Der Serien-Report über Schachzeitschriften (3): SCHWEIZERISCHE SCHACHZEITUNG

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Das älteste deutschsprachige Schachmagazin

von Mario Ziegler

Wir leben im digitalen Zeitalter – auch das Schach und seine millionenfachen Adepten. Persönliches Handy und heimische Computersoftware geben längst den Takt an beim Königlichen Spiel. Daneben existieren aber nach wie vor eine Reihe traditionsreicher Print-Medien. Der neue Serien-Report im GLAREAN MAGAZIN über Schachmagazine stellt die wichtigsten nationalen und europäischen Titel vor.
Heute: Die SCHWEIZERISCHE SCHACHZEITUNG.

„Nicht in meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir jemals vorstellen können, solche Schreckens-Schlagzeilen über News auf der Website des Schweizerischen Schachbundes (SSB) platzieren zu müssen. Doch die Folgen des tückischen Corona-Virus zeitigten auch auf den Schachsport gravierende Auswirkungen.“

Mit diesen Worten beginnt der Chefredakteur der Schweizer Schachzeitung Dr. Markus Angst sein Vorwort der Ausgabe 3/2020. Das Corona-bedingte Erstarren des weltweiten Spielbetriebs sind seit dem Ausbruch der Pandemie beherrschende Themen aller Schachmedien. Seit dem Abbruch des Kandidatenturniers in Jekaterinburg Ende März herrschte zumindest „offline“ Flaute im Schach, was sich natürlich auf die Berichterstattung aller Schachzeitschriften auswirkte. Ich nehme in der folgenden Besprechung die „Schweizer Schachzeitung“ in den Blick und beziehe mich auf die Ausgaben 1, 2 und 3 des Jahres 2020, also das letzte „normale“ Heft vor dem Ausbruch der Pandemie und die beiden folgenden, in denen sich die Einschränkungen immer stärker widerspiegelten.

Chefredakteur seit 26 Jahren: Markus Angst

Markus Angst - Chefredakteur Schweizerische Schachzeitung 2020 - Rezension Glarean Magazin
Aktuell, kompetent, schachbegeistert – und seit über 25 Jahren im Amt: Chefredakteur und SSB-Mediensprecher Markus Angst

Die „Schweizer Schachzeitung“ (SSZ), das offizielle Organ des Schweizerischen Schachbundes, wurde 1900 begründet, womit sie das älteste noch existierende deutschsprachige Schachmagazin ist. Sie erscheint sechsmal im Jahr in einer Auflage von 6000 Exemplaren und wird allen aktiven Schweizer Schachspielern und -spielerinnen zugestellt. Das Format ist A5, der Druck schwarzweiß, der Umfang etwa 50 Seiten (die Ausgabe 3/2020 umfasst lediglich 36 Seiten, was aber sicher der skizzierten Corona-Flaute geschuldet ist).
Als besonderen Service bietet die „Schweizer Schachzeitung“ alle Ausgaben seit 2000 zum Download an, die jeweils aktuelle allerdings mit einer zeitlichen Distanz zur Printausgabe. Chefredakteur ist seit 1994 Markus Angst, seines Zeichens Mediensprecher des Schachbundes und Leiter der Schweizer Mannschaftsmeisterschaft. In der Schachwelt wurde er nicht zuletzt durch seine Tätigkeit als einer der Schiedsrichter der Weltmeisterschaft 2004 zwischen Kramnik und Léko in Brissago bekannt.

Schach in drei Landessprachen

Interview in der Schweizerischen Schachzeitung 3-2020 mit dem Schweizer Grossmeister Yannick Pelletier - auf französisch
Interview in der SSZ 3/2020 mit dem Schweizer Grossmeister Yannick Pelletier – auf französisch

Was sofort auffällt ist die Mehrsprachigkeit: Entsprechend den Amtssprachen der Schweiz sind die Artikel entweder in deutscher, in französischer oder in italienischer Sprache verfasst, einige wurden übersetzt und parallel in deutscher und französischer Fassung abgedruckt. Einige feste Rubriken wiederholen sich in jedem Heft: „Seniorenschach“, „Fernschach“ (bearbeitet durch Oliver Killer), „Problemschach“ (Martin Hoffmann) und „Studien“ (Roland Ott), sowie eine mehrere Seiten umfassende Ergebnisübersicht über nationale Turniere. Wer nicht nur über Schach lesen, sondern auch sein Spiel verbessern möchte, kann dies durch das Lösen der Kombinationen (jeweils 9 Aufgaben aus einem aktuellen Turnier) sowie das Studium der Partien tun, die teilweise kommentiert sind. Am umfassendsten fällt die Analyse einer kürzlich gespielten Weltklassepartie aus, für welche der französische Großmeister Romain Édouard verantwortlich zeichnet. Diese Analyse ist der einzige Teil der Hefte ohne unmittelbaren „Schweiz-Bezug“. Ansonsten konzentrieren sich die Themen auf den nationalen Spielbetrieb: Schweizer Turniere und Mannschaftswettbewerbe, die Nationalmannschaft, Portraits und Interviews mit bekannten Persönlichkeiten des Schweizer Schachs.

Inhaltlich aufs Nationale fokussiert

Anzeige Amazon: Milan Novkovic - Perlen aus meinem Schachtagebuch - Joachim Beyer Verlag
Anzeige

Mir gefällt dieses Konzept: Wo viele andere Publikationen einen Überblick über das internationale Geschehen anstreben, fokussiert sich die SSZ bewusst auf das nationale Schachleben. Zwar kann der Leser sich auf diese Weise nicht über die jüngsten Glanztaten der Carlsen, Caruana und Vachier-Lagrave informieren, aber statt dieser Informationen, die ja vergleichsweise leicht im Internet zugänglich sind, erhält er Berichte über Turniere, die weniger im Fokus der Berichterstattung stehen, ihm aber vielleicht näher liegen (nicht nur geographisch, sondern auch was die Teilnehmer angeht). Dadurch begibt sich die SSZ von vorneherein weniger in Konkurrenz mit Schachseiten im Internet als andere Magazine. Ich könnte mir vorstellen, dass solch ein Konzept durchaus auch für die deutsche Schachszene tragfähig wäre. In der ersten und zweiten Ausgabe des Jahres, wo noch die „normalen“ Themen im Vordergrund standen, wurde etwa über das Zürcher Weihnachts-Open 2019, das Schachfestival Basel oder das Accentus Young Masters in Bad Ragaz sowie verschiedene Mannschaftswettbewerbe berichtet.

Portraits, Berichte, Interviews

Interview-Partner der SSZ 3/2020 und aktuell der Schweiz erfolgreichster Grossmeister: Noel Studer
Interview-Partner der SSZ 3/2020 und aktuell der Schweiz erfolgreichster Grossmeister: Noel Studer

Auch hier tritt die Schweizer Perspektive in den Vordergrund: Beim Bericht über das Zürcher Weihnachtsopen wird ein Schlaglicht auf das 12jährige Nachwuchstalent Dorian Asllani geworfen (1/2020, S. 4), im Zusammenhang mit dem Accentus Young Masters, einem Vergleich zwischen einer Mannschaft aus jungen Schweizer Meistern und einer Weltauswahl, wird weniger auf das Turnier selbst eingegangen (es wird noch nicht einmal die Mannschaftsaufstellung der Weltauswahl genannt), sondern der Fokus auf die Leistungen des erfolgreichsten Schweizers, GM Noël Studer, gelegt. Wie zu erwarten werden auch in Portraits und Berichten Personen und Institutionen aus der Schweiz vorgestellt: der Schachklub Payerne (1/2020, S. 14-15), der Präsident der Schiedsrichterkommission Josef Nemecek (1/2020, S. 22-29), WIM Camille De Seroux (2/2020, S. 12-15), verschiedene Initiativen zu Schach-Feriencamps in der Schweiz (2/2020, S. 34-35). Wie gesagt: Man kann unterschiedlicher Meinung über dieses Konzept sein, mir ist es sympathisch.

Eine Fülle von Informationen

Werden in Heft 2/2020 die ersten Folgen der Corona-Pandemie thematisiert (eine Unterbrechung der Schweizer Ligen, die Absage des Mitropacups, der für Anfang Mai in Davos geplant war), so steht Heft 3/2020 voll im Zeichen des Virus und der mit ihm verbundenen Einschränkungen. In einem Artikel behandelt Oliver Marti, Geschäftsführer des Schweizerischen Schachbundes, die Historie des Online-Schachs. Die Großmeister Noël Studer und Yannick Pelletier machen sich in Interviews ebenso zur Corona-Krise und der aktuellen Situation Gedanken wie der Präsident des Schachbundes Peter Wyss sowie der Präsident der Schweizer Schach Senioren Anton Brugger.

Problemschach in der Schweizerischen Schachzeitung 3-2020 - Glarean Magazin
Traditionsreich und vielbeachtet seit Jahrzehnten: Die Problemschach-Spalte der Schweizerischen Schachzeitung

Wenn man ein Fazit ziehen möchte: Die „Schweizer Schachzeitung“ beinhaltet, im Vergleich zu anderen Magazinen, weniger eigentliches Schachmaterial, also Analysen, Kombinationen usw., auch wenn sie mit GM Édouard und GM Nico Georgiadis hochrangige Kommentatoren aufbieten kann. Dafür versieht die SSZ den Leser mit einer Fülle von Informationen: Neben Berichten und Interviews auch Turnierresultaten und Statistiken, also Materialien, die gerade nicht so leicht im Internet zu bekommen sind. Damit geht die SSZ einen deutlich anderen Weg als viele andere Publikationen: Mit einem klaren Schweiz-Fokus wird der Kreis der potentiellen Leser von vornherein beschränkt, diese werden aber umfassend über dieses eingegrenzte Thema informiert.

Anzeige Amazon: 100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen - Verblüffende Strategien - Walter Eigenmann
Anzeige

Schließen möchte ich dann doch mit einem praktischen Endspiel-Zitat aus der Fernschach-Rubrik der SSZ-Ausgabe 2/2020  – ein wunderschönes Beispiel für die Bedeutung der Aktivität in der letzten Partiephase:

(Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das Analysefenster inkl. PGN-Download)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachzeitschriften auch den Report über die deutsche ROCHADE

… sowie zum Thema Brillante Schachzüge: The Engine Crackers – Neue Knacknüsse für Schachprogramme (Computerschach)

Der Serien-Report über Schachzeitschriften (2): ROCHADE

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Vielfältiger Schach-Mix für den Vereinsspieler

von Mario Ziegler

Wir leben im digitalen Zeitalter – auch das Schach und seine millionenfachen Adepten. Persönliches Handy und heimische Computersoftware geben längst den Takt an beim Königlichen Spiel. Daneben existieren aber nach wie vor eine Reihe traditionsreicher Print-Medien. Der neue  Serien-Report im GLAREAN MAGAZIN über Schachzeitschriften stellt die wichtigsten nationalen und europäischen Titel vor. Heute: ROCHADE EUROPA.

Schach-Zeitschrift - Rochade Europa - Ausgabe Nr.3 März 2020 - Rezension Glarean MagazinDie „vielseitig-informative Schachzeitung“ ROCHADE EUROPA wurde – noch unter dem Namen „Europa-Rochade“ – im Jahre 1972 von Heinz Köhler begründet und im Eigenverlag zunächst im hessischen Maintal publiziert. 1997 übernahm sein Sohn Carsten den Verlag, im folgenden Jahr erfolgte der Umzug ins thüringische Sömmerda. Seit 2015 wird die Zeitschrift vom Verlag Rochade GmbH & Co. KG (Kernen) herausgegeben, Chefredakteur ist Jens Hirneise.

Einst die BILD-Zeitung des deutschen Schachs

Rochade Europa - Ausgabe 11 2003 - Glarean Magazin
Cover der November-Ausgabe 2003: Auflösung und Farbe der Bilder sind im Original leider  tatsächlich so schlecht wie auf diesem Scan…

In der Vergangenheit zeichnete sich die ROCHADE durch einen sehr bunten Mix aus Turnierberichten und Rubriken der unterschiedlichsten Thematik und Qualität sowie durch sehr überschaubare Druckqualität aus, was ihr nicht selten einen Vergleich mit der „BILD-Zeitung“ einbrachte. Manche Leser werden sich an eine entspr. längere Polemik erinnern, die Jörg Seidel unter dem Titel „Glanz und Elend der ROCHADE“ auf der Homepage „Metachess“ veröffentlichte, und die leider heute nicht mehr erhältlich ist.
Mit dem Wechsel der Herausgeberschaft 2015 vollzog sich – neben einer erheblichen Verbesserung des optischen Erscheinungsbildes – auch ein inhaltlicher Wandel: Es wurde größerer Wert auf Rubriken zu verschiedenen Bereichen des Schachtrainings gelegt.

Am durchschnittlichen Vereinsspieler orientiert

Für die nachfolgende Besprechung lagen mir die Ausgaben 2/2020 und 3/2020 vor. Der Umfang liegt in beiden Fällen bei 114 Seiten im Format A4, der Druck ist durchgängig vierfarbig.
Einen breiten Raum nimmt die Berichterstattung über aktuelle nationale und internationale Turniere ein. Dies sind in 2/2020 etwa die Schnellschach- und Blitz-Weltmeisterschaft, der Grand-Prix in Jerusalem oder das Staufer-Open, in 3/2020 die Frauen-Weltmeisterschaft zwischen Ju Wenjun und Aleksandra Goryachkina und das Turnier in Wijk aan Zee. Über diese aktuellen Ereignisse berichten profilierte Autoren wie die IMs Jonathan Carlstedt und Frank Zeller. Letzterer ist auch für die Berichterstattung über die Bundesliga und Kommentierung der dort gespielten Partien zuständig.

Anzeige Amazon: DGT Centaur Schachcomputer
Anzeige

A propos Kommentierung: Diese fällt im Vergleich zur zuletzt besprochenen Zeitschrift SCHACH vergleichsweise knapp aus – man kann aber auch sagen: sie wird aufs Wesentliche komprimiert und orientiert sich eher am durchschnittlichen Vereinsspieler denn an der Spitze. Hier ein Beispiel aus dem Grand-Prix-Turnier in Jerusalem mit Anmerkungen von Frank Zeller, der ganz sicher nicht den Anspruch hatte, alle Feinheiten der spannenden Partie zwischen Gelfand und Nepomniachtchi zu ergründen:

Rochade Europa - Ausgabe Februar 2020 - Analyse - Glarean Magazin
Kein Varianten-Gestrüpp für den Grossmeister, sondern einfache Partien-Hotspots für Vereinsspieler: Die Partien-Analysen der ROCHADE

Internationales Schachgezwitscher

Neben den obligatorischen Kurznachrichten aus aller Welt, Buchbesprechungen (Jörg Palitzsch), Schachproblemen und Studien (IM Valeri Bronznik) fällt die Rubrik „Schachgezwitscher“ auf, die von Conrad Schormann betreut wird. Hier werden die unterschiedlichsten Nachrichten, die zuvor im Internet kursierten, sozusagen auf Papier transferiert. In den besprochenen Heften geht es z.B. um die in London gestrandete iranische WM-Schiedsrichterin Bayat oder die umstrittene Zusammenarbeit von Magnus Carlsen mit dem Sportwettenanbieter Unibet. Auf der einen Seite fragt man sich, wieso noch niemand zuvor auf diese Idee gekommen ist; rücken doch solche Notizen Themen in den Fokus, die ansonsten in der gedruckten Schachberichterstattung keine Rolle spielen. Auf der anderen Seite ist das „Schachgezwitscher“, das ja nicht zufällig Erinnerungen an Twitter-Kurznachrichten weckt, eben genau das, was der Name andeutet: das kurze Antippen interessanter Themen ohne tiefergehende Beleuchtung, was manchmal – wie auch bei Twitter – den Eindruck von Beliebigkeit erweckt.

