Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis

Schöne Verpackung, enttäuschender Inhalt

von Thomas Binder

Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis - Analyse der Schach-WM 2016 - BoDFrüher war das Schreiben von Schachbüchern ein Privileg der herausragendsten Spieler. Seit einigen Jahren beobachte ich den Trend, dass auch Autoren, deren eigene Spielstärke weit von der eines Großmeisters entfernt ist, mit interessanten Publikationen an die Öffentlichkeit treten. Sie finden ihre Nische in spezialisierten Einzelthemen oder einem bisher unbeachteten Blickwinkel. Damit wird die Schachliteratur – E-Books und größere Internet-Publikationen einbegriffen – um wertvolle Nuancen bereichert.
Mit dem Österreicher Gerhard Kubik schickt sich ein weiterer Autor an, die Bücherschränke der Schachwelt zu erobern. Seine Spielstärke liegt knapp unter 2000 Elo-Punkten. Die schachliche Vita des 54-Jährigen zählt regionale Jugenderfolge in den 1980er Jahren und Teilnahmen an offenen Turnieren auf. Auch als Trainer ist Kubik engagiert. Er ist FIDE-Instructor und österreichischer B-Trainer.
Leider ist zu seiner Qualifikation als Pädagoge oder Psychologe nichts gesagt. Hier hat er sicher einen fundierteren Hintergrund als im rein schachlichen Bereich. Immerhin hat er ein weiteres Buch über die „Vorteile des spirituellen Schachs“ geschrieben, dazu wüsste ich gern mehr…

Geweckte Erwartungshaltung nicht befriedigt

Nun zum vorliegenden Werk. Es trägt auf dem sehr ansprechend gestalteten Cover gleich zwei Titel: „Die Psychotricks der Schachprofis“ und „Analyse der Schach-WM 2016“. Genau diese beiden Titel sind nun aber das Problem des Buches – denn sie wecken eine Erwartungshaltung, der es in keiner Weise gerecht werden kann.
Was leistet der Autor bei der Analyse der WM zwischen Carlsen und Karjakin? In den Wochen nach jenem Zweikampf im November 2016 sind in wohl jeder Schachzeitung ausführliche Besprechungen aller 16 Partien mit fundierten Analysen, computergeprüften Varianten und mehr oder weniger tiefgreifenden Wortkommentaren erschienen. Hinzu kommen zahlreiche Online-Veröffentlichungen auf Webseiten, in Blogs und als Video.
Kubik bleibt sehr deutlich hinter all diesen Angeboten zurück. Er bringt die Partien in vollständiger und völlig unkommentierter Kurznotation. Dazu gibt es jeweils zwei Diagramme, die entweder die selbe(!) Stellung zeigen oder sich um genau einen Halbzug unterscheiden. Das erste Diagramm füllt dabei eine ganze Seite, ergänzt um eine Frage wie „Mit welchem weltmeisterlichen 19. Zug erhöht Schwarz die Spannung?“ Auf der Folgeseite wird dann noch einmal diese Stellung gezeigt, jetzt eingebettet in den gesamten Partieverlauf mit einem sehr knappen Wortkommentar. Falls es sich um eine ausgelassene Möglichkeit handelte, wird die Alternative als kurze Variante angegeben, der Leser aber mit einer schachlichen Bewertung weitgehend alleingelassen.

Wenig Neues und kaum Inhalte

Sergej Karjakin gegen Weltmeister Magnus Carlsen (rechts) an der Schach-WM 2016
Sergej Karjakin gegen Weltmeister Magnus Carlsen (rechts) an der Schach-WM 2016

Und was ist mit den Psychotricks? Nun, mit „Schachprofis“ können naturgemäß nur die beiden Protagonisten des WM-Kampfes gemeint sein. Allerdings waren „Psychotricks“ nun gerade nicht das bestimmende Element des hier besprochenen Wettkampfes.
Immerhin hätten beide Spieler aufgrund ihrer Persönlichkeit auch auf dieser Ebene viel interessanten Stoff geboten. (Auf eine umfassende psychologische Analyse z.B. von Carlsens Fähigkeit, minimale Stellungsvorteile zu einem gewonnenen Endspiel zu verstärken, warten wir seit Jahren).
Kubik gibt zu jeder Partie einen kurzen Abriss von gut einer Seite. So wird der gesamte WM-Kampf Tag für Tag nachgezeichnet. Wir erleben die Wendepunkte des Matches und diejenigen jeder einzelnen Partie. Dabei kommen auch einige schachliche Betrachtungen zur Eröffnungswahl und zu den kritischen Momenten der Partie zur Sprache – alles in allem bleibt das Buch auch hier sehr an der Oberfläche.
Am Ende einer jeden Partie steht dann ein so genannter „Psychotrick“, aus dem der Leser anhand der gezeigten WM-Partie Schlüsse für die eigene psychologische Partieführung ziehen soll. Viel Neues gibt es dabei nicht. Den Hinweis, die Bedenkzeit vor allem für strategische Übergänge und taktische Berechnungen zu investieren, wenn es notwendig ist, danach aber zügig weiter zu spielen, habe ich jedenfalls schon anderswo gelesen – auch jenen, dass man bei gegnerischer Zeitnot die Stellung kompliziert halten soll.
Sehr viel Stoff ist das also nicht. Zieht man die Partienotationen – von Analysen kann ich wirklich nicht sprechen – und die Diagramme ab, komprimiert man also den überreichlich vorhandenen Leerraum auf ein normales Maß, so bleiben schließlich weniger als 30 Seiten „echter Inhalt“. Das ist angesichts der Erwartungshaltung nach dem Titelcover und dem Werbetext deutlich zu wenig.

Interessantes Thema, verfehlte Realisierung

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„Die Psychotricks der Schachprofis“ von Gerhard Kubik lässt den WM-Kampf zwischen Carlsen und Karjakin im November 2016 Partie für Partie Revue passieren. Die psychologischen Analysen sind interessant, bleiben aber dennoch zu oberflächlich. Die Präsentation der WM-Partien geht praktisch nicht über das Niveau unkommentierter Notation hinaus. Alles in allem: Ein entbehrliches Buch.

Kubiks Motiv ist gewiss interessant und verdient einen anderen Rahmen als dieses Buch. Er sollte seine Leitsätze mit ausführlich kommentierten Beispielen aus der Praxis der Schachprofis vertiefen, ohne sich auf das Material eines einzigen WM-Kampfes zu beschränken. Auch seine eigenen Erfahrungen als Spieler und Trainer ergeben bestimmt viele interessante Einsichten. Insofern sei der Autor ermutigt das Thema mit einem anderen Ansatz neu aufzunehmen. Dann wird es sicher dankbare Leser finden. ♦

Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis – Analyse der Schach-WM 2016, Books on Demand, 92 Seiten, ISBN 978-3743191051

Leseproben

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Neue Schach-Bücher aus dem Chaturanga-Verlag

Zweite Ausgabe von «Caissa»

von Walter Eigenmann

Zeitschrift «Caissa» Nummer 2 / 2016

Schach-Zeitschrift Caissa - Nr 2 /(2016)Der Verlag Chaturanga ist im deutschen Neunkirchen domiziliert und zeichnet sich durch exquisite, thematisch oft abseits des Mainstreams angesiedelte Schach-Produktionen aus – das dokumentieren auch die beiden jüngsten Publikationen dieses noch relativ jungen «Verlages für Liebhaber von Literatur, Kultur und Spiel».
Da ist zum einen die Zeitschrift «Caissa», die der Herausgeber und Chef-Redakteur Mario Ziegler nun in ihrer zweiten Ausgabe vorlegt. Halbjährlich berichtet das Journal «für Schach- und Brettspielgeschichte» über Themata, die man in dieser Konstellation und Qualität (noch) kaum im Internet findet, sondern genuin dem Printmedium vorbehalten scheinen. Ziegler und sein Team beweisen dabei Blick für exquisiten Schach-/Spiele-Stoff und eine treffliche Hand bei der Auswahl kompetenter Autoren. Wie bereits in der Première-Ausgabe der Zeitschrift ließ man sich vom erklärten Grundsatz «Aus vielem das Beste» leiten, das Inhalts- bzw. Autoren-Verzeichnis zeigt das sofort; unter anderem beinhaltet das Heft die Schwerpunkte: «Der Mongredien-Preis 1868-1869 (Robert Hübner), «Die Geschichte der chinesischen Schachidee» (Rainer Schmidt), «Die Schachpartie in Samuel Becketts Roman Murphy» (Bernd-Peter Lange), «Schach und Tarnschriften» (Siegfried Schönle), «Das verklärte Soldatenbild in Brettspielen» (Antonella Ziewacz). Und wiederum illustriert «Caissa» seine umfangreichen Texte mit zahlreichen Abbildungen teils dokumentierender, teils feuilletonistischer Art.
Insgesamt garantiert das Periodikum intellektuellen Lesespaß – keineswegs nur für Schachfreunde! ●
Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte, Nr.2/2016, 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214


Dagobert Kohlmeyer: «Attacke!»

