Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire

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Geweckte Erwartungen nicht erfüllt

von Thomas Binder

Graham Burgess präsentiert mit „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“ in umfangreichen und detaillierten Varianten ein Eröffnungs-Repertoire mit der Fokussierung auf sehr wenige Systeme. Damit soll dem unerfahrenen Spieler ein schadloses Überstehen der ersten Partiephase garantiert werden. Zielführend ist dieser Ansatz nur, wenn sich der Leser auf das Erlernen sehr konkreter Zugfolgen einlässt, statt allgemeinen Prinzipien zu vertrauen…

Um es vorweg zu nehmen: Ich schätze den englischen FIDE-Meister Graham Burgess als Schach-Autor vor allem für den Trainingswert seiner Bücher, insbesondere auch die zuletzt erschienenen Eröffnungslehrbücher „for kids“. Letztere habe ich trotz der Sprachbarriere meinen Schülern empfohlen.

Auswendiglernen von Theorie?

An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire - Graham Burgess - Gambit Verlag - An easy-to-learn repertoire where you can relax and just play chessBurgess‘ neuestes Werk hinterlässt mich nun allerdings ratlos bis enttäuscht, und sei es nur, weil der Titel eine Erwartungshaltung weckt, die es nicht erfüllen kann.
Ich hätte erwartet, Richtlinien zu erhalten, anhand derer ein Spieler am Beginn seiner Laufbahn – also mit wenig Erfahrung und entsprechend noch entwicklungsfähiger Spielstärke – die Klippen der ersten Partiephase umschifft. Ich bin mir sicher, dass es dafür auch einen „idiot proof“ Weg gibt, doch besteht dieser sicher nicht im Auswendiglernen ausgefeilter Theorievarianten.
Dieser Weg könnte etwa folgende Elemente umfassen:
• Beherzige die allgemeinen Eröffnungsprinzipien (Figurenentwicklung, Königssicherheit, Zentrumsbeherrschung) und die dafür gegebenen Empfehlungen (jede Figur nur einmal ziehen, Rochade hinter sichere Bauernkette, wenig Bauernzüge in der Eröffnung)
• Erkenne rechtzeitig die wichtigsten taktischen Motive, auf denen die oft überschätzten Eröffnungsfallen beruhen (Opfermotive auf f7 oder h7, Fesselungen, Doppelangriffe,…)
• Mit wachsender Erfahrung und Spielstärke erkennst du die Besonderheiten von Zentrumsformen und Bauernstrukturen und richtest dein Eröffnungsspiel darauf aus.

Limitieres Programm mit klaren Zugfolgen

Graham Burgess - Chess-Author - Schach-Trainer - Rezensionen Glarean Magazin
Produktiv und vielbeachtet: Schach-Autor Graham Burgess

Was bekommt die „Idiot-Proof“-Zielgruppe nun bei Burgess geboten? Er bleibt dem Repertoiregedanken treu und orientiert auf ein sehr limitiertes Programm aus klar vorgegebenen Zugfolgen:
• Mit Schwarz spielen wir gegen e2-e4 immer Skandinavisch und in der Folge die Modevariante 1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6
• Gegen d2-d4 spielen wir Slawisch, allerdings eingegrenzt auf die Variante 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 c6 4.e3 Le6
• Gegen c2-c4 antworten wir symmetrisch mit c7-c5
• Gegen Sg1-f3 spielen wir d7-d5
• Mit Weiss spielen wir im ersten Zug immer c2-c4 und in der Folge sobald wie möglich ein Königsfianchetto mit g2-g3 und Lf1-g2

Damit wird doch sehr viel Schach ausgeblendet und die Sicht sehr verengt. Vor allem die offenen und halboffenen (ausser Skandinavisch) Spiele kommen gar nicht vor. Gerade mit diesen Eröffnungen wird aber jeder Schacheinsteiger zuerst konfrontiert, und gerade die dort lauernden taktischen und strategischen Motive bilden ein Grundwissen, ohne dass man keine dauerhafte Freude am Schach haben wird.

Knappe Text-Anmerkungen

Graham Burgess - An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire - Leseprobe - Schach-Rezensionen - Glarean Magazin
Leseprobe aus „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“

Man könnte die Einengung des schachlichen Blickfeldes rechtfertigen, wenn das so verbleibende Eröffnungsrepertoire ausführlich und eben „idiot-proof“ erklärt würde. Doch leider sind auch die textlichen Anmerkungen zu knapp gehalten, um die Zielgruppe adäquat anzusprechen. Den Versuch, dies zu leisten, möchte ich Burgess nicht absprechen, doch die Variantenfülle lässt dafür keinen ausreichenden Raum.

Mit dem Stichwort „Variantenfülle“ sind wir beim nächsten Aspekt: Der Leser bekommt nichts anderes geboten als in einer gediegenen Eröffnungsmonographie. Nach der Kurzvorstellung des Repertoires folgen 180 Seiten mit zweispaltig engbedrucktem Varianten-Dschungel. Bis zu vier Diagramme pro Seite erleichtern die Orientierung etwas. Ein erfahrener Spieler wird sich zurechtfinden. Der Einsteiger wird von seinem möglicherweise ersten detaillierten Eröffnungsbuch eher abgeschreckt. Da hilft auch die systematische Gliederung bis hinunter zu Strukturen wie „Kapitel 8 – Abschnitt F2.2.1 – 5. Zug von Schwarz – Variante a.2.2“ nicht wirklich.
Für den erwartungsfrohen Einsteiger bleibt die ernüchternde Erkenntnis „Wenn ich schon für dieses schmalspurige Repertoire 180 Seiten Varianten lernen soll, ist dann Eröffnungsstudium überhaupt sinnvoll?“

Keine Überraschungen für den Leser

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Die vorstehende Kritik begründet sich ausschliesslich aus dem Ansatz von Burgess‘ Werk. Wer diesen Ansatz mitgehen möchte, der wird zu einem gänzlich anderen Fazit kommen und das Buch in höchsten Tönen loben – und auch dieses Urteil wäre gerechtfertigt.
Die vorgelegten Varianten decken das empfohlene Repertoire komplett ab. Vor Überraschungen wird der Leser weitgehend sicher sein – wenn er denn alles verstanden und verinnerlicht hat. Dass ihm grosse Teile der Schachwelt zunächst verborgen bleiben, merkt er erst nach und nach. Dann hat er hoffentlich eine Spielstärke erreicht, die auch risikolos den Blick über den Tellerrand des Burgess-Repertoires erlaubt. Insofern gleicht unser Buch einem Reiseführer, der nur zu den touristischen Highlights führt und die reizvollen Nebenstrassen einer späteren Tour vorbehält.

Schachlich fundierte Varianten

Englische Schach-Eröffnung - Variante c4 - Sf6 - Glarean Magazin - Häufigste Variante in der Praxis, Nebenvariante im Buch: Der Springerzug Sf6 nach 1. c4
Häufigste Variante in der Praxis, Nebenvariante im Buch: Der Springerzug Sf6 nach 1. c4

Ausser Zweifel steht, dass alle Varianten schachlich fundiert und sicher auch computergeprüft sind. Das Partiematerial ist aktuell. Bei der Gewichtung der Varianten wird sich Burgess Gedanken gemacht haben, die sich an seinem Gesamtkonzept orientieren. Dennoch wäre auch hier ein Blick auf die „idiot-proof“-Zielgruppe hilfreich. Die Folge 1.c4 Sf6 kommt nur als Nebenvariante auf neun Seiten vor – vor allem mit dem Hinweis auf Überleitungen in bereits behandelte Systeme. In der Praxis ist aber (laut Megabase) der Springerzug die häufigste Antwort auf 1.c2-c4. Dem fortgeschrittenen Spieler werden die Überleitungen schnell klar sein, der unerfahrene Amateur könnte schon im ersten Zug irritiert dreinblicken.

Hervorragende layouterische Gestaltung

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Layout und Aufbau kennt man von vielen Büchern des Gambit-Verlages. Dieser hat hier eine Norm gesetzt, die man unbewusst mittlerweile auch für Werke anderer Verlage zum Massstab nimmt.
Allerdings wird dabei konsequent auf modernere Mittel der Visualisierung von Ideen verzichtet. Dem kann man sich aber kaum noch entziehen, denn gerade Eröffnungsmonographien geraten in eine Nische, in der sie bestenfalls als Nachschlagewerk überdauern können. Interaktive Formate, computergestützte Analysen, Video-Präsentationen und ähnliche Angebote laufen ihnen zunehmend den Rang ab. ♦

Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire, 190 Seiten (engl.), Gambit Publications Ltd, ISBN 978-1911465423

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Schachbücher auch über F. Zavatarelli: Das schachjournalistische Phänomen Ideka – Die Feuilletons von Ignaz Kolisch

ausserdem zum Thema Schach-Eröffnungsbücher: Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen


English Translation

Raised expectations not fulfilled

by Thomas Binder

With „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“ Graham Burgess presents in extensive and detailed variations an opening repertoire with the focus on very few systems. This should guarantee the inexperienced player a harmless survival of the first game phase. This approach is only effective if the reader is willing to learn very concrete moves instead of trusting general principles…

To anticipate: I esteem the English FIDE master Graham Burgess as chess author especially for the training value of his books, especially also the recently published opening textbooks „for kids“. I have recommended the latter to my students despite the language barrier.

Memorizing theory?

Burgess‘ latest work, however, leaves me helpless to disappointed, if only because the title arouses an expectation, which it cannot fulfil.
I would have expected to be given guidelines to help a player at the beginning of his career – i.e. with little experience and a correspondingly still developable playing strength – to avoid the pitfalls of the first phase of the game. I am sure that there is an „idiot proof“ way to do this, but it certainly does not consist of memorizing sophisticated theory variations.
This path could include the following elements:
– Keep the general opening principles (figure development, king safety, center control) and the recommendations given for them (move each figure only once, castling behind safe pawn chain, few pawn moves in the opening)
– Recognize in time the most important tactical motives on which the often overestimated opening traps are based (sacrificial motives on f7 or h7, bondage, double attacks, …)
– With growing experience and playing strength you will recognize the special features of center forms and pawn structures and adjust your opening game accordingly.

Limited program with clear move sequences

What does the „Idiot-Proof“ target group now get at Burgess? He remains true to the repertoire idea and focuses on a very limited program of clearly defined moves:
– With Black we always play against e2-e4 Scandinavian and in the following the fashion variant 1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6
– Against d2-d4 we play Slavic, but limited to the variant 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 c6 4.e3 Le6
– Against c2-c4 we answer symmetrically with c7-c5
– Against Sg1-f3 we play d7-d5
– With white we always play c2-c4 in the first move and then as soon as possible a king fianchetto with g2-g3 and Lf1-g2

With this a lot of chess is hidden and the view is very narrow. Especially the open and half-open (except Scandinavian) games do not occur at all. However, it is precisely with these openings that every chess beginner is confronted first, and it is precisely the tactical and strategic motives lurking there that form a basic knowledge, without which one will not have lasting enjoyment of chess.

Short text notes

One could justify the restriction of the chess field of view, if the remaining opening repertoire would be explained in detail and just „idiot-proof“. Unfortunately, however, the textual comments are too brief to adequately address the target group. I don’t want to deny Burgess the attempt to achieve this, but the wealth of variations does not leave enough room for this.

The keyword „wealth of variants“ brings us to the next aspect: the reader is offered nothing but a solid opening monograph. The short introduction to the repertoire is followed by 180 pages with a jungle of variants printed in two columns. Up to four diagrams per page make orientation somewhat easier. An experienced player will find his way around. The beginner is rather deterred by his possibly first detailed opening book. Even the systematic outline down to structures like „Chapter 8 – Section F2.2.1 – 5th move of Black – Variant a.2.2“ does not really help.
For the expectant beginner, the sobering realization „If I am to learn 180 pages of variations for this narrow repertoire, is it at all useful to study the opening section?

No surprises for the reader

The above criticism is based exclusively on the approach of Burgess‘ work. Anyone who wants to follow this approach will come to a completely different conclusion and praise the book in the highest possible terms – and this judgment would also be justified.
The presented variants cover the recommended repertoire completely. The reader will be largely safe from surprises – once he has understood and internalized everything. That large parts of the chess world remain hidden to him at first, he will only gradually notice. Then he will hopefully have reached a level of playing strength, which allows him to look beyond the edge of his nose of the Burgess repertoire without any risk. In this respect our book resembles a travel guide, which only leads to the tourist highlights and reserves the charming side streets for a later tour.

Chess based variations

There is no doubt that all variants are chess well-founded and certainly computer-tested. The game material is up-to-date. Burgess will have thought about the weighting of the variants, which are based on his overall concept. Nevertheless, a look at the „idiot-proof“ target group would also be helpful here. Episode 1.c4 Sf6 appears only as a secondary variant on nine pages – mainly with the reference to transitions to systems already covered. In practice, however, (according to Megabase) the Springer move is the most common answer to 1.c2-c4. The advanced player will quickly understand the transitions, the inexperienced amateur might already look irritated in the first move.

Excellent layout design

Layout and structure are familiar from many books published by Gambit Verlag. They have set a standard here, which is now unconsciously used as a benchmark for the works of other publishers as well.
However, they consistently avoid modern means of visualizing ideas. One can hardly escape this, however, because opening monographs in particular find a niche in which they can at best survive as reference works. Interactive formats, computer-aided analysis, video presentations and similar offerings are increasingly outstripping them. ♦
(Pictures and links are at the top of the German text)

Andrew Soltis / David Smerdon: Schwindeln im Schach

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Das Maximum aus verlorenen Stellungen holen

von Thomas Binder

Man muss im Schach nicht immer den besten Zug finden. In objektiv verlorenen Stellungen hilft oft nur jener Zug, der den Gegner vor eine schwierige Wahl stellt oder die Gestalt der Partie in unerwarteter Weise wendet. Doch wie geht erfolgreiches Schwindeln im Schach? Die beiden Autoren Andrew Soltis in „How To Swindle In Chess“ und David Smerdon in „The Complete Chess Swindler“ zeigen es uns auf unterhaltsame und lehrreiche Weise.

Der Zufall will es, dass kurz nacheinander zwei renommierte Verlage und ebenso bewährte Autoren Bücher mit nahezu identischem Ansatz herausgebracht haben. Die Grossmeister Andrew Soltis aus den USA und David Smerdon aus Australien widmen sich dem Thema „Schwindeln im Schach“. Normalerweise bietet sich jetzt ein Vergleichstest mit einer Kaufempfehlung an, doch hier ergibt sich ein „totes Rennen“. Denn vorweggenommen: Ich habe beide Bücher mit grossem Vergnügen gelesen und kann sie uneingeschränkt empfehlen. Das verwendete Partiematerial überschneidet sich nur geringfügig, beide Werke ergänzen sich also hervorragend.

Chancen für schwere Fehler bieten

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Andrew Soltis: How to Swindle in Chess

„Schwindel“ ist zwar sprachlich die sanftere Form der Lüge, doch es wird einem eventuellen Übersetzer schwerfallen, eine passende deutsche Fassung des zentralen Begriffs zu finden. Es geht in beiden Büchern darum, wie man aus objektiv verlorenen – manchmal aufgabereifen – Stellungen das Maximum an Chancen herausholt. Da der nach reiner Lehre „beste Zug“ die Partie unweigerlich verlieren wird, muss man andere Ressourcen ergründen. Es geht darum, dem Gegner die Verwertung seines Vorteils möglichst schwer zu machen, ihm viele Optionen zu lassen, unter denen er die verlockendste (aber falsche) wählen könnte. Da wir die Partie nicht mehr durch eigene gute Züge gewinnen können, müssen wir die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Gegner noch einen schweren Fehler begeht. Das englische Verb „to bamboozle“ beschreibt dies schon lautmalerisch sehr schön und ist eine weitere Herausforderung für den Übersetzer.

Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
David Smerdon: The Complete Chess Swindler

Beide Autoren nähern sich dem Thema in gleicher Weise und finden einen sehr gesunden Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch. Wenn man nach der Lektüre eines Schachbuchs das Gefühl hat, gut unterhalten worden zu sein und dabei etwas praktisch Verwertbares gelernt zu haben – was kann es Schöneres geben?
Sehr zum Verständnis trägt die ausführliche Bebilderung mit Stellungsdiagrammen bei. Sie ist in beiden Büchern so gehalten, dass man den Partien mühelos ohne eigenes Schachbrett folgen kann. Die am Zug befindliche Seite wird bei Soltis noch ganz klassisch mit „White / Black to play“ beschrieben. Smerdon verzichtet im Hauptteil des Buches leider völlig auf die Kennzeichnung des Zugrechts – eigentlich heute Standard in der Schachliteratur.

Geeignet für Vereinsspieler ab 1600 Elo

Umfang und Inhalt der schachlichen Erläuterungen treffen genau den Geschmack des Rezensenten. Natürlich wird schachliches Können und vor allem wohl auch Wettkampferfahrung vorausgesetzt, um sich auf den Ansatz der Werke einzulassen. Doch ab einem mittleren Vereinsspielerniveau, das ich bei einer Elo-Bewertung um 1600 ansetzen würde, kann man allen Gedankengängen folgen und die Bücher mit Genuss und Gewinn lesen. Auch schachbegeisterte Jugendliche sind als Zielgruppe vorstellbar, sofern die Fremdsprache keine wesentliche Hürde darstellt.

Andrew Soltis - How to Swindle in Chess - Batsford Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Einfach gehaltene Erläuterungen: Leseprobe aus Andrew Soltis „How to Swindle in Chess“

Kommen wir auf die äusserlichen Unterschiede: Smerdons Werk ist um ca. 50% stärker, zudem im Format etwas grösser. Von den gut 120 zusätzlichen Seiten, entfallen allerdings ca. 80 auf das abschliessende Kapitel mit Aufgaben und deren Lösungen. Diese gibt es zwar bei Soltis ebenfalls, aber deutlich knapper und in die Fachkapitel integriert. Abgesehen davon unterscheidet sich die Zahl der vorgestellten Partien weniger als man erwarten könnte. Beide Bücher stellen jeweils ungefähr 100 Beispiele ausführlich vor.

Farbiger Sprachstil vs nüchterne Erklärungen

Das Layout wirkt bei Smerdon insgesamt etwas edler, was aber wohl nicht dem Autor sondern dem jeweiligen Verlagsprogramm zuzurechnen ist. Meist sind auch die Texte bei Smerdon ausführlicher. Rein schachlich ist dies aber nur dort von Belang, wo er im Detail auf abweichende Varianten eingeht. Ansonsten ist eben sein Sprachstil deutlich farbiger als die nüchternen Erklärungen seines amerikanischen Kollegen.

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Anekdoten und Geschichten: Leseprobe aus David Smerdon „The Complete Chess Swindler“

Auch findet sich bei Smerdon manche kleine Anekdote und Geschichte zur vorgestellten Partie. So werden einige Personen der australischen Schachszene porträtiert, die man hier bislang nicht wahrgenommen hatte. Sollten also die Englisch-Kenntnisse des Lesers ein Kaufkriterium sein, wäre hier der einfacher gehaltene Soltis-Text vorzuziehen. Allerdings sind bei diesem Buch noch einige Schreibfehler im Text und in der Notation auszumerzen.

Umfangreicher Bestand an Aufgaben

Wie bereits angedeutet, haben beide Werke einen mehr oder weniger umfangreichen Bestand an Aufgaben und jeweils einen Lösungsteil dazu. Solche Abschnitte findet man heute in fast jedem Schachbuch. Die Meinungen zur Sinnhaftigkeit dieses Formats mögen auseinander gehen. Ich hätte mir gewünscht, dass man lieber einen Teil dieser Partien in aller Ausführlichkeit in den Haupttext integriert hätte. ♦

Andrew Soltis: How To Swindle in Chess, 240 Seiten, Batsford Chess (Pavilion Books), ISBN 978-1849945639

David Smerdon: The Complete Chess Swindler, 368 Seiten, New in Chess, ISBN 978-9056919115

Lesen Sie ausserdem im Glarean Magazin zum Thema „Schwindeln im Schach“ den Computerschach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

… sowie zum Thema „Unerwartete Schachzüge“: Der Brilliant Correspondence Chess Move BCCM Nummer 8

Weitere Internet-Links zum Thema Schach

 


English Translation

You don’t always have to find the best move in chess. Often the only thing that helps in objectively lost positions is the move that confronts the opponent with a difficult choice or unexpectedly changes the shape of the game. The authors David Smerdon in „The complete chess swindler“ and Andrew Soltis in „How to swindle in chess“ convey this knowledge in an entertaining and informative way.

It’s a nice coincidence, that two renowned publishers and successful authors recently edited books with an almost identical approach. Grandmasters Andrew Soltis (from US) and David Smerdon (from Down Under) focus on the subject „Swindling in Chess”. Usually this would tender a comparison test, but that would end in dead heat. I read both books with great pleasure and recommend them both without any reservation. The quoted games overlap only to a small extent; so both books complement one another perfectly.

Offer chances to make serious mistakes

„To swindle“ seems to me as a gentle form of „to lie“ or „to betray“, but of course it’s not about something morally reprehensible here. Both books deal with situations on the chessboard where one side is objectively utterly lost. But now it’s time to generate some „swindle“ chances. The „best move“ according to pure teaching or computer evaluation will inevitably lose the game. So we need to set obstacles for the opponent to convert his clear advantage. We offer him as much options as possible to fall into a trap. The word „to bamboozle“ is the perfect onomatopoetic expression for this attitude.
Both authors find the happy medium between education and entertainment. Feeling well entertained and having learned something useful – what can be better?
Both books are well equipped with position diagrams. That makes it easy to understand the examples and to follow the course of the game without using a chessboard.
Soltis marks the side to play with classical comments next to the board. Unfortunately Smerdon doesn’t use any move indicator – actually a standard in today’s chess literature.

Useful for club players with Elo 1600+

Scope and content of the chess-related explanations exactly match the taste of the reviewer. Of course both books require a certain amount of chess skills and competition experience. But medium club players at an Elo-level of about 1600 will be able to follow all lines of thought and read the books with pleasure and profit. Chess-enthusiastic teenagers can profit as well, provided that the foreign language is not a major hurdle to them.

Let’s have a look at the external differences: Smerdon’s book is about 50% bigger and uses a slightly larger format. But about 80 of the 120 additional pages account for the final section with exercises and solutions. These are available at Soltis too, but much more scarce and integrated in the respective chapters. Apart from that, the number of games presented differs less than one might expect. Both books provide about 100 examples in detail.

Colourful style vs sober explanations

The layout looks a bit nobler at Smerdon’s book, but this must be attributed to the publishing program rather than to the author. The texts are a bit more detailed there too. But the difference is chess-related only in the subsidiary variants, not in the game’s main line. Of course his language style is more colourful than the sober explanations of his American colleague. In Smerdon’s text we find lots of small anecdotes and stories about the games presented. Some people from Australian chess scene are portrayed, who have so far not been noticed here in Europe. If the reader’s English knowledge is a purchase criterion, the simpler Soltis text would be preferable. However, some spelling mistakes in the text and in the notation have to be eliminated in Soltis’ book.

Both works have am more or less extended part with tasks and solutions. Such sections can be found in almost every chess book today. The opinions on this format may differ. I would have preferred that some of these examples had been integrated to the main text in greater detail.

Pictures and Links can be found in the text above

Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

400 Eröffnungsstellungen für Schach-Kids

von Thomas Binder

Mit „Chess Opening Workbook for Kids“ komplettiert der angesehene englische Schach-Trainer und -Autor Graham Burgess seine Eröffnungs-Trilogie für Kinder. Zuvor hatte er in gleicher Aufmachung die Bücher „Schacheröffnungen für Kids“ und „Schach für Kids – Eröffnungsfallen“ vorgelegt. Es ist zu hoffen, dass auch vom neuesten Werk sehr bald eine deutschsprachige Ausgabe erscheint.

Chess Opening Book for Kids - Graham Burgess - Schachbuch-Cover - Gambit Verlag - Glarean Magazin
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Diesmal hat Burgess den Stoff als „Arbeitsbuch“ aufgearbeitet. Das bedeutet, dass in elf Kapiteln über 400 Eröffnungsstellungen präsentiert und jeweils mit einer konkreten Fragestellung verknüpft werden. Wir blicken in der Regel auf eine Stellung, die nach etwa sieben bis zehn Zügen entstanden ist, manchmal auch etwas später.
Welche Seite am Zug ist, wird durch die Buchstaben „W“ bzw. „B“ neben dem Diagramm angezeigt. Für diese Kennzeichnung fehlt in der Schachliteratur offenbar noch ein Quasi-Standard. Andere Autoren benutzen (neben der klassischen Textform) Pfeile oder farbige Kästchen. Chessbase (der Marktführer der Schachprogramme) setzt auf ein rundes schwarzes oder weisses Symbol rechts unten neben dem Brett.
Einige wenige Illustrationen von Shane Mercer lockern das Buch auf. Davon würde ich mir deutlich mehr wünschen.

Von Taktik bis Strategie

Chess Opening Workbook for Kids - Graham Burgess - Leseprobe Glarean Magazin
Leseprobe aus „Chess Opening Workbook for Kids“ zum Thema „Entwicklung und Zentrum“

Das Material ist nach Themen geordnet. Zunächst gibt es taktische Kapitel, wie Matt, Doppelangriff, Figurenfang oder Königsjagd. Unter dem Oberbegriff „Eröffnungsstrategie“ folgen dann Entwicklung, Zentrumsbeherrschung und Rochade. Das letzte dieser Kapitel ist mit „Does Bxh7+ work?“ überschrieben. Es hätte meines Erachtens allerdings in den Taktik-Abschnitt gehört. Der Leser soll hier unvoreingenommen entscheiden, ob sich das klassische Läuferopfer auf h7 oder h2 in der konkreten Stellung lohnt.
Abschliessend gibt es dann noch einige Testaufgaben mit Punktbewertung – ein offenbar unausrottbares Element vieler Schachlehrbücher, dessen Sinn sich mir noch nicht so recht erschlossen hat.

Überlegt ausgewählte Aufgaben

Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Einführung ins Thema. Auch hier trifft Burgess nach Inhalt und Umfang genau ins Schwarze.
Die Aufgaben – je 6 Diagramme auf einer Seite – sind durchweg sehr überlegt ausgewählt. Es werden unterschiedliche Schwierigkeitsgrade bedient, ohne dass unbedingt eine Sortierung nach aufsteigender Schwierigkeit erkennbar ist. Im Rahmen des Kapitelthemas sind die Aufgaben wiederum recht vielfältig. Hervorzuheben ist auch, dass sich der Leser in manchen Fällen auf die Seite des Verteidigers begeben muss, der eine thematische Gefahr abwehrt. Insgesamt bleibt man immer auf einem Niveau, das es dem jungen Schachtalent ermöglicht, die Aufgaben ohne Schachbrett „vom Blatt“ zu bearbeiten. Genau so muss es ja für eine Vorbereitung unter turniernahen Bedingungen sein.
Im Anschluss an jedes einzelne Kapitel folgen dann die Lösungen. Sie werden schmucklos und ohne weitere Diagramme präsentiert. Das fordert die ambitionierten jungen Leser doch etwas mehr heraus, wenn sie auch hier noch allen Varianten folgen wollen. Auch wirken diese Seiten im Kontrast zu den Aufgabenblättern etwas zu eng bedruckt.

Junge Leser und Trainer als Zielgruppen

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Das Workbook wendet sich primär an die im Titel angesprochenen „Kids“, wobei ich die Altersuntergrenze bei 10 Jahren ansetzen würde. Da es aber keine wirklich auf Kinder zugeschnittenen Elemente enthält, können selbst ältere Jugendliche unbefangen damit arbeiten. Ja – man kann es mit wachsender Spielstärke und Erfahrung sicher auch mehrfach zur Hand nehmen. Neben den jungen Lesern sind deren Trainer eine genauso wichtige Zielgruppe. Sie können den hier vorgelegten Aufgabenschatz in ihren Unterricht einbauen oder für individuelle Aufgabenstellungen nutzen. Gerade Trainer mit wenig Literatur im Hintergrund (z.B. in Schulschachgruppen) finden für kleines Geld einen riesigen Aufgabenvorrat zum Eröffnungsspiel.

Geeignet auch fürs Selbststudium

Aus der Sicht des Trainers ist es allerdings etwas schade, dass die einleitenden Züge vor der Diagrammstellung nicht angegeben werden. Ja – das hätte etwas Platz gekostet, würde aber zusätzliche Einsatzmöglichkeiten im Training bzw. bei der Wettkampfvorbereitung eröffnen. Dass die Partiestellungen ohne Quellen angegeben sind, wirkt auf den ersten Blick ungewohnt, aber es geht eben um Eröffnungsstellungen, die so in der Turnierpraxis ungezählte Male auf dem Brett waren.
Fazit: „Chess Opening Workbook for Kids „ist eine sinnvolle Ergänzung zu den bisher vorliegenden Eröffnungsbüchern für Kinder des gleichen Autors. Sowohl für das Selbststudium als auch den Einsatz im Training ist der Band, der über 400 Aufgaben mit angemessen erklärten Lösungen enthält, hervorragend geeignet. ♦

Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids – Schachlehrbuch für Kinder, 128 Seiten, Gambit Publications, ISBN 978-1911465379, 2019

Leseprobe (PDF)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Jugend-Schachbücher auch über das Lehrbuch des Circon Verlag: Schachtricks für Kinder

… sowie zum Thema „Schachspielen online“ über Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler


English Translation

400 Opening Positions for Chess Kids

With „Chess Opening Workbook for Kids“ the renowned English chess trainer and author Graham Burgess completes his opening trilogy for children. Previously he had presented the books „Chess Opening Workbook for Kids“ and „Chess for Kids – Opening Traps“ in the same layout. It is to be hoped that a German-language edition of his latest work will also be published very soon.

This time Burgess has worked up the material as a „workbook“. This means that over 400 opening positions are presented in eleven chapters, each linked to a specific question. As a rule we look at a position that was created after about seven to ten moves, sometimes a little later.
Which side is the move is indicated by the letters „W“ or „B“ next to the diagram. Apparently there is still no quasi-standard for this marking in chess literature. Other authors use (besides the classical text form) arrows or coloured boxes. Chessbase (the market leader of chess programs) uses a round black or white symbol at the bottom right of the board.
A few illustrations by Shane Mercer loosen up the book. I would like to see much more of that.

From tactics to strategy

The material is arranged by topic. First there are tactical chapters, such as Matt, double attack, figure catching or king hunting. Under the generic term „opening strategy“, development, centre control and castling follow. The last of these chapters is titled „Does Bxh7+ work? In my opinion, however, it would have belonged in the tactics section. The reader should decide here without prejudice whether the classic runner sacrifice on h7 or h2 is worthwhile in the concrete position.
Finally there are some test exercises with point scoring – an apparently ineradicable element of many chess textbooks, the sense of which I have not yet quite understood.

