aber um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, buchte ich für den Tag meiner vorgesehenen Entlassung schon mal vorsorglich den Rückflug. Das hielt ich für ein wirksames Mittel, die Zukunft vorwegzunehmen bzw. gezielt zu meinen Gunsten zu beeinflussen. Wenn der Trick klappt, könnte sich das als lebensverlängernde Maßnahme erweisen. Dann werde ich schon mal ein Ticket zum Silvesterball von 2076 buchen – zu meinem 120. gewissermaßen, den ich am liebsten mit Kaviar, Champagner und einem Dutzend Gogo-Tänzerinnen mit rosa Federboas verbringen möchte.

Aphrodites keimende Hoffnung

Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner
Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner

Inzwischen korrespondiere ich in Bild und Ton mit meiner von der Infektion verschonten Frau. Meine Idee vom Silvesterball im 2076 fand sie sehr gut, bis auf die Sache mit den rosa Federboas. Zwölf davon seien einfach zu viel für einen Hundertzwanzigjährigen. Sie hat sich aus Kummer über mein Schicksal eine kleine Luxussuite gemietet mit direktem Poolzugang und nicht weit vom Strand. Dort versucht sie das Strandleben stellvertretend für mich zu genießen.
Im Gegensatz zu mir muss sie sich selbst versorgen, während ich hier alle Annehmlichkeiten der Vollpension in Anspruch nehmen darf. Nichts wünscht sie sich so sehr wie ebenfalls Mahlzeiten in grünen Plastiktüten außen an den Türknopf gehängt zu bekommen. So ist nun mal das traurige Schicksal des alleingelassenen Luxusreisenden: man/frau kann nicht alles haben. Aber sie weiß auch, dass sie auf keinen Fall ins „Eden Resort“ rein darf. Sie muss stark sein und die Wartezeit auf meine Freilassung in der Einsamkeit ihrer Luxuswohnung mit Meerblick aushalten. Arme Marina!

Die 10 Tage begannen zunächst unmerklich, danach ganz sachte abzuperlen. Noch sieben Tage, noch sechs Tage, noch fünf Tage (gleich Halbzeit)! Noch vier Tage, noch drei Tage, noch zwei Tage (gleich Lagerkoller). Dabei habe ich einen neuen Rekord aufgestellt: 30 geradezu ungenießbare Mahlzeiten, die in grünen Tüten am Türknopf hingen, aufgegessen und verdaut.
Dann blieb nur noch ein Tag, d.h. weniger als 24 Stunden! Ich bekam ein Austrittszertifikat, welches mir bescheinigte, dass ich wieder ein Mensch wie jeder andere war und kein Staatsfeind mehr. Man fragte sogar, auf welche Uhrzeit ich das Taxi bestellen wolle, welches mich abholen sollte. Oh! Ein „Taxi, taxi, oder besser ταξί!“, welch ein wundervolles Wort aus der klassischen Antike, ursprünglich wohl der Kriegswagen von Menelaos – dachte ich zumindest. Stimmt leider nicht, es kommt vom lateinischen taxa für die Berechnung eines Fahrpreises. Mir egal, Hauptsache es bringt mich geschwind weg von hier.

Aphrodites spürbare Erleichterung

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Während Sie diese Zeilen lesen, die mit garantiert virusfreien Tränen der Rekonvaleszenz geschrieben wurden, bin ich bereits in der Schweiz bei der Arbeit und blicke mit Erstaunen und Dankbarkeit auf meine Reise nach Zypern zurück. So ein Abenteuer ist nicht jedermanns Sache. Auf die ängstlich vorgetragene Frage des französischen Schriftstellers Arthur Rimbaud an seinen Freund und Berufskollegen Arthur Schnitzler, was er denn tun sollte, antwortete dieser mit dem vielzitierten: „Du fragst mich, was Du tun sollst? Ich sage Dir, lebe wild und gefährlich!“ Ich halte es mit dem Österreicher. Der übervorsichtige Rimbaud ignorierte den freundlichen Rat seines Kollegen und starb jung im Bett. Mir kann das, jetzt mit dem baldigen Erreichen des 65. Lebensjahrs, wohl nicht mehr passieren…
Ich bitte um Nachsicht für den plötzlichen Abbruch dieses Diskurses an dieser Stelle. Soeben habe ich herausgefunden, dass es sehr verlockend wäre, eine Flusskreuzfahrt auf dem Oberen Nil zum Tanganjika-See zu unternehmen. Die Malaria schert mich wenig bis gar nicht, schließlich habe ich einen Mückenspray. Und Ebola – Schnebola… ist mir Wurst! ♦


Prof. Dr. med. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN außerdem die Satire von Peter Biro: Schreibblockade oder Der Förster und die Jägerin

Die Schweizer Literaturschrift TÄXTZIT („Textzeit“ – Band 12)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Reichhaltige Literatur-Landschaft

von Walter Eigenmann

Neben den unzähligen Online-Literatur-Portalen jeglicher Genre- und Stil-Couleur wird oft vergessen, dass auch noch ein paar papierene Repräsentanten der Gattung „Literaturzeitschrift“ die helvetische Landschaft des künstlerischen Schreibens einfärben. TÄXTZIT („Textzeit“) ist eine dieser seltenen, beileibe nicht nostalgischen Literatur-Gazetten – ein ausschließlich von und für Schweizer Autoren geschaffenes „Präsentationsforum für Schreibende und Illustrierende“.

„TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift“ will gemäß Selbstdarstellung den „professionell Schreibenden und Illustrierenden ein kostenloses Präsentationsforum bieten, sie schweizweit bekannt und damit die Literatur- wie die Illustrationenlandschaft bereichern und vielfältiger machen“. Ein hehres und ehrenhaftes Ziel – weder originell noch neu zwar, aber wichtig und interessant, sofern die Qualität der Inhalte stimmt.

Wertschätzung der literarischen Arbeit

TäxtzIt (Textzeit) - Die Schweizer Literaturschrift - Cover Band 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZINMittlerweile sind der Initiant & Verleger Arno Seeli und seine Mitstreiter bei Band 12 (Juni 2021) angekommen, nachdem man vor rund neun Jahren (März 2012) die allererste Ausgabe vom Stapel gelassen hatte. Aktuell enthält das Heft 52 Seiten „erlesene Literatur und Illustrationen“, gedruckt wird eine Auflage von 1’000 Exemplaren.

Eine lobenswerte Besonderheit von TÄXTZIT ist, dass seit Heft 9 den Autor*innen ein Seitenhonorar von 45 Franken bezahlt wird. Das scheint nur auf den ersten Blick wenig; in Zeiten der grassierenden „Druckzuschuss-Verlage“, wo die Schreibenden für ihre Veröffentlichungen gar selbst zur Kasse gebeten werden, ist das vielmehr eine schöne Geste der Anerkennung und Wertschätzung ihrer literarischen Arbeit.

Ohne thematische Fokussierung

Arno Seeli und seine Crew arbeiten ohne thematische Schwerpunkte oder genrespezifische Vorgaben. Neben kurzprosaischen Texten findet sich ebenso das knappe Gedicht oder die literarische Buchbesprechung wie die autobiographische Notiz oder die augenzwinkernde Alpen-Satire.
Garniert und strukturiert werden diesmal alle Texte mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Zürcher Illustratorin Yasmin König. Auch sie ist zeichnerisch vielfältig zugange, aber meist gehört ihre Aufmerksamkeit dem idyllischen Stimmungsbild oder der Momentaufnahme aus Familie und Natur. Dabei stellen die ganzseitigen Illustrationen einen ungezwungenen Bezug zum vorausgegangenen Text her, in jedem Falle lockern sie die „Bleiwüste“ des Drucktextes mit schlicht-eindringlichem Zeichenstrich auf.

Ein Dutzend Schweizer Autor*innen

Melanie Gerber - Glarean Magazin
Melanie Gerber (photoandmore)

Zufall oder auch nicht: Genau zwölf helvetische Schriftsteller*innen präsentiert diese zwölfte TÄXTZYT-Nummer. Die Namen der Autor*innen sind dabei so illuster wie ihre Beiträge.
Melanie Gerber eröffnet mit „Zuhause“ den Texte-Reigen und erzählt von einer, die just zu Beginn der Corona-Pandemie und nach einer kürzlichen Trennung aus der gemeinsamen Wohnung wegzieht – und trotz ihrer vielen Umbrüche und Baustellen und der allgemeinen Endzeitstimmung die Kurve doch noch kriegt und sich auf dem Balkon ein neues inneres Zuhause erobert.
Ein zweiter Text „Was ich nicht weiß“ von Gerber ist dann sehr viel ernsterer Natur: Er thematisiert verschiedene Möglichkeiten der Begegnung mit dem Tod – auch jenem von Kindern. Angeregt wird die Schaffung von stationären Schweizer Kinderhospizen.

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Nicht fiktiv, sondern dokumentierend sind zwei Beiträge von Dominik Riedo unterwegs. Riedo reportiert zum einen gewisse Zustände bzw. Praktiken des Schweizer Gesundheits- bzw. Spitalwesens. In seinem zweiten Artikel würdigt er das literarische Schaffen von Carl A. Loosli, dem „Karl Kraus der Schweiz“, wie er diesen achtungsvoll tituliert. Und dabei einen „ganzen Kosmos ‚Loosli'“ konstatiert, den es – nun, da es im Rotpunkt-Verlag eine neue Werkausgabe in 7 Bänden gebe – noch intensiver zu erforschen gelte. Denn Loosli’s Zeit beginne jetzt erst wirklich, ist Riedo überzeugt, und seine Rezeption würde einer Schweiz guttun, „die auch heute viele der von Loosli angeprangerten Missstände weiterhin nicht behoben“ habe.

Idyllisches neben Satirischem

Lilly Bardill - Glarean Magazin - Autorin
Lilly Bardill (geb. 1935)

Die Churer Erzählerin Lilly Bardill, mit 86 Jahren die erfahrenste der hier vertretenen Autorinnen, schildert in „Jakobs Ausflug“ die Eskapaden eines leicht dementen Betagtenheim-Bewohners, der sich auf einer Reise zu seiner Tochter in schönen Augenblicken verliert und deshalb nie am Ziel ankommt.  Es geschieht, was geschehen muss: Jakob wird vermisst, die polizeiliche Suche beginnt… Der Plot der kurzen Story mag nicht neu sein, wird aber von der Autorin rührend-verschmitzt und empathisch präsentiert.
Deftiger geht’s zur Sache in Sandra Rutschis dreiseitiger Groteske „Als der Mönch nach Hawaii durchbrannte“. Das weltberühmte Berge-Trio Eiger, Mönch und Jungfrau erwacht plötzlich zum Leben, beginnt ein angeregtes Gezanke, weil die Jungfrau keine Jungfrau mehr sein möchte. Derweil sich der Mönch verärgert über den Jura hinweg davonmacht, fallen Eiger und Jungfrau stöhnend übereinander her. Während er seine Hand schon „zum Joch weiterwandern“ lässt, bekommt sie plötzlich Gewissensbisse… Was das mit Hawaii zu tun hat? Lesen Sie selbst.

Yasmin Koenig - Illustratorin - Täxtzit-Heft Nr. 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Die berühmten Schweizer Berggipfel Eiger, Mönch und Jungfrau als Fun-Park: Zeichnung der Illustratorin Yasmin König (TÄXTZIT Band 12 – Juni 2021)

Lyrisches und Prosaisches aus der Innerschweiz

Dolores Linggi (Schwyz) und Beat Wild (Zug) sind zwei angesehene Innerschweizer Literaten. Linggi, Preisträgerin der „Zentralschweizer Literaturförderung“,  steuerte dem neuen TÄXTZIT-Band fünf assoziationsschwere Gedichte bei, während Wild mit dem knapp vierseitigen Prosatext „Nicht fallen lassen“ vertreten ist. Darin möchte eine alte Frau ihrer Zufallsbekanntschaft Oskar, der eine Tumor-Operation hinter sich hat, die Rückkehr ins Leben erleichtern.
Eine dritte Innerschweizerin ist die 20-jährige Luzernerin Lia-Aurelia Kraft. Ihre kleine Love-Story „Frühling“ ist dicht formuliert und im besten Sinne rührend. Kraft steht trotz ihres jugendlichen Alters bereits eine facettenreiche Sprache zur Verfügung – eine schöne Entdeckung der TÄXTZIT-Macher.

Beziehungen in der Ostschweiz

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In einer Zeitschrift mit deutschsprachigen Beiträgen aus Helvetien darf der östliche Teil des Landes nicht fehlen; die Ostschweizer Literaturszene ist mit Beatrice Häfliger (Hoffeld) und Philip Messmer (Sulgen) repräsentiert. Häfligers Text singt ebenfalls das Hohelied der Liebe und deren Entstehung, eingebettet in innige Waldseligkeit. Er mag in diesem Heft am deutlichsten das literatur-psychologische Klischee der „Schweizer Nabelschau“ bedienen, ist aber gleichzeitig auch ein zärtliches und genau beobachtendes, dabei sprachlich eloquentes Stenogramm einer sehr ursprünglichen Mensch-Natur-Beziehung.
Messmer geht da in seinem „Therapie“-Text eine deutlich herbere Beziehung an; sie beginnt damit, dass Ehefrau Sabine ihren Paul mit der Bratpfanne niederstreckt… Zum Schluss wird doch noch alles gut: „Sabine und Paul schafften es nicht einmal bis ins Schlafzimmer und trieben es auf der Treppe“. Auf der Strecke hingegen bleibt der behandelnde Arzt der beiden…

Originelles Literatur-Konzept

Mit Daniela Huwyler ist eine zweite Lyrikerin vertreten. Sie präsentiert drei sprachgewandte und rhythmisch interessante Gedichte namens „Agenda“, „Rabenzirkel“, „Schneeschwer“. Des Wädenswilers Peter Burkhards Kurzprosa-Beitrag schließlich titelt „Tod in der Aare“. Darin erhält Laura nächtens im Bett gespenstischen Besuch von einer Unbekannten mit „triefend nassem, schulterlangen Haar“…

Ein auch nur kurzer Blick auf die Autoren und Inhalte dieser (Deutsch-)Schweizer „Literaturschrift“ zeigt sofort das sympathische Konzept und die durchdachte Rezeptur. Wie der Herausgeber und verantwortliche Redakteur Arno Seeli in seinem „Auftakt“ festlegt, müssen die Texte „die Schweiz thematisieren, noch unveröffentlicht sowie institutionen- und werbeneutral sein“. Außerdem dürfen die Beiträge maximal vier Seiten umfassen. Trotz dieser formalen Vorgaben ist dem umtriebigen Literatur-Animator ein interessanter inhaltlicher Mix gelungen.

Gestalterisch Luft nach oben

Schweizer Literaturzeitschriften - Orte - Delirium - Narr - Mütze - GLAREAN MAGAZIN
Die kleine Schweiz als großes Land der Literaturzeitschriften, beispielsweise MÜTZE, NARR, DELIRIUM, ORTE (um nur einige zu nennen)

Herumnörgeln an solchen idealistischen Periodika lässt sich ja immer. Zum Beispiel könnte dem einen oder anderen das „Schweizer“ im Untertitel etwas großspurig erscheinen – angesichts keines einzigen französisch- oder italienischsprachigen Beitrags. Auch hinsichtlich des etwas pausbäckigen Heft-Layouts und der ruralen Typographie bestünde noch Luft nach oben; guter Inhalt schließt eine attraktive Verpackung nicht aus. Und drittens würden je ein paar bio- und bibliographische Stichworte zu allen vertretenen Autor*innen das Heft noch informativer abrunden.

Biotopische Beschaulichkeit

Der konsequente Fokus der Texte(-Auswahl) auf Helvetien bzw. das sog. „Schweizerische“ führt zwar hier nirgends zu literarischen Grenzüberschreitungen. Wer sprachliche Innovation, thematische Internationalität, das formale Experiment oder gar geopolitische Schweiz-Motive sucht, wird von TÄXTZIT enttäuscht. Das vielzitierte „Lokalkolorit“, die „Sicht nach Innen“ und eine gewisse gewollte Naivität des Narrativen sind die bestimmenden Ingredienzen dieser „Schweizer Literatur“.
Aber solche biotopische Beschaulichkeit hat sowohl ihren Reiz als auch ihre Legitimität. Denn die Provinzialität kommt hier charmant mit Unterhaltungswert daher. Und nicht jeder literarische Text muss die Welt gleich aus den Angeln heben.

Verdienstvolles Literatur-Projekt

Kurzum: TÄXTZIT ist ein verdienstvolles Literatur-Projekt, das eine sowohl erhellende wie anregende Tour d’horizont bietet durch einen wichtigen Teil des zeitgenössischen Literaturschaffens der deutschsprachigen Schweiz. Alle Texte sind sorgfältig lektoriert bzw. redigiert und die Themen-Wahl abwechslungsreich komponiert.

Dieser Autoren-Gazette ist also in diesem Sinne durchaus eine noch wachsende Leserschaft zu wünschen – hier sind ein engagierter Herausgeber und ein offensichtlich motiviertes Mitarbeiterteam am Werk. Der Schnauf möge den Machern nicht so bald ausgehen – und auch das Selbstbewusstsein nicht, das es braucht, um als Print-Medium gegen ein Heer von kostenlosen Internet-Literaturangeboten bestehen zu können. ♦

Arno Seeli (Hrsg): TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift – Band 12, 52 Seiten A5-quer-Format mit Klammerheftung, Wortzimmerer Verlag, ISBN 978-3-9524327-8-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Literaturzeitschriften auch über SCRIPTUM – Das Schweizer Literaturmagazin

… sowie zum Thema Schweizer Literatur den Essay von Mario Andreotti: Tendenzen der Schweizer Literatur

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Originale Erstpublikationen von Schweizer Schriftsteller*innen

Arno Camenisch: Goldene Jahre (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 19 Minuten

Was mit der Schweizer Literatur nicht stimmt

von Dominik Riedo

„Literatur setzt sich nur aus scheinbaren Kleinigkeiten zusammen. Scheinbaren – weil das kleinste Detail stets mitentscheidet.“
Karlheinz Deschner

Ich verstehe es einfach nicht. So einfach ist es. Klar: Die Verkaufszahlen sprechen für sich (und zwar tatsächlich, auch in meinem Sinne; siehe unten), und wer beim Lesen glücklich ist, immerhin, dem ist dies an sich Wertung genug. –
Trotzdem verstehe ich es nicht. Denn ich habe im Studium unter Professor von Matt an der Universität Zürich gelernt, dass man gute Literatur durchaus von schlechter unterscheiden kann und dass ausgebildete Germanisten das durchaus auch können sollten. Und drum wohl kann ich es nicht verstehen.
Worum es geht? „Goldene Jahre“, das neue Buch von Arno Camenisch (*1978 in Tavanasa), erschienen im Mai dieses Jahres 2020, stand – wie man der Webseite des Schriftstellers entnehmen kann – wochenlang in den Bestsellerlisten. Es muss sich gut verkauft haben. Vor allem aber war es, als ich es kaufte, für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert, eines von zwanzig Büchern im gesamten deutschen Sprachraum.

Zweiter Frühling zweier Damen

Arno Camenisch - Goldene Jahre - Roman - Engeler VerlagWeil Juroren solcher Preise in der Regel durchaus sachgerecht beurteilen können, dachte ich mir ganz ohne Hintergedanken, ich könnte mir da wieder einmal ein Buch eines Mitautors gönnen, das ich gerne lese werde, wie etwa Daniel Kehlmanns Bücher, die sich ja ebenfalls gut verkaufen und deren Autor auch viele Preise bekommen hat.
Doch was für eine Enttäuschung! Klar, das Buch hat einen griffigen Titel und kommt sogar, anders als man es auf den ersten, vereinfachten Blick erwarten würde, nicht in einem goldenen Kleid daher. Der eher leuchtend grasgrüne Umschlag steht damit geschickt vielmehr für den Frühling als für die späten Jahre des Frauenduos, um das sich in „Goldene Jahre“ alles dreht. Erleben doch die beiden Damen durch das Erzählen, so könnte man sich denken, eine Art zweiten Frühling, und ganz sicher spielt das Buch im Frühling. Nur nicht allzu offensichtlich daherkommen, das unterscheidet Literatur manchmal lohnenswerter Weise vom Journalismus. So denke ich mir zu Beginn auch nichts über die Situation, in der die beiden Frauen im Buch quasi berichten. Es wird sich dann schon noch klären, denke ich, welche dialogische oder erzählerische Situation hier vorliegt.

Gestelzt-unglaubwürdige Sprache

Arno Camenisch - Schriftsteller - Glarean Magazin
Arno Camenisch (*1978)

Aber dazu gleich vorneweg: Die Leserin oder der Leser wird sich bis zum Ende fragen müssen, wenn sie/er sich das fragen will, an wen die beiden Frauen sich hier eigentlich wenden: Es ist kein auf ein Speichermedium gesprochener Brief, kein Bericht einer Radio- oder Fernsehanstalt und sie filmen sich auch nicht selbst zur Erinnerung. Sie erzählen einfach füreinander (nur „einander“ kann ich nicht gut sagen, spricht doch etwa Margrit am Anfang ins Leere hinaus, ohne dass Rosa-Maria schon direkt bei ihr wäre). Und da war es bei mir als Leser schon so weit, dass ich mehr als stutzte: Wenn man sich derart lange kennt wie die beiden Protagonistinnen, und wenn man zusammen seit 51 Jahren einen Kiosk führt, dann beginnt man doch nicht aus dem Nichts heraus folgendermassen zum Gegenüber zu reden: „Eine Freude ist das, wie schön sie leuchtet, sie lächelt, da geht einem grad das Herz auf, wenn wir am Morgen die gelbe Leuchtreklame einschalten, in aller Herrgottsfrühe, wenn noch die letzten Sterne am Himmel sind.“
Abgesehen davon, dass einem wohl nach 51 Jahren im selben Job, so gerne man ihn tut, nicht mehr jeden Tag das Herz aufgeht über dieser Tätigkeit, so falsch ist es, wenn der Autor hier die eine Figur zur anderen – obwohl die in dem Moment wie gesagt nicht mal dort steht – sagen lässt, dass die Leuchtreklame gelb ist. Das wüsste die doch schon lange! Man sagt auf der Baustelle auch nicht: „Gib mir mal den gelben Meter“. Die Farbe ist hierbei total unwichtig (ausser es läge ein anderer roter daneben). Ebenso wüsste ihr Gegenüber im Buch wohl, dass sie dies jeweils sehr früh am Morgen tun und dass dann, zumindest in dem betreffenden Monat, die Sterne teilweise noch am Himmel stehen (und für das ganze Jahr gesehen wäre dies zudem schlicht falsch). Oder noch anders gesagt: Keine alte Kollegin spricht so gestelzt zu ihrer alten Kollegin.

Falsche Erzählsituationen

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Nun könnte man einwenden, es sei nicht ganz sicher, ob beziehungsweise was da alles gesprochen werde, denn das „sie lächelt“ spricht sie kaum aus; sie könnte sich das also bloss bei sich denken. Doch da verteidigt mich der nächste Satz: „Und bald wird es hell, sagt sie“. Sie spricht also wirklich; aber eben: Im ganzen Text kann man nie herauslesen, dass sich die Frauen an einen Dritten wenden würden. Da macht es auch keinen Sinn, dass sie weiter anfügt: „Seit 1969 gibt es uns, bereits, ja, ja, im 69 ist die Leuchtreklame zum allerersten Mal angegangen, in ihrer ganzen Pracht, das ganze Tal ist aufgeleuchtet an diesem Tag, sogar von Brigels runter konnte man die Leuchtreklame sehen, wenn man oben auf der Kante stand, dort wo der steile Hang beginnt, und runterschaute, sah man das Licht auf dem Dach vom Kiosk brennen wie das ewige Liechtli in der Kirche.“ Erstens ist der Vergleich mit dem ewigen Licht in der Kirche nicht gut gewählt, denn dies brennt auch in der Nacht, aber das kann man immerhin noch der Figur zuschreiben; zweitens aber: Wer braucht einer Geschäftspartnerin, die seit 51 Jahren am gleichen Ort arbeitet, die nähere Umgebung noch zu beschreiben? Es ist ihr doch klar, wo genau die betreffende Stelle in Brigels wäre, von dem man die Leuchtreklame sehen kann. Völlig blöd wird es dann, wenn die Margrit gleich darauf dialogisch zu wiederkäuen beginnt: „Ein Bijou von einer Leuchtreklame ist das, sagt die Margrit, im August 1969 ist sie das erste Mal angegangen“. In welcher denkbaren Szene, selbst wenn das Ganze für eine Dritte oder einen Dritten gesprochen wäre, sollte sie das wiederholen? – Die Erzählsituation für das ganze Buch ist schlicht falsch.

„Ein lieber feiner Kerli“

Surselva Tal - Kanton Graubünden Schweiz - Glarean Magazin
„Sogar von Brigels runter konnte man die Leuchtreklame sehen“: Das Surselva Tal im Schweizer Kanton Graubünden

Doch war ich hier noch bereit, das einfach mal zu akzeptieren; es könnte ja sein, dass Camenisch wenigstens ein guter Beobachter der Menschen in dem Bündner Tal, der Surselva, wäre. Aber das musste ich mir ebenso gleich aus dem Kopf schlagen, folgt doch Plattitüde auf Plattitüde. Dass sie bereits 51 Jahre an ihrem Kiosk arbeiten, will die Rosa-Maria gar nicht recht glauben, es komme ihr vor, und hier also die Plattitüde, „als seien wir doch erst gerade gestartet“. Huch, man sieht regelrecht das erstaunte Gesicht über dem abgelebten halben Jahrhundert. Hier stellte sich mir dann eben die Frage: Will der Autor eigentlich einfache Menschen darstellen oder eher tiefsinnige? Wären sie tiefsinnig, würden sie sich bestimmt nicht derart simpel und ohne weitere Gedanken über die Jahre wundern. Wären sie aber einfache Büezer, so reden sie nicht entsprechend.
Tatsächlich sind die Plattitüden wohl auch eher die des Autors. Wird doch im Folgenden dann fast jeder Mann, dem die beiden in der Zeit als Kiosk-Frauen begegnet sind, „ein feiner Bursche“, „ein lieber Kerl“ o. Ä. genannt, so oft, dass es auch nicht mehr ein bestimmtes Wesensmerkmal sein kann, vor allem, da beide Frauen das eine oder andere Mal diese Beschreibung wählen (was traut der Autor diesen Frauen eigentlich alles nicht zu?). Der Astronaut Collins: „der liebe Kerli“; der Radrennfahrer Eddy Merckx: „ein feiner Bursche“; Hugo Koblet (dessen Rennen aber eigentlich vor ihrer Zeit sich abspielten): „ein Hübscher“; sogar der Glasaugen-Columbo aus der TV-Serie ist „charmant“ (und ausgerechnet bei dem sagt die Margrit: „Wenn der hier an unserem schönen Kiosk mit Zapfsäule mit seinem Cabriolet angefahren gekommen wäre, ich weiss nicht, was dann passiert wäre“; als würden sich Frauen nur die ‹Charmanten› auswählen, nicht etwa jene, die richtig sexy sind; ob da einer ein völlig falsches Frauenbild hat?); Roger Moore ist ebenfalls „ein feiner Kerl“; und auch der Ludovic ist – na: was? – „ein feiner Kerl“.

