Capella Antiqua Bambergensis: Heinrich (CD)

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Kaiser, König, Spielmannsleut

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das Jahr 919 ist für die Geschichte jenes europäischen Landstriches, den wir heute (unter anderem) Deutschland nennen, in der Tat ein wichtiges. Der Liudolfingerfürst Heinrich, bekannt als der Vogler (wobei dieses Agnomen wohl weniger das ornithologische denn vielmehr das Interesse des Sachsenfürsten am anderen Geschlecht näher beschreibt), wird in der Königspfalz zu Fritzlar zum ersten deutschen König erhoben und begründet damit jenes Herrschergeschlecht, das nach der Krönung seines Sohnes Otto I. zum Kaiser als „Ottonen“ bekannt ist. Grund genug für die renommierte Capella Antiqua Bambergensis, gemeinsam mit Schauspieler Udo Schenk eine CD mit dem Titel „Heinrich: König und Kaiser – Herrscher und Heiliger“ herauszubringen. Mit einer Mischung aus Musik des Mittelalters und einem literarischen Anteil soll Heinrich – so legt es zumindest der Titel nahe – in seiner Welt sichtbar gemacht werden.

Mehr als Heinrich

Heinrich - König und Herrscher - Audio-CD-Capella Antiqua Bambergensis - Rezension Glarean MagazinTatsächlich handelt es sich bei dieser CD aber nicht um eine musikalisch-literarische Biographie Heinrichs, sondern um einen Parforceritt durch die Ära Ottonen. Der 919 gekrönte Heinrich spielt hier letztlich gar keine so entscheidende Rolle. Aber das macht in der Gesamtschau auch nichts, ist dies doch nicht das einzige Element, das bei dieser Produktion nicht so recht stimmig ist. Da wäre zum einen der literarische Anteil der Produktion. Weil sich im Jahre 2019 nicht nur Heinrichs Thronjubiläum jährt, sondern auch der 1000. Todestag des Merseburger Bischofs Thietmar, schlüpft Mime Schenk in die Rolle jenes Bischofs, der vor allem dadurch bekannt ist, dass er mit seiner acht Bände zählenden „Chronicon sive Gesta Saxonum“ (Chronik oder Geschichte der Sachsen) aus den Jahren 1012-1015 eine der wichtigsten Quellen zum ottonischen Zeitalter hinterlassen hat. Ob die Erzählerfiktion aber wirklich nötig gewesen wäre? Bisweilen – besonders zu Beginn der CD – irritiert sie eher, wenn Thietmar von „seiner“ Capella Antiqua spricht, in der Rückschau (quasi von einer Wolke aus) architektonische Vorteile der zu Lebzeiten von ihm nicht mehr erfahrenen Gotik reflektiert oder ganz im anglizismenreichen Duktus der Gegenwart in Punkto des Liebeslebens der Kaiserpaare raunend von seinen „Insiderquellen“ spricht. Mit der Zeit gewöhnt sich der Hörer jedoch daran. Leider – und das führt dazu, das die CD sich gegen Ende hin länger anfühlt, als sie mit einer Spielzeit von knapp 75 Minuten ist – neigt Udo Schenks Rezitation nicht selten zu einem zu andachtsvoll-huldigenden Ton, der den Hörer nach einiger Zeit nach etwas facettenreicherer Modulation, nach kerniger Akzentuierung, nach einem saftigeren Sprachfluss lechzen lässt.

Ottonische Frauen

Heinrich und Kunigunde - Tafelbild 17. Jahrhundert - Heiligenbild - Glarean Magazin
Heinrich II. und seine Kunigunde (Heiligen-Tafelbild aus dem 17. Jahrhundert)

Sieht man von dergleichen ab und konzentriert sich stattdessen auf den Inhalt des Vorgetragenen, so ist doch zu konstatieren, dass der Hörer dieser Produktion tatsächlich einen knappen, gleichwohl aber interessanten Einstieg in die Welt der Ottonen mitnehmen kann. Sicher, ob der vom Medium vorgegebenen Notwendigkeit zur Verkürzung der hochkomplexen Sachverhalte, erfährt im Grunde kaum etwas über die politischen Geschehnisse der Epoche. Und doch gibt es einen Umstand, der den Hörer dazu verführt, sich mit den Ottonen zu beschäftigen, einen Umstand, der in der deutschen und mittelalterlichen Geschichte überhaupt als geradezu einzigartig heraussticht: das eigentlich Interessante an den zwei Heinrichs und den drei Ottos sind ihre Frauen. Mit einer geradezu erfreulichen Beharrlichkeit kommt das von Thomas Spindler verfasste Skript immer wieder auf die beiden Mathilden, auf Adelheid, auf Theophanu und auf Kunigunde von Luxemburg zu sprechen und deutet nachdrücklich an, welchen ungeheuren Einfluss die Königinnen bzw. Kaiserinnen auf ihre Männer und damit auf die Geschicke des Reiches hatten. Exemplarisch hierfür steht gegen Ende der Produktion Thomas Spindlers Bewertung der Kaiserin Kunigunde, die mit ihrem Gemahl Heinrich II. kinderlos blieb und somit gemeinsam mit ihm die Dynastie der Ottonen beschloss: „Ohne Kunigunde wäre Heinrich II. nicht das geworden, wofür wir ihn heute bewundern.“

Schmückendes Beiwerk auf höchstem Niveau

Capella Antiqua Bambergensis (neu) - Glarean Magazin
Capella Antiqua Bambergensis

Die auf dieser CD versammelte Musik wird von der Capella Antiqua Bambergensis gestaltet. Hinzu treten singend und die verschiedensten Instrumente spielend Jule Bauer, David Mayoral, Murat Coşkun und Benjamin Dressler. Alle Musikerinnen und Musiker sind seit vielen Jahren Meister ihres jeweiligen Faches, nicht nur künstlerisch und technisch, sondern auch musikphilologisch. Insofern ist es nicht wirklich verwunderlich, dass man es hier mit musikalisch hochklassigen Nachempfindungen zu tun hat, die nur selten – beispielsweise im am Hof Alfons X. von Kastilien entstandenen „Cantigas ‚Par Deus‘“ – Gefahr laufen, aufgrund eines überdrehten Gestus in jenen Bereich abzurutschen, dem ein wenig ein Geschmäckle von Mittelalterpop anhaftet.

FAZIT: Nicht alle Ingredienzen des neuen CD-Projektes von Capella Antiqua Bambergensis werden dessen Motiv „Heinrich II.“ wirklich stimmig gerecht. Die Auswahl der Musik-Stücke hätte man sich stilistisch zeitnaher an der Ottonen-Ära orientiert vorstellen können, und der Rezitationsstil von Sprecher Udo Schenk – der Schauspieler schlüpft in die Rolle des Merseburger Bischofs Thietmar – neigt zuweilen zu einem nicht immer angebrachten andachts- und salbungsvollen Ton. Insgesamt aber eine interessante Produktion, die einen abwechslungsreichen Parforce-Ritt durch die ganze so historisch wichtige Ära der Ottonen darstellt. Erhellende Booklet-Texte runden die CD informativ ab.

Auf der anderen Seite: Wer will – zugegeben – auch sagen, wie von 1000 Jahren tatsächlich aufgespielt wurde? Das mag schon irgendwie so geklungen haben. Schön gelingen das Instrumentalstück „Parlamento“, das omnipräsente „Palästinalied“ Walthers, das „Je nuns hons pris“ aus der Feder von Richard Löwenherz und das „A Chantar“ der Trobairitz Beatriz de Dia. Schaut man sich nun aber Liste der genannten Stücke und darüber hinaus noch die restlichen dieser CD an, so offenbart sich unmittelbar die Schwäche dieser Auswahl, denn keine der vorgestellten Kompositionen stammt aus der Zeit der Ottonen. Der Fachfrau und dem Fachmann mag dies ganz natürlich erscheinen, gibt es – nimmt man den gregorianischen Choral einmal aus – doch kaum Quellen zur Musik des früheren Mittelalters, schon gar nicht zu Volkslied, Tanz und Spielmannsmusik.

Erhellende Booklet-Texte

Dem Laien, der mittels dieser CD die Welt des musikalischen Mittelalters betritt, dürfte dies allerdings nicht zwingend bekannt sein, sodass sich hier schnell voreilige Vorstellungen von dem, was dereinst bei Mummenschanz und Kurtzweyl von fahrendem Volk und Marketenderin über den Marktplatz schallte, einschleichen können. Letztlich – und das muss man bei aller Freude, die die Darbietungen letztlich machen, geradeheraus sagen – steuern die vorgestellten Werke nichts zum eigentlichen Gehalt der Produktion bei, sondern übernehmen die etwas schale Rolle des schmückenden Beiwerks.
Insgesamt erfreulich ist das Booklet, das einen knackigen Text zur Epoche der Ottonen und einen zur Geburt der Mehrstimmigkeit von Wolfgang Spindler, der 1983 die Capella Antiqua Bambergensis gegründet hat. Dass jedoch die Texte zu den einzelnen Musikstücken nicht den Weg ins Booklet gefunden haben, ist bedauerlich. ♦

Capella Antiqua Bambergensis: Heinrich -König und Kaiser, Herrscher und Heiliger; Faszinierende Herrschergeschichten des Mittelalters; Udo Schenk (Sprecher), Audio-CD, CAB Records

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Heinrich Laufenberg: Kingdom of Heaven (CD)

J. Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

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Besichtigung eines Lebens

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Mit Gioachino Rossini verbindet sicher jeder Freund klassischer Musik etwas – sei es nun die berühmte Ouvertüre zu seiner Oper „Wilhelm Tell“, die Arie des Figaro aus dem „Barbier von Sevilla“ oder irgendeine andere jener sanglichen Melodien, die dem 1792 geborenen Komponisten so intensiv aus der Feder flossen, dass sie problemlos für das Oeuvre einer ganzen Schar von Tonsetzern gereicht hätten.
Ebenso wahrscheinlich ist es, dass fast ein jeder, der den Namen Rossini hört, auch ein bestimmtes Gesicht mit diesem Namen verbindet, sei es nun das berühmte Portrait aus den 1820er Jahren, das der Scuola pittorica italiana entstammt, die Fotografie von Étienne Carjat oder jene augenzwinkernde Karikatur, die den „Schwan von Pesaro“ bei der Zubereitung eines grossen Topfes Pasta am heimischen Herd zeigt

Komponist zwischen Opern und Nudeln?

Joachim Campe: Rossini - Die hellen und die dunklen Jahre, Biographie, Theiss Verlag
Joachim Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre, Biographie, Theiss Verlag

Beides – Musik und Optik – haben sich nun im kollektiven Unbewussten zu einem ganz bestimmten Rossini-Bild amalgamiert, das auch immer wieder gerne bedient wird: Rossini – als Mensch ein freundlicher, den leiblichen Genüssen zugewandter und darum leicht adipöser Typ, als Komponist ein Meister der Melodie, der Heiterkeit, der Buffa. Und so kann man auch, ohne dass es in irgendeiner Form geschmacklos schiene, CDs wie „Pasta classics – Kochen mit Rossini“; „Rossini – Eine kulinarisch-musikalische Biographie“; oder auch „Rossini – Bonvivant und Gourmet – mit 45 Rezepten“ kaufen. Mit Bach wäre in dieser Sache kein Staat zu machen. Aber Rossini, der Italiener, das Kind der Sonne, der zwischen Nudeln und Chianti eben flott schmissige Opern auf das belsamicobefleckte Notenpapier bringen konnte, der eignet sich…

Schlimm ist, dass man eigentlich wenig Gelegenheit hat, dieses Bild zu überprüfen, zu differenzieren, ja: zu relativieren. Klar, auf dem Markt gibt es Volker Schierless’ kleine Rowohlt-Monographie von 1991. Richard Osbornes „Rossini – Leben und Werk“ ist schon seit längerem vergriffen. Arnold Jacobshagens verdienstvolles Buch „Gioachino Rossini und seine Zeit“ aus der Laaber-Reihe „Grosse Komponisten und ihre Zeit“, 2015 erschienen, ist für den ersten Zugriff vielleicht etwas zu wuchtig. Da kommt Joachim Campes gut 200 Seiten starke, beim Konrad Theiss Verlag erschienene Biographie „Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre“ dem Leser, der einigermassen zügig sein Rossini-Bild zurechtrücken möchte, gerade recht.

Zeitgenosse einer bewegten Epoche

Rossinis Ehefrau und Muse: Die spanische Opernsängerin und Komponistin Isabella Colbran (1785-1845)
Rossinis Ehefrau und Muse: Die spanische Opernsängerin und Komponistin Isabella Colbran (1785-1845)

Schon der Titel suggeriert, dass Rossinis Leben ganz offensichtlich nicht ununterbrochen von italienischem Sonnenschein durchflutet war. Tatsächlich gab es da – das sei gar nicht abgestritten – eine Menge Licht. In flüssig erzählendem Stil berichtet Campe von der Kindheit als Wunderkind, von den Erfolgen, aber auch den zahlreichen Misserfolgen, die Rossini – so wollen es dem Leser die entsprechend vorgebrachten Quellen zumindest nahelegen – mit einer gewissen positiven Grundstimmung, mit Humor und einem guten Schuss Selbstironie hinnahm. Man erfährt von der besonderen Beziehung Rossinis zu seinen Eltern, die stets positiv war, bis es zu seiner Hochzeit mit der Sängerin Isabella Colbran kam, die einen Schatten auf das an sich gute Verhältnis warf. Daneben ordnet Campe die historische Figur Rossini, den Zeitgenossen einer der bewegtesten Epochen der europäischen Geschichte trefflich in die Historie ein, was wiederum eine ganz besonders treffliche Leistung darstellt, ist Rossini doch selbst kaum je einmal als „Homo politicus“ aufgetreten. Tatsächlich äusserte er sich in Briefen und aufgezeichneten Gesprächen nur selten politisch, lediglich manch eine seiner Opern kann sich einer politischen Deutung nicht vollständig verschliessen.

