Peter Biro: Die Liebe zu den drei Organen (Satire)

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Die Liebe zu den drei Organen

oder

Wie es Herz-Terz, Leber-Kleber und Milz-Pilz im Spital erging

Peter Biro

Sorgfältig tupfte Schwester Thekla die hohe Denkerstirn des unermüdlich im Dauereinsatz stehenden Chirurgen Dr. Sweren-Nöthen, der diese komplexe, dreifache Organtransplantation auf sich genommen hatte, obwohl ihm alle davon abzuraten versucht hatten – vergebens natürlich.
„Das kann nicht gutgehen, Wilhelm“, hatte ihm tags zuvor seine treue Ehefrau, Dr. Elfriede Nöthen, die Sache auszureden versucht, ihrerseits als erfahrene Proktologin mit den operativen Schwierigkeiten einer Trippel-Transplantation vertraut. Sie wusste nur zu gut, was damit für ihren Mann auf dem Spiel stand. Aber sie kannte ihn zur Genüge um zu wissen, dass sie ihn nicht aufhalten konnte, wenn er schon mal einen derart schwerwiegenden Entschluss gefasst hatte. Wenn es jemanden gab, der das Ungemachte machen, das Ungewagte wagen und das Ungeheuerliche geheuern würde, dann käme nur einer dafür in Frage: ihr couragierter Gatte, der bewunderte und umstrittene, neue Starchirurg des Universitätsspitals Zürich.
„Tun Sie es lieber nicht“, waren die letzten Worte seines Chefs, des Professors Prokofiew, bevor dieser in seinen improvisierten Karibikurlaub aufbrach, nachdem er davon erfahren hatte, dass ein besonders risikoreicher Eingriff geplant war. Er wollte lieber nicht zugegen sein, wenn das Vorhaben nicht gut ausging, und erst recht nicht, wenn die Presse über den gescheiterten Mitarbeiter seiner blamierten Abteilung herfallen und die riskante Aktion in Frage stellen würde.

An jenem schicksalhaften Tag, als Dr. med. Dr. h.c. Wilhelm Sweren-Nöthen die einsame Entscheidung traf, den noch nie durchgeführten Eingriff der gleichzeitigen, dreifachen Organtransplantation, nämlich von Herz, Leber und Milz in einer voraussichtlich 33-stündigen Operation am offenen Fenster des Operationssaals Nr. 3 durchzuführen, war das Entsetzen in seinem Umkreis riesengross. Seine Sekretärin und heimliche Geliebte, Fräulein Kniebel, von deren Doppelrolle alle ausser Elfriede Bescheid wussten, flehte ihn buchstäblich auf Knien an, es nicht zu tun.
„Du gehst ein zu grosses Wagnis ein, Willi“, sagte sie eindringlich, nachdem sie sich aus seiner kräftigen Umarmung gelöst hatte. „Nach deinem Rauswurf aus der Schwarzwaldklinik riskierst du nun dasselbe hier nochmal“, jammerte das „kecke Knieblein“, wie er sie manchmal zärtlich nannte.
Sie bestürmte ihn mit nicht nachlassendem Eifer: „Bedenke nur, mein Liebster, wenn es zu einer fatalen Transplantatabstossung kommt und dich das Unispital in Schande entlässt, dann kannst du deine Karriere endgültig begraben. Und unsere sorgfältig geplante Kongressreise zu zweit im Nachtzug nach Buxtehude können wir auch vergessen“.

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Willi wollte auf die kritischen Stimmen nicht hören, weder auf die seiner Frau, noch auf die seiner Geliebten, die beide in dieser Sache ausnahmsweise der gleichen Meinung waren. Er fühlte einen starken inneren Drang, die Grenzen der Schulmedizin eigenhändig zu sprengen und das bis dahin Ungewagte zu wagen: Die drei durch Alkohol, Zigarettenrauch und Nougatcréme schwer geschädigten Organe zu ersetzen, welche dem Leben des Patienten W.J. aus Z. bald ein Ende setzen würden, wenn nichts Radikales unternommen wird.
Nein, Dr. Sweren-Nöthen konnte gar nicht anders. Er glaubte an die schicksalhafte Fügung, die sich durch einen Zufall ergeben hatte: Auf der einen Seite ein Patient, der an der unheilbaren „Schwedischen Papageiengrippe“ erkrankt war, und andererseits die zeitgleiche Einlieferung von drei hirntoten Bergwanderern, die viel zu eng angeseilt, gemeinsam in eine Gletscherspalte gestürzt waren und ausgerechnet die passenden Organe vorrätig hatten. Obendrein bewahrte die Kälte des Gletschereises die Spenderorgane in bestem Zustand. Das alles war auf einmal da – und Sweren-Nöthen war am richtigen Ort zur richtigen Zeit, um es zum ersten Mal zu versuchen. Er musste diese Gelegenheit beim Schopf ergreifen und die bis dahin als undurchführbar geltende Trippel-Transplantation wagen.

„Wenn das kein Wink des Himmels war?“, räsonierte Schwester Thekla, während sie dem konzentriert arbeitenden Chirurgen folgsam die bestellten Instrumente vorbereitete. Normalerweise pflegte sie an der Seite des Starchirurgen einen eher harmlosen Smalltalk zu führen und immer wieder drauflos zu plappern. Diesmal war ihm jedoch überhaupt nicht nach den üblichen Wortwechseln über Ferienreisen, Sonderangebote und dem obligaten Kliniktratsch zumute. Zu sehr war er in seine Gedanken vertieft, die unentwegt um seine innig geliebten drei Organe kreisten. Drei offene Körperhöhlen gleichzeitig bedeuteten drei voneinander unabhängige Risiken, die sich gegenseitig verstärkten. Konnte das gutgehen?
Er ballte seine behandschuhten Hände zu blutleeren, weissen Fäusten und richtete die alles entscheidenden Worte an seine treue Instrumentierschwester und frühere Gespielin aus den alten Schwarzwälder Zeiten (noch lange vor dem kecken Knieblein):
„Sind Sie parat, Schwester Thekla, können wir den Instrumentencheck durchführen?“, wobei er sorgfältig darauf achtete, die früher so nah vertraute Mitarbeiterin zu siezen, wenn andere zuhören konnten.
„Jawoll, mein Doktor. Alles ist vorbereitet“, versicherte die Angesprochene mit einem leichten Anflug von vorgetäuschter Sicherheit in der Stimme.
„Na dann wollen wir mal“, legte er los und begann mit der standardisierten Aufzählung der essenziellen Instrumente, die für den Aus- und Einbau der drei Organe erforderlich waren:
„Sind Herz-Terz, Leber-Kleber und Milz-Pilz einsatzbereit, geladen und geschmiert?“, fragte er, ohne aus den hallenden Tiefen des offenen Brustkorbs von W.J. aus Z. aufzublicken. Thekla beeilte sich, ihm die Bereitstellung des Gewünschten zu versichern, wobei ebenfalls kleine Schweissperlen auf ihrer ähnlich hohen Stirn auftauchten. Nur war niemand da, die ihren abzutupfen.
Er begann die Punkte der Checkliste einzeln durchzunehmen: „Die Herz-Terz?“
„Herz-Terz – randvoll gefüllt und im Trilobit-Retraktor mit je drei Gefässklammern geladen. Die Klapunzelspalte ist offen und schliesst reibungslos“ verkündete sie mit einem gewissen Übereifer.
„Leber-Kleber?“
„Leber-Kleber steht parat. Drei Patronen sind prall gefüllt und die Zähigkeit des Materials ist auf den aktuellen Barometerdruck und die Luftfeuchtigkeit abgestimmt. Wir haben 313 Öchslegrade im Reservoir“, beeilte sie sich zu versichern.
„In Ordnung“, brummte Sweren-Nöthen zufrieden, „und als Letztes der neuartige Milz-Pilz?“
„Nagelneuer Milz-Pilz ist soeben aus Karlsruhe eingetroffen und frisch aus der Packung entnommen. Die Repunzierschraube wurde bereits herstellerseits auf Null gestellt und erlaubt Auswuchtung in alle drei Ebenen. Sie können jederzeit anfangen“, schloss Schwester Thekla den Check erleichtert ab.

Sweren-Nöthens Gesichtszüge entspannten sich ein wenig, und er begann mit der Auswuchtung des kaum noch sichtbar schlagenden Herzens. Es war nun wirklich höchste Zeit.
„Tupfer!“, raunte er ihr nach einer Weile zu, während er eine spritzende Blutung mit seiner Nasenspitze abdrückte. „Noch einen Tupfer“, näselte er diesmal lauter, „und schnell noch einen, bitte, Schwester Thekla, drei Stück wie immer wenn’s kritisch wird, Heiligedreieinigkeit!“, erschallte es diesmal etwas energischer und gereizter als sonst. „Wenn’s spritzt, müssen’s immer drei sein. Das wissen Sie doch!“ In solchen Fällen konnte es ihm nicht rasch genug gehen. Seine beiden Operationsassistenten erwarteten nun weitere Wutausbrüche.
„Herr Truffaldino, den Rippenspreizer mehr anspannen – bitte!“, schnauzte er seinen ersten Assistenten an, während der zweite, der italienische Gastarzt Dr. Farfarello unaufgefordert den Leberhaken kräftig zu sich zog. Ein kurzer, dankbarer Blick seitens Dr. Sweren-Nöthers bestätigte dem besorgten Neapolitaner die Richtigkeit seiner Massnahme.
„Und jetzt bitte den Milz-Pilz, mit entsicherter Repunzierschraube“, schleuderte er seiner Instrumentalistin entgegen, die verzweifelt den geforderten Zusatzteil in ihrem Sterilisiersieb suchte. Unter lautem Geschirrgeklapper fand sie schliesslich das Gesuchte und reichte es erleichtert dem ungeduldig seine drei Finger spreizenden Operateur.

Wieso drei Finger, mag man sich fragen? Nun, hier ein kleiner Abstecher in die Vergangenheit: Sweren-Nöthen hatte den Daumen und den kleinen Finger seiner rechten Hand eingebüsst, als er als junger Assistenzarzt in der Orthopädie arbeitete und einen kleinen Unfall mit einer dreitaktigen Knochensäge hatte (er hatte irrtümlich nur zwei Takte angenommen). Damals dachten er und seine Frau, dass seine Chirurgenkarriere damit abrupt enden müsste. Aber es kam anders; mit nur drei verbliebenen Fingern der rechten Hand erwies sich der noch junge Assistenzchirurg als allen anderen Kollegen überlegen. Mit der viel schmäleren Hand konnte er weiter und tiefer in die hintersten der verwinkelten Körperhöhlen der leidenden Menschen vordringen und dort wahre medizinische Wunder vollbringen. Weit besser als jeder andere seiner zahlreichen Konkurrenten – mit intakten Händen.

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„Das muss Dir mal einer nachmachen“, sagte damals Elfriede zu ihm, nachdem er bereits bei seinem ersten Versuch drei eingeklemmte Gallensteine aus einem übergewichtigen Metzgermeister herausgeholt hatte. Durch dessen Schlund wohlgemerkt, ohne diesen aufschneiden zu müssen. Denn aufgeschnittene Metzgermeister heilen bekanntlich sehr schlecht. Jene operative Grosstat begründete seinen legendären Ruf als Ausnahmechirurg, welcher schlussendlich zu seiner Berufung nach Zürich geführt hatte. Dort pflegte man nämlich nur die Besten der Besten anzustellen.
Doch in der Limmatstadt musste er sich zunächst bewähren, so wie das von allen neu eingestellten, deutschen Ärzten erwartet wird. Erst musste Sweren-Nöthen für drei Monate Fettschürzen straffen und Hämorrhoidalknoten entwirren, bevor er an die drei wichtigsten Organe herangelassen wurde: An Milz, Leber und (als Königsdisziplin) ans Herz. Doch er meisterte alle Hürden mit Umsicht und Bravour, er bestand alle Prüfungen, die ihm auferlegt wurden, und auch das obligate Begrüssungs-Mobbing durch die einheimischen Kollegen konnte ihm nichts anhaben.
Denn er kannte sich mit den drei Organen weit besser aus als alle anderen, einschliesslich seines Chefs, des feisten Professors Prokofiew, der ihm absichtlich die schwierigsten Fälle zuschob. Zuerst liess er ihn die komplexesten Milzoperationen durchführen und die Handhabung des neuartigen Milz-Pilzes studieren. Dann musste er sich mit den schwierigsten Lebereingriffen auseinandersetzen. Doch auch das bewältigte er mit Erfolg, nachdem er die Tücken des Leber-Klebers beherrschen gelernt hatte.
Nur mit der Herz-Terz konnte er sich lange nicht anfreunden. Das kleine, dreiteilige Gerät zur elektromechanischen Entkopplung des Reizleitungssystems liess sich von ihm nicht gleich gefügig machen. Aber mit seiner dreimalig geschickten, dreifingrigen Hand schaffte er es dann doch. Und zwar mit einem Trick, den er sich bei der Hämorrhoidalentwirrung zugelegt hatte: er steckte dabei den Ringfinger in die offene, linke Herzkammer, den Zeigefinger in die Klapunzelspalte, so dass er die Herz-Terz mit dem verbleibenden Mittelfinger elegant in die Perikardhöhle vorwärts bugsieren konnte. Mit diesem Manöver erwarb er sich sehr schnell den Ruf, einer der besten Herzchirurgen zu sein.

„Kein Zweifel, mein lieber Doktor…“, raunte ihm Schwester Thekla zu, während sie mit einer Tridentklemme die Klapunzelspalte aufdehnte, um seinem Mittelfinger Platz zu machen, „kein Zweifel, dass Sie einer der besten Milz-, Leber- und Herzchirurgen nördlich der Alpen bis zum Dreiländereck bei Basel sind. Aber alle drei Organe auf einmal transplantieren, das ist wirklich gewagt. Wenn das mal nur gut geht…“.
„Machen Sie sich keine Sorgen, Instrumentierschwester Thekla“, erwiderte er süffisant, „meine Liebe zu den drei Organen lässt mich jede Schwierigkeit überwinden. Das beflügelt mich nicht nur, das führt meine schlanke, dreifingrige Hand sicher zum Erfolg. Nur dürfen die Spenderorgane nicht zu früh warm werden, zu viel Sauerstoff verbrauchen und sich dadurch vor der Implantation erschöpfen“.
„Und was ist mit Prokofiew?“, warf sie besorgt ein.
„Was soll schon sein? Wenn er aus der Karibik zurückkommt und die Spitalleitung die Medien zur Pressekonferenz lädt, dann wird er gerne wieder dabei sein, um seinen Anteil am Erfolg einzuheimsen. Das war immer schon so: bei Gefahr abtauchen, bei Erfolgsmeldungen nach vorne drängeln“.

Der Gastarzt Dr. Farfarello nutzte während der Transplantatpräparation die etwas entspanntere Atmosphäre, um eine wichtige Frage an sein Vorbild zu richten:
„Dottore Sweren, wie können Sie so sicher sein, dass diese dreifache Organtransplantation gelingen wird, wenn sie sonst noch nirgendwo, von niemandem erfolgreich durchgeführt wurde?“
„Sehen Sie, Luigi“, antwortete der Angefragte selbstsicher, „alles muss ein erstes Mal versucht werden, und jetzt hat sich die einmalige Chance ergeben, dass ich es bin, der diesen ersten Schritt wagt“.
„Aber wird es nicht eine sehr heftige, kaum beherrschbare Abstossungsreaktion geben? Immerhin bei drei eingepflanzten Fremdorganen?“, wandte der vordem gerüffelte und deshalb bis dahin betreten schweigende Dr. Truffaldino ein.
„Auf diese Frage habe ich gewartet, mein lieber Kollege“, erwiderte der selbstsichere Starchirurg, „auch dieses Problem ist lösbar. Ich werde nicht nur drei gesunde Transplantate einsetzen. Der Trick dabei ist, dass ich auch deren Positionierung vertauschen werde.“
Alle Anwesenden, einschliesslich der bis dahin sich unauffällig im Hintergrund haltenden Anästhesistin, Dr. Fatima Morgana, spitzten die Ohren ob des noch nie Gehörten. Mit unverhohlener Überraschung blickten alle in die Augen des triumphierenden Skalpellkünstlers. Nach einer angemessenen Pause, um die ohnehin schon gespannte Atmosphäre weiter aufzuladen, lieferte dieser die verblüffende Erklärung:
„Der Platztausch der drei Organe, nämlich der Einbau der Milz ins Mediastinum, der Leber in die Milzloge und des Herzens in das Leberbett wird das Immunsystem des Empfängers derart verwirren, dass es gar nicht dazu kommt, eine Abstossungsreaktion anzufangen. Es versucht sich über die ungewohnte Organanordnung klarzuwerden, aber in Ermangelung eines eigenen Denkvermögens wird es dabei zwangsläufig scheitern und andernorts nach Fremdgewebe suchen. Eine bessere und nebenwirkungsärmere Immunsuppression kann es gar nicht geben. Das, meine Lieben, ist das Geheimnis hinter meinem scheinbar hochriskanten Wagnis.“
Dann wandte er sich zur sichtlich beeindruckten Schwester Thekla, die sehr entzückt ob so viel Einfallsreichtum war, und sagte zu ihr im beruhigenden Tonfall eines sich seiner selbst absolut sicheren Mannes, der weiss, was er tut: „Lassen Sie uns die Tücher zählen. Eins…, zwei… und hier kommt schon die Nummer drei“. ♦


Prof. Dr. med. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Satire von
Angela Mund: Schlaf gut, mein Freund Hektor

… sowie zum Thema Medizin über den Roman von
Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital

Ausserdem im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Krankheit und Spital:
Eric Baumann: Einen Sommer noch (Autobiographie)

Hans Herrmann: Drei Herbst-Gedichte

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Altweibersommer

Altweibersommer

Oktoberlicht fliesst weich wie Milch in Güssen
aus bernsteingelbem Himmelsdunst geschöpft.
Es rinnt, als hätte man den Mohn geköpft,
der Wünsche schwellen lässt zu Zungenküssen.

So tanzt, ihr Mücken, tanzt in leichten Schwärmen
und füllt die Luft mit eurem Menuett –
ich schwanke heute herbstberauscht zu Bett
und höre draussen Bacchus fröhlich lärmen.

Stille

Sanfter Abschied liegt in diesem Leuchten.
Tröstend greift die Wärme mir ins Haar.
Herbstlich perlt der Tau, das Gras zu feuchten,
himmelweit glänzt Bläue sonnenklar.

Wieder einmal sickert alles Werden
hin zum Ursprung der schon immer war.
Dichter drängen sich am Hang die Herden
und es singt die Stille wunderbar.

Alpha und Omega

Mit der Sense mähte ich das Gras, das junge.
Frühlings Atem, der aus gelben Säften quoll,
sog als süssen Rauschduft ich in meine Lunge,
dehnte weit die Brust, des Dranges übervoll.

Mit der Sichel mähte ich das Kraut, das herbe.
Sommers Sterben lag schon lange in der Luft.
Unter meinen Füssen splitterte die Scherbe,
lautlos schwebte Nebel aus der Ahnengruft.


Hans Herrmann - Schweizer Lyriker - Glarean MagazinHans Herrmann

Jahrgang 1963; geboren, aufgewachsen und wohnhaft in Burgdorf/Emmental; verheiratet, Vater zweier Söhne; 1982 bis 1988 Theologiestudium in Bern, dann Wechsel in den Journalismus; von 1996 bis 2012 Redaktor bei der „Berner Zeitung“; heute Redaktionsleiter Bern der Monatszeitung „reformiert“; Autor von Romanen, Erzählungen, Lyrik und Theaterstücken.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schweizer Autoren auch von
Barbara Warmbrodt: Berndeutsche Aphorismen

… sowie von
Hans Gysi: Drei Schweiz-Gedichte

Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben

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Sprachwandel oder Sprachzerfall?

Wie Jugendliche heute schreiben

von Mario Andreotti

„Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben; sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur und Sprache zu erhalten.“ Worte eines frustrierten Lehrers, werden Sie jetzt vielleicht denken. Weit gefehlt. Das ist nicht die Klage eines Zeitgenossen; die Klage findet sich vielmehr auf einer rund 3000 Jahre alten babylonischen Tontafel.
Warum führe ich das an? Aus dem ganz einfachen Grunde, weil die ältere Generation zu allen Zeiten über den Zustand der jüngeren geklagt hat. Uralt schon ist dieses Reden vom Sprachzerfall, und hätte es zu jeder Zeit zugetroffen, so würden uns heute fast gänzlich die Worte fehlen und unsere Kommunikation wäre wohl nur noch auf ein Stammeln, ein Grunzen oder Pfeifen reduziert.
Stimmt es aber, dass die sprachlichen Fähigkeiten unserer Jugendlichen derart zurückgegangen sind, wie man immer wieder hören kann? Um es gleich vorwegzunehmen: Die Antwort auf diese Frage wird nicht ein Ja oder Nein, sondern ein differenziertes Urteil sein.

Jugendliche schreiben heute mehr als früher

Jugendliche - Girls - Handy - Kommunikation - Glarean Magazin
Jugendliche schreiben heute mehr als je zuvor: Young Ladies beim Konsultieren ihres Lieblingsspielzeuges

Beginnen wir mit einem vielgehörten Vorurteil, das da lautet, Jugendliche würden ausserhalb der Schule kaum noch schreiben; sie sässen in ihrer Freizeit vielmehr vor dem PC, den sie vor allem für Spiele und für das Surfen auf Unterhaltungsseiten im Internet nutzten. Ein Vorurteil, das so nicht stimmt, denn die Fakten sprechen eine andere Sprache: Jugendliche schreiben heute mehr als je zuvor. Ob sie mit Klassenkameraden chatten, E-Mails verfassen, Mitteilungen über SMS machen, sich an Online-Spielen beteiligen, ihr Profil auf Facebook aktualisieren oder einen Kommentar in einem Blog veröffentlichen: Sie schreiben. Selbst das Handy dient Jugendlichen, anders als das Telefon früher, vorzugsweise zum Schreiben, nicht zum Sprechen. Ja, es wird im privaten Raum heute derart viel geschrieben, dass wir Germanisten geradezu von einer „neuen Schriftlichkeit“ sprechen. Nur ist es ein etwas anderes Schreiben, als es sich besorgte Eltern, Lehrer und Arbeitgeber wünschen – ein Schreiben, das von ihnen häufig als defizitär bezeichnet wird. Doch wie sieht dieses Schreiben unserer heutigen Jugendlichen konkret aus?

Aneinanderreihung von Hauptsätzen

Bevor ich diese Frage beantworten kann, gilt es, darauf hinweisen, dass frühere Generationen ihr Schwergewicht zum einen auf die geschriebene Sprache legten und zum andern diese geschriebene Sprache häufig mit der hohen Sprache der Dichtung gleichgesetzt haben. Im Schüleraufsatz eines 16-jährigen Jugendlichen aus den 1950er Jahren tönte das dann, recht abgehoben, etwa so:

Dann betraten sie das kühle, dämmerige, kerzenerleuchtete Kirchenschiff. Wärme zog ein in ihre erkalteten Herzen und verbreitete den heissen ersehnten inneren Frieden.

