Robert Hübner: SCHUND (Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten)

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Chronik eines privaten Schachzirkels

von Ralf Binnewirtz

Aus dem aktuell wieder etwas üppigeren Angebot an Schachbüchern in deutscher Sprache sollte das neue Werk von Großmeister Robert Hübner eine nähere Betrachtung verdienen, auch weil es mit dem erklärungsbedürftigen Titel „SCHUND“ und dem dubios anmutenden Untertitel „Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten“ prädestiniert scheint, ein neugieriges Lesepublikum anzulocken. Man mag sich fragen, ob diese Titulierung einem zuweilen gern geübten Understatement des Autors entspringt, zumal auf der Buchrückseite das einsame Diktum „Ein überflüssiges Buch“ in eine ähnliche Kerbe schlägt. Deutet sich hier etwa ein kurioser Akt von Selbstgeißelung an?

Nein, dem ist keineswegs so: Denn die „Dilettanten“ sind hier ausschließlich als „Liebhaber“ zu verstehen, und SCHUND ergibt sich aus dem Namen des Mini-Amateurschachvereins „Schachverband unverzagter Dilettanten“, dessen Historie im Buch dargelegt wird. Dieses enthält alle Partien der Mitglieder untereinander, und die Berichte zu zwei Fernreisen, die sich im Lauf der Vereinsgeschichte ergeben haben, sind in die Partiesammlung eingebunden. Eine (laut Vorwort versehentlich hineingeratene 😉) schachfremde Zugabe „Mumienportraits“ beschließt das Werk.

Eine famose Einleitung

Robert Hübner: SCHUND (Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten) - Rezension im GLAREAN MAGAZINIn einem glänzend formulierten Einleitungstext gibt Robert Hübner einen kurzen Rückblick auf die letzten 50 Jahre Schachbetrieb und die teils umwälzenden Veränderungen, die sich in dieser Zeit zugetragen haben, und die keinesfalls immer bzw. völlig zum Vorteil des Schachs und seiner Protagonisten geraten sind. Hübners unverwechselbare Diktion dürfte aus seinen früheren Publikationen hinlänglich bekannt sein, sie ist u.a. charakterisiert durch die Verwendung eines oft ein wenig antiquiert wirkenden Wortschatzes, und auch der bevorzugten alten deutschen Rechtschreibung hat er die Treue gehalten.
Seit jeher hat er es verstanden, seine (schach)kulturkritischen Ausführungen mit einer gehörigen Prise Witz oder mit subtiler Ironie anzureichern, weshalb ich diese Einleitung mit wachsendem Vergnügen gelesen habe. Wir erfahren hier auch über die beiden Gründer des SCHUND-Verbands, Arndt Borkhardt und Guntram Hilbenz, und den weitgehend machtlosen Verbandspräsidenten, offenbar Robert Hübner persönlich.

Nur eine Handvoll Mitglieder

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Zu den beiden Gründungsmitgliedern stießen später Adriaan Poffers aus dem Osten der Niederlande (Nijverdal), der sich als spielstärkstes Mitglied entpuppen sollte, sowie der bekannte deutsche FM René Borngässer, der bisher allerdings nur eine einzige Stippvisite bei einem Treffen in Düsseldorf gegeben hat. Zwei Mitglieder, A. Borkhardt und A. Poffers, haben ihren schachlichen Werdegang mit eigenen Worten im Buch präsentiert, über ihr Leben außerhalb des Schachs wird der Mantel des Schweigens gebreitet.1) Angesichts der kleinen Mitgliederzahl mag es vielen Lesern vermessen erscheinen, von einem Schachverband und einer Verbandsweltmeisterschaft zu sprechen, wie im Buch geschehen. Offenbar darf diese Form der Übertreibung, die das gesamte Buch durchzieht, nicht allzu ernst genommen werden.

Großmeisterlich kommentierte Partien

Robert Hübner an einer öffentlichen Schach-Simultanvorstellung
Großmeister Robert Hübner (geb. 1948) an einer öffentlichen Schach-Simultanvorstellung

Von den 45 Partien, die alle vom Autor in der ihm eigenen akribischen Art kommentiert wurden, sind nur zwei von Hübner selbst, eine weitere von Borngässer, die restlichen 42 Partien wurden bei diversen Anlässen von den drei Mitgliedern Borkhardt, Hilbenz und Poffers ausschließlich untereinander ausgetragen. Es ist klar, dass sich diese Amateur-Partien nicht auf hohem Meisterniveau bewegen können, zuweilen häufen sich auf beiden Seiten Ungenauigkeiten und Fehler jeglicher Art, und nicht selten werden Gewinnstellungen zum Verlust verkorkst, so dass der Partieausgang unvorhersehbar ist.
Bei vielen Nachspielenden mögen solche Partien aufgrund ihres limitierten Unterhaltungswerts wenig Begeisterung auslösen, sie könnten sich allerdings gut eignen als Lehr- und Übungsstoff in Schachkursen für fortgeschrittene Anfänger. Es sei dahingestellt, ob dies der Intention des Autors entsprach, kundgetan hat Hübner diesen Verwendungszweck seines Buchs nicht.

Im fernen Usbekistan

Fund von Alten Schachfiguren aus Afrasiab (Nähe Samarkand) Usbekistan - König, Streitwagen, Wesir, Elephant - Glarean Magazin
Fund der ältesten Schachfiguren in Afrasiab (Nähe des usbekischen Samarkand) aus dem 6.-8. Jahrhundert: König, Streitwagen, Wesir, Elephant (v.l.n.r.)

2017 wird Hübner von Verbandsarzt Hilbenz eine kraftschöpfende Reise verordnet, um einer temporären Schlaffheit abzuhelfen. Es ist hier nicht möglich, auf Stationen und Details dieser Gruppenreise, an der auch Hilbenz als betreuender Arzt teilnahm, näher einzugehen. Ob von der Reiseschilderung wohl merkliche Spuren im Gedächtnis der Leser verbleiben? Vielleicht von der Reiseleiterin, einer lähmende Langeweile verbreitenden matronenhaften „Babuschka“, die von Hübner trefflich verbal imitiert wird. Oder vom usbekischen Nationalhelden in spe, Temur (= Tamerlan), bei dessen Name mir spontan „Der Eiserne Käfig des Tamerlan“2) in den Sinn kommt. Aber derlei Assoziationen scheinen Hübner nicht zu befallen, und auch zum Besuch von Afrasiab bei Samarkand bleibt unerwähnt, dass dort 1977 die ältesten Schachfiguren der Welt ausgegraben wurden. Am Ende der Reise wird Hübner die „Mopshaftigkeit seines Tuns“ bewusst („Was suchte ich in Zentralasien?“), und er schließt das Kapitel mit dem erheiternden Kurzgedicht „Mopsenleben“ von Christian Morgenstern.

Viertägige Exkursion nach Böotien

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Ich vermerke, dass beide Reiseberichte ohne schachliche Zutaten auskommen. Bei der zweiten Reise im Mai 2019 ist erneut das Gespann Hilbenz / Hübner unterwegs: Im von Hilbenz gesteuerten Leihwagen geht es über Stock und Stein durch die griechische Landschaft, durch Orte und Bergdörfer mit mehr oder weniger zugänglichen Sehenswürdigkeiten. Erneut erspare ich mir Einzelheiten. Ich erwähne lediglich, dass der Altphilologe Hübner mehrfach an ihm geeignet erscheinenden Stellen aus antiken Texten zitiert, besonders umfänglich von Thukydides, und einmal kürzer von Platon. Die Übersetzungen aus dem Altgriechischen hat er selbst besorgt. Chapeau!

Ansehnliche Mumienportraits

Die vier im Schlusskapitel wiedergegebenen Mumienportraits (Nachbildungen, Eitempera auf Holz) sind in Farbe reproduziert worden. Mumienportraits waren Beigaben zur altägyptischen Mumienbestattung (nach 30 v. Chr.), die den Verstorbenen meist in jugendlichem, zumindest deutlich jüngerem Alter zeigen, möglicherweise ein wenig idealisiert in der Darstellung. Aus meiner Sicht ein gefälliger Schlusspunkt, der vom Autor schon im Vorwort mit einer kleinen Eulenspiegelei vorbeugend entschuldigt wird (siehe Leseprobe) – wegen der thematischen Ferne vom Rest des Buchs.

Vereinschronik mit Trainingsoption

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Robert Hübner hat in diesem Buch eine private Schachidylle beschrieben, die sich eine kleine Gruppe von Freunden geschaffen hat in dem Bestreben, sich ihrem Hobby nach eigenen Vorstellungen und unbeeinflusst von den Auswüchsen eines modernen Spielbetriebs widmen zu können. Ein weitgehend hermetischer Mikrokosmos, der Interaktionen mit der restlichen Schachwelt nicht vorsieht. Gut 75% des Buchs werden von den Partien beansprucht, die an sich für die Nachwelt kaum erhaltenswert wären. Erst Hübners eingehende, oft tiefschürfende, aber stets gut verständliche Kommentierung sorgt dafür, dass die Partien nutzbar werden als Trainingsmaterial für aufstrebende Schachjünger. Zugleich hat der Autor seinen SCHUNDlern eine Art Vereinschronik der letzten rund acht Jahre beschert, die die Erinnerung an gemeinsame Aktivitäten festhält, auch wenn letztere bald versanden sollten(?) Im Buch wird nicht mitgeteilt, ob dieser kleine Schachzirkel weiterhin Bestand haben wird. Aber vielleicht stellen sich auch Nachahmer ein.

SCHUND - Robert Hübner - Beispielseite - Glarean Magazin
Großmeisterliche Kommentierung kleinmeisterlicher Partien: Beispielseite aus „SCHUND“ von Robert Hübner

Ein überflüssiges Buch?

Dies mag von einem Teil der Leser bejaht werden, sofern sie bereits schachlich so hoch qualifiziert sind, dass ein Studium der Partien für sie entbehrlich ist. Geringer qualifizierte Schachfreunde haben hier umfängliches Material an der Hand, wo sie Fehlern begegnen, wie sie sie wohl oft selbst begehen: mangelhafte taktische Berechnungen, strategische Fehleinschätzungen, allzu schematische Züge, Missgriffe im Endspiel und andere leichtfertige Vergehen. Für sie kann dieses Buch durchaus empfohlen werden. Alle anderen werden hoffentlich ausreichende Orientierung hinsichtlich einer Kaufentscheidung erhalten haben.
Zu erwähnen bleibt letztlich die gediegene Ausstattung des Buchs (Fadenheftung!) und eine exzellente Textsatz-Gestaltung von Ulrich Dirr. ♦

1)Über Prof. Dr. med. Arndt Borkhardt erfahren wir mehr aus dessen Wikipedia-Seite; Dr. med. Guntram Hilbenz ist ein Allgemeinmediziner aus dem hessischen Florstadt (Wetterau-Kreis) mit einer ELO von knapp unter 2000, soweit ich dies eruieren konnte
2)Siehe z.B. Hilmar Ebert, Friedrich Wolfenter: Kegelschach, Aachen 1997, S. 277

Robert Hübner: SCHUND – Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten, 183 Seiten, Edition Marco, ISBN 978-3-924833-84-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Feuilleton auch über Geilmann/Stiefel/Herbold: Boris Spasski (Schach-Biographie)

Außerdem zum Thema Schach über: Gert von Ameln – Salin und der Schwarze Zauberer (Schach-Märchen)

Geilmann/Stiefel/Herbold: Boris Spasski (Schach-Biographie)

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Revue eines faszinierenden Schachlebens

von Walter Eigenmann

Lange Zeit stand der 10. Schachweltmeister Boris Spasski sowohl medial wie bibliographisch völlig im Schatten seines legendären Kontrahenten Bobby Fischer, an den er im spektakulären „Match des Jahrhundertes“ 1972 in Reykjavik den Titel abgeben musste. Eine deutschsprachige Monographie über den genialen „Leningrader Cowboy“ (geb. 1937) schließt nun diese Lücke im deutschsprachigen Schachbuch-Regal. Der neue Band des Autoren-Trios Ulrich Geilmann, Frank Stiefel und Manfred Herbold bringt uns nicht nur den großen Schachspieler, sondern auch den Menschen Boris Spasski näher.

Wussten Sie, dass Spasski 1976 nur deshalb aus der Sowjetunion nach Frankreich loskam, weil Staatspräsident Georges Pompidou persönlich sich bei Leonid Breschnew für seine „Freilassung“ einsetzte? Oder dass Spasski drei Leidenschaften sehr intensiv pflegte: Den Kaffee, die Zigarette und die Frauen? Oder dass Spasski am Grabe von Bobby Fischer bitterlich weinte, weil er in seinem ehemaligen WM-Feind einen späteren guten Freund verloren hatte?
Solche Details und noch eine Fülle mehr davon finden sich in Ulrich Geilmanns neuer Spasski-Biographie, die das Leben des genialen russisch-französischen Ex-Weltmeisters aus Leningrad in Wort & Bild & Partie auf feuilletonistisch amüsante Weise Revue passieren lässt.

Kombinationsvermögen und Stellungsgefühl

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In seinem Vorwort attestiert der deutsche Internationale Meister Bernd Schneider (und ehemalige Spasski-Kollege in der Solinger Bundesliga-Mannschaft) dem „russischen Bären“ Boris Spasski eine „herausragende Schachintuition, ein phantastisches Kombinationsvermögen und ein begnadetes Stellungsgefühl“. Und genau diese drei Qualitäten – also weniger die neurotische Schachbesessenheit eines Bobby Fischer, nicht die unbändige Kampflust eines Viktor Kortschnoi oder die kalte Präzision des jungen Anatoly Karpow und auch nicht das trickreiche Va-banque-Spiel eines Michael Tal – waren es, die das 1937 in Leningrad geborene Schachgenie schließlich im Jahre 1969 zum WM-Fight gegen Tigran Petrosjan und zum Titelgewinn führten.

Munterer Plauderton

Aufstrebendes Schachgenie 1956: Der junge Spasski
Aufstrebendes Schachgenie: Der 19-jährige Spasski unter sowjetischer Flagge

Im munteren, eher feuilletonistischen denn fachwissenschaftlichen Plauderton, gespickt mit allerlei Fakten, Anekdoten, Statements und Interviews geleitet Biograph Geilmann den Leser durch ein Schachleben, das ein faszinierendes, teils euphorisches, teils deprimierendes, doch immer interessantes Auf-Und-Ab im internationalen Schachzirkus der GM-Diven, Turnierbühnen und Politkriege darstellt. Boris Spasski – das ist mehr als das „Anhängsel“ von Bobby Fischer im legendären „Match des Jahrhunderts“ des Jahres 1972 im fernen Reykjavík. Boris Spasski, und dies dokumentiert das Buch der drei Autoren Ulrich Geilmann, Frank Stiefel und Manfred Herbold überdeutlich – dieser Name steht für das völlig singuläre Leben eines Schachmeisters, der die Vielfalt und Zerrissenheit, den Glanz und auch viel Elend einer ganzen Schachära in sich vereint.

Witzig-akkurate Illustrationen

Boris Spasski - Der Leningrad Cowboy - Ein Schachleben - Ulrich Geilmann - Inhaltsverzeichnis (Glarean Magazin)
Inhaltsverzeichnis von „Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben“

Leider enthält der Band kein einziges historisches Foto, obwohl passende Aufnahmen im Internet gebührenfrei und einfach zu organisieren gewesen wären. In diese schmerzliche Bresche sprang jedoch der bekannte Schach-Cartoonist Frank („Fränk“) Stiefel, der sich mächtig ins Zeug bzw. in den schwarz-weißen Zeichnungsstift legte. In unnachahmlich-bekannter Manier steuerte er Portraits, Situationsbilder und träf karikierende Zeichnungen bei, die den Text mit akkurat-köstlichem „Pinselstrich“ auflockern.

2’300 Spasski-Partien

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Daneben führt die neue Spasski-Biographie aber nicht nur seine wesentlichen Lebensstationen an, sondern sie enthält eine riesige Menge von Partien-Material aus allen Schaffensperioden des Leningrader Schachgenies. Zum einen sind da zahlreiche Schlüssel-Begegnungen im Buch selber zu finden, allesamt detailliert kommentiert und mit zahlreichen Diagrammen gespickt. Zum anderen legen die Autoren ihrem Band eine Bonus-CD mit nicht weniger als 2’300 Spasski-Partien bei – alle ebenfalls kommentiert, wobei den Löwenanteil der Anmerkungen der Buchautor Ulrich Geilmann selber sowie div. Computerprogramme mit ihrer „Taktischen Analyse“ beisteuerten. Alle Games wurden dabei sowohl im Standard-PGN- als auch im differenzierteren Chessbase-CBH-Format archiviert.

Amüsanter Schach-Lesestoff

Der 340 Seiten starke, in 16 Kapitel gegliederte Band mag seine Schwächen haben: Die komplette Absenz von historischem Bildmaterial, die zuweilen etwas holprige Sprache des inhaltlichen Teils (ok, das mag Geschmacksache sein) sowie leider diverse (durch sorgfältigeres Lektorat vermeidbare) Tipp- und Satzzeichen-Fehler müssen erwähnt werden. Bei einem stolzen Verkaufspreis von 30 Euro wäre diesbezüglich etwas mehr Akribie bei der Endkontrolle angemessen gewesen.

Boris Spasski - Der Leningrad Cowboy - Ein Schachleben - Ulrich Geilmann - Beispielseite (Glarean Magazin)
Beispiel-Seite aus Geilmann/Stiefel/Herbold: „Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben“

Auf der anderen Seite glänzt dieser (wohl auch als Liebhaberprojekt konzipierte) neue Band des Autoren-Trios Geilmann/Stiefel/Herbold durch schöne bibliographische Gestaltung, durch seine oft erfrischend unkonventionelle Partien-Kommentierung, durch eine breite Palette von (teils bis anhin unbekannten) biographischen Fakten und nicht zuletzt durch seinen köstlichen Mix von diversem anekdotischem „Psychofutter“, das uns nicht nur den Schachspieler, sondern auch den Menschen Boris Spasski näher bringt.

Karikatur von Frank Stiefel - Boris Spasski auf dem Weg zum Olymp - Glarean Magazin
Boris Spasski auf seinem Flug zum Olymp (Karikatur von Frank Stiefel)

Fazit: „Boris Spasski – Ein Schachleben“ bereitet echtes Schach-Lesevergnügen. Die Biographie ist flüssig und unterhaltsam geschrieben, wartet mit zahllosen Anekdoten, aber auch vielen familiären und politischen Schlüsselmomenten im Leben des 10. Schachweltmeisters auf, und sie präsentiert eine in dieser Kompaktheit und kommentatorischen Qualität überdurchschnittliche und äußerst umfangreiche Partien-Sammlung.
Vor allem aber wird mit dieser Spasski-Monographie eine Lücke im deutschsprachigen Schachbuch-Regal geschlossen, indem sie eine der schillerndsten, doch bis anhin leider weitgehend unter Wert beachteten Persönlichkeiten der Schachgeschichte in den Fokus holt. Das allein stellt ein hohes Verdienst dieses Buches dar. ♦

Ulrich Geilmann, Frank Stiefel, Manfred Herbold: Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben, 340 Seiten, plus Partien-Sammlung (CD), Maya-&Paul-Verlag, ISBN 978-3981984934

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Weltmeisterschaften auch über André Schulz: Das grosse Buch der Schachweltmeisterschaften

…sowie zum Thema Bobby Fischer von Frank Brady: Endspiel

Taylor Kingston: Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior

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Lebendige Partien eines Todgeweihten

von Ralf Binnewirtz

Der US-amerikanische Schachhistoriker und -autor Taylor Kingston dürfte den meisten Schachfreunden bekannt sein, mir selbst ist noch die „gute alte“ ChessCafe-Seite (bevor diese für Nutzer bezahlpflichtig wurde) in angenehmer Erinnerung, wo er mit unzähligen Rezensionen auf sich aufmerksam gemacht hat. Für das neueste Buch aus seiner Feder: „Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior“ hatte Kingston zunächst einen korrigierten Reprint der Partiesammlung von Fred Reinfeld aus dem Jahre 1936, „Colle’s Chess Masterpieces“, ins Auge gefasst. Aber ein solches Update hätte heutigen Ansprüchen nicht genügt, so dass er sich zu einer kompletten Neubearbeitung entschloss, die auch mit einer erheblichen Erweiterung des Umfangs einherging.

Biografie? Fehlanzeige!