Unruhige Persönlichkeit voller Widersprüche

...und der junge Rossini, 1822 gemalt von Friedrich Lieder
Der junge Rossini, 1822 gemalt von Friedrich Lieder

Als Folge seines Ansinnens, ein möglichst differenziertes, aber nicht ausuferndes Bild des Komponisten zu entwerfen, nimmt Campe den Leser seiner kleinen, aber doch substanziellen Biographie an die Hand und besichtigt mit ihm schlaglichtartig viele Orte in Rossinis Leben. Und viele Orte zu vielen Zeiten waren wie gesagt glanzvoll: Neapel, Paris, London und Wien begrüssten, beherbergten und feierten den grossen Komponisten – man möchte sagen: gebührend. Sicher gab es da Alltagskonflikte, eine kriselnde Ehe, Probleme mit Profilneurotikern, (opern-)politisches Ränkespiel. Aber es gab eben auch Glanz, Ruhm und sehr viel Geld, besonders in Paris.

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Doch da finden sich auch besonders dunkle Orte in der Biographie Rossinis, Orte von denen man vielleicht nicht so gerne spricht, die Campe dem Leser aber nicht vorenthält. Einer dieser Orte ist der offenkundig sehr starke Sexus Rossinis, den er mit grosser Begeisterung in Bordellen auslebte, wo er sich in Folge einer Gonorrhoe eine Urethritis, also eine üble Harnröhrenentzündung zuzog, die ihm das Leben schwer machte, und die in Paris – nicht ohne Risiko – operiert werden musste. Ein anderer der dunklen Orte, an dem sich Rossini im Laufe seines Lebens immer wieder und mit zunehmender Intensität aufhalten sollte, war die schwarze Welt der Depression. Mit nüchternem Blick zeigt Campe, wie Rossini nach 1823 immer wieder in höchst niedergeschlagene Stimmungen verfiel, schliesslich wohl auch aufgrund dieser Erkrankung aufhörte, Opern zu komponieren und sich phasenweise komplett isolierte. Gerade in den letzten Jahren scheint – so zeigt es Campe – Rossini eine eher unruhige Persönlichkeit gewesen zu sein, von Schlaflosigkeit und Schmerzen geplagt, überhaupt anfällig für alle möglichen Erkrankungen, bisweilen auch für Kränkungen, immer wieder den Wohnsitz wechselnd, sich mit Todesängsten herumquälend.

Differenzierte Beschreibung jenseits aller Hagiographie

Das Bild vom heiteren Rossini ist, das macht die Lektüre von Campes Buch sehr differenziert deutlich, also ein höchst eindimensionales. Das Schöne ist letztlich, dass der Autor keine Hagiographie schrieb, sondern Rossini als Menschen aus Fleisch und Blut präsentiert, mit allen Stärken und Schwächen, die damit einhergehen.

Fazit: Die neue Biographie von J. Campe: Rossini zeigt differenziert auf, dass das Bild vom heiteren Rossini ein höchst eindimensionales ist. Hier wird vielmehr Rossini als Mensch aus Fleisch und Blut präsentiert – also keine Hagiographie, sondern die Darstellung eines Musik-Genies mit allen Stärken und Schwächen. Ein Buch, dessen Lektüre Freude macht.

Es spricht eine Menge Zuneigung zu seinem Gegenstand aus Campes Zeilen, die man aufgrund des höchst angenehmen Konversationstones ausgesprochen gerne liest. Einziges Manko des Buches mögen des Autors streckenweise zu intensiv aneinandergereihten Nacherzählungen der Opernhandlungen im Verbund mit angerissenen Deutungshinweisen zu den Werken sein. Nicht nur, dass das so wirkt, als wolle der Autor hier ein wenig zu deutlich auf seine Gelehrsamkeit hinweisen. Es fehlt manch einem Deutungsansatz auch an Stimmigkeit, weil das Format des kleinen Werkes den Raum für tiefschürfende Werkbetrachtungen und ausgefeilte Argumentationen letztlich nicht hergibt. Nicht selten langen die interpretatorischen Fingerzeige Campes ins Leere oder setzten beim Leser einer solchen knappen Schrift zu viele Kenntnisse der Materie selbst voraus. Hier wäre eine klarere Abgrenzung wünschenswert gewesen.
Insgesamt jedoch ein Buch, dessen Lektüre Freude macht. ♦

Joachim Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre, Biographie, 222 Seiten, Konrad Theiss Verlag (WBG), ISBN 978-3-8062-3671-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musiker-Biographien auch die neuen
Musiker-Anekdoten (2)

… sowie aus der Reihe „Musik-Zitat der Woche“ von
Urs Frauchiger: Über das Konzert-Publikum

Erik Chisholm: Violinkonzert & Dance Suite (CD)

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Legendenhafte Stimmung trifft manische Vehemenz

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Seit jeher haben es Komponisten Albions schwer auf „dem Kontinent“. Schon Elgar wird auf deutschen Podien – sieht man von den „Enigma-Variationen“, dem „Cellokonzert“ und dem Marsch „Pomp and Circumstance Nr. 1“ einmal ab – nicht eben häufig gespielt. Ralph Vaughan Williams‘ ergeht es noch schlechter, und von Holst, Bridge, Walton, Scott, Moeran, Alwyn, Brian, Arnold, Howells und vielen, vielen anderen muss man an dieser Stelle schweigen. Noch unbekannter sind die meisten schottischen Komponisten – Komponisten, für deren Werk sich seit vielen Jahren der britische Dirigent Marytn Brabbins einsetzt.

Erik Chisholm: Violinkonzert / Dance Suite for Orchestra and Piano / Preludes from The True Edge of the Great World, Matthew Trusler (Violine), Danny Driver (Klavier), BBC Scottish Symphony Orchestra, Martyn Brabbins, Audio-CD, 63 Minuten, Hyperion CD-LabelEiner jener grossen Unbekannten ist Erik Chisholm. Auf einer jüngst bei dem britischen Label Hyperion erschienenen CD präsentieren Brabbins und das BBC Scottisch Symphony Orchestra nun verschiedene Orchesterwerke des aus Glasgow stammenden Komponisten und Dirigenten. Es sind keine Werke, die in irgendeiner Form einen romantisierenden Schottland-Topos bedienen würden. Nicht umsonst nennt John Purser (in seinem hervorragenden einleitenden Essay) ihn darum „Den Modernen aus Schottland“.
Denn ein Moderner war Chisholm durch und durch. Als Konzertveranstalter hat er Bartók und Hindemith nach Glasgow geholt, hier hat er auch immer wieder Werke von Florent Schmitt und Karol Szymanowski und Casella aufgeführt, und als Komponist entwickelte er – wie es Purser zurecht anmerkt – eine moderne „Tonsprache ohne Vorbild“ und hinterliess ein Werk, das ein „wahres Abenteuer in emotionaler und intellektueller Hinsicht“ ist.
Grosses Interesse zeigte Chisholm sein Leben lang an gälischer und – nach seinem kriegsbedingten Aufenthalt in Bombay – an der reichen Musik Indiens. Und diese beiden Interessensschwerpunkte fokussiert auch die vorliegende CD.

Pendeln zwischen Meditation und Ekstase

Martyn Brabbins - Glarean Magazin
Spezialist für die schottische Moderne: Dirigent Martyn Brabbins (Geb. 1959)

Das Violinkonzert aus dem Jahr 1950 bezieht sich im ersten und im dritten Satz auf zwei nordindische „Ragas“, dem Raga Vasantee und dem Raga Sohani. Aus beiden leitet Chisholm thematisches Material für seine Komposition ab. Gleich der Eingangssatz beinhaltet – gleichsam als Pars pro toto – die Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten Chisholms. Es handelt sich hier um eine formal weiterentwickelte Passacaglia, die inhaltlich – dem Raga Vasantee gemäss – um den Frühling kreist. Dieser Frühling ist allerdings nichts weniger als eine romantische Vision. Vielmehr pendelt er – daran an Strawinskys „Sacre“ erinnernd – kontinuierlich zwischen Meditation und vehementer Ekstase, zwischen Depression und Manie hin und her. Chisholms Musik setzt ungeheuer stark auf Rhythmik, hat einen wilden Zug nach vorn, steht emotional unter enormen Druck, entlädt sich gleichsam zyklisch und fällt schliesslich immer wieder zurück in Momente des Dunklen und Düsteren. Ob eben in der eröffnenden Passacaglia, dem sich anschliessenden „Allegro scherzando“, der „Aria in modo Sohani“ und in der abschliessenden „Fuga senza tema“: Der Hörer erlebt im Rahmen des gut halbstündigen Violinkonzertes einen unablässigen Rausch, der seinesgleichen durchaus sucht.

Komponist von Musik mit weitem emotionalem Spektrum: Erik Chisholm (1904-1965)
Komponist von Musik mit weitem emotionalem Spektrum: Erik Chisholm (1904-1965)

Sowohl der Orchestersatz als auch im Besonderen der Solo-Part stellen dabei höchste Ansprüche an die Ausführenden. Glänzend bestehen hier das BBC Scottish National Orchestra und Geiger Matthew Trusler. Obwohl seinem Ton etwas der Körper abzugehen scheint, so ist er der Virtuosität der Partie vollkommen gewachsen und erweist sich als hervorragender Gestalter dieser hochkomplexen Herausforderung. Tatsächlich eignet sich die etwas flache, kühle Brillanz seines Tones als ideal für die Durchleuchtung dieses Werkes.

Weites emotionales Spektrum

Die auf dieser Hyperion-CD enthaltenen Werke des schottischen Komponisten Erik Chisholm werden mustergültig wiedergegeben. Chisholms Musik, hierzulande vollkommen unbekannt, entpuppt sich als echter Hinhörer, als stilistisch vollkommen genuine Musik der Moderne, die es wert ist, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden.
Die auf dieser Hyperion-CD enthaltenen Werke des schottischen Komponisten Erik Chisholm werden mustergültig wiedergegeben. Chisholms Musik, hierzulande vollkommen unbekannt, entpuppt sich als echter Hinhörer, als stilistisch vollkommen genuine Musik der Moderne, die es wert ist, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden.

Ähnliches kann man zu der sich mit traditionellen gälischen Musikformen auseinandersetzenden „Dance Suite for orchestra and piano“ aus dem Jahr 1932 (man beachte die ungewöhnliche, aber vollkommen richtige Reihung) sagen. Auch in diesem Werk, das eben kein Klavierkonzert ist, obwohl das Klavier – durchweg hervorragend zwischen Analyse und Verzückung gespielt von Pianist Danny Driver – durchaus eine wichtige Rolle spielt, wird ein weites emotionales Spektrum aufgezogen. So findet sich als ein Pol der zarte, impressionistische Beginn des zweiten Satzes, der sich in Struktur, Melodik und Stil mit der „Pìobaireachd“, der grossen gälischen Variationsform beschäftigt. Auf der anderen findet sich die atemlose Vehemenz des Eingangssatzes „Allegro energico“ und das in einem rasanten Reel gipfelnde brachiale Gelärme des letzten Satzes, der dem Hörer nur so um die Ohren fliegt. Zwischen diesen beiden Werken platziert finden sich drei von Chisholm orchestrierte aus den ursprünglich für das Klavier komponierten Preludes „From the True Edge of the World“ aus dem Jahre 1943. Hier zeigt sich ein musikalisch gemässigterer Chisholm, der sich mit altem gälischen Liedern auseinandersetzt, die aus Amy Murryas Buch „Father Allan’s Island“ stammen.

In „Song oft he mavis“ zieht Chisholm alle Register seiner Orchestrationskunst, um ein idyllisch-impressionistisches Frühlingsbild mit nachgeahmtem Drosselruf zu gestalten. Im „Ossianic lay“ zaubern Brabbins und das schottische Spitzenorchester eine legendenhafte, ja magisch-mythische Stimmung (der Ossian beschäftigte Chisholm auch ausführlich in seiner zweiten Symphonie) und der abschliessende Reel entpuppt sich als bodenständiger, wuchtiger aber dennoch mit wunderbaren Drive gesegneter Tanzsatz. Diese zweite Produktion aus dem Hause Hyperion mit Musik Erik Chisholms ist ein echter Hinhörer und es bleibt zu hoffen, dass sich das Label dazu entschliessen wird, die begonnene und bislang höchst gelungene Werkschau in Zukunft noch etwas zu erweitern. ♦

Erik Chisholm: Violinkonzert / Dance Suite for Orchestra and Piano / Preludes from The True Edge of the Great World, Matthew Trusler (Violine), Danny Driver (Klavier), BBC Scottish Symphony Orchestra, Martyn Brabbins, Audio-CD, 63 Minuten, Hyperion CD-Label

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CD-Neuheiten: The Edge of Time & The Last Island

Alberto Curci: Violinkonzerte (CD)

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Virtuosität voller Italianità

von Wolfgang-Armin Rittmeier

„Ich, auch ich war in Arkadien!“ Diese berühmte Schlusszeile aus Johann Gottfried Herders Gedicht „Angedenken an Neapel“ aus dem Jahr 1789 mag als Motto über die Biographie des italienischen Violinisten und Komponisten Alberto Curci gesetzt werden. Curci, der heute praktisch vergessen ist, wurde im Jahr 1886 im Schatten des Vesuvs geboren, studierte bei Henrich Vieuxtemps und Joseph Joachim, spielte im auf vielen bedeutenden Podien Europas, bevor ihn der Ausbruch des Ersten Weltkrieges dauerhaft zurück nach Italien führte, wo er sich schliesslich auf Drängen des Komponisten Francesco Cilea hin am Konservatorium in Neapel niederliess, um dort 40 Jahre lang talentierte Jungviolinisten zu unterrichten.
Man muss sagen: eine glanzvolle Karriere, deren Impetus jedoch offensichtlich nicht genügte, um den Namen Curci dauerhaft im kollektiven Gedächtnis der europäischen Musikwelt zu verankern.