Thoughtfully selected exercises

Each chapter begins with a short introduction to the topic. Here too, Burgess hits the mark in terms of content and scope.
The tasks – 6 diagrams on each page – have been carefully chosen throughout. Different levels of difficulty are used, without necessarily being sorted according to ascending difficulty. Within the chapter topic the tasks are again quite varied. It should also be emphasized that in some cases the reader has to take the side of the defender who defends a thematic danger. All in all one always stays on a level that allows the young chess talent to work on the tasks „off the page“ without a chessboard. This is exactly how it has to be for a preparation under tournament conditions.
Each chapter is followed by the solutions. They are presented unadorned and without further diagrams. This challenges the ambitious young readers a little bit more, if they want to follow all variants. Also, these pages appear a little too tightly printed in contrast to the task sheets.

Young readers and trainers as target groups

The workbook is primarily aimed at the „kids“ mentioned in the title, whereby I would set the age limit at 10 years. However, since it does not contain any elements that are really tailored to children, even older teenagers can work with it without any bias. Yes – with increasing playing strength and experience you can certainly use it several times. Besides young readers, their trainers are an equally important target group. They can incorporate the wealth of tasks presented here into their lessons or use it for individual tasks. Especially coaches with little literature in the background (e.g. in school chess groups) will find a huge pool of tasks for the opening game for little money.

Also suitable for self-study

From the trainer’s point of view, however, it is a bit of a pity that the introductory moves are not indicated before the diagram is drawn. Yes – this would have taken up some space, but would have opened up additional possibilities for training or competition preparation. The fact that the party positions are given without sources may seem unusual at first sight, but it is about opening positions, which have been on the board countless times in practice.

Conclusion: „Chess Opening Workbook for Kids „is a useful addition to the existing opening books for children by the same author. The volume, which contains over 400 tasks with appropriately explained solutions, is excellently suited for both self-study and training. ♦
(Thomas Binder, http://www.glarean-magazin.ch)

Ausstellungs-Katalog „Schach und Religion“ (Ebersberg)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Geistesgeschichtlicher Blick auf das Schachspiel

von Thomas Binder

An wenigen Tagen im August 2019 fand im Rathaus des oberbayrischen Ebersberg eine Ausstellung unter dem Titel „Schach und Religion“ statt. Trotz Erwähnung auf gemeinhin einflussreichen Homepages hat sie in der klassischen Schach-Öffentlichkeit nur wenig Widerhall gefunden. Nun hat die ausrichtende Schach- und Kulturstiftung ein Begleitbuch zu dieser Schau herausgebracht, das weit über einen Ausstellungskatalog hinaus geht.
Katalogcharakter im herkömmlichen Sinne haben nur die letzten knapp 40 Seiten, auf denen die ausgestellten Exponate (vorwiegend Gemälde und Figurensätze) abgebildet werden. Für diejenigen Werke, die im Textteil des Buches nicht näher besprochen werden, sind die Informationen in diesem Abschnitt leider etwas knapp.

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Cover - Glarean MagazinKommen wir also zum gut 100 Seiten langen Textteil. Hier werden wir nicht etwa auf theologische Abhandlungen stossen, sondern erfahren unter dem Obertitel „Schach und Religion“ viel Interessantes aus der Geschichte unseres Spiels. Der religiöse Aspekt dient dabei mal mehr, mal weniger als Leitfaden, wird aber oft genug verlassen, und der Blick reicht deutlich weiter.
Wer sich fragt, was denn wohl Schach und Religion miteinander zu tun haben, dem sei aus der Einleitung zu einem Beitrag des früheren DSB-Präsidenten Herbert Bastian zitiert: Er bezeichnet Schach und Religion als „… zwei Kulturfaktoren mit weltumspannender Bedeutung […] Beide geben ihren Anhängern Halt und etwas Familiäres.“

Leseprobe

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Leseprobe - Glarean Magazin
„Schach und Religion“ der Kulturstiftung GHS: Leseprobe aus dem gleichnamigen Ausstellungs-Katalog (Ebersberg 2019)

Autoren mit wissenschaftlichem Anspruch

Den Leser erwarten insgesamt acht Artikel von unterschiedlichem Umfang, denen freilich gemein ist, dass sie von sachkundigen Autoren mit durchaus wissenschaftlichem Anspruch geschrieben wurden. Das mag es dem Leser, der in die Materie gerade erst eintauchen will, hier und da etwas schwer machen. Angesichts der thematischen Vielfalt wird aber wohl jeder historisch interessierte Schachfreund Erkenntnisse und Denkanstösse mitnehmen.

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Der Salzburger Kulturhistoriker Rainer Buland hat mit „Schach – Spiel – Religion“ den Leitartikel (oder neudeutsch: die Keynote) geschrieben. Er gliedert seine Arbeit in fünf Ebenen. Zunächst widmet er sich der Figur des Läufers, der ja in manchen Sprachen eigentlich ein Bischof ist. Dann verweist er darauf, dass viele Theologen dem Schachspiel zugetan waren, es dabei aber im grösseren Zusammenhang als Allegorie verstanden und in ihre Lehre einbanden. Dann geht Buland darauf ein, dass das Spiel durchaus zeitweise als Laster angesehen und gegen solche Vorwürfe verteidigt werden musste. Einen grossen Umfang nehmen die sehr interessanten Untersuchungen zu der Radierung „Die Schachspieler“ von Moritz Retzsch (1779 – 1857) ein. Schliesslich stellt sich der Autor noch der Frage, ob man das Schachspiel selbst als Religion verstehen kann.

Profunde Artikel für Laien und Experten

Herbert Bastian - Schach-Funktionär Buchautor - Glarean Magazin
Verbandsfunktionär, Internationaler Meister, Schachhistoriker: Herbert Bastian

Im zweiten umfangreichen Beitrag beleuchtet Herbert Bastian das Verhältnis von Schach und Religion an Beispielen von den ersten Erwähnungen an bis zur Gegenwart. Bastian ist als profunder Kenner der Kulturgeschichte des Schachspiels nicht zuletzt durch eine umfangreiche Artikelserie in der Zeitschrift „Rochade Europa“ ausgewiesen. Daher an eine breite Leserschaft gewohnt, ist sein Text für den interessierten Laien sogar etwas einfacher nachzuvollziehen, als die doch sehr wissenschaftlichen Ausführungen bei Rainer Buland – gut, dass wir in diesem Katalog beide Herangehensweisen finden.
Den dritten, sehr umfangreichen Artikel verfasste der Altphilologe Wilfried Stroh. Er bietet eine Neuübersetzung (aus dem Lateinischen) sowie eine ausführliche Interpretation der „Schachode“ des Jesuiten und Dichters Jacob Balde (1604 – 1668). Wenn im Vorwort von einem „berühmten Gedicht“ gesprochen wird, verdeutlicht dies die angesprochene Zielgruppe. Als sehr wohl schachhistorisch belesener Interessent, waren mir diese Ode und ihr Autor – Asche auf mein Haupt – bislang völlig unbekannt und selbst der Wikipedia-Eintrag über Balde erwähnt die Schachode mit keinem Wort. Spätestens jetzt ahnt man also, dass die Neuübersetzung und Interpretation dem kritischen Blick der Fachwissenschaft Stand halten wird, ja wohl richtungsweisenden Charakter einer Neubewertung hat. Dementsprechend anspruchsvoll ist für literaturwissenschaftliche Laien allerdings auch die Lektüre des 20 Seiten umfassenden Artikels.

Schachmatt - Geistliche Würdenträger beim Schachspielen - Holzstich von Thure Cederström 1880 - Glarean Magazin
„Schachmatt“ nach einem Holzstich von Thure Cederström 1880: Geistliche Würdenträger beim Schachspielen

Luther und Augustinus beim Schachspielen

Eingebettet in diese drei „grossen Brocken“ finden wir fünf kürzere und in all ihrer Unterschiedlichkeit anregende Texte.
Lokalkolorit zum Ort der Ausstellung steuert Georg Schweiger (Vorstand der ausrichtenden Stiftung) mit dem Artikel über die Schachfiguren der Falkensteiner Grafen bei. Bis ins 12. Jahrhundert lässt sich nachweisen, welche Bedeutung das Spiel in dieser Herrscherfamilie und darüber hinaus für Adel und – als Bezug zum Titel der Ausstellung – für den Klerus hatte. In seinem zweiten Beitrag erläutert Schweiger, warum die Heilige Teresa von Avila (1515 – 1582) die Patronin der Schachspieler ist. Auch hier ist Ihr Rezensent peinlich berührt von einer bisherigen Wissenslücke, hatte ich doch bisher nur Caissa gekannt.

Glarean Magazin - Muster-Inserat - Banner 250x176Mit zwei kurzen Beiträgen ist der Historiker sowie engagierte Schachspieler und -organisator Konrad Reiss vertreten. Reiss dürfte einer grösseren Öffentlichkeit vor allem als Leiter des Schachmuseums in Löberitz bekannt sein. Die beiden Artikel verbinden Schach und Religion in kongenialer Weise mit Reiss‘ mitteldeutscher Heimat. Er stellt uns die Schachallegorie im Dom zu Naumburg vor: Zwei schachspielende Affen an einem Pfeilersims laden zu jeder Art von Interpretation ein. Seinen zweiten Beitrag widmet Reiss der Legende über eine Schachpartie Martin Luthers gegen eine Gruppe von als Bergleute verkleideten Studenten.
Noch weiter zurück führt uns die Kuratorin der Ausstellung Natascha Niemeyer-Wasserer mit ihrem kurzen Exkurs über ein Gemälde von Nicolo di Pietro vom Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, das den Heiligen Augustinus beim Schachspiel zeigt.

Vielfältiger Blick auf die Schachgeschichte

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Ich hoffe, diese kurze Inhaltsübersicht konnte die Neugier der Leser wecken, sich näher mit den Beiträgen dieses Begleitbuchs zur Ausstellung „Schach und Religion“ zu beschäftigen. Den nicht ganz geringen Preis rechtfertigen neben dem Inhalt der Arbeiten auch die zahlreichen Abbildungen und die insgesamt hochwertig anmutende Gestaltung.
Fazit: Weit über einen Ausstellungskatalog hinaus gehend, bietet das Buch vielfältige Blicke auf die europäische Schach-Frühgeschichte. Die Bezüge zur Religion sind dabei Richtschnur, schränken aber die Vielfalt der Betrachtungen nicht ein. Auch wer sich schon intensiver mit der Historie des königlichen Spiels beschäftigt hat, wird viele neue Erkenntnisse gewinnen, muss sich freilich an einigen Stellen auf das sprachliche Niveau einer wissenschaftlichen Arbeit einstellen. ♦

Schach und Religion – Katalog zur Ausstellung in Ebersberg, Schach- und Kulturstiftung G.H.S., 144 Seiten, ISBN 978-3-00-063173-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über
Gerhard Josten: Auf der SeidenStrasse zur Quelle des Schachs

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Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Zu ausschweifend, zu fehlerhaft

von Thomas Binder

Wie viele Einsteiger-Lehrbücher in den letzten zehn Jahren über meinen Schreibtisch wanderten, habe ich nicht nachgezählt. Und doch wird man immer wieder mit neuem Herangehen an dieses Thema konfrontiert.
Der aktuellste Versuch heisst „Schach spielen mit Niveau“, im Untertitel „Bewährte Regeln und Strategien für Anfänger und Fortgeschrittene“. Als Autor fungiert Axel Gutjahr aus dem thüringischen Stadtroda.

Axel Gutjahr - Schach spielen mit Niveau - Cover Anaconda Verlag - Glarean MagazinAls Schachspieler, -trainer oder -autor ist Gutjahr meines Wissens bisher nicht hervorgetreten. Auch wird er im Buch nicht näher vorgestellt. Allerdings sind im gleichen Verlag aus seiner Feder und mit entsprechend identischem „niveauvollen“ Titel auch Lehrbücher zum Skat und zum Doppelkopf erschienen. Gutjahr arbeitet also offenbar als Ratgeber-Autor in einem etwas breiteren Feld, und den Eindruck eines Ratgebers wird man auch bei der Lektüre immer wieder haben. Im gleichen Stil könnte der Autor wohl auch Kochrezepte oder Anleitungen für Heimwerker verfassen…

Wortreich und umständlich

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Was bedeutet das? Es bedeutet vor allem, dass wir sprachlich und teilweise auch satztechnisch ein Buch vor uns haben, dass sich von sonstiger Schachlektüre stark unterscheidet. Gutjahr schreibt wortreich und ausschweifend – als schachlich gewandter Leser könnte man auch „umständlich“ sagen. Gewöhnungsbedürftig ist auch die Notation, bei der er die Halbzüge eines Zugpaares mit einem Bindestrich trennt: 1.e4 – e5 2. Sf3 – Sc6. Das sind natürlich Äusserlichkeiten, doch das Vertrauen in den Anspruch des Untertitels wird dabei nicht unbedingt gefestigt.
Schauen wir kurz durch die einzelnen Kapitel des Buches: Es beginnt natürlich mit den Spielregeln, angefangen beim Brettaufbau und schon mit Einschluss der technischen Matts. Nach etwa 30 Seiten Text haben wir die Grundregeln also erlernt. Wie schon angedeutet, wird alles sehr ausführlich und verschwurbelt in langen Texten verpackt.
Leider gibt es mindestens einen gravierenden Fehler bei der Erklärung des Remis durch Stellungswiederholung. Dieses kommt nur als „Dauerschach“ vor und verlangt zudem eine Wiederholung der gleichen Züge. Spätestens an dieser Stelle war mein Vertrauen in das Buch unwiederbringlich erschüttert.

Grundlegende Schach-Techniken

Auf den nächsten knapp zehn Seiten geht es um grundlegende Techniken wie Fesselung und Gabeln, natürlich auch wieder sehr ausschweifend erklärt. Lebhafter wird es auf den nächsten sechs Seiten mit der Präsentation einiger bekannter und immer wieder beeindruckender Mattkombinationen, etwa das Libellenmatt, Bodens Matt oder jenes der Anastasia. Diese in Schachkreisen bekannten Bezeichnungen kommen in der ausführlichen Beschreibung der Kombinationen allerdings nicht vor.

Leseprobe aus Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau (Anaconda Verlag 2019) Glarean Magazin
Leseprobe aus Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau (Anaconda Verlag 2019)

In der Folge geht es um die drei Teile der Schachpartie: Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel. Mit Abstand den grössten Rahmen nimmt dabei die Eröffnung ein. Etwa 40 Seiten widmet Gutjahr diesem Abschnitt. Das Wichtigste steht dabei auf jener einen(!) Seite, auf der die Grundprinzipien des Partieanfangs erklärt werden: Figurenentwicklung, Besetzung des Zentrums und Königssicherheit.
Den gleichen Raum verwendet Gutjahr darauf, zu erklären, warum nach 1.e4 e5 2.Sf3 der Zug 2.- Ld6 nicht eben zu empfehlen ist (der zudem per Druckfehler als 2.- Lf6 vorgestellt wird). Es folgen grundlegende Varianten und kurze Erläuterungen zu einigen willkürlich ausgewählten Systemen. Hier hat man stellenweise den Eindruck eines gediegenen Schachbuches – um gleich danach zwei(!) Seiten lang vor den beiden Narrenmatts 1.f3 e5 2.g4?? Dh4# und 1.e3 e5 2.Dh5 Ke7?? 3.Dxe5# gewarnt zu werden.

Oberflächliche Endspiel-Behandlung

FAZIT: „Schach spielen mit Niveau“ von Axel Gutjahr ist ein Einsteiger-Lehrbuch im Ratgeber-Stil, das zwiespältige Eindrücke hinterlässt. Wer als Erwachsener auf dem Weg über ein Buch im Selbststudium das königliche Spiel erlernen will, mag es mit diesem sehr preiswerten Buch versuchen.