Ganz anders ein paar Sätze aus einem 2015 entstandenen Aufsatz zum Thema „Eifersucht“ einer ebenfalls sechzehnjährigen Schülerin:

Wir sind umgezogen und ich kam in eine neue Schule, es war mir peinlich als Frau Schmidt (die Direktorin) mich der Klasse vorstellte, sie sagte: „So, das ist die neue Schülerin Vanessa“! Ich kam mir echt blöd vor, dann sagte Frau Schmidt zu mir, das ich mich zu Kevin setzen soll, das ist ein Junge mit blauen Augen und blonde Igelhaare, er hätte auch super coole Klamotten an, er sah echt süss aus. In der ersten Woche waren alle auch sehr nett zu mir, vor allem Kevin. In der Pause hängte ich immer mit Kevin rum.[…]

Duden - Sprache - Rechtschreibung - Lesen - Lupe - Glarean Magazin
Hat Pause, wenn es bei Jugendlichen um genauen Ausdruck und korrekten Satzbau geht: Der Duden

Das ist, wie man sofort bemerkt, nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich ein ganz anderer Text. Was an diesem Text, neben den Orthografie- und Grammatikfehlern, sofort auffällt, die fast ausnahmslose Aneinanderreihung von Hauptsätzen, die jeweils weder durch ein Satzschlusszeichen abgeschlossen noch ausreichend kausallogisch miteinander verknüpft werden. Man beachte beispielsweise nur schon den ersten Satz „Wir sind umgezogen und ich kam in eine neue Schule“, der kausallogisch korrekt folgendermassen heissen müsste: „Weil wir umgezogen waren, kam ich in eine neue Schule.“ Auch die beiden Sätze „Ich kam mir echt blöd vor“ und „dann sagte Frau Schmidt zu mir […]“ sind unsauber miteinander verknüpft: „dann“ ist eine temporale Partikel; zwischen den beiden Sätzen besteht aber kein temporaler Bezug.

Merkmale des Sprechens in die Schriftsprache transferiert

Und noch etwas muss uns aufgefallen sein, die Tatsache nämlich, dass der Text der Schülerin typische Merkmale der gesprochenen Sprache aufweist. Beachten wir nur, wie die einzelnen Aussagen und Sätze weniger einer grammatischen Logik als vielmehr einem vagen Assoziieren folgen, so wie sich die Gedanken der Schreiberin im Augenblick gerade ergeben. Besonders schön zeigt sich dies in den beiden bereits vorhin genannten Sätzen „Wir sind umgezogen und ich kam in eine neue Schule“ und „Ich kam mir echt blöd vor, dann sagte Frau Schmidt zu mir usw.“, die nicht durch logische Konjunktionen, sondern rein assoziativ miteinander verbunden sind. Überhaupt fehlen im Text die Konjunktionen, die ja eine Art Scharnier zwischen den einzelnen Aussagen bilden, fast ganz. Sehen wir uns dazu beispielsweise die folgenden drei Sätze an, die durch keinerlei Scharniere miteinander verknüpft, nebeneinander stehen: „das ist ein Junge mit blauen Augen und blonde Igelhaare, er hätte auch super coole Klamotten an, er sah echt süss aus.“ Kausallogisch sauber verbunden, könnten die drei Sätze etwa folgendermassen lauten: „Das ist ein Junge mit blauen Augen und blonden Igelhaaren, der super coole Klamotten trug, so dass er echt süss aussah.“
Zur mehr assoziativen als logischen Schreibweise unserer Schülerin tritt aber noch etwas Weiteres: Warum wohl sagt die Schreiberin „er hätte auch super coole Klamotten an“ und nicht „er trug super coole Klamotten“? Ganz einfach deshalb, weil es in unserer Mundart auch heisst „Er hett super cooli Klamotte a“. Die Schülerin gleicht also den hochdeutschen Satz an die Mundart, unser mündliches Sprechen an. Ganz ähnlich verfährt sie mit dem Satz „In der Pause hängte ich immer mit Kevin rum.“ Das ist eine dem Dialekt angenäherte Umgangssprache, welche die Schülerin anstelle des hochsprachlich formulierten Satzes „In der Pause halte ich mich zum blossen Zeitvertreib mit Kevin auf“ wählt.

Unlogische Konjunktionen zwischen zwei Aussagen

Was wir im Text unserer Schülerin vorfinden, ist eine Schreibweise, wie wir sie in vielen Texten Jugendlicher antreffen. Sie zeigt sich vor allem in fehlenden oder unlogischen Konjunktionen zwischen zwei Aussagen, in einem häufig unlogischen Gedankengang, in langen Sätzen mit wenig gliedernder Interpunktion, in einem vagen Assoziieren, in einer oftmals ungenügenden äusseren Gliederung und nicht zuletzt in einer gewissen Geschwätzigkeit. Fassen wir diese Ergebnisse zusammen, so lässt sich sagen, dass sich bei unsern Jugendlichen eine zunehmende Angleichung der geschriebenen Sprache an die gesprochene Sprache vollzieht, in der wir ja in der Regel auch nicht stringent logisch, sondern vielmehr assoziativ argumentieren, indem wir immer wieder von einem Gedanken zum andern springen. Die Germanistik bezeichnet diese Tendenz zur Vermündlichung der Sprache, die übrigens nicht nur bei jugendlichen Schreibern, bei diesen aber besonders ausgeprägt, feststellbar ist, mit dem Begriff „Parlando“ – einem Begriff, der aus der Musiktheorie stammt und dort eine musikalische Vortragsweise meint, die das natürliche Sprechen nachzuahmen versucht.

Unter Jugendlichen gibt es mit Blick auf ihre Parlando-Texte so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, das aus folgenden vier Schreibanweisungen besteht:

  1. Nimm das einzelne Wort, den einzelnen Satz nicht allzu wichtig. Schreib weiter.
  2. Gehe davon aus, dass der Leser das, was Du schreibst, auch so versteht wie Du.
  3. Rechne mit dem gesunden Menschenverstand des Lesers; vermeide unnötige Differenzierungen.
  4. Nimm den Inhalt wichtiger als die Form.

Inhalt wichtiger als die Form

Handy - Smartphone - Jugendliche - Instagram - Glarean Magazin
Beeinflussen wesentlich das Sprachverhalten der Jugend: Das Handy und die Social Media

Diese letzte Anweisung „Nimm den Inhalt wichtiger als die Form“ ist dabei die wichtigste dieser vier Schreibanweisungen. Sie ist ganz wesentlich verantwortlich für den häufig sorglosen Umgang mit den Normen und Ansprüchen der geschriebenen Sprache, wie das Erwachsene, vor allem Eltern, Lehrer und Arbeitgeber, bei den heutigen Jugendlichen mit einem gewissen Entsetzen feststellen. So machen Schüler heute, wie der Vergleich von Schulaufsätzen aus drei Jahrzehnten gezeigt hat, doppelt so viele Rechtschreib- und vor allem Interpunktionsfehler als noch vor vierzig Jahren, wobei die Mädchen statistisch immer noch besser abschneiden als die Jungen. Und so hapert es denn auch bei der Grammatik, der Stilistik und der Sprachlogik zum Teil gewaltig, so dass wir in Schulaufsätzen beispielsweise Sätze wie die folgenden zu lesen bekommen:

Der Blitz hat uns erschrocken.
Er hing die Bilder an die Wand, aber sie hängten schief.
Graubünden ist ein gebirgiges Volk, das sich vorwiegend von Touristen ernährt.
Unsere Welt nimmt in erschreckendem Masse zu.
Fünf Prüfungstage mit weichen Knien sind abgeschlossen.

Sorglosigkeit der Sprache gegenüber

Bemerkenswert ist dabei, dass all diese Fehler weniger mit mangelnder Sprachbeherrschung zusammenhängen als vielmehr mit einer gewissen Sorglosigkeit der Sprache gegenüber. Besonders schön zeigt sich das an den auffallend vielen Rechtschreibfehlern in Wörtern, die eher einfach zu schreiben sind: Ich fant die Läute gemein.
Wie erklärt sich diese Vernachlässigung der sprachlichen Form, wie wir sie in Parlando-Texten unserer Jugendlichen, geradezu gehäuft vorfinden? Dafür gibt es selbstverständlich verschiedene Gründe; die drei wichtigsten möchte ich kurz nennen:
Der erste Grund – wie könnte es anders sein – ergibt sich aus dem Aufkommen neuer, elektronischer Medien wie E-Mail, SMS, Chat, Facebook, Whatsapp usw., wo das ungeschriebene Gesetz der Sprachökonomie gilt, d.h., wo alles möglichst schnell, kurz und der mündlichen Redesituation angepasst sein muss. So tippen Jugendliche in ihren Mails beispielsweise nur das Kürzel gn8, wenn sie dem Freund „Gute Nacht“ wünschen, oder OMG (oh my god), wenn für sie etwas furchtbar ist oder hdgdl, wenn sie jemandem sagen wollen: „hab dich ganz doll lieb“. Und gegrüsst wird nur noch mit Kürzungen wie LG (liebe Grüsse) oder „hegrü“, falls man sich überhaupt noch Zeit für einen Gruss lässt. Kommas lässt man selbstverständlich möglichst weg; sie kosten ja auch nur Zeit. Schliesslich schreiben Jugendliche etwa beim Chatten konsequent klein; das geht schneller, als wenn sie zwischen Gross- und Kleinbuchstaben abwechseln müssen.

Persönliche Erfahrung als Massstab des Schreibens

Dass dieses informelle, verkürzte Schreiben in den neuen Medien das Schreiben in den übrigen Texten, etwa in Schulaufsätzen, beeinflusst, steht ausser Frage, auch wenn dieser Einfluss, wie neuere linguistische Studien gezeigt haben, nicht überschätzt werden darf. Es gibt da nämlich noch ein weiteres wichtiges Moment, das sich auf die Schreibweise unserer heutigen Jugendlichen auswirkt. Wurde früher, etwa in Schulaufsätzen an der Oberstufe die Darstellung schulischer Inhalte gefordert, lautete ein Thema etwa „Der Freiheitsbegriff in der Schweizerischen Bundesverfassung“, so wird heute eine stärker eigenständige Auseinandersetzung mit Themen verlangt. So z.B. „Welchen Wert hat der Sport für mich?“. Persönliche Erfahrungen werden für die Jugendlichen so vermehrt zum Massstab ihres Schreibens. Sie äussern sich in der Formulierung einer Ich-Perspektive, zeigen sich im Anspruch der Jugendlichen, authentisch zu sein, was dazu führt, dass sich ihr Schreiben der gesprochenen Sprache stark annähert. Das hat einerseits zur Folge, dass die Texte spontaner, ja lebendiger wirken, dass andererseits aber ihre formale Korrektheit abnimmt, was Grammatik, Rechtschreibung und vor allem die Interpunktion betrifft.

Verwischung der Sprachebenen

Sprechen - Verständigung - Mann und Frau - Missverständnis - Glarean Magazin
Für sprachbewusste Erwachsene bloss Fragezeichen, für inhaltsbewusste Jugendliche no problem: „Hey Kellner, schwing mal a cold one rüber.“

Schliesslich gibt es da noch einen dritten Grund für den häufig sehr sorglosen Umgang unserer Jugendlichen mit der Sprache. Er besteht in einer gewissen Demokratisierung der Sprache. Was ist damit gemeint? Ich sage es: In der deutschen Sprache haben Normen in der Grammatik, vor allem aber in der Rechtschreibung, anders als etwa im Englischen, einen sehr hohen Stellenwert, weil wir ihre Beherrschung als Zeichen für Intelligenz und schulischer Bildung nehmen. Machen wir die Probe aufs Exempel: Ich frage meine Leserinnen und Leser: Würden Sie als Arbeitgeber jemanden für einen verantwortungsvollen Posten einstellen, der in seinem Bewerbungsschreiben Grammatik- oder gar Orthografiefehler macht? Höchstwahrscheinlich nicht. Zu wichtig sind Ihnen nämlich sprachliche Normen. Und genau gegen diese Normen, die sie als elitär empfinden, rebellieren viele unserer Jugendlichen. Sie neigen zu einer Sprache, die nicht mehr grammatisch korrekt, stilistisch rein sein will, sondern in der sich verschiedene Sprachebenen gewissermassen verwischen, die – mit einem Wort – demokratisch ist. Das zeigt sich zum einen in ihrem häufig spielerischen und sorglosen Umgang mit der geschriebenen Sprache, und dies alles mit einer starken Orientierung an der Mündlichkeit, und zum andern in einem zunehmenden Einbezug der Mundart. Ohne die geringsten sprachlichen Skrupel können sie dann beispielsweise „I bi xi“ anstatt hochdeutsch „Ich bin gewesen“ schreiben. Das schafft für sie offenbar Nähe.

Unterschied zwischen Hochsprache und Dialekt verwischt

Bei Jugendlichen läuft der private schriftliche Austausch – per SMS, Chat, Mail, Whatsapp usw., aber auch in vielen nichtelektronischen Texten – heute fast ausschliesslich in der Mundart ab; für sie existiert der Unterschied zwischen Hochsprache und Dialekt nicht mehr, so dass die Linguisten längst von einem „Schriftdialekt“ sprechen. Interessant ist dabei, dass diese Tendenz zur Dialektisierung der Hochsprache zunehmend auch junge Erwachsene erfasst. Als unsere Tochter Flavia, die Lehrerin ist, für ihre beruflichen Leistungen vom Schulrat mit einer Prämie belohnt wurde, gratulierte ihr unser 28jähriger Sohn Fabio, der Jurist ist, mit folgender Mail:

Sehr geilö Flav
gratuliere vu herze
lg Fab (Herzchen)

Was an dieser Mail auffällt, sind nicht nur die Mundart und die Kürzung lg für „Liebe Grüsse“, sondern auch der typisch jugendliche Ausdruck „geilö“, der hier nichts weiter meint, als dass man etwas gut findet, und das Herzchen am Schluss, das nicht fehlen darf. Denn Jugendliche empfinden eine Nachricht als unvollständig, wenn nicht mindestens ein Smiley oder ein Herzchen gesetzt wird. Die Linguisten sprechen inzwischen gar von einer „Gefühlsstenografie“. Zu ihr gehört auch, ganz nach amerikanischem Vorbild, die informelle, stark emotional gefärbte Anrede, die inzwischen mehr und mehr auch von Erwachsenen, ja selbst von Unternehmen praktiziert wird, wie das folgende Beispiel zeigt, das übrigens meine Frau in St. Gallen entdeckt hat:

"Informelle und stark emotional gefärbte Anrede": An Jugendliche gerichtete Plakat-Sprache
„Informelle und stark emotional gefärbte Anrede“: An Jugendliche gerichtete Plakat-Sprache

Man beachte in dieser etwas kumpelhaften Anwerbung nicht nur die typische Jugendsprache, sondern auch die mit ihr zusammenhängenden Anglizismen „hey“ und „cool“. Dass englische Wörter unsere deutsche Sprache zunehmend vereinnahmen, ist längst eine Tatsache. Dass sie bei Jugendlichen besonders beliebt sind, hängt unter anderem damit zusammen, sich als Gruppe von den Erwachsenen abgrenzen zu können. Dazu kommt das hohe Prestige des Englischen, wirkt es doch so modern, so snappy, so sexy, wie es Deutsch offenbar nicht kann. „Tschau Simon, see you later“ verabschieden sich Jugendliche untereinander heute. Und wenn sie etwas essen, dann „fooden“ sie, und wenn sie beim Essen ein Bier bestellen, dann rufen sie nicht einfach nach einem Bier, sondern dann heisst es „Hey Kellner, schwing mal a cold one rüber.“ Und wenn sie schliesslich etwas nicht hinbekommen, dann sagen sie nicht „Scheisse“, sondern „Shit“.

Jugendliche passen die Sprache der Situation an

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Jugendliche schreiben heute informeller als noch vor 30 Jahren, machen z.T. auch deutlich mehr grammatische und orthografische Fehler. Das ist wahr. Dafür schreiben sie aber auch viel kreativer, wie neuere Studien gezeigt haben. Zudem können sie sehr wohl unterscheiden, ob sie eine SMS oder einen Deutschaufsatz schreiben. Sie passen ihre Sprache der Situation an. Und vergessen wir zum Schluss nicht: Die sprachlichen Anforderungen sind heute in einem Masse gestiegen, dessen wir uns erst allmählich bewusst werden. Was früher nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung sprachlich zu leisten war, wird heute von vielen gefordert. Daher kommt dem Auf- und Ausbau der Sprachfähigkeit unserer Jugendlichen in der Schule, aber auch später eine fundamentale Rolle zu. ♦


Mario Andreotti - Literatur-Autor im Glarean MagazinProf. Dr. Mario Andreotti

Geb. 1947, Studium der Germanistik und Geschichte in Zürich, 1975 Promotion über Jeremias Gotthelf, Prof. Dr. phil., 1977 Diplom des höheren Lehramtes, danach Lehrtätigkeit am Gymnasium und als Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen und an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, langjähriger Referent in der Fortbildung für die Mittelschul-Lehrkräfte und Leiter von Schriftstellerseminarien, seit 1996 Dozent für Literatur und Literaturtheorie an der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Linguistik; Verfasser mehrerer Publikationen und zahlreicher Beiträge zur modernen Dichtung, darunter das Standardwerk: Die Struktur der modernen Literatur; Mario Andreotti lebt in Eggersriet/CH

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Peter Fahr: Zum Rassismus in der Schweiz

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Weisses Kreuz auf braunem Grund?

von Peter Fahr

Eine Vermehrung des materiellen Wohlstandes – das soll einmal grundsätzlich festgestellt sein – bewirkt in gar keiner Weise ein echtes moralisches Wachstum.
(Mahatma Gandhi)

Rassismus in der Schweiz: Eine Welle des Fremdenhasses überrollt das Land. In einer Zeit, in der die Flüchtlingsströme der Zweiten und Dritten Welt vermehrt in die Erste fliessen, verschärft die Schweizer Regierung in verschiedenen Anläufen mit dem Segen des Volkes das Asylgesetz und schickt die Armee an die Grenze, um illegale Einwanderer abzufangen. Die humanitäre Tradition des reichsten Landes der Welt erschöpft sich in der Ghettoisierung der Asylsuchenden und in abgedroschenen Floskeln der Politiker. Afghanische, äthiopische, syrische und andere Männer, Frauen und Kinder, die vor politischer Verfolgung, Kerker, Folter, Streu-, Phosphor- und Gasbomben zu uns fliehen, finden hier oft nur gegen den massiven Willen der ortsansässigen Behörden und Bevölkerung ein provisorisches Zuhause. Die neuen Nachbarn sprechen ihnen das Recht ab, an unserer Gesellschaft teilzuhaben.

Nicht integriert, sondern ausgegrenzt

"Flüchtlinge werden nicht angenommen, sondern geduldet; sie werden nicht in die Gemeinschaft integriert, sondern ausgegrenzt" (Peter Fahr). Bild: Flüchtlinge aus Eritrea während ihrer selbstmörderischen Bootsfahrt übers Mittelmeer nach Europa
„Flüchtlinge werden nicht angenommen, sondern geduldet; sie werden nicht in die Gemeinschaft integriert, sondern ausgegrenzt“ (Peter Fahr). Bild: Flüchtlinge aus Eritrea während ihrer selbstmörderischen Bootsfahrt übers Mittelmeer nach Europa

Flüchtlinge werden nicht angenommen, sondern geduldet; sie werden nicht in die Gemeinschaft integriert, sondern ausgegrenzt. Arbeit hat es für sie auf dem Bau, im Gastgewerbe, in Reinigungsinstituten und ähnlichen Berufszweigen. Mit ein paar Franken Sackgeld haben sie auszukommen und der Gerechtigkeitssinn mancher Schweizer sähe auch dieses Geld lieber in der eigenen Tasche. Die Wartezeit von der Einreichung des Asylgesuchs bis zum definitiven Bescheid der zuständigen Stellen zehrt an den Nerven und nur wenige Bewerber – das betrifft sogar Kinder, die ganz allein und ohne Eltern unterwegs sind – erhalten schliesslich Asyl. Die anderen werden in Drittländer ausgewiesen oder in ihr Heimatland abgeschoben, wo sie nicht selten im Gefängnis landen und gefoltert werden.

Fanatische Neonazis in der Schweiz

Doch die Ausländerfeindlichkeit begnügt sich nicht mehr mit einer unmenschlichen Asylpolitik, mit Parteiparolen, Hetzkampagnen und der Schaumschlägerei am Stammtisch und in Internetforen. Sie ist über die Mitgliederlisten von Schweizer Demokraten (SD), Aktion für eine unabhängige Schweiz (Auns) und Schweizerischer Volkspartei (SVP) hinausgewachsen und nistet sich ein in den Herzen der Unzufriedenen, Ängstlichen und Zukurzgekommenen. Mussten in den 60er, 70er und 80er Jahren Gastarbeiter und Saisonniers, in den 90er und 00er Jahren Tamilen und Tschetschenen verbale Prügel einstecken und nach Süditalien, Spanien, Griechenland, Sri Lanka und Tschetschenien zurückkehren, bangen die Asylbewerber heute um ihr Leben.

"Was Politiker, Stimmbürger und Beamte in die Wege geleitet haben, wird von Presse, Rundfunk und Fernsehen vernachlässigt oder verharmlost und somit gutgeheissen": Abstimmungs-Plakat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) für ihre Initiative "Masseneinwanderung stoppen"
„Was Politiker, Stimmbürger und Beamte in die Wege geleitet haben, wird von Presse, Rundfunk und Fernsehen vernachlässigt oder verharmlost und somit gutgeheissen“: Abstimmungs-Plakat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) für ihre Initiative „Masseneinwanderung stoppen“

Denn auch die Schweiz hat ihren Ku-Klux-Klan, unverbesserliche und fanatische Neonazis, die nicht nur Konzerte wie jenes in Unterwasser im Toggenburg im Oktober 2016 veranstalten, an denen deutsche Szenebands wie Frontalkraft, Stahlgewitter, Confident of Victory und die Schweizer Gruppe Amok auftreten, sondern auch Flüchtlinge zusammenschlagen oder Brandanschläge auf Asylunterkünfte verüben. Ihre Aktionen erinnern an die nationalsozialistischen der 30er Jahre und machen Schlagzeilen: Drohungen und Anpöbelungen, Brandstiftung und Bombenanschläge, Schlägereien und Totschlag. Während Flüchtlinge bedroht und verprügelt und ermordet werden, steht die Polizei abseits. Sie beobachtet und umzäunt höchstens Durchgangsheime und Asylunterkünfte mit Stacheldraht. Der Bundesrat ruft dazu auf, weitere Gewalttätigkeiten zu verhindern, und die Polizei erwägt zum Schutz der Asylbewerber die Installation von Flutlichtanlagen und Elektrozaun und diskutiert den Einsatz von Hundeführern. Dass diese Massnahmen kontraproduktiv sein könnten, da sie die Heimbewohner von ihrer Umgebung abkapseln und die fremdenfeindlichen Schläger zu neuen Angriffen herausfordern, scheint den Verantwortlichen unerheblich.

Bedachtes Schweigen statt öffentliches Gespräch

"Sieg Heil Sieg Heil !" - Versteckte Aufnahmen des Neonazi-Rockkonzertes in Unterwasser (St.Gallen) 2016 (Quelle: BLICK-Video - Screenshot)
„Sieg Heil Sieg Heil !“ – Versteckte Aufnahmen des Neonazi-Rockkonzertes in Unterwasser (St.Gallen) 2016 (Quelle: BLICK-Video – Screenshot)

Wo das öffentliche Gespräch geführt werden sollte, herrscht betretenes oder bedachtes Schweigen. Wo Ursachen- und Präventionsforschung betrieben werden müsste, wird ausgewogen Bericht erstattet. Was Politiker, Stimmbürger und Beamte in die Wege geleitet haben, wird von Presse, Rundfunk und Fernsehen vernachlässigt oder verharmlost und somit gutgeheissen. Die Schlagzeilen verblassen und die Bilder der Stacheldrahtverhaue sind schnell vergessen – es kann zur Tagesordnung übergegangen werden. Offensichtlich spiegeln die Medien bloss eine weitverbreitete satte Zufriedenheit, die Enttäuschung und Wut verheimlicht, eine Selbstherrlichkeit, die sich auch Verletzte und Tote leisten kann. Vermutlich sind nicht wenige Zuschauer, Hörer und Leser insgeheim sogar froh über die gewalttätigen Mitbürger, die es „den Schmarotzern“ endlich mal zeigen.