Sonne des Südens in jedem Ton

Alberto Curci: Violinkonzerte - Franco Gulli (Violine), Studio Orchestra, Franco Capuana, 72 Minuten, First Hand Records FHR CD-LabelUmso erfreulicher ist es, dass das Label FHR (First Hand Records) sich der bereits in den frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entstandenen Aufnahmen der drei Violinkonzerte und der „Suite italiana in stile antico op. 34“ angenommen hat, um sie nun in einem Remastering von Jonathan Mayer und David Murphy erstmals auf CD vorzulegen.
Und was für wunderbare Musik ist das! Es lachte die Sonne des Südens quasi aus jedem Ton. Sicher ist Curcis Tonsprache – wie Tully Potter in seinem höchst informativen Einführungstext schreibt – keine ausgesprochen genuine, aber das wird wettgemacht durch seinen melodischen Erfindungsreichtum und den sicher auf den solistischen und orchestralen Effekt ausgerichteten Satz Curcis. Sei es im ersten Konzert d-Moll op. 21, das nicht umsonst den Beinamen „Concerto romantico“ trägt, sei es im zweiten d-Moll (op. 30) oder im dritten g-moll (op. 33): Der geneigte Zuhörer kann seine Freude haben an dem ausgesprochen gut gemachten Pendeln zwischen Virtuosität voller Italianità und schmelzenden „melodie lunghe lunghe lunghe“, ohne dass das Ganze jemals versatzstückartig und damit uninteressant werden würde.

Die Sprache der führenden Spätromantiker

Alberto Curci (1886-1973)
Alberto Curci (1886-1973)

Man merkt: Auch wenn die Konzerte aus den Jahren 1944, 1962 und 1966 stammen, so hat man es keinesfalls mit „moderner“ Musik zu tun. Curci ist durch und durch Romantiker und seine Sprache ist diejenige Mendelssohns, Brahms‘ und – es ist kaum zu verhehlen – Edward Elgars, dessen grossformatiges Violinkonzert atmosphärisch bei der Komposition dieser Werke oft Pate gestanden haben dürfte. Vielleicht mag das auch dazu geführt haben, dass sein Oeuvre vollkommen aus den Konzertsälen verschwunden ist.

Ähnlich ist es ja auch anderen Spätestromantikern ergangen (man denke beispielsweise an den Schweden Kurt Atterberg). Die ebenfalls 1966 entstandene „Suite italiana in stile antico op. 34“ (im Grunde ein weiteres Konzerte für Violine) steht in einer Linie mit Komponisten wie Reger und Respighi, die ebenfalls Werke „im alten Stil“ schufen. Das ist zweifellos virtuose, historisierende Musik, bei der erneut die Violine im Zentrum des Geschehens steht, die aber an Ausdruckskraft etwas hinter den Werken der beiden genannten Komponisten und ganz besonders auch hinter den drei „offiziellen“ Violinkonzerten zurücksteht.

Alberto Curcis durch und durch romantischen Violinkonzerte sind klangschöne, melodieselige Kompositionen, voller Sentiment und Italianità. Die Wiedergabe durch den hervorragenden Geiger Franco Gulli lässt keinerlei Wünsche offen. Eine erfreuliche Wiederentdeckung durch das CD-Label First Hand Records FHR.
Alberto Curcis durch und durch romantischen Violinkonzerte sind klangschöne, melodieselige Kompositionen, voller Sentiment und Italianità. Die Wiedergabe durch den hervorragenden Geiger Franco Gulli lässt keinerlei Wünsche offen. Eine erfreuliche Wiederentdeckung durch das CD-Label First Hand Records FHR.

Doch gefällt die musikalische Darbietung insgesamt ausgesprochen gut. Das liegt insbesondere an dem wunderbaren Spiel des grossen italienischen Violinisten Franco Gulli, der den Werken alles entlockt, was da nur zu entlocken ist. Spielfreude, ein sich bisweilen zugegeben nahe am Kitsch bewegender Mut zum Sentiment, Virtuosität und ein weicher und dennoch stets leichter Ton sind die Kennzeichen seines Spieles in dieser Produktion. Begleitet wird er durch ein „Studio Orchestra“, zusammengesetzt aus hervorragenden mailändischen Musikern, das der bedeutende Operndirigent Franco Capuana sicher durch diese süffigen Partituren leitet. ♦

Alberto Curci: Violinkonzerte – Franco Gulli (Violine), Studio Orchestra, Franco Capuana, 72 Minuten, First Hand Records FHR CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Violinkonzert auch über
Bernhard Moosbauer: Vivaldi – Die vier Jahreszeiten
… sowie zum Thema Violine über

Komitas: Seven Songs (Klavier – CD)

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Aus dem wilden Kaukasus

von Wolfgang-Armin Rittmeier

„Die Musik von Komitas kommt“, – so Paul Griffeth in seinen Anmerkungen zu dem kürzlich bei ECM erschienenen Album „Komitas – Seven Songs“ – „was Raum und Zeit angeht, aus einer ungewöhnlichen Ecke der westlichen Musik: zum einen vom äussersten Rand dessen, was man westliches Gebiet nennen könnte – Armenien – und zum anderen auch aus den entferntesten Bereichen der romantischen Musiktradition des 19. Jahrhunderts.“ Tatsächlich haben es nur wenige Komponisten Armeniens bis ins Bewusstsein des europäischen Musikliebhabers geschafft – am ehesten vielleicht Alan Hovhaness, der (obschon Amerikaner) aus einer Familie armenisch-amerikanischen Ursprungs stammte und sich mit der Geschichte und Musiktradition seiner Vorfahren beispielsweise in seiner „Exile Symphony“ auseinandergesetzt hat.

Der armenischen Nationalmusik verbunden

Der Komponist, der ursprünglich Soghomon G. Soghomonian hiess und erst nach seiner Weihe zum Mönch gemäss der Tradition der armenisch-apostolischen Kirche als nun Neugeborener auf den Namen Komitas getauft wurde, war vielseitig begabt, wobei er sich speziell der armenischen Nationalmusik verbunden sah. Diese Nationalmusik sah er in den armenischen Volksweisen unmittelbar verkörpert, die er darum konsequent als Grundlage seiner meisten Kompositionen für Klavier wählte und sich somit bewusst oder unbewusst in die nationalromantische Musiktradition Europas einreihte.

Auf der hier vorgelegten CD nun finden sich – der Titel führt da etwas in die Irre – ausschliesslich Klavierkompositionen. Die den Titel für die Kompilation stiftenden „Seven Songs“ finden sich gleich zu Beginn. Als „Yot Yerg“ (= Sieben Lieder) hat sie Komitas 1911 sowohl als Werke für Gesangsstimme als auch für Klavier solo herausgebracht. Pianistin Lusine Grigoryan, die aus Armenien stammt, hat sie mit Bedacht an die erste Stelle des Programmes gestellt, offenbaren sie doch exemplarisch die typische Verfahrensweise des Komponisten, seine Klaviersätze so zu gestalten, dass sie klanglich an Instrumente der armenischen Volksmusik erinnern. Und so vermitteln die sieben kurzen Stücke für den Hörer Klänge, die eigentlich der Tar, der Daf, der Duduk oder der Zurna zugehören. Neben dieser gewissermassen didaktischen Dimension der hier vorgestellten Werke Komitas‘ hat es der Hörer mit einer Musik zu tun, die trotz ihrer am Volkslied orientierten Ausdruckweise alles andere als volksliedhaft im romantischen Sinne wirkt. Von nirgendwoher winkt ein Mendelssohn, ein Silcher, auch Schumann nicht, weder Brahms noch Vaughan Williams grüssen von fern.

Schwebender Musik-Charakter vermittelt Zeitlosigkeit

Mönch und Komponist: Komitas Vardapet (1869-1935)
Mönch und Komponist: Komitas Vardapet (1869-1935)

Das Überraschende und enorm Spannende der auf dieser CD vereinten Miniaturen – von dem gut zehnminütigen Tanzszene „Msho Shoror“ einmal abgesehen dauert kaum ein Stück länger als drei Minuten – ist, dass ihr häufig Zeitlosigkeit vermittelnder, schwebender Charakter. Gern gebe ich zu, dass ich beim ersten Hören der hier versammelten Stücke zunächst vermutet habe, es handle sich beim Komponisten um einen gegenwärtigen, einen, der sich in der Tradition eines Pärt wähnt. Es ist schon verblüffend wie nahe sich Komitas‘ Idiom bisweilen an Stücken wie dessen „Für Alina“ oder „Spiegel im Spiegel“ bewegt. Die „Sieben Tänze“ („Yot Par“) oder die zwölf „Stücke für Kinder“ („Mankakan Nvag“) wirken aufgrund ihrer tänzerischen Rhythmik nur im ersten Moment anders, und das auch nur graduell und nicht im Kern. Die beiden Nuclei des Personalstils Komitas‘ bilden überall die seltsam schwebende Grundhaltung und einen der Welt etwas entrückten Tonfall – zwei Idiosynkrasien, die vom ersten Ton an zu fesseln vermögen.

Pianistin Lusine Grigoryan erweist sich als kongeniale Interpretin dieser Musik. Luftiges, glasklares Spiel, sanfteste Anschläge, silbrige Tongebung, eine enorm sicher austarierte agogische Arbeit und eben jenes Händchen für den ganz speziellen Ton der Werke ihres Landmannes fügen sich wie selbstverständlich zu einer ausgesprochen stimmigen Lesart, die es schafft, diese Musik noch lang im Inneren nachhallen zu lassen. ♦

Komitas: Seven Songs, Lusine Grigoryan (Klavier), Audio-CD, 50 Minuten, ECM CD-Label

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Alan Hovhaness: Exile-Symphony (CD

Rikard Nordraak: Songs and Piano Music (CD)

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Eine Handvoll blühender Frühlingsblumen

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das Cover der jüngst bei LAWO Classics erschienenen CD „Rikard Nordraak – Songs and and Piano Music“ ist eine Augenweide. Der Blick öffnet sich in einen norwegischen Fjord, im kristallklaren Wasser spiegeln sich die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge. Ein Bild, das jeden Menschen, der den Norden liebt, unmittelbar in seinen Bann zieht. Es irritiert lediglich eines: der Name Rikard Nordraak. Wer ist das eigentlich? Was für Musik steckt hinter diesem Namen? Altes? Neues?

Vergessen von der Musikwelt: Rikard Nordraak

Rikard Nordraak – Songs and and Piano Music (Lawo CD-Label)Nun – auf jeden Fall Unerhörtes! Denn Rikard Nordraak ist ein Komponist, den die (Musik-)Welt weitgehend vergessen hat. Nur in Norwegen wird seiner mit schöner Regelmässigkeit gedacht, und zwar immer, wenn die Nationalhymne „Ja, vi elsker dette landet“ auf einen Text seines Vetters Bjørnstjerne Bjørnson erklingt. Zugegeben: Er hat auch nicht viel hinterlassen. Das Oeuvre umfasst ein paar Lieder, ein paar Stücke für Klavier und zwei Bühnenmusiken zu Stücken Bjørnsons. Nur etwa 40 Kompositionen haben sich erhalten, kaum etwas wird je aufgeführt, so gut wie nichts wurde bislang eingespielt. Insofern füllt diese CD – und das grundsätzlich erfreulich – eine Lücke.

Zeittypisch und genrehaft

Rikard Nordraak (1842-1866)
Rikard Nordraak (1842-1866)

Nordraak wurde 1842 in Oslo geboren. Seine Musikbegabung wurde schon in der Kindheit deutlich. Dennoch sollte er – man kennt dergleichen – eine „anständige“ Profession erlernen. In Kopenhagen sollte er eine Ausbildung zum Kaufmann absolvieren, stattdessen studierte er mehr oder minder heimlich Musik. Diese Studien führten ihn dann immer wieder auch nach Berlin, wo er 1864 an Tuberkulose erkrankte und ihr im darauffolgenden März erlag. Sein Freund Edvard Grieg war so erschüttert vom Tod des jungen Komponisten, dass er einen heute noch bekannten Trauermarsch für dessen Bestattung komponierte. Grieg hatte in ihm den Vorreiter einer echt norwegischen Musik gesehen: „Sein Name wird in unserer Welt der nordischen Kunst fortleben. Seine fesselnden Ideen werden ihn weit über das Nichts des Grabes hinaustragen, denn in sie eingeschrieben sind die Zeichen von Wahrheit und Ewigkeit.“
Hört man jedoch Nordraaks Musik heute, so ist es über die Zeitläufte hinweg und in Kenntnis der Werke seiner Zeitgenossen Johan Svendsen und Grieg selbst, nicht immer einfach jenen „speziell nordischen Klang“ zu erlauschen, den Grieg ihr zuschrieb. Besonders die Klavierwerke, denen wir auf dieser CD begegnen, und die unter den Fingern von Eugene Asti zweifelsohne schöne Klanglichkeit und Plastizität gewinnen, wirken letztlich wie hochromantische Petitessen, weniger innovativ als vielmehr zeittypisch und genrehaft. Der nocturneartige „Valse caprice“ erinnert stark an Fields und Chopin, die „Venskabs-Polka“ hätte auch Schubert schreiben können.

