Harald Schneider-Zinner: Strategieschule (Schach)

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Die Kunst, das Spiel zu planen

von Mario Ziegler

Die Frage stellt sich jedem Schachspieler in jeder Partie: Wie ist eine gegebene Stellung zu beurteilen? Soll man sie eher strategisch spielen oder stehen taktische Überlegungen im Vordergrund? Diesen Fragen widmet sich der österreichische Internationale Meister Harald Schneider-Zinner in seinem zweibändigen Werk „Strategieschule“ auf DVD.

Strategieschule Band 1+2: Die Kunst des Tauschens - Fritztrainer: Interaktives Video-Schachtraining) DVD-ROM – Harald Schneider-Zinner„Strategie ist die Kunst, das Spiel zu planen. Strategie befasst sich mit den allgemeinen Plänen zum siegreichen Abschluss der Partie oder zum Erreichen eines Zieles in einem Partieteil. Strategische Züge sind gewöhnlich positionell; sie helfen, eine Stellung zu schaffen, in der der Plan ausgeführt werden kann.“ Mit diesen Worten fassen Ex-Weltmeister Max Euwe und Walter Meiden in ihrem Klassiker „Meister gegen Amateur“ das Wesen der Strategie im Schachspiel zusammen. Ist der lernwillige Schachenthusiast erst einmal über die Anfangsgründe des Spiels hinweggeschritten, so kommt unweigerlich der Moment, wo er sich auf das Gebiet der Strategie wagen muss. Im Vergleich zur Taktik, wo die Ideen offensichtlicher sind und das Ziel im Gewinn von Material oder dem Angriff gegen den gegnerischen König besteht, sind strategische Überlegungen subtiler: Existieren langfristige Schwächen? Empfiehlt sich der Abtausch der einen oder anderen Figur? Kann man ein bestimmtes Endspiel anstreben? Und noch grundsätzlicher: Wie ist eine gegebene Stellung zu beurteilen? Soll man sie eher strategisch spielen oder stehen taktische Überlegungen im Vordergrund?

International renommierter Trainer

Harald Schneider-Zinner - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
International gefragter Schach-Trainer: Harald Schneider-Zinner

Der Autor der vorliegenden „Strategieschule“ Harald Schneider-Zinner (geb. 1968) zählt zu den profiliertesten Schachtrainern des deutschsprachigen Raums. Zu seinen Schülern gehören die österreichischen Spitzenspieler Valentin Dragnev und Felix Blohberger, und als Trainer der Frauen-Nationalmannschaft führte er das ÖSB-Team zu herausragenden Resultaten (4.-9. Platz bei der Mannschafts-Europameisterschaft 2015, 2. Platz beim Mitropa-Cup 2018).
Seit 2010 leitet er die Trainerausbildung in Österreich. Kurz gesagt: Schneider-Zinner kann auf eine reiche Erfahrung von der Grundlagenarbeit bis hin zum Leistungssport zurückgreifen.

„Stehe ich besser oder schlechter?“

Wie oft steht man in einer Partie vor der Frage, wie genau man eine Stellung angehen soll! Stehe ich besser oder schlechter? Soll ich die Position statisch oder dynamisch behandeln? Wie soll ich meine Bedenkzeit investieren? Diesen und weiteren Fragen geht Schneider-Zinner an Hand von Klassikern, aber auch sehr vielen neueren Beispielen aus der Weltspitze und dem österreichischen Schach nach.
Aus der Vielzahl der nützlichen Themen (Hebel, Planfindung, typische Springer- und Läufermanöver, Prinzip der überzähligen Figur) möchte ich mit der „Schwerfiguren-Regel“, ein vielleicht etwas weniger bekanntes Prinzip herausgreifen. Sie besagt, dass im Fall einer ungleichen Anzahl von Schwerfiguren derjenige Spieler mit mehr Schwerfiguren einen Abtausch dieser Figuren vornehmen sollte. Die verbleibenden Schwerfiguren können sich dann besser entfalten.

Hier ein Beispiel aus einer Blitzpartie des Autors:

bast (2448) – Harald Schneider-Zinner (2455)
Internet-Blitzpartie 3+2

Bast - Schneider-Zinner Harald - Internet-BlitzMateriell ist die Stellung etwa gleich, aber die schwarzen Türme sind optimal postiert. Nach besagter Schwerfiguren-Regel muss Weiß nun den Tausch seines letzten Turms vermeiden: 30.Td3+ Ke7 und nun sollte 31.Te3 erfolgen, wonach der Bauer c2 wegen des Abzugsschachs 32.Lb3+ natürlich tabu ist. Schwarz steht auch hier wohl besser, muss aber noch sehr lange hart arbeiten. Nach dem Partiezug 31.Txd8? Kxd8 32.c3 Tc5 konnte Schwarz seinen Turm weiter aktivieren und stand auf Gewinn.

Aspekte des Abtausches

Im 2. Band stehen die verschiedenen Aspekte des Abtauschs (Wann soll man überhaupt tauschen? Welche Richtlinien gilt es zu beachten? Wie kann man durch Abtausch offene Linien oder schwache Felder ausnutzen? usw.) im Mittelpunkt. Jede DVD wird durch 20 Aufgaben zur eigenständigen Bearbeitung abgerundet.
Wie bei den Trainings-DVDs von ChessBase üblich präsentiert der Autor seine Themen in Form eines Videos. An geeigneten Stellen wird der Zuschauer aufgefordert, das Video anzuhalten und sich eigene Gedanken zu machen. Schneider-Zinner hat eine angenehme Art des Vortrags. Er versetzt sich in den „Gesprächspartner“ und bezieht ihn soweit möglich ein. Das Material ist gut ausgewählt und wird überzeugend präsentiert.

Engines – ja oder nein?

Inwieweit ein stärkeres Eingehen auf die Vorschläge der Engines notwendig gewesen wäre, ist eine schwierige Frage. In einer früheren Rezension verweist GM Prusikin darauf, „dass einige Beispiele der strengen Computerprüfung nicht standhalten – wobei es sich freilich darüber streiten lässt, ob bzw. inwiefern das von Bedeutung ist.“

Hierzu ein Beispiel:

Loek van Wely – Magnus Carlsen
Wettkampf Schragen 2006, 3. Partie

Van Wely Loek - Carlsen Magnus (35...Kf5) - 1.DiagrammSchneider-Zinner zeigt diese Partie unter der Fragestellung, wie viele Züge ein starker Spieler vorausrechnet. Seiner Meinung nach musste Carlsen in der folgenden Partiephase nur kurze Sequenzen kalkulieren, die er an die Spielweise seines Gegners anpasste. Prägnant formuliert Schneider-Zinner: „Schach spielt sich in Teilplänen ab“. Es folgte: 22…a5 23.La3 a4 24.Sb5 axb3 25.axb3 Sc5 26.Tb1 Se4 27.Td7 h5 28.Lc1 Td8 29.Txd8+ Txd8 30.Le3 Sd2 31.Lxd2 Txd2 32.h4 Kh7 33.Kf1 Kg6 34.Kg2 Le7 35.Sc3 Kf5

Van Wely Loek - Carlsen Magnus (35...Kf5)Carlsen hat seit dem letzten Diagramm offenkundig viele Fortschritte gemacht: Durch den Hebel …a7-a5–a4 wurde die weiße Struktur am Damenflügel geschwächt, Schwarz konnte seinen König und seinen Turm aktivieren und die verwundbaren weißen Bauern ins Visier nehmen. Dabei gelang es dem künftigen Weltmeister – damals noch ein Teenager – meisterlich, weißes Gegenspiel im Keim zu ersticken.

An dieser Stelle spielte van Wely mit 36.Sa4 einen Zug, der nach Meinung der Engines (verwendet wurden Fritz 15, Houdini 6.02 und Stockfish 14.1) nicht im Entferntesten die beste Fortsetzung darstellt. Sie favorisieren statt dessen 36.Te1, 36.b4 und 36.Kf1. Schneider-Zinner geht auf keinen dieser Züge ein, sondern legt lediglich dar, dass 36.Kf3?? natürlich an der Gabel 36…Td3+ scheitert und 36.Td1 ebenfalls nicht besonders attraktiv ist: 36.Td1 Txd1 37.Sxd1 Ke4 „und der viel aktivere König und der Läufer, der im Spiel an beiden Flügeln stärker ist als der Springer, entscheiden die Partie“ (Schneider-Zinner im Video). Die Partie ging weiter mit 36…Lf6 37.Sxb6 Ld4 38.Sc8 Kg4 39.Tf1 Lc5 40.b4 Lxb4 41.Sb6 Lc5 42.Sa4 Ld4 43.c5 Tc2 und Schwarz stand auf Gewinn.

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An diesem Partieverlauf wird deutlich, worin das Potential der Computervorschläge im 36. Zug liegt:
1) 36.Te1 mit der Idee Te1–e3 setzt den Turm zur Deckung des verwundbaren Bauern b3 ein und bringt die Möglichkeit Te3–f3+ ins Spiel.
2) 36.Kf1 ist ein „unmenschlicher“ Zug, der den eigenen König passiver stellt und dem gegnerischen Monarchen den Weg nach f3 freimacht. Aber er ermöglicht auch das Manöver Sc3–e2, das den Druck des schwarzen Turms auf den Bauern f2 abfedert.
3) Mit 36.b4 möchte Weiß seine Bauernmehrheit in Gang setzen. Die taktische Rechtfertigung ist, dass nach 36…Tc2 37.Sd1 der Bauer c4 wegen der Gabel auf e3 tabu ist.

Denken in (Teil-)Plänen

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Nach allen diesen Möglichkeiten steht Schwarz besser, aber nach keiner so gut wie in der Partie. Hätte man also im Detail auf sie eingehen müssen? Wenn eine umfassende Analyse der Partie vorgenommen werden soll, muss die Antwort natürlich „ja“ lauten. Doch darum geht es dem Autor nicht, er möchte ja gerade zeigen, dass in dieser Partie nicht die konkrete Variantenberechnung, sondern das Denken in (Teil-)Plänen im Vordergrund stand. Unter diesem Aspekt lenken vielleicht Computerzüge, die auf taktischen Details wie der Gabelmöglichkeit auf e3 basieren, vom Kern des Themas ab. Wie in vielen anderen Bereichen der Lehr- und Trainingstätigkeit steht hinter allem die Frage der didaktischen Reduzierung.

Etwas verwundert hat mich die hohe Zahl der Schreibfehler in den Analysen. Auch wenn sie den Wert des Trainingsmaterials nicht beeinträchtigen, wären sie doch mit geringem Aufwand zu vermeiden gewesen.

Grundlegende Themen der Schachstrategie

Die „Strategieschule“ hat mich überzeugt. Dem Zuschauer werden viele grundlegende Themen der Schachstrategie präsentiert, wobei die praktische Relevanz an vorderster Stelle steht. Als Zielgruppe sehe ich fortgeschrittene Spieler mit einer Spielstärke ab ca. 1500 DWZ. Zudem finden selbstverständlich Trainer eine Vielzahl von durchweg prägnanten Beispielen. Über die Notwendigkeit, in den Analysen noch weiter ins Detail zu gehen, kann man streiten – ohnehin ist jeder Benutzer natürlich angehalten, sich zu den Beispielen eigene Gedanken zu machen und diese durch Analyse mit dem Computer zu überprüfen. ♦

Harald Schneider-Zinner: Strategieschule – Band 1 & 2, DVD Chessbase Hamburg

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema „Fritztrainer“ auch über Vasily Smyslov – Master Class Band 14

Axel Gutjahr: Schachspuk auf Ruine Rochenstein

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Neues Anfänger-Lehrbuch für Acht- bis Zehnjährige

von Thomas Binder

Drei Jahre nach „Schach spielen mit Niveau“ legt der ehemalige Schachtrainer Axel Gutjahr mit „Schachspuk auf Ruine Rochenstein“ ein neues Schachbuch für Kinder vor.

Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Axel GutjahrDie Zielgruppe von „Schachspuk auf Ruine Rochenstein“ ist mit der Altersangabe „ab acht Jahren“ gut getroffen, dürfte allerdings auch nur wenig darüber hinaus gehen. Oberhalb von 10 Jahren sind Kinder für Bücher dieser Art sicher nicht mehr zugänglich. Dabei stellt sich ohnehin die Frage, ob in der genannten Altersgruppe ein Schachlernen durch einsame Buchlektüre noch zeitgemäß ist. Der anhaltend reiche Vorrat solcher Werke auf dem Markt scheint den Autoren allerdings Recht zu geben, und in diesem Feld gehört Gutjahrs neues Buch gewiss zu den Favoriten.

Schach-Kobold in Burgruinen

Axel Gutjahr - Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Heel Verlag (Plaza) - Beispiel-Seite 1 - Rezension GLAREAN MAGAZIN
„Kingerecht vorgetragen“: Beispielseite aus Axel Gutjahr: „Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Was bekommen wir also auf den gut 140 Seiten geboten? Die drei Kinder Pit, Tina und Atze erkunden die Ruine der Burg Rochenstein. Dort werden sie zunächst von einem Fußboden in Schachbrettform und dann von den einzelnen Figuren empfangen, die ihnen von Grund auf die Schachregeln erklären. Mit dem ersten Grundwissen ausgestattet, empfängt sie dann der Kobold Mattotto und erklärt ihnen die weiteren Spielregeln (umfassend bis zum en-passant-Schlagen und zu den Remisregeln) sowie einfache taktische Motive.

Die drei Partiephasen werden jeweils elementar angerissen: Die Kinder und mit ihnen der Leser erlernen die Grundbegriffe der Eröffnung, dann ein paar taktische Tricks (Fesselung, Gabel etc.) im Mittelspiel und schließlich wichtige Endspiel-Begriffe wie Quadratregel, Elementare Matts, Bauerndurchbruch, Oppositionsregel, Randbauer). Diese Aufzählung ist nahezu vollständig. Es ist also klar (und eigentlich unvermeidlich), dass hier noch sehr viel fehlt, was Kinder im betreffenden Alter über Schach lernen können und sollten.

Kindgerechte Textaufbereitung

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Enorm wichtig ist es, dass alles sehr kindgerecht vorgetragen wird. Die Texte sind übersichtlich und keine Buchstabenwüsten. Große Stellungsbilder lassen keine Frage offen, was gerade besprochen wird. Ein enormer Gewinn sind die herrlichen Illustrationen von Ralph Handmann auf praktisch allen Seiten des Buches.

Abgerundet wird der Lehrteil von immer wieder eingestreuten kurzen Fakten rund um das königliche Spiel unter dem Motto „Wusstest du…“ Dass auch solche Stereotype wie das Narrenmatt und die Reiskornlegende nicht fehlen dürfen, versteht sich fast von selbst. (Es gibt Dinge, die habe ich einfach zu oft gelesen, als dass sie mich noch begeistern würden).

Anfänger-Lehrbuch mit Update-Bedarf

Axel Gutjahr - Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Heel Verlag (Plaza) - Beispiel-Seite 2 - Rezension GLAREAN MAGAZIN
„Tolle Bebilderung“: Beispielseite aus Axel Gutjahr: „Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Schauen wir nun, was wir nicht geboten bekommen: Über den schachlichen Gehalt kann man streiten. Der Autor hat sich offenbar eine Grenze dessen gesetzt, was er vermitteln will. Da wird er nie so genau meinen Geschmack treffen, aber immerhin hält er diese Linie konsistent durch. Es ist ein reines Einstiegs-Lehrbuch, welches der Weiterführung – am besten natürlich in einem Verein oder in einer schulischen Schach-AG – bedarf. Leider fehlt mir auch die im Untertitel angedeutete Spannung. Die Kinder erlernen ehrfürchtig das Schachspiel. Auf alle Fragen antworten sie brav und meist auch sofort richtig. Widerstreitende Meinungen, Korrekturen unrichtiger Antworten gibt es nicht. So wird auch die Chance vertan, die handelnden Kinder als eigenständige Charaktere auszuprägen.

Fehlende Rahmenhandlung

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Eine echte Rahmenhandlung gibt es nicht, die versprochene Spannung findet nicht statt. Angesichts der sprachlichen Stärken, der tollen Bebilderung und des kindgerechten Layouts hat dieses Buch eine Fortsetzung verdient. So wie die Leser älter werden, können auch die Buchhelden mit ihnen wachsen. Eine zweite Folge würde den schachlichen Inhalt vertiefen und anspruchsvoller machen. Das könnte man dann in eine Rahmenhandlung einbinden, bei der die Kinder (sowohl Pit, Tina und Atze als auch die Leser) Schachrätsel zu knacken haben und damit insgesamt eine spannende Aufgabe lösen (sei es ein Labyrinth zu erkunden, einen Schatz zu finden oder eine Prinzessin zu befreien – sorry für die Klischees).
Das würde Gutjahrs Ansatz abrunden und dem Buch ganz neue Chancen auf dem Markt eröffnen, ja vielleicht sogar ein neues Genre innerhalb der Schachliteratur für Kinder begründen. ♦

Axel Gutjahr: Schachspuk auf Ruine Rochenstein, Das spannende Schachbuch für Kinder, 144 Seiten, Heel Verlag, ISBN 978-3-96664-365-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kinder- und Jugend-Schach auch über Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids

… sowie über Circon Verlag: Schachtricks für Kinder (Lehrbuch)


Martin Breutigam: Damen an die Macht (Schach-Kolumnen)

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Rätsel und Geschichten

von Thomas Binder

„Damen an die Macht“ des Bremer Internationalen Meisters Martin Breutigam vereint 160 Schachkolumnen aus der Tagespresse in den Jahren 2014 bis 2021. Im Mittelpunkt steht das Vorstellen prägender Personen der aktuellen Schachszene. Aber auch in entlegenere Winkel des Schachuniversums wird der Leser geführt. Insgesamt eine lockere und anregende Lektüre – und eine Kaufempfehlung vor allem als Geschenk für Schachbegeisterte unabhängig von Alter und Spielstärke.

Martin Breutigam: Damen an die Macht - Schach-GeschichtenDem deutschen Schachjournalisten Martin Breutigam kommt das unschätzbare Verdienst zu, eine vom Aussterben bedrohte Gattung zu bewahren: Die historisch so wichtige Schachkolumne in Tageszeitungen. Nach den Ausgaben „Todesküsse am Brett“ von 2010 und „Himmlische Züge“ (2014) legt er nun mit „Damen an die Macht“ im gleichen Verlag erneut eine rückblickende Sammlung seiner Beiträge für den Berliner „Tagesspiegel“ und den Bremer „Weser-Kurier“ vor. Wie chronologisch nicht anders zu erwarten, umspannt diese Ausgabe nun die Jahre 2015 bis 2021.

Reise zu den Schach-Höhepunkten

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Martin Breutigam lädt uns also zu einer Reise zu den Schachhöhepunkten dieser so bewegten Jahre ein. Wir sind zu Gast bei Weltmeisterschaften und Top-Turnieren. In unserer schnelllebigen Zeit war in meiner Erinnerung vieles davon schon verblasst. Carlsens spektakuläres (wenn auch taktisch eher einfaches) Damenopfer zum Abschluss der WM 2016 hatte ich längst vergessen.
So entfaltet sich vor uns ein Kaleidoskop schachlicher Schlaglichter auf einen gerade noch überschaubaren Zeitraum. Absicht oder nicht – am Anfang und am Ende steht der neue deutsche Schachstern Vincent Keymer: Auf Seite 8 darf der 10-Jährige erstmals die Deutsche Meisterschaft der Männer mitspielen, auf Seite 191 ist der 16jährige jetzt Vize-Europameister.
Dazwischen ziehen viele berühmte Namen an uns vorbei, praktisch alle Weltklassespieler haben in diesen sieben Jahren Spuren hinterlassen und sich eine Breutigam-Kolumne verdient.