Eine der traditionsreichen ROCHADE-Rubriken mit hohem Trainingsfaktor: Die "Endspieluniversität"
Eine der traditionsreichen ROCHADE-Rubriken mit hohem Trainingsfaktor: Die „Endspieluniversität“

Die Interviews, die in jedem Heft mit Persönlichkeiten aus der Schachwelt geführt werden (in Heft 2/2020 mit FM Aleksandar Vuckovic, in 3/2020 mit Ex-Weltmeister Ruslan Ponomariov), beinhalten teilweise sich wiederholende Fragen in leicht variiertem Wortlaut („Was war das Ungewöhnlichste, was Sie bisher bei einem Schachturnier erlebt haben?“ – „Wie unterscheidet sich die Vorbereitung eines Spitzenspielers von der eines Amateurs?“ – „Welchen Rat können Sie den Lesern geben, um ihr Schachspiel in den verschiedenen Partiephasen zu verbessern?“). Naturgemäß steht und fällt ein solches Interview mit der Auskunftsfreude des Gesprächspartners. Das Thema Schachgeschichte wird durch die umfangreiche Artikelserie von Herbert Bastian über die historische Entwicklung der Schachideen abgedeckt.

Ein Kernelement der ROCHADE ist seit jeher der Regionalteil mit Berichten aus den Landesverbänden, wobei nicht alle Verbände die Möglichkeit der Berichterstattung nutzen. Ich erinnere mich, dass vor Jahren die ROCHADE die Haupt-Informationsquelle für das Schachleben im Saarland war, wo ich damals lebte und spielte. Doch mittlerweile ist gerade in diesem Bereich das Internet aktueller und ausführlicher als es eine Zeitschrift je sein kann, so dass sich die Frage stellt, wie viele Schachfreunde den Regionalteil wirklich noch lesen bzw. daraus etwas erfahren, was sie nicht ohnehin schon im Internet zur Kenntnis genommen haben. Die gleiche Frage muss für den umfangreichen Turnierkalender mit Veranstaltungen aus dem In- und Ausland gestellt werden, denn vermutlich wird der interessierte Turnierspieler auf der Suche nach dem nächsten passenden Turnier in erster Linie die einschlägigen Seiten im Internet konsultieren.

Viel Trainingsmaterial zum Selbststudium

Aus meiner Sicht stellen die verschiedenen Rubriken mit Trainingsmaterialien den interessantesten Teile der ROCHADE dar. Hier bietet die Zeitschrift viel Stoff zum Selbststudium, aber auch für Trainer. Im Einzelnen handelt es sich um „Dynamisches Schach“ (GM Zigurds Lanka), „Powertraining“ (IM Roman Vidoniak), „Partie des Monats“ (GM Dennis Wagner), „Endspieluniversität“ (WGM Bettina Trabert/GM Spyridon Skembris) und „Schachschule“ (IM Valeri Bronznik).
Weniger didaktisches Material als Beispiele für die Unerschöpflichkeit des Schachs stellt die Rubrik „Schach ohne Grenzen“ (Bronznik) vor, in der z.B. das folgende Endspiel (sowie die Partie Saric-Suleymanli, Budva 2019, die in selbiges mündete) analysiert wurde (3/2020 S. 74f.):

Zusammengefasst: Die ROCHADE EUROPA richtet sich eher an den durchschnittlichen Vereinsspieler denn an die Spitze. Die Analysen haben nicht den Anspruch, die letzten Feinheiten einer Partie auszuloten, gehen aber in ausreichender Weise auf die kritischen Momente ein. Neben der obligatorischen aktuellen Berichterstattung bietet die ROCHADE viel Trainingsmaterial zu den verschiedensten Bereichen des Schachs, was sie für Trainer, aber auch den wissbegierigen Lernenden zu einem interessanten Medium macht. ♦

Zeitschrift Rochade Europa (Die vielseitig-informative Schachzeitung), erscheint monatlich, Verlag Rochade GmbH Kernen, ISSN 0943-4356

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachzeitschriften auch das Interview mit dem KARL-Herausgeber Harry Schaak

Der Serien-Report über Schachzeitschriften (1): SCHACH

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Fokussiert auf das Spitzenschach

von Mario Ziegler

Wir leben im digitalen Zeitalter – auch das Schach und seine millionenfachen Adepten. Persönliches Handy und heimische Computersoftware geben längst den Takt an beim Königlichen Spiel. Daneben existieren aber nach wie vor eine Reihe traditionsreicher Print-Medien. Der neue  Serien-Report im GLAREAN MAGAZIN über Schachzeitschriften stellt die wichtigsten nationalen und europäischen Titel vor. Heute: SCHACH – Deutsche Schachzeitung.

Das Internet bestimmt unser Leben in einem Ausmass, wie man es noch vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten hätte. Informationen fliessen uns im Sekundentakt zu; was in diesem Moment am anderen Ende der Welt geschieht, können wir nach wenigen Minuten auf dem heimischen Computer, Tablet oder Handy lesen. Die Kehrseite der Medaille ist der zunehmende Rückgang gedruckter Literatur, für die es immer schwieriger wird, sich gegen die elektronische Konkurrenz zu behaupten. Denn Bücher, Zeitschriften und Zeitungen sind in der Regel teurer als die vielfach kostenlosen digitalen News.

Wo liegt also grundsätzlich der Mehrwert eines Printmediums? In dieser Serie soll es nicht um das Haptische gehen, nicht um das „Leseerlebnis“, sondern um inhaltliche Aspekte. Im Rahmen eines grossen Reports sollen einige nationale und internationale Schachzeitschriften in den Blick genommen und dabei die Frage beantworten werden, wo diese Print-Medien mehr oder Anderes bieten als die diversen Homepages mit Schachnachrichten.

Anspruchsvolles Schachperiodikum

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Cover Januar 2020 - Rezensionen Glarean MagazinDie Monats-Zeitschrift „SCHACH – Deutsche Schachzeitung“ weist eine starke Fokussierung auf das Spitzenschach auf, was sich in der Auswahl der Autoren sowie in den umfangreichen Analysen widerspiegelt. Durch die immer wieder in die Berichte eingeflochtenen O-Töne der Beteiligten und die Rubriken „Schachfragen“ und „Probleme und Studien“ hebt sich die Zeitschrift von anderen deutschen Publikationen ab.
„Der Exzelsior Verlag wurde 1999 in Nachfolge des Berliner Sportverlages gegründet. Unser Flaggschiff ist die monatlich herausgegebene Zeitschrift SCHACH, die seit 1947 erscheint und sich nach 1990 als anspruchsvollstes deutschsprachiges Schachperiodikum etabliert hat. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der exklusiven Vor-Ort-Berichterstattung über nationale und internationale Spitzenereignisse. Zu unseren Autoren zählt die komplette Weltelite von Magnus Carlsen über Viswanathan Anand und Levon Aronjan bis hin zu ‚Kommentatoren-Grossmeistern‘ wie Peter Swidler und Nigel Short. Breiten Raum nehmen daneben ständige Rubriken, u. a. mit Lehrcharakter, ein“ – so liest sich das durchaus selbstbewusste Portrait auf der Homepage des Berliner Exzelsior Verlags.

Ursprünge in der DDR

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Print-Head Ausgabe 1952 - Rezensionen Glarean Magazin
Der Print-Head der DDR-Ausgabe vom August 1952 („Organ der Sektion Schach der Deutschen Demokratischen Republik“)

Die Geschichte der Zeitschrift spiegelt die Veränderungen auf dem deutschen Schachzeitschriftenmarkt wider. 1947 wurde sie unter dem Titel „Schach-Express“ in der ehemaligen DDR gegründet. 1996 übernahm sie die Zeitschrift „Schach-Report“, in die ihrerseits bereits 1989 das älteste deutsche Schachorgan, die „Deutsche Schachzeitung“, aufgegangen war. Durch den heute verwendeten Untertitel von „Schach“, nämlich „Deutsche Schachzeitung“, stellt sich das Magazin in deren Tradition. Chefredakteur ist seit 1991 GM Raj Tischbierek.
Meiner Besprechung liegen die Ausgaben 12/1019 und 1/2020 zugrunde. Der Umfang jeder Ausgabe variiert leicht, liegt aber etwa bei 80 Seiten im Format A5. Der Druck ist dreispaltig gesetzt, die zahlreichen Fotos schwarzweiss.

Berichte über herausragende Turniere

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Leseprobe - Rezensionen Glarean Magazin
Ausführliche Berichterstattung über prominente internationale Schach-Turniere: Leseprobe aus SCHACH – Deutsche Schachzeitschrift

Nach Inhaltsverzeichnis, Impressum und Vorwort, in dem IM Dirk Poldauf aktuelle Themen der Schachwelt aufgreift, folgen umfangreiche Berichte über herausragende Turniere. In Heft 12/2019 war dies der FIDE-Chess.com-„Grand Swiss“ auf der Isle of Man, wobei der hauptsächliche Fokus auf der Qualifikationsmöglichkeit für das Kandidatenturnier lag (S. 4-28). Oft werden bei solchen umfangreichen Turnierberichten neben dem Sieger besondere Personen in den Fokus gerückt, so auch hier: „Die Deutschen“ (Keymer, Blübaum und Huschenbeth), „Die Inder“ (Gukesh, Sadhwani und Sarin), „Die Frauen“ (Dronavalli und Sadwakassowa). Auffallend ist, dass „Schach“ die dritte GM-Norm für Vincent Keymer erwähnt und würdigt, sich aber der überschwänglichen Lobeshymnen enthält, die im Internet gesungen wurden.

Als zweiter grosser Bericht folgt in 12/2019 der Grand-Prix in Hamburg, ebenfalls eine Qualifikationsmöglichkeit für das Kandidatenturnier (S. 30-37), und die Mannschafts-Europameisterschaft in Batumi (S. 38-52). In Heft 1/2020 wird ausführlich auf das Finale der Grand Chess Tour in London eingegangen (S. 4-12), danach auf das Tiebreak-Match zwischen Grischuk und Duda, mit welchem sich der Russe einen Platz im Kandidatenturnier sicherte (S. 14-22).

Spezialität: Die deutsche Schach-Bundesliga

Neben diesen grossen Artikeln sind kürzere Turnierberichte enthalten, gewöhnlich aus der Feder eines Beteiligten, etwa in 12/2019 über die Schweizer Mannschaftsmeisterschaft, die Offene Internationale Bayerische Meisterschaft oder die Weltmeisterschaft im Chess960, in 1/2020 über den Europapokal, das Grand Chess Tour-Turnier in Kolkata oder das Open in Heusenstamm.

Anzeige Amazon: Chessebook Schachspiel aus Holz 52 x 52 cm
Anzeige

Die Schachbundesliga nimmt während der Saison einen breiten Raum in „Schach“ ein. In 12/2019 gibt es einen Vorbericht mit den Mannschaftsaufstellungen (S. 53-55), in 1/2020 einen Überblick über die ersten vier Runden (S. 47-59). Kein anderes Magazin berichtet so umfassend über die deutsche Eliteliga wie „Schach“.

Etwas aus dem Rahmen fallen Artikel, die sich mit historischen Themen befassen. In 1/2020 ist dies ein Artikel (genauer gesagt: der zweite Teil eines Artikels) von Dr. Robert Hübner über das Interzonenturnier 1979 in Rio de Janeiro, wie bei Hübner zu erwarten bereichert durch umfassende Analysen. Auch wenn ich selbst starke Sympathien für Schachgeschichte hege und diesen Artikel mit grossem Interesse gelesen habe, erscheinen mir diese Texte in einem Magazin, das ansonsten sehr stark auf aktuelles Weltklasseschach abhebt, wie ein Fremdkörper.

Rubriken mit persönlicher Note

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Raj Tischbierek - Rezensionen Glarean Magazin
Seit 1991 redaktionell verantwortlich für die SCHACH-Inhalte: Grossmeister Raj Tischbierek

Als regelmässige Rubriken enthält SCHACH neben „News“ (nationale und internationale Kurznachrichten) Rezensionen aus der Feder von IM Frank Zeller, die von GM Michael Prusikin betreuten Taktikrubriken „Hohe Schule der Kombination“ (jeweils eine Angriffspartie, eine Eröffnungsfalle und eine Studie) und „Kombinationen“ (18 Taktikaufgaben zum Selberlösen) und die „Schach-Fragen“. Letzteres ist ein Fragebogen an Persönlichkeiten aus der Schachwelt (im Fall der besprochenen Hefte der deutsche IM Dietmar Kolbus, der mittlerweile auf der Isle of Man lebt, und die Exweltmeisterin Nona Gaprindaschwili) mit 19 sich wiederholenden und einer speziell auf den Befragten zugeschnittenen Frage.
Natürlich fallen die Antworten unterschiedlich ausführlich aus, und manchmal sind sie auch ausgesprochen nichtssagend, z.B. im Fall von Nona Gaprindaschwili: „Welche Spieler würden Sie einladen, wenn ein Sponsor Sie mit der Ausrichtung eines Turniers beauftragen würde?“ – „Aaaach, da gibt es heute so viele Möglichkeiten! Wie sich alles entwickelt hat… Allein, dass heute die Chinesen überall dabei sind, und wie stark sie geworden sind! Das war zu ‚meinen Zeiten‘ überhaupt noch nicht absehbar.“ – „Mit wem würden Sie gerne einen Tag lang tauschen und warum?“ – „Warum tauschen? Ich bin mit mir zufrieden.“ – „Wann haben Sie zum letzten Mal etwas zum ersten Mal getan und was?“ – „Das ist keine Frage für mich.“
Nun ja, das ist wenig erhellend, dennoch finde ich diese Rubrik persönlich eine der interessantesten des Heftes, erlaubt sie doch manchen persönlichen Einblick.

Betreuung des Problem- und Studien-Schachs

Anzeige Amazon: 100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen, verblüffende Strategien
Anzeige

Zuletzt möchte ich „Probleme und Studien“ hervorheben, die von Franz Pachl betreut wird. Diese vierseitige Rubrik bietet Berichte über Problem- und Studienturniere, Turnierausschreibungen und natürlich viele Probleme, darunter etliche Urdrucke. Natürlich ist dies ein Thema für Spezialisten, aber es gibt in Deutschland – mit Ausnahme solcher Nischenpublikationen wie „Feenschach“ – keine andere Zeitschrift, die sich so ausführlich mit dem Bereich des Kunstschachs befasst.