Mysteriöser nordisch-romantischer Tonfall

Die neue LAWO-CD mit "Songs and Piano Music" von Rikard Nordraak dokumentiert: Nordraak war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen weiterführend aufgegriffen wurden. Darin liegt die wirkliche Bedeutung seiner Werke für die nordische Musik-Romantik.
Die neue LAWO-CD mit „Songs and Piano Music“ von Rikard Nordraak dokumentiert: Nordraak war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen weiterführend aufgegriffen wurden. Darin liegt die wirkliche Bedeutung seiner Werke für die nordische Musik-Romantik.

Das Feuer der „Fire Dandse“ für Klavier brennt dann auch ausgesprochen gesittet im heimischen Salon zur unaufgeregten Erwärmung der gebildeten Gesellschaft. Anders die Lieder, die von Sopranistin Helene Wold durchweg klangschön, mit immer etwas abgedunkeltem Ton, höchstem Engagement und gestalterischer Feinsinnigkeit vorgetragen werden. Da hört man immer einmal wieder jenen mysteriösen nationalromantischen Tonfall, den man gern mit dem Begriff „nordisch“ bezeichnet, ohne so recht zu wissen, wie das nordische Klanggewand eigentlich entsteht. Balladeskes wie „Jeg har søgt“ oder die Romanzen „Ingerid Sletten“ und „Liden Gunvor“ aus dem Ole Bull zugeeigneten Opus 1 oder „Solvejge“ aus dem Opus 2 wirken besonders stark in diese Richtung. Auch das das zweite Opus eröffnende „Tonen“ und die sehr stark volksliedhaften Lieder „Træet“ und „Killebukken“ lassen schliesslich ganz gut erahnen, was Grieg in Nordraak sah. Er war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen aufgegriffen wurden, die Norwegen schliesslich ein musikalisches Gesicht verliehen. Darin – und weniger in der Qualität seiner Kompositionen – liegt wohl die wirkliche Bedeutung Nordraaks. ♦

Rikard Nordraak: Songs and Piano Music – Helene Wold (Sopran), Eugene Asti (Klavier), Audio-CD, 66 Minuten, LAWO CD-Label

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CD-Neuheiten: The Edge of Time & The Last Island

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Urzeit-Zauber und Orkney-Klänge

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das schottische Label Delphian steht seit mittlerweile 17 Jahren für aussergewöhnliche Musikproduktionen jenseits des sogenannten „Mainstreams“. Es sind besonders Konzeptalben – wie die kürzliche erschienene Steinzeit-CD „The Edge of Time“ und Plädoyers für bislang Unerhörtes wie „The Last Island“, das Miniaturen und kammermusikalische Werke des im vergangenen Jahr verstorbenen Komponisten Sir Peter Maxwell Davies präsentiert -, die Delphian sein charakteristisches Gepräge verleihen. Und so zeigen diese beiden Alben Möglichkeiten musikalischer Rede auf einer Zeitachse auf, die etwa 43’000 Jahre umfasst. Dergleichen bieten nicht eben viele Labels.

Musik aus dem Paläolithikum: „The Edge of Time“

The Edge of Time - CD-Cover - Delphian Records„The Edge of Time“, das Volume 4 der insgesamt herausragenden Reihe „European Archeology Project“, wirft also den Blick zurück in eine Zeit, die wir uns – wenn wir ehrlich sind – nicht wirklich vorstellen können. Wir schreiben das Ende des Mittelpaläolithikums, befinden uns in einer Welt am Rand der letzten Eiszeit und auf einem europäischen Kontinent, auf dem erstmals der anatomisch moderne Mensch auftaucht. In den Höhlen „Geissenklösterle“ und „Hohle Fels“ auf der Schwäbischen Alb sowie in der in Südfrankreich gelegenen Höhle von Isturitz entdeckte man in den letzten Dezennien – neben anderen Funden – auch Flöten aus Tierknochen (Mammut, Schwan, Geier).

Uraltes Vokabular im Dialog mit der Moderne

Diese Flöten nun – genauer gesagt: die Rekonstruktionen dieser Instrumente – stehen im Zentrum der Einspielung. Die Flötistin Anna Friederike Potengowski hat sich mit diesen Instrumenten vom Rande der Zeit zwar wissenschaftlich auseinandergesetzt, das eigentlich Interessante aber ist, dass sie auch angegangen ist, ihnen Leben einzuhauchen und sie auf diese Weise der toten Welt des frühzeitlichen Raritätenkabinetts zu entreissen: „Die Idee des Projektes war es, die Gegenwartskultur mit ihren vergessenen Wurzeln in Kontakt zu bringen, etwas von dem uralten musikalischen Vokabular zurückzuholen und es in einen Dialog mit modernen musikalischen Ausdrucksformen zu setzen.“
Gemeinsam mit dem Perkussionisten Georg Wieland Wagner hat sich Potengowski also auf den nicht eben unproblematischen Weg der Nachempfindung begeben. Und diese Nachempfindung klingt in der Tat höchst faszinierend. Die Kombination der ein wenig scharfen, kratzigen, an die Panflöte erinnernden Knochenflötenklänge mit einer Gesangsstimme und den Naturmaterialien, die Wagner im Rahmen der Perkussion einsetzt (Holz, Stein, Heu, Wasser, Tierhaut), wirkt durchweg überzeugend. Aber auch, wenn plötzlich Marimba und Vibraphon zu Einsatz kommen, bleibt das, was die beiden Künstler an Musik erzeugen, atmosphärisch ausgesprochen dicht. Es wird eine Vielfalt an Stimmungen erzeugt, die der Hörer unmittelbar nachvollziehen kann: Heiterkeit, Klage, Meditation, Geheimnis, Magie – von all dem können diese uralten Knochen ebenso überzeugend singen wie die modernen Flöten, Oboen oder Englischhörner.

Begrenzte Gestaltungsmöglichkeiten der Instrumente

Doch leider bleibt auch in Anna Friederike Potengowskis ansonsten durchweg informativen Einführungstext eine Frage unbeantwortet, die doch als Fixpunkt der Nachempfindung nicht unwichtig erscheint: In welchen Zusammenhängen spielten die frühen Menschen diese Instrumente? War es zum Zeitvertreib? War es um, nachts die grosse Stille der Welt zu vertreiben? Wurden sie im Rahmen von kultischen Handlungen eingesetzt? Hier wäre ein Hinweis auf Forschungsergebnisse informativ gewesen. Davon abgesehen ist das einzige Manko dieser an sich wirklich rundum gelungenen Produktion vielleicht die Spielzeit von gut 65 Minuten. Denn man kann nicht daran vorbeireden, dass sich nach nicht allzu langer Zeit des Hörens das Gefühl einstellt, dass die Möglichkeiten der Gestaltung von Musik mit diesen Instrumenten – so überzeugend diese an sich auch ist – auch ihre Grenzen hat. Und so schleicht sich nach einiger Zeit der ungute Eindruck der Redundanz und kreativen Ermüdung ein, aufgrund dessen man neben das „Sehr gut“, das diese Produktion im Ganzen verdient hat, wohl ein kleines „Minus“ setzen muss. 40 Minuten hätten gereicht. ♦

The Edge of Time, Palaeolithic Flutes of France & Germany, Anne Friederike Potengowski & Georg Wieland Wagner, Audio-CD, 64 Minuten, Delphian CD-Label

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Eine Postkarte von den Orkneys:  „The Last Island“

The last Island - Cover - Delphian RecordsAm anderen Ende des Zeitstrahles nun findet sich jene Musik, die die CD „The Last Island“ vorstellt. Sie präsentiert kammermusikalische Kompositionen der Gegenwart aus der Feder des 2016 verstorbenen Komponisten Sir Peter Maxwell Davies. Viele der Werke, die auf dieser CD enthalten sind, sind über die Jahre für das schottische Hebrides Ensemble komponiert worden, das hier für die Gestaltung der zehn mehr oder minder knappen Stücke verantwortlich zeichnet. Der künstlerische Leiter des Ensembles, William Conway, war über 30 Jahre hinweg freundschaftlich mit dem Komponisten verbunden. In seinem einleitenden Text zur Aufnahme versucht er zu erklären, was das ganz besondere an den hier eingespielten Werken ist, die allesamt zwischen 1991 und 2016 entstanden sind: „Man kann es so sehen, dass die Kammermusik, von der eine Menge unter dem Schatten von Krankheit entstanden ist, […], Max‘ eigene letzte Insel war, seine Version der verzichtenden, freigebenden Gesten des Prospero […].“

Bezug zur Lebensumwelt des Komponisten

Greift man diesen Gedanken auf, so findet sich leichter ein Zugang zu diesen nicht selten bedrohlich-düsteren, unheimlich-magischen, sperrigen, aber auch nicht selten tiefe Melancholie offenbarenden Werken. Oft beziehen sich die Kompositionen, will man den Worten Davies‘ Glauben schenken, auf Erscheinungen der Lebensumwelt des Komponisten, der sich zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts auf den Orkney Islands niedergelassen hatte. So ist das Streichsextett „The Last Island“ von zwei unbewohnten Inseln inspiriert, die in der Nähe seiner Wahlheimat Sanday sind.
Das ständige Changieren zwischen dunkel gehaltenen, weitgehend ruhigen Passagen, die sich nicht selten durch einen nostalgischen Ton auszeichnen, und erregten Abschnitten, die rauschen, tänzeln und schwirren, versinnbildlicht trefflich die beiden Felsen im tosenden Ozean. Eine echte Meeresmusik, die in ihrer gesamten Haltung von fern an Bax‘ Tondichtung „Tintagel“ gemahnt. Von der Orkney-Insel Sanday aus schreibt er auch musikalische Postkarten („Postcard from Sanday“) oder eine „Birthday Card for Jennifer“ – reizende Miniaturen, von Philip Moore am Klavier überzeugend in Szene gesetzt.

Spannungsfeld von Lyrik und Dramatik

Das Label Delphian ist immer für Entdeckungen gut. Zwei der jüngsten Veröffentlichungen verdeutlichen dies unmittelbar. Ob nun die Klänge urzeitlicher Flöten (The Edge of Time) oder die herb-schöne Tonsprache Peter Maxwell Davies‘ (The Last Island): Hier finden sich interessanten Konzepte, die musikalisch, technisch und editorisch auf ausgesprochen hohem Niveau umgesetzt werden. Ein Muss für jeden, der sich einmal abseits der eingefahrenen Wege des Mainstreams umhören möchte.
Das Label Delphian ist immer für Entdeckungen gut. Zwei der jüngsten Veröffentlichungen verdeutlichen dies unmittelbar. Ob nun die Klänge urzeitlicher Flöten (The Edge of Time) oder die herb-schöne Tonsprache Peter Maxwell Davies‘ (The Last Island): Hier finden sich interessante Konzepte, die musikalisch, technisch und editorisch auf ausgesprochen hohem Niveau umgesetzt werden. Ein Muss für jeden, der sich einmal abseits der eingefahrenen Wege des Mainstreams umhören möchte.

Der Rest der hier zu hörenden Werke aber zeichnet sich durch eine Herbheit, Nervosität und Trancehaftigkeit aus, die insbesondere auf der Folie der von Conway angedeuteten Entstehungsbedingungen eine besondere Prägnanz und Dringlichkeit erhält. Ähnlich wie im Fall von Bruckners neunter Symphonie scheint hier ein Komponist am Abgrund fieberhaft zu Werke zu gehen. Für diesen Peter Maxwell Davies legen sich die Musikerinnen und Musiker des Hebrides Ensembles nicht nur ins Zeug: sie atmen ihn förmlich und legen eine rundheraus grandiose Interpretation dieser Werke vor. Man mag hinsehen (oder hinhören), wohin man möchte, und kann doch immer wieder nur zu dem einen Ergebnis kommen. Sei es Gestaltung der gespenstisch-gewichtigen „Nocturnes“ für Klavierquartett, des sich in einem enormen Spannungsfeld von Lyrik und Dramatik bewegenden „Oboenquartett“, der zwischen Unerbittlichkeit und romantischster Tonsprache schwankenden „Sonate für Violine und Klavier“ oder dem Streichquartettsatz aus dem Jahre 2016, dem letzten Werk, an dem Peter Maxwell Davies arbeitete: das Hebrides Ensemble und die Musik von Peter Maxwell Davies sind in jeder Hinsicht füreinander gemacht. Ob man dereinst eine weitere Aufnahme dieser Werke braucht? Ich bezweifle es. ♦

The Last Island, Chamber Music by Peter Maxwell Davies, Hebrides Ensemble, Audio-CD, 76 Minuten, Delphian CD-Label

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Franz Schubert & Jörg Widmann: Oktette

Christopher Wood: Requiem (CD)

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Das Unzulängliche als Ereignis

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Irgendwie mutet es auf den ersten Blick schon wie ein schlechter Witz an, dass sich ein musikalisch dilettierender Krebsspezialist aus Grossbritannien hat dazu hinreissen lassen, für seine einzige Komposition gerade das Sujet Totenmesse zu wählen. Doch im Falle von Christopher Woods „Requiem“ kann man mit Goethe ausrufen: „Hier wird’s Ereignis“. Tatsächlich sollte man dann der Richtig- und Trefflichkeit halber aber auch den diesem vorausgehenden Vers aus dem „Chorus mysticus“ (Faust II) zitieren und konstatieren: „Das Unzulängliche“.