Lukrative Schweizer Waffenausfuhr in Krisenherde

Die Ausländerfeindlichkeit war bisher latent vorhanden in der Benachteiligung der Ausländer auf dem Arbeitsmarkt, wo diese ungleiche Bedingungen und eine niedrigere Entlöhnung in Kauf zu nehmen haben; in der scheinheiligen Entwicklungspolitik des Bundes, die ein Mehrfaches der Investitionen aus der Dritten Welt herauspresst; im „Bankenbanditismus“ (Jean Ziegler), der die Annahme von Flucht- und Drogengeldern und damit die Mitverantwortung für die Verschuldung der Entwicklungsländer beinhaltet; in der jahrelangen wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenarbeit mit Unrechtsregimes wie der Türkei, China und Saudi-Arabien; in der lukrativen Waffenausfuhr in Krisenherde und Diktaturen. Die Gesinnung, die der Unterdrückung und Ausbeutung anderer Völker und Nationen zugrunde liegt, zeigt sich auch in der hartnäckigen Schweizer Weigerung, der EU beizutreten. Diese Gesinnung, die egomanische Verachtung all derer, die jenseits der Grenzen leben, offenbart sich nun in der grausamen Ausländerhetze innerhalb der Landesgrenzen. Wie konnte es so weit kommen?

Ohnmacht

Die gesellschaftliche Orientierungskrise im Zeitalter der Umweltzerstörung – Stichwort Klimakatastrophe – erfasst Privilegierte und weniger Privilegierte. Die Ohnmacht gegenüber dem Lauf der Dinge fördert Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle, die in Misstrauen gegen Menschen, Schichten, Minderheiten und Ethnien umschlagen, die auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter stehen. Dazu gehören die Ausländer und Flüchtlinge. Der gegen sie gerichtete Hass vermag die eigene soziale Identität aufzuwerten und suggeriert Selbstsicherheit.

Futterneid

Das auf Wettbewerb ausgerichtete westliche Gesellschafts-, Wirtschafts- und Finanzsystem macht aus Menschen Gegner. Der Konkurrenzkampf um Wohnraum, Arbeitsplatz, Privileg und vieles mehr beutelt hauptsächlich un- und halbqualifizierte Arbeitnehmende und sozial schwache Familien; er gipfelt im Futterneid. In der Projektion der eigenen Angst vor einer ungewissen Zukunft auf Ausländer und Flüchtlinge zeigt sich der Versuch, die Machtposition in der Gemeinschaft zu behaupten.

Intoleranz

Die Unternehmer, Global Players und Financiers, die das Medienkarussell – Zeitungen, TV und Internet – mit Strom versorgen, liefern der Masse nur Informationen, die das politische System, das ihre Machtposition ermöglicht, festigen. Demokratie ist gut, solange sie ihre nationalen und transnationalen Machenschaften nicht tangiert. Die Informationsflut, der wir ausgesetzt sind, besteht grösstenteils aus Unterhaltung. Wer sich unterhält, informiert sich nicht. Vorurteile beruhen auf einem Mangel an Information und Wissen. Diese geistige Beschränktheit, dieses Bewusstseinsvakuum begünstigt die Intoleranz gegenüber den Flüchtlingen, über die man sich die schauerlichsten Geschichten erzählt, statt sich über ihre Kultur und ihren Schweizer Alltag zu informieren.

Schuldzuweisung

Die Mitverantwortung des Einzelnen für die bestehenden Missstände wiegt schwer. Gewissen und Handeln klaffen weit auseinander. Diese Schuld wird verdrängt, indem sie delegiert wird. Indem auf andere verwiesen wird, braucht man sich selbst nicht zu hinterfragen. Die Asphaltierung und Zubetonierung der Landschaft beispielsweise, so wird argumentiert, wäre ohne den Anteil der ausländischen Bevölkerung weniger weit fortgeschritten. Der Ausländer wird für das eigene Fehlverhalten haftbar und zum Sündenbock gemacht.

Rassismus

Sowohl die bürgerlichen Parteien wie auch die Sozialdemokraten unterschätzen nach wie vor die sozialen, militärischen und ökologischen Herausforderungen. Sie haben keine wirksamen Programme zur Hand. Viele Wähler sind enttäuscht und suchen neue Leit- und Vorbilder. Auf die komplexen Fragen dieser Zeit geben rechtsextreme Parteien und neonazistische Vereinigungen klare Antworten. Sie bestätigen, statt zu verunsichern. Ihr nationalistisches Weltbild bietet den Verwirrten neuen Halt, ihr rassistisches Gedankengut stärkt die Schwachen. Je grösser die nationalen und globalen Bedrohungen, desto grösser die Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen. Angst und Aggression machen sich Luft in der Diskriminierung von Andersartigen. Wer die Ethnien der Ausländer und Flüchtlinge zu degenerierten Rassen erklärt, verbirgt damit die eigene Degeneration.

Eine Welle des Fremdenhasses überrollt das Land. Machen wir uns nichts vor: Die meisten werden aufspringen, um nicht von ihr begraben zu werden. Mögen wir anderen den Mut aufbringen, in die Konfrontation einzutauchen und für die Vertriebenen und Verfolgten einzustehen. ♦


Gedichte zum Thema Ausländerfeindlichkeit

von Peter Fahr

Kürzlich

Kürzlich starben
nahe der syrischen Grenze
sieben jordanische Soldaten
bei einem Selbstmordanschlag
und Jordaniens Armee erklärte
die Region zum Kriegsgebiet

Tausende syrische Flüchtlinge
Männer Frauen Kinder
harren seit acht Tagen aus
in der jordanischen Wüste
ohne Nahrung und Medizin
ohne Aussicht auf Rettung

So viele Vertriebene
die Hälfte davon Kinder
sind ausgeliefert der Angst
dem Hunger dem Fieber
und brauchen dringend Hilfe
in der glühenden Hitze

Die Sonne brennt
Haut und Lippen platzen
die Eingeweide verklumpen
der Atem setzt aus
und die leeren Augen
der Verzweifelten brechen


Wir sind Touristen

Sie flüchten mit Booten aufs offene Meer
und viele ertrinken vor diesen Küsten.
Wir stürzen uns in die erfrischende Flut,
als ob wir nichts von den Flüchtlingen wüssten.

Wir liegen am Strand und träumen die Tage.
Wir leben gern. Was gehen uns Tote an?
Mietwagen und Hotelsuite klimatisiert.
Pizza und Pasta. Und ein Bier dann und wann.

Wir erholen uns hier, wir sind Touristen.
Wir cremen uns mit Schutzfaktor 50 ein.
Im Windschatten wachsender Leichenberge
bräunt uns der lampedusische Sonnenschein.


Peter FahrPeter Fahr

Geb. 1958 in Bern/CH, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Bern, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, Autor von Hörspielen, politischen Gedichten und zeitkritischen Essays, Träger verschiedener Literaturpreise, lebt in Bern

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Rassismus“ auch über A. Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

… sowie Kurzprosa von Peter Fahr: Begegnung

Michael Hasenfuss: Damit machen wir heut was (Lyrik)

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Damit machen wir heut was

Damit machen wir heut was

Alles, was ständig versprochen wird,
alles, was schön ist und gut,
alles, was recht ist und wirklich nicht schlecht ist und so gut gemeint,
das wird heut verraten
und tapfer beweint.

Alles, was keiner begreifen kann,
alles, was gross ist und schweigt,
alles, was trennt oder eint, unerreicht oder klein ist und schreit,
das wird heut verstanden
als sei man gescheit.

Alles, was immer schon fraglich war,
alles, was edel und rar,
alles, was gilt, was Bestand hat und Wert oder Namen und Rang,
das wird heut vergessen.
Das ist nicht von Belang.

Alles, was keiner mehr haben will,
alles, was rumliegt und stört,
alles, was übrig ist, abgespielt, nutzlos im Staub sich verliert,
das wird heut betrachtet
und kartografiert.

Alles, was lange schon fällig ist,
alles, was leider nicht geht,
alles was scheitert, was zwangsläufig immer nur schief gehen kann,
das wird heut versucht.
Wir sehen’s ja dann.


Michael Hasenfuss

Michael Hasenfuss - Schweizer Autor Lyriker Schauspieler - Glarean Magazin

Geb. 1965 in Wuppertal/D, Schauspiel-Studium in Hannover, schreibt seit 1995 Lyrik & Theaterstücke, 2004 Übersiedlung in die Schweiz, arbeitet als freischaffender Schauspieler an verschiedenen Stadttheatern sowie bei Radio und Fernsehen, lebt mit Frau und Kindern in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin weitere Lyrik von
Susanne Rzymbowski: Zwei Gedichte
… sowie zum Thema Schweizer Autoren auch von
Matthias Berger: Drei Zeit-Gedichte

Joanna Lisiak: Spurlos berührt (Drei Gedichte)

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Spurlos berührt – Ratschlag – Innere Ruhe

spurlos berührt

in der nacht aufnehmen die steine
vom herzen zusehen wie
alles davonfließt ins gefühl
des luftleeren raumes
in aller ruhe hören die flut
ein präzises du geöffnet
und die anspielungen
auf seltsame weise
schön

ratschlag

halbtransparent anfangen
räumliche zwischentöne achten
sauber treffen

relativieren aus eigener erfahrung
isolierte gedanken umgekehrt abwägen
die erdigen elemente bewusst integrieren

zur stimmung bunt beitragen
zur unterstützung fest beeinflussen
mit der natur in gleichgewicht kombinieren

in guter gestaltung natürlich wirken
nach ruhe aussehen
sinnesreiche wahrnehmung erzielen
das reine unschlagbar empfinden

vom subtilen besetzen lassen
warm abheben

innere ruhe

zwischendurch diese
banale zufriedenheit
fasziniert wie ein
sonnendurchfluteter gibt
man sich feierlich
die eigene empfindung
ist ausgiebig
gerade das ist
der springende punkt

die form des seins
glücksgefühl im weitesten sinne

von dieser fröhlichkeit
durchquert wie ein
frühlingshafter spricht man
das wort aus direkt

heute


Joanna Lisiak - Lyrik und Prosa - Glarean MagazinJoanna Lisiak

Geb. 1971 in Poznan/Polen, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, schreibt auch Theaterstücke & Hörspiele, Mitglied u.a. des PEN; Jazz-Sängerin, lebt in Nürensdorf/Schweiz

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Lyrik auch von
Martin Kirchhoff: Drei Gedichte

Peter Fahr: Willkommen (Flüchtling-Gedicht)

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Willkommen

Wir liefern Waffen
den Kämpfenden
und gnadenlos
treiben sie euch
zur Flucht

Ihr rudert in Booten
übers Meer
manche ertrinken
manchen gelingt
das Unfassbare

Seid willkommen
Überlebende
hier seid ihr sicher
wir umarmen euch
öffentlich

Hier seid ihr frei
selbstlos
beherbergen wir euch
in Zelten
und Baracken

Wir lehren euch
Redlichkeit
Genügsamkeit
Bescheidenheit
Zufriedenheit

Seid dankbar
Elende
verdient euer Brot
demütig
in den Fabriken

Baut die Waffen
die wir liefern
ohne Hass
vergesst die Heimat
für immer

Seid willkommen
Fremde
seid willkommen
Freunde
willkommen


Peter Fahr

Peter Fahr - Glarean Magazin

Geb. 1958 in Bern/CH, Studium der Germanistik an der Universität Bern, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, Autor von Hörspielen, politischen Gedichten und zeitkritischen Essays, Träger verschiedener Literaturpreise, lebt in Bern

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Heimat auch über
Miriam Kanne: Andere Heimaten (Moderne Heimat-Konzepte)

… sowie zum Thema Rassismus über
Adibeli Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

Interview mit dem Schriftsteller René Oberholzer

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Der Mann mit dem Schalk im Lächeln

oder

Strawberry Fields Forever!.

von Dr. Karin Afshar

Baumschule

Die Bäume gehen zur Schule
Lernen wie man wächst und gerade steht
Lernen wie man sich biegt und wieder aufrichtet
Lernen nicht wie man der Axt entkommt

(René Oberholzer in der Anthologie „…bis an die Baumgrenze“,  Khorshid Verlag 2009)

René Oberholzer (*1963 in St. Gallen)
René RO (*1963 in St. Gallen)

„Der Mann“ ist Schweizer Schriftsteller und Performer, lebt und arbeitet seit 1987 in Wil. Geboren ist er 1963 in St. Gallen. Seit 1986 schreibt er Lyrik, seit 1991 auch Prosa. – So in etwa lauteten die an uns geschickten Zeilen, die mit drei Gedichten eintrafen. „Uns“ bzw. „Wir“ – das waren meine Herausgeberin und ich – wir hatten Anfang 2009 eine Anthologie mit dem Thema „Bäume“ ausgeschrieben. Die drei eingesandten Gedichte setzten wir sofort auf die Haben-wollen-Liste. Das Buch erschien im September 2009; inzwischen sind mehr als sechs Jahre ins Land gegangen. Fragen Sie nicht, warum es erst jetzt ein Interview (haben wir per Mail geführt) mit René Oberholzer gibt!
Legen Sie sich am besten zum Lesen eine gute alte LP von den Beatles auf, und genießen Sie.

Karin Afshar: René, woran arbeitest du gerade?

René Oberholzer: Momentan arbeite ich an Texten zum Thema „Urlaub“. Diese werden dann in eine szenische Lesung mit der Autorengruppe Ohrenhöhe münden, mit der ich seit Jahren immer wieder neue Themen bearbeite und auf die Bühne bringe. Das ist mein mittelfristiges Ziel für nächstes Jahr. Längerfristig arbeite ich an einem neuen Kurzprosaband, der thematisch völlig ungebunden sein wird.

KA: Autorengruppe? Aufführen? Stimmt, ich hatte es im Hinterkopf, und auf deiner Webseite kann der Besucher auch einiges dazu sehen. Das sieht nach Proben, nach sehr viel Zeit fürs Schreiben und fürs Kreative aus? Bist du freier Schriftsteller und Künstler, oder gibt es noch einen anderen Broterwerb?

RO: Ich bin kein freier Schriftsteller und Künstler, mein hauptsächlicher Broterwerb ist das Unterrichten als Oberstufenlehrer an einer Ostschweizer Schule. Und das ist auch gut so. Ich könnte mir nicht vorstellen, nur zu schreiben und vom Schreiben auch noch leben zu müssen. Das würde mich einerseits zu stark unter kreativen und ökonomischen Druck setzen, und andererseits würde es meine Freiheit, das zu schreiben, wonach ich Lust habe, zu stark einschränken. Durch meinen Brotberuf habe ich in literarischer Hinsicht Narrenfreiheit und kann ohne Rücksicht auf Verluste schreiben und stehe auch unter keinem Veröffentlichungsdruck. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, den ganzen Tag an einem Computer oder vor einem Heft zu sitzen und zu schreiben. Ich muss zuerst nach draußen gehen, das Leben leben und das Unterbewusstsein mit Bildern und Geschichten füllen, damit ich wieder literarisch etwas Neues kreieren kann nach dem Prinzip: Leben – Schreiben – Leben – Schreiben. Und dafür ist ein Brotberuf, der einen kreativ nicht unter Druck setzt, sehr nützlich. Zudem müsste ich extrem gut und extrem produktiv sein, um in der Schweiz vom Schreiben leben zu können. Sogar ganz große Autoren wie Kafka u.a. haben ja nicht allein vom Schreiben gelebt und sind einem „bürgerlichen Beruf“ nachgegangen.

KA: Daraus ergibt sich natürlich gleich die nächste KA: Welche Fächer unterrichtest du, welches davon ist dein Lieblingsfach?

RO: Ich unterrichte die sprachlich-historischen Fächer, d.h. Deutsch, Französisch, Englisch, Räume & Zeiten (eine Kombination von Geschichte und Geografie), Bildnerisches Gestalten und Individuum & Gemeinschaft. Lieblingsfächer habe ich gleich mehrere – Deutsch, Englisch und Geschichte (ist in Räume & Zeiten integriert).

KA: Apropos Englisch, Französisch: Wieviele Sprachen sprichst du?

RO: Ich spreche in meiner Umgebung Schweizerdeutsch, beim Unterrichten in der Schule Hochdeutsch, ansonsten in den entsprechenden Fächern Französisch und Englisch.

KA: Stichwort „mehrsprachige Schweiz“ – Ich habe vor Jahren ein Buch besprochen, in dem es dann hieß, ja – die Schweiz sei mehrsprachig, die Einwohner seien es jedoch nicht zwangsläufig (sehr verkürzt gesagt) … Sprichst du einen Dialekt?

RO: Ich spreche den St. Galler Dialekt, von dem man in der Schweiz sagt, dass er relativ neutral im Vergleich zu anderen Dialekten sei.

KA: Mich als Linguistin interessiert und fasziniert dieses Thema immer wieder. Ich frage die bilingualen und multilingualen Kinder in meiner Umgebung, wenn es sich ergibt, und erhalte erstaunliche Antworten. Wie ist es bei dir: hast du eine Gefühls- und eine Denksprache? Verschieden oder identisch?

RO: Dadurch dass ich in der Schule Hochdeutsch als Unterrichtssprache spreche, viel in Büchern, in Zeitschriften und im Internet lese, ist mir die deutsche Hochsprache sehr vertraut geworden. Ich denke in der Hochsprache. Obwohl ich mit der Schweizer Mundart aufgewachsen bin, die eigentlich meine Gefühlssprache ist, ist die deutsche Hochsprache mittlerweile zu einer gleichwertigen Muttersprache wie die Mundart geworden, nicht zuletzt auch, weil ich einige Freunde und Bekannte im benachbarten deutschsprachigen Ausland habe. Und dann ist da natürlich mein eigenes Schreiben, das mich nicht in der Mundart, sondern in der Hochsprache denken und dann später auch reflektieren lässt. Wenn ich den Fernseher anmache, schaue ich mir lieber deutsche Sendungen in der Hochsprache an, das hat dann einen eigenartig professionelleren Anstrich.
Fühlen und Denken sind bei mir nicht zwei Schubladen, sondern greifen ineinander, deshalb ist die hochdeutsche Denksprache mittlerweile auch zu einer Gefühlssprache geworden.

René Oberholzer ("Der Runner")
René RO („Der Runner“)

KA: Dass Dialekte als „unprofessionell“ herüberkommen, ist ihrer Domäne geschuldet. Man muss eben wissen, wo man sich bewegt. Ich habe nie den Dialekt meiner Mutter sprechen gelernt (wiewohl ich auch kein Hochdeutsch sprach, was ich dachte, und was sich beim Umzug in den Norden dann als Irrtum herausstellte), d.h. ich habe mich nie so weit zu dieser Familienseite gehörig gefühlt, um mich mit ihr zu identifizieren. Wir waren im letzten Jahr im Dorf, besuchten Freunde meiner Mutter, und es war ein großes „Fest“ – alle sprachen im Dialekt, denn das war die Sprache ihrer Zugehörigkeit. Irgendwann kam einer auf die Idee zu fragen, ob ich sie denn verstehe. Die Sprache ist beides: einerseits Gefühl-/Denksprache und andererseits eine Identitätsstifterin und Schafferin des sozialen Zusammenhalts. Das bringt mich zu einem sozialen Netzwerk, in dem wir auch miteinander vernetzt sind. – Da sehe ich dann immer wieder Fotos vom RO: in dieser Pose (siehe dein eigenes Foto rechts) an den verschiedensten Orten. Was hat es mit den Fotos auf sich? Gibt es eine Geschichte dahinter, was die Bewegung und ihre Richtung angeht?

RO: Es gibt keine konkrete Geschichte zu meinen „Runner“-Bildern. Ich habe vor langer Zeit gemerkt, dass es nebst dem Grinsen in die Kamera oder dem mehr oder weniger guten Posieren vor einer Kamera noch eine andere Pose geben könnte, und so habe ich die Figur des „Runners“ kreiert. Sie gibt einem statischen Bild Bewegung, suggeriert natürlich auch, dass ich ständig in Bewegung bin, manchmal mit dem Betrachter-Bildstrom von links nach rechts schwimme, manchmal gegen das Auge des Betrachters von rechts nach links anrenne. Mittlerweile sind diese „Runner“-Bilder zu einem Markenzeichen von mir geworden. Es gibt bereits vereinzelt Menschen, die mich in derselben Pose begrüssen, sie anderweitig imitieren oder mich auf sie ansprechen. Auf jeden Fall löst sie bei allen ein Schmunzeln aus.

KA: Schmunzeln – Schmunzeln muss ich oft, wenn auf meiner Startseite RO-geteilte Posts auftauchen. (So ein Netzwerk ist ein herrliches Medium zum Mitlesen, oder?) Sehe ich das richtig, dass du surreale Malerei oder überhaupt das Surreale magst?

RO: Der Surrealismus ist tatsächlich die Kunstrichtung in der Malerei, die mich am meisten interessiert und fasziniert, weil ihre geheimnisvolle Poesie mich zum Denken anregt. Es sind Bilder von René Magritte, Salvador Dali oder Wolfgang Lettl und anderen Surrealisten, die es mir angetan haben. Surrealistische Bilder sind auch nach Jahren nie langweilig, verlieren nichts von ihrem Geheimnis oder ihrem „Mysterium“, wie René Magritte den Inhalt seiner Bilder einst beschrieben hatte. Zudem spült der Surrealismus durch die Verbindung zum Unterbewussten und zu den Träumen Inhalte hervor, die das Denken normalerweise nicht hervorbringt. Der Surrealismus liefert mir eine Metaebene, die ich zu verstehen versuche. Und das macht ihn für mich interessant, weil ich vor surrealistischen Bildern verweilen kann. Das passiert mir bei realistischen oder abstrakten Bildern nicht. Aber ich mag auch Bilder von Van Gogh oder Claude Monet, auf denen ich erkennen kann, was abgebildet ist, unabhängig von der jeweiligen Kunstrichtung.

KA: Wann hat diese Faszination angefangen? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?

RO: Ein Schlüsselerlebnis, warum ich den Surrealismus so mag, gibt es nicht wirklich, es ist vermutlich die Summe von verschiedenen Entwicklungsprozessen, die ich durchlaufen habe, und diversen Einflüssen. Da spielt meine Fantasie eine Rolle, die immer wieder nach dem sucht, was nicht alle Menschen suchen, da ist die Vorstellung, dass man etwas immer auch mit anderen Augen anschauen kann, da ist meine Liebe zur Musik der Beatles, die mich im Teenageralter zu prägen begonnen und mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Viele Songtexte der Beatles ab 1966 haben extrem surreale Züge, der Trickfilm „Yellow Submarine“ ist Surrealismus pur. Dieser Film hat mich sehr beeinflusst. Da waren aber auch die Filme von Luis Bunuel, die mich inspiriert haben, oder auch Filme, in denen Michel Piccoli, den ich für einen der größten Schauspieler halte, eine Hauptrolle gespielt hatte.
Ein persönliches Erlebnis mit einem meiner surrealistischen Vorbilder, das für mich sehr prägend war, als ich mich ästhetisch schon längst dem Surrealismus verschrieben hatte, gibt es aber trotzdem. Das war der Besuch bei Wolfgang Lettl in Augsburg. Ich war mit meiner damaligen Lebenspartnerin extra nach Augsburg gereist, um seine Bilder im Atrium-Museum mir anzusehen.
Dabei kam es zu einem Treffen mit Florian Lettl, dem Sohn von Wolfgang Lettl, der den ganzen Nachlass und die Museen in Augsburg und Lindau betreut. Florian Lettl spürte, dass ich ein echtes Interesse an der Kunst seines Vaters hatte, zumal ich das halbe Museum mit Postkarten und Postern aufgekauft hatte, und lud mich deshalb zuerst zu sich nach Hause und später zu seinem Vater ein. Diese Begegnung mit einem der größten Surrealisten des 20. Jahrhunderts war schon sehr beeindruckend. Umso trauriger war die Nachricht, dass er kurze Zeit später im Jahr 2008 verstorben war.

KA: Malst du auch selbst?

RO: Nein, ich selbst male nicht. Ich habe es vor Jahren versucht, merkte aber, dass das nicht meine Schiene ist, obwohl ich mit der Malerei sehr verbunden bin. Zum einen konnte ich mit den wenigen Bildern, die ich gemalt hatte, damals keine Geschichten erzählen, zum anderen fehlte mir auch der Platz und die Zeit, die Malsachen immer wieder hervorzunehmen. Da war das Schreiben wesentlich einfacher. Ich konnte einen Schreibblock und einen Kugelschreiber überallhin mitnehmen. Und die Reproduktion meiner geschriebenen Texte war auch wesentlich einfacher, als das bei einem gemalten Bild der Fall ist. Eine Bildervernissage zu organisieren, ist wesentlich aufwändiger als eine Lesung abzuhalten. Heutzutage ist das Reproduzieren von Kunst im Internetzeitalter zwar etwas leichter geworden, doch das Originalbild ist immer noch das Originalbild. Bei einem Text kommt es nicht auf das handgeschriebene Original an, sondern nur auf die Worte, das Original hat demzufolge keine große Bedeutung, außer man wird später einmal sehr berühmt.