Fazit: Generell weist SCHACH eine starke Fokussierung auf das Spitzenschach auf. Breitenschach sowie regionale Schachereignisse werden nur selten thematisiert. Diese Ausrichtung spiegelt sich in der Auswahl der Autoren sowie in den Analysen wider, die sich durchgängig auf hohem Niveau bewegen. Damit werden als Zielgruppe tendenziell stärkere Spieler angesprochen. Als besonders interessant empfinde ich die immer wieder eingeflochtenen O-Töne und Interviews, in denen auf kritische Moment einer Partie oder eines Turniers, aber auch auf übergreifende Themen eingegangen wird. Im Vergleich zu anderen Publikationen berichtet „Schach“ sehr ausführlich über die deutsche Bundesliga und weist mit den „Schachfragen“ und „Probleme und Studien“ zwei Rubriken auf, die keine andere deutsche Schachzeitschrift in dieser Form bietet. ♦

Zeitschrift SCHACH – Deutsche Schachzeitung, monatlich, Exzelsior Verlag, ISSN 0048-9328

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach in der DDR auch über Manuel Friedel: Schach und Politik in der DDR

Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Willkommen im Abenteuerland

von Dr. Mario Ziegler

Der „Randspringer“ ist ein Geheimtipp, zumindest für die „ältere Generation“ der Schachliebhaber. In den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichte der Tübinger Zweitbundesliga-Spieler Rainer Schlenker mehr als 70 Ausgaben einer Zeitschrift, die einen so ganz anderen Ansatz verfolgte als alle anderen Magazine: Bevölkert von exotischen, teilweise abstrus wirkenden Eröffnungen und Varianten mit malerischen Namen strotzte der „Randspringer“ vor Originalität, Kreativität, auch Provokation: „Kann man wirklich so etwas spielen?“ Nicht zufällig trug er damals den Untertitel: Das Magazin nicht für jeden Schachfreund, und wenig überraschend erwarb er sich eine treue Leserschaft.

Der Randspringer - Verlag Schachtherapeut - Cover - Reiner Schlenker - Rezension Glarean MagazinNach einer langen Pause erschien nun im Verlag Der Schachtherapeut des rheinland-pfälzischen Schach-Autors und -Herausgebers Manfred Herbold ein Revival des „Randspringers“. Ist das Konzept auch im neuen Jahrtausend noch tragfähig?
Der erste Unterschied zur früheren Publikation fällt sofort ins Auge: Das übersichtliche Layout des Softcover-Werkes im Format A5 hat absolut nichts mehr mit dem früheren „Randspringer“ zu tun, dessen einzelne Beiträge mehr oder weniger inhomogen auf einer Schreibmaschine zusammengetippt wurden.
Der bekannte Karikaturist Frank Stiefel, der bereits zahlreiche Schachbücher mit seinen Zeichnungen bereichert hat, leitet jedes Kapitel mit einer Grafik ein. Sofern man kein eingefleischter Anhänger des „anarchischen“ Layouts des früheren „Randspringers“ ist, wird man diese optischen Veränderungen wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Doch wie sieht das Innenleben aus?

Rainer Schlenker - Randspringer 1987 - Glarean Magazin
Zwei Beispielspielseiten aus dem legendären alten „Randspringer“: Heft 3 (1987)

Von Eselsohren und Ochsenfröschen

Im Vorwort beschreibt Herausgeber Herbold, dass Schlenker, mit dem er seit Jahren befreundet ist, ihm seine Skripte und Partien zur Veröffentlichung zukommen liess. Diese beinhalten nun genau solche Spielanfänge, die man lieben muss, wenn man am „Randspringer“ Gefallen finden will: „So wie früher Stabsaugervertreter gutgläubigen Hausfrauen minderwertige Sauggeräte im Tausch (natürlich mit gehörigem Aufpreis) gegen ihre eigentlich einwandfreien ‚Altgeräte‘ andrehten, so bietet Schlenker allerlei gemeine Tricks für den Naturspieler, dem es nicht ums Schach geht, sondern darum, den Gegner – gerne auch mit unerlaubten Griffen – von der Matte bzw. hier vom Brett zu werfen. Im Nu werden nämlich mit den angegebenen Varianten den Schachästheten die harmonischen Stellungen in unübersichtliche Figurenklumpen verwandelt.“ (André Schulz in einer Rezension des Werkes „Bastard-Indisch“ von Schlenker im März 2009).

Die Schacheröffnung Eselsohr-Verteidigung - Glarean Magazin
Quixotische Schacheröffnung à la Schlenker: Die „Eselsohr-Verteidigung“ (1.e4 h6)

Wir finden auch anno 2019 Spezialvarianten im Königsgambit, Skandinavisch oder Caro-Kann oder gleich Freistil-Eröffnungen wie die „USA-Eröffnung“ (1.e4 e5 2.Dh5 mit der Absicht, nach 3.Lc4 das berühmte Schäfermatt folgen zu lassen), die „Unserdeutsche Verteidigung“ (1.e4 g5 2.d4 d5) oder die überschriftgebenden „Eselsohr-Verteidigung“ (1.e4 h6) und „Ochsenfrosch-Gambit“ (1.Sc3 b5 – wie uns der Autor auf S. 98 belehrt, handelt es sich hierbei strenggenommen um das „West-Indische Ochsenfroschgambit“ im Gegensatz zu 1.Sf3 g5). Die Reihenfolge der Kapitel bzw. Varianten im Buch folgt übrigens keiner ersichtlichen Logik.

Amüsante Wege abseits der Theorie

Üblicherweise beginnt Schlenker einen Abschnitt mit einem kurzen einleitenden Text, gefolgt von einigen Beispielpartien, oft von ihm selbst gegen lokale Baden-Württembergische Schachspieler. Dass es sich sozusagen ausnahmslos um freie Partien in Cafés in Tübingen, Schwenningen, Donaueschingen handelt, erhöht nicht unbedingt das theoretische Gewicht dieser Partien. Aber geht es in diesem Buch wirklich um das „theoretisches Gewicht“ oder um „objektiven Wert“ von Varianten? Natürlich nicht! Schlenker zeigt dem staunenden Leser zahllose Wege abseits der „offiziellen Theorie“. Und in Zeiten, in denen ein Nakamura sogar in einer Turnierpartie gegen einen renommierten Grossmeister wie Sasikiran (Malmö/Kopenhagen 2005) und ein Carlsen bei einer Schnellschach-Weltmeisterschaft (gegen Vokhidov, St. Petersburg 2018) mit 1.e4 e5 2.Dh5 eröffnen können, verwischen sich die Grenzen zwischen den Welten immer mehr.

Mittelgegengambit unter der Lupe

Die Kernfrage eines Buches über Eröffnungsvarianten ist aber natürlich dennoch, wie stichhaltig die Analysen sind. Zu diesem Punkt führt Stiefel aus: „Schlenker hat seine Analysen ohne Computerhilfe angefertigt, doch nur wenige seiner Ideen waren schwer oder nicht haltbar. Natürlich wurden seine Manuskripte nochmals auf Computerbasis überprüft, die grundlegenden Ideen sind jedoch allesamt erhalten geblieben“. Das klingt vielversprechend: Sollten die exotischen Varianten, mit denen man vor 30 Jahren ratlose Kontrahenten überraschen konnte, auch im 21. Jahrhundert gegen computerbewehrte Gegnerschaft tragfähig sein?

Mittelgegengambit oder Elefantengambit oder Paulsengambit - Glarean Magazin
1.e4 e5 2.Sf3 d5 – Mittelgegengambit oder Elefantengambit oder Paulsengambit?

Ich habe mir exemplarisch das 14. Kapitel vorgenommen, da ich die dort besprochene Variante 1.e4 e5 2.Sf3 d5 vor langen Jahren selbst spielte. Schlenker führt aus, dass die verbreitete Bezeichnung „Elefantengambit“ missverständlich ist, da sie auch für 1.e4 f5 benutzt wird. Er bevorzugt die Bezeichnung „Mittelgegengambit“ in Anlehnung an die Zugfolge 1.e4 e5 2.d4 exd4 3.Dxd4 Sc6 4.De3, das „Mittelgambit“. Nur am Rande sei erwähnt, dass ich persönlich auch diese Bezeichnung für unglücklich halte, da Gambits nun einmal Bauernopfer beinhalten, und in der genannten Zugfolge Weiss keinen Bauern opfert. (In meiner Monographie zu dieser Stellung aus dem Jahre 2010 versuchte ich die Bezeichnung „Paulsen-Eröffnung“ (nach dem deutschen Meisterspieler Wilfried Paulsen, der sie oft benutzte) zu etablieren.

Beispielpartie à la Schlenker

Kapitel 14 bietet vier Partien zu der Variante: drei davon wurden von Schlenker gespielt, eine ist eine Simultanpartie des damaligen Weltmeisters Emanuel Lasker aus dem Jahre 1900. In allen Partien spielte Schwarz nach 1.e4 e5 2.Sf3 d5 3.exd5 den sofortigen Vorstoss 3… e4. Schlenker informiert den Leser darüber, dass 3…Ld6 heute „modern“ ist, da nach 3… e4 4.De2 als stärkste Antwort gelte. Etwas unlogisch erscheint es, dass ausgerechnet dieser Damenzug in keiner der Beispielpartien auftaucht, statt dessen aber 4.Sd4 und 4.Sg1. Ebenfalls nicht berücksichtigt wird 4.Se5, was laut Online-Datenbank von ChessBase nach 4.De2 und 4.Sd4 und noch vor dem etwas sonderbar aussehenden 4.Sg1 der dritthäufigste Zug an dieser Stelle ist.

Der Kommentar zum Kommentar

Walter Eigenmann: 100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen, verblüffende Strategien
Anzeige AMAZON

Hier nun eine der Partien mit 4.Sd4 mit den Originalanmerkungen Schlenkers (durch Anführungszeichen kenntlich gemacht) und meinen Ergänzungen, für die ich selbstverständlich die Hilfe einer Engine (konkret: mit Houdini, der aktuellen Nummer Drei der Schachprogramme hinter Leela und Stockfish) in Anspruch genommen habe:
(Mausklicks in die Partiezüge bzw. -varianten öffnen Analysebretter und den Download als PGN-Datei)

Offenkundig sind die Anmerkungen Schlenkers im Grossen und Ganzen zutreffend, könnten aber im Detail wesentlich genauer ausfallen.

Mutiges Freistilschach oder halbgares Gezocke?

Amüsantes Schach-Feuilleton und Motivation zum Eröffnungsexperiment: Beispielseite aus dem neuen Revival 2019 des legendären "Randspringer" (mit Karikaturen von Frank Steifel)
Amüsantes Schach-Feuilleton und Motivation zum Eröffnungsexperiment: Beispielseite aus dem neuen Revival 2019 des legendären „Randspringer“ von Rainer Schlenker (mit humorvollen Karikaturen von Frank „Fränk“ Stiefel)

Am „Randspringer“ werden sich auch 2019 die Geister scheiden: Kreatives Freistilschach mit Mut zum Risiko oder halbgares Gezocke? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Klar ist, was das Buch nicht ist: Es ist keine theoretische Abhandlung, dazu weisen die einzelnen Kapitel viel zu viele Lücken selbst an wichtigen Stellen auf. Aber das will der „Randspringer“ auch gar nicht sein.

Rainer Schlenker - Randspringer - Anzeige AMAZON
Anzeige AMAZON

Wie in seinen besten Zeiten bietet er „eine Fülle von originellen Ideen für das Eröffnungsspiel, besonders für die Partien in der eigenen Schachkarriere, in denen nicht ein Remis zum Turniersieg reicht“ (so A. Schulz in der bereits zitierten Rezension aus dem Jahr 2009). Er stellt somit eine Quelle der Inspiration dar und zeigt nachdrücklich, was im Schach alles möglich ist, wenn man bereit ist, ausgetretene Pfade zu verlassen.
Wie ein Motto klingt der Songtext der Band PUR, den Herbold in seinem Vorwort zitiert:
„Komm mit mir ins Abenteuerland / Auf deine eigene Reise / Komm mit mir ins Abenteuerland / Der Eintritt kostet den Verstand / Komm mit mir ins Abenteuerland / Und tu’s auf deine Weise / Deine Phantasie schenkt dir ein Land / Das Abenteuerland“ ♦

Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen (Teil 1), 148 Seiten, Verlag Der Schachtherapeut, ISBN 978-3947648153

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Feuilleton & Schachtherapeut auch über
Manfred Herbold: Der Schachtherapeut 2 (Reloaded)

… sowie zum Thema Schacheröffnungen über
Ivan Sokolov: Gewinnen in d4-Bauernstrukturen

Weitere Links zum Thema Schach-Infotainment:

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Ständige Korrespondenten des GLAREAN MAGAZINS

Thomas Binder - Glarean MagazinThomas Binder (Schach)

Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als Programmierer in Berlin
Thomas Binder im Glarean Magazin


Dr. Ralf BinnewirtzRalf Binnewirtz - Glarean Magazin (Schach)

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig
Ralf Binnewirtz im Glarean Magazin


Christian Busch - Glarean MagazinChristian Busch (Musik & Literatur)

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Spanien, lebt in Düsseldorf
Christian Busch im Glarean Magazin


Walter Eigenmann - Glarean MagazinWalter Eigenmann (Musik & Literatur & Schach/Rätsel)

Geb. 1956 in Luzern/CH, seit 2007 Herausgeber und Redakteur des Online-KulturJournals GLAREAN MAGAZIN
Walter Eigenmann im Glarean Magazin


Bernd Giehl - Glarean MagazinBernd Giehl (Literatur)

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim
Bernd Giehl im Glarean Magazin


Sigrid Grün - Glarean MagazinSigrid Grün (Literatur)

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals
Sigrid Grün im Glarean Magazin


Isabelle Klein - Glarean MagazinIsabelle Klein (Literatur)

Geb. 1975 in Würzburg, Lehramts-Staatsexamen, Studium der Soziologie und Politologie, zahlreiche Online-Belletristik- und Sachbuch-Rezensionen, lebt in Hannover
Isabelle Klein im Glarean Magazin


Katka Raeber - Glarean MagazinKatka Räber (Literatur & Film)

Geb. 1953 in der Tschechoslowakei, 1968 Übersiedlung in die Schweiz, Studium der Slavistik, Germanistik und Literaturkritik in Zürich, später Paarberatungsausbildung und Psychodrama-Diplom, lebt als Sachbuch- und belletristische Autorin sowie als Therapeutin und Fotografin in Basel
Katka Räber im Glarean Magazin


Horst-Dieter Radke - Glarean MagazinHorst-Dieter Radke (Musik & Literatur)

Geb. 1953 in Hamm/D, Wirtschaftsinformatiker, Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Betriebspädagogik an der Universität Koblenz-Landau, daneben Musiklehrerprüfung; freiberuflicher Lektor und Schriftsteller, Buch-Veröffentlichungen zu regionalen und geschichtlichen Themen, Romane, Krimis, Novellen, Erzählungen
Horst-Dieter Radke im Glarean Magazin


Stefan Walter - Glarean MagazinStefan Walter (Literatur)

Geb. 1978, Autor von Lyrik und Kurzprosa, passionierter Schachspieler, lebt mit seiner Familie als Rechtsanwalt in Neuburg/D
Stefan Walter im Glarean Magazin


Mario Ziegler - Glarean MagazinDr. Mario Ziegler (Schach)

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach
Mario Ziegler im Glarean Magazin

Lesen Sie auch unser Editorial und das Inhaltsverzeichnis

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

von Dr. Mario Ziegler

Zugegeben, ich war skeptisch, als ich das Werk „Berechnung im Schach – Ein Versuch“ des Schweizer FIDE-Meisters Werner Kaufmann zu lesen begann. Wie viele Autoren haben schon über die Methoden der Berechnung geschrieben, beginnend mit den unvergessenen Klassikern Alexander Kotows (Denke wie ein Großmeister (1970) und Spiele wie ein Großmeister (1978). Selbst wenn die Variantenberechnung das vielleicht wichtigste und zentralste Element im (Turnier-)Schach darstellt: Wie viel Neues kann man dazu noch sagen?