Gefühle in Requiem-Musik ausgedrückt

Christopher-Wood-Requiem-Orchid-ClassicsDenn Unzulänglichkeit ist – es fällt schwer, positiver zu urteilen – die Quintessenz dieses Werkes, das – wenn man den Worten des Komponisten trauen darf – als Reaktion auf den Tod von Elizabeth Bowes-Lyon, besser bekannt als „The Queen Mother“ oder kurz „Queen Mum“, entstanden ist. Der Komponist selber über die Entstehung des Werkes (Zitat):

Als Queen Elizabeth (The Queen Mother) im Jahre 2002 starb, erlebte man in Grossbritannien ein aussergewöhnliches Mass an Emotionen, ein echtes Gefühl nationaler Trauer. Tausende Menschen standen stundenlang an, um ihr am aufgebahrten Sarg ihren Respekt zu zollen, und das mit einer Mischung von Gefühlen, die schwer zu beschreiben ist. Da gab es sicherlich Trauer, doch war diese durchwoben von anderen Regungen, vielleicht sogar mit einem Gefühl von patriotischem Stolz. Da gab es Traurigkeit, aber auch Ehrgefühl und Dankbarkeit – und all das für eine Person, die die meisten Menschen niemals persönlich getroffen hatten.
Doch war die Königinmutter sehr lange ein Symbol der Nation gewesen und hatte dabei geholfen, den Charakter Grossbritanniens mit zu formen. Ich fragte mich damals, was die Menschen, die am Sarg vorbei schritten, wohl singen würden, wenn sie ein Chor wären. Oder noch eher: Was für Musik hätte ich gesungen, um die Gefühle dieses Momentes einzufangen? Also dachte ich, dass ich versuchen sollte, diese Gefühle in Musik auszudrücken. Und so entwickelte sich die Idee für dieses ‚Requiem‘.

Es fällt schwer, nach diesen einführenden Worten des Komponisten das Werk nicht als Anbiederung ans Establishment, ans Publikum oder als trefflich platzierte Marketing-Idee zu hören. Aber es geht. Allerdings hält sich der Gewinn für den Hörer in einigermassen engen Grenzen. Wenn man es kurz machen wollen würde, dann könnte man Woods „Requiem“ vielleicht folgendermassen charakterisieren: Demjenigen, dem John Rutters Totenmesse nicht seicht genug ist, der sollte sich vertrauensvoll an Christopher Wood wenden. Denn das ist Woods Werk in seiner Unzulänglichkeit in jedem Takt auch noch: seicht.

Harfengezupf vor Streichergrund

Nehmen wir beispielsweise den ersten Satz. Das „Requiem“ beginnt – man möchte geradezu ausrufen: „natürlich“ – mit Harfengezupf vor einem satt-klangvollen, ja hollywoodesken Streichergrund, balsamisch säuselnd setzen die Choristinnen und Choristen ein, unter Paul Boughs aus dem Vollen schöpfender Leitung baden die L’Inviti Singers, die L’Inviti Sinfonia und Sopranistin Rebecca Bottone in den „englischen“ Klängen, die Wood gemeinsam mit seinem Arrangeur Jonathan Rathbone angerührt hat. Diese Klänge dienen dazu, sich möglichst friktionsfrei in die Herzen jener Musikhörer zu schleichen, die weniger die Begegnung mit einem Kunstwerk suchen, sondern die wenig mehr erwarten als unkomplizierte Rührung und einen Soundtrack für die eigene Gefühlswelt.

Im Grunde klingt die Musik tatsächlich so, wie es das Cover der CD ankündigt. Da geht der Blick in den abschiedsvollen Sonnenuntergang, hinweg über den uralten Ozean ins Ewige, wo schliesslich das Jenseitige offenbart, der Sinn des Lebens erkannt wird. Dass die Missa pro defunctis ein nicht selten verzweifelt flehender Bittgesang für das Seelenheil des Verstorbenen anlässlich des Gerichtes ist, wird bei Wood nicht mehr deutlich. Stattdessen hat es der Hörer, man möge die Contradictio in adiecto entschuldigen, mit einem „Feelgood“-Requiem, einer schon fast unsäglichen Pervertierung dessen, worum es eigentlich geht, zu tun. „Tod, wo ist das Stachel, Hölle, wo ist Dein Sieg?“ Die Frage, die im Korinther 1/55 gestellt wird und die so viele, viele treffliche Meister von Guillaume Dufay bis hin zu Krzysztof Penderecki beschäftigt und zu den tiefsinnigsten und kunstvollsten Kompositionen gebracht hat, sie stellt sich bei Wood nicht mehr, denn der Tod erscheint hier ohne jegliche Problematik.

Requiem im Supermarkt?

Diese Musik, die auch gut als Hintergrundmusik in einem Supermarkt laufen könnte, negiert schlichtweg alle Probleme, mit denen sich der Mensch im Rahmen des Memento mori konfrontiert sieht. Selten hat eine die Vertonung dieses Messe-Textes intensiver an Sigmund Freuds tiefsinnig-klare Worte in „Zeitgemässes über Krieg und Tod“ (1915) erinnert, die sich auf die menschliche Tendenz zum Beseiteschieben des Todes beziehen:

„Dies unser Verhältnis zum Tode hat aber eine starke Wirkung auf unser Leben. Das Leben verarmt, es verliert an Interesse, wenn der höchste Einsatz in den Lebensspielen, eben das Leben selbst, nicht gewagt werden darf. Es wird so schal, gehaltlos wie etwa ein amerikanischer Flirt, bei dem es von vornherein feststeht, dass nichts vorfallen darf, zum Unterschied von einer kontinentalen Liebesbeziehung, bei welcher beide Partner stets der ernsten Konsequenzen eingedenk bleiben müssen. Unsere Gefühlsbin­dungen, die unerträgliche Intensität unserer Trauer, machen uns abgeneigt, für uns und die Unserigen Gefahren aufzusuchen. Wir getrauen uns nicht, eine Anzahl von Unternehmungen in Betracht zu ziehen, die gefährlich, aber eigentlich unerlässlich sind wie Flugversuche, Expeditionen in ferne Länder, Experimente mit explodierbaren Substanzen. Uns lähmt dabei das Bedenken, wer der Mutter den Sohn, der Gattin den Mann, den Kindern den Vater ersetzen soll, wenn ein Unglück geschieht. Die Neigung, den Tod aus der Lebensrechnung auszuschliessen, hat so viele andere Verzichte und Ausschliessungen im Gefolge.“

Keine Auseinandersetzung mit dem Tod

Christopher Woods Requiem geriert sich als Totenmesse des Wellness-Zeitalters. Eine seichte, an schwachen Musicals und Soundtracks geschulte Partitur versucht die Kunstlosigkeit, Epigonalität und intellektuelle Leere des Werkes zu verhüllen. Dieser Versuch misslingt in jeder Hinsicht...
Christopher Woods Requiem geriert sich als Totenmesse des Wellness-Zeitalters. Eine seichte, an schwachen Musicals und Soundtracks geschulte Partitur versucht die Kunstlosigkeit, Epigonalität und intellektuelle Leere des Werkes zu verhüllen. Dieser Versuch misslingt in jeder Hinsicht. Schade um das hörbar engagierte Musizieren der Aufführenden dieser CD.

Schal und gehaltlos wird nicht nur das Leben, Woods Komposition beweist hinlänglich, dass in diesem Zuge auch die Kunst in erschreckendem Masse verarmen kann. Wenn man nun nicht bereits nach dem gut sieben lange Minuten währenden Eingangs-Satz genug von diesem Machwerk hat, dann wird man in den noch folgenden 53 einigermassen ereignislosen Minuten angeregt, weniger über die Conditio humana denn vielmehr darüber trefflich zu sinnieren, welcher Kompositionsstile sich Wood und Rathbone bedienen, um den Text des Propriums der Totenmesse publikumswirksam in Klang zu giessen.

Und was hört man da nicht alles! Hier klingt es nach schlechtem Händel, dort nach Cherubinis c-Moll Requiem, und aufgeblähten Haydn hat man ebenso im Angebot wie simplifizierten Belcanto. Am Ende landet man dann wieder bei John Rutter und Karl Jenkins – denen man im Gegensatz zu Wood immerhin zu Gute halten kann, dass sie im Rahmen ihres Œuvres einen Personalstil entwickelt haben.
Schade auch um das hörbar engagierte Musizieren der Ausführenden, angefangen beim Solo-Gesangsquartett um Sopranistin Botone bis zu Chor und Orchester der L’inviti. Und so bleibt am Ende der Eindruck eines Projektes, in dem alles Mögliche versucht wurde, nur keine ernsthafte intellektuelle Auseinandersetzung mit seinem eigentlichen Thema. Hört man Christopher Woods Totenmesse nicht, so hat man mehr Zeit zu leben. ♦

Christopher Wood: Requiem – Rebecca Botone (Sopran), Clare McCaldin (Alt), Ed Lyon (Tenor), Nicholas Garrett (Bass), L’Inviti Sinfonia & Singers, Paul Brough (Leitung). Audio-CD – Orchid Classics

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Vertonung der Totenmesse“ auch über
das Requiem von Andrew Lloyd-Webber

… und lesen Sie auch über die gesellschaftlichen Entwicklungen der Musik in
Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder!

Heinrich Laufenberg: Kingdom of Heaven (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

„Stand vf, stand vf, du sele min“

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Der grosse Mediävist Ferdinand Seibt hat zu Beginn seines bedeutenden Buches „Glanz und Elend des Mittelalters“ aus dem Jahre 1999 die denkwürdige Aussage getätigt, dass er nicht hätte im Mittelalter leben wollen, wüsste man doch heute sehr genau, dass Krankheiten, Seuchen, Armut, Krieg, religiöser Wahn, Unterdrückung und menschliches Leiden die grossen Konstanten jenes Zeitraumes waren, den man heute – je nach Schule – zwischen dem 6. und dem 15. Jahrhundert nach Christus verortet.
Und doch ist die Romantisierung des Mittelalters, die einst im 19. Jahrhundert begann, auch heute noch in vollem Schwange. Die Bilder vom edlen Recken, der schönen Jungfrau, der trutzigen Feste, vom bunten Turnier, dem weltvergessenen Kloster, dem rauen und dennoch guten Leben sind tief ins kollektive Bewusstsein der Populärkultur eingebrannt und werden in Belletristik, Musik, Film und Parallelgesellschaften wie der „Society of Creative Anachronism“ immer wieder wohlfeil bedient.

Kein romantisierender Mittelalter-Kitsch

Kingdom of Heaven - Musik von Heinrich Laufenberg und seinen Zeitgenossen, Ensemble Dragma

Nicht, dass die vorliegende CD romantisierender Mittelalter-Kitsch wäre. Die Produktion – die sicher nur zufällig den Titel mit einer Kreuzfahrerschmonzette von Ridley Scott aus dem Jahre 2005 teilt – ist durch und durch hochklassig und akademisch im besten Sinne, besteht das Ensemble Dragma mit Agnieska Budzińska-Bennett (Gesang, Harfe, Drehleier), Jane Achtmann (Vielle, Glocken) und Marc Lewon (Gesang, Plektrumlaute, Vielle) doch aus drei arrivierten Spezialisten für mittelalterliche Musik. Sie konzentriert sich thematisch auf das Werk von Heinrich Laufenberg, jenes alemannischen Mönches, der wohl um das Jahr 1390 in Freiburg im Breisgau geboren wurde und am 31. März 1460 in Johanniterkloster zu Strassburg verstorben ist. Hinzu treten Werke zeitgenössischer Liederdichter.

Laufenberg-Lieder im Deutsch-Französischen Krieg 1870 zerstört

Heinrich von Laufenberg (aus der Handschrift des Buchs der Figuren, die 1870 in Strassburg verbrannt ist)
Heinrich von Laufenberg (aus der Handschrift des Buchs der Figuren, die 1870 in Strassburg verbrannt ist)

Dass wir heute überhaupt Lieder von Heinrich Laufenberg hören können, grenzt an ein Wunder, sind die mittelalterlichen Codices, die seine Lieder ursprünglich enthielten (es waren wohl um die 120 Stück), doch beim Angriff auf Strassburg im Deutsch-Französischen Krieg 1870 zerstört worden. Kurz vorher jedoch hatte der Kirchenliedforscher Philipp Wackernagel in einer umfangreichen Edition Laufenbergs Texte herausgegeben. Auch sind über viele unterschiedliche Wege Melodien zu 17 Texten auf uns gekommen, sodass es heute möglich ist, Laufenberg in Text und Musik zu erleben. Allerdings wissen wir – und darauf weist Marc Lewon in seinem höchst informativen Booklet-Text ganz deutlich hin – nicht, wie die Noten dem Text tatsächlich zuzuordnen sind, und zwar weil nur Noten ohne jegliche Strukturierung oder Textbezug überliefert worden sind. Zudem ist nicht klar, ob die Noten komplett überliefert wurden oder ob manch eine nicht von einem Forscher des 19. Jahrhunderts – eine damals durchweg gängige Praxis – „nachempfunden“ wurde. Die vorliegende nun Rekonstruktion kann sich durchweg hören lassen. So tönt Agnieska Budzińska-Bennett in den der Christusminne zugehörigen Liedern wie „Es taget minnencliche“ oder im berühmten „Benedicite“ des Mönchs von Salzburg förmlich wie vom Himmel her, so glatt, gleissend hell und dennoch mit einer gewissen Grundwärme timbriert klingt ihr Stimme. Ausgesprochen anregend und abwechslungsreich gestaltet auch Mark Lewon seine Lieder, beispielsweise „Ein lerer rúft vil lut „, einem Diskurs über das rechte Leben und den rechten Glauben.