Dagobert Kohlmeyer - Attacke - Große Angreifer der SchachgeschichteDen Berliner Schachautor Dagobert Kohlmeyer muss man der Schachwelt kaum näher vorstellen, der bekannte Publizist schrieb 25 Bücher über das königliche Spiel und übersetzte zahlreiche Werke von Smyslow, Karpow, Kasparow, Kortschnoi oder Jussupow ins Deutsche. Seine jüngste Veröffentlichung im Chaturanga-Verlag titelt «Attacke!» und widmet sich den «Großen Angreifern der Schachgeschichte». Zu Wort bzw. zum Zug kommen darin alle genialen Angriffsspieler von Anderssen und Morphy über Aljechin und Tal bis zu Neshmetdinow und Bronstein.
Der Band ist layouterisch ansprechend gestaltet und zwischendurch gespickt mit etwas «psychologischem» Hintergrundwissen. Allerdings beinhaltet er praktisch ausschließlich Partien und Züge von «historischen» Meisterspielern, deren schachlichen Höhenflüge mittlerweile problemlos mit umfangreicher Kommentierung von jedermann selbst aus dem Netz gezogen werden können. Schade auch, dass Kohlmeyer das 21. Jahrhundert mit Carlsen, Anand & Co. völlig ausklammert. Kommt drittens hinzu, dass heutzutage solche schachlichen «Geschichtsaufbereitungen» immer die Gefahr des Nachplapperns bergen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Kohlmeyer (ebenso wie zahlreiche Schachautoren vor ihm) schwärmt über Morphys 18. schwarzen Zug gegen Bird (London 1858) gleich mit zwei Ausrufezeichen. Doch heutzutage kann jeder schlechtere Vereinsamateur mit Gratis-Programmen wie der Engine «Stockfish» und der Datenbank «Scid» nachweisen, dass der «geniale» Damenzug h3-a3 nicht besser, nur «schöner» ist als das profane Ld6-a3, und dass Morphy mit seinem vorausgehenden Turmopfer f8xf2 den ebenfalls wohl «schönsten», aber objektiv fast schlechtesten aller valablen Züge gespielt hat… Dieser Befund schmälert keineswegs die On-The-Board-Leistung des Schachgenies Morphy – aber heutige Kommentatoren wie Kohlmeyer täten gut daran, ihre Partie-Anmerkungen immer mit moderner Software gegen zu prüfen, um solche peinlichen Kolportierungen zu vermeiden wie: «Ein unglaubliches Manöver! Die Dame eilt von einer Brettseite zur anderen. Rudolf Teschner schwärmte: ‚Zauber der Geometrie!‘ Wie lange wohl hat Morphy damals über das Turmopfer und den Damenschwenk nachgedacht?» (S.29) Denn neueste Schachsoftware verändert die herkömmliche Schachästhetik komplett – und Schachautoren im Jahre 2016 haben das zu berücksichtigen, wenn sie ernst genommen werden möchten… ●
Dagobert Kohlmeyer: Attacke! – Große Angreifer der Schachgeschichte, 188 Seiten, Chaturanga Verlag, ISBN 978-3-944158-17-4 —-> Leseprobe

Schachzeitschrift „Caissa“ (Chaturanga) gegründet

Ein neues Magazin für die schachhistorische Forschung

von Walter Eigenmann

Caissa - Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte - Chaturanga VerlagWer im Online-Jahre des Herrn 2016 ein neues Print-Medium auf den Markt wirft, das ausgerechnet Schachhistorie zum Gegenstand hat, ist entweder verrückt, oder naiv, oder ein Chess-Junkie, oder Millionär, oder das alles zusammen. Der Neunkirchener Althistoriker Dr. Mario Ziegler ist (wahrscheinlich) nichts von alledem – und trotzdem wagten er und seine Mitarbeiter vom Chaturanga-Verlag, mit «Caissa» eine halbjährliche 100-seitige «Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte» ins Leben zu rufen. Vor kurzem präsentierte Ziegler im Verbund mit dem Salzburger Co-Herausgeber Prof. Dr. Rainer Buland nun die erste «Caissa»-Nummer.

Wer soll «Caissa» – nicht zu verwechseln mit der gleichnamen ehemaligen «Schachrundschau Caissa», die 1955 mit der Deutschen Schachzeitung fusionierte – eigentlich lesen? In seinem Vorwort zur Erstausgabe umreißt der Initiant und Chefredakteur Mario Ziegler die Intention des Magazins: «Caissa will eine Plattform schaffen, auf der Forschungsergebnisse der unterschiedlichsten Disziplinen im Bereich der Schach- und Brettspiel-Geschichte präsentiert werden können und dadurch ein Bild vom gegenwärtigen Stand der Forschung deutlich wird». Die Zeitschrift solle «die gesamte Schach- und Brettspiel-Geschichte von den ersten Anfängen bis in die jüngste Vergangenheit, einschliesslich Verweisen auf Brettspiele in der Kunst und Literatur» berücksichtigen.

Defizite in der aktuellen Schach-Geschichtsforschung

«Die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte steht noch aus»: Caissa-Initiant und -Herausgeber Mario Ziegler (*1974)

Dabei ortet Ziegler Defizite in der aktuellen Schachgeschichts-Forschung, z.B. die mangelnde Institutionalisierung der zahlreichen, aber in ihrer Vereinzelung wirkungslosen Solo-Projekte: Es existierten bedeutende nationale und internationale «Gruppierungen, die sich den verschiedenen Aspekten der Brettspiele und insbesondere des Schachspiels widmen – eine Vernetzung all dieser Bemühungen sucht man jedoch nach wie vor vergeblich». Die meisten dieser Initiativen seien privatem Engagement geschuldet, vermisst werde ein «übergeordnetes Konzept». Auch im universitären Bereich würden die Brettspiele als Forschungsgegenstand kaum wahrgenommen: «Auch wenn immer wieder Teilaspekte in den Blick genommen werden, so ist doch bezeichnend, dass etwa die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte noch nicht aufgearbeitet ist». Explizite Zielgruppen von «Caissa» sind dementsprechend «Bibliotheken, Wissenschaftler und interessiertes Fachpublikum im Bereich der Geschichts-, Sprach- und Kulturwissenschaften».

Breites thematisches Spektrum

«Caissa»-Autor und Großmeister Robert Hübner arbeitete akribisch diverse Partien des legendären Matches Blackburne-Steinitz von 1822 auf und recherchierte erstmals verschollen geglaubte Notationen
«Caissa»-Autor und Großmeister Robert Hübner arbeitete akribisch diverse Partien des legendären Matches Blackburne-Steinitz von 1822 auf und recherchierte erstmals verschollen geglaubte Notationen

Welches thematisch vielfältige Untersuchungsfeld sich dabei für «Caissa» auftut, stellt bereits die Première-Ausgabe des Magazins unter Beweis: Vom ersten «Wettkampf zwischen Blackburne und Steinitz» (Autor: Robert Hübner) über ein Portrait des bedeutenden ungarischen Schachspielers und Redakteurs Laslo Toth (Ivan Bottlik) bis hin zur «NS-Ideologie im Brettspiel» (Antonella Ziewacz) und einem Rückblick auf die «Wendejahre 1989-90 in der Zeitschrift ‚Schach’» (Bernd Gräfrath) deckt die Erstausgabe ein schachhistorisch wie -wissenschaftlich ebenso heterogenes wie informatives Spektrum ab. Hinzu kommen die unverzichtbaren Rezensionen und Verlags-Ankündigungen einschlägiger Fachliteratur, vor allem aber zahllose, durchwegs sorgfältig gewählte und qualitativ hervorragende Bild-Dokumentationen zu jedem Artikel.