Von dreirädrigen Autos

Isetta BMW - Glarean Magazin
Noch bis in die 1970er Jahre hinein auf Bündner Strassen zu sehen: Die legendäre 3-rädrige Isetta BMW

Ähnlich platt oder falsch die Vergleiche, wie schon beim ewigen Licht: „Das ist wie ein Auto mit drei Rädern“ – gerade die beiden Geschäftspartnerinnen am Kiosk mit Tankstelle seit 1969 sollten wissen, dass es dreirädrige Autos gab und gibt – bis in die 1970er-Jahre hinein war zum Beispiel die BMW Isetta noch oft im Strassenbild zu sehen. Die beiden Frauen aber wollen bloss wissen, dass es in Italien solche Modelle gibt, ohne genauere Kenntnis. Da spielt es im Sinne des Autors auch keine Rolle, dass eine Dreierbeziehung, von der die beiden Frauen reden, als eine solche „über Kreuz“ bezeichnet wird. Eine Liebe ‹übers Kreuz› müsste wohl eher vier Parteien haben, nicht drei.
So verpasst Camenisch auch zuverlässig die Orte, an denen er punkten könnte, etwa seine beiden weiblichen Hauptpersonen betreffend. Klar sagt Margrit einmal, sie wären Exoten gewesen, aber nicht etwa dafür, 1969 als Frauenzweierteam ein Geschäft eröffnet zu haben, sondern für eine Banalität: „Man stelle sich vor, ein Kiosk, sagt die Margrit, und gleich dazu noch eine Zapfsäule, und das im Jahr 1969, das war revolutionär, Exoten waren wir“. Waren doch damals, als die Autobenzintanks noch kleiner waren und der Kilometerverbrauch grösser, die Zapfsäulen an den Strassen in den Schweizer Alpen keine Seltenheit. Und weil man als Besitzer oder Angestellter nicht im Kalten oder im Regen warten konnte, baute man eben einen kleinen Laden oder Kiosk dazu. Sie aber, die beiden Frauen, die gerade sagten, sie seien Exoten gewesen, etwas, was es selten gab, meinen dann noch, dass sie „eine Epoche […] geprägt [hätten] mit unserem Kiosk mit Leuchtreklame, das muss uns jemand zuerst mal nachmachen.“ – Ja, genau: Das gezielte Nachmachen anderer, also das Vorbild-Sein wäre eben gerade die Definition davon, wie man eine Epoche prägt! Hingegen wären sie dann wiederum keine Exoten. Man kann es drehen und wenden wie man will: Es ist schlicht falsch.

Schlechte Roman-Recherchen

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Aber um nochmals auf das zurückzukommen, was Margrit und Rosa-Maria zueinander nach 51 Jahren reden. Meint doch die Margrit zu ihrer Kollegin, mit der sie über ein halbes Jahrhundert dort gearbeitet hat: „Dafür ist der Service top, sagt die Maria, also wer hier tankt, bekommt für einen kleinen Aufpreis auch gleich noch einen Kaffee, den haben wir immer parat“. Ach so, möchte man im Namen der Kollegin sagen, ich weiss: Ich bin seit 51 Jahren mit dabei! Aber Rosa-Maria scheint die Demenz zu haben: „Ausser Kerosin gibt es hier alles, und sobald die Pistole im Tank steckt und die gute Zapfsäule den Most hochpumpt, gehen die Zahlen auf der Anzeige durch und zählen dir auf den Rappen genau, wie viel jemand schon wieder getankt hat.“ Nicht wahr? Ich weiss! Aber es endet keineswegs dort: „Den Kaffee gibt’s, wie bereits gesagt, obendrauf, der ist gratuit“. Nicht wahr?! (Ausser dass er zuvor noch „einen kleinen Aufpreis“ kostete!)

Wirklichkeit falsch wiedergegeben

Tour de Suisse - Radrennen im Bündnerland - Glarean Magazin
Radrennen im Gebirge: Mehrmals auch durch die Bündner Surselva

Je nun, wir aber sind weiter beim Autor Camenisch, der sich offensichtlich auch nicht gut informiert über Themen, die er nicht kennt. So meint er etwa, bei einer Tour de Suisse sollte an allen Orten, die befahren würden und heikel sind, die Strassen vorher neu geteert werden; man wolle doch die Fahrer nicht gefährden. Dabei ist das so nicht der Fall; im Gegenteil: Oft werden Strecken ausgewählt, auf denen der Belag im Rang etwas ausmachen kann, bei dem also fahrerisches Geschick gefragt ist. Zudem soll bei Camenisch die Tour de Suisse nur ein einziges Mal in der Surselva vorbeigekommen sein, wenn man doch leicht nachschauen kann, dass dies seit 1969 mehrmals der Fall war.
Dem Autor aber scheint so etwas egal zu sein; in einem Interview wundert er sich sogar, dass es das Fruchtbonbon ‹Sanagol›, das 2020 im Buch noch gelutscht wird, seit 2002 nicht mehr gibt. Da ist dann auch das Lob der NZZ ein leeres, wenn sie schreibt, der Autor halte in seinen Büchern getreu fest, welche Welten alles verschwänden: Wer diese so total falsch darstellt, tut den verschwundenen Welten keinen Gefallen, sondern lässt sie eher noch mehr verschwinden, weil man sich ihrer nach der Lektüre vermutlich falsch erinnert (und es wäre ein Leichtes gewesen, die Fruchtbonbons nur bis ins Jahr 2002 zu erwähnen).

„Leg dich nicht mit den Sternen an“

Stützte wissenschaftlich das heliozentrische Weltbild von Kopernikus: Galileo Galilei
Stützte wissenschaftlich das heliozentrische Weltbild von Kopernikus: Galileo Galilei

Da erstaunt es dann schon nicht mehr, dass der Autor selbst innerhalb der Geschichten Unlogisches berichtet: Einerseits schauen die beiden Damen immer in die Unterhaltungsmagazine, die bei ihnen ausliegen. Und zwar quer durchs Sortiment. Sie sind stolz drauf, vieles anzubieten und selbst zu kennen. Und dennoch wissen sie nicht, was ein Elektrovelo ist, ja, dass es überhaupt existiert, als das erste Mal eine ganze Gruppe älterer Damen damit an ihnen vorbeirauscht – also nicht etwa Exoten, sondern zu einem Zeitpunkt, als das eBike schon gang und gäbe gewesen sein musste (eine Gruppe älterer Damen).
Da mag es den meisten Leserinnen und Lesern schon gar nicht mehr auffallen, dass sich der Autor an einer Stelle, Seite 69, eigentlich endgültig selbst erledigt: „Schau dir den Galileo an, als der behauptete, die Welt sei eine Kugel und nicht eine Scheibe, hätte man ihm am liebsten die Zunge rausgeschnitten. Ja, mit den Sternen sollte man sich nicht anlegen.“ –
Hat der Mensch denn keine Bildung? Dass die Welt eine Kugel ist, wusste man seit der Antike. Galileo hat lediglich das Kopernikanische Weltbild verteidigen wollen, dass die Erde sich um die Sonne drehe und nicht umgekehrt. Da hätte dann der zweite Satz von den Sternen auch Sinn gemacht – nicht aber auf die Flacherde bezogen! Und nochmals: Klar könnte das den Figuren absichtlich in den Mund gelegt worden sein. Aber dann traut der Autor den beiden Frauen wirklich nichts zu – und vor allem glaube ich das bei all den anderen Fehlern einfach nicht.

„Winter lang wie Autobahnen“

Winter lang wie Autobahnen - Arno Camenisch - Glarean Magazin
„Winter lang wie Autobahnen“ (Arno Camenisch)

Ach, danach quälte ich mich durchs Buch. Mal sind „Winter lang wie Autobahnen“ – also ein Zeitmass wird durch ein Längenmass ausgedrückt. Klar könnte das eben einer Figur geschuldet sein; aber es hiesse den beiden Frauen als Erzähler echt nicht viel zuzutrauen, wenn man sie wirklich alle die Banalitäten und falschen Vergleiche sagen liesse, durch die sie wie etwas dümmliche Menschen herüberkommen. Oder sollte das sogar das Ziel sein?
Denn meine Frage nach der Erzählsituation wird in der Mitte des Buches definitiv gelöst. Da kommt die Margrit „mit einer Blechbüchse in der Hand aus dem Kiosk, schau dir dieses schöne Foto an“. Sie zeigt es daraufhin Rosa – und nur Rosa. Also wird wirklich nicht nach aussen berichtet, sondern es spricht eine Frau zur anderen. Doch kann man an dieser Stelle eine Demenz auch ausschliessen: Zu gut erinnern sich beide an die 51 Jahre. Warum aber dann das Foto zeigen, als der Kiosk im Schnee versank? Erinnern sich doch beide ungefragt daran: „Als hätten die Heiligen uns den schönen Kiosk weggezaubert, sagt die Rosa-Maria.“ Und: „Da haben wir schon noch gestaunt, sagt die Margrit, als wir am Morgen über die Brücke kamen“. Kann man sich diesen Dialog zwischen zwei Kolleginnen vorstellen, die seit 51 Jahren jeden Tag nebeneinander arbeiten und alles miteinander erleben?
Ach, wie soll man danach zu Ende lesen… Ich habe noch Klischees rausgesucht. Und man sage mir nicht, dass dies alles Wahrheiten sein könnten; natürlich können sie das; aber in dieser Masse sind es eben wirklich nur noch Klischees: Da kauft der Pfarrer Sexhefte; da nehmen die beiden Frauen keine Tausendernoten an; da leidet der Kiosk an einer Umfahrungsstrasse, wodurch die Kundschaft wegbleibt (aber andererseits seien sie die Zentrale des Dorfes!); der Fotograf aus dem Städtli hat ein Glasauge (haha); Rosa-Maria trägt eine Brille mit Goldrand; seit den neunziger Jahren gibt es keine richtigen Winter mehr; und obwohl sie vor einer Kurve ein Schild aufstellen, passieren regelmässig Unfälle (man sieht regelrecht die komikhafte Situation in einem Trickfilm); und „wenn die Wetterfrösche in den Nachrichten sagen, dass es am nächsten Tag schneie, dann schiffet es meistens“; und selbstverständlich finden die beiden Frauen, dass Autos ohne Benzinmotor keine richtigen Autos seien.

Metaphorische Spagate voller Klischees

Roman-Klischee - Pfarrer kauft Sexheftchen am Kiosk - Glarean Magazin
Das Roman-Klischee vom Pfarrer, der am Kiosk Sexheftchen kauft…

Aber auch das gebe ich auf und blättere durchs Buch nur noch für deutliche Fehler: Etwa, dass Camenisch im Jahr 1989 eine Kanu-Weltmeisterschaft in Tavanasa stattfinden lässt. Nein! Es waren die Junioren da, und das fand 1990 statt. Klar, die beiden Frauen könnten sich im Jahr getäuscht haben, aber der Autor lässt sie auch noch sich vergewissern: „Das weiss ich noch genau, wir hatten nämlich in jenem Sommer unser 20jähriges Jubiläum. Stimmt, sagt die Margrit und nickt, zum 20Jährigen hat uns der Kosmos das beste Jahr geschenkt“. –
Ach genau, esoterisch veranlagt sind die Frauen auch noch. Warum? Weil das für Frauen typisch ist?! Aber Camenisch lässt sie ja obendrein noch glauben, dass wenn „einer mit dem Schlauch [im Auto] drin“ losfahre, dann gäbe „das eine Explosion“. Und rechnen können sie als von einem Mann geschaffene Figuren in einem Roman auch nicht: „Oh, wenn man mit zwanzig anfängt, ist man einundfünfzig Jahre später knapp siebzig“!
Aber auch sprachlich greifen sie, etwa bei Metaphern, voll daneben. Also auch das mag ihnen der Autor nicht gönnen oder er merkt es selbst keineswegs: „Da haben wir bereits ziemliche Spagate gesehen vor unserem schönen Kiosk, wenn es darum ging, etwas am Preis zu schrauben.“ Wie bitte? Was soll da ein Spagat sein? Sie wollen bloss etwas billiger. Nichts sonst. Bei einem metaphorischen Spagat versucht man eben mit viel Mühe, zwei gegensätzliche Positionen zu überbrücken. Hier wollen die Kunden nur etwas billiger haben, basta. Da erstaunt die fasche Verwendung von „Jet-Set“ wahrlich nicht mehr: „Jet-Set, sagt die Rosa-Maria, wenn eben jemand etwas über die Stränge schlägt und von einer Party zur nächsten schwebt.“ Denn: nein, mit Jet-Set ist eine bestimmte Gesellschaftsschicht gemeint. Dass die sich mehr Partys leisten können ist klar, aber nicht automatisch gemeint.

Der „Dichter des Dorfes“?

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Vielleicht hätte Arno Camenisch besser daran getan, das Kiosk-Sterben als eigene persönliche Erinnerung zu deklarieren, statt zwei Frauenfiguren einzuführen, deren sich Frauen eigentlich schämen müssen. Zudem wären dann die falsch erinnerten Zeitereignisse nicht so wichtig. Und wie er sich im jetzt gedruckten Buch noch selbst einbringt, ist einfach nur peinlich. Da kommt er auf den Seiten 44 bis 47 vor als „der Sohn vom Tini“, der „Poet“ (!) geworden ist, aber trotzdem „ein lieber Kerl“ geblieben sei, der immer freundlich grüsst. Auf Seite 46 ist er dann der Sohn von Bernadetta, „also die Mutter vom Dichter“ (!), die es, ach, „in der Tat nicht“ etwa „einfach“ gehabt hat. Jaja. Und Seite 71 zitiert Camenisch sich dann gleich noch selber, weil er ja „der Dichter“ des Dorfes ist (obwohl er längst nicht mehr dort wohnt).

Welpenschutz bei der Literaturkritik

Jährlich erhalten 15 Nachwuchsschriftsteller die Möglichkeit zu einem 3-jährigen Studiengang "Literarisches Schreiben": Das Schweizerische Literaturinstitut in Biel
Jährlich erhalten 15 Nachwuchsschriftsteller die Möglichkeit zu einem 3-jährigen Studiengang „Literarisches Schreiben“: Das Schweizerische Literaturinstitut in Biel

Als ich mit dieser Beurteilung bis hierhin gekommen bin, erfahre ich, dass Arno Camenisch nicht in die Short List des Deutschen Buchpreises aufgenommen worden ist. Ich atme etwas auf: Die Juroren sind also wie gedacht nicht völlig verblendet (wenn ich auch die Aufnahme in die Long List nach wie vor nicht verstehe – vielleicht braucht es einen bestimmten Schweiz-Anteil bei den Kandidaten; wenn aber alle am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel Ausgebildeten so schreiben, ist es mit der Schweizer Schreibkunst nicht weit her – und immerhin wird Camenisch von der Anstalt immer wieder als Musterabgänger herumgereicht, was einiges über das Literaturinstitut aussagt). Auch nicht durch die Auflagenzahlen verblendet (die man dem Buch übrigens – Autor und Verleger haben sich wahrlich gefunden – nicht entnehmen kann; der Klappentext weist übrigens bei der Inhaltsangabe ebenfalls mehrere Fehler auf; zudem übersieht der Verleger, der in Personalunion Lektor des Buches ist, solche Fehler wie „der Präsident Bahamas“ [recte: der Bahamas]).
Doch spricht der Instant-Erfolg (Verkaufszahlen, Besten-Listen; Longlist) und die bereits kurz danach abnehmende Anerkennung (nicht auf der Shortlist; nicht mehr auf den Besten-Listen; angedeutete Verrisse im Berner ‹Bund› [„da steht einer in der Literaturkritik unter Welpenschutz, schreibt jedes Jahr den gleichen Roman, und keiner sagt was?“; 19.09.2020)] ja auch für sich: Der Jahrhundertroman „Ulysses“ verkaufte sich in den ersten Jahren kaum, während Colin Ross einer der bestverkauften Schriftsteller in den 1920er-Jahren war. – Wer? Genau!

Unkritisches Lesen als Defekt im Leben

Bleibt für den zustimmenden Leser und die zustimmende Leserin noch das scheinbare Glück beim Lesen. Aber Achtung: Da die Sprache das entscheidende Kriterium in einem Sprachkunstwerk ist, das sogar alles andere mitenthält, ist Kitsch, also sind Klischees und ständig sich wiederholende Floskeln nicht bloss eine ästhetische Kategorie, sondern auch eine ethische, eine geschichtskritische, eine lebenskritische Kategorie. Gefühle, Bewusstseinszustände, das Denken und Handeln, ja, ein ganzes Menschendasein kann verkitscht sein.
Wer solch ein Buch wie „Goldene Jahre“ von Arno Camenisch unkritisch liest und sich darüber freut, dem sitzt der Defekt letztlich im Leben. Oder der anerzieht sich einen solchen mit der Lektüre. Und das ist eigentlich ebenso schlimm wie die Verbreitung von Fake News. Dafür schäme ich mich als Schweizer Kollege.

Eine Dorfwelt ohne Dorf

Die Tavanasa-Bahnstation bei Breil/Brigels in der Surselva
Die Tavanasa-Bahnstation bei Breil/Brigels in der Surselva

Und deswegen greife ich hier auch zur metaphorischen Feder: Wenn die Kritiker solch einen Roman loben, muss man doch mal aufzeigen, was unter anderem daran alles falsch ist. Heisst es doch unter anderem über dieses Buch, der Kiosk sei in dieser Geschichte wirklich die Zentrale im Dorf. Das lässt sich aus dem Roman aber gerade nicht schliessen: In der ganzen Erzählzeit kommt kein Kunde vorbei (nur in Erinnerungen). Oder andere meinen, Camenisch sei ein „sprachgewaltiger Schriftsteller“. Sprachgewaltig? Wer auf einer halben Seite die beiden Frauen drei Mal als sich ‹schüttelnd› beschreibt! Also so: „Es schüttelt sie“; und zwei Zeilen weiter: „Die Margrit schüttelt es vor Lachen“; zwei Zeilen weiter: „es schüttelt sie“ – und nein, das lässt sich definitiv nicht mehr auf die Figuren schieben.
Aber auch ein weiteres Lob stimmt da nicht: Camenisch beschreibe die Dorfwelt eines Dorfes der Surselva wie kaum einer: Dabei kommt das Dorf praktisch nicht vor; der Kiosk steht wie in einer leeren Welt. Aber selbst von der Kiosk-Welt, von der überall gelobt wird, der Autor zeige ihr Verschwinden auf, spürt und liest man kaum etwas: Es ist, als wären in diesen 51 Jahren keine Änderungen aufgetreten. Man findet nichts davon, dass heute die Lotterie-Auswertungen digital ablaufen, nichts davon, dass heutzutage wirkliche Kiosk-Besitzer oft klagen, dass sie für Paketdienste die ganzen Pakete zurücknehmen müssen, obwohl an den meisten Orten dazu der Platz fehlt. So steht denn bei den über 70-Jährigen Kioskbesitzerinnen auch nichts und nie etwas von Krankheiten, die sie hindern würden, die harten Schichten durchzustehen.

Was stimmt nicht mit der Schweizer Literatur?

Am Ende beschleicht einen echt das Gefühl: Da hat einer einfach noch kurz was aufgeschrieben, an was er sich beim Kiosk so erinnert, also eine sehr spezifische Erinnerung einer einzelnen Person, verbrämt mit etwas Eigenlob („Der Schnauz ist der Tiger vom Denker“, Seite 71) und mit einigen Geschichten, die wohl cool wirken sollen aber so was von unauthentisch sind, dass man nicht versteht, wie so etwas je gerne gelesen werden könnte.
Und man versteht also nicht, warum solch ein Buch sich gut verkaufen kann und noch weniger, warum es die meisten Kritiker nicht verreissen. Irgend etwas stimmt hier einfach nicht. ♦

Arno Camenisch: Goldene Jahre – Roman, 100 Seiten, Engeler Verlag, ISBN 978-3-906050-36-2


Dr. Dominik Riedo

Geb. 1974 in Luzern/CH, Ausbildung zum Primarlehrer, anschliessend Studium der Germanistik und Philosophie, Promotion und Gymnasiallehrerschaft in Stans und Immensee, 2007-2009 „Kulturminister der Schweiz“ mittels Internet-Wahl aus 25 Kandidaten, diverse kulturpolitische Aktivitäten, zahlreiche belletristische Publikationen in Büchern und Zeitungen, literarische und kulturelle Auszeichnungen, lebt als freier Schriftsteller in Ittigen/Bern

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literaturbetrieb auch von Mario Andreotti: Kunst geht nach Brot

… sowie weitere Beiträge von Schweizer Autorinnen und Autoren


Peter Biro: Schreibblockade (Satire)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 12 Minuten

Schreibblockade
oder
Der Förster und die Jägerin

Peter Biro

Teil 1 – Die Vorbereitung

Der von lauter Tatendrang und Schaffenskraft nur so strotzende Satiriker setzt sich in bester Absicht vor den Computer, um eine knallend lustige Satire zu schreiben. Dabei soll ein wirklich gelungenes Stück Literatur mit gesellschaftskritischen Untertönen entstehen, das obendrein auch noch unterhaltend ist.
Der routinierte Schreiber sorgt für bestes Dichtungsambiente. Dafür lässt er die Jalousien halb herunter, um die richtige Lichtmenge hereinzulassen; nicht zu viel und nicht zu wenig, gerade mal so, dass ihn die Schatten der sanft schwankenden Pappel nicht vom kreativen Schaffen ablenken. Er rückt den Stuhl zurecht; dieses Möbelstück ist nicht zu unbequem, um die Arbeit zur Tortur zu machen, und auch nicht zu komfortabel, um ihn bei längeren Denkpausen matt werden zu lassen.
Die gelbe Quietschente, ein Geschenk seiner kleinen Nichte Lara und unentbehrliches Maskottchen des proliferativen Dichters, muss derweil hinter dem Bildschirm verschwinden. Dieses Ding könnte ihn mit seinem lächerlich grossen, roten Schnabel zu sehr von hochtrabenden, dichterisch wertvollen Gedanken ablenken. Lara hatte das undicht gewordene Spielzeug nicht mehr brauchen können und vermachte es unter gewissen Auflagen ihrem schreibenden Onkel. Rechts von der Maus dampft schon griffbereit die angenehm duftende Tasse Hagebuttentee und wartet nur darauf, ihren unterstützenden Beitrag zur Entwicklung wohlformulierter, künstlerisch überaus anspruchsvoller Eingebungen zu leisten.

* * *

Schreibblockade - Glarean MagazinNun rückt er sich den Stuhl unter dem Hintern zurecht, setzt sich mit einer weit ausholenden Geste erwartungsvoll hin und überprüft die Position der Tastatur, die sich genau auf Armlänge vor ihm im Panoramaformat ausbreitet. Ja, so ist es ideal! Mit einem elegant gesetzten Doppelklick öffnet er eine neue Worddatei im umlautfrei bezeichneten Ordner namens „Neue Entwuerfe“ und betrachtet zufrieden die blendend weisse Oberfläche, die sich so einladend auf dem picobello aufgeräumten Bildschirm vor seinen Augen ausbreitet.
Einem Klaviervirtuosen nicht unähnlich setzt der gefeierte Autor seine zartgliedrigen Hände auf die Tastatur, voller Erwartung, dass seine gewohnte Kreativität nun anspringen werde, was wiederum entsprechend sinnhafte Aktionsbefehle an seine zehn („Finger“ genannten) Ausführungsorgane auslösen würde. Noch ruhen acht seiner Aktionskünstler angespannt auf den Buchstaben A, E, R, N, I, O, K und Shift, während seine beiden Daumen symmetrisch auf der Pausentaste sitzen und bereitstehen, die erforderlichen Abstände zwischen den sogleich purzelnden, goldenen Worten des Meisters zu setzen.
Aber… aber es will einfach nichts purzeln.

* * *

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„Was ist nur mit mir los?“ fragt sich der sichtlich verunsicherte Grafomane, der ganz überrascht ist vom nicht-einsetzen-wollenden Schreibschwall. „Das gibt’s doch nicht!“ murmelt er leise in sich hinein, „jetzt fällt mir gerade nichts ein. Ein wahrhaft ungewöhnliches Ereignis…“, denkt es in ihm in seiner gewohnt gepflegten Sprachmelodie und mit einem leisen Anflug von Beunruhigung.
Glücklicherweise ist bis zur Verzweiflung noch ein langer Weg, eine Zeitstrecke, die noch mancherlei Chancen auf eine interessante Wortfindung offenlässt. Wenn nur ein solches, wohlformuliertes, erlösendes Wort aufkommen könnte! Nur eines, welches das Potenzial in sich trägt, zu einer netten, kleinen Kurzgeschichte ausgewalzt zu werden. Ein anspruchsvolles, gerne auch ein wenig geheimnisvolles Wort wie „Hypertrophie“, oder „Hypotenuse“ zum Beispiel, oder gar „Hüttenkäse“, letzteres ein klassischer Anknüpfungspunkt für ganzheitliche, gesundheits- und ernährungsrelevante Ausführungen. Aber der einzige Begriff, der ihm jetzt aufkommt, ist nur: „Schreibblockade“, nichts Anderes. Und dazu fällt ihm partout nichts Verwendbares ein. Es liegt nun mal in der Natur der Sache.

* * *

Nun verharrt er eine Weile inständig hoffend, dass irgendein halbwegs lustiger Gedankensplitter in seiner Phantasie aufkommt. Aber es kommt nichts. Nicht einmal irgendein plumpes Slapstick-Szenario, das er, wie gewohnt, bis auf viereinhalb Seiten ausführlich beschreibend ausdehnen könnte. Nein, es kommt immer noch nichts. Er steckt in einer veritablen Schreibblockade.
Mit gesenktem Blick schaut er auf die vor seiner Nase breit ausgelegte Tastatur, deren mit weissen grossbuchstaben bezeichnete Würfelchen herausfordernd auf den erlösenden Andruck warten. Sie harren jener erlösenden Bewegung, die sie, ihrem Bestimmungszweck entsprechend, zu einer mit Klickgeräuschen untermalten Choreographie verleitet, bei der dann lesenswerte Prosa entsteht. Deren Endergebnis wiederum sollte sich simultan auf der hell leuchtenden Oberfläche, direkt über den erwartungsvoll wartenden, kleinen Quadratschädeln ausbreiten. Doch nichts dergleichen geschieht. Er hat immer noch diese verdammte Schreibblockade.