Technisch und gestalterisch niveauvoll

Wolfenbütteler Lautentabulatur - Glarean Magazin
Ausschnitt der Wolfenbütteler Lautentabulatur

Aber auch die Instrumentalstücke, die sich auf dieser CD finden, werden von den drei Musikern des Ensemble Dragma (die in drei Tracks von Hanna Marti  und Elizabeth Ramsey unterstützt werden) auf technisch und gestalterisch höchstem Niveau musiziert. Auf ein besonderes Schmankerl, die diese CD dem Alte-Musik-Aficionado bietet, muss hier gesondert hingewiesen werden. Denn neben den Liedern und Instrumentalstücken Heinrich Laufenbergs und seiner Zeitgenossen bringt diese Produktion erstmals komplett jene Stücke, die der sogenannten „Wolfenbütteler Lautentabulatur“ entstammen, einer fragmentarischen Quelle aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die erst vor ein paar Jahren entdeckt wurde und die älteste bisher bekannte Lautentabulatur überhaupt darstellt. Marc Lewon präsentiert seine auf seiner intensiven Beschäftigung mit der Tabulatur basierende Rekonstruktion. Und auch dies ist ein echter Ohrenschmaus.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Das Ensemble Drama präsentiert mit seiner Produktion „Kingdom of Heaven“ Lieder Heinrich Laufenbergs und seiner Zeitgenossen sowie das komplette Material der Wolfenbütteler Lautentabulatur. Die atmosphärisch ausgesprochen dichte, hervorragend musizierte und philologisch exquisit gearbeitete Produktion kann rundum und ohne Abstriche empfohlen werden.

Und so ist das, was dem Hörer hier 78 Minuten lang entgegentönt, so derartig perfekt musiziert, dass man am Ende den Eindruck hat, hier eben doch idealen Klängen aus einem idealisierten Mittelalter zu lauschen. Ob die Stimmen und Instrumente eines Mönches im kalten und zugigen Kloster oder die des über schlammige und schlechte Wege von Weiler zu Weiler ziehenden Spielmannes so geschniegelt geklungen haben mögen? Der Realität näher mögen wohl René Clemencics Aufnahmen mittelalterlicher Musik sein, doch die vorliegende CD ermöglicht es dem Hörer, einen Blick ins „Kingdom of Heaven“ zu erhaschen.♦

Kingdom of Heaven – Musik von Heinrich Laufenberg und seinen Zeitgenossen, Ensemble Dragma, Label Ramee (RAM 1402), Audio-CD

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Lautenmusik auch über
Frank Martin: Werke mit Gitarre

… sowie über die CD von
Lowell Liebermann: Little Heaven

Guillaume Connesson: Lucifer, Cellokonzert (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Infernalisches Klangspektakel

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Schlägt man das Booklet zu dieser Neuveröffentlichung aus dem Hause Deutsche Grammophon auf, so ist dort über den 1970 in einem Vorort von Paris geborenen Komponisten Guillaume Connesson folgendes zu lesen: „Der 1970 geborene Guillaume Connesson ist zu jung, um sich jenem ideologischen und ästhetischen Diktat beugen zu müssen, das die vorangegangene Generation von Komponisten eingeengt hat. Seine Musik, immer wohlklingend und oft spektakulär hat eine Vielzahl von Einflüssen in sich aufgesogen. Seine ganze persönliche Welt ist das ‚Work in Progress’, welches aus jener Mischung von Pragmatismus und Naivität erwächst, die das Markenzeichen aller grossen Schöpfer von Musik ist.“

Sorglos aus dem Vollen geschöpft

Guillaume Connesson: Lucifer (Cellokonzert) - Jerome Pernoo (Deutsche Grammophon)Obwohl man Elogen wie diese von Bertrand Dermontcourt nicht sonderlich lieben muss, so ist an diesen Worten schon etwas dran. Connesson, der heute eine Professur für Orchestration am Conservatoire National de Région d’Aubervilliers bekleidet, schöpft definitiv und vollkommen sorglos aus dem Vollen. Da beste Beispiel ist da das hier eingespielte Ballet en deux actes sur un livret du compositeur „Lucifer“, das 2011 uraufgeführt wurde. Die enorm farbenreiche, geradezu glitzernde Partitur des „Lucifer“ deckt stilistisch so ziemlich alles zwischen dem Sacre, Sandalenfilmmusik aus dem Hause Metro Goldwyn Mayer und groovigem Jazz ab. Ein buntes, wildes, ziemlich ungehemmtes Treiben, das in seiner gewissen Prinzipienlosigkeit rundum höchst unterhaltsam und darum auch – im Gegensatz zu so vielen, vielen Kompositionen der Moderne und Postmoderne – in jedem Falle massenkompatibel ist. Massenkompatibel sind übrigens auch die Thematik der Ballettmusik und auch das von der Deutschen Grammophon gestaltete Cover, das einen düsteren Wasserspeier an der Kathedrale Notre Dame in Paris zeigt. Frakturähnliche rote Buchstaben präsentieren den Namen „Lucifer“. Es ist das Dunkle, Gothicmässige, Gruselig-Abgründige, das hier mit Werk und Aufmachung bemüht, bedient und schlussendlich verkauft werden. Nicht umsonst wird das Konzert für Violoncello und Orchester, das ebenfalls auf der CD enthalten ist, verschwiegen. Die CD kommt also daher als böte sie eine Art Soundtrack für das Wave-Gothic-Festival Leipzig. Trifft die Phrase „Classic goes Pop“ irgendwo zu, dann sicher hier. Das dürfte auch im Sinne Connessons sein, der mit seiner Musik (nicht nur) in Frankreich bestens ankommt und eine Reihe unterschiedlichster Preise, beispielsweise den vom Institut de France vergebenen Cardin-Preis (1998), den Nadia und Lili Boulanger-Preis (1999) oder – im Jahre 2006 – den  Grand Prix Lycéen des Compositeurs erhalten hat. Guillaume Connesson hat von Beginn seiner Karriere an Elemente des Pop zu Themen seines Werkes gemacht hat, etwa in „Techno Parade“, „Disco-Toccata“ oder „Night Club“. Warum also nicht auch hier?

Packende Musik auch für Klassik-ferne Hörer

Komponist Guillaume Connesson (links) und Dirigent Jean-Christophe Spinosi während der Aufnahmearbeiten zu "Lucifer"
Komponist Guillaume Connesson (links) und Dirigent Jean-Christophe Spinosi während der Aufnahmearbeiten zu „Lucifer“

Tritt man nun einen Schritt vom Marketing zurück und hört der Musik aufmerksam zu, dann präsentiert sich „Lucifer“ als durchaus packende neue Musik, als eine neue Musik, die in der Lage ist, auch den der arrivierten „Klassik“ nicht ganz so nahe stehenden Hörer zu fesseln. Das Werk, im Prinzip zwar eine Ballettmusik, aber laut Connesson gleichzeitig eine „grosse Symphonie“, ist in sieben Abschnitte unterteilt, denen der Komponist einen Titel und jeweils einen kleinen Text voranstellt. Es wird – die Überraschung ist nicht gross – von „Le Couronnement du Porteur de Lumière“ bis zum „Épilogue“ der Fall Luzifers vom grössten aller Engel zum verstossenen König der Hölle „erzählt“, allerdings verquickt mit Elementen der Prometheus-Sage. Es ist die Liebe zu einer Menschenfrau, die seine Verurteilung und seinen Fall herbeiführt. Im Épilogue tritt schliesslich der Mensch „an sich“ auf, der die Krone des Luzifer findet und sich – hier hat die Symbolik etwas unschön Gewolltes – von dieser dunklen Macht enorm fasziniert zeigt.

Wilde Skalen, orientalische Klänge

Zur Musik: Das Werk eröffnet mit der Krönungsszene Lucifers („Le Couronnement du Porteur de Lumière“). Musikalisch ist das zunächst schon ziemlich packend. Wilde Skalen in allen Instrumentengruppen, entfernt orientalische Klänge und starke Betonung des Rrhythmischen. Dann ein plötzlicher Stimmungswechsel. Streicherglissandi leiten einen nach Science Fiction klingen Abschnitt ein, eine liebliche Oboenmelodie schleicht sich ein, der Gesang wird von Celli ausgenommen. Das Orchester wird satter und baut einen Höhepunkt von düsterer Grösse im üppigsten Cinemascope-Sound auf. Zu dieser Musik hätte Cecil B. DeMilles Moses problemlos das Rote Meer teilen können. Dann Rückkehr zum Bacchanal. Der zweite Satz „Le voyage de Lucifer“ ist als Scherzo angelegt. Streicher, Holzbläser und der üppig bestückte Percussionsapparat rasen in wilder Jagd jazzig dahin. „La Recontre“, die Begegnung Lucifers mit der Menschenfrau, sieht Connesson als das „Herz“ des Werkes. Tatsächlich ist auch dies ein höchst hörenswertes Stück Musik. Geheimnisvoll tastend der Beginn, langsam etabliert sich – um Verdi zu zitieren – eine „melodie lunghe, lunghe, lunghe“ in den Violinen. Der Satz gewinnt zusehends an Fülle, an Körper und entwickelt sich zu einer rauschhaft-orgiastischen Liebesmusik, die sich erneut auf eine wuchtige Metro-Goldwyn-Mayer Klimax hinwälzt, die nicht nur von fern an den frühen Mahler erinnert.

Guillaume Connesson

Nach „La Recontre“ ist es dann aber mit dem Einfallsreichtum vorbei. Sicher, auch die sich anschliessenden Sätze „Le Procès“, „La Chute“, „L’Ailleurs“ und „Épilogue“ klingen gut, aber sie bringen nichts Neues. Immer und immer wieder rasende Skalen, Jazzrhythmen, Breitwandklänge. Hinzu kommt, dass der Eklektizismus überhand nimmt. Immer wieder fühlt man sich erinnert. Mal klingt Connesson nach Howard Shore (Le Procès) und mal nach Vaughan Williams’ „Sinfonia antartica“ und dem „Sacre“ (L’Ailleurs). Schliesslich scheint der Épilogue des „Lucifer“ klanglich und atmosphärisch fast den „Epilogue“ der „London Symphony“ (ebenfalls Vaughan Williams) imitieren zu wollen. Nach knapp 40 Minuten, die den Hörer angesichts des durchaus ansprechenden Klangspektakels wohl bei Laune halten,  stellt man sich dennoch unweigerlich die Frage, ob das nun Musik ist, die über ihren knallbunten Eventcharakter hinaus etwas aussagt, etwas trägt oder ob sie das überhaupt will. Das etwas aufgepfropft wirkende „Programm“ legt es zwar nahe, zurück bleibt aber der schale Geschmack einer eigentümlichen Leere.

Atemberaubendes Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo

Uneingeschränkt zu loben ist das atemberaubende Spiel des Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi, das sich mit Elan auf diese musikalische Spielwiese wirft und sich mit rechtem Gusto austobt, sodass die Funken nur so fliegen. Wenn Connessons „Lucifer“ lediglich den Anspruch hätte, ein Werk sein zu wollen, das zeigen möchte, was an Klang und Virtuosität aus einem grossen Orchester herausgekitzelt werden kann, dann wäre dieses als Plädoyer für die Möglichkeiten des Orchester bestens gelungen.

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Das Cellokonzert und die Balletmusik „Lucifer“ von Guillaume Connesson sind packende, glitzernde, virtuose Musikstücke, deren spektakulärer Charakter jedoch nicht unbedingt einen lang anhaltenden Eindruck hinterlässt. Die Ausführung durch den Cellisten Jérôme Pernoo und dem unter Jean-Christophe Spinosi spielenden Orchestre Philharmonique de Monte ist tadellos.

Viel Klangzauber bietet auch das 2008 entstandene Cellokonzert in fünf Sätzen, die – so Connesson wiederum auf „zwei Akte“ aufzuteilen sind. Auch hier finden sich im Beiheft allerlei Erklärungen dazu, wie das Werk zu verstehen sei und das, obwohl das Stück durchaus ohne Verstehenshinweise auskommt. Auch das Cellokonzert ist im Wesentlichen ein virtuoses Stück, das nicht nur den Cellisten, sondern auch das Orchester vor recht heikle Aufgaben stellt, und zwar nicht nur die nackte Spieltechnik betreffend, sondern ganz besonders, was die Vielfältigkeit und rasante Wechselhaftigkeit im Audruck angeht. Kaum sind die blockhaft-vehementen ersten Minuten des ersten Satzes „Gratinique“ (hier sollen kalbende Eisberge inspirierend Pate gestanden haben) vorbei, schon gilt es eine zauberhaft klagende Atmosphäre im Mittelteil zu erschaffen. Das sich direkt anschliessende „Vif“ bringt Atemlosigkeit und unglaubliche Rasanz. Dann eine grosse „naturmagische“ Musik im „Paradisiaque“, in der das Cello zu einem grossen Gesang anhebt, der nostalgischer, sentimentaler und bittersüsser kaum daher kommen könnte. Die „Cadence“ fordert dem Solocellisten alles ab, was menschenmöglich ist, rausgeschmissen wird im letzten Satz „Orgiaque“ mit Bacchanal-Stimmung, Jazz und Dixiland-Reminiszenzen.

