Alexander Münninghoff: Hein Donner (Schach-Biographie)

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Donnerhall im Reich der Schachliteratur

von Ralf Binnewirtz

Der holländische Großmeister Jan Hein Donner (1927-1988) wird bei der jungen Generation weitgehend in Vergessenheit geraten sein, zumal er auf der Schachbühne nicht in die obersten Ränge gelangen konnte. Und außerhalb der niederländischen Schachliteratur sind nur wenige biografische Details über ihn verbreitet worden. Der Ende April verstorbene Autor Alexander Münninghoff hat dem nonkonformistischen Schach-Großmeister und -Autor ein bemerkenswertes literarisches Denkmal gesetzt, das nun auch in Englisch erschienen ist.

Hein Donner - The Biography - New In Chess NIC - Alexander MünninghoffJohannes Hendrikus (Hein) Donner war sicherlich die schillerndste Figur in der Geschichte des niederländischen Schachs – jedenfalls auf GM-Niveau. Als Spross einer prominenten, streng calvinistischen Familie in Den Haag – sein Vater Jan Donner brachte es zum Justizminister der Niederlande – sollte Hein als Einziger des sechsköpfigen Donner-Nachwuchses aus der Art schlagen: Er hatte zwar halbherzig einige Semester Jura absolviert, entschloss sich dann aber – sehr zum Leidwesen seines Vaters – zu einer keineswegs risikofreien Profilaufbahn im Schach. Ein weitgehend ungebundenes, bohemienhaftes Leben in der Schachwelt entsprach seinem Naturell offenbar weitaus mehr als eine konventionelle Laufbahn im Establishment.

Mal top, mal flop

Faul, genial, scharfzüngig: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)
Scharfzüngig, faul, witzig, polemisch, genial: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)

Hein Donner (GM-Titel 1959) war ein weit überdurchschnittliches Talent, um nicht zu sagen Genie in die Wiege gelegt, aber zumindest als Schachspieler hat er den in ihn gesetzten Erwartungen nicht recht entsprochen. Seine Faulheit, gepaart mit einem Mangel an Disziplin und Ehrgeiz (er verfolgte nicht die Neuerungen in der Eröffnungstheorie, bereitete sich auf Turniere in der Regel nicht vor und gab sich mit dem Erreichten zufrieden), zeitigten ein ständiges Auf und Ab in den Turnierresultaten und verhinderten den Aufstieg in die höchsten Sphären, wobei ihm auch noch eine ausgeprägte Russenphobie im Wege stand.
Im Gedächtnis der Nachwelt ist Donner vor allem als Verlierer zahlreicher Kurzpartien verblieben, die ihn im Kreis seiner internationalen GM-Kollegen zum Gespött machten als „unumstrittenen Träger der Narrenkappe“ 1). Gleichwohl war er in der Zeitspanne zwischen Max Euwe und Jan Timman der stärkste niederländische Schachspieler.

Zur Ehrenrettung Donners sei hier eine seiner respektablen Gewinnpartien präsentiert:

In seiner Spielleidenschaft hat sich Donner auch in unzähligen anderen Spielen (u.a. Bridge) versucht, lediglich vom Damespiel hat er sich verächtlich abgewandt.

Unterwegs im Amsterdamer Szene-Viertel

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Einen großen Teil seiner Freizeit verbrachte Donner in der Amsterdamer Szene („The Ring Of Canals“) bzw. im elitären Künstler-Zirkel „De Kring“, den er gemeinhin abends und nachts aufsuchte, da er erst am späten Nachmittag aus dem Bett zu steigen pflegte. Dort traf er auf die lokale Intelligenzia, mit der er sich in unermüdlichen Diskussionen messen oder aber den Clown spielen konnte. Donner, der sich schon früh zu einem notorischen „contrarian“ entwickelte hatte, also grundsätzlich die gegenteilige Meinung seines Gegenübers einnahm, war nicht nur körperlich (mit knapp 2 m Größe), sondern auch intellektuell ein Riese. Ausgestattet mit einem messerscharfen Verstand, mit enormer Eloquenz und sardonischem Witz, war er praktisch jedem Gegner verbal gewachsen, wenn nicht überlegen. Und sollte ein Disput zu einem Faustkampf eskalieren, was gelegentlich vorkam, so besaß Donner auch hier aufgrund seiner Obelix-artigen Statur Vorteile. Es darf daher nicht wundern, wenn die Zahl seiner Freunde überschaubar blieb. Seine legendäre Dauerfehde mit Lodewijk Prins (Ehren-GM 1982) soll hier nur erwähnt sein.

In der Romanliteratur verewigt

Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch
Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch

Eine tiefe Freundschaft verband Donner mit dem Schriftsteller Harry Mulisch, dem Donner literarisch nachzueifern suchte – nicht immer zum Vorteil seiner Turnier-Performance (siehe z.B. Santa Monica 1966). In seinem Roman „Die Entdeckung des Himmels“ (1992) hat Mulisch seinen Freund posthum in der Figur des Onno Quist verewigt. In diesem Kontext ist auch das aufschlussreiche Interview zu erwähnen, das Dirk Jan ten