* * *

Qwertz - Schreiben - Tastatur - Glarean MagazinVerärgert sucht der ratlose Autor im mehrzeiligen Arrangement der besagten Tasten nach einer wegweisenden Botschaft, nach irgendeinem versteckten Hinweis, der zu einer sinnvollen, gleichgültig wie gearteten Phrase, führen würde. Wenigstens einen einleitenden Nebensatz, oder seinetwegen auch nur ein einziges, weiterführendes Wort.
Und dann passiert es! Es dämmert ihm plötzlich: „Oh ja, das ist es!“. Man muss nur genau hinsehen, da steht es weiss auf schwarz; links oben prangt das rettende Wort, zusammengesetzt aus den sechs ersten Tasten der obersten Buchstabenzeile: „QWERTZ“.
Erstaunlich, dass ihm das noch nie vorher aufgefallen war! „Qwertz“ ist ein Begriff, mit dem ein geübter Romancier etwas anfangen kann. „Qwertz ist Trumpf und Trumpf ist Qwertz!“. Das muss einmal klar gesagt und geschrieben werden.

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Nun also, will er einen neuen Text auf „Qwertz“ aufbauen. Das Wort ist gut und noch nicht abgegriffen, da kaum benutzt. Trotz seiner scheinbaren Künstlichkeit existiert er sehr wohl im Wortschatz gebildeter Kulturmenschen, und zwar als namensgebende Variante der üblichen, deutschsprachigen Schreibmaschinen-Tastatur. Sachkundig sprechen Eingeweihte davon, ganz im Gegensatz zur Qwerty-Tastatur, die ausserhalb der deutschsprachigen Welt üblich ist und keinerlei literarisch verwertbare Assoziationen hervorzurufen vermag. Nur muss der findige Autor den Quertz-Begriff in einen wohlklingenden, sinnvollen Text giessen, was auch wieder nicht so einfach ist. Aber er müsste es hinkriegen, schliesslich ist er ein anerkannter Meister skurriler Phantastereien, und seine Neuentdeckung scheint als Ausgangspunkt einer neuen Geschichte brauchbar und obendrein originell zu sein.

* * *

Und das geht dann so, dass er sich zunächst fragt: „Was will der geneigte Leser eigentlich von mir lesen?“. Und prompt gibt er sich selber die passende Antwort, die auch die meisten Fachleute geben würden: „Sex and Crime“. Erotisches mit einer Prise Gewaltanwendung. Das ist, was am meisten zieht.
„Also gut“, sagt er zu sich, dabei neue Hoffnung schöpfend, „versuchen wir mal aus diesem Qwertz eine prickelnde Kurzgeschichte mit erotischen Gewaltelementen rauszukitzeln“. Dann schreitet er zur Tat.

Teil 2 – Die Ausführung

Jagdhütte - Wald - Bäume - Jagdwild - Natur - Glarean MagazinOrt der Handlung: Dieser könnte praktischerweise ein abgelegenes Forsthaus sein, denn die Einsamkeit des Waldes kann den potenziellen Täter (vorzugsweise einen enthemmten Sittenstrolch mit unverarbeitetem Mutterkomplex) durchaus dazu verleiten, eine unsittliche Tat zu begehen – womit er erwartungsgemäss zur literarischen Entspannung des Lesers beitragen würde.
Personen: Für das hieraus entstehende erotomanische Drama genügen zwei erwachsene Figuren, mehr ist vorderhand auch nicht nötig, um eine qwertzinduzierte Liebesgeschichte mit milder, das heisst mit einer künstlerisch gerade noch verträglichen Gewaltdarstellung zu verfassen.
Die zwei Protagonisten seiner sich vor dem inneren Auge sogleich entfaltenden Geschichte sind:
– ein Jagdaufseher, namentlich Alois Mösenlechner
– eine Jägerin, mit vollem Namen Jolande Anastasia Van der Qwertz
Ausgangssituation: Jolande und Alois, die beiden heimlichtuenden Liebenden, haben sich für ein entspanntes Wochenende in dieses Forsthaus zurückgezogen, allerdings mit jeweils nicht ganz übereinstimmenden Hauptanliegen: Die Jägerin will Wild erlegen (das wäre das blutige Gewaltmotiv), während der Förster es vor allem auf die hübsche Jägerin selber abgesehen hat, und dieselbe nach seinen Vorstellungen „erlegen“ will (das ist das Erotikmotiv). Letzteres möglichst bald und nach allen Regeln der Jagdkunst. Er weiss auch schon wo: Direkt auf dem Bärenfell vor dem lodernden Kaminfeuer, versteht sich. Als der Sittenstrolch, der er nun mal ist, will Alois sich weder mit einleitendem intellektuellem Geschwafel aufhalten, noch hat er die Geduld, die ewig lang scheinende Reihe von Knöpfen am Wams der in voller Jagdmontur vor ihm stehenden Jolande aufzuknöpfen. Diese erwartet hingegen eine gepflegte Unterhaltung und erwägt erst hinterher zu techteln und vielleicht auch noch ein wenig zu mechteln, aber der brunftige Mösenlechner Alois ist nicht mal nach weidmannstechnischer Fachsimpelei zumute.

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1. Akt, der Plot: Alois greift kurzerhand nach seinem Jagdmesser und schlitzt das Gewand der überrumpelten Van der Qwertzin mit einem einzigen, schwungvollen Sichelschnitt auf. Aus dem klaffenden Kleidungsstück quellen Jolandes bis dahin fest verzurrte, üppige Jagdtrophäen hervor, so prall und formschön, wie sie sich der erregt hechelnde Liebhaber nicht einmal in seinen kühnsten Träumen vorstellen konnte. Und von gewaltigen Dingen träumen, die er bei opulenter Schürzenjagd erlegen würde, das kann der Alois ohne Zweifel.
Und schon entrollt sich vor unseren Augen das vor erotischer Spannung aufgeladene Drama. Noch ahnt der Leser nicht, wie das alles mit dem ominösen Qwertz zusammenhängt. Der Autor übrigens auch nicht. Aber es wird sich schon weisen.

* * *

Brunftschrei Röhrender Hirsch - Glarean MagazinAlso zunächst mal packt der entflammte Jagdaufseher die nicht ganz unwillige Jägerin, die sich anstandshalber noch ein wenig ziert, aber dann nachgibt, da sie den überlegenen Körperkräften des Bärtigen ohnehin nicht standhalten kann. Wozu also das Unausweichliche unnötig hinauszögern, wenn dieses doch auch für sie Elemente lustvoller Erquickung beinhalten wird? Eng umschlungen wälzen sich die beiden eine Weile auf dem vernehmbar qwertzenden Bretterboden.
„Qwertz, qwertz“ knirschen die rohen Planken im monotonen Rhythmus seiner kräftigen Lendenstösse, bis er – und jetzt kommt der Höhepunkt – halb aufgerichtet den Brunftschrei eines röhrenden Hirsches ausstösst, und sie wiederum mit verkrampften Fingern sich in seinen schweissnassen Rücken krallt. Nach einem kleinen, innig zitternden Moment entspannt er sich mit einem Anflug von Erleichterung, und unter einem letzten, langgezogenen Qweeeeertz, welcher aus den staubigen Bodenbrettern erknarzt, dreht sich Alois auf den Rücken und bleibt verzückt liegen. In dramaturgischer Hinsicht handelt es sich hierbei bereits im ersten Akt um einen komplett vollzogenen ersten Akt. Später werden noch mehrere folgen, aber das überlässt der routinierte Dramatiker besser der Phantasie des Lesers.
Jolande Van der Qwertz muss nach einer angemessenen Verschnaufpause ins angrenzende und nach allerlei herben Waldbeeren-Seifen duftende Badezimmer gehen, um sich nach dem schweisstreibenden Liebesakt ein wenig aufzufrischen.
Denn jetzt ist sie an der Reihe, ihren Willen durchzusetzen. Vielen Leserinnen wird dieser feministische Ansatz gefallen und sie bei der Stange halten. Also macht sich Jolande nun für eine kleine Jagdpartie zurecht. Sie rasiert sich sorgfältig die Beine, die einem jungen Rehlein gleichen (nicht ganz so schlank, aber ebenso behaart), zupft sich die Augenbrauen, pudert sich die Schultern und lässt die Wangen mit etwas Mascara erröten. Wohl erfrischt und behände hüpft sie in die Ankleide, um sich in passende Jagdmontur zu werfen.

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2. Akt: Immer noch der gleiche Plot, aber mit Szenenwechsel vor der Jagdhütte: Nun erscheint in der Eingangstür der inzwischen ebenfalls adrett aufgemachte und gründlich befriedigt wirkende Förster. Dem feschen Alois folgt Jolande, die immer noch rotglühende Wangen aufweist. Sie verlassen unauffällig ihr heimeliges Liebesnest und dringen tief ins Dickicht des Waldes ein. Sie hat sich einen kecken, eleganten Qwertzhut mit Fasanenfedern aufgesetzt, während er höflichkeitshalber ihren schweren, doppelläufigen und mit silbernen Intarsien geschmackvoll dekorierten Bärentöter trägt. Während unterwegs die Beiden schon wieder oberflächliche Zärtlichkeiten austauschen, überprüft Jolande nebenbei ihre Munitionsvorräte und die Tuben mit Gleitcrème (sie reichen für mindestens vier weitere Akte).

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Wald-Jagd-Hochsitz - Glarean MagazinSie gehen zu jenem Hochsitz, von welchem unser liebestoller Forstaufseher, im Rahmen seiner beruflichen Forstaufsichtspflichten, den Wald zu betrachten pflegt. Da kennt er sich aus und verspricht Jolande reiche Jagdausbeute. Dort oben richten sie sich erstmal häuslich ein, denn es dürfte etwas länger dauern, bis sich argloses Wild zeigen würde – das weiss er nur zu gut aus langjähriger Erfahrung. Die zwei Turteltäubchen werden sich selbstverständlich die Zeit mit jagdtechnischer Fachsimpelei und gelegentlichen, akrobatisch anmutenden Liebesakten vertreiben. Sowohl die engen Platzverhältnisse als auch die dramaturgischen Erfordernisse zwingen sie nun mal dazu.
Jolande setzt den gut dotierten Picknickkorb in eine Ecke, entnimmt ihm eine Flasche Waldmeistergeist und schenkt ihm und sich selber vom Zielwasser ein. Alois legt fürsorglich die Flinte für seine Jägerin zurecht, damit sie das zu erwartende Wild gebührend in Empfang nehmen kann (das Gewaltmotiv kündigt sich hier schon wieder an. Hoffentlich bemerkt der kundige Leser die raffinierte Verschachtelung der beiden Grundmotive).

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3. Akt, der Höhepunkt: Siehe da, wie bestellt trottet eine junge und – weil noch unerfahren – eine besonders arglose Waldschnepfe in die Lichtung, direkt vor die Flinte der zunehmend erregten Jägermeisterin. Der ahnungslose Vogel pickt hier und da einen Samen aus den herumliegenden Tannenzapfen und ahnt nicht, in welcher Lebensgefahr er sich bereits befindet. Im Gegenteil, fröhlich gurrt die Schnepfe vor sich hin, dabei eindeutige Qwertz-Laute von sich gebend. Das bedeutet in der recht monotonen Sprache der Waldschnepfen so viel wie „Ach wie fein!“, manchmal aber auch „Hab’ ich aber ein Glück heute!“. Zu mehr reicht ihr Wortschatz nicht aus. Dabei bezieht sie sich auf die Körner, die reichlich vor ihr verstreut herumliegen. „Qwe-, qwe-, qwe-, qwertz, qwertz, qweeeeeertz“, kommentiert sehr zutreffend das naive Tier die reichhaltige Auslage vor ihrem Schnabel. Dabei merkt sie in ihrer tumben, schnepfischen Selbstzufriedenheit nicht, wie es plötzlich knallt. Es macht „Peng!“ – und nach einem dumpfen Schlag ist nur noch Stille. Und Dunkelheit.

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Schnell verklingt im dichten Laubwald der Nachhall des perfekt gesetzten Blattschusses, der mittig zwischen die erstaunt angehobenen Augenbrauen des glücklosen Vogels sass. Nur einige aufgewirbelte Schwanzfedern der bereits leblos darniederliegenden Jungschnepfe schweben sanft aufs Gras der Lichtung hernieder.
„Na also!“, sagt die zufrieden nickende Jägerin zu ihrem Begleiter.
„Na also!“ sagt sich der erleichtert wirkende Satiriker und setzt hinter seine Kurzgeschichte einen demonstrativen Schlusspunkt: Punkt. ♦

Glossar der Fachausdrücke und Neologismen

  • Dichtungsambiente (Subst.) – zweideutiger Begriff:
    a) spezielle Rahmenbedingungen, unter denen ein talentierter Dichter seiner schöpferischen Arbeit nachgehen kann
    b) ungünstige Begleitumstände, unter denen tropfende Wasserleitungen repariert werden
  • erknarzen (Verb): das Erschallen lassen eines deutlich vernehmbaren, rhythmischen Knarzgeräusches, der mittels Reibung zwischen trockenen Holzdielen entsteht
  • Grafomane (Subst.): proliferativer Schreiberling unernster Prosatexte, die er in grosser Menge erzeugt, obwohl sich dafür kein Schwein interessiert
  • picobello (Adj. Ital.): absolut sauber, makellos. So wie die Piazza San Marco
  • Qwerty (Subst.): im englischen Sprachraum verbreitete, ursprüngliche Belegung von Schreibmaschinen-Tastaturen
  • Qwertz (Subst.): die im deutschen Sprachraum übliche Tastenbelegung
  • Qwertzhut (Subst.): Modischer Frauenhut aus grünem Filz mit waldtypischen Dekorationselementen wie Moosbrocken, Fliegenpilzen und Fasanenfedern. Der Q. wird vorzugsweise von jungen Jägerinnen und Jagdaufseherinnen aufgesetzt, welche – beim Blasen des Jagdhorns – diesen typischerweise qwertz statt längs stellen, um besser an das Mundstück heranzukommen.
  • Schreibblockade (Subst. Psy.): sehr ärgerlicher, anfallsweise eintretender Zustand, der v.a. Autoren befällt, währenddessen sie nichts Lesenswertes erzeugen können. Eine Überwindung der S. ist nur durch aus dem heiteren Himmel kommende Eingebungen möglich
  • Schreibschwall (Subst.): Graphorrhö (griech.), i.d.R. das Gegenteil von Schreibblockade (siehe dort)
  • schnepfisch (Adj.): dumpf, treudoof und ingnorant, eben nach der bekannten Art von tierisch-naiven Waldschnepfen
  • umlautfrei (Adj.): korrekt ausgesprochene, aber ohne Umlaute niedergeschriebene Woerter wie z.B. „Fruechte“ oder „Oebst“

Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Satire von Georg Schwikart: Dichtersorgen
… sowie die Groteske von Konrad Vogel: Introkubus

Weitere Satiren von Peter Biro im Glarean Magazin

Peter Biro: Schluss mit lustig! – Zur Corona-Pandemie 2020

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Schluss mit lustig!

Appell eines Arztes zur Covid-19-Pandemie

von Prof. Dr. med. Peter Biro

Normalerweise ist mir selten ernst zumute, und ich finde in fast allem etwas Heiteres zum darüber Frotzeln. Aber jetzt ist es aus mit der Lustigkeit. Diese wurde in letzter Zeit zunehmend von Verzweiflung abgelöst.

Natürlich mache ich mir Sorgen um die mir nahestehenden Personen, und auch um meine eigene Gesundheit. Aber nicht das ist es, was mich zur Verzweiflung treibt, sondern die Ignoranz der Zeitgenossen und die Nachlässigkeit der Behörden.

Corona-Virus - Pandemie 2020 - Covid-19 - Glarean Magazin
Warum die Corona-Pandemie keine gewöhnliche Grippe ist

Wir sind inmitten einer exponentiellen Verschlechterung der Lage mit einer Verdoppelung der Fallzahlen für Kranke, Schwerkranke und Todesfälle alle zwei bis drei Tage. Was dabei am meisten beunruhigt, ist das grassierende Unverständnis des ehrenwerten Publikums für exponentielles Wachstum. Bei konstanter Verdoppelung entstehen binnen kürzester Zeit gewaltige Zahlen. Die altbekannte Weizenkorn-Legende von der Belohnung des Schachspiel-Erfinders durch den dankbaren persischen König veranschaulicht diese Unvorstellbarkeit: Auf die Frage, was er sich als Bezahlung für seinen Dienst wünsche, antwortete der Meister, dass er ein Weizenkorn fürs erste Feld des Schachbretts haben möchte, gefolgt von doppelt so viel, also zwei auf dem zweiten – und so weiter, mit Verdopplung der Körnerzahl mit jedem weiteren der 64 Felder. Der von der scheinbaren Bescheidenheit des Erfinders belustigte König gab den Auftrag an seine Bediensteten zur Ausführung weiter. Es dauerte nicht lange, bis sich herausstellte, dass es bei weitem nicht genug Weizen auf der ganzen Erde gab, um auch nur einen Bruchteil des Auftrags zu erfüllen.

Chance des totalen Lock-Downs verpasst

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean Magazin
Prof. Dr. Peter Biro: „Schluss mit lustig!“

Was ich damit sagen will ist, dass die Ausbreitung der Corona-Infektion sich so rasant abspielt, dass durch normale Erfahrung voreingenommene Menschen diese dem exponentiellen Wachstum innewohnende Gefahr nicht wirklich verstehen. Die bis vor kurzem nonchalant in grossen Rudeln flanierenden Sonnenanbeter am Seeufer zeugen von dieser Ignoranz. Dabei hätte es eine einzige Möglichkeit gegeben, die massenhafte Ausbreitung zu verhindern: Man hätte gleich am Anfang – als noch erst wenige Fälle gemeldet wurden – die weitestgehenden Massnahmen ergreifen müssen wie das totale Lockdown und die völlige Isolation auf allen Ebenen – von der Einzelperson über die Ortschaften und Regionen bis hin zum ganzen Land.
Doch der Moment, als das noch hätte nützen können, wurde in der Schweiz wie fast überall andernorts sträflich verpasst. Um eine Analogie aus meinem beruflichen Wirkungskreis zu bemühen, das ist ähnlich zur Krebserkrankung: Sobald diese diagnostiziert ist, wird man nicht die Behandlung schrittweise mit dem Wachstum des Tumors ausbauen, sondern gleich am Anfang mit der maximalen Therapie beginnen, z.B. mit einer Radikaloperation. Nur so kann man Krebs einigermassen wirksam bekämpfen: maximale Massnahmen bei noch geringer Tumorprogredienz. Dasselbe gilt für alles, was gegen exponentielles Wachstum angewendet werden soll.

So verhalten, als sei man bereits erkrankt!

Jetzt ist zu befürchten, dass uns eine ähnliche Entwicklung wie in Italien bevorsteht. Aber wenn man schon nicht mit der adäquaten Reaktion der Behörden rechnen kann, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns individuell richtig zu verhalten. Und das heisst, so zu tun als sei man bereits erkrankt – mit dem Imperativ, in die persönliche Isolation zu gehen. Man gehe nirgendwo mehr hin, man halte Abstand, desinfiziere regelmässig die Hände und lasse sich die Einkäufe vor die Tür bringen. Wenn man kein Desinfektionsmittel mehr auftreiben kann, lange man nach den Spirituosen in der heimischen Kellerbar. Wenn man nichts dergleichen hat, sollte man regelmässig die Hände waschen, das hilft auch. Aber das Wichtigste ist: Zuhause bleiben, verdammt nochmal! ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Weitere Internet-Adressen zum Thema Corona-Pandemie 2020

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Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe (Satire)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Peter Biro

Ich lasse mich nicht von massenhysterischen Phänomenen anstecken. Weder von der Überfremdung durch isländische Klimaflüchtlinge noch vom Weltuntergang aufgrund des Maya-Kalenders. Ok, ein Mangel an Lutschbonbons könnte mich zeitweilig aus der Bahn werfen. Das wäre eine wirklich ernste Sache. Aber wie gesagt, meistens bin ich immun gegenüber Modeerscheinungen, selbst wenn diese mein Überleben bis zum nächsten kirchlichen Feiertag sichern würden. Mit meiner antizyklischen Lebensweise bin ich bis jetzt gut durchgekommen, ausser vielleicht beim Linksabbiegen in den Kreisverkehr. Dort musste ich stets klein beigeben und mich in den allgemeinen Strom der Fahrzeuge einordnen. Aber sonst nichts dergleichen. Im Prinzip bin ich also kein Opportunist. Aber dieses eine Mal machte ich eine Ausnahme, und zwar wegen diesem verfluchten Coronavirus. Und scheiterte damit kläglich.
Nach gründlichen Überlegungen kam ich zum Schluss, dass eine Coronavirus-Infektion schon mal gar nicht eine erstrebenswerte Sache ist. Heutzutage haben wir viel schönere Krankheiten und elegantere Todesarten als schniefend und hustend einzugehen. Wenn man des Covid-19 wegen abserbelt, gibt man damit ein armseliges Bild ab. Man sondert jede Menge unappetitlichen Schleim aus allen Körperöffnungen ab. Einfach widerlich! Wenn mir schon mein letztes Stündlein schlagen soll, dann muss es bitte sauber, feierlich und erhaben zugehen. Ich möchte von ergriffenen Angehörigen beweint werden, die sorgsam gewählte Lobesworte über mich murmeln und meinen verfrühten Abgang aufrichtig bedauern. Aber zum Glück ist es noch nicht soweit. Ich habe gerade meine Temperatur gemessen: schallend triumphierende 36,5°C!

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Satiren im Glarean Magazin
Peter Biro

Trotz meiner erwähnten Abneigung gegen vorherrschende Modetrends blieb ich von der aktuellen Entwicklung nicht unbeeinflusst. Als immer mehr Zeitgenossen mit Gesichtsmasken herumliefen, begann ich mir auch eine überzuziehen. Um es sogar besser zu machen, trug ich zusätzlich noch eine am Hinterkopf. Dann hiess es, dass man in der Öffentlichkeit keine engeren körperlichen Kontakte mehr eingehen dürfe. Daraufhin hörte ich mit meiner liebgewordenen Gepflogenheit auf, unbekannte junge Damen auf der Strasse zu umarmen und herzhaft abzuknutschen. Zudem besuchte ich keine grossveranstaltung mehr, ausser Saunaklubs. Diese sind die wohl letzten virusfreien Oasen, in denen man sich ungezwungen in angenehmer Damengesellschaft frei bewegen kann.
Es heisst ja, dass Coronaviren nicht hitzeresistent sind. Ich schüttle keine Hände, auch nicht den Kopf, und auch nicht meinen stets einsatzbereiten Würfelbecher, den ich als Entscheidungshilfe für lebenswichtige Angelegenheiten stets bei mir trage. Stattdessen befolge ich die wohlwollenden Anweisungen der Behörden ebenso gehorsam wie die uneigennützigen Ratschläge kompetenter Homöopathen.

Neulich jedoch erlebte ich einen ersten Rückschlag beim empfehlungskonformen Verhalten. Und das kam so: In den Nachrichten wurde erwähnt, dass vereinzelte Bürger Hamsterkäufe tätigten, was sich dann zunehmend häufte und zur Massenbewegung wurde. Ich konnte mir zunächst keinen Reim darauf machen, auf welche mysteriöse Weise der Hamsterkauf einen vor der Infektion schützen sollte. Aber man muss nicht alles verstehen, was die Obrigkeit verlangt. Wichtig ist es ihren Anweisungen zu folgen. Also beschloss ich daraufhin ebenfalls mit Hamsterkäufen zu beginnen.

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Als ich dann allerdings zu meinem ersten Versuch ausrückte, waren die letzten verfügbaren Exemplare schon restlos ausverkauft. Ich fand nur noch Restbestände an Meerschweinchen, Schildkröten und hilflos zwitscherndes Federvieh. Damit war natürlich kein Staat zu machen, schon gar nicht in diesen gefährlichen Zeiten.
Doch ich gab nicht so schnell die Hoffnung auf, meine nun mal beschlossene Hamsterbeschaffung erfolgreich zu Ende zu bringen. Ich klapperte zunächst alle Zoogeschäfte der Stadt ab, dann diejenigen des Umlands und sogar der ganzen Region. Aber keine der von mir aufgesuchten Tierhandlungen hatten genügend Hamster vorrätig, um mir einen anständigen Schutz zuzulegen. Dabei schraubte ich meine Erwartungen schrittweise zurück: statt der geplanten drei Dutzend Goldhamster hätte ich auch einen Satz Silberhamster akzeptiert. Von mir aus hätten sogar einige bronzene Exemplare darunter sein dürfen. Aber weit gefehlt! Nicht nur dass die beste Ware bereits weg war, selbst die artverwandten Wüstenspringmäuse waren alle.

Von zunehmender Verzweiflung getrieben, erwog ich einen nächtlichen Einbruch in den eher nachlässig geschützten Tierpark. Ich bin ja ein grundehrlicher Mensch, aber hier ging es ja schliesslich um meine Gesundheit. Ich weiss nicht, wie man die tierische Entsprechung für den moralisch eher akzeptablen Mundraub des Verhungernden nennt. Wenn beispielsweise das erheischte Deliktgut ein Mops wäre, würde man das „Hundraub“ nennen? Ich weiss es nicht. Wäre für kleine, handzahme Nager die analoge sprachliche Entsprechung vielleicht „Hamstermopsen“? Was auch immer, ich war bereit zu allem, selbst zu einem nächtlichen Einbruch in das Gehege der „Cricetinae“ genannten Steppenwühler. Aber ich hatte weder die geeigneten Einbruchswerkzeuge noch den erforderlichen Mut für eine solche Aktion. Damit war das keine gangbare Lösung und schon gar kein Ersatz für einen seriösen Hamsterkauf.
So gesehen wollte ich meinen Frust bei einem entspannenden Saunaklubbesuch abbauen, aber als ich vor der zugesperrten Tür des abgedunkelten Etablissements stand, konnte ich nur noch den nachlässig aufgeklebten Hinweis zur Kenntnis nehmen: „Aufgrund der lagebedingten ausbleibenden Kundschaft bleibt unser Saunaklub ‚Nymphen-Dampf‘ bis auf weiteres geschlossen. Besuchen Sie unsere Webseite, um den Zeitpunkt der erneuten Betriebsaufnahme zu erfahren“. Hol’s der Hamster!  ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Satire von Helmut Haberkamm: Anschaffungen

ausserdem zum Thema Corona-Virus von Peter Biro: Schluss mit lustig!

Hans Herrmann: Drei Herbst-Gedichte

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Altweibersommer

Altweibersommer

Oktoberlicht fliesst weich wie Milch in Güssen
aus bernsteingelbem Himmelsdunst geschöpft.
Es rinnt, als hätte man den Mohn geköpft,
der Wünsche schwellen lässt zu Zungenküssen.

So tanzt, ihr Mücken, tanzt in leichten Schwärmen
und füllt die Luft mit eurem Menuett –
ich schwanke heute herbstberauscht zu Bett
und höre draussen Bacchus fröhlich lärmen.

Stille

Sanfter Abschied liegt in diesem Leuchten.
Tröstend greift die Wärme mir ins Haar.
Herbstlich perlt der Tau, das Gras zu feuchten,
himmelweit glänzt Bläue sonnenklar.