„Irrsinnige Spielfreude“: Solo-Cellist Jérôme Pernoo

Cellist Jérôme Pernoo leistet hier spielerische und gestalterische Schwerstarbeit und wird dieser ausufernden, mäandernden, ja schon bald überladenen Cellopartie mit einer schon fast irrsinnigen Spielfreude gerecht. Das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi stehen dem in nichts nach.
Und doch stellt sich im Anschluss die Frage: Was bleibt? ♦

Guillaume Connesson: Lucifer & Cellokonzert, Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, Jean-Christophe Spinosi, Jérôme Pernoo, Deutsche Grammophon 481 1166. 1, Audio-CD

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Franz Schreker: Das Weib des Intaphernes

Franz Schreker: Das Weib des Intaphernes (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

„Ich bin (leider) Erotomane“

von Wolfgang-Armin Rittmeier.

Mit einem Augenzwinkern ist diese Selbsteinschätzung des Komponisten Franz Schreker zu verstehen. Schliesslich entstammt sie seiner satirischen Selbstcharakteristik, die im April 1921 in den Wiener „Musikblättern des Anbruch“ publiziert wurde. Schreker montierte sie aus Kritiken, die bis dato zu seinen Werken erschienen waren, und ihm als Komponisten und Menschen sowie seinem Werk quasi alle denkbaren und sich bisweilen völlig widersprechenden Eigenschaften zusprachen, so dass der kleine Text in der verzweifelten Frage gipfelt: „Wer aber – um Himmels Willen – bin ich nicht?“

Franz Schreker - Das Weib des Intaphernes - CapriccioWer Franz Schreker war, das ist auch heute noch fast ein Geheimnis, seine Musik bleibt ein Geheimtipp. Bereits 1947, also nur 13 Jahre nach Schrekers Tod, konnte Joachim Beck, der in den späten zwanziger Jahren mehrfach in Kurt Tucholskys „Weltbühne“ über den Komponisten geschrieben hatte, in der „Zeit“ einen Artikel veröffentlichen, der den bezeichnenden Titel trägt: „Franz Schreker, ein Vergessener“.

Vom „Messias des neuen Musikdramas“ zum verfemten „undeutschen“ Juden

Franz Schreker (1878-1934)
Franz Schreker (1878-1934)

Wie konnte es dazu kommen? Schliesslich war Schreker zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts als der führende deutsche Opernkomponist, ja als Messias des neuen Musikdramas gefeiert worden. Nun – Franz Schreker war Jude. Und als solcher gehörte er zu jenen Künstlern, die im nationalsozialistischen Deutschland zunächst beschimpft, verfemt und schliesslich von der gleichgeschalteten Musikwissenschaft als „undeutsch“ aus der Historie getilgt werden sollten. So liest man beispielsweise in der „Geschichte der Deutschen Musik“ des strammen Nationalsozialisten Otto Schumann (der nach Ende des Krieges einfach Fäden aufhob und munter weiter publizierte) zu Schreker: „Wie wahl- und sinnlos das Judentum in der Verhimmelung seiner Gesinnungsgenossen vorgegangen ist, zeigt das Beispiel von Franz Schreker. Obwohl in seinen orchestralen Farbmischungen, seiner verstiegenen Theatralik und schmeichelnden Gehaltlosigkeit der vollendete Gegensatz zu Schönberg, wurde er ‚in Fachkreisen‘ als ein Gott der Musik gepriesen. Dabei erklärt sich dieser jüdische Fachgeschmack ganz einfach daraus, dass Schreker in seinen Dirnen- und Zuhälteropern die Verzückungen käuflicher Sinnlichkeit mit allen Mitteln des modernen ‚Musikdramas‘ feierte.“ Fortan war Schreker aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, zumal er 1934 – wohl in Folge der nationalsozialistischen Hetze – einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall erlitt und verstarb. Anders also als im Falle manch eines anderen Komponisten gab es keine Fortsetzung des kompositorischen Schaffens im Verlauf des Dritten Reiches und nach Ende des Weltkrieges, die ihn im Bewusstsein der Musikinteressierten hätte halten können.

Schreker-Renaissance nicht in Sicht

Schrekers Œuvre versank in einem Dornröschenschlaf, in dem es sich seither – man muss es trotz der zunehmenden Versuche, seine Opern auf deutsche Bühnen zu bringen (wie in jüngerer Zeit beispielsweise am Bonner Theater) und Einspielungen seiner Werke vorzunehmen, sagen – immer noch befindet.

„Verschollene Übungssinfonie des jungen Brahms?“: Beginn der Kammersinfonie

Bei genauem Hinsehen sind aber auch die Einspielungen seines Werkes – mit einigen Ausnahmen – nicht wirklich aktuell, sodass sich auch hier nicht die  Tendenz zu einer angemessenen Schreker-Renaissance zeigt. Man muss dankbar für das sein, was überhaupt vorliegt. Auch die von Cappriccio jüngst herausgegebene 3 CD-Box bringt nicht wirklich etwas Neues, sondern fasst Aufnahmen des Labels zusammen, die alle schon vor geraumer Zeit in Einzelaufnahmen erschienen sind. Interessanterweise steht im Zentrum dieser Aufnahmen der „unbekannte Schreker“, was der Box wiederum einen speziell exotischen Charakter verleiht. Unbekannte Werke eines mehr oder minder unbekannten Komponisten vorzulegen scheint auf den ersten Blick so mutig, dass man wohl gewiss sein darf, dass es sich um ein Panoptikum kompositorischer Gemmen handeln muss. Das ist streckenweise tatsächlich auch der Fall. Ausgesprochen faszinierend ist beispielsweise die Einspielung des Melodrams „Das Weib des Intaphernes“. Sicher, die Textvorlage des Vielschreibers Eduard Stucken (der – welch eine Ironie des Schicksals! – im übrigen ein regimetreuer Nationalsozialist und Unterzeichner des „Gelöbnisses treuester Gefolgschaft“ war), ist literarisch mässig. Dafür ist sie ausserordentlich farbig und gibt dem bestens aufgelegten Sprecher Gert Westphal reichlich Gelegenheit zu glänzen.

Ein Mann der Oper

Schreker-Grab im Berliner Waldfriedhof Dahlem
Schreker-Grab im Berliner Waldfriedhof Dahlem

Die den Text psychologisch auslotende Musik Schrekers weist diesen als das aus, was er im Grunde ist: ein Mann der Oper. Das 20 Minuten währende Werk, das eine Geschichte von Bosheit, verderbter Lust, Verzweiflung und Rache erzählt, erinnert in seiner dunklen musikalischen Schwüle nicht selten an Richard Strauss‘ „Salomé“, und das WDR-Rundfunkorchester unter der Leitung von Peter Gülke schafft es ohne entscheidende Abstriche, die irisierende Klangwelt Schrekers sinnlich zum Leben zu erwecken.
Gleiches gilt für Schrekers schon fast monumentale Vertonung des 116. Psalms, der durch Gülke, das WDR-Orchester sowie den WDR-Rundfunkchor Köln mustergültig dargestellt wird. Wenig reizvoll ist Schrekers op. 1 – nicht so sehr aufgrund der Aufnahme, sondern als Werk. Hier hört man noch sehr viel Epigonales, bisweilen hat man das Gefühl, eine verschollene Übungssymphonie des jungen Brahms zu hören.

Franz Schreker als Textdichter

Die zweite CD, die ebenfalls WDR-Aufnahmen Gülkes umfasst, widmet sich dem Liedkomponisten, Dichter und Arrangeur Schreker. Hier nun kann man bei allem Wohlwollen gegenüber Schreker nicht umhin, mehr Schwächen als Stärken erkennen zu müssen. Der Textdichter Schreker ist wenig innovativ und gänzlich in seiner Zeit verhaftet. Texte wie „Immer hatt‘ ich noch Glück im Leben“ oder „Wollte ich hadern mit Glück und Schicksal“ sind nachgerade peinlich. Da ändert auch die Rezitation der Texte durch Westphal nichts. Die vorgestellten Orchesterlieder teilen diese Schwäche. Auch dass Mechthild Georgs schwerer Mezzo klanglich nicht überzeugen will und ihre Diktion oft mehr als mässig ist, hilft nicht weiter.

Bild: Fazit der Rezension
Die vom CD-Label Capriccio herausgegebene Box mit Werken Schrekers verdeutlicht sowohl die Stärken des absolut zu unrecht vergessenen Komponisten als auch seine Schwächen. Insgesamt eine verdienstvolle, auch qualitätsvoll eingespielte Zusammenfassung, die Lust auf das weitere Œuvre Schrekers macht.

Die dritte CD bringt schliesslich Schreker-Bearbeitungen für Klavier, die sein Schüler Ignaz Stasvogel vorgenommen hat. Pianist Kolja Lessing interpretiert die ausgesprochen gut bearbeiteten Stücke klangschön, durchsichtig und ohne jegliche Sentimentalität, die sich in der kleinen Suite „Der Geburtstag der Infantin“ schnell einschleichen und den reizvollen Miniaturen den Charakter von „Salonmusik“ verleihen könnte. Dabei ist Lessings Spiel keinesfalls nüchtern, sondern durchwegs engagiert. Höhepunkt dieser CD ist Stasvogels Bearbeitung von Schrekers „Kammersymphonie“, die nicht nur Lessings stilsichere Herangehensweise unterstreicht, sondern auch Stasvogels Fähigkeit, die klangliche Vielfalt der Schrekerschen Orchestrationskunst kongenial auf das Klavier zu übertragen. ♦

Franz Schreker: Das Weib des Intaphernes – Psalm 116 – Kammersinfonie – Lieder, Mechthild Georg, Gerd Westphal, WDR-Rundfunkchor und -orchester, Peter Gülke, Kolja Lessing, Capriccio, 3 Audio CD

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Lowell Liebermann: Little Heaven

ausserdem in der Rubrik „Heute vor … Jahren“ über die Oper von
Daniel Auber: Die Stumme von Portici

Steve Reich: WTC 9/11 – Kronos Quartett (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

„One of the towers just in flames“

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das Attentat auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 war die Initialkatastrophe des neuen Jahrtausends. Es ist kaum möglich, die Bilder der beiden brennenden und zerstörten Türme aus dem Gedächtnis zu verbannen, die Bilder der Männer und Frauen, die Hand in Hand aus den brennenden Gebäuden sprangen, der Feuerwehrleute, die staubbedeckt bis zur Erschöpfung nach Überlebenden suchten. Kann man dem mit einem Kunstwerk, einem Stück Musik begegnen?

Steve Reich - WTC 9/11 - Kronos QuartettDer amerikanische Komponist Steve Reich hat es versucht – und es ist ein kurzes, aber höchst intensives Werk dabei herausgekommen, das „WTC 9/11“ heisst und nun beim Label Nonesuch auf CD erschienen ist. Bei dem Werk handelt es sich um eine Auftragsarbeit für das Kronos-Quartet, das auch die Einspielung übernommen hat. „WTC 9/11“ ist ein Opus für drei Streichquartette, von denen zwei im Vorfeld aufgezeichnet wurden und eines live spielt. Hinzu treten im Vorfeld aufgezeichnete Stimmen. Das Werk ist kurz, knapp 16 Minuten dauernd.

Tonaufzeichnungen aus Gesprächen mit Augenzeugen

Die Sätze haben unterschiedliche Bezüge zum Anschlag. So bringt der erste Satz („9/11“) Tonaufzeichnungen des NORAD (North American Aerospace Defense Command) und des FDNY (New York Fire Department), die während des Attentats mitgeschnitten wurden. Der zweite Satz („2010“) bringt Tonaufzeichnungen aus Gesprächen mit Augenzeugen, die sich im Jahre 2010 an die Katastrophe erinnern. Der dritte („WTC“) kombiniert Erinnerungen von jüdischen Frauen, die monatelang im Medical Examiner’s Office in New York sassen, um dort – der jüdischen Tradition folgend – während der Shmira Psalmen und Passagen aus der Bibel zu sprechen, mit Gesängen eines Kantors aus einer der grossen Synagogen New Yorks.

Komponist Steve Reich - Glarean Magazin
Komponist Steve Reich

Die Musik selbst nutzt durchweg erkennbare Stilmittel. So verlängert Reich die Vokale des gesprochenen Textes, was einen gewissen Verfremdungseffekt hat, eines der Quartette spielt ununterbrochen Tonwiederholungen, die wie ein ständiges Warnsignal die ersten beiden Sätze durchziehen. Eines der anderen Quartette orientiert sich an der Sprachmelodie der aufgezeichneten Stimmen, stützt diese und zieht Material daraus. Das ist sehr intensive Musik, die die Anspannung und die Angst derjenigen Menschen, deren Stimmen der Hörer begegnet, eindringlich transportiert.