KA: Deine Texte – und ich denke auch an drei Gedichte in „…bis an die Baumgrenze“ – leben von dem Spiel mit der Erwartung der Leser. Diese Erwartung führst du ad absurdum, führst den Leser in eine andere als die von ihm gedachte Richtung.

RO: Genau. So passieren in meinen Geschichten oft Dinge, die zwar sehr real sind, doch in der Art, wie sie passieren, nur in meinen Geschichten passieren können. Was mich beim Schreiben von Geschichten oder Gedichten aber auch mit dem Surrealismus verbindet, ist die Möglichkeit, damit Interpretationsräume für den Leser/die Leserin zu öffnen. Das fängt beim Titel an und hört bei einem offenen Schluss auf. Der Leser/die Leserin soll mitdenken und den Inhalt weiterspinnen können. Das gelingt auch nicht immer in meinen Texten, denn jeder Text kommt, wie er kommt, und manchmal sind ja auch Texte, in denen mehr oder weniger alles gesagt ist, nicht schlecht, weil sie ein schönes Bild oder ein schönes Gefühl vermitteln, das stimmig ist. Oder aber eine knallharte Realität so darstellen, wie sie nun einmal ist. Dabei ist die Poesie, wenn sie dann in Texten vorkommt, im Ansatz schon ein wenig surreal, weil ja niemand auf der Straße so spricht, wie z.B. oft in Gedichten gesprochen wird.

KA: Wenn ich da jetzt so drüber nachdenke… Dann war und ist der Surrealismus auch eher eine Kunstrichtung, die mich mehr fasziniert als ein bloßer Impressionismus. Aber es hat vieles einen Platz unter der Sonne und seine Abnehmer und Liebhaber. Zur Musik! – du hast sie bereits erwähnt – als prägend für dich (wie sie prägend für eine ganze Jugendgeneration waren) – die Beatles. Was verbindet dich mit ihnen?

RO: Mit den Beatles verbindet mich zum Ersten eine tiefe musikalische Liebe. Es gibt meiner Meinung nach keine Gruppe und keinen Sänger/keine Sängerin, die eine derart große Bandbreite an Melodien geschaffen haben wie die Beatles. Ihre Melodien sind zu meinen inneren Melodien geworden. Und je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass ich meine grundsätzliche Fröhlichkeit auch ein Stück weit den Beatles zu verdanken habe. Mit Beatles-Liedern im Herzen bist du eigentlich immer auf der Sonnenseite.
Dann gibt es natürlich auch die textliche Seite der Beatles-Lieder, die mich beeinflusst hat. Da sind z.B. Hymnen wie „All You Need Is Love“, die in ihrer Botschaft so existenziell sind, dass eigentlich alles gesagt ist. Dann ist da die lebensbejahende, inhaltliche Seite in Songs wie z.B. in „Here Comes The Sun“, die politische Seite wie z.B. in „Revolution“, in dem klar gegen Gewalt Position bezogen wird. Und dann ist da die surrealistische Seite wie z.B. in „Strawberry Fields Forever“ oder die textlich und musikalisch raffiniert montierte und sehr moderne Seite wie z.B. in „A Day In The Life“, um nur einige unterschiedliche Seiten der Beatles aufzuzählen.

KA: Die innewohnende Fröhlichkeit? – Der tiefstapelnde Humor?

RO: Ihr Witz – der spiegelt sich nicht nur in ihren Liedern wider, sondern vor allem auch in ihren Filmen wie „Help“ oder „Yellow Submarine“. Da ist viel trockener, englischer Humor drin, den ich sehr mag. Und dann mag ich auch ihre Interviews, in denen sie mit lakonischen Sätzen und surrealen Wendungen auf banale KA:n von Journalisten geistreich und schräg geantwortet haben und damit bewiesen haben, dass man sich zwar ernst, aber das Leben um sich herum nicht immer so ernst nehmen sollte.

KA: Als es sie dann nicht mehr… wem bist du mehr gefolgt? John Lennon, George Harrison, Ringo Starr oder Paul McCartney? Ich frage das, weil ich selbst zunächst mehr George Harrison hörte. 1979 kam „George Harrison“ heraus, hab ich mir als Kassette organisiert. Paul McCartney und die „Wings“ („With a little luck“) – hab ich auch rauf und runter gehört.

RO: Natürlich habe ich die Solokarrieren aller vier Beatles mitverfolgt, teilweise auch rückblickend in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Heutzutage bin ich noch immer stark mit Paul McCartney verbunden, den ich gerne einmal treffen würde. Seine Musik seit der Trennung der Beatles verfolge ich sehr genau, und seine vegetarische Lebensweise, die ich auch lebe, beeindruckt mich sehr. Zudem bewundere ich, welche Energie er in seinem Alter noch hat, und wie er laufend neue Projekte realisiert. Aber auch die Soloalben und -projekte der anderen drei Beatles, vor allem die der bereits Verstorbenen John Lennon und George Harrison, sind sehr beeindruckend und haben mein Post-Beatles-Herz höher schlagen lassen.

KA: Jetzt fallen mir doch noch etliche Fragen ein, aber ich habe mein selbstgestelltes Fragen-Limit erreicht. Eine letzte Frage aber doch noch – weg von der Musik zurück zur Literatur: Welches Buch würdest du unseren Lesern empfehlen?

RO: Da kann ich mich nur schwer auf eines fixieren. So gebe ich mal völlig unrepräsentativ aus  vier literarischen Sparten je ein Buch an.
Roman: „Der Prozess“ von Franz Kafka (1925)
Kurzprosa: „Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter“ von Aglaja Veteranyi (2004)
Drama: „Das letzte Band“ von Samuel Beckett (1958)
Lyrik: „Buckower Elegien“ von Bertold Brecht (1964)

KA: Hier tauchen sie also auch wieder auf – die Dinge über die du sprachst. „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität. Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen, zu unbekümmert jedoch um meinen Tod, um nicht zumindest die Freuden eines solchen Besitzes abzuwägen“, schrieb  André Breton, und von dir könnte man vielleicht sagen: Das Leben in seinen vielen Ausprägungen ist eine so ernste Angelegenheit, dass man gut daran tut, sie nicht zu ernst zu nehmen. Mit Ungeduld, ohne sich festhalten zu lassen und in körperlicher wie geistiger Bewegung.
René, ich wünsche dir weiter viel (Bein-)Freiheit.

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

(Bertolt Brecht, Buckower Elegien)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Rene Oberholzer:
Vier Berg-Short-Storys (Kurzprosa)

… sowie das Literatur-Interview mit dem Verleger
Beat Hüppin: „Das qualitätsvolle Buch hat Zukunft“

Mario Andreotti: „Kunst geht nach Brot“ (Literaturbetrieb)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 30 Minuten

„… die Kunst geht nach Brot“

von Mario Andreotti

.Der etwas sonderbare metaphorische Titel meines heutigen Vortrags „…die Kunst geht nach Brot“ mag Sie, geschätzte Zuhörende 1), zunächst irritiert haben. Gleichwohl haben Sie natürlich sofort gemerkt, woher der Satz stammt: aus Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Emilia Galotti“ nämlich. Es ist gleich zu Beginn des Stücks die Antwort des Malers Conti auf die Frage von Prinz Hettore, was die Kunst denn mache. Lessing verwendet hier ein Sprichwort, das schon für das 16.Jahrhundert bezeugt ist.

„Auftraggeber“ von Malerei, Musik und Literatur

Fragen wir uns kurz, was dieses Sprichwort denn eigentlich aussagt. Etwas im Grunde Einfaches, würde ich meinen: Es sagt aus, dass die Kunst, also etwa Malerei und Musik, aber auch die Literatur so etwas wie einen ‚Auftraggeber‘ hat. Bis zur Mitte des 18.Jahrhunderts war dieser Auftraggeber der Fürstenhof; Intellektuelle und Kulturschaffende wurden, indem die Fürsten ihren Lebensunterhalt bestritten und als ihre Mäzene auftraten, an die Höfe gebunden, waren von ihnen abhängig. Friedrich Schiller etwa hat diese Abhängigkeit auf besonders krasse Weise zu spüren bekommen: Als er ohne Einwilligung von Herzog Karl Eugen der Uraufführung seines ersten Dramas „Die Räuber“ im Mannheimer Nationaltheater beiwohnte, hat ihn das 14 Tage Arrest gekostet. Karl Eugen verbot ihm, weiterhin Dramen zu schreiben, was Schiller bekanntlich zur Flucht über Mannheim nach Frankfurt veranlasst hat.
Seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts, dem Aufstieg des Bürgertums und der Entstehung eines modernen Urheberrechts, ist es zunehmend der freie Markt mit seinen Vorgaben, sind es die Verleger, Lektoren und Literaturagenten, ist es nicht zuletzt auch die Literaturkritik, die zum Auftraggeber der Kunst – genauer gesagt, der Literatur – wird. Wir sprechen dann recht eigentlich von einem Literaturbetrieb. Von diesem Literaturbetrieb, wie wir ihn heute kennen, soll in meinem Vortrag die Rede sein.

Gründe für den modernen Literaturbetrieb

Literaten-Abhängigkeit von den Mächtigen&amp;Reichen: Arrest für Schiller wegen dessen
Literaten-Abhängigkeit von den Mächtigen&Reichen: Arrest für Schiller wegen dessen „Räuber“

Das setzt, verehrte Hörerinnen und Hörer, allerdings voraus, dass wir zunächst ein wenig zurückblicken in eine Zeit, da Literatur noch kein Betrieb, das Buch noch keine Ware und die Literaturkritik noch nichts mit der Vermarktung von Büchern, mit Marketing, zu tun hatte. Dabei geht es mir nicht um Nostalgie, nicht um Kulturpessimismus oder gar um Untergangsstimmung. Ich möchte lediglich aufzeigen, wie die Entwicklung in den letzten dreißig, vierzig Jahren – der Zeit, die ich beruflich als Germanist überblicken kann – verlaufen ist, was sich verändert hat und was den heutigen Literaturbetrieb ausmacht.

Unerbittlicher Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt: Die Frankfurter Buchmesse
Unerbittlicher Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt: Die Frankfurter Buchmesse

Was gab es also und was gab es nicht, damals, in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als ich auf dem Gebiet der Literatur und des Literaturbetriebes die ersten Schritte machte. Es gab die Autorinnen und Autoren, die Bücher schrieben, mehr Männer noch immer als Frauen; es gab die Verlage, oder, besser gesagt, die Verleger, fast ausschließlich Männer, die diese Bücher herausbrachten; es gab die Kritikerinnen und Kritiker, auch hier mehr Männer als Frauen, welche die Bücher rezensierten; und es gab die Buchhandlungen oder, besser gesagt, die Buchhändlerinnen und Buchhändler, die dafür sorgten, dass die Bücher auch unter die Leute kamen. Hier waren die Frauen in der Überzahl.

Verdrängungskampf in der Buchbranche

Band 200x5
„Nicht nur das Verhältnis der Geschlechter hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert; anders geworden sind auch der Stellenwert der Buch-Branchen und der Umgang, den sie miteinander pflegen.“

Alles wie heute, sind Sie, verehrte Anwesende, vielleicht geneigt zu sagen. Aber das stimmt nicht ganz. Nicht nur das Verhältnis der Geschlechter hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert; anders geworden sind auch der Stellenwert der einzelnen Branchen und der Umgang, den sie miteinander pflegen. Etwas verallgemeinert lässt sich sagen, dass früher alles etwas persönlicher als heute war und etwas gemächlicher zu und her ging. Da gab es zum Beispiel die Frankfurter Buchmesse im Herbst. Auf diesen Termin hin ließen die Verlage ihre Bücher erscheinen. Das heißt, der Herbst fand auch wirklich im Herbst statt und nicht schon im Juli oder August, wie dies heute der Fall ist, weil der Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt so unerbittlich geworden ist und jeder jedem zuvorkommen will. Dadurch, dass es seit einigen Jahren zwei Programme pro Jahr gibt und zwei Buchmessen – die große im Oktober in Frankfurt und die andere, etwas kleinere im März in Leipzig und dazu noch den „Salon du livre“ in Genf und die Buchmesse in Basel – hat sich diese Situation weiter zugespitzt. Neue Bücher erscheinen heute das ganze Jahr hindurch. Die Folgen sind denn auch klar: Buchhändler, Rezensenten und natürlich auch die Leser sehen sich mit einer nicht abreissenden Flut von Neuerscheinungen konfrontiert, die sie kaum mehr zu überblicken und schon gar nicht mehr zu bewältigen vermögen.

Bedrohliche Masse von 80’000 neuen Buchtiteln jährlich

Zwei der letzten großen Verleger-Persönlichkeiten: Siegfried Unseld (†2002) und Daniel Keel (†2011)
Zwei der letzten großen Verleger-Persönlichkeiten: Siegfried Unseld (†2002) und Daniel Keel (†2011)

Über 80‘000 neue Titel werden jeweils an der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt. Auch wenn man von dieser Zahl die Koch-, Reise- und Ratgeberbücher, die Fachliteratur und die Bildbände abzieht, bleibt immer noch eine bedrohliche Masse übrig, und es fällt zunehmend schwerer, mit dem nötigen Respekt und der nötigen Differenziertheit an das einzelne Buch heranzugehen. Feuilletonredaktionen und freischaffende Rezensenten wissen längst nicht mehr, wie sie sich der Bücherflut entledigen sollen, die da während des ganzen Jahres über sie hereinbricht. Sie mögen sich manchmal nach jenen Zeiten zurücksehnen, als es etwa in Zürich noch Verleger wie einen Peter Schifferli, den Gründer des Arche Verlags, gab, der die neuen Bücher, in buntes Seidenpapier gewickelt, jeweils eigenhändig auf den Redaktionen vorbeibrachte.
Das Verschwinden von Verlegerpersönlichkeiten wie Peter Schifferli erscheint mir für die Entwicklung der ganzen Branche symptomatisch. Den meisten nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründeten oder nach Deutschland zurückgekehrten Verlagen standen noch bis weit in die 1970er Jahre hinein Persönlichkeiten vor, die Bücher liebten, etwas von Literatur verstanden, mit Autoren umzugehen wussten, einen Riecher für junge Talente hatten und im günstigsten Fall auch einigermassen geschäftstüchtig waren. Verlagsnamen wie Fischer, Suhrkamp, Rowohlt, Haymon, Beck, Hanser oder Diogenes waren mit solch herausragenden Persönlichkeiten verbunden: mit Liebhabern, ja Besessenen, die Bücher machen wollten, gute Bücher, erfolgreiche Bücher, und die deshalb ihre Autoren pflegten wie Rennstallbesitzer ihre Pferde.
Mit Siegfried Unseld und Daniel Keel sind in den letzten Jahren zwei der letzten dieses Schlags gestorben. Bei Hanser gibt es seit 2013 Michael Krüger nicht mehr und auch Egon Ammann, der Gründer des renommierten Ammann Verlags, der vor fünf Jahren aufgelöst wurde, ist von der literarischen Bühne abgetreten: alles Verlegerpersönlichkeiten, die den Verlagen ihren ganz persönlichen Stempel aufgedrückt haben. Mit ihnen geht wohl eine Tradition zu Ende, die von der engen, bisweilen ein Leben überdauernden Beziehung zwischen dem Verleger und seinen Autoren lebte.

Manager statt Verlegerpersönlichkeiten

„Von Büchern, von Autoren, von Literatur häufig keine Ahnung“: Die Buchkonzern-Chefs und Multimillionäre Thomas Rabe (Bertelsmann) und Stefan Holtzbrinck (Holtzbrinck)

An die Stelle von Verlegerpersönlichkeiten, meine Damen und Herren, sind heute Verlagsmanager oder Konzernchefs getreten. Die bunte Palette von Verlagsnamen und Verlagsprogrammen ist nicht viel mehr als schöner Schein, der darüber hinwegtäuschen soll, dass die Unternehmen Bertelsmann und Holtzbrinck mittlerweile fast den ganzen deutschen Buchmarkt unter sich aufteilen. Die einzelnen Verlage versuchen zwar noch Verlagsprofile aufrecht zu erhalten und sich den Anschein einer gewissen Eigenständigkeit zu geben. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass sich hinter der Vielfalt das knallharte Management von Branchenriesen verbirgt. Die starken Männer – es sind fast ausschließlich Männer -, die an der Spitze dieser Konzerne stehen, kommen nicht selten aus branchenfernen Unternehmen. Sie beherrschen die goldenen Regeln von Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung; von Büchern, von Autoren, von Literatur überhaupt haben sie häufig keine Ahnung. Müssen sie auch nicht haben, denn ihre Aufgabe besteht darin, den Cashflow zu steigern und satte Gewinne zu erzielen. Sie tun es vor allem, indem sie ihre Lektoren, deren Aufgabe es bisher war, Autoren zu entdecken und Trends aufzuspüren, mit konkreten Umsatzvorgaben dazu verpflichten, Verkaufserfolge anstelle von literarischer Qualität zu generieren. Lektoren sind denn auch immer mehr mit Fragen des Marketings und der Pressearbeit beschäftigt, so dass ihre Arbeit am Text zu kurz kommt. Stille Bücher, schwierige Bücher, Lyrik zum Beispiel oder experimentelle Texte, haben in einem solch ausschließlich marktorientierten System kaum mehr eine Chance. Und gäbe es, vor allem unter jungen Verlegern, nicht immer noch und immer wieder hoffnungslose Idealisten und Selbstausbeuter, wir bekämen bald nur noch Bücher vorgesetzt, die eine Auflage von 100‘000 Exemplaren oder mehr rechtfertigen.

Zunehmende Merkantilisierung des Buchhandels

Als gute Literatur in die Liga der Bestseller aufgestiegen: Marlene Streeruwitz (Österreich), Wilhelm Genazino (Deutschland), Ruth Schweikert (Schweiz)
Als gute Literatur in die Liga der Bestseller aufgestiegen: Marlene Streeruwitz (Österreich), Wilhelm Genazino (Deutschland), Ruth Schweikert (Schweiz)

Die Entwicklung im Buchhandel leistet diesem Trend zusätzlich Vorschub. Auch hier hat in den letzten Jahren eine zunehmende Merkantilisierung und, parallel dazu, eine starke Konzentrierung auf wenige Großbetriebe – Hugendubel in Deutschland, Morawa in Österreich, Orell-Füssli in der Schweiz – stattgefunden. In diesen Buch- und Multimedia-Kaufhäusern gibt es zwar noch Nischen für Liebhaber guter Literatur; das große Geschäft jedoch macht man mit Thrillern, Krimis und Romanzen sowie mit Sachbüchern, welche die Welt erklären und die Lösung unserer Lebensprobleme vom Liebeskummer bis zur Fettleibigkeit versprechen.
Wenn es ab und zu ein wirklich gutes Stück Literatur, in Deutschland etwa ein Wilhelm Genazino oder ein Daniel Kehlmann, in Österreich ein Arno Geiger oder eine Marlene Streeruwitz, in der Schweiz eine Ruth Schweikert oder ein Ralph Dutli, in die Liga der Bestseller schafft, grenzt das an ein Wunder. Und es ist auch hier einigen Idealisten unter den Verlegern zu verdanken, wenn die Literatur nicht auf das Niveau einer Isabel Allende, einer Charlotte Link oder eines Martin Suter schrumpft und der Buchmarkt sich ansonsten von Dan Brown, Donna Leon oder Rosamunde Pilcher ernährt.

Verpackung statt Inhalte

Ähnlich wie das Verlagswesen und der Buchhandel hat sich auch der Vertrieb von Literatur verändert. Was früher als konventionelle Werbung in Zeitungen und Zeitschriften sowie als diskrete Beziehungspflege in der Buchhändler- und Kritikerszene daherkam, hat sich längst zu einem großangelegten Promotions-Zirkus ausgewachsen. Der Publikation eines Titels – das klingt moderner als „Buch“ – gehen Werbekampagnen voraus, wie sie bislang nur im Filmgeschäft üblich waren. Längst werden nicht mehr nur Verlagsprospekte, Leseproben und Vorausexemplare verschickt, sondern es werden CDs oder DVDs produziert, die ähnlich den Making-ofs erfolgreicher Spielfilme mit Leseproben und Ausschnitten von Auftritten sowie Interviews mit dem Autor aufwarten. Begleitend hinzu kommt als eigenständiger, sehr lukrativer Markt die Hörbuchproduktion, ohne die die Promotion eines erfolgreichen Titels überhaupt nicht mehr denkbar ist. Dies ganz im Gegensatz zum E-Book-Markt, der in den letzten Jahren bei uns, anders als im angelsächsischen Raum, nur sehr bescheiden gewachsen ist.

Hart umkämpfter Markt

Band 200x5
„Die einzelnen Verlage versuchen zwar noch Verlagsprofile aufrecht zu erhalten und sich den Anschein einer gewissen Eigenständigkeit zu geben. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass sich hinter der Vielfalt das knallharte Management von Branchenriesen verbirgt. Die starken Männer – es sind fast ausschließlich Männer -, die an der Spitze dieser Konzerne stehen, kommen nicht selten aus branchenfernen Unternehmen. Sie beherrschen die goldenen Regeln von Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung; von Büchern, von Autoren, von Literatur überhaupt haben sie häufig keine Ahnung.“

Die ersten, von den verlagseigenen Kommunikationsverantwortlichen und Public Relations-Spezialisten klug organisierten und getimten Besprechungen erscheinen häufig schon vor dem Erscheinen des Buches in namhaften Zeitungen und Zeitschriften. Und wenn das Buch dann endlich auf dem Markt ist, wird der Autor auf einen landesweiten oder gar internationalen Lesemarathon geschickt, auf den abgestimmt in Radio und Fernsehen entsprechende Porträts und Interviews erscheinen, welche die öffentliche Wirkung von Autor und Buch wie in einem Spiegelsaal multiplizieren. Der enorme Aufwand scheint sich zu rechnen – und muss es auch. Denn nicht selten stehen hinter solchen Erfolgstiteln fünf- oder gar sechsstellige Vorschüsse. Wer das wieder einspielen und erst noch Gewinn davontragen will, muss sich auf dem hart umkämpften Markt mächtig ins Zeug legen.

Tipp an Debütanten: Literaturagentur vorschalten

Dass Geschäfte dieser Größenordnung längst nicht mehr zwischen dem Autor und seinem Verleger getätigt werden, gehört ebenfalls zu den Neuerungen, die den Literaturbetrieb in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Heute sind es die Literaturagenten, die zwischen den Autoren und den Verlegern vermitteln, die den richtigen Autor, das richtige Buch mit dem richtigen Verlag zusammenbringen und schließlich auch die Verträge samt Vorschüssen, Honoraransätzen, Auflagenhöhe und Nebenrechten aushandeln. Sie verlangen dafür zwischen 10 und 20% des Autorenhonorars. Rund 85% der literarischen Erfolge gehen heute über den Schreibtisch von Agenten. Unbekannten Autoren ist dringend zu empfehlen, ihr Manuskript nicht direkt an einen Verlag, sondern an eine Literaturagentur zu schicken. Renommierte Verlage erhalten heute jeden Tag bis zu zehn unverlangte Manuskripte, so dass ihre Lektoren kaum mehr Zeit finden, sich durch die Stapel von Texten zu arbeiten. Also wird diese Arbeit meist von jungen, unerfahrenen und schlecht bezahlten Praktikanten übernommen. Die Chancen, dass ein Manuskript auf diese Weise in die Hände eines Verlegers gelangt, der es veröffentlichen möchte, sind daher verschwindend klein. Literaturagenten hingegen haben gute Kontakte zu den Verlagen und ihren Lektoren. Wenn sie ein Manuskript zur Prüfung schicken, wissen die Verlage, dass es sich lohnt, einen Blick in den Text zu werfen. So landet das Manuskript nicht auf den riesigen Stapeln, die von den Praktikanten geprüft werden, sondern direkt auf dem Schreibtisch der Lektoren.