Die internationale Ausrichtung des Bandes unterstreichen dabei jene Beiträge, die nicht nur in englischer Sprache kurz zusammengefasst, sondern gleich ausschließlich im englischen Original abgedruckt werden. Zu erwähnen ist hier ein schöner Essay von Peter J. Monté, der den mythischen bzw. gött-lichen Urgünden des Schachspiels in den altpersischen, -griechischen und -römischen Kulturen in Wort und Bild nachspürt, sowie ein komplett englisch verfasster Abriss von Adrian Harvey «Social participation in the game of chess», der kenntnisreich das Schachspiel als bedeutender Teil der «gehobenen» Freizeitkultur im England des 18. Jahrhunderts bis in unsere heutigen Tage der schachlichen «Durchdringung» aller Gesellschaftsschichten untersucht.

Das Schach in Büchern des Deutschen Barock und der frühen Neuzeit

Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert
Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert

Im Zentrum dieser Erstausgabe steht aber die 44-seitige «annotierte Bibliographie» über das «Schach in Büchern aus der Zeit des Deutschen Barocks und der frühen Neuzeit» des Kasseler Schachliteratur-Sammlers Siegfried Schönle. Mit Akribie und umfangreichem Quellen-Nachweis stellt der Autor eine Fülle von Büchern bzw. Reprints aus dieser Zeit mit explizitem Schachbezug zusammen, dokumentiert fast alle entspr. Publikationen mit Cover- und/oder Detail-Bebilderung, stellt den allgemein-kulturellen und literarisch-belletristischen Spuren der Buch-Inhalte nach, fördert schachkulturell Belangloses ebenso wie schachhistorisch Richtungsweisendes zutage und dokumentiert so einen illustren, ja manchmal bizarren Bilderbogen des Phänomens Schach im Werk zahlreicher Forscher und Schriftsteller jener Zeit.

Printtechnisch und typographisch erlesene Qualität

«Gesellschaftsspiele spiegeln den Zeitgeist einer Epoche wieder und sind dadurch historische Quellen für Ansichten und Entwicklungen einer Gesellschaft»: Antonella Ziewacz beleuchtet den Kulturmissbrauch des Spiels während der Nazi-Diktatur
«Gesellschaftsspiele spiegeln den Zeitgeist einer Epoche wieder und sind dadurch historische Quellen für Ansichten und Entwicklungen einer Gesellschaft»: Antonella Ziewacz beleuchtet den Kulturmissbrauch des Spiels während der Nazi-Diktatur

So vielfältig der historische Mix dieser ersten, in einer Startauflage von 5’000 Exemplaren gedruckten «Caissa»-Nummer daherkommt, so sehr hält dabei das Outfit des Bandes mit. Das im dreispaltigen Layout präsentierte und durchwegs farbig bebilderte Heft ist sowohl vom Print als auch von der Typographie her äussert qualitätsvoll aufgezogen. Sogar die detailverliebte Partien-Kommentierung eines Robert Hübner mit ihrer Varianten-Verschachtelung kommt problemlos lesbar daher, wobei die weinrote Farbe der Diagrammdrucke eine schöne optische Finesse darstellt. Man merkt dem Heft auf jeder Seite den professionellen Anspruch an, den Herausgeber und Druckerei an dieses Magazin stellen. Ein special compliment geht an dieser Stelle auch an R. Dobicki & S. Schäfer für das erlesene Grafikdesign.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Die neugegründete Zeitschrift «Caissa» widmet sich der historisch-wissenschaftlichen Forschung des Schachs und der Brettspiele. Die Erstausgabe dokumentiert eindrücklich ein breites thematisches Spektrum und eine erlesene Qualität sowohl in drucktechnischer wie in grafischer Hinsicht. Für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten ist «Caissa» zweifellos das neue Referenz-Printmedium.

Wer als Amateur- oder Turnier-Spieler mal schachkulturell über den Rand seines kleinen 64-feldrigen Brettes hinausblicken wollte, der griff bis heute vorzugsweise zu einem anderen, ebenfalls qualitätsvollen Schach-Periodikum, nämlich «Karl». Seit kurzem wird also nun mit «Caissa» auch für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten eine willkommene und qualitativ professionelle Ergänzung zur Verfügung stehen, die zumal mit einem Einzelpreis von 15 Euro pro Band das Budget absolut fair belastet. Für diese Leserschicht ist «Caissa» zweifellos das neue Referenz-Printmedium – auch oder gerade in unseren modernen Tagen der kurzlebigen Live-Turnier-News und des Blog-Häppchen-Schachs… ■

Mario Ziegler (Hrsg.): Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte Nummer 1/2016 (Erstausgabe), 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

Endspiel-Schule für ehrgeizige Kinder

von Thomas Binder

Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids -Mit 50 Endspiellektionen - Gambit-Verlag
Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids -Mit 50 Endspiellektionen

Der renommierte Londoner Schachverlag Gambit Publications, zu dessen Gründern die Großmeister John Nunn und Murray Chandler gehören, hat seine Serie der Schachbücher «… for kids» nun um ein Endspiellehrbuch ergänzt. Als Autor wurde kein Geringerer gewonnen, als der Hamburger Großmeister Karsten Müller. Müller gilt als der führende Endspielexperte unserer Zeit – mindestens im deutschsprachigen Raum, vermutlich aber auch darüber hinaus. Aus seiner Feder stammt u.a. das aktuelle Standardwerk «Grundlagen der Schachendspiele» (gemeinsam mit Frank Lamprecht). Außerdem hat er bei Chessbase eine Serie von 14 DVDs vorgelegt, die das gesamte Endspielwissen abdecken. Die vorgenannten Werke wenden sich dabei vorwiegend an erfahrene Spieler. Aus dem «Grundlagen“-Lehrbuch soll selbst Weltmeister Carlsen noch lehrreiche Erkenntnisse gewonnen haben. In der Kombination als Spieler, Autor und Trainer ist Karsten Müller –  er gehört zum regelmäßigen Trainerstab der Schachschule Hamburg – die Idealbesetzung für dieses Werk.

Von der elementaren Mattführung bis zu schwierigeren Mustern

Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite 3)
Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite)

Müller teilt den Stoff in 50 Lektionen, die jeweils eine Doppelseite belegen. Jede Lektion beginnt mit einem einführenden Text, und es folgen 6 Diagramme zur Verdeutlichung der wichtigsten Aspekte. Das sind oft 6 eigenständige Beispiele aus Partien, Studien oder Lehrstellungen. Manchmal aber erstreckt sich der Verlauf einer Zugfolge auch über mehrere Diagramme. Insgesamt haben wir es mit einer streng formalisierten Einteilung jeder Lektion zu tun – eine Eigenheit, die mir auch in anderen Büchern von „Gambit“ bereits aufgefallen war. Es ist Sache des Autors seinen Stoff so zu strukturieren, dass jedes einzelne Thema angemessen dargestellt werden kann. Karsten Müller hat das bestens hingekriegt.
Seine Lektionen beginnen mit elementaren Mattführungen. Für das Matt mit einem Turm bringt er – im Gegensatz zu den meisten anderen Endspiel-Einführungen – sogar zwei Methoden. (Als aktiver Jugendtrainer möchte ich dies ausdrücklich begrüßen. Die in vielen Büchern alleinstehende Methode der immer kleiner werdenden Rechtecke, mag oft schneller sein, aber sie birgt für Anfänger die Gefahr, in ein Patt zu laufen. Deshalb ziehe ich selbst im Training die allein auf Opposition beruhende zweite Methode vor).
Nach den einfachen Matts folgt Müller der üblichen Einteilung von Endspielbüchern nach den beteiligten Figurentypen. Die beiden letzten Lektionen runden das Buch mit dem ewig geliebten oder gehassten Thema «Matt mit Läufer und Springer» ab.

Gute Auswahl des Stoffes garantiert Fortschritte

Die Auswahl der einzelnen Stoffkomplexe ist dem Autor hervorragend gelungen. Es fehlt nichts, was man einem jungen Schach-Enthusiasten erklären müsste, es ist nichts dabei, was ich für überflüssig hielte. Wir lernen die wichtigsten technischen und geometrischen Verfahren im Bauernendspiel. Wir sehen gleich- und ungleichfarbige Läufer im Duell. Auch die Frage, welche Leichtfigur im konkreten Fall den Vorzug verdient, wird beantwortet. Im Kapitel über Turmendspiele werden u.a. die wichtigsten Gewinn- und Remisverfahren erläutert, die mit den Namen Philidor, Karstedt, Lucena und Vancura verbunden sind. Am Ende des Buches stehen 36 Testaufgaben mit Lösungen, anhand derer der Lernende seinen Fortschritt überprüfen kann.