Das Geschehen musikalisch aktualisiert

Der zweite Satz beginnt zunächst mit Stimmen vor einem rauschend-brummenden Cluster, bevor die Tonwiederholungen wieder einsetzen, und zwar gerade in jenem Moment, da bei den sprechenden Personen die übermächtige Erinnerung an die Ereignisse wieder einsetzt („the first plane went straight into the building“). Das ist schon eindruckvoll, wie Reich durch die stilistischen Verbindungen des ersten und zweiten Satzes zeigt, wie der Moment des Erinnerns das Geschehen in seiner gänzlichen Gefühlsintensität augenblicklich aktualisiert. Bei Reich – das wird ganz deutlich – ist auch im Jahre 2010 immer noch 9/11.
Erst im letzten Satz wandelt sich das musikalische Geschehen. Die nervösen Tonwiederholungen enden und das Werk nimmt den Charakter eines altertümlichen Klageliedes an, in das sich die biblischen Gesänge des Kantors wie von selbst hineinfinden: „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“, und: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und bringe dich an den Ort, den ich bereitet habe.“

WTC = World To Come

WTC – das bedeutet für Reich auch „World To Come“, und so scheint der Satz und mit ihm das Werk zunächst noch einen tröstlichen Ausgang zu finden. Und doch: die letzten Minuten gehören einem Sprecher, der auf etwas anders hinweist: „The world to come, I don’t really know what that means, and there’s the world right here.“ In dieser Montage zeigt sich nicht nur die Unbegreiflichkeit der „world to come“, deren Tröstlichkeit nicht mehr unbedingt für jeden valide ist, sondern auch die Tatsache, dass wir täglich mit den Geschehnissen der „world right here“, mit Ereignissen wie dem Anschlag vom 11. September konfrontiert werden und in dieser gegenwärtigen Welt mit der Gefahr solcher Katastrophen weiterleben müssen. Konsequenterweise kehrt Reich dann auch musikalisch zum Anfang des Werkes zurück und lässt in den letzten Sekunden erneut den Warnton erklingen – leiser ist er wohl, aber er ist immer noch da.

Steve Reichs kompositorische Auseinandersetzung mit den New Yorker Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist durchweg gelungen: „WTC 9/11“ ist ein höchst intensives Musikstück, das gedanklich wie musikalisch dicht ist und die Intensität der Ereignisse für die Augenzeugen ausgesprochen plastisch präsentiert. Lediglich die Kopplung mit den „Dance Patterns“ und dem „Mallett Quartet“ wirkt unangemessen.

Wenig passend hingegen scheint mit die Kombination dieses durchweg aussergewöhnlichen Werkes mit dem „Mallet Quartet“ (2009) für Vibraphone und Marimbas, glänzend gespielt vom Ensemble Sō Percussion, und dem kurzen Stück „Dance Patterns“ aus dem Jahre 2002. Nichts gegen die Stücke an sich: das ist sehr rhythmusbetonte, gut klingende, schnelle, spielerische, nicht selten jazzige Musik, die fraglos ins Ohr geht. Was sie hier aber soll, wird nicht deutlich. Nach der Intensität von „WTC 9/11“ ist diese Musik an dieser Stelle überflüssig; man hat den Eindruck, die CD sei einfach noch auf eine Gesamtspielzeit von ohnehin schmalen 36 Minuten gestreckt worden. Dabei hätten die rund 16 Minuten Spielzeit des „WTC 9/11“ vollkommen gereicht… ♦

Steve Reich, WTC 9/11 – Kronos Quartet, Audio CD, Nonesuch 2011

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Musik-Symposium in Oldenburg 2008: Böse.Macht.Musik“

… sowie zum Thema Quartett-Musik über das
Corazón-Quartett: Wasser, Licht & Zeit (CD)

Alan Hovhaness: Exile-Symphony (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

„Ich komponiere, weil ich komponieren muss“

von Wolfgang-Armin Rittmeier

„Ich kann diese billige Ghetto-Musik nicht hören“. Das ist starker Tobak und nichts Geringeres als eine wahrlich vernichtende Kritik, zumal sie nicht von irgend jemandem stammt, sondern von Leonard Bernstein. Ziel des Spottes war die erste Symphonie des Tanglewood-Stipendiaten Alan Hovhaness, der 1911 als Alan Vaness Chakmakjian geboren wurde. Doch Bernstein war nicht der einzige Komponist in Tanglewood, der nichts mit der Musik des jungen Amerikaners armenisch-schottischer Herkunft anfangen konnte. Auch Aaron Copland lehnte seine Musik strikt ab. Gleiches gilt für Vigil Thomson.

Ablehnung durch die arrivierte amerikanische Musikwelt

Alan Hovhaness, Exile-Symphony - Boston Modern Orchestra ProjectDie Ablehnung dreier einflussreicher Männer der amerikanischen Musikwelt mag ein Grund dafür sein, dass Hovhaness‘ Musik auch in Europa so gut wie unbekannt geblieben und so gut wie nie im Konzertsaal zu erleben ist. Ein anderes Moment, das dazu geführt hat, in den Kreisen der europäischen E-Musik peinlich berührt und mit einem Anflug an Schamesröte standhaft an Hovhaness vorbeizublicken, ist die schlecht zu leugnende Tatsache, dass seine musikalische Sprache schnell so klingen kann wie esoterisch angehauchte, an asiatischen Klängen orientierte Entspannungsmusik. Räucherstäbchen, Mantras, „Om“ und Hovhaness als stimmungsvoller Soundtrack. Derlei kann man sich, beschäftigt man sich nicht weiter mit Philosophie und Œuvre des Komponisten, schon schnell als Meinung und endgültiges Urteil zurechtlegen. Spätestens jedoch, wenn der Hörer dann noch über eines der populärsten Werke des Komponisten stolpert, das pünktlich zu Beginn der Heydays der New-Age-Bewegung in den USA im Jahre 1970 erschien und den verdächtigen Titel „And God Created Great Whales“ trägt, ist das letzte Quentchen Offenheit gegenüber Hovhaness dahin. Denn wenn einer hingeht und auf Tonband gebannte Walgesänge in einer klasssichen Komposition unterbringt, so kann man doch wohl kaum noch von einer ernstzunehmenden Komposition eines ernstzunehmenden Komponisten reden, oder?

Spirituelle Erneuerung durch die Kunst

Doch, man kann. Denn wendet man sich weg vom allzu einfachen Esoterik-Vorwurf, so kann man in Hovhaness Kompositionen, die in ihrer Art vollkommen individuell sind, einen Kontrapunkt zu der akademisch arrivierten Musik seiner Zeit (Copland, Bernstein) erkennen. Denn brachte Amerika auf der einen Seite den Intellekt fokussierende seriell orientierte Komponisten hervor, so gab es mit Hovhaness auf der anderen Seite einen naturverbunden Mystizismus, der aus der Überzeugung des Komponisten hervorging, dass die technisierte Gegenwart die Seele des Menschen zerstört habe und der Künstler dabei helfen müsse, die Menschheit spirituell zu erneuern.

Komponist Alan Hovhaness (Glarean Magazin)
Komponist Alan Hovhaness

Das erkannten dann schliesslich auch eine Reihe anderer Künstler wie beispielsweise John Cage, Martha Graham, Leopold Stokowski und Fritz Reiner, die Hovhaness unterstützten. Dieses Jahr wäre er, der schliesslich doch zu einem der grossen alten Männer der ameriakanischen Musikszene aufstieg, einhundert Jahre alt geworden. Europa hat davon kaum Notiz genommen und auch der CD-Markt hat nicht allzuviel zu diesem Ereignis produziert.
Eine löbliche Ausnahme ist eine Produktion des Labels BMOP Sound, dem Hauslabel des „Boston Modern Orchestra Project“, einem der führenden amerikanischen Orchester im Sektor der neuen Musik. Gründer und Dirigent Gil Rose hat sich zum Hovhaness-Jahr nicht lumpen lassen und eine Reihe von Werken des Komponisten auf einer CD neu eingespielt, die vorwiegend aus dessen früher Phase stammen. Das früheste ist der 1933 entstandene „Song of the Sea“, und man darf glücklich darüber sein, dass dieses zweiteilige Stück für Klavier und Streichorchester nicht jener grossen Vernichtung von Frühwerken anheim gefallen ist, die Hovhaness zwischen 1930 und 1940 durchgeführt hat. Es präsentiert einen Komponisten mit Sinn für grosse, unmittelbar verständliche melodische Bögen und sinnliche Klangfarben, einen Nachfolger Sibelius‘ und Verwandten Vaughan Williams – einen späten Spätestromatiker also.

Die „Exile“-Symphonie

Dieser kaum sechs Minuten währenden Miniatur mit dem herrlich aufspielenden BMPO unter Rose und einem höchst delikat gestaltenden John McDonald am Klavier folgt die 1936 entstandene erste Symphonie, die den Beinamen „Exile“ führt. Das 1939 in England vom BBC Orchestra unter der Leitung von Leslie Heward uraufgeführte Werk gedenkt des Völkermorders an den Armeniern im Umkreis der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Höchst eindrucksvoll erhebt sich im ersten Satz (Andante espressivo – Allegro) über einer Ostinato-Figur eine orientalisch angehauchte klagende Klarinettenmeldie, die weiter durch die einzelnen Holzbläsergruppen wandert, wobei sie immer wieder einmal durch „heroische“ Fanfaren unterbrochen wird. Plötzlich brechen nervöse Streicher in die feierliche Klage herein, die Stimmung ändert sich: kriegerische Nervosität kommt auf. Das ist wahrlich nicht schlecht gemacht, weder was Meldodieführung, Instrumentation noch was die Dramaturgie des Satzes angeht. Ganz besonders begeistert die Spielkultur des BMPO, das minutiös jenen Wunsch umsetzt, den Hohvaness einmal in einem Interview gegenüber Bruce Diffie geäussert hat: Er wolle keinen Klangbrei, sondern dass man jeden Ton der Komposition höre. Besser als hier geschehen ist, kann man das kaum realisieren.. Herrlich auch der an mittelalterliche Tanzweisen erinnernde Ton des zweiten Satzes (Grazioso), der die ruhige Stimmung des vorangegangenen Andante espressivo wieder aufgreift.
Im dritten Satz, der bisweilen als „Triumph“ bezeichnet wird, kehren die kriegerischen Fanfaren des ersten Satzes ebenso wieder, wie die nervöse Ostinato-Figur der Streicher, jetzt jedoch eingebettet in eine wiederum altertümlich anmutende Choralmelodie, die das Werk zu einem hymnischen Abschluss bringt. In einer seiner Bewerbungen für ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung schreibt Hovhaness 1941: „Ich schlage vor, einen heroischen und monumentalen Kompositionsstil zu schaffen, der einfach genug ist, um jeden Menschen zu inspirieren, frei von Modeerscheinungen, Manierismus und falscher Bildung, dafür direkt, ehrlich und immer ursprünglich, aber nie unnatürlich.“ Die „Exile Symphony“ hat dieses Programm bereits fünf Jahre zuvor umgesetzt.

Drei „Armenian Rhapsodies“

Im Hovhaness-Jahr präsentiert das Boston Modern Orchestra Project unter der Leitung von Gil Rose einen interessanten Einblick in das Frühwerk des hierzulande zu wenig bekannten Komponisten Alan Hovhaness. Neben einer eindringlichen Wiedergabe der „Exile Symphony“ und der drei „Armenian Rhapsodies“ präsentiert diese CD erstmals das hörenswerte „Concerto for Soprano Saxophone and Strings“. Ein gelungenes Plädoyer für einen nicht selten missverstandenen Komponisten.

An die armenische Thematik schliessen die 1944 entstandenen drei „Armenian Rhapsodies“ an. Das musikalische Material zu diesen kurzen Orchesterstücken stammt aus Hovhaness‘ Zeit als Organist der St. James Armenian Apostolic Church in Watertown. Tatsächlich sind die drei Rhapsodien zusammen genommen ein Panoptikum armenischer Folklore und Sakralmusik. Da hört man lebhafte Tänze, ernsten Hymnen und untröstliche Weisen, allesamt für Streicher gesetzt, wobei an Intensität besonders die tief empfundene, klagende dritte Rhapsodie hervorsticht.
Schliesslich wird die CD abgerundet durch das späte Konzert für Sopransaxophon und Streichorchester aus dem Jahre 1988, das – obgleich es ausgesprochen schön musiziert wird (hervorragend: Kenneth Radnowsky am Saxophon) – in dieser Zusammenstellung ein wenig fehl am Platze wirkt. Denn obwohl Hovhaness einmal sagte, man könne seine späten von seinen frühen Kompositionen im Grunde nicht unterscheiden, so ist das doch nicht ganz richtig, und das Konzert für Sopransaxophon ist dafür ein gutes Beispiel: Obschon Hovhaness auch hier die kompositorischen Elemente seiner Frühzeit nutzt, so tritt in der Melodik der armenische Tonfall zurück und ein sphärenhaftes Idiom, das seit der zweiten Symphony (Mysterious Mountain, 1955) Hovhaness‘ Markenzeichen geworden war, dominiert. Zudem begegnet man traditionalistischen musikalischen Konventionen. Im ersten und letzten Satz begegnen wir gar der Fuge (Hovhaness war lebenslang ein grosser Bewunderer der Bach’schen „Kunst der Fuge“), im zweiten einem entzückenden langsamen Walzer und schliesslich einem Abschnitt, der wie eine Hommage an die Wiener Klassik anmutet. Und doch: Schön ist es in jedem Fall, das Werk nun überhaupt in einer Einspielung vorliegen zu haben. ♦

Alan Hovhaness, Exile-Symphony – Boston Modern Orchestra Project, Audio-CD, BMOP/sound 2011


Wolfgang-Armin Rittmeier (Musik)

Geb. 1974 in Hildesheim/D, Studium der Germanistik und Anglistik, bis 2007 Lehrauftrag an der TU Braunschweig, langjährige Erfahrung als freier Rezensent verschiedener niedersächsischer Tageszeitungen sowie als Solist und Chorist, derzeit Angestellter in der Erwachsenenbildung – Wolfgang-Armin Rittmeier im Glarean Magazin

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