FM Werner Kaufmann, geb. 1951, wurde 1991 mit der SG Luzern Schweizer Meister. Seit 2004 betreibt er Wernis Schachlade und veröffentlichte bereits die Werke: Keine Pläne! („Ein methodischer Weg zu konkretem Denken im Schach“ 2016) sowie Zwingende Züge („Captain William Evans‘ Gambit“ 2017). Mit „Berechnung im Schach“ – das auch in der englischen Fassung „Calculation in Chess: An Approach“ – erhältlich ist, folgt nun also das dritte Werk, wie die beiden ersten nur als E-Book erhältlich und wie diese im von Kaufmann begründeten Damenspringer-Verlag erschienen.
Der Umfang beträgt 100 Seiten, die in die folgenden Kapitel gegliedert sind: Vorwort, Einleitung, Beobachtungen in der Schachwelt, Die Eröffnung, Technik und Taktik, Eine Schule des Sehens, Tarrasch in Manchester. Bereits hier eine Anmerkung zum Layout, auf das ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eingehe: Seitenzahlen sucht man im Werk vergeblich, ich nummeriere wie im Folgenden nach der Seitenangabe der PDF-Ausgabe.

„Keiner kann rechnen“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Ein Versuch - Cover - Rezension im Glarean MagazinDas erste Kapitel ist dem taktischen Spielverhalten unterschiedlicher Spieler gewidmet. Kaufmann lässt gleich zu Beginn mit dem Satz „Keiner kann rechnen“ aufhorchen (S. 6)* und betont, dass sich aus seiner Sicht viele Spieler in ihren Berechnungen nicht auf die entscheidenden Züge konzentrieren, nämlich die wirklich zwingenden. Oder, in den Worten Kaufmanns:
„Die am häufigsten gestellte Frage, die ich als Schachlehrer höre, lautet: ‚Wie kann ich meine Berechnung verbessern?‘ Dann sage ich meistens: ‚Keine Chance, vergiss es! Ich habe es 50 Jahre lang versucht und nie kapiert. Nun, sie glauben mir nicht und bestehen auf der Frage. Dann antworte ich: ‚Du berechnest eine Menge Müll.'“ (S. 6).
Dies verdeutlicht er an den Irrungen und Wirrungen in den Überlegungen verschiedener – durchaus auch sehr starker – Spieler in einer Variante des Londoner Systems, um danach zwei eigene Beispiele gegen Gegner mit 2100 und 2350 Elo aus der Sizilianischen Verteidigung sowie eine passende Großmeisterpartie (Shabalov-Benjamin, Philadelphia 1993) anzufügen. Die diversen Überseher in den Partien führen Kaufmann zu dem zweifellos richtigen Fazit: „Du kannst nicht mit Zügen rechnen, die du nicht siehst. Also erst schauen, dann rechnen!“ (S. 12).

Ein neues Konzept des Berechnens

Das ist allerdings nichts bahnbrechend Neues, jeder Trainer wird gerne zustimmen, dass man erst die verschiedenen Kandidatenzüge ermitteln sollte, bevor man sich auf eine Variante stürzt. Interessant ist jedoch das Konzept der Berechnungen auf der ersten (an anderer Stelle spricht Kaufmann auch von First-Level) und zweiten Ebene: „Die erste Stufe der Berechnung befasst sich mit kürzeren oder längeren forcierten Abwicklungen oder Zugfolgen. Man kann sie auch als technische Berechnungen bezeichnen. Jeder von uns ist mehr oder weniger in der Lage, sie zu auszurechnen (sic!). Indem ich von einer ersten Ebene spreche, weise ich darauf hin, dass es in der Regel eine zweite Ebene gibt, wo die Position aus dem Gleichgewicht ist, die Dinge kompliziert werden, und wo sogar Weltmeister und Supercomputer versagen. Sie ist charakterisiert durch zwingendes und erzwungenes Spiel von Zug zu Zug. Jeder Spieler muss auf der zweiten Ebene zwischen mehreren Optionen unterscheiden.“ (S. 6).
Dieses Konzept ist zumindest für mich neu. Kaufmann geht im ersten Kapitel an verschiedenen Stellen auf dieses Modell ein, wobei ich mir gelegentlich klarere Beispiele gewünscht hätte.

Kein Lehr- sondern ein Beispielbuch

Werner Kaufmann - Zwingende Züge - Cover-Bild - Glarean Magazin
Unorthodoxe Schach-Ratschläge sind schon in den „Zwingenden Zügen“ von Werner Kaufmann zu finden

Aber „Berechnung im Schach“ ist kein klar strukturiertes Lehrbuch, eher eine Fülle kommentierter Partien zu einem bestimmten Thema, die den Leser bisweilen unsortiert anspringen. Dem Leser wird abverlangt, sie sorgsam zu durchdenken, um Nutzen daraus zu ziehen. Wie unterschiedlich von Spieler zu Spieler (und selbst von Profi zu Profi) übrigens First-Level-Berechnungen sind, zeigt Kaufmann an einer Internet-Blitzpartie zwischen Magnus Carlsen und Jan Gustafsson (S. 15ff.), in der dem deutschen Spitzenspieler diverse Züge seines Gegners unverständlich blieben, obwohl sich die Berechnung immer nur auf der ersten Ebene abspielte. „Es scheint als ob die beiden Jungs anders denken. Jan spielt positionell mit Hilfe der Taktik, Magnus denkt rein taktisch.“ (S. 18)

Das Kaufmannsche Credo des Schachdenkens

Sein Credo über das Denken im Schach fasst Kaufmann auf S. 23f. zusammen:

  1. Tauche nicht sofort in Berechnungen ein, sondern überlege, was die Pläne des Gegners sein könnten. Betrachte deine Züge immer als einen Versuch, diese zu widerlegen
  2. Suche nach zwingenden Angriffen
  3. Suche nach überzeugenden Antworten auf diese Angriffe und halte für jeden seiner Versuche etwas bereit. Normalerweise ist es nicht offensichtlich, was der beste Zug ist. Dann musst du einen deiner Kandidaten oder Optionen auswählen.

Kaufmanns Faustregeln: „Basierend auf den obigen Prinzipien habe ich mir ein paar Kriterien ausgedacht, wie man Züge auswählen sollte:

  • Wenn möglich wähle einen Zug, der die gegnerischen Möglichkeiten einschränkt und ein Gegenspiel vermeidet (Die Zwingende Züge!-Regel)
  • Wenn du zwischen verschiedenen Abwicklungen wählen musst, wähle diejenige, bei der am Ende du am Zug bist, und nicht dein Gegner. (Die Mein Zug!-Regel)
  • Vermeide Züge, die dem Gegner ein Angriffsziel geben. (Die Keine Angriffsobjekte!-Regel)
  • Wenn eine von zwei Optionen einen Tausch vermeidet, nimm diese. (Tauschverbot-Regel)

Um das Auffinden zwingender Züge zu trainieren, empfiehlt der Autor übrigens die Analyse eigener Blitzpartien mit Hilfe des Computers (S. 6).

Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

Die Schlussfolgerung des ersten Kapitels, in dem weitere Partien von Carlsen, Tal oder etwa auch von Alpha Zero diskutiert werden, lautet: „Wir haben festgestellt, dass niemand wirklich gut rechnen kann, und dass jeder in Bezug auf seine normale Stärke grobe Fehler macht. In jeder Stärkeklasse kommen Fehler vor, die auf der nächst höheren nicht passiert wären. […] Wie kannst du als Patzer dein Schach verbessern? Ganz allgemein solltest du weniger rechnen und mehr sehen. […] Du solltest vom Konkreten ins Abstrakte gehen. Überlege, was du konkret unternehmen könntest. Das bedeutet, Drohungen zu schaffen und Gegendrohungen zu vermeiden. Erst wenn du dich nicht für einen Zug entscheiden kannst, solltest du den wählen, der nach allgemeinen Kriterien besser ist. Diese verkehrte Denkweise – Taktik vor Strategie – macht in gewöhnlichen Stellungen keinen grossen Unterschied, normalerweise kommt ungefähr dasselbe heraus. Aber in spannungsgeladenen Stellungen ist der Unterschied gewaltig. Dann geht es nicht mehr um schöne Springerfelder, Linienöffnungen und solches Zeug. Dann geht es um Schläge und Gegenschläge. Die Entscheidungskriterien sind dann auch nicht positioneller Natur, sondern taktischer, und die Faustregeln kommen zum Einsatz: Zwingende Züge!; Keine Angriffsobjekte!; Keine Täusche!; Mein Zug!“ (S. 32-33)

Leseprobe aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 1 - Rezension im Glarean Magazin

Im Spannungsfeld von Technik und Taktik

Die weiteren Kapitel konkretisieren die aufgestellten Überlegungen für den Bereich der Eröffnungen und stellen sie in das Spannungsfeld von Technik und Taktik, wobei der Autor hier unter „Technik“ durchaus taktische Abwicklungen der ersten Stufe versteht im Gegensatz zu solchen Operationen, die sie nicht genau berechnen können und die somit auf der zweiten Stufe angesiedelt sind (S. 47). „Eine Schule des Sehens“ bespricht unter den vorgestellten Gesichtspunkten 20 Partien des Mitropa-Cups der Frauen 2017, „Tarrasch in Manchester“ die Partien des deutschen Vorkämpfers Dr. Siegbert Tarrasch bei seinem klaren Turniersieg in der nordenglischen Metropole 1890.

100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen, Verblüffende Strategien (Walter Eigenmann - Tredition Verlag)
Anzeige AMAZON (100 brillante Schachzüge – Geniale Kombinationen, Verblüffende Strategien)

Bei letzteren Partien bezieht Kaufmann die Analysen Tarraschs aus seinem Werk „300 Schachpartien“ in seine Bewertung ein – übrigens eine Stärke des Buchs, das soweit als möglich die Überlegungen der Spieler aus der Literatur oder dem Internet rezipiert. Bezüglich des Turniers aus dem 19. Jahrhundert kommt Kaufmann zum Fazit: „Was die Taktik angeht, haben die Spieler es selten geschafft, zwingende Züge zu machen, sie zogen positionelle oder vermeintliche Angriffszuge vor. Dass sie dem Gegner Angriffsobjekte hinstellten, kam bei Tarrasch selten, bei seinen Gegnern öfters vor. Mehrmals wurde das Tauschverbot missachtet, teils mit fatalen Folgen. Tarraschs Varianten-Berechnung war höchst mangelhaft und von groben Versehen gewürzt, selbst in den Kommentaren.“ (S. 99). Die Überlegenheit gegenüber seinen Zeitgenossen resultierte entscheidend aus seinem weitaus höheren positionellen Verständnis. – Anmerkung: Dieses Kapitel ist als eigenständiges PDF-File auf der Webseite des Autors downloadbar: Tarrasch in Manchester

Komplexe Sachverhalte im Plauderton

Neben dem Inhalt verdient auch der Stil Kaufmanns einige Bemerkungen. Manchen Aussagen stehe ich etwas skeptisch gegenüber, zumindest sind sie missverständlich formuliert: „Im Schach gibt es so etwas wie eine objektive Wahrheit, anders als im wirklichen Leben. Du kannst sie mit deiner Computersoftware herausfinden“ (S. 11). Dies würde bedeuten, dass Computer zweifelsfrei in der Lage wären, in einer gegebenen Stellung den besten Zug – die objektive Wahrheit – zu ermitteln. Dies hängt jedoch unbestritten am Charakter der Stellung und – in geringerem Maße – an den Parametern des Programms, so dass nicht selten zwei Spitzenprogramme in der gleichen Stellung zu (leicht) unterschiedlichen Resultaten kommen. All dies ist dem mit den Stärken und Schwächen der Computer sehr gut vertrauten Autor natürlich auch bekannt.

Leseprobe 2 aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 2 - Rezension im Glarean Magazin

Ansonsten formuliert Kaufmann gelegentlich in lockerem Plauderton: „Der 28. Oktober 2010 ist für mich ein historisches Datum. An diesem kalten und regnerischen Oktobernachmittag habe ich Herrn Viktor Kortschnoi mit den schwarzen Steinen regelrecht zusammen geschoben. Aber dann verdarb ich die Partie mit einem grauenhaften Endspiel-Fehler in ein Remis. Ich hatte noch nie zuvor einen so starken Spieler geschlagen. Es tut immer noch weh. Übrigens würde ich Herrn Kortschnoi nie Viktor nennen. Ich nenne Bobby Bobby, Garry Garry und Magnus Magnus. Aber Herr Kortschnoi ist eine Legende. Er wird immer mindestens Kortschnoi bleiben, aber selbst das ist nicht respektvoll genug. Für mich ist er für ewig Herr Kortschnoi. Vielleicht könnte das Vereinigte Königreich etwas dagegen unternehmen und ihn posthum adeln. Sir Viktor wäre einfach grossartig. Vielleicht gewöhne ich mich daran und nenne ihn von nun an Sir Viktor.“ (S. 14).
Diese Ausführung hat übrigens mit dem Thema des Kapitels nichts zu tun, wo es um das Verhältnis von Spielstärke und Rechenfähigkeit geht und gerade die Partie Cremer-Vogt aus der Schweizer Mannschaftsmeisterschaft 2010 analysiert wird. Ob man diesen Stil mag oder nicht, ist Geschmackssache…
Ich persönlich würde auch keine Empfehlungen wie: „Oh, du hast dir noch nie Kingcrusher-Videos auf YouTube angesehen? Du hast nicht viel verpasst. Aber wenn du es tust, traue seinen Erklärungen nicht.“ (S. 13) in einem Buch geben, aber auch hier mag es zwei Meinungen geben.

Interessante Inhalte mit mäßigem Layout umgesetzt

FAZIT: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre.

Zuletzt ein Wort zum Layout, das ausgesprochen spartanisch daherkommt. Natürlich gibt es Untergliederungen durch die größer gesetzten Überschriften, natürlich werden die Hauptzüge der Partien fett gedruckt, die Anmerkungen nicht. Aber wieso verzichtet der Autor auf jegliches Diagramm, was ja gerade in einem E-Book, das man auf dem Tablet oder Handy lesen will, ohne ein Brett daneben aufzubauen, aus meiner Sicht unabdingbar ist?
Zudem wurde offenbar sehr wenig Wert auf eine ästhetische Gliederung des Manuskripts gelegt. Statt am Ende einer Seite nur Überschrift und Spielernamen wiederzugeben, aber keinen einzigen Zug (S. 71, 86, 89), hätte man vor der Überschrift einen Seitenumbruch einfügen können. Ebenso kommt es vor, dass es die nur letzten beiden Zeilen eines Kapitels auf eine neue Seite geschafft haben (S. 99). Gewiss, diese Dinge sind nicht das Wichtigste bei einem Buch, aber es wäre leicht gewesen, sie durch geschickte Seitenumbrüche oder einfach eine kleine Umformulierung oder Umstellung zu vermeiden!

Amateur wird Meister - Schach-Lehrbuch - Max Euwe und Walter Meiden - Joachim Beyer Verlag
Anzeige AMAZON (Amateur wird Meister – Max Euwe)

Fazit: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre. ♦
* Dem Rezensenten lag die PDF-Fassung des E-Books vor

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach – Ein Versuch, Damenspringer-Verlag / Amazon Media (Kindle Edition)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Psychologie auch über die DVD von
Werner Schweitzer: 33 Mentaltipps aus der Praxis

… sowie über
Herman Grooten: Chess Strategy for Club Players (engl.)