Entlegenste Winkel

Martin Breutigam - Damen an die Macht - Leseprobe - Beispielseite - Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus Martin Breutigam: Damen an die Macht

Breutigam führt uns aber auch immer wieder in die entlegensten Winkel des Schach-Universums. So stellt er Leonard Barden vor, den Nestor des englischen Schachjournalismus, der eine „Morphy-Zahl“ von 3 besitzt, was bedeutet, dass er nur zwei Zwischenschritte braucht, um sich über reguläre Turnierpartien mit dem amerikanischen Schachstar des vorletzten Jahrhunderts zu verknüpfen.
In anderen Medien und in einer ganz anderen Generation leistet der Amerikaner Maurice Ashley ähnlich Verdienstvolles für die Popularisierung des königlichen Spiels, auch ihm ist eine Kolumne gewidmet. Auch eine Partie von Bahnvorstand Richard Lutz – in seiner Jugend einer der talentiertesten deutschen Schachspieler – wird vorgestellt.
Der gedankliche Horizont, den Martin Breutigam seinem Leser bietet, reicht sehr weit. Immer wieder bezieht er Haltung, indem er Menschen vorstellt, die am Schachbrett und darüber hinaus Haltung bezogen haben. Sei es aktuell im Konflikt mit politischer oder religiöser Bevormundung – der Name Alireza Firouzja sei stellvertretend in den Ring geworfen. Sei es in der Vergangenheit, wo der Autor Geschichten findet, an denen man bisher vorbei gegangen ist – so die des niederländischen Widerstandskämpfers, Reformpädagogen und Schachspielers Johan van Hulst. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen, fast jede der 160 Kolumnen bietet bemerkenswerte Details, neue Einsichten und Anstöße zum Weiterdenken.

Deutlicher Bezug zum Frauenschach

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Der Buchtitel „Damen an die Macht“ ist offenbar insofern Programm, als Bezüge zum Frauenschach deutlich stärker präsent sind, als man sie sonst im Schachalltag und in der Schachpresse wahrnimmt. Das kann kaum Zufall sein, sondern zeigt wohl Breutigams geschärften Blick für die Belange des oft so unterrepräsentierten Geschlechts.
Jede Kolumne kommt mit einer Buchseite aus, die fast zur Hälfte von einem Stellungsdiagramm eingenommen wird. Dann folgt der inhaltliche Text und zum Schluss ganz knapp der Verweis auf die abgebildete Partie mit der Aufforderung die geniale Fortsetzung zu ergründen. Einige wohldosierte ganzseitige Fotos runden den auch äußerlich guten Eindruck ab.
Da es sich nicht primär um ein Lehrbuch handelt, sind freilich die Partiefragmente eher gedacht als unterhaltendes Beiwerk. Die Erläuterung im (kleingedruckten und kopfstehenden) Lösungstext ist entsprechend kurz. Das Buch hat eine andere Zielstellung, als uns schachlich voran zu bringen. Obwohl die Anordnung der Lösung am Fuß der Seite ein ungewolltes Erhaschen der Lösung kaum zulässt, habe ich mich jedenfalls nicht lange mit dem Lösen der Schachrätsel aufgehalten, sondern die kommentierte Zugfolge lieber quasi als Fortsetzung des Haupttextes gelesen.

Perfekte Präsentation von Lesehappen

Vielseitiger und sachkundiger Schach-Autor: Martin Breutigam (Geb. 1965 in Bremen))
Vielseitiger und sachkundiger Schach-Autor: Martin Breutigam (Geb. 1965 in Bremen)

Die wohldurchdachte Auswahl und die perfekte Präsentation in kleinen Lesehappen machen das Buch zu einer willkommenen Lektüre in Bus und Bahn oder bei Wartezeiten. Insofern würde ich auch die Kaufempfehlung aussprechen: „Damen an die Macht“ ist kein Buch mit Lerneffekt, sondern ein reines Lesebuch. Gerade für Menschen, die sich – auf welchem Level auch immer – für Schach begeistern und dabei über den Tellerrand der 64 Felder hinweg schauen, dürfte das vorliegende Taschenbuch ein sehr willkommenes Geschenk sein.
Was wünscht sich der Rezensent noch? Vielleicht könnte man jedem Artikel das Datum der Erstveröffentlichung beigeben. Immerhin steht im Seitenkopf das Jahr, aber die zeitbezogenen Textpassagen wie „neulich“ und „vor einigen Wochen“ verwirren beim Lesen schon etwas. Noch besser wäre es natürlich in manchen Fällen, wenn der Autor seinen Kolumnen einen aktuellen Kurzkommentar beifügen würde, wenn sich inzwischen neue Entwicklungen ergeben haben. Eine solche Ergänzung authentischer Zeitzeugnisse mit dem wissenden Rückblick würde ich als ungemein reizvoll empfinden – auch wenn es dann ein ganz anderes Buch wird. ♦

Martin Breutigam: Damen an die Macht, Rätsel und Geschichten aus der Welt des Schachs, Die Werkstatt Verlag, 192 Seiten, ISBN 9783-0596-0087-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachkolumnen auch über F. Zavatarelli u.a: Feuilletons von Ignaz Kolisch

… sowie zum Thema Frauenschach: Frauen-Schach-Weltmeisterschaft 2020

Gennadi Sosonko: Genna Remembers (Schach-Erinnerungen)

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Spannende Schach-Geschichte(n)

von Thomas Binder

Gennadi Sosonko schildert in „Genna Remembers“ vor allem die Lebensgeschichten von (vorwiegend sowjetischen) Schachmeistern, denen er in seinem Leben dies- und jenseits des „Eisernen Vorhangs“ begegnet ist. So entstehen farbige Lebensbilder, die uns bekannte und weniger bekannte Personen der Schachszene mit ihren Stärken und Schwächen näher bringen.

Gennadi Sosonko: Genna RemembersGroßmeister Gennadi Sosonko war einer der ersten sowjetischen Schachspieler, die in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges einen Turnieraufenthalt nutzten, im Westen zu bleiben. War er in der UdSSR einer unter vielen, gehörte er später in seiner holländischen Wahlheimat lange zur nationalen Spitze, vertrat die Niederlande z.B. bei elf Schacholympiaden.

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere hat es sich „Genna“ zur Aufgabe gemacht, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen und die Eindrücke jener Zeit für die Nachwelt zu erhalten. Mit „Genna Remembers“ liegt nunmehr bereits das fünfte Werk dieser Art vor. Dabei von einer Autobiographie zu sprechen, wäre zu knapp gefasst. Sosonko berichtet zwar sehr wohl „aus erster Hand“, also aus eigenem Erleben – er bleibt aber immer nur Randfigur und stellt andere Persönlichkeiten in den Mittelpunkt.

Hervorragend in der Szene vernetzt

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Um es vorweg zu nehmen: Die Lektüre von „Genna Remembers“ hat bei mir den Wunsch geweckt, nach und nach die vier vorherigen Titel lesen zu wollen.
Sosonko ist offenbar hervorragend in der Schachszene vernetzt – gleichermaßen unter den in den Westen emigrierten Meistern, wie unter jenen, die in der Sowjetunion verblieben waren. Seine persönliche Integrität und Menschenkenntnis eröffnet ihm detaillierte Einblicke in die Lebensgeschichte seiner Gesprächspartner, die er stets mit einem gesunden Maß von Nähe und Distanz aufbereitet. Selbst dort, wo die Nachrichten nicht ganz so schmeichelhaft sind – es soll auch Schachgroßmeister mit Alkoholproblemen geben – bleibt er immer würdevoll, wird nie verletzend oder bloßstellend. Dabei profitiert unser Autor davon, dass er sowohl die schachliche als auch die alltägliche Lebenswirklichkeit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs kennengelernt hat.

Umfassendes Wissen

Gennadi Sosonko - Genna Remembers - Beispiel-Seite - Thinkers Publishing - Rezension Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus „Genna Remembers“ von Gennadi Sosonko (S. 196)

Eine (wohl unfreiwillige) Dokumentation seines Ansehens wie seines umfassenden Wissens enthüllt die folgende kleine Anekdote:
Die sowjetischen Großmeister wurden auf Auslandsreisen von einem „Aufpasser“ des Geheimdienstes KGB begleitet. Beim Bankett nach einem Turnier näherte sich der große Andor Lilienthal diesem Mann: „Ich denke, ich bin hier mit jedermann bekannt, außer – entschuldigen Sie – mit Ihnen. Sind Sie ein Großmeister?“
Der KGB-Major antwortete: „Warum fragen Sie nicht Genna? Er hat schon darüber geschrieben. Er wird mich kennen.“
Selten ist wohl ein Sowjet-Dissident vom KGB selbst so geadelt worden…

Breites Spektrum bekannter Namen

Entspannte Sowjet-Protagonisten im amerikanischen Exil: Alburt, Gulko, Shamkovich (New York 1988)
Entspannte Sowjet-Protagonisten im amerikanischen Exil: Alburt, Gulko, Shamkovich (New York 1988)

Im Mittelpunkt der 15 Kapitel steht meist eine einzelne Persönlichkeit. Einige Beispiele sollen zeigen aus welchem breiten Spektrum bekannter bzw. weniger bekannter Namen hier geschöpft wird:
• Igor Iwanow (1947 – 2005), der sich 1980 nach Kanada absetzte
• Leonid Schamkowitsch (1923 – 2005), seit 1974 im Westen
• Arnfried Pagel (gest. 2015), umtriebiger niederländischer Schachmäzen
• Sergej Nikolajew (1961 – 2007), jakutischer Schachmeister und Unternehmer, 2007 ermordet
• Juri Rasuwajew (1945 – 2012)
• Wiktor Kupreitschik (1949 – 2017)
• Mark Taimanow (1926 – 2016)

Sosonko stellt uns diese und weitere Personen in facettenreichen Porträts vor, meist aus unmittelbar erlebtem Kontakt und angereichert mit vielen kleinen Geschichten. So entsteht vor uns ein lebendiges Bild vom ganzen Wesen dieser Schachspieler mit all ihren Stärken und Schwächen – viel besser, als es eine auf Vollständigkeit bedachte Biographie leisten könnte. Die rein schach-sportlichen Aspekte treten dabei zurück, Turnierergebnisse werden nur am Rande gestreift, wo sie das Geschehen direkt beeinflussen. Partiefragmente sind sehr selten. Sie werden wirksam präsentiert, aber schachanalytisch nur sparsam kommentiert. Selbst hier tritt der Schachspieler hinter den Menschen zurück.

Vor dem Vergessen bewahrt

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Gennadi Sosonko selbst nimmt sich nicht so wichtig. Dennoch entrollt sich aus den vorgestellten Geschichten natürlich ganz nebenbei ein Lebensbild des Autors. Das ist ein zusätzlicher Gewinn, den man aus der Lektüre zieht: Man fühlt sich nicht nur den Porträtierten verbunden, sondern auch dem, der sie für uns vor dem Vergessen bewahrt.
Zwei Highlights mit direktem Bezug zu Sosonko möchte ich erwähnen: Er hat wohl das einzige Vorschaubuch zum WM-Kampf zwischen Fischer und Karpow 1975 geschrieben. Das heißt, geschrieben hat er es natürlich nicht, denn wie wir wissen, fand der Wettkampf nie statt. Einband und „Mockup“ des Buches sind aber erhalten und wurden seinerzeit sogar schon auf einer Messe präsentiert.
2017 erwarb Sosonko bei einer Versteigerung ein ganz eigenes Dokument schachlicher Zeitgeschichte: Jenes Flugticket, von Amsterdam nach Moskau, das Viktor Kortschnoi am 27. Juli 1976 eben nicht benutzte, weil er damals im Westen blieb. Der Sinn für solche Details zeichnet „Genna“ aus und macht sein Werk für jeden an Schachgeschichte und speziell der Epoche des Kalten Krieges interessierten Leser besonders spannend.

Englische Sprachkenntnisse nötig

Was ist noch zu ergänzen? Das Buch ist in angemessenem Umfang bebildert, wobei es sich fast durchweg um Fotos handelt, die auch kundigen Schachhistorikern bislang unbekannt sein dürften.
Die Bilder und die Untergliederung in 15 Kapitel und weiter in kleinere Abschnitte erleichtern auch demjenigen das Lesen, für den die englische Sprache möglicherweise eine gewisse Hürde darstellt. Hier muss man natürlich die Messlatte recht hoch legen. Wir haben einen reinen Prosa-Text vor uns, der uns weit in aus dem schachlichen Bereich hinaus führt. Das übliche Schach-Englisch, mit dem wir auch als Nicht-Muttersprachler bei normaler Schachliteratur gut zurechtkommen, hilft hier nicht weiter. Gute englische Sprachkenntnisse sind also absolut notwendig. Doch auch dies wird meinen eingangs geäußerten Wunsch nach der Lektüre der vier anderen Sosonko-Bücher nicht bremsen. ♦

Gennadi Sosonko: Genna Remembers, Thinkers Publishing 2021, 256 Seiten (engl.), ISBN 978-9464201178

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachpersönlichkeiten auch über Karsten Müller & Luis Engel: Spielertypen im Schach

Robert Hübner: SCHUND (Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten)

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Chronik eines privaten Schachzirkels

von Ralf Binnewirtz

Aus dem aktuell wieder etwas üppigeren Angebot an Schachbüchern in deutscher Sprache sollte das neue Werk von Großmeister Robert Hübner eine nähere Betrachtung verdienen, auch weil es mit dem erklärungsbedürftigen Titel „SCHUND“ und dem dubios anmutenden Untertitel „Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten“ prädestiniert scheint, ein neugieriges Lesepublikum anzulocken. Man mag sich fragen, ob diese Titulierung einem zuweilen gern geübten Understatement des Autors entspringt, zumal auf der Buchrückseite das einsame Diktum „Ein überflüssiges Buch“ in eine ähnliche Kerbe schlägt. Deutet sich hier etwa ein kurioser Akt von Selbstgeißelung an?

Nein, dem ist keineswegs so: Denn die „Dilettanten“ sind hier ausschließlich als „Liebhaber“ zu verstehen, und SCHUND ergibt sich aus dem Namen des Mini-Amateurschachvereins „Schachverband unverzagter Dilettanten“, dessen Historie im Buch dargelegt wird. Dieses enthält alle Partien der Mitglieder untereinander, und die Berichte zu zwei Fernreisen, die sich im Lauf der Vereinsgeschichte ergeben haben, sind in die Partiesammlung eingebunden. Eine (laut Vorwort versehentlich hineingeratene 😉) schachfremde Zugabe „Mumienportraits“ beschließt das Werk.

Eine famose Einleitung

Robert Hübner: SCHUND (Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten) - Rezension im GLAREAN MAGAZINIn einem glänzend formulierten Einleitungstext gibt Robert Hübner einen kurzen Rückblick auf die letzten 50 Jahre Schachbetrieb und die teils umwälzenden Veränderungen, die sich in dieser Zeit zugetragen haben, und die keinesfalls immer bzw. völlig zum Vorteil des Schachs und seiner Protagonisten geraten sind. Hübners unverwechselbare Diktion dürfte aus seinen früheren Publikationen hinlänglich bekannt sein, sie ist u.a. charakterisiert durch die Verwendung eines oft ein wenig antiquiert wirkenden Wortschatzes, und auch der bevorzugten alten deutschen Rechtschreibung hat er die Treue gehalten.
Seit jeher hat er es verstanden, seine (schach)kulturkritischen Ausführungen mit einer gehörigen Prise Witz oder mit subtiler Ironie anzureichern, weshalb ich diese Einleitung mit wachsendem Vergnügen gelesen habe. Wir erfahren hier auch über die beiden Gründer des SCHUND-Verbands, Arndt Borkhardt und Guntram Hilbenz, und den weitgehend machtlosen Verbandspräsidenten, offenbar Robert Hübner persönlich.

Nur eine Handvoll Mitglieder

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Zu den beiden Gründungsmitgliedern stießen später Adriaan Poffers aus dem Osten der Niederlande (Nijverdal), der sich als spielstärkstes Mitglied entpuppen sollte, sowie der bekannte deutsche FM René Borngässer, der bisher allerdings nur eine einzige Stippvisite bei einem Treffen in Düsseldorf gegeben hat. Zwei Mitglieder, A. Borkhardt und A. Poffers, haben ihren schachlichen Werdegang mit eigenen Worten im Buch präsentiert, über ihr Leben außerhalb des Schachs wird der Mantel des Schweigens gebreitet.1) Angesichts der kleinen Mitgliederzahl mag es vielen Lesern vermessen erscheinen, von einem Schachverband und einer Verbandsweltmeisterschaft zu sprechen, wie im Buch geschehen. Offenbar darf diese Form der Übertreibung, die das gesamte Buch durchzieht, nicht allzu ernst genommen werden.

Großmeisterlich kommentierte Partien

Robert Hübner an einer öffentlichen Schach-Simultanvorstellung
Großmeister Robert Hübner (geb. 1948) an einer öffentlichen Schach-Simultanvorstellung

Von den 45 Partien, die alle vom Autor in der ihm eigenen akribischen Art kommentiert wurden, sind nur zwei von Hübner selbst, eine weitere von Borngässer, die restlichen 42 Partien wurden bei diversen Anlässen von den drei Mitgliedern Borkhardt, Hilbenz und Poffers ausschließlich untereinander ausgetragen. Es ist klar, dass sich diese Amateur-Partien nicht auf hohem Meisterniveau bewegen können, zuweilen häufen sich auf beiden Seiten Ungenauigkeiten und Fehler jeglicher Art, und nicht selten werden Gewinnstellungen zum Verlust verkorkst, so dass der Partieausgang unvorhersehbar ist.
Bei vielen Nachspielenden mögen solche Partien aufgrund ihres limitierten Unterhaltungswerts wenig Begeisterung auslösen, sie könnten sich allerdings gut eignen als Lehr- und Übungsstoff in Schachkursen für fortgeschrittene Anfänger. Es sei dahingestellt, ob dies der Intention des Autors entsprach, kundgetan hat Hübner diesen Verwendungszweck seines Buchs nicht.

Im fernen Usbekistan

Fund von Alten Schachfiguren aus Afrasiab (Nähe Samarkand) Usbekistan - König, Streitwagen, Wesir, Elephant - Glarean Magazin
Fund der ältesten Schachfiguren in Afrasiab (Nähe des usbekischen Samarkand) aus dem 6.-8. Jahrhundert: König, Streitwagen, Wesir, Elephant (v.l.n.r.)

2017 wird Hübner von Verbandsarzt Hilbenz eine kraftschöpfende Reise verordnet, um einer temporären Schlaffheit abzuhelfen. Es ist hier nicht möglich, auf Stationen und Details dieser Gruppenreise, an der auch Hilbenz als betreuender Arzt teilnahm, näher einzugehen. Ob von der Reiseschilderung wohl merkliche Spuren im Gedächtnis der Leser verbleiben? Vielleicht von der Reiseleiterin, einer lähmende Langeweile verbreitenden matronenhaften „Babuschka“, die von Hübner trefflich verbal imitiert wird. Oder vom usbekischen Nationalhelden in spe, Temur (= Tamerlan), bei dessen Name mir spontan „Der Eiserne Käfig des Tamerlan“2) in den Sinn kommt. Aber derlei Assoziationen scheinen Hübner nicht zu befallen, und auch zum Besuch von Afrasiab bei Samarkand bleibt unerwähnt, dass dort 1977 die ältesten Schachfiguren der Welt ausgegraben wurden. Am Ende der Reise wird Hübner die „Mopshaftigkeit seines Tuns“ bewusst („Was suchte ich in Zentralasien?“), und er schließt das Kapitel mit dem erheiternden Kurzgedicht „Mopsenleben“ von Christian Morgenstern.

Viertägige Exkursion nach Böotien

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Ich vermerke, dass beide Reiseberichte ohne schachliche Zutaten auskommen. Bei der zweiten Reise im Mai 2019 ist erneut das Gespann Hilbenz / Hübner unterwegs: Im von Hilbenz gesteuerten Leihwagen geht es über Stock und Stein durch die griechische Landschaft, durch Orte und Bergdörfer mit mehr oder weniger zugänglichen Sehenswürdigkeiten. Erneut erspare ich mir Einzelheiten. Ich erwähne lediglich, dass der Altphilologe Hübner mehrfach an ihm geeignet erscheinenden Stellen aus antiken Texten zitiert, besonders umfänglich von Thukydides, und einmal kürzer von Platon. Die Übersetzungen aus dem Altgriechischen hat er selbst besorgt. Chapeau!