Wieder einmal sickert alles Werden
hin zum Ursprung der schon immer war.
Dichter drängen sich am Hang die Herden
und es singt die Stille wunderbar.

Alpha und Omega

Mit der Sense mähte ich das Gras, das junge.
Frühlings Atem, der aus gelben Säften quoll,
sog als süssen Rauschduft ich in meine Lunge,
dehnte weit die Brust, des Dranges übervoll.

Mit der Sichel mähte ich das Kraut, das herbe.
Sommers Sterben lag schon lange in der Luft.
Unter meinen Füssen splitterte die Scherbe,
lautlos schwebte Nebel aus der Ahnengruft.


Hans Herrmann - Schweizer Lyriker - Glarean MagazinHans Herrmann

Jahrgang 1963; geboren, aufgewachsen und wohnhaft in Burgdorf/Emmental; verheiratet, Vater zweier Söhne; 1982 bis 1988 Theologiestudium in Bern, dann Wechsel in den Journalismus; von 1996 bis 2012 Redaktor bei der „Berner Zeitung“; heute Redaktionsleiter Bern der Monatszeitung „reformiert“; Autor von Romanen, Erzählungen, Lyrik und Theaterstücken.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schweizer Autoren auch von
Barbara Warmbrodt: Berndeutsche Aphorismen

… sowie von
Hans Gysi: Drei Schweiz-Gedichte

Interview mit Beat Hüppin (Antium Literatur-Verlag)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

„Das qualitätsvolle Buch hat Zukunft“

Interview: Walter Eigenmann

Der Schweizer Schriftsteller Beat Hüppin, geboren 1976 mit finnischen Wurzeln mütterlicherseits im schwyzerischen Wangen, studierte in Zürich lateinische und deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft und unterrichtet an der Kantonsschule Ausserschwyz Latein und Deutsch. 2016 brachte er beim Berner Zytglogge Verlag seinen ersten Roman „Talwasser“ heraus.
Vor einigen Monaten gründete Hüppin nun mit drei Mitstreiterinnen den Antium Verlag, der sich vorwiegend belletristischer, auch finnischer und italienischer Literatur widmen will. Der Neuverleger über seinen frischgebackenen Antium: „Der Verlag ist grundsätzlich offen für Texte verschiedener inhaltlicher Ausrichtung, mit dem Anspruch, dass die Bücher unterhaltsam und intelligent zugleich sein sollten.“
Das Glarean Magazin fragte Beat Hüppin nach den Zielsetzungen dieses heutzutage mutigen Schrittes einer Verlagsgründung.

Glarean Magazin: Im Frühling dieses Jahres starteten Sie Ihren neuen Antium Verlag – ist alles wunschgemäss angelaufen?

Beat Hüppin - Antium Verlag - Interview im Glarean Magazin 2018Beat Hüppin: Ja, wir konnten alle vorbereitenden Arbeiten bis zur ersten Veröffentlichung termingerecht abschliessen. Es war sicherlich die richtige Entscheidung, sich zunächst auf eine einzige Buchpublikation zu konzentrieren, so dass wir alle damit zusammenhängenden Prozesse einmal kennenlernen konnten. Daneben konnten wir auch für das neue Jahr 2019 schon zahlreiche interessante Kontakte knüpfen, die es uns ermöglichen, ein reichhaltiges und spannendes Programm zu präsentieren. Unser Kickoff-Apéro zeugte von einem regen Interesse an unserem Verlag. Ob sich dies auch in genügend Buchverkäufe ummünzen lässt, ist nun natürlich die nächste spannende Frage.

GM: Wir leben in immer stärker global bestimmten Literaturmärkten; das Self-Publishing grassiert; die Book-on-Demand-Services verzeichnen hohe Wachstumsraten; Youtube und Literatur sind längst sich ergänzende Begriffe; die Social Medias sind randvoll mit „offizieller“ und „privater“ Literatur; die internationalen Buchverlage verhökern ihre Bestseller wie Tomatenverkäufer – ist da ein Regionalverlag wie der Antium Verlag nicht ein komplettes Auslaufmodell?

BH: Wir sind überzeugt, dass ein Kleinverlag, der relativ wenige, sorgfältig ausgewählte Bücher publiziert, weiterhin seine Daseinsberechtigung hat. Bei Self-Publishing und BoD fehlt eine Selektion und Qualitätskontrolle, was man – so leid es mir tut – immer wieder bemerkt. Seit ich selber als Autor unter anderem beim Zytglogge Verlag publizieren durfte, weiss ich, was ein hochstehendes Lektorat ausmacht, auch die genau auf das Buch abgestimmte Grafik und der professionelle Satz. Genau diesen Rundum-Service wollen wir unseren Autoren auch bieten. Bei den Übersetzungen können und wollen wir nicht mit „internationalen Bestsellern“ konkurrieren, sondern einfach nur Bücher bringen, die uns selber begeistern und Facetten der fremdsprachigen Kultur aufzeigen, die der Bestseller-Leser nicht mitkriegt. ausserdem ist angedacht, in Ergänzung zu den althergebrachten durchaus auch neuere Marketingwege zu beschreiten – mit Social Media, Youtube usw.

GM: Neben Übersetzungen aus dem Finnischen und Italienischen will der Antium Verlag erklärtermassen Schweizer Literatur fördern. An welche literarischen Sparten ist vor allem gedacht?

BH: Wir denken primär schon an belletristische Romane. Thematisch soll aber vieles möglich sein, auch Krimis, historische Themen und anderes. Bereiche wie Fantasy oder Science-Fiction überlassen wir anderen, aber sonst sind wir für vieles offen.

GM: Haben auch regionale Themata und/oder junge Autoren im Antium Verlag eine Chance?

Mitarbeiter - Antium Verlag - Rahel Schmidig - Elisa Grandi - Ladina Poik - Glarean Magazin
Junge Mitarbeiterin eines jungen Verlages: Rahel Schmidig (Lektorat & Übersetzungen), Elisa Grandi (Marketing & Vertrieb), Ladina Poik (Lektorat & Grafik)

BH: Auf jeden Fall. Wir würden sehr gerne junge Autoren unterstützen und aufbauen. Wir sind ja selber auch ein junges Team: Meine drei „Mitstreiterinnen“ sind alle noch in ihren Zwanzigern. Ein regionales Thema ist grundsätzlich immer möglich, solange der Text überzeugend gestaltet ist und auch eine Relevanz unter einem grösseren Blickwinkel gegeben ist.

GM: Die zwei anderen Landessprachen können nicht auch noch berücksichtigt werden, oder?

BH: Wir mussten nur schon aus personellen Gründen eine Limitierung vorsehen. Persönlich fände ich zum Beispiel rätoromanische Literatur sehr interessant, aber bei den Übersetzungen gehen wir davon aus, dass wir diese selbst machen werden. Falls wir jemals in Erwägung ziehen sollten, rätoromanische Werke zu bringen, müssten wir ein zusätzliches Teammitglied finden, das sich darauf spezialisieren würde. Das Französische würden wir zur Not noch selber hinkriegen, aber auch das ist im Moment kein Thema.

GM: Ist der Antium Verlag vielleicht bereits im Gespräch mit bekannteren Autoren, sind entspr. geplante Namen schon spruchreif?

Bald mit deutscher Übersetzung im Antium Verlag vertreten? Der bedeutende finnische Autor Antti Tuuri (Geb. 1944) - Glarean Magazin
Bald mit deutscher Übersetzung im Antium Verlag vertreten? Der bedeutende finnische Autor Antti Tuuri (Geb. 1944)

BH: Es stehen schon diverse interessante Sachen auf der Liste, die aber noch nicht alle spruchreif sind. Eine kleinere Sensation ist, dass wir die Rechte an der deutschen Übersetzung des Romans „Ikitie“ des Finnen Antti Tuuri erwerben konnten. Er ist einer der produktivsten und erfolgreichsten Autoren Finnlands und wurde schon in etliche Sprachen übersetzt, aber merkwürdigerweise findet er in deutscher Sprache praktisch nicht statt. Das möchte ich mit meiner Übersetzung gerne ändern!

GM: Ein Problem für zumal neue Verlage ist bekanntlich die angemessene Präsenz in den Buchhandlungen; die Bücher der grossen Player sind hier prominent, die Kleinverlage allenfalls im Nischenregal rechts unten vor Ort, wenn überhaupt. Wird sich der Antium Verlag auf der „klassischen“ Buchhandel-Schiene oder doch eher im Web bewegen mit seinen Titeln?

BH: Beides, da wir, wie bereits erwähnt, althergebrachte mit moderneren Marketingwegen verbinden möchten. Wir sprechen über unsere Vertriebspartner durchaus auch den herkömmlichen Buchhandel an. Ob es aber gelingt, dass die Bücher am Ende tatsächlich in vielen Buchhandlungen aufliegen, wird sich noch zeigen. Für den Anfang, mit einem einzigen lieferbaren Titel, ist das wohl unrealistisch, aber wir arbeiten daran.

GM: Was bewog den Schriftsteller und Neuverleger Beat Hüppin persönlich, sich diesem finanziellen Wagnis einer Innerschweizer Verlagsgründung auszusetzen?

BH: Der ausschlaggebende Punkt für mich war einzig und allein, dass ich zusätzlich zu meinen eigenen Romanen gerne Übersetzungen aus dem Finnischen machen wollte. Dann fügte sich eines zum anderen.

GM: Wird der Innerschweizer Antium Verlag völlig autonom arbeiten, oder strebt er finanzielle und personelle Zusammenarbeiten mit den Schriftstellerverbänden oder mit nationalen Kulturinstitutionen an?

Lesetour Jaakko Melentjeff - Antium Verlag
Der Antium-Verlag macht Ernst mit seiner Protegierung von interessanter neuer Literatur aus Finnland: Der Debüt-Krimi „Die Ertrunkenen“ des Schriftstellers Jaakko Melentjeff geht auf Schweizer Lesetour, hier finden sich die Termine der (2-sprachig abgehaltenen) Autoren-Lesungen.

BH: Finanzielle Kooperationen etwa mit Pro Helvetia, den kantonalen Kulturämtern etc. sind in gewissem Rahmen schlicht notwendig, um die hohen Produktionskosten (wir drucken in der Schweiz) wenigstens ein bisschen abzufedern. Hingegen bei der Programmgestaltung, also der konkreten Auswahl der einzelnen Titel, wollen wir vollkommen autonom arbeiten. Wie weitere Kooperationsmöglichkeiten etwa mit den Schriftstellerverbänden aussehen könnten, wird sich im Laufe der Zeit noch zeigen.

GM: Welchen Stellenwert heute messen Sie dem geschriebenen Wort bei gegenüber dem gesprochenen bzw. gegenüber dem Bild? Können „unterhaltsame und intelligente Bücher“ – ein Leitmotiv des Antium Verlags auf der eigenen Webseite – Einfluss nehmen auf unsere Gesellschaft, möglicherweise gar positiven?

BH: Das Buch wurde schon tausendmal totgesagt, aber wir sind überzeugt davon, dass es immer noch ein Publikum gibt, das für interessante, teilweise vielleicht etwas anspruchsvollere Bücher zu haben ist. Dass man damit kaum das ganz grosse Publikum ansprechen kann, ist uns egal. Ich kann nicht oft genug betonen, dass wir nur Bücher machen, die wir selbst auch toll finden. Insofern kann, soll der Name Antium auf dem Umschlag auch zu einem Qualitätssiegel werden. Den allgemeinen Trend zu Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit können wir mit unseren Büchern sicherlich nicht umkehren. Wir können aber mit etwas, von dem wir selbst überzeugt sind, bewusst einen Gegenpol setzen.

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Interview mit dem Schweizer Schriftsteller René Oberholzer

… sowie den Essay über die hiesige Literaturszene von Mario Andreotti: Tendenzen der Schweizer Literatur

Weitere Internet-Artikel zum Thema Innerschweizer Literatur:


 

Peter Fahr: Zum Rassismus in der Schweiz

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Weisses Kreuz auf braunem Grund?

von Peter Fahr

Eine Vermehrung des materiellen Wohlstandes – das soll einmal grundsätzlich festgestellt sein – bewirkt in gar keiner Weise ein echtes moralisches Wachstum.
(Mahatma Gandhi)

Rassismus in der Schweiz: Eine Welle des Fremdenhasses überrollt das Land. In einer Zeit, in der die Flüchtlingsströme der Zweiten und Dritten Welt vermehrt in die Erste fliessen, verschärft die Schweizer Regierung in verschiedenen Anläufen mit dem Segen des Volkes das Asylgesetz und schickt die Armee an die Grenze, um illegale Einwanderer abzufangen. Die humanitäre Tradition des reichsten Landes der Welt erschöpft sich in der Ghettoisierung der Asylsuchenden und in abgedroschenen Floskeln der Politiker. Afghanische, äthiopische, syrische und andere Männer, Frauen und Kinder, die vor politischer Verfolgung, Kerker, Folter, Streu-, Phosphor- und Gasbomben zu uns fliehen, finden hier oft nur gegen den massiven Willen der ortsansässigen Behörden und Bevölkerung ein provisorisches Zuhause. Die neuen Nachbarn sprechen ihnen das Recht ab, an unserer Gesellschaft teilzuhaben.

Nicht integriert, sondern ausgegrenzt

"Flüchtlinge werden nicht angenommen, sondern geduldet; sie werden nicht in die Gemeinschaft integriert, sondern ausgegrenzt" (Peter Fahr). Bild: Flüchtlinge aus Eritrea während ihrer selbstmörderischen Bootsfahrt übers Mittelmeer nach Europa
„Flüchtlinge werden nicht angenommen, sondern geduldet; sie werden nicht in die Gemeinschaft integriert, sondern ausgegrenzt“ (Peter Fahr). Bild: Flüchtlinge aus Eritrea während ihrer selbstmörderischen Bootsfahrt übers Mittelmeer nach Europa

Flüchtlinge werden nicht angenommen, sondern geduldet; sie werden nicht in die Gemeinschaft integriert, sondern ausgegrenzt. Arbeit hat es für sie auf dem Bau, im Gastgewerbe, in Reinigungsinstituten und ähnlichen Berufszweigen. Mit ein paar Franken Sackgeld haben sie auszukommen und der Gerechtigkeitssinn mancher Schweizer sähe auch dieses Geld lieber in der eigenen Tasche. Die Wartezeit von der Einreichung des Asylgesuchs bis zum definitiven Bescheid der zuständigen Stellen zehrt an den Nerven und nur wenige Bewerber – das betrifft sogar Kinder, die ganz allein und ohne Eltern unterwegs sind – erhalten schliesslich Asyl. Die anderen werden in Drittländer ausgewiesen oder in ihr Heimatland abgeschoben, wo sie nicht selten im Gefängnis landen und gefoltert werden.

Fanatische Neonazis in der Schweiz

Doch die Ausländerfeindlichkeit begnügt sich nicht mehr mit einer unmenschlichen Asylpolitik, mit Parteiparolen, Hetzkampagnen und der Schaumschlägerei am Stammtisch und in Internetforen. Sie ist über die Mitgliederlisten von Schweizer Demokraten (SD), Aktion für eine unabhängige Schweiz (Auns) und Schweizerischer Volkspartei (SVP) hinausgewachsen und nistet sich ein in den Herzen der Unzufriedenen, Ängstlichen und Zukurzgekommenen. Mussten in den 60er, 70er und 80er Jahren Gastarbeiter und Saisonniers, in den 90er und 00er Jahren Tamilen und Tschetschenen verbale Prügel einstecken und nach Süditalien, Spanien, Griechenland, Sri Lanka und Tschetschenien zurückkehren, bangen die Asylbewerber heute um ihr Leben.

"Was Politiker, Stimmbürger und Beamte in die Wege geleitet haben, wird von Presse, Rundfunk und Fernsehen vernachlässigt oder verharmlost und somit gutgeheissen": Abstimmungs-Plakat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) für ihre Initiative "Masseneinwanderung stoppen"
„Was Politiker, Stimmbürger und Beamte in die Wege geleitet haben, wird von Presse, Rundfunk und Fernsehen vernachlässigt oder verharmlost und somit gutgeheissen“: Abstimmungs-Plakat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) für ihre Initiative „Masseneinwanderung stoppen“

Denn auch die Schweiz hat ihren Ku-Klux-Klan, unverbesserliche und fanatische Neonazis, die nicht nur Konzerte wie jenes in Unterwasser im Toggenburg im Oktober 2016 veranstalten, an denen deutsche Szenebands wie Frontalkraft, Stahlgewitter, Confident of Victory und die Schweizer Gruppe Amok auftreten, sondern auch Flüchtlinge zusammenschlagen oder Brandanschläge auf Asylunterkünfte verüben. Ihre Aktionen erinnern an die nationalsozialistischen der 30er Jahre und machen Schlagzeilen: Drohungen und Anpöbelungen, Brandstiftung und Bombenanschläge, Schlägereien und Totschlag. Während Flüchtlinge bedroht und verprügelt und ermordet werden, steht die Polizei abseits. Sie beobachtet und umzäunt höchstens Durchgangsheime und Asylunterkünfte mit Stacheldraht. Der Bundesrat ruft dazu auf, weitere Gewalttätigkeiten zu verhindern, und die Polizei erwägt zum Schutz der Asylbewerber die Installation von Flutlichtanlagen und Elektrozaun und diskutiert den Einsatz von Hundeführern. Dass diese Massnahmen kontraproduktiv sein könnten, da sie die Heimbewohner von ihrer Umgebung abkapseln und die fremdenfeindlichen Schläger zu neuen Angriffen herausfordern, scheint den Verantwortlichen unerheblich.

Bedachtes Schweigen statt öffentliches Gespräch

"Sieg Heil Sieg Heil !" - Versteckte Aufnahmen des Neonazi-Rockkonzertes in Unterwasser (St.Gallen) 2016 (Quelle: BLICK-Video - Screenshot)
„Sieg Heil Sieg Heil !“ – Versteckte Aufnahmen des Neonazi-Rockkonzertes in Unterwasser (St.Gallen) 2016 (Quelle: BLICK-Video – Screenshot)

Wo das öffentliche Gespräch geführt werden sollte, herrscht betretenes oder bedachtes Schweigen. Wo Ursachen- und Präventionsforschung betrieben werden müsste, wird ausgewogen Bericht erstattet. Was Politiker, Stimmbürger und Beamte in die Wege geleitet haben, wird von Presse, Rundfunk und Fernsehen vernachlässigt oder verharmlost und somit gutgeheissen. Die Schlagzeilen verblassen und die Bilder der Stacheldrahtverhaue sind schnell vergessen – es kann zur Tagesordnung übergegangen werden. Offensichtlich spiegeln die Medien bloss eine weitverbreitete satte Zufriedenheit, die Enttäuschung und Wut verheimlicht, eine Selbstherrlichkeit, die sich auch Verletzte und Tote leisten kann. Vermutlich sind nicht wenige Zuschauer, Hörer und Leser insgeheim sogar froh über die gewalttätigen Mitbürger, die es „den Schmarotzern“ endlich mal zeigen.

Lukrative Schweizer Waffenausfuhr in Krisenherde

Die Ausländerfeindlichkeit war bisher latent vorhanden in der Benachteiligung der Ausländer auf dem Arbeitsmarkt, wo diese ungleiche Bedingungen und eine niedrigere Entlöhnung in Kauf zu nehmen haben; in der scheinheiligen Entwicklungspolitik des Bundes, die ein Mehrfaches der Investitionen aus der Dritten Welt herauspresst; im „Bankenbanditismus“ (Jean Ziegler), der die Annahme von Flucht- und Drogengeldern und damit die Mitverantwortung für die Verschuldung der Entwicklungsländer beinhaltet; in der jahrelangen wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenarbeit mit Unrechtsregimes wie der Türkei, China und Saudi-Arabien; in der lukrativen Waffenausfuhr in Krisenherde und Diktaturen. Die Gesinnung, die der Unterdrückung und Ausbeutung anderer Völker und Nationen zugrunde liegt, zeigt sich auch in der hartnäckigen Schweizer Weigerung, der EU beizutreten. Diese Gesinnung, die egomanische Verachtung all derer, die jenseits der Grenzen leben, offenbart sich nun in der grausamen Ausländerhetze innerhalb der Landesgrenzen. Wie konnte es so weit kommen?

Ohnmacht

Die gesellschaftliche Orientierungskrise im Zeitalter der Umweltzerstörung – Stichwort Klimakatastrophe – erfasst Privilegierte und weniger Privilegierte. Die Ohnmacht gegenüber dem Lauf der Dinge fördert Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle, die in Misstrauen gegen Menschen, Schichten, Minderheiten und Ethnien umschlagen, die auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter stehen. Dazu gehören die Ausländer und Flüchtlinge. Der gegen sie gerichtete Hass vermag die eigene soziale Identität aufzuwerten und suggeriert Selbstsicherheit.

Futterneid

Das auf Wettbewerb ausgerichtete westliche Gesellschafts-, Wirtschafts- und Finanzsystem macht aus Menschen Gegner. Der Konkurrenzkampf um Wohnraum, Arbeitsplatz, Privileg und vieles mehr beutelt hauptsächlich un- und halbqualifizierte Arbeitnehmende und sozial schwache Familien; er gipfelt im Futterneid. In der Projektion der eigenen Angst vor einer ungewissen Zukunft auf Ausländer und Flüchtlinge zeigt sich der Versuch, die Machtposition in der Gemeinschaft zu behaupten.

Intoleranz

Die Unternehmer, Global Players und Financiers, die das Medienkarussell – Zeitungen, TV und Internet – mit Strom versorgen, liefern der Masse nur Informationen, die das politische System, das ihre Machtposition ermöglicht, festigen. Demokratie ist gut, solange sie ihre nationalen und transnationalen Machenschaften nicht tangiert. Die Informationsflut, der wir ausgesetzt sind, besteht grösstenteils aus Unterhaltung. Wer sich unterhält, informiert sich nicht. Vorurteile beruhen auf einem Mangel an Information und Wissen. Diese geistige Beschränktheit, dieses Bewusstseinsvakuum begünstigt die Intoleranz gegenüber den Flüchtlingen, über die man sich die schauerlichsten Geschichten erzählt, statt sich über ihre Kultur und ihren Schweizer Alltag zu informieren.

Schuldzuweisung

Die Mitverantwortung des Einzelnen für die bestehenden Missstände wiegt schwer. Gewissen und Handeln klaffen weit auseinander. Diese Schuld wird verdrängt, indem sie delegiert wird. Indem auf andere verwiesen wird, braucht man sich selbst nicht zu hinterfragen. Die Asphaltierung und Zubetonierung der Landschaft beispielsweise, so wird argumentiert, wäre ohne den Anteil der ausländischen Bevölkerung weniger weit fortgeschritten. Der Ausländer wird für das eigene Fehlverhalten haftbar und zum Sündenbock gemacht.

Rassismus

Sowohl die bürgerlichen Parteien wie auch die Sozialdemokraten unterschätzen nach wie vor die sozialen, militärischen und ökologischen Herausforderungen. Sie haben keine wirksamen Programme zur Hand. Viele Wähler sind enttäuscht und suchen neue Leit- und Vorbilder. Auf die komplexen Fragen dieser Zeit geben rechtsextreme Parteien und neonazistische Vereinigungen klare Antworten. Sie bestätigen, statt zu verunsichern. Ihr nationalistisches Weltbild bietet den Verwirrten neuen Halt, ihr rassistisches Gedankengut stärkt die Schwachen. Je grösser die nationalen und globalen Bedrohungen, desto grösser die Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen. Angst und Aggression machen sich Luft in der Diskriminierung von Andersartigen. Wer die Ethnien der Ausländer und Flüchtlinge zu degenerierten Rassen erklärt, verbirgt damit die eigene Degeneration.

Eine Welle des Fremdenhasses überrollt das Land. Machen wir uns nichts vor: Die meisten werden aufspringen, um nicht von ihr begraben zu werden. Mögen wir anderen den Mut aufbringen, in die Konfrontation einzutauchen und für die Vertriebenen und Verfolgten einzustehen. ♦


Gedichte zum Thema Ausländerfeindlichkeit

von Peter Fahr

Kürzlich

Kürzlich starben
nahe der syrischen Grenze
sieben jordanische Soldaten
bei einem Selbstmordanschlag
und Jordaniens Armee erklärte
die Region zum Kriegsgebiet

Tausende syrische Flüchtlinge
Männer Frauen Kinder
harren seit acht Tagen aus
in der jordanischen Wüste
ohne Nahrung und Medizin
ohne Aussicht auf Rettung

So viele Vertriebene
die Hälfte davon Kinder
sind ausgeliefert der Angst
dem Hunger dem Fieber
und brauchen dringend Hilfe
in der glühenden Hitze

Die Sonne brennt
Haut und Lippen platzen
die Eingeweide verklumpen
der Atem setzt aus
und die leeren Augen
der Verzweifelten brechen


Wir sind Touristen

Sie flüchten mit Booten aufs offene Meer
und viele ertrinken vor diesen Küsten.
Wir stürzen uns in die erfrischende Flut,
als ob wir nichts von den Flüchtlingen wüssten.

Wir liegen am Strand und träumen die Tage.
Wir leben gern. Was gehen uns Tote an?
Mietwagen und Hotelsuite klimatisiert.
Pizza und Pasta. Und ein Bier dann und wann.

Wir erholen uns hier, wir sind Touristen.
Wir cremen uns mit Schutzfaktor 50 ein.
Im Windschatten wachsender Leichenberge
bräunt uns der lampedusische Sonnenschein.


Peter FahrPeter Fahr

Geb. 1958 in Bern/CH, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Bern, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, Autor von Hörspielen, politischen Gedichten und zeitkritischen Essays, Träger verschiedener Literaturpreise, lebt in Bern

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Rassismus“ auch über A. Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

… sowie Kurzprosa von Peter Fahr: Begegnung

Michael Hasenfuss: Damit machen wir heut was (Lyrik)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Damit machen wir heut was

Damit machen wir heut was

Alles, was ständig versprochen wird,
alles, was schön ist und gut,
alles, was recht ist und wirklich nicht schlecht ist und so gut gemeint,
das wird heut verraten
und tapfer beweint.

Alles, was keiner begreifen kann,
alles, was gross ist und schweigt,
alles, was trennt oder eint, unerreicht oder klein ist und schreit,
das wird heut verstanden
als sei man gescheit.

Alles, was immer schon fraglich war,
alles, was edel und rar,
alles, was gilt, was Bestand hat und Wert oder Namen und Rang,
das wird heut vergessen.
Das ist nicht von Belang.

Alles, was keiner mehr haben will,
alles, was rumliegt und stört,
alles, was übrig ist, abgespielt, nutzlos im Staub sich verliert,
das wird heut betrachtet
und kartografiert.

Alles, was lange schon fällig ist,
alles, was leider nicht geht,
alles was scheitert, was zwangsläufig immer nur schief gehen kann,
das wird heut versucht.
Wir sehen’s ja dann.