Keine speziell auf Kinder ausgerichteten Unterrichtselemente

Müller präsentiert in den 50 Lektionen seiner «Schachendspiele für Kids» ein umfangreiches Eröffnungswissen, beginnend beim absoluten Anfängerniveau und bis hin zu einem Level, bei dem auch gestandene Turnierspieler gern noch einmal im Lehrbuch nachschlagen werden. Die Auswahl seiner Themen ist hervorragend gelungen. Die Vermittlung des Stoffes wendet sich allerdings keineswegs nur an Kinder. Sehr junge Kids werden sogar der Begleitung und Anleitung bedürfen, um aus dem vorliegenden Buch maximalen Lernerfolg zu ziehen.
Müller präsentiert in den 50 Lektionen seiner «Schachendspiele für Kids» ein umfangreiches Eröffnungswissen, beginnend beim absoluten Anfängerniveau und bis hin zu einem Level, bei dem auch gestandene Turnierspieler gern noch einmal im Lehrbuch nachschlagen werden. Die Auswahl seiner Themen ist hervorragend gelungen. Die Vermittlung des Stoffes wendet sich allerdings keineswegs nur an Kinder. Sehr junge Kids werden sogar der Begleitung und Anleitung bedürfen, um aus dem vorliegenden Buch maximalen Lernerfolg zu ziehen.

Wer wird dieser Lernende sein? Das Buch wendet sich an den ambitionierten Einsteiger. Vorkenntnisse auf dem Gebiet der Endspieltechnik sind nicht erforderlich.  Damit sind natürlich die auf dem Titel adressierten «Kids» angesprochen. Es gibt indes keinen Grund, die Zielgruppe des Buchs auf Kinder zu beschränken. Der Stoff und seine Vermittlung werden jedem Schach-Anfänger gerecht und selbst Vereinsspieler mittlerer Spielstärke werden vielleicht noch einmal nachschlagen wollen, wie denn wohl die Regel von Centurini bei gleichfarbigen Läufern lautet. Andererseits fehlen dem Buch jede speziell auf Kinder ausgerichteten Elemente. Insofern wecken Titel und Titelbild vielleicht eine falsche Erwartung. Es gibt keine spielerischen Einschübe und die Gestaltung wirkt insgesamt sehr sachlich. Eine besondere «kindgerechte» Lockerheit der Sprache sucht man ebenfalls vergebens.
Die einführenden Texte jeder Lektion sind verständlich geschrieben. Sie bilden eine im gesetzten Rahmen perfekte Erläuterung zum Thema. Im Gegensatz dazu sind die Texte zu jedem einzelnen Diagramm doch sehr knapp und fordern vom Leser intensives Mitarbeiten und Mitdenken.
Als Trainer im unteren Alters- und Leistungsbereich weiß der Rezensent, dass Kids oft völlig abwegige «Was wäre wenn»-Fragen stellen, auf die sie allein keine Antwort finden.
Für sehr junge Kids, die ihre ersten Schritte in Sachen Schach unternehmen, wird dieses Buch also nicht ohne Begleitung eines Trainers, Lehrers oder schachspielender Eltern zu bewältigen sein. Wenn sie aber die Kraft aufbringen, es durchzuarbeiten und die Inhalte zu verstehen, dann macht ihnen im nächsten Nachwuchsturnier kein Gegner mehr im Endspiel etwas vor. ■

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids – 50 Endspiel-Lektionen, 128 Seiten, Gambit Books, ISBN 978-1-910093-66-5

Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel

Hervorragende Verdeutlichung strategischer Zusammenhänge

von Thomas Binder

Arthur van de Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel - Schärfen Sie Ihren Blick für Schlüsselzüge im Schach - New in Chess VerlagMit «Mustererkennung im Mittelspiel» liegt nunmehr die deutsche Übersetzung von «Improve your chess pattern recognition» von Arthur van de Oudeweetering vor. Der knapp 50jährige Holländer dürfte als Schachspieler nur Insidern ein Begriff sein. Die FIDE führt ihn zurzeit als Internationalen Meister mit einer Elo-Zahl knapp unter 2300. Sein schachlicher Schwerpunkt liegt indes in der Arbeit als Trainer und Kolumnist. Von beiden Präferenzen können wir als Leser seines aktuellen Werkes profitieren!
Erfahrene Trainer werden die These bestätigen, dass Erfolg im Schachspiel zu einem großen Teil an das Erkennen typischer Stellungsmuster und das Umsetzen der passenden Manöver gebunden ist. Sind diese Aspekte bei rein taktischen Stellungen sowie im Endspiel seit langem gut erforscht und auch trainingsmethodisch aufgearbeitet, halten komplexe Stellungen mit vorwiegend strategischem Gehalt noch viel Arbeit bereit. In letzter Zeit sind hierzu einige wichtige Bücher erschienen, so Bronzniks «Techniken des Positionsspiels im Schach» und Nunns «Das Verständnis des Mittelspiels im Schach». Einen etwas anderen Zugang – über die Bauernstrukturen – wählt Flores Rios in «Chess Structures». Das vorliegende Buch ergänzt und bereichert diese Palette wesentlich.

Konzentration auf das Mittelspiel

Oudeweetering hat sein Buch in 4 größere Abschnitte mit insgesamt 40 Kapiteln gegliedert. Jedes einzelne bespricht eine typische Stellungskonstellation ausführlich in allen Aspekten.
Im 1. Teil geht es um «Figuren auf typischen Posten». Da kommen alte Bekannte vor, wie Springer auf f5 oder d6 (im Buch «Der Riesenkrake» genannt), Läufer auf langen Diagonalen oder eingesperrt auf h2, wie seinerzeit bei Spasski gegen Fischer.
Der 2. Teil widmet sich «kontraintuitiven Zügen». Dabei erliegt der Autor nicht der Versuchung, spektakuläre Wendungen vorzuführen, sondern bleibt auch hier seriös – fast wissenschaftlich. So lernen wir, unter welchen Umständen z.B. überraschende Rückzüge, Doppelbauern oder Bauernschläge «zum Rand» ihre Stärke ausspielen können.
Teil 3 ist typischen Opferwendungen gewidmet –  aber eben nicht jenen, die man aus Taktikbüchern kennt und an deren Ende ein Matt oder Materialgewinn stehen. Hier geht es um positionelle Opfer mit Langfristwirkung. Aus dieser Materie die Gesetzmäßigkeiten heraus zu arbeiten und verständlich zu analysieren, ist für den Rezensenten die größte Stärke des ganzen Buches gewesen. Als Beispiel sei der Bauern-Vorstoß e5-e6 genannt. Mit dem Bauernopfer und dem verbleibenden Doppelbauern teilt Weiß die gegnerischen Kräfte in zwei Hälften, zwischen denen zumindest kurzfristig keine Koordination besteht.
Der 4. Teil schließlich betrachtet kurzzügige Manöver mit strategischem Gehalt, die zum Teil so konzentriert auch noch nicht vorgestellt wurden, etwa die Turmverdoppelung auf dem Umweg über die 2. Reihe.

Relevante Ausschnitte in treffenden Anmerkungen erläutert

Der internationale Meister und Schach-Autor Arthur van de Oudeweetering (*1966)
Der internationale Meister und Schach-Autor Arthur van de Oudeweetering (*1966)

Jedes einzelne Kapitel beginnt mit einem ganz kurzen Einführungstext und endet mit einer ebenso knappen Zusammenfassung. In diesem Rahmen folgen dann pro Kapitel 6 bis 7 sorgfältig ausgewählte Partien. Der niederländische IM konzentriert sich dezidiert auf das jeweils besprochene Thema. Die Eröffnung wird entweder ganz ausgelassen oder unkommentiert wiedergegeben – was auf das gleiche hinausläuft, denn ein Diagramm ermöglicht in jedem Fall den Einstieg an der passenden Stelle. So konsequent ist der Autor auch am anderen Ende der Partie: Mündet das betreffende Motiv nicht direkt in den Partieschluss, wird der weitere Verlauf nur noch in Worten angedeutet.
Der relevante Ausschnitt hingegen wird in kurzen, gut gefassten Anmerkungen treffend erläutert. Abweichende Varianten sind auf das unbedingt erforderliche Maß beschränkt. Die Kommentare fokussieren sehr gut auf das konkret besprochene Thema. Sie sind zudem angenehm lesbar – vermutlich gleichermaßen das Verdienst des Autors und des Übersetzers Harald Keilhack.
Schachliche Schwächen sind aus Sicht des Rezensenten nicht auszumachen. Die inhaltliche und didaktische Aufbereitung setzen Maßstäbe. Ich sehe nur wenige Verbesserungsansätze: Die Kapitelüberschriften könnten manchmal etwas weniger blumig formuliert sein. Sie machen zwar neugierig, helfen aber nicht bei der Orientierung. Außerdem wäre ein zusätzlicher Mehrwert zu erreichen, wenn man die schon im Titel angesprochenen Muster auch optisch auf den Diagrammen hervorhebt. Dieses Element –  heute in der computergestützten Schachpräsentation eine Selbstverständlichkeit – ist in der gedruckten Schachliteratur noch nicht so recht angekommen. Generell kämpft ja gerade bei solch komplexen Themen das Schachbuch einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen moderne Trainingsmittel und interaktive Medien. Bücher wie dieses zeigen, wie schade es wäre, wenn dieser Kampf auf Dauer verloren ginge.