Ansehnliche Mumienportraits

Die vier im Schlusskapitel wiedergegebenen Mumienportraits (Nachbildungen, Eitempera auf Holz) sind in Farbe reproduziert worden. Mumienportraits waren Beigaben zur altägyptischen Mumienbestattung (nach 30 v. Chr.), die den Verstorbenen meist in jugendlichem, zumindest deutlich jüngerem Alter zeigen, möglicherweise ein wenig idealisiert in der Darstellung. Aus meiner Sicht ein gefälliger Schlusspunkt, der vom Autor schon im Vorwort mit einer kleinen Eulenspiegelei vorbeugend entschuldigt wird (siehe Leseprobe) – wegen der thematischen Ferne vom Rest des Buchs.

Vereinschronik mit Trainingsoption

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Robert Hübner hat in diesem Buch eine private Schachidylle beschrieben, die sich eine kleine Gruppe von Freunden geschaffen hat in dem Bestreben, sich ihrem Hobby nach eigenen Vorstellungen und unbeeinflusst von den Auswüchsen eines modernen Spielbetriebs widmen zu können. Ein weitgehend hermetischer Mikrokosmos, der Interaktionen mit der restlichen Schachwelt nicht vorsieht. Gut 75% des Buchs werden von den Partien beansprucht, die an sich für die Nachwelt kaum erhaltenswert wären. Erst Hübners eingehende, oft tiefschürfende, aber stets gut verständliche Kommentierung sorgt dafür, dass die Partien nutzbar werden als Trainingsmaterial für aufstrebende Schachjünger. Zugleich hat der Autor seinen SCHUNDlern eine Art Vereinschronik der letzten rund acht Jahre beschert, die die Erinnerung an gemeinsame Aktivitäten festhält, auch wenn letztere bald versanden sollten(?) Im Buch wird nicht mitgeteilt, ob dieser kleine Schachzirkel weiterhin Bestand haben wird. Aber vielleicht stellen sich auch Nachahmer ein.

SCHUND - Robert Hübner - Beispielseite - Glarean Magazin
Großmeisterliche Kommentierung kleinmeisterlicher Partien: Beispielseite aus „SCHUND“ von Robert Hübner

Ein überflüssiges Buch?

Dies mag von einem Teil der Leser bejaht werden, sofern sie bereits schachlich so hoch qualifiziert sind, dass ein Studium der Partien für sie entbehrlich ist. Geringer qualifizierte Schachfreunde haben hier umfängliches Material an der Hand, wo sie Fehlern begegnen, wie sie sie wohl oft selbst begehen: mangelhafte taktische Berechnungen, strategische Fehleinschätzungen, allzu schematische Züge, Missgriffe im Endspiel und andere leichtfertige Vergehen. Für sie kann dieses Buch durchaus empfohlen werden. Alle anderen werden hoffentlich ausreichende Orientierung hinsichtlich einer Kaufentscheidung erhalten haben.
Zu erwähnen bleibt letztlich die gediegene Ausstattung des Buchs (Fadenheftung!) und eine exzellente Textsatz-Gestaltung von Ulrich Dirr. ♦

1)Über Prof. Dr. med. Arndt Borkhardt erfahren wir mehr aus dessen Wikipedia-Seite; Dr. med. Guntram Hilbenz ist ein Allgemeinmediziner aus dem hessischen Florstadt (Wetterau-Kreis) mit einer ELO von knapp unter 2000, soweit ich dies eruieren konnte
2)Siehe z.B. Hilmar Ebert, Friedrich Wolfenter: Kegelschach, Aachen 1997, S. 277

Robert Hübner: SCHUND – Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten, 183 Seiten, Edition Marco, ISBN 978-3-924833-84-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Feuilleton auch über Geilmann/Stiefel/Herbold: Boris Spasski (Schach-Biographie)

Außerdem zum Thema Schach über: Gert von Ameln – Salin und der Schwarze Zauberer (Schach-Märchen)

Geilmann/Stiefel/Herbold: Boris Spasski (Schach-Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Revue eines faszinierenden Schachlebens

von Walter Eigenmann

Lange Zeit stand der 10. Schachweltmeister Boris Spasski sowohl medial wie bibliographisch völlig im Schatten seines legendären Kontrahenten Bobby Fischer, an den er im spektakulären „Match des Jahrhundertes“ 1972 in Reykjavik den Titel abgeben musste. Eine deutschsprachige Monographie über den genialen „Leningrader Cowboy“ (geb. 1937) schließt nun diese Lücke im deutschsprachigen Schachbuch-Regal. Der neue Band des Autoren-Trios Ulrich Geilmann, Frank Stiefel und Manfred Herbold bringt uns nicht nur den großen Schachspieler, sondern auch den Menschen Boris Spasski näher.

Wussten Sie, dass Spasski 1976 nur deshalb aus der Sowjetunion nach Frankreich loskam, weil Staatspräsident Georges Pompidou persönlich sich bei Leonid Breschnew für seine „Freilassung“ einsetzte? Oder dass Spasski drei Leidenschaften sehr intensiv pflegte: Den Kaffee, die Zigarette und die Frauen? Oder dass Spasski am Grabe von Bobby Fischer bitterlich weinte, weil er in seinem ehemaligen WM-Feind einen späteren guten Freund verloren hatte?
Solche Details und noch eine Fülle mehr davon finden sich in Ulrich Geilmanns neuer Spasski-Biographie, die das Leben des genialen russisch-französischen Ex-Weltmeisters aus Leningrad in Wort & Bild & Partie auf feuilletonistisch amüsante Weise Revue passieren lässt.

Kombinationsvermögen und Stellungsgefühl

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In seinem Vorwort attestiert der deutsche Internationale Meister Bernd Schneider (und ehemalige Spasski-Kollege in der Solinger Bundesliga-Mannschaft) dem „russischen Bären“ Boris Spasski eine „herausragende Schachintuition, ein phantastisches Kombinationsvermögen und ein begnadetes Stellungsgefühl“. Und genau diese drei Qualitäten – also weniger die neurotische Schachbesessenheit eines Bobby Fischer, nicht die unbändige Kampflust eines Viktor Kortschnoi oder die kalte Präzision des jungen Anatoly Karpow und auch nicht das trickreiche Va-banque-Spiel eines Michael Tal – waren es, die das 1937 in Leningrad geborene Schachgenie schließlich im Jahre 1969 zum WM-Fight gegen Tigran Petrosjan und zum Titelgewinn führten.

Munterer Plauderton

Aufstrebendes Schachgenie 1956: Der junge Spasski
Aufstrebendes Schachgenie: Der 19-jährige Spasski unter sowjetischer Flagge

Im munteren, eher feuilletonistischen denn fachwissenschaftlichen Plauderton, gespickt mit allerlei Fakten, Anekdoten, Statements und Interviews geleitet Biograph Geilmann den Leser durch ein Schachleben, das ein faszinierendes, teils euphorisches, teils deprimierendes, doch immer interessantes Auf-Und-Ab im internationalen Schachzirkus der GM-Diven, Turnierbühnen und Politkriege darstellt. Boris Spasski – das ist mehr als das „Anhängsel“ von Bobby Fischer im legendären „Match des Jahrhunderts“ des Jahres 1972 im fernen Reykjavík. Boris Spasski, und dies dokumentiert das Buch der drei Autoren Ulrich Geilmann, Frank Stiefel und Manfred Herbold überdeutlich – dieser Name steht für das völlig singuläre Leben eines Schachmeisters, der die Vielfalt und Zerrissenheit, den Glanz und auch viel Elend einer ganzen Schachära in sich vereint.

Witzig-akkurate Illustrationen

Boris Spasski - Der Leningrad Cowboy - Ein Schachleben - Ulrich Geilmann - Inhaltsverzeichnis (Glarean Magazin)
Inhaltsverzeichnis von „Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben“

Leider enthält der Band kein einziges historisches Foto, obwohl passende Aufnahmen im Internet gebührenfrei und einfach zu organisieren gewesen wären. In diese schmerzliche Bresche sprang jedoch der bekannte Schach-Cartoonist Frank („Fränk“) Stiefel, der sich mächtig ins Zeug bzw. in den schwarz-weißen Zeichnungsstift legte. In unnachahmlich-bekannter Manier steuerte er Portraits, Situationsbilder und träf karikierende Zeichnungen bei, die den Text mit akkurat-köstlichem „Pinselstrich“ auflockern.

2’300 Spasski-Partien

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Daneben führt die neue Spasski-Biographie aber nicht nur seine wesentlichen Lebensstationen an, sondern sie enthält eine riesige Menge von Partien-Material aus allen Schaffensperioden des Leningrader Schachgenies. Zum einen sind da zahlreiche Schlüssel-Begegnungen im Buch selber zu finden, allesamt detailliert kommentiert und mit zahlreichen Diagrammen gespickt. Zum anderen legen die Autoren ihrem Band eine Bonus-CD mit nicht weniger als 2’300 Spasski-Partien bei – alle ebenfalls kommentiert, wobei den Löwenanteil der Anmerkungen der Buchautor Ulrich Geilmann selber sowie div. Computerprogramme mit ihrer „Taktischen Analyse“ beisteuerten. Alle Games wurden dabei sowohl im Standard-PGN- als auch im differenzierteren Chessbase-CBH-Format archiviert.

Amüsanter Schach-Lesestoff

Der 340 Seiten starke, in 16 Kapitel gegliederte Band mag seine Schwächen haben: Die komplette Absenz von historischem Bildmaterial, die zuweilen etwas holprige Sprache des inhaltlichen Teils (ok, das mag Geschmacksache sein) sowie leider diverse (durch sorgfältigeres Lektorat vermeidbare) Tipp- und Satzzeichen-Fehler müssen erwähnt werden. Bei einem stolzen Verkaufspreis von 30 Euro wäre diesbezüglich etwas mehr Akribie bei der Endkontrolle angemessen gewesen.

Boris Spasski - Der Leningrad Cowboy - Ein Schachleben - Ulrich Geilmann - Beispielseite (Glarean Magazin)
Beispiel-Seite aus Geilmann/Stiefel/Herbold: „Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben“

Auf der anderen Seite glänzt dieser (wohl auch als Liebhaberprojekt konzipierte) neue Band des Autoren-Trios Geilmann/Stiefel/Herbold durch schöne bibliographische Gestaltung, durch seine oft erfrischend unkonventionelle Partien-Kommentierung, durch eine breite Palette von (teils bis anhin unbekannten) biographischen Fakten und nicht zuletzt durch seinen köstlichen Mix von diversem anekdotischem „Psychofutter“, das uns nicht nur den Schachspieler, sondern auch den Menschen Boris Spasski näher bringt.

Karikatur von Frank Stiefel - Boris Spasski auf dem Weg zum Olymp - Glarean Magazin
Boris Spasski auf seinem Flug zum Olymp (Karikatur von Frank Stiefel)

Fazit: „Boris Spasski – Ein Schachleben“ bereitet echtes Schach-Lesevergnügen. Die Biographie ist flüssig und unterhaltsam geschrieben, wartet mit zahllosen Anekdoten, aber auch vielen familiären und politischen Schlüsselmomenten im Leben des 10. Schachweltmeisters auf, und sie präsentiert eine in dieser Kompaktheit und kommentatorischen Qualität überdurchschnittliche und äußerst umfangreiche Partien-Sammlung.
Vor allem aber wird mit dieser Spasski-Monographie eine Lücke im deutschsprachigen Schachbuch-Regal geschlossen, indem sie eine der schillerndsten, doch bis anhin leider weitgehend unter Wert beachteten Persönlichkeiten der Schachgeschichte in den Fokus holt. Das allein stellt ein hohes Verdienst dieses Buches dar. ♦

Ulrich Geilmann, Frank Stiefel, Manfred Herbold: Boris Spasski – Der Leningrad Cowboy – Ein Schachleben, 340 Seiten, plus Partien-Sammlung (CD), Maya-&Paul-Verlag, ISBN 978-3981984934

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Weltmeisterschaften auch über André Schulz: Das grosse Buch der Schachweltmeisterschaften

…sowie zum Thema Bobby Fischer von Frank Brady: Endspiel

Taylor Kingston: Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 9 Minuten

Lebendige Partien eines Todgeweihten

von Ralf Binnewirtz

Der US-amerikanische Schachhistoriker und -autor Taylor Kingston dürfte den meisten Schachfreunden bekannt sein, mir selbst ist noch die „gute alte“ ChessCafe-Seite (bevor diese für Nutzer bezahlpflichtig wurde) in angenehmer Erinnerung, wo er mit unzähligen Rezensionen auf sich aufmerksam gemacht hat. Für das neueste Buch aus seiner Feder: „Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior“ hatte Kingston zunächst einen korrigierten Reprint der Partiesammlung von Fred Reinfeld aus dem Jahre 1936, „Colle’s Chess Masterpieces“, ins Auge gefasst. Aber ein solches Update hätte heutigen Ansprüchen nicht genügt, so dass er sich zu einer kompletten Neubearbeitung entschloss, die auch mit einer erheblichen Erweiterung des Umfangs einherging.

Biografie? Fehlanzeige!

Edgard Colle: Caissa's Wounded Warrior - Taylor KingstonWer aufgrund des Titels eine Biografie von Edgard Colle erwartet hat, wird eine solche in diesem Buch nicht finden. Bereits ein zweiter länglicher Untertitel auf der inneren Titelseite weist auf die Intentionen des Autors hin: „An exploration and celebration of the artistry of the Belgian chess champion and prolific international tournament player Edgard Colle (1897–1932)“. In der Tat ist (bisher) über Colles Leben außerhalb des Schachs nahezu nichts bekannt geworden, seine Familie, Jugend und Erziehung, Berufsausbildung zum Journalisten, sein Werdegang und Aufstieg zum Schachmeister bleiben im Dunkeln1), und inwieweit sich der Nebel durch weitere Recherchen in belgischen Archiven noch lichten wird, bleibt abzuwarten2). Taylor Kingston gibt freimütig zu, dass er diese Arbeit nicht leisten konnte.

Edgard Colle vs Alexander Alekhine - Schach-Turnier 1925 - Glarean Magazin
Edgard Colle (rechts) am Brett gegen Alexander Aljechin (Turnier 1925)

Der Autor musste sich daher darauf beschränken, in einem einleitenden Teil I über den historischen Hintergrund zu referieren sowie Erinnerungen von zeitgenössischen Meistern bzw. Nachrufe aus der Schachliteratur zu zitieren. So erfahren wir aus Max Euwes Gedenkboek Colle über die herzliche Freundschaft zwischen dem späteren WM Euwe und Edgard Colle, der Meister aus Gent war ein häufiger Gast bei Euwe in Amsterdam und wurde quasi ein Familienmitglied (für Euwes Kinder war er der „Onkel Colle“).

Krankheit und früher Tod

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Colles bedauernswert fragiler Gesundheitszustand war bedingt durch ein Magengeschwür, das ihn auch bei Schachturnieren zunehmend quälte und einschränkte, es war für seinen tragischen, allzu frühen Tod mit 34 Jahren verantwortlich: Die medizinischen Möglichkeiten seiner Zeit waren für eine erfolgreiche Behandlung schlicht unzureichend, und nach drei überstandenen, wirkungslosen Operationen sollte er den vierten Eingriff nicht überleben, kurz vor seiner geplanten Vermählung und der ersehnten Gründung einer eigenen Familie, wobei er sich auch beruflich hatte umorientieren wollen – vom Schachmeister zum Journalisten.

Schachritter ohne Furcht und Tadel

Edgard Colle - Primer premio en Scarborough 1930 - Mesa cruzada - Revista Glarean
Einer der großen Turnier-Höhepunkte für Edgard Colle: Erster Preis in Scarborough 1930, noch vor Maroczy und Rubinstein

Hans Kmoch hat in der Wiener Schachzeitung einen ergreifenden Nachruf auf Colle geschrieben, der in englischer Übersetzung im Buch wiedergegeben ist.3) Seine Worte bezeugen, dass sich Colle – ob am oder abseits des Schachbrett(s) – stets vorbildlich verhalten hat, allzeit ein perfekter Gentleman, der trotz seiner Krankheit nie in Wehleidigkeit verfiel, sich vielmehr durch Optimismus und Heiterkeit hervortat. Zugleich war er ein unermüdlicher Kämpfer am Schachbrett, ein „knight sans peur et sans reproche“ (Kingston), ein „Schachmeister mit dem Körper eines Todgeweihten und mit dem Geist eines unsterblichen Helden“ (Kmoch).

Vorbildliche Partien-Präsentation

Colle-Eröffnungs-System - Glarean Magazin
Charakteristisches Stellungsbild im Colle-Eröffnungssystem: Weiß plant früher oder später den Bauernvorstoß e3-e4

Teil II, das Herzstück des Buchs, präsentiert auf gut 200 Seiten 110 kommentierte Partien und Partiefragmente, neun weitere unkommentierte Partien (die in den Auszügen aus Euwes Gedenkboek erwähnt sind) finden wir in Anhang A. Allein die schiere Zahl der Partien (gegenüber lediglich 51 im Reinfeld-Buch) zeigt, dass der Autor eine immense Arbeit investiert hat mit der Sichtung und Auswahl, die ja unvermeidlich mit der Computerprüfung aller Partien verknüpft war.
Erwartungsgemäß haben sich hierbei manche alten „Meisterwerke“ (bei Reinfeld) als wenig meisterlich entpuppt. Die Kommentierung der Partien beruht nun wesentlich auf sorgfältigen Engine-Analysen, bisweilen sind im Buch auch die Computerbewertungen eingestreut (mit Angabe der eingesetzten Engine und der berechneten Halbzüge).

Moderne Ansprüche befriedigend

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Wie schon aus dem Inhaltsverzeichnis in der Leseprobe ersichtlich, hat Kingston die Partiesektion unterteilt in eine Reihe von Kapiteln, die bestimmte Partietypen, Partiephasen oder Aspekte der schachlichen Fähigkeiten thematisieren. Innerhalb der Kapitel wurde keine chronologische Ordnung angestrebt, die Partien sind nur grob nach ansteigender Komplexität sortiert. Es fällt positiv auf, dass alle Kapitel durch eine Einführung eingeleitet werden, gleiches gilt für die meisten Partien, wobei hier in der Regel Colles Gegner kurz vorgestellt werden. Im Vergleich zum Reinfeld-Klassiker ist mit der ungleich ausführlicheren und tieferen Partiekommentierung (verbal und mit Varianten), mit der figurinen Notation sowie zahlreichen eingefügten Diagrammen eine Partiesammlung entstanden, die modernen Ansprüchen gerecht wird.

Colles Eröffnungssystem kaum ein Randthema

Bis heute ist Colle im kollektiven Schachgedächtnis präsent durch das von ihm geschaffene Eröffnungssystem, das er selbst virtuos handhabte und später auch von seinem Landsmann George Koltanowski propagiert und ausgearbeitet wurde. Dass Koltanowski im Buch zu kurz gekommen ist4), mag man kritisieren, andererseits wollte Kingston in seinem Buch nicht die Eröffnungstheorie des Colle-Systems abgehandelt haben, vielmehr die Spielkunst von Colle demonstrieren, exemplifiziert an dessen Partien. Literatur zum Colle-System gibt es schließlich schon genug.

Großer Taktiker mit wechselhaftem Erfolg

Legendäres Markenzeichen von Edgard Colle: Das Läuferopfer auf h7

Der Spielstil von Colle kann mit vielerlei Attributen versehen werden: dynamisch-aktiv, scharf, kraftvoll, aufregend, kreativ, taktisch-kämpferisch … Jedenfalls war Colle in allen Schach-Sätteln versiert. Seine schwankenden Turniererfolge waren fraglos seiner chronischen Erkrankung geschuldet (zu seinen größten Erfolgen zählen die ersten Plätze in Meran 1926 und Scarborough 1930). Man kann davon ausgehen, dass er deshalb auch eine stark taktisch ausgerichtete Spielweise mit der Aussicht auf eine schnelle Entscheidung bevorzugt hat. Seine Vorliebe für das Läuferopfer auf h7 (in seiner Eröffnung) soll bei seinen Meisterkollegen sprichwörtlich gewesen sein.5) Wenn es sein musste, hat er lange Sitzungen am Turnierbrett trotzdem klaglos angenommen. Nur gegen einige Spitzenspieler (Aljechin, Capablanca, Nimzowitsch, Vidmar) hat er leider nie eine Gewinnpartie verzeichnen können.