Michael Hasenfuss

Michael Hasenfuss - Schweizer Autor Lyriker Schauspieler - Glarean Magazin

Geb. 1965 in Wuppertal/D, Schauspiel-Studium in Hannover, schreibt seit 1995 Lyrik & Theaterstücke, 2004 Übersiedlung in die Schweiz, arbeitet als freischaffender Schauspieler an verschiedenen Stadttheatern sowie bei Radio und Fernsehen, lebt mit Frau und Kindern in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin weitere Lyrik von Susanne Rzymbowski: Zwei Gedichte
… sowie zum Thema Schweizer Autoren auch von Matthias Berger: Drei Zeit-Gedichte

Joanna Lisiak: Spurlos berührt (Drei Gedichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Spurlos berührt – Ratschlag – Innere Ruhe

spurlos berührt

in der nacht aufnehmen die steine
vom herzen zusehen wie
alles davonfliesst ins gefühl
des luftleeren raumes
in aller ruhe hören die flut
ein präzises du geöffnet
und die anspielungen
auf seltsame weise
schön

ratschlag

halbtransparent anfangen
räumliche zwischentöne achten
sauber treffen

relativieren aus eigener erfahrung
isolierte gedanken umgekehrt abwägen
die erdigen elemente bewusst integrieren

zur stimmung bunt beitragen
zur unterstützung fest beeinflussen
mit der natur in gleichgewicht kombinieren

in guter gestaltung natürlich wirken
nach ruhe aussehen
sinnesreiche wahrnehmung erzielen
das reine unschlagbar empfinden

vom subtilen besetzen lassen
warm abheben

innere ruhe

zwischendurch diese
banale zufriedenheit
fasziniert wie ein
sonnendurchfluteter gibt
man sich feierlich
die eigene empfindung
ist ausgiebig
gerade das ist
der springende punkt

die form des seins
glücksgefühl im weitesten sinne

von dieser fröhlichkeit
durchquert wie ein
frühlingshafter spricht man
das wort aus direkt

heute


Joanna Lisiak - Lyrik und Prosa - Glarean MagazinJoanna Lisiak

Geb. 1971 in Poznan/Polen, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, schreibt auch Theaterstücke & Hörspiele, Mitglied u.a. des PEN; Jazz-Sängerin, lebt in Nürensdorf/Schweiz

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Lyrik auch von
Martin Kirchhoff: Drei Gedichte

Interview mit dem Schriftsteller René Oberholzer

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 12 Minuten

Der Mann mit dem Schalk im Lächeln

oder

Strawberry Fields Forever!.

von Karin Afshar

Baumschule

Die Bäume gehen zur Schule
Lernen wie man wächst und gerade steht
Lernen wie man sich biegt und wieder aufrichtet
Lernen nicht wie man der Axt entkommt

(René Oberholzer in der Anthologie „…bis an die Baumgrenze“,  Khorshid Verlag 2009)

René Oberholzer (*1963 in St. Gallen)
René RO (*1963 in St. Gallen)

„Der Mann“ ist Schweizer Schriftsteller und Performer, lebt und arbeitet seit 1987 in Wil. Geboren ist er 1963 in St. Gallen. Seit 1986 schreibt er Lyrik, seit 1991 auch Prosa. – So in etwa lauteten die an uns geschickten Zeilen, die mit drei Gedichten eintrafen. „Uns“ bzw. „Wir“ – das waren meine Herausgeberin und ich – wir hatten Anfang 2009 eine Anthologie mit dem Thema „Bäume“ ausgeschrieben. Die drei eingesandten Gedichte setzten wir sofort auf die Haben-wollen-Liste. Das Buch erschien im September 2009; inzwischen sind mehr als sechs Jahre ins Land gegangen. Fragen Sie nicht, warum es erst jetzt ein Interview (haben wir per Mail geführt) mit René Oberholzer gibt!
Legen Sie sich am besten zum Lesen eine gute alte LP von den Beatles auf, und geniessen Sie.

Karin Afshar: René, woran arbeitest du gerade?

René Oberholzer: Momentan arbeite ich an Texten zum Thema „Urlaub“. Diese werden dann in eine szenische Lesung mit der Autorengruppe Ohrenhöhe münden, mit der ich seit Jahren immer wieder neue Themen bearbeite und auf die Bühne bringe. Das ist mein mittelfristiges Ziel für nächstes Jahr. Längerfristig arbeite ich an einem neuen Kurzprosaband, der thematisch völlig ungebunden sein wird.

KA: Autorengruppe? Aufführen? Stimmt, ich hatte es im Hinterkopf, und auf deiner Webseite kann der Besucher auch einiges dazu sehen. Das sieht nach Proben, nach sehr viel Zeit fürs Schreiben und fürs Kreative aus? Bist du freier Schriftsteller und Künstler, oder gibt es noch einen anderen Broterwerb?

RO: Ich bin kein freier Schriftsteller und Künstler, mein hauptsächlicher Broterwerb ist das Unterrichten als Oberstufenlehrer an einer Ostschweizer Schule. Und das ist auch gut so. Ich könnte mir nicht vorstellen, nur zu schreiben und vom Schreiben auch noch leben zu müssen. Das würde mich einerseits zu stark unter kreativen und ökonomischen Druck setzen, und andererseits würde es meine Freiheit, das zu schreiben, wonach ich Lust habe, zu stark einschränken. Durch meinen Brotberuf habe ich in literarischer Hinsicht Narrenfreiheit und kann ohne Rücksicht auf Verluste schreiben und stehe auch unter keinem Veröffentlichungsdruck. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, den ganzen Tag an einem Computer oder vor einem Heft zu sitzen und zu schreiben. Ich muss zuerst nach draussen gehen, das Leben leben und das Unterbewusstsein mit Bildern und Geschichten füllen, damit ich wieder literarisch etwas Neues kreieren kann nach dem Prinzip: Leben – Schreiben – Leben – Schreiben. Und dafür ist ein Brotberuf, der einen kreativ nicht unter Druck setzt, sehr nützlich. Zudem müsste ich extrem gut und extrem produktiv sein, um in der Schweiz vom Schreiben leben zu können. Sogar ganz grosse Autoren wie Kafka u.a. haben ja nicht allein vom Schreiben gelebt und sind einem „bürgerlichen Beruf“ nachgegangen.

KA: Daraus ergibt sich natürlich gleich die nächste KA: Welche Fächer unterrichtest du, welches davon ist dein Lieblingsfach?

RO: Ich unterrichte die sprachlich-historischen Fächer, d.h. Deutsch, Französisch, Englisch, Räume & Zeiten (eine Kombination von Geschichte und Geografie), Bildnerisches Gestalten und Individuum & Gemeinschaft. Lieblingsfächer habe ich gleich mehrere – Deutsch, Englisch und Geschichte (ist in Räume & Zeiten integriert).

KA: Apropos Englisch, Französisch: Wieviele Sprachen sprichst du?

RO: Ich spreche in meiner Umgebung Schweizerdeutsch, beim Unterrichten in der Schule Hochdeutsch, ansonsten in den entsprechenden Fächern Französisch und Englisch.

KA: Stichwort „mehrsprachige Schweiz“ – Ich habe vor Jahren ein Buch besprochen, in dem es dann hiess, ja – die Schweiz sei mehrsprachig, die Einwohner seien es jedoch nicht zwangsläufig (sehr verkürzt gesagt) … Sprichst du einen Dialekt?

RO: Ich spreche den St. Galler Dialekt, von dem man in der Schweiz sagt, dass er relativ neutral im Vergleich zu anderen Dialekten sei.

KA: Mich als Linguistin interessiert und fasziniert dieses Thema immer wieder. Ich frage die bilingualen und multilingualen Kinder in meiner Umgebung, wenn es sich ergibt, und erhalte erstaunliche Antworten. Wie ist es bei dir: hast du eine Gefühls- und eine Denksprache? Verschieden oder identisch?

RO: Dadurch dass ich in der Schule Hochdeutsch als Unterrichtssprache spreche, viel in Büchern, in Zeitschriften und im Internet lese, ist mir die deutsche Hochsprache sehr vertraut geworden. Ich denke in der Hochsprache. Obwohl ich mit der Schweizer Mundart aufgewachsen bin, die eigentlich meine Gefühlssprache ist, ist die deutsche Hochsprache mittlerweile zu einer gleichwertigen Muttersprache wie die Mundart geworden, nicht zuletzt auch, weil ich einige Freunde und Bekannte im benachbarten deutschsprachigen Ausland habe. Und dann ist da natürlich mein eigenes Schreiben, das mich nicht in der Mundart, sondern in der Hochsprache denken und dann später auch reflektieren lässt. Wenn ich den Fernseher anmache, schaue ich mir lieber deutsche Sendungen in der Hochsprache an, das hat dann einen eigenartig professionelleren Anstrich.
Fühlen und Denken sind bei mir nicht zwei Schubladen, sondern greifen ineinander, deshalb ist die hochdeutsche Denksprache mittlerweile auch zu einer Gefühlssprache geworden.

René Oberholzer ("Der Runner")
René RO („Der Runner“)

KA: Dass Dialekte als „unprofessionell“ herüberkommen, ist ihrer Domäne geschuldet. Man muss eben wissen, wo man sich bewegt. Ich habe nie den Dialekt meiner Mutter sprechen gelernt (wiewohl ich auch kein Hochdeutsch sprach, was ich dachte, und was sich beim Umzug in den Norden dann als Irrtum herausstellte), d.h. ich habe mich nie so weit zu dieser Familienseite gehörig gefühlt, um mich mit ihr zu identifizieren. Wir waren im letzten Jahr im Dorf, besuchten Freunde meiner Mutter, und es war ein grosses „Fest“ – alle sprachen im Dialekt, denn das war die Sprache ihrer Zugehörigkeit. Irgendwann kam einer auf die Idee zu fragen, ob ich sie denn verstehe. Die Sprache ist beides: einerseits Gefühl-/Denksprache und andererseits eine Identitätsstifterin und Schafferin des sozialen Zusammenhalts. Das bringt mich zu einem sozialen Netzwerk, in dem wir auch miteinander vernetzt sind. – Da sehe ich dann immer wieder Fotos vom RO: in dieser Pose (siehe dein eigenes Foto rechts) an den verschiedensten Orten. Was hat es mit den Fotos auf sich? Gibt es eine Geschichte dahinter, was die Bewegung und ihre Richtung angeht?

RO: Es gibt keine konkrete Geschichte zu meinen „Runner“-Bildern. Ich habe vor langer Zeit gemerkt, dass es nebst dem Grinsen in die Kamera oder dem mehr oder weniger guten Posieren vor einer Kamera noch eine andere Pose geben könnte, und so habe ich die Figur des „Runners“ kreiert. Sie gibt einem statischen Bild Bewegung, suggeriert natürlich auch, dass ich ständig in Bewegung bin, manchmal mit dem Betrachter-Bildstrom von links nach rechts schwimme, manchmal gegen das Auge des Betrachters von rechts nach links anrenne. Mittlerweile sind diese „Runner“-Bilder zu einem Markenzeichen von mir geworden. Es gibt bereits vereinzelt Menschen, die mich in derselben Pose begrüssen, sie anderweitig imitieren oder mich auf sie ansprechen. Auf jeden Fall löst sie bei allen ein Schmunzeln aus.

KA: Schmunzeln – Schmunzeln muss ich oft, wenn auf meiner Startseite RO-geteilte Posts auftauchen. (So ein Netzwerk ist ein herrliches Medium zum Mitlesen, oder?) Sehe ich das richtig, dass du surreale Malerei oder überhaupt das Surreale magst?

RO: Der Surrealismus ist tatsächlich die Kunstrichtung in der Malerei, die mich am meisten interessiert und fasziniert, weil ihre geheimnisvolle Poesie mich zum Denken anregt. Es sind Bilder von René Magritte, Salvador Dali oder Wolfgang Lettl und anderen Surrealisten, die es mir angetan haben. Surrealistische Bilder sind auch nach Jahren nie langweilig, verlieren nichts von ihrem Geheimnis oder ihrem „Mysterium“, wie René Magritte den Inhalt seiner Bilder einst beschrieben hatte. Zudem spült der Surrealismus durch die Verbindung zum Unterbewussten und zu den Träumen Inhalte hervor, die das Denken normalerweise nicht hervorbringt. Der Surrealismus liefert mir eine Metaebene, die ich zu verstehen versuche. Und das macht ihn für mich interessant, weil ich vor surrealistischen Bildern verweilen kann. Das passiert mir bei realistischen oder abstrakten Bildern nicht. Aber ich mag auch Bilder von Van Gogh oder Claude Monet, auf denen ich erkennen kann, was abgebildet ist, unabhängig von der jeweiligen Kunstrichtung.

KA: Wann hat diese Faszination angefangen? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?

RO: Ein Schlüsselerlebnis, warum ich den Surrealismus so mag, gibt es nicht wirklich, es ist vermutlich die Summe von verschiedenen Entwicklungsprozessen, die ich durchlaufen habe, und diversen Einflüssen. Da spielt meine Fantasie eine Rolle, die immer wieder nach dem sucht, was nicht alle Menschen suchen, da ist die Vorstellung, dass man etwas immer auch mit anderen Augen anschauen kann, da ist meine Liebe zur Musik der Beatles, die mich im Teenageralter zu prägen begonnen und mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Viele Songtexte der Beatles ab 1966 haben extrem surreale Züge, der Trickfilm „Yellow Submarine“ ist Surrealismus pur. Dieser Film hat mich sehr beeinflusst. Da waren aber auch die Filme von Luis Bunuel, die mich inspiriert haben, oder auch Filme, in denen Michel Piccoli, den ich für einen der grössten Schauspieler halte, eine Hauptrolle gespielt hatte.
Ein persönliches Erlebnis mit einem meiner surrealistischen Vorbilder, das für mich sehr prägend war, als ich mich ästhetisch schon längst dem Surrealismus verschrieben hatte, gibt es aber trotzdem. Das war der Besuch bei Wolfgang Lettl in Augsburg. Ich war mit meiner damaligen Lebenspartnerin extra nach Augsburg gereist, um seine Bilder im Atrium-Museum mir anzusehen.
Dabei kam es zu einem Treffen mit Florian Lettl, dem Sohn von Wolfgang Lettl, der den ganzen Nachlass und die Museen in Augsburg und Lindau betreut. Florian Lettl spürte, dass ich ein echtes Interesse an der Kunst seines Vaters hatte, zumal ich das halbe Museum mit Postkarten und Postern aufgekauft hatte, und lud mich deshalb zuerst zu sich nach Hause und später zu seinem Vater ein. Diese Begegnung mit einem der grössten Surrealisten des 20. Jahrhunderts war schon sehr beeindruckend. Umso trauriger war die Nachricht, dass er kurze Zeit später im Jahr 2008 verstorben war.

KA: Malst du auch selbst?

RO: Nein, ich selbst male nicht. Ich habe es vor Jahren versucht, merkte aber, dass das nicht meine Schiene ist, obwohl ich mit der Malerei sehr verbunden bin. Zum einen konnte ich mit den wenigen Bildern, die ich gemalt hatte, damals keine Geschichten erzählen, zum anderen fehlte mir auch der Platz und die Zeit, die Malsachen immer wieder hervorzunehmen. Da war das Schreiben wesentlich einfacher. Ich konnte einen Schreibblock und einen Kugelschreiber überallhin mitnehmen. Und die Reproduktion meiner geschriebenen Texte war auch wesentlich einfacher, als das bei einem gemalten Bild der Fall ist. Eine Bildervernissage zu organisieren, ist wesentlich aufwändiger als eine Lesung abzuhalten. Heutzutage ist das Reproduzieren von Kunst im Internetzeitalter zwar etwas leichter geworden, doch das Originalbild ist immer noch das Originalbild. Bei einem Text kommt es nicht auf das handgeschriebene Original an, sondern nur auf die Worte, das Original hat demzufolge keine grosse Bedeutung, ausser man wird später einmal sehr berühmt.

KA: Deine Texte – und ich denke auch an drei Gedichte in „…bis an die Baumgrenze“ – leben von dem Spiel mit der Erwartung der Leser. Diese Erwartung führst du ad absurdum, führst den Leser in eine andere als die von ihm gedachte Richtung.

RO: Genau. So passieren in meinen Geschichten oft Dinge, die zwar sehr real sind, doch in der Art, wie sie passieren, nur in meinen Geschichten passieren können. Was mich beim Schreiben von Geschichten oder Gedichten aber auch mit dem Surrealismus verbindet, ist die Möglichkeit, damit Interpretationsräume für den Leser/die Leserin zu öffnen. Das fängt beim Titel an und hört bei einem offenen Schluss auf. Der Leser/die Leserin soll mitdenken und den Inhalt weiterspinnen können. Das gelingt auch nicht immer in meinen Texten, denn jeder Text kommt, wie er kommt, und manchmal sind ja auch Texte, in denen mehr oder weniger alles gesagt ist, nicht schlecht, weil sie ein schönes Bild oder ein schönes Gefühl vermitteln, das stimmig ist. Oder aber eine knallharte Realität so darstellen, wie sie nun einmal ist. Dabei ist die Poesie, wenn sie dann in Texten vorkommt, im Ansatz schon ein wenig surreal, weil ja niemand auf der Strasse so spricht, wie z.B. oft in Gedichten gesprochen wird.

KA: Wenn ich da jetzt so drüber nachdenke… Dann war und ist der Surrealismus auch eher eine Kunstrichtung, die mich mehr fasziniert als ein blosser Impressionismus. Aber es hat vieles einen Platz unter der Sonne und seine Abnehmer und Liebhaber. Zur Musik! – du hast sie bereits erwähnt – als prägend für dich (wie sie prägend für eine ganze Jugendgeneration waren) – die Beatles. Was verbindet dich mit ihnen?

RO: Mit den Beatles verbindet mich zum Ersten eine tiefe musikalische Liebe. Es gibt meiner Meinung nach keine Gruppe und keinen Sänger/keine Sängerin, die eine derart grosse Bandbreite an Melodien geschaffen haben wie die Beatles. Ihre Melodien sind zu meinen inneren Melodien geworden. Und je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass ich meine grundsätzliche Fröhlichkeit auch ein Stück weit den Beatles zu verdanken habe. Mit Beatles-Liedern im Herzen bist du eigentlich immer auf der Sonnenseite.
Dann gibt es natürlich auch die textliche Seite der Beatles-Lieder, die mich beeinflusst hat. Da sind z.B. Hymnen wie „All You Need Is Love“, die in ihrer Botschaft so existenziell sind, dass eigentlich alles gesagt ist. Dann ist da die lebensbejahende, inhaltliche Seite in Songs wie z.B. in „Here Comes The Sun“, die politische Seite wie z.B. in „Revolution“, in dem klar gegen Gewalt Position bezogen wird. Und dann ist da die surrealistische Seite wie z.B. in „Strawberry Fields Forever“ oder die textlich und musikalisch raffiniert montierte und sehr moderne Seite wie z.B. in „A Day In The Life“, um nur einige unterschiedliche Seiten der Beatles aufzuzählen.

KA: Die innewohnende Fröhlichkeit? – Der tiefstapelnde Humor?

RO: Ihr Witz – der spiegelt sich nicht nur in ihren Liedern wider, sondern vor allem auch in ihren Filmen wie „Help“ oder „Yellow Submarine“. Da ist viel trockener, englischer Humor drin, den ich sehr mag. Und dann mag ich auch ihre Interviews, in denen sie mit lakonischen Sätzen und surrealen Wendungen auf banale KA:n von Journalisten geistreich und schräg geantwortet haben und damit bewiesen haben, dass man sich zwar ernst, aber das Leben um sich herum nicht immer so ernst nehmen sollte.

KA: Als es sie dann nicht mehr… wem bist du mehr gefolgt? John Lennon, George Harrison, Ringo Starr oder Paul McCartney? Ich frage das, weil ich selbst zunächst mehr George Harrison hörte. 1979 kam „George Harrison“ heraus, hab ich mir als Kassette organisiert. Paul McCartney und die „Wings“ („With a little luck“) – hab ich auch rauf und runter gehört.

RO: Natürlich habe ich die Solokarrieren aller vier Beatles mitverfolgt, teilweise auch rückblickend in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Heutzutage bin ich noch immer stark mit Paul McCartney verbunden, den ich gerne einmal treffen würde. Seine Musik seit der Trennung der Beatles verfolge ich sehr genau, und seine vegetarische Lebensweise, die ich auch lebe, beeindruckt mich sehr. Zudem bewundere ich, welche Energie er in seinem Alter noch hat, und wie er laufend neue Projekte realisiert. Aber auch die Soloalben und -projekte der anderen drei Beatles, vor allem die der bereits Verstorbenen John Lennon und George Harrison, sind sehr beeindruckend und haben mein Post-Beatles-Herz höher schlagen lassen.

KA: Jetzt fallen mir doch noch etliche Fragen ein, aber ich habe mein selbstgestelltes Fragen-Limit erreicht. Eine letzte Frage aber doch noch – weg von der Musik zurück zur Literatur: Welches Buch würdest du unseren Lesern empfehlen?

RO: Da kann ich mich nur schwer auf eines fixieren. So gebe ich mal völlig unrepräsentativ aus  vier literarischen Sparten je ein Buch an.
Roman: „Der Prozess“ von Franz Kafka (1925)
Kurzprosa: „Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter“ von Aglaja Veteranyi (2004)
Drama: „Das letzte Band“ von Samuel Beckett (1958)
Lyrik: „Buckower Elegien“ von Bertold Brecht (1964)

KA: Hier tauchen sie also auch wieder auf – die Dinge über die du sprachst. „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität. Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen, zu unbekümmert jedoch um meinen Tod, um nicht zumindest die Freuden eines solchen Besitzes abzuwägen“, schrieb  André Breton, und von dir könnte man vielleicht sagen: Das Leben in seinen vielen Ausprägungen ist eine so ernste Angelegenheit, dass man gut daran tut, sie nicht zu ernst zu nehmen. Mit Ungeduld, ohne sich festhalten zu lassen und in körperlicher wie geistiger Bewegung.
René, ich wünsche dir weiter viel (Bein-)Freiheit.

Der Radwechsel

Ich sitze am Strassenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

(Bertolt Brecht, Buckower Elegien)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Rene Oberholzer: Vier Berg-Short-Storys (Kurzprosa)

… sowie das Literatur-Interview mit dem Verleger Beat Hüppin: „Das qualitätsvolle Buch hat Zukunft“

Mario Andreotti: „Kunst geht nach Brot“ (Literaturbetrieb)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 34 Minuten

„… die Kunst geht nach Brot“

von Mario Andreotti

.Der etwas sonderbare metaphorische Titel meines heutigen Vortrags „…die Kunst geht nach Brot“ mag Sie, geschätzte Zuhörende1), zunächst irritiert haben. Gleichwohl haben Sie natürlich sofort gemerkt, woher der Satz stammt: aus Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Emilia Galotti“ nämlich. Es ist gleich zu Beginn des Stücks die Antwort des Malers Conti auf die Frage von Prinz Hettore, was die Kunst denn mache. Lessing verwendet hier ein Sprichwort, das schon für das 16.Jahrhundert bezeugt ist.

„Auftraggeber“ von Malerei, Musik und Literatur

Fragen wir uns kurz, was dieses Sprichwort denn eigentlich aussagt. Etwas im Grunde Einfaches, würde ich meinen: Es sagt aus, dass die Kunst, also etwa Malerei und Musik, aber auch die Literatur so etwas wie einen ‚Auftraggeber‘ hat. Bis zur Mitte des 18.Jahrhunderts war dieser Auftraggeber der Fürstenhof; Intellektuelle und Kulturschaffende wurden, indem die Fürsten ihren Lebensunterhalt bestritten und als ihre Mäzene auftraten, an die Höfe gebunden, waren von ihnen abhängig. Friedrich Schiller etwa hat diese Abhängigkeit auf besonders krasse Weise zu spüren bekommen: Als er ohne Einwilligung von Herzog Karl Eugen der Uraufführung seines ersten Dramas „Die Räuber“ im Mannheimer Nationaltheater beiwohnte, hat ihn das 14 Tage Arrest gekostet. Karl Eugen verbot ihm, weiterhin Dramen zu schreiben, was Schiller bekanntlich zur Flucht über Mannheim nach Frankfurt veranlasst hat.
Seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts, dem Aufstieg des Bürgertums und der Entstehung eines modernen Urheberrechts, ist es zunehmend der freie Markt mit seinen Vorgaben, sind es die Verleger, Lektoren und Literaturagenten, ist es nicht zuletzt auch die Literaturkritik, die zum Auftraggeber der Kunst – genauer gesagt, der Literatur – wird. Wir sprechen dann recht eigentlich von einem Literaturbetrieb. Von diesem Literaturbetrieb, wie wir ihn heute kennen, soll in meinem Vortrag die Rede sein.

Gründe für den modernen Literaturbetrieb

Literaten-Abhängigkeit von den Mächtigen&amp;Reichen: Arrest für Schiller wegen dessen
Literaten-Abhängigkeit von den Mächtigen&Reichen: Arrest für Schiller wegen dessen „Räuber“

Das setzt, verehrte Hörerinnen und Hörer, allerdings voraus, dass wir zunächst ein wenig zurückblicken in eine Zeit, da Literatur noch kein Betrieb, das Buch noch keine Ware und die Literaturkritik noch nichts mit der Vermarktung von Büchern, mit Marketing, zu tun hatte. Dabei geht es mir nicht um Nostalgie, nicht um Kulturpessimismus oder gar um Untergangsstimmung. Ich möchte lediglich aufzeigen, wie die Entwicklung in den letzten dreissig, vierzig Jahren – der Zeit, die ich beruflich als Germanist überblicken kann – verlaufen ist, was sich verändert hat und was den heutigen Literaturbetrieb ausmacht.

Unerbittlicher Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt: Die Frankfurter Buchmesse
Unerbittlicher Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt: Die Frankfurter Buchmesse

Was gab es also und was gab es nicht, damals, in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als ich auf dem Gebiet der Literatur und des Literaturbetriebes die ersten Schritte machte. Es gab die Autorinnen und Autoren, die Bücher schrieben, mehr Männer noch immer als Frauen; es gab die Verlage, oder, besser gesagt, die Verleger, fast ausschliesslich Männer, die diese Bücher herausbrachten; es gab die Kritikerinnen und Kritiker, auch hier mehr Männer als Frauen, welche die Bücher rezensierten; und es gab die Buchhandlungen oder, besser gesagt, die Buchhändlerinnen und Buchhändler, die dafür sorgten, dass die Bücher auch unter die Leute kamen. Hier waren die Frauen in der Überzahl.