Auffallen um jeden Preis

Zoe Jenny - Glarean Magazin
„Musste zeitweise von 500 Franken monatlich leben“: Schweizer Senkrecht-Starterin Zoë Jenny („Das Blütenstaubzimmer“)

Hohe Auflagen, meine Damen und Herren, erreicht am ehesten, wem es gelingt, in der Szene so richtig aufzufallen: entweder durch die Art, wie er sich gibt, oder durch die Themen, die er behandelt. Romane, die sich autobiografisch lesen lassen oder die sich skandalträchtig genug geben, die vor allem sexuelle Tabus brechen, aber auch solche, die Elemente einer Kriminalstory enthalten oder von Migrationsgeschichten handeln und die zudem süffig geschrieben sind, haben sich dabei als besonders verkäuflich erwiesen. Inzestuöse Liebesbeziehungen, Geheimdiensteinsätze, Verschwörungstheorien und Drogenexzesse spuken durch nicht wenige Bücher, die in den letzten Jahren international von sich reden machten. Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen des literarischen Marktes, dass ein Schriftsteller, will er nicht in Vergessenheit geraten, alle zwei Jahre ein Buch veröffentlichen muss.

Band 200x5
„Insgesamt lässt sich sagen, dass jüngere Autorinnen und Autoren von den Verlagen, aber auch von den kulturellen Institutionen erfahrungsgemäß stärker unterstützt werden als ältere. Besonders schwer haben es die Lyriker: zum einen aufgrund der geringen Auflagen – in der Regel zwischen 300 und 500 Büchern – sowie der fehlenden Nebenrechtsverwertung, also der Verwertung in Film, Fernsehen und im Hörfunk, und zum andern, weil immer mehr Verlage aus rein ökonomischen Erwägungen – ein Gedichtband stellt für sie ein unternehmerisches Risiko dar – die Lyrik aus ihrem Verlagsprogramm kippen.“

Bei all dem, verehrte Anwesende, fällt auf, dass die Autoren und mehr noch die Autorinnen immer jünger werden. Geradezu kometenhaft sind sie in den letzten Jahren aufgestiegen, eine Zoë Jenny, eine Judith Hermann, eine Dorothee Elmiger, eine Helene Hegemann, eine Charlotte Roche, eine Katja Brunner, ein Peter Weber, ein Christian Kracht, ein Daniel Kehlmann und wie sie alle heißen. Die Frauen unter ihnen sind meist schön, die Männer hatten eine schwierige Kindheit oder waren sonst wie geschädigt. Insgesamt lässt sich sagen, dass jüngere Autorinnen und Autoren von den Verlagen, aber auch von den kulturellen Institutionen erfahrungsgemäß stärker unterstützt werden als ältere. Besonders schwer haben es die Lyriker: zum einen aufgrund der geringen Auflagen – in der Regel zwischen 300 und 500 Büchern – sowie der fehlenden Nebenrechtsverwertung, also der Verwertung in Film, Fernsehen und im Hörfunk, und zum andern, weil immer mehr Verlage aus rein ökonomischen Erwägungen – ein Gedichtband stellt für sie ein unternehmerisches Risiko dar – die Lyrik aus ihrem Verlagsprogramm kippen. Allerdings lässt sich heute, allen ökonomischen Bedenken zum Trotz beobachten, dass die Lyrik ein immer größer werdendes Publikum erobert. Lyriker gewinnen namhafte Auszeichnungen, wie jüngst Jan Wagner, der den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

Massenhafter Verschleiß von jungen Autoren

Doch zurück zu den jungen Autorinnen und Autoren. Das Problem all dieser Jungtalente und Senkrechtstarter am Literaturhimmel ist nicht die mangelnde Begabung und auch nicht der fehlende Erfolg. Im Gegenteil: beides ist oftmals im Übermaß vorhanden. Das Problem ist vielmehr der Verschleiß, dem sie durch den Literaturbetrieb, wie er sich heutzutage präsentiert, ausgesetzt sind. Da werden junge Menschen, die kaum der Pubertät entwachsen sind, so hemmungslos ins Rampenlicht gezerrt, mit Vorschusslorbeeren bedacht, mit Preisen überhäuft und von Lesetermin zu Lesetermin gehetzt, bis sie im Taumel zwischen Selbstüberschätzung und Versagensangst den Boden unter den Füßen verlieren. Verlagslektoren, Literaturagenten und Kritiker reißen sich um sie, und bis sie gemerkt haben, wie schnell man sie fallen lässt, wenn der Erfolg ausbleibt, ist es oft schon zu spät.

„Wer es schafft, im ‚Literaturclub‘ des Schweizer Fernsehens – oder früher in Elke Heidenreichs ZDF-Fernsehsendung ‚Lesen!‘ – erwähnt zu werden, hat fürs erste ausgesorgt.“

Das Phänomen ist nicht ganz neu, hat sich aber in den letzten Jahren enorm zugespitzt. Eine junge Autorin, ein Autor publiziert ein erstes Buch. Das Buch hat Erfolg. Die Rezensionen sind enthusiastisch, die Buchhändler begeistert. Es folgen Lesereisen, Einladungen zu Wettbewerben, erste renommierte Preise, Interviews am Radio und Auftritte am Fernsehen. Es winken Vorschüsse und lukrative Verträge mit großen Verlagshäusern – das ganze Programm eben, das abläuft, wenn ein interessanter Erstling die gelangweilte Szene aufmischt. Dass es nach einem solchen Debüt kaum mehr Steigerungsmöglichkeiten gibt und das Interesse nach dem zweiten, spätesten aber nach dem dritten Buch normalerweise massiv abnimmt, das sagt den jungen Autoren in der Regel niemand. Man lässt sie vielmehr abheben, sonnt sich in ihrem Ruhm, sahnt kräftig ab und vergisst, sie auf ein Leben nach dem Kult vorzubereiten. Wenn sie dann dastehen, ohne Lebenserfahrung, ohne Beruf und vielfach auch ohne Geld, erlischt das Interesse an ihnen ziemlich schnell. Schweizer Autoren wie Peter Weber oder Zoë Jenny können ein Lied davon singen. Die Letztere, vor Jahren für ihren Erstling „Das Blütenstaubzimmer“ von der Kritik noch hochgejubelt, zur Bestsellerautorin gemacht, zum Star ausgerufen, hat sich im Wochenmagazin „Die Schweizer Illustrierte“ kürzlich darüber beklagt, dass sie mit ihrer kleinen Tochter derzeit von 500 Schweizerfranken monatlich leben müsse. Autoren haben es mit ihrem zweiten Buch erfahrungsgemäß übrigens am schwersten, weil es immer am Erfolg ihres Debüts gemessen und zugleich von der Erwartungshaltung des Neuen und Andersartigen bestimmt wird.

Band 200x5
„Die Grenzen zwischen bestellter PR und unabhängiger Literaturkritik sind in letzter Zeit immer fließender geworden. Auf den Internet-Seiten von Online-Buchhändlern, aber auch in den verschiedenen „Literaturclub“-Sendegefässen des In- und Auslandes, wo an die Stelle ästhetischer Wertungen häufig reine Geschmacksurteile treten, sind sie meiner Meinung nach eindeutig überschritten. Medienbedürfnisse und Verlagsinteressen sind dermaßen kongruent geworden, dass Kritik nicht mehr so sehr der Meinungsbildung als vielmehr der Umsatzsteigerung dient.“

Der Literaturbetrieb, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ist ein hartes Geschäft. Auflagen und Verkaufszahlen sind letztlich das Einzige, was in diesem Business wirklich zählt. Wie man sie erreicht, ob mit einem Skandal, mit echter Qualität oder mit Promotion, die diese bloß vortäuscht, ist sekundär. Wer es schafft, im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens – oder früher in Elke Heidenreichs Fernsehsendung „Lesen!“ des ZDF – erwähnt zu werden, hat fürs erste ausgesorgt. Egal, wie über das Buch geredet wird, Hauptsache, es wird geredet. Verlage werden im Voraus über die Titelwahl in Kenntnis gesetzt und halten entsprechende Mengen lieferbarer Exemplare bereit, um der am Tag nach der Sendung einsetzenden Nachfrage entsprechen zu können.
Mit Literaturkritik im herkömmlichen Sinne haben solch massenmediale Übungen nichts mehr zu tun. Die Grenzen zwischen bestellter PR und unabhängiger Kritik sind in letzter Zeit immer fließender geworden. Auf den Internet-Seiten von Online-Buchhändlern, aber auch in Sendungen wie dem „Literaturclub“, in dem an die Stelle ästhetischer Wertungen häufig reine Geschmacksurteile treten, sind sie meiner Meinung nach eindeutig überschritten. Medienbedürfnisse und Verlagsinteressen sind dermaßen kongruent geworden, dass Kritik nicht mehr so sehr der Meinungsbildung als vielmehr der Umsatzsteigerung dient. Damit will ich nicht sagen, dass es heutzutage keine gute, professionelle Literaturkritik mehr gebe. Es gilt nur, sie von geschickt gefertigter Public Relation zu unterscheiden.

Verwischte Grenzen zwischen PR und Literaturkritik

„Das pointierte Urteil, die gewagte Meinung, das kühne Verdikt sucht man heute vielfach vergebens“: Kritiker-Legende Marcel Reich-Ranicki (1930-2013)

In der Literaturkritik hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren einiges verändert – und leider nicht immer zum Besseren. Schon 1989 sprach der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher davon, dass die „Zeit der Instanzen vorbei“ sei und herausragende Kritikerpersönlichkeiten wie Marcel Reich-Ranicki in Deutschland, Sigrid Löffler in Österreich und Klara Obermüller in der Schweiz allmählich der Vergangenheit angehörten. Ganz unrecht scheint mir Loetscher mit dieser Prognose nicht gehabt zu haben. Zwar hat die Zahl der Literaturkritiker, also der Leute, die Bücher besprechen, gegenüber früher eher zugenommen. Gleichzeitig hat ihre Tätigkeit jedoch deutlich an Profil eingebüßt. Das pointierte Urteil, die gewagte Meinung, das kühne Verdikt sucht man heute vielfach vergebens. Dafür nehmen Buchbesprechungen überhand, die mehr oder weniger nichtssagende und beliebig auswechselbare Aussagen enthalten – Aussagen von Literaturkritikern notabene, die sich von reiner Werbung kaum mehr unterscheiden lassen. Wenn da von einer „flott erzählten Geschichte“, von einem Autor, „der das große Ganze im Blick“ habe, von „leuchtenden Kompositionen“ oder gar von einem „hocherotischen Buch“ die Rede ist, so ist das nichts weiter als nichtssagendes Geschwätz, das dem Leser keine wirkliche Information über die Qualität des besprochenen Buches bietet. Und wenn von einem reinen Unterhaltungsautor wie Martin Suter in ZDF aspekte gesagt wird, man halte ihn „im Moment für einen der besten deutschsprachigen Autoren“, dann lässt sich mit Fug und Recht fragen, wie schlecht es denn um die zeitgenössische deutsche Literatur bestellt sein müsse, dass ein solcher Autor zu den Besten gehört. Die Angst vor dem pointierten Urteil, vor der differenzierten Meinung hängt zu einem großen Teil auch damit zusammen, dass heutzutage kaum ein Kritiker noch all die Bücher, über die er schreibt, von A bis Z durchliest. Oftmals reicht die Zeit nur, um ein Buch quer zu lesen. Die Inhaltsangaben in diesen Kritiken sind denn auch reichlich dünn und oftmals in Details auch falsch. In ihrer Rezension von Martin Walsers Roman „Angstblüte“ sprachen die Kritiker pauschal von stilistischer Meisterschaft, konnten dabei aber nicht eine besonders gelungene Formulierung anführen, um ihr Lob zu belegen.

Thomas Hürlimann - Schweizer Schriftsteller - Glarean Magazin
Brenzliges Familiäres in die Novelle eingebaut: Thomas Hürlimann

Mit dem Abtreten kompetenter, streitlustiger und unerschrockener Kritikerpersönlichkeiten ist die Literaturszene ohne Zweifel eintöniger geworden. Was fehlt, ist der Disput, die kritische Auseinandersetzung. Sie findet fast nur noch dann statt, wenn ein Skandal in der Luft liegt, wenn ein Thomas Hürlimann in seiner Novelle „Fräulein Stark“ Brenzliges aus der eigenen Familiengeschichte preisgibt oder wenn ein Günter Grass in seinem autobiografischen Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ nach über 60 Jahren bekannt gibt, dass er als Siebzehnjähriger Mitglied der Waffen-SS war, oder wenn einer Helene Hegemann oder einem Urs Mannhart von den Medien vorgehalten wird, Fremdtexte, ohne sie zu zitieren, in ihr Werk übernommen zu haben. Was jedoch, von solchen Eklats einmal abgesehen, allmählich verloren gegangen ist, sind die Stimmen derer, die mit ihrem Urteil herausfordern und ihre Leser dazu anregen, sowohl eigene Kriterien im Umgang mit Literatur aufzustellen als auch die Kriterien der Berufskritiker zu hinterfragen.

Ästhetische Kriterien guter Literatur

„Die Auffassung, Dichtung sei stets original, der Autor ein Originalgenie, die bei den Autoren wie bei den Kritikern bis heute herumgeistert, hat in der neueren deutschen Literatur seltsame Blüten getrieben“: Johann Gottfried Herder, Begründer des literarischen Subjektivismus‘

Verehrte Anwesende, ästhetische Kriterien zu benennen, nach denen Literatur beurteilt werden kann, ist noch nie leicht gewesen. Aber es gibt, wie noch zu zeigen sein wird, solche Wertungskriterien, sonst ließen sich die größten Dilettantereien, wenn man sie nur lange genug anpreist, als Dichtung, als Kunst ausgeben. Ich sage das hier in aller Deutlichkeit, weil sich bei sehr vielen Autoren, aber auch bei den Kritikern die Auffassung hartnäckig hält, es gebe keine einigermaßen objektiven Kriterien für die Bewertung von Literatur. Es ist eine Auffassung, die aus dem späten 18.Jahrhundert, aus der Zeit des „Sturm und Drang“ mit ihrer starken Tendenz zu Individualismus und Subjektivismus, stammt und die wir im deutschen Sprachraum – ich betone: im deutschen Sprachraum; für den angelsächsischen Raum gilt das beispielsweise nicht- offenbar bis heute noch nicht überwunden haben. Nach Johann Gottfried Herder, dem eigentlichen Begründer dieser subjektivistischen Auffassung, ist jede Kunst, jede Dichtung original und jeder Dichter ein freischaffendes, schöpferisches Originalgenie, das keinerlei poetischen Regeln unterworfen ist. So meint denn ein renommierter Schriftsteller wie Thomas Hettche noch in unsern Tagen kurz und bündig, es gebe keine ästhetischen Kriterien für Texte – außer ihrem Gelingen. Und so antwortete mir die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek im Juli 2011 auf meine Frage, was denn für sie ein guter Text sei, ebenso kurz und bündig, sie kenne keine Regel, die sie aufstellen könnte. Dies nur zwei Beispiele, die für viele andere stehen.

Autoren lernten schon immer von Autoren

Die Auffassung, Dichtung sei stets original, der Autor ein Originalgenie, die bei den Autoren wie bei den Kritikern bis heute herumgeistert, hat in der neueren deutschen Literatur seltsame Blüten getrieben. Am sichtbarsten wird das an der unumstößlichen Überzeugung sehr vieler Autoren, jeder ihrer literarischen Texte müsse ihr ureigenes Werk sein, dürfe keinerlei Übernahmen, und seien es nur Bezüge zu andern Texten, beinhalten, dürfe vor allem nicht auf Gelerntem beruhen. Mir fällt immer wieder auf, wie häufig Autoren Zeter und Mordio schreien, sich in ihrer Einzigartigkeit verraten fühlen, wenn man sie darauf hinweist, dass sich in ihren Texten Spuren von Texten anderer Autoren finden, dass sie – mit andern Worten – von andern Autoren gelernt haben. Dabei haben das alle bedeutenden Autoren getan: Schon der Altmeister Goethe hat bekannt, dass er bei Shakespeare gelernt hat. Für Bertolt Brecht ist es Alfred Döblin, den er einmal sogar seinen „unehelichen Vater“ nennt, und Günter Grass spricht von Alfred Döblin als von „seinem Lehrer“. Martin Walser hat immer wieder auf Franz Kafka verwiesen, bei dem er viel über das Wesen des Paradoxen gelernt habe. Ernst Jandl hat mit Blick auf seine experimentelle Lyrik bei der als „Mutter der Moderne“ bekannt gewordenen Gertrude Stein gelernt. Und selbst Kafkas Parabeln wären ohne Robert Walsers frühe Skizzen kaum denkbar. Der Beispiele wären noch unzählige.

Guter Rat an Autoren: Haben Sie den Mut zum permanenten Lernen!

Band 200x5
„Mir fällt immer wieder auf, wie häufig Autoren Zeter und Mordio schreien, sich in ihrer Einzigartigkeit verraten fühlen, wenn man sie darauf hinweist, dass sich in ihren Texten Spuren von Texten anderer Autoren finden, dass sie – mit andern Worten – von andern Autoren gelernt haben. Dabei haben das alle bedeutenden Autoren getan: Schon der Altmeister Goethe hat bekannt, dass er bei Shakespeare gelernt hat. Für Bertolt Brecht ist es Alfred Döblin, den er einmal sogar seinen ‚unehelichen Vater‘ nennt und Günter Grass spricht von Alfred Döblin als von ’seinem Lehrer‘. Martin Walser hat immer wieder auf Franz Kafka verwiesen, bei dem er viel über das Wesen des Paradoxen gelernt habe. Ernst Jandl hat mit Blick auf seine experimentelle Lyrik bei der als ‚Mutter der Moderne‘ bekannt gewordenen Gertrude Stein gelernt. Und selbst Kafkas Parabeln wären ohne Robert Walsers frühe Skizzen kaum denkbar.“

Was ich damit sagen will: Haben Sie, meine Damen und Herren, wenn Sie praktizierende Autorin, praktizierender Autor sind, keine Angst davor, im Bereich des literarischen Schreibens immer wieder zu lernen. Sei es, indem Sie Romane, Erzählungen, Gedichte anderer zeitgenössischer Autoren ganz bewusst lesen, oder indem Sie ab und zu einen Blick in die deutsche Literaturgeschichte werfen und sich beispielsweise fragen, wie die Lyriker des Expressionismus ihre Gedichte gemacht haben, wie ein Alfred Döblin in seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ den inneren Monolog verwendet hat, oder indem Sie für einzelne Fragen, etwa für die Frage nach der Gestaltung von Figuren, ein literarisches Sachbuch beiziehen, oder indem sie nicht zuletzt auch einmal an einem Seminar für Autorinnen und Autoren teilnehmen. Selbstverständlich bedarf es für das literarische Schreiben zunächst ausreichender Begabung; wer dafür zu wenig begabt ist wie beispielsweise ich sollte nicht dichten wollen. Aber ebenso selbstverständlich dürfte es sein, dass literarisches Schreiben weniger eine spirituelle Erfahrung als vielmehr ein Handwerk, ja harte Schreibtischarbeit ist, die von der Autorin, vom Autor überdies ein hohes Maß an Selbstkritik, an Distanz zum eigenen Text erfordert. Verlagslektoren bestätigen es immer wieder und auch meine Erfahrung als Dozent für literarisches Schreiben zeigt es: Je besser jemand schreibt, desto selbstkritischer ist er, desto mehr ist er auch bereit zu lernen. Das sollten sich in erster Linie all jene merken, denen es beim Schreiben mehr um den Drang nach Selbstverwirklichung oder gar um eine Art Psychohygiene geht als darum, ästhetischen Ansprüchen, bestimmten literarischen Wertungskriterien zu genügen.

Die literarische Wertung von Texten

Damit, verehrte Anwesende, ist das längst erwartete Stichwort gefallen, das in einem Referat über den aktuellen Literaturbetrieb nicht fehlen darf: die Frage nach der literarischen Wertung von Texten nämlich. Lassen Sie mich auch dazu einiges ausführen:
In der Literaturwissenschaft streitet man sich bis heute, ob es so etwas wie allgemeingültige, verbindliche Maßstäbe für die Wertung literarischer Texte gibt. Im Verlaufe der Rezeptionsgeschichte haben sich zwei einander diametral entgegengesetzte extreme Positionen herausgebildet: Da findet sich zunächst eine historisch ältere Position, wonach es feste, zeitlos gültige Kriterien gibt, die uns erlauben, ‚gute‘ und ,schlechte‘ Texte, also beispielsweise Kitsch und ästhetisch wertvolle Literatur, klar voneinander zu unterscheiden. Es ist die Position der sog. Regelpoetik, einer Poetik, die von Martin Opitz im 17. Jahrhundert durch die ganze Geschichte der älteren Germanistik hindurch bis zu Emil Staiger, einem meiner damaligen Lehrer in Zürich, reicht. Und da ist die genaue, historisch noch sehr junge Gegenposition, die heute vor allem von den Vertretern postmoderner Interpretationstheorien eingenommen wird. Danach gibt es keine verbindlichen Maßstäbe für die literarische Wertung, beruhen die Urteile über die ästhetische Qualität literarischer Texte auf mehr oder weniger subjektiven Geschmacksentscheidungen.

Die literarischen Wertmaßstäbe im Laufe der Zeit

Jahrelang als dilettantischer Provokateur und
Jahrelang als dilettantischer Provokateur und „Verderber der Jugend“ geschmäht, schließlich doch international gefeiert: Ernst Jandl als beispielhaftes „Opfer“ wechselhafter literarischer Reputation

Welche der beiden gegensätzlichen Positionen, verehrte Anwesende, ist nun richtig? Keine, würde ich sagen. Denn gäbe es so etwas wie zeitlos gültige Maßstäbe, welche Epoche würde diese Maßstäbe denn setzen? Etwa die deutsche Klassik mit Goethe und Schiller, wie Emil Staiger in seiner Zürcher Preisrede von 1966 gemeint hat? Wenn das zuträfe, dann könnte man die gesamte moderne Literatur in die Wüste schicken. Was aber, wenn es keinerlei verbindlichen Wertungskriterien gibt? Wie lässt es sich dann erklären, dass man sich in der Literaturkritik über die ästhetische Qualität bestimmter Texte, z.B. einer Erzählung von Franz Kafka, durchaus einig ist? Sie sehen, meine Damen und Herren, es scheint doch so etwas wie Wertmaßstäbe zu geben. Aber – und das unterscheidet diese Maßstäbe von jenen angeblich allgemeingültigen der ‚alten‘ Regelpoetik – sie gründen nicht in irgendeiner Zeitlosigkeit, sondern ganz im Gegenteil in einem historischen Wandel, verändern sich also im Laufe der Geschichte.