Es folgen ca. zehn Seiten über das Mittelspiel. Anhand ausgewählter Partieverläufe stellt der Autor das Zusammenspiel der Figuren in den Blickpunkt. Dieser Ansatz, bei dem die ausführlichen Erläuterungen zur Stärke reifen können, hätte deutlich mehr Umfang verdient.
Das Endspiel-Kapitel ist nicht ganz 20 Seiten lang, beschränkt sich dabei auf einfache Endspiele und bleibt allgemein sehr an der Oberfläche.
Im letzten grösseren Kapitel stellt Axel Gutjahr schliesslich einige Partien von Weltmeistern vor. Die Auswahl fiel (in dieser Reihenfolge) auf Lasker, Capablanca, Fischer, Menchik, Aljechin, Zsuzsa Polgar, Spasski und Kasparow.

Ansprechende Buchgestaltung

Das insgesamt ansprechend gestaltete und durchweg vierfarbig gedruckte Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Wenn sich der Autor an dem Anspruch „… für Anfänger und Fortgeschrittene“ messen lässt, wird er wohl den ersteren längst nicht alle Fragen beantworten, während die anderen nicht mehr viel Erkenntnisgewinn aus dem Werk ziehen können.

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Als Leser kommen erwachsene Schach-Einsteiger in Frage – für ein Kinderbuch fehlen jegliche unterhaltenden oder spielerischen Elemente –, die das königliche Spiel im Selbststudium mittels eines Buches erlernen wollen. Ob diese Klientel gross genug ist, kann man angesichts der zahlreichen anderen Möglichkeiten bezweifeln.
Zudem hätte man sich aus deren Sicht noch einen Ausblick gewünscht, der dem Leser den Weg in einen Schachklub oder zu einem passenden Turnier ebnet. Die Fragen „Wie finde ich den passenden Schachverein und was erwartet mich dort?“ und „Was muss ich wissen, wenn ich mich an mein erstes Turnier wage?“ werden leider nicht beantwortet.
Zusammengefasst: „Schach spielen mit Niveau“ von Axel Gutjahr ist ein Einsteiger-Lehrbuch im Ratgeber-Stil, das zwiespältige Eindrücke hinterlässt. Wer als Erwachsener auf dem Weg über ein Buch im Selbststudium das königliche Spiel erlernen will, mag es mit diesem sehr preiswerten Buch versuchen. ♦

Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau – Bewährte Regeln und Strategien für Anfänger und Fortgeschrittene, Anaconda Verlag, 144 Seiten, ISBN 978-3730607633

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachpädagogik auch das
Interview mit dem Schach-Autor Reinhold Ripperger

… sowie zum Thema Schach-Tricks über
Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis

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Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess (Schach)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 13 Minuten

Herausragende Schach-Kommentierung

von Thomas Binder

Wenn sich vortreffliche Fähigkeiten sowohl als Schachtrainer wie als Autor positiv ergänzen, ist das für den Leser der so entstandenen Bücher ein Glücksfall. Ein solcher Glücksfall ist der amerikanische Schach-IM Cyrus Lakdawala für uns Schachbuch-Konsumenten. Als neuestes Werk aus seiner Feder liegt nun „Winning ugly in chess“ vor.
Der Untertitel „Playing badly is no excuse for losing“ und auch der Satz aus dem Klappentext „The next time the wrong player wins, you will be that player!” wecken dabei allerdings eine Erwartung, die man nicht zu wörtlich nehmen sollte.

Ressourcen in nachteiligen Stellungen

Cyrus Lakdawala - Winning ugly in Chess - New In Chess - Cover - Glarean MagazinEs geht hier natürlich nicht um schmutzige Tricks. Wir lernen vielmehr, dass auch in nachteiligen Stellungen oft noch Ressourcen schlummern, mit denen man dem Spiel eine unerwartete Wende geben kann. Auch für die Gegenseite gibt es hilfreiche Tipps, wie man den verdienten Sieg absichert und sich gegen unliebsame Überraschungen wappnet.
Lakdawala präsentiert uns 67 Partien von Klassikern bis zum Jahr 2018 einschliesslich eines Ausblicks in die Alpha-Zero-Ära. Das Spektrum der Spielstärke reicht von den Weltmeistern bis zu Lakdawalas Schülern im Bereich um Elo 2000. Dabei haben die Partien gemein, dass der Vorteil oft mehrfach hin und her wechselt.Der Kampf wird immer aus Sicht beider Parteien beleuchtet – eben keine ausgesuchten Musterpartien, sondern Schach aus dem richtigen Leben.

Rekordpartie Nikolic-Arsovic 1989

Hervorheben möchte ich die Rekordpartie Nikolic-Arsovic von 1989, mit 269 Zügen die längste Turnierpartie der Geschichte. Sie wird ja oft nur als Kuriosität vermerkt, hier aber seriös analysiert. Allerdings tut der Autor den Spielern Unrecht, wenn er ihnen mehrfach vorwirft, die 50-Züge-Regel nicht in Anspruch genommen zu haben. Diese war gerade zu jener Zeit und für diesen Endspieltyp ausser Kraft gesetzt.
(Wir bringen nachfolgend die gesamte Partie, versehen mit der automatischen Kommentierung durch Stockfish, eines der führenden aktuellen Schachprogramme; für jene die sich das Buch zulegen, wäre es reizvoll, Lakdawala’s Kommentare mit jenen des Computers zu vergleichen):

67 Partien auf 330 Seiten

67 Partien auf ca. 330 Seiten – wir bekommen also jeweils ausführliche Kommentare geboten. Dabei legt Lakdawala den Schwerpunkt auf Erklärungen in Textform. Varianten untermauern lediglich das Gesagte, sind dabei immer überschaubar und nachvollziehbar. Das zweispaltige Layout wirkt harmonisch und erleichtert die Lektüre.

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Neben dem reinen Kommentar sind in jeder Partie drei weitere Stilmittel zu finden, die den erfahrenen Trainer erkennen lassen:

  • Moments of Contemplation: Hier wird die Stellung an kritischen Wendepunkten betrachtet, werden die Pläne beider Seiten vorgestellt. Auch der Leser sollte sich diesen Moment der Besinnung nehmen.
  • Exercises: Hier werden wir direkt aufgefordert, uns für eine Fortsetzung (nicht unbedingt nur den nächsten Zug, sondern oft einen weiterführenden Plan) zu entscheiden. Kleiner Kritikpunkt an dieser Stelle: Da die Partiefortsetzung unmittelbar in der Notation folgt und per Zeichensetzung bewertet wird, kann man kaum vermeiden, sie bereits im Blick zu haben.
  • Principles: An passenden Stellen ruft der Trainer die bekannten Prinzipien in Erinnerung, wie z.B. „Öffne das Spiel, wenn du Entwicklungsvorsprung hast.“

Breites Leistungsspektrum

In Summe bekommen wir herausragend kommentierte und für Schachspieler in einem breiten Leistungsspektrum lehrreiche Partien. Vom fortgeschrittenen Vereinsspieler (Niveau um 2000) bis zum ambitionierten 1500er wird niemand das Buch enttäuscht aus der Hand legen. Die folgende Leseprobe verdeutlicht diese Einschätzung:

Cyrus Lakdawala - Winning ugly in Chess - New In Chess - Leseprobe - Glarean Magazin
Leseprobe aus Cyrus Lakdawala: Winning ugly in Chess

Einzigartiger Plauderton

FAZIT: Für die neue Schach-Monographie von Cyrus Lakdawala: Winning ugly in chess darf man eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen. Die Qualitäten von Lakdawala sowohl als Trainer als auch als Autor ergänzen sich hervorragend. Und Lakdawalas Kommentare gehen weit über das rein Schachliche hinaus. Immer wieder nimmt er Anleihen im Alltag, in der Literatur oder beim Film. Dieser Plauderton sucht in der Schachliteratur seinesgleichen und verleiht diesen 67 ausführlich und lehrreich kommentierten Partien einen zusätzlichen Reiz. Prächtige Schach-Unterhaltung!

Vom Trainer zum Autor Lakdawala: Er redet mit uns in einem Plauderton, der in der Schachliteratur seinesgleichen sucht. Nicht alles, was er schreibt ist „political correct“ – so kommt auch ein gut Stück Persönlichkeit herüber. Man wähnt in Lakdawala bald einen guten Freund, den man schon lange kennt. Dass der Autor allerdings bei einer eigenen(!) Partie die dem Namen nach offensichtlich weibliche Gegnerin konsequent als „he“ adressiert, ist gewiss nur ein Versehen. Das Phänomen, den Gegner immer mit „er“ zu beschreiben, auch wenn es sich um eine Frau handelte, hat der Rezensent auch selbst schon bei vielen Schachfreunden – selbst bei Kindern – bemerkt.
Lakdawalas Kommentare gehen weit über das rein Schachliche hinaus. Immer wieder nimmt er Anleihen im Alltag, in der Literatur oder beim Film. Dass da der mitteleuropäische Leser an einigen Stellen die Bezüge nicht ganz auflösen kann, ist dem Autor natürlich nicht vorzuwerfen.

Unterhaltsam und lehrreich

Walter Eigenmann - 100 brillante Schachzüge: Geniale Kombinationen - Verblüffende Strategien - Tredition Verlag
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Das Buch liegt gegenwärtig nur im englischen Original vor. Wer mit fremdsprachigen Schachbüchern oder Internet-Quellen vertraut ist, wird kein Problem damit haben. Allerdings braucht es für das restlose Verstehen des ganzen Textes – einschliesslich aller gedanklichen Abschweifungen – doch etwas mehr Sprachkompetenz, als bei englischsprachigen Schachbüchern sonst. Dem rein schachlichen Erkenntnisgewinn tut es jedoch keinen Abbruch, wenn man hier oder da sprachlich abgehängt wird.
Nach dem Lesen des Buches fühlt sich der Rezensent prächtig unterhalten und glaubt sogar, dass er etwas gelernt hat. Wenn ich also das nächste Mal eine Schachpartie gewinne, dann vielleicht gerade deshalb, weil nicht „the wrong player wins“.
Lakdawala kündigte jüngst in einem Interview der Zeitschrift SCHACH weitere Buchprojekte an. Spannung und Vorfreude der Leserschaft sind ihm gewiss. ♦

Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess, 336 Seiten, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-828-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Training auch über
Franco Zaninotti: Aus Fehlern lernen

… sowie zum Thema Schach-Kommentare über
Siegbert Tarrasch: Das Schachspiel


English Translation

Outstanding Chess Comments

by Thomas Binder

If excellent skills complement each other positively both as a chess trainer and as an author, this is a stroke of luck for the reader of the books thus created. Such a stroke of luck is the American chess IM Cyrus Lakdawala for us chess book consumers. The latest work from his pen is „Winning ugly in chess“.
The subtitle „Playing badly is no excuse for losing“ and the sentence from the blurb „The next time the wrong player wins, you will be that player!

Resources in disadvantageous positions

Of course, this isn’t about dirty tricks. Rather, we learn that even in disadvantageous positions, there are often resources that can be used to give the game an unexpected turn. There are also helpful tips for the other side on how to secure your deserved victory and arm yourself against unpleasant surprises.
Lakdawala presents 67 games of classics through 2018, including a glimpse into the Alpha Zero era. The range of the playing strength reaches from the world champions to Lakdawala’s students in the area around Elo 2000. The games have in common that the advantage often changes back and forth several times. The fight is always illuminated from the point of view of both parties – no selected sample games, but chess from real life.

Record game Nikolic-Arsovic 1989

I would like to highlight the record game Nikolic-Arsovic from 1989, with 269 moves the longest tournament game in history. It is often only noted as a curiosity, but here it is analysed seriously. However, the author does the players wrong by repeatedly accusing them of not having made use of the 50-move rule. This rule was suspended at that time and for this type of endgame.
(We bring below the whole game, provided with the automatic comment by Stockfish, one of the leading current chess programs; for those who buy the book, it would be appealing to compare Lakdawala’s comments with those of the computer):

(See PGN game above)

67 games on 330 pages

67 games on approx. 330 pages – so we always get detailed comments. Lakdawala focuses on explanations in text form. Variants only support what has been said and are always clear and comprehensible. The two-column layout is harmonious and makes reading easier.

Beside the pure commentary there are three further stylistic devices in each game, which let the experienced trainer recognize:

Moments of Contemplation: Here the position at critical turning points is examined and the plans of both sides are presented. The reader should also take this moment of reflection.
Exercises: Here we are directly asked to decide for a continuation (not necessarily only the next move, but often a further plan). A small point of criticism at this point: Since the continuation of the game follows immediately in the notation and is evaluated by punctuation, one can hardly avoid having it already in view.
Principles: In appropriate places, the trainer recalls the familiar principles, such as „Open the game if you have a head start in development“.

Wide range of services

All in all, we get outstandingly commented and instructive games for chess players in a wide performance spectrum. From the advanced club player (level around 2000) to the ambitious 1500 player nobody will put the book disappointed out of hand. The following sample illustrates this assessment:

Unique chat tone

From trainer to author Lakdawala: He talks to us in a chatty tone that has no equal in chess literature. Not everything he writes is „politically correct“ – this is how a good piece of personality comes across. In Lakdawala you soon think of a good friend you’ve known for a long time. But the fact that the author consistently addresses his obviously female opponent as „he“ in his own (!) game is certainly only an oversight. The phenomenon of always describing the opponent with „he“, even if it was a woman, has already been noticed by the reviewer himself with many chess friends – even with children.
Lakdawala’s comments go far beyond the pure chess. Again and again he borrows from everyday life, literature or film. The fact that the Central European reader cannot completely dissolve the references in some places is of course not to be reproached to the author.