Eine von Colles Glanzpartien – seine „Unsterbliche“ – darf hier nicht fehlen:

Colle hat in knapp 10 Jahren über 50 Turniere und ein Dutzend Wettkämpfe gespielt, das ist eine beachtliche Quote. Es lässt sich nicht genau sagen, wo ein gesunder Colle bei einem längeren Leben in der Rangliste der Schachgrößen gelandet wäre, seine höchste historische Ratingzahl von Nov. 1930 stuft ihn als die Nr. 14 seiner Zeit ein.

Gelungene Partiesammlung eines faszinierenden Spielers

Das Buch wird komplettiert durch ein Vorwort von Andy Soltis und durch diverse Anhänge: Tabellen zu Colles Turnier- und Matchergebnissen, sämtliche Turniertabellen, eine Bibliografie sowie Indizes der Spieler und Eröffnungen. Insgesamt ist Taylor Kingston eine solide, verlässliche und gut kommentierte Partiesammlung zu Colle gelungen, die in allen Belangen zufriedenstellen dürfte und die eine lange bestehende Lücke in der Schachliteratur geschlossen hat, denn der alte „Reinfeld“ ist wegen der bekannten Mängel wenig nutzbar. Zudem ist der außergewöhnliche Mensch und Schachspieler Edgard Colle damit wieder verstärkt ins Bewusstsein der Schachfreunde gerückt worden, auch deswegen verdient das Buch eine Empfehlung. Die ultimative Colle-Biografie ist zwar noch nicht erschienen, aber wir dürfen berechtigte Hoffnung hegen, dass sie in nicht so ferner Zukunft auf unserem Büchertisch liegt. ♦

1)Frank Hoffmeister gibt in seinem Buch „100 Jahre Belgische Schachgeschichte“ (Thinkers Publishing 2020) wenige Details, die Kingston für sein Buch vermutlich nicht mehr berücksichtigen konnte. Ein auffälliger Satz aus dem Abschnitt über Colle sei hier zitiert, da er mit dem integren Charakter Colles nicht im Einklang scheint (S. 46): „Der Vorstand des Genter Clubs schloss seinen Vereinsmeister von 1917 und 1918 allerdings nach Ende des 1. Weltkriegs wegen ‚Sympathie für den Feind‘ für drei Jahre aus, bevor er auf Betreiben von Präsident Verschueren im Jahr 1921 rehabilitiert wurde.“
Als Quelle ist eine Genter Schachklub-Chronik aus dem Jahre 2000 angegeben, in der sich auch ein längerer Gedenkartikel von Bernard de Bruycker über Colle findet.
Hingewiesen sei noch auf die schöne Website „Belgian Chess History“ von Nikolaas Verhulst (mit einer Seite über Colle ), die auch von Taylor Kingston gewürdigt wird.

2)Der belgische GM Luc Winants arbeitet aktuell an einer umfassenden Colle-Biografie (nach Hoffmeister, s. [1] S. 47)

3)Das deutsche Original dieses Nekrologs in der WSZ Nr. 9, Mai 1932, S. 129f., ist online verfügbar auf ANNO – AustriaN Newspapers Online https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=sze&datum=1932&pos=191&size=45. In einer Nachlese zu Colle ist dort (S. 131-133) auch Colles letzte Turnierpartie gegen A. Rubinstein (Rotterdam, Dez. 1931) wiedergegeben, die zugleich Rubinsteins letzte Turnierpartie gewesen ist – eine bemerkenswerte, um nicht zu sagen merkwürdige Koinzidenz! Siehe im Buch das Kapitel „Swan Song“, S. 228-233

4)So John Donaldson in seinem Review in Oklahoma Chess Monthly, June 2021, p. 9f. http://ocfchess.org/pdf/OCM-2021-06-01.pdf

5)Dr. Stefan Ottow: „Meister des Läuferopfers – Edgard Colle und sein System“, in Kaissiber Nr. 3, Juli-Sept. 1997, S. 44-57

Taylor Kingston: The Fighting Chess of Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior, 272 Seiten, Russell Enterprises Inc., ISBN 978-1-949859-27-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Theorie auch über Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer

Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (Band 1-3)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Referenzwerk für alle Leistungsklassen

von Thomas Binder

Mit dem Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer legen Großmeister Luther und seine Co-Autoren ein mehrbändiges Standardwerk für Schachtrainer jeden Leistungsniveaus vor. Neben der Erläuterung rein schachlicher Themen – immer mit dem Schwerpunkt auf deren Vermittlung im Training – stehen trainingstheoretische und allgemein schachliche Beiträge, die das Wissen des Trainers abrunden. Das Werk ist bereits jetzt umfassend, aber lässt die Tür für eine Fortsetzung offen.

Thomas Luther ist ein deutscher Schachgroßmeister, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu den besten Spielern seines Landes gehörte. Er war dreimal deutscher Einzelmeister (zuletzt 2006) und spielte bei fünf Schacholympiaden (darunter einmal für die internationale Auswahl der Körperbehinderten). Inzwischen ist er nur noch gelegentlich am Turnierbrett anzutreffen, arbeitet vornehmlich als Trainer und vertritt zudem die Interessen behinderter Schachfreunde beim Weltverband FIDE.
Als Trainer geht Luther weit über das reine Training – zu seinen Schützlingen gehörte u.a. die spätere Weltklassespielerin Elisabeth Pähtz – hinaus und widmet sich der Ausbildung von Trainern sowie den theoretischen Grundlagen des Schachtrainings.

850 Seiten geballtes Wissen

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (3 Bände)Im Dresdner JugendSchach-Verlag hat Thomas Luther nun unter Mitarbeit einer Reihe weiterer namhafter Schachtrainer das dreibändige „Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer“ vorgelegt. Das sind über 850 Seiten geballtes Wissen und Material für Trainer jeder Leistungs- und Erfahrungsstufe – ein Standardwerk im besten Sinne, das das Zeug hat noch für Generationen von Schachausbildern gute Dienste zu leisten.
Band 1 und 2 bauen inhaltlich aufeinander auf und Band 3 ist als „Materialband“ betitelt. Er enthält ein weiteres Füllhorn an Aufgaben und einige ausführliche Texte, auf die in den vorherigen Kapiteln verwiesen wurde.

Auch für Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke

Thomas Luther am Schachbrett - Glarean Magazin
Schrieb ein „beispielloses“ Kompendium „von unschätzbarem Wert“: Großmeister Thomas Luther (*1969 in Erfurt)

Der Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke kann das Werk quasi als Trainer-Lehrbuch durcharbeiten, wird aber wohl von der Fülle des Materials erschlagen sein. Ohne einen erfahrenen Mentor wird er auch mit der besten Lektüre nicht vorankommen. Bereits aktive Trainer, die möglichst auch eigene praktische Erfahrung als Spieler mitbringen – egal auf welchem Liganiveau – finden ein Kompendium an Ratschlägen und Materialien von unschätzbarem Wert. Selbst sehr erfahrene und spielstarke Trainer werden es zu schätzen wissen, hier ihre Materialsammlung zu ergänzen und manch interessante Hintergrundinformation erhalten, die ihnen bisher entgangen war.
Im Großen und Ganzen kann man den Inhalt in drei Komplexe einteilen, die sich kapitelweise verschränken, so dass der Leser insgesamt vom Elementaren zum Komplizierteren geführt wird.

Klassisches Schachlehrbuch für Trainer

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_07
Die Formen des Schachunterrichts mal theoretisch…

Da sind zum einen die Abschnitte, die sich zu einem nahezu klassischen Schachlehrbuch zusammenstellen ließen. Der Adressat ist aber auch hier bereits der Trainer. Alles wird unter dem Gesichtspunkt der Vermittlung an den Lernenden dargestellt. Nach Grundübungen zu den Spielregeln und den Besonderheiten der Figuren folgen weiterführende Schachlektionen. Diese unterteilen sich in die Abschnitte „Eröffnung“, „Taktik I“, „Endspiel I“ (Bauernendspiele), „Strategie“, „Taktik II“ und „Endspiel II“ (Turmendspiele). Bei den Eröffnungen bleibt Luther erwartungsgemäß knapp. Es geht hier nur sehr begrenzt um konkrete Varianten, mehr um die Grundprinzipien, die der Trainer seinem Schüler vermitteln muss. Im Endspiel konzentriert sich der Autor mit Bauern- und Turmendspielen auf diejenigen Typen, die in der Praxis besonders wichtig sind.

Vom „Gummiband-Motiv“ bis zum Turnier-Wertungssystem

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_08
… und mal praktisch (Leseproben aus Luther: Handbuch für den Schachtrainer, Bd.1)

Auch hier habe ich kaum ein wichtiges Thema vermisst. Sehr gut gelungen sind die Kapitel zu Taktik und Strategie. Im Taktik-Apparat werden erwartungsgemäß die wichtigsten Kombinationsmotive vorgestellt. Sie sind mit anschaulichen Beispielen illustriert und mit Liebe zum Detail aufbereitet. Das „Gummiband-Motiv“ hat man z.B. schon oft gesehen, aber bisher nicht unter diesem Namen gekannt. Die Strategie-Themen sind erfreulich ausführlich, wobei der Schwerpunkt auf der Bauernstruktur liegt. Auch hier erleichtern die Partiebeispiele das Verständnis enorm.
Nicht vergessen werden auch jene Schachtrainer, die wegen geringer Erfahrung im Turnierschach noch ein paar Erläuterungen zu Turnier- und Wertungssystemen benötigen. Der Anhang von Band 1 ist für sie geschrieben.
Alle bereits bei der inhaltlichen Besprechung mit prägnanten Beispielen erläuterten Themen werden jeweils durch umfangreiche Teststellungen und Arbeitsblätter (sowohl im Haupt- wie im Materialband) ergänzt.

Pionierarbeit in Sachen Trainingsmethodik

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Ein zweiter Komplex sind Kapitel zur Trainingsmethodik. Dass es darüber in dieser Ausführlichkeit und Detailschärfe praktisch keine vergleichbare Literatur gibt, hätte den Wert der vorliegenden Arbeit schon allein begründet. Der große Erfahrungsschatz der Autoren tut ein Übriges. Es wimmelt nur so von praktischen Ratschlägen, liebevoll bis ins Detail ausgearbeitet – von der richtigen Position des Trainers vor dem Demobrett bis zu den Besonderheiten des Trainings für Spät- oder Wiedereinsteiger. Zudem werden einzelne Trainingsansätze vorgestellt, von denen auch manch erfahrener Schachcoach wohl noch nichts gehört hat. Vieles wird dabei im Zusammenhang mit den inhaltlichen Themen vermittelt, ein weiterführendes Kapitel über Schachtraining und ein Ausblick auf das Hochleistungstraining schließen den zweiten Band ab.

Schachmedizinische und -psychologische Elemente berücksichtigt

Schließlich gibt es einen Komplex von Beiträgen zur Wissensvermittlung, die über das Kerngeschäft des Schachtrainers hinausgehen, dessen Schachwissen aber abrunden sollen. So gibt es in jedem der beiden Hauptbände je ein Kapitel zur Schachgeschichte und zur Schachpsychologie, außerdem einen umfassenden Abschnitt über das schachtypische Talent und seine Messung sowie u.a. über „Wunderkinder“ und Beiträge über medizinische Aspekte (u.a. Doping).

Tadelloses Buch-Outfit

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1-3 - Strategie - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Strategische Lehrbeispiele, hier: Der „Minoritätsangriff“

Dem hohen Aufwand, den die Autoren in ihr Werk gesteckt haben, trägt auch die äußere Aufmachung Rechnung. Alles ist tadellos layoutet und angenehm lesbar, selbst in den weniger bebilderten Abschnitten. Schreibfehler halten sich in einem so kleinen Rahmen, dass sie den Wert der Bücher in keiner Weise trüben.
Dem Aufbau aus abgeschlossenen Abschnitten verschiedener Autoren ist es geschuldet, dass manches nicht ganz konsistent über den Tisch kommt. Im Kapitel über das Remis wird z.B. die 50-Züge-Regel verschwiegen und die Stellungswiederholung nur als Zugwiederholung behandelt. Andererseits wird das Dauerschach vorgestellt – wir sind hier eben nicht in der Regelkunde, sondern in praktischen Überlegungen zur Punkteteilung.
Etwas knapp kommen dabei „technische Remisstellungen“ weg, wenn z.B. nur erwähnt (aber nicht erklärt) wird, dass die Dame gegen einen Läuferbauern auf der vorletzten Reihe nicht gewinnen kann – ganz abgesehen davon, dass dies auch für den Randbauern gilt. Die konsistente Darstellung der Remisformen findet sich später im Materialband in einem Kapitel über praxisrelevante Regelfragen.

Kontroverse Meinungen zu einigen Themen

Die Autoren scheuen sich auch nicht, zu einigen Themen kontroverse Meinungen zu vertreten. Das ist sogar eine Stärke des Buches. Man hat immer den Eindruck, von Luther und seinen Kollegen direkt angesprochen zu werden – ihre persönliche Sicht und Erfahrung teilen zu dürfen. Dennoch wird man ihnen nicht an allen Punkten zustimmen. Unangenehm ist mir z.B. der despektierliche Umgang mit der Geschichte eines deutschen „Wunderkindes“ aus den 1960er-Jahren aufgefallen.

Wunsch: Ein weiterer Band zu neuen Detail-Fragen

Schach-Simultan - Weltmeister Garry Kasparow gegen U-18 Jugendliche - Finnland 20213 - Glarean Magazin
Praktische Schach-Lektionen vom Ex-Weltmeister: Garry Kasparow an einer Simultan-Vorstellung gegen U18-Jugendliche in Helsinki

Nun kann man ein noch so umfangreiches Trainerlehrbuch schreiben, es wird immer Wünsche geben, die offen bleiben. Was die rein schachlichen Inhalte des Werkes betrifft, haben die Autoren sich offenbar auf einen Level an Tiefe und Komplexität geeinigt, den sie nicht überschreiten wollten. Das ist verständlich und es ist ihnen gut gelungen. Über alle Themen halten sie diese Vorgabe sehr konsequent ein, sorgen somit dafür, dass das Gesamtwerk an Umfang und Anspruch genau die Erwartungen erfüllt. Der Weg, hier und da noch weiter ins Detail zu gehen oder neue Themen aufzugreifen, ist ja nicht verbaut – ein weiterer Band wäre vorstellbar, Stoff dafür sicher mehr als genug vorhanden. Vielleicht darf dies hiermit sogar als Wunsch formuliert sein!?

Digitalzeitalter zu kurz gekommen

Wenn wir bei den Wünschen sind – was fehlt mir noch? Zunächst könnte der Verlag an zwei Stellen für etwas mehr Übersichtlichkeit sorgen: In der Kopfzeile jeder Seite stehen neben der Seitenzahl nur der verkürzte Buchtitel und der Name des Autors. Hilfreich wäre es, hier jeweils das aktuelle Kapitel zu notieren, gern auch den jeweiligen Unterabschnitt. Außerdem würde ich mir ein Sachregister (meinetwegen auch ein Namensregister der zitierten Meisterpartien) wünschen. Dem Aufbau des Werkes ist es geschuldet, dass sich Themen überschneiden und später wieder aufgegriffen werden, da wäre ein Register hilfreich.

Online-Schach-Unterricht - Glarean Magazin
Das Digitalzeitalter zuwenig berücksichtigt: Online-Schachunterricht via Internet

Inhaltlich wünsche ich mir ein verstärktes Eingehen auf die Erscheinungsformen des Digitalzeitalters. Überspitzt formuliert: Das vorliegende Werk hätte so auch schon vor 30 Jahren geschrieben werden können. Ausführliche Abschnitte über Training und Analyse mit Computer-Unterstützung, über digitale Trainingsmedien – seien es professionelle Produkte oder frei verfügbare Internet-Videos – und schließlich natürlich über das Schachspielen auf Online-Servern mit all seinen Facetten sollten unbedingt Berücksichtigung finden. Das sind Fragen, mit denen man selbst beim Training jüngerer Schüler frühzeitig konfrontiert wird.
Vielleicht können die Autoren aus ihrer reichen Erfahrung auch noch mehr konkrete Tipps für die Organisation kleiner Turniere und praktische Ratschläge für das Verhalten bei Schachturnieren (für Spieler wie Trainer!) einfügen. Das wäre wiederum Stoff für ein ganzes Kapitel.
Dem Potential dieses neuen Standardwerkes ist mit solchen Ergänzungswünschen kein Zweifel angetan. Schon jetzt liegt ein beispielloses Werk vor, aus dem Schachtrainer unendliche Anregungen und noch mehr anwendungsbereite Beispiele schöpfen können. ♦

Thomas Luther u.a: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer, Bände 1-3, je 288 Seiten, JugendSchach Verlag Dresden

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Training auch über Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen


Brekke & Olafsson: The Chess Saga Of Fridrik Olafsson

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Denkmal für eine Schach-Legende

von Ralf Binnewirtz

Mit Freude und Genugtuung dürften die schachbegeisterten Isländer, aber auch die meisten Schach(buch)freunde weltweit diese „Chess Saga of Fridrik Ólafsson“ begrüßen, die die rund 70 Jahre umspannende Schachlaufbahn von Fridrik Ólafsson erstmals für eine globale Leserschaft in Englisch darlegt.
Die Neuerscheinung basiert auf Ólafssons Partiesammlung aus dem Jahre 1976 mit lediglich 50 Partien, die in Altnorwegisch (Isländisch) verfasst war. Mit nunmehr 114 vorbildlich kommentierten Partien und vier Endspielen sowie einer reichhaltigen Bebilderung bildet das aktuelle Werk eine würdige Aufarbeitung von Ólafssons schachlichem Erbe.

The Chess Saga of Fridrik Ólafsson - Schach-Biographie - Rezensionen Glarean MagazinDer inzwischen 86-jährige Fridrik Ólafsson (GM-Titel 1958) hat seine Schacherfolge weithin als Amateur erstritten, allenfalls zeitweilig hat man ihn als Halb-Profi erlebt. Beruflich war er als Jurist tätig (u.a. 1968-74 als Beamter in der Isländischen Abteilung für Justiz und Kirche), 21 Jahre (ab 1982) war er Generalsekretär des isländischen Parlaments „Althingi“, zudem ist er als FIDE-Präsident mit kurzer Amtszeit (1978-82) in Erinnerung – über die Hintergründe seiner Nichtwiederwahl 1982 gibt Kap. 8 Auskunft. Sein Privatleben wird im Buch nur marginal gestreift, 1962 hat er Audus Juliusdóttir geheiratet, die ihm zwei Töchter schenkte.