Hervorragende Ideen auch für Schachtrainer

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Arthur van de Oudeweetering legt mit «Mustererkennung im Mittelspiel» ein vorzügliches Buch zu einem komplizierten Thema vor. Es gelingt ihm, dem Leser das Erkennen und Bewerten typischer Mittelspielstellungen nahe zu bringen. Neben fortgeschrittenen Schachspielern dürften vor allem Schachtrainer sehr von dieser Arbeit profitieren.

Fragen wir uns schließlich nach der Zielgruppe, die van de Oudeweetering mit seinem Buch erreicht. Mir fallen zuerst Schachtrainer ein. Sie finden hervorragende Ideen zur Verdeutlichung strategischer Zusammenhänge und zum Schulen des Blickes für typische Stellungsmuster – und das mit überlegt zusammengestellten Beispielpartien.
Wer als Spieler von diesem Werk profitieren möchte, wird sich auf eine anstrengende Arbeit einlassen müssen. Es geht eben nicht ohne konzentriertes Durcharbeiten der einzelnen Beispiele. Immerhin erleichtert die Aufteilung in übersichtliche Kapitel auch dieses Unterfangen. Freilich setzt das selbständige Arbeiten mit dem Buch ein schachliches Grundniveau voraus, das ich nicht unter einer Elo-Spielstärke von 1800 ansetzen würde – aufstrebende Jugendspieler einmal ausgenommen, denen «Mustererkennung im Mittelspiel» hiermit ausdrücklich empfohlen sei. ■

Arthur van de Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel – Schärfen Sie Ihren Blick für Schlüsselzüge im Schach, 300 Seiten, New in Chess, ISBN 978-90-5691-615-2

Inhaltsverzeichnis des Buches

[pdf-embedder url=“https://glarean-magazin.ch/wp-content/uploads/2015/08/inhaltsverzeichnis-schach-mustererkennung-oudeweetering-glarean-magazin-1.pdf“ title=“inhaltsverzeichnis-schach-mustererkennung-oudeweetering-glarean-magazin“]

Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin

Frank Schuster: Das Haus hinter dem Spiegel (Roman)

Ein Schach-Roman für Carroll-Liebhaber

von Sabine & Mario Ziegler

Frank Schuster - Das Haus hinter dem Spiegel - Roman -mainbookZu den großen Klassikern der Weltliteratur gehören zweifellos die beiden Romane «Alice im Wunderland» («Alice’s Adventures in Wonderland») und «Alice hinter den Spiegeln» («Through the Looking-Glass, and What Alice Found There»), verfasst in den Jahren 1865 und 1871 vom britischen Schriftsteller Lewis Carroll (eigentlich Charles Lutwidge Dodgson, 1832-1898). Wie kaum ein anderes Kinderbuch fanden Alice und ihre zahlreichen skurrilen Verbündeten und Widersacher Eingang in Literatur, Musik und Film. In die lange Reihe von Rezeptionen des Alice-Themas reiht sich auch Frank Schuster mit seinem Roman «Das Haus hinter dem Spiegel». Es handelt sich um die zweite Monographie Schusters nach dem Roman «If 6 Was 9» (Oldenburg 2003)

Vom typischen Kinderbuch zur anspruchsvollen Literatur

Der Klappentext verspricht einen «fantastischen Roman für Jung und Alt», und die ersten Kapitel lassen an ein Jugendbuch denken: Kurze, überschaubare Kapitel, die Handlung entführt den Leser in die Welt der beiden zehnjährigen Schwestern Lorina und Eliza. Zum Leitmotiv der Geschichte wird eine Schachfigur aus dem Spiel des Vaters. Diese Figur, eine schwarze Dame, wird von einer Elster entwendet. Was zunächst lediglich wie ein kleines Missgeschick anmutet, wegen dem der Vater seine angefangene Fernschachpartie mit einem Freund nicht wird fortsetzen können, entpuppt sich bald als viel größeres Problem: Es existiert eine parallele Welt «hinter dem Spiegel», in der Elizas «Zwilling» Alice mit ihrer Familie lebt. Aus einem nicht näher bezeichneten Grund vertauschen Alice und Eliza ihre Plätze in der jeweils anderen Welt. Als Medium dieser Verwandlung dient ein großer Spiegel, den die Familie vor Jahren in England erstanden hatte, und der aus dem Viktorianischen Zeitalter stammt – just aus der Zeit, in der Carroll den Roman von «Alice hinter den Spiegeln» verfasste. Im weiteren Verlauf der Geschichte erfährt der Leser nach und nach immer mehr Details der unglaublichen Verwandlung von Eliza zu Alice. Für die Rückverwandlung am Ende ist – ähnlich wie bei Carroll – das Schachspiel von großer Bedeutung, das aber erst wieder in seinen Originalzustand zurückversetzt werden muss. Hier kommen der im gleichen Haus wie die Kinder wohnende Erfinder Herr Ritter, der Lehrer Herr Hundsen und der Psychologe Herr König ins Spiel. Nach vielen Schwierigkeiten gelingt es, eine Ersatzfigur für die schwarze Dame herzustellen, schließlich taucht auch das Original wieder auf, und zum guten Schluss kann die Rückverwandlung durchgeführt werden.

"Alice in Wonderland"-Autor Lewis Carroll (Fotografie von 1863)
„Alice in Wonderland“-Autor Lewis Carroll (Fotografie von 1863)

Zu diesem Zeitpunkt hat der Roman jedoch schon lange den Charakter eines Kinderbuchs verloren. Nicht nur werden die Kapitel zunehmend länger, auch die Wortwahl verändert sich. Wird zu Beginn auf Augenhöhe der Kinder berichtet, was etwa im Belauschen der Eltern (Kapitel 4) zum Ausdruck kommt, treten im Laufe der Erzählung zunehmend Wortspiele auf, die an die literarische Gattung des Nonsens erinnern, für den Carroll berühmt war. Das zentrale Kapitel ist das achte, in dem Eliza zur Verblüffung ihrer Mitschüler in Spiegelschrift folgendes Gedicht schreibt:

Verdaustig war’s, und glasse Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

Eine Geschichte voller versteckter Anspielungen

Es handelt sich hierbei um die erste Strophe des Gedichts «Der Zipferlake» («Jabberwocky») aus der Feder von Lewis Carroll, wie dem Vertretungslehrer Hundsen sofort klar ist. Frank Schuberts «Das Haus hinter den Spiegeln» ist voll von solchen Anspielungen: Der Goggelmoggel (im Original Humpty Dumpty) wird ebenso bemüht wie der Hutmacher aus Alice im Wunderland (in Gestalt der Deutschlehrerin «Frau Hutmacher» oder der weiße Ritter (in Gestalt des rettend eingreifenden Erfinders Herr Ritter). Neben solchen textimmanenten Andeutungen wird auf die historische Figur Carroll selbst verwiesen: Nicht zufällig ist «Karl-Ludwig Hundsen» die exakte Übersetzung seines bürgerlichen Namens Charles Lutwidge Dodgson (dieser Bezug wird auf S. 70 ausdrücklich hergestellt). Die Hinweise erschließen sich natürlich nur demjenigen, der Carrolls Biographie und seine Werke kennt. Für alle anderen bleibt vieles unverständlich und sogar verwirrend, etwa wenn in Kapitel 15 seitenlang Nonsenspoesie zitiert wird, die die Geschichte nicht voranbringt. Skurril wirkt, wenn Eliza als Gutenachtgeschichte eine weitere Nonsensballade aus der Feder von Carroll, «Die Jagd auf den Snark», vorgelesen wird.
Bisweilen verschwimmen die Ebenen: Eliza, das Ebenbild der Carroll’schen Alice, liest selbst Carrolls Roman (S. 79) – im Grunde also ihre eigene Geschichte.