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik (Schach-Biographie)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 8 Minuten

Innensicht eines Weltmeisters

von Dr. Mario Ziegler

Die prägende Gestalt des im März diesen Jahres in Berlin ausgekämpften Schach-Kandidatenturniers war – neben dem späteren Sieger Caruana – nach allgemeiner Ansicht der russische Exweltmeister Wladimir Kramnik, der zwar am Ende nur Platz 5 belegte, aber durch seine unternehmungslustigen Partien sehr zum Unterhaltungswert dieser denkwürdigen Veranstaltung beitrug. Im Rahmen dieses Kandidatenturniers wurde auch eine Biographie präsentiert von Carsten Hensel: Wladimir Kramnik, und der Autor war langjähriger Manager Kramniks. Der 1958 geborene Dortmunder wagte nach Tätigkeiten im Organisationskomitee der Tischtennis-Weltmeisterschaft 1989 und als Pressesprecher der Stadt Dortmund den Schritt in die Schachszene: Zunächst als Manager des Ungarn Péter Lékó, danach (2002-2009) als derjenige Kramniks. Man darf also intime Einblicke in die Schachwelt zu Beginn des 3. Jahrtausends erwarten – und wird nicht enttäuscht.

Intime Einblicke in die Schachwelt

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik - Aus dem Leben eines Schachgenies - Verlag Die Werkstatt 2018
Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies – Verlag Die Werkstatt 2018

„Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ von Carsten Hensel beginnt dramatisch mit einem der emotionalsten Momente in Kramniks Karriere:
„13. Oktober 2006, 19:10 Uhr, Elista, russische Teilrepublik Kalmückien: Ein Aufschrei zerschneidet die Grabesstille im überfüllten Spielsaal. Topalow hat soeben in der entscheidenden vierten Tiebreak-Partie im 44. Zug einen schweren Fehler gemacht und seinen Turm eingestellt. Kramniks Haltung wird kerzengerade. Miguel Illescas kneift mich ins Bein und flüstert: ‚Wir haben es, das verliert!‘ Kramnik zieht seinen Turm im 45. Zug nach b7, Schach! Topalow stiert einen Moment auf das Schachbrett, schüttelt den Kopf und gibt auf. Kramniks Faust schnellt zum Zeichen des Triumphes nach oben, genau wie er es schon nach seinen epischen WM-Siegen gegen Garri Kasparow und Peter Lékó gemacht hat. Meine Wahnsinnsanspannung macht sich Luft, und das sonst so zurückhaltende Schachpublikum verwandelt das Auditorium des kalmückischen Regierungshauses in ein Tollhaus: Hurra-Schreie, Trampeln und stakkatoartisches Klatschen folgen minutenlang“.
Dieses Zitat ist nicht untypisch: Hensel versteht es, die Dramatik einer Situation zur Geltung kommen zu lassen. Dass er hierbei alles andere als ein unbeteiligter Chronist ist und sehr deutlich Position bezieht, ist selbstverständlich und macht den Reiz des Buches aus.

Die Weltmeister von Steinitz bis Carlsen

Wilhelm Steinitz
Wilhelm Steinitz

Die Biographie ist in 10 Kapitel untergliedert, diese wiederum in mehrere nummerierte Passagen, so dass sich 64 Abschnitte ergeben. Eine Sonderstellung nehmen die Kapitel 1 und 10 ein: Im ersten wird über Kramniks Charakter und seine Sicht auf das Schach gesprochen, im letzten äußern sich zehn Großmeister über den Titelhelden. Im Anhang werden die Weltmeister von Steinitz bis Carlsen in kurzen Portraits gewürdigt sowie eine Übersicht über die bisherigen Weltmeisterschaften gegeben. Für die Schachkundigen sind dies altbekannte Fakten, doch sollte man berücksichtigen, dass das Buch – im Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ erschienen, dessen Schwerpunkt ansonsten auf Fußball liegt – sicher auch einen weiteren Leserkreis ansprechen soll. Für diesen ist auch ein angehängtes Glossar typischer Schachtermini nützlich.
Verzichtbar erscheinen mir persönlich die (bis auf Frage- und Ausrufezeichen) unkommentiert abgedruckten WM-Partien Kramniks. Diese ermöglichen es zwar, die eine oder andere zuvor erwähnte Begebenheit auf dem Brett nachzuvollziehen, doch halte ich eine unkommentierte WM-Partie selbst für geübte Schachspieler im Details für äußerst schwer verständlich – von Gelegenheitsspielern ganz zu schweigen.

Mehr Künstler denn Sportler

100 brillante Schachzüge - 340x120 - Banner-Werbung Glarean Magazin
Anzeige

Im einleitenden Kapitel wird Wladimir Kramnik – „manchmal chaotisch, manchmal emotional, manchmal genial, aber immer authentisch“ – mehr als Künstler denn als ergebnisorientierter Sportler charakterisiert. Sein Antrieb sei „die Kunst, die Kreativität, die aus dem Spiel entsteht“, er sei „auf der endlosen Suche nach Wahrheit und Schönheit“ im Schach. Passend wird nach diesem Kapitel eine Partie präsentiert, die Kramnik selbst als besonders schön empfindet. Original-Ton Kramnik: „Am Ende hatte ich das Gefühl, eine Sinfonie kreiert zu haben. Wenn es nicht dieses Ende gegeben hätte, wäre das ganze Bild unvollständig geblieben oder die Sinfonie wie ein Kartenhaus eingestürzt. Es ist das Gefühl der Vollendung eines Meisterwerkes, und ich war sehr glücklich.“
Es ist die folgende Partie mit einer spektakulären Königswanderung, die solche Gefühle bei Kramnik hervorrief:

Gewinn nach Königswanderung übers ganze Brett: Die Schluss-Stellung der Partie (2) in Kramnik-Topalow, Amber-Turnier Monte Carlo 2003 (Hier findet sich eine taktische Analyse der Partie durch moderne Schach-Software)
Gewinn nach Königswanderung übers ganze Brett: Die Schluss-Stellung der Partie (2) in Kramnik-Topalow, Amber-Turnier Monte Carlo 2003

Nachstehend eine taktische „Vollanalyse“ der Partie durch das starke Schachprogramm Stockfish (User-Interface: Fritz 16)

Kramnik Topalow - WM 2004 - Glarean Magazin

A propos Partien: Nach jedem Kapitel folgen in der Regel eine, manchmal auch mehrere Partien, zu denen sich Kramnik persönlich äußert. Es sind keine tiefen schachlichen Analysen, sondern eher Gefühle und allgemeine Überlegungen, die ihn zu dem einen oder anderen Zug geführt haben. Diese „O-Töne“ sind sehr interessant, eventuell hätte man seitens des Verlags das eine oder andere Diagramm einfügen können, um die Orientierung zu erleichtern.

Die Karriere chronologisch nachgezeichnet

Wladimir Kramnik - Glarean Magazin
Wladimir B. Kramnik (geb. 1975), Weltmeister 2000 – 2007

Die Kapitel 2-9 zeichnen chronologisch die Karriere Kramniks bis zum Jahr 2009 nach: Seine Kindheit in Tuapse (Region Krasnodar), die ersten Schritte im Schach, seine Aufnahme als 12-Jähriger an der berühmten Botwinnik-Schachschule in Moskau, sein Aufstieg bis zum Gewinn der Junioren-WM 1991 in Brasilien. Im Kapitel „Vom chaotischen Genie“ wird Kramnik als Weltklassespieler gezeichnet, der jedoch noch nicht bereit für den Griff nach der höchsten Krone ist und neben aufsehenerregenden Erfolgen (Olympiasieger mit Russland 1992 mit dem besten Ergebnis am 4. Brett, Gewinn des PCA-Weltcups 1994, im darauffolgenden Jahr als bis dahin jüngster Spieler aller Zeiten Weltranglistenerster) auch immer wieder herbe Rückschläge einstecken musste: 1994 das unerwartete Ausscheiden in den WM-Zyklen der PCA (gegen Kamsky) und der FIDE (gegen Gelfand), 1998 die Niederlage gegen Schirow im Ausscheidungskampf um die Weltmeisterschaft. (Hensel macht als Grund den unsteten und der Gesundheit abträglichen Lebenswandel und mangelnden Ehrgeiz seines späteren Schützling aus).

Metamorphose bis zum Milleniumsieg

Mit dem Kapitel „Von Metamorphose und Millenniumsieg“ nimmt das Erzähltempo ab und die einzelnen Partien treten stärker in den Vordergrund. In diesem Kapitel wird Kramniks Wandel zum WM-Aspiranten und sein für die Öffentlichkeit überraschender Wettkampfsieg 2000 in London gegen Kasparow beschrieben. „Es sollte noch einige Jahre dauern, bis die Schachwelt anerkannte, dass Kramnik in London einfach der bessere Spieler und der Sieg rundherum verdient war. Zu groß war zunächst noch der Einfluss Kasparows auf die Profiszene.“

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den Wettkämpfen, die Hensel selbst als Manager betreute. Das Match gegen Lékó 2004 in Brissago stand wegen gesundheitlicher Probleme Kramniks kurz vor dem Abbruch. In Erinnerung ist der Wettkampf vor allem wegen Kramniks Sieg in der letzten Wettkampfpartie geblieben, durch den er den Titel verteidigte, doch Hensel macht kein Hehl daraus, dass der Russe in etlichen Partien zuvor das Glück auf seiner Seite gehabt hatte. Insbesondere sein angegriffener Gesundheitszustand, der ihn zu einem Besuch der Notaufnahme in Brissago gezwungen hatte, hätte leicht den Ausschlag geben können: „Als er zur [achten] Partie kam, stand Kramnik unter starken Beruhigungsmitteln. Sein Kreislauf war ziemlich durcheinander, und er schwankte die lange Treppe zum Spielsaal hoch. Weder Lékó noch irgend jemand sonst in dessen Team bemerkte die desolate Verfassung des Weltmeisters. Das ist mir bis heute unerklärlich, denn man hätte Wladimir nur in die Augen schauen müssen, und alles wäre klar gewesen.“ Lékó, der zu diesem Zeitpunkt mit 4,5:3,5 führte, entschloss sich zu einem schnellen Remis, und Hensel kommentiert: „Lékó hätte diese Partie einfach nur ausspielen müssen, und ich bin mir sicher, dass der Wettkampf damit praktisch entschieden gewesen wäre.“

Skandale im Wettkampf gegen Topalow

Detailliert werden die Umstände des skandalumwitterten Wettkampfs 2006 gegen Wesselin Topalow geschildert. Bereits anlässlich der vorangegangenen KO-Weltmeisterschaft der FIDE 2005 in San Luis wirft Hensel im Buch dem Bulgaren und seinen Mitarbeitern Danailow und Tscheparinow offen Betrug vor. Während der Weltmeisterschaft 2006 im kalmückischen Elista häuften sich die Vorfälle, die im Streit um die den Spielern separat zur Verfügung gestellten Toiletten kulminierte („Toiletgate„). Hensel sieht hier den auch mit anderen Mitteln wiederholten Versuch der Gegenseite, Kramnik als potentiellen Betrüger hinzustellen. Hensel: „Wir spürten eine nie gekannte Skrupellosigkeit unserer Gegner. Ihnen war es offensichtlich egal, ob Schach oder ihr Image beschädigt werden könnte. Das Einzige, was für sie zählte, war, dieses Match nicht zu verlieren, koste es, was es wolle“.
Letztlich endete der Wettkampf unentschieden, den Stichkampf gewann Kramnik in der eingangs geschilderten Szene und beendete dadurch die Spaltung der Schachwelt in zwei konkurrierende Verbände, die 13 Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte.

Der letzte WM-Kampf Kramniks 2008 gegen Viswanathan Anand ("Der Tiger von Madras"), den der Russe gegen den Inder verlor
Der letzte WM-Kampf Kramniks 2008 gegen Viswanathan Anand („Der Tiger von Madras“), den der Russe gegen den Inder verlor

Kramnik selbst blieb danach allerdings nur ein Jahr Weltmeister, 2007 verlor er den Titel beim WM-Turnier in Mexiko City an den Inder Viswanathan Anand. Hensel, der ihm von der Teilnahme an dem Turnier abgeraten hatte, bemerkt: „Auch heute noch glaube ich daran, dass ein Rücktritt die richtige Entscheidung gewesen wäre.“. So aber kam es 2008 zum letzten WM-Kampf Kramniks, diesmal als Herausforderer Anands in der Bundeskunsthalle in Bonn. Dieser Wettkampf lief von Anfang an zu Ungunsten Kramniks, der letztlich mit 4,5:6,5 vorzeitig unterlag. Nach diesem Wettkampf endete die Zusammenarbeit Kramniks mit seinem Manager.

Einblick in die neuere Schachgeschichte

Für wen ist dieses Buch geschrieben? Natürlich zum einen für alle Fans von Wladimir Kramnik, die viele auch nicht-schachliche Details über ihn erfahren können: Seine Lieblingsfarbe ist blau, er mag doppelte Espressi, sein Lieblingsschauspieler ist Robert de Niro, und er liebt Gemälde des italienischen Impressionisten Amedeo Modigliani. Auch die zahlreichen privaten Farbfotos wissen zu gefallen. Zum anderen werden all diejenigen, die sich für neuere Schachgeschichte interessieren, mit Interesse zu diesem Buch greifen.

Fazit: Carsten Hensels „Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ eröffnet einen Einblick in die Schachwelt, der den menschlichen Aspekt des großen Meisters ebenso wenig vernachlässigt wie seine schachgeschichtliche Bedeutung. Eine Monographie, die sich von den meisten anderen Biographien über Schachspieler deutlich abhebt.

Der Autor hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg und spart auch gegenüber der FIDE nicht mit Kritik: „…die FIDE verstand schon damals [1992] wenig bis gar nichts von der Vermarktung des Weltmeisterschaftszyklus und weiterer Topevents. Daran hat sich bis heute nicht sehr viel geändert…“ (S. 36). Und ganz unabhängig davon, wie man selbst zu den geschilderten Ereignissen steht, eröffnet Hensels Werk so einen Einblick in die Schachwelt, die „Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ von den meisten Monographien über Schachspieler abhebt. ♦

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies, Biographie, 304 Seiten, Verlag Die Werkstatt, ISBN 978-3-7307-0389-2

Lesen Sie im Glaran Magazin zum Thema Schach-Weltmeisterschaften auch über
André Schulz: Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften

Weitere Links zum Thema
The last Hurrah

Computerschach: Fritz 15 erschienen

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Fritz der Fünfzehnte

von Dr. Mario Ziegler

Mit dem Slogan „Neuer Fritz, neuer Freund“ wirbt die Hamburger Software-Firma ChessBase für das neueste Pferd in ihrem Stall, die aktuelle Version des Schachprogramms Fritz. Wer sich ernsthaft mit Schach beschäftigt und dabei den Computer nicht völlig vernachlässigt, wird bereits eigene Erfahrungen mit der einen oder anderen Vorgängerversion gemacht haben – nicht umsonst ist der seit 1991 existierende Fritz das verbreitetste Schachprogramm überhaupt.
In meiner nachfolgenden Besprechung werde ich mich folglich nicht auf die unzähligen nützlichen Funktionen beziehen, die Fritz 15 mit seinen Vorgängern gemeinsam hat. Es ist völlig unstrittig, dass ein Schachfreund, der noch keinen einen älteren Fritz besitzt, bei Fritz 15 bedenkenlos zugreifen kann. Wie sieht es aber aus, wenn man schon die Vorgängerversion auf dem heimischen PC installiert hat? Lohnt sich auch dann der Umstieg trotz erheblichen Kaufpreises?

„Fritz“ massiv in Richtung Internet

Zunächst etwas zu den Testbedingungen, die in der immer komplexer werdenden Technikwelt des 21. Jahrhunderts zunehmende Bedeutung gewinnen. Ich habe Fritz (und natürlich auch die zum Vergleich herangezogene Engine Houdini 4) auf einem AMD FX-8320 Eight-Core Prozessor mit 32 GB RAM und Windows 8.1 betrieben.