Edgard Colle: Caissa's Wounded Warrior - Taylor KingstonWer aufgrund des Titels eine Biografie von Edgard Colle erwartet hat, wird eine solche in diesem Buch nicht finden. Bereits ein zweiter länglicher Untertitel auf der inneren Titelseite weist auf die Intentionen des Autors hin: „An exploration and celebration of the artistry of the Belgian chess champion and prolific international tournament player Edgard Colle (1897–1932)“. In der Tat ist (bisher) über Colles Leben außerhalb des Schachs nahezu nichts bekannt geworden, seine Familie, Jugend und Erziehung, Berufsausbildung zum Journalisten, sein Werdegang und Aufstieg zum Schachmeister bleiben im Dunkeln1), und inwieweit sich der Nebel durch weitere Recherchen in belgischen Archiven noch lichten wird, bleibt abzuwarten2). Taylor Kingston gibt freimütig zu, dass er diese Arbeit nicht leisten konnte.

Edgard Colle vs Alexander Alekhine - Schach-Turnier 1925 - Glarean Magazin
Edgard Colle (rechts) am Brett gegen Alexander Aljechin (Turnier 1925)

Der Autor musste sich daher darauf beschränken, in einem einleitenden Teil I über den historischen Hintergrund zu referieren sowie Erinnerungen von zeitgenössischen Meistern bzw. Nachrufe aus der Schachliteratur zu zitieren. So erfahren wir aus Max Euwes Gedenkboek Colle über die herzliche Freundschaft zwischen dem späteren WM Euwe und Edgard Colle, der Meister aus Gent war ein häufiger Gast bei Euwe in Amsterdam und wurde quasi ein Familienmitglied (für Euwes Kinder war er der „Onkel Colle“).

Krankheit und früher Tod

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Colles bedauernswert fragiler Gesundheitszustand war bedingt durch ein Magengeschwür, das ihn auch bei Schachturnieren zunehmend quälte und einschränkte, es war für seinen tragischen, allzu frühen Tod mit 34 Jahren verantwortlich: Die medizinischen Möglichkeiten seiner Zeit waren für eine erfolgreiche Behandlung schlicht unzureichend, und nach drei überstandenen, wirkungslosen Operationen sollte er den vierten Eingriff nicht überleben, kurz vor seiner geplanten Vermählung und der ersehnten Gründung einer eigenen Familie, wobei er sich auch beruflich hatte umorientieren wollen – vom Schachmeister zum Journalisten.

Schachritter ohne Furcht und Tadel

Edgard Colle - Primer premio en Scarborough 1930 - Mesa cruzada - Revista Glarean
Einer der großen Turnier-Höhepunkte für Edgard Colle: Erster Preis in Scarborough 1930, noch vor Maroczy und Rubinstein

Hans Kmoch hat in der Wiener Schachzeitung einen ergreifenden Nachruf auf Colle geschrieben, der in englischer Übersetzung im Buch wiedergegeben ist.3) Seine Worte bezeugen, dass sich Colle – ob am oder abseits des Schachbrett(s) – stets vorbildlich verhalten hat, allzeit ein perfekter Gentleman, der trotz seiner Krankheit nie in Wehleidigkeit verfiel, sich vielmehr durch Optimismus und Heiterkeit hervortat. Zugleich war er ein unermüdlicher Kämpfer am Schachbrett, ein „knight sans peur et sans reproche“ (Kingston), ein „Schachmeister mit dem Körper eines Todgeweihten und mit dem Geist eines unsterblichen Helden“ (Kmoch).

Vorbildliche Partien-Präsentation

Colle-Eröffnungs-System - Glarean Magazin
Charakteristisches Stellungsbild im Colle-Eröffnungssystem: Weiß plant früher oder später den Bauernvorstoß e3-e4

Teil II, das Herzstück des Buchs, präsentiert auf gut 200 Seiten 110 kommentierte Partien und Partiefragmente, neun weitere unkommentierte Partien (die in den Auszügen aus Euwes Gedenkboek erwähnt sind) finden wir in Anhang A. Allein die schiere Zahl der Partien (gegenüber lediglich 51 im Reinfeld-Buch) zeigt, dass der Autor eine immense Arbeit investiert hat mit der Sichtung und Auswahl, die ja unvermeidlich mit der Computerprüfung aller Partien verknüpft war.
Erwartungsgemäß haben sich hierbei manche alten „Meisterwerke“ (bei Reinfeld) als wenig meisterlich entpuppt. Die Kommentierung der Partien beruht nun wesentlich auf sorgfältigen Engine-Analysen, bisweilen sind im Buch auch die Computerbewertungen eingestreut (mit Angabe der eingesetzten Engine und der berechneten Halbzüge).

Moderne Ansprüche befriedigend

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Wie schon aus dem Inhaltsverzeichnis in der Leseprobe ersichtlich, hat Kingston die Partiesektion unterteilt in eine Reihe von Kapiteln, die bestimmte Partietypen, Partiephasen oder Aspekte der schachlichen Fähigkeiten thematisieren. Innerhalb der Kapitel wurde keine chronologische Ordnung angestrebt, die Partien sind nur grob nach ansteigender Komplexität sortiert. Es fällt positiv auf, dass alle Kapitel durch eine Einführung eingeleitet werden, gleiches gilt für die meisten Partien, wobei hier in der Regel Colles Gegner kurz vorgestellt werden. Im Vergleich zum Reinfeld-Klassiker ist mit der ungleich ausführlicheren und tieferen Partiekommentierung (verbal und mit Varianten), mit der figurinen Notation sowie zahlreichen eingefügten Diagrammen eine Partiesammlung entstanden, die modernen Ansprüchen gerecht wird.

Colles Eröffnungssystem kaum ein Randthema

Bis heute ist Colle im kollektiven Schachgedächtnis präsent durch das von ihm geschaffene Eröffnungssystem, das er selbst virtuos handhabte und später auch von seinem Landsmann George Koltanowski propagiert und ausgearbeitet wurde. Dass Koltanowski im Buch zu kurz gekommen ist4), mag man kritisieren, andererseits wollte Kingston in seinem Buch nicht die Eröffnungstheorie des Colle-Systems abgehandelt haben, vielmehr die Spielkunst von Colle demonstrieren, exemplifiziert an dessen Partien. Literatur zum Colle-System gibt es schließlich schon genug.

Großer Taktiker mit wechselhaftem Erfolg

Legendäres Markenzeichen von Edgard Colle: Das Läuferopfer auf h7

Der Spielstil von Colle kann mit vielerlei Attributen versehen werden: dynamisch-aktiv, scharf, kraftvoll, aufregend, kreativ, taktisch-kämpferisch … Jedenfalls war Colle in allen Schach-Sätteln versiert. Seine schwankenden Turniererfolge waren fraglos seiner chronischen Erkrankung geschuldet (zu seinen größten Erfolgen zählen die ersten Plätze in Meran 1926 und Scarborough 1930). Man kann davon ausgehen, dass er deshalb auch eine stark taktisch ausgerichtete Spielweise mit der Aussicht auf eine schnelle Entscheidung bevorzugt hat. Seine Vorliebe für das Läuferopfer auf h7 (in seiner Eröffnung) soll bei seinen Meisterkollegen sprichwörtlich gewesen sein.5) Wenn es sein musste, hat er lange Sitzungen am Turnierbrett trotzdem klaglos angenommen. Nur gegen einige Spitzenspieler (Aljechin, Capablanca, Nimzowitsch, Vidmar) hat er leider nie eine Gewinnpartie verzeichnen können.

Eine von Colles Glanzpartien – seine „Unsterbliche“ – darf hier nicht fehlen:

Colle hat in knapp 10 Jahren über 50 Turniere und ein Dutzend Wettkämpfe gespielt, das ist eine beachtliche Quote. Es lässt sich nicht genau sagen, wo ein gesunder Colle bei einem längeren Leben in der Rangliste der Schachgrößen gelandet wäre, seine höchste historische Ratingzahl von Nov. 1930 stuft ihn als die Nr. 14 seiner Zeit ein.

Gelungene Partiesammlung eines faszinierenden Spielers

Das Buch wird komplettiert durch ein Vorwort von Andy Soltis und durch diverse Anhänge: Tabellen zu Colles Turnier- und Matchergebnissen, sämtliche Turniertabellen, eine Bibliografie sowie Indizes der Spieler und Eröffnungen. Insgesamt ist Taylor Kingston eine solide, verlässliche und gut kommentierte Partiesammlung zu Colle gelungen, die in allen Belangen zufriedenstellen dürfte und die eine lange bestehende Lücke in der Schachliteratur geschlossen hat, denn der alte „Reinfeld“ ist wegen der bekannten Mängel wenig nutzbar. Zudem ist der außergewöhnliche Mensch und Schachspieler Edgard Colle damit wieder verstärkt ins Bewusstsein der Schachfreunde gerückt worden, auch deswegen verdient das Buch eine Empfehlung. Die ultimative Colle-Biografie ist zwar noch nicht erschienen, aber wir dürfen berechtigte Hoffnung hegen, dass sie in nicht so ferner Zukunft auf unserem Büchertisch liegt. ♦

1)Frank Hoffmeister gibt in seinem Buch „100 Jahre Belgische Schachgeschichte“ (Thinkers Publishing 2020) wenige Details, die Kingston für sein Buch vermutlich nicht mehr berücksichtigen konnte. Ein auffälliger Satz aus dem Abschnitt über Colle sei hier zitiert, da er mit dem integren Charakter Colles nicht im Einklang scheint (S. 46): „Der Vorstand des Genter Clubs schloss seinen Vereinsmeister von 1917 und 1918 allerdings nach Ende des 1. Weltkriegs wegen ‚Sympathie für den Feind‘ für drei Jahre aus, bevor er auf Betreiben von Präsident Verschueren im Jahr 1921 rehabilitiert wurde.“
Als Quelle ist eine Genter Schachklub-Chronik aus dem Jahre 2000 angegeben, in der sich auch ein längerer Gedenkartikel von Bernard de Bruycker über Colle findet.
Hingewiesen sei noch auf die schöne Website „Belgian Chess History“ von Nikolaas Verhulst (mit einer Seite über Colle ), die auch von Taylor Kingston gewürdigt wird.

2)Der belgische GM Luc Winants arbeitet aktuell an einer umfassenden Colle-Biografie (nach Hoffmeister, s. [1] S. 47)

3)Das deutsche Original dieses Nekrologs in der WSZ Nr. 9, Mai 1932, S. 129f., ist online verfügbar auf ANNO – AustriaN Newspapers Online https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=sze&datum=1932&pos=191&size=45. In einer Nachlese zu Colle ist dort (S. 131-133) auch Colles letzte Turnierpartie gegen A. Rubinstein (Rotterdam, Dez. 1931) wiedergegeben, die zugleich Rubinsteins letzte Turnierpartie gewesen ist – eine bemerkenswerte, um nicht zu sagen merkwürdige Koinzidenz! Siehe im Buch das Kapitel „Swan Song“, S. 228-233

4)So John Donaldson in seinem Review in Oklahoma Chess Monthly, June 2021, p. 9f. http://ocfchess.org/pdf/OCM-2021-06-01.pdf

5)Dr. Stefan Ottow: „Meister des Läuferopfers – Edgard Colle und sein System“, in Kaissiber Nr. 3, Juli-Sept. 1997, S. 44-57

Taylor Kingston: The Fighting Chess of Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior, 272 Seiten, Russell Enterprises Inc., ISBN 978-1-949859-27-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Theorie auch über Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer

Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (Band 1-3)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Referenzwerk für alle Leistungsklassen

von Thomas Binder

Mit dem Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer legen Großmeister Luther und seine Co-Autoren ein mehrbändiges Standardwerk für Schachtrainer jeden Leistungsniveaus vor. Neben der Erläuterung rein schachlicher Themen – immer mit dem Schwerpunkt auf deren Vermittlung im Training – stehen trainingstheoretische und allgemein schachliche Beiträge, die das Wissen des Trainers abrunden. Das Werk ist bereits jetzt umfassend, aber lässt die Tür für eine Fortsetzung offen.

Thomas Luther ist ein deutscher Schachgroßmeister, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu den besten Spielern seines Landes gehörte. Er war dreimal deutscher Einzelmeister (zuletzt 2006) und spielte bei fünf Schacholympiaden (darunter einmal für die internationale Auswahl der Körperbehinderten). Inzwischen ist er nur noch gelegentlich am Turnierbrett anzutreffen, arbeitet vornehmlich als Trainer und vertritt zudem die Interessen behinderter Schachfreunde beim Weltverband FIDE.
Als Trainer geht Luther weit über das reine Training – zu seinen Schützlingen gehörte u.a. die spätere Weltklassespielerin Elisabeth Pähtz – hinaus und widmet sich der Ausbildung von Trainern sowie den theoretischen Grundlagen des Schachtrainings.

850 Seiten geballtes Wissen

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (3 Bände)Im Dresdner JugendSchach-Verlag hat Thomas Luther nun unter Mitarbeit einer Reihe weiterer namhafter Schachtrainer das dreibändige „Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer“ vorgelegt. Das sind über 850 Seiten geballtes Wissen und Material für Trainer jeder Leistungs- und Erfahrungsstufe – ein Standardwerk im besten Sinne, das das Zeug hat noch für Generationen von Schachausbildern gute Dienste zu leisten.
Band 1 und 2 bauen inhaltlich aufeinander auf und Band 3 ist als „Materialband“ betitelt. Er enthält ein weiteres Füllhorn an Aufgaben und einige ausführliche Texte, auf die in den vorherigen Kapiteln verwiesen wurde.

Auch für Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke

Thomas Luther am Schachbrett - Glarean Magazin
Schrieb ein „beispielloses“ Kompendium „von unschätzbarem Wert“: Großmeister Thomas Luther (*1969 in Erfurt)

Der Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke kann das Werk quasi als Trainer-Lehrbuch durcharbeiten, wird aber wohl von der Fülle des Materials erschlagen sein. Ohne einen erfahrenen Mentor wird er auch mit der besten Lektüre nicht vorankommen. Bereits aktive Trainer, die möglichst auch eigene praktische Erfahrung als Spieler mitbringen – egal auf welchem Liganiveau – finden ein Kompendium an Ratschlägen und Materialien von unschätzbarem Wert. Selbst sehr erfahrene und spielstarke Trainer werden es zu schätzen wissen, hier ihre Materialsammlung zu ergänzen und manch interessante Hintergrundinformation erhalten, die ihnen bisher entgangen war.
Im Großen und Ganzen kann man den Inhalt in drei Komplexe einteilen, die sich kapitelweise verschränken, so dass der Leser insgesamt vom Elementaren zum Komplizierteren geführt wird.

Klassisches Schachlehrbuch für Trainer

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_07
Die Formen des Schachunterrichts mal theoretisch…

Da sind zum einen die Abschnitte, die sich zu einem nahezu klassischen Schachlehrbuch zusammenstellen ließen. Der Adressat ist aber auch hier bereits der Trainer. Alles wird unter dem Gesichtspunkt der Vermittlung an den Lernenden dargestellt. Nach Grundübungen zu den Spielregeln und den Besonderheiten der Figuren folgen weiterführende Schachlektionen. Diese unterteilen sich in die Abschnitte „Eröffnung“, „Taktik I“, „Endspiel I“ (Bauernendspiele), „Strategie“, „Taktik II“ und „Endspiel II“ (Turmendspiele). Bei den Eröffnungen bleibt Luther erwartungsgemäß knapp. Es geht hier nur sehr begrenzt um konkrete Varianten, mehr um die Grundprinzipien, die der Trainer seinem Schüler vermitteln muss. Im Endspiel konzentriert sich der Autor mit Bauern- und Turmendspielen auf diejenigen Typen, die in der Praxis besonders wichtig sind.

Vom „Gummiband-Motiv“ bis zum Turnier-Wertungssystem

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_08
… und mal praktisch (Leseproben aus Luther: Handbuch für den Schachtrainer, Bd.1)

Auch hier habe ich kaum ein wichtiges Thema vermisst. Sehr gut gelungen sind die Kapitel zu Taktik und Strategie. Im Taktik-Apparat werden erwartungsgemäß die wichtigsten Kombinationsmotive vorgestellt. Sie sind mit anschaulichen Beispielen illustriert und mit Liebe zum Detail aufbereitet. Das „Gummiband-Motiv“ hat man z.B. schon oft gesehen, aber bisher nicht unter diesem Namen gekannt. Die Strategie-Themen sind erfreulich ausführlich, wobei der Schwerpunkt auf der Bauernstruktur liegt. Auch hier erleichtern die Partiebeispiele das Verständnis enorm.
Nicht vergessen werden auch jene Schachtrainer, die wegen geringer Erfahrung im Turnierschach noch ein paar Erläuterungen zu Turnier- und Wertungssystemen benötigen. Der Anhang von Band 1 ist für sie geschrieben.
Alle bereits bei der inhaltlichen Besprechung mit prägnanten Beispielen erläuterten Themen werden jeweils durch umfangreiche Teststellungen und Arbeitsblätter (sowohl im Haupt- wie im Materialband) ergänzt.

Pionierarbeit in Sachen Trainingsmethodik

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Ein zweiter Komplex sind Kapitel zur Trainingsmethodik. Dass es darüber in dieser Ausführlichkeit und Detailschärfe praktisch keine vergleichbare Literatur gibt, hätte den Wert der vorliegenden Arbeit schon allein begründet. Der große Erfahrungsschatz der Autoren tut ein Übriges. Es wimmelt nur so von praktischen Ratschlägen, liebevoll bis ins Detail ausgearbeitet – von der richtigen Position des Trainers vor dem Demobrett bis zu den Besonderheiten des Trainings für Spät- oder Wiedereinsteiger. Zudem werden einzelne Trainingsansätze vorgestellt, von denen auch manch erfahrener Schachcoach wohl noch nichts gehört hat. Vieles wird dabei im Zusammenhang mit den inhaltlichen Themen vermittelt, ein weiterführendes Kapitel über Schachtraining und ein Ausblick auf das Hochleistungstraining schließen den zweiten Band ab.

Schachmedizinische und -psychologische Elemente berücksichtigt

Schließlich gibt es einen Komplex von Beiträgen zur Wissensvermittlung, die über das Kerngeschäft des Schachtrainers hinausgehen, dessen Schachwissen aber abrunden sollen. So gibt es in jedem der beiden Hauptbände je ein Kapitel zur Schachgeschichte und zur Schachpsychologie, außerdem einen umfassenden Abschnitt über das schachtypische Talent und seine Messung sowie u.a. über „Wunderkinder“ und Beiträge über medizinische Aspekte (u.a. Doping).

Tadelloses Buch-Outfit

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1-3 - Strategie - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Strategische Lehrbeispiele, hier: Der „Minoritätsangriff“

Dem hohen Aufwand, den die Autoren in ihr Werk gesteckt haben, trägt auch die äußere Aufmachung Rechnung. Alles ist tadellos layoutet und angenehm lesbar, selbst in den weniger bebilderten Abschnitten. Schreibfehler halten sich in einem so kleinen Rahmen, dass sie den Wert der Bücher in keiner Weise trüben.
Dem Aufbau aus abgeschlossenen Abschnitten verschiedener Autoren ist es geschuldet, dass manches nicht ganz konsistent über den Tisch kommt. Im Kapitel über das Remis wird z.B. die 50-Züge-Regel verschwiegen und die Stellungswiederholung nur als Zugwiederholung behandelt. Andererseits wird das Dauerschach vorgestellt – wir sind hier eben nicht in der Regelkunde, sondern in praktischen Überlegungen zur Punkteteilung.
Etwas knapp kommen dabei „technische Remisstellungen“ weg, wenn z.B. nur erwähnt (aber nicht erklärt) wird, dass die Dame gegen einen Läuferbauern auf der vorletzten Reihe nicht gewinnen kann – ganz abgesehen davon, dass dies auch für den Randbauern gilt. Die konsistente Darstellung der Remisformen findet sich später im Materialband in einem Kapitel über praxisrelevante Regelfragen.

Kontroverse Meinungen zu einigen Themen

Die Autoren scheuen sich auch nicht, zu einigen Themen kontroverse Meinungen zu vertreten. Das ist sogar eine Stärke des Buches. Man hat immer den Eindruck, von Luther und seinen Kollegen direkt angesprochen zu werden – ihre persönliche Sicht und Erfahrung teilen zu dürfen. Dennoch wird man ihnen nicht an allen Punkten zustimmen. Unangenehm ist mir z.B. der despektierliche Umgang mit der Geschichte eines deutschen „Wunderkindes“ aus den 1960er-Jahren aufgefallen.