Entertaining and instructive

The book is currently only available in the English original. Who is familiar with foreign chess books or Internet sources will have no problem with it. However, for the complete understanding of the whole text – including all mental digressions – a little more language competence is needed than with English chess books otherwise. The purely chess knowledge gain, however, is not affected by being lost here and there linguistically.
After reading the book the reviewer feels splendidly entertained and even believes that he has learned something. So the next time I win a game of chess, maybe it’s precisely because „the wrong player wins“.
Lakdawala recently announced further book projects in an interview with the magazine SCHACH. He is sure of the excitement and anticipation of the readership. ♦

Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess, 336 pages, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-828-6

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Ständige Korrespondenten des Glarean Magazins

Thomas Binder - Glarean MagazinThomas Binder (Schach)

Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als Programmierer in Berlin
Thomas Binder im Glarean Magazin


Dr. Ralf BinnewirtzRalf Binnewirtz - Glarean Magazin (Schach)

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig
Ralf Binnewirtz im Glarean Magazin


Christian Busch - Glarean MagazinChristian Busch (Musik & Literatur)

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Spanien, lebt in Düsseldorf
Christian Busch im Glarean Magazin


Walter Eigenmann - Glarean MagazinWalter Eigenmann (Musik & Literatur & Schach/Rätsel)

Geb. 1956 in Luzern/CH, seit 2007 Herausgeber und Redakteur des Online-KulturJournals Glarean Magazin
Walter Eigenmann im Glarean Magazin


Bernd Giehl - Glarean MagazinBernd Giehl (Literatur)

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim
Bernd Giehl im Glarean Magazin


Sigrid Grün - Glarean MagazinSigrid Grün (Literatur)

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals
Sigrid Grün im Glarean Magazin


Isabelle Klein - Glarean MagazinIsabelle Klein (Literatur)

Geb. 1975 in Würzburg, Lehramts-Staatsexamen, Studium der Soziologie und Politologie, zahlreiche Online-Belletristik- und Sachbuch-Rezensionen, lebt in Hannover
Isabelle Klein im Glarean Magazin


Katka Raeber - Glarean MagazinKatka Räber (Literatur & Film)

Geb. 1953 in der Tschechoslowakei, 1968 Übersiedlung in die Schweiz, Studium der Slavistik, Germanistik und Literaturkritik in Zürich, später Paarberatungsausbildung und Psychodrama-Diplom, lebt als Sachbuch- und belletristische Autorin sowie als Therapeutin und Fotografin in Basel
Katka Räber im Glarean Magazin


Horst-Dieter Radke - Glarean MagazinHorst-Dieter Radke (Musik & Literatur)

Geb. 1953 in Hamm/D, Wirtschaftsinformatiker, Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Betriebspädagogik an der Universität Koblenz-Landau, daneben Musiklehrerprüfung; freiberuflicher Lektor und Schriftsteller, Buch-Veröffentlichungen zu regionalen und geschichtlichen Themen, Romane, Krimis, Novellen, Erzählungen
Horst-Dieter Radke im Glarean Magazin


Stefan Walter - Glarean MagazinStefan Walter (Literatur)

Geb. 1978, Autor von Lyrik und Kurzprosa, passionierter Schachspieler, lebt mit seiner Familie als Rechtsanwalt in Neuburg/D
Stefan Walter im Glarean Magazin


Mario Ziegler - Glarean MagazinDr. Mario Ziegler (Schach)

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach
Mario Ziegler im Glarean Magazin

Lesen Sie auch unser Editorial und das Inhaltsverzeichnis

Circon Verlag: Schachtricks für Kinder (Lehrbuch)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Liebevolles und kindgerechtes Schach-Lehrbuch

von Thomas Binder

Auf dem scheinbar gesättigten Markt der Schachlehrbücher für Kinder hat ein ungarisches Autoren-Team einen eigenen Weg gefunden, für eine interessante Bereicherung des Angebots zu sorgen. Ferenc Halasz (Auswahl der Partien), Zoltan Geczi (Text) und Andras Talosi (Illustrationen) schaffen gemeinsam ein Massstäbe setzendes Werk in diesem Genre: Nach „Das grosse Schachbuch für Kinder“ (2016) legen sie im Compactverlag (Circon Verlag) nun die Fortsetzung „Schachtricks für Kinder“ in einer deutschen Übersetzung vor.

Schachtricks für Kinder - Cover Compact Verlag - Rezension im Glarean MagazinBeide Bücher sind in Umfang (152 Seiten, Grossformat) und Aufmachung identisch. Im ersten Band erlernten die jungen Leser die Regeln des königlichen Spiels, bekamen grundlegende Tipps für Eröffnung und Endspiel und erfreuten sich an einfachen Mattkombinationen. Jetzt wird auf diesem Stand aufgebaut.
Die Autoren führen in knapp 25 Kapiteln jeweils ein Partiefragment vor. Dabei geht es diesmal um längere Kombinationen, die nicht unbedingt zum Matt führen müssen, und um den planvollen Aufbau des eigenen Spiels. Natürlich wird Schach dabei immer aus der Perspektive des (erfolgreichen) Angreifers präsentiert.
Die ausgewählten Partien stammen zum grossen Teil von ungarischen Meistern (Zszuzsa und Judith Polgar, Lajos Portisch, Peter Leko, Richard Rapport). Ausserdem wird der in Ungarn sehr populäre Bobby Fischer mit mehreren Partien vorgestellt. Einige wenige informative Sachartikel runden das Buch ab, da geht es z.B. um den Gebrauch der Schachuhr oder um Kempelens „Schachtürken“.

Altersgemässes Outfit als integraler Bestandteil

Andras Talosi - Zeichner - Schachtricks für Kinder - Glarean Magazin
Schach-Zeichner Andras Talosi

Inhaltlich bleibt das also im Rahmen dessen, was man von einem „fortgeschrittenen Anfängerbuch“ erwarten kann – vor allem, wenn man es als Fortsetzung des früheren Werkes versteht. Der grosse Gewinn gegenüber vergleichbaren Produkten liegt in der äusserst liebevollen und kindgerechten Gestaltung. Dabei kommt das altersgemässe Outfit nicht aufgesetzt herüber, sondern ist integraler, ja bestimmender Aspekt des Buches. Jede Partie wird über mehrere Seiten (bis zu 8) präsentiert. Zu jedem Zug gibt es ein Diagramm. Auch ungeübte Leser können also mühelos folgen.
Daneben wird in launigen Texten – aber immer schachlich seriös bleibend – der Sinn des aktuellen Zuges erklärt. Diese Erklärung übernimmt dabei die gerade beteiligte Figur. Ja – die Schachfiguren reden direkt mit dem Leser. Neben Diagramm und Text steht dann immer noch eine köstlich witzige Illustration von Andras Talosi:

Schachtricks für Kinder - Beispielseite Compact Verlag - Rezension im Glarean Magazin

Es gelingt ihm wunderbar, die jeweilige „Stimmung“ der betreffenden Figur einzufangen. Alle drei Elemente lassen unsere jungen Leser die Partie buchstäblich emotional erleben, so als wären sie selbst auf den 64 Feldern unterwegs. Ein wirklich gelungenes Konzept, schachliches Denken an Kinder einer gewissen Leistungs- und Altersstufe zu vermitteln.

Für Schach-Kids zwischen 8 und 11 Jahren

FAZIT: Die Autoren von „Schachtricks für Kinder“ führen Kids, die gerade das Anfänger-Niveau hinter sich lassen, anhand von über 20 Beispielen in etwas komplexere Kombinationen auf dem Schachbrett ein. Neben einer didaktisch sehr gelungenen Auswahl der Beispiele liegt der grosse Pluspunkt des Buches in den köstlichen Illustrationen von Andras Talosi.

Womit wir bei der Zielgruppe wären: Der Verlag gibt „ab 8 Jahren“ an, was insofern schlüssig ist, als man ja Lesekompetenz voraussetzen muss. Ungefähr ab diesem Alter werden die Kids auch die notwendige Phantasie mitbringen, sich mit den Schachfiguren zu identifizieren und mit ihnen das Abenteuer einer Schachpartie zu erleben. Die obere Altersgrenze liegt genau da, wo diese kindliche Naivität rationalerem Denken weicht, also vielleicht knapp oberhalb des zehnten Lebensjahres. Schachlich hat der Leser die Anfangsgründe des Schachspiels verstanden (idealerweise mit Hilfe des Vorgängerbuches aus gleicher Hand) und vielleicht sogar schon seine ersten Kinderturniere mehr oder weniger erfolgreich bestritten. Jetzt kann und muss er sich etwas anspruchsvolleren Themen und langfristig durchdachten Plänen widmen. Dabei begleitet ihn dieses Buch idealerweise neben den Übungsstunden in einem Schachverein oder einer schulischen Schachgruppe. Wächst unser Leser aus dem eigentlichen Alter für dieses Buch hinaus, wird er es auch später hin und wieder gern zur Hand nehmen – und sei es nur, um sich an den geistreichen Bildchen zu erfreuen. ♦

Ferencz Halasz (Partien) / Zoltan Geczi (Text) / Andras Talosi (Illustrationen): Schachtricks für Kinder – Strategien und Taktiken, 152 Seiten, Compact-/Circon Verlag, ISBN 978-3-8174-1906-7

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Thomas Luther: Schachtraining – Das U10-Projekt

…sowie über das Schachlehrbuch von
Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Ungeplante Schach-Wege

von Thomas Binder

Romane, die im Schach-Milieu handeln, gibt es zwar viele – aber die wirklich guten Romane in diesem Umfeld sind so häufig nicht. Wenn dann ein etablierter und anerkannter Schriftsteller als Autor fungiert, kann man nur von einem absoluten Glücksfall sprechen. Dieser Glücksfall ist mit „Die Schachspieler von Buenos Aires“ des deutschstämmigen Argentiniers Ariel Magnus eingetreten.
Der Roman hat in den Kulturredaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland flächendeckend Aufmerksamkeit gefunden und wohlwollende bis euphorische Kritiken erhalten. Damit haben berufene Literaturkritiker ihr Urteil gefällt, und wir wollen uns hier auf den Schachspieler bzw. –interessenten als Zielgruppe beschränken.

Who is Who des Schachs vor dem 2. Weltkrieg

Ariel Magnus - Die Schachspieler von Buenos Aires - Roman - Rezension Glarean MagazinBei den Stichworten „Buenos Aires“ und „Schach“ denkt auch der in Sachen Schachgeschichte Bewanderte merkwürdigerweise nicht an die zeitlich viel näherliegende Schacholympiade von 1978, sondern sicher an die Ereignisse von 1939. Erinnern wir uns: In der argentinischen Hauptstadt fand die bis dato grösste Schacholympiade statt. Die Teilnehmer lesen sich – trotz Abwesenheit der Sowjetunion und der USA – wie ein „Who is Who“ jener Zeit: Aljechin, Capablanca, Keres, Najdorf, Stahlberg, Tartakower…
Doch das sportliche Geschehen geriet in den Hintergrund, als in Europa der zweite Weltkrieg ausbrach. Er hatte unmittelbare Folgen für das Geschehen in Argentinien. So reisten viele Spieler – darunter die gesamte deutsche Mannschaft – nicht in ihre Heimat zurück, sondern bauten sich in Südamerika eine neue Existenz auf. Während die Engländer das Turnier sofort verliessen, wurde in einigen Wettkämpfen ein kampfloses 2:2 vereinbart, da sich die beteiligten Länder nunmehr feindselig gegenüberstanden.

Brisante Begegnung Deutschland vs Palästina

Besonders brisant war die Situation zwischen Deutschland und dem Mandatsgebiet Palästina, dem Vorläufer des Staates Israel. Palästina verweigerte aus nachvollziehbaren Gründen das Spiel, und so ergab sich die Situation, dass Deutschland bei einem kampflosen Sieg durch ein „Geschenk der Juden“ hätte Olympiasieger werden können. Die Auflösung dieses Konflikts wird im Roman vielschichtig beleuchtet.
Parallel zur Schacholympiade fand das Turnier um die Weltmeisterschaft der Frauen statt. In Magnus‘ Roman nimmt diese Meisterschaft grossen Raum ein, gesehen aus der Perspektive der Vizeweltmeisterin Sonja Graf. Die Münchnerin trat hier als Staatenlose unter einer Phantasieflagge an.

Geflecht aus Realem und Fiktivem

Ariel Magnus - Schriftsteller Argentinien - Glarean Magazin
Ariel Magnus (Geb. 1975)

Das alles sind nüchterne Fakten, doch Ariel Magnus webt ein unvergleichliches Geflecht aus Realem und Fiktivem. Handlungsebenen verknüpfen sich in meisterhafter Weise. Dabei lässt er den Leser immer – manchmal eine Spur zu deutlich – erkennen, ob er gerade an historischen Tatsachen oder erdachten Geschichten partizipiert. Den Einstieg liefert Magnus‘ realer Grossvater, dessen Bezüge zu den (realen) Turnieren und ihren Protagonisten – allen voran Sonja Graf – natürlich fiktiv sind. Gänzlich fiktiv sind auch die Versuche von verschiedener Seite, in den Turnierverlauf einzugreifen, sogar einen Sieg der deutschen Mannschaft zu verhindern. Dann taucht auch noch Mirko Czentovic auf, der (fiktive) Held aus Stefan Zweigs Schachnovelle. Diese aber ist – soweit der Höhepunkt des Verwirrspiels – 1939 noch gar nicht erschienen, Czentovic kommt also quasi aus der Zukunft.

Die Frauen-WM 1939 im Fokus

Was den rein schachlichen Gehalt betrifft, liegt der Schwerpunkt auf dem Frauenturnier. Hier werden sogar die entscheidenden Partien (ausschweifend verbal) geschildert. Neugierig geworden, enthüllte sich mir erst beim Nachspielen in der Datenbank, wie nahe Sonja Graf in der Partie gegen die scheinbar unschlagbare Vera Menchik eigentlich dem Siege und wohl auch dem WM-Titel war.

Argentinien 1939: Nicht nur bei den Männern, sondern auch einige Teilnehmerinnen der Frauen-WM reisten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges nicht mehr in ihre Heimatländer zurück. Die zuerst für Deutschland startende, dann staatenlose Sonja Graf wurde Vizeweltmeisterin.
Argentinien 1939: Nicht nur bei den Männern, sondern auch einige Teilnehmerinnen der Frauen-WM reisten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges nicht mehr in ihre Heimatländer zurück. Die zuerst für Deutschland startende, dann staatenlose Sonja Graf wurde Vizeweltmeisterin. (Quelle: Wikipedia)

Die Männer-Olympiade selbst hingegen wird mehr durch Milieu-Schilderungen und Porträtstudien einzelner Spieler lebendig – und vor allem durch die Vorgänge um das Spiel zwischen Deutschland und Palästina. Im weitaus überwiegenden Teil des Textes erleben wir also Schach aus der Sicht des Aussenstehenden, der mehr zufällig mit den Turnieren und den Spielern bzw. Spielerinnen in Berührung kommt – eben Grossvater Magnus.

Meisterhafte Nebenstränge der Handlung

Neben den bekannteren Akteuren werden dabei einige Teilnehmer zumindest zeitweise in den Blickpunkt der Handlung geholt, die auch dem schachgeschichtlich Interessierten nur wenig sagen, etwa die Amerikanerin Mona Karff (Fünfte der WM) oder Olympiade-Spieler wie der Este Ilmar Raud und der für Palästina spielende Victor Winz.

FAZIT: „Die Schachspieler von Buenos Aires“ ist kein Schachbuch, sondern ein Roman im Umfeld der Schacholympiade und der Frauen-WM 1939 in Buenos Aires. Vor dem Hintergrund des ausbrechenden Zweiten Weltkriegs nehmen Lebenswege eine ungeplante Wendung. Autor Ariel Magnus verwebt in einzigartiger Weise reale und fiktive Personen und Ereignisse zu einem lesenswerten Gesamtkunstwerk.

Schliesslich gibt es – wir haben einen veritablen Roman vor uns, kein Schachbuch – Nebenstränge der Handlung, die meisterhaft angelegt und ausmodelliert sind. Als Beispiel und Appetithappen seien nur die Diskussionen und Intrigen in einer Zeitungsredaktion genannt. Hier geht es u.a. um die existenzielle Frage, ob denn Schach nun Sport, Wissenschaft oder Kunst (oder was sonst) sei.
Diese Frage stellt sich für den ganzen Roman natürlich nicht. Er ist ein Kunstwerk, er ist gehobene Literatur. Damit fordert er den Leser auf jeder Seite. Man muss sich zwischen den verschiedenen Handlungslinien, dem Realen und Fiktiven zurechtfinden. Handlungstext wechselt mit Tagebuch-Zitaten und Presseausschnitten. Selbst an Fussnoten wird nicht gespart. Schachliches Wissen – insbesondere um die Hintergründe der Olympiade von 1939 – ist dabei durchaus hilfreich. Dennoch sei gewarnt, wer seinen geistigen Konsum sonst nur aus trivialerer Literatur befriedigt. Das Lesen eines Romans von über 300 Seiten kann auch anstrengende Arbeit sein. Wenn man aber die Neugier auf das behandelte Sujet mitbringt, ist diese Arbeit höchst vergnüglich. ♦

Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires – Roman, aus dem argentinischen Spanisch von Silke Kleemann, 336 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 978-3462050059

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Frank Schuster: Das Haus hinter dem Spiegel

… sowie zum Thema Kulturgeschichte des Schachs über den
Ausstellungs-Katalog „Schach und Religion“ (Ebersberg)

Weitere Internet-Artikel zum Thema Schach und Literatur:

Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler

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Pionierarbeit zum Schachspiel im Internet

von Thomas Binder

Seit seiner Etablierung als Turnier- und Wettkampfsport hat das königliche Spiel wohl keinen grösseren Wandel erfahren als in den letzten ca. 20 Jahren durch das Aufkommen des Online-Schachs im Internet. Diese Entwicklung ist vor allem ein Segen, erschliesst sie doch das Schach einem unbegrenzten Personenkreis und schafft neue Möglichkeiten des Wettkampfs (jederzeit, gegen Spieler jeder Spielstärke), des Trainings und der passiven Teilhabe (Live-Übertragungen von Turnieren in aller Welt). Sie kann auch ein Fluch sein, wenn sie durch das Überall-Jederzeit-Angebot die Strukturen klassischer Schachvereine bedroht.