Gleich der Startbildschirm fällt auf – alles so anders und ungewohnt:

Ungewohnter Startbildschirm des neuen "Fritz 15"
Ungewohnter Startbildschirm des neuen „Fritz 15“

Bereits dieser Bildschirm macht deutlich, wohin es vermutlich in der Zukunft bei Fritz noch stärker gehen wird: Gefragt sind die Angebote im Internet, sei es als Trainingsfeatures, sei es in Form von Cloud-Datenbanken. Auch der Videobereich ist selbstverständlich von Interesse, erhält man hier doch Zugriff auf die zahlreichen Videolektionen und Übertragungen, die ChessBase mittlerweile dem Premium-Nutzer zur Verfügung stellt. Im Leistungspaket von Fritz 15 sind 6 Monate kostenloser Premium-Zugang enthalten.

Startbildschirm der ChessBase-Mediathek von "Fritz 15"
Startbildschirm der ChessBase-Mediathek von „Fritz 15“

Doch auch über diesen Aspekt möchte ich mich nicht weiter auslassen, auch wenn die spielerischen und didaktischen Möglichkeiten des ChessBase-Servers Playchess sicher für viele Nutzer ein entscheidendes Kriterium darstellen werden. Aber diese Möglichkeiten können natürlich auch auf anderem Wege als durch den Erwerb von Fritz 15 erworben werden. Was bringt Fritz also selbst Neues mit sich?

„Rybka“-Programmierer für „Fritz“-Motor verantwortlich

Sofort springt der Name des Programmierers ins Auge. Vasik Rajlich, internationaler Schachmeister und durch die Erfolge seines früheren Programms Rybka weithin in der Szene bekannt, zeichnet für den „Motor“ von Fritz 15 verantwortlich. Nach den Plagiatsvorwürfen gegen ihn im Zusammenhang mit der angeblichen Verwendung des Codes zweier anderer Engines für Rybka und der nachfolgenden Aberkennung der Computerschach-Weltmeisterschaften 2006-2010 durch die International Computer Games Association war es still um Rajlich geworden. Nun meldet er sich also mit einer neuen prestigeträchtigen Engine zurück.
Die Spielstärke des Programms liegt bei… keine Ahnung! Die Rangliste des Schwedischen Schachcomputervereins SSDF führte Fritz 15 zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Rezension noch nicht, und ich als absoluter Nicht-Schachcomputer-Experte maße mir nicht an, durch irgendwelche Tests eine Angabe über die Spielstärke des Programms machen zu wollen. Bei Elozahlen jenseits der 3300 (!!), die die SSDF-Liste für die Spitzenprogramme vermerkt, dürften hier kleine Unterschiede auch allenfalls für die absolute Weltspitze im Nah- oder Fernschach von Interesse sein. Im Übrigen verweise ich auf die Rezension des Kollegen Uwe Bekemann auf dem Schach-Ticker vom 23. Januar 2016, wo auf diese Frage näher eingegangen wird. Ich fand es lediglich interessant, dass bei einer längeren Daueranalyse (Rechenzeit ca. eine Stunde) einer Partie zweier „alter Meister“ Fritz 15 zu deutlich anderen Bewertungen kam als mein Houdini 4:

"Fritz"-Analysebildschirm bei Spassky-Simagin
„Fritz“-Analysebildschirm bei Spassky-Simagin

In dieser Situation wählte Simagin die Umgruppierung 36…Ld8, die etwa Mark Dworetzki und Artur Jussupow mit einem Rufzeichen schmücken: „Wie kann Schwarz die Position verstärken? Verfrüht wäre 36…h4? 37.g4. Simagin findet einen ausgezeichneten Plan. Er führt seinen Läufer nach c7 und baut damit eine Dame-Läufer-Batterie auf, die dem weißen König gefährlich werden kann. Die Bauerndurchbrüche gewinnen danach an Kraft.“ (aus: Positionelles Schach – Wie man sein Stellungsgefühl trainiert, Hombrechtikon/Zürich, Olms 1996).
Wie zu sehen, ziehen beide Engines den Zug 36…Ld8 in Betracht, favorisieren aber jeweils einen anderen. Interessant ist nun, dass Fritz 15 mit immerhin nennenswertem Abstand von 0,14 Bauerneinheiten die sofortige Transformation der Stellung durch 36…cxb4 vorschlägt, während Houdini diesen Zug noch nicht einmal unter seinen Top 5 führt. Und wer hat nun Recht – sofern man das überhaupt sagen kann? Ich griff Fritz‘ Vorschlag auf, ließ Schwarz auf b4 nehmen und kam nach wenigen Zügen, über die beide Engines sich einig waren, zu folgender Stellung:

"Fritz"-Analysebildschirm bei Spassky-Simagin
„Fritz“-Analysebildschirm bei Spassky-Simagin

Hier ließ ich die Engines wiederum eine Stunde rechnen, und siehe da, Houdini schwenkte auf die Linie von Fritz ein und sah Schwarz nun ebenfalls merklich im Vorteil. Achtungserfolg für Fritz, aber ich betone noch einmal, dass ich damit keinerlei Aussage über die Spielstärke oder Analysefähigkeit der Engines treffen möchte. Für den normalsterblichen Schachspieler sind beide sicherlich absolut erste Wahl.

„Freund“-Modus passt sich dem Menschen an

Das Spiel gegen Fritz hat angesichts der Spielstärke heutiger Computer nur noch den Charakter eines Trainings: Eine Chance hat man als Mensch (vielleicht von Magnus Carlsen und wenigen Anderen abgesehen) sowieso nicht mehr. Umso wichtiger ist es heute, dem Menschen nicht die Lust am Spiel zu verderben, ihm also eine Chance zu lassen. Bereits seit langem beinhaltet Fritz den „Freund“-Modus, der sich der Stärke des menschlichen Partners anpasst. Nun lässt Fritz auch eine Signallampe leuchten, sobald er einen Fehler einstreut (im folgenden Screenshot ließ Sf3-d2 natürlich den Figurengewinn durch …f5-f4 zu).

Die blinkende Lampe am unteren Rand weist auf den taktischen Fehler hin
Die blinkende Lampe am unteren Rand weist auf den taktischen Fehler hin

Auf Grund der Ergebnisse aus diesen Partien berechnet das Programm eine Wertungszahl des Menschen für die verschiedenen Partiephasen:

Auswertung zweier Freundschaftspartien. Offensichtlich gibt es noch Steigerungspotential...
Auswertung zweier Freundschaftspartien. Offensichtlich gibt es noch Steigerungspotential…

Wie aussagekräftig diese Statistik nun ist, muss jeder für sich entscheiden, denn logischerweise sagt eine schwache Wertungszahl im Mittelspiel noch nicht viel aus (hat man taktisch gepatzt oder eine strategische Stellung misshandelt?).

Trainingsfunktionen bei „Fritz 15“

Die Trainingsfunktionen von Fritz sind zahlreich. An neuen Elementen ist mir besonders das Rechentraining aufgefallen, wo – analog zur praktischen Partie – die Variante im Kopf berechnet werden muss. Die Züge werden per Maus eingegeben, auf dem Bildschirm aber nicht angezeigt.

Stellung der Partie Bowdler-Philidor, London 1788. Na, wie war denn gleich noch mal die Variante nach Sxh7?
Stellung der Partie Bowdler-Philidor, London 1788. Na, wie war denn gleich noch mal die Variante nach Sxh7?

Nach Beendigung des Trainings nimmt das Programm eine Bewertung der Berechnung vor.

Ein weiteres nettes Feature ist die Vorgabepartie:

Auch wenn ein Mehrbauer (oder auch mal ein -springer?) gegen Fritz noch lange keine Sieggarantie bedeutet, vermittelt er doch ein gutes Gefühl...
Auch wenn ein Mehrbauer (oder auch mal ein -springer?) gegen Fritz noch lange keine Sieggarantie bedeutet, vermittelt er doch ein gutes Gefühl…
Fazit-Banner Glarean Magazin
Für wen lohnt sich die Neuanschaffung des jüngsten, des 15. „Fritz“-Schachpaketes? Hier sehe ich die Zielgruppe diesmal nicht so sehr bei den „Profis“, die von Neuerungen bei früheren Versionen wie etwa der Cloud sicher eher profitierten als die Hobby- und Vereinsspieler. Doch gerade für diese stellt Fritz 15 etliche interessante neue Funktionen bereit, die für das Training eingesetzt werden können oder auch einfach nur Spaß machen. Wer nicht sowieso schon eine aktuellere Software aus dem Haus ChessBase besitzt, kann angesichts der Möglichkeiten, die der Playchess-Server und die Mediathek bieten, bei einem Kauf ohnehin nicht viel falsch machen.

Zum Schluss also wie immer die Gretchenfrage: Für wen lohnt sich die Neuanschaffung? Hier sehe ich die Zielgruppe diesmal nicht so sehr bei den „Profis“, die von Neuerungen bei früheren Versionen wie etwa der Cloud sicher eher profitierten als die Hobby- und Vereinsspieler. Doch gerade für diese stellt Fritz 15 etliche interessante neue Funktionen bereit, die für das Training eingesetzt werden können oder auch einfach nur Spaß machen. Wer nicht sowieso schon eine aktuellere Software aus dem Haus ChessBase besitzt, kann angesichts der Möglichkeiten, die der Playchess-Server und die Mediathek bieten, bei einem Kauf ohnehin nicht viel falsch machen. ■

Fritz 15, DVD-Schach-Software, ChessBase, ISBN 978-3-86681-483-7

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über die neue Schach-DVD von ChessBase:
Fritz-Trainer Vol. 10 – Mikhail Botvinnik

Frank Schuster: Das Haus hinter dem Spiegel (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Ein Schach-Roman für Carroll−Liebhaber

von Sabine & Mario Ziegler

Zu den großen Klassikern der Weltliteratur gehören zweifellos die beiden Romane „Alice im Wunderland“ („Alice’s Adventures in Wonderland“) und „Alice hinter den Spiegeln“ („Through the Looking-Glass, and What Alice Found There“), verfasst in den Jahren 1865 und 1871 vom britischen Schriftsteller Lewis Carroll (eigentlich Charles Lutwidge Dodgson, 1832-1898). Wie kaum ein anderes Kinderbuch fanden Alice und ihre zahlreichen skurrilen Verbündeten und Widersacher Eingang in Literatur, Musik und Film. In die lange Reihe von Rezeptionen des Alice-Themas reiht sich auch Frank Schuster mit seinem Roman „Das Haus hinter dem Spiegel“. Es handelt sich um die zweite Monographie Schusters nach dem Roman „If 6 Was 9“ (Oldenburg 2003)

Fantastischer Roman für Jung und Alt

Frank Schuster - Das Haus hinter dem Spiegel - Roman -mainbookDer Klappentext verspricht einen „fantastischen Roman für Jung und Alt“, und die ersten Kapitel lassen an ein Jugendbuch denken: Kurze, überschaubare Kapitel, die Handlung entführt den Leser in die Welt der beiden zehnjährigen Schwestern Lorina und Eliza. Zum Leitmotiv der Geschichte wird eine Schachfigur aus dem Spiel des Vaters. Diese Figur, eine schwarze Dame, wird von einer Elster entwendet. Was zunächst lediglich wie ein kleines Missgeschick anmutet, wegen dem der Vater seine angefangene Fernschachpartie mit einem Freund nicht wird fortsetzen können, entpuppt sich bald als viel größeres Problem: Es existiert eine parallele Welt „hinter dem Spiegel“, in der Elizas „Zwilling“ Alice mit ihrer Familie lebt. Aus einem nicht näher bezeichneten Grund vertauschen Alice und Eliza ihre Plätze in der jeweils anderen Welt. Als Medium dieser Verwandlung dient ein großer Spiegel, den die Familie vor Jahren in England erstanden hatte, und der aus dem Viktorianischen Zeitalter stammt – just aus der Zeit, in der Carroll den Roman von „Alice hinter den Spiegeln“ verfasste. Im weiteren Verlauf der Geschichte erfährt der Leser nach und nach immer mehr Details der unglaublichen Verwandlung von Eliza zu Alice. Für die Rückverwandlung am Ende ist – ähnlich wie bei Carroll – das Schachspiel von großer Bedeutung, das aber erst wieder in seinen Originalzustand zurückversetzt werden muss. Hier kommen der im gleichen Haus wie die Kinder wohnende Erfinder Herr Ritter, der Lehrer Herr Hundsen und der Psychologe Herr König ins Spiel. Nach vielen Schwierigkeiten gelingt es, eine Ersatzfigur für die schwarze Dame herzustellen, schließlich taucht auch das Original wieder auf, und zum guten Schluss kann die Rückverwandlung durchgeführt werden.

Vom Kinderbuch zur Nonsens-Literatur

Lewis Carroll - Fotografie 1863
Lewis Carroll (Fotografie von 1863)

Zu diesem Zeitpunkt hat der Roman jedoch schon lange den Charakter eines Kinderbuchs verloren. Nicht nur werden die Kapitel zunehmend länger, auch die Wortwahl verändert sich. Wird zu Beginn auf Augenhöhe der Kinder berichtet, was etwa im Belauschen der Eltern (Kapitel 4) zum Ausdruck kommt, treten im Laufe der Erzählung zunehmend Wortspiele auf, die an die literarische Gattung des Nonsens erinnern, für den Carroll berühmt war. Das zentrale Kapitel ist das achte, in dem Eliza zur Verblüffung ihrer Mitschüler in Spiegelschrift folgendes Gedicht schreibt:

Verdaustig war’s, und glasse Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

Textimmanente Andeutungen auf historische Figuren

Es handelt sich hierbei um die erste Strophe des Gedichts „Der Zipferlake“ („Jabberwocky“) aus der Feder von Lewis Carroll, wie dem Vertretungslehrer Hundsen sofort klar ist. Frank Schuberts „Das Haus hinter den Spiegeln“ ist voll von solchen Anspielungen: Der Goggelmoggel (im Original Humpty Dumpty) wird ebenso bemüht wie der Hutmacher aus Alice im Wunderland (in Gestalt der Deutschlehrerin „Frau Hutmacher“ oder der weiße Ritter (in Gestalt des rettend eingreifenden Erfinders Herr Ritter). Neben solchen textimmanenten Andeutungen wird auf die historische Figur Carroll selbst verwiesen: Nicht zufällig ist „Karl-Ludwig Hundsen“ die exakte Übersetzung seines bürgerlichen Namens Charles Lutwidge Dodgson (dieser Bezug wird auf S. 70 ausdrücklich hergestellt). Die Hinweise erschließen sich natürlich nur demjenigen, der Carrolls Biographie und seine Werke kennt. Für alle anderen bleibt vieles unverständlich und sogar verwirrend, etwa wenn in Kapitel 15 seitenlang Nonsenspoesie zitiert wird, die die Geschichte nicht voranbringt. Skurril wirkt, wenn Eliza als Gutenachtgeschichte eine weitere Nonsensballade aus der Feder von Carroll, „Die Jagd auf den Snark“, vorgelesen wird.
Bisweilen verschwimmen die Ebenen: Eliza, das Ebenbild der Carroll’schen Alice, liest selbst Carrolls Roman (S. 79) – im Grunde also ihre eigene Geschichte.