Wunsch: Ein weiterer Band zu neuen Detail-Fragen

Schach-Simultan - Weltmeister Garry Kasparow gegen U-18 Jugendliche - Finnland 20213 - Glarean Magazin
Praktische Schach-Lektionen vom Ex-Weltmeister: Garry Kasparow an einer Simultan-Vorstellung gegen U18-Jugendliche in Helsinki

Nun kann man ein noch so umfangreiches Trainerlehrbuch schreiben, es wird immer Wünsche geben, die offen bleiben. Was die rein schachlichen Inhalte des Werkes betrifft, haben die Autoren sich offenbar auf einen Level an Tiefe und Komplexität geeinigt, den sie nicht überschreiten wollten. Das ist verständlich und es ist ihnen gut gelungen. Über alle Themen halten sie diese Vorgabe sehr konsequent ein, sorgen somit dafür, dass das Gesamtwerk an Umfang und Anspruch genau die Erwartungen erfüllt. Der Weg, hier und da noch weiter ins Detail zu gehen oder neue Themen aufzugreifen, ist ja nicht verbaut – ein weiterer Band wäre vorstellbar, Stoff dafür sicher mehr als genug vorhanden. Vielleicht darf dies hiermit sogar als Wunsch formuliert sein!?

Digitalzeitalter zu kurz gekommen

Wenn wir bei den Wünschen sind – was fehlt mir noch? Zunächst könnte der Verlag an zwei Stellen für etwas mehr Übersichtlichkeit sorgen: In der Kopfzeile jeder Seite stehen neben der Seitenzahl nur der verkürzte Buchtitel und der Name des Autors. Hilfreich wäre es, hier jeweils das aktuelle Kapitel zu notieren, gern auch den jeweiligen Unterabschnitt. Außerdem würde ich mir ein Sachregister (meinetwegen auch ein Namensregister der zitierten Meisterpartien) wünschen. Dem Aufbau des Werkes ist es geschuldet, dass sich Themen überschneiden und später wieder aufgegriffen werden, da wäre ein Register hilfreich.

Online-Schach-Unterricht - Glarean Magazin
Das Digitalzeitalter zuwenig berücksichtigt: Online-Schachunterricht via Internet

Inhaltlich wünsche ich mir ein verstärktes Eingehen auf die Erscheinungsformen des Digitalzeitalters. Überspitzt formuliert: Das vorliegende Werk hätte so auch schon vor 30 Jahren geschrieben werden können. Ausführliche Abschnitte über Training und Analyse mit Computer-Unterstützung, über digitale Trainingsmedien – seien es professionelle Produkte oder frei verfügbare Internet-Videos – und schließlich natürlich über das Schachspielen auf Online-Servern mit all seinen Facetten sollten unbedingt Berücksichtigung finden. Das sind Fragen, mit denen man selbst beim Training jüngerer Schüler frühzeitig konfrontiert wird.
Vielleicht können die Autoren aus ihrer reichen Erfahrung auch noch mehr konkrete Tipps für die Organisation kleiner Turniere und praktische Ratschläge für das Verhalten bei Schachturnieren (für Spieler wie Trainer!) einfügen. Das wäre wiederum Stoff für ein ganzes Kapitel.
Dem Potential dieses neuen Standardwerkes ist mit solchen Ergänzungswünschen kein Zweifel angetan. Schon jetzt liegt ein beispielloses Werk vor, aus dem Schachtrainer unendliche Anregungen und noch mehr anwendungsbereite Beispiele schöpfen können. ♦

Thomas Luther u.a: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer, Bände 1-3, je 288 Seiten, JugendSchach Verlag Dresden

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Training auch über Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen


Brekke & Olafsson: The Chess Saga Of Fridrik Olafsson

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Denkmal für eine Schach-Legende

von Ralf Binnewirtz

Mit Freude und Genugtuung dürften die schachbegeisterten Isländer, aber auch die meisten Schach(buch)freunde weltweit diese „Chess Saga of Fridrik Ólafsson“ begrüßen, die die rund 70 Jahre umspannende Schachlaufbahn von Fridrik Ólafsson erstmals für eine globale Leserschaft in Englisch darlegt.
Die Neuerscheinung basiert auf Ólafssons Partiesammlung aus dem Jahre 1976 mit lediglich 50 Partien, die in Altnorwegisch (Isländisch) verfasst war. Mit nunmehr 114 vorbildlich kommentierten Partien und vier Endspielen sowie einer reichhaltigen Bebilderung bildet das aktuelle Werk eine würdige Aufarbeitung von Ólafssons schachlichem Erbe.

The Chess Saga of Fridrik Ólafsson - Schach-Biographie - Rezensionen Glarean MagazinDer inzwischen 86-jährige Fridrik Ólafsson (GM-Titel 1958) hat seine Schacherfolge weithin als Amateur erstritten, allenfalls zeitweilig hat man ihn als Halb-Profi erlebt. Beruflich war er als Jurist tätig (u.a. 1968-74 als Beamter in der Isländischen Abteilung für Justiz und Kirche), 21 Jahre (ab 1982) war er Generalsekretär des isländischen Parlaments „Althingi“, zudem ist er als FIDE-Präsident mit kurzer Amtszeit (1978-82) in Erinnerung – über die Hintergründe seiner Nichtwiederwahl 1982 gibt Kap. 8 Auskunft. Sein Privatleben wird im Buch nur marginal gestreift, 1962 hat er Audus Juliusdóttir geheiratet, die ihm zwei Töchter schenkte.

Aufstieg zum Weltklassespieler

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Trotz der nachteiligen geografischen Insellage Islands reifte Ólafsson im Laufe der 50er Jahre zu einem starken Großmeister heran, der es bis in das WM-Kandidatenturnier 1959 in Bled/Zagreb/Belgrad schaffte, und der sich auch den gefürchteten Sowjetrussen häufig als ebenbürtig erwies. Ins Buch aufgenommene, teils glanzvolle Gewinnpartien gegen die Schachgrößen seiner Zeit zeugen von seiner enormen Spielstärke, die immer wieder aufschien, auch als längst andere Prioritäten Ólafssons Leben bestimmten.
Sein Spielstil war auf Angriff ausgerichtet, strategische Meisterstücke wie sein Sieg gegen Reshevsky 1963 ergaben sich selten. Vielmehr haben brillante Angriffssiege wie gegen Wade 1954, Eliskases 1960 oder Tal 1975, um nur wenige zu nennen, das Bild eines unerschrockenen Schach-Vikingers geprägt, der seine Anhänger begeisterte, und der als Nationalheld in Islands Geschichte eingegangen ist. „The legend will stay alive as long as the Icelandic people care for their history.“ (Gudmundur Thórarinsson in seinem Buch-Beitrag „Fridrik Ólafsson and His Achievements“)

Chronik einer Schachlaufbahn

Islands Grandsigneur des Schachs: Fridrik Ólafsson
Islands Grandseigneur des Schachs: Fridrik Ólafsson (geb. 1935)

Rund 95 Prozent des Buchs werden durch die Schilderung von Ólafssons schachlichem Werdegang – von 1946 bis 2016 – und von den Partien belegt. Diese Gesamtchronik ist in zehn Kapitel unterteilt, jedes Kapitel deckt eine mehr oder weniger lange Episode ab, in Abhängigkeit vom Umfang der schachlichen Aktivitäten und Ereignisse. Eingeleitet wird jedes Kapitel durch ein eigenes „Frontispiz“ mit Legende sowie einem 1-seitigen Text, der ein Resümee des betreffenden Zeitabschnitts gibt. Auch allen nachfolgenden Partien ist ein einführender Textabschnitt vorangestellt, somit gewinnt man durch die Lektüre sämtlicher Textbeiträge einen trefflichen Überblick über Ólafssons Schachkarriere. Die Turnierergebnisse und Matchresultate finden sich bei den Partien, gebündelt in der rechten/dritten Spalte des dreispaltigen Textsatzes. Verschiedentlich sind auch Turniertabellen aus zeitgenössischen Quellen reproduziert worden.

Hochklassig: Partien, Bebilderung, Ausstattung

52 der 114 Partien wurden von Ólafsson selbst präsentiert, gegebenenfalls bearbeitet/ergänzt von Co-Autor Øystein Brekke. Bei den restlichen Partien hat neben dem Letztgenannten eine Reihe weiterer namhafter Kommentatoren mitgewirkt. Die Kommentierung selbst ist durchweg ausgezeichnet, idealerweise geizt sie nicht mit verbalen Ausführungen und ist auch nicht zu variantenlastig, gelegentliche Computeranalysen wurden unauffällig integriert. Die Partien werden durch zahlreiche Diagramme aufgelockert und somit für die Leser leichter verfolgbar, dazu verleiht eine Vielzahl von historisch interessanten Fotos dem Band ein erfreulich abwechslungsreiches Innenleben. Von insgesamt 115 s/w-Abbildungen sind hier 20 erstmals veröffentlicht worden.
Dass man dieses liebevoll gestaltete Buch gerne zur Hand nimmt, ist auch auf seine gediegene Ausstattung (Hardcover-Edition, Druck auf Glanzpapier) und das gefällige quadratische Format (21,5 x 21,5 cm) zurückzuführen. Eine erhellende Leseprobe zum Partieteil sowie die beiden Vorworte von Gudni Jóhannesson und Øystein Brekke sind online verfügbar.


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Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das betr. Analyse-Fenster inkl. Download der Partie

Blick zurück auf „goldene“ Schachzeiten

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Das vorliegende Werk stellt schon insofern eine gewisse Ausnahme dar, als die meisten Schachbücher aus nordeuropäischen Ländern in ihren Landessprachen geschrieben werden und daher in der übrigen Schachwelt kaum Verbreitung oder Beachtung finden. Dieses Schicksal wird dem Ólafsson-Buch sicherlich erspart bleiben. Zudem bietet es mehr als eine reine Partiesammlung, es könnte auch lehrbuchmäßig als Leitfaden für die Angriffsführung gegen den feindlichen König genutzt werden. Und zu weiten Teilen entführt es seine Leser in eine vergangene Zeit, wo die Schachmeister noch nicht computerbewehrten Cyborgs ähnelten1). Hin und wieder lasse ich mich gerne in die alten Schachzeiten zurückversetzen, auch wenn diese nicht in allen Belangen golden waren… Sie vielleicht auch? ♦

1)Vgl. John Hartmann,“Garry Kasparov Is a Cyborg, or What ChessBase Teaches Us about Technology“, in: Benjamin Hale (ed.), „Philosophy Looks at Chess“, Chicago and La Salle, Ill. 2008, p. 39-63

Øystein Brekke, Fridrik Ólafsson: The Chess Saga of Fridrik Ólafsson, 288 Seiten, Norsk Sjakkforlag, ISBN 978-82-90779-28-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Legendäre Schachspieler auch über Viktor Kortschnoi: Meine besten Kämpfe


Karsten Müller & Luis Engel: Spielertypen im Schach

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 13 Minuten

„Vierdimensionale“ Typologie der Schachspieler

von Ralf Binnewirtz

Der renommierte Schach-Endspiel-Experte und -Autor Karsten Müller und sein junger Kollege Großmeister Luis Engel präsentieren in ihrem Gemeinschaftswerk „Spielertypen im Schach – Ihre Stärken und Schwächen“ eine Typologie der Schachspieler, die auf vier verschiedenen Spielertypen basiert. Die mit umfänglichem Anschauungsmaterial in Form kommentierter Partien versehene Ausarbeitung lädt aktive Spieler dazu ein, sich selbst sowie anstehende Gegner dem einen oder anderen Spielertyp zuzuordnen und hieraus eine geeignete, möglichst vorteilhafte Spielstrategie abzuleiten, aber auch an eventuell vorhandenen eigenen Schwächen zu arbeiten.

Das vom Autorenduo vorgestellte Vier-Typen-Modell geht im Wesentlichen zurück auf Lars Bo Hansen, der es 2005 in seinem Buch Foundations of Chess Strategy eingeführt hat.

Der Aktivspieler

„Aktivspieler“ oder gar „Hyperaktivspieler“ (ein Prototyp der letzteren war der junge Michail Tal) verfolgen eine dynamische, Angriffschancen kreierende Spielweise, die häufig mit intuitiven Opfern verknüpft ist, wobei sie bereit sind, statische Schwächen hinzunehmen. Das Material spielt eine untergeordnete Rolle.
Eine zu hohe Risikobereitschaft bzw. die Überschätzung der eigenen Möglichkeiten kann sich allerdings auch leicht als Bumerang erweisen, zudem sind Aktivspieler oft vergleichsweise schwach in der Kunst der Verteidigung. Zur Freude der Zuschauer ergeben sich dafür vielfach spektakuläre Partien von hohem Unterhaltungswert.
Prominente Vertreter dieses Stils sind Aljechin, Tal, Spasski, Kasparow und Anand (um nur die Weltmeister zu nennen).

Der Theoretiker

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Die Zunft der „Theoretiker“ ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Ihr Spiel ist von Logik und Systematik geprägt, sie verfügen in der Regel über ein überschaubares, aber äußerst ausgefeiltes und verlässliches Eröffnungsrepertoire. Sie kennen sich hervorragend aus in den konkreten Strukturen und positionellen Themen, die aus ihren Eröffnungssystemen hervorgehen und sich zuweilen bis ins Endspiel erstrecken. Die Endspieltheorie beherrschen sie ebenfalls perfekt.
Zu ihren Schwächen mag ein Hang zum Dogmatismus zählen (Paradebeispiel Tarrasch!) oder eine gewisse Inflexibilität ihres Spiels, falls sie aus den ihnen vertrauten Strukturen gedrängt werden.
Steinitz, Botwinnik und Kramnik können als typische Vertreter dieser Kategorie gelten. Überraschend unerwähnt im Buch bleibt der historisch bedeutende Theoretiker Ernst Grünfeld – der „Mann mit dem Variantenkoffer“.

Der Reflektor

Müller & Engel - Spielertypen im Schach - Leseprobe 1 (Aktivspieler) - Glarean Magazin
Weltmeister Garry Kasparow als Prototyp des „Aktivspielers“ (Leseprobe aus Müller & Engel: „Spielertypen im Schach“)

Mit der bislang kaum verbreiteten Bezeichnung „Reflektoren“ ist die dritte Gruppe der Spielertypen belegt. Diese besitzen ein untrügliches und nicht erlernbares Gefühl für die Harmonie und Koordination der Figuren, betreiben aktive Prophylaxe und sind besonders stark in der Akkumulation und Verdichtung kleiner Vorteile. Zu ihren bevorzugten taktischen Mitteln gehören langfristige Positionsopfer.
Als ihre potenziellen Schwachpunkte gelten die Eröffnung sowie konkrete Berechnung.
Gemeinhin als Reflektoren eingestuft werden Capablanca, Smyslow, Petrosjan, Karpow und natürlich Carlsen.

Der Pragmatiker

„Pragmatiker“ hingegen fühlen sich besonders wohl in scharfen, taktischen Stellungen, in denen sie ihre Stärke bei der konkreten Variantenberechnung zur Geltung bringen können. Gerne schnappen sie sich Material, um nachfolgend in zäher Verteidigung zu reüssieren, wie es z.B. der „russische Verteidigungsminister“ Karjakin häufig praktiziert. Überdies lieben sie es, den Gegner mit unangenehmen praktischen Entscheidungen zu konfrontieren.
Schwächen können sich einstellen in technisch-positionellen Stellungen, die keine konkreten Berechnungen erfordern, sowie im Erkennen langfristiger Pläne positioneller oder auch taktischer Natur.
Diesem Typus zuzuordnen wären beispielsweise Fischer, Euwe und Lasker.

Partien und Trainingsaufgaben

Müller & Engel - Spielertypen im Schach - Leseprobe 2 (Hyper-Aktivspieler) - Glarean Magazin
Weltmeister Michael Tal als Prototyp des „Hyper-Aktivspielers“ (Leseprobe aus Müller & Engel: „Spielertypen im Schach“)

Die vier Kapitel zu den Spielertypen werden jeweils durch einen allgemeinen Teil eingeleitet (Diskussion der Stärken und Schwächen, Trainingsoptionen, Gegner, Eröffnungen, etc.), wonach in diversen Unterkapiteln (diese finden sich leider nicht im Inhaltsverzeichnis) einzelne Themen zum betreffenden Spielertyp sowohl anhand von Partien als auch von Übungsaufgaben illustriert werden. Die relevanten Partiephasen wurden von den Autoren sorgfältig, aber nicht überbordend kommentiert, in einer ansprechenden Balance zwischen verbalen Kommentaren und Varianten, wobei erstere sogar oft überwiegen (was mir lobenswert erscheint). Gleiches gilt für die Lösungen zu den Aufgaben, die in einem separaten Folgekapitel versammelt sind. In der Auswahl der Partien bieten die Autoren eine gefällige Mischung aus historischen Glanzlichtern, Klassikern der Moderne, weithin unbekannten Partien sowie Beispielen aus der eigenen Spielpraxis.

Vorsätzliches Schubladen-Denken

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Der vorgestellten Typologie wohnt zweifellos ein gewisses Schubladendenken inne, auch wenn Karsten Müller versichert, dass es bei eigenen Trainingsveranstaltungen erstaunlich gut gepasst hat. Bereits in der Einleitung geben die Autoren auch zu, das „Schubladendenken mit gutem Grund überbetont“ zu haben, eben um mit dieser Herangehensweise klarere Bilder zu erhalten. In der Realität geht es nicht ganz so einfach zu, sind die Grenzen nicht so scharf gezogen. Spieler können in ihrer Weiterentwicklung durchaus den Typus wechseln oder zumindest partiell ändern. So hat sich der hyperaktive junge Michail Tal ab ca. 1966 – bei zunehmend fragiler Gesundheit – weitgehend zu einem Pragmatiker gewandelt. Und auch ein Kasparow repräsentierte wohl zwei Typen (Aktivspieler und Pragmatiker) in einer Person. Der Fall wiederum, dass Theoretiker zu Reflektoren mutieren, scheint äußerst selten vorzukommen.

Unerwartete Entwicklung

Magnus Carlsen - Glarean Magazin
Ein einziger „Reflektor“ unter den Top 10 der aktuellen Weltspitze: WM Magnus Carlsen

In einem kurzen Kapitel stellen die Autoren die Spielertypen aus den Top Ten der Weltrangliste der Jahre 2005 und 2020 gegenüber, wobei sich nach 15 Jahren signifikante Änderungen in der Verteilung zeigen: 2005 dominierten noch Aktivspieler die Liste der Top Ten, in 2020 haben wir den (einzigen) Reflektor Carlsen an der Spitze, dem in der Mehrzahl Pragmatiker und nur noch drei Aktivspieler folgen. Die damalige Prognose von L. B. Hansen, dass sich immer mehr Aktivspieler in der Spitze etablieren werden, hat sich damit nicht erfüllt. Die Ursache für diese Entwicklung sehen die Autoren im wachsenden Einfluss des Computers und in der zunehmenden Betonung sportlicher Aspekte, eine vertiefende Betrachtung hierzu bleibt jedoch aus.

Zitate in neuer Interpretation

Die Autoren räumen ein, dass ihr Vier-Typen-Modell näherungsweise der alten, aber undifferenzierten Einteilung in ‚Taktiker und Strategen‘ entspricht (demnach Reflektoren und Theoretiker auf Seiten der Strategen). In der Folge greifen sie zu Tukmakows Buch Modern Chess Formula, um dessen Thesen zum Einfluss der modernen Computertechnik auf das Schach aus der Sicht ihres Typologie-Modells zu deuten, was bei einer Reihe von zitierten Passagen auch gut funktioniert. Vorab stellen sie allerdings einschränkend klar, dass sie mit ihrer Darstellung „nur an der Oberfläche kratzen“ können und eine künftige, gründlichere Ausarbeitung der Thematik eher einem Theoretiker anheimstellen.

Raum für weitere Erkundungen

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Aus vorstehenden Bemerkungen geht bereits hervor, dass das hier diskutierte Typologie-Modell noch nicht die ultimative Letztform darstellen kann. Die Intention der Autoren mag darin bestanden haben, eine Art Pionierarbeit zum Thema „Spielertypen“ vorzulegen, die noch Raum lässt für weitere Erkundungen, Verfeinerungen und Ergänzungen. Hier einen Anstoß für weitere Untersuchungen gegeben zu haben, ist ein Verdienst (unter anderen) des Autorengespanns. Die Zukunft wird zeigen, ob Müller & Engel andere Autoren zu Anschlussarbeiten zu inspirieren vermögen.

Mission erfüllt

Karsten Müller - Luis Engel - Schachgrossmeister - Glarean Magazin
Erfolgreiches Autoren-Gespann: Das Großmeister-Duo Karsten Müller & Luis Engel

Es ist den beiden Autoren Karsten Müller & Luis Engel sichtlich gelungen, die vier Spielertypen ihrer Wahl eingängig darzustellen, wozu in erheblichem Maß die zahlreichen Partien und Trainingsaufgaben beitragen, die mit ihrer profunden, den Spielertypus erhellenden Kommentierung den größten Teil des Buchs ausmachen. Schließlich soll der Leser durch Spielertypenanalyse befähigt werden, sowohl die eigenen Stärken/Schwächen zu erkennen wie auch eine entsprechende Charakteristik seiner Gegner aufzustellen, um mit den so gewonnenen Erkenntnissen eine für den Gegner psychologisch unangenehme Justierung der eigenen Spielweise vorzunehmen. Eine ernsthafte Trainingsarbeit ist selbstredend auch hier Voraussetzung für den Erfolg.