Ethisch-politische Aspekte anstelle von ästhetischen

Nur so erklärt es sich beispielsweise, dass Ernst Jandls Sprechgedichte in den 1950er Jahren von der Literaturkritik als „kulturelle Provokation sondergleichen“ empfunden und Jandl selber als „Verderber der Jugend“ geschmäht wurde, so dass man ihn in den Folgejahren von Publikationsmöglichkeiten in Österreich ausschloss – während der gleiche Autor zwanzig Jahre später zu den wichtigsten und anerkanntesten Autoren im deutschen Sprachraum gehörte, den man mit öffentlichen Ehrungen und Preisen, vom Großen Österreichischen Staatspreis bis hin zum Büchner-Preis geradezu überhäufte. So sehr können sich literarische Wertmaßstäbe im Laufe der Zeit eben ändern. Ihnen liegen wechselnde axiologische Werte zugrunde, d.h. Maßstäbe, die Texte als ,wertvoll‘ erscheinen lassen, sie als Wert erkennbar machen. Ein solch axiologischer Wert kann sich auf rein ästhetische, aber auch auf ethisch-politische Aspekte eines Werks beziehen. So hatte zum Beispiel der Boykott Bertolt Brechts und seiner Theaterstücke zwischen 1953 und 1962 in Westdeutschland und noch drastischer hier in Österreich nichts mit dessen literarischem Talent, aber sehr viel mit seinem Eintreten für den Kommunismus und vor allem mit seiner Sympathie für das DDR-Regime zu tun, seit er ab 1948 in Ost-Berlin lebte. Es waren also nicht ästhetische, sondern vielmehr ethisch-politische Wertmaßstäbe, an denen man im Zeichen des Kalten Krieges Brechts Werk maß. Dies, liebe Hörerinnen und Hörer, nur als ein Beispiel, das zeigen soll, dass häufig Wertmaßstäbe an ein literarisches Werk angelegt werden, die sich auf rein ethisch-politische Aspekte und keineswegs auf ästhetische beziehen. Eine Christa Wolf, ein Günter Grass, die beide inzwischen tot sind, hätten ein Lied davon singen können.

Das Kriterium des Selbstverständnisses

Band 200x5
„Es muss einen wesentlichen Grund dafür geben, auch literarische Texte vergangener Jahrhunderte heute noch zu lesen. Ich nenne Ihnen diesen Grund: Lesen wir ein literarisches Werk, einen Roman, ein Gedicht, eine Novelle, dann kann es uns geschehen, dass nach einiger Zeit der Nebel der Fremdheit zu weichen beginnt und wir plötzlich erkennen: Dieses Werk spricht ja von uns! Nicht von unserem privaten Subjekt, sondern von uns, sofern es um existentielle Grunderfahrungen, wie etwa Angst, Sorge, Schuld, Rätselhaftigkeit des Lebens, geht, von denen auch das Werk handelt.“

Aus der Tatsache, verehrte Anwesende, dass literarische Wertungskriterien wandelbar sind, ergibt sich für uns die Forderung, sie bei der Beurteilung literarischer Texte zurückhaltend anzuwenden. Dies umso mehr, als uns bewusst sein muss, dass die Literatur, gerade in der Moderne, von den unterschiedlichsten Erscheinungsformen lebt.
All diesen Vorbehalten zum Trotz habe ich den Versuch gewagt und im letzten Kapitel meines Buches: „Die Struktur der modernen Literatur“ – Neue Formen und Techniken des Schreibens“ zehn Kriterien genannt, die meines Erachtens die Qualität eines literarischen Textes ausmachen. Auf sie kann ich im Rahmen dieses Vortrages nicht näher eingehen.
Auf ein Kriterium möchte ich hier aber doch kurz eingehen. Ich nenne es das Kriterium des Selbstverständnisses und halte es für das wichtigste Kriterium von Literatur überhaupt. Haben Sie sich, liebe Anwesende, schon einmal gefragt, warum Sie etwa Goethes „Faust“, ein Gedicht von Andreas Gryphius oder eine Novelle von Theodor Storm noch lesen, heute, wo es doch mehr als genug zeitgenössische Literatur zu lesen gibt? Die Antwort, es handle sich um ästhetisch besonders wertvolle Literatur, die zudem kanonisiert sei, vermag uns kaum ganz zu befriedigen. Wertvolle Literatur gibt es nämlich auch heute. Es muss wohl noch einen andern, wesentlicheren Grund dafür geben, auch literarische Texte vergangener Jahrhunderte heute noch zu lesen. Ich nenne Ihnen diesen Grund: Lesen wir ein literarisches Werk, einen Roman, ein Gedicht, eine Novelle, dann kann es uns geschehen, dass nach einiger Zeit der Nebel der Fremdheit zu weichen beginnt und wir plötzlich erkennen: Dieses Werk spricht ja von uns! Nicht von unserem privaten Subjekt, sondern von uns, sofern es um existentielle Grunderfahrungen, wie etwa Angst, Sorge, Schuld, Rätselhaftigkeit des Lebens, geht, von denen auch das Werk handelt. Wenn uns beispielsweise Franz Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ heute nach 100 Jahren, noch packt, so deshalb, weil sie in gültiger Form zeigt, wie der Mensch immer von Neuem versucht, seiner Existenz einen Sinn abzugewinnen, auch wenn er weiß, dass dieser Versuch in einer sinnentleerten Welt zum Scheitern verurteilt ist. Und wenn ein Max Frisch in seinem Stück „Andorra“ zeigt, wie die Andorraner durch ihre kollektiven Vorurteile einen Menschen vernichten, dann scheinen diese Andorraner etwas beispielhaft zu verkörpern, was uns alle angeht.

Hic tua res agitur…

Band 400x20
Der Buchmarkt 2014 in Deutschland
Die Buchbranche schloss das vergangene Jahr mit einem leichten Minus ab: Die Einnahmen sind um 2,2 Prozent gefallen – von 9,54 auf 9,32 Milliarden Euro. Der stationäre Buchhandel konnte trotz Umsatzschmälerung im Vergleich zum Vorjahr Marktanteile zurückerobern und sichert sich mit 4,58 Milliarden Euro 49,2 Prozent aller Branchenumsätze (2013: 48,6 Prozent, 2005: 54,8 Prozent).Der Internetbuchhandel verliert hingegen deutlich Umsatzanteile. Er erwirtschaftete letztes Jahr 1,51 Milliarden Euro (minus 3,1 Prozent im Vergleich zu 2013), was einen Anteil am Gesamtumsatz von 16,2 Prozent ausmacht.
Und so setzt sich der Gesamtumsatz komplett zusammen: Sortimentsbuchhandel 4.583 Mio. Euro (49,2 %), Verlage direkt 1.904 Mio. Euro (20,4 %), Internetbuchhandel 1.511 Mio. Euro (16,2 %), sonstige Verkaufsstellen 922 Mio. Euro (9,9 %), Versandbuchhandel 161 Mio. Euro (1,7 %), Buchgemeinschaften 122 Mio. Euro (1,3 %), Warenhäuser 117 Mio. Euro (1,3 %).
Auch die Verlage, die in den letzten Jahren eine positive Umsatzentwicklung erzielen konnten, verbuchen 2014 ein leichtes Minus von 0,4 Prozent. Und so stellen sich die Ergebnisse der Geschäftsfelder dar: Online-Dienste plus 0,8 Prozent, Zeitschriftengeschäft plus 1,2 Prozent, Nebenrechte minus 8,1 Prozent, klassisches Buchgeschäft minus 0,7 Prozent.

Preisentwicklung
Bücher waren in den vergangenen Jahren teilweise von der allgemeinen Aufwärtsbewegung der Verbraucherpreise abgekoppelt. Das Jahr 2012, in dem die Buchpreise (plus 1,9 Prozent) mit den Verbraucherpreisen (plus 2,0 Prozent) nahezu gleich ziehen konnten, brachte die Wende. 2014 kletterten die Preise für Bücher um 1,8 Prozent nach oben (Vergleich: Verbraucherpreise plus 0,9 Prozent).
Der Durchschnittsladenpreis der Neuerscheinungen (alle Sachgruppen zusammen betrachtet) betrug letztes Jahr 26,20 Euro.

Das E-Book in Deutschland: Umsatz und Absatz
Der E-Book-Umsatzanteil am Publikumsmarkt (privater Bedarf, ohne Schul- und Fachbücher) in Deutschland betrug letztes Jahr 4,3 Prozent (2013: 3,9 Prozent), dabei handelt es sich um einen Anstieg um 7,6 Prozent. Vergleich: Von 2012 auf 2013 konnten die E-Book-Umsätze noch um 60,5 Prozent zulegen.
Der Absatz von E-Books ist im letzten Jahr um 15 Prozent gestiegen: Am Privatkundenmarkt wurden 24,8 Millionen E-Books abgesetzt (2013: 21,5 Millionen). Beim E-Book gilt, analog zum Printbuch, die Buchpreisbindung. Der feste Ladenpreis für digitale Bücher, der die Vielfalt im Buchhandel erhalten und vor einem ruinösen Wettbewerb im Internet schützen soll, wird jetzt nach dem Willen der Bundesregierung noch einmal explizit im Buchpreisbindungsgesetz verankert.

Buchproduktion
Die Gesamtzahl der in Deutschland erschienen Bücher ist 2014 deutlich gesunken. Fasst man Erst- und Neuauflagen zusammen, dann sind 87.134 Titel auf den Markt gekommen – der niedrigste Wert seit zehn Jahren. 2013 waren es noch 93.600 Titel. Allerdings: E-Books und Print-on-Demand-Titel sind nur zu kleinen Teilen erfasst. Der Wachstumsmarkt Selfpublishing bleibt bei dieser Betrachtung also weitgehend außen vor.

Titelproduktion nach Sachgruppen
Die meisten Novitäten (= Erstauflagen) gehen 2014 wieder auf das Konto der Belletristik, die 19,1 Prozent zur Gesamtproduktion beigesteuert hat, das sind alles in allem 14.111 Titel (2013: 15.610 Titel).
Auf Platz 2 folgt traditionell die Deutsche Literatur, die gesondert ausgewiesen wird (auch wenn es Überschneidungen geben dürfte) und, anders als die rein belletristische Kategorie, unter anderem auch literaturwissenschaftliche Titel bündelt. Sie stellt mit 10.487 Titeln einen Anteil von 14,2 Prozent.
Die dritte Position gehört, analog zu den Vorjahren, dem Kinder- und Jugendbuch, das jetzt 8.142 Erstauflagen zur Jahresproduktion beisteuert. Das ist ein Anteil von 11,0 Prozent. Das Schulbuch liegt mit einem Anteil von 6,0 Prozent auf dem vierten Platz, das sind alles in allem 4.399 Titel.

(Quelle: „Buch und Buchhandel in Zahlen 2015“, Hrsg.: Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., Frankfurt am Main, Juli 2015)

„Was hat das alles mit literarischer Wertung zu tun?“, werden Sie mich fragen. Sehr viel, meine Damen und Herren. Zum Wesen guter Literatur gehört es nämlich, dass der Leser spürt, dass es in einer Erzählung, einem Roman, einem Theaterstück nicht um irgendetwas, sondern letztlich um ihn selber geht. Die Dichter des barocken Jesuitentheaters haben dafür die lateinische Formel „Hic tua res agitur“ verwendet, wörtlich übersetzt „Hier wird deine Sache verhandelt“. Es steht mit der Dichtung wie mit den Gleichnissen Jesu im Neuen Testament, wo wir bei der Lektüre auch spüren, dass, wenn vom verlorenen Sohn, vom Pharisäer und vom Zöllner, von den törichten Jungfrauen die Rede ist, eigentlich wir gemeint sind. ‚Schlechte‘ Dichtung, verehrte Anwesende, bleibt in der Dumpfheit des Privaten stecken, berührt mich daher als Leser auch nicht, wirkt nach der Lektüre – und das ist entscheidend – auch nicht weiter, ,gute‘ hingegen übersteigt das Private ins Allgemeinmenschliche, lässt existentielle Grunderfahrungen sichtbar werden, die jeden von uns angehen.

Immer mehr produzierte Bücher für immer weniger Menschen

Soweit, meine Damen und Herren, ein paar Worte zur Wertung von Literatur. Kehren wir damit zum eigentlichen Thema unseres Vortrags, zum Literaturbetrieb, zurück.
Die deutsche Literatur steckt zurzeit in einer geradezu paradoxen Situation: Obwohl seit Jahren immer weniger Menschen Bücher kaufen, werden immer mehr Bücher produziert. Während Buchhandlungen schließen, Verlage vor dem Aus stehen und Autoren über immer geringere Auflagen und schwindendes Interesse klagen, wird aufgelegt, was auch immer zwischen zwei Buchdeckel geht. Allein in Deutschland erscheinen jedes Jahr rund 80‘000 neue Bücher. Über den Versandhandel sind zudem über 500‘000 unterschiedliche Bücher erhältlich und in Großbuchhandlungen warten jeweils über 100‘000 Bücher auf ihre Käufer. Es gibt keine andere Branche, die sich mit derart vielen unterschiedlichen Produkten an ihre Kunden richtet. So erstaunt es nicht, dass hunderttausende von Büchern wenige Wochen nach ihrem Erscheinen schon wieder vom Markt verschwunden sind, denn Bücher haben nur eine kurze Zeit, sich am Markt zu behaupten. Hardcover, die sich in den ersten zwei Monaten nach ihrem Erscheinen nicht durchsetzen, werden sofort wieder aus dem Programm entfernt. Es gibt Bücher renommierter Autoren wie Walter Kempowski, dessen „Letzte Grüße“ zwei Monate nach Erscheinen schon wieder aus den Buchhandlungen verschwanden, weil sie nicht ausreichend verkauft wurden. Erfolg oder Misserfolg eines Buches lässt sich aber meist nicht vorhersehen. Daher ist es verständlich, dass die Verlage große finanzielle Risiken scheuen, wenn sie neue Bücher auf dem Markt etablieren wollen.

Bücherflut als literarisches Problem

Und noch etwas, verehrte Anwesende. Die heutige Überproduktion von Büchern stellt nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein literarisches Problem dar. Denn die Bücherflut bringt ja nicht immer mehr Meisterwerke hervor; sie fördert vielmehr das Mittelmaß. Dessen ungeachtet schreiben unzählige Romanautoren wie am Fließband. Ich kenne einen Autor, der mir vor einigen Tagen von seinem neuen Romanprojekt, an dem er arbeite, berichtet hat – und dies, obwohl sein eben fertiggestellter Roman erst im Druck ist. Solche Vielschreibereien haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass die Erstauflagen der Bücher immer kleiner wurden und dass es nur noch zu wenigen Neuauflagen kommt, weil sich diese für die Verlage häufig nicht rechnen. Wer heute mehr als 5‘000 Exemplare seines Buches verkauft, gilt schon als sehr erfolgreich; die meisten Autoren müssen sich mit weniger als 3‘000 verkauften Büchern zufrieden geben.

Konzentration auf wenige Titel, Autoren, Verlage

Der literarische Markt konzentriert sich heute immer stärker auf einige wenige Titel, Autoren und Verlage, während die überwiegende Mehrheit der Bücher, unabhängig von ihrer literarischen Qualität, mehr oder weniger in der Versenkung verschwinden. Der Tübinger Autor Joachim Zelter drückte das in einem Interview in der „Südwest Presse“ kürzlich so aus: „Man kann mit einem unsäglichen Roman den Durchbruch schaffen oder eine Perle nach der andern schreiben und damit gar nichts erreichen.“ Meine Damen und Herren, wie recht er hat! Der Literaturbetrieb ist in den letzten Jahren immer irrationaler geworden. Ob ein Roman, ein Gedichtband Erfolg hat, niemand weiß das zum Voraus. Nicht einmal Lektoren, die sich professionell mit Literatur befassen, erkennen immer, wann sie ein Manuskript für einen Bucherfolg auf dem Tisch haben. Die Geschichte von Joanne K. Rowling, die mit dem ersten „Harry Potter“-Manuskript bei mehreren Verlagen abblitzte und der man schließlich riet, doch einen „normalen“ Job zu suchen, ist nur eines von unzähligen Beispielen.

Band 200x5
„Die heutigen Autorinnen und Autoren lassen sich die Themen für ihre Werke immer häufiger von den aktuellen journalistischen Trends vorgeben. So stellen wir heute eine signifikante Häufung von Themen wie Partnerstress, Migration und vor allem Familie und Kindheit fest. Familienromane und Kindheitsgeschichten, die letzteren häufig als Fallstudien am Rande des Erwachsenwerdens, befinden sich seit etwa 2000 denn auch im deutlichen Aufwind. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das bevorzugte literarische Thema der kommenden Jahrgänge der Klimawandel sein wird. Dass diese zunehmende Standardisierung der Themen zu einer gewissen Uniformierung der zeitgenössischen Literatur geführt hat, lässt sich kaum mehr übersehen.“

Was sich dennoch einigermaßen sagen lässt, ist das Folgende: Die heutigen Autorinnen und Autoren lassen sich die Themen für ihre Werke immer häufiger von den aktuellen journalistischen Trends vorgeben. So stellen wir heute eine signifikante Häufung von Themen wie Partnerstress, Migration und vor allem Familie und Kindheit fest. Familienromane und Kindheitsgeschichten, die letzteren häufig als Fallstudien am Rande des Erwachsenwerdens, befinden sich seit etwa 2000 denn auch im deutlichen Aufwind. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das bevorzugte literarische Thema der kommenden Jahrgänge der Klimawandel sein wird. Dass diese zunehmende Standardisierung der Themen zu einer gewissen Uniformierung der zeitgenössischen Literatur geführt hat, lässt sich kaum mehr übersehen. Besonders gut zu beobachten ist dies in Texten von Absolventen der Schreibschulen oder von Workshops, die ihre Themen meist so wählen, dass sie möglichst medienkonform sind.

Der gegängelte Autor

Aber nicht nur diese Institutionen treiben die Uniformierung der Literatur voran, die Verlage selber tun es auch. Denn immer häufiger sagen sie dem Autor, was er schreiben soll, wie lange ein Text sein darf, für welche Zielgruppe er zurechtgeschustert werden muss und wann der Abgabetermin ist. Der Titel, das Cover und der Klappentext werden häufig festgelegt, bevor das neue Buch auch nur einen Satz lang ist, also zu einem Zeitpunkt, zu dem es nur aus einer Idee besteht, die der Autor in einem kurzen Exposé formuliert hat. Diese verlegerischen Vorgaben, die den Autor – nennen wir es ruhig beim Namen – zum Schreibsklaven machen, bleiben nicht ohne Folgen: Die Literatur gerät zunehmend in Gefahr, immer öder und austauschbarer zu werden.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich möchte meinen Vortrag nicht in Pessimismus ausklingen lassen, sondern zum Schluss doch erwähnen, dass es bei aller Kommerzialisierung der Buchbranche hier in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz noch immer Menschen gibt, für die das Buch keine Ware ist und der Umgang mit ihm kein bloßes Geschäft, sondern nach wie vor eine Obsession, der man nachgeht – buchstäblich um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste. Und wo solche Menschen sind, bekommt auch die Literatur, bekommt auch das Wort wieder eine Chance. ■

1) Der Text geht auf ein Referat zurück, das der Verfasser am 25. September 2015 in der Steirischen Landesbibliothek Graz anlässlich der Jahresversammlung der IGdA (Interessengemeinschaft deutscher Autoren) hielt. Wir danken Autor Mario Andreotti für die exklusive Publikationsberechtigung im „Glarean Magazin“.


Mario AndreottiProf. Dr. Mario Andreotti

Geb. 1947, Studium der Germanistik und Geschichte in Zürich, 1975 Promotion über Jeremias Gotthelf, Prof. Dr. phil., 1977 Diplom des höheren Lehramtes, danach Lehrtätigkeit am Gymnasium und als Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen und an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, langjähriger Referent in der Fortbildung für die Mittelschul-Lehrkräfte und Leiter von Schriftstellerseminarien, seit 1996 Dozent für Literatur und Literaturtheorie an der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Linguistik; Verfasser mehrerer Publikationen und zahlreicher Beiträge zur modernen Dichtung, darunter das Standardwerk: Die Struktur der modernen Literatur; Mario Andreotti lebt in Eggersriet/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Mario Andreotti:

… sowie zum Thema Schweizer Verlage über die Biographie von Elisabeth Raabe: Eine Arche ist eine Arche…

Ausserdem zum Thema Literatur und Geschichte Neue Rundschau (Heft 2018/3) – Jenseits der Erzählung

Matthias Berger: Kommunion (Vier Gedichte)

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Kommunion

schiebt,
schiebt sich mir zu.

zieht,
zieht,
entzieht sich mir.

schillerndes schieben,
gurgelndes ziehen.

etwas
bedarf meiner nicht,
ferner als ich:
sinai.

dornbusch,
zypresse
und gischt.

riecht doch
nach mir.

Erste Ode an den Klinikpetrus

Du
wagst ja
keinen Schritt vor die Tür.

Fürchtest
jedes Wellenspiel des Lebens.

Aber dein Herz
ist rein
wie bester kubanischer Tabak!

Nur du,
– nur du –
liebtest
die Multi-
morbide.
Wie hiess sie doch?
Die mit den asiatischen Augen…

Mit deinen Tränen um sie
salbt ER
seine müden Füsse,

und
auf Menschen wie dir
baut ER seine Kirche.

Dein unablässiger Rauch
ist IHM würdig und recht.

kommunion
(für Paul Celan)

einmal
da traf ich ihn

da mahlte er
das korn des zweifels
das ich
aus den ähren
der gewissheit
geklaubt hatte

dann buk er
das wundbrot
brach es
und gab mir

einmal
da traf ich ihn

da presste er
die trauben der bitternis
die ich
vom weinstock
der gemeinschaft
geschnitten hatte

dann kelterte er
den schmerzwein
nahm den kelch
und gab mir

(Inspiriert von „Einmal“, Paul Celan, Atemwende 1967)

Zweite Ode an den Klinikpetrus

Ich fürchte den Tod
– sagst du.

Aber
es war doch das Leben,
das dich gegürtet
und dich geführt,
wohin du nicht wolltest!

Den Tod sollst du
nicht fürchten.
Für dich
ist er
ein grobschlächtiger Engel.
Er umfängt dich
mit seinen Flügeln
aus geschlissenem Loden.

Sein Heiligenschein:
Das Glimmen
der stinkenden Zigarre
im zahnlosen Mund.

Furchtlos
wirst du ihm folgen
ins rauchverhangene
Paradies.


Matthias Berger - Lyrik-Autor im Glarean MagazinMatthias Berger

Geb. 1961, aufgewachsen bei Bern, Studium der evang.-ref. Theologie in Bern und Nairobi, acht Jahre Gemeinde-Pfarramt, 4 Jahre Psychiatrieseelsorge, seit 2002 Gefängnis- und Spitalseelsorger im Kanton Zürich, schreibt Lyrik, Theaterstücke und Kunstwissenschaftliches, lebt in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Lyrik auch von
Tanja Dückers: Lacrimosa (Drei Gedichte)

Interview mit dem Schriftsteller Dominik Riedo

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Kairos – der richtige Zeitpunkt

oder

Kinski, Riedo, Schostakowitsch und … Kaffee

von Dr. Karin Afshar

Ein Interview ist ein Gespräch, bei dem der eine Gesprächsteilnehmer den anderen zu einem zuvor festgelegten Thema befragt. Ziel eines Interviews ist die Erlangung von Information, entweder persönlicher oder sachlicher Art. Der Leser, der das Interview lesen wird, weiß bestenfalls hinterher mehr über den Befragten als er vorher wusste.

Dominik Riedo (* 28. Februar 1974 in Luzern/CH)
Dominik Riedo (* 28. Februar 1974 in Luzern/CH)

Ein Interview gelingt dann besonders gut, wenn sich der Befragende hinreichend über seinen Partner vorinformiert, sich ausdrucksstarke Fragen überlegt und sie in einen mehr oder weniger geordneten Zusammenhang bringt.
Der Befragte seinerseits muss während des Interviews eigentlich nichts weiter tun, als auf die Fragen so zu antworten, dass sowohl er als auch der Befragende mit den Antworten jeweils ihre Botschaft auf den Weg bringen.

Es gibt etliche Fälle misslungener Interviews. Die meisten bekommen Leser oder Zuschauer oder Hörer nie zu sehen, aber hin und wieder macht eines in den Medien die Runde.
Ein echtes Skandal-Interview war eines mit Klaus Kinski, geführt mit einer jungen Reporterin, in einem Park (vielleicht Hamburg), im Beisein seiner Frau und einigen Fernsehleuten. Es ging um Kinskis damals gerade herausgekommenes Stück „Jesus Christus“.
Nun war Kinski als „unmöglich“, als enfant terrible bekannt, und was Interviews anging als störrisch verschrien. Ein Interview mit ihm also eine heikle Sache, die guter Vorbereitung bedurfte. Die junge Reporterin tappte gleich zu Beginn in ein erstes Fettnäpfchen, indem sie ihre Frage um das bedeutungsschwere Wort „ausgefallen“ erweiterte. Das zweite Näpfchen stellte sich ihr in den Weg, als sie Kinski als „negativen Helden“ bezeichnete, der sich nunmehr (überraschenderweise, ausgerechnet) des Neuen Testaments angenommen hätte… Kinski eskalierte sofort und ließ sich auch nicht mehr beruhigen. Der Rest des Interviews ist Geschichte.