Aufstieg zum Weltklassespieler

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Trotz der nachteiligen geografischen Insellage Islands reifte Ólafsson im Laufe der 50er Jahre zu einem starken Großmeister heran, der es bis in das WM-Kandidatenturnier 1959 in Bled/Zagreb/Belgrad schaffte, und der sich auch den gefürchteten Sowjetrussen häufig als ebenbürtig erwies. Ins Buch aufgenommene, teils glanzvolle Gewinnpartien gegen die Schachgrößen seiner Zeit zeugen von seiner enormen Spielstärke, die immer wieder aufschien, auch als längst andere Prioritäten Ólafssons Leben bestimmten.
Sein Spielstil war auf Angriff ausgerichtet, strategische Meisterstücke wie sein Sieg gegen Reshevsky 1963 ergaben sich selten. Vielmehr haben brillante Angriffssiege wie gegen Wade 1954, Eliskases 1960 oder Tal 1975, um nur wenige zu nennen, das Bild eines unerschrockenen Schach-Vikingers geprägt, der seine Anhänger begeisterte, und der als Nationalheld in Islands Geschichte eingegangen ist. „The legend will stay alive as long as the Icelandic people care for their history.“ (Gudmundur Thórarinsson in seinem Buch-Beitrag „Fridrik Ólafsson and His Achievements“)

Chronik einer Schachlaufbahn

Islands Grandsigneur des Schachs: Fridrik Ólafsson
Islands Grandseigneur des Schachs: Fridrik Ólafsson (geb. 1935)

Rund 95 Prozent des Buchs werden durch die Schilderung von Ólafssons schachlichem Werdegang – von 1946 bis 2016 – und von den Partien belegt. Diese Gesamtchronik ist in zehn Kapitel unterteilt, jedes Kapitel deckt eine mehr oder weniger lange Episode ab, in Abhängigkeit vom Umfang der schachlichen Aktivitäten und Ereignisse. Eingeleitet wird jedes Kapitel durch ein eigenes „Frontispiz“ mit Legende sowie einem 1-seitigen Text, der ein Resümee des betreffenden Zeitabschnitts gibt. Auch allen nachfolgenden Partien ist ein einführender Textabschnitt vorangestellt, somit gewinnt man durch die Lektüre sämtlicher Textbeiträge einen trefflichen Überblick über Ólafssons Schachkarriere. Die Turnierergebnisse und Matchresultate finden sich bei den Partien, gebündelt in der rechten/dritten Spalte des dreispaltigen Textsatzes. Verschiedentlich sind auch Turniertabellen aus zeitgenössischen Quellen reproduziert worden.

Hochklassig: Partien, Bebilderung, Ausstattung

52 der 114 Partien wurden von Ólafsson selbst präsentiert, gegebenenfalls bearbeitet/ergänzt von Co-Autor Øystein Brekke. Bei den restlichen Partien hat neben dem Letztgenannten eine Reihe weiterer namhafter Kommentatoren mitgewirkt. Die Kommentierung selbst ist durchweg ausgezeichnet, idealerweise geizt sie nicht mit verbalen Ausführungen und ist auch nicht zu variantenlastig, gelegentliche Computeranalysen wurden unauffällig integriert. Die Partien werden durch zahlreiche Diagramme aufgelockert und somit für die Leser leichter verfolgbar, dazu verleiht eine Vielzahl von historisch interessanten Fotos dem Band ein erfreulich abwechslungsreiches Innenleben. Von insgesamt 115 s/w-Abbildungen sind hier 20 erstmals veröffentlicht worden.
Dass man dieses liebevoll gestaltete Buch gerne zur Hand nimmt, ist auch auf seine gediegene Ausstattung (Hardcover-Edition, Druck auf Glanzpapier) und das gefällige quadratische Format (21,5 x 21,5 cm) zurückzuführen. Eine erhellende Leseprobe zum Partieteil sowie die beiden Vorworte von Gudni Jóhannesson und Øystein Brekke sind online verfügbar.


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Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das betr. Analyse-Fenster inkl. Download der Partie

Blick zurück auf „goldene“ Schachzeiten

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Das vorliegende Werk stellt schon insofern eine gewisse Ausnahme dar, als die meisten Schachbücher aus nordeuropäischen Ländern in ihren Landessprachen geschrieben werden und daher in der übrigen Schachwelt kaum Verbreitung oder Beachtung finden. Dieses Schicksal wird dem Ólafsson-Buch sicherlich erspart bleiben. Zudem bietet es mehr als eine reine Partiesammlung, es könnte auch lehrbuchmäßig als Leitfaden für die Angriffsführung gegen den feindlichen König genutzt werden. Und zu weiten Teilen entführt es seine Leser in eine vergangene Zeit, wo die Schachmeister noch nicht computerbewehrten Cyborgs ähnelten1). Hin und wieder lasse ich mich gerne in die alten Schachzeiten zurückversetzen, auch wenn diese nicht in allen Belangen golden waren… Sie vielleicht auch? ♦

1)Vgl. John Hartmann,“Garry Kasparov Is a Cyborg, or What ChessBase Teaches Us about Technology“, in: Benjamin Hale (ed.), „Philosophy Looks at Chess“, Chicago and La Salle, Ill. 2008, p. 39-63

Øystein Brekke, Fridrik Ólafsson: The Chess Saga of Fridrik Ólafsson, 288 Seiten, Norsk Sjakkforlag, ISBN 978-82-90779-28-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Legendäre Schachspieler auch über Viktor Kortschnoi: Meine besten Kämpfe


Karsten Müller & Luis Engel: Spielertypen im Schach

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 13 Minuten

„Vierdimensionale“ Typologie der Schachspieler

von Ralf Binnewirtz

Der renommierte Schach-Endspiel-Experte und -Autor Karsten Müller und sein junger Kollege Großmeister Luis Engel präsentieren in ihrem Gemeinschaftswerk „Spielertypen im Schach – Ihre Stärken und Schwächen“ eine Typologie der Schachspieler, die auf vier verschiedenen Spielertypen basiert. Die mit umfänglichem Anschauungsmaterial in Form kommentierter Partien versehene Ausarbeitung lädt aktive Spieler dazu ein, sich selbst sowie anstehende Gegner dem einen oder anderen Spielertyp zuzuordnen und hieraus eine geeignete, möglichst vorteilhafte Spielstrategie abzuleiten, aber auch an eventuell vorhandenen eigenen Schwächen zu arbeiten.

Das vom Autorenduo vorgestellte Vier-Typen-Modell geht im Wesentlichen zurück auf Lars Bo Hansen, der es 2005 in seinem Buch Foundations of Chess Strategy eingeführt hat.

Der Aktivspieler

„Aktivspieler“ oder gar „Hyperaktivspieler“ (ein Prototyp der letzteren war der junge Michail Tal) verfolgen eine dynamische, Angriffschancen kreierende Spielweise, die häufig mit intuitiven Opfern verknüpft ist, wobei sie bereit sind, statische Schwächen hinzunehmen. Das Material spielt eine untergeordnete Rolle.
Eine zu hohe Risikobereitschaft bzw. die Überschätzung der eigenen Möglichkeiten kann sich allerdings auch leicht als Bumerang erweisen, zudem sind Aktivspieler oft vergleichsweise schwach in der Kunst der Verteidigung. Zur Freude der Zuschauer ergeben sich dafür vielfach spektakuläre Partien von hohem Unterhaltungswert.
Prominente Vertreter dieses Stils sind Aljechin, Tal, Spasski, Kasparow und Anand (um nur die Weltmeister zu nennen).

Der Theoretiker

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Die Zunft der „Theoretiker“ ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Ihr Spiel ist von Logik und Systematik geprägt, sie verfügen in der Regel über ein überschaubares, aber äußerst ausgefeiltes und verlässliches Eröffnungsrepertoire. Sie kennen sich hervorragend aus in den konkreten Strukturen und positionellen Themen, die aus ihren Eröffnungssystemen hervorgehen und sich zuweilen bis ins Endspiel erstrecken. Die Endspieltheorie beherrschen sie ebenfalls perfekt.
Zu ihren Schwächen mag ein Hang zum Dogmatismus zählen (Paradebeispiel Tarrasch!) oder eine gewisse Inflexibilität ihres Spiels, falls sie aus den ihnen vertrauten Strukturen gedrängt werden.
Steinitz, Botwinnik und Kramnik können als typische Vertreter dieser Kategorie gelten. Überraschend unerwähnt im Buch bleibt der historisch bedeutende Theoretiker Ernst Grünfeld – der „Mann mit dem Variantenkoffer“.

Der Reflektor

Müller & Engel - Spielertypen im Schach - Leseprobe 1 (Aktivspieler) - Glarean Magazin
Weltmeister Garry Kasparow als Prototyp des „Aktivspielers“ (Leseprobe aus Müller & Engel: „Spielertypen im Schach“)

Mit der bislang kaum verbreiteten Bezeichnung „Reflektoren“ ist die dritte Gruppe der Spielertypen belegt. Diese besitzen ein untrügliches und nicht erlernbares Gefühl für die Harmonie und Koordination der Figuren, betreiben aktive Prophylaxe und sind besonders stark in der Akkumulation und Verdichtung kleiner Vorteile. Zu ihren bevorzugten taktischen Mitteln gehören langfristige Positionsopfer.
Als ihre potenziellen Schwachpunkte gelten die Eröffnung sowie konkrete Berechnung.
Gemeinhin als Reflektoren eingestuft werden Capablanca, Smyslow, Petrosjan, Karpow und natürlich Carlsen.

Der Pragmatiker

„Pragmatiker“ hingegen fühlen sich besonders wohl in scharfen, taktischen Stellungen, in denen sie ihre Stärke bei der konkreten Variantenberechnung zur Geltung bringen können. Gerne schnappen sie sich Material, um nachfolgend in zäher Verteidigung zu reüssieren, wie es z.B. der „russische Verteidigungsminister“ Karjakin häufig praktiziert. Überdies lieben sie es, den Gegner mit unangenehmen praktischen Entscheidungen zu konfrontieren.
Schwächen können sich einstellen in technisch-positionellen Stellungen, die keine konkreten Berechnungen erfordern, sowie im Erkennen langfristiger Pläne positioneller oder auch taktischer Natur.
Diesem Typus zuzuordnen wären beispielsweise Fischer, Euwe und Lasker.

Partien und Trainingsaufgaben

Müller & Engel - Spielertypen im Schach - Leseprobe 2 (Hyper-Aktivspieler) - Glarean Magazin
Weltmeister Michael Tal als Prototyp des „Hyper-Aktivspielers“ (Leseprobe aus Müller & Engel: „Spielertypen im Schach“)

Die vier Kapitel zu den Spielertypen werden jeweils durch einen allgemeinen Teil eingeleitet (Diskussion der Stärken und Schwächen, Trainingsoptionen, Gegner, Eröffnungen, etc.), wonach in diversen Unterkapiteln (diese finden sich leider nicht im Inhaltsverzeichnis) einzelne Themen zum betreffenden Spielertyp sowohl anhand von Partien als auch von Übungsaufgaben illustriert werden. Die relevanten Partiephasen wurden von den Autoren sorgfältig, aber nicht überbordend kommentiert, in einer ansprechenden Balance zwischen verbalen Kommentaren und Varianten, wobei erstere sogar oft überwiegen (was mir lobenswert erscheint). Gleiches gilt für die Lösungen zu den Aufgaben, die in einem separaten Folgekapitel versammelt sind. In der Auswahl der Partien bieten die Autoren eine gefällige Mischung aus historischen Glanzlichtern, Klassikern der Moderne, weithin unbekannten Partien sowie Beispielen aus der eigenen Spielpraxis.

Vorsätzliches Schubladen-Denken

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Der vorgestellten Typologie wohnt zweifellos ein gewisses Schubladendenken inne, auch wenn Karsten Müller versichert, dass es bei eigenen Trainingsveranstaltungen erstaunlich gut gepasst hat. Bereits in der Einleitung geben die Autoren auch zu, das „Schubladendenken mit gutem Grund überbetont“ zu haben, eben um mit dieser Herangehensweise klarere Bilder zu erhalten. In der Realität geht es nicht ganz so einfach zu, sind die Grenzen nicht so scharf gezogen. Spieler können in ihrer Weiterentwicklung durchaus den Typus wechseln oder zumindest partiell ändern. So hat sich der hyperaktive junge Michail Tal ab ca. 1966 – bei zunehmend fragiler Gesundheit – weitgehend zu einem Pragmatiker gewandelt. Und auch ein Kasparow repräsentierte wohl zwei Typen (Aktivspieler und Pragmatiker) in einer Person. Der Fall wiederum, dass Theoretiker zu Reflektoren mutieren, scheint äußerst selten vorzukommen.

Unerwartete Entwicklung

Magnus Carlsen - Glarean Magazin
Ein einziger „Reflektor“ unter den Top 10 der aktuellen Weltspitze: WM Magnus Carlsen

In einem kurzen Kapitel stellen die Autoren die Spielertypen aus den Top Ten der Weltrangliste der Jahre 2005 und 2020 gegenüber, wobei sich nach 15 Jahren signifikante Änderungen in der Verteilung zeigen: 2005 dominierten noch Aktivspieler die Liste der Top Ten, in 2020 haben wir den (einzigen) Reflektor Carlsen an der Spitze, dem in der Mehrzahl Pragmatiker und nur noch drei Aktivspieler folgen. Die damalige Prognose von L. B. Hansen, dass sich immer mehr Aktivspieler in der Spitze etablieren werden, hat sich damit nicht erfüllt. Die Ursache für diese Entwicklung sehen die Autoren im wachsenden Einfluss des Computers und in der zunehmenden Betonung sportlicher Aspekte, eine vertiefende Betrachtung hierzu bleibt jedoch aus.

Zitate in neuer Interpretation

Die Autoren räumen ein, dass ihr Vier-Typen-Modell näherungsweise der alten, aber undifferenzierten Einteilung in ‚Taktiker und Strategen‘ entspricht (demnach Reflektoren und Theoretiker auf Seiten der Strategen). In der Folge greifen sie zu Tukmakows Buch Modern Chess Formula, um dessen Thesen zum Einfluss der modernen Computertechnik auf das Schach aus der Sicht ihres Typologie-Modells zu deuten, was bei einer Reihe von zitierten Passagen auch gut funktioniert. Vorab stellen sie allerdings einschränkend klar, dass sie mit ihrer Darstellung „nur an der Oberfläche kratzen“ können und eine künftige, gründlichere Ausarbeitung der Thematik eher einem Theoretiker anheimstellen.

Raum für weitere Erkundungen

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Aus vorstehenden Bemerkungen geht bereits hervor, dass das hier diskutierte Typologie-Modell noch nicht die ultimative Letztform darstellen kann. Die Intention der Autoren mag darin bestanden haben, eine Art Pionierarbeit zum Thema „Spielertypen“ vorzulegen, die noch Raum lässt für weitere Erkundungen, Verfeinerungen und Ergänzungen. Hier einen Anstoß für weitere Untersuchungen gegeben zu haben, ist ein Verdienst (unter anderen) des Autorengespanns. Die Zukunft wird zeigen, ob Müller & Engel andere Autoren zu Anschlussarbeiten zu inspirieren vermögen.

Mission erfüllt

Karsten Müller - Luis Engel - Schachgrossmeister - Glarean Magazin
Erfolgreiches Autoren-Gespann: Das Großmeister-Duo Karsten Müller & Luis Engel

Es ist den beiden Autoren Karsten Müller & Luis Engel sichtlich gelungen, die vier Spielertypen ihrer Wahl eingängig darzustellen, wozu in erheblichem Maß die zahlreichen Partien und Trainingsaufgaben beitragen, die mit ihrer profunden, den Spielertypus erhellenden Kommentierung den größten Teil des Buchs ausmachen. Schließlich soll der Leser durch Spielertypenanalyse befähigt werden, sowohl die eigenen Stärken/Schwächen zu erkennen wie auch eine entsprechende Charakteristik seiner Gegner aufzustellen, um mit den so gewonnenen Erkenntnissen eine für den Gegner psychologisch unangenehme Justierung der eigenen Spielweise vorzunehmen. Eine ernsthafte Trainingsarbeit ist selbstredend auch hier Voraussetzung für den Erfolg.

Das Buch ist in der gewohnt soliden Aufmachung des Joachim Beyer Verlags erschienen (Hardcover-Ausgabe, Lesebändchen), sauberer Druck und lesefreundliches Layout inbegriffen. Mit einem Vorwort der deutschen Schach-Hoffnung Vincent Keymer, einem Quellen- und Spielerverzeichnis sowie Kurzbiografien der beiden Autoren eine insgesamt erbauliche und richtungsweisende Neuerscheinung, die ich sehr empfehlen kann. ♦

Karsten Müller, Luis Engel: Spielertypen – Ihre Stärken und Schwächen1), 244 Seiten, Joachim Beyer Verlag, ISBN 978-3-95920-129-2

1)Anmerkung: Inzwischen ist auch eine englische Ausgabe erschienen: The Human Factor in Chess – 4 Types of Players with their Strengths and Weaknesses, JBV Chess Books 2021, 244p, ISBN 978-3-95920-990-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachpsychologie auch über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachs

…sowie zum Thema „Spekulatives Handeln im Schach“ den Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

Weitere interessante Artikel im Internet zum Thema Schach-Psychologie:


English translation:

„Four-dimensional“ typology of chess players

by Ralf Binnewirtz

In their joint work „Player Types in Chess – Their Strengths and Weaknesses“, the renowned chess endgame expert and author Karsten Müller and his young colleague Grandmaster Luis Engel present a typology of chess players based on four different player types. The elaboration, which is provided with extensive illustrative material in the form of annotated games, invites active players to assign themselves as well as upcoming opponents to one or the other player type and to derive from this a suitable, preferably advantageous game strategy, but also to work on possibly existing own weaknesses.

The four-type model presented by the author duo essentially goes back to Lars Bo Hansen, who introduced it in 2005 in his book „Foundations of Chess Strategy“.

The active player

„Active players“ or even „hyperactive players“ (a prototype of the latter was the young Mikhail Tal) pursue a dynamic, attacking chance-creating style of play, often linked to intuitive sacrifices, while being willing to accept static weaknesses. The material plays a subordinate role.
However, taking too many risks or overestimating one’s own possibilities can easily turn out to be a boomerang; moreover, active players are often comparatively weak in the art of defense. To the delight of the spectators, this often results in spectacular games of high entertainment value.
Prominent representatives of this style are Alekhine, Spassky, Kasparov and Anand (to name only the world champions).

The theoretician

The guild of „theorists“ is cut from a different cloth. Their game is characterized by logic and systematics, they usually have a manageable but extremely sophisticated and reliable opening repertoire. They have an excellent knowledge of the concrete structures and positional themes that emerge from their opening systems, sometimes extending into the endgame. They also have a perfect command of endgame theory.
Their weaknesses may include a tendency to dogmatism (prime example Tarrasch!) or a certain inflexibility of their play if they are forced out of the structures they are familiar with.
Steinitz, Botwinnik and Kramnik can be considered typical representatives of this category. Surprisingly unmentioned in the book is the historically important theorist Ernst Grünfeld – the „man with the variation case“.

The Reflector

The third group of player types is referred to by the hitherto hardly used term „reflectors“. They possess an unerring and unlearnable feeling for the harmony and coordination of the pieces, practice active prophylaxis and are particularly strong in the accumulation and consolidation of small advantages. Among their preferred tactical tools are long-term positional sacrifices.
Their potential weaknesses are considered to be the opening and concrete calculation.
Commonly classified as reflectors are Capablanca, Smyslov, Petrosian, Karpov and, of course, Carlsen.

The pragmatist

„Pragmatists,“ on the other hand, feel particularly comfortable in sharp, tactical positions, where they can show off their strength in concrete variant calculation. They like to grab material in order to subsequently succeed in tough defense, as, for example, the „Russian Defense Minister“ Karjakin often does. Moreover, they love to confront the opponent with unpleasant practical decisions.
Weaknesses can occur in technical-positional positions that do not require concrete calculations, as well as in recognizing long-term plans of a positional or even tactical nature.
Fischer, Euwe and Lasker, for example, belong to this type.

Games and training exercises

The four chapters on player types are each introduced by a general section (discussion of strengths and weaknesses, training options, opponents, openings, etc.), after which various subchapters (these are unfortunately not found in the table of contents) illustrate individual topics relating to the player type in question, using both games and practice exercises. The relevant game phases have been carefully but not excessively annotated by the authors, in an appealing balance between verbal comments and variants, with the former even often predominating (which seems commendable to me). The same applies to the solutions to the exercises, which are collected in a separate chapter. In the selection of games, the authors offer a pleasing mixture of historical highlights, modern classics, widely unknown games as well as examples from their own playing practice.

Deliberate pigeonholing

There is undoubtedly a certain pigeonholing inherent in the typology presented, even though Karsten Müller asserts that it has fit surprisingly well in his own training events. Already in the introduction, the authors admit to having „overemphasized pigeonholing with good reason“, precisely in order to obtain clearer pictures with this approach. In reality, things are not quite so simple, the boundaries are not so sharply drawn. Players can change their type in their further development or at least change it partially. Thus the hyperactive young Mikhail Tal from about 1966 – with increasingly fragile health – has largely changed into a pragmatist. And even a Kasparov probably represented two types (active player and pragmatist) in one person. The case of theoreticians mutating into reflectors, on the other hand, seems to be extremely rare.