Zahlreiche Handlungsbezüge zum Schach

Wie in der literarischen Vorlage so begegnen auch in Schusters Roman zahlreiche Schachbezüge, besonders in den letzten Kapiteln. Hierbei greift der Autor eine Stellung auf, die Carroll selbst zur Grundlage der Handlung in „Alice hinter den Spiegeln“ machte. Folgendes Diagramm findet sich in der Ausgabe von „Through the Looking-Glass“ aus dem Jahre 1871:

Schuster - Alice chess game
Schuster – Alice chess game

Dem Leser des Romans leuchten die Bezüge zu den Abenteuern der Alice sofort ein, wozu auch die Farbe „Rot“ (statt „Schwarz“) für den Nachziehenden passt; hier wird das Motiv der „roten Königin“ wiederaufgegriffen, das sich bereits in „Alice im Wunderland“ findet. Verwirrend ist allerdings – gerade für schachspielende Leser – dass diese Position aus der Fernpartie des Vaters stammen soll. Dies wird bereits auf S. 7 verdeutlicht, wo ausdrücklich zwei Elemente der Stellung genannt sind: „So konnte Papa einfach eine E-Mail an den Freund schicken, in der er zum Beispiel schrieb: ‚Weißer Bauer auf d2.‘ Und sein Freund mailte dann zurück: ‚Schwarze Königin von e2 auf h5.‘“ Carroll selbst allerdings folgt bei den oben angegebenen Zügen bis zum Matt zwar den Schachregeln, nicht aber der Regel, beide Spieler abwesend ziehen zu lassen. Vielmehr stehen die Figuren auf dem Brett für die handelnden Personen in Carrolls Roman.
So würde der vollständige Ablauf bis zum Matt nach Carroll in heutiger Notation lauten:
1…Dh5 2.d4 und Dc4 3.Dc5 4.d5 und Df8 5.d6 und Dc8 6.d7 Se7+ 7.Sxe7 und Sf5 8.d8/D De8+ 10.Da6 (dieser Zug ist – schachlich betrachtet – illegal, da der weiße König im Schach der schwarzen Dame steht) 11.Dxe8#
Bei Schuster wird die Zugfolge nicht komplett wiedergegeben, aber durch die vorhandenen Anspielungen wird dem Carroll-kundigen Leser klar, dass für die Rückverwandlung von Alice in Eliza eben jene „Schachpartie“ zu Ende gespielt werden muss.

Trotz Märchen-Motiven kein Kinderbuch

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Frank Schusters Schach-Roman „Das Haus hinter dem Spiegel“ ist nicht ein eigentliches Kinderbuch, auch wenn die Hauptpersonen Kinder sind und die märchenhaften Motive geeignet wären, junge Leser anzusprechen. Liest man das Buch als mit dem Schach Vertrauter, ohne die Schachmotive aus Carrolls Werken zu kennen, ist man schnell ob der vermeintlichen „Fehler“ verwirrt. Für Lewis Carroll-Fans öffnet der Schusters Roman aber eine wahre Schatzkiste an Bezügen und bietet eine moderne Neuinterpretation des vertrauten Stoffs.

Für wen ist also „Das Haus hinter dem Spiegel“ geschrieben? Offensichtlich handelt es sich nicht um ein Kinderbuch, auch wenn die Hauptpersonen Kinder sind und die märchenhaften Motive geeignet wären, junge Leser anzusprechen. Liest man das Buch als mit dem Schach Vertrauter, ohne die Schachmotive aus Carrolls Werken zu kennen, ist man schnell ob der vermeintlichen „Fehler“ verwirrt. Es bleiben die Fans und Liebhaber der literarischen Vorlagen von Lewis Carroll. Für solche Liebhaber öffnet „Das Haus hinter den Spiegeln“ eine wahre Schatzkiste an Bezügen und bietet eine moderne Neuinterpretation des vertrauten Stoffs. ■

Frank Schuster: Das Haus hinter dem Spiegel, Roman, MainBook Verlag, 180 Seiten, ISBN 978-3944124728


Sabine Ziegler-Staub

Geb. 1982 im Saarland, Lehramtsstudium, Mitarbeit an einem Forschungsprojekt im Bereich Fachdidaktik der Mathematik, seit mehreren Jahren im Schuldienst und aktive Schachspielerin sowie Trainerin einer Schach-AG

Mario Ziegler

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kinder-Schach auch über
Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

… sowie zum Thema Schach und Literatur auch über
Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst

Michael Dombrowsky: Berliner Schach-Legenden

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Erinnerungen an versunkene Schach-Zeiten

von Dr. Mario Ziegler

Unter dem Titel „Luftmenschen“ veröffentlichten im Jahre 1998 Michael Ehn und Ernst Strouhal „Materialien und Topographien zu einer städtischen Randfigur 1700-1938“, wie es im Untertitel lautet. Die beiden österreichischen Schachhistoriker gingen darin dem Schicksal der Schachspieler aus Wien nach, doch kann man den gleichen Blick auch in die deutsche Hauptstadt schweifen lassen, was das Wortspiel im Titel rechtfertigt. „Berliner Luft“ ist der Titel eines Operetten-Liedes, das der Komponist Paul Lincke bereits 1904 schrieb, das jedoch besonders in den „Goldenen Zwanzigern“ populär wurde, jenen Jahren, in denen Berlin eine der Kulturhauptstädte Europas war. Nach dem tiefen Einschnitt des Nationalsozialismus und der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges entwickelten sich beide Hälften der geteilten Stadt grundlegend verschieden und verloren doch nie ganz das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Den herausragenden Schachspielern dieser einzigartigen Metropole ist das Werk des Hamburger Journalisten Michael Dombrowsky gewidmet, das den Gegenstand der vorliegenden Besprechung darstellt.

Auf alle Quellenbelegung verzichtet

Michael Dombrowsky - Berliner Schach-Legenden - Erinnerungen und Portraits aus der Zeit vor und nach dem Mauerbau - Edition MarcoDer behandelte Zeitraum wird durch den Untertitel „Erinnerungen und Portraits aus der Zeit vor und nach dem Mauerbau“ eingegrenzt. Natürlich hätte man eine Betrachtung der Schachgeschichte Berlins viel weiter zurückreichen lassen können, doch eine solche umfassende Darstellung – die im Übrigen meines Wissens noch nicht existiert und ein ausgesprochenes Desiderat darstellt – entsprach nicht Dombrowskys Intention. „Es sind Erinnerungen eines Schachschülers (Jahrgang 1946) an die Schachhelden seiner Jugend“, wie er formuliert. Und auch eine wissenschaftliche Untersuchung wurde nicht angestrebt, wie Dombrowsky gleichfalls zu Beginn seiner Arbeit deutlich macht. Entsprechend wurde auf jegliche Form der Quellenbelege und auf eine Bibliographie eventuell verwendeter Literatur verzichtet.

„Der Scharf-Richter aus Berlin“: Kombinationskünstler Kurt Richter (1900-1969)

Hin und wieder ist das bedauerlich, wenn man auf eine besonders interessante Begebenheit stößt und sie gerne im Original nachlesen würde. Zumindest wird erwähnt, dass als Interviewpartner Harald Lieb, Klaus Darga und Hans-Joachim Hecht zur Verfügung standen und weitere Informationen sowie Bildmaterial durch Familienangehörige der besprochenen Meister bereitgestellt wurden. A propos Bildmaterial: Dieses gibt es reichlich in Form historischer Schwarzweiß- und Farbaufnahmen, die meisten davon (zumindest mir) unbekannt. Der Wissenschaftler in mir hätte sich übrigens auch hier ein Abbildungsverzeichnis gewünscht. Doch abgesehen von diesen kleinen – und vielleicht subjektiven – Kritikpunkten ist die Aufmachung des Buches absolut tadellos: Hardcover, sehr übersichtliches Druckbild (Text ein-, Partien zweispaltig), die Kurzbibliographien und das Partienverzeichnis erlauben eine schnelle Orientierung.

Nachkriegszeit – Mauerbau – Wirtschaftswunder

Legendär als Schach-Autor: Rudolf Teschner (1922-2006)
Legendär als Schach-Autor: Rudolf Teschner (1922-2006)

Zum Inhalt: Es ist eine versunkene Welt, die sich den Augen des Lesers enthüllt: Nachkriegszeit, Mauerbau, Wirtschaftswunder – alles andere als leichte Bedingungen für die Berliner Schachmeister, und doch auch „Goldene Schachzeiten“, in denen das Schachleben im Westteil der Stadt so sehr blühte, dass man einer Berliner Auswahl durchaus einen Sieg über die deutsche Nationalmannschaft zugetraut hätte. Aus dieser Zeit werden zehn Schachpersönlichkeiten vorgestellt. „Die Auswahl basiert auf persönlichen Erinnerungen und Nachforschungen, sportlichen Leistungen und ungewöhnlichen Lebensläufen…“. Auch hier wurde also keine Vollständigkeit angestrebt, und natürlich kann man die getroffene Auswahl an der einen oder anderen Stelle kritisieren. Doch ist es Dombrowsky gelungen, eine sehr interessante Mischung zu finden. So steht neben den Nationalspielern Klaus Darga, Hans-Joachim Hecht und Jürgen Dueball der Problemexperte und -komponist Adolf Delander, neben den berühmten Schachmeistern und -autoren Kurt Richter und Rudolf Teschner ein relativ unbekannter Meisterspieler wie Klaus Uwe Müller.

Fiktive Episoden, der Realität entlehnt

Abgerundet wird das Werk durch Biographien von Heinz Lehmann, Harald Lieb und Wolfram Bialas, und vor die Lebensbeschreibungen dieser zehn Protagonisten ist ein Kapitel gestellt, das einen Überblick über das restliche Berliner Schachleben gibt. „Berlin 1960“  ist ein fiktiver Spaziergang durch das Berlin der 60er Jahre mit einem Besuch des lokalen Schachcafés, in dem weniger bekannte, doch ebenfalls spielstarke Meister wie Rudolf Elstner, Adolf Pawelczak oder Viktor Winz auftreten, daneben der bedeutende Funktionär Alfred Kinzel (von 1975 bis 1983 Präsident des Deutschen Schachbundes). Das Adjektiv „fiktiv“ lässt den Leser aufhorchen: Kann eine Darstellung, die sich mit Geschichte befasst und somit „harte Fakten“ präsentieren will, fiktive Elemente enthalten? „Ich erzähle Episoden und Szenen, die manchmal fiktiv sind, aber durchaus so geschehen sein könnten“, so formuliert Dombrowsky selbst, womit er immerhin in der Tradition klassischer Historiographen steht, die Szenen ausmalen und ihren Protagonisten Reden in den Mund legen, um die Situation für den Leser eindrucksvoller und plastischer zu gestalten.

Standard-Klischees über Schachspieler

Und so finden wir im erwähnten Berliner Schachcafé des Jahres 1960 den Schachspieler, dessen blasses Gesicht dem Betrachter sofort verrät: „Der Mann sehnt sich nicht nach einem Spaziergang in der Sonne.“ Ein anderer wird als älterer Herr mit „schlecht sitzendem Anzug auf seiner schmalen Figur“ beschrieben. Inwieweit hier Erzählungen von Augenzeugen bemüht wurden und wie sehr sich die Fantasie des Autors Bahn brach, muss offen bleiben, denn solche Klischees gehören ebenso wie die Tasse Kaffee, „die dann stundenlang völlig unberührt abkühlt“ und der Wirt, der von dem Wenigen, was die Schachspieler über den Abend konsumieren, nicht einmal die Stromrechnung bezahlen könnte, zu den Standardklischees über Schachspieler. Manche der fiktiven Dialoge erscheinen mir persönlich etwas überflüssig, doch tragen sie unzweifelhaft zu einer Auflockerung des Geschilderten bei.

Die großen Meister mit ihren Marotten dargestellt

Sieger der Deutschen Meisterschaft 1961: Berlins starker Großmeister Klaus Darga (*1934)
Sieger der Deutschen Meisterschaft 1961: Berlins starker Großmeister Klaus Darga (*1934)

Auch abgesehen von diesen Elementen ist das Buch alles andere als trockene Geschichtsschreibung. Die großen Meister werden mit ihren sportlichen Erfolgen, aber auch ihren ganz persönlichen Eigenarten und Marotten dargestellt. So erfährt man, dass die große Leidenschaft des großen Kurt Richter die Pferdewetten waren, bei denen er viel Geld einsetzte und hört von der persönliche Kontroverse der beiden Nationalmannschaftskollegen Wolfram Bialas und Lothar Schmid wegen eines lange zurückliegenden Vorwurfs der Schiebung. Und natürlich ist manche Vita schon allein so spannend und episodenreich, dass man sich wundert, dass man noch nie etwas davon gehört hat. So ging es mir im Fall von Klaus Uwe Müller. Als ich das Kapitel zum ersten Mal aufschlug, war ich etwas beschämt, von dieser „Schachlegende“ noch nicht einmal den Namen zu kennen, doch beruhigten mich die Worte des Autors: „Es ist schon erstaunlich, dass ein Meister so vergessen wird. Schon in den 60er Jahren sprach kaum noch jemand über seine Leistungen. Klaus Uwe Müller ist der am wenigsten beachtete und am meisten unterschätzte Schachspieler aus der goldenen Hochzeit im Berliner Schach nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Dabei war Müller immerhin vor seiner Flucht in den Westen erfolgreiches Mitglied der DDR-Nationalmannschaft mit einem ausgezeichneten Resultat von 9 Punkten aus 15 Partien bei der Schacholympiade 1952 in Helsinki und im gleichen Jahr punktgleicher Sieger der DDR-Meisterschaft zusammen mit IM Berthold Koch.

Bisher unbekanntes Partien-Material integriert

Zu einem Buch über Schachspieler gehören natürlich auch Schachpartien. Diese finden sich reichlich im Werk, vielfach auch solche, die in den gängigen Datenbanken fehlen. Alle sind durch IM Dr. Helmut Reefschläger kommentiert. Da in den „Schachlegenden“ die Persönlichkeiten, und nicht schachliche Feinheiten im Vordergrund stehen, sind die Kommentare zwar (soweit ich es überprüft habe) fehlerlos und sicher mit Hilfe eines Computerprogrammes geprüft, hätten aber an der einen oder anderen Stelle (wiederum nach meinem subjektiven Geschmack) etwas ausführlicher ausfallen können. Ein Beispiel mit den Originalanmerkungen Reefschlägers:

Kurt Richter – Abraham Baratz
Prag 1931
1.d4 Sf6 2.Sc3 d5 3.Lg5 Lf5 4.f3 c6 5.e3 Sbd7 6.f4 Da5 7.Ld3 Se4 8.Lxe4 Lxe4 9.Sf3 f6 10.Lh4 e6 11.0–0 Lxf3 12.Dxf3 f5 13.Tae1 Db4

Diagramm: Kurt Richter vs Abraham Baratz (Prag 1931) - nach 13. ... Db4
Diagramm: Kurt Richter vs Abraham Baratz (Prag 1931) – nach 13. … Db4

14.e4
Ein „Verbotener Zug“. Verbotene Züge sind solche, die das Gehirn gar nicht in Betracht zieht, also einfach verbietet, als unmöglich ausschließt. Das ist menschlich. Allzu menschlich. Nun wird bisweilen ein Verbotener Zug, wenn ihn ein Computer macht, bejubelt. Zu Unrecht, denn aus seiner Sicht steht der Zug auf gleicher Ebene wie alle anderen auch. Dem Menschen dagegen gebührt Hochachtung, wenn er seinem Gehirn den Ausschluss gewisser Züge nicht zustimmt. 14.e4 ist nun gleich mehrfach verboten: der Bauer kann vom d- oder f-Bauern geschlagen werden, und überdies hängt auch noch d4 mit Schach. Ein besonderer Moment für Kurt Richter, konnte er hier quasi in einem Zug seine Phantasien ausleben, seine romantische Seite einbringen, seine Traumwelt bedienen. Und merkwürdig: Der Verbotene Zug ist hier auf ganz profane Weise völlig korrekt, ja der einzige, der weißen Vorteil ergibt!
14…dxe4 15.Sxe4 fxe4 16.Dxe4 Kräftiger ist 16.Txe4. 16…Dd6? 16…Dc4 hält noch stand. 17.Df5 Dxd4+ 18.Kh1 Le7 19.Dxe6 0–0–0 20.Lxe7 The8 21.Dh3 Dxb2 22.Lxd8 Txd8 23.Db3 Df6 24.De6 Dc3 25.Te2 Kc7 26.h3 Sf6 27.De5+ Dxe5 28.fxe5 Sd5 29.Tf7+ 1–0

Michael Dombrowskys neues Buch überzeugt: Über Details lässt sich streiten, aber in summa sind die „Berliner Schachlegenden“ ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch, das den schachhistorisch Interessierten in ein spannendes Kapitel der deutschen Schachgeschichte einführt.