Karin Afshar (* 1958 in der Eifel/D)
Karin Afshar (* 1958 in der Eifel/D)

Mein Gesprächspartner ist nicht Klaus Kinski (der ist auch inzwischen etliche Jahre tot), sondern ein lebender, kürzlich Geburtstag feiernder Schweizer Schriftsteller: Dominik Riedo. Als Nicht-Schweizerin und als Nur-noch-Sporadisch-Lesende kenne ich Herrn Riedo nicht. Eine Lücke, die ich schließe, indem ich im Netz recherchiere. Dominik Riedo studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Zürich, Berlin und Luzern, von 2004 bis 2006 war er Lehrbeauftragter an der Universität Zürich, seit 1993 ist er Schriftsteller, Mitherausgeber von „Aufklärung und Kritik“ (Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie), war 2010-2012 der Präsident des Deutschschweizer PEN-Zentrums und von 2007-2009 der Kulturminister der Schweiz. Er publiziert Bücher in verschiedenen Verlagen, betreibt eine Webseite und schreibt einen Blog, in dem er Aphorismen und Auszüge aus seinen Arbeiten einstellt. Ich lasse mir drei seiner neuesten Bücher (2014 erschienen) kommen.

Geplant ist ein E-Mail-Interview; diese Form von Interviews gewinnt immer mehr an Beliebtheit, folgt aber eben eigenen journalistischen Regeln, die man auch kennen sollte. Der größte Unterschied zu normalen Interviews ist der, dass die beiden Gesprächspartner nicht die Möglichkeit haben, eine gestellte Frage zu erweitern oder zu erörtern, sondern die Befragung und Beantwortung statischer sind und demzufolge strukturiert vorbereitet sein wollen. Zehn Fragen, so steht in den Leitlinien, die ich alsbald finde, sollten es in der Regel sein.

Ich schreibe Herrn Riedo eine erste Mail, um mich vorzustellen und um anzukündigen, dass demnächst meine Fragen kommen. Ich muss mich erst „warm laufen“.

Frage: Was lesen Sie zurzeit? (Und ist es eher ein dickes oder dünnes Buch?)

Riedo: Proust und Lovecraft und Barnes.

Anlass zur Frage ist ein Zitat: „Literatur ist auf der einen Seite wie ein dickes Buch, auf der anderen wie ein dünnes. Im dicken, das im unmöglichen Idealfall ein Weltwälzer wäre, kann man sein ganzes Leben fortlesen, ohne aus dem Traum in die Realität niedersteigen zu müssen. Beim dünnen, das bis zu einem Wort, zu einem Zeichen nurmehr, zusammenschmelzen soll, wird durch das Gelesene eine plötzliche Einsicht in die Wirklichkeit bewirkt.“
Riedo: Man kann nicht sämtliche Literatur in einem Menschenleben lesen. Darum ist es vor allem wichtig, von elementaren Werken zumindest den Nukleus – also das, was ein bestimmtes Werk im Innersten zusammenhält, was es ausmacht und determiniert – zu verstehen; man sollte (selbst als unkreatives Wesen) zumindest begreifen, warum ein Autor ein solches Buch überhaupt schreiben wollte und konnte.

In einer späteren Mail, nachgefragt, wie es Proust jetzt „ginge“:
Riedo: Proust steckt fest. Der dritte Band ist zu zäh. Mal sehen, ob ich ihn durchgehe oder überwinde. Im Moment einiges andere auf dem Nachttisch.

Dominik Riedo - Uns trägt das Angesungene - Edition Taberna Kritika - Glarean Magazin
Dominik Riedo: „Uns trägt das Angesungene“ – edition taberna kritika

Ich lese derweil in „Uns trägt das Angesungene“. Es ist ein rosa-/magentafarbenes A6-formatiges Taschenbuch mit Textschnipseln, mit Angedachtem, farbig im Text belassenen Korrekturanmerkungen und geschwärztem Text. Sieht interessant aus. Der Klappentext hebt an mit der Frage, ob Skizze auch Werk sein kann, so unfertig wie sie ist. Das Buch werde zur doppelten Allegorie, in dem es die (Un)Fertigkeit einer offengebliebenen Korrektur schamlos ausstelle. Ich stolpere über das erste von zwei Attributen, die man Riedos Arbeit zuweist.

Frage: Was meinen die Rezensenten und auch der Verlag mit der „schamlosen Ausstellung“ des (Un)fertigen? Sollten „wir“ – die Leser – uns für etwas schämen – und vor welchem Hintergrund sollen wir uns schämen? Lassen Sie alle Scham fallen, weil Sie nicht schreiben, wie es sich „gehört“?

Riedo: Wieso, wie „gehörte“ es sich? Oder halt dies: Ich soll mich doch wirklich nicht schämen, das Unfertige zu zeigen: Denn wann ist etwas schon nicht „unfertig‘? Das mit den Leserinnen und Lesern ist eine verzwickte Sache: Eigentlich wäre nicht (fast) alles, was man als Wort-Mensch so schreibt, für deren Augen. Aber irgendwie muss man halt leben.

Ein zweites Attribut ist „verstörend“… Bin erstaunt, bin kaum verwirrt, wegen der Korrekturen nicht (kannte ich schon aus anderen Büchern), aufgrund der Inhalte nicht, muss schmunzeln (viele Ideen! Wenn er das alles zu Erzählungen machte!), bin wiedermal bestätigt: die Welt ist verrückt, so wie sie ist. Und nicht dazu angetan, wirklich heimisch in ihr zu sein.

Frage: Ist das mehr oder weniger auch das, was Sie trägt? – Was Sie hier „ansingen“? – Eine Welt in Auflösung?

Riedo: Die Welt ist ver-rückt: Wenn es nur in den Büchern wäre, fände ich das äußerst anstrebenswert. Aber die Realität … Es ist nicht zu sagen, was heute alles „geht“. Eine Lösung wird kommen: Hoffen wir, es ist nicht eine endgültige. Auf dass man immer wieder dagegen ansingen darf. Und doch alle etwas Ungesungenes im Kopfherz tragen können.

Das mit dem Ansingen kenne ich. Dass es in Riedos Angesungenem viele Tote, Morde, Rachegedanken gibt… eben, so ist die Welt. Ver-Rückt. In meinem Alltag fallen mir just in dieser Zeit die kurzen, zusammengedampften Symphonien von Darius Milhaud zu. Der schrieb dergleichen Anfang des 20. Jahrhunderts, verkürzte mal eben eine (klassische Form) 90-minütige Symphonie in vier Sätzen auf acht Minuten. Ankündigung unserer heutigen Zeit-Not? Ein Kürzest-Werk, aber eben auch ein Werk.

Frage: „… Wie in einer musikalischen Struktur …“ – haben Sie ein bestimmtes Stück vor Ohren gehabt?

Riedo: Einige; aber vor allem meins: do re mi do ni ki … Aber es sei gegengefragt: Wenn ein fremder Text in mir plötzlich Saiten zum Klingen bringt: Sind das von Geburt her eingezogene oder doch eher literarisch vorgebildete? Die Frage besteht: Gibt es Liebe zu einem Text ohne Vorkenntnisse (mal abgesehen davon, dass man das Alphabet erlernt hat und gewisses Weltwissen) und/oder „Drauf-hinauf-gehoben-Werden“?

Frage: Welche Musik hören Sie und was ist mit der Harmonielehre oder Tonkunst?

Riedo: Wie der Patient sagen würde: Ich bin ein Liebhaber der Tonkunst: Viele tanzen nach meiner Pfeife.

Kein Nachhaken meinerseits, aber zur Gegenfrage fällt mir vieles ein. Das Thema „Musik“, über das ich gerne weiter gefragt hätte, bei dem ich dann auf Hindemith und von ihm weiter auf „das Werk“ bzw. den Werksbegriff gekommen wäre, bleibt unvollendet. Ich suche noch ein wenig in der „Unterweisung im Tonsatz“ – im Vorwort schreibt Hindemith Lehrreiches zum Werksbegriff bzw. über den Umgang der Jüngeren mit der Anwendung des ihnen zur Verfügung stehenden Musikwerkzeugs… Es hätte zu Riedos Interview mit Philippe Bischof gepasst:

Facebook - Zwirbler-Roman - Glarean Magazin
Die Facebook-Community als Schriftsteller-Kollektiv: der Zwirbler-Roman

Anlässlich einer Tagung des Kulturministerium.ch hatte Riedo als Kulturminister der Schweiz mit Philippe Bischof, dem Leiter des Luzerner Kulturhauses Südpol ein Gespräch geführt. Riedo hatte gefragt, ob die Schriftsteller eventuell zu elitär geworden seien und ob Theater immer mit Schriftstellern zu tun haben bzw. immer von Schriftstellern geschrieben sein müsse.
Bischof bestätigte, dass dies im Moment (immerhin schon 5 Jahre her), tatsächlich immer weniger der Fall sei. Es gebe eine starke Tendenz dahin, dass der Autor nicht mehr der Schriftsteller allein sei, sondern die Schauspieler, der Regisseur, der Dramaturg zusammen etwas wie einen Kollektivautor bildeten, der auch die Leute draußen, das Publikum und seine Befindlichkeit und persönlichen Bedürfnisse einbeziehe und als dokumentarisches Theater diese authentisch aufnehme.

Von der Bühne und den Dramatikern, von der Musik hätte ich zu den Schriftstellern und den Büchern übergeleitet… Dank (preisgünstiger) E-Book-Publikationsmöglichkeit gibt es immer mehr Autoren und auch immer mehr zielgruppenorientiertes Schreiben. Da wird der Leser miteinbezogen, der Autor schreibt, was sein Leser sich von der Geschichte wünscht, ja, sogar mehrere Autoren schreiben kollektiv an einer Geschichte (z.B. der Zwirbler-Roman, der erste Facebook-Roman).

Frage: Sind diese eigentlich noch Schriftsteller zu nennen? Was ist ein Schriftsteller heute noch?

Riedo: Man könnte es über die Gewerkschaft definieren: Beim AdS („Autorinnen und Autoren der Schweiz“) wird nur aufgenommen, wer bestimmte Minimalkriterien erfüllt. Andererseits ist „Schriftsteller“ keine geschützte Bezeichnung, war es noch nie. Und das ist vielleicht auch gut so. Stichwort: „Offen für alles Kommende“ … Der Untergang kommt früh genug …

Frage: Ist Schreiben ein Ausdruck seiner selbst, oder ist Schreiben als Erfüllung der Bedürfnisse anderer, besonders der Leser zu denken?

Riedo: Das geht durchaus Hand in Hand.

Dominik Riedo - Die Schere im Kopf - Offizin Verlag - Glarean Magazin
Dominik Riedo: „Die Schere im Kopf“ – Offizin Verlag

„Die Schere im Kopf“. Das Buch lässt mich nicht an sich heran, verärgert mich im Anlesen – und lässt mich „im Fenster der Nacht des Hierseins“ – zurück, mit diesem „Herunterzählen“ an Wörtern und Satzfetzen, bis hin zum letzten unverständlichen Wort. Ich bin alles andere als sicher, ob ich überhaupt verstehe, worum es geht. An manchen Stellen kann ich sogar vor Wut nicht weiterlesen.

Riedo: Auch ich war oft wütend angesichts des Textes. Aber er musste geschrieben werden. Und wäre es nur meinetwegen.

Frage: Provokation? Fishing for Widerspruch?

Riedo: Ne, nicht mehr … Das habe ich mit dem Kulturministerium hinter mir gelassen.

Fünf mal 24 Stunden hat der Erzähler in diesem Buch noch zu leben. Er liegt mit Krebs im Endstadium in einem Spitalbett und weiß, dass die Schmerzen trotz verabreichter Medikamente nicht mehr enden werden. Dennoch fürchtet er sich weniger vor dem elenden Ende, verspürt kaum Angst vor dem nahenden Tod, den er in seinem Überdruss willkommen heißt.
In aufeinanderfolgenden Bewusstseinsschüben beschreibt er nun sein abgelebtes Leben, zerreißt es rückblickend. Der Leser erfährt, dass der Erzähler früher einmal geglaubt hatte, das große Werk schreiben zu können, dass er zwar zwei Instrumente spielte, aber nicht ganz so musikalisch wie Mozart war. Er war Lehrer, einmal sogar Dozent an der Uni, arbeitete im Gefängnis (wo er feststellte, dass auch Verbrecher sich selbst beschwindeln) und hatte weitere Gelegenheitsjobs. Der Leser erfährt von den Frauen. 129 sollen es gewesen sein. Bei der Abrechnung überlegt der Sterbende, ob es ihm ein Trost wäre, wenn alle Menschen gleichzeitig mit ihm stürben. Fragmentarisch denkt er auch – an die Schweiz, an ihre unveränderbare Bürgerlichkeit und fasst zusammen, dass ihn auch das Reisen anwiderte, nachdem er alles bereist hatte.
Wie gesagt: das Buch widersetzt sich mir. Vielleicht wegen des Fragmentarischen, des „gestreamt“ Vexierhaften – Vexierhaftes irritiert mich. Schostakovitsch und seine 15. Symphonie fallen mir ein. Sie beginnt mit dem Zitat aus Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre. Das leichte, lockere Leben endet alsbald in Fragmenten und setzt sich mit dem Sterben auseinander. Es ist die letzte Symphonie des Russen, er ist schwerkrank und er komponiert unter stalinistischen Bedingungen, wandert dabei auf einem schmalen Grat zwischen ideologischer Vereinnahmung und künstlerischer Selbstverwirklichung, zwischen Leben und Tod.  Ja, Schostakowitschs Musik evoziert Ähnliches wie die „Schere“.

Die Schere im Kopf lege ich zur Seite. Sie schneidet meine Energie und meinen Elan ab. Auch die Antworten, die ich auf meine erste Mail bekomme, lege ich zur Seite.  Jetzt spüre ich den Hauch des Proust-Effekts. Aufschieben, sage ich mir. Aufschieben, dann wird der rechte Augenblick kommen. Habe auch zur Zeit mit der Veröffentlichung der Aphorismen eines anderen jungen Mannes zu tun, fast gleicher Jahrgang, sogar ähnliche Gedanken.

Dominik Riedo: „Mein Herz heisst ‚Dennoch'“ – Pro Libro Verlag

Kurz vor Weihnachten schickt mir der Verlag pro libro aus Luzern das dritte Riedo-Buch: „Mein Herz heisst „‚Dennoch‘ – Literarische Porträts“. Darin geht es um Schriftsteller und Denker, die anders als ihre Mitmenschen waren. Die Werke, die sie aus ihrer Andersartigkeit heraus geschrieben haben, werden heute bewundert. Den Erschaffenden aber machte das Anderssein zu schaffen. Sie haderten mit sich, mit der Welt, mit dem eigenen Werk.  Riedo versammelt in diesem Buch literarische Porträts, die gewissermaßen den Finger auf die offene Wunde legen. Die Wunde ist die der Verdrängung des Haders der „Anderseienden“ aus der heutigen Bewunderungsperspektive.
Sag ich doch! Mein Reden. Voller Vorfreude nehme ich das Buch in die Hand und vor die Augen. Riedo ist einer, der Einzelgänger zu mögen scheint. Seine Antworten zu sich selbst mögen da für ihn sprechen.

Frage: „Widerstand der Welt, den diese Denker und Schriftsteller erfuhren, aber auch Widerstand, den sie selbst der Welt entgegensetzten, der unbeirrbare Glauben der Porträtierten an das „Dennoch“ – an die Keimzelle der unsterblichen Literatur.“ Keimzelle? Unsterbliche Literatur?

Riedo: Unsterblich, denke ich, ist doch praktisch nichts. Die Keimzelle jedoch steckt in mir – und bringt ihre Triebe voran… Gegen den vorangegangenen Gegendruck …

Frage: Sind Sie ein lustig-melancholischer Mensch oder eher ein ernst-alberner? Oder ist die Frage zu persönlich?

Riedo: Beides wohl, wild durcheinander. Am ehesten ein melancholisch-heiterer.

Frage: Sie scheinen ein Faible für Einzelgänger zu haben oder sind Sie etwa selbst einer? Sehen Sie sich als einer?

Riedo: An der Party zu meinem 20. Geburtstag kamen 81 Gäste, an der zu meinem 40. Geburtstag noch 12 …

Und jetzt kommt die Kinski-Klippe, das Fettnäpfchen, in das ich treten könnte. Riedo war – wie bereits erwähnt – für zwei Jahre Schweizer Kulturminister – ein Zeitraum in seiner Biographie, den ich natürlich ansprechen muss.

Frage: Wie kam es überhaupt zu der Idee, Kulturminister werden zu wollen, sich als Kandidat zur Wahl (mittels Internet-Wahl aus 25 Kandidatinnen und Kandidaten) zu stellen?

Riedo: Weil ich, beim Sprung ins kalte Wasser, etwas lernen wollte.

Frage: Macht man das mal eben so? Haben Sie nicht genug zu tun gehabt?

Riedo: Ich mache eigentlich nichts „einfach so“.

Frage: Wie haben Sie die 2 Jahre als Kulturminister verändert? Haben sie Sie verändert?

Riedo: Oh ja!

Meine zehn Fragen sind gestellt, und ich habe kein schlüssiges, rundum befriedigendes Bild. Ich habe gar nichts und muss erkennen, dass ich die falschen Fragen gestellt habe, und mir trotz allen Hin- und Herüberlegens kein Weg eingefallen ist, sie aufzubereiten. Riedo hat mich weite und inspirierte Denkwege zurücklegen lassen. Aber das Interview… wenn ich doch eine Tasse Kaffee mit ihm trinken könnte!
Es ergibt sich keine Gelegenheit. Im Gegenteil, ich entferne mich räumlich noch weiter von der Schweiz, fahre in den Norden, sitze in einem Bahnhofsrestaurant und – spreche mit Riedo.

Was trinken wir? Kaffee? Wie trinken Sie ihn? Mit Milch und ohne Zucker? – Der Kaffee kommt. Jetzt würde ich sie stellen – die wirklich wichtigen Fragen:
01. Wann können Sie am besten schreiben?
02. Wo kommen Ihnen so richtig gute Ideen?
03. Welche Stadt würden Sie gerne in nächster Zeit besuchen?
04. Haben Sie Freunde in Deutschland?
05. Welchen Film haben Sie kürzlich gesehen?
06. Haben Sie einen Lieblingsregisseur?
07. Trinken Sie lieber Kaffee oder lieber Tee? Eine Idee, warum das so ist?
08. Essen Sie gerne Fisch?
09. Welches ist Ihre derzeitige Lieblingsfarbe (hatte ich das nicht schon gefragt???)
10. Können Sie zeichnen?

Nichts mit Literaturwissenschaftlichem zu „Werk“ und „Fragmentarismus“, oder Lebensabrissen und Bewusstseinsströmen, genug des Zweifelns an der verrückten Welt, die uns dazu bringt, gegen sie anzuschreiben. Wozu? Um uns ein Denkmal zu setzen – oder uns am Leben zu erhalten? Wer dieses neue Interview liest, soll sich wohlfühlen und einen Menschen sehen, und sich darin wiederfinden – oder auch nicht. Etwas Riedo-haftes klingt in allen von uns… und sowohl ein Klaus Kinski als auch ein Dmitri Schostakowitsch waren als Künstler und als Menschen nicht einfach, noch unumstritten. Sie waren anders. Und dennoch!

Einen herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag, Herr Riedo. ■

_________________________

Dies sind die Antworten, die mir Dominik Riedo auf meine obigen 10 Fragen gab:

01. Wenn mich an der Welt etwas stört, aber nicht in meinem Arbeitszimmer.
02. Beim Lesen.
03. Marsala. Ich werde März oder April dort sein.
04. Ja.
05. Verfilmungen von Philip K. Dick. Ich möchte einen Essay über ihn schreiben.
06. Orson Welles.
07. Kaffee. Weil ich als Kind bereits Mocca-Glacé über alles liebte. Aber warum das? Keine Ahnung.
08. Ich bin Vegetarier.
09. Schwarz.
10. Ich konnte es mal ganz gut und habe Freundinnen damit „beschenkt“. Heute hab ich das etwas verloren.