Das Buch ist in der gewohnt soliden Aufmachung des Joachim Beyer Verlags erschienen (Hardcover-Ausgabe, Lesebändchen), sauberer Druck und lesefreundliches Layout inbegriffen. Mit einem Vorwort der deutschen Schach-Hoffnung Vincent Keymer, einem Quellen- und Spielerverzeichnis sowie Kurzbiografien der beiden Autoren eine insgesamt erbauliche und richtungsweisende Neuerscheinung, die ich sehr empfehlen kann. ♦

Karsten Müller, Luis Engel: Spielertypen – Ihre Stärken und Schwächen1), 244 Seiten, Joachim Beyer Verlag, ISBN 978-3-95920-129-2

1)Anmerkung: Inzwischen ist auch eine englische Ausgabe erschienen: The Human Factor in Chess – 4 Types of Players with their Strengths and Weaknesses, JBV Chess Books 2021, 244p, ISBN 978-3-95920-990-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachpsychologie auch über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachs

…sowie zum Thema „Spekulatives Handeln im Schach“ den Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

Weitere interessante Artikel im Internet zum Thema Schach-Psychologie:


English translation:

„Four-dimensional“ typology of chess players

by Ralf Binnewirtz

In their joint work „Player Types in Chess – Their Strengths and Weaknesses“, the renowned chess endgame expert and author Karsten Müller and his young colleague Grandmaster Luis Engel present a typology of chess players based on four different player types. The elaboration, which is provided with extensive illustrative material in the form of annotated games, invites active players to assign themselves as well as upcoming opponents to one or the other player type and to derive from this a suitable, preferably advantageous game strategy, but also to work on possibly existing own weaknesses.

The four-type model presented by the author duo essentially goes back to Lars Bo Hansen, who introduced it in 2005 in his book „Foundations of Chess Strategy“.

The active player

„Active players“ or even „hyperactive players“ (a prototype of the latter was the young Mikhail Tal) pursue a dynamic, attacking chance-creating style of play, often linked to intuitive sacrifices, while being willing to accept static weaknesses. The material plays a subordinate role.
However, taking too many risks or overestimating one’s own possibilities can easily turn out to be a boomerang; moreover, active players are often comparatively weak in the art of defense. To the delight of the spectators, this often results in spectacular games of high entertainment value.
Prominent representatives of this style are Alekhine, Spassky, Kasparov and Anand (to name only the world champions).

The theoretician

The guild of „theorists“ is cut from a different cloth. Their game is characterized by logic and systematics, they usually have a manageable but extremely sophisticated and reliable opening repertoire. They have an excellent knowledge of the concrete structures and positional themes that emerge from their opening systems, sometimes extending into the endgame. They also have a perfect command of endgame theory.
Their weaknesses may include a tendency to dogmatism (prime example Tarrasch!) or a certain inflexibility of their play if they are forced out of the structures they are familiar with.
Steinitz, Botwinnik and Kramnik can be considered typical representatives of this category. Surprisingly unmentioned in the book is the historically important theorist Ernst Grünfeld – the „man with the variation case“.

The Reflector

The third group of player types is referred to by the hitherto hardly used term „reflectors“. They possess an unerring and unlearnable feeling for the harmony and coordination of the pieces, practice active prophylaxis and are particularly strong in the accumulation and consolidation of small advantages. Among their preferred tactical tools are long-term positional sacrifices.
Their potential weaknesses are considered to be the opening and concrete calculation.
Commonly classified as reflectors are Capablanca, Smyslov, Petrosian, Karpov and, of course, Carlsen.

The pragmatist

„Pragmatists,“ on the other hand, feel particularly comfortable in sharp, tactical positions, where they can show off their strength in concrete variant calculation. They like to grab material in order to subsequently succeed in tough defense, as, for example, the „Russian Defense Minister“ Karjakin often does. Moreover, they love to confront the opponent with unpleasant practical decisions.
Weaknesses can occur in technical-positional positions that do not require concrete calculations, as well as in recognizing long-term plans of a positional or even tactical nature.
Fischer, Euwe and Lasker, for example, belong to this type.

Games and training exercises

The four chapters on player types are each introduced by a general section (discussion of strengths and weaknesses, training options, opponents, openings, etc.), after which various subchapters (these are unfortunately not found in the table of contents) illustrate individual topics relating to the player type in question, using both games and practice exercises. The relevant game phases have been carefully but not excessively annotated by the authors, in an appealing balance between verbal comments and variants, with the former even often predominating (which seems commendable to me). The same applies to the solutions to the exercises, which are collected in a separate chapter. In the selection of games, the authors offer a pleasing mixture of historical highlights, modern classics, widely unknown games as well as examples from their own playing practice.

Deliberate pigeonholing

There is undoubtedly a certain pigeonholing inherent in the typology presented, even though Karsten Müller asserts that it has fit surprisingly well in his own training events. Already in the introduction, the authors admit to having „overemphasized pigeonholing with good reason“, precisely in order to obtain clearer pictures with this approach. In reality, things are not quite so simple, the boundaries are not so sharply drawn. Players can change their type in their further development or at least change it partially. Thus the hyperactive young Mikhail Tal from about 1966 – with increasingly fragile health – has largely changed into a pragmatist. And even a Kasparov probably represented two types (active player and pragmatist) in one person. The case of theoreticians mutating into reflectors, on the other hand, seems to be extremely rare.

Unexpected development

In a short chapter the authors compare the player types from the top 10 world rankings of 2005 and 2020, showing significant changes in the distribution after 15 years: in 2005 active players still dominated the list of the top ten, in 2020 we have the (only) reflector Carlsen at the top, followed by pragmatists in the majority and only three active players. L. B. Hansen’s prediction at the time that more and more active players would establish themselves at the top has thus not been fulfilled. The authors see the cause for this development in the growing influence of the computer and in the increasing emphasis on sporting aspects, but there is no in-depth analysis of this.

Quotations in a new interpretation

The authors concede that their four-type model corresponds approximately to the old, but undifferentiated division into ‚tacticians and strategists‘ (thus reflectors and theoreticians on the side of the strategists). Subsequently they turn to Tukmakov’s book „Modern Chess Formula“ to interpret his theses on the influence of modern computer technology on chess from the point of view of their typology model, which works well for a number of quoted passages. However, they make it clear in advance that they can „only scratch the surface“ with their presentation and leave a future, more thorough elaboration of the topic to a theorist.

Place for further exploration

It is already clear from the foregoing remarks that the typology model discussed here cannot yet represent the ultimate final form. The authors‘ intention may have been to present a kind of pioneering work on the topic of „player types“ that still leaves room for further exploration, refinement, and addition. To have given an impulse for further investigations is a merit (among others) of the authors. The future will show whether Müller & Engel are able to inspire other authors to follow-up work.

Mission accomplished

The two authors Karsten Müller & Luis Engel have obviously succeeded in presenting the four player types of their choice in a catchy way, to which the numerous games and training exercises contribute to a considerable extent, which make up the largest part of the book with their profound commentary illuminating the player type. Finally, the reader should be enabled by player type analysis to recognize both his own strengths/weaknesses and to draw up corresponding characteristics of his opponents, in order to use the knowledge gained in this way to make adjustments to his own playing style that are psychologically unpleasant for the opponent. Serious training is, of course, a prerequisite for success here as well.

The book is published in the usual solid appearance of the Joachim Beyer Verlag (hardcover edition, ribbon bookmark), clean printing and reader-friendly layout included. With a foreword by German chess hopeful Vincent Keymer, an index of sources and players, and short biographies of the two authors, this is an altogether edifying and trend-setting new publication that I can highly recommend. ♦


Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Taktik-Training mit Schachkompositionen

von Ralf Binnewirtz

Cyrus Lakdawala, US-amerikanischer Schach-IM und -Trainer mit indischen Wurzeln, ist in den letzten 10 Jahren vor allem als bienenfleißiger Autor hervorgetreten. Rund 50 Bücher sind bereits aus seiner Feder erschienen. In seinem neuesten Werk „Rewire Your Chess Brain“ überrascht er uns mit einer bislang wenig beachteten Trainingsmethode zur Verbesserung der taktischen Fertigkeiten, nämlich dem Lösen von Endspielstudien und Problemen.

Cyrus Lakdawala - Rewire your Chess Brain - Everyman ChessWährend erstere für den genannten Zweck wohl weithin akzeptiert sind, sollen Probleme diesbezüglich kaum zielführend sein – so jedenfalls der mehrheitliche Tenor der Partiespieler. Das Unterfangen des Autors, auch das Schachproblem aus seinem Schattendasein der (scheinbaren) Nutzlosigkeit zu befreien, scheint mir indessen geglückt.

Eine Lanze für das Kunstschach

Lakdawala, der seit jeher ein Faible für das Kunstschach hat, kann jedenfalls auf die positiven Erfahrungen verweisen, die er als Trainer mit seinen Schülern gewonnen hat. In seiner Einführung zum Buch entkräftet er zunächst die Einwände, die standardmäßig gegen Kompositionen zum Zwecke des Schachtrainings vorgebracht werden, und listet auf vollen drei Seiten auf, welche Vorteile das Lösen von Studien und Problemen mit sich bringt.

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Weiter führt er aus, wie der Leser/Löser den größtmöglichen Nutzen aus seinem Buch ziehen kann. So ist es keineswegs erforderlich, bei komplexen Studien und Problemen jenseits des Dreizügers die gesamte Lösung zu finden. Aus seiner Sicht ist es allein der mentale Suchprozess, der – gemäß der Aufforderung des Buchtitels – das Gehirn neu verkabelt!
Natürlich soll sich der Leser jeweils die komplette Lösung mit ihren wesentlichen Motiven und Varianten genau ansehen, um den kreativen Ideen der Komponisten nachzuspüren, um die Fähigkeiten der Visualisierung auszubauen und eingefahrene Denkmuster abzustreifen, um letztlich das Unkonventionelle, Überraschende und unerwartet Schwierige zum neuen Standard der eigenen Denkprozesse am Brett werden zu lassen.

Zauberhafte Endspielstudien

Schach-Mansube 10. Jahrhundert - Matt in 3 Zügen - 1. Th7 - Glarean Magazin
Arabische Schach-Mansube aus dem 10. Jahrhundert: Matt in 3 Zügen 1. Th7+ Sxh7 2. Sc3 Tg1+ 3. Sd1 Txd1#

Ein erstes kürzeres Kapitel „Old School“ zeigt Studien und Probleme aus alter Zeit, die für den Löser einfacher zu bewältigen sind als die Aufgaben der folgenden Kapitel. Diese als Mansuben bekannten Stücke (von Al Adli, Salvio, Greco, Stamma, Ercole del Rio u.a.) dienen vornehmlich der Einstimmung und Aufwärmung.
Ernst wird es in den beiden anschließenden Kapiteln mit Remis- bzw. Gewinnstudien, die gemeinsam gut 240 Seiten umfassen. Die Studien (gleiches gilt für die später behandelten Mattprobleme) sind chronologisch angeordnet, weitere Einordnungen wie nach thematischen Gesichtspunkten oder nach Schwierigkeitsgrad wurden aber nicht vorgenommen.

Probeseite aus Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain
Probeseite aus Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain

Die Lösungen werden jeweils im Anschluss an das Aufgabendiagramm präsentiert, wobei die Lösungsbesprechung 1 bis 4 Seiten umfassen kann. In Abhängigkeit von Länge und Komplexität der Lösung sind ggf. weitere Diagramme gesetzt worden, damit sich die Lösungen „vom Blatt“ nachvollziehen lassen. Auch sind an kritischen Stellen häufig Übungsaufgaben („Exercises“) eingestreut, die den Leser nach der weiteren Vorgehensweise befragen oder mehrere plausible Möglichkeiten zur Auswahl stellen.

Unter den Komponisten findet sich praktisch alles, was in den letzten gut 150 Jahren Rang und Namen hat(te), von den bekannten Klassikern bis zu den Größen der Gegenwart wie Oleg Pervakov, Martin Minski und Steffen Slumstrup Nielsen, der auch ein Vorwort zum Buch beisteuerte.
Einige Remis- und Gewinnstudien sind in der Leseprobe ab Page 54 zu finden – gönnen Sie sich eine Kostprobe!

Unerschöpfliche, rätselhafte Problemwelt

Cyrus Lakdawala - Schach-IM - Schachautor - Glarean Magazin
Internationaler Meister und Autor zahlreicher Schach-Lehrbücher: Cyrus Lakdawala

Die nächsten ca. 200 Buchseiten werden belegt von (orthodoxen) Mattproblemen, die uns, nach ansteigender Zügezahl gruppiert, in separaten Kapiteln begegnen: ausgehend von (wenigen) einzügigen Problemen über Zweizüger, Dreizüger bis hin zu Vier- und Mehrzügern. Ein weiteres Kapitel „Unchess“ versammelt schließlich eine Reihe von außergewöhnlichen, bizarren oder grotesk anmutenden Aufgaben. Die Zweizüger nehmen insofern eine Sonderstellung ein, als sie von den Lesern wohl noch am ehesten zum Selberlösen in Betracht gezogen werden (so die Erwartung des Autors), winkt hier doch ein vergleichsweise schnelles und befriedigendes Löseerlebnis.

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Das bei den Studien Gesagte trifft auch für die Probleme zu, nur die Lösungsbesprechungen sind hier im Schnitt kürzer. Wie zu erwarten, sind die frühen amerikanischen Koryphäen des Problemschachs, Sam Loyd und W. A. Shinkman, vielfach vertreten, überraschenderweise noch häufiger tritt jedoch der deutsche „Rätselonkel“ Fritz Giegold in Erscheinung (dessen zweiter Vorname Emil kurioserweise ständig mitgeführt wird). Offenbar schätzt Lakdawala Probleme mit starkem Rätselcharakter, wo auf den ersten Blick mysteriöse Schlüsselzüge, unerwartete Wendungen und originelle Pointen das Geschehen dominieren. Die Partiespieler werden es fraglos positiv aufnehmen, dass der Autor den mehrheitlich unbeliebten Problemjargon auf ein erträgliches Minimum beschränkt hat.

In den Diagrammüberschriften (Angaben zu Autor, Quelle, etc.) stößt man gelegentlich auf fehlerhafte bzw. fehlende Angaben („Unknown source“), die meist mit geringem Aufwand hätten korrigiert/ergänzt werden können. Auch wenn dies für das vorgesehene Trainingsprogramm unerheblich erscheinen mag, hätte ich mir an dieser Stelle eine profundere Arbeit des Autors gewünscht.1)

Nun wartet ein wenig Denksport auf Sie: nachstehend zwei Probleme aus dem Buch, die Ihnen hoffentlich zusagen (Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet ein Analyse-Fenster / A mouse click on a move or line opens an analysis window):




Das folgende kleine Vexierstück aus dem „Unchess“-Kapitel werden Sie sicherlich selbst lösen wollen, die Stellung mit der kompletten schwarzen „Homebase“-Position ist ja durchaus einladend. Zur Erinnerung: Im Hilfsmatt zieht Schwarz an und beide Parteien kooperieren, um das gemeinsame Ziel – das Matt des schwarzen Königs – in der geforderten Zügezahl zu erreichen.


Adäquate Zugaben

Zum Ende des Buchs finden sich zwei kurze Kapitel: „Life simulates Art“ zeigt erstaunliche Fragmente von Turnierpartien, die komponierten Studien nahekommen, und in „The Wunderkind“ stellt der Autors einen seiner Schüler vor, den 13-jährigen IM Christopher Yoo, der auch ein begabter Studienkomponist ist: fünf seiner Studien, darunter zwei Urdrucke, gibt es zu bewundern. Ein Index der Komponisten und Spieler beschließt das Werk.

Lehrreich – unterhaltsam – lesefreundlich

Lakdawala hat mit seiner neuen Publikation nicht nur eine vortreffliche Einführung in das Kunstschach vorgelegt. Er propagiert damit auch eine wirkungsvolle Methode für das häusliche Taktik-Training, die für den Kampf am Brett eine verbesserte Visualisierung verborgener Möglichkeiten, eine erweiterte Mustererkennung im Hinblick auf Gewinn- und Mattführungen, aber auch auf versteckte Verteidigungsressourcen verspricht.

Cyrus Lakdawala - Rewire Your Chess Brain - Inhaltsverzeichnis Everyman Chess - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
Das Inhaltsverzeichnis von „Rewire Your Chess Brain“

Insbesondere Lakdawalas anregender Stil und differenzierte Diktion verdienen eine „ehrende Erwähnung“ (um im Problemjargon zu bleiben). Seine variable und geistreich-witzige, in ihrer Art unnachahmliche Kommentierung macht die Lektüre zu einem Vergnügen, gelegentliche Zitate aus Literatur und Film, von Problemfreunden oder aus seiner Facebook-Gruppe verleihen zusätzliche Würze. Und sein Schreibtalent befähigt ihn, seinen Lesern auch komplexe Aufgaben im lockeren Unterhaltungsmodus nahezubringen. Die Lösungsbesprechungen, die auf Anfänger ohne Vorkenntnisse im Problemschach zugeschnitten sind, könnten in ihrer Ausführlichkeit unübertroffen sein. Dazu verleiht ein großzügiges, übersichtliches Layout beste Lesefreundlichkeit.

Übungsbuch mit Unterhaltungswert

Insgesamt ist dies ein Lehr-, Lese- und Übungsbuch von hohem Unterhaltungswert, mit einer Auswahl von insgesamt 326 meist hochklassigen und häufig diffizilen Aufgaben. Die oben erwähnten kleinen Schwächen könnten in einer zweiten Auflage leicht ausgeräumt werden. Daher eine nachdrückliche Empfehlung meinerseits: Nehmen Sie die Herausforderung an und verdrahten Sie Ihre kleinen grauen Zellen neu – Sie werden es nicht bereuen!

1)Offenbar hat sich der Autor weder der verfügbaren Problemdatenbanken bedient (wie der Schwalbe-PDB, der YACPDB  oder der Albrecht-Sammlung ) noch der einschlägigen deutschen Problemliteratur: Seine „Bibliography“ (S. 5) verzeichnet nur englischsprachige Titel.

Ich habe eine (sicherlich noch unvollständige) Errata-Liste zu den Problemen erstellt, dabei lediglich Angaben geprüft, die mir suspekt erschienen oder offensichtlich lückenhaft sind. ♦

Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain – Endgame Studies and Mating Problems to Enhance Your Tactical Ability, 528 Seiten, Everyman Chess, ISBN 978-1-78194-569-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachprobleme auch über das „Schach-Problem“ Heft Nummer 4-2018 von Chessbase

… sowie über ein weiteres Lehrbuch des Schach-Autoren Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess


Boris Gelfand: Decision Making In Major Piece Endings (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Endspiel-Kost auf hohem Niveau

von Thomas Binder

Weltklassespieler Boris Gelfand ergänzt seine Serie „Decision Making“ um das vierte Werk: „Decision making in major piece endings“. Diesmal geht es also um Schwerfiguren-Endspiele. Passend zum Titel ist das auch „schwere Kost“ für Schachfreunde auf gehobenem Spielniveau. Gelfand präsentiert breite Analysen ausgewählter Partien mit Hintergrundinformationen und zuweilen durchaus unterhaltsamen Einschüben.

Den Weltklassespieler Boris Gelfand muss man dem geneigten (Schach-)Leser nicht vorstellen. Auch als Autor hat der frühere WM-Kandidat Gelfand bereits sichtbare Spuren hinterlassen.

Boris Gelfand - Decision Making In Major Piece EndingsAls sein Hauptwerk kann wohl die mittlerweile vierbändige Reihe „Decision Making“ aus dem Hause Quality Chess gelten. Dem Autor und dem Verlag ist gelungen, hoch qualitative Schachbücher in einheitlicher Aufmachung inhaltlich aus einem Guss vorzulegen. Insofern kann vieles aus dieser Rezension auf die Schwesterwerke übertragen werden. Fortsetzung erwünscht!
Ob man freilich jemals eine deutsche Übersetzung in Händen halten wird, sei dahingestellt. Allzu klein scheint wohl den Verlegern der hiesige Markt, als dass man Bücher für Spieler gehobener Spielstärke gewinnbringend produzieren könnte.

