Sandra Kegel: Prosaische Passionen (Short Stories)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Frauen der Feder“

von Sigrid Grün

101 Kurz­ge­schich­ten von Frauen hat die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Lei­te­rin des FAZ-Feuil­le­tons San­dra Kegel in ihrer Antho­lo­gie „Pro­sa­ische Pas­sio­nen“ zusam­men­ge­stellt. Eine Samm­lung von Short Sto­ries, die mich abso­lut über­zeu­gen konnte, zeigt sie doch auf, wie viel­fäl­tig weib­li­ches Schrei­ben welt­weit ist. Es sind Texte ab dem Jahr 1900, die Lite­ra­tur­in­ter­es­sierte berüh­ren und ver­stö­ren, begeis­tern und aufwühlen.

Prosaische Passionen: Die weibliche Moderne in 101 Short Stories - Übersetzungen aus 25 Weltsprachen Gebundene Ausgabe - Sandra KegelGibt es Frau­en­li­te­ra­tur im Sinne eines spe­zi­fisch weib­li­chen Schrei­bens, das als sol­ches auch ein­deu­tig erkannt wer­den kann? Die schot­ti­sche Schrift­stel­le­rin A.L. Ken­nedy ver­neint dies ganz klar: „Frau­en­li­te­ra­tur gibt es nicht – genauso wenig wie Links­hän­der­li­te­ra­tur oder Rot­haa­ri­gen­li­te­ra­tur.“ Mit Blick auf den lite­ra­ri­schen Kanon muss aller­dings fest­ge­stellt wer­den, dass über Jahr­hun­derte hin­weg Män­ner­li­te­ra­tur domi­nierte. Lese­rin­nen und Leser konn­ten ledig­lich den männ­li­chen Blick auf die Welt erkun­den. Der männ­lich domi­nierte Kanon war nicht zuletzt dem Pro­zess der Kano­ni­sie­rung selbst geschul­det, der eben­falls geschlech­ter­ideo­lo­gisch vor­ein­ge­nom­men war.

Frauenliteratur = Schundliteratur

Obwohl Frauen zu allen Zei­ten lite­ra­risch aktiv waren, schenkt die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ihnen erst seit den 1970er Jah­ren mehr Auf­merk­sam­keit. Erst ab der Jahr­hun­dert­wende (vom 18. zum 19. Jahr­hun­dert) wurde das Schrei­ben Frauen über­haupt als Beruf erlaubt. Noch Goe­the hatte in die­sem Zusam­men­hang eine Rede über den „Dilet­tan­tism der Wei­ber“ ver­fasst und ein Jahr­hun­dert spä­ter (1906) ver­öf­fent­lichte Theo­dor Wahl die Schrift „Die weib­li­che Gefahr auf lite­ra­ri­schem Gebiete„. Darin erklärte er, dass Frauen ledig­lich „aus Not oder Geld­sucht“ schrie­ben und machte sie „für den Mas­sen­be­trieb der Bel­le­tris­tik verantwortlich“.

"Kraftvolles weibliches Schreiben": Herausgeberin Sandra Kegel
„Kraft­vol­les weib­li­ches Schrei­ben“: Her­aus­ge­be­rin San­dra Kegel

Lite­ra­tur von Frauen galt also als Schund­li­te­ra­tur. Diese Auf­fas­sung änderte sich nur lang­sam. Doch die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin San­dra Kegel, die seit 2019 das Feuil­le­ton der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“ lei­tet und Mit­glied des Kri­ti­ker­quar­tetts der Lite­ra­tur­sen­dung „Buch­zeit“ ist, zeigt ein­drucks­voll auf, wie kraft­voll weib­li­ches Schrei­ben ist. 101 Kurz­ge­schich­ten, die ab dem Jahr 1900 ent­stan­den sind, reprä­sen­tie­ren zahl­rei­che Facet­ten weib­li­cher Erzählkunst.
Ent­hal­ten sind Texte von bekann­ten Ver­tre­te­rin­nen des Gen­res „Kurz­ge­schichte“, etwa Edith Whar­ton und Kathe­rine Mans­field. Aber auch Marina Zweta­jewa und Else Las­ker-Schü­ler, die eher für ihre Lyrik bekannt sind, haben hier ihren Platz gefun­den. Die Nobel­preis­trä­ge­rin­nen Doris Les­sing, Sig­rid Und­set und Selma Lager­löf sind natür­lich eben­falls ver­tre­ten. Und natür­lich fehlt auch Vir­gi­nia Woolf nicht, deren Text „Der Fleck an der Wand“ 1917 ent­stan­den ist.