Verdrängungskampf in der Buchbranche

Band 200x5
„Nicht nur das Verhältnis der Geschlechter hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert; anders geworden sind auch der Stellenwert der Buch-Branchen und der Umgang, den sie miteinander pflegen.“

Alles wie heute, sind Sie, verehrte Anwesende, vielleicht geneigt zu sagen. Aber das stimmt nicht ganz. Nicht nur das Verhältnis der Geschlechter hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert; anders geworden sind auch der Stellenwert der einzelnen Branchen und der Umgang, den sie miteinander pflegen. Etwas verallgemeinert lässt sich sagen, dass früher alles etwas persönlicher als heute war und etwas gemächlicher zu und her ging. Da gab es zum Beispiel die Frankfurter Buchmesse im Herbst. Auf diesen Termin hin liessen die Verlage ihre Bücher erscheinen. Das heisst, der Herbst fand auch wirklich im Herbst statt und nicht schon im Juli oder August, wie dies heute der Fall ist, weil der Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt so unerbittlich geworden ist und jeder jedem zuvorkommen will. Dadurch, dass es seit einigen Jahren zwei Programme pro Jahr gibt und zwei Buchmessen – die grosse im Oktober in Frankfurt und die andere, etwas kleinere im März in Leipzig und dazu noch den „Salon du livre“ in Genf und die Buchmesse in Basel – hat sich diese Situation weiter zugespitzt. Neue Bücher erscheinen heute das ganze Jahr hindurch. Die Folgen sind denn auch klar: Buchhändler, Rezensenten und natürlich auch die Leser sehen sich mit einer nicht abreissenden Flut von Neuerscheinungen konfrontiert, die sie kaum mehr zu überblicken und schon gar nicht mehr zu bewältigen vermögen.

Bedrohliche Masse von 80’000 neuen Buchtiteln jährlich

Zwei der letzten grossen Verleger-Persönlichkeiten: Siegfried Unseld (†2002) und Daniel Keel (†2011)
Zwei der letzten grossen Verleger-Persönlichkeiten: Siegfried Unseld (†2002) und Daniel Keel (†2011)

Über 80‘000 neue Titel werden jeweils an der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt. Auch wenn man von dieser Zahl die Koch-, Reise- und Ratgeberbücher, die Fachliteratur und die Bildbände abzieht, bleibt immer noch eine bedrohliche Masse übrig, und es fällt zunehmend schwerer, mit dem nötigen Respekt und der nötigen Differenziertheit an das einzelne Buch heranzugehen. Feuilletonredaktionen und freischaffende Rezensenten wissen längst nicht mehr, wie sie sich der Bücherflut entledigen sollen, die da während des ganzen Jahres über sie hereinbricht. Sie mögen sich manchmal nach jenen Zeiten zurücksehnen, als es etwa in Zürich noch Verleger wie einen Peter Schifferli, den Gründer des Arche Verlags, gab, der die neuen Bücher, in buntes Seidenpapier gewickelt, jeweils eigenhändig auf den Redaktionen vorbeibrachte.
Das Verschwinden von Verlegerpersönlichkeiten wie Peter Schifferli erscheint mir für die Entwicklung der ganzen Branche symptomatisch. Den meisten nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründeten oder nach Deutschland zurückgekehrten Verlagen standen noch bis weit in die 1970er Jahre hinein Persönlichkeiten vor, die Bücher liebten, etwas von Literatur verstanden, mit Autoren umzugehen wussten, einen Riecher für junge Talente hatten und im günstigsten Fall auch einigermassen geschäftstüchtig waren. Verlagsnamen wie Fischer, Suhrkamp, Rowohlt, Haymon, Beck, Hanser oder Diogenes waren mit solch herausragenden Persönlichkeiten verbunden: mit Liebhabern, ja Besessenen, die Bücher machen wollten, gute Bücher, erfolgreiche Bücher, und die deshalb ihre Autoren pflegten wie Rennstallbesitzer ihre Pferde.
Mit Siegfried Unseld und Daniel Keel sind in den letzten Jahren zwei der letzten dieses Schlags gestorben. Bei Hanser gibt es seit 2013 Michael Krüger nicht mehr und auch Egon Ammann, der Gründer des renommierten Ammann Verlags, der vor fünf Jahren aufgelöst wurde, ist von der literarischen Bühne abgetreten: alles Verlegerpersönlichkeiten, die den Verlagen ihren ganz persönlichen Stempel aufgedrückt haben. Mit ihnen geht wohl eine Tradition zu Ende, die von der engen, bisweilen ein Leben überdauernden Beziehung zwischen dem Verleger und seinen Autoren lebte.

Manager statt Verlegerpersönlichkeiten

„Von Büchern, von Autoren, von Literatur häufig keine Ahnung“: Die Buchkonzern-Chefs und Multimillionäre Thomas Rabe (Bertelsmann) und Stefan Holtzbrinck (Holtzbrinck)

An die Stelle von Verlegerpersönlichkeiten, meine Damen und Herren, sind heute Verlagsmanager oder Konzernchefs getreten. Die bunte Palette von Verlagsnamen und Verlagsprogrammen ist nicht viel mehr als schöner Schein, der darüber hinwegtäuschen soll, dass die Unternehmen Bertelsmann und Holtzbrinck mittlerweile fast den ganzen deutschen Buchmarkt unter sich aufteilen. Die einzelnen Verlage versuchen zwar noch Verlagsprofile aufrecht zu erhalten und sich den Anschein einer gewissen Eigenständigkeit zu geben. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass sich hinter der Vielfalt das knallharte Management von Branchenriesen verbirgt. Die starken Männer – es sind fast ausschliesslich Männer -, die an der Spitze dieser Konzerne stehen, kommen nicht selten aus branchenfernen Unternehmen. Sie beherrschen die goldenen Regeln von Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung; von Büchern, von Autoren, von Literatur überhaupt haben sie häufig keine Ahnung. Müssen sie auch nicht haben, denn ihre Aufgabe besteht darin, den Cashflow zu steigern und satte Gewinne zu erzielen. Sie tun es vor allem, indem sie ihre Lektoren, deren Aufgabe es bisher war, Autoren zu entdecken und Trends aufzuspüren, mit konkreten Umsatzvorgaben dazu verpflichten, Verkaufserfolge anstelle von literarischer Qualität zu generieren. Lektoren sind denn auch immer mehr mit Fragen des Marketings und der Pressearbeit beschäftigt, so dass ihre Arbeit am Text zu kurz kommt. Stille Bücher, schwierige Bücher, Lyrik zum Beispiel oder experimentelle Texte, haben in einem solch ausschliesslich marktorientierten System kaum mehr eine Chance. Und gäbe es, vor allem unter jungen Verlegern, nicht immer noch und immer wieder hoffnungslose Idealisten und Selbstausbeuter, wir bekämen bald nur noch Bücher vorgesetzt, die eine Auflage von 100‘000 Exemplaren oder mehr rechtfertigen.

Zunehmende Merkantilisierung des Buchhandels

Als gute Literatur in die Liga der Bestseller aufgestiegen: Marlene Streeruwitz (Österreich), Wilhelm Genazino (Deutschland), Ruth Schweikert (Schweiz)
Als gute Literatur in die Liga der Bestseller aufgestiegen: Marlene Streeruwitz (Österreich), Wilhelm Genazino (Deutschland), Ruth Schweikert (Schweiz)

Die Entwicklung im Buchhandel leistet diesem Trend zusätzlich Vorschub. Auch hier hat in den letzten Jahren eine zunehmende Merkantilisierung und, parallel dazu, eine starke Konzentrierung auf wenige Grossbetriebe – Hugendubel in Deutschland, Morawa in Österreich, Orell-Füssli in der Schweiz – stattgefunden. In diesen Buch- und Multimedia-Kaufhäusern gibt es zwar noch Nischen für Liebhaber guter Literatur; das grosse Geschäft jedoch macht man mit Thrillern, Krimis und Romanzen sowie mit Sachbüchern, welche die Welt erklären und die Lösung unserer Lebensprobleme vom Liebeskummer bis zur Fettleibigkeit versprechen.
Wenn es ab und zu ein wirklich gutes Stück Literatur, in Deutschland etwa ein Wilhelm Genazino oder ein Daniel Kehlmann, in Österreich ein Arno Geiger oder eine Marlene Streeruwitz, in der Schweiz eine Ruth Schweikert oder ein Ralph Dutli, in die Liga der Bestseller schafft, grenzt das an ein Wunder. Und es ist auch hier einigen Idealisten unter den Verlegern zu verdanken, wenn die Literatur nicht auf das Niveau einer Isabel Allende, einer Charlotte Link oder eines Martin Suter schrumpft und der Buchmarkt sich ansonsten von Dan Brown, Donna Leon oder Rosamunde Pilcher ernährt.

Verpackung statt Inhalte

Ähnlich wie das Verlagswesen und der Buchhandel hat sich auch der Vertrieb von Literatur verändert. Was früher als konventionelle Werbung in Zeitungen und Zeitschriften sowie als diskrete Beziehungspflege in der Buchhändler- und Kritikerszene daherkam, hat sich längst zu einem grossangelegten Promotions-Zirkus ausgewachsen. Der Publikation eines Titels – das klingt moderner als „Buch“ – gehen Werbekampagnen voraus, wie sie bislang nur im Filmgeschäft üblich waren. Längst werden nicht mehr nur Verlagsprospekte, Leseproben und Vorausexemplare verschickt, sondern es werden CDs oder DVDs produziert, die ähnlich den Making-ofs erfolgreicher Spielfilme mit Leseproben und Ausschnitten von Auftritten sowie Interviews mit dem Autor aufwarten. Begleitend hinzu kommt als eigenständiger, sehr lukrativer Markt die Hörbuchproduktion, ohne die die Promotion eines erfolgreichen Titels überhaupt nicht mehr denkbar ist. Dies ganz im Gegensatz zum E-Book-Markt, der in den letzten Jahren bei uns, anders als im angelsächsischen Raum, nur sehr bescheiden gewachsen ist.

Hart umkämpfter Markt

Band 200x5
„Die einzelnen Verlage versuchen zwar noch Verlagsprofile aufrecht zu erhalten und sich den Anschein einer gewissen Eigenständigkeit zu geben. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass sich hinter der Vielfalt das knallharte Management von Branchenriesen verbirgt. Die starken Männer – es sind fast ausschliesslich Männer -, die an der Spitze dieser Konzerne stehen, kommen nicht selten aus branchenfernen Unternehmen. Sie beherrschen die goldenen Regeln von Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung; von Büchern, von Autoren, von Literatur überhaupt haben sie häufig keine Ahnung.“

Die ersten, von den verlagseigenen Kommunikationsverantwortlichen und Public Relations-Spezialisten klug organisierten und getimten Besprechungen erscheinen häufig schon vor dem Erscheinen des Buches in namhaften Zeitungen und Zeitschriften. Und wenn das Buch dann endlich auf dem Markt ist, wird der Autor auf einen landesweiten oder gar internationalen Lesemarathon geschickt, auf den abgestimmt in Radio und Fernsehen entsprechende Porträts und Interviews erscheinen, welche die öffentliche Wirkung von Autor und Buch wie in einem Spiegelsaal multiplizieren. Der enorme Aufwand scheint sich zu rechnen – und muss es auch. Denn nicht selten stehen hinter solchen Erfolgstiteln fünf- oder gar sechsstellige Vorschüsse. Wer das wieder einspielen und erst noch Gewinn davontragen will, muss sich auf dem hart umkämpften Markt mächtig ins Zeug legen.

Tipp an Debütanten: Literaturagentur vorschalten

Dass Geschäfte dieser Grössenordnung längst nicht mehr zwischen dem Autor und seinem Verleger getätigt werden, gehört ebenfalls zu den Neuerungen, die den Literaturbetrieb in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Heute sind es die Literaturagenten, die zwischen den Autoren und den Verlegern vermitteln, die den richtigen Autor, das richtige Buch mit dem richtigen Verlag zusammenbringen und schliesslich auch die Verträge samt Vorschüssen, Honoraransätzen, Auflagenhöhe und Nebenrechten aushandeln. Sie verlangen dafür zwischen 10 und 20% des Autorenhonorars. Rund 85% der literarischen Erfolge gehen heute über den Schreibtisch von Agenten. Unbekannten Autoren ist dringend zu empfehlen, ihr Manuskript nicht direkt an einen Verlag, sondern an eine Literaturagentur zu schicken. Renommierte Verlage erhalten heute jeden Tag bis zu zehn unverlangte Manuskripte, so dass ihre Lektoren kaum mehr Zeit finden, sich durch die Stapel von Texten zu arbeiten. Also wird diese Arbeit meist von jungen, unerfahrenen und schlecht bezahlten Praktikanten übernommen. Die Chancen, dass ein Manuskript auf diese Weise in die Hände eines Verlegers gelangt, der es veröffentlichen möchte, sind daher verschwindend klein. Literaturagenten hingegen haben gute Kontakte zu den Verlagen und ihren Lektoren. Wenn sie ein Manuskript zur Prüfung schicken, wissen die Verlage, dass es sich lohnt, einen Blick in den Text zu werfen. So landet das Manuskript nicht auf den riesigen Stapeln, die von den Praktikanten geprüft werden, sondern direkt auf dem Schreibtisch der Lektoren.

Auffallen um jeden Preis

Zoe Jenny - Glarean Magazin
„Musste zeitweise von 500 Franken monatlich leben“: Schweizer Senkrecht-Starterin Zoë Jenny („Das Blütenstaubzimmer“)

Hohe Auflagen, meine Damen und Herren, erreicht am ehesten, wem es gelingt, in der Szene so richtig aufzufallen: entweder durch die Art, wie er sich gibt, oder durch die Themen, die er behandelt. Romane, die sich autobiografisch lesen lassen oder die sich skandalträchtig genug geben, die vor allem sexuelle Tabus brechen, aber auch solche, die Elemente einer Kriminalstory enthalten oder von Migrationsgeschichten handeln und die zudem süffig geschrieben sind, haben sich dabei als besonders verkäuflich erwiesen. Inzestuöse Liebesbeziehungen, Geheimdiensteinsätze, Verschwörungstheorien und Drogenexzesse spuken durch nicht wenige Bücher, die in den letzten Jahren international von sich reden machten. Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen des literarischen Marktes, dass ein Schriftsteller, will er nicht in Vergessenheit geraten, alle zwei Jahre ein Buch veröffentlichen muss.

Band 200x5
„Insgesamt lässt sich sagen, dass jüngere Autorinnen und Autoren von den Verlagen, aber auch von den kulturellen Institutionen erfahrungsgemäss stärker unterstützt werden als ältere. Besonders schwer haben es die Lyriker: zum einen aufgrund der geringen Auflagen – in der Regel zwischen 300 und 500 Büchern – sowie der fehlenden Nebenrechtsverwertung, also der Verwertung in Film, Fernsehen und im Hörfunk, und zum andern, weil immer mehr Verlage aus rein ökonomischen Erwägungen – ein Gedichtband stellt für sie ein unternehmerisches Risiko dar – die Lyrik aus ihrem Verlagsprogramm kippen.“

Bei all dem, verehrte Anwesende, fällt auf, dass die Autoren und mehr noch die Autorinnen immer jünger werden. Geradezu kometenhaft sind sie in den letzten Jahren aufgestiegen, eine Zoë Jenny, eine Judith Hermann, eine Dorothee Elmiger, eine Helene Hegemann, eine Charlotte Roche, eine Katja Brunner, ein Peter Weber, ein Christian Kracht, ein Daniel Kehlmann und wie sie alle heissen. Die Frauen unter ihnen sind meist schön, die Männer hatten eine schwierige Kindheit oder waren sonst wie geschädigt. Insgesamt lässt sich sagen, dass jüngere Autorinnen und Autoren von den Verlagen, aber auch von den kulturellen Institutionen erfahrungsgemäss stärker unterstützt werden als ältere. Besonders schwer haben es die Lyriker: zum einen aufgrund der geringen Auflagen – in der Regel zwischen 300 und 500 Büchern – sowie der fehlenden Nebenrechtsverwertung, also der Verwertung in Film, Fernsehen und im Hörfunk, und zum andern, weil immer mehr Verlage aus rein ökonomischen Erwägungen – ein Gedichtband stellt für sie ein unternehmerisches Risiko dar – die Lyrik aus ihrem Verlagsprogramm kippen. Allerdings lässt sich heute, allen ökonomischen Bedenken zum Trotz beobachten, dass die Lyrik ein immer grösser werdendes Publikum erobert. Lyriker gewinnen namhafte Auszeichnungen, wie jüngst Jan Wagner, der den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

Massenhafter Verschleiss von jungen Autoren

Doch zurück zu den jungen Autorinnen und Autoren. Das Problem all dieser Jungtalente und Senkrechtstarter am Literaturhimmel ist nicht die mangelnde Begabung und auch nicht der fehlende Erfolg. Im Gegenteil: beides ist oftmals im Übermass vorhanden. Das Problem ist vielmehr der Verschleiss, dem sie durch den Literaturbetrieb, wie er sich heutzutage präsentiert, ausgesetzt sind. Da werden junge Menschen, die kaum der Pubertät entwachsen sind, so hemmungslos ins Rampenlicht gezerrt, mit Vorschusslorbeeren bedacht, mit Preisen überhäuft und von Lesetermin zu Lesetermin gehetzt, bis sie im Taumel zwischen Selbstüberschätzung und Versagensangst den Boden unter den Füssen verlieren. Verlagslektoren, Literaturagenten und Kritiker reissen sich um sie, und bis sie gemerkt haben, wie schnell man sie fallen lässt, wenn der Erfolg ausbleibt, ist es oft schon zu spät.

„Wer es schafft, im ‚Literaturclub‘ des Schweizer Fernsehens – oder früher in Elke Heidenreichs ZDF-Fernsehsendung ‚Lesen!‘ – erwähnt zu werden, hat fürs erste ausgesorgt.“

Das Phänomen ist nicht ganz neu, hat sich aber in den letzten Jahren enorm zugespitzt. Eine junge Autorin, ein Autor publiziert ein erstes Buch. Das Buch hat Erfolg. Die Rezensionen sind enthusiastisch, die Buchhändler begeistert. Es folgen Lesereisen, Einladungen zu Wettbewerben, erste renommierte Preise, Interviews am Radio und Auftritte am Fernsehen. Es winken Vorschüsse und lukrative Verträge mit grossen Verlagshäusern – das ganze Programm eben, das abläuft, wenn ein interessanter Erstling die gelangweilte Szene aufmischt. Dass es nach einem solchen Debüt kaum mehr Steigerungsmöglichkeiten gibt und das Interesse nach dem zweiten, spätesten aber nach dem dritten Buch normalerweise massiv abnimmt, das sagt den jungen Autoren in der Regel niemand. Man lässt sie vielmehr abheben, sonnt sich in ihrem Ruhm, sahnt kräftig ab und vergisst, sie auf ein Leben nach dem Kult vorzubereiten. Wenn sie dann dastehen, ohne Lebenserfahrung, ohne Beruf und vielfach auch ohne Geld, erlischt das Interesse an ihnen ziemlich schnell. Schweizer Autoren wie Peter Weber oder Zoë Jenny können ein Lied davon singen. Die Letztere, vor Jahren für ihren Erstling „Das Blütenstaubzimmer“ von der Kritik noch hochgejubelt, zur Bestsellerautorin gemacht, zum Star ausgerufen, hat sich im Wochenmagazin „Die Schweizer Illustrierte“ kürzlich darüber beklagt, dass sie mit ihrer kleinen Tochter derzeit von 500 Schweizerfranken monatlich leben müsse. Autoren haben es mit ihrem zweiten Buch erfahrungsgemäss übrigens am schwersten, weil es immer am Erfolg ihres Debüts gemessen und zugleich von der Erwartungshaltung des Neuen und Andersartigen bestimmt wird.

Band 200x5
„Die Grenzen zwischen bestellter PR und unabhängiger Literaturkritik sind in letzter Zeit immer fliessender geworden. Auf den Internet-Seiten von Online-Buchhändlern, aber auch in den verschiedenen „Literaturclub“-Sendegefässen des In- und Auslandes, wo an die Stelle ästhetischer Wertungen häufig reine Geschmacksurteile treten, sind sie meiner Meinung nach eindeutig überschritten. Medienbedürfnisse und Verlagsinteressen sind dermassen kongruent geworden, dass Kritik nicht mehr so sehr der Meinungsbildung als vielmehr der Umsatzsteigerung dient.“

Der Literaturbetrieb, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ist ein hartes Geschäft. Auflagen und Verkaufszahlen sind letztlich das Einzige, was in diesem Business wirklich zählt. Wie man sie erreicht, ob mit einem Skandal, mit echter Qualität oder mit Promotion, die diese bloss vortäuscht, ist sekundär. Wer es schafft, im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens – oder früher in Elke Heidenreichs Fernsehsendung „Lesen!“ des ZDF – erwähnt zu werden, hat fürs erste ausgesorgt. Egal, wie über das Buch geredet wird, Hauptsache, es wird geredet. Verlage werden im Voraus über die Titelwahl in Kenntnis gesetzt und halten entsprechende Mengen lieferbarer Exemplare bereit, um der am Tag nach der Sendung einsetzenden Nachfrage entsprechen zu können.
Mit Literaturkritik im herkömmlichen Sinne haben solch massenmediale Übungen nichts mehr zu tun. Die Grenzen zwischen bestellter PR und unabhängiger Kritik sind in letzter Zeit immer fliessender geworden. Auf den Internet-Seiten von Online-Buchhändlern, aber auch in Sendungen wie dem „Literaturclub“, in dem an die Stelle ästhetischer Wertungen häufig reine Geschmacksurteile treten, sind sie meiner Meinung nach eindeutig überschritten. Medienbedürfnisse und Verlagsinteressen sind dermassen kongruent geworden, dass Kritik nicht mehr so sehr der Meinungsbildung als vielmehr der Umsatzsteigerung dient. Damit will ich nicht sagen, dass es heutzutage keine gute, professionelle Literaturkritik mehr gebe. Es gilt nur, sie von geschickt gefertigter Public Relation zu unterscheiden.

Verwischte Grenzen zwischen PR und Literaturkritik

„Das pointierte Urteil, die gewagte Meinung, das kühne Verdikt sucht man heute vielfach vergebens“: Kritiker-Legende Marcel Reich-Ranicki (1930-2013)

In der Literaturkritik hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren einiges verändert – und leider nicht immer zum Besseren. Schon 1989 sprach der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher davon, dass die „Zeit der Instanzen vorbei“ sei und herausragende Kritikerpersönlichkeiten wie Marcel Reich-Ranicki in Deutschland, Sigrid Löffler in Österreich und Klara Obermüller in der Schweiz allmählich der Vergangenheit angehörten. Ganz unrecht scheint mir Loetscher mit dieser Prognose nicht gehabt zu haben. Zwar hat die Zahl der Literaturkritiker, also der Leute, die Bücher besprechen, gegenüber früher eher zugenommen. Gleichzeitig hat ihre Tätigkeit jedoch deutlich an Profil eingebüsst. Das pointierte Urteil, die gewagte Meinung, das kühne Verdikt sucht man heute vielfach vergebens. Dafür nehmen Buchbesprechungen überhand, die mehr oder weniger nichtssagende und beliebig auswechselbare Aussagen enthalten – Aussagen von Literaturkritikern notabene, die sich von reiner Werbung kaum mehr unterscheiden lassen. Wenn da von einer „flott erzählten Geschichte“, von einem Autor, „der das grosse Ganze im Blick“ habe, von „leuchtenden Kompositionen“ oder gar von einem „hocherotischen Buch“ die Rede ist, so ist das nichts weiter als nichtssagendes Geschwätz, das dem Leser keine wirkliche Information über die Qualität des besprochenen Buches bietet. Und wenn von einem reinen Unterhaltungsautor wie Martin Suter in ZDF aspekte gesagt wird, man halte ihn „im Moment für einen der besten deutschsprachigen Autoren“, dann lässt sich mit Fug und Recht fragen, wie schlecht es denn um die zeitgenössische deutsche Literatur bestellt sein müsse, dass ein solcher Autor zu den Besten gehört. Die Angst vor dem pointierten Urteil, vor der differenzierten Meinung hängt zu einem grossen Teil auch damit zusammen, dass heutzutage kaum ein Kritiker noch all die Bücher, über die er schreibt, von A bis Z durchliest. Oftmals reicht die Zeit nur, um ein Buch quer zu lesen. Die Inhaltsangaben in diesen Kritiken sind denn auch reichlich dünn und oftmals in Details auch falsch. In ihrer Rezension von Martin Walsers Roman „Angstblüte“ sprachen die Kritiker pauschal von stilistischer Meisterschaft, konnten dabei aber nicht eine besonders gelungene Formulierung anführen, um ihr Lob zu belegen.

Thomas Hürlimann - Schweizer Schriftsteller - Glarean Magazin
Brenzliges Familiäres in die Novelle eingebaut: Thomas Hürlimann

Mit dem Abtreten kompetenter, streitlustiger und unerschrockener Kritikerpersönlichkeiten ist die Literaturszene ohne Zweifel eintöniger geworden. Was fehlt, ist der Disput, die kritische Auseinandersetzung. Sie findet fast nur noch dann statt, wenn ein Skandal in der Luft liegt, wenn ein Thomas Hürlimann in seiner Novelle „Fräulein Stark“ Brenzliges aus der eigenen Familiengeschichte preisgibt oder wenn ein Günter Grass in seinem autobiografischen Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ nach über 60 Jahren bekannt gibt, dass er als Siebzehnjähriger Mitglied der Waffen-SS war, oder wenn einer Helene Hegemann oder einem Urs Mannhart von den Medien vorgehalten wird, Fremdtexte, ohne sie zu zitieren, in ihr Werk übernommen zu haben. Was jedoch, von solchen Eklats einmal abgesehen, allmählich verloren gegangen ist, sind die Stimmen derer, die mit ihrem Urteil herausfordern und ihre Leser dazu anregen, sowohl eigene Kriterien im Umgang mit Literatur aufzustellen als auch die Kriterien der Berufskritiker zu hinterfragen.

Ästhetische Kriterien guter Literatur

„Die Auffassung, Dichtung sei stets original, der Autor ein Originalgenie, die bei den Autoren wie bei den Kritikern bis heute herumgeistert, hat in der neueren deutschen Literatur seltsame Blüten getrieben“: Johann Gottfried Herder, Begründer des literarischen Subjektivismus‘

Verehrte Anwesende, ästhetische Kriterien zu benennen, nach denen Literatur beurteilt werden kann, ist noch nie leicht gewesen. Aber es gibt, wie noch zu zeigen sein wird, solche Wertungskriterien, sonst liessen sich die grössten Dilettantereien, wenn man sie nur lange genug anpreist, als Dichtung, als Kunst ausgeben. Ich sage das hier in aller Deutlichkeit, weil sich bei sehr vielen Autoren, aber auch bei den Kritikern die Auffassung hartnäckig hält, es gebe keine einigermassen objektiven Kriterien für die Bewertung von Literatur. Es ist eine Auffassung, die aus dem späten 18.Jahrhundert, aus der Zeit des „Sturm und Drang“ mit ihrer starken Tendenz zu Individualismus und Subjektivismus, stammt und die wir im deutschen Sprachraum – ich betone: im deutschen Sprachraum; für den angelsächsischen Raum gilt das beispielsweise nicht- offenbar bis heute noch nicht überwunden haben. Nach Johann Gottfried Herder, dem eigentlichen Begründer dieser subjektivistischen Auffassung, ist jede Kunst, jede Dichtung original und jeder Dichter ein freischaffendes, schöpferisches Originalgenie, das keinerlei poetischen Regeln unterworfen ist. So meint denn ein renommierter Schriftsteller wie Thomas Hettche noch in unsern Tagen kurz und bündig, es gebe keine ästhetischen Kriterien für Texte – ausser ihrem Gelingen. Und so antwortete mir die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek im Juli 2011 auf meine Frage, was denn für sie ein guter Text sei, ebenso kurz und bündig, sie kenne keine Regel, die sie aufstellen könnte. Dies nur zwei Beispiele, die für viele andere stehen.