Analysen gewürzt mit Plaudereien

Der israelische Weltklasse-Schachgrossmeister Boris Gelfand (geb. 1968)
Der russisch-israelische Weltklasse-Schachgrossmeister Boris Gelfand (geb. 1968)

Boris Gelfands Bücher heben sich in vielen Details von anderen Werken dieses Niveaus ab. So fällt als erstes auf, dass die Akteure oft in Fotos vorgestellt werden, zuweilen sogar passend zur Zeit der kommentierten Partie. Auch ein paar Zeilen zur Einordnung der Spieler und zur Bedeutung des Wettkampfes sind meist vorangestellt.
Im Text würzt Gelfand seine ernsthaften Analysen hin und wieder mit Einschüben im Plauderton. Das setzt dann zwar gute Fremdsprachenkenntnisse voraus, diese werden aber reich belohnt. Kostprobe gefällig? „Subsequently attempts were made to improve on my play … it is also possible that the players were trying to copy me, but could not remember what I had played.“ („In der Folge wurden Versuche unternommen, mein Spiel zu verbessern … Es ist auch möglich, dass die Spieler versucht haben, mich zu kopieren, sich aber nicht erinnern konnten, was ich gespielt hatte“.)

Anschauliche Gliederung der Varianten

Die Gestaltung des Werkes orientiert sich ansonsten am aktuellen Standard mit anschaulicher Gliederung auch bei komplexen Varianten und gerade hinreichender Visualisierung durch Diagramme, so dass der Leser den Anmerkungen mit einiger Anstrengung folgen kann. Leider ist an einigen Stellen der Fettdruck der Hauptvariante verloren gegangen, was dann den Fluss sehr behindert. Das lässt sich natürlich leicht korrigieren.

Boris Gelfand - Decision Making in Major Piece Endings - Quality Chess Leseprobe - Chess Review Glarean Magazin
Leseprobe aus Boris Gelfand: „Decision Making in Major Piece Endings“ (Quality Chess Verlag)

Was er mit dem Buch erreichen möchte, führt Boris Gelfand im einleitenden Kapitel sehr gut aus. Seine Werke sind keine vorgefertigten Rezepte, wie man sie naturgemäß gerade in der Endspielliteratur findet, sondern Hilfestellungen zur Entscheidungsfindung, ganz dem Titel entsprechend. Ausgehend davon, dass man sicher nicht genau die eine Stellung aus dem Buch in seiner eigenen Partie wiederfinden wird, postuliert er, dass eben tiefes Verständnis einer Stellung ganz allgemein die Spielstärke hebt.

Umfangreiches Analyse-Material

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Die vom Autor ausgewählten Partien stammen entweder aus seiner eigenen Spielpraxis oder aus seiner Arbeit als Trainer. Beides garantiert sehr ausführliche Analysen und zum Teil auch kritische Auseinandersetzung mit anderen Arbeiten zur gleichen Partie. In offenbar sehr fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem dänischen Großmeister Jacob Aagaard legt Gelfand Analysen vor, wie ich sie in dieser Tiefe und Ausführlichkeit noch nie gesehen habe. Weit über 20 Seiten für eine einzige Partie – genau genommen ja nur für deren Endspiel – sind keine Seltenheit. Den Rekord hält die mit dem Blick des Laien völlig unspektakuläre Remis-Partie Gelfand – Kasimdzhanov (Baku, 2014), die auf 40 Seiten ausgebreitet wird. Keine einzige Seite ist zu viel.

Besonders gehaltvolle Endspiele

Inhaltlich geht es, wie der Titel sagt, um Schwerfigurenendspiele. Nach einem eher kurzweiligen Einleitungskapitel widmet sich Gelfand dem Grundsatz „do not hurry“, dem er als Junior erstmals im großartigen Endspiel-Strategiebuch seines Landsmanns Shereshevsky begegnete – schöne Erinnerung für den Rezensenten, dem es damals genauso erging…

Boris Gelfand - Serie Decision Making in Chess - Quality Chess Cover - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
Bereits vier Bände umfasst Boris Gelfands Serie „Decision Making in Chess“ im Quality Chess Verlag

Es folgen mehrere Kapitel mit sehr intensiv analysierten Turmendspielen, wobei nur stellenweise eine inhaltliche Strukturierung gegeben ist. Viel wichtiger scheint es Boris Gelfand zu sein, besonders gehaltvolle Endspiele zu präsentieren und sich dabei nicht einem Korsett thematischer Vorgaben zu unterwerfen. Das Grundwissen über Turmendspiele hat der Leser gewiss schon früher erworben. Hier sind wir auf einem ganz anderen Level.

Die „vierte Partiephase“

Nach den Turmendspielen folgen einige Kapitel zu Damenendspielen. Gelfand stellt zunächst das Endspiel „Dame + Bauer gegen Dame“ mit Bauern am oder in der Nähe des Randes heraus. Dann widmet er sich Endspielen mit mehr als zwei Damen. Auch Überlegungen zur Überleitung in die „vierte Partiephase“ kommen nicht zu kurz – jene Phase also, wenn sich durch den Wechsel vom Bauern- zum Damenendspiel der Charakter der Partie noch einmal grundlegend wandelt. Nach einigen Studien folgt noch ein kurzer Abschnitt mit Aufgaben und Lösungen zu Turmendspielen. Wer sich der Herausforderung zum selbständigen Lösen stellen möchte, mag das tun. Ansonsten kann man natürlich auch dieses Kapitel ganz normal als Lehrtext lesen.

Unumgänglich: Disziplin und Konzentration

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Es dürfte bereits mehrfach angeklungen sein: Dieses Buch verlangt dem Leser Disziplin und Aufmerksamkeit ab. Eine Partieanalyse wie jene 40 Seiten über die Kasimdzhanov-Partie liest man nicht eben mal auf dem Heimweg in der S-Bahn. Wer über den durchaus vorhandenen reinen Lese-Genuss hinaus etwas mitnehmen möchte, muss sich sehr tief in die Analysen hineindenken. Die Sprachbarriere darf dabei kein Hindernis sein. Schließlich setzt Gelfand bei seinem Leser einen hohen Level schachlicher Vorkenntnisse und entsprechenden Urteilsvermögens voraus. Erst ab einer Spielstärke von ca. 1800 Elo-Punkten wird man wenigstens den größten Teil des vermittelten Wissens – nein, besser des Könnens – vollständig aufnehmen und in eigene Entscheidungsfindung am Schachbrett umsetzen können. ♦

Boris Gelfand: Decision making in major piece endings, 316 Seiten (engl.), Quality Chess UK Ltd., ISBN 978-1784831400

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Endspiele auch über Karsten Müller: Endspiele der Weltmeister (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Schachtheorie über Andrew Soltis: Schwindeln im Schach (How To Swindle in Chess)


English Translation

Endgame food on a high level

World-class player Boris Gelfand adds his fourth work to his „Decision Making“ series: „Decision making in major piece endings“. So this time it is about „heavy“ piece endings. Matching the title, this is also „heavy fare“ for chess friends on a higher playing level. Gelfand presents broad analyses of selected games with background information and sometimes quite entertaining inserts.

There is no need to introduce the world class player Boris Gelfand to the inclined (chess) reader. Also as an author, the former World Cup candidate Gelfand has already left visible traces.
His main work is probably the meanwhile four-volume series „Decision Making“ from Quality Chess. The author and the publishing house have succeeded in presenting high quality chess books in a uniform presentation, all of a piece. In this respect much of this review can be transferred to the sister works. Continuation desired!
Whether one will ever hold a German translation in one’s hands remains to be seen. The local market seems to be too small for publishers to produce books for players of high skill level.

Analyses spiced with chats

Boris Gelfand’s books stand out in many details from other works of this level. The first thing that stands out is that the actors are often introduced in photographs, sometimes even matching the time of the commented game. Also a few lines on the classification of the players and the meaning of the competition are usually placed in front.
In the text, Gelfand spices up his serious analyses with occasional insertions in a conversational tone. This requires good foreign language skills, but these are richly rewarded. Want a taste? „Subsequently attempts were made to improve on my play … it is also possible that the players were trying to copy me, but could not remember what I had played. („Subsequently attempts were made to improve my play … It is also possible that the players were trying to copy me, but could not remember what I had played“)

Clear structure of the variants

The design of the work is otherwise based on the current standard with a clear structure even for complex variants and just sufficient visualization by means of diagrams, so that the reader can follow the notes with some effort. Unfortunately, the bold print of the main variant has been lost in some places, which then hinders the flow very much. This can of course be easily corrected.

Boris Gelfand explains very well what he wants to achieve with the book in the introductory chapter. His works are not ready-made recipes, as one naturally finds them in endgame literature, but rather aids to decision-making, in keeping with the title. Based on the assumption that one will certainly not find exactly one position from the book in one’s own game, he postulates that a deep understanding of a position generally enhances the playing strength.

Extensive analysis material

The games selected by the author are either from his own playing practice or from his work as a coach. Both guarantee very detailed analyses and in part also critical examination of other works on the same game. In an obviously very fruitful collaboration with the Danish grandmaster Jacob Aagaard, Gelfand presents analyses that I have never seen before in such depth and detail. Far more than 20 pages for a single game – in fact only for its endgame – are not uncommon. The record is held by the draw Gelfand – Kasimdzhanov (Baku, 2014), which is completely unspectacular in layman’s terms, and is spread over 40 pages. No single page is too much.

Especially rich endgames

In terms of content, as the title suggests, the focus is on „heavy“-figure endgames. After a rather entertaining introductory chapter, Gelfand devotes himself to the principle „do not hurry“, which he first encountered as a junior in the great endgame strategy book of his compatriot Shereshevsky – a nice memory for the reviewer, who had the same fate back then…

There follow several chapters with very intensively analyzed tower end games, whereby only in places a content structure is given. Boris Gelfand seems to be much more important to present particularly rich endgames and not to subject himself to a corset of thematic guidelines. The reader has certainly already acquired the basic knowledge of tower endgames. Here we are on a completely different level.

The „fourth game phase“

After the rook end games there are some chapters on queen end games. Gelfand first points out the endgame „Queen + Pawn against Queen“ with pawns at or near the edge. Then he devotes himself to endgames with more than two queens. He also considers the transition to the „fourth phase of the game“ – the phase when the character of the game is fundamentally changed by the change from the pawn endgame to the queen’s endgame. After some studies, a short section with tasks and solutions for rook end games follows. If you want to take up the challenge to solve them independently, you may do so. Otherwise, you can of course read this chapter as a normal teaching text.

Indispensable: Discipline and concentration

It has probably already been mentioned several times: This book demands discipline and attention from the reader. A game analysis such as the 40 pages about the Kasimdzhanov game is not something you read on the way home on the suburban train… If you want to take something with you beyond the pure reading pleasure that is certainly present, you have to think very deeply into the analyses. The language barrier should not be an obstacle. After all, Gelfand requires a high level of chess knowledge and judgement from his readers. Only from a playing strength of approx. 1800 Elo points on will one be able to take in at least the largest part of the knowledge – no, better of the skill – completely and convert it into own decision making on the chess board. ♦

Robert Johnson: Adolf Anderssen (Schach-Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Rückschau auf die Schach-Romantik

von Ralf Binnewirtz

Es mag wunderlich klingen, dass sich ein australischer Vollzeit-Schafzüchter hingebungsvoll einer deutschen Schachgröße des 19. Jahrhunderts widmet und die Ergebnisse seiner langjährigen Recherchen in Buchform vorlegt. Indes hat sich Robert Johnson hiermit einen Lebenstraum erfüllt, denn bereits als 11-Jähriger hatte er sich nachhaltig für Adolf Anderssen begeistert. 16 Jahre später, 1993, nahm Johnson die Arbeit an seinem Buch auf, die sich – unvorhersehbar – über ein gutes Vierteljahrhundert erstrecken sollte. Soweit zur Entstehungsgeschichte des „bislang besten australischen Schachbuchs“ (nach Bob Meadley), das in diesem Jahr im Selbstverlag des Autors erschienen ist: Adolf Anderssen – Combinative Chess Genius.

Eigentlich hätte dieser schmucke, großformatige und schwergewichtige Band zum 200. Geburtstag von Adolf Anderssen am 6. Juli 2018 das Licht der Schachwelt erblicken sollen, aber dies war dem Autor (und der Schachwelt) nicht vergönnt. Schauen wir uns näher an, wie Johnson sein Opus Magnum konzipiert und inhaltlich präpariert hat.

Adolf Anderssen - Combinative Chess Genius - Schach-Biographie Robert Johnson - Buch-Rezensionen Glarean MagazinAuf das Vorwort des Autors folgt mit zehn biografischen Kapiteln der Hauptteil des Werkes: Dem jeweiligen rein biografischen Part ist eine Auswahl kommentierter Partien nachgestellt, die dem behandelten Zeitraum oder Ereignis zugeordnet sind. Über das ganze Buch verteilt sind außerdem 36 große Bildtafeln (von Anderssen selbst bzw. den großen Meistern jener Zeit und von einzelnen Gebäuden, sowie drei in Farbe von Anderssens Grabstätte).

Ausnahmespieler mit menschlicher Größe

Der biografische Teil vermittelt die Fakten und Erkenntnisse, die der Autor zusammengetragen hat über den Gymnasialprofessor aus Breslau (in den Fächern Mathematik und Deutsch) und den zeitweilig stärksten Schachspieler der Welt (1851-57; 1860-66), der in London 1851 das erste Schachturnier der Neuzeit gewann und wie kein anderer die romantische Epoche des Schachs verkörpert und geprägt hat.

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In einem der Kapitel wird insbesondere der Mensch Anderssen beleuchtet, der keine eigene Familie gründete, aber in seinem beruflichen wie schachlichen Umfeld ein hohes Ansehen genoss und in Fairness, Charakter und Integrität seinesgleichen suchte. Das hier entworfene Bild Anderssens wird untermauert und vertieft durch zahlreiche in den Text eingestreute Zitate aus alten Quellen, die zum Lesegenuss erheblich beitragen.

Ein Schatz magischer Partien

Die im Buch reproduzierten 80 (nicht ausschließlich Gewinn-)Partien des virtuosen Kombinationskünstlers Anderssen sind weitgehend mit historischen Kommentaren und Analysen versehen, hin und wieder hat Johnson (ein langjähriger Fernschachspieler) eigene Anmerkungen beigesteuert. Sicherlich ist diese Kommentierung für die Mehrzahl der Leser völlig ausreichend. Wer einzelne Analysen vertiefen möchte, muss wohl oder übel die eigene Engine bemühen.1)

Adolf Anderssen - Combinative Chess Genius - Schach-Biographie Robert Johnson - Probeseite - Buch-Rezensionen Glarean Magazin
Probeseite aus Robert Johnson: Adolf Anderssen – Combinative Chess Genius

An ungewöhnlicher Stelle, direkt im Anschluss an das Frontispiz, finden sich zwei tabellarische Aufstellungen zu Anderssens Turnier- und Matchergebnissen (mit den Turnierplatzierungen sowie der Zahl der Gewinn-, Remis- und Verlustpartien). Die zugehörigen Turniertabellen wurden nicht ins Buch aufgenommen, gegebenenfalls sind diese vom Leser in anderen Quellen nachzuschlagen.
Apropos Anderssen-Partien: Adolf Anderssen ist bekanntlich der Gewinner der sog. Unsterblichen Partie, die im Jahre 1851 in London zwischen ihm und dem Schachmeister Lionel Kieseritzky ausgetragen wurde und ob ihres kombinatorischen Feuerwerks zur wohl berühmtesten Partie der Schachgeschichte avancierte.

Stiefmütterlich behandeltes Problemschaffen

Was mir indessen allzu kurz kommt, ist das Problemschaffen Adolf Anderssens – lediglich erwähnt wird im ersten Kapitel sein Büchlein Aufgaben für Schachspieler von 1842. Schließlich hat Anderssen auch auf dem Gebiet des künstlerischen Schachproblems eine beachtliche Pionierarbeit geleistet2), und eine kleine Auswahl seiner Kompositionen, fachkundig im Buch besprochen, hätte der Bedeutung dieser Leistung Rechnung getragen.

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Auch wenn diese Biografie kein reiner Bildband ist, so ist sie doch in ihrer hochwertigen Ausstattung einem coffee-table book vergleichbar. Insbesondere das ausnehmend attraktive Design des Vorderdeckels, die zahlreichen historischen Bilder und der Druck auf schwerem Glanzpapier werden das bibliophile Sammlerherz erfreuen. Eine nette Zugabe des Autors: für den Verkauf vorgesehene Exemplare der relativ kleinen Auflage (von 204 Stück) werden von ihm auf dem Vorsatz signiert und datiert.

Diskutable Typographie

An der typografischen Gestaltung werden sich vermutlich die Geister scheiden: Ist die Schrift in Gottschalls Anderssen-Biografie (1912) so winzig geraten, dass man bei längerem Lesen eine Schädigung seiner Augen befürchten muss, so hat Johnson mit der Wahl einer besonders großen (serifenlosen) Schrift das Gegenteil angestrebt – zumindest für sehschwache Leser ein Vorteil. Aber vornehmlich bei den Partien ergibt sich hieraus im Verein mit dem durchgängig verwendeten Flattersatz ein insgesamt wenig harmonisches Schriftbild, dem ich etwas ambivalent gegenüberstehe.
Die Farbgebung (hell- und mittelgraue Felder) bei den Diagrammen scheint mir ganz annehmbar, aber letztere wären ohne die rundum laufenden, m. E. entbehrlichen Brettkoordinaten fraglos ansehnlicher ausgefallen. Zudem führt die stattliche Größe der Diagramme manches Mal zum vorzeitigen Seitenumbruch (mit erheblichem Leerraum), wenn ein Diagramm nicht mehr unten auf die Seite passt. Zu den hier verwendeten Apronus-Diagrammen gibt es natürlich auch zufriedenstellende Alternativen.

Liebens- und lesenswerte Hommage

Adolf Anderssen - Combinative Chess Genius - Schach-Biographie Robert Johnson - Matt in sechs Zügen - Glarean Magazin
„Das Tor zur modernen Epoche des Schachproblems aufgestoßen“: Adolf Anderssen als Problemschach-Komponist: Weiss setzt in sechs Zügen matt!

Das Buch schließt mit einem Nachdruck von Steinitz‘ wortreichem Nekrolog auf Anderssen aus The Field 1879, einer nahezu 3-seitigen Bibliografie sowie den Indizes der Partiegegner und Eröffnungen. Nennenswerte Fehler sind mir kaum aufgefallen.3) Warum auf der inneren Titelseite diese Biografie als „autobiography“ bezeichnet wird, bleibt eine offene Frage. Ansonsten dürfte diese lesenswerte Hommage auf das deutsche Kombinationsgenie nicht nur im angloamerikanischen Sprachraum auf lebhaftes Interesse stoßen. Da – neben der erbaulichen Lektüre des biografischen Teils – auch die taktisch fulminanten Partien beste Unterhaltung garantieren, kann ich für dieses Werk eine klare Empfehlung aussprechen. In der deutschen Schachliteratur wird nach wie vor eine moderne und zugleich erschöpfende, d.h. die ultimative Anderssen-Biografie, vermisst – ob sie jemals erscheinen wird? ♦

1)Mir fiel auf, dass Johnson zwei deutsche Turnierbücher in seiner Bibliografie nicht berücksichtigt hat: Dr. Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851, St. Ingbert 2013 [mit computergestützten Analysen]; und Stefan Haas: Das Schachturnier zu Baden-Baden 1870 – Der unbekannte Schachmeister Adolf Stern, Ludwigshafen 2006.

2)„Dabei ist Anderssens Bedeutung für die Entwicklung der Problemkunst nicht weniger hoch einzuschätzen als seine Leistungen … im Kampf Mann gegen Mann … Er … ging in seinen Aufgaben weit über das hinaus, was Stamma und die Modenesen an taktischen Finessen aufzuweisen hatten; er verfeinerte und vertiefte den Inhalt, die ‚Kombination‘, verzichtete ihr zuliebe vielfach schon auf den äußeren Schein einer partiegemäßen Aufstellung und wagte es als erster, den ‚stillen‘, nicht schachbietenden Zug, der vor ihm allenfalls als Ruhe- und Höhepunkt im späteren Verlauf der Lösung Verwendung gefunden hatte, an den Anfang zu stellen. Damit war das Tor zur modernen Epoche des Schachproblems aufgestoßen.“ (Herbert Grasemann in Problemschach, Berlin 1955, S. 15)
Eine gänzlich umgearbeitete Zweitauflage von Anderssens Büchlein erschien 1852. Die Schwalbe-PDB enthält 85 Probleme Anderssens.

3)In Partie 18 muss es Herrmann Pollmächer heißen statt Hermann Pollmacher.