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über
Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders
(Nekrolog auf meinen pädophilen Vater)

… sowie das Interview mit der Bestseller-Autorin Rebecca Gablé („Der dunkle Thron“)

Dorit Böhme: Von den Freuden des Schreckens (Satire)

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Von den Freuden des Schreckens

Dorit Böhme

Frage: Womit verschafft man einer Dorfgemeinschaft den größtmöglichen Lustgewinn? Antwort: Mit einem Erlebnis, das die eigene Familie betrifft und der Vorstellungskraft der anderen einen Schubs gibt, um sie zu ungeahnten Höhenflügen aufsteigen zu lassen.
Dies rühmliche Werk der Nächstenliebe tat ich unlängst – ohne Rücksicht auf eigene Verluste. –
Meine Phantasie schwebte in der sechsten Dimension. Ich hämmerte in meine Schreibmaschine – Geniales und Blödes (ersteres verschwindet leider immer im Papierkorb). Da kam der Sohn von der nachmittäglichen Schule nach Hause und unterbrach meine Schaffenskraft mit dem Begehren, ich solle seine Aufgaben kontrollieren – eine Herausforderung an die Anpassungsfähigkeit des Geistes!
Nach einer weiteren Stunde begann ich unruhig zu werden: da fehlte doch etwas? Richtig: wo blieb die Unterbrechung durch meine Tochter? Ein Blick auf ihren Stundenplan bestätigte meinen mütterlichen Instinkt. Sie hätte schon vor sechzig Minuten – trödelt sie noch: vor dreißig Minuten – im fürsorglichen Elternhause eintreffen müssen. Nur: sie war nicht da, wie ein Kontrollgang durch alle Räume (einschließlich Kohlenkeller) zeigte.
Angeregt durch vielseitige Medienwahrheiten versuchte ich das Problem einzukreisen: Mord, Kidnapping, Vergew… – oder spielte sie seelenruhig bei einer Schulkameradin?
Anrufe würden zu lange dauern und wurden von mir aus Kostengründen – 1500 Einwohner – auch abgelehnt. Ich wählte den schnellsten Weg, stürzte auf die Straße und fragte das Nachbarskind, ob es meine Tochter nach der Schule noch irgendwo gesehen habe.
„Jessica ist von der Schule nicht heimgekommen!“, brüllte die Kleine den mit fragenden Blicken zufällig herumstehenden Frauen entgegen.
Wie eine Feuersbrunst breitete sich die Nachricht aus, schneller, als ich die Straße hinunterlaufen konnte, um im Schulhaus bei der Lehrerin nachzufragen. Ergebnislos.
Während ich wie ein aufgescheuchtes Huhn hinter jedem Strauch und neben jedem Haus nach verscharrten Beinen forschte, sahen mich die spalierstehenden Mitmenschen kämpferisch und mitleidig an. Offensichtlich durchzuckten die gleichen Gedanken ihre Köpfe.
In mir bäumte sich mein Mutterlöwenherz auf und suchte bereits die passende Rache für den Übeltäter. Kopf ab, vierteilen, in kochendem Wasser brühen, zu Hackfleisch machen – und dies nicht nur sinnbildlich gemeint.
Was konnte ich noch tun? Jeder Lehrer, Hauswart, Jogger und Handelsreisende war inzwischen über die schrecklichste aller Wahrheiten informiert. Polizei alarmieren – oder erst mein angetrautes Prachtstück? Aber das war diese Woche irgendwo auf einer Geschäftstour und – beinahe selbstverständlich – nicht zu erreichen…
Nachdem mein Gehirn alle Eventualitäten und Möglichkeiten erschöpfend abgehandelt hatte, klärte sich meine Verwirrung zu der Erleuchtung, dass heute Dienstag war – und Jessica jeden Dienstag, direkt nach der Schule, zu ihrer Ballet-Doppelstunde ging. –
Völlig ermattet, aber zufrieden so wehrhaft für das Wohl meines Kindes eingetreten zu sein, ließ ich mich auf den Schreibtischstuhl nieder und beantwortete alle tausend Anrufe der besorgten Dorfbewohner. Ihnen hatte ich ein markerschütterndes Erlebnis geliefert, welches den Grundstock für manches zukünftige Gespräch bilden konnte.
Ich hätte ihnen keinen größeren Dienst erweisen können! ■


Dorit Böhme - Satire-Autorin Glarean MagazinDorit Böhme

Geb 1954 in Berlin-Köpenick; Ausbildung zur Zahnarztgehilfin; Prosa – und Reportagen-Veröffentlichungen in Zeitschriften; Lebt als Massage- und Hypnose-Therapeutin in Widnau/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Satire von
Heinz Wegmann: Der Vereinsausflug

W. Ehrismann: Meditation über „Grande Arlequinade“

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Ein Maskenreigen

Bild-Meditation über das Gemälde „Grande Arlequinade“

von Walter Ehrismann

Walter Ehrismann: Grande Arlequinade, Oeltempera und Sand auf Leinwand
Walter Ehrismann: Grande Arlequinade, Oeltempera und Sand auf Leinwand

Vor uns ein wirrer Maskenreigen von Gesichtern – kleine Zirkuskunststücke werden uns dargeboten: Seiltänzer, Gaukler, Trapezkünstler beherrschen die Szene. Herrisch dirigiert ein farbig geschminkter Clown die Gruppe. Akrobaten, der grüngesichtige Zauberer, Feuerschlucker, Scharlatane und Harlekine unter ihrer schwarzen Augenmaske. Ein hoher Federdreispitz bedeckt den Kopf – schwarzblau, grün, rot und gold sind die vorherrschenden Farben, aus tiefstem, schwärzesten Grund ans Licht gebracht. Rhombenartig gewürfelt ihr Fleckenkleid. Sie  unterhalten die staunende Menge. Der Weiße führt sie an. Sein glitzerndes Seidenkostüm mit den zugespitzten Achselpolstern, die samtene Pumphose, der hohe Hut verleihen ihm diabolische Würde. Auf dem Saxophon bläst er schauerliche Töne. Sie wirken wie die Schreie archaischer Klageweiber.
Gemessenen Schritts umrundet er die Menge. Endlich steht er vor mir, beugt sich zu mir herab. Sein aufgerissener Mund und die Ohren sind grellrot geschminkt, das Gesicht ist erstarrt unter seiner bleichen Maske. Aus leeren Augenhöhlen fixiert er mich. Über allem liegt ein Hauch heiterer Schwermut. Alles, was ich in dem Bild erkenne, das sich vor mir ausbreitet, erzählt etwas über mich. Auch wenn ich nichts sehe: Ich bin es. ■

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von
Johanna Klara Kuppe: Zwei Bild-Meditationen

Andreas Wieland: Vom Koffer in den Mund (Kurzprosa)

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Vom Koffer in den Mund

Andreas Wieland

Aus Behagen fläzte ich eine Zeitlang auf dem Stubenteppich und rannte darauf freudenschreiend aus der elterlichen Wohnung. Die Treppe hoch und runter, vorbei an dem betagten Herrn Eisenhut und seiner schrumpeligen Frau Lilchen, an der schielenden Miss Siusan Cunningham, an der immerzu kichernden Tamilin AaduMayil und weiteren, mir unbekannten, doch äusserst adretten und uniformen Persönlichkeiten. Allesamt standen sie mit aufgerissenen und, wenn ich es richtig gesehen habe, auch angefeuchteten Augen zwischen Tür und Angel. Sie wussten – jetzt hat er’s geschafft. Jetzt hat er den Koffer zugeklappt. Die Schlösser eingeschnappt. Sich entfesselt von allen Hemmnissen und die Packung mit den Betablockern zerknüllt und ins Klo geworfen. Als verschroben mochten mich meine Mitbewohner empfunden und meinen Aufbruch als impertinent bezeichnet haben, doch erachtete ich meine Entscheidung als die gelungene Tat eines Genies. Ausgeklügelt und doch in der Spontanität des Rastlosen. Ich war eine der Natur abgewonnene Bereicherung für die Gesellschaft. Ich war jener Held, welcher für das Gemeinwohl die Courage aufbrachte und eine Bresche in den Alltag zu schlagen wagte. Wie ein Popstar zog ich von Ort zu Ort, lebte aus dem Koffer, von der Hand in den Mund. Man liebte mich. Man weinte um mich. Man jubelte mir zu. Natürlich ermunterte mich dies in meinem Schneid und tatsächlich stand ich in schönster Blüte. Sublimiert mein ganzes Wesen und ausgebrochen aus der Pedanterie quälender Sesshaftigkeit. Und mit dem Ehrenwort des Genies versichere ich Ihnen meine Geistesgrösse und den Verdienst meiner Begabung. Wider meiner eigentlichen Verschwiegenheit, ist es mir eine Ehre, hiervon berichten zu dürfen.
Fragen Sie sich bitte nicht nach dem Indikator meines aussergewönlichen Triebes nach Höherem streben zu wollen. Betrachten Sie meine Reisen als Ventil hedonistischer Bemühungen, als das Liebesabenteuer des Kyrenaikers. Nun gut, für mich standen Tür und Tor offen, eigentlich wünschte ich dies auch meinen Mitmenschen oder zumindest meinen Mitbewohnern. Den Eisenhuts, Miss Siusan und AaduMayil. Aber auch den Neuzugezogenen mit ihren Kindern, Verwandten und Bekannten. Jauchzend rannte ich in Socken und Boxershorts über die polierten Fliesen in die Wohnung zurück und fragte mich, ob jemand mir zu liebe das Treppenhaus so fürstlich geschmückt hatte. Mit Blumengestecken und sonstigem Firlefanz, Bildern und Duftkerzen. In knappen Worten, wie es sich für einen Mann der Tat gehörte, informierte ich meine Eltern über mein Vorhaben. Den Katzen warf ich das für den Sonntag bestimmte Roastbeef in den Napf und den Zierfischen überliess ich den vorgebackenen Yorkshire-Pudding plus Katzenfutter. Auch bedankte ich mich in den Abschiedszeilen für ihre Warmherzigkeit und das unerschütterliche Wohlwollen, anstandsgemäss vergass ich nicht Vaters Videokamera zu erwähnen, welche für meine reisejournalistische Arbeit, welcher ich mich gezwungenermassen stellen musste, von äusserster Tragweite war. Und nur weil ich kein Kleingeld mehr hatte war ich genötigt, aus Mutters Einkaufsportemonnaie ein paar Groschen für die Strassenbahn zu klauben. Natürlich hätte ich auch das Taxi nehmen können, doch sagte ich mir, dass ich von Anfang an zum Geld Sorge tragen will. Alleine schon ob dieser Einstellung liebten mich meine Eltern und schenkten mir volles Vertrauen. Ohnehin stand für uns Vertrauen an oberster Stelle. Liebend gern hätte ich die Rückkehr meiner Eltern abgewartet und mein Abschiedsgeschenk entgegengenommen. Doch wollte ich noch Tante Hedwig über meine Abreise in Kenntnis setzen, damit sie mir etwas mit auf den Weg geben konnte. Ein Wunsch, welchen ich ihr jeweils nicht abschlagen durfte. Zumindest nicht damals, wo ich mich in einer hoch lebhaften Phase befand und für jegliche Form des Ansporns dankbar war. Eine sich alleweil lohnende Investition, auf solche Leute zu setzen. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Eine von mir klipp und klar definierte Zielsetzung. In relativ kurzer Zeit liess sich der Besuch bei ihr abhandeln. Ich bestellte dann doch noch ein Taxi und liess mich zum Bahnhof chauffieren. Mutters Spaziergeld spendete ich der Fahrerin. Schliesslich trug sie mir meinen Koffer noch bis zum Perron. Versehentlich setzte ich mich ins Erstklasse-Abteil, was allerdings keine Rolle spielte. Den Aufschlag bezahlte ich gerne und um ein Haar wollte ich dem Schaffner noch ein Trinkgeld geben. Eigentlich stellte ich mir die Fahrt um einiges entspannter vor. Doch diesmal, zugegeben, lag es an mir. Ich hätte mich eindeutig besser informieren sollen. Über mich selbst verwundert setzte ich mich in den Speisewagen und klappte den Laptop auf, um neue Möglichkeiten abzuchecken. Zürich – Köln – Bruxelles – Antwerpen dauerte mir auf einmal entschieden zu lange. Über Paris war eine schlechte Alternative. Diese hatte ich ja zuvor schon abgecheckt. Ich schlürfte meinen Capuccino und lächelte strahlend der hübschen Bedienung entgegen. Ich hatte ja auch allen Grund dazu. So fand ich doch tatsächlich einen Lastminute Flug von Köln nach Venedig. Businessclass! Morgen um 07:30 Uhr. Um einem weiten Weg zum Flughafen vorzubeugen, mietete ich mir gleich ein Zimmer in einem der noblen Hotels in der Agglomeration. Antwerpen Ade, schrieb ich in die Agenda und: Sitze vergnügt im Überschallzug nach Köln. Bereite VJ-Aktion vor. Weissabgleich, Ton usw. eingestellt. Interview mit Service-, Küchen- und Hilfspersonal. Anschliessend Travelling-Aufnahmen Speisewagen.
Aus Rücksicht erstsatte ich Ihnen keinen ausführlichen Bericht über meinen Hotelaufenthalt in Köln. Nicht über die anfänglichen Schwierigkeiten am Empfang und auch nicht über das Missverständnis in der Pianobar. Schlussendlich hatte sich ja alles zum Guten gewendet und selbst der Pianist nur noch für mich gespielt. Zumindest kam es mir so vor. Am nächsten Morgen verpasste ich auch den zweiten Shuttlebus des Hotels und liess mir deswegen ein Taxi rufen. Auf mein Verlangen hin holte ein Portier meinen Koffer vom Zimmer zur Rezeption, als ich auscheckte. Formgewandt winkte ich ihn damit gleich zum Taxi mit dem viel zu nervösen Chauffeur weiter. Natürlich gab ich ihm dafür eine Belohnung und auch dem Taxifahrer – gleich im Voraus. Höflich hielt ich noch kurz nach dem Hoteldirektor Ausschau, doch war dieser nirgendwo aufzufinden. Ihn herbeirufen lassen wollte ich nicht. Ich dachte nur, dass er sich vielleicht gerne von mir verabschiedet hätte. Auf dem Flughafenterminal angekommen, wurde mein Name bereits mehrere Male aufgerufen und ich fühlte mich seit langem wieder einmal ernst genommen und genoss mein Dasein als Videojournalist und Darsteller jenes Popstars, der mir in vielen Dingen ähnlich war. Rein physiognomisch, in Gestik und Mimik, aber auch in seiner vornehmen Gangart. Einziger Unterschied: ich war nicht in Begleitung von Bodyguards, sondern von einer Flugbegleiterin, welche mir wahrlich versuchte Feuer unterm Hintern zu machen. Natürlich spielte ich ihr zuliebe mit und rannte an ihrer Seite zum Flugzeug wie ein gehetzter Starmanager; in meiner Situation wie ein Popstar ohne Privatjet. An Bord angekommen stellte ich mich persönlich mit meinem Nachnamen, dann nachdrücklich mit Vor- und Nachnamen beim Personal vor und bedankte mich gleichzeitig für ihr Entgegenkommen. Dem Piloten liess ich meine Ankunft ausrichten. „Startklar!“, rief ich den Flugpassagieren aufmunternd zu, die wie im Theater gespannt ihre Blicke auf den Protagonisten (ich) richteten, obwohl neben mir eine nette junge Dame bereits das Erstehilfe-Set gebärdenstark vordemonstrierte. Ich machte meine dritte Travelling-Aufnahme (die zweite war in der Hotellobby), dann wurde ich untergehakt zu meinem Platz gebracht und sogar angeschnallt. Businessclass! Venezia, ich komme!, schwelgte es in meiner Brust und glücklich verköstigte ich mich an dem von mir gewünschten Weight-Watcher-Frühstück. Ich verlangte Tageszeitungen in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch, klappte den Laptop auf und liess mir koffeinarmen Kaffee nachschenken. Immer wieder erntete ich bewundernde Blicke von anderen Passagieren. Wahrscheinlich waren sie hin und her gerissen ob meiner Person. Wussten nicht wo sich mich einzustufen hatten. Sei es im Showbiz oder im Management. Ich verriet es in keinster Weise. Den Flugbegleiterinnen hingegen, zwinkerte ich schon mal zu oder hob die eine Augenbraue.
Venedig war einfach wundervoll. Zauberhaft! La Serenissima. Molto bello. Bellissima. Ich vermisse weder Zürich, noch Antwerpen. Paris und Köln können mir gestohlen bleiben, notierte ich in meine Agenda. Bleibe vielleicht etwas länger. Filmfestspiele. Mostra internazionale d’arte cinematografica di Venezia. Plane Videoaufnahmen. Dann klappte ich die Agenda zu wie damals den Koffer, verliess das Zimmer, das Hotel, den Garten und trat auf den sonnenbeschienenen Platz hinaus. Ich trug eine dunkle Sonnenbrille, meine gelierten Haare waren streng nach hinten gekämmt, das Hemd trug ich trotz unbehaarter und jünglingshafter Brust bis zu den untersten Knöpfen offen. Hose und Schuhe waren äusserst elegant und mit Leichtigkeit, ich spürte es genau, faszinierte ich etliche Leute. Natürlich profitierte ich von den Festspielen und einiges vereinfachte sich für mich dadurch. So waren viele meiner Geschichten den Leuten beinahe ihre Existenz wert und ich wurde zu den verrücktesten Sachen eingeladen, was mir wiederum eine Verlängerung meines Aufenthaltes ermöglichte. Meine Eltern und auch Tante Hedwig fingen sich bereits an zu sorgen, worauf ich sie herzlichst vertröstete und meine Situation bis ins Detail schilderte. Natürlich erwähnte ich auch Hoteladresse und Bankverbindung. Täglich sandte ich ihnen wunderbare Bilder von Palästen, goldenen Gondeln, aufflatternden Taubenschwärmen, märchenhaften Brücken, vom feudalen Theater und der Bibliothek. Von Schulen, Zunfthäusern und Piazzas, vom Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Doch fühlte ich mich nach zwei Monaten der Rast erneut von seltsamer Unruhe heimgesucht und weder Kunst noch Weiblichkeit konnte mich festhalten. Ich bat um das Lösen meiner Fussfessel. Ich fühlte mich elend. Und was ich lange Zeit als unumstössliches Privileg betrachtete, war mir auf einmal nicht mehr genug. Ich zückte Agenda und Bleistift und schrieb: Das Liebesabenteuer des Kyrenaikers hat sich ausgelebt. Denn was bedeutete mir jetzt noch Zürich, die Stadt meiner Jugendjahre? Was die Reisen nach Indien und Russland, China und Amerika? Auch Hamburg, Wien und Rom hatte ich gesehen. Die Akropolis und die Golanhöhen. Afrika. Die Spitzbergen. Jetzt, so wusste ich genau, musste ich einen neuen Weg einschlagen. Einer, der sich nicht kartographieren liess. Einer, der durch unsichtbare Gefilde führte und sich jeglicher Beschreibung und Sprache entzog. Ein Durchwandern eines unendlichen Gebietes sollte es werden. Von einer Lauterkeit in die nächste. Ein hinter undurchdringbarer Umzäunung geglaubtes Land wollte ich entdecken und mit meinem Ehrenwort versichere ich Ihnen, ich hatte es gefunden. Mit wahren Gefühlen und unter buschigen Brauen hervor betrachtete ich diese neue Welt wider üblicher Gewohnheit. In aller Bescheidenheit. Sogleich bemerkte ich diese fantastische und erdenferne Ungebundenheit und ob ich demnach in Venedig auf einem kaiserlichen Balkon weilte oder in New York in einem der miefenden Yellow cabs sass, meine neu entdeckte Welt traf ich überall an. Ich fühlte mich herrlich dabei. Alles je Erträumte breitete sich vor mir aus wie ein funkelndes Geschenkpapier. Kein Zeitdruck, keine Hetze an Bahnhöfen und Flughäfen, Businessclass gab es keine. Weight watcher war verpönt. Tante Hedwig besuchte ich jeweils aus reinen Motiven heraus, auch verfütterte ich in meiner Beherztheit kein Roastbeef an Katzen und der Yorkshire-Pudding blieb Beilage. Herr Eisenhut zeigte sich mir alles andere als betagt und Lilchens Haut sah aus wie nach einem Intensiv-Gesicht-Körper-Wunder-Peeling. Siusan blickte aus zwei wunderschönen blauen Augen und AaduMayil, na ja, sie behielt ihr eigensinniges Lust-, beziehungsweise Humorempfinden. Das irdische Reisen, Sie werden staunen, behielt ich aber trotzdem bei. So zog ich von der elterlichen Wohnung aus und mietete mir ein Zimmer. Gleich zwischen Miss Siusan und AaduMayil, was sich als äusserst vernünftig herausstellte. Denn, wie Sie ja wissen, lebte ich vom Koffer in den Mund, war also häufig unterwegs, und so war es für meine Anwohner äusserst kommod und ohne grossen Aufwand verbunden, während dieser Zeit meine Räumlichkeit zu lüften, das Mobiliar abzustauben und die Pflanzen zu giessen. Im Gegenzug durften sie sich soviel Kaffee oder Tee kochen wie sie wollten, turmhohe Lagen an Schokolade und Keksen lagen jeweils auch bereit. Sie konnten sich also in keiner Weise beklagen. Auch schrieb ich ihnen regelmässig Ansichtskarten. Ich fühlte mich von ihnen verstanden. ■


Andreas Wieland

Geb. 1969 in Chur/CH, Studium an der Höheren Fachschule für Hotel- und Tourismusmanagement, anschließend als diplomierter Hotelier in den Kantonen Graubünden, Zürich und Luzern tätig, Kurzprosa- und Roman-Publikationen, lebt als freischaffender Schriftsteller in Walenstadt/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kurzprosa auch von
Karlheinz Barwasser: Bildgebende Methode

Ausserdem im GLAREAN zum Thema Schweizer Autoren über
Walter Ehrismann: An der Bar (Anthologie)

Franz Trachsel: Semper fidelis (Humoreske)

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Marsch-Impressionen im Parkhaus

Franz Trachsel

Shopping-Center-Parkhäuser dürfen für sich beanspruchen, nach aussen umgebungskonform-freundlich aufzutreten, nach innen angesichts ihres grossen Parkplatzangebots aber die nüchtern-zweckmässige Wucht selber zu sein. Und dann erst die ausserhalb der Shopping-Zeiten darin herrschende Stille – empfunden heute, eines vorsommerlich frühen Montagvormittags, und angesichts des nur sehr spärlichen Eintreffens der Kundschaft.
Doch urplötzlich sieht sich, wer schon hier, vom Hauptzugang her von einem vollorchestrierten marschmusikkalischen Auftakt vereinnahmt! Und wer ausserdem auf dem schmalen Weg im Zweiradbereich abgestiegen, der kommt sich in eine kasernenhaft grosse, höchst belebte Blasmusikhalle hineingeraten vor.
Das alles aber keineswegs als aufdringliches Unterhaltungsgezeter dahertönend. Nein, was sich da vollentfaltet sehr wohl hören lässt, ist nichts Geringeres als eine amerikanische Marsch-Legende, nämlich John Philipp Sousas enorm beschwingter „Semper Fidelis„. In voller Korpsstärke notabene – ein wirklich frappanter Tages- und Wochen-Start!

Und dann ist da die Erinnerung, diesen Marsch nicht nur in Konzerten, sondern in quasi welthistorischer Entfaltung miterlebt zu haben. Und zwar live anlässlich der Jubiläumsparade „200 Jahre USA“ am 4. Juli 1976 auf der Pennsylvania-Avenue in Washington. Dieses Erlebnis dabei umso eindrücklicher, als Sousas „Semper Fidelis“ nichts Geringeres ist als das stolz vertonte Siegel der US-Marine. Ja, und wem sonst, wenn nicht der Marine-Band wäre damals die Ehre zugekommen – vom Millionenpublikum besonders stürmisch applaudiert -, dem historischen Tag diesen unverkennbaren Stempel aufzudrücken! Das blendend weiss uniformierte Korps, ein makelloses Neunerkolonnen-Erscheinungs­bild, der mitreissende Marschmusik-Takt: ein nationalhistorisches Aufkreuzen wie aus einem Guss!

John Philipp Sousa
John Philipp Sousa (1854-1932)

Hier im Parking des örtlichen Shopping-Centers hingegen, 35 Jahre später: Sein Klang eine wahre Entschuldigung dafür im Gegensatz zu Washington, auch ohne das geringste Aufblitzen hochglänzend polierter Blasinstrumente festzustellen. Aber warum sollte denn den etagentragenden Parkhaus-Betonsäulen, den Auf- und Abfahrtsrampen, den Parkplatzschranken und dem massig alle sieben Etagen untereinander verbindenden Liftschacht nicht ausnahmsweise mal eine echte Klangreflektoren-Rolle zukommen! Aussergewöhnlich dabei halt dieser „Immer-Treu“-Marschauftritt vor allem deswegen, weil er ohne augenfällige Formation auskam. Nahm sich die Freiheit, statt sich mühsam um all die Begrenzungen, Kurven, Auf- und Abstiege herumzuwinden und sich in seine einzelnen Register aufzulösen und ganz eigene Weg zu gehen. Ja selbst der Dirigent dürfte sich unter dem wuchtigen Etagenmauerwerk marschtrunken mit schwingendem Taktstock auf die sonnige Center-Dachterrasse verirrt haben. Und wenn dabei schrittsicher von jemandem begleitet, dann am ehesten noch vom Tambouren- und Flötenregister, derweil sich das Klarinetten-, das Saxaphon-, Trompeten-, Posaunen-, Pauken- und Bassregister (weil für den vom Dirigenten irgendwo mit seinem Stock in die Luft geschmetterten Takt hellhörig geworden), auf das übrige halbe Dutzend Etagen aufgeteilt haben mochten.
Und weil nun einmal John Philipp Sousas Klassiker des Tages die Aufwartung machte, dann gewiss nicht ohne sein – das Korps bekanntlich hinten dekorativ abschliessendes – Sousaphon-Register! Nicht auszudenken, dieses könnte – weil den Auftritt auch hier hinten abschliessend – im Zuge einer akuten Klangtrunkenheit etwa im Parterre-Zugang, also im Wagenwaschanlagen-Bereich in die gewaltig rotierenden Waschbürsten geraten sein. Deren schonungslos nässetrunkener Umlauf wäre vermutlich der kältesten Dusche ihres Musikerlebens gleichgekommen. Hätte man sich also den völlig aussergewöhnlichen Marsch-Auftritt durchaus im Beisein seines berühmten Komponisten vorstellen können, so doch keineswegs den Untergang einer ganzen Sousaphon-Equipe. So gesehen vielleicht nicht ganz unglücklich für ihn, diese Welt schon vor 80 Jahren verlassen zu haben.

Nun denn, plötzlich erwiesen sich auch meine Marschmusik-Minuten hier als gezählt. Augenblicke später benimmt sich in die eingetretene Stille hinein irgendwo im Parking eine forsch zuschlagende Autotür taktgenau wie ein Schlusssignal. Eine Soundanlage der Zehntausenderklasse in einem Coupé der Mittelklasse hatte wohl Raum- und Klangqualität bewiesen. Hier also ein hochkarätiges Bravourstück, was sich anderswo unter anderen Vorzeichen als polizeilich verbotene Belästigung erwiesen hätte. ■


Franz TrachselFranz Trachsel
Geb. 1933, langjähriger Lokal- und Kulturjournalist bei verschiedenen Printmedien, Kurzprosa in Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Emmenbrücke/CH

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