Wie in der literarischen Vorlage so begegnen auch in Schusters Roman zahlreiche Schachbezüge, besonders in den letzten Kapiteln. Hierbei greift der Autor eine Stellung auf, die Carroll selbst zur Grundlage der Handlung in «Alice hinter den Spiegeln» machte. Folgendes Diagramm findet sich in der Ausgabe von «Through the Looking-Glass» aus dem Jahre 1871:

Original-Diagramm aus «Through the Looking-Glass» aus dem Jahre 1871
Original-Diagramm aus «Through the Looking-Glass» aus dem Jahre 1871

Dem Leser des Romans leuchten die Bezüge zu den Abenteuern der Alice sofort ein, wozu auch die Farbe «Rot» (statt «Schwarz») für den Nachziehenden passt; hier wird das Motiv der «roten Königin» wiederaufgegriffen, das sich bereits in «Alice im Wunderland» findet. Verwirrend ist allerdings – gerade für schachspielende Leser – dass diese Position aus der Fernpartie des Vaters stammen soll. Dies wird bereits auf S. 7 verdeutlicht, wo ausdrücklich zwei Elemente der Stellung genannt sind: «So konnte Papa einfach eine E-Mail an den Freund schicken, in der er zum Beispiel schrieb: ‚Weißer Bauer auf d2.‘ Und sein Freund mailte dann zurück: ‚Schwarze Königin von e2 auf h5.‘» Carroll selbst allerdings folgt bei den oben angegebenen Zügen bis zum Matt zwar den Schachregeln, nicht aber der Regel, beide Spieler abwesend ziehen zu lassen. Vielmehr stehen die Figuren auf dem Brett für die handelnden Personen in Carrolls Roman.
So würde der vollständige Ablauf bis zum Matt nach Carroll in heutiger Notation lauten:
1…Dh5 2.d4 und Dc4 3.Dc5 4.d5 und Df8 5.d6 und Dc8 6.d7 Se7+ 7.Sxe7 und Sf5 8.d8/D De8+ 10.Da6 (dieser Zug ist – schachlich betrachtet – illegal, da der weiße König im Schach der schwarzen Dame steht) 11.Dxe8#
Bei Schuster wird die Zugfolge nicht komplett wiedergegeben, aber durch die vorhandenen Anspielungen wird dem Carroll-kundigen Leser klar, dass für die Rückverwandlung von Alice in Eliza eben jene «Schachpartie» zu Ende gespielt werden muss.

„Alice im Wunderland“ als Voraussetzung der Buch-Lektüre

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Frank Schusters Schach-Roman «Das Haus hinter dem Spiegel» ist nicht ein eigentliches Kinderbuch, auch wenn die Hauptpersonen Kinder sind und die märchenhaften Motive geeignet wären, junge Leser anzusprechen. Liest man das Buch als mit dem Schach Vertrauter, ohne die Schachmotive aus Carrolls Werken zu kennen, ist man schnell ob der vermeintlichen «Fehler» verwirrt. Für Lewis Carroll-Fans öffnet der Schusters Roman aber eine wahre Schatzkiste an Bezügen und bietet eine moderne Neuinterpretation des vertrauten Stoffs.

Für wen ist also «Das Haus hinter dem Spiegel» geschrieben? Offensichtlich handelt es sich nicht um ein Kinderbuch, auch wenn die Hauptpersonen Kinder sind und die märchenhaften Motive geeignet wären, junge Leser anzusprechen. Liest man das Buch als mit dem Schach Vertrauter, ohne die Schachmotive aus Carrolls Werken zu kennen, ist man schnell ob der vermeintlichen «Fehler» verwirrt. Es bleiben die Fans und Liebhaber der literarischen Vorlagen von Lewis Carroll. Für solche Liebhaber öffnet «Das Haus hinter den Spiegeln» eine wahre Schatzkiste an Bezügen und bietet eine moderne Neuinterpretation des vertrauten Stoffs. ■

Frank Schuster: Das Haus hinter dem Spiegel, Roman, MainBook Verlag, 180 Seiten, ISBN 978-3944124728

Leseprobe


Sabine Ziegler-Staub
Geb. 1982 im Saarland, Lehramtsstudium, Mitarbeit an einem Forschungsprojekt im Bereich Fachdidaktik der Mathematik, seit mehreren Jahren im Schuldienst und aktive Schachspielerin sowie Trainerin einer Schach-AG

Mario Ziegler
Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach

Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin

Interview mit dem Schach-Autor Jonathan Carlstedt

Jonathan Carlstedt: «Die kleine Schachschule»

von Thomas Binder

Jonathan Carlstedt: Die kleine Schachschule - Humboldt VerlagDer junge Hamburger Bundesliga-Spieler Jonathan Carlstedt gehört seit kurzer Zeit zu den Exponenten der Deutschen Schachszene. Neben dem eigenen Spiel arbeitet er als Geschäftsführer der Schachschule Hamburg, schreibt als Journalist und Online-Autor für verschiedene Medien und hat seit 2010 bereits mehrere Bücher vorgelegt. Dabei wendet er sich an die ganze Breite des Schachpublikums. Sind die Eröffnungsbücher sicher dem Experten vorbehalten, galten die beiden Werke unter dem Obertitel «Die große Schachschule» dem engagierten Turnier- und Vereinsspieler. Mit der «Kleinen Schachschule» wird das Spektrum der Zielgruppen nun gewissermaßen «nach unten» abgerundet, verkündet doch schon die Titelseite «Perfekt für Anfänger!»
Carlstedts Werk reiht sich in die Tradition klassischer Schach-Lehrbücher für «Jedermann», wie sie seit mehr als 100 Jahren einen Urtyp der Schachliteratur darstellen. Kann man dieses Genre noch mit neuen Ideen bereichern?

Blicken wir zunächst auf die grobe Gliederung des Werkes: Wir haben vier wesentliche Abschnitte vor uns:
– Die Grundbegriffe und Regeln des Schachspiels werden auf ca. 40 Seiten erklärt
– Es folgen knapp 70 Seiten über Eröffnungen
– Das Mittelspiel wird auf ca. 60 Seiten abgehandelt
– Mit gut 40 Seiten ist das Endspielkapitel eher knapp bemessen
– Den Abschluss des Buches bildet ein kurzer Essay «Die Welt der Schachszene», (dem der Rezensent gerne etwas mehr Umfang und Tiefgang gewünscht hätte).

Das ganze Basis-Rüstzeug des Schach-Anfängers in einem Band - Inhalt
Das ganze Basis-Rüstzeug des Schach-Anfängers in einem Band – Inhalt

Das einführende Kapitel vermittelt das regeltechnische Rüstzeug jeder Schachpartie, leider noch nicht auf dem Stand der 2014 geänderten FIDE-Regeln (bei Stellungswiederholung und 50-Züge-Regel).
In den folgenden Hauptkapiteln hat es sich Carlstedt zur Aufgabe gemacht, dem «Anfänger» deutlich mehr zu vermitteln, als es vergleichbare Bücher tun.  Exemplarisch dafür ist das Eröffnungskapitel. Nach Vermittlung der Grundstrategien (Figurenentwicklung, Königssicherheit) führt der Autor den Leser in einige wichtige Eröffnungssysteme ein. Dabei findet Jonathan Carlstedt das für einen Spieler auf Anfänger-Niveau passende Maß zum Verständnis der vorgestellten Eröffnungen. Bei jedem Zug wird dargestellt, inwiefern er seinen Beitrag zu den Grundzielen des Eröffnungsspiels leistet. Streiten könnte man allenfalls über das Mengenverhältnis (acht Seiten Königsgambit vs. fünf Seiten Sizilianisch) und über die Auswahl der Systeme. So fehlen etwa mit der Pirc-Verteidigung oder Russisch auch Eröffnungen, die einem Anfänger sehr wahrscheinlich recht bald begegnen werden.
Als ein Juwel unter vielen möchte ich hervorheben, wie der Autor die «fried liver attack» des Zweispringerspiels (freilich ohne sie beim Namen zu nennen) behandelt. Ich selbst habe schon viele Schach-Eleven ob der doppelten Bedrohung des Punktes f7 regelrecht verzweifeln sehen. Schade nur, dass in diesem Buch der betreffende Text im Abschnitt «Italienische Partie» versteckt ist.