Autoren lernten schon immer von Autoren

Die Auffassung, Dichtung sei stets original, der Autor ein Originalgenie, die bei den Autoren wie bei den Kritikern bis heute herumgeistert, hat in der neueren deutschen Literatur seltsame Blüten getrieben. Am sichtbarsten wird das an der unumstösslichen Überzeugung sehr vieler Autoren, jeder ihrer literarischen Texte müsse ihr ureigenes Werk sein, dürfe keinerlei Übernahmen, und seien es nur Bezüge zu andern Texten, beinhalten, dürfe vor allem nicht auf Gelerntem beruhen. Mir fällt immer wieder auf, wie häufig Autoren Zeter und Mordio schreien, sich in ihrer Einzigartigkeit verraten fühlen, wenn man sie darauf hinweist, dass sich in ihren Texten Spuren von Texten anderer Autoren finden, dass sie – mit andern Worten – von andern Autoren gelernt haben. Dabei haben das alle bedeutenden Autoren getan: Schon der Altmeister Goethe hat bekannt, dass er bei Shakespeare gelernt hat. Für Bertolt Brecht ist es Alfred Döblin, den er einmal sogar seinen „unehelichen Vater“ nennt, und Günter Grass spricht von Alfred Döblin als von „seinem Lehrer“. Martin Walser hat immer wieder auf Franz Kafka verwiesen, bei dem er viel über das Wesen des Paradoxen gelernt habe. Ernst Jandl hat mit Blick auf seine experimentelle Lyrik bei der als „Mutter der Moderne“ bekannt gewordenen Gertrude Stein gelernt. Und selbst Kafkas Parabeln wären ohne Robert Walsers frühe Skizzen kaum denkbar. Der Beispiele wären noch unzählige.

Guter Rat an Autoren: Haben Sie den Mut zum permanenten Lernen!

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„Mir fällt immer wieder auf, wie häufig Autoren Zeter und Mordio schreien, sich in ihrer Einzigartigkeit verraten fühlen, wenn man sie darauf hinweist, dass sich in ihren Texten Spuren von Texten anderer Autoren finden, dass sie – mit andern Worten – von andern Autoren gelernt haben. Dabei haben das alle bedeutenden Autoren getan: Schon der Altmeister Goethe hat bekannt, dass er bei Shakespeare gelernt hat. Für Bertolt Brecht ist es Alfred Döblin, den er einmal sogar seinen ‚unehelichen Vater‘ nennt und Günter Grass spricht von Alfred Döblin als von ’seinem Lehrer‘. Martin Walser hat immer wieder auf Franz Kafka verwiesen, bei dem er viel über das Wesen des Paradoxen gelernt habe. Ernst Jandl hat mit Blick auf seine experimentelle Lyrik bei der als ‚Mutter der Moderne‘ bekannt gewordenen Gertrude Stein gelernt. Und selbst Kafkas Parabeln wären ohne Robert Walsers frühe Skizzen kaum denkbar.“

Was ich damit sagen will: Haben Sie, meine Damen und Herren, wenn Sie praktizierende Autorin, praktizierender Autor sind, keine Angst davor, im Bereich des literarischen Schreibens immer wieder zu lernen. Sei es, indem Sie Romane, Erzählungen, Gedichte anderer zeitgenössischer Autoren ganz bewusst lesen, oder indem Sie ab und zu einen Blick in die deutsche Literaturgeschichte werfen und sich beispielsweise fragen, wie die Lyriker des Expressionismus ihre Gedichte gemacht haben, wie ein Alfred Döblin in seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ den inneren Monolog verwendet hat, oder indem Sie für einzelne Fragen, etwa für die Frage nach der Gestaltung von Figuren, ein literarisches Sachbuch beiziehen, oder indem sie nicht zuletzt auch einmal an einem Seminar für Autorinnen und Autoren teilnehmen. Selbstverständlich bedarf es für das literarische Schreiben zunächst ausreichender Begabung; wer dafür zu wenig begabt ist wie beispielsweise ich sollte nicht dichten wollen. Aber ebenso selbstverständlich dürfte es sein, dass literarisches Schreiben weniger eine spirituelle Erfahrung als vielmehr ein Handwerk, ja harte Schreibtischarbeit ist, die von der Autorin, vom Autor überdies ein hohes Mass an Selbstkritik, an Distanz zum eigenen Text erfordert. Verlagslektoren bestätigen es immer wieder und auch meine Erfahrung als Dozent für literarisches Schreiben zeigt es: Je besser jemand schreibt, desto selbstkritischer ist er, desto mehr ist er auch bereit zu lernen. Das sollten sich in erster Linie all jene merken, denen es beim Schreiben mehr um den Drang nach Selbstverwirklichung oder gar um eine Art Psychohygiene geht als darum, ästhetischen Ansprüchen, bestimmten literarischen Wertungskriterien zu genügen.

Die literarische Wertung von Texten

Damit, verehrte Anwesende, ist das längst erwartete Stichwort gefallen, das in einem Referat über den aktuellen Literaturbetrieb nicht fehlen darf: die Frage nach der literarischen Wertung von Texten nämlich. Lassen Sie mich auch dazu einiges ausführen:
In der Literaturwissenschaft streitet man sich bis heute, ob es so etwas wie allgemeingültige, verbindliche Massstäbe für die Wertung literarischer Texte gibt. Im Verlaufe der Rezeptionsgeschichte haben sich zwei einander diametral entgegengesetzte extreme Positionen herausgebildet: Da findet sich zunächst eine historisch ältere Position, wonach es feste, zeitlos gültige Kriterien gibt, die uns erlauben, ‚gute‘ und ,schlechte‘ Texte, also beispielsweise Kitsch und ästhetisch wertvolle Literatur, klar voneinander zu unterscheiden. Es ist die Position der sog. Regelpoetik, einer Poetik, die von Martin Opitz im 17. Jahrhundert durch die ganze Geschichte der älteren Germanistik hindurch bis zu Emil Staiger, einem meiner damaligen Lehrer in Zürich, reicht. Und da ist die genaue, historisch noch sehr junge Gegenposition, die heute vor allem von den Vertretern postmoderner Interpretationstheorien eingenommen wird. Danach gibt es keine verbindlichen Massstäbe für die literarische Wertung, beruhen die Urteile über die ästhetische Qualität literarischer Texte auf mehr oder weniger subjektiven Geschmacksentscheidungen.

Die literarischen Wertmassstäbe im Laufe der Zeit

Jahrelang als dilettantischer Provokateur und
Jahrelang als dilettantischer Provokateur und „Verderber der Jugend“ geschmäht, schliesslich doch international gefeiert: Ernst Jandl als beispielhaftes „Opfer“ wechselhafter literarischer Reputation

Welche der beiden gegensätzlichen Positionen, verehrte Anwesende, ist nun richtig? Keine, würde ich sagen. Denn gäbe es so etwas wie zeitlos gültige Massstäbe, welche Epoche würde diese Massstäbe denn setzen? Etwa die deutsche Klassik mit Goethe und Schiller, wie Emil Staiger in seiner Zürcher Preisrede von 1966 gemeint hat? Wenn das zuträfe, dann könnte man die gesamte moderne Literatur in die Wüste schicken. Was aber, wenn es keinerlei verbindlichen Wertungskriterien gibt? Wie lässt es sich dann erklären, dass man sich in der Literaturkritik über die ästhetische Qualität bestimmter Texte, z.B. einer Erzählung von Franz Kafka, durchaus einig ist? Sie sehen, meine Damen und Herren, es scheint doch so etwas wie Wertmassstäbe zu geben. Aber – und das unterscheidet diese Massstäbe von jenen angeblich allgemeingültigen der ‚alten‘ Regelpoetik – sie gründen nicht in irgendeiner Zeitlosigkeit, sondern ganz im Gegenteil in einem historischen Wandel, verändern sich also im Laufe der Geschichte.

Ethisch-politische Aspekte anstelle von ästhetischen

Nur so erklärt es sich beispielsweise, dass Ernst Jandls Sprechgedichte in den 1950er Jahren von der Literaturkritik als „kulturelle Provokation sondergleichen“ empfunden und Jandl selber als „Verderber der Jugend“ geschmäht wurde, so dass man ihn in den Folgejahren von Publikationsmöglichkeiten in Österreich ausschloss – während der gleiche Autor zwanzig Jahre später zu den wichtigsten und anerkanntesten Autoren im deutschen Sprachraum gehörte, den man mit öffentlichen Ehrungen und Preisen, vom Grossen Österreichischen Staatspreis bis hin zum Büchner-Preis geradezu überhäufte. So sehr können sich literarische Wertmassstäbe im Laufe der Zeit eben ändern. Ihnen liegen wechselnde axiologische Werte zugrunde, d.h. Massstäbe, die Texte als ,wertvoll‘ erscheinen lassen, sie als Wert erkennbar machen. Ein solch axiologischer Wert kann sich auf rein ästhetische, aber auch auf ethisch-politische Aspekte eines Werks beziehen. So hatte zum Beispiel der Boykott Bertolt Brechts und seiner Theaterstücke zwischen 1953 und 1962 in Westdeutschland und noch drastischer hier in Österreich nichts mit dessen literarischem Talent, aber sehr viel mit seinem Eintreten für den Kommunismus und vor allem mit seiner Sympathie für das DDR-Regime zu tun, seit er ab 1948 in Ost-Berlin lebte. Es waren also nicht ästhetische, sondern vielmehr ethisch-politische Wertmassstäbe, an denen man im Zeichen des Kalten Krieges Brechts Werk mass. Dies, liebe Hörerinnen und Hörer, nur als ein Beispiel, das zeigen soll, dass häufig Wertmassstäbe an ein literarisches Werk angelegt werden, die sich auf rein ethisch-politische Aspekte und keineswegs auf ästhetische beziehen. Eine Christa Wolf, ein Günter Grass, die beide inzwischen tot sind, hätten ein Lied davon singen können.

Das Kriterium des Selbstverständnisses

Band 200x5
„Es muss einen wesentlichen Grund dafür geben, auch literarische Texte vergangener Jahrhunderte heute noch zu lesen. Ich nenne Ihnen diesen Grund: Lesen wir ein literarisches Werk, einen Roman, ein Gedicht, eine Novelle, dann kann es uns geschehen, dass nach einiger Zeit der Nebel der Fremdheit zu weichen beginnt und wir plötzlich erkennen: Dieses Werk spricht ja von uns! Nicht von unserem privaten Subjekt, sondern von uns, sofern es um existentielle Grunderfahrungen, wie etwa Angst, Sorge, Schuld, Rätselhaftigkeit des Lebens, geht, von denen auch das Werk handelt.“

Aus der Tatsache, verehrte Anwesende, dass literarische Wertungskriterien wandelbar sind, ergibt sich für uns die Forderung, sie bei der Beurteilung literarischer Texte zurückhaltend anzuwenden. Dies umso mehr, als uns bewusst sein muss, dass die Literatur, gerade in der Moderne, von den unterschiedlichsten Erscheinungsformen lebt.
All diesen Vorbehalten zum Trotz habe ich den Versuch gewagt und im letzten Kapitel meines Buches: „Die Struktur der modernen Literatur“ – Neue Formen und Techniken des Schreibens“ zehn Kriterien genannt, die meines Erachtens die Qualität eines literarischen Textes ausmachen. Auf sie kann ich im Rahmen dieses Vortrages nicht näher eingehen.
Auf ein Kriterium möchte ich hier aber doch kurz eingehen. Ich nenne es das Kriterium des Selbstverständnisses und halte es für das wichtigste Kriterium von Literatur überhaupt. Haben Sie sich, liebe Anwesende, schon einmal gefragt, warum Sie etwa Goethes „Faust“, ein Gedicht von Andreas Gryphius oder eine Novelle von Theodor Storm noch lesen, heute, wo es doch mehr als genug zeitgenössische Literatur zu lesen gibt? Die Antwort, es handle sich um ästhetisch besonders wertvolle Literatur, die zudem kanonisiert sei, vermag uns kaum ganz zu befriedigen. Wertvolle Literatur gibt es nämlich auch heute. Es muss wohl noch einen andern, wesentlicheren Grund dafür geben, auch literarische Texte vergangener Jahrhunderte heute noch zu lesen. Ich nenne Ihnen diesen Grund: Lesen wir ein literarisches Werk, einen Roman, ein Gedicht, eine Novelle, dann kann es uns geschehen, dass nach einiger Zeit der Nebel der Fremdheit zu weichen beginnt und wir plötzlich erkennen: Dieses Werk spricht ja von uns! Nicht von unserem privaten Subjekt, sondern von uns, sofern es um existentielle Grunderfahrungen, wie etwa Angst, Sorge, Schuld, Rätselhaftigkeit des Lebens, geht, von denen auch das Werk handelt. Wenn uns beispielsweise Franz Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ heute nach 100 Jahren, noch packt, so deshalb, weil sie in gültiger Form zeigt, wie der Mensch immer von Neuem versucht, seiner Existenz einen Sinn abzugewinnen, auch wenn er weiss, dass dieser Versuch in einer sinnentleerten Welt zum Scheitern verurteilt ist. Und wenn ein Max Frisch in seinem Stück „Andorra“ zeigt, wie die Andorraner durch ihre kollektiven Vorurteile einen Menschen vernichten, dann scheinen diese Andorraner etwas beispielhaft zu verkörpern, was uns alle angeht.

Hic tua res agitur…

Band 400x20
Der Buchmarkt 2014 in Deutschland
Die Buchbranche schloss das vergangene Jahr mit einem leichten Minus ab: Die Einnahmen sind um 2,2 Prozent gefallen – von 9,54 auf 9,32 Milliarden Euro. Der stationäre Buchhandel konnte trotz Umsatzschmälerung im Vergleich zum Vorjahr Marktanteile zurückerobern und sichert sich mit 4,58 Milliarden Euro 49,2 Prozent aller Branchenumsätze (2013: 48,6 Prozent, 2005: 54,8 Prozent).Der Internetbuchhandel verliert hingegen deutlich Umsatzanteile. Er erwirtschaftete letztes Jahr 1,51 Milliarden Euro (minus 3,1 Prozent im Vergleich zu 2013), was einen Anteil am Gesamtumsatz von 16,2 Prozent ausmacht.
Und so setzt sich der Gesamtumsatz komplett zusammen: Sortimentsbuchhandel 4.583 Mio. Euro (49,2 %), Verlage direkt 1.904 Mio. Euro (20,4 %), Internetbuchhandel 1.511 Mio. Euro (16,2 %), sonstige Verkaufsstellen 922 Mio. Euro (9,9 %), Versandbuchhandel 161 Mio. Euro (1,7 %), Buchgemeinschaften 122 Mio. Euro (1,3 %), Warenhäuser 117 Mio. Euro (1,3 %).
Auch die Verlage, die in den letzten Jahren eine positive Umsatzentwicklung erzielen konnten, verbuchen 2014 ein leichtes Minus von 0,4 Prozent. Und so stellen sich die Ergebnisse der Geschäftsfelder dar: Online-Dienste plus 0,8 Prozent, Zeitschriftengeschäft plus 1,2 Prozent, Nebenrechte minus 8,1 Prozent, klassisches Buchgeschäft minus 0,7 Prozent.

Preisentwicklung
Bücher waren in den vergangenen Jahren teilweise von der allgemeinen Aufwärtsbewegung der Verbraucherpreise abgekoppelt. Das Jahr 2012, in dem die Buchpreise (plus 1,9 Prozent) mit den Verbraucherpreisen (plus 2,0 Prozent) nahezu gleich ziehen konnten, brachte die Wende. 2014 kletterten die Preise für Bücher um 1,8 Prozent nach oben (Vergleich: Verbraucherpreise plus 0,9 Prozent).
Der Durchschnittsladenpreis der Neuerscheinungen (alle Sachgruppen zusammen betrachtet) betrug letztes Jahr 26,20 Euro.

Das E-Book in Deutschland: Umsatz und Absatz
Der E-Book-Umsatzanteil am Publikumsmarkt (privater Bedarf, ohne Schul- und Fachbücher) in Deutschland betrug letztes Jahr 4,3 Prozent (2013: 3,9 Prozent), dabei handelt es sich um einen Anstieg um 7,6 Prozent. Vergleich: Von 2012 auf 2013 konnten die E-Book-Umsätze noch um 60,5 Prozent zulegen.
Der Absatz von E-Books ist im letzten Jahr um 15 Prozent gestiegen: Am Privatkundenmarkt wurden 24,8 Millionen E-Books abgesetzt (2013: 21,5 Millionen). Beim E-Book gilt, analog zum Printbuch, die Buchpreisbindung. Der feste Ladenpreis für digitale Bücher, der die Vielfalt im Buchhandel erhalten und vor einem ruinösen Wettbewerb im Internet schützen soll, wird jetzt nach dem Willen der Bundesregierung noch einmal explizit im Buchpreisbindungsgesetz verankert.

Buchproduktion
Die Gesamtzahl der in Deutschland erschienen Bücher ist 2014 deutlich gesunken. Fasst man Erst- und Neuauflagen zusammen, dann sind 87.134 Titel auf den Markt gekommen – der niedrigste Wert seit zehn Jahren. 2013 waren es noch 93.600 Titel. Allerdings: E-Books und Print-on-Demand-Titel sind nur zu kleinen Teilen erfasst. Der Wachstumsmarkt Selfpublishing bleibt bei dieser Betrachtung also weitgehend aussen vor.

Titelproduktion nach Sachgruppen
Die meisten Novitäten (= Erstauflagen) gehen 2014 wieder auf das Konto der Belletristik, die 19,1 Prozent zur Gesamtproduktion beigesteuert hat, das sind alles in allem 14.111 Titel (2013: 15.610 Titel).
Auf Platz 2 folgt traditionell die Deutsche Literatur, die gesondert ausgewiesen wird (auch wenn es Überschneidungen geben dürfte) und, anders als die rein belletristische Kategorie, unter anderem auch literaturwissenschaftliche Titel bündelt. Sie stellt mit 10.487 Titeln einen Anteil von 14,2 Prozent.
Die dritte Position gehört, analog zu den Vorjahren, dem Kinder- und Jugendbuch, das jetzt 8.142 Erstauflagen zur Jahresproduktion beisteuert. Das ist ein Anteil von 11,0 Prozent. Das Schulbuch liegt mit einem Anteil von 6,0 Prozent auf dem vierten Platz, das sind alles in allem 4.399 Titel.

(Quelle: „Buch und Buchhandel in Zahlen 2015“, Hrsg.: Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., Frankfurt am Main, Juli 2015)

„Was hat das alles mit literarischer Wertung zu tun?“, werden Sie mich fragen. Sehr viel, meine Damen und Herren. Zum Wesen guter Literatur gehört es nämlich, dass der Leser spürt, dass es in einer Erzählung, einem Roman, einem Theaterstück nicht um irgendetwas, sondern letztlich um ihn selber geht. Die Dichter des barocken Jesuitentheaters haben dafür die lateinische Formel „Hic tua res agitur“ verwendet, wörtlich übersetzt „Hier wird deine Sache verhandelt“. Es steht mit der Dichtung wie mit den Gleichnissen Jesu im Neuen Testament, wo wir bei der Lektüre auch spüren, dass, wenn vom verlorenen Sohn, vom Pharisäer und vom Zöllner, von den törichten Jungfrauen die Rede ist, eigentlich wir gemeint sind. ‚Schlechte‘ Dichtung, verehrte Anwesende, bleibt in der Dumpfheit des Privaten stecken, berührt mich daher als Leser auch nicht, wirkt nach der Lektüre – und das ist entscheidend – auch nicht weiter, ,gute‘ hingegen übersteigt das Private ins Allgemeinmenschliche, lässt existentielle Grunderfahrungen sichtbar werden, die jeden von uns angehen.

Immer mehr produzierte Bücher für immer weniger Menschen

Soweit, meine Damen und Herren, ein paar Worte zur Wertung von Literatur. Kehren wir damit zum eigentlichen Thema unseres Vortrags, zum Literaturbetrieb, zurück.
Die deutsche Literatur steckt zurzeit in einer geradezu paradoxen Situation: Obwohl seit Jahren immer weniger Menschen Bücher kaufen, werden immer mehr Bücher produziert. Während Buchhandlungen schliessen, Verlage vor dem Aus stehen und Autoren über immer geringere Auflagen und schwindendes Interesse klagen, wird aufgelegt, was auch immer zwischen zwei Buchdeckel geht. Allein in Deutschland erscheinen jedes Jahr rund 80‘000 neue Bücher. Über den Versandhandel sind zudem über 500‘000 unterschiedliche Bücher erhältlich und in Grossbuchhandlungen warten jeweils über 100‘000 Bücher auf ihre Käufer. Es gibt keine andere Branche, die sich mit derart vielen unterschiedlichen Produkten an ihre Kunden richtet. So erstaunt es nicht, dass hunderttausende von Büchern wenige Wochen nach ihrem Erscheinen schon wieder vom Markt verschwunden sind, denn Bücher haben nur eine kurze Zeit, sich am Markt zu behaupten. Hardcover, die sich in den ersten zwei Monaten nach ihrem Erscheinen nicht durchsetzen, werden sofort wieder aus dem Programm entfernt. Es gibt Bücher renommierter Autoren wie Walter Kempowski, dessen „Letzte Grüsse“ zwei Monate nach Erscheinen schon wieder aus den Buchhandlungen verschwanden, weil sie nicht ausreichend verkauft wurden. Erfolg oder Misserfolg eines Buches lässt sich aber meist nicht vorhersehen. Daher ist es verständlich, dass die Verlage grosse finanzielle Risiken scheuen, wenn sie neue Bücher auf dem Markt etablieren wollen.

Bücherflut als literarisches Problem

Und noch etwas, verehrte Anwesende. Die heutige Überproduktion von Büchern stellt nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein literarisches Problem dar. Denn die Bücherflut bringt ja nicht immer mehr Meisterwerke hervor; sie fördert vielmehr das Mittelmass. Dessen ungeachtet schreiben unzählige Romanautoren wie am Fliessband. Ich kenne einen Autor, der mir vor einigen Tagen von seinem neuen Romanprojekt, an dem er arbeite, berichtet hat – und dies, obwohl sein eben fertiggestellter Roman erst im Druck ist. Solche Vielschreibereien haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass die Erstauflagen der Bücher immer kleiner wurden und dass es nur noch zu wenigen Neuauflagen kommt, weil sich diese für die Verlage häufig nicht rechnen. Wer heute mehr als 5‘000 Exemplare seines Buches verkauft, gilt schon als sehr erfolgreich; die meisten Autoren müssen sich mit weniger als 3‘000 verkauften Büchern zufrieden geben.

Konzentration auf wenige Titel, Autoren, Verlage

Der literarische Markt konzentriert sich heute immer stärker auf einige wenige Titel, Autoren und Verlage, während die überwiegende Mehrheit der Bücher, unabhängig von ihrer literarischen Qualität, mehr oder weniger in der Versenkung verschwinden. Der Tübinger Autor Joachim Zelter drückte das in einem Interview in der „Südwest Presse“ kürzlich so aus: „Man kann mit einem unsäglichen Roman den Durchbruch schaffen oder eine Perle nach der andern schreiben und damit gar nichts erreichen.“ Meine Damen und Herren, wie recht er hat! Der Literaturbetrieb ist in den letzten Jahren immer irrationaler geworden. Ob ein Roman, ein Gedichtband Erfolg hat, niemand weiss das zum Voraus. Nicht einmal Lektoren, die sich professionell mit Literatur befassen, erkennen immer, wann sie ein Manuskript für einen Bucherfolg auf dem Tisch haben. Die Geschichte von Joanne K. Rowling, die mit dem ersten „Harry Potter“-Manuskript bei mehreren Verlagen abblitzte und der man schliesslich riet, doch einen „normalen“ Job zu suchen, ist nur eines von unzähligen Beispielen.

Band 200x5
„Die heutigen Autorinnen und Autoren lassen sich die Themen für ihre Werke immer häufiger von den aktuellen journalistischen Trends vorgeben. So stellen wir heute eine signifikante Häufung von Themen wie Partnerstress, Migration und vor allem Familie und Kindheit fest. Familienromane und Kindheitsgeschichten, die letzteren häufig als Fallstudien am Rande des Erwachsenwerdens, befinden sich seit etwa 2000 denn auch im deutlichen Aufwind. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das bevorzugte literarische Thema der kommenden Jahrgänge der Klimawandel sein wird. Dass diese zunehmende Standardisierung der Themen zu einer gewissen Uniformierung der zeitgenössischen Literatur geführt hat, lässt sich kaum mehr übersehen.“

Was sich dennoch einigermassen sagen lässt, ist das Folgende: Die heutigen Autorinnen und Autoren lassen sich die Themen für ihre Werke immer häufiger von den aktuellen journalistischen Trends vorgeben. So stellen wir heute eine signifikante Häufung von Themen wie Partnerstress, Migration und vor allem Familie und Kindheit fest. Familienromane und Kindheitsgeschichten, die letzteren häufig als Fallstudien am Rande des Erwachsenwerdens, befinden sich seit etwa 2000 denn auch im deutlichen Aufwind. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das bevorzugte literarische Thema der kommenden Jahrgänge der Klimawandel sein wird. Dass diese zunehmende Standardisierung der Themen zu einer gewissen Uniformierung der zeitgenössischen Literatur geführt hat, lässt sich kaum mehr übersehen. Besonders gut zu beobachten ist dies in Texten von Absolventen der Schreibschulen oder von Workshops, die ihre Themen meist so wählen, dass sie möglichst medienkonform sind.

Der gegängelte Autor

Aber nicht nur diese Institutionen treiben die Uniformierung der Literatur voran, die Verlage selber tun es auch. Denn immer häufiger sagen sie dem Autor, was er schreiben soll, wie lange ein Text sein darf, für welche Zielgruppe er zurechtgeschustert werden muss und wann der Abgabetermin ist. Der Titel, das Cover und der Klappentext werden häufig festgelegt, bevor das neue Buch auch nur einen Satz lang ist, also zu einem Zeitpunkt, zu dem es nur aus einer Idee besteht, die der Autor in einem kurzen Exposé formuliert hat. Diese verlegerischen Vorgaben, die den Autor – nennen wir es ruhig beim Namen – zum Schreibsklaven machen, bleiben nicht ohne Folgen: Die Literatur gerät zunehmend in Gefahr, immer öder und austauschbarer zu werden.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich möchte meinen Vortrag nicht in Pessimismus ausklingen lassen, sondern zum Schluss doch erwähnen, dass es bei aller Kommerzialisierung der Buchbranche hier in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz noch immer Menschen gibt, für die das Buch keine Ware ist und der Umgang mit ihm kein blosses Geschäft, sondern nach wie vor eine Obsession, der man nachgeht – buchstäblich um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste. Und wo solche Menschen sind, bekommt auch die Literatur, bekommt auch das Wort wieder eine Chance. ♦

1) Der Text geht auf ein Referat zurück, das der Verfasser am 25. September 2015 in der Steirischen Landesbibliothek Graz anlässlich der Jahresversammlung der IGdA (Interessengemeinschaft deutscher Autoren) hielt. Wir danken Autor Mario Andreotti für die exklusive Publikationsberechtigung im „Glarean Magazin“.