Zusammengefasst: Dombrowskys Arbeit hat mich überzeugt. Über Details kann man streiten, aber in summa sind die „Berliner Schachlegenden“ ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch, das den schachhistorisch Interessierten in ein spannendes Kapitel der deutschen Schachgeschichte einführt. Dem Buch, das nach Aussage seines Autors für Schachspieler und Nichtschachspieler geschrieben wurde, möchte ich viel Erfolg wünschen, auch wenn zu befürchten ist, dass die Anzahl der Käufer aus dem Kreis der Nichtschachspieler gering sein wird. ■

Michael Dombrowsky: Berliner Schachlegenden – Erinnerungen und Portraits aus der Zeit vor und nach dem Mauerbau, Edition Marco, 240 Seiten, ISBN 978-3924833-66-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über die
neue Schach-Zeitschrift „Caissa“
… sowie zum Thema Schacheröffnungen über
Mihail Marin: Die Englische Eröffnung

Sokolov: Gewinnen in d4-Bauernstrukturen (Schach)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Verständnis für die Bauern

von Mario Ziegler

Nein, es geht in der folgenden Rezension nicht um die Agrarpolitik der EU, und auch nicht um die Situation des Dritten Standes in den Revolutionsjahren 1525 oder 1848. Vielmehr soll ein neues Strategiebuch besprochen werden, in dem die Bauern auf dem Schachbrett eine entscheidende Rolle spielen.
Sein Autor Ivan Sokolov ist in der Welt des Schachs eine bekannte Persönlichkeit. Der 1968 im bosnischen Jajce bei Banja Luka geborene Großmeister vertrat 1988 und 1990 Jugoslawien bei den Schacholympiaden in Thessaloniki und Novi Sad, wobei er 1988 mit seiner Mannschaft die Bronzemedaille erringen konnte. 1993 verließ er während des Bürgerkrieges seine Heimat und emigrierte in die Niederlande. Mit der niederländischen Auswahl errang er unter anderem den Sieg bei der Mannschafts-Europameisterschaft 2005 in Göteborg. Seit 2009 ist er für den bosnischen Schachverband spielberechtigt. Neben diesen Erfolgen und neben zahlreichen Siegen bei bedeutenden Turnieren trat er durch einige hochgelobte Schachbücher hervor. 2009 erschien sein Werk „Winning Chess Middlegames: An Essential Guide to Pawn Structures“, das nun in deutscher Sprache vorliegt und Gegenstand der vorliegenden Besprechung sein soll.

Konzentration auf Nimzoindisch

Der Untertitel „Gewinnen in d4-Bauernstrukturen“ könnte in die Irre führen. Sokolov will keineswegs alle d4-Eröffnungen oder auch nur einen repräsentativen Querschnitt beleuchten, sondern konzentriert sich auf die Nimzoindische Verteidigung 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4. Da der Autor ein Experte für diese Eröffnung ist und ihr kürzlich eine Monographie gewidmet hat („The strategic Nimzo-Indian. Vol. 1: A complete guide to the Rubinstein Variation“, Alkmaar 2012), ist dies eine naheliegende Wahl. Zudem kann man Sokolov zustimmen, wenn er formuliert (S. 11): „Abgesehen davon, dass ein Verständnis dieser [der im Buch beleuchteten] Stellungen für alle, die mit Weiß 1.d2-d4 oder mit Schwarz Nimzoindisch spielen, von Nutzen ist, haben die nachstehenden kommentierten Partien den zusätzlichen praktischen Wert, dass sie definitiv das Eröffnungswissen des Lesers verbessern werden, was sich sofort in der Turnierpraxis niederschlagen kann.“

Auf den Pfaden Philidors

Das Zauberwort des Buches lautet „Bauernstruktur“. Dass das Verständnis typischer Strukturen in einer bestimmten Eröffnung große Bedeutung besitzt, brachte bereits 1749 der große André Philidor in seinem berühmten Satz „Die Bauern sind die Seele des Schachspiels“ („… les Pions. Ils sont l’âme des Echecs …“) zum Ausdruck. Sokolov bedient sich jüngerer Beispiele, wenn er an das Schaffen der Weltmeister Karpow, Kasparow und Kramnik (S. 9) und seine eigene Praxis erinnert: „Über meine gesamte Karriere hinweg habe auch ich in den Stellungen, die ich gut verstand, eine ordentliche Punktausbeute erzielt und den Preis dafür bezahlt, dass ich in meiner Sturheit die Finger nicht von den Stellungstypen, die mir nicht lagen, lassen konnte.“

In seinem Werk konzentriert sich Sokolov auf die vier seiner Meinung nach (vgl. S. 9) wesentlichsten Bauernstrukturen: Doppelbauer, Isolani, Hängende Bauern und Bauernmajorität. Alle diese Formen sind noch weiter differenziert nach sogenannten Basisstrukturen. Dies sieht folgendermaßen aus (verdeutlicht am Beispiel der Hängenden Bauern, S. 179f.):

Struktur 3_1Struktur 3.1

Struktur 3_2Struktur 3.2

Beide Strukturen verdeutlichen einen weißen Standardplan: Abtausch auf e6, was fxe6 erzwingt, danach e3-e4, was Schwarz ein positionelles Zugeständnis abnötigt.

Struktur 3_3Struktur 3.3

Weiß führt seinen Plan e3-e4 aus, ohne vorher auf e6 einen Figurentausch vorgenommen zu haben.

Struktur 3_4Struktur 3.4

…demonstriert einen schwarzen Standardplan: …d5-d4, was die dynamischen Möglichkeiten der hängenden Bauern zur Geltung bringt.

Auf reichhaltige Erfahrung zurückgegriffen

Die einzelnen Basisstrukturen werden durch insgesamt 45 Partien beleuchtet, die den Zeitraum zwischen 1938 (Botwinnik-Tschechower, Leningrad) und 2008 (Topalow-Aronjan, Morelia/Linares) abdecken. Sokolov selbst ist mit 12 Partien vertreten. Dass er immer wieder seine eigenen Erfahrungen einfließen lässt, macht ein großes Plus des Werkes aus. Sokolov zeigt sehr eindrucksvoll, wie er selbst in einer bestimmten Position vorging, und spart dabei auch nicht mit Selbstkritik, wenn er falsche Wege beschritt. Hierzu ein Beispiel aus seiner Weißpartie gegen Darryl Johansen bei der Olympiade Manila 1992:

Sokolov vs Johansen
Sokolov – Johansen (Olympiade 1992)

Hier setzte Sokolov mit 13.Tb1 fort, was er mit einem „?!“ brandmarkt. In seinen Anmerkungen erläutert er diese Kritik am scheinbar naheliegenden Zug, der den Turm auf die halboffene Linie stellt (S. 15): „Für derartige Stellungen ist es typisch, dass Weiß seinen Raumvorteil und Entwicklungsvorsprung zur Entfaltung von Initiative nutzen muss, bevor seine strukturellen Mängel sich bemerkbar zu machen beginnen. 13.f4! war ein guter und energischer Anfang … In der Partie sah ich schon die mit 13.f4! assoziierten Möglichkeiten, dachte aber, dass ich mit Weiß gegen irgendeinen Australier mit einer Elo-Zahl von noch nicht einmal 2500 nur ‚reguläre‘ Züge zu machen brauchte und sich der Sieg ohne große Risiken wie von selbst einstellen sollte. Eine solche Denkweise ist vielleicht in einem Abspiel der Katalanischen Eröffnung mit Weiß vertretbar, aber nicht in diesem Typ von Nimzoinder.“

Herausforderung für den Leser

Neben solchen allgemeinen Überlegungen geht Sokolov jedoch auch in die Tiefe. Seine Analysen zu bestimmten Zügen können durchaus mehr als eine Spalte einnehmen, so dass der Leser bereit sein muss, einige Zeit und Mühe für die Arbeit mit dem Buch aufzuwenden. Der englische Großmeister Michael Adams weiß offensichtlich, wovon er spricht, wenn er in seinem Vorwort anmerkt (S. 8): „Vereinsspieler sollten sich nicht entmutigen lassen, wenn der Variantenwust mitunter etwas beängstigend erscheint.“ Um einen Einblick in Sokolovs Analysen zu geben, bot sich ein Vergleich an. Auf S. 89ff. wird zum Thema „Das Spiel gegen einen isolierten Bauern“ die Partie Iwantschuk-Aronjan, Morelia 2007, untersucht. Zu dieser Partie liegt neben der Analyse von Mihail Marin in der „MegaBase“ der Firma ChessBase auch eine Untersuchung von Nikolai Kalinichenko in seiner kürzlich veröffentlichten Monographie über Iwantschuk vor („Vassily Ivanchuk. 100 Selected Games, Alkmaar 2013, S. 152ff.). Es war ein reizvolles Unternehmen, die Gedankengänge und Arbeitsweisen der drei Großmeister zu vergleichen.

Iwantschuk-Aronjan
Iwantschuk-Aronjan (Morelia 2007)

Dies ist die Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz. Iwantschuk spielte nun das überraschende 17. Tcc1
Sokolov erklärt – ebenso wie Marin – die Idee dieses Zuges: „Weiß behält die Türme auf dem Brett, um den schwachen Bauern d5 aufs Korn nehmen zu können. Schwarz kann seinerseits aus der Kontrolle der c-Linie kein Kapital schlagen.“ Die drei Kommentatoren sind sich aber ansonsten über den Wert des Zuges und damit verbunden die Bewertung der Stellung nicht einig. Sokolov und Kalinichenko werten den Rückzug des Turms als sehr stark (!! bzw. !), während sich Marin mit !? begnügt. Im Vergleich zu seinen Kollegen kritisiert er in der Folge das schwarze Spiel deutlich stärker.
17…Tfc8
Dieser Zug bleibt von Sokolov unkommentiert, während Kalinichenko und Marin auf die Möglichkeit 17…Txc1+ verweisen. Kalinichenko hält diesen Abtausch, der die Stellung weiter vereinfacht, für eine ernstzunehmende Alternative, Marin sogar für die bessere Fortsetzung, weshalb er den Partiezug 17…Tfc8 mit einem ?! versieht.
18.Td1 Tc2 19.Lb5 Sf8 20.Tab1 T2c7 21.La4 Se6 22.Lb3 Kf8 23.h3
Sokolov: „Weiß will den Bauern d5 zu seinen eigenen Bedingungen nehmen. Das sofortige Schlagen dieses Bauern würde zu einem remislichen Endspiel führen: 23.¥xd5?! ¥xd5 24.¦xd5 ¦c1+ 25.¦d1 ¦xb1 26.¦xb1 ¦c2, und dank seines aktiven Turms sollte Schwarz die Stellung halten können.“ Beide anderen Kommentatoren übergehen diese Variante.
23…Tc5 24.Kh2
Diesen Zug hebt Sokolov als einziger besonders hervor, indem er ihn mit !! schmückt und anmerkt: „Weicht dem Schach auf c1 aus, um auf der d-Linie die Türme zu verdoppeln. Es ist sehr wichtig für Weiß, alle vier Türme auf dem Brett zu behalten.“
24…Ke7 25.Td2 Tb5 26.La2 Tbc5 27.Se1 a5
Als einziger analysiert Sokolov die Fortsetzung 27…Tc1, die jedoch Schwarz nicht aus seinen Schwierigkeiten gerettet hätte.
28.Tbd1 Td8 29.Kg3 Tb5 30.f3 Tc8
Wird von allen Kommentatoren als Fehler gekennzeichnet, allenfalls in der Frage, ob 30…Sc5 (Sokolov) oder 30…Tc5 (Kalinichenko, Marin) hartnäckigeren Widerstand versprach, gibt es Diskrepanzen.
31.Sd3!
„Wegen der Drohung 32.a4 mit Turmfang muss Schwarz einen Bauern geben.“ (Sokolov). Nicht eingegangen wird auf die (unzureichende) Verteidigung 31…a4, die Kalinichenko und Marin analysieren. Auch bei den restlichen Zügen der Partie hält sich Sokolov deutlich knapper als die beiden anderen Analytiker, was aber angesichts seiner Zielsetzung – Besprechung eines bestimmten Stellungstyps – verständlich ist. Für eine solche Erörterung sind die restlichen Züge nicht mehr relevant.
31…d4 32.Lxe6 Kxe6 33.Sf4+ Ke7 34.Txd4 Tc7 35.T1d2 Tbc5 36.e4 Tc4 37.Td6 T4c6 38.e5 Tc2 39.Txc2 Txc2 40.Txb6 Lc6 41.b4 g5 42.Sh5 axb4 43.axb4 Ld5 44.Sg7 Te2 45.Sf5+ Ke8 46.Sxh6 Le6 47.Tb5 Tb2 48.Tb8+ Kd7 49.Tg8 1–0

Für geübte Vereinsspieler geschrieben

An wen richtet sich Sokolovs „Gewinnen in d4-Bauernstrukturen“? Zielgruppe sind die geübten Vereinsspieler, da sowohl das Thema der Basisstrukturen als auch die Tiefe der Analysen eine gehobene Spielstärke voraussetzen. Darüber hinaus ist das Buch für jeden Nimzoindisch-Spieler (mit Weiss und mit Schwarz) grundlegend. Überhaupt ist zu wünschen, dass der Aspekt der charakteristischen Bauernstrukturen in künftigen Lehrbüchern noch stärker Berücksichtigung finde.

An wen richtet sich Sokolovs Werk? Ganz offensichtlich ist die Zielgruppe diejenige der geübten Vereinsspieler, da sowohl das Thema der Basisstrukturen als auch die Tiefe der Analysen eine gehobene Spielstärke voraussetzen. Darüber hinaus sollte das Buch für jeden Nimzoindisch-Spieler grundlegend sein, ebenso für Weißspieler, die sich mit den untersuchten Strukturen des Nimzoinders herumschlagen müssen. Für diese Spieler wird „Die hohe Schule des Mittelspiels im Schach“ ein hervorragendes Hilfsmittel zum besseren Verständnis der typischen Mittelspielpositionen sein. Es ist zu wünschen, dass der Aspekt der charakteristischen Bauernstrukturen in künftigen Lehrbüchern noch stärker Berücksichtigung finden wird. ■

Ivan Sokolov: Die hohe Kunst des Mittelspiels im Schach – Gewinnen in d4-Bauernstrukturen, New in Chess, 288 Seiten, ISBN 978-90-5691-432-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Schacheröffnungen“ auch über
Karsten Müller & Rainer Knaak: 222 Eröffnungsfallen