Robert Johnson: Adolf Anderssen – Combinative Chess Genius, 353 Seiten, Clark & Mackay Self Publishing, Brisbane (Australia), ISBN 978-0-646-81614-2 – Vertrieb: Tony Peterson

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Biographien auch über Alexander Münninghoff: Heiner Donner


Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Geweckte Erwartungen nicht erfüllt

von Thomas Binder

Graham Burgess präsentiert mit „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“ in umfangreichen und detaillierten Varianten ein Eröffnungs-Repertoire mit der Fokussierung auf sehr wenige Systeme. Damit soll dem unerfahrenen Spieler ein schadloses Überstehen der ersten Partiephase garantiert werden. Zielführend ist dieser Ansatz nur, wenn sich der Leser auf das Erlernen sehr konkreter Zugfolgen einlässt, statt allgemeinen Prinzipien zu vertrauen…

Um es vorweg zu nehmen: Ich schätze den englischen FIDE-Meister Graham Burgess als Schach-Autor vor allem für den Trainingswert seiner Bücher, insbesondere auch die zuletzt erschienenen Eröffnungslehrbücher „for kids“. Letztere habe ich trotz der Sprachbarriere meinen Schülern empfohlen.

Auswendiglernen von Theorie?

An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire - Graham Burgess - Gambit Verlag - An easy-to-learn repertoire where you can relax and just play chessBurgess‘ neuestes Werk hinterlässt mich nun allerdings ratlos bis enttäuscht, und sei es nur, weil der Titel eine Erwartungshaltung weckt, die es nicht erfüllen kann.
Ich hätte erwartet, Richtlinien zu erhalten, anhand derer ein Spieler am Beginn seiner Laufbahn – also mit wenig Erfahrung und entsprechend noch entwicklungsfähiger Spielstärke – die Klippen der ersten Partiephase umschifft. Ich bin mir sicher, dass es dafür auch einen „idiot proof“ Weg gibt, doch besteht dieser sicher nicht im Auswendiglernen ausgefeilter Theorievarianten.
Dieser Weg könnte etwa folgende Elemente umfassen:
• Beherzige die allgemeinen Eröffnungsprinzipien (Figurenentwicklung, Königssicherheit, Zentrumsbeherrschung) und die dafür gegebenen Empfehlungen (jede Figur nur einmal ziehen, Rochade hinter sichere Bauernkette, wenig Bauernzüge in der Eröffnung)
• Erkenne rechtzeitig die wichtigsten taktischen Motive, auf denen die oft überschätzten Eröffnungsfallen beruhen (Opfermotive auf f7 oder h7, Fesselungen, Doppelangriffe,…)
• Mit wachsender Erfahrung und Spielstärke erkennst du die Besonderheiten von Zentrumsformen und Bauernstrukturen und richtest dein Eröffnungsspiel darauf aus.

Limitieres Programm mit klaren Zugfolgen

Graham Burgess - Chess-Author - Schach-Trainer - Rezensionen Glarean Magazin
Produktiv und vielbeachtet: Schach-Autor Graham Burgess

Was bekommt die „Idiot-Proof“-Zielgruppe nun bei Burgess geboten? Er bleibt dem Repertoiregedanken treu und orientiert auf ein sehr limitiertes Programm aus klar vorgegebenen Zugfolgen:
• Mit Schwarz spielen wir gegen e2-e4 immer Skandinavisch und in der Folge die Modevariante 1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6
• Gegen d2-d4 spielen wir Slawisch, allerdings eingegrenzt auf die Variante 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 c6 4.e3 Le6
• Gegen c2-c4 antworten wir symmetrisch mit c7-c5
• Gegen Sg1-f3 spielen wir d7-d5
• Mit Weiss spielen wir im ersten Zug immer c2-c4 und in der Folge sobald wie möglich ein Königsfianchetto mit g2-g3 und Lf1-g2

Damit wird doch sehr viel Schach ausgeblendet und die Sicht sehr verengt. Vor allem die offenen und halboffenen (ausser Skandinavisch) Spiele kommen gar nicht vor. Gerade mit diesen Eröffnungen wird aber jeder Schacheinsteiger zuerst konfrontiert, und gerade die dort lauernden taktischen und strategischen Motive bilden ein Grundwissen, ohne dass man keine dauerhafte Freude am Schach haben wird.

Knappe Text-Anmerkungen

Graham Burgess - An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire - Leseprobe - Schach-Rezensionen - Glarean Magazin
Leseprobe aus „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“

Man könnte die Einengung des schachlichen Blickfeldes rechtfertigen, wenn das so verbleibende Eröffnungsrepertoire ausführlich und eben „idiot-proof“ erklärt würde. Doch leider sind auch die textlichen Anmerkungen zu knapp gehalten, um die Zielgruppe adäquat anzusprechen. Den Versuch, dies zu leisten, möchte ich Burgess nicht absprechen, doch die Variantenfülle lässt dafür keinen ausreichenden Raum.

Mit dem Stichwort „Variantenfülle“ sind wir beim nächsten Aspekt: Der Leser bekommt nichts anderes geboten als in einer gediegenen Eröffnungsmonographie. Nach der Kurzvorstellung des Repertoires folgen 180 Seiten mit zweispaltig engbedrucktem Varianten-Dschungel. Bis zu vier Diagramme pro Seite erleichtern die Orientierung etwas. Ein erfahrener Spieler wird sich zurechtfinden. Der Einsteiger wird von seinem möglicherweise ersten detaillierten Eröffnungsbuch eher abgeschreckt. Da hilft auch die systematische Gliederung bis hinunter zu Strukturen wie „Kapitel 8 – Abschnitt F2.2.1 – 5. Zug von Schwarz – Variante a.2.2“ nicht wirklich.
Für den erwartungsfrohen Einsteiger bleibt die ernüchternde Erkenntnis „Wenn ich schon für dieses schmalspurige Repertoire 180 Seiten Varianten lernen soll, ist dann Eröffnungsstudium überhaupt sinnvoll?“

Keine Überraschungen für den Leser

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Die vorstehende Kritik begründet sich ausschliesslich aus dem Ansatz von Burgess‘ Werk. Wer diesen Ansatz mitgehen möchte, der wird zu einem gänzlich anderen Fazit kommen und das Buch in höchsten Tönen loben – und auch dieses Urteil wäre gerechtfertigt.
Die vorgelegten Varianten decken das empfohlene Repertoire komplett ab. Vor Überraschungen wird der Leser weitgehend sicher sein – wenn er denn alles verstanden und verinnerlicht hat. Dass ihm grosse Teile der Schachwelt zunächst verborgen bleiben, merkt er erst nach und nach. Dann hat er hoffentlich eine Spielstärke erreicht, die auch risikolos den Blick über den Tellerrand des Burgess-Repertoires erlaubt. Insofern gleicht unser Buch einem Reiseführer, der nur zu den touristischen Highlights führt und die reizvollen Nebenstrassen einer späteren Tour vorbehält.

Schachlich fundierte Varianten

Englische Schach-Eröffnung - Variante c4 - Sf6 - Glarean Magazin - Häufigste Variante in der Praxis, Nebenvariante im Buch: Der Springerzug Sf6 nach 1. c4
Häufigste Variante in der Praxis, Nebenvariante im Buch: Der Springerzug Sf6 nach 1. c4

Ausser Zweifel steht, dass alle Varianten schachlich fundiert und sicher auch computergeprüft sind. Das Partiematerial ist aktuell. Bei der Gewichtung der Varianten wird sich Burgess Gedanken gemacht haben, die sich an seinem Gesamtkonzept orientieren. Dennoch wäre auch hier ein Blick auf die „idiot-proof“-Zielgruppe hilfreich. Die Folge 1.c4 Sf6 kommt nur als Nebenvariante auf neun Seiten vor – vor allem mit dem Hinweis auf Überleitungen in bereits behandelte Systeme. In der Praxis ist aber (laut Megabase) der Springerzug die häufigste Antwort auf 1.c2-c4. Dem fortgeschrittenen Spieler werden die Überleitungen schnell klar sein, der unerfahrene Amateur könnte schon im ersten Zug irritiert dreinblicken.

Hervorragende layouterische Gestaltung

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Layout und Aufbau kennt man von vielen Büchern des Gambit-Verlages. Dieser hat hier eine Norm gesetzt, die man unbewusst mittlerweile auch für Werke anderer Verlage zum Massstab nimmt.
Allerdings wird dabei konsequent auf modernere Mittel der Visualisierung von Ideen verzichtet. Dem kann man sich aber kaum noch entziehen, denn gerade Eröffnungsmonographien geraten in eine Nische, in der sie bestenfalls als Nachschlagewerk überdauern können. Interaktive Formate, computergestützte Analysen, Video-Präsentationen und ähnliche Angebote laufen ihnen zunehmend den Rang ab. ♦

Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire, 190 Seiten (engl.), Gambit Publications Ltd, ISBN 978-1911465423

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Schachbücher auch über F. Zavatarelli: Das schachjournalistische Phänomen Ideka – Die Feuilletons von Ignaz Kolisch

ausserdem zum Thema Schach-Eröffnungsbücher: Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen


English Translation

Raised expectations not fulfilled

by Thomas Binder

With „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“ Graham Burgess presents in extensive and detailed variations an opening repertoire with the focus on very few systems. This should guarantee the inexperienced player a harmless survival of the first game phase. This approach is only effective if the reader is willing to learn very concrete moves instead of trusting general principles…

To anticipate: I esteem the English FIDE master Graham Burgess as chess author especially for the training value of his books, especially also the recently published opening textbooks „for kids“. I have recommended the latter to my students despite the language barrier.

Memorizing theory?

Burgess‘ latest work, however, leaves me helpless to disappointed, if only because the title arouses an expectation, which it cannot fulfil.
I would have expected to be given guidelines to help a player at the beginning of his career – i.e. with little experience and a correspondingly still developable playing strength – to avoid the pitfalls of the first phase of the game. I am sure that there is an „idiot proof“ way to do this, but it certainly does not consist of memorizing sophisticated theory variations.
This path could include the following elements:
– Keep the general opening principles (figure development, king safety, center control) and the recommendations given for them (move each figure only once, castling behind safe pawn chain, few pawn moves in the opening)
– Recognize in time the most important tactical motives on which the often overestimated opening traps are based (sacrificial motives on f7 or h7, bondage, double attacks, …)
– With growing experience and playing strength you will recognize the special features of center forms and pawn structures and adjust your opening game accordingly.

Limited program with clear move sequences

What does the „Idiot-Proof“ target group now get at Burgess? He remains true to the repertoire idea and focuses on a very limited program of clearly defined moves:
– With Black we always play against e2-e4 Scandinavian and in the following the fashion variant 1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6
– Against d2-d4 we play Slavic, but limited to the variant 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 c6 4.e3 Le6
– Against c2-c4 we answer symmetrically with c7-c5
– Against Sg1-f3 we play d7-d5
– With white we always play c2-c4 in the first move and then as soon as possible a king fianchetto with g2-g3 and Lf1-g2

With this a lot of chess is hidden and the view is very narrow. Especially the open and half-open (except Scandinavian) games do not occur at all. However, it is precisely with these openings that every chess beginner is confronted first, and it is precisely the tactical and strategic motives lurking there that form a basic knowledge, without which one will not have lasting enjoyment of chess.

Short text notes

One could justify the restriction of the chess field of view, if the remaining opening repertoire would be explained in detail and just „idiot-proof“. Unfortunately, however, the textual comments are too brief to adequately address the target group. I don’t want to deny Burgess the attempt to achieve this, but the wealth of variations does not leave enough room for this.

The keyword „wealth of variants“ brings us to the next aspect: the reader is offered nothing but a solid opening monograph. The short introduction to the repertoire is followed by 180 pages with a jungle of variants printed in two columns. Up to four diagrams per page make orientation somewhat easier. An experienced player will find his way around. The beginner is rather deterred by his possibly first detailed opening book. Even the systematic outline down to structures like „Chapter 8 – Section F2.2.1 – 5th move of Black – Variant a.2.2“ does not really help.
For the expectant beginner, the sobering realization „If I am to learn 180 pages of variations for this narrow repertoire, is it at all useful to study the opening section?

No surprises for the reader

The above criticism is based exclusively on the approach of Burgess‘ work. Anyone who wants to follow this approach will come to a completely different conclusion and praise the book in the highest possible terms – and this judgment would also be justified.
The presented variants cover the recommended repertoire completely. The reader will be largely safe from surprises – once he has understood and internalized everything. That large parts of the chess world remain hidden to him at first, he will only gradually notice. Then he will hopefully have reached a level of playing strength, which allows him to look beyond the edge of his nose of the Burgess repertoire without any risk. In this respect our book resembles a travel guide, which only leads to the tourist highlights and reserves the charming side streets for a later tour.

Chess based variations

There is no doubt that all variants are chess well-founded and certainly computer-tested. The game material is up-to-date. Burgess will have thought about the weighting of the variants, which are based on his overall concept. Nevertheless, a look at the „idiot-proof“ target group would also be helpful here. Episode 1.c4 Sf6 appears only as a secondary variant on nine pages – mainly with the reference to transitions to systems already covered. In practice, however, (according to Megabase) the Springer move is the most common answer to 1.c2-c4. The advanced player will quickly understand the transitions, the inexperienced amateur might already look irritated in the first move.

Excellent layout design

Layout and structure are familiar from many books published by Gambit Verlag. They have set a standard here, which is now unconsciously used as a benchmark for the works of other publishers as well.
However, they consistently avoid modern means of visualizing ideas. One can hardly escape this, however, because opening monographs in particular find a niche in which they can at best survive as reference works. Interactive formats, computer-aided analysis, video presentations and similar offerings are increasingly outstripping them. ♦
(Pictures and links are at the top of the German text)

F. Zavatarelli u.a: Feuilletons von Ignaz Kolisch

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Das schachjournalistische Phänomen Ideka

von Ralf Binnewirtz

Drei Schachhistoriker und -autoren haben sich zusammengetan, um die 92 sonntäglichen Feuilletons von Ignaz Kolisch – erschienen 1886-1888 in dessen eigener Wiener Allgemeinen Zeitung – in einem kompakten Band zu vereinen, der weit über die Schachwelt hinaus Interesse beanspruchen darf. Denn diese Feuilletons tangieren und reflektieren nahezu alle Bereiche der Gesellschaft und vermitteln in der ausgefeilten Prosa des Autors ein Zeit- und Sittengemälde Westeuropas aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erneut darf sich der Rezensent mit einer schillernden Figur der Schachgeschichte befassen. Diesmal ist es jedoch alles andere als ein Enfant terrible (wie zuletzt Hein Donner), sondern das Multitalent Ignaz Kolisch (1837-1889), ab 1881 Baron Ignaz von Kolisch, der ein weithin nomadenhaftes Leben führte und seine Feuilletons unter dem Pseudonym Ideka publizierte.

Hilfreicher Fussnoten-Service

Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio, Michael Burghardt (Hrsg): Die Feuilletons von Ignaz Kolisch, Edition MarcoDer vorliegende Sammelband ist keineswegs eine reine Kompilation, denn die Herausgeber Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio und Michael Burghardt haben über 1100 erhellende Anmerkungen in Fussnoten hinzugefügt, um die Verständlichkeit der Texte für die heutige Leserschaft zu verbessern. Der hochgebildete und äusserst sprachgewandte Kolisch kultivierte nämlich nicht nur im gesprochenen, sondern auch im geschriebenen Wort die Vorliebe, seine Ausführungen mit fremdsprachigen Sentenzen anzureichern (in Latein, Französisch, Englisch, usw.). Sehr hilfreich ist auch die „Übersetzung“ von regional-zeitgenössischen Ausdrücken im Text, zudem wurden zahllose, heute meist unbekannte Personen recherchiert, die daselbst auftauchen.

Diversität ohne Schach-Fokus

Baron Ignaz Kolisch - Schach-Feuilletonist - Glarean Magazin
Vom Schachmeister zum Finanzmogul: Ignaz Kolisch (1837-1889)

Die inhaltliche Mannigfaltigkeit der Beiträge wird bereits durch das Inhaltsverzeichnis angedeutet, dort erfolgt auch eine thematische Zuordnung, indem den einzelnen Feuilletons bestimmte Themenbereiche (wie Aktuelles, Finanzwelt, Kurzweiliges, Zeitgeschichte, etc.) zugewiesen werden. Lediglich in wenigen Fällen bilden zwei bis drei Feuilletons eine lockere Fortsetzungsgeschichte, ansonsten sind eigenständige Einzelepisoden die Regel. Das Buch lädt daher dazu ein, kreuz und quer zu lesen oder auch eine thematische Auswahl bei der Lektüre vorzunehmen. Dem Thema „Schach“ ist keine dominierende Rolle zugedacht, es taucht bei den 92 Feuilletons nur zwölf Mal auf; sowie zusätzlich in Anhang A, der fünf unkommentierte Partien von Kolisch in Kurznotation verzeichnet. Demzufolge ist das Buch für einen breiten Leserkreis (selbst ohne Schachkenntnisse) prädestiniert, aber natürlich auch empfehlenswert für Schachfreunde, die über den Tellerrand der eigenen Passion hinausblicken möchten.

Angaben zum Inhalt müssen naturgemäss fragmentarisch bleiben, wenige subjektiv herausgegriffene Beiträge und wiederkehrende thematische Motive will ich aber – quasi als appetizer – kurz erwähnen.

Esoterik und Aberglaube

Weitgehend von der Ratio geleitet, stand Kolisch esoterischen Modetrends wie dem Spiritismus und verwandten Phänomenen ungläubig-kritisch gegenüber (siehe Feuilleton 2; auch F. 25), von kleinen abergläubischen Überzeugungen war aber auch er nicht völlig frei (F. 20). Ob Kolisch sonderlich religiös war, bleibt offen; seine jüdischen Wurzeln erwähnte er nicht, allzu verständlich angesichts eines progressiven Antisemitismus in Wien, dem er auch in seinen Feuilletons immer wieder vehement entgegentrat.

Politisch aktuell geblieben

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Politisch war Kolisch liberal eingestellt, seine kleinen Polemiken haben häufig kaum an Aktualität eingebüsst. Ein für sich selbst sprechendes Zitat (aus F. 52, S. 317) kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen:
„Die Zerfahrenheit unserer öffentlichen Zustände, die Unsicherheit in den politischen Programmen, die Schwankungen unserer hoch- und niedertrabenden Volkstribunen und vor Allem die Unverlässlichkeit unserer grossen Parteiführer berauben mich nachgerade jedes bürgerlichen Vergnügens. Ich weiss heute nicht mehr, wem ich glauben soll, ich komme in die peinlichste Verlegenheit, wenn ich zu entscheiden habe, welchem Volksbeglücker ich mein Vertrauen schenken soll, und gerathe in helle Verzweiflung, wenn ich vor der Frage stehe, wessen beredte Auslassungen ich vorzugsweise auf mich wirken lassen darf“.
An anderer Stelle beschreibt Kolisch den radikalisierten Pöbel, der sich in gewalttätigen Demonstrationen Bahn bricht – bis hin zur (gerade noch verhinderten) Lynchjustiz (F. 21). Und er geisselt die „gewissenlosen Phrasendrescher“, die als mentale Brandstifter die leichte Verführbarkeit der Massen ausnutzen.

Betrüger und Scharlatane

"Das Gespräch drehte sich um Geister": Leseprobe aus "Die Feuilletons von Ignaz Kolisch" (Vergrösserung mit Mausklick)
„Das Gespräch drehte sich um Geister“: Leseprobe aus „Die Feuilletons von Ignaz Kolisch“ (Vergrösserung mit Mausklick)

Von ungebrochener Aktualität ist wiederum das Unwesen der Betrüger und Kleinkriminellen, die sich in den Metropolen Europas tummelten (siehe insb. F. 23): Praktisch ungestört konnten diese „Industrieritter“ (d.h. Nepper und Bauernfänger, Scharlatane und Rosstäuscher) ganze Stadtviertel in Beschlag nehmen. Heutzutage haben sich derlei Aktivitäten zu weiten Teilen globalisiert bzw. ins Internet verlagert, bei weiterhin geringer Erfolgsquote der Strafverfolgungsbehörden.
Ein spezieller Fall ist die lesenswerte Episode über einen verarmten, des Praktizierens längst entwöhnten Medicus, der infolge Kolischs Ratschlägen ein Vermögen im Orient erwerben kann (F. 65): Mit einer Therapie, die lediglich auf der Anwendung von frischem kalten Wasser beruht, „heilte“ er eingebildete Kranke in der Hautevolee (somit ein reiner Placeboeffekt) und liess sich dafür fürstlich entlohnen – wenigstens hat es bei den derart Gesundeten keine Armen getroffen. Fazit: Kurpfuscherei lohnt sich, wenn man es richtig anstellt – zumindest war dies noch im 19. Jahrhundert so.