Circa 200 Stellungsbilder unterstützen hervorragend das Text-Verständnis
Circa 200 Stellungsbilder unterstützen hervorragend das Text-Verständnis

Unter dem Oberbegriff «Mittelspiel» führt Carlstedt in die wichtigsten taktischen Manöver und strategischen Motive ein. Der Leser lernt Fesselungen, Gabeln, Spieße, Abzüge ebenso kennen wie grundlegendes Wissen über Bauernstrukturen und -schwächen. Auch die Eigenheiten der einzelnen Figuren und die Konsequenzen für ihren optimalen Einsatz werden besprochen. Ein (zu) kurzer Abschnitt über den Königsangriff beschließt das Mittelspiel-Kapitel.
Bei den Endspielen widmet Carlstedt den verschiedenen Aspekten der Bauernumwandlung (Opposition, Randbauer, Quadratregel) breiten Raum. Es folgen einige wichtige Stellungen zum Endspiel «Turm&Bauer gegen Turm». Das ist sicher eines der anspruchsvollsten Kapitel des Buches, und Jonathan Carlstedt präsentiert es so gekonnt, dass auch der «Anfänger» jederzeit folgen kann. Überraschend: Erst danach geht er auf die elementaren Matts mit den Schwerfiguren ein. Insgesamt hätte man dem Endspiel-Kapitel sogar etwas mehr Umfang gewünscht. Da bleiben einige Themen offen, die man auch der Zielgruppe dieses Buches zumuten kann. Andererseits wäre selbst ein Anfänger-Lehrbuch der Schach-Endspiele gut und gerne so stark wie die ganze vorliegende «Kleine Schachlehre» – so bietet sich das vielleicht für ein Nachfolgeprojekt an.

Das Buch im handlichen Taschenbuchformat ist auf hochwertigem Papier produziert und sorgfältig redigiert. Der Sprachstil des jungen Autors macht Freude, seine bereits enorme Erfahrung als Trainer ist auf jeder Seite zu verspüren.
Circa 200 Stellungsbilder unterstützen in perfekter Weise das Verständnis. Diese Diagramme wurden offenbar mit Chessbase-Software erstellt. Dabei nutzt Carlstedt die Möglichkeit der Verdeutlichung von Ideen und Plänen mit farbigen Pfeilen und Feldmarkierungen. Allerdings geht die visuelle Aussagekraft dieses Gestaltungsmittels beim Schwarz-Weiß-Druck fast völlig verloren und in einigen Fällen ist die Erkennbarkeit gerade dadurch sogar eingeschränkt.

Jonathan Carlstedt legt ein modernes «Anfänger-Lehrbuch» vor. Ansprechende Gestaltung und frischer Schreibstil tragen zum Erfolg des Werkes bei.
Jonathan Carlstedt legt ein modernes «Anfänger-Lehrbuch» vor. Ansprechende Gestaltung und frischer Schreibstil tragen zum Erfolg des Werkes bei.

Bleibt die Frage, an welche Zielgruppe sich das Buch richtet. Carlstedt ist insofern konsequent, dass er keine spezielle Zielgruppe anspricht. Insbesondere fehlen jegliche spielerischen Elemente, wie man sie aus Kinder-Schach-Lehrbüchern kennt. Die Ansprache des Lesers orientiert sich am erwachsenen, allenfalls jugendlichen Schachschüler. So ist die Zielgruppe wohl nicht an Altersgruppen festzumachen, sondern am Einsteiger, der sich auf das anstrengende aber wunderbare Abenteuer einlassen will, das Schachspiel «von der Pike auf» zu erlernen. Wer das vorliegende Buch konzentriert durcharbeitet und das Gelernte umsetzt, wird schon nach wenigen eigenen Partien die ersten Früchte der Arbeit ernten.
Carlstedt schreibt im Vorwort: «Bücher schreiben macht Spaß». Wenn der Leser diesen Spaß des Autors nachempfindet, ist das Werk gelungen. Ich habe ihn nachempfunden! ■

Jonathan Carlstedt: Die kleine Schachschule – Regeln, Strategien und Spielzüge verständlich erklärt, Humboldt Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-86910-209-2


Interview mit dem Schach-Autor Jonathan Carlstedt

«Der Schach-Sport ist – richtig verpackt – sehr kommunikativ»

Glarean Magazin: Herr Carlstedt, stellen Sie sich zunächst unserer Leserschaft kurz vor?

Jonathan Carlstedt: Ich bin 24 Jahre alt. Nachdem ich 2010 mein Abitur in Hamburg gemacht habe, begann ich selbstständig als Schachspieler/-Trainer/-Autor/-Journalist zu arbeiten. Inzwischen bin ich Internationaler Meister, trainiere ca. 25 Schüler, schreibe für den Deutschen Schachbund, bin Geschäftsführer des Hamburger Schachklubs und der Schachschule Hamburg, Organisator des VMCG-Schachfestivals und selber als Spieler auf diversen Turnieren und in der ersten Bundesliga aktiv. Außerdem verfasse ich regelmäßig Schachbücher und -Artikel.

GM: Was läuft in Deutschland bei der öffentlichen Darstellung des Schachs als Wettkampfsport falsch? Was kann/muss man besser machen um das Image des Schachsports aufzupolieren?

JC: Vermutlich muss man hier differenzieren. Wir haben zum einen die externen Umstände, bis zu einem gewissen Punkt passt Schach nicht in unsere Zeit. Schach ist ein stiller Sport, in dem nicht derjenige recht hat, der am lautesten schreit, sondern derjenige, der die besten schachlichen Argumente hat. Meine sehr und ganz persönliche Meinung ist, dass dieser Ansatz in unser Gesellschaft, die Kraft des Arguments über der Kraft der Lautstärke, immer weniger eine Rolle spielt und Schach als dessen Vertreter geringere Chancen als andere Sportarten hat, akzeptiert zu werden.
Gerade bin ich in Dresden, hier spielen 10 der stärksten Frauen des Landes ein Turnier mit einem Preisfond von 10’000 Euro in äußerst professioneller Atmosphäre. Nun ist die Frage: Wie können wir das Interesse der Medien und damit der Öffentlichkeit gewinnen. Anscheinend ist es möglich, das für einen Schach-WM-Kampf zu schaffen. «SPIEGEL Online» und «Zeit online» berichten ausführlich mit großartiger Berichterstattung. Um eine regelmäßige Darstellung wie andere «Mainstream»-Sportarten zu erreichen, müssen wir in gemeinsamer und vor allem koordinierter (etwas was gelegentlich fehlt) Anstrengung versuchen, ein Grundverständnis für unser Spiel bei der breiten Masse zu erzeugen. Dann haben wir die Chance, auch in der öffentlichen Wahrnehmung häufiger eine Rolle zu spielen.
Aber was ist das Image des Schachsport? Freaks ohne Anschluss? Sportart für Super-Intelligente? Schul-AG für Außenseiter? Wenn dem so ist, dann müssen wir etwas tun! Das geht nicht von heute auf morgen, denn die Diskussion wurde in der Schachszene bisher nicht geführt, ob wir nicht gut daran tun, eine Randsportart zu sein. Meine Meinung dazu ist klar: Unser Sport ist interessant, richtig verpackt sehr kommunikativ, und wenn Sie sich heute die Topspieler anschauen, haben wir intelligente, durchtrainierte Leistungssportler, die sich verkaufen können. Mit hochwertiger und beständiger Öffentlichkeitsarbeit können wir ins Bewusstsein der Bevölkerung treten. Konkret und kurzfristig müssen wir freundlicher zu Einsteigern werden, denn in den Vereinen ist das Bild in der Tat teilweise schmuddelig. Auch wenn ich vermutlich einige böse Mails bekommen werde, müssen frische Klamotten, Deo, gepflegtes Auftreten und Genuss von Alkohol nur zur späten Stunde ungeschriebenes Gesetz im Verein werden.
Zusammenfassend also: Wir sind unseres Glückes Schmied, konstante Öffentlichkeitsarbeit, die bereits geleistet wird, zusammen mit einem gemeinsamen Bewusstsein für deren Wichtigkeit sind die beiden Eckpfeiler uns in der breiten Öffentlichkeit zu etablieren.