Unexpected development

In a short chapter the authors compare the player types from the top 10 world rankings of 2005 and 2020, showing significant changes in the distribution after 15 years: in 2005 active players still dominated the list of the top ten, in 2020 we have the (only) reflector Carlsen at the top, followed by pragmatists in the majority and only three active players. L. B. Hansen’s prediction at the time that more and more active players would establish themselves at the top has thus not been fulfilled. The authors see the cause for this development in the growing influence of the computer and in the increasing emphasis on sporting aspects, but there is no in-depth analysis of this.

Quotations in a new interpretation

The authors concede that their four-type model corresponds approximately to the old, but undifferentiated division into ‚tacticians and strategists‘ (thus reflectors and theoreticians on the side of the strategists). Subsequently they turn to Tukmakov’s book „Modern Chess Formula“ to interpret his theses on the influence of modern computer technology on chess from the point of view of their typology model, which works well for a number of quoted passages. However, they make it clear in advance that they can „only scratch the surface“ with their presentation and leave a future, more thorough elaboration of the topic to a theorist.

Place for further exploration

It is already clear from the foregoing remarks that the typology model discussed here cannot yet represent the ultimate final form. The authors‘ intention may have been to present a kind of pioneering work on the topic of „player types“ that still leaves room for further exploration, refinement, and addition. To have given an impulse for further investigations is a merit (among others) of the authors. The future will show whether Müller & Engel are able to inspire other authors to follow-up work.

Mission accomplished

The two authors Karsten Müller & Luis Engel have obviously succeeded in presenting the four player types of their choice in a catchy way, to which the numerous games and training exercises contribute to a considerable extent, which make up the largest part of the book with their profound commentary illuminating the player type. Finally, the reader should be enabled by player type analysis to recognize both his own strengths/weaknesses and to draw up corresponding characteristics of his opponents, in order to use the knowledge gained in this way to make adjustments to his own playing style that are psychologically unpleasant for the opponent. Serious training is, of course, a prerequisite for success here as well.

The book is published in the usual solid appearance of the Joachim Beyer Verlag (hardcover edition, ribbon bookmark), clean printing and reader-friendly layout included. With a foreword by German chess hopeful Vincent Keymer, an index of sources and players, and short biographies of the two authors, this is an altogether edifying and trend-setting new publication that I can highly recommend. ♦


Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Taktik-Training mit Schachkompositionen

von Ralf Binnewirtz

Cyrus Lakdawala, US-amerikanischer Schach-IM und -Trainer mit indischen Wurzeln, ist in den letzten 10 Jahren vor allem als bienenfleißiger Autor hervorgetreten. Rund 50 Bücher sind bereits aus seiner Feder erschienen. In seinem neuesten Werk „Rewire Your Chess Brain“ überrascht er uns mit einer bislang wenig beachteten Trainingsmethode zur Verbesserung der taktischen Fertigkeiten, nämlich dem Lösen von Endspielstudien und Problemen.

Cyrus Lakdawala - Rewire your Chess Brain - Everyman ChessWährend erstere für den genannten Zweck wohl weithin akzeptiert sind, sollen Probleme diesbezüglich kaum zielführend sein – so jedenfalls der mehrheitliche Tenor der Partiespieler. Das Unterfangen des Autors, auch das Schachproblem aus seinem Schattendasein der (scheinbaren) Nutzlosigkeit zu befreien, scheint mir indessen geglückt.

Eine Lanze für das Kunstschach

Lakdawala, der seit jeher ein Faible für das Kunstschach hat, kann jedenfalls auf die positiven Erfahrungen verweisen, die er als Trainer mit seinen Schülern gewonnen hat. In seiner Einführung zum Buch entkräftet er zunächst die Einwände, die standardmäßig gegen Kompositionen zum Zwecke des Schachtrainings vorgebracht werden, und listet auf vollen drei Seiten auf, welche Vorteile das Lösen von Studien und Problemen mit sich bringt.

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Weiter führt er aus, wie der Leser/Löser den größtmöglichen Nutzen aus seinem Buch ziehen kann. So ist es keineswegs erforderlich, bei komplexen Studien und Problemen jenseits des Dreizügers die gesamte Lösung zu finden. Aus seiner Sicht ist es allein der mentale Suchprozess, der – gemäß der Aufforderung des Buchtitels – das Gehirn neu verkabelt!
Natürlich soll sich der Leser jeweils die komplette Lösung mit ihren wesentlichen Motiven und Varianten genau ansehen, um den kreativen Ideen der Komponisten nachzuspüren, um die Fähigkeiten der Visualisierung auszubauen und eingefahrene Denkmuster abzustreifen, um letztlich das Unkonventionelle, Überraschende und unerwartet Schwierige zum neuen Standard der eigenen Denkprozesse am Brett werden zu lassen.

Zauberhafte Endspielstudien

Schach-Mansube 10. Jahrhundert - Matt in 3 Zügen - 1. Th7 - Glarean Magazin
Arabische Schach-Mansube aus dem 10. Jahrhundert: Matt in 3 Zügen 1. Th7+ Sxh7 2. Sc3 Tg1+ 3. Sd1 Txd1#

Ein erstes kürzeres Kapitel „Old School“ zeigt Studien und Probleme aus alter Zeit, die für den Löser einfacher zu bewältigen sind als die Aufgaben der folgenden Kapitel. Diese als Mansuben bekannten Stücke (von Al Adli, Salvio, Greco, Stamma, Ercole del Rio u.a.) dienen vornehmlich der Einstimmung und Aufwärmung.
Ernst wird es in den beiden anschließenden Kapiteln mit Remis- bzw. Gewinnstudien, die gemeinsam gut 240 Seiten umfassen. Die Studien (gleiches gilt für die später behandelten Mattprobleme) sind chronologisch angeordnet, weitere Einordnungen wie nach thematischen Gesichtspunkten oder nach Schwierigkeitsgrad wurden aber nicht vorgenommen.

Probeseite aus Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain
Probeseite aus Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain

Die Lösungen werden jeweils im Anschluss an das Aufgabendiagramm präsentiert, wobei die Lösungsbesprechung 1 bis 4 Seiten umfassen kann. In Abhängigkeit von Länge und Komplexität der Lösung sind ggf. weitere Diagramme gesetzt worden, damit sich die Lösungen „vom Blatt“ nachvollziehen lassen. Auch sind an kritischen Stellen häufig Übungsaufgaben („Exercises“) eingestreut, die den Leser nach der weiteren Vorgehensweise befragen oder mehrere plausible Möglichkeiten zur Auswahl stellen.

Unter den Komponisten findet sich praktisch alles, was in den letzten gut 150 Jahren Rang und Namen hat(te), von den bekannten Klassikern bis zu den Größen der Gegenwart wie Oleg Pervakov, Martin Minski und Steffen Slumstrup Nielsen, der auch ein Vorwort zum Buch beisteuerte.
Einige Remis- und Gewinnstudien sind in der Leseprobe ab Page 54 zu finden – gönnen Sie sich eine Kostprobe!

Unerschöpfliche, rätselhafte Problemwelt

Cyrus Lakdawala - Schach-IM - Schachautor - Glarean Magazin
Internationaler Meister und Autor zahlreicher Schach-Lehrbücher: Cyrus Lakdawala

Die nächsten ca. 200 Buchseiten werden belegt von (orthodoxen) Mattproblemen, die uns, nach ansteigender Zügezahl gruppiert, in separaten Kapiteln begegnen: ausgehend von (wenigen) einzügigen Problemen über Zweizüger, Dreizüger bis hin zu Vier- und Mehrzügern. Ein weiteres Kapitel „Unchess“ versammelt schließlich eine Reihe von außergewöhnlichen, bizarren oder grotesk anmutenden Aufgaben. Die Zweizüger nehmen insofern eine Sonderstellung ein, als sie von den Lesern wohl noch am ehesten zum Selberlösen in Betracht gezogen werden (so die Erwartung des Autors), winkt hier doch ein vergleichsweise schnelles und befriedigendes Löseerlebnis.

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Das bei den Studien Gesagte trifft auch für die Probleme zu, nur die Lösungsbesprechungen sind hier im Schnitt kürzer. Wie zu erwarten, sind die frühen amerikanischen Koryphäen des Problemschachs, Sam Loyd und W. A. Shinkman, vielfach vertreten, überraschenderweise noch häufiger tritt jedoch der deutsche „Rätselonkel“ Fritz Giegold in Erscheinung (dessen zweiter Vorname Emil kurioserweise ständig mitgeführt wird). Offenbar schätzt Lakdawala Probleme mit starkem Rätselcharakter, wo auf den ersten Blick mysteriöse Schlüsselzüge, unerwartete Wendungen und originelle Pointen das Geschehen dominieren. Die Partiespieler werden es fraglos positiv aufnehmen, dass der Autor den mehrheitlich unbeliebten Problemjargon auf ein erträgliches Minimum beschränkt hat.

In den Diagrammüberschriften (Angaben zu Autor, Quelle, etc.) stößt man gelegentlich auf fehlerhafte bzw. fehlende Angaben („Unknown source“), die meist mit geringem Aufwand hätten korrigiert/ergänzt werden können. Auch wenn dies für das vorgesehene Trainingsprogramm unerheblich erscheinen mag, hätte ich mir an dieser Stelle eine profundere Arbeit des Autors gewünscht.1)

Nun wartet ein wenig Denksport auf Sie: nachstehend zwei Probleme aus dem Buch, die Ihnen hoffentlich zusagen (Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet ein Analyse-Fenster / A mouse click on a move or line opens an analysis window):




Das folgende kleine Vexierstück aus dem „Unchess“-Kapitel werden Sie sicherlich selbst lösen wollen, die Stellung mit der kompletten schwarzen „Homebase“-Position ist ja durchaus einladend. Zur Erinnerung: Im Hilfsmatt zieht Schwarz an und beide Parteien kooperieren, um das gemeinsame Ziel – das Matt des schwarzen Königs – in der geforderten Zügezahl zu erreichen.


Adäquate Zugaben

Zum Ende des Buchs finden sich zwei kurze Kapitel: „Life simulates Art“ zeigt erstaunliche Fragmente von Turnierpartien, die komponierten Studien nahekommen, und in „The Wunderkind“ stellt der Autors einen seiner Schüler vor, den 13-jährigen IM Christopher Yoo, der auch ein begabter Studienkomponist ist: fünf seiner Studien, darunter zwei Urdrucke, gibt es zu bewundern. Ein Index der Komponisten und Spieler beschließt das Werk.

Lehrreich – unterhaltsam – lesefreundlich

Lakdawala hat mit seiner neuen Publikation nicht nur eine vortreffliche Einführung in das Kunstschach vorgelegt. Er propagiert damit auch eine wirkungsvolle Methode für das häusliche Taktik-Training, die für den Kampf am Brett eine verbesserte Visualisierung verborgener Möglichkeiten, eine erweiterte Mustererkennung im Hinblick auf Gewinn- und Mattführungen, aber auch auf versteckte Verteidigungsressourcen verspricht.

Cyrus Lakdawala - Rewire Your Chess Brain - Inhaltsverzeichnis Everyman Chess - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
Das Inhaltsverzeichnis von „Rewire Your Chess Brain“

Insbesondere Lakdawalas anregender Stil und differenzierte Diktion verdienen eine „ehrende Erwähnung“ (um im Problemjargon zu bleiben). Seine variable und geistreich-witzige, in ihrer Art unnachahmliche Kommentierung macht die Lektüre zu einem Vergnügen, gelegentliche Zitate aus Literatur und Film, von Problemfreunden oder aus seiner Facebook-Gruppe verleihen zusätzliche Würze. Und sein Schreibtalent befähigt ihn, seinen Lesern auch komplexe Aufgaben im lockeren Unterhaltungsmodus nahezubringen. Die Lösungsbesprechungen, die auf Anfänger ohne Vorkenntnisse im Problemschach zugeschnitten sind, könnten in ihrer Ausführlichkeit unübertroffen sein. Dazu verleiht ein großzügiges, übersichtliches Layout beste Lesefreundlichkeit.

Übungsbuch mit Unterhaltungswert

Insgesamt ist dies ein Lehr-, Lese- und Übungsbuch von hohem Unterhaltungswert, mit einer Auswahl von insgesamt 326 meist hochklassigen und häufig diffizilen Aufgaben. Die oben erwähnten kleinen Schwächen könnten in einer zweiten Auflage leicht ausgeräumt werden. Daher eine nachdrückliche Empfehlung meinerseits: Nehmen Sie die Herausforderung an und verdrahten Sie Ihre kleinen grauen Zellen neu – Sie werden es nicht bereuen!

1)Offenbar hat sich der Autor weder der verfügbaren Problemdatenbanken bedient (wie der Schwalbe-PDB, der YACPDB  oder der Albrecht-Sammlung ) noch der einschlägigen deutschen Problemliteratur: Seine „Bibliography“ (S. 5) verzeichnet nur englischsprachige Titel.

Ich habe eine (sicherlich noch unvollständige) Errata-Liste zu den Problemen erstellt, dabei lediglich Angaben geprüft, die mir suspekt erschienen oder offensichtlich lückenhaft sind. ♦

Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain – Endgame Studies and Mating Problems to Enhance Your Tactical Ability, 528 Seiten, Everyman Chess, ISBN 978-1-78194-569-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachprobleme auch über das „Schach-Problem“ Heft Nummer 4-2018 von Chessbase

… sowie über ein weiteres Lehrbuch des Schach-Autoren Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess


Boris Gelfand: Decision Making In Major Piece Endings (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Endspiel-Kost auf hohem Niveau

von Thomas Binder

Weltklassespieler Boris Gelfand ergänzt seine Serie „Decision Making“ um das vierte Werk: „Decision making in major piece endings“. Diesmal geht es also um Schwerfiguren-Endspiele. Passend zum Titel ist das auch „schwere Kost“ für Schachfreunde auf gehobenem Spielniveau. Gelfand präsentiert breite Analysen ausgewählter Partien mit Hintergrundinformationen und zuweilen durchaus unterhaltsamen Einschüben.

Den Weltklassespieler Boris Gelfand muss man dem geneigten (Schach-)Leser nicht vorstellen. Auch als Autor hat der frühere WM-Kandidat Gelfand bereits sichtbare Spuren hinterlassen.

Boris Gelfand - Decision Making In Major Piece EndingsAls sein Hauptwerk kann wohl die mittlerweile vierbändige Reihe „Decision Making“ aus dem Hause Quality Chess gelten. Dem Autor und dem Verlag ist gelungen, hoch qualitative Schachbücher in einheitlicher Aufmachung inhaltlich aus einem Guss vorzulegen. Insofern kann vieles aus dieser Rezension auf die Schwesterwerke übertragen werden. Fortsetzung erwünscht!
Ob man freilich jemals eine deutsche Übersetzung in Händen halten wird, sei dahingestellt. Allzu klein scheint wohl den Verlegern der hiesige Markt, als dass man Bücher für Spieler gehobener Spielstärke gewinnbringend produzieren könnte.

Analysen gewürzt mit Plaudereien

Der israelische Weltklasse-Schachgrossmeister Boris Gelfand (geb. 1968)
Der russisch-israelische Weltklasse-Schachgrossmeister Boris Gelfand (geb. 1968)

Boris Gelfands Bücher heben sich in vielen Details von anderen Werken dieses Niveaus ab. So fällt als erstes auf, dass die Akteure oft in Fotos vorgestellt werden, zuweilen sogar passend zur Zeit der kommentierten Partie. Auch ein paar Zeilen zur Einordnung der Spieler und zur Bedeutung des Wettkampfes sind meist vorangestellt.
Im Text würzt Gelfand seine ernsthaften Analysen hin und wieder mit Einschüben im Plauderton. Das setzt dann zwar gute Fremdsprachenkenntnisse voraus, diese werden aber reich belohnt. Kostprobe gefällig? „Subsequently attempts were made to improve on my play … it is also possible that the players were trying to copy me, but could not remember what I had played.“ („In der Folge wurden Versuche unternommen, mein Spiel zu verbessern … Es ist auch möglich, dass die Spieler versucht haben, mich zu kopieren, sich aber nicht erinnern konnten, was ich gespielt hatte“.)

Anschauliche Gliederung der Varianten

Die Gestaltung des Werkes orientiert sich ansonsten am aktuellen Standard mit anschaulicher Gliederung auch bei komplexen Varianten und gerade hinreichender Visualisierung durch Diagramme, so dass der Leser den Anmerkungen mit einiger Anstrengung folgen kann. Leider ist an einigen Stellen der Fettdruck der Hauptvariante verloren gegangen, was dann den Fluss sehr behindert. Das lässt sich natürlich leicht korrigieren.

Boris Gelfand - Decision Making in Major Piece Endings - Quality Chess Leseprobe - Chess Review Glarean Magazin
Leseprobe aus Boris Gelfand: „Decision Making in Major Piece Endings“ (Quality Chess Verlag)

Was er mit dem Buch erreichen möchte, führt Boris Gelfand im einleitenden Kapitel sehr gut aus. Seine Werke sind keine vorgefertigten Rezepte, wie man sie naturgemäß gerade in der Endspielliteratur findet, sondern Hilfestellungen zur Entscheidungsfindung, ganz dem Titel entsprechend. Ausgehend davon, dass man sicher nicht genau die eine Stellung aus dem Buch in seiner eigenen Partie wiederfinden wird, postuliert er, dass eben tiefes Verständnis einer Stellung ganz allgemein die Spielstärke hebt.

Umfangreiches Analyse-Material

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Die vom Autor ausgewählten Partien stammen entweder aus seiner eigenen Spielpraxis oder aus seiner Arbeit als Trainer. Beides garantiert sehr ausführliche Analysen und zum Teil auch kritische Auseinandersetzung mit anderen Arbeiten zur gleichen Partie. In offenbar sehr fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem dänischen Großmeister Jacob Aagaard legt Gelfand Analysen vor, wie ich sie in dieser Tiefe und Ausführlichkeit noch nie gesehen habe. Weit über 20 Seiten für eine einzige Partie – genau genommen ja nur für deren Endspiel – sind keine Seltenheit. Den Rekord hält die mit dem Blick des Laien völlig unspektakuläre Remis-Partie Gelfand – Kasimdzhanov (Baku, 2014), die auf 40 Seiten ausgebreitet wird. Keine einzige Seite ist zu viel.

Besonders gehaltvolle Endspiele

Inhaltlich geht es, wie der Titel sagt, um Schwerfigurenendspiele. Nach einem eher kurzweiligen Einleitungskapitel widmet sich Gelfand dem Grundsatz „do not hurry“, dem er als Junior erstmals im großartigen Endspiel-Strategiebuch seines Landsmanns Shereshevsky begegnete – schöne Erinnerung für den Rezensenten, dem es damals genauso erging…

Boris Gelfand - Serie Decision Making in Chess - Quality Chess Cover - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
Bereits vier Bände umfasst Boris Gelfands Serie „Decision Making in Chess“ im Quality Chess Verlag

Es folgen mehrere Kapitel mit sehr intensiv analysierten Turmendspielen, wobei nur stellenweise eine inhaltliche Strukturierung gegeben ist. Viel wichtiger scheint es Boris Gelfand zu sein, besonders gehaltvolle Endspiele zu präsentieren und sich dabei nicht einem Korsett thematischer Vorgaben zu unterwerfen. Das Grundwissen über Turmendspiele hat der Leser gewiss schon früher erworben. Hier sind wir auf einem ganz anderen Level.

Die „vierte Partiephase“

Nach den Turmendspielen folgen einige Kapitel zu Damenendspielen. Gelfand stellt zunächst das Endspiel „Dame + Bauer gegen Dame“ mit Bauern am oder in der Nähe des Randes heraus. Dann widmet er sich Endspielen mit mehr als zwei Damen. Auch Überlegungen zur Überleitung in die „vierte Partiephase“ kommen nicht zu kurz – jene Phase also, wenn sich durch den Wechsel vom Bauern- zum Damenendspiel der Charakter der Partie noch einmal grundlegend wandelt. Nach einigen Studien folgt noch ein kurzer Abschnitt mit Aufgaben und Lösungen zu Turmendspielen. Wer sich der Herausforderung zum selbständigen Lösen stellen möchte, mag das tun. Ansonsten kann man natürlich auch dieses Kapitel ganz normal als Lehrtext lesen.

Unumgänglich: Disziplin und Konzentration

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Es dürfte bereits mehrfach angeklungen sein: Dieses Buch verlangt dem Leser Disziplin und Aufmerksamkeit ab. Eine Partieanalyse wie jene 40 Seiten über die Kasimdzhanov-Partie liest man nicht eben mal auf dem Heimweg in der S-Bahn. Wer über den durchaus vorhandenen reinen Lese-Genuss hinaus etwas mitnehmen möchte, muss sich sehr tief in die Analysen hineindenken. Die Sprachbarriere darf dabei kein Hindernis sein. Schließlich setzt Gelfand bei seinem Leser einen hohen Level schachlicher Vorkenntnisse und entsprechenden Urteilsvermögens voraus. Erst ab einer Spielstärke von ca. 1800 Elo-Punkten wird man wenigstens den größten Teil des vermittelten Wissens – nein, besser des Könnens – vollständig aufnehmen und in eigene Entscheidungsfindung am Schachbrett umsetzen können. ♦

Boris Gelfand: Decision making in major piece endings, 316 Seiten (engl.), Quality Chess UK Ltd., ISBN 978-1784831400

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Endspiele auch über Karsten Müller: Endspiele der Weltmeister (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Schachtheorie über Andrew Soltis: Schwindeln im Schach (How To Swindle in Chess)


English Translation

Endgame food on a high level

World-class player Boris Gelfand adds his fourth work to his „Decision Making“ series: „Decision making in major piece endings“. So this time it is about „heavy“ piece endings. Matching the title, this is also „heavy fare“ for chess friends on a higher playing level. Gelfand presents broad analyses of selected games with background information and sometimes quite entertaining inserts.

There is no need to introduce the world class player Boris Gelfand to the inclined (chess) reader. Also as an author, the former World Cup candidate Gelfand has already left visible traces.
His main work is probably the meanwhile four-volume series „Decision Making“ from Quality Chess. The author and the publishing house have succeeded in presenting high quality chess books in a uniform presentation, all of a piece. In this respect much of this review can be transferred to the sister works. Continuation desired!
Whether one will ever hold a German translation in one’s hands remains to be seen. The local market seems to be too small for publishers to produce books for players of high skill level.

Analyses spiced with chats

Boris Gelfand’s books stand out in many details from other works of this level. The first thing that stands out is that the actors are often introduced in photographs, sometimes even matching the time of the commented game. Also a few lines on the classification of the players and the meaning of the competition are usually placed in front.
In the text, Gelfand spices up his serious analyses with occasional insertions in a conversational tone. This requires good foreign language skills, but these are richly rewarded. Want a taste? „Subsequently attempts were made to improve on my play … it is also possible that the players were trying to copy me, but could not remember what I had played. („Subsequently attempts were made to improve my play … It is also possible that the players were trying to copy me, but could not remember what I had played“)

Clear structure of the variants

The design of the work is otherwise based on the current standard with a clear structure even for complex variants and just sufficient visualization by means of diagrams, so that the reader can follow the notes with some effort. Unfortunately, the bold print of the main variant has been lost in some places, which then hinders the flow very much. This can of course be easily corrected.

Boris Gelfand explains very well what he wants to achieve with the book in the introductory chapter. His works are not ready-made recipes, as one naturally finds them in endgame literature, but rather aids to decision-making, in keeping with the title. Based on the assumption that one will certainly not find exactly one position from the book in one’s own game, he postulates that a deep understanding of a position generally enhances the playing strength.

Extensive analysis material

The games selected by the author are either from his own playing practice or from his work as a coach. Both guarantee very detailed analyses and in part also critical examination of other works on the same game. In an obviously very fruitful collaboration with the Danish grandmaster Jacob Aagaard, Gelfand presents analyses that I have never seen before in such depth and detail. Far more than 20 pages for a single game – in fact only for its endgame – are not uncommon. The record is held by the draw Gelfand – Kasimdzhanov (Baku, 2014), which is completely unspectacular in layman’s terms, and is spread over 40 pages. No single page is too much.

Especially rich endgames

In terms of content, as the title suggests, the focus is on „heavy“-figure endgames. After a rather entertaining introductory chapter, Gelfand devotes himself to the principle „do not hurry“, which he first encountered as a junior in the great endgame strategy book of his compatriot Shereshevsky – a nice memory for the reviewer, who had the same fate back then…

There follow several chapters with very intensively analyzed tower end games, whereby only in places a content structure is given. Boris Gelfand seems to be much more important to present particularly rich endgames and not to subject himself to a corset of thematic guidelines. The reader has certainly already acquired the basic knowledge of tower endgames. Here we are on a completely different level.

The „fourth game phase“

After the rook end games there are some chapters on queen end games. Gelfand first points out the endgame „Queen + Pawn against Queen“ with pawns at or near the edge. Then he devotes himself to endgames with more than two queens. He also considers the transition to the „fourth phase of the game“ – the phase when the character of the game is fundamentally changed by the change from the pawn endgame to the queen’s endgame. After some studies, a short section with tasks and solutions for rook end games follows. If you want to take up the challenge to solve them independently, you may do so. Otherwise, you can of course read this chapter as a normal teaching text.

Indispensable: Discipline and concentration

It has probably already been mentioned several times: This book demands discipline and attention from the reader. A game analysis such as the 40 pages about the Kasimdzhanov game is not something you read on the way home on the suburban train… If you want to take something with you beyond the pure reading pleasure that is certainly present, you have to think very deeply into the analyses. The language barrier should not be an obstacle. After all, Gelfand requires a high level of chess knowledge and judgement from his readers. Only from a playing strength of approx. 1800 Elo points on will one be able to take in at least the largest part of the knowledge – no, better of the skill – completely and convert it into own decision making on the chess board. ♦

Robert Johnson: Adolf Anderssen (Schach-Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Rückschau auf die Schach-Romantik

von Ralf Binnewirtz

Es mag wunderlich klingen, dass sich ein australischer Vollzeit-Schafzüchter hingebungsvoll einer deutschen Schachgröße des 19. Jahrhunderts widmet und die Ergebnisse seiner langjährigen Recherchen in Buchform vorlegt. Indes hat sich Robert Johnson hiermit einen Lebenstraum erfüllt, denn bereits als 11-Jähriger hatte er sich nachhaltig für Adolf Anderssen begeistert. 16 Jahre später, 1993, nahm Johnson die Arbeit an seinem Buch auf, die sich – unvorhersehbar – über ein gutes Vierteljahrhundert erstrecken sollte. Soweit zur Entstehungsgeschichte des „bislang besten australischen Schachbuchs“ (nach Bob Meadley), das in diesem Jahr im Selbstverlag des Autors erschienen ist: Adolf Anderssen – Combinative Chess Genius.

Eigentlich hätte dieser schmucke, großformatige und schwergewichtige Band zum 200. Geburtstag von Adolf Anderssen am 6. Juli 2018 das Licht der Schachwelt erblicken sollen, aber dies war dem Autor (und der Schachwelt) nicht vergönnt. Schauen wir uns näher an, wie Johnson sein Opus Magnum konzipiert und inhaltlich präpariert hat.

Adolf Anderssen - Combinative Chess Genius - Schach-Biographie Robert Johnson - Buch-Rezensionen Glarean MagazinAuf das Vorwort des Autors folgt mit zehn biografischen Kapiteln der Hauptteil des Werkes: Dem jeweiligen rein biografischen Part ist eine Auswahl kommentierter Partien nachgestellt, die dem behandelten Zeitraum oder Ereignis zugeordnet sind. Über das ganze Buch verteilt sind außerdem 36 große Bildtafeln (von Anderssen selbst bzw. den großen Meistern jener Zeit und von einzelnen Gebäuden, sowie drei in Farbe von Anderssens Grabstätte).

Ausnahmespieler mit menschlicher Größe

Der biografische Teil vermittelt die Fakten und Erkenntnisse, die der Autor zusammengetragen hat über den Gymnasialprofessor aus Breslau (in den Fächern Mathematik und Deutsch) und den zeitweilig stärksten Schachspieler der Welt (1851-57; 1860-66), der in London 1851 das erste Schachturnier der Neuzeit gewann und wie kein anderer die romantische Epoche des Schachs verkörpert und geprägt hat.

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In einem der Kapitel wird insbesondere der Mensch Anderssen beleuchtet, der keine eigene Familie gründete, aber in seinem beruflichen wie schachlichen Umfeld ein hohes Ansehen genoss und in Fairness, Charakter und Integrität seinesgleichen suchte. Das hier entworfene Bild Anderssens wird untermauert und vertieft durch zahlreiche in den Text eingestreute Zitate aus alten Quellen, die zum Lesegenuss erheblich beitragen.

Ein Schatz magischer Partien

Die im Buch reproduzierten 80 (nicht ausschließlich Gewinn-)Partien des virtuosen Kombinationskünstlers Anderssen sind weitgehend mit historischen Kommentaren und Analysen versehen, hin und wieder hat Johnson (ein langjähriger Fernschachspieler) eigene Anmerkungen beigesteuert. Sicherlich ist diese Kommentierung für die Mehrzahl der Leser völlig ausreichend. Wer einzelne Analysen vertiefen möchte, muss wohl oder übel die eigene Engine bemühen.1)

Adolf Anderssen - Combinative Chess Genius - Schach-Biographie Robert Johnson - Probeseite - Buch-Rezensionen Glarean Magazin
Probeseite aus Robert Johnson: Adolf Anderssen – Combinative Chess Genius

An ungewöhnlicher Stelle, direkt im Anschluss an das Frontispiz, finden sich zwei tabellarische Aufstellungen zu Anderssens Turnier- und Matchergebnissen (mit den Turnierplatzierungen sowie der Zahl der Gewinn-, Remis- und Verlustpartien). Die zugehörigen Turniertabellen wurden nicht ins Buch aufgenommen, gegebenenfalls sind diese vom Leser in anderen Quellen nachzuschlagen.
Apropos Anderssen-Partien: Adolf Anderssen ist bekanntlich der Gewinner der sog. Unsterblichen Partie, die im Jahre 1851 in London zwischen ihm und dem Schachmeister Lionel Kieseritzky ausgetragen wurde und ob ihres kombinatorischen Feuerwerks zur wohl berühmtesten Partie der Schachgeschichte avancierte.

Stiefmütterlich behandeltes Problemschaffen

Was mir indessen allzu kurz kommt, ist das Problemschaffen Adolf Anderssens – lediglich erwähnt wird im ersten Kapitel sein Büchlein Aufgaben für Schachspieler von 1842. Schließlich hat Anderssen auch auf dem Gebiet des künstlerischen Schachproblems eine beachtliche Pionierarbeit geleistet2), und eine kleine Auswahl seiner Kompositionen, fachkundig im Buch besprochen, hätte der Bedeutung dieser Leistung Rechnung getragen.

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Auch wenn diese Biografie kein reiner Bildband ist, so ist sie doch in ihrer hochwertigen Ausstattung einem coffee-table book vergleichbar. Insbesondere das ausnehmend attraktive Design des Vorderdeckels, die zahlreichen historischen Bilder und der Druck auf schwerem Glanzpapier werden das bibliophile Sammlerherz erfreuen. Eine nette Zugabe des Autors: für den Verkauf vorgesehene Exemplare der relativ kleinen Auflage (von 204 Stück) werden von ihm auf dem Vorsatz signiert und datiert.

Diskutable Typographie

An der typografischen Gestaltung werden sich vermutlich die Geister scheiden: Ist die Schrift in Gottschalls Anderssen-Biografie (1912) so winzig geraten, dass man bei längerem Lesen eine Schädigung seiner Augen befürchten muss, so hat Johnson mit der Wahl einer besonders großen (serifenlosen) Schrift das Gegenteil angestrebt – zumindest für sehschwache Leser ein Vorteil. Aber vornehmlich bei den Partien ergibt sich hieraus im Verein mit dem durchgängig verwendeten Flattersatz ein insgesamt wenig harmonisches Schriftbild, dem ich etwas ambivalent gegenüberstehe.
Die Farbgebung (hell- und mittelgraue Felder) bei den Diagrammen scheint mir ganz annehmbar, aber letztere wären ohne die rundum laufenden, m. E. entbehrlichen Brettkoordinaten fraglos ansehnlicher ausgefallen. Zudem führt die stattliche Größe der Diagramme manches Mal zum vorzeitigen Seitenumbruch (mit erheblichem Leerraum), wenn ein Diagramm nicht mehr unten auf die Seite passt. Zu den hier verwendeten Apronus-Diagrammen gibt es natürlich auch zufriedenstellende Alternativen.

Liebens- und lesenswerte Hommage

Adolf Anderssen - Combinative Chess Genius - Schach-Biographie Robert Johnson - Matt in sechs Zügen - Glarean Magazin
„Das Tor zur modernen Epoche des Schachproblems aufgestoßen“: Adolf Anderssen als Problemschach-Komponist: Weiss setzt in sechs Zügen matt!

Das Buch schließt mit einem Nachdruck von Steinitz‘ wortreichem Nekrolog auf Anderssen aus The Field 1879, einer nahezu 3-seitigen Bibliografie sowie den Indizes der Partiegegner und Eröffnungen. Nennenswerte Fehler sind mir kaum aufgefallen.3) Warum auf der inneren Titelseite diese Biografie als „autobiography“ bezeichnet wird, bleibt eine offene Frage. Ansonsten dürfte diese lesenswerte Hommage auf das deutsche Kombinationsgenie nicht nur im angloamerikanischen Sprachraum auf lebhaftes Interesse stoßen. Da – neben der erbaulichen Lektüre des biografischen Teils – auch die taktisch fulminanten Partien beste Unterhaltung garantieren, kann ich für dieses Werk eine klare Empfehlung aussprechen. In der deutschen Schachliteratur wird nach wie vor eine moderne und zugleich erschöpfende, d.h. die ultimative Anderssen-Biografie, vermisst – ob sie jemals erscheinen wird? ♦

1)Mir fiel auf, dass Johnson zwei deutsche Turnierbücher in seiner Bibliografie nicht berücksichtigt hat: Dr. Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851, St. Ingbert 2013 [mit computergestützten Analysen]; und Stefan Haas: Das Schachturnier zu Baden-Baden 1870 – Der unbekannte Schachmeister Adolf Stern, Ludwigshafen 2006.

2)„Dabei ist Anderssens Bedeutung für die Entwicklung der Problemkunst nicht weniger hoch einzuschätzen als seine Leistungen … im Kampf Mann gegen Mann … Er … ging in seinen Aufgaben weit über das hinaus, was Stamma und die Modenesen an taktischen Finessen aufzuweisen hatten; er verfeinerte und vertiefte den Inhalt, die ‚Kombination‘, verzichtete ihr zuliebe vielfach schon auf den äußeren Schein einer partiegemäßen Aufstellung und wagte es als erster, den ‚stillen‘, nicht schachbietenden Zug, der vor ihm allenfalls als Ruhe- und Höhepunkt im späteren Verlauf der Lösung Verwendung gefunden hatte, an den Anfang zu stellen. Damit war das Tor zur modernen Epoche des Schachproblems aufgestoßen.“ (Herbert Grasemann in Problemschach, Berlin 1955, S. 15)
Eine gänzlich umgearbeitete Zweitauflage von Anderssens Büchlein erschien 1852. Die Schwalbe-PDB enthält 85 Probleme Anderssens.

3)In Partie 18 muss es Herrmann Pollmächer heißen statt Hermann Pollmacher.

Robert Johnson: Adolf Anderssen – Combinative Chess Genius, 353 Seiten, Clark & Mackay Self Publishing, Brisbane (Australia), ISBN 978-0-646-81614-2 – Vertrieb: Tony Peterson

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Biographien auch über Alexander Münninghoff: Heiner Donner


Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Geweckte Erwartungen nicht erfüllt

von Thomas Binder

Graham Burgess präsentiert mit „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“ in umfangreichen und detaillierten Varianten ein Eröffnungs-Repertoire mit der Fokussierung auf sehr wenige Systeme. Damit soll dem unerfahrenen Spieler ein schadloses Überstehen der ersten Partiephase garantiert werden. Zielführend ist dieser Ansatz nur, wenn sich der Leser auf das Erlernen sehr konkreter Zugfolgen einlässt, statt allgemeinen Prinzipien zu vertrauen…

Um es vorweg zu nehmen: Ich schätze den englischen FIDE-Meister Graham Burgess als Schach-Autor vor allem für den Trainingswert seiner Bücher, insbesondere auch die zuletzt erschienenen Eröffnungslehrbücher „for kids“. Letztere habe ich trotz der Sprachbarriere meinen Schülern empfohlen.

Auswendiglernen von Theorie?

An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire - Graham Burgess - Gambit Verlag - An easy-to-learn repertoire where you can relax and just play chessBurgess‘ neuestes Werk hinterlässt mich nun allerdings ratlos bis enttäuscht, und sei es nur, weil der Titel eine Erwartungshaltung weckt, die es nicht erfüllen kann.
Ich hätte erwartet, Richtlinien zu erhalten, anhand derer ein Spieler am Beginn seiner Laufbahn – also mit wenig Erfahrung und entsprechend noch entwicklungsfähiger Spielstärke – die Klippen der ersten Partiephase umschifft. Ich bin mir sicher, dass es dafür auch einen „idiot proof“ Weg gibt, doch besteht dieser sicher nicht im Auswendiglernen ausgefeilter Theorievarianten.
Dieser Weg könnte etwa folgende Elemente umfassen:
• Beherzige die allgemeinen Eröffnungsprinzipien (Figurenentwicklung, Königssicherheit, Zentrumsbeherrschung) und die dafür gegebenen Empfehlungen (jede Figur nur einmal ziehen, Rochade hinter sichere Bauernkette, wenig Bauernzüge in der Eröffnung)
• Erkenne rechtzeitig die wichtigsten taktischen Motive, auf denen die oft überschätzten Eröffnungsfallen beruhen (Opfermotive auf f7 oder h7, Fesselungen, Doppelangriffe,…)
• Mit wachsender Erfahrung und Spielstärke erkennst du die Besonderheiten von Zentrumsformen und Bauernstrukturen und richtest dein Eröffnungsspiel darauf aus.

Limitieres Programm mit klaren Zugfolgen

Graham Burgess - Chess-Author - Schach-Trainer - Rezensionen Glarean Magazin
Produktiv und vielbeachtet: Schach-Autor Graham Burgess

Was bekommt die „Idiot-Proof“-Zielgruppe nun bei Burgess geboten? Er bleibt dem Repertoiregedanken treu und orientiert auf ein sehr limitiertes Programm aus klar vorgegebenen Zugfolgen:
• Mit Schwarz spielen wir gegen e2-e4 immer Skandinavisch und in der Folge die Modevariante 1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6
• Gegen d2-d4 spielen wir Slawisch, allerdings eingegrenzt auf die Variante 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 c6 4.e3 Le6
• Gegen c2-c4 antworten wir symmetrisch mit c7-c5
• Gegen Sg1-f3 spielen wir d7-d5
• Mit Weiss spielen wir im ersten Zug immer c2-c4 und in der Folge sobald wie möglich ein Königsfianchetto mit g2-g3 und Lf1-g2

Damit wird doch sehr viel Schach ausgeblendet und die Sicht sehr verengt. Vor allem die offenen und halboffenen (ausser Skandinavisch) Spiele kommen gar nicht vor. Gerade mit diesen Eröffnungen wird aber jeder Schacheinsteiger zuerst konfrontiert, und gerade die dort lauernden taktischen und strategischen Motive bilden ein Grundwissen, ohne dass man keine dauerhafte Freude am Schach haben wird.

Knappe Text-Anmerkungen

Graham Burgess - An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire - Leseprobe - Schach-Rezensionen - Glarean Magazin
Leseprobe aus „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“

Man könnte die Einengung des schachlichen Blickfeldes rechtfertigen, wenn das so verbleibende Eröffnungsrepertoire ausführlich und eben „idiot-proof“ erklärt würde. Doch leider sind auch die textlichen Anmerkungen zu knapp gehalten, um die Zielgruppe adäquat anzusprechen. Den Versuch, dies zu leisten, möchte ich Burgess nicht absprechen, doch die Variantenfülle lässt dafür keinen ausreichenden Raum.

Mit dem Stichwort „Variantenfülle“ sind wir beim nächsten Aspekt: Der Leser bekommt nichts anderes geboten als in einer gediegenen Eröffnungsmonographie. Nach der Kurzvorstellung des Repertoires folgen 180 Seiten mit zweispaltig engbedrucktem Varianten-Dschungel. Bis zu vier Diagramme pro Seite erleichtern die Orientierung etwas. Ein erfahrener Spieler wird sich zurechtfinden. Der Einsteiger wird von seinem möglicherweise ersten detaillierten Eröffnungsbuch eher abgeschreckt. Da hilft auch die systematische Gliederung bis hinunter zu Strukturen wie „Kapitel 8 – Abschnitt F2.2.1 – 5. Zug von Schwarz – Variante a.2.2“ nicht wirklich.
Für den erwartungsfrohen Einsteiger bleibt die ernüchternde Erkenntnis „Wenn ich schon für dieses schmalspurige Repertoire 180 Seiten Varianten lernen soll, ist dann Eröffnungsstudium überhaupt sinnvoll?“

Keine Überraschungen für den Leser

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Die vorstehende Kritik begründet sich ausschliesslich aus dem Ansatz von Burgess‘ Werk. Wer diesen Ansatz mitgehen möchte, der wird zu einem gänzlich anderen Fazit kommen und das Buch in höchsten Tönen loben – und auch dieses Urteil wäre gerechtfertigt.
Die vorgelegten Varianten decken das empfohlene Repertoire komplett ab. Vor Überraschungen wird der Leser weitgehend sicher sein – wenn er denn alles verstanden und verinnerlicht hat. Dass ihm grosse Teile der Schachwelt zunächst verborgen bleiben, merkt er erst nach und nach. Dann hat er hoffentlich eine Spielstärke erreicht, die auch risikolos den Blick über den Tellerrand des Burgess-Repertoires erlaubt. Insofern gleicht unser Buch einem Reiseführer, der nur zu den touristischen Highlights führt und die reizvollen Nebenstrassen einer späteren Tour vorbehält.

Schachlich fundierte Varianten

Englische Schach-Eröffnung - Variante c4 - Sf6 - Glarean Magazin - Häufigste Variante in der Praxis, Nebenvariante im Buch: Der Springerzug Sf6 nach 1. c4
Häufigste Variante in der Praxis, Nebenvariante im Buch: Der Springerzug Sf6 nach 1. c4

Ausser Zweifel steht, dass alle Varianten schachlich fundiert und sicher auch computergeprüft sind. Das Partiematerial ist aktuell. Bei der Gewichtung der Varianten wird sich Burgess Gedanken gemacht haben, die sich an seinem Gesamtkonzept orientieren. Dennoch wäre auch hier ein Blick auf die „idiot-proof“-Zielgruppe hilfreich. Die Folge 1.c4 Sf6 kommt nur als Nebenvariante auf neun Seiten vor – vor allem mit dem Hinweis auf Überleitungen in bereits behandelte Systeme. In der Praxis ist aber (laut Megabase) der Springerzug die häufigste Antwort auf 1.c2-c4. Dem fortgeschrittenen Spieler werden die Überleitungen schnell klar sein, der unerfahrene Amateur könnte schon im ersten Zug irritiert dreinblicken.

Hervorragende layouterische Gestaltung

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Layout und Aufbau kennt man von vielen Büchern des Gambit-Verlages. Dieser hat hier eine Norm gesetzt, die man unbewusst mittlerweile auch für Werke anderer Verlage zum Massstab nimmt.
Allerdings wird dabei konsequent auf modernere Mittel der Visualisierung von Ideen verzichtet. Dem kann man sich aber kaum noch entziehen, denn gerade Eröffnungsmonographien geraten in eine Nische, in der sie bestenfalls als Nachschlagewerk überdauern können. Interaktive Formate, computergestützte Analysen, Video-Präsentationen und ähnliche Angebote laufen ihnen zunehmend den Rang ab. ♦

Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire, 190 Seiten (engl.), Gambit Publications Ltd, ISBN 978-1911465423

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Schachbücher auch über F. Zavatarelli: Das schachjournalistische Phänomen Ideka – Die Feuilletons von Ignaz Kolisch

ausserdem zum Thema Schach-Eröffnungsbücher: Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen


English Translation

Raised expectations not fulfilled

by Thomas Binder

With „An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire“ Graham Burgess presents in extensive and detailed variations an opening repertoire with the focus on very few systems. This should guarantee the inexperienced player a harmless survival of the first game phase. This approach is only effective if the reader is willing to learn very concrete moves instead of trusting general principles…

To anticipate: I esteem the English FIDE master Graham Burgess as chess author especially for the training value of his books, especially also the recently published opening textbooks „for kids“. I have recommended the latter to my students despite the language barrier.

Memorizing theory?

Burgess‘ latest work, however, leaves me helpless to disappointed, if only because the title arouses an expectation, which it cannot fulfil.
I would have expected to be given guidelines to help a player at the beginning of his career – i.e. with little experience and a correspondingly still developable playing strength – to avoid the pitfalls of the first phase of the game. I am sure that there is an „idiot proof“ way to do this, but it certainly does not consist of memorizing sophisticated theory variations.
This path could include the following elements:
– Keep the general opening principles (figure development, king safety, center control) and the recommendations given for them (move each figure only once, castling behind safe pawn chain, few pawn moves in the opening)
– Recognize in time the most important tactical motives on which the often overestimated opening traps are based (sacrificial motives on f7 or h7, bondage, double attacks, …)
– With growing experience and playing strength you will recognize the special features of center forms and pawn structures and adjust your opening game accordingly.

Limited program with clear move sequences

What does the „Idiot-Proof“ target group now get at Burgess? He remains true to the repertoire idea and focuses on a very limited program of clearly defined moves:
– With Black we always play against e2-e4 Scandinavian and in the following the fashion variant 1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6
– Against d2-d4 we play Slavic, but limited to the variant 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 c6 4.e3 Le6
– Against c2-c4 we answer symmetrically with c7-c5
– Against Sg1-f3 we play d7-d5
– With white we always play c2-c4 in the first move and then as soon as possible a king fianchetto with g2-g3 and Lf1-g2

With this a lot of chess is hidden and the view is very narrow. Especially the open and half-open (except Scandinavian) games do not occur at all. However, it is precisely with these openings that every chess beginner is confronted first, and it is precisely the tactical and strategic motives lurking there that form a basic knowledge, without which one will not have lasting enjoyment of chess.

Short text notes

One could justify the restriction of the chess field of view, if the remaining opening repertoire would be explained in detail and just „idiot-proof“. Unfortunately, however, the textual comments are too brief to adequately address the target group. I don’t want to deny Burgess the attempt to achieve this, but the wealth of variations does not leave enough room for this.

The keyword „wealth of variants“ brings us to the next aspect: the reader is offered nothing but a solid opening monograph. The short introduction to the repertoire is followed by 180 pages with a jungle of variants printed in two columns. Up to four diagrams per page make orientation somewhat easier. An experienced player will find his way around. The beginner is rather deterred by his possibly first detailed opening book. Even the systematic outline down to structures like „Chapter 8 – Section F2.2.1 – 5th move of Black – Variant a.2.2“ does not really help.
For the expectant beginner, the sobering realization „If I am to learn 180 pages of variations for this narrow repertoire, is it at all useful to study the opening section?

No surprises for the reader

The above criticism is based exclusively on the approach of Burgess‘ work. Anyone who wants to follow this approach will come to a completely different conclusion and praise the book in the highest possible terms – and this judgment would also be justified.
The presented variants cover the recommended repertoire completely. The reader will be largely safe from surprises – once he has understood and internalized everything. That large parts of the chess world remain hidden to him at first, he will only gradually notice. Then he will hopefully have reached a level of playing strength, which allows him to look beyond the edge of his nose of the Burgess repertoire without any risk. In this respect our book resembles a travel guide, which only leads to the tourist highlights and reserves the charming side streets for a later tour.

Chess based variations

There is no doubt that all variants are chess well-founded and certainly computer-tested. The game material is up-to-date. Burgess will have thought about the weighting of the variants, which are based on his overall concept. Nevertheless, a look at the „idiot-proof“ target group would also be helpful here. Episode 1.c4 Sf6 appears only as a secondary variant on nine pages – mainly with the reference to transitions to systems already covered. In practice, however, (according to Megabase) the Springer move is the most common answer to 1.c2-c4. The advanced player will quickly understand the transitions, the inexperienced amateur might already look irritated in the first move.

Excellent layout design

Layout and structure are familiar from many books published by Gambit Verlag. They have set a standard here, which is now unconsciously used as a benchmark for the works of other publishers as well.
However, they consistently avoid modern means of visualizing ideas. One can hardly escape this, however, because opening monographs in particular find a niche in which they can at best survive as reference works. Interactive formats, computer-aided analysis, video presentations and similar offerings are increasingly outstripping them. ♦
(Pictures and links are at the top of the German text)

F. Zavatarelli u.a: Feuilletons von Ignaz Kolisch

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Das schachjournalistische Phänomen Ideka

von Ralf Binnewirtz

Drei Schachhistoriker und -autoren haben sich zusammengetan, um die 92 sonntäglichen Feuilletons von Ignaz Kolisch – erschienen 1886-1888 in dessen eigener Wiener Allgemeinen Zeitung – in einem kompakten Band zu vereinen, der weit über die Schachwelt hinaus Interesse beanspruchen darf. Denn diese Feuilletons tangieren und reflektieren nahezu alle Bereiche der Gesellschaft und vermitteln in der ausgefeilten Prosa des Autors ein Zeit- und Sittengemälde Westeuropas aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erneut darf sich der Rezensent mit einer schillernden Figur der Schachgeschichte befassen. Diesmal ist es jedoch alles andere als ein Enfant terrible (wie zuletzt Hein Donner), sondern das Multitalent Ignaz Kolisch (1837-1889), ab 1881 Baron Ignaz von Kolisch, der ein weithin nomadenhaftes Leben führte und seine Feuilletons unter dem Pseudonym Ideka publizierte.

Hilfreicher Fussnoten-Service

Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio, Michael Burghardt (Hrsg): Die Feuilletons von Ignaz Kolisch, Edition MarcoDer vorliegende Sammelband ist keineswegs eine reine Kompilation, denn die Herausgeber Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio und Michael Burghardt haben über 1100 erhellende Anmerkungen in Fussnoten hinzugefügt, um die Verständlichkeit der Texte für die heutige Leserschaft zu verbessern. Der hochgebildete und äusserst sprachgewandte Kolisch kultivierte nämlich nicht nur im gesprochenen, sondern auch im geschriebenen Wort die Vorliebe, seine Ausführungen mit fremdsprachigen Sentenzen anzureichern (in Latein, Französisch, Englisch, usw.). Sehr hilfreich ist auch die „Übersetzung“ von regional-zeitgenössischen Ausdrücken im Text, zudem wurden zahllose, heute meist unbekannte Personen recherchiert, die daselbst auftauchen.

Diversität ohne Schach-Fokus

Baron Ignaz Kolisch - Schach-Feuilletonist - Glarean Magazin
Vom Schachmeister zum Finanzmogul: Ignaz Kolisch (1837-1889)

Die inhaltliche Mannigfaltigkeit der Beiträge wird bereits durch das Inhaltsverzeichnis angedeutet, dort erfolgt auch eine thematische Zuordnung, indem den einzelnen Feuilletons bestimmte Themenbereiche (wie Aktuelles, Finanzwelt, Kurzweiliges, Zeitgeschichte, etc.) zugewiesen werden. Lediglich in wenigen Fällen bilden zwei bis drei Feuilletons eine lockere Fortsetzungsgeschichte, ansonsten sind eigenständige Einzelepisoden die Regel. Das Buch lädt daher dazu ein, kreuz und quer zu lesen oder auch eine thematische Auswahl bei der Lektüre vorzunehmen. Dem Thema „Schach“ ist keine dominierende Rolle zugedacht, es taucht bei den 92 Feuilletons nur zwölf Mal auf; sowie zusätzlich in Anhang A, der fünf unkommentierte Partien von Kolisch in Kurznotation verzeichnet. Demzufolge ist das Buch für einen breiten Leserkreis (selbst ohne Schachkenntnisse) prädestiniert, aber natürlich auch empfehlenswert für Schachfreunde, die über den Tellerrand der eigenen Passion hinausblicken möchten.

Angaben zum Inhalt müssen naturgemäss fragmentarisch bleiben, wenige subjektiv herausgegriffene Beiträge und wiederkehrende thematische Motive will ich aber – quasi als appetizer – kurz erwähnen.

Esoterik und Aberglaube

Weitgehend von der Ratio geleitet, stand Kolisch esoterischen Modetrends wie dem Spiritismus und verwandten Phänomenen ungläubig-kritisch gegenüber (siehe Feuilleton 2; auch F. 25), von kleinen abergläubischen Überzeugungen war aber auch er nicht völlig frei (F. 20). Ob Kolisch sonderlich religiös war, bleibt offen; seine jüdischen Wurzeln erwähnte er nicht, allzu verständlich angesichts eines progressiven Antisemitismus in Wien, dem er auch in seinen Feuilletons immer wieder vehement entgegentrat.

Politisch aktuell geblieben

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Politisch war Kolisch liberal eingestellt, seine kleinen Polemiken haben häufig kaum an Aktualität eingebüsst. Ein für sich selbst sprechendes Zitat (aus F. 52, S. 317) kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen:
„Die Zerfahrenheit unserer öffentlichen Zustände, die Unsicherheit in den politischen Programmen, die Schwankungen unserer hoch- und niedertrabenden Volkstribunen und vor Allem die Unverlässlichkeit unserer grossen Parteiführer berauben mich nachgerade jedes bürgerlichen Vergnügens. Ich weiss heute nicht mehr, wem ich glauben soll, ich komme in die peinlichste Verlegenheit, wenn ich zu entscheiden habe, welchem Volksbeglücker ich mein Vertrauen schenken soll, und gerathe in helle Verzweiflung, wenn ich vor der Frage stehe, wessen beredte Auslassungen ich vorzugsweise auf mich wirken lassen darf“.
An anderer Stelle beschreibt Kolisch den radikalisierten Pöbel, der sich in gewalttätigen Demonstrationen Bahn bricht – bis hin zur (gerade noch verhinderten) Lynchjustiz (F. 21). Und er geisselt die „gewissenlosen Phrasendrescher“, die als mentale Brandstifter die leichte Verführbarkeit der Massen ausnutzen.

Betrüger und Scharlatane

"Das Gespräch drehte sich um Geister": Leseprobe aus "Die Feuilletons von Ignaz Kolisch" (Vergrösserung mit Mausklick)
„Das Gespräch drehte sich um Geister“: Leseprobe aus „Die Feuilletons von Ignaz Kolisch“ (Vergrösserung mit Mausklick)

Von ungebrochener Aktualität ist wiederum das Unwesen der Betrüger und Kleinkriminellen, die sich in den Metropolen Europas tummelten (siehe insb. F. 23): Praktisch ungestört konnten diese „Industrieritter“ (d.h. Nepper und Bauernfänger, Scharlatane und Rosstäuscher) ganze Stadtviertel in Beschlag nehmen. Heutzutage haben sich derlei Aktivitäten zu weiten Teilen globalisiert bzw. ins Internet verlagert, bei weiterhin geringer Erfolgsquote der Strafverfolgungsbehörden.
Ein spezieller Fall ist die lesenswerte Episode über einen verarmten, des Praktizierens längst entwöhnten Medicus, der infolge Kolischs Ratschlägen ein Vermögen im Orient erwerben kann (F. 65): Mit einer Therapie, die lediglich auf der Anwendung von frischem kalten Wasser beruht, „heilte“ er eingebildete Kranke in der Hautevolee (somit ein reiner Placeboeffekt) und liess sich dafür fürstlich entlohnen – wenigstens hat es bei den derart Gesundeten keine Armen getroffen. Fazit: Kurpfuscherei lohnt sich, wenn man es richtig anstellt – zumindest war dies noch im 19. Jahrhundert so.

Russische Verhältnisse

Kolisch scheute sich auch keineswegs, Missstände im östlichen Teil unseres Kontinents aufzuzeigen. So nahm er schonungslos das mächtige Reich der Russen ins Visier, wo sich das Geschwür der Korruption und die Schmiergeld-Kultur wie Mehltau über das ganze Land gelegt hatten (F. 45).
In diesem bunten Potpourri der Unterhaltungsbeilagen sind diejenigen, die sich ganz oder teilweise der reinen Erheiterung widmen, durchaus gut vertreten. Wer einmal herzhaft lachen möchte, mag beispielsweise F. 55 „Nicht für Damen“ lesen, das zudem mit einem geradezu märchenhaften Finale aufwartet. Unvergessen in ihrer ergötzenden Komik bleiben auch die trefflich geschilderten „Eroberungsversuche“ eines gealterten Lebemanns auf einem Pariser Boulevard (Passage auf S. 320) – und vieles andere mehr.


Exkurs: Kolisch als Schachmeister

W.E./Ignaz Kolisch konnte hervorragend mit dem Geld und mit dem Wort umgehen – aber auch mit den Schachfiguren. Als Erz-Schachromantiker des 19. Jahrhunderts führte er eine scharfe Angriffsklinge, die auch vor bekannten Grössen seiner Zeit keinerlei Respekt zeigte.
Hier ein paar Kostproben:


Famoser Unterhalter

Bereits von seinen Zeitgenossen wurde Kolisch attestiert, ein famoser Unterhalter zu sein, und in der kleinen Form des Feuilletons mit maximal 5-7 Seiten konnte er seine Fähigkeiten offenbar besonders vorteilhaft zur Geltung bringen. Eine überaus gelungene Mischung aus Witz, Ironie und tieferer Bedeutung, die seine Beiträge charakterisiert, war sicherlich ein Garant des Erfolgs. Dazu gesellte sich seine glänzende Formulierungskunst und ein (für einen Bankier!) wohl singulärer literarischer Schachzug: Mit frappierender Offenheit liess er sein Lesepublikum teilhaben an seinen Gedanken, seinen Interessen und Emotionen, was seinen Schriften eine hohe Authentizität verlieh und die Anhänglichkeit seiner Leserschaft immens vertiefte.

Fliessende Grenzen zwischen Fact & Fiction

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In welchem Ausmass Kolischs Schilderungen mit realen Begebenheiten seines bewegten Lebens übereinstimmen und welche Anteile auf Fiktion beruhen, ist nicht immer klar. Auch sind zeitlich auseinanderliegende Ereignisse wohl vereinzelt zusammengeführt worden. All dies mag jedoch von untergeordneter Bedeutung gewesen sein, solange seine Anekdoten geistreiche und amüsante Unterhaltung boten.
Ich finde das Buch inhaltlich hochinteressant und auch in der Ausstattung bestens gelungen (solide Hardcover-Ausgabe mit Fadenheftung). Ein biografisches Vorwort „Der literarische Schachmeister“, ein vorangestelltes Kapitel „Kolisch als Feuilletonist“ sowie mehrere Anhänge rahmen das Werk ein. Unbedeutende Druckfehler im Original wurden von den Herausgebern korrigiert, verbliebene kleine Vertipper haben Seltenheitswert. Insgesamt verspricht das Buch einen ungetrübten Lesegenuss, daher gebe ich die uneingeschränkte Empfehlung: Kaufen und lesen! ♦

Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio und Michael Burghardt (Hrsg.): Die Feuilletons von Ignaz Kolisch, 544 Seiten, Edition Marco, ISBN 978-3-924833-82-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Feuilleton auch über Helmut Pflegers neue ZEIT-Schachspalten

… sowie zum Thema „Romantisches Schach“ über Robert Johnson: Adolf Anderssen (Biographie)