Russische Verhältnisse

Kolisch scheute sich auch keineswegs, Missstände im östlichen Teil unseres Kontinents aufzuzeigen. So nahm er schonungslos das mächtige Reich der Russen ins Visier, wo sich das Geschwür der Korruption und die Schmiergeld-Kultur wie Mehltau über das ganze Land gelegt hatten (F. 45).
In diesem bunten Potpourri der Unterhaltungsbeilagen sind diejenigen, die sich ganz oder teilweise der reinen Erheiterung widmen, durchaus gut vertreten. Wer einmal herzhaft lachen möchte, mag beispielsweise F. 55 „Nicht für Damen“ lesen, das zudem mit einem geradezu märchenhaften Finale aufwartet. Unvergessen in ihrer ergötzenden Komik bleiben auch die trefflich geschilderten „Eroberungsversuche“ eines gealterten Lebemanns auf einem Pariser Boulevard (Passage auf S. 320) – und vieles andere mehr.


Exkurs: Kolisch als Schachmeister

W.E./Ignaz Kolisch konnte hervorragend mit dem Geld und mit dem Wort umgehen – aber auch mit den Schachfiguren. Als Erz-Schachromantiker des 19. Jahrhunderts führte er eine scharfe Angriffsklinge, die auch vor bekannten Grössen seiner Zeit keinerlei Respekt zeigte.
Hier ein paar Kostproben:


Famoser Unterhalter

Bereits von seinen Zeitgenossen wurde Kolisch attestiert, ein famoser Unterhalter zu sein, und in der kleinen Form des Feuilletons mit maximal 5-7 Seiten konnte er seine Fähigkeiten offenbar besonders vorteilhaft zur Geltung bringen. Eine überaus gelungene Mischung aus Witz, Ironie und tieferer Bedeutung, die seine Beiträge charakterisiert, war sicherlich ein Garant des Erfolgs. Dazu gesellte sich seine glänzende Formulierungskunst und ein (für einen Bankier!) wohl singulärer literarischer Schachzug: Mit frappierender Offenheit liess er sein Lesepublikum teilhaben an seinen Gedanken, seinen Interessen und Emotionen, was seinen Schriften eine hohe Authentizität verlieh und die Anhänglichkeit seiner Leserschaft immens vertiefte.

Fliessende Grenzen zwischen Fact & Fiction

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In welchem Ausmass Kolischs Schilderungen mit realen Begebenheiten seines bewegten Lebens übereinstimmen und welche Anteile auf Fiktion beruhen, ist nicht immer klar. Auch sind zeitlich auseinanderliegende Ereignisse wohl vereinzelt zusammengeführt worden. All dies mag jedoch von untergeordneter Bedeutung gewesen sein, solange seine Anekdoten geistreiche und amüsante Unterhaltung boten.
Ich finde das Buch inhaltlich hochinteressant und auch in der Ausstattung bestens gelungen (solide Hardcover-Ausgabe mit Fadenheftung). Ein biografisches Vorwort „Der literarische Schachmeister“, ein vorangestelltes Kapitel „Kolisch als Feuilletonist“ sowie mehrere Anhänge rahmen das Werk ein. Unbedeutende Druckfehler im Original wurden von den Herausgebern korrigiert, verbliebene kleine Vertipper haben Seltenheitswert. Insgesamt verspricht das Buch einen ungetrübten Lesegenuss, daher gebe ich die uneingeschränkte Empfehlung: Kaufen und lesen! ♦

Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio und Michael Burghardt (Hrsg.): Die Feuilletons von Ignaz Kolisch, 544 Seiten, Edition Marco, ISBN 978-3-924833-82-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Feuilleton auch über Helmut Pflegers neue ZEIT-Schachspalten

… sowie zum Thema „Romantisches Schach“ über Robert Johnson: Adolf Anderssen (Biographie)

Alexander Münninghoff: Hein Donner (Schach-Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 9 Minuten

Donnerhall im Reich der Schachliteratur

von Ralf Binnewirtz

Der holländische Grossmeister Jan Hein Donner (1927-1988) wird bei der jungen Generation weitgehend in Vergessenheit geraten sein, zumal er auf der Schachbühne nicht in die obersten Ränge gelangen konnte. Und ausserhalb der niederländischen Schachliteratur sind nur wenige biografische Details über ihn verbreitet worden. Der Ende April verstorbene Autor Alexander Münninghoff hat dem nonkonformistischen Schach-Grossmeister und -Autor ein bemerkenswertes literarisches Denkmal gesetzt, das nun auch in Englisch erschienen ist.

Hein Donner - The Biography - New In Chess NIC - Alexander MünninghoffJohannes Hendrikus (Hein) Donner war sicherlich die schillerndste Figur in der Geschichte des niederländischen Schachs – jedenfalls auf GM-Niveau. Als Spross einer prominenten, streng calvinistischen Familie in Den Haag – sein Vater Jan Donner brachte es zum Justizminister der Niederlande – sollte Hein als Einziger des sechsköpfigen Donner-Nachwuchses aus der Art schlagen: Er hatte zwar halbherzig einige Semester Jura absolviert, entschloss sich dann aber – sehr zum Leidwesen seines Vaters – zu einer keineswegs risikofreien Profilaufbahn im Schach. Ein weitgehend ungebundenes, bohemienhaftes Leben in der Schachwelt entsprach seinem Naturell offenbar weitaus mehr als eine konventionelle Laufbahn im Establishment.

Mal top, mal flop

Faul, genial, scharfzüngig: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)
Scharfzüngig, faul, witzig, polemisch, genial: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)

Hein Donner (GM-Titel 1959) war ein weit überdurchschnittliches Talent, um nicht zu sagen Genie in die Wiege gelegt, aber zumindest als Schachspieler hat er den in ihn gesetzten Erwartungen nicht recht entsprochen. Seine Faulheit, gepaart mit einem Mangel an Disziplin und Ehrgeiz (er verfolgte nicht die Neuerungen in der Eröffnungstheorie, bereitete sich auf Turniere in der Regel nicht vor und gab sich mit dem Erreichten zufrieden), zeitigten ein ständiges Auf und Ab in den Turnierresultaten und verhinderten den Aufstieg in die höchsten Sphären, wobei ihm auch noch eine ausgeprägte Russenphobie im Wege stand.
Im Gedächtnis der Nachwelt ist Donner vor allem als Verlierer zahlreicher Kurzpartien verblieben, die ihn im Kreis seiner internationalen GM-Kollegen zum Gespött machten als „unumstrittenen Träger der Narrenkappe“ 1). Gleichwohl war er in der Zeitspanne zwischen Max Euwe und Jan Timman der stärkste niederländische Schachspieler.

Zur Ehrenrettung Donners sei hier eine seiner respektablen Gewinnpartien präsentiert:

In seiner Spielleidenschaft hat sich Donner auch in unzähligen anderen Spielen (u.a. Bridge) versucht, lediglich vom Damespiel hat er sich verächtlich abgewandt.

Unterwegs im Amsterdamer Szene-Viertel

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Einen grossen Teil seiner Freizeit verbrachte Donner in der Amsterdamer Szene („The Ring Of Canals“) bzw. im elitären Künstler-Zirkel „De Kring“, den er gemeinhin abends und nachts aufsuchte, da er erst am späten Nachmittag aus dem Bett zu steigen pflegte. Dort traf er auf die lokale Intelligenzia, mit der er sich in unermüdlichen Diskussionen messen oder aber den Clown spielen konnte. Donner, der sich schon früh zu einem notorischen „contrarian“ entwickelte hatte, also grundsätzlich die gegenteilige Meinung seines Gegenübers einnahm, war nicht nur körperlich (mit knapp 2 m Grösse), sondern auch intellektuell ein Riese. Ausgestattet mit einem messerscharfen Verstand, mit enormer Eloquenz und sardonischem Witz, war er praktisch jedem Gegner verbal gewachsen, wenn nicht überlegen. Und sollte ein Disput zu einem Faustkampf eskalieren, was gelegentlich vorkam, so besass Donner auch hier aufgrund seiner Obelix-artigen Statur Vorteile. Es darf daher nicht wundern, wenn die Zahl seiner Freunde überschaubar blieb. Seine legendäre Dauerfehde mit Lodewijk Prins (Ehren-GM 1982) soll hier nur erwähnt sein.

In der Romanliteratur verewigt

Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch
Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch

Eine tiefe Freundschaft verband Donner mit dem Schriftsteller Harry Mulisch, dem Donner literarisch nachzueifern suchte – nicht immer zum Vorteil seiner Turnier-Performance (siehe z.B. Santa Monica 1966). In seinem Roman „Die Entdeckung des Himmels“ (1992) hat Mulisch seinen Freund posthum in der Figur des Onno Quist verewigt. In diesem Kontext ist auch das aufschlussreiche Interview zu erwähnen, das Dirk Jan ten Geuzendam mit Harry Mulisch geführt hat (Kap. 11 – Harry Mulisch’s Heinweh).

Weitaus erfolgreicher als am Turnierbrett war Donner als Schachschriftsteller, hier konnte er seine Lust an der Polemik und Provokation gleichermassen ausleben. Aber unter seinen zahllosen, in über drei Jahrzehnten in diversen holländischen Zeitungen publizierten Artikeln finden sich auch manche seriösen Beiträge. Eine Selektion seiner besten Artikel ist als Anthologie erschienen: „The King – Chess Pieces“ steht in der Gunst der internationalen Leserschaft bis heute ganz oben. [Rezension von Taylor Kingston]

Kreativität auch im Rollstuhl

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Nach einem Schlaganfall im August 1983, der Donner für die letzten Lebensjahre in ein Pflegeheim verbannte, blieb ihm, an den Rollstuhl gefesselt, nur das Schreiben als einzige kreative Beschäftigung. Mit einem Finger auf der Schreibmaschine verfasste er minimalistische Beiträge: Für „Na mijn dood geschreven“ [Nach meinem Tod geschrieben] wurde ihm 1987 der höchst angesehene Henriëtte-Roland-Holst-Preis verliehen. Auch die öffentliche Erstpräsentation von De Koning: Schaakstukken konnte er noch (in einem miserablen Zustand) erleben. Er hat sein Schicksal klaglos hingenommen. Eine im November 1988 unversehens eingetretene Magenblutung bedeutete den endgültigen Exitus.

Donners Frauen – ein wechselhaftes Glück

Donner lernte seine erste Freundin Olga Blaauw im Frühling 1949 kennen, sie lebten gut sechs Jahre ohne Trauschein zusammen. Die Trennung wurde unerwartet ausgelöst durch einen Heiratsantrag Donners (nach dessen Rückkehr von Göteborg 1955), der die Leidenschaft instantan erlöschen liess.

Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering
Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering

Die zweite erwähnenswerte Dame, die in Donners Leben trat, war Irène van de Weetering, im Jahre 1958 noch „eine 18-jährige Nymphe“. Als sich Ende 1959 Nachwuchs ankündigte, war die eigentlich unerwünschte Heirat nach calvinistischem Reglement unvermeidlich. Das zweite Kind kam Anfang 1962. Während Donner seinen Nachwuchs (Sohn und Tochter) abgöttisch liebte, war das Verhältnis zu seiner Ehefrau deutlich kühler – schon bald nach der Trauung hatte er eh ein promiskuitives Wanderleben begonnen. Die marode Liaison ging schliesslich vollends in die Brüche, als sich Irène 1966 der anarchistischen Provo-Bewegung anschloss und Stadträtin in Amsterdam wurde (Scheidung 1968).

Donners letzte Frau war die Anwältin Marian Couterier, die er 1971 ehelichte. Die Verbindung verlief von Beginn in harmonischen Bahnen, und Hein wandelte sich gar zum Familienmensch, eine Tochter kam 1974 zur Welt. Die Ehe währte bis zu Heins Tod.

Polarisierender Charakter mit Bohemien-Charme

Nicht jeder wird sich mit der Persönlichkeit eines Hein Donner identifizieren können, zu ambivalent sind hierfür die Eindrücke, die man bei der Lektüre gewinnt. Donners zwanghafte Streitsucht insbesondere im trunkenen Zustand, sein despektierliches Verhalten gegenüber Meisterkollegen, sein Dominanzgehabe sind Attribute einer merklichen Ungeniessbarkeit. Hierzu mögen auch noch sein meist schmuddeliges Outfit und eine nachlässige körperliche Hygiene zählen. Indes gehörte Donner zu einer Spezies, die in der heutigen Schachszenerie ausgestorben ist: Ein echtes Original mit Ecken und Kanten und einem sehr spezifischen Humor. Ein unabhängiger Geist, der sich nicht um Konventionen scherte, der sein Leben lebte, wie er es wollte, auch wenn es (durch übermässiges Rauchen und Trinken) gesundheitlich bedenklich schien oder er sein soziales Umfeld brüskierte. Und schliesslich war er einer der besten und unterhaltsamsten Schachschriftsteller aller Zeiten.

Kontroverse Persönlichkeit meisterhaft biografiert

Alexander Münninghoff - Schriftsteller Journalist Biograph - Glarean Magazin
Biograph ohne Beschönigungen: Alexander Münninghoff

Alexander Münninghoff hat diesen polarisierenden Charakter vortrefflich beschrieben, dabei unangemessene hagiografische Beschönigungen bewusst vermieden. Eine gewisse Nachsichtigkeit des Autors gegenüber seinem biografischen Objekt ist zwar spürbar, aber nicht gravierend. Die englische Übersetzung ist rundum gelungen und – solide Englischkenntnisse vorausgesetzt – flüssig lesbar, zumal der Autor seine Darstellung chronologisch angelegt hat. Vor allem hat er die wichtigste Forderung beherzigt, die ein gutes Buch erfüllen muss: Es darf seine Leserschaft keinesfalls langweilen! Daher gebe ich eine klassische Empfehlung weiter: „Lest die besten Bücher zuallererst; sonst kommt ihr überhaupt nicht dazu, sie zu lesen.“ (Henry David Thoreau)
Neun Seiten Bildtafeln (18 s/w-Fotos aus Donners Leben) und ein Kapitel mit 34 kommentierten Donner-Partien (Recherche/Analysen von Maarten de Zeeuw) komplettieren das Werk. Fehler sind eher selten, lediglich die auf S. 128 mit Nr. 23 referenzierte Partie gegen Kortschnoi sucht man in der Partieauswahl / Kap. 12 vergeblich. ♦

1) Die Runde um die Welt machte die sensationelle Kurzpartie des Chinesen Liu Wenzhe gegen Donner, Olympiade Buenos Aires 1978 (s. S. 265), die erste Partie, die ein Chinese gegen einen westlichen GM gewann. Kommentar Donner: „Now I will be the Kieseritzky of China.”

Alexander Münninghoff: Hein Donner – The Biography, 272 Seiten (engl.), New In Chess, ISBN 978-90-5691-892-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Biographien auch über Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies

Andrew Soltis / David Smerdon: Schwindeln im Schach

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Das Maximum aus verlorenen Stellungen holen

von Thomas Binder

Man muss im Schach nicht immer den besten Zug finden. In objektiv verlorenen Stellungen hilft oft nur jener Zug, der den Gegner vor eine schwierige Wahl stellt oder die Gestalt der Partie in unerwarteter Weise wendet. Doch wie geht erfolgreiches Schwindeln im Schach? Die beiden Autoren Andrew Soltis in „How To Swindle In Chess“ und David Smerdon in „The Complete Chess Swindler“ zeigen es uns auf unterhaltsame und lehrreiche Weise.

Der Zufall will es, dass kurz nacheinander zwei renommierte Verlage und ebenso bewährte Autoren Bücher mit nahezu identischem Ansatz herausgebracht haben. Die Grossmeister Andrew Soltis aus den USA und David Smerdon aus Australien widmen sich dem Thema „Schwindeln im Schach“. Normalerweise bietet sich jetzt ein Vergleichstest mit einer Kaufempfehlung an, doch hier ergibt sich ein „totes Rennen“. Denn vorweggenommen: Ich habe beide Bücher mit grossem Vergnügen gelesen und kann sie uneingeschränkt empfehlen. Das verwendete Partiematerial überschneidet sich nur geringfügig, beide Werke ergänzen sich also hervorragend.

Chancen für schwere Fehler bieten

Anzeige Amazon: Andrew Soltis - How To Swindle in Chess - Batsford Chess - Buchrezension
Andrew Soltis: How to Swindle in Chess

„Schwindel“ ist zwar sprachlich die sanftere Form der Lüge, doch es wird einem eventuellen Übersetzer schwerfallen, eine passende deutsche Fassung des zentralen Begriffs zu finden. Es geht in beiden Büchern darum, wie man aus objektiv verlorenen – manchmal aufgabereifen – Stellungen das Maximum an Chancen herausholt. Da der nach reiner Lehre „beste Zug“ die Partie unweigerlich verlieren wird, muss man andere Ressourcen ergründen. Es geht darum, dem Gegner die Verwertung seines Vorteils möglichst schwer zu machen, ihm viele Optionen zu lassen, unter denen er die verlockendste (aber falsche) wählen könnte. Da wir die Partie nicht mehr durch eigene gute Züge gewinnen können, müssen wir die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Gegner noch einen schweren Fehler begeht. Das englische Verb „to bamboozle“ beschreibt dies schon lautmalerisch sehr schön und ist eine weitere Herausforderung für den Übersetzer.

Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
David Smerdon: The Complete Chess Swindler

Beide Autoren nähern sich dem Thema in gleicher Weise und finden einen sehr gesunden Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch. Wenn man nach der Lektüre eines Schachbuchs das Gefühl hat, gut unterhalten worden zu sein und dabei etwas praktisch Verwertbares gelernt zu haben – was kann es Schöneres geben?
Sehr zum Verständnis trägt die ausführliche Bebilderung mit Stellungsdiagrammen bei. Sie ist in beiden Büchern so gehalten, dass man den Partien mühelos ohne eigenes Schachbrett folgen kann. Die am Zug befindliche Seite wird bei Soltis noch ganz klassisch mit „White / Black to play“ beschrieben. Smerdon verzichtet im Hauptteil des Buches leider völlig auf die Kennzeichnung des Zugrechts – eigentlich heute Standard in der Schachliteratur.

Geeignet für Vereinsspieler ab 1600 Elo

Umfang und Inhalt der schachlichen Erläuterungen treffen genau den Geschmack des Rezensenten. Natürlich wird schachliches Können und vor allem wohl auch Wettkampferfahrung vorausgesetzt, um sich auf den Ansatz der Werke einzulassen. Doch ab einem mittleren Vereinsspielerniveau, das ich bei einer Elo-Bewertung um 1600 ansetzen würde, kann man allen Gedankengängen folgen und die Bücher mit Genuss und Gewinn lesen. Auch schachbegeisterte Jugendliche sind als Zielgruppe vorstellbar, sofern die Fremdsprache keine wesentliche Hürde darstellt.

Andrew Soltis - How to Swindle in Chess - Batsford Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Einfach gehaltene Erläuterungen: Leseprobe aus Andrew Soltis „How to Swindle in Chess“

Kommen wir auf die äusserlichen Unterschiede: Smerdons Werk ist um ca. 50% stärker, zudem im Format etwas grösser. Von den gut 120 zusätzlichen Seiten, entfallen allerdings ca. 80 auf das abschliessende Kapitel mit Aufgaben und deren Lösungen. Diese gibt es zwar bei Soltis ebenfalls, aber deutlich knapper und in die Fachkapitel integriert. Abgesehen davon unterscheidet sich die Zahl der vorgestellten Partien weniger als man erwarten könnte. Beide Bücher stellen jeweils ungefähr 100 Beispiele ausführlich vor.

Farbiger Sprachstil vs nüchterne Erklärungen

Das Layout wirkt bei Smerdon insgesamt etwas edler, was aber wohl nicht dem Autor sondern dem jeweiligen Verlagsprogramm zuzurechnen ist. Meist sind auch die Texte bei Smerdon ausführlicher. Rein schachlich ist dies aber nur dort von Belang, wo er im Detail auf abweichende Varianten eingeht. Ansonsten ist eben sein Sprachstil deutlich farbiger als die nüchternen Erklärungen seines amerikanischen Kollegen.

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Anekdoten und Geschichten: Leseprobe aus David Smerdon „The Complete Chess Swindler“

Auch findet sich bei Smerdon manche kleine Anekdote und Geschichte zur vorgestellten Partie. So werden einige Personen der australischen Schachszene porträtiert, die man hier bislang nicht wahrgenommen hatte. Sollten also die Englisch-Kenntnisse des Lesers ein Kaufkriterium sein, wäre hier der einfacher gehaltene Soltis-Text vorzuziehen. Allerdings sind bei diesem Buch noch einige Schreibfehler im Text und in der Notation auszumerzen.