GM: Sie sind Geschäftsführer der Schachschule Hamburg. Sie haben jetzt Gelegenheit ein wenig Werbung für dieses Projekt zu machen 🙂

JC: Die Schachschule Hamburg bietet Schachinteressierten jeden Alters und jeder Spielstärke vom Anfänger bis zum Bundesligaspieler «offline»-Trainingsmöglichkeiten (wie man das glaube ich neudeutsch nennt) an. Dabei versuchen wir uns nach den Bedürfnissen und Wünschen der jeweiligen Interessenten zu richten und haben unser Trainingsangebot entsprechend breit aufgestellt. Jeder der also irgendwie an Schach interessiert ist, ist bei uns genau richtig! 🙂

GM: Professionelle Schachschulen mit kommerzieller Ausrichtung scheinen sich in Deutschland wachsender Beliebtheit zu erfreuen. Wie schätzen Sie auf lange Sicht den Markt für solche Projekte ein? Wie sehen Sie diese Schulen im Spannungsfeld der «klassischen» Ausbildungswege junger Schachspieler wie Schulschach-AGs, Schachvereine und ggf. das Training der Verbandskader  und schließlich den vielen neuen Spiel- und Trainingsansätzen im Internet?

JC: Die Schachschule Hamburg ist aus dem Hamburger Schachklub, dem größten Schachverein Deutschlands, entstanden und ein Teil dieses Schachklubs. Zwar verstehen wir uns als Unternehmen, müssen und wollen aber auch den Ideen eines gemeinnützigen Vereins wie dem Hamburger Schachklub genügen.
Der Markt für Schachschulen ist aus meiner Sicht sehr groß. Wir haben in Deutschland 90’000 eingetragene Schachspieler, davon alleine können Schachschulen nicht leben. Die Zahl derjenigen, die im Kindesalter oder wann auch immer die Grundregeln kennengelernt haben und grundsätzlich Interesse am Schachspiel bzw. -sport haben, ist ungleich größer. Wenn sich die «Schachszene» weiterhin diesen Umstand bewusst macht, ist der Markt noch lange nicht gesättigt. Übrigens eine Tendenz, die ich aus meiner selbstständigen Arbeit als Trainer untermauern kann. Allein in den vergangenen zwei Monaten musste ich sieben Anfragen von Schülern ablehnen, da ich keine Zeitkapazitäten mehr habe.
Für uns ist Schachschule und Schulschach kein Spannungsfeld, sondern die Grundlage für unsere Existenz. Unheimlich viele engagierte Trainer leisten an Schulen ehrenamtliche Arbeit, die die Basis dafür ist, dass Menschen wie ich und Institutionen wie die Schachschule wirtschaftlich arbeiten können. Ohne den Unterbau der dort geschaffen wird, kann es weiter in der Spitze bzw. für die Spitze keine Zukunft geben.
Auch das Internet ist, denke ich, förderlich für den Schachsport. Auf jeden Fall müssen wir uns nicht davor fürchten. Jene die ohnehin lieber in ihren eigen vier Wänden bleiben, haben das auch schon vor dem Aufkommen des Internets getan. Der Vorteil des Internets, aus Schachspieler-Sicht, ist, dass man schneller und unkomplizierter mit dem Schachsport in Berührung kommt. Unsere Aufgabe ist es, all jenen, die über das Internet zum Schachsport gekommen sind, Angebote zu unterbreiten, in den Verein zu kommen. Denn seien wir ehrlich: Bei einem Bierchen oder für Kinder und Jugendliche einer Cola in der realen Welt eine Partie Schach zu spielen, entspricht deutlich eher den menschlichen Bedürfnissen, als im eigenen Kämmerlein gegen anonyme Gegner zu spielen. Und auch wenn es einige nicht glauben, die meisten Schachspieler sind sogar extrem in Ordnung.

GM:  Sie bieten auch Anfänger-Kurse für Erwachsene und Kurse für Senioren an. Wie werden diese Angebote angenommen?

JC: Im Grundsatz sind wir mit dem Zuwachs an Interessenten zufrieden. Trotzdem muss man einen Unterschied machen zwischen Erwachsenen, die im Berufsleben stehen und Senioren. So laufen die Seniorenkurse, die wir wöchentlich beispielsweise von 10 bis 12 Uhr anbieten, hervorragend. Berufstätige nach der Arbeit noch von 19 bis 21 Uhr für ein Schachtraining zu begeistern ist, wenn auch nicht unmöglich, doch schwierig. Deshalb gehen wir hier einen zweiten Weg: Wir bieten sogenannte Kompaktkurse an, Kurse also, die an einem Samstag gehalten werden und weisen ausdrücklich darauf hin, dass diese Kurse sehr gut geeignet sind, damit man seinen Partner mitnimmt, um anschließend gut gerüstet zu sein bei einem abendlichen Glas Rotwein auf dem Balkon eine Partie Schach zu spielen. Es ist nicht unser Ziel, jeden zu einem Großmeister zu machen.
Dieses Angebot wollen wir ausbauen, mit Eltern/Kind-Kursen und Trainings, die nicht bei uns, sondern in den Schulen vor Ort stattfinden. Wir haben hier noch einen weiten Weg zu gehen, sind aber überzeugt, dass dies der Richtige ist.

GM: Zu Ihrem neuesten Buch, der «Kleinen Schachschule». Zunächst war ich etwas verwirrt, nach zwei Büchern unter dem Label «Große Schachschule» jetzt auf die «Kleine Schachschule» zu treffen. Können Sie uns Ihre bisherigen Buchprojekte vorstellen und einen Blick auf die nächsten Pläne werfen?

JC: Da muss ich etwas weiter ausholen, aber da ich bisher schon ellenlang geantwortet habe, mögen mir die Leser das verzeihen 🙂
Mein erstes Buch schrieb ich im zarten Alter von 19 Jahren, zeitgleich zur Lernphase meines Abiturs. «Die Englische Eröffnung» war der Titel und behandelt eine Schacheröffnung, die ich seit ich denken kann, spiele. Im Anschluss folgte «Die große Schachschule» Damals hatte ich eine Schachschule in Lüneburg und ich habe große Teile des Lehrplans meiner Schachschule in dieses Buch integriert, es folgte ein weiteres Eröffnungsbuch «Die Tarrasch-Verteidigung», ein Buch das aus meiner Sicht für die «Eingeweihten» eine Menge interessante neue Ideen beinhaltet. Anschließend schrieb ich «Die große Schachschule: Aus den Fehlern der Großmeister lernen». Hier habe ich 25 Partien analysiert, an vielen war ich selber beteiligt, wo eine Seite, vertreten durch einen Profispieler, einen schweren Fehler begeht. Mein Versuch war es, und ich hoffe er ist mir gelungen, diesen Fehlern auf den Grund zu gehen und «en passant» weniger erfahrenen Schachfreunden einen Einblick in die Schachszene zu geben.
Zu guter Letzt also «Die kleine Schachschule», auf die ich ebenfalls sehr stolz bin. Einerseits ist sie inhaltlich aus meiner Sicht gut geworden, außerdem hat mal wieder der Verlag hervorragende Arbeit geleistet, was Layout etc. angeht.
Zukünftige Projekte… Mein Plan war eigentlich weniger zu arbeiten 🙂 Derzeit gibt es einige Angebote Bücher zu schreiben. Meine Idee ist allerdings, einfach eins zu schreiben, ohne dass jemand davon weiß und es dann einem Verlag anzudrehen. Ich habe immer noch die sehr romantische Vorstellung mich einmal in ein Haus auf einer fernen Insel einzuschließen, dort zwei Monate an einem Buch zu schreiben, ohne von außen gestört zu werden. Vielleicht kennen Sie ja einen Verlag mit einem Haus auf einer karibischen Insel? 😉

GM: Die «Kleine Schachschule» ist vom Typ her sicher mit klassischen Schachlehrbüchern zu vergleichen. Schach-Einführungen für Anfänger gibt es seit mehr als 100 Jahren. Sie erklären elementar die Regeln und geben kurze Abrisse zu Taktik-Motiven, strategischen Prinzipien, zur Eröffnungstheorie und Endspiellehre. Welche neuen Ideen haben Sie für diesen Lehrbuch-Typ eingebracht?

JC: In der «Kleinen Schachschule» geht es darum, kurz und bündig Interessenten am Schach unser Spiel näher zu bringen und ohne großes Hin und Her die Grundlagen zu bieten, um einfach mal eine Partie Schach zu spielen.
Meine neue Idee in dem Buch ist, früher auf grundlegende Strategien in den 3 Phasen Eröffnung Mittelspiel, Endspiel einzugehen. Meine Erfahrung aus den vielen Trainings und Lehrgängen mit Anfängern ist, dass man die Leute durchaus fordern kann und das Interesse am Schach auch und vor allem in den Strategien begründet ist. ■