Stefan Breuer - Online-Schach - Rezensionen Glarean MagazinStefan Breuer sieht in seiner neuen Untersuchung „Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler“ vor allem die positiven Aspekte, ist er doch gewissermassen selbst die Verkörperung dieser Trends. Das aktive Turnierspiel hat er aus Zeitgründen längst aufgegeben, im Online-Schach findet er eine neue Gelegenheit, seiner Leidenschaft zu frönen. Er nimmt diese Gelegenheit mit Begeisterung (und Erfolg) wahr.

Thema von allen Seiten beleuchtet

Angesichts der enormen Bedeutung des Online-Spiels im heutigen Schachalltag ist es kaum zu glauben, wie stiefmütterlich das Thema bislang in der Literatur behandelt wird. Stefan Breuers schmales Bändchen (92 Textseiten, weitgehend schmucklos aufbereitet) leistet insofern Pionierarbeit.

Der Autor beleuchtet das Phänomen „Online-Schach“ von allen Seiten. Die unterschiedlichen Bedenkzeiten und Turnierformen werden kurz vorgestellt. Dabei konnte auch der Rezensent, der nur gelegentlich online spielt, noch Neues entdecken. So weiss ich jetzt, was ein „Arena-Turnier“ ist und, dass es auf den Servern auch Mannschaftsligen gibt.

Betrug beim Online-Schach

Stefan Breuer - Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler - Amazon-Buch - Portrait Glarean Magazin
Althistoriker, Medien-Produzent, FIDE-„Arena“-Grossmeister: Buchautor Stefan Breuer (geb. 1965)

Ferner geht Breuer auf die Wertungssysteme (Rating) ein und spricht über die Regeln des Anstandes beim Server-Spiel, insbesondere beim Chatten.
Auch das leidige Thema „Betrug“ lässt Breuer nicht aus. Er rät zu einem entspannten Umgang damit. An dieser Stelle, wie an vielen anderen, merkt der Leser, dass Stefan Breuer zuallererst vom Schach begeistert ist und nicht primär auf Erfolge und Ratingzahlen schaut. Wenn es ihm gelingt, einem Einsteiger diese Haltung zu vermitteln, hat er schon viel erreicht.
Etwas deplatziert wirkt ein mehrseitiger Vergleich zwischen Online-Schach und Online-Poker, dessen Motivation mir nicht so ganz klar wird – auch nicht, inwieweit Breuer hier aus eigener Erfahrung in beiden Welten spricht.

FAZIT: Stefan Breuers Bändchen ist eine willkommene Pionierarbeit mit dem Versuch einer umfassenden Darstellung zum Online-Schach. Das Thema hat eine deutliche Vertiefung der Überlegungen verdient. Breuer leistet dafür die Grundlagen. Bei dem geringen Preis also hier eine Kaufempfehlung für alle jene, die sich über das Schachspielen im Internet orientieren möchten.

Das letzte grössere Kapitel ist die Präsentation der wichtigsten Schach-Server mit ihren Besonderheiten. Dabei ist der Autor durchaus im positiven Sinne voreingenommen. Man glaubt zu spüren, dass seine Präferenz dem Angebot des Schachportals lichess gehört.
Das alles liest sich flott und angenehm, weil eben aus jedem Satz eine bejahende Grundstimmung spricht und Begeisterung vermittelt wird.

Vermisst: Informative Screenshots

Ein solch kurzer Text lässt natürlich immer noch Raum, einzelne Themen auszubauen. Man hätte wohl in jedem Kapitel wesentlich mehr in die Tiefe gehen können. Auch ein paar Screenshots hätten die Lektüre noch anschaulicher gemacht und aufgelockert – selbst auf die Gefahr hin, dass sie nach wenigen Monaten nicht mehr aktuell sind.

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Wünschenswert sind auch ein paar praktische Tipps. Online-Schach hat eben durchaus ein paar Besonderheiten, die man mit Partiefragmenten erläutern könnte. Da wäre zum Beispiel die im Serverschach verbreitete „Premove“-Technik. Über ihren sinnvollen Einsatz und die eventuellen Risiken hätte man ein ganzes Kapitel schreiben können.

Dass er schon lange kein reguläres Turnierschach gespielt hat, enthüllt Autor Breuer, als er für das Spiel „Over the board“ empfiehlt, man möge sich vor impulsivem Ziehen („Reflex-Schach“) schützen, indem man den Zug vor der Ausführung notiert. In der Tat ist dies ein probates Mittel zum Selbstschutz – dummerweise nur seit gut 10 Jahren explizit in den FIDE-Regeln verboten…
Schade ausserdem die – allerdings nur wenigen – Schreibfehler, die immerhin den Lesefluss kaum mindern.

Leseprobe aus Stefan Breuer: "Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler"
Leseprobe aus Stefan Breuer: „Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler“

Fazit: Stefan Breuers Bändchen ist eine willkommene Pionierarbeit mit dem Versuch einer umfassenden Darstellung zum Online-Schach. Das Thema hat eine deutliche Vertiefung der Überlegungen verdient. Breuer leistet dafür die Grundlagen. Bei dem geringen Preis also hier eine Kaufempfehlung für alle jene, die sich über das Schachspielen im Internet orientieren möchten. ♦

Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler, Amazon-/Kindle-Edition, 92 Seiten, ISBN 978-1-98298890-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Online Schachspielen auch: Die besten Online-Schach-Portale

Günter Lossa: Der entscheidende Zug (Schach)

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50 attraktive Schach-Kombinationen

von Thomas Binder

Der frühere Bundesligaspieler und Chefredakteur des „Schach-Report“ Günter Lossa meldet sich mit dem schmalen Bändchen „Der entscheidende Zug zum zwingenden Mattangriff“ auf dem Buchmarkt zurück, welches genau das enthält, was der Titel verspricht: 50 Schachpartien, die allesamt mit einer attraktiven Mattkombination enden.

Günter Lossa - Der entscheidende Zug - Beyer Verlag - Cover - Glarean Magazin
Günter Lossa: Der entscheidende Zug, Beyer Verlag

Um es vorweg zu nehmen: Angesichts des unschlagbar günstigen Preises und der gefälligen Aufmachung kann man sich beim Kauf dieses Buches eigentlich nicht vertun. Es spricht zudem eine breite Zielgruppe an. Wer gerade die Anfangsgründe des Schachspiels erlernt hat, wird mit den Aufgaben zwar überfordert sein, kann sie anhand der Lösungsbesprechung aber mit reichem Erkenntnisgewinn erarbeiten. Manches Mattbild muss man eben einmal gesehen haben, um es im passenden Moment wieder zu erkennen.

Sehenswerte Partien dem Vergessen entrissen

Der durchschnittliche Vereinsspieler sollte sich bereits der Herausforderung stellen, die Aufgaben lösen zu können. Er wird an vielen Stellen erfolgreich sein, an anderen die Hilfe des Autors benötigen. Fortgeschrittene Spieler oberhalb eines Wertzahlniveaus von etwa 1700 können manche Partie als Fingerübung zwischendurch probieren oder eben einfach in den Texten schmökern.
Unter den vorgestellten Partien findet der Kenner neben vielem, was er schon anderswo gesehen hat, auch manche sehenswerte Partie, die sonst wohl in Vergessenheit geraten wäre.

Spieler und Turniere interessant vorgestellt

50 attraktive Schach-Kombinationen bis zum Matt in Lossa's "Der entscheidende Zug"
50 attraktive Schach-Kombinationen bis zum Matt in Lossa’s „Der entscheidende Zug“

Lossa präsentiert die 50 Aufgaben jeweils auf einer Buchseite, beginnend mit einem grossen Diagramm der kritischen Stellung. Dann folgt ein einführender Text. In genau angemessenem Umfang werden die Spieler vorgestellt und wird auf das betreffende Turnier eingegangen. Der Leser wird damit auf die Partie eingestimmt. Danach folgt deren bisheriger Verlauf als Kurznotation. Auf diesen Absatz hätte man gut und gerne verzichten können. Der Leser wird sich ohnehin an der abgebildeten Stellung orientieren. Den vorhergehenden Partieverlauf nachzuspielen, bringt ihm nicht viel, fehlen doch hier jegliche Kommentare und Varianten. Abschliessend stellt Lossa dann die Mattaufgabe, an der sich der Leser versuchen soll.
Die Antworten findet er dann im letzten Teil des Buches. Meist füllen je drei Lösungen eine Seite. Auch hier trifft Günter Lossa das richtige Mass. Seine Kommentare und Varianten beantworten alle Fragen. Besonders angenehm fällt auf, dass der Autor auch den Lösungsbesprechungen jeweils ein kleines Diagramm spendiert, und zwar keine plumpe Wiederholung der Aufgabe, sondern ein zusätzliches Stellungsbild an einer entscheidenden Verzweigung oder im Zuge einer längeren Mattführung. So kann auch der weniger geübte Leser die Zugfolge problemlos „vom Blatt“ verfolgen.

Material aus den 1980er Jahren

Fazit: Angesichts der gefälligen Aufmachung und des hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnisses liegt mit „Der entscheidende Zug zum zwingenden Mattangriff“ ein Buch vor, das Schachspieler (fast) jeder Spielstärke mit Genuss und Gewinn lesen können. Die kleinen inhaltlichen Ungenauigkeiten sind dem Alter der Texte geschuldet und lassen sich leicht korrigieren.

Liest man die Texte etwas genauer, entsteht freilich der Eindruck, dass hier älteres Material (vielleicht aus einer Zeitungskolumne?) recycelt wurde. Die jüngsten Partien stammen vom Anfang der 1980er-Jahre und auch der Text ist inhaltlich auf diesem Stand geblieben. Da wirkt einiges dann merkwürdig „aus der Zeit gefallen“. Die Schacholympiade wird als Mannschafts-WM bezeichnet, Fernschach wird per Postkarte gespielt und die Spitzenklubs der Bundesliga heissen neben Solingen (es gibt also noch Konstanten) noch Porz und Bayern München. Hier und da sind auch missverständliche Formulierungen zu beklagen. Hugo Hussong war gewiss nicht einer der „wenigen“ bekannten deutschen Schachmeister, sondern eben einer der „weniger“ bekannten.
Bei einer Neuauflage sollte man sich also der Mühe unterziehen, die Texte aus heutiger Sicht zu aktualisieren. Dann kann man diesen informativen und angenehm lesbaren Absätzen mit ihren aufschlussreichen Fakten noch besser vertrauen. ♦

Günter Lossa: Der entscheidende Zug zum zwingenden Mattangriff, Joachim Beyer Verlag, 80 Seiten, ISBN 978-3-95920071-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Aufgaben auch die neue Serie Godzilla Endgame Chess Puzzles

…sowie zum Thema Schach-Eröffnungen über Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire

Thomas Luther: Schachtraining – Das U10-Projekt

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Informativ für Kinder- und Jugendschach-Trainer

von Thomas Binder

Der aus Erfurt stammende Grossmeister Thomas Luther (u.a. Deutscher Einzelmeister 1993) muss dem Leser nicht mehr vorgestellt werden. In letzter Zeit hat er seinen Tätigkeitsschwerpunkt auf die Arbeit als Trainer gelegt. Im Impressum wird er als FIDE-Senior-Trainer und Lecturer präsentiert. Mit „Das U10-Projekt“ legt er ein Werk vor, das aus diesem Blickwinkel höchsten Ansprüchen gerecht wird. Dabei passt auch das äussere Umfeld hervorragend: Layout, Lektorat und Schreibstil bestätigen den Gesamteindruck eines sorgfältig erstellten und rundum gelungenen Werkes.

Thomas Luther - Schachtraining für Kids - Das U10-Projekt - Jugendschach Verlag DresdenZunächst sei jedoch mit gleich zwei möglichen Missverständnissen aufgeräumt, die der Titel verursachen könnte. Ich dachte spontan an das aktuell vom Deutschen Schachbund gepushte Projekt zur Ausbildung junger Schachtalente mit sehr hohem Leistungsanspruch durch die Schachschule von GM Jussupow. Dazu hat das vorliegende Buch jedoch ebenso wenig einen Bezug, wie es sich auf die im Titel angesprochene Altersklasse beschränkt. Auch Trainer und Betreuer etwas älterer Schachspieler können aus dieser Arbeit viel Wissenswertes und interessante Anregungen entnehmen.

Fehlerursachen in der Altersklasse U10

Im ersten Teil des Buches stellen Luther und seine Co-Autoren quantitative Ergebnisse ihrer Studie vor. Anhand ausgewählter Deutscher und Welt-Meisterschaften bis zur Altersklasse U10 untersuchen sie das in diesem Alter erreichte Spielniveau und bewerten die Fehlerursachen. Der zweite Abschnitt präsentiert umfangreich (ca. 50 Seiten) und sehr fundiert typische Spielsituationen. Da wird deutlich erkennbar, wo die Defizite junger Schachspieler liegen, und wie man sie gezielt angehen kann. Um die jungen Spieler nicht anhand ihrer schwächeren Leistungen zu „demontieren“, sind diese Partien konsequent anonymisiert, allerdings jeweils durch die Benennung des Turniers und die Angabe von Elo-Zahlen dokumentiert.

Es folgen ca. 120 Seiten unter dem Titel „Unsere Tests“. Für den praktisch orientierten Schachtrainer ist dies sicher der anregendste Teil, kann er doch hier geeignete Aufgaben für seine eigene Arbeit übernehmen. Die insgesamt 230 Teststellungen sind in fünf Gruppen unterteilt, zunächst nach wachsender Schwierigkeit für einzelne Leistungsgruppen, dann in einem separaten Endspiel-Teil. Auch in diesem Kapitel bleiben die Spieler anonym. Die jeweiligen Lösungsbesprechungen können ebenso wie der vorige Abschnitt jeweils für sich als kleine Lektion zum angesprochenen Motiv verwendet werden.

Wissenschaftlich anspruchsvolle Betrachtung

Thomas Luther - Glarean Magazin
Thomas Luther

In einem kürzeren vierten Kapitel „Talent und Wunderkinder“ kehrt Luther zur prinzipiellen und wissenschaftlich anspruchsvollen Betrachtung zurück, stellt seine Gedanken und Erfahrungen zur Diskussion. Ähnlich präsentiert sich das abschliessende Kapitel „Training und Trainer“ mit Gedanken zu zweckmässigen Trainingsansätzen und zur Arbeit des Trainers.
Dazwischen liegt noch ein Abschnitt „Der nächste Schritt“, in dem Luther anhand einiger Positiv-Beispiele (jetzt mit Namensnennung) verdeutlicht, wie man sich den Leistungsfortschritt zur nächsten Altersklasse u12 vorstellen kann. Dieser Vergleich ist freilich nicht ganz widerspruchsfrei: Hatte man in der U10 vorwiegend die Unzulänglichkeiten demonstriert, werden jetzt „leuchtende Einzelbeispiele“ vorgeführt, wo sich doch sicher auch hier noch reichlich „Gepatze“ gefunden hätte.