Experimentierfreude und Realismus

Zwi­schen Expe­ri­men­tier­freude und psy­cho­lo­gi­schem Rea­lis­mus, Har­lem Renais­sance und japa­ni­scher Erzähl­kunst ist ein span­nen­des Spek­trum an unter­schied­lichs­ten Sti­len gebo­ten. Beson­ders inter­es­sant fand ich per­sön­lich die mir bis­her unbe­kann­ten Autorin­nen, etwa die kana­di­sche Häupt­lings­toch­ter Tekahion­wake, Rokeya Sak­ha­wat Hossain aus Bri­tisch-Indien (heute Ban­gla­desch), Kate Robin­son aus Wales, die Fin­nin Solv­eig von Schoultz und die Grie­chin Gala­tea Kazantzaki.

Anzeige Amazon: In medias res - 222 Aphorismen - Walter Eigenmann
Anzeige

Pro­sa­ische Pas­sio­nen“ ist eine Antho­lo­gie, für die man sich Zeit neh­men sollte. An man­chen Tagen konnte ich nur einen ein­zi­gen Text lesen und ver­ar­bei­ten – etwa die ledig­lich drei Sei­ten umfas­sende Geschichte „Pro­sti­tu­iert“ der in fran­zö­si­scher Spra­che schrei­ben­den Nie­der­län­de­rin Neel Doff (1858-1942), die in ihrem auto­bio­gra­phi­schen Text davon berich­tet, wie sie sich bereits in jun­gen Jah­ren pro­sti­tu­ie­ren musste, um für den Lebens­un­ter­halt der Fami­lie zu sor­gen. Nach­dem ein Freier sie nicht bezahlt hat, nötigt ihre Mut­ter sie dazu, wei­ter­zu­ma­chen: „Wenn wir mit lee­ren Hän­den zurück­kom­men, wer­den sie ster­ben“. Gemeint sind die klei­nen Geschwis­ter des Mäd­chens, das die Fami­lie ernäh­ren muss und die von ihrer Fami­lie geop­fert wird, um über­le­ben zu kön­nen: „Die Leich­tig­keit, mit der sich meine Eltern an die­sen Zustand gewöhn­ten, nährte in mir den Über­druss, der mit jedem Tag wuchs. Sie hat­ten ver­ges­sen, dass ich, die Hüb­scheste ihrer Brut, mich Abend um Abend für jeden, der vor­über­kam, pro­sti­tu­ierte. Zwei­fel­los gab es für uns keine andere Mög­lich­keit, dem Hun­ger­tod zu ent­ge­hen, doch ich konnte es nicht ertra­gen, dass diese Gefäl­lig­keit ein­fach so hin­ge­nom­men wurde, ohne jene Empö­run­gen und Ver­wün­schun­gen, die mich Tag und Nacht umtrieben.“

Facettenreiche Sammlung

Virginia Woolf - Ikone der Frauenliteratur - Glarean Magazin
Ikone der Frau­en­li­te­ra­tur: Vir­gi­nia Woolf (1882-1941)

Pro­sa­ische Pas­sio­nen“ ist eine der­art facet­ten­rei­che Samm­lung, dass ich sie lite­ra­risch Inter­es­sier­ten nur ans Herz legen kann. Wie arm wäre die Lite­ra­tur ohne weib­li­che Erzäh­le­rin­nen! San­dra Kegel ist eine Aus­wahl geglückt, die ich aus­ge­spro­chen gelun­gen finde. Natür­lich habe ich einige Autorin­nen auch ver­misst – etwa die Nobel­preis­trä­ge­rin Alice Munro, eine Meis­te­rin der Short Story, die schon einer jün­ge­ren Gene­ra­tion als die in die­sem Band ver­sam­mel­ten Autorin­nen ange­hört. Aber das Werk erhebt ja kei­ner­lei Anspruch auf Vollständigkeit.
Ergänzt wird der umfang­rei­che Band durch ein sehr infor­ma­ti­ves Nach­wort und aus­führ­li­che Autorin­nen­vi­ten, die auch eine bio­gra­phi­sche Ein­ord­nung ermög­li­chen. Es ist eine abwechs­lungs­rei­che und span­nende Aus­wahl, die pro­blem­los zahl­rei­che Nach­fol­ge­bände haben könnte. ♦

San­dra Kegel (Hrsg.): Pro­sa­ische Pas­sio­nen – Die weib­li­che Moderne in 101 Short Sto­rys, 928 Sei­ten, Manesse Ver­lag, ISBN 978-3-7175-2546-2

Lesen Sie zum Thema weib­li­che Lite­ra­tur auch über Euro­päi­sche Frau­en­be­we­gun­gen im 19. und 20. Jahrhundert

… sowie über Jane Ger­hard und Dan Tucker: Femi­nis­mus (Bild­band)


Der GLAREAN-Her­aus­ge­ber bei INSTAGRAM


Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)