Mario AndreottiProf. Dr. Mario Andreotti

Geb. 1947, Studium der Germanistik und Geschichte in Zürich, 1975 Promotion über Jeremias Gotthelf, 1977 Diplom des höheren Lehramtes, danach Lehrtätigkeit am Gymnasium und als Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen und an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, langjähriger Referent in der Fortbildung für die Mittelschul-Lehrkräfte und Leiter von Schriftstellerseminarien, seit 1996 Dozent für Literatur und Literaturtheorie an der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Linguistik; Verfasser mehrerer Publikationen und zahlreicher Beiträge zur modernen Dichtung, darunter das Standardwerk: Die Struktur der modernen Literatur; Mario Andreotti lebt in Eggersriet/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Mario Andreotti:

… sowie zum Thema Schweizer Verlage über die Biographie von Elisabeth Raabe: Eine Arche ist eine Arche…

Ausserdem zum Thema Literatur und Geschichte Neue Rundschau (Heft 2018/3) – Jenseits der Erzählung

Matthias Berger: Kommunion (Vier Gedichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Kommunion

schiebt,
schiebt sich mir zu.

zieht,
zieht,
entzieht sich mir.

schillerndes schieben,
gurgelndes ziehen.

etwas
bedarf meiner nicht,
ferner als ich:
sinai.

dornbusch,
zypresse
und gischt.

riecht doch
nach mir.

Erste Ode an den Klinikpetrus

Du
wagst ja
keinen Schritt vor die Tür.

Fürchtest
jedes Wellenspiel des Lebens.

Aber dein Herz
ist rein
wie bester kubanischer Tabak!

Nur du,
– nur du –
liebtest
die Multi-
morbide.
Wie hiess sie doch?
Die mit den asiatischen Augen…

Mit deinen Tränen um sie
salbt ER
seine müden Füsse,

und
auf Menschen wie dir
baut ER seine Kirche.

Dein unablässiger Rauch
ist IHM würdig und recht.

kommunion
(für Paul Celan)

einmal
da traf ich ihn

da mahlte er
das korn des zweifels
das ich
aus den ähren
der gewissheit
geklaubt hatte

dann buk er
das wundbrot
brach es
und gab mir

einmal
da traf ich ihn

da presste er
die trauben der bitternis
die ich
vom weinstock
der gemeinschaft
geschnitten hatte

dann kelterte er
den schmerzwein
nahm den kelch
und gab mir

(Inspiriert von „Einmal“, Paul Celan, Atemwende 1967)

Zweite Ode an den Klinikpetrus

Ich fürchte den Tod
– sagst du.

Aber
es war doch das Leben,
das dich gegürtet
und dich geführt,
wohin du nicht wolltest!

Den Tod sollst du
nicht fürchten.
Für dich
ist er
ein grobschlächtiger Engel.
Er umfängt dich
mit seinen Flügeln
aus geschlissenem Loden.

Sein Heiligenschein:
Das Glimmen
der stinkenden Zigarre
im zahnlosen Mund.

Furchtlos
wirst du ihm folgen
ins rauchverhangene
Paradies.


Matthias Berger - Lyrik-Autor im Glarean MagazinMatthias Berger

Geb. 1961, aufgewachsen bei Bern, Studium der evang.-ref. Theologie in Bern und Nairobi, acht Jahre Gemeinde-Pfarramt, 4 Jahre Psychiatrieseelsorge, seit 2002 Gefängnis- und Spitalseelsorger im Kanton Zürich, schreibt Lyrik, Theaterstücke und Kunstwissenschaftliches, lebt in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Lyrik auch von Tanja Dückers: Lacrimosa (Drei Gedichte)

Interview mit dem Schriftsteller Dominik Riedo

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 13 Minuten

Kairos – der richtige Zeitpunkt

oder

Kinski, Riedo, Schostakowitsch und … Kaffee

von Karin Afshar

Ein Interview ist ein Gespräch, bei dem der eine Gesprächsteilnehmer den anderen zu einem zuvor festgelegten Thema befragt. Ziel eines Interviews ist die Erlangung von Information, entweder persönlicher oder sachlicher Art. Der Leser, der das Interview lesen wird, weiss bestenfalls hinterher mehr über den Befragten als er vorher wusste.

Dominik Riedo (* 28. Februar 1974 in Luzern/CH)
Dominik Riedo (* 28. Februar 1974 in Luzern/CH)

Ein Interview gelingt dann besonders gut, wenn sich der Befragende hinreichend über seinen Partner vorinformiert, sich ausdrucksstarke Fragen überlegt und sie in einen mehr oder weniger geordneten Zusammenhang bringt.
Der Befragte seinerseits muss während des Interviews eigentlich nichts weiter tun, als auf die Fragen so zu antworten, dass sowohl er als auch der Befragende mit den Antworten jeweils ihre Botschaft auf den Weg bringen.

Es gibt etliche Fälle misslungener Interviews. Die meisten bekommen Leser oder Zuschauer oder Hörer nie zu sehen, aber hin und wieder macht eines in den Medien die Runde.
Ein echtes Skandal-Interview war eines mit Klaus Kinski, geführt mit einer jungen Reporterin, in einem Park (vielleicht Hamburg), im Beisein seiner Frau und einigen Fernsehleuten. Es ging um Kinskis damals gerade herausgekommenes Stück „Jesus Christus“.
Nun war Kinski als „unmöglich“, als enfant terrible bekannt, und was Interviews anging als störrisch verschrien. Ein Interview mit ihm also eine heikle Sache, die guter Vorbereitung bedurfte. Die junge Reporterin tappte gleich zu Beginn in ein erstes Fettnäpfchen, indem sie ihre Frage um das bedeutungsschwere Wort „ausgefallen“ erweiterte. Das zweite Näpfchen stellte sich ihr in den Weg, als sie Kinski als „negativen Helden“ bezeichnete, der sich nunmehr (überraschenderweise, ausgerechnet) des Neuen Testaments angenommen hätte… Kinski eskalierte sofort und liess sich auch nicht mehr beruhigen. Der Rest des Interviews ist Geschichte.

Karin Afshar (* 1958 in der Eifel/D)
Karin Afshar (* 1958 in der Eifel/D)

Mein Gesprächspartner ist nicht Klaus Kinski (der ist auch inzwischen etliche Jahre tot), sondern ein lebender, kürzlich Geburtstag feiernder Schweizer Schriftsteller: Dominik Riedo. Als Nicht-Schweizerin und als Nur-noch-Sporadisch-Lesende kenne ich Herrn Riedo nicht. Eine Lücke, die ich schliesse, indem ich im Netz recherchiere. Dominik Riedo studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Zürich, Berlin und Luzern, von 2004 bis 2006 war er Lehrbeauftragter an der Universität Zürich, seit 1993 ist er Schriftsteller, Mitherausgeber von „Aufklärung und Kritik“ (Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie), war 2010-2012 der Präsident des Deutschschweizer PEN-Zentrums und von 2007-2009 der Kulturminister der Schweiz. Er publiziert Bücher in verschiedenen Verlagen, betreibt eine Webseite und schreibt einen Blog, in dem er Aphorismen und Auszüge aus seinen Arbeiten einstellt. Ich lasse mir drei seiner neuesten Bücher (2014 erschienen) kommen.

Geplant ist ein E-Mail-Interview; diese Form von Interviews gewinnt immer mehr an Beliebtheit, folgt aber eben eigenen journalistischen Regeln, die man auch kennen sollte. Der grösste Unterschied zu normalen Interviews ist der, dass die beiden Gesprächspartner nicht die Möglichkeit haben, eine gestellte Frage zu erweitern oder zu erörtern, sondern die Befragung und Beantwortung statischer sind und demzufolge strukturiert vorbereitet sein wollen. Zehn Fragen, so steht in den Leitlinien, die ich alsbald finde, sollten es in der Regel sein.

Ich schreibe Herrn Riedo eine erste Mail, um mich vorzustellen und um anzukündigen, dass demnächst meine Fragen kommen. Ich muss mich erst „warm laufen“.

Frage: Was lesen Sie zurzeit? (Und ist es eher ein dickes oder dünnes Buch?)

Riedo: Proust und Lovecraft und Barnes.

Anlass zur Frage ist ein Zitat: „Literatur ist auf der einen Seite wie ein dickes Buch, auf der anderen wie ein dünnes. Im dicken, das im unmöglichen Idealfall ein Weltwälzer wäre, kann man sein ganzes Leben fortlesen, ohne aus dem Traum in die Realität niedersteigen zu müssen. Beim dünnen, das bis zu einem Wort, zu einem Zeichen nurmehr, zusammenschmelzen soll, wird durch das Gelesene eine plötzliche Einsicht in die Wirklichkeit bewirkt.“
Riedo: Man kann nicht sämtliche Literatur in einem Menschenleben lesen. Darum ist es vor allem wichtig, von elementaren Werken zumindest den Nukleus – also das, was ein bestimmtes Werk im Innersten zusammenhält, was es ausmacht und determiniert – zu verstehen; man sollte (selbst als unkreatives Wesen) zumindest begreifen, warum ein Autor ein solches Buch überhaupt schreiben wollte und konnte.

In einer späteren Mail, nachgefragt, wie es Proust jetzt „ginge“:
Riedo: Proust steckt fest. Der dritte Band ist zu zäh. Mal sehen, ob ich ihn durchgehe oder überwinde. Im Moment einiges andere auf dem Nachttisch.

Dominik Riedo - Uns trägt das Angesungene - Edition Taberna Kritika - Glarean Magazin
Dominik Riedo: „Uns trägt das Angesungene“ – edition taberna kritika

Ich lese derweil in „Uns trägt das Angesungene“. Es ist ein rosa-/magentafarbenes A6-formatiges Taschenbuch mit Textschnipseln, mit Angedachtem, farbig im Text belassenen Korrekturanmerkungen und geschwärztem Text. Sieht interessant aus. Der Klappentext hebt an mit der Frage, ob Skizze auch Werk sein kann, so unfertig wie sie ist. Das Buch werde zur doppelten Allegorie, in dem es die (Un)Fertigkeit einer offengebliebenen Korrektur schamlos ausstelle. Ich stolpere über das erste von zwei Attributen, die man Riedos Arbeit zuweist.

Frage: Was meinen die Rezensenten und auch der Verlag mit der „schamlosen Ausstellung“ des (Un)fertigen? Sollten „wir“ – die Leser – uns für etwas schämen – und vor welchem Hintergrund sollen wir uns schämen? Lassen Sie alle Scham fallen, weil Sie nicht schreiben, wie es sich „gehört“?

Riedo: Wieso, wie „gehörte“ es sich? Oder halt dies: Ich soll mich doch wirklich nicht schämen, das Unfertige zu zeigen: Denn wann ist etwas schon nicht „unfertig‘? Das mit den Leserinnen und Lesern ist eine verzwickte Sache: Eigentlich wäre nicht (fast) alles, was man als Wort-Mensch so schreibt, für deren Augen. Aber irgendwie muss man halt leben.

Ein zweites Attribut ist „verstörend“… Bin erstaunt, bin kaum verwirrt, wegen der Korrekturen nicht (kannte ich schon aus anderen Büchern), aufgrund der Inhalte nicht, muss schmunzeln (viele Ideen! Wenn er das alles zu Erzählungen machte!), bin wiedermal bestätigt: die Welt ist verrückt, so wie sie ist. Und nicht dazu angetan, wirklich heimisch in ihr zu sein.

Frage: Ist das mehr oder weniger auch das, was Sie trägt? – Was Sie hier „ansingen“? – Eine Welt in Auflösung?

Riedo: Die Welt ist ver-rückt: Wenn es nur in den Büchern wäre, fände ich das äusserst anstrebenswert. Aber die Realität … Es ist nicht zu sagen, was heute alles „geht“. Eine Lösung wird kommen: Hoffen wir, es ist nicht eine endgültige. Auf dass man immer wieder dagegen ansingen darf. Und doch alle etwas Ungesungenes im Kopfherz tragen können.

Das mit dem Ansingen kenne ich. Dass es in Riedos Angesungenem viele Tote, Morde, Rachegedanken gibt… eben, so ist die Welt. Ver-Rückt. In meinem Alltag fallen mir just in dieser Zeit die kurzen, zusammengedampften Symphonien von Darius Milhaud zu. Der schrieb dergleichen Anfang des 20. Jahrhunderts, verkürzte mal eben eine (klassische Form) 90-minütige Symphonie in vier Sätzen auf acht Minuten. Ankündigung unserer heutigen Zeit-Not? Ein Kürzest-Werk, aber eben auch ein Werk.

Frage: „… Wie in einer musikalischen Struktur …“ – haben Sie ein bestimmtes Stück vor Ohren gehabt?

Riedo: Einige; aber vor allem meins: do re mi do ni ki … Aber es sei gegengefragt: Wenn ein fremder Text in mir plötzlich Saiten zum Klingen bringt: Sind das von Geburt her eingezogene oder doch eher literarisch vorgebildete? Die Frage besteht: Gibt es Liebe zu einem Text ohne Vorkenntnisse (mal abgesehen davon, dass man das Alphabet erlernt hat und gewisses Weltwissen) und/oder „Drauf-hinauf-gehoben-Werden“?

Frage: Welche Musik hören Sie und was ist mit der Harmonielehre oder Tonkunst?

Riedo: Wie der Patient sagen würde: Ich bin ein Liebhaber der Tonkunst: Viele tanzen nach meiner Pfeife.

Kein Nachhaken meinerseits, aber zur Gegenfrage fällt mir vieles ein. Das Thema „Musik“, über das ich gerne weiter gefragt hätte, bei dem ich dann auf Hindemith und von ihm weiter auf „das Werk“ bzw. den Werksbegriff gekommen wäre, bleibt unvollendet. Ich suche noch ein wenig in der „Unterweisung im Tonsatz“ – im Vorwort schreibt Hindemith Lehrreiches zum Werksbegriff bzw. über den Umgang der Jüngeren mit der Anwendung des ihnen zur Verfügung stehenden Musikwerkzeugs… Es hätte zu Riedos Interview mit Philippe Bischof gepasst:

Facebook - Zwirbler-Roman - Glarean Magazin
Die Facebook-Community als Schriftsteller-Kollektiv: der Zwirbler-Roman

Anlässlich einer Tagung des Kulturministerium.ch hatte Riedo als Kulturminister der Schweiz mit Philippe Bischof, dem Leiter des Luzerner Kulturhauses Südpol ein Gespräch geführt. Riedo hatte gefragt, ob die Schriftsteller eventuell zu elitär geworden seien und ob Theater immer mit Schriftstellern zu tun haben bzw. immer von Schriftstellern geschrieben sein müsse.
Bischof bestätigte, dass dies im Moment (immerhin schon 5 Jahre her), tatsächlich immer weniger der Fall sei. Es gebe eine starke Tendenz dahin, dass der Autor nicht mehr der Schriftsteller allein sei, sondern die Schauspieler, der Regisseur, der Dramaturg zusammen etwas wie einen Kollektivautor bildeten, der auch die Leute draussen, das Publikum und seine Befindlichkeit und persönlichen Bedürfnisse einbeziehe und als dokumentarisches Theater diese authentisch aufnehme.

Von der Bühne und den Dramatikern, von der Musik hätte ich zu den Schriftstellern und den Büchern übergeleitet… Dank (preisgünstiger) E-Book-Publikationsmöglichkeit gibt es immer mehr Autoren und auch immer mehr zielgruppenorientiertes Schreiben. Da wird der Leser miteinbezogen, der Autor schreibt, was sein Leser sich von der Geschichte wünscht, ja, sogar mehrere Autoren schreiben kollektiv an einer Geschichte (z.B. der Zwirbler-Roman, der erste Facebook-Roman).

Frage: Sind diese eigentlich noch Schriftsteller zu nennen? Was ist ein Schriftsteller heute noch?

Riedo: Man könnte es über die Gewerkschaft definieren: Beim AdS („Autorinnen und Autoren der Schweiz“) wird nur aufgenommen, wer bestimmte Minimalkriterien erfüllt. Andererseits ist „Schriftsteller“ keine geschützte Bezeichnung, war es noch nie. Und das ist vielleicht auch gut so. Stichwort: „Offen für alles Kommende“ … Der Untergang kommt früh genug …

Frage: Ist Schreiben ein Ausdruck seiner selbst, oder ist Schreiben als Erfüllung der Bedürfnisse anderer, besonders der Leser zu denken?

Riedo: Das geht durchaus Hand in Hand.

Dominik Riedo - Die Schere im Kopf - Offizin Verlag - Glarean Magazin
Dominik Riedo: „Die Schere im Kopf“ – Offizin Verlag

„Die Schere im Kopf“. Das Buch lässt mich nicht an sich heran, verärgert mich im Anlesen – und lässt mich „im Fenster der Nacht des Hierseins“ – zurück, mit diesem „Herunterzählen“ an Wörtern und Satzfetzen, bis hin zum letzten unverständlichen Wort. Ich bin alles andere als sicher, ob ich überhaupt verstehe, worum es geht. An manchen Stellen kann ich sogar vor Wut nicht weiterlesen.

Riedo: Auch ich war oft wütend angesichts des Textes. Aber er musste geschrieben werden. Und wäre es nur meinetwegen.

Frage: Provokation? Fishing for Widerspruch?

Riedo: Ne, nicht mehr … Das habe ich mit dem Kulturministerium hinter mir gelassen.

Fünf mal 24 Stunden hat der Erzähler in diesem Buch noch zu leben. Er liegt mit Krebs im Endstadium in einem Spitalbett und weiss, dass die Schmerzen trotz verabreichter Medikamente nicht mehr enden werden. Dennoch fürchtet er sich weniger vor dem elenden Ende, verspürt kaum Angst vor dem nahenden Tod, den er in seinem Überdruss willkommen heisst.
In aufeinanderfolgenden Bewusstseinsschüben beschreibt er nun sein abgelebtes Leben, zerreisst es rückblickend. Der Leser erfährt, dass der Erzähler früher einmal geglaubt hatte, das grosse Werk schreiben zu können, dass er zwar zwei Instrumente spielte, aber nicht ganz so musikalisch wie Mozart war. Er war Lehrer, einmal sogar Dozent an der Uni, arbeitete im Gefängnis (wo er feststellte, dass auch Verbrecher sich selbst beschwindeln) und hatte weitere Gelegenheitsjobs. Der Leser erfährt von den Frauen. 129 sollen es gewesen sein. Bei der Abrechnung überlegt der Sterbende, ob es ihm ein Trost wäre, wenn alle Menschen gleichzeitig mit ihm stürben. Fragmentarisch denkt er auch – an die Schweiz, an ihre unveränderbare Bürgerlichkeit und fasst zusammen, dass ihn auch das Reisen anwiderte, nachdem er alles bereist hatte.
Wie gesagt: das Buch widersetzt sich mir. Vielleicht wegen des Fragmentarischen, des „gestreamt“ Vexierhaften – Vexierhaftes irritiert mich. Schostakovitsch und seine 15. Symphonie fallen mir ein. Sie beginnt mit dem Zitat aus Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre. Das leichte, lockere Leben endet alsbald in Fragmenten und setzt sich mit dem Sterben auseinander. Es ist die letzte Symphonie des Russen, er ist schwerkrank und er komponiert unter stalinistischen Bedingungen, wandert dabei auf einem schmalen Grat zwischen ideologischer Vereinnahmung und künstlerischer Selbstverwirklichung, zwischen Leben und Tod.  Ja, Schostakowitschs Musik evoziert Ähnliches wie die „Schere“.

Die Schere im Kopf lege ich zur Seite. Sie schneidet meine Energie und meinen Elan ab. Auch die Antworten, die ich auf meine erste Mail bekomme, lege ich zur Seite.  Jetzt spüre ich den Hauch des Proust-Effekts. Aufschieben, sage ich mir. Aufschieben, dann wird der rechte Augenblick kommen. Habe auch zur Zeit mit der Veröffentlichung der Aphorismen eines anderen jungen Mannes zu tun, fast gleicher Jahrgang, sogar ähnliche Gedanken.

Dominik Riedo:
Dominik Riedo: „Mein Herz heisst ‚Dennoch'“ – Pro Libro Verlag

Kurz vor Weihnachten schickt mir der Verlag pro libro aus Luzern das dritte Riedo-Buch: „Mein Herz heisst „‚Dennoch‘ – Literarische Porträts“. Darin geht es um Schriftsteller und Denker, die anders als ihre Mitmenschen waren. Die Werke, die sie aus ihrer Andersartigkeit heraus geschrieben haben, werden heute bewundert. Den Erschaffenden aber machte das Anderssein zu schaffen. Sie haderten mit sich, mit der Welt, mit dem eigenen Werk.  Riedo versammelt in diesem Buch literarische Porträts, die gewissermassen den Finger auf die offene Wunde legen. Die Wunde ist die der Verdrängung des Haders der „Anderseienden“ aus der heutigen Bewunderungsperspektive.
Sag ich doch! Mein Reden. Voller Vorfreude nehme ich das Buch in die Hand und vor die Augen. Riedo ist einer, der Einzelgänger zu mögen scheint. Seine Antworten zu sich selbst mögen da für ihn sprechen.

Frage: „Widerstand der Welt, den diese Denker und Schriftsteller erfuhren, aber auch Widerstand, den sie selbst der Welt entgegensetzten, der unbeirrbare Glauben der Porträtierten an das „Dennoch“ – an die Keimzelle der unsterblichen Literatur.“ Keimzelle? Unsterbliche Literatur?

Riedo: Unsterblich, denke ich, ist doch praktisch nichts. Die Keimzelle jedoch steckt in mir – und bringt ihre Triebe voran… Gegen den vorangegangenen Gegendruck …

Frage: Sind Sie ein lustig-melancholischer Mensch oder eher ein ernst-alberner? Oder ist die Frage zu persönlich?

Riedo: Beides wohl, wild durcheinander. Am ehesten ein melancholisch-heiterer.

Frage: Sie scheinen ein Faible für Einzelgänger zu haben oder sind Sie etwa selbst einer? Sehen Sie sich als einer?

Riedo: An der Party zu meinem 20. Geburtstag kamen 81 Gäste, an der zu meinem 40. Geburtstag noch 12 …

Und jetzt kommt die Kinski-Klippe, das Fettnäpfchen, in das ich treten könnte. Riedo war – wie bereits erwähnt – für zwei Jahre Schweizer Kulturminister – ein Zeitraum in seiner Biographie, den ich natürlich ansprechen muss.

Frage: Wie kam es überhaupt zu der Idee, Kulturminister werden zu wollen, sich als Kandidat zur Wahl (mittels Internet-Wahl aus 25 Kandidatinnen und Kandidaten) zu stellen?

Riedo: Weil ich, beim Sprung ins kalte Wasser, etwas lernen wollte.

Frage: Macht man das mal eben so? Haben Sie nicht genug zu tun gehabt?

Riedo: Ich mache eigentlich nichts „einfach so“.

Frage: Wie haben Sie die 2 Jahre als Kulturminister verändert? Haben sie Sie verändert?

Riedo: Oh ja!

Meine zehn Fragen sind gestellt, und ich habe kein schlüssiges, rundum befriedigendes Bild. Ich habe gar nichts und muss erkennen, dass ich die falschen Fragen gestellt habe, und mir trotz allen Hin- und Herüberlegens kein Weg eingefallen ist, sie aufzubereiten. Riedo hat mich weite und inspirierte Denkwege zurücklegen lassen. Aber das Interview… wenn ich doch eine Tasse Kaffee mit ihm trinken könnte!
Es ergibt sich keine Gelegenheit. Im Gegenteil, ich entferne mich räumlich noch weiter von der Schweiz, fahre in den Norden, sitze in einem Bahnhofsrestaurant und – spreche mit Riedo.

Was trinken wir? Kaffee? Wie trinken Sie ihn? Mit Milch und ohne Zucker? – Der Kaffee kommt. Jetzt würde ich sie stellen – die wirklich wichtigen Fragen:
01. Wann können Sie am besten schreiben?
02. Wo kommen Ihnen so richtig gute Ideen?
03. Welche Stadt würden Sie gerne in nächster Zeit besuchen?
04. Haben Sie Freunde in Deutschland?
05. Welchen Film haben Sie kürzlich gesehen?
06. Haben Sie einen Lieblingsregisseur?
07. Trinken Sie lieber Kaffee oder lieber Tee? Eine Idee, warum das so ist?
08. Essen Sie gerne Fisch?
09. Welches ist Ihre derzeitige Lieblingsfarbe (hatte ich das nicht schon gefragt???)
10. Können Sie zeichnen?

Nichts mit Literaturwissenschaftlichem zu „Werk“ und „Fragmentarismus“, oder Lebensabrissen und Bewusstseinsströmen, genug des Zweifelns an der verrückten Welt, die uns dazu bringt, gegen sie anzuschreiben. Wozu? Um uns ein Denkmal zu setzen – oder uns am Leben zu erhalten? Wer dieses neue Interview liest, soll sich wohlfühlen und einen Menschen sehen, und sich darin wiederfinden – oder auch nicht. Etwas Riedo-haftes klingt in allen von uns… und sowohl ein Klaus Kinski als auch ein Dmitri Schostakowitsch waren als Künstler und als Menschen nicht einfach, noch unumstritten. Sie waren anders. Und dennoch!

Einen herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag, Herr Riedo. ♦

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Dies sind die Antworten, die mir Dominik Riedo auf meine obigen 10 Fragen gab:

01. Wenn mich an der Welt etwas stört, aber nicht in meinem Arbeitszimmer.
02. Beim Lesen.
03. Marsala. Ich werde März oder April dort sein.
04. Ja.
05. Verfilmungen von Philip K. Dick. Ich möchte einen Essay über ihn schreiben.
06. Orson Welles.
07. Kaffee. Weil ich als Kind bereits Mocca-Glacé über alles liebte. Aber warum das? Keine Ahnung.
08. Ich bin Vegetarier.
09. Schwarz.
10. Ich konnte es mal ganz gut und habe Freundinnen damit „beschenkt“. Heute hab ich das etwas verloren.


Lesen Sie im Glarean Magazin auch über Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders (Nekrolog auf meinen pädophilen Vater)

… sowie das Interview mit der Bestseller-Autorin Rebecca Gablé („Der dunkle Thron“)