Betont kritische Beurteilungen

Es gibt wenige Punkte, an denen ich mit dem Autor in kontroversen Dialog treten möchte. So geht er manchmal mit den Spielern allzu hart ins Gericht – vielleicht auch, weil er auf einzelne Partien schaut statt auf ganze Persönlichkeiten. Drastisches Beispiel ist eine – zugegeben grottenschlechte – Partie aus der U10-WM 2014:
1.e4 c5 2.Lc4 Sc6 3.Sf3 a6 4.Sg5(?) e6 5.Df3?? Dxg5 6.d3?? Dxc1 7.Ke2? Sd4#
Luther kommentiert nun u.a: „Kindern auf dieser Anfängerstufe tut man mit einer WM-Teilnahme vermutlich nichts Gutes […] dies hier ist absolut nicht akzeptabel.“
Ich habe mir nun die geringe Mühe gemacht, den Spieler zu identifizieren und etwas genauer hinzuschauen. Es handelt sich um ein Kind aus Kenia. Die vorgestellte Partie ist ein Extrembeispiel, unter seinen übrigen WM-Partien sind durchaus „normale“ U10-Partien. Er hat in diesem Turnier immerhin 4,5 Punkte aus 11 Partien erreicht und sich als einer der jüngsten Spieler im hinteren Mittelfeld platziert. Im Jahr davor vertrat er sein Land bereits bei der U8-Weltmeisterschaft. Der Vergleich beider Turniere zeigt eine deutlich positive Entwicklung des Jungen.

Probeseite aus Thomas Luther: Das U10-Projekt (Schachtraining für Kids)
Probeseite aus Thomas Luther: Das U10-Projekt (Schachtraining für Kids)

Grosse Leistungsstreuung bei Kindern

Mit Blick auf meine eigenen Trainer-Erfahrungen ist der vorgestellte Fall ein schöner Beleg für zwei Beobachtungen, die ich regelmässig mache:

  • Kinder dieser Altersklasse haben unabhängig vom absoluten Spielniveau von Partie zu Partie eine enorme Leistungsstreuung. Die „gefühlte“ Spielstärke kann selbst innerhalb eines Turniers um mehr als 500 Elo-Punkte schwanken.
  • Bei unvorhergesehenen Ereignissen reagieren diese Kinder irrational. Rational wäre es gewesen, nach dem ersten Figurenverlust entweder aufzugeben oder mit voller Konzentration und Kampfgeist eine Wende zu versuchen – in dieser Altersklasse keineswegs ein aussichtsloses Unterfangen. Statt dessen wird im Blitztempo weitergespielt und Fehler an Fehler gereiht, bis zum drastischen Ende.

Erst mit der allgemeinen persönlichen Reifung etwa ab der Altersklasse U14 erreichen die jungen Schachspieler auf ihrem jeweiligen Leistungslevel ein „erwachseneres“ Profil und eine grössere Leistungskonstanz. Es wäre interessant zu sehen, wenn Luther mit seinem wissenschaftlich geprägten Instrumentarium diese Entwicklungsetappen näher untersucht und entsprechende Schlussfolgerungen anbietet.

Lehrreich und angenehm zu lesen

FAZIT

„Schachtraining für Kids – Das U10-Projekt“ von GM Thomas Luther und Co-Autoren richtet sich vorwiegend an Trainer, die junge und jüngste Schachspieler mit hohem Leistungsanspruch unterrichten. Es bietet fundierte Untersuchungen zur Spielstärke in diesem Altersbereich, untersucht die Fehlerquellen und gibt ihnen eine grosse Auswahl an Test- bzw. Lehrstellungen an die Hand. Inhaltliches Niveau und äussere Gestalt werden dem hohen Anspruch der Autoren gerecht.

Insgesamt bleibt auch für einen erfahrenen Jugendtrainer ein sehr lehrreiches und angenehm zu lesendes Buch aus einem bislang kaum abgedeckten Wissenssegment. Die Lektüre ist allerdings vor allem in den „theoretischen“ Kapiteln anspruchsvoll, Luther schreibt recht dicht und setzt ständige Aufmerksamkeit und gewisse Vorkenntnisse voraus – für Schachspieler ja wohl keine unbillige Anforderung.
Wichtigste Zielgruppen des Buches sind Kinder- und Jugendschachtrainer. Auch wenn sie über die im Titel genannte Altersklasse hinaus tätig sind, ist das Buch eine fruchtbare Inspiration. Eltern, die ihre Sprösslinge auf dem Start in die Schachkarriere begleiten, bekommen einen Eindruck vom Herangehen eines leistungsorientierten Trainers, sollten sich dabei aber immer über die eigenen Ansprüche im Klaren sein. Nicht jeder wird seine Schützlinge zu einer Deutschen oder gar Welt-Meisterschaft führen, ein Buch wie dieses wird ihm dennoch viele interessante Impulse vermitteln. ♦

Thomas Luther: Schachtraining für Kids – Das U10-Projekt, Jugendschach-Verlag Dresden, 252 Seiten, ISBN 978-3-944710-32-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Jugendschach-Pädagogik und -Forschung auch über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Interview mit dem Schachlehrer Alexander Frenkel

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Weg von den Tablets und Spielkonsolen, hin zum Schachspiel

von Thomas Binder

Erneut möchte ich als Schach-Rezensent des Glarean Magazins die Gelegenheit nutzen, das Augenmerk auf die Ausbildung junger und jüngster Schachspieler zu richten. Hatten wir zuletzt mehrfach klassische Lehrbücher kommentiert, geht es diesmal um ein Arbeitsheft der Schachschule München. Autor ist deren Leiter Alexander Frenkel. Da Herr Frenkel uns deutlich mehr zu sagen hat, wollen wir ihn noch selbst zu Wort kommen lassen, werfen aber zunächst einen Blick in das erste Werk, das er nun einem grösseren Leserkreis zugänglich macht.

Schach-Zielgruppe: Grundschulkinder

Alexander Frenkel - Warum Schach - Bauerndiplom - Schachschule MünchenDas Arbeitsheft wendet sich an Kinder, die von Grund auf das Schachspiel erlernen wollen, wobei als Zielgruppe wohl ganz klar Grundschulkinder angesprochen sind. Ihnen wird der Grundkanon der Schachregeln nahe gebracht. Alles darüber hinaus bleibt den aufbauenden Lehrgängen vorbehalten.
Dabei hebt sich Frenkels Heft sehr deutlich von anderen Arbeitsheften ab. Die Regeln werden in Reimform erklärt und mit liebevollen Illustrationen versehen. Unmittelbar danach können die Kids ihr Wissen in vielfältigen und vor allem kindgerechten Aufgaben beweisen. Dem Charakter solcher Arbeitsbücher gemäss wird dabei direkt im Heft gearbeitet, es ist also für eine „Einmalverwendung“ gedacht. Einziger Kritikpunkt bleibt, dass Frenkel (wie andere Autoren auch) hin und wieder zwei oder mehr Aufgaben auf einem geteilten Brett darstellt. Dabei muss zuweilen die Trennlinie als Brettrand verstanden werden, was eine direkte Übernahme in andere Trainingsformen (z.B. am Demobrett) erschwert. ♦

Alexander Frenkel: Warum Schach (Bauerndiplom), Arbeitsheft, Illustrationen von Elena Levitina, Schachschule München


Interview mit Alexander Frenkel

Autor Alexander Frenkel ist 48 Jahre alt und stammt aus der ukrainischen Schachhochburg Charkiw. Schon sein Vater gehörte dort in jungen Jahren zur örtlichen Schachspitze. Seit 1993 lebt Alexander Frenkel in Deutschland und leitet seit 12 Jahren die Schachschule München.

Glarean Magazin: Herr Frenkel, Sie stehen für die “Schachschule München”. Können Sie uns dieses Projekt kurz erläutern?

Alexander Frenkel (Geb. 1969)
Alexander Frenkel (Geb. 1969)

Alexander Frenkel: Die Idee des Schach-Lehrens kam durchs Üben mit meinen Sohn Maxim, den ich schon mit 6 Jahren zu den Kinderturnieren gebracht habe. So bin ich 2005 zum Schulschachpatentkurs vom „Schulschach-Vater“ Herrn Lellinger gekommen und bin dafür sogar von München nach Leipzig gefahren. Mein erster Kurs fand direkt in Maxims Grundschule statt. Danach habe ich mich mit einer Internet-Präsenz positioniert und erhalte regelmässig Nachfragen, die ich alleine mittlerweile nicht mehr bewältigen kann. So helfen Maxim und noch einige schachspielende Studenten aus.

GM: Stellten sich bald Erfolge ein? Können Sie regelmässig Kinder über das Anfängerniveau hinaus in die Schachvereine und zu Meisterschaften führen?

AF: Sobald die Kinder die Regeln sicher anwenden können, informiere ich die Eltern über passende Kinderturniere. Einige werden dann von der Atmosphäre  mitgerissen und wollen immer teilnehmen. So landen sie oft in den Vereinen. Aktuell, mit dem Chessimo-System (5 Spiele am Tag mit 60min, Aufschreiben und DWZ-Auswertung), werden die Kids noch durch die DWZ zusätzlich motiviert. Einige Kinder aus meinen ersten Kursen (und sie sind mittlerweile 18-20 Jahre alt) spielen immer noch in den Vereinen. (Anmerkung des Rezensenten: Frenkels Schüler haben zahlreiche vordere Plätze bei Meisterschaften und im Schulschach vorzuweisen).

GM: Auf welchen Prinzipien beruht das Training in Ihrer Schachschule? Worin unterscheiden Sie sich von anderen Anbietern?

AF: Es gibt einige Grundsätze, die ich seit Anfang an befolge. Ich bin der Meinung, Schach sollte auf dem Anfänger-Niveau preiswert und für jeden zugänglich sein. So betreibe ich keine eigenen Räumlichkeiten und komme dorthin, wo man wirklich an einem Schachkurs interessiert ist, die Gruppe organisiert und mich dafür engagiert. So bleiben die Kosten für die Eltern sehr übersichtlich.
Des Weiteren sollte der Unterricht strukturiert sein und dafür eignen sich die Lernhefte, wie z.B. Brackeler Lehrgang, die Stufen-Methode und die seit kurzem erhältlichen Kurshefte von Roman Vidonyak, sehr gut.
Ich versuche eine gute Mischung daraus zu machen und bei den fortlaufenden Gruppen immer wieder einen Wiederholungs- bzw. Befestigungs-Kurs „einzubauen“. Ich nehme mir auch die Freiheit, nur die homogenen Kurse anzubieten, d.h. nur auf dem gleichen Niveau. So werden alle Teilnehmer gleichmässig betreut.
Im Wesentlichen ist mein Unterricht ziemlich klassisch und die Schachstunde besteht aus der Beantwortung der Fragen zu den Hausaufgaben, der Erklärung eines neuen Themas und dem Spielen. Fürs Spielen versuche ich etwa die Hälfte der Zeit anzusetzen.
Ich lasse aber auch das Demo-Brett mal weg, um mit dem Beamer die Stunden abwechslungsreich zu gestalten und ein Schach-Programm oder Schach-Video einzubringen.
Auch auf den Wunsch nach fremdsprachigen Kursen kann ich eingehen. So unterrichte ich Schach regelmässig auf Deutsch, Russisch und Englisch.

GM: Das vorliegende Trainingsmaterial trägt den Titel “Warum Schach?” Wie lautet Ihre prägnante Antwort auf diese Frage?

AF: Ich bin vom positiven Einfluss des Schachs auf die schulischen Leistungen stark überzeugt und nicht nur durch die Trierer Studie, sondern auch am Beispiel von meinem Sohn. Maxim hat sein Abi mit 1,9 ohne eine einzige Nachhilfestunde gemacht. Auf meiner Webseite entstanden mit der Zeit die sogenannten „Gründe fürs Schach“, die ich kurzer Hand „Warum Schach“ nannte. Diese wurden dann öfters quer durch den deutschen Internetraum bei Vereinen und Schulen übernommen und zitiert. Für das neue Heft habe ich sie in einer kindgerechten Form umgeschrieben und eingebaut. So können die Kinder (aber auch Eltern und Lehrer) nicht nur von Schachkenntnissen profitieren, sondern auch vieles Positive, was Schach mit sich bringt, wahrnehmen.

GM: Die Gestaltung des Materials ist sehr ansprechend, hebt sich von den sonst bekannten Arbeitsheften deutlich ab. Wie sind Sie an die Gestaltung herangegangen? Was ist Ihnen da wichtig?

AF: In meinem Unterricht habe ich immer wieder spontan, beeinflusst durch „Springer am Rande bringt Kummer und Schande“, etwas gereimt.  Da ich in der ersten Anfänger-Stunde die Weizenkornlegende erzähle, um die Vielfältigkeit der Möglichkeiten auf dem Schachbrett zu betonen, suchte ich nach einem Weg für mich, als nicht Muttersprachler in Deutsch, die Geschichte einfach darzustellen. So entstand dieses Gedicht. Ich habe gemerkt, dass das gereimte Wort sich auch bei den Kindern besser einprägt.
Ich unterrichtete die meiste Zeit die Anfänger mit dem „Brackeler Lehrgang“. Die Hefte sind zwar günstig, haben aber für meinen Bedarf zu wenig Aufgaben. So gab ich zu jeder Stunde meine zusätzlichen Arbeitsblätter aus, auf denen ich sowohl eigene als auch einige, meist aus den russischen Schachbüchern gesammelte, Aufgaben habe. Die Idee für das eigene Heft war geboren: die Schachregeln werden gereimt, es kommen mehr Aufgaben rein und das Wichtigste: meine Frau Elena ist zum Glück eine diplomierte Grafik-Designerin, sie kann das Ganze illustrieren. …
Auch wenn ich mich bei vielen Motiven aus der Sicht der Schachtheorie gegen das künstlerische Element meiner Frau durchgesetzt habe, sind wir mit der Zeit zu einem guten Team zusammengewachsen. Und für manche Themen haben unsere Tochter und ich sogar kurz Modell stehen sollen, damit meine Frau ein Foto machen kann, um die entsprechende Pose oder Bewegung besser aufs Papier zu bringen. Elena will immer alles gründlich und perfekt machen. So nahm uns die Illustration für längere Zeit in Anspruch und dauerte ca. 2 Jahre. Die Bilder sind, meiner Meinung nach, auch beeindruckend geworden. (Anmerkung des Rezensenten: Volle Zustimmung!)
„Schachlich“ gesehen kann man für die Anfänger wenig neues erfinden. Wir haben versucht, die Anzahl der Übungen zu erhöhen: teilweise durch das Aufteilen der Diagramme in 2 bzw. 4 Aufgaben, teilweise durch mehr Aufgaben-Seiten und einige Spass-Übungen, wie Kreuzworträtsel, Labyrinthe und „Malen nach Zahlen“. So kommen wir mit mehr als 300 Aufgaben auf das Doppelte vom „Brackeler Bauerndiplom“. Mein Vater hat hier auch massgeblich mitgearbeitet und viele Aufgaben, ähnlich denen aus dem Brackeler Heft, entwickelt. Einige wurden von meinen früheren Übungsblättern übernommen.
Die Struktur ist ähnlich geblieben, nur fangen wir nach der „Lellinger-Lehre“ mit der schwierigsten und interessantesten Figur, dem Springer an und fassen die Bauern-Themen Gangart, Umwandlung, En passant nacheinander zusammen. Wie schon beim Brackeler Lehrgang, gibt es einen Testbogen und eine Urkunde. Am Ende haben wir extra eine leere Heftseite für die Kinder, die ein Schachmotiv malen möchten, reserviert.