Umfangreicher Bestand an Aufgaben

Wie bereits angedeutet, haben beide Werke einen mehr oder weniger umfangreichen Bestand an Aufgaben und jeweils einen Lösungsteil dazu. Solche Abschnitte findet man heute in fast jedem Schachbuch. Die Meinungen zur Sinnhaftigkeit dieses Formats mögen auseinander gehen. Ich hätte mir gewünscht, dass man lieber einen Teil dieser Partien in aller Ausführlichkeit in den Haupttext integriert hätte. ♦

Andrew Soltis: How To Swindle in Chess, 240 Seiten, Batsford Chess (Pavilion Books), ISBN 978-1849945639

David Smerdon: The Complete Chess Swindler, 368 Seiten, New in Chess, ISBN 978-9056919115

Lesen Sie ausserdem im Glarean Magazin zum Thema „Schwindeln im Schach“ den Computerschach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

… sowie zum Thema „Unerwartete Schachzüge“: Der Brilliant Correspondence Chess Move BCCM Nummer 8

Weitere Internet-Links zum Thema Schach

 


English Translation

You don’t always have to find the best move in chess. Often the only thing that helps in objectively lost positions is the move that confronts the opponent with a difficult choice or unexpectedly changes the shape of the game. The authors David Smerdon in „The complete chess swindler“ and Andrew Soltis in „How to swindle in chess“ convey this knowledge in an entertaining and informative way.

It’s a nice coincidence, that two renowned publishers and successful authors recently edited books with an almost identical approach. Grandmasters Andrew Soltis (from US) and David Smerdon (from Down Under) focus on the subject „Swindling in Chess”. Usually this would tender a comparison test, but that would end in dead heat. I read both books with great pleasure and recommend them both without any reservation. The quoted games overlap only to a small extent; so both books complement one another perfectly.

Offer chances to make serious mistakes

„To swindle“ seems to me as a gentle form of „to lie“ or „to betray“, but of course it’s not about something morally reprehensible here. Both books deal with situations on the chessboard where one side is objectively utterly lost. But now it’s time to generate some „swindle“ chances. The „best move“ according to pure teaching or computer evaluation will inevitably lose the game. So we need to set obstacles for the opponent to convert his clear advantage. We offer him as much options as possible to fall into a trap. The word „to bamboozle“ is the perfect onomatopoetic expression for this attitude.
Both authors find the happy medium between education and entertainment. Feeling well entertained and having learned something useful – what can be better?
Both books are well equipped with position diagrams. That makes it easy to understand the examples and to follow the course of the game without using a chessboard.
Soltis marks the side to play with classical comments next to the board. Unfortunately Smerdon doesn’t use any move indicator – actually a standard in today’s chess literature.

Useful for club players with Elo 1600+

Scope and content of the chess-related explanations exactly match the taste of the reviewer. Of course both books require a certain amount of chess skills and competition experience. But medium club players at an Elo-level of about 1600 will be able to follow all lines of thought and read the books with pleasure and profit. Chess-enthusiastic teenagers can profit as well, provided that the foreign language is not a major hurdle to them.

Let’s have a look at the external differences: Smerdon’s book is about 50% bigger and uses a slightly larger format. But about 80 of the 120 additional pages account for the final section with exercises and solutions. These are available at Soltis too, but much more scarce and integrated in the respective chapters. Apart from that, the number of games presented differs less than one might expect. Both books provide about 100 examples in detail.

Colourful style vs sober explanations

The layout looks a bit nobler at Smerdon’s book, but this must be attributed to the publishing program rather than to the author. The texts are a bit more detailed there too. But the difference is chess-related only in the subsidiary variants, not in the game’s main line. Of course his language style is more colourful than the sober explanations of his American colleague. In Smerdon’s text we find lots of small anecdotes and stories about the games presented. Some people from Australian chess scene are portrayed, who have so far not been noticed here in Europe. If the reader’s English knowledge is a purchase criterion, the simpler Soltis text would be preferable. However, some spelling mistakes in the text and in the notation have to be eliminated in Soltis’ book.

Both works have am more or less extended part with tasks and solutions. Such sections can be found in almost every chess book today. The opinions on this format may differ. I would have preferred that some of these examples had been integrated to the main text in greater detail.

Pictures and Links can be found in the text above

Andrew Soltis: Bobby Fischer Rediscovered (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Ein Schach-Genie im Spiegel seiner Partien

von Ralf Binnewirtz

Dem amerikanischen Grossmeister und Schachautor Andrew Soltis ist mit „Bobby Fischer Rediscovered“, einer nach 17 Jahren merklich verbesserten Zweitauflage, ein beachtlicher Wurf gelungen.
Mit nunmehr 107 herausragenden und ausgewogen kommentierten Fischer-Partien sowie zahlreichen informativen Textbeigaben, die Leben und Werk des legendären Protagonisten erhellen, ist diese Partieauswahl ein unverzichtbarer Bestandteil jeder ernsthaften Fischer-Kollektion.

Bobby Fischer Rediscovered - Andrew Soltis - Batsford Chess - Cover - Glarean MagazinAuch nach dem Tode von Bobby Fischer im Jahre 2008 ist der stetige Strom der Publikationen aller Art über die amerikanische Schachlegende nicht verebbt. Das aktuellste Produkt dieser anhaltenden Faszination ist die runderneuerte Zweitauflage der Partieselektion, die der US-Grossmeister und renommierte Schach-Autor Andrew Soltis erstmals 2003 vorgelegt hat. Die im Buchtitel formulierte, auf den ersten Blick etwas kurios anmutende „Wiederentdeckung Fischers“ erklärte der Autor bereits 2003 damit, dass dessen Partien nach drei Jahrzehnten (ab Reykjavik 1972 gerechnet) eine neue Betrachtung und Bewertung mit frischem Blick verdient hätten. Schauen wir uns an, was wir von der im Untertitel so vorgestellten „überarbeiteten, ergänzten und neu analysierten Auflage“ 2020 erwarten dürfen.

Einblicke in Fischers Persönlichkeit

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In der Einleitung („Author’s Note“) blickt Soltis u.a. zurück auf die persönlichen – mal mehr, mal weniger zufälligen – Begegnungen mit dem von ihm bewunderten Schachgenie in der US-Schachszene. Hieraus hat sich allerdings nie eine dauerhafte Bekanntschaft oder gar Freundschaft entwickelt (eine solche wurde bekanntlich nur wenigen Auserwählten zuteil). Eine einmalige Schnellpartie gegen Fischer (1971) verkorkste Soltis in Gewinnstellung zum Verlust, allzu sehr gelähmt von der dominanten Präsenz seines Gegenübers.
Diese kurzen Treffen gewähren bereits interessante Einblicke in Fischers Persönlichkeit. Des Weiteren geben die Einführungen zu den Partien einen informativen Überblick auf den schachlichen Werdegang Fischers, auf dessen Vorlieben, Vorzüge und Schwächen, auf seine fundamentalen schachlichen Grundsätze, die er in kurze Faustregeln zu fassen pflegte, und seine eröffnungstheoretische Vorbereitung. Es sind diese persönlich gefärbten Ausführungen des Autors, bisweilen angereichert mit historischen Bezügen und anekdotenhaften Begebenheiten, die eine besondere Stärke des Buchs ausmachen und erheblich zum Lesevergnügen beitragen. Und dazu, dass der Leser auch den Menschen Bobby Fischer ein wenig kennenlernt.

No smoke, no drinks, no girls

Hierzu ein kurzes Beispiel: Vor dem Interzonenturnier Portoroz 1958 schrieb Fischer-Mutter Regina einen „enthüllenden“ Brief an den Jugoslawischen Schachverband, in dem sie kundtat: „… He [Bobby] would not give simultaneous exhibitions or interviews – and didn’t like journalists ‚who ask non-chess questions‘ about his private life. She volunteered to the Yugoslavs that Fischer didn’t smoke, drink or date girls and ‚doesn’t know how to dance.‘ But, she added, ‚He likes to swim, play tennis, ski, skate, etc.'“ (S. 25)
Selbstredend kann und soll das Buch nicht mit einer echten Biografie konkurrieren, wie sie etwa Frank Brady verfasst hat.

Bobby Fischer Rediscovered - Andrew Soltis - Batsford Chess - Lesebeispiel - Glarean Magazin
Die „Jahrhundertpartie“ gegen Donald Byrne (8. Matchpartie in New York 1956) mit Fischers legendärem Damenopfer, kommentiert von Andrew Soltis

Wenden wir uns dem Hauptteil des Buches zu, den aufgenommenen Partien. Die 100 Games der Erstauflage, in chronologischer Folge angeordnet, finden sich auch in der Neuauflage wieder: Sie umspannen die gesamte Schachkarriere Fischers von der „Jahrhundertpartie“ 1956 gegen D. Byrne bis zur 11. Match-Partie gegen Spasski in Sveti Stefan 1992. Nur etwa ein Viertel dieser Partien ist auch in Fischers eigenem Werk „Meine 60 denkwürdigen Partien“ enthalten. Neu hinzugekommen ist ein Epilog mit 7 weiteren Partien, die bislang „übersehen“ wurden bzw. nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren haben.


Exkurs: Die Partie Bobby Fischer vs Andrew Soltis

… aus dem Jahre 1971 ist vielleicht kein Ruhmesblatt für Grossmeister Soltis. Aber hey, der Gegner hiess Bobby Fischer…

(Mittels Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet sich ein Analyse-Fenster, inklusive Download-Option als PGN-Datei)


Gute Balance zwischen Text und Varianten

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Sämtliche Partien wurden von Soltis gründlich kommentiert, ohne dass sich seine Analysen in weitläufige, unübersichtliche Verzweigungen von Varianten ergehen. Dies und eine ausgewogene Balance zwischen Textkommentierung und Varianten wird die grosse Mehrheit der Leserschaft zu schätzen wissen. Die Analysen wurden für die Neuauflage beträchtlich überarbeitet, sie beruhen teilweise auf eigenen Bemühungen, teils auf fremden Vorgängeranalysen, was sicherlich nicht kritikwürdig ist. Dies gilt auch für Soltis‘ Entscheidung, keine Verlustpartien Fischers aufzunehmen, sowie nur wenige – dafür hochinteressante – Remispartien.

Bobby Fischer und Mutter Regina - Melonen-Essen in Manhattan - Schach im Glarean Magazin
Teenager Bobby und Mutter Regina beim Melonen-Essen in Brooklyn / New York

Die Markenzeichen von Bobby Fischers Stil, das luzide Positionsspiel, die Fähigkeit, Vorteile zu generieren und diese gnadenlos zu verwerten, die taktische Schlagfertigkeit, all dies verknüpft mit einem unbändigen Siegeswillen, scheinen in all seinen grossartigen Partien auf. Dabei zeigt sich, dass Fischer insgesamt nur sehr wenige Opferpartien gespielt hat, auch wenn diese zu seinen bekanntesten gehören mögen.
Mit dieser ausgezeichneten Partieauswahl dürften nicht nur Fischer-Fans voll auf ihre Kosten kommen. Ich kann dieses Buch nur nachhaltig empfehlen – es dürfte die zweitbeste Partiesammlung zu Bobby Fischer sein, die beste stammt halt immer noch vom grossen Meister selbst! ♦

Andrew Soltis: Bobby Fischer Rediscovered, 312 Seiten, Batsford, ISBN 978-1-84994-606-3 (engl.)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Genies auch die Anekdoten aus der Welt des Schachs

… sowie zum Thema „Schach in der Zeit des Kalten Krieges“ von Boris Gulko & Viktor Kortschnoi: Der KGB setzt matt

Weitere interessante Internet-Links zu Bobby Fischer:

Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

400 Eröffnungsstellungen für Schach-Kids

von Thomas Binder

Mit „Chess Opening Workbook for Kids“ komplettiert der angesehene englische Schach-Trainer und -Autor Graham Burgess seine Eröffnungs-Trilogie für Kinder. Zuvor hatte er in gleicher Aufmachung die Bücher „Schacheröffnungen für Kids“ und „Schach für Kids – Eröffnungsfallen“ vorgelegt. Es ist zu hoffen, dass auch vom neuesten Werk sehr bald eine deutschsprachige Ausgabe erscheint.

Chess Opening Book for Kids - Graham Burgess - Schachbuch-Cover - Gambit Verlag - Glarean Magazin
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Diesmal hat Burgess den Stoff als „Arbeitsbuch“ aufgearbeitet. Das bedeutet, dass in elf Kapiteln über 400 Eröffnungsstellungen präsentiert und jeweils mit einer konkreten Fragestellung verknüpft werden. Wir blicken in der Regel auf eine Stellung, die nach etwa sieben bis zehn Zügen entstanden ist, manchmal auch etwas später.
Welche Seite am Zug ist, wird durch die Buchstaben „W“ bzw. „B“ neben dem Diagramm angezeigt. Für diese Kennzeichnung fehlt in der Schachliteratur offenbar noch ein Quasi-Standard. Andere Autoren benutzen (neben der klassischen Textform) Pfeile oder farbige Kästchen. Chessbase (der Marktführer der Schachprogramme) setzt auf ein rundes schwarzes oder weisses Symbol rechts unten neben dem Brett.
Einige wenige Illustrationen von Shane Mercer lockern das Buch auf. Davon würde ich mir deutlich mehr wünschen.

Von Taktik bis Strategie

Chess Opening Workbook for Kids - Graham Burgess - Leseprobe Glarean Magazin
Leseprobe aus „Chess Opening Workbook for Kids“ zum Thema „Entwicklung und Zentrum“

Das Material ist nach Themen geordnet. Zunächst gibt es taktische Kapitel, wie Matt, Doppelangriff, Figurenfang oder Königsjagd. Unter dem Oberbegriff „Eröffnungsstrategie“ folgen dann Entwicklung, Zentrumsbeherrschung und Rochade. Das letzte dieser Kapitel ist mit „Does Bxh7+ work?“ überschrieben. Es hätte meines Erachtens allerdings in den Taktik-Abschnitt gehört. Der Leser soll hier unvoreingenommen entscheiden, ob sich das klassische Läuferopfer auf h7 oder h2 in der konkreten Stellung lohnt.
Abschliessend gibt es dann noch einige Testaufgaben mit Punktbewertung – ein offenbar unausrottbares Element vieler Schachlehrbücher, dessen Sinn sich mir noch nicht so recht erschlossen hat.

Überlegt ausgewählte Aufgaben

Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Einführung ins Thema. Auch hier trifft Burgess nach Inhalt und Umfang genau ins Schwarze.
Die Aufgaben – je 6 Diagramme auf einer Seite – sind durchweg sehr überlegt ausgewählt. Es werden unterschiedliche Schwierigkeitsgrade bedient, ohne dass unbedingt eine Sortierung nach aufsteigender Schwierigkeit erkennbar ist. Im Rahmen des Kapitelthemas sind die Aufgaben wiederum recht vielfältig. Hervorzuheben ist auch, dass sich der Leser in manchen Fällen auf die Seite des Verteidigers begeben muss, der eine thematische Gefahr abwehrt. Insgesamt bleibt man immer auf einem Niveau, das es dem jungen Schachtalent ermöglicht, die Aufgaben ohne Schachbrett „vom Blatt“ zu bearbeiten. Genau so muss es ja für eine Vorbereitung unter turniernahen Bedingungen sein.
Im Anschluss an jedes einzelne Kapitel folgen dann die Lösungen. Sie werden schmucklos und ohne weitere Diagramme präsentiert. Das fordert die ambitionierten jungen Leser doch etwas mehr heraus, wenn sie auch hier noch allen Varianten folgen wollen. Auch wirken diese Seiten im Kontrast zu den Aufgabenblättern etwas zu eng bedruckt.

Junge Leser und Trainer als Zielgruppen

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Das Workbook wendet sich primär an die im Titel angesprochenen „Kids“, wobei ich die Altersuntergrenze bei 10 Jahren ansetzen würde. Da es aber keine wirklich auf Kinder zugeschnittenen Elemente enthält, können selbst ältere Jugendliche unbefangen damit arbeiten. Ja – man kann es mit wachsender Spielstärke und Erfahrung sicher auch mehrfach zur Hand nehmen. Neben den jungen Lesern sind deren Trainer eine genauso wichtige Zielgruppe. Sie können den hier vorgelegten Aufgabenschatz in ihren Unterricht einbauen oder für individuelle Aufgabenstellungen nutzen. Gerade Trainer mit wenig Literatur im Hintergrund (z.B. in Schulschachgruppen) finden für kleines Geld einen riesigen Aufgabenvorrat zum Eröffnungsspiel.

Geeignet auch fürs Selbststudium

Aus der Sicht des Trainers ist es allerdings etwas schade, dass die einleitenden Züge vor der Diagrammstellung nicht angegeben werden. Ja – das hätte etwas Platz gekostet, würde aber zusätzliche Einsatzmöglichkeiten im Training bzw. bei der Wettkampfvorbereitung eröffnen. Dass die Partiestellungen ohne Quellen angegeben sind, wirkt auf den ersten Blick ungewohnt, aber es geht eben um Eröffnungsstellungen, die so in der Turnierpraxis ungezählte Male auf dem Brett waren.
Fazit: „Chess Opening Workbook for Kids „ist eine sinnvolle Ergänzung zu den bisher vorliegenden Eröffnungsbüchern für Kinder des gleichen Autors. Sowohl für das Selbststudium als auch den Einsatz im Training ist der Band, der über 400 Aufgaben mit angemessen erklärten Lösungen enthält, hervorragend geeignet. ♦

Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids – Schachlehrbuch für Kinder, 128 Seiten, Gambit Publications, ISBN 978-1911465379, 2019

Leseprobe (PDF)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Jugend-Schachbücher auch über das Lehrbuch des Circon Verlag: Schachtricks für Kinder

… sowie zum Thema „Schachspielen online“ über Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler


English Translation

400 Opening Positions for Chess Kids

With „Chess Opening Workbook for Kids“ the renowned English chess trainer and author Graham Burgess completes his opening trilogy for children. Previously he had presented the books „Chess Opening Workbook for Kids“ and „Chess for Kids – Opening Traps“ in the same layout. It is to be hoped that a German-language edition of his latest work will also be published very soon.

This time Burgess has worked up the material as a „workbook“. This means that over 400 opening positions are presented in eleven chapters, each linked to a specific question. As a rule we look at a position that was created after about seven to ten moves, sometimes a little later.
Which side is the move is indicated by the letters „W“ or „B“ next to the diagram. Apparently there is still no quasi-standard for this marking in chess literature. Other authors use (besides the classical text form) arrows or coloured boxes. Chessbase (the market leader of chess programs) uses a round black or white symbol at the bottom right of the board.
A few illustrations by Shane Mercer loosen up the book. I would like to see much more of that.

From tactics to strategy

The material is arranged by topic. First there are tactical chapters, such as Matt, double attack, figure catching or king hunting. Under the generic term „opening strategy“, development, centre control and castling follow. The last of these chapters is titled „Does Bxh7+ work? In my opinion, however, it would have belonged in the tactics section. The reader should decide here without prejudice whether the classic runner sacrifice on h7 or h2 is worthwhile in the concrete position.
Finally there are some test exercises with point scoring – an apparently ineradicable element of many chess textbooks, the sense of which I have not yet quite understood.

Thoughtfully selected exercises

Each chapter begins with a short introduction to the topic. Here too, Burgess hits the mark in terms of content and scope.
The tasks – 6 diagrams on each page – have been carefully chosen throughout. Different levels of difficulty are used, without necessarily being sorted according to ascending difficulty. Within the chapter topic the tasks are again quite varied. It should also be emphasized that in some cases the reader has to take the side of the defender who defends a thematic danger. All in all one always stays on a level that allows the young chess talent to work on the tasks „off the page“ without a chessboard. This is exactly how it has to be for a preparation under tournament conditions.
Each chapter is followed by the solutions. They are presented unadorned and without further diagrams. This challenges the ambitious young readers a little bit more, if they want to follow all variants. Also, these pages appear a little too tightly printed in contrast to the task sheets.

Young readers and trainers as target groups

The workbook is primarily aimed at the „kids“ mentioned in the title, whereby I would set the age limit at 10 years. However, since it does not contain any elements that are really tailored to children, even older teenagers can work with it without any bias. Yes – with increasing playing strength and experience you can certainly use it several times. Besides young readers, their trainers are an equally important target group. They can incorporate the wealth of tasks presented here into their lessons or use it for individual tasks. Especially coaches with little literature in the background (e.g. in school chess groups) will find a huge pool of tasks for the opening game for little money.

Also suitable for self-study

From the trainer’s point of view, however, it is a bit of a pity that the introductory moves are not indicated before the diagram is drawn. Yes – this would have taken up some space, but would have opened up additional possibilities for training or competition preparation. The fact that the party positions are given without sources may seem unusual at first sight, but it is about opening positions, which have been on the board countless times in practice.

Conclusion: „Chess Opening Workbook for Kids „is a useful addition to the existing opening books for children by the same author. The volume, which contains over 400 tasks with appropriately explained solutions, is excellently suited for both self-study and training. ♦
(Thomas Binder, http://www.glarean-magazin.ch)