Interview mit dem Komponisten Christian Henking

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Jeder Routine ausgewichen

Jakob Leiner im Gespräch mit dem Schweizer Komponisten Christian Henking

Der Basler Komponist Christian Henking gehört zu den fruchtbarsten zeitgenössischen Komponisten der Schweiz, sein Œuvre umfasst fast alle Sparten, Gattungen und Formen der „Klassischen Musik“. Daneben ist er vielfältig und geachtet auch als Kunstfotograf tätig. GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner fragte Henking nach seinen Intentionen, Schaffensprozessen und künstlerischen Antriebskräften.

Glarean Magazin: Herr Henking, was sind Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?

Christian Henking: Das muss im Elternhaus gewesen sein. Bei uns lief viel knisternde klassische Musik (knisternd, weil von alten Schallplatten abgespielt). Deshalb war die klassische Musik für mich von klein auf eine Selbstverständlichkeit, währenddem ich die Jazz- und Popszene selbst entdecken musste.

Komponieren in frühester Kindheit

Komponist Christian Henking - Interview im Glarean Magazin - Juni 2021
Christian Henking

Welche musikalischen oder auch nichtmusikalischen Hintergründe haben Sie letztlich zum Komponieren gebracht?

Ich hatte das große Glück, dass viele meiner Verwandten professionelle Musiker*innen waren und sind – meine Eltern aber nicht. Sie waren höchst gebildet, kulturell extrem interessiert und auch künstlerisch begabt, aber eben nicht Musiker. Das gab mir eine ungeheure Freiheit – und wohl auch den Drang, Musiker zu werden, und zwar im Speziellen Komponist. Einer meiner Großonkel war Dirigent und Komponist, er war, als ich noch sehr klein war, mein erster Lehrer. Ich habe komponiert, bevor ich begann, seriös Klavierstunden zu nehmen.

Als Komponist schufen Sie bisher ein Œuvre großer Bandbreite, zahlreiche Vokal- und kammermusikalische Werke ebenso wie szenische, orchestrale oder jazzig-tonale Kompositionen. Kennen Sie künstlerischen Spieltrieb?

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Die „jazzig-tonalen“ Kompositionen – was für eine merkwürdige Bezeichnung! – sind nicht Teil meines Werkes, sondern lediglich hingeworfene Späße, die halt immer noch auf meiner Werkliste herumlungern. Ich müsste dies endlich mal ändern. Vor allem liebe ich zwar Jazz, bin aber kein Jazzer. Der Jazz ist ja eine eigenständige, vielfältige, großartige Kultur. Wir „Klassiker“ sollten uns hüten zu meinen, man könne so locker-flockig auch „jazzig“ komponieren.
Aber sonst mag meine Bandbreite tatsächlich recht groß ein – das kommt daher, dass mich praktisch nichts nicht interessiert. Daraus wächst so etwas wie ein Spieltrieb. Ich bin überaus neugierig und mache gerne etwas zum allerersten Mal.
Es fällt aber auf, dass ich mich bis jetzt noch nicht tiefer mit Elektronik beschäftigt habe. Das Interesse dazu wäre natürlich da, aber ich müsste mich ein paar Jahre zurückziehen, um mich da reinzuarbeiten, und dazu fehlt mir momentan der Mut.

„Ich arbeite einfach drauflos“

Christian Henking (1961 geboren in Basel) studierte nach dem Abitur Musiktheorie bei Theo Hirsbrunner, danach folgte eine zweijährige Kapellmeisterausbildung bei Ewald Körner. Ab 1987 absolvierte er ein Kompositionsstudium bei Cristobal Halffter und Edison Denisov, in Meisterkursen bei Wolfgang Rihm und Heinz Holliger. Christian Henking wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 2016 mit dem Musikpreis des Kantons Bern. Er ist Dozent an der Hochschule der Künste Bern für Komposition, theoretische Fächer und Kammermusik. Seine Werke erscheinen beim Verlag Müller & Schade.
Daneben besteht eine intensive fotografische Tätigkeit: Unterricht bei Simon Stähli an der Schule für Gestaltung Bern, sowie bei Tim Davoli, Adrian Moser und Anita Vozza. Ausstellungen u.a. an der photo 09, 12 und 16 in Zürich, im Kornhaus Bern 2011, in Schönbühl 2012, im ONO Bern 2013, in der Galerie Hofer und Hofer 2015 und im Berner Generationen Haus 2016.

Gibt es inspirative Routinen im Entstehungsprozess für ein neues Werk?

Ich bin meistens nicht inspiriert, wenn ich mit einer Komposition beginne. Ich arbeite einfach drauflos, schreibe Blödsinn oder schlechtes Zeugs und habe das Vertrauen, dass irgendwann, vielleicht nach Wochen oder Monaten, die Inspiration dank der Arbeit kommen wird. Den Blödsinn und das schlechte Zeugs schmeiße ich dann weg, und die Komposition beginnt zu wachsen. Deshalb verstehe die künstlerische Arbeit als eine Art Zerstörungsprozess: Ich „erschaffe“ zwar etwas, dafür aber zerstöre ich unendlich viel.
Dieser Ablauf mag eine Art von Routine sein – inhaltlich aber weiche ich jeder Routine aus.

Wie digital komponieren Sie?

Gar nicht. Ich bin ein musikalischer Dinosaurier, der noch alles mit Bleistift auf ein Papier kritzelt. Ich kenne Finale und Sibelius nur vom Hörensagen. Zum Glück ist mein Verlag so großzügig, dass ein toller Angestellter meine Bleistift-Reinschrift auf Finale überträgt.

Komponierend in Farben denken

Viele Ihrer Werke beinhalten Textvertonungen, zu Ihrer Oper „Leonce und Lena“ nach Georg Büchners gleichnamigem Lustspiel haben Sie selbst das Libretto verfasst. „Prima le parole, dopo la musica“ also?

Das scheint nur so. Im Werk „Schnee“ sind Musik, Sprache, Bewegung und Licht gleichzeitig entstanden, es gäbe noch etliche andere Beispiele zu nennen. Bei der Oper „Leonce und Lena“ habe ich tatsächlich den Originaltext neu konzipiert, bevor die Musik entstanden ist – das ist für mich aber nicht die Regel, sondern nur eine Möglichkeit.

Welches Stück wollten Sie schon immer einmal komponieren?

Eine dritte Oper.

Sehen und hören als künstlerische Wechselbeziehung

Sie sind auch als vielseitiger Fotograf tätig. Ausgleich zum Musikkosmos oder Variation desselben künstlerischen Selbstverständnisses?

"Es war einmal ein Winter": Szenenfoto aus dem Theatre Musical "Schnee" von Christian Henking und Zarin Moll (Atelier Contrast)
Szenenfoto aus dem Theatre Musical „Schnee“ von Christian Henking und Zarin Moll

Beides. Wenn ich mit dem Auge arbeite, erholt sich mein Ohr und umgekehrt. Gleichzeitig merke ich immer wieder, wie ähnlich ich formal denke, wenn ich fotografiere oder komponiere. Zu erwähnen ist noch, dass ich beim Komponieren häufig eine große Sehnsucht nach vielfältigen Klangfarben verspüre. Das kommt wohl daher, dass ich farbenblind bin. Als Fotograf denke ich also nicht in Farben, als Komponist sehr wohl.

Warum abbilden?

Als Fotograf bilde ich nur scheinbar etwas ab. Eigentlich fotografiere ich mich immer selbst. Jedes Foto, mag es nun eine Gabel oder etwas Abstraktes oder was weiß ich abbilden, ist eigentlich ein Selbstportrait, weil ich ja nur zeigen kann, wie ich die Welt sehe, nicht wie sie ein anderer Mensch sieht.

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Wie alltäglich sind Humor und (Selbst)Ironie in der zeitgenössischen Kunst- und Kulturszene?

In der Théâtre-Musical-Szene sind Humor und Ironie eine Selbstverständlichkeit – Gott sei Dank. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich mit großer Leidenschaft Théâtre-Musical-Werke. Ansonsten aber haben es der Humor und die Ironie zuweilen schwer in unserer bedeutungsschwangeren Szene. Humor scheint unseriös zu sein, und Ironie sucht man bei Bach und Brahms vergebens, also kann das ja nicht gut sein. Dabei gibt es wunderbare Werke, die mit Humor und Ironie fantastisch umgehen, man denke nur an Werke von Kagel, Schnittke, Ligeti und wie sie alle heißen.

Christian Henking - Partitur-Seite - aus Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit- Interview im Glarean Magazin - Juni 2021
Partitur-Seite aus „Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit“ von Christian Henking

„Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik“

Wie haben Sie das vergangene kulturverarmte Corona-Jahr erlebt?

Alle Konzerte wurden abgesagt resp. verschoben. Es war schon ein Glücksfall, wenn eine Uraufführung wenigstens für das Radio aufgenommen werden konnte, als Ersatz für ein Konzert. Ein Gefühl des „Verdorrens“ schlich sich ein. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich unglaubliches Glück hatte, denn die Anstellung an der Hochschule hielt mich über Wasser. Ich war und bin also in einer Luxus-Situation und habe kein Recht, mich zu beklagen. Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik.

Wie hört sich eigentlich die Musik der Zukunft an?

Großartige Musik hat es immer gegeben, in allen Kulturen und Zeiten, also wird es auch in Zukunft großartige Musik geben. Wie die klingen wird, hängt nicht so sehr von den Komponierenden ab, sondern von den Umständen. Still wird es auf jeden Fall nie werden, dazu ist der Mensch zu laut. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit der Komponistin Kathrin Denner

Interview mit der Komponistin Kathrin Denner

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Kultur ist wichtiger denn je

Jakob Leiner im Gespräch mit der Komponistin Kathrin Denner

Die deutsche Komponistin Kathrin Denner (*1986) ist eine profilierte Vertreterin jener jüngeren Komponistinnen-Generation, die sich für die Verbreitung und Profilierung der zeitgenössischen Kunst-Musik auch auf politischer Ebene bemüht. Denner ist Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe, für die Belange ihrer Berufsgruppe setzt sie sich als Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbandes sowie als Delegierte der GEMA ein.
Im Interview mit dem GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner äußert sie sich über einige Aspekte ihres persönlichen Schaffens und über verschiedene Problemfelder der aktuellen Kunstmusik-„Szene“.

Glarean Magazin: Was sind eigentlich Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?

Kathrin Denner - Komponistin - Musik im GLAREAN MAGAZIN
„Ich stelle dem Stück Fragen, und es antwortet mir“: Komponistin Kathrin Denner

Kathrin Denner: Eine konkrete Erinnerung habe ich nicht. Mir ist aber sehr präsent, dass wir zuhause immer Bayern 4 Klassik gehört haben. Das ist eine wirklich schöne Erinnerung. Wir haben immer geraten, was wir da gerade hören. Damals wurden noch ganze Sinfonien gespielt und es gab wenig „easy listening“-Sendungen mit kurzen Ausschnitten. So lernte ich sehr viel klassische Musik und ihre Stilistiken kennen.

In Saarbrücken studierten Sie zuerst Trompete und Musiktheorie. Gab es einen Schlüsselmoment, der die Begeisterung für die Zeitgenössische Musik und das Komponieren weckte?

Ich muss vorwegnehmen, dass ich zeitgenössische Musik durch meinen klassisch geprägten Hintergrund immer furchtbar fand. Mein Herz ging auf bei Mahler, Bruckner und Beethoven. Die Zeitgenössische Musik habe ich nicht verstanden. Diese hatte für mich überhaupt keinen Sinn ergeben. Es war nicht nur so, dass ich sie nicht mochte, ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.

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Dann hat mir glücklicherweise ein Bekannter die Augen geöffnet, der mir das Ligeti-Requiem vorgespielt hat. In einem dunklen Raum mit Surround-Lautsprechern. Das war phänomenal. Ich habe erkannt, dass der Bruch zwischen der späten Romantik und Ligeti nicht so groß war. Innerhalb kürzester Zeit habe ich dann alles Zeitgenössische in mich aufgesogen und versucht, alles ganz schnell kennenzulernen. Ligeti ist mir bis heute wichtig, aber es gibt nun natürlich noch andere KomponistInnen, die mich inspirieren und die ich sehr mag und schätze.

Was macht für Sie den Reiz und die Faszination am Komponieren aus?

Ich mache einfach wahnsinnig gerne Musik. Und es ist doch toll, wenn man noch mehr gestaltet als das, was schon in Noten geschrieben steht: Wenn man selbst kreiert.

Gibt es eine grundsätzliche Herangehensweise für die Arbeit an einem Stück?

Meistens mache ich mir sehr lange Gedanken darüber, was ich eigentlich für das Stück möchte. Und dabei scheint es immer so, als würde ich nichts komponieren. Der Prozess geht also schon lange vorher nur im Kopf los. Ich stelle dem Stück Fragen: Obwohl es noch nicht in Noten existiert, antwortet es mir. Das habe ich von meinem Lehrer Johannes Schöllhorn gelernt.

Kathrin Denner - Komposition Autograph - Interview im Glarean Magazin
Autographisches Zitat aus „Nyberga Eleven“ für Trompete und Klavier von Kathrin Denner

Ich schreibe vor dem eigentlichen Notieren sehr viel auf. Meist in Worten und mit der Hand. Ich nehme mein Kompositionsbuch nicht immer, aber oft mit nach draußen, setze mich irgendwo hin und befrage mein Stück. Grundsätzliche Fragen nach Dauer, Besetzung, etc., aber auch Spezifischeres: Wie verhält sich das eine Instrument zum anderen? Wenn ich weiß, was ich will, geht der Rest verhältnismäßig schnell.

Kommen Kompositionsblockaden vor und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ja, leider. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, zu komponieren. Früher habe ich die Stücke nur so „rausgehauen“. Jetzt muss ich immer richtig arbeiten, bis etwas entsteht. Eine wirkliche Methode, die Blockaden zu überwinden, habe ich nicht. Meistens hilft es, wenn ich einen Auftrag habe und die Zeit drängt.

Hat sich Ihr Anspruch an (eigene) Musik in den letzten Jahren verändert?

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Ja, ich bin wesentlich kritischer mit mir und meiner eigenen Musik geworden. Wahrscheinlich geht das Komponieren deshalb nicht mehr so einfach von der Hand. Ob sich das positiv auf meine Stücke auswirkt, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe es natürlich. An Musik generell ist der Anspruch vielleicht insofern gestiegen, als dass ich gute Aufnahmen und Aufführungen bevorzuge. Aber ich schätze immer die Leistungen, Begabungen und das Können anderer und kann auch über „Fehler“ hinweghören, wenn mit Freude und Leidenschaft musiziert wird.

Werke von Komponistinnen sind in den Programmheften der deutschsprachigen Kulturlandschaft noch immer unterrepräsentiert. Zufall oder System?

Leider sind Komponisten in den Programmen noch deutlich in der Mehrheit. Obwohl die Frauen auf den Podien der zeitgenössischen Musik zunehmend sichtbarer werden. Während meiner Studienzeit gab es eigentlich immer relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnisse. Trotzdem können wir noch nicht wirklich von einer Chancengleichheit sprechen. Aufträge bekommen leider immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen. Die einflussreichen Stellen sind von Männern besetzt. Ich kann mir vorstellen, dass diese un- bzw. unterbewusst dann wiederum das männliche Geschlecht bevorzugen.

Gender-Diskussion in Musik und Tanz - Glarean Magazin
„Kompositionsaufträge bekommen immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen“: Anhaltende Gender-Diskussion in der Musik

Noch gibt es Handlungsbedarf für mehr Gendergerechtigkeit. Glücklicherweise ist dieses Thema mittlerweile in den Köpfen angekommen, und es gibt vermehrt Festivals, Kurse und Podien, die sich intensiv mit Genderfragen auseinandersetzen.

Sie sind auch kulturpolitisch aktiv und setzen sich für die Belange Ihrer Berufsgruppe ein. Wie sieht diese Arbeit aktuell aus?

Im Moment bin ich im Vorstand des Deutschen KomponistInnenverbands (DKV) sowie als Delegierte der außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder der GEMA und im GEMA-Wertungsausschuss tätig.
Der DKV ist ein Zusammenschluss von Komponistinnen und Komponisten aller Genres und Stilrichtungen, die der solidarische Gedanke einer Interessenvertretung für alle musikalisch Kreativen eint. Wir setzen uns für die Belange der Kreativen in verschiedenen Bereichen ein – im Moment natürlich u.a. auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Wir engagieren uns auf nationaler und internationaler Ebene zum Beispiel im Aufsichtsrat und anderen Gremien bei der GEMA, dem Kulturrat, dem Deutschen Musikrat, der Künstlersozialkasse, der Initiative Urheberrecht und der ECSA mittels unserer zuständigen Delegierten.

Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich) - Glarean Magazin
Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich)

Die GEMA – Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte – ist eine Verwertungsgesellschaft für Komponisten, Texter und Musikverleger. Zu ihren Aufgaben zählt es, die Nutzungsrechte ihrer Mitglieder zu verwalten und eine entsprechende Vergütung zu gewährleisten. Stellvertretend für den Urheber sorgt die GEMA durch das Urheberrecht für den Schutz der Werke. Seit nunmehr drei Jahren bin ich Delegierte der angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder.

Eigentlich glaube ich immer, die Falsche für diese Art von Job zu sein, aber irgendjemand muss es eben machen. Ich versuche, mich so gut wie möglich für meine komponierenden KollegInnen einzusetzen. Es muss engagierte Menschen geben, die die Interessen der – in meinem Fall – Musikschaffenden vertreten. Besonders in der heutigen Zeit, in der möglichst viel möglichst kostenlos sein soll. Es gibt viele andere Bereiche, in denen ich gerne noch aktiver wäre, aber die Zeit ist begrenzt, und so habe ich mir mein Feld gesucht, in dem ich mein Wissen einbringen und als kleines Zahnrädchen mitgestalten kann.

Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Menschen für das Gemeinwohl einsetzen und nicht immer nur darauf vertraut wird, dass da schon irgendwer ist, der alles regelt. Jeder Mensch hat eine Begabung, die für einen bestimmten Bereich hilfreich wäre. Es würde mich freuen, wenn diese Talente nicht ungenutzt blieben.

Das Streitwort der Kulturszene im Jahr 2020 lautete „systemrelevant“. Gibt es ein Wort, das Sie passender fänden?

Überrumpelt von der ganzen Corona-Zeit habe ich mich aus den Debatten über die Systemrelevanz tatsächlich zum größten Teil herausgehalten. Ein besseres Wort fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Unsere kulturelle Vielfalt ist einzigartig, aber wir haben eine schwache Position – keine starke Lobby. Vielleicht zeugt der Ausschluss der Kultur von Ignoranz, aber die Pandemie ist für alle neu und die Politik trifft die Entscheidungen sicherlich nicht leichtfertig, auch wenn sich einige Entscheidungen anschließend als falsch herausstellen werden oder schon herausgestellt haben.

Leerer Musik-Konzertsaal in Corona-Zeiten - Glarean Magazin
Wegen Pandemie geschlossen: Leerer Konzertsaal und de facto Berufsverbot für Musiker

Dass die Kultur keine marginale Rolle innehat, ist jetzt, nach über einem Jahr der Pandemie, denke ich, allen bewusst geworden. Ich hoffe, dass wir möglichst schnell zu einer gewissen Normalität zurückkehren können. Noch sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels, aber ich vertraue auf seine Existenz.

Wie hat Ihre kompositorische Arbeit auf das zurückliegende Corona-Jahr reagiert?

Eigentlich hätte ich (viel) Zeit gehabt, viel zu arbeiten. Und meine Arbeit findet ja sowieso meist allein statt. Aber ich habe mich der Ohnmacht voll hingegeben. Im Grunde habe ich meine Zeit verschwendet mit Inhaltslosigkeit. Mit Netflix und Handygames. Ich hatte eine einzige Aufführung – statt des geplanten großen Orchesterstücks mit über 80 Aufführenden, wurde ein Stück für ein Soloinstrument gespielt. Alle anderen Konzerte wurden abgesagt. Frustration ist hier das richtige Wort.

Musik und Corona - Rückzug ins Innenleben - Glarean Magazin
Musik in Zeiten von Corona und Aufführungsverboten: Rückzug ins „Innen, ins Bei-sich-sein“

Aber ewig kann man sich nicht hängen lassen, es muss weitergehen. Glücklicherweise haben mich ein paar Aufträge wieder motivieren können. Dabei war auch ein Auftrag des Bundesjugendchores, welcher sich thematisch im weitesten Sinne mit der Pandemie beschäftigt. Mit dem „Innen“ – also dem Innen im Geiste, aber auch dem Innen in den eigenen vier Wänden, mit diesem Bei-sich-sein. Ich beschäftigte mich mit unterschiedlichen sozialen Beziehungen (hier schwingt auch das „-Innen“ als Genderform mit), Verhältnissen und Interaktionen. Auch zwei weitere Kompositionen haben sich direkt auf die Corona-Ohnmacht bezogen.

Wie eng liegen Angst und Hoffnung beieinander?

Sehr eng. Manchmal ist die Hoffnung dominierend, manchmal beherrscht mich die Angst.

Gibt es ein spezielles Stück, das Ihnen schon längere Zeit vorschwebt?

Ich arbeite schon seit einiger Zeit an meinem Stück „Agnesma“ für Trompete und Orchester. Ich schreibe es für den wahnsinnig tollen Trompeter Simon Höfele. Aber es kommt immer wieder etwas dazwischen, und so ist der Kompositionsprozess durchlöchert. Es ist kein Auftrag, sondern intrinsisch motiviert. Ich freue mich aufs Weiterschreiben, wenn ich dann mal wieder Zeit habe.

Wie wird sich  eigentlich die Musik der Zukunft anhören?

Oh, das weiß ich nicht. Aber ich wäre gerne eine Zeitreisende, die in der Zukunft vorbeischauen kann… Etwas zu erfinden, was es noch nicht gibt, ist sehr schwer. Es gibt immer Entwicklungsprozesse, die sich auf Bekanntes beziehen.
Einen oder sogar mehrere Schritte zu überspringen, dazu wären wir vielleicht gern in der Lage, aber ich glaube, das ist nicht möglich. Wir sind Kinder unserer Zeit. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit dem Schweizer Komponisten Fabian Müller: Neue Musik?

Außerdem zum Thema: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik (Ursula Petrik)


Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten (CD – Tobias Koch)

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Eine neue Dimension

von Christian Busch

So mancher Bewunderer von Schuberts letzten Sonaten wird sich beim Anhören verschiedener Aufnahmen mal gefragt haben: Wie langsam kann, ja darf man das spielen? Mit welchem Tempo kommt man dem wahrhaftigen Schubert am nächsten, so dass die Zeit gesprengt wird und stillsteht?
Der Düsseldorfer Konzertpianist Tobias Koch hat sich nun – unter dem Motto „Zukunftsmusik“ – Schuberts letzten drei Klaviersonaten gewidmet und sie – originalgetreu auf dem Hammerflügel von Conrad Graf (Wien, 1835) aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum für das Innsbrucker Label Musikmuseum – neu aufgenommen.

Immer sind da diese Schritte. Die sich mühsam einen Weg durch die verschneite Winterlandschaft bahnenden Schritte des einsamen Wanderers. Missmut, Verzweiflung und tiefe Traurigkeit klingen an, ein Innehalten, ein hoffnungsvolles-, ja wehmütiges Erinnern, doch dann kehrt die schöne, aber resignativ-dumpfe Anfangsmelodie zurück. Der Kreis schließt sich. Ein schicksalhafter, auswegloser Gang, eine Flucht gar ohne Ziel? Wie tief kann sich ein Mensch in sich zurückziehen? An manchen Stellen stockt die Musik, einem Herzstillstand gleich. Ist das der Tod?

Suche nach dem wahren Schubert-Sound

Franz Schubert: Zukunftsmusik - Die letzten drei Klaviersonaten - Tobias Koch - Musik MuseumFragen, die beim Hören von Franz Schuberts letzter, geheimnisumwobener und einzigartiger Klaviersonate in B-Dur D 960 aufkommen. Das Werk eines 31-jährigen und doch eines seiner letzten. Schubert starb nur wenige Wochen nach der Vollendung. Ein tonales Vermächtnis eines Komponisten, der kurz zuvor am Grabe Beethovens gestanden hatte und mit dessen drei letzten Klaviersonaten ein ungeheures Erbe antrat, das zu ignorieren noch schwerer als es zu übertreffen war. Musikgeschichtlich der bedeutende Schritt von der Klassik zur Romantik. Eine Sonate, die – hat man sie einmal gehört – zum lebenslangen Begleiter werden kann.

Der inneren Tiefe angenähert

Pianist Tobias Kochs „Zukunftsmusik“ nähert sich Schuberts Monumentalität und innerer Tiefe mit ausgesucht bedächtigen Tempi, wenn er sowohl die melodischen resignativen Passagen auskostend ebenso wie die immer wiederkehrenden leidenschaftlichen Ausbrüche in ihrer ganzen Tiefe darzustellen sucht. Doch wäre es grob fahrlässig, seine Einspielung darauf zu reduzieren.

C-moll: Auf Beethovens Spuren

In der Sonate D958 kehrt Schubert mit der Tonart c-Moll, die er oft als Haupttonart einer Komposition gemieden hat, zum Modell Beethovens mit seinem kämpferischen Duktus zurück. Überdeutlich „zitiert“ er im Eingangsthema des Kopfsatzes aus Beethovens 32 Variationen in c-moll (WoO80). Doch in der Folge weicht das unruhige Drängen einer lyrischen Stimmung, die im zweiten Thema in ein „friedvoll-idyllisches Kreisen um Zentraltöne“ (Michael Wersin) mündet: Eine neue musikalische Welt!
So knüpft Schubert an den volkserzieherischen, heroischen Charakter seines Vorgängers nur an, um ihn als gescheitertes Unterfangen in die private Abgeschiedenheit, in die Innerlichkeit und den Raum der Liebe zu geleiten. Schubert wird damit zum Antipoden des an Aufklärung, Emanzipation und politischen Fortschritt glaubenden Beethovens.

Franz Schubert - Klaviersonate D958 - Beginn des Adagio - Glarean Magazin
„Tiefgründige Nachtwache“: Beginn des Adagio in Franz Schuberts Klaviersonate D958

Breite und klangvolle Deutung

Tobias Koch - Pianist - Glarean Magazin
Tobias Koch (geb. 1968 in Kempen/D)

Tobias Koch legt gerade diese ungeheure und gewichtig Neuerung in seiner breit und klangvoll angelegten Deutung frei. Das Hammerklavier ächzt und funkelt in unendlichen Schattierungen, so dass man das Gefühl hat, direkt neben Schubert auf einem alten Sofa mit ein paar losen Sprungfedern zu sitzen. An manchen Stellen scheint Johann Sebastian Bach mit auf dem Sofa zu sitzen. Das Adagio wird zur tiefgründigen Nachwache, das Finale ein erstaunlicher Triumph des sich kreativ entfaltenden Individuums. Der Pianist spielt alle Wiederholungen und präsentiert Schuberts c-moll-Sonate in fast 37 Minuten gewichtiger Tonrede.

Die 2. „Atlas“-Sonate

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Auch die A-Dur-Sonate D959 erinnert an Beethoven und stammt doch unverkennbar aus der romantischen Feder Schuberts, nicht nur mit den zwei immer wiederkehrenden Viertel-Schlägen aus dem von Schubert vertonten Heine-Lied „Der Atlas“ – ein Hinweis auf Schuberts persönliche Lebenssituation, die von Krankheit, Todesahnung und Resignation durchzogen war. Auch hier finden wir wunderbare melodische Abläufe mit „himmlischen Längen“ (Robert Schumann), welche den romantischen Charakter, die Hinwendung vom Öffentlichen ins Private, vom leidenschaftlichen Kampf zum sich seiner Liebe vergewissernden Herz ausmachen.

Unnatürlich verlangsamt

Kochs Zugriff kann hier im 1. Satz nicht recht greifen. Schon der Beginn klingt sperrig, zu stockend und unnatürlich verlangsamt. Der leichte melodienverliebte Fluss geht verloren, auch wenn einige Stellen unerhört gewichtig und auskostend geraten. In jedem Fall fällt es hier schwer, sich von vorherigen klanglichen Vorstellungen und Deutungen zu lösen. Es scheint aber, dass Kochs Zugriff eher der letzten Sonate vorbehalten und angemessen sein könnte. Das wird noch einmal im letzten Satz, dem Rondo, deutlich, auch wenn es auch hier großartige Momente ungeahnter Monumentalität und berückender Stille zu entdecken gibt.

Franz Schubert - Klaviersonate D959 - Auszug 1. Satz - Glarean Magazin
„Melodienverliebter Fluss“:  Zitat aus Franz Schuberts Klaviersonate D959

Das Vermächtnis: Sonate in B-Dur D960

Deutlich stimmiger ist Kochs Zugriff des Gewichtigen bei der letzten, eingangs bereits charakterisierten B-Dur Sonate, Schuberts pianistischem Schwanengesang, das sein umfangreichstes Klavierwerk ist, auch darin Beethovens in der gleichen Tonart komponierten Hammerklaviersonate ähnelnd. Hier kehrt der einsame Wanderer der Winterreise wieder, seine schweren Schritte, suchend, kreisend und sich im Nirgendwo verlierend.

Franz Schubert - Klaviersonate D960 - Beginn Andante sostenuto - Glarean Magazin
„An die letzten Dinge rührend“: Beginn des Andante sostenuto in Franz Schuberts Klaviersonate D960

Tobias Koch, so möchte man sagen, trägt Schubert auf Händen, nimmt sich alle Zeit der Welt, jegliche Schattierungen, Zwischentöne, Unterstimmen und versteckte Akkorde ans Licht zu befördern. Sein Vortrag ist durchgehend leidenschaftlich, mal jäh und donnernd, dann wieder tänzerisch leicht bis zärtlich streichelnd und von dem Bestreben beseelt, Schubert „letzte Worte“ zu entschlüsseln.

Innovativer Interpretationsansatz

Komponist Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel) - Glarean Magazin
Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel)

Das Hammerklavier erweist sich als kongenialer Partner, der nichts glättet oder einebnet, sondern Schuberts rauhe, unwirtliche Welt in ihren vielfarbigen Schattierungen hervorragend tonal widerspiegelt. Ein unerhörtes Klangerlebnis, das interpretatorisch eine neue Dimension erschließt. Nicht einmal bei Valery Afanassiev dauert der Kopfsatz so lange wie bei Tobias Koch (über 31 Minuten). Das Andante sostenuto gerät mit seinem choralartigen, feierlichen Ton einmal mehr zu einer berückenden, an die letzten Dinge rührenden Introspektive der romantischen Seele. Das Finale greift den innovativen Interpretationsansatz auf und schließt die überzeugende Darbietung mit großer Eindringlichkeit ab.

Eine neue Schubert-Dimension

Die neuen Einspielungen von Tobias Koch erweitern das Spektrum der Interpretationen von Schuberts Klaviersonaten um eine neue Dimension. Seine Deutung ist nicht geprägt von virtuosem Zur-Schau-Stellen pianistischer Virtuosität, sondern vom „heißen Bemühen“ um Schuberts einzigartige Werke. Sie stellen vertraute Klangvorstellungen in Frage und liefern auf einem historischen Instrument höchst interessante Alternativen, welche nicht nur den Schubert-Liebhaber zum Überdenken seiner Hörgewohnheiten bringen kann. ♦

Zukunftsmusik – Franz Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten, Tobias Koch (Fortepiano Conrad Graf – Wien um 1835), Musik Museum

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema klassische Klaviermusik auch über die neue CD von See Siang Wong: Fantasia – Werke von Beethoven


 

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Werke von Beethoven

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Virtuoses und farbenreiches Klavierspiel

von Mario Knöpfler

Bitte nicht noch eine Beethoven CD? Das Beethoven-Jahr 2020 im Rahmen seines 250. Geburtstages fiel wegen der Corona-Pandemie ins Wasser. Nun wurden, um den Jubilar zu ehren, die Feierlichkeiten bis 2021 verlängert. So präsentiert uns auch der Pianist See Siang Wong – nach einer beeindruckenden und umfangreichen Diskographie bei Decca und Sony – das erste Album seiner Beethoven-Trilogie, „Fantasia“, die er mit den „Fantasie“-Klavierwerken des Meisters gestaltet: Den beiden op. 27 Sonaten, der Fantasie op. 77, und – als Schlusswerk – der Chorfantasie op. 80.

Wong möchte uns vor allem unbekanntere Perlen des Komponisten näherbringen. Dass die Mondschein-Sonate op. 27/2 etwas aus dieser Dramaturgie herausfällt, stört nicht, da der chinesisch-schweizerische Konzertpianist See Siang Wong mit seiner höchst persönlichen Interpretation besticht.
So ist der Anfang der „Mondschein“ bei ihm nicht ein sentimentales Adagio mit Mondesschimmer, sondern wirkt wie eine düstere gespenstische Geisternacht. Die langsamen Triolen rauschen wehmütig wie der Wind über den Gräbern und die punktierten Rhythmen ertönen rau wie Todesglocken. Wong setzt dabei quasi buchstäblich die Anweisungen Beethovens um, für den ganzen Satz nur ein einziges Pedal zu nehmen – und das lässt sich hören: Die leicht dissonierenden Harmonien und Farben wechseln sich ab und bewirken, dass die Klänge melancholisch zu schweben beginnen. Es entstehen so unerhörte Klangfelder im Raum, die einen an eine fast impressionistische Klangsprache erinnern.

Donner und Blitz

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Als Kontrast interpretiert er den zweiten Satz leichtfüssig und spontan, wie ein Zwiegespräch. Ein kleines Intermezzo zwischen den zwei gross angelegten Ecksätzen, oder wie Liszt es so schön nannte: „Wie eine Blume zwischen zwei Abgründen“.
Nahtlos geht Wong dann „attaca“ über in den Prestissimo-Satz, mit stürmischem Drang und voller Energie. Plastisch wirkt seine Klavierkunst, und selten wurde das Finale mit so viel Donner und Blitz gehört und gespielt!

Betörend schlicht

See Siang Wong - Pianist - Glarean Magazin
Virtuoses und klangsinnliches Klavierspiel: „Fantasia“-Pianist See Siang Wong (Foto: SRF / Christoffel)

Die Sonate „Quasi una Fantasia“ op. 27.1 ist zu unrecht die weniger bekannte der zwei Sonaten. Beethoven hat sie noch mehr wie eine grosse Fantasia auskomponiert. Die vier Sätze gehen direkt ineinander über und machen das Werk in seiner Gesamtarchitektur zu einer der interessantesten Sonaten Beethovens.
See Siang Wong spielt die Sonate mit einer betörenden Schlichtheit und dem Verständnis für die Form und Struktur. So wirkt der erste Satz erfrischend neu und klar. Das Seitenthema mit punktierter Artikulation tönt in seiner Interpretation ungewöhnlich, keck und leicht wie einer Opernarie. Rossini schaut hierbei zu um die Ecke! Auch den anderen Sätzen zeichnen sich aus durch ein wunderbar sprechendes und farbenreiches Spiel, den Fantasia-Charakter der Sonate zurecht.

Virtuose Spielfreude

Ludwig van Beethoven am Klavier - Glarean Magazin
Beethoven am Klavier im Kreise von Adepten

Die Fantasia op. 77 ist vielleicht auf dem Album das kurioseste der Werke. So hat Beethoven diese selber an seinem legendären Akademie-Konzert vom 22. Dezember 1808 gespielt – ein Konzert, das mit einem Mammutprogramm von fünf Stunden (darunter das 4. Klavierkonzert und zwei Sinfonien sowie die Chorfantasie) eigentlich unmöglich war für das Publikum. Beethoven hat dabei die Fantasia improvisiert und danach aufgeschrieben. Sie ist wahrscheinlich die einzige wirklich überlieferte Improvisation Beethovens.
Wong kann den dramaturgischen Verlauf des Werkes nachempfinden und gestaltet die verschiedenen Variationen und Umspielungen des Themas mit viel Spielfreude und Virtuosität.

Dialogisierend und klangsinnlich

Ludwig van Beethoven - Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester - Anfang - Glarean Magazin
Ludwig van Beethoven: Anfang der Chorfantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester

Am Schluss ertönt die fulminante Chorfantasie op. 80. Sie hat eine unkonventionelle Besetzung mit Chor, Orchester und Klavier und war ein Fiasko bei der Uraufführung im Akademie-Konzert. Das Orchester geriet mit Beethoven als Solisten wegen eines Missverständnisses um eine Wiederholung völlig auseinander: Beethoven spielte sie, das Orchester nicht, ein grosser Tumult brach aus.
Da wäre Beethoven wohl vollends zufrieden gewesen mit der vorliegenden Einspielung, worin See Siang Wong gemeinsam mit dem RSO Wien und dem Wiener Singverein unter der Leitung von Leo Hussain wunderbar dialogisierend und mit viel Gespür für Klangsinn dem Text von Kupfer gerecht werden: „Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor, hat ein Geist sich aufgeschwungen, hallt ihm stets ein Geisterchor“. Einer der gelungensten Aufnahmen dieses Werks und eine schöne Krönung des ersten Teils von Wong’s Beethoven-Trilogie.
Zum Glück doch noch eine Beethoven CD! ♦

See Siang Wong (Klavier): Fantasia – Trilogy 1 mit Beethoven-Klaviermusik, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Wiener Singverein, Leo Hussain (Dirigent), Audio-CD RCA Red Seal (Sony Music)


Mario Knöpfler

Geb. 1957 in St.Gallen, langjährige Tätigkeit beim Schweizer Radio und Fernsehen als Redakteur und Produzent, lebt in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Beethoven auch über den Musik-Kalender 2020: Beethoven und ich

… sowie über Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern


 

Das Musik-Zitat der Woche von Irmgard Jungmann

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Musik und Geschäft

Irmgard Jungmann

In den letzten Dezennien ist ein rapide fortschreitender Konzentrationsprozess in der Medienindustrie und im Musikgeschäft zu beobachten. Die großen Vier heißen Universal, Sony-BMG, EMI und Warner. Norman Lebrecht beschrieb in seinem Buch „Aufstieg und Fall der Klassikindustrie“ in beeindruckender Weise den weltweiten Niedergang in der Sparte der Klassikindustrie. Während die Musikindustrie noch bis in die 70er Jahre hinein ihr großes Geschäft mit den Langspielplatten klassischer Musik machen konnte, sanken seither die Verkaufszahlen der Medienindustrie im Klassikbereich und haben seit den 90er Jahren einen Tiefstand erreicht.
Lebrecht listete einige Faktoren auf, die den Niedergang beschleunigt hätten. Vor allem habe die Überproduktion an Aufnahmen klassischer Werke den Markt so gut wie zusammenbrechen lassen (bis 1994 gab es beispielsweise 79 Aufnahmen von Dvoraks 5. Symphonie). Ebenso haben die Unzerstörbarkeit der CD in Kombination mit ihrer ausgefeilten Klangqualität sowie die Möglichkeiten des Internet die Absatzmöglichkeiten verringert. Zuletzt bezeichnet Lebrecht auch den Zustand der Avantgardemusik als einen Grund für die schwindenden Absatzzahlen im Klassiksektor und zitiert den ehemaligen Sony-Produzenten Michael Haas: „Letztendlich wurde die Klassik von den Komponisten im Stich gelassen. Ohne eine neue Musik, die intelligente, sensible Konsumenten hören wollten, blieb nur die Möglichkeit, das Vergangene wieder aufzuwärmen“.

Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik - Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert - J.B. Metzler VerlagAn diesem Punkt stehen wir heute. Neue „ernste“ Musik wird nur von einem kleinen Bevölkerungskreis aufgenommen und lässt sich kaum verkaufen. Sie fristet ein vergleichsweise kümmerliches Dasein im großen Weltmarkt der Musik, der Markt für traditionelle klassische Musik scheint mit der „Aufwärmung“ des immer Gleichen mehr oder minder gesättigt zu sein.
Die Musikkonzerne sind aber, da sie es mit künstlerischen Produkten zu tun haben, von den Medienexperten, den Künstlern, den Ausführenden ebenso wie den komponierend „Mischenden“, ihrem Erfindungsgeist, ihrer »Innovationskraft« abhängig.

Norman Lebrecht: Ausgespielt - Aufstieg und Fall der Klassikindustrie - Schott VerlagDie großen Marktchancen liegen inzwischen längst im Bereich der Popmusik, die ihre Fähigkeit zu musikalischer Entwicklung, zur Innovation, zum Experimentieren mit Althergebrachtem ebenso wie mit Neuem unter Beweis gestellt hat, die ohne die Behinderung durch ästhetische Bedenken Bach, die Gregorianik, Miminal Music, Indische Kunstmusik oder jede Art von Folklore verarbeiten kann und inzwischen längst neue Stile und Moden wie Rock, Rap, Techno, Hiphop geschaffe hat. In diesen Bereichen „spielt die Musik“. ♦

Aus Irmgard Jungmann: Sozialgeschichte der klassischen Musik – Bildungsbürgerliche Musikanschauung im 19. und 20. Jahrhundert, J.B. Metzler Verlag, 260 Seiten, ISBN 978-3476022974

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klassik und Pop-Musik auch den Essay von Frieder W. Bergner: Das U und das E in der Musik

… sowie zum Thema E-Musik das Zitat der Woche von Ursula Petrik: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik

Außerdem zum Thema Klassische Musik das Musik-Zitat der Woche von Alexander Köhler: Stirbt die klassische Musik aus?

Weitere Web-Links zum Thema:


Khatia Buniatishvili: Labyrinth (Klavier solo)

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Im Irrgarten des Geistes

von Jakob Leiner

Es ist wahr, hat man das suchende Element in dem neuen Album „Labyrinth“ von Khatia Buniatishvili einmal registriert, scheint es sich mit jedem Höreindruck noch zu potenzieren. Und hier könnte man bereits zu einem Kern der „Labyrinth“ betitelten Einspielung, Ende 2020 bei Sony Classical erschienen, vorgedrungen sein: das Suchende als Wiederholung, als eine sich selbstverstärkende, fast repetitive Kraft, die brachial nicht sein muss.

Labyrinth Khatia Buniatishvili (Klavier), Erik Satie (Komponist), Ennio Morricone (Komponist) und weitere - Audio CDIn Buniatishvilis Auswahl der Stücke sowie ihrer liebevollen Interpretation äußert sich neben dem Suchenden eine zweite Wirkungsebene von hochwirksamer Sinnlichkeit. Das gilt sowohl für Filmmusikalisches wie „Deborah’s Theme“ von Ennio Morricone („Once Upon a Time in America“) als auch für „unser aller“ Bach, u.a. vertreten mit der (angejazzten) „Badinerie“ aus der zweiten sowie seiner genialen „Air“ aus der dritten Orchestersuite.

Grenzen zwischen E- und U-Musik aufgelöst

Buniatishvili scheut sich nicht, die Grenzen der sogenannten E- und U-Musik, ohnehin ein ältliches und durchaus umstrittenes Klassifikationsschema, mit der Anordnung der kurzen Einzelwerke aufzulösen. Das gelingt, weil sie sich der Musik sämtlicher Genres (bzw. Epochen) mit derart unvoreingenommener Zärtlichkeit nähert, dass jene zum „Mörtel“ des gesamten Albums werden kann. Der Ohrwurm-Charakter der allesamt wohlbekannten Stücke erleichtert natürlich die Rezeption um eine gewisse intellektuelle Anforderung, die ja nicht immer intendiert sein muss.

Couperin - Les Barricades Mysterieuses - Glarean Magazin
Neben S. Rachmaninov, S. Gainsbourg, J.S. Bach und A. Pärt: „Les Barricades Mysterieuses“ von F. Couperin

Was beliebig scheint – folgt auf die berühmte Rachmaninov-Vocalise doch eine Transkription des wunderbaren Gainsbourg-Chansons „La Javanaise“ (Juliette Gréco lässt grüßen), an welchen sich Couperins „Les Barricades mystérieuses“ anschließt, nur um wieder zu einem Bach’schen Arrangement (der „Sicilienne“ nach Vivaldis „Concerto Op. 3, Nr. 11“) zu springen – diese stilistisch mutige Abfolge erklärt sich beim Hören von selbst. Buniatishvilis tatsächlich schwervergleichliche Feinheit im Anschlag spannt den Bogen sowie eine gewisse Verklärtheit, die nicht als Pathos missverstanden werden darf.

Introvertierte Musik-Sammlung

Die französisch-georgische Pianistin möchte dieses Konzeptalbum nicht als Beispiel ihrer enormen Virtuosität (man denke nur an Schumanns Klavierkonzert mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Paavo Järvi) verkaufen – nein, es ist eine stille, geradezu introvertierte Musiksammlung, die sie vorlegt.
Arvo Pärts reduktive Gebetskomposition „Pari intervallo“ steht stellvertretend für das Ausmaß an meditativer Versenkung, die zeitweise erreicht wird. Zwei streng parallel geführte Linien, dem persönlichen Tintinnabuli-Stil des estnischen Komponisten folgend, bilden über knapp acht Minuten hin ein klares klangoptisches Muster, das von Es-Moll-Dreiklängen bestimmt wird. Nicht nur (Selbst-)Spiritualität zugeneigte Menschen werden der Transzendenz, die hier zusammen mit Schwester Gvantsa Buniatishvili zu vier Händen meisterhaft transportiert wird, etwas abgewinnen können.

Von Bach bis Cage

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Natürlich darf in einer solchen durchaus nach philosophischen Gesichtspunkten festgelegten Stückauswahl auch John Cages „Nichtwerk“ „4’33“ nicht fehlen. Frühlingshafte Realklänge wie entferntes Vogelgezwitscher werden, dem CD-Booklet nach auf einem Friedhof aufgenommen, zur aleatorischen Musik von hoher imaginativer Wirksamkeit. Bezeichnend, dass die Künstlerin kurze kontemplative Texte zu jedem Werk selbst verfasste – das Labyrinth als Sinnbild für einen Lebensweg, der Verirrung gewissermaßen beinhalten muss und den man trotzdem selbstreflektiert und bewusst zu gehen in der Lage ist. Zugleich schwingt die Aufforderung mit, die intrinsische Ordnung, für die der Albumname ebenso steht, aus metaphysischer Vogelperspektive sowohl wahrzunehmen als auch zu ergründen.

Schnulzige Gesten neben überzeugender Seriösität

Virtuose Sinnlichkeit - Die Pianistin Khatia Buniatishvili - Musik im Glarean Magazin
„Virtuose Sinnlichkeit und intrinsische Ordnung“: Die Pianistin Khatia Buniatishvili

Es lässt sich nicht vermeiden, dass der Gestus an manchen Stellen mit dem Schnulzigen liebäugelt, jedoch verliert er nie eine seriöse Überzeugungskraft. Die Ligeti-Etüde „Arc-en-ciel“ oder Johannes Brahms melancholisches „Intermezzo in A-Dur“ aus den 6 Klavierstücken bestätigen jene interpretatorische Reife, die der erst 33-Jährigen vielfach attestiert wird. Das empfindsame Spiel mit Zwischenstimmen kennzeichnet auch die Liszt-Consolation in Des-Dur als „poetischer Gedanke“.
Somit ist „Labyrinth“ ein gewagtes wie sensibles Album, das genau durch diese Mischung besticht. Der Bezug auf jene neoromantische Konzeption des menschlichen Geistes als wechselseitiges Eintauchen und Eingetauchtwerden in die Vielfalt einer Weltbeseeltheit ist in pandemischen Zeiten ebenso heilsam wie wahr. Wehe dem, der anders spricht… ♦

Khatia Buniatishvili (Klavier): Labyrinth (Div. Komponisten) Audio-CD, Label Sony Classical


Jakob Leiner - Lyriker, Musik, Arzt - Glarean MagazinJakob Leiner

Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klaviermusik auch über Komitas: Seven Songs (Pianistin: Lusine Grigoryan)

… sowie über: Severin von Eckardstein plays Robert Schumann – Ein Plädoyer für die Romantik

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Das Klavierwerk von Ernest Bloch & Ferruccio Busoni


Siegmeth, Hunstein, Wolf: Winterreise nach Franz Schubert (Audio-CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Gemeinsame Sprache zweier Musikwelten

von Horst-Dieter Radke

Das Wort „Winterreise“ assoziiert sofort mit Franz Schubert, wohingegen die Instrumente, die auf dem Cover des entspr. Albums zu sehen sind, gleich für Irritationen sorgen. Saxophon und Theorbe, anstatt Klavier – kann das gut gehen? Die Rückseite macht dann die negative Vorahnung komplett: „nach Schubert“. Aber, um die negativen Konnotationen nicht zu weit zu treiben: Die Sache ist besser, als sie scheint. Viel besser!

Was als erstes auffällt in dieser neuen „Winterreise“ nach Schubert mit dem Saxophonisten Hugo Siegmeth, dem Lautenisten Axel Wolf und dem Sprecher Stefan Hunstein: Es wird nicht adaptiert. Die Klavierstimme wurde nicht auf Laute und Saxophon aufgeteilt. Beide spielen eigenständig, greifen hier und da Themen aus Schuberts Melodien auf, variieren sie aber frei und verlassen sie auch gern. Manchmal liegt das Aufgreifen des Originals auch hinter dem Vordergründigen, etwa durch den Tonartwechsel. Das zweite, was auffällt, ist dass nicht gesungen wird. Stefan Hunstein spricht die Texte, so wie sie als Gedicht von Wilhelm Müller geschrieben wurden, also auch unter Verzicht mancher Wiederholungen, wie sie die Liedfassung vorsieht.

Keine Berührungsängste

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Man muss Schuberts Winterreise im Original nicht kennen, um dieses Album mit Genuss zu hören. Doch es schadet auch nicht, denn so kann man nach Motiven und Bekanntem fahnden und sich darüber freuen, wie die Musiker die Themen aufgreifen und sich von ihnen lösen. Spannend ist zu hören, wie sich zwei Musiker aus unterschiedlichen musikalischen Welten nicht nur ergänzen, sondern zu einer homogenen, gemeinsamen Musiksprache finden. Das Saxophon und die Bassklarinette, die niemals ihre Herkunft aus dem Jazz leugnen, klingen an manchen Stellen doch sehr klassisch, die Laute dagegen an nicht wenigen Stellen sehr modern, etwa in „Gefror’ne Tränen“.

Musik ohne Gesangsirritation

Franz Schubert - Gemälde von Wilhelm August Rieder 1875 - Glarean Magazin
Inspirator für Neue Musik: Franz Schubert (Gemälde von Wilhelm August Rieder 1875

Überrascht war ich, als mir auffiel, dass ich schon nach wenigen Malen Hören der CD ganze Strophen der Verse im Kopf hatte und auswendig wiederholen konnte. Das ist mir vorher mit der originalen Schubert-Version nie passiert. Da blieb mal diese und jene Zeile hängen, nie aber mehr. Die Melodien schon eher. Möglich, dass dies mit den Wiederholungen, die oft kreuz und quer durch die Strophen gehen, zusammenhängt. Vielleicht auch mit der Musik, die bei Schubert doch die Aufmerksamkeit auf sich zieht, nicht selten sogar dann, wenn das Klavier nur begleitet. Bei dieser Fassung „nach Schubert“ irritiert die Musik nicht beim Gesang. Manchmal unterbricht der Sprecher die Musik abrupt – und lässt sie in den Sprechpausen zwischen den Strophen wieder aufleben. Den „Lindenbaum“, der es ja in vereinfachter Form bis ins Volksliedgut gebracht hat, habe ich natürlich im Kopf. Die fragmentierte Einleitung des Tenorsaxophons liebe ich vom ersten Hören an, auch, wie es die Stimme des Sprechers bei der ersten Strophe führt, die fast ein An-Singen ist.

Alte und neue Version als je Ganzes

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Ich habe versucht, beide Versionen im Vergleich zu hören, also Lied für Lied. Daran habe ich schnell die Lust verloren, so nach dem sechsten oder siebten Lied. Beide Versionen sind als Ganzes zu hören, dann entfalten sie ihre eigene Schönheit und insbesondere die „nach“-Fassung zeigt eine Eigenständigkeit, die nicht den Vergleich mit dem Original suchen muss. Genau genommen ist sie selber ein Original. Dass sie die andere Fassung jedoch verdrängt, muss man nicht befürchten.

Wie man mit altem Material kongenial umgeht und dabei Neues schafft, zeigt dieses Album sehr gut, auch, wie man Welten zusammenführt – etwa Jazz- und Renaissance-Musik. Der fehlende Gesang stört überhaupt nicht. Gesprochen wirkt der Text anders, wird deutlicher wahrgenommen. Müsste ich ein Album als „Album des Jahres“ auszeichnen, wäre es dieses für mich, und dafür müsste ich nicht lange überlegen. ♦

Axel Wolf (Laute), Stefan Hunstein (Sprecher), Hugo Siegmeth (Saxophon): Winterreise nach Schubert, Oehms Classics (Naxos)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schubert und die Moderne auch über Franz Schubert & Jörg Widmann: Oktette

… sowie zum Thema Musikgeschichte: Das 50-Euro-Preisrätsel Musik vom November 2020

Ausserdem zum Thema Crossover-Musik mit Saxophon: Saxofour – Oparettet den Jazz

Weitere Links zum Thema „Winterreise“

Maximilian Ehrhardt: None but the Brave (Harfenmusik)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Saitenzauber aus Wales

von Horst-Dieter Radke

1983 war es das Album „The Music of Turlough O’Carolan“ von Patrick Ball, das nicht mehr von meinem Plattenteller herunter wollte, wieder und wieder gehört werden musste. Natürlich lässt so etwas dann nach einer Weile nach, und auch andere Musik kommt zu ihrem Recht. So ähnlich ging es mir aber jetzt, fast vierzig Jahre später mit dem Album „None but the Brave“ von Maximilian Ehrhardt.

Während Patrick Ball auf der Langspielplatte ausschliesslich auf originäre, für die keltische Harfe geschriebene Musik setzte, spielt Maximilian Ehrhardt neben walisischen und schottischen Volksweisen Musik, die für die walisische Harfe adaptiert wurde, etwa von Vivaldi, Corelli oder Händel. Er benutzt dabei die Walisische Tripelharfe, bei der die Saiten in drei Ebenen angeordnet sind. Ehrhardt spielt ein neues Instrument, das nach einem historischen aus dem 18. Jahrhundert gebaut wurde.

Walisische Barockmusik

Walisische Tripelharfe - Tim Hampson - 18. Jahrhundert - Glarean Magazin
Walisische Tripelharfe, gebaut im 18. Jahrhundert von Tim Hampson

Die Musik, die auf dieser CD eingespielt wurde, stammt aus drei Manuskriptsammlungen der walisischen Nationalbibliothek in Aberystwyth, sowie aus einer Sammlung von John Parry (1710-1776). Dieser gilt als der berühmtestes walisische Harfenist seiner Zeit. Wie der ein halbes Jahrhundert früher lebende Ire Turlough O’Carolan war er blind. Bekannt war er damals als Parri Ddall, Rhiwabon (der Blinde Parry aus Ruabon). Rhiwabon/Ruabon war ein kleiner Ort in Wales.

John Parry arbeitete den grössten Teil seines Lebens für die Adelsfamilie Williams-Wynn in Wynnstay und in London. Sein Sohn William Parry (1792 – 1791) malte ein Bild von ihm, auf dem er mit geschlossenen Augen an der walisischen Trippelharfe zu sehen ist. Der introvertierte Ausdruck des Musikers passt gut zu den Stücken, die Maximilian Ehrhardt eingespielt hat. Das Bild ist heute im Walisischen Nationalmuseum in Cardiff zu sehen. Manche der Stücke und Bearbeitungen aus den Manuskriptsammlungen stammen ebenfalls von John Parry.

Der blinde Harfenist

John Parry - Harfenist England - Glarean Magazin
Der blinde englische Harfen-Virtuose John Parry (1710-1782)

Die Harfenmusik John Parrys ist Barockmusik mit folkloristischem Einschlag, wobei die traditionellen Elemente nicht störend oder nivellierend zwischen den barocken Melodien stehen, sondern sich einfügen, als gehörten sie da schon immer hin. Die Harfe klingt transparenter als das Cembalo, sicher weil das Spiel mit den Fingern direkt an den Saiten eine grössere Beeinflussung derselben zulässt, als die durch Kiele angerissenen Saiten des Tasteninstruments. Auch die bei Barockmusik üblichen forte-piano-Effekte klingen auf der Harfe weniger abrupt.
Beim Hören der CD bekomme ich Lust, den Musiker Ehrhardt live mit dieser Musik zu erleben. Ich hoffe, dazu habe ich einmal Gelegenheit…

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Die Musik wurde von Deutschlandradio aufgenommen und von Carpe Diem Records veröffentlicht (CD-16321). Das Booklet ist informativ, berichtet ausführlich über die walisische Harfe und ihre Musik. Dafür gibt es von mir eine Kaufempfehlung. ♦

Maximilian Ehrhardt: None but the Brave – Harfenmusik des 18. Jahrhunderts aus Wales, Audio-CD, Carpe Diem Records / Deutschlandfunk

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Harfen-Musik auch über Englichova (Harp) & Veverka (Oboe): Impressions (CD)

Musik: Zum Tode des Gitarristen Julian Bream (1933-2020)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Ausnahmemusiker mit grosser Kulturvielfalt

von Horst-Dieter Radke

Am 14. August dieses Jahres starb 87-jährig der englische Gitarrist und Lautenist Julian Bream. Auch wenn manch einer ob des unvermeidlichen Todes und des doch langen Lebens mit den Schultern zuckt: Ich finde es immer wieder bedauerlich, wenn jemand stirbt, den ich zeitlebens sehr geschätzt habe, mag er oder sie noch so alt geworden sein. Dies trifft auf Julian Bream ganz besonders zu.

Erste Erfahrungen mit der Gitarre machte Bream mit der Jazzgitarre seines Vaters. Im Alter von 11 Jahren bekam er eine spanische Gitarre geschenkt, auf der er Unterricht von Boris Perott erhielt. Mit 12 Jahren gewann er einen Preis für sein Klavierspiel, der es ihm ermöglichte, am Royal College of Music zu studieren. Gitarre lernte er autodidaktisch weiter und gab im Alter von 13 Jahren sein erstes Konzertdebüt. Mit 18 Jahren trat er mit der Gitarre in der Londoner Wigmare Hall auf. Während seiner Militärzeit kamen ihm die frühen Erfahrungen auf Vaters Jazzgitarre zu Gute, denn er spielte in dieser Zeit Gitarre in der Royal Artillery Band.

Mit Klassik durch Europa

Nachruf auf den Gitarristen Julian Bream - Glarean Magazin 2020
Julian Bream (15. 7. 1933 – 14. 8. 2020)

Nach seiner Militärzeit nahm er jeden musikalischen Job an, den er bekommen konnte. Er spielte Filmmusik für die BBC und tourte mit klassischem Gitarrenrepertoire durch Europa (ab 1954) und den Rest der Welt (ab 1958). Nebenbei entdeckte er die Laute, passte das Instrumente an seine Bedürfnisse an – er spielte ein relatives grosses Instrument, und nicht nur mit einer einzelnen hohen Saite sondern deren zwei –, brachte mit dem Tenor Peter Pears die Lieder von John Dowland wieder in die Konzertsäle und gründete das Julian Bream Consort, das zu den ersten Ensembles gehörte, das alte Musik auf Originalinstrumenten spielte. Er spezialisierte sich jedoch nicht nur auf alte Musik, traf Musiker anderer Kulturen (etwa Ali Akbar Khan und Paco Pena), und spielte auch Kompositionen zeitgenössischer Komponisten, von denen eine ganze Reihe speziell für Bream komponierten. Benjamin Brittens „Nocturnal“, oder Hans Werner Henze die Sonaten „Royal Winter Music“. Die spanische Gitarrenmusik legte er in Einspielungen von der Renaissance bis zum 20. Jahrhundert vor. Seine Einspielungen auf CD sind auch heute noch verfügbar, einzeln und in Sammlungen.

In erster Linie Musiker

Julian Bream war der erste Gitarrist, der mich für die klassische Gitarre einnahm. Segovia liess mich kalt, und andere waren mir noch nicht untergekommen. Bream war Gitarrist, natürlich, aber in erster Linie Musiker. Er brillierte nicht vordergründig mit stupender Technik, sondern interpretierte die Musik, die Komponisten niedergeschrieben hatten. Seine Technik ist selbstverständlich enorm, man kann keine Begrenzungen hören, aber sie tritt hinter der Musik zurück.

Julian Bream - Gitarrenmusik aus drei Jahrhunderten - Glarean Magazin
Legendäres Bream-Album auf Vinyl: „Gitarrenmusik aus drei Jahrhunderten“

Meine Begegnung mit diesem Ausnahmegitarristen geschah folgendermassen: Als Schüler war ich immer knapp bei Kasse, doch einmal hatte ich Dank eines kurzen Jobs etwas mehr Geld als üblich in der Tasche und ging in einen Plattenladen. Heraus kam ich mit einer Kassette, die zwei LPs von Julian Bream enthielt. Titel: „Gitarrenmusik aus drei Jahrhunderten“. Ursprünglich wollte ich etwas von Jimi Hendrix oder ähnliches kaufen. Da man sich damals aber die Platten noch im Laden anhörte und die Kassette von Bream vor der Ecke ‚Rock/Pop‘ stand, kam ich gar nicht erst bis dahin. Ich hörte nur bis zum dritten Stück („Tombeau sur la mort de M. Comte de Logy“ von S.L. Weiss, nach zwei Stücken von Bach), danach gab es kein Überlegen, kein ‚Für und Wider‘ mehr. Mein finanzieller Etat war wieder auf dem üblichen Niveau, und ich zog mit den neuen Platten heimwärts.

Die Laute der Gitarre angepasst

Tatsächlich enthielten die beiden Platten der Kassette wenig originäres Gitarrenrepertoire. Da war unweigerlich das d-moll Präludium von Bach, da war Villa-Lobos mit seinem Choros Nr. 1. Und da waren die Spanier Torróba, Albéniz, de Falla und Turina, von denen nur der erste tatsächlich für die Gitarre geschrieben hatte, die Musik der anderen Spanier von den Gitarristen aber schon so vereinnahmt war wie die Lautenmusik von Bach. Zusätzlich fand sich auf den Platten aber auch Musik von Domenico Scarlatti, Maurice Ravel, Luigi Boccherini, Joaquin Rodrigo und Benjamin Britten. Letzterer mit dem Nocturnal, das er nach Motiven Dowlands extra für Julian Bream geschrieben hatte.

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Aber, ob nun für Gitarre komponiert oder nur für Gitarre arrangiert – die Musik klang authentisch, und Willkürlichkeiten wie bei Segovia, bei aller interpretatorischen Freiheiten die sich Bream nahm, konnte man nicht finden. Bald darauf bekam ich mit „The Woods so Wild“ eine LP geschenkt, auf der Bream Laute spielte. Auch das hat mich damals berührt und für die Laute interessiert, die ich nur am Rande und eher oberflächlich beachtet hatte bis dahin. Heute weiss ich, dass Bream kein originärer Lautenist war, dass er das Instrument seiner Gitarrentechnik angepasst hat. Ich höre trotzdem noch ab und an seine Lauten-Alben, weil auch da das Phänomen, dass er als Musiker unabhängig vom Instrument das Werk darbietet, trotz allem überzeugt. In letzter Konsequenz ziehe ich das aller vermeintlichen Werktreue vor.

Gitarrenmusik als Trost und Freude

Nun ist er also abgetreten. Sein letztes Konzert liegt schon 18 Jahre zurück. Die beiden Schallplatten höre ich nicht mehr so oft wie seine CDs, aber sie sind mit mir durch all die Jahrzehnte meines Lebens gegangen und waren mir oft und oft Genuss, Entspannung, Trost und Freude, das wird auch sicher so bleiben. Und jedes Mal wenn ich sie höre, höre ich Musik und nur nebenbei Gitarre. Ich bedauere seinen Tod sehr, auch wenn ich weiss, dass er letztendlich für jeden unvermeidlich ist. ♦

Lesen Sie zum Thema Klassische Gitarrenmusik auch über Jakob Banso: Connect – Electronic Works For Guitar

Neuronale Forschung mit japanischen und westlichen Musikern

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Östliche und westliche Musiker-Gehirne im Vergleich

von Walter Eigenmann

Arbeiten die Gehirne von japanischen Klassik-Musikern anders als jene von westlichen oder von Nichtmusikern? Eine neue Studie untersuchte die spezifischen Arten neuronalen Verhaltens bei den Teilnehmern, wenn sie ungewohnten Rhythmen und nicht-rhythmischen Melodie-Mustern ausgesetzt waren. Ausgebildete Musiker zeigten im Vergleich zu Nichtmusikern eine grössere Fähigkeit zur Rhythmus-Vorhersage – mit subtileren Unterschieden zwischen denen, die in japanischer oder westlicher klassischer Musik ausgebildet waren. Diese Forschung könnte Auswirkungen haben auf weitere Studien über den kulturellen Einfluss auf das Lernen und die Gehirnentwicklung überhaupt.

„Musik ist allgegenwärtig und unverzichtbar in unserem täglichen Leben. Musik kann uns belohnen, uns trösten und uns emotional befriedigen“, sagt Projekt-Assistenzprofessor Tatsuya Daikoku vom Internationalen Forschungszentrum für Neurointelligenz der Universität Tokio. „Es ist also keine Überraschung, dass die Wirkung von Musik auf das Gehirn gut erforscht ist. Viele Studien konzentrieren sich jedoch auf westliche klassische Musik, Pop, Jazz usw., während unsere Studie die erste ist, die neuronale Mechanismen bei Praktikern der japanischen klassischen Musik, bekannt als Gagaku-Musikstil, untersucht“.

Japanische Musik ohne regelmässiges Taktmuster

Musik ohne regelmässiges Taktmuster: Das japanische Rhythmus-Instrument Binzasara
Musik ohne regelmässiges Taktmuster: Das japanische Rhythmus-Instrument Binzasara

Viele japanische Aufführungskünste, wie z.B. im Noh- oder Kabuki-Theater, beinhalten Musik, die nicht unbedingt einem regelmässigen Taktmuster folgt, wie dies bei der westlichen klassischen Musik typischerweise der Fall ist. Das heisst, die japanische klassische Musik dehnt sich manchmal aus oder zieht Beats ohne mathematische Regelmässigkeit zusammen. Dieses Zeitintervall wird oft als MA bezeichnet – ein wichtiger Begriff in der gesamten japanischen Kultur ist.

Daikoku und sein Forschungspartner, Assistenzprofessor Masato Yumoto von der Graduierten-Schule für Medizin, untersuchten, wie verschiedene Gruppen von ausgebildeten Musikern und Nichtmusikern auf unterschiedliche Rhythmusmuster reagierten. Die Idee war, herauszufinden, wie die musikalische Ausbildung das statistische Lernen, die Art und Weise, wie unser Gehirn sequenzielle Informationen – in diesem Fall Rhythmen – interpretiert und antizipiert, beeinflussen könnte.

Rhythmus-Lernen in der linken Gehirn-Hemisphäre

Hirnströme von Musikern untersucht: Magnetoenzephalographie
Hirnströme von Musikern untersucht: Magnetoenzephalographie

Die Forscher zeichneten die Hirnaktivität der Teilnehmer direkt auf, indem sie eine Technik namens Magnet-Enzephalographie verwendeten, bei der magnetische Signale im Gehirn untersucht werden. Anhand der Daten konnten Daikoku und Yumoto feststellen, dass das statistische Lernen der Rhythmen in der linken Hemisphäre des Gehirns der Teilnehmer stattfand. Und, was wichtig ist: Es gab ein höheres Aktivitätsniveau bei denjenigen mit musikalischer Ausbildung, sei es in der japanischen oder der westlichen klassischen Musik.

„Wir erwarteten, dass Musiker im Vergleich zu Nichtmusikern ein starkes statistisches Lernen von ungewohnten Rhythmussequenzen aufweisen würden. Dies wurde in früheren Studien beobachtet, die sich mit Reaktionen auf unbekannte Melodien befassten. Also war dies an sich keine solche Überraschung“, sagte Daikoku. „Was aber wirklich interessant ist, ist dass wir Unterschiede in den neuronalen Reaktionen zwischen denjenigen feststellen konnten, die in japanischer oder westlicher klassischer Musik ausgebildet wurden“.

Gehirnentwicklung bei unterschiedlichen Erziehungskulturen

Diese Unterschiede zwischen japanischen und westlichen klassischen Musikern sind offenbar viel subtiler und zeigen sich in der neuronalen Verarbeitung von Komplexität im Rhythmus höherer Ordnung. Obwohl es nicht der Fall ist, dass die eine oder andere Kultur besser oder schlechter als die andere abschneidet, impliziert diese Erkenntnis, dass unterschiedliche kulturelle Erziehung und Bildungssysteme einen spürbaren Einfluss auf die Gehirnentwicklung haben können.

Japanische Musikerin mit der Bambusflöte Shakuhachi - Glarean Magazin
Japanische Musikerin mit der Bambusflöte Shakuhachi

„Diese Forschung ist Teil eines grösseren Puzzles, das wir erforschen wollen – das der Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den Sprachen und der Musik der Kulturen, und wie sie das Lernen und die Entwicklung beeinflussen“, sagte Daikoku. „Wir untersuchen auch die Musik als Mittel zur Behandlung von Entwicklungsstörungen wie etwa Sprachstörungen. Ich persönlich hoffe, dass das Interesse an klassischer japanischer Musik wieder erwacht; vielleicht wird diese Studie diejenigen, die mit solcher Musik nicht vertraut sind, dazu inspirieren, diesen wichtigen Teil der japanischen Kulturgeschichte zu hören und zu schätzen“. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema aussereuropäische Musik auch über Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient

… sowie zum Thema Musik-Psychologie: Klang und Timing – Das rhythmische Zentrum des Klangs

Holger Falk u.a: Il Gondoliere Veneziano (Musik-CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Venezianischer Gondel-Traum

von Horst-Dieter Radke

„Il Gondoliere Veneziano“ mit Arien von Cerruti, Tartini und Vivaldi nimmt den Hörer mit auf eine klangschöne, zauberhafte Reise durch die berühmte Lagunen-Stadt. Dabei werden gar live in Venedig aufgenommene Toncollagen integriert. Eine CD von und aus einer Stadt, die von Klängen und Musik lebt.

Il Gondoliere Veneziano - Holger Falk - Ensemble Nuovo Aspetto - Duo Merzouga - Tartini - VivaldiBei unserem letzten Venedigbesuch vor fünf Jahren sind wir nicht Gondel gefahren. Wir haben auch keinen Gondoliere singen gehört. Mitgenommen haben wir trotzdem den Eindruck, dass Venedig eine Stadt der Klänge ist, und zwar sehr unterschiedlicher. Morgens, wenn die Stadt sich langsam füllt, klingt sie anders als mittags, wenn der Strom der Touristen die Stadt fast zum Platzen bringt. Und zur gleichen Zeit wieder anders, wenn man ausweicht in Bereiche, die von den Tagesbesuchern nicht frequentiert werden, oder man mit dem Vaporetto zu entfernten Bereichen flieht. Abends, wenn die meisten die Stadt verlassen haben, meint man, sie habe ihre eigene Stimme zurückbekommen.

Auf den Wassern des Canale Grande

Beim Hören dieser CD entstand das Bild des Venedigs in mir, dass ich erlebt habe. Das liegt nicht unwesentlich an den Toncollagen, die vom Klang Duo Merzouga (Eva Pöpplein und Janko Hanushevsky) in Venedig aufgenommen und teilweise elektronisch ergänzt wurden. Es liegt natürlich auch an der Musik.

Bariton-Sänger Holger Falk - Glarean Magazin
Bariton Holger Falk (geb. 1972)

Bariton Holger Falk singt Lieder, welche die Gondoliere ehemals gesungen haben könnten. Zu hören sind sie in den Kanälen der Lagunenstadt schon lange nicht mehr, doch waren sie im 18. Jahrhundert in ganz Europa berühmt, und einige Sammlungen wurden veröffentlicht. Aus diesen bedient sich der Sänger reichlich, mischt auch noch anderes darunter, zum Beispiel eine Arie von Tartini. Diese ist ein ganz besonderer Leckerbissen, denn von Tartini gibt es sonst fast nur Instrumentalmusik zu hören.

Holger Falk wird bei seinen mit Engagement vorgetragenen Liedern – wozu durchaus auch ein schrilles Lachen gehört oder ein beiläufiges Vor-sich-hin-singen – vom Ensemble Nuovo Aspetto begleitet, einige singt er auch a capella. Dazwischen gibt es Instrumentalsätze von Vivaldi. Ein Programm, das zeigt, was Venedig ist: Eine Stadt, die von Klängen und Musik lebt.

Vielfältige Musik-Informationen

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Zu loben ist auch das ausführliche Booklet. Es enthält nicht nur Informationen zur Produktion und zu den Künstlern, sondern auch einiges über den musikalischen Hintergrund. Sogar Herr von Goethe kommt zu Wort, mit Auszügen aus seiner „Italienischen Reise„. Besonders schön ist, dass auch die Liedertexte enthalten sind, neben dem Original jeweils auch eine deutsche und englische Übersetzung. So weiss man, wovon Holger Falk so mitreissend singt: Von einer nächtlichen Gondelfahrt, von Liebe und Liebesverlust und von Armut. Am Ende weiss man mehr über die vergangene Musik der Gondoliere. Mag sie auf den Kanälen in Venedig nicht mehr zu hören sein – dass sie den Weg wieder in die Konzertsäle oder wenigstens auf die hauseigene Musikanlage gefunden hat, ist zu begrüssen.

Dieses Programm ist geeignet für ein breites Publikum, nicht nur für Liebhaber Alter Musik. In Zeiten, in denen die persönliche Reisefreiheit durch eine Pandemie eingeschränkt ist, verhilft diese CD zu einer virtuellen Reise an die Adria. Das ist mehr, als man von einer CD mit Alter Musik erwarten kann. ♦

Holger Falk (Bariton), Nuovo Aspetto, Duo Merzouga: Il Gondoliere Veneziano – A musical voyage through Venice, Audio-CD

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Italienische Klassik auch über Giuseppe Tartini: 4-parts Sonatas and Sinfonias (CD)

Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Sensibles Gespür für die intimen Passagen

von Christian Busch

Die junge norwegische Cello-Virtuosin Sandra Lied Haga (geb. 1994 in Oslo) legt im CD-Label Simax/Naxos mit Tschaikowskis „Rococo Variationen“ und Dvoraks Cello-Konzert ein beeindruckendes Album-Debüt vor, das einige andere renommierte Aufnahmen in verschiedener Hinsicht übertrumpft.

„Fragt nach dem Zauber nicht,
der mich erfüllt!
Ihr könnt die Seligkeit ja doch nicht fassen,
die seine Liebe mich hat fühlen lassen,
die Liebe, die nur mir, mir einzig gilt.“

Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak (CD) - Musik-Rezension
Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak

Aus diesem von Antonin Dvorak um die Jahreswende 1887/1888 vertonten Lied „Lasst mich allein“ von Ottilie Kleinschrod spricht ein seliges, in seiner unvergleichlichen Liebe ruhendes Herz, das sich – zum Schutz seiner kostbaren Liebe – der Welt verschliesst. Es ist das Lieblingslied von Dvoraks Schwägerin, der Gräfin Josefine Kaunic – und der Schlüssel zu Dvoraks berühmtem, 1895 in der Neuen Welt komponierten Konzert für Violoncello und Orchester op. 104 in h-moll.
Heimweh, Bestürzung über die schwere Erkrankung seiner Jugendliebe, aber auch optimistische Aufbruchsstimmung standen bei Dvoraks bedeutender Komposition mit symphonischen Ausmassen Pate. Als er vom Tode seiner ehemaligen Klavierschülerin erfährt, ändert er seine Partitur und integriert das schon im 2. Satz zitierte Lied auch in das Finale – das Konzert wird nun endgültig zum Hohelied der Liebe.

Aus Norwegens unendlicher Weite stammend

Sandra Lied Haga - Violoncello - Glarean Magazin
Technische Brillanz und sensitive Empathie: Die Cellistin Sandra Lied Haga

Aus der unendlich weiten Perspektive norwegischer Landschaft stammend, war Sandra Lied Haga schon im Alter von drei Jahren Teilnehmerin des Förderprogramms junger Talente am Barrat Due Institute of Music in Oslo und wurde, längst auf vielen internationalen Festivals präsent, jüngst mit dem Equinor Classical Music Award 2019 ausgestattet. Ihr zur Seite steht in dieser Aufnahme mit Konzertmitschnitten vom Februar und März 2019 aus der Great Hall des Moskauer Konservatoriums das State Academic Symphony Orchestra of Russia „Evgeny Svetlanov“ unter der Leitung von Terje Mikkelsen.

Und was man dort hört, ist schlicht überwältigend. Schon die konzentrierte, massvolle, bedächtige, aber niemals schleppende Einleitung lässt erkennen, dass es nicht um ein paar schmissige Effekte oder das blosse Auskosten „schöner Stellen“ geht, sondern um den Spannungsbogen, den „grossen Atem“ und die Seele des Werks.
Man staunt darüber, wenn Lied Haga ihren Part mit unverbrauchter Natürlichkeit, sicherem Instinkt und grosser Virtuosität zu einer überzeugenden, faszinierend schönen und berührenden Darbietung gestaltet. Fernab von Routine und Klischees gelingt ihr der fliessende Übergang von den extrovertierten Ausbrüchen bis zu den Momenten der wunderbar intimen, gesanglichen Introspektive.

Hohelied der Liebe

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Der zweite, aus dem Liedmotiv geformte Satz mutet wie ein inniges Liebesduett – über den Ozean hinweg – an, zunächst scheinbar zerbrochen, dann intensiviert durch die Nachricht der Erkrankung. Dass gerade die lyrischen Stellen – auch dank der grossartigen Partnerschaft zwischen Orchester und Solisten – besonders gelungen sind, liegt an der insgesamt sehr stimmigen und werkgetreuen Deutung Lied Hagas, die – von Mikkelsen und dem Orchester auf den vielzitierten „Händen getragen“ – dem Werk mit feinem Gespür und beglückender Sensibilität begegnet. Doch ragen diese berückend schön gespielten Momente nicht heraus, sondern sondern fügen sich nahtlos in die geschlossene und stimmige Darbietung. Es entspinnt sich ein über drei Sätze andauernder, intensiver Dialog, der Dvoraks letztes grosses Werk als „Hohe(s) Lied der Liebe“ geradezu neu entdeckt.

Blick für das Wesentliche

Peter Tschaikowski - Faksimile Titelseite Variationen über ein Rokoko-Thema - Cello-Part - Glarean Magazin
Handschriftliches Faksimile der Titelseite von Tschaikowskis „Variationen über ein Rokoko-Thema“ (Cello-Part gewidmet dem Cellisten G. Fitzenhagen)

Mit demselben unverstellten Blick für das Wesentliche nehmen die Ausführenden auch Peter Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“ ins Visier. Konzeptionell folgerichtig greifen sie dabei auf das Original zurück, statt auf die auf Wunsch von Tschaikowskys Cellisten Wilhelm Fitzenhagen geänderte Fassung, welche dem Solisten eine grössere Bühne der Selbstdarstellung bot.
Auch hier bestaunen wir den klaren, natürlich-schönen Ton der jungen Norwegerin, die in grossem Einvernehmen mit Orchester und Dirigent die Reminiszenz des Komponisten an eine andere Zeit, nämlich die Klangwelt des 18. Jahrhunderts (vor allem die des jungen W.A. Mozart) zum Leben erweckt.

Sandra Lied Haga legt also mit diesen zwei Romantik-Einspielungen ein grossartiges Debütalbum vor. Ihr Ton ist von natürlicher „nordischer“ Klarheit, doch ebenso zeigt sie ein sensibles Gespür für die intimen Passagen dieser Standardwerke des romantischen Repertoires. Sie erliegt nie der Versuchung einer Selbstdarstellung, sondern dringt werkgetreu zum Kern der Werke vor, auch dank ihrer gleichwertigen Partner. Damit stellt sie so manche Aufnahme renommierter Künstler und Plattenlabels in den Schatten. Eine schöne Entdeckung. ♦

Peter Tchaikovsky: Variations on a Rococo Theme op. 33 (Original Version); Antonin Dvorak: Celle Concerto in B Minor op. 104 – Sandra Lied Haga (Cello), The State Academic Symphony Orchestra of Russia ‘Evgeny Svetlanov‘, Terje Mikkelsen, Simax Classics (Naxos)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Cello-Musik auch über Sol Gabetta: Cello-Konzert von Edward Elgar


English Translation

Sensitive feeling for the intimate passages

The young Norwegian cello virtuoso Sandra Lied Haga (born in Oslo in 1994) makes an impressive album debut on the Simax/Naxos CD label with Tchaikovsky’s „Rococo Variations“ and Dvorak’s Cello Concerto, outdoing several other renowned recordings in various ways.

„Don’t ask about the magic,
that fills me!
You can’t believe the bliss,
that his love made me feel,
the love that is only for me, only for me.“

From this song „Leave me alone“ by Ottilie Kleinschrod, set to music by Antonin Dvorak at the turn of 1887/1888, speaks a blessed heart, resting in its incomparable love, which – to protect its precious love – closes itself off from the world. It is the favourite song of Dvorak’s sister-in-law, Countess Josefine Kaunic – and the key to Dvorak’s famous Concerto for Violoncello and Orchestra op. 104 in B minor, composed in the New World in 1895.
Homesickness, dismay at the serious illness of his childhood love, but also an optimistic mood of departure were the inspiration for Dvorak’s important composition of symphonic dimensions. When he learns of the death of his former piano pupil, he changes his score and integrates the song quoted in the second movement into the finale – the concerto now finally becomes the Song of Songs of Love.

Coming from Norway’s infinite vastness

Coming from the infinitely wide perspective of the Norwegian landscape, Sandra Lied Haga was already at the age of three a participant in the Young Talent Promotion Programme at the Barrat Due Institute of Music in Oslo and, long since present at many international festivals, was recently awarded the Equinor Classical Music Award 2019. In this recording of concert recordings of February and March 2019 from the Great Hall of the Moscow Conservatory, she is accompanied by the State Academic Symphony Orchestra of Russia „Evgeny Svetlanov“ conducted by Terje Mikkelsen.

And what you hear there is simply overwhelming. Even the concentrated, measured, thoughtful, but never sluggish introduction makes it clear that it is not about a few snappy effects or the mere savouring of „beautiful passages“, but about the tension, the „great breath“ and the soul of the work.
One is amazed when Lied Haga shapes her part with unspent naturalness, sure instinct and great virtuosity to a convincing, fascinatingly beautiful and touching performance. Far away from routine and clichés, she succeeds in making the smooth transition from the extroverted outbursts to the moments of the wonderfully intimate vocal introspection.

Song of Love

The second movement, formed from the song motif, seems like an intimate love duet – across the ocean – at first seemingly broken, then intensified by the news of illness. The fact that the lyrical passages in particular – also thanks to the great partnership between orchestra and soloists – are particularly successful is due to the overall very coherent and faithful interpretation of Haga’s song, which – carried by Mikkelsen and the orchestra on the much-quoted „hands“ – meets the work with fine feeling and delightful sensitivity. However, these enchantingly beautifully played moments do not stand out, but rather fit seamlessly into the closed and coherent performance. An intensive dialogue develops over three movements, which almost rediscovers Dvorak’s last great work as the „Song of Love“.

An eye for the essential

With the same undisguised eye for the essential, the performers also take aim at Peter Tchaikovsky’s „Rococo Variations“. Conceptually logical, they fall back on the original, instead of the version modified at the request of Tchaikovsky’s cellist Wilhelm Fitzenhagen, which offered the soloist a larger stage for self-expression.
Here, too, we marvel at the clear, naturally beautiful tone of the young Norwegian who, in great agreement with orchestra and conductor, brings to life the composer’s reminiscence of another time, namely the sound world of the 18th century (especially that of the young W.A. Mozart).

Sandra Lied Haga thus presents a great debut album with these two romantic recordings. Her tone is of natural „Nordic“ clarity, but she also shows a sensitive feeling for the intimate passages of these standard works of the romantic repertoire. She never succumbs to the temptation of self-portrayal, but penetrates the core of the works faithfully, also thanks to her equal partners. In this way she outshines many a recording by renowned artists and record labels. A beautiful discovery. ♦

Peter Tchaikovsky: Variations on a Rococo Theme op. 33 (original version); Antonin Dvorak: Celle Concerto in B Minor op. 104 – Sandra Lied Haga (cello), The State Academic Symphony Orchestra of Russia ‚Evgeny Svetlanov“, CD-Label Naxos

(Links and Pictures above)

Simone Frieling: Ludwig van Beethoven (Scherenschnitt)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Zum 250. Geburtsjahr eines zeitlosen Komponisten

Simone Frieling - Ludwig van Beethoven - Scherenschnitt - Grafik - Glarean Magazin
„Musik ist so recht eine Vermittlung des geistigen Wesens zum sinnlichen.“ Ludwig van Beethoven (17. Dezember 1770 – 26. März 1827)

Farbiger Scherenschnitt: Ludwig van Beethoven aus Anlass seines
250. Geburtsjahres

Copyright 2/2020 by Simone Frieling

Weitere Scherenschnitte von Simone Frieling im Glarean Magazin

Lesen Sie zum Thema Beethoven ausserdem über den Musik-Kalender 2020 der Edition Momente: Beethoven und ich

Musik-Kalender 2020 – „Beethoven und ich“

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

53 Bekenntnisse zu Beethoven

von Walter Eigenmann

Im kommenden Jahr 2020 begeht die Musikwelt einmal mehr ein Jubiläum der Superlative, nämlich das 250. Geburtsjahr von Ludwig van Beethoven. Die Musikforscher werden sich überschlagen mit neuen Analysen der Werke des „Titanen“, die Labels werden ihre alt-verstaubten Gesamtaufnahmen seiner Sonaten und Sinfonien aus ihren Vinyl-Gräbern schaufeln, die Mono- und Biographen zum x-sten Male die Entstehungsgeschichte von „Für Elise“ aufkochen, die Merchandise-Industrie ihre T-Shirts mit „Ode an die Freude“ oder „Eroica“ drauf in die Kleiderläden bugsieren, und es wunderte nicht, wenn auch die Film-Regisseure den einen oder anderen neuen Beethoven-Streifen ins Kino hievten.

Der Musik-Kalender 2020 - Beethoven und ich - Cover - Glarean MagazinKein Zweifel besteht jedenfalls darüber, dass die Konzertsäle bald weltweit überquellen werden vor lauter Beethoven. Denn für den Kult um solche ausholenden, extrem dominanten Jahrhundert-Genies wie Beethoven ist unsere 2.0-Welt wie geschaffen. Ob heutzutage derartige Jubiläen einer solch singulären Erscheinung wie Beethoven allerdings auch nur ansatzweise gerecht werden können, oder ob’s bei den üblichen pietätvollen Häppchen in den Social Medias bleibt, muss je am Einzelergebnis solcher „Erinnerungsarbeit“ festgemacht werden. Immerhin sind allenthalben regelrechte Monster-Zyklen angekündigt im Beethoven-Jahr 2020, wie beispielsweise bei der deutschen Beethoven-Jubiläums-GmbH (BTHVN 2020).

Zitaten-Schatz der Zeitgenossen

Eine Möglichkeit, zumindest skizzenhaft den Einfluss Beethovens seinerzeit und heute zu umreissen, ist jene, die der Verlag „Edition-Momente“ beschritt mit seinem neuen Musik-Kalender 2020 unter dem Titel „Beethoven und ich“, nämlich jene Leute zu Worte kommen zu lassen, die professionell und unvermittelt mit dem Menschen Beethoven und seinem Werk befasst waren oder sind: Seine (komponierenden oder interpretierenden) Zeitgenossen, seine heutigen Realisierenden in den Orchestern und Kammerensembles, kurzum jene Musik-Verständigen, die an ihm in den Konzertsälen, Plattenstudios und Bücherstuben unmöglich vorbeikamen und noch immer nicht vorbeikommen.

Hymnen und Erinnerungen im Wochentakt

Probeseite aus Musik-Kalender 2020 - Beethoven und ich - Edition Momente - Glarean Magazin
Probeseite aus dem „Musik-Kalender 2020“ mit einem Statement von Luigi Nono

Beginnend mit dem ersten Januar-Blatt und dem legendären Beethoven-Konzert, das der Pianist Arturo Benedetti Michelangeli 1942 in Rom gab, bis hin zur letzten Dezember-Woche bzw. zum Zitat des Cellisten Pablo Casals, das Beethovens 9. Sinfonie als „Wunder“ verherrlicht, bindet der Kalender auf 53 Wochenblättern einen eindrucksvollen Strauss von Erinnerungen, Gesprächen, Bekenntnissen, Zitaten, Bildern, Fotos, Zeichnungen, Notizen und Anekdoten von Claudio Arrau und Leonard Bernstein oder Johannes Brahms über Sergiu Celibidache oder Clara Haskil bis hin zu Gustav Mahler, Gioacchino Rossini oder Günter Wand.

Ob Komponisten oder Dirigenten oder Instrumentalisten – sie alle zollen einem ganz grossen der menschlichen Kulturgeschichte ihren Respekt, und nicht immer ist endgültig klar, ob die Verehrung einem Künstler oder nicht doch eher einem Gott gilt… Womit wir wieder glücklich im Musik-Olymp und bei den Podesten gelandet sind, auf die solche Exemplarischen halt – erst recht aus so grosser Zeitdistanz – immer noch gerne gestellt werden.

Beeindruckendes Puzzle über einen Giganten

Ungeachtet aller Glorifizierung verdichtet diese facettenreiche Kalender-Sammlung aber durchaus zahlreiche Puzzle-Stücke zu einer eindrücklichen Gesamtschau, die sich dem Menschen Beethoven und seinem Werk unterhaltsam, reichhaltig, vielseitig, ja schillernd, und teilweise beeindruckend nähert.

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Der Kalender kommt layouterisch sehr ästhetisch daher, mit intelligent ausgewählten Bezügen, seien diese direkt-musikalischer oder „nur“ biographischer Natur, und mit sehr ansprechendem, teils unbekanntem Bild-Material. ausserdem fällt verdienstvoll ins Auge: Die 60-blättrige Anthologie versammelt nicht nur männliche Beethoven-Adepten, sondern auch zahlreiche Frauen mit ihren bedeutungsvollsten Beiträgen, musikalischen Bezügen, und ja: menschlichen Beziehungen über und zu Beethoven. Namentlich seien nur Fanny Hensel (Komponistin), Jenny Lind (Sopranistin) oder Myra Hess (Pianistin) hervorgehoben.

Informativer und ästhetischer Tour d’Horizon

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Ein jeder der Kalender-Tage 2020 ist über den je ganzseitigen Fokus hinaus mit den entspr. Geburts- bzw. Todeszahlen von hunderten weiterer Musik-Berühmtheiten aus vergangener und jüngster Zeit garniert.
Alles in allem ein Musik-Kalender, der weniger als hübscher Memory-Wandschmuck taugen will denn als ästhetischer und informativer Tour d’Horizon über einen Komponisten, der Musikgeschichte geschrieben hat wie kein zweiter – und seit 250 Jahren ausstrahlt bis in unsere Tage hinein. ♦

Edition Momente: Der Musik-Kalender 2020 – Beethoven und ich, 60 Blätter, ISBN 978-3-0360-3020-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema auch über
Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien

… sowie als grafische Ehrerbietung den neuen künstlerischen Scherenschnitt von Simone Frieling: Ludwig van Beethoven

Weitere Beiträge über Beethoven im Internet:

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Giya Kancheli: Letters to Friends (Musik-CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Filmmusik für Freunde

von Horst-Dieter Radke

Filmmusik hat sich längst von der ausschliesslichen Funktion, die Handlung eines Films angemessen zu untermalen, befreit. Sie ist schon bei Hitchcock manchmal Teil der Handlung, zum Beispiel in „The Man Who Knew Too Much“, das er zweimal verfilmte (1934 & 1956). Seit den 1960er Jahren wurde manche Filmmusik auch abseits der Kinosäle zu einem Verkaufsschlager, etwa die Musik zu den Karl May Filmen von Martin Böttcher. Und seit der Jahrtausendwende gehen ganze Orchester mit Filmmusik auf Tournee, mal um einen Film live zu begleiten, meist aber im Konzertsaal ohne flimmernde Bilder an der Leinwand, etwa mit der Musik zur „Herr-der-Ringe“-Trilogie.

Giya Kancheli - Letters to Friends - CD-Cover - Glarean MagazinDoch bereits seit den frühen 1930er Jahren, fast also vom Beginn des Tonfilms an, konnten für die Aufgabe der musikalischen Untermalung eines Films bedeutende Komponisten gewonnen werden, etwa Erich Wolfgang Korngold, Michael Nyman, Philipp Glass, um nur wenige Namen einmal willkürlich herauszugreifen. Andere Komponisten wurden überhaupt durch ihre Filmmusik so bekannt wie die Filmschaffenden selbst: Ennio Morricone, John Williams und Hans Zimmer, um drei Ikonen zu nennen. Wie angekommen die Filmmusik im klassischen Konzertbetrieb ist, zeigt Stargeigerin Anne-Sophie Mutter, die neuerdings mit Musik des Komponisten John Williams auftritt und Musik aus Star Wars, Harry Potter und anderen Filmen spielt, dazu auch ein Album aufnahm.

Score from the podium: Only the stars!

Der georgische Komponist Giya Kancheli (geb. 1935 in Tiflis) - Glarean Magazin
Giya Kancheli

John Williams ist ebenfalls eine sichere Sache. Seinen Namen kennen auch Leute, die sonst ausserhalb des aktuellen Pop-Programms keine Namen kennen. Von Gija Kancheli haben aber auch viele Klassikhörer noch nichts gehört, zumindest diejenigen, die auf die üblichen Klassiker setzen. Bei einer persönlichen kleinen Umfrage konnte ich das feststellen, aber auch, dass er für einige schon so als eine Art „Geheimtipp“ gilt. Für mich ist er das, seit ich die CD „Letters To Friends“ kenne, auch.

From stage and film to the friends

Soeben erreichte uns die Nachricht, dass Giya Kancheli gestern (2. Oktober 2019) mit 84 Jahren in seiner Geburtsstadt Tiflis gestorben ist. 1935 geboren, besuchte er ab 1959 das Staatliche Konservatorium in Tiflis, wo er Komposition studierte. Als freischaffender Komponist schuf er Symphonien und andere Orchesterwerke, Kammermusik und vor allem Musik zu zahlreichen Filmen und Theaterwerken. Ab 1991 lebte er überwiegend in Westeuropa, unter anderem in Berlin und Antwerpen. (HD-R)

Die „Letters to Friends for Violin and String Orchestra“ ist nun nicht einfach die Musik, die den Filmen unterlegt war. Kancheli hat die Themen einiger Orchester- und Bühnenmusiken genommen und zunächst für Klavier, später für Klavier und Violine bearbeitet, oder besser gesagt: umgearbeitet. Als der italienische Geiger Andrea Cortesi ihn um ein Violinkonzert bat, nahm er sich das Material noch einmal vor. Uraufgeführt wurde es im Juli 2017 mit den Georgian Strings in Tiflis, mit denen auch die Einspielung dieser CD stattfand.

Giya Kancheli - She Is Here - Filmmusik aus Sherekilebi (1974) - Glarean Magazin
Notenbeispiel: Beginn von „She Is Here“ (Musik zum Film „Sherekilebi“, Georgien 1974) von Giya Kancheli

Die einzelnen kurzen Sätze – insgesamt 25, manche kaum eineinhalb Minuten, das längste viereinhalb Minuten –, sind jeweils einer bestimmten Person gewidmet, etwa das letzte „Letter to director Robert Sturua (1938)“, mit dem er am Rustaweli-Theater in den 1960er und 1970er Jahren zusammengearbeitet hatte. Die Musik stammt aus den Bühnenmusiken zu „Richard III“ von William Shakespeare. Von den Filmemachern und ihren Filmen – etwa Liana Eliava, Levan Chelidze und Zaira Arsenishvili – hat man hierzulande eher noch nichts gehört. Andere wie Lana Gogoberidze haben es aber auch schon auf die internationalen Filmfestspiele von Cannes gebracht (1984). Das ist beim Hören aber durchaus von Vorteil. Keine Bilder aus dem Film oder von der Bühne lenken unnötig von der Musik ab.

Tagträumend durch die Themen hören

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Die Vielfalt der Themen und Melodien machen das Hören der CD zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Bei dem einem Stück wähnt man sich in die Zeiten der 1940er Jahre zurück versetzt, anderes klingt überraschend modern – niemals aber atonal. Der Interpret Andrea Cortesi schreibt dazu im Booklet: „These pieces are daydreams. And not the renderings of fantasy an dunconscious, but states of limpid sensitivity and consiscouness. It is precisely when the breaths of our feelings and thoughts touch the profile of the sound that there are not many differences between what is physical and what ist beeyond it.“ Besser lässt sich das nicht formulieren.
Cortesi macht seine Sache bei dieser Musik gut. Er ist immer präsent und nicht zu überhören. Und doch ist er oft so verwoben mit dem Kammerorchester, dass er niemals wie ein Fremdkörper wirkt, sondern wie „einer der ihren“. Und obwohl das Orchester gut besetzt ist – sechs mal Violine 1, fünf mal Violine 2, fünf mal Viola, drei Celli und einen Kontrabass – klingt alles eher wie Kammermusik denn wie ein Orchester – sehr intim.

FAZIT: „Letters To Friends“ von Giya Kancheli sind 65 Minuten unterhaltende (Film-)Musik. Aber diese kleinen Miniaturen sind mehr als nur Unterhaltung, auch wenn das sich als erster Eindruck einstellt. Die vielen kurzen, teils filigranen Themen fordern zum intensiven Mithören heraus. Und alles interpretiert von hervorragenden Musikern – Kaufempfehlung!

Zusammengefasst: „Letters To Friends“ von Giya Kancheli sind 65 Minuten unterhaltende Musik. Aber diese kleinen Miniaturen sind mehr als nur Unterhaltung, auch wenn das sich als erster Eindruck einstellt. Die vielen kleinen, teils filigranen Themen fordern zum intensiven Mithören heraus, und wenn man dann entdeckt, das sich in einem solchen Stück nicht nur ein, sondern auch zwei Themen verstecken, erlebt man sogar so etwas wie ein Glücksgefühl. Dabei alles interpretiert von hervoragenden Musikern, Solist wie Orchester – etwas Besseres konnte dem Komponisten nicht passieren, was Kancheli selbst auch so sieht und persönlich im Vorwort des Booklets zum Ausdruck bringt. ♦

Giya Kancheli: Letters to Friends – For Violin and String Orchestra, Andrea Cortesi (Violine), Georgian Strings, Brillant Classics

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Moderne Klassik auch über
Dirk Maassen: Avalanche – Brücke zwischen den Welten

… sowie zum Thema Musik für Violine über
Erik Chisholm: Violinkonzert & Dance Suite

Weitere interessante CD-Besprechungen im GLAREAN von
Giuseppe Tartini: 4-parts Sonatas and Sinfonias

… sowie von „Bright Is The Ring Of Words“ für Bariton & Klavier


English Translation

Film music for friends

by Horst-Dieter Radke

Film music has long since freed itself from its exclusive function of providing an appropriate background to the plot of a film. In Hitchcock’s film „The Man Who Knew Too Much“, for example, which he filmed twice (1934 & 1956), it is sometimes part of the plot. Since the 1960s some film music became a bestseller even outside the cinemas, for example the music for the Karl May films by Martin Böttcher. And since the turn of the millennium entire orchestras have been touring with film music, sometimes to accompany a film live, but mostly in concert halls without flickering pictures on the screen, for example with the music for the „Herr-der-Ringe“ trilogy.

But as early as the early 1930s, almost from the beginning of the sound film, important composers such as Erich Wolfgang Korngold, Michael Nyman and Philipp Glass have been won over to the task of providing a musical background for a film, to pick out just a few names at random. Other composers became as famous for their film music as the filmmakers themselves: Ennio Morricone, John Williams and Hans Zimmer, to name three icons. Star violinist Anne-Sophie Mutter, who recently appeared with music by composer John Williams and plays music from Star Wars, Harry Potter and other films, also recorded an album to show how well film music has arrived in the classical concert business.

Score from the podium: Only the stars!

Picture: Giya Kancheli

John Williams is also a sure thing. Even people who don’t know any names outside the current pop program know his name. But many classic listeners haven’t heard of Gija Kancheli, at least those who rely on the usual classics. In a small personal survey I was able to find out that, but also that he is a kind of „insider tip“ for some. For me it is the same since I’ve known the CD „Letters To Friends“.

From stage and film to the friends

Box: We have just received the news that Giya Kancheli died yesterday (October 2, 2019) at the age of 84 in his native Tbilisi. Born in 1935, he attended the State Conservatory in Tbilisi from 1959, where he studied composition. As a freelance composer he created symphonies and other orchestral works, chamber music and above all music for numerous films and theatre works. From 1991 he lived mainly in Western Europe, including Berlin and Antwerp. (HD-R)

The „Letters to Friends for Violin and String Orchestra“ is not just the music that was underlaid by the films. Kancheli took the themes of some orchestral and stage music and first arranged them for piano, later for piano and violin, or rather: reworked them. When the Italian violinist Andrea Cortesi asked him for a violin concerto, he took up the material again. It was premiered in July 2017 with the Georgian Strings in Tbilisi, with which the recording of this CD also took place.

Picture: Beginning of „She Is Here“ (music for the film „Sherekilebi“, Georgia 1974) by Giya Kancheli

The individual short movements – a total of 25, some barely one and a half minutes, the longest four and a half minutes – are each dedicated to a specific person, such as the last „Letter to director Robert Sturua (1938)“, with whom he worked at the Rustaweli Theater in the 1960s and 1970s. The music comes from the stage music for „Richard III“ by William Shakespeare. The filmmakers and their films – such as Liana Eliava, Levan Chelidze and Zaira Arsenishvili – have not yet been heard of in Germany. But others like Lana Gogoberidze have already made it to the Cannes International Film Festival (1984). But that’s an advantage when it comes to listening. No pictures from the film or from the stage unnecessarily distract from the music.

Daydreaming listening through the themes

The variety of themes and melodies make listening to the CD an entertaining experience. One piece seems to take you back in time to the 1940s, the other sounds surprisingly modern – but never atonal. The interpreter Andrea Cortesi writes in the booklet: „These pieces are daydreams. And not the renderings of fantasy an dunconscious, but states of limpid sensitivity and consiscouness. It is precisely when the breaths of our feelings and thoughts touch the profile of the sound that there are not many differences between what is physical and what ist beeyond it.“ There is no better way to formulate this.
Cortesi’s doing well with this music. He is always present and not to be overheard. And yet he is often so interwoven with the chamber orchestra that he never seems like a foreign body, but like „one of theirs“. And although the orchestra is well staffed – six times violin 1, five times violin 2, five times viola, three cellos and a double bass – everything sounds more like chamber music than like an orchestra – very intimate.

Box: CONCLUSION: „Letters To Friends“ by Giya Kancheli are 65 minutes of entertaining (film) music. But these little miniatures are more than just entertainment, even if it turns out to be a first impression. The many short, partly filigree themes challenge you to listen to them intensively. And all interpreted by outstanding musicians – buy recommendation!

In summary: „Letters To Friends“ by Giya Kancheli are 65 minutes of entertaining music. But these little miniatures are more than just entertainment, even if it turns out to be a first impression. The many small, sometimes filigree themes challenge you to listen to them intensively, and when you discover that not only one but also two themes are hidden in such a piece, you even experience something like a feeling of happiness. Everything interpreted by outstanding musicians, soloists and orchestras – something better could not happen to the composer, which Kancheli himself sees and personally expresses in the preface of the booklet. ♦ (All links above)