GM: Der vorliegende Anfängerlehrgang soll zum “Bauerndiplom” führen. Den Begriff kennt man aus der Dortmunder Schachschule. Gibt es da eine Verbindung. Wollen Sie den Namen beibehalten und das Risiko einer Verwechslung eingehen?

AF: Ich nutze selbst oft den Brackeler Lehrgang und finde den Begriff sehr ansprechend. Ich wollte bewusst nichts anderes nehmen und habe sogar versucht herauszufinden, ob der Name geschützt ist. Es sieht aber nicht so aus und es gibt  durchaus weitere genau so genannte Lehrgänge, auch vom DSB.
Da es für Anfänger immer die gleichen Themen und Ziele sind, nämlich, die Grundregeln zu erlernen, sehe ich sogar einen Vorteil darin, dass die Hefte so heissen. Man erkennt schnell, wofür sie sind und jeder Schachlehrer kann problemlos sofort loslegen. Der Begriff sollte für die Schach-Kinder allgemein geltend gemacht werden, wie z. B. das Seepferdchen-Abzeichen fürs Schwimmen.
Anmerkung des Rezensenten: Eine sehr gute Idee! Dieser Gedanke sollte unbedingt weiter verfolgt werden. Damit können sich die „Figurendiplome“ als vergleichbare Leistungs-nachweise sozusagen für die Vor-DWZ-Stufe etablieren.

GF: Wie geht es nach dem Anfängerlehrgang weiter? Ich könnte mir in ähnlich ansprechender Gestaltung auch Arbeitshefte zu anderen Themen vorstellen. Die Kids brauchen das ja, um weiter voran zu kommen.

AF: Es gibt natürlich Pläne für die Fortsetzung. Vor allem möchte ich noch in dieser Form die elementaren Taktik-Motive darstellen. (Anmerkung des Rezensenten: Die Fortführung mit einem Arbeitsheft der wichtigsten Taktik-Motive ist folgerichtig. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann bitte auch ein Heft für die auf diesem Spielniveau wichtigen Endspielthemen.)
Spätestens dann hoffe ich etwas gemacht zu haben, um die Interesse der Kinder von den Tablets, Spielkonsolen, Fernseher und Handys für die kurze Zeit abzuwenden und sie in unsere sonst schwarz-weisse und meist statische Schachwelt zu locken.♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das
Interview mit dem Schach-Autor Jonathan Carlstedt („Die kleine Schachschule“)

… sowie zum Thema Schach-Training über
Cyrus Lakdawala: Winning Ugly Chess

Manfred Herbold: Der Schachtherapeut 2 (Reloaded)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Lehrreich-vergnügliches Schachlesebuch

von Thomas Binder

„Ob Kreisliga oder Weltspitze – einen Schachtherapeuten braucht jeder“ – so ähnlich steht es im Vorwort des neuen Buches „Der Schachtherapeut 2“ von Manfred Herbold. Da ist es gut, dass der umtriebige Schachspieler, -autor und -trainer Manfred Herbold seit Jahren unter dem Label „Schachtherapeut“ zumindest in der schachlichen Internet-Community (aber sicher auch darüber hinaus) bekannt ist. Seine Fans – oder sollten wir sagen: „seine Patienten“? – mussten ganze acht Jahre auf das zweite gedruckte Werk aus seiner Feder warten.

Manfred Herbold - Der Schachtherapeut Band 2 (Reloaded) - EigenverlagNun liegt mit „Der Schachtherapeut 2 – Reloaded“ ein Band vor uns, der an Inhalt und Aufmachung die harmonische Fortsetzung des ersten Bandes dieser Reihe ist. Der Umfang ist gegenüber jenem um ca. 50 Seiten angewachsen. Zwei weitere Bände sind angekündigt, und die Wartezeit soll diesmal deutlich kürzer ausfallen.

Sprachliche Qualität und vergnügliche Inhalte

Den grössten Teil des Buches nehmen 20 Kapitel ein, in denen Herbold uns ausnahmslos unterhaltsame und lehrreiche Partien bzw. Partiefragmente präsentiert – mehr oder weniger dicht in launige Texte eingebettet. Vieles wird dabei stilecht in Parodien auf psychotherapeutische Sitzungen verpackt. Dabei begegnen wir Herbolds treuestem Patienten wieder, der auch acht Jahre nach Band 1 offenbar noch nicht austherapiert ist. Dieser Herr Lobrehd erweist sich auf den zweiten Blick als ein Anagramm auf Herbolds eigenen Namen – schöner Beleg für den augenzwinkernd souveränen Umgang des Autors mit der deutschen Sprache. Gerade diese Leichtigkeit macht seine Texte abseits des schachlichen Inhalts zu einem Lesevergnügen, wie man es selten in der Schachliteratur erlebt.
Ein weiteres erfreuliches Wiedersehen gibt es mit den drei „Halls“: Der Hall of Fame (echte Glanzpartien), der Hall of Shame (lehrreiche Fehler, in der Regel vom Verursacher selbst zur Veröffentlichung vorgeschlagen) und der Hall of Luck, in welcher glückliche Fügungen zu einer sehenswerten oder kuriosen Partie geführt haben.
Viele Partien stammen aus unteren Spielklassen oder offenen Turnieren, so bilden sie auch für den erfahrenen Leser neue Entdeckungen. Natürlich hat auch bekanntes Material seinen Platz, wie Mitrofanovs Ablenkung oder die berühmte Studie der Gebrüder Sarychev.

Zahlreiche internationale Gastbeiträge

Manfred Herbold (* 1966)
Manfred Herbold (Geb. 1966)

Das alles ist weit davon entfernt, in die Kategorie „Klamauk“ abzugleiten. Es bleibt immer köstliche, aber ernst gemeinte Unterhaltung. Im Gegensatz zum ersten Band gibt es sogar einige Abschnitte, die man nahezu unverändert in ein klassisches Lehrbuch übernehmen könnte, etwa dort, wo es um gute und schlechte Leichtfiguren geht.
Etwa 40 Seiten sind Gastbeiträgen von Autoren gewidmet, die mit Herbold auf annähernd gleicher Wellenlänge surfen. Soweit erkennbar handelt es sich dabei um bereits veröffentlichte Beiträge von deren jeweiligen Webseiten. Zu diesen Gastautoren gehören „Schachimedes“ Martin Stichlberger aus Wien, „Glarean“ Walter Eigenmann aus der Schweiz, „Schachneurotiker“ Karl Gross, Franz Jittenmaier von chess-international hier (vertreten mit seinem Ruhrpott-Original „Peule“) und Hans-Peter Kraus, dessen Lehrbuch über Fesselungen im Schach eigentlich schon lange eine vollständige Veröffentlichung in Buchform verdient hätte. Weitere Co-Autoren, deren Namen dem Kundigen höchsten Lesegenuss versprechen, sind Gerhard Wetzel, Hermann Krieger, Ulrich Höfer, Rainer Schlenker und Hartmut Metz. Wo hat es eine solche Anthologie deutschsprachiger Schachpublizisten schon einmal gegeben? Wäre das vielleicht sogar ein Ansatz für ein eigenständiges Projekt?

Ideale Ergänzung durch den Cartoonisten Frank Stiefel

Manfred Herbold - Der Schachtherapeut Band 2 (Reloaded) - Cartoons von Frank Stiefel
Cartoon: Frank Stiefel

Neben den Gastautoren ist auf eine Person unbedingt zu verweisen, die einen unschätzbaren Beitrag zum Gelingen dieses Buches geleistet hat: Die meist grossflächigen Illustrationen von Frank Stiefel ergänzen den Text ideal, können aber auch eigenständig als Schach-Cartoons bestehen.
Der Vollständigkeit halber sei noch auf den kurzen 3. Teil verwiesen, der mit „Extras“ überschrieben ist. Mit wenigen Ausnahmen hätte man diese Beiträge auch im Hauptteil unterbringen können, so dass sich der Sinn des eigenständigen Abschnitts nicht ganz erschliesst.

Nach langer Wartezeit legt "Schachtherapeut" Manfred Herbold sein zweites Buch vor. Er schafft es erneut, den Leser mit köstlich geschriebenen und zudem lehrreichen Geschichten zu fesseln - ein Schach-Lesebuch erster Güte!
Nach langer Wartezeit legt „Schachtherapeut“ Manfred Herbold sein zweites Buch vor. Er schafft es erneut, den Leser mit köstlich geschriebenen und zudem lehrreichen Geschichten zu fesseln – ein Schach-Lesebuch erster Güte!

Der Rezensent hat wenig Kritikpunkte gefunden. Bei einem Werk, dessen Autor die gesamte Produktion in die eigenen Hände genommen hat, ist es geradezu unvermeidlich, dass der eine oder andere Schreibfehler trotz intensiver Korrekturlesung unentdeckt bleibt. Das kann man gut bei einer Neuauflage ausmerzen. Ansonsten sind Layout und handwerkliche Gestaltung absolut professionell gelungen.
Eine Unsitte ist es in meinen Augen, dass Herbold einige Diagramme „kopfstehend“ präsentiert. Natürlich soll sich der Patient – sorry, der Leser – hier mit dem Schwarzspieler identifizieren. Bei Stellungen kurz nach Ende der Eröffnung ist das auch leicht möglich, im Endspiel mit wenigen Figuren und weniger vertrauten Strukturen stiftet dies aber unnötige Verwirrung. ♦

Manfred Herbold: Der Schachtherapeut – Band 2: Reloaded, 220 Seiten, Selbstverlag

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Palmer G. Keeney: Das verrückte Schachproblem

Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Perfektes Anfänger-Lehrbuch

von Thomas Binder

Kinderschach boomt auf allen Ebenen – und der zugehörige Büchermarkt boomt mit! Es kann kein Zufall sein, dass in letzter Zeit immer wieder Anfänger-Lehrbücher in den Fokus gelangen, die sich gezielt an die jüngste Generation wenden. Merkwürdigerweise wird das im Untertitel fast immer mit der Perspektive „Profi“ verbunden. Auch im Falle des neuen Buches von Claire Summerscale: „Schach – So wirst du zum Profi“. Dabei kommt der „Profi“-Zusatz in der englischen Originalausgabe gar nicht vor. Ein Untertitel wie „Auf dem Weg zum ersten Schachturnier“ erschiene mir passender, aber wäre vielleicht nicht so werbewirksam…

Erfahrene Schach-Trainerin als Autorin

Claire Summerscale - Schach – So wirst du zum Profi - DK-VerlagDie Autorin Claire Summerscale ist eine britische Meisterspielerin mit umfassenden Erfahrungen als Trainerin. Gestützt auf diese Kompetenzen legt sie ein beispielhaft gutes Kinderlehrbuch vor!
Das Besondere an Summerscales Werk ist, dass sie mit wenig Text auskommt und dennoch auf seriöse Weise das erforderliche Schach-Grundwissen vermittelt. Das Buch ist perfekt auf die angedachte Zielgruppe ausgelegt, die der Verlag mit „ab 8 Jahren“ beschreibt und die ich mit einer oberen Altersgrenze bei 11 bis maximal 12 Jahren schliessen würde.
Summerscale arbeitet mit grossflächigen Grafiken im 3-D-Look. Parallel dazu werden aber auch „richtige“ Schach-Diagramme präsentiert, so dass sich die Kids später in weiteren Schachbüchern gut zurecht finden werden. Einziger Kritikpunkt zu den Abbildungen ist, dass die schwarzen Figuren auf schwarzen Feldern manchmal etwas schwer erkennbar sind, wenn auch auf dem Feld dahinter eine schwarze Figur steht.

Von den Grundregeln bis zur Morphy-Partie

Probeseite aus Claire Summerscale - Schach – So wirst du zum Profi
Probeseite aus Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Die Trainerin beginnt „from scratch“ mit den Grundregeln (Schachbrett, Figuren, Zugregeln bis Rochade und en Passant, Schach und Matt). In einem weiteren Kapitel folgen ausgewogen dargestellte Grundlektionen (Wert der Figuren, Abtausch, Entwicklung, einfache Matts, Remisregeln). Den grössten Raum nimmt das Kapitel „Taktik“ ein. Hier werden die Kids an einfachen und dennoch sehr instruktiven Beispielen mit taktischen Grundbegriffen vertraut gemacht: Gabel, Fesselung, Spiess, Abzugsangriff, Opfer, Entfernen des Verteidigers, Türme auf der 7. Reihe usw. Auch einige attraktive Mattbilder lernen wir kennen, darunter das erstickte Matt, das Grundreihenmatt und das „Matt der Anastasia“. Daran dürften die Kinder ihre reine Freude haben. In allen Kapiteln wird der junge Leser schon mit einfachen – dem gerade erreichten Wissensstand angemessenen – Aufgaben herausgefordert. Die Lösungen findet man im Anhang.
Abgerundet wird das Werk durch die berühmte Partie von Paul Morphy in der Pariser Oper 1858. Diese Kurzpartie wird auf 4 Seiten mit grossflächigen Diagrammen vorgestellt. Ich behaupte, wer die vorherigen 63 Seiten aufmerksam gelesen hat, wird sie verstehen und geniessen können.

Schachpädagogisch hervorragend abgestimmt

Claire Summerscale legt mit "Schach - So wirst du zum Profi" ein perfekt auf die Zielgruppe (Kinder ohne Schach-Vorkenntnisse bis etwa 11 Jahre) abgestimmtes Anfängerlehrbuch vor. Für Eltern, deren Kids das Schachspiel selbständig erlernen wollen, eine absolute Kaufempfehlung!
Claire Summerscale legt mit „Schach – So wirst du zum Profi“ ein perfekt auf die Zielgruppe (Kinder ohne Schach-Vorkenntnisse bis etwa 11 Jahre) abgestimmtes Anfängerlehrbuch vor. Für Eltern, deren Kids das Schachspiel selbständig erlernen wollen, eine absolute Kaufempfehlung!

Der bis dahin vorgestellte Kanon ist aus der Sicht eines erfahrenen Trainers perfekt auf das Kinder-Anfänger-Training abgestimmt. Das kann man nach Auswahl und Präsentation nicht viel besser machen. Dennoch bleibt ein Wunsch offen. Dem Schach-Endspiel widmet Claire Summerscale nicht die gebührende Beachtung. Es kommen nur die Mattsetzungen mit zwei Türmen (Treppenmatt) und mit der Dame (Patt-Vermeidung) vor. Zum Anspruch des Buches würde es gut passen, hier noch ein klein wenig weiter zu gehen. Spontan fällt mir das Matt mit einem Turm ein. Auch die grundlegenden Kenntnisse zur erfolgreichen Bauernumwandlung kann und sollte man auf diesem Niveau schon vermitteln. Ich denke an die Schlüsselfelder vor einem Bauern, einfachste Ansätze der Oppositionslehre und z.B. die Quadratregel. Das lässt sich im Stile dieses Buches alles hervorragend darstellen und würde vielleicht 6 zusätzliche Seiten erfordern. Diese sollte man bei einer Neuauflage durchaus investieren, denn der Lernende wird schon bei seinem ersten Turnier mit solchen Herausforderungen konfrontiert sein.
Sei’s drum: Die wissbegierigen Schach-Kids werden dieses Buch an einem einzigen Tag verschlingen und dabei wirklich viel lernen. Sie sind dann vielleicht noch keine Profis, aber dem selbstbewussten Start bei einem Kinder-Schachturnier steht nichts im Wege. ♦

Claire Summerscale: Schach – so wirst du zum Profi, Dorling Kinderslev Verlag, 72 Seiten, ISBN 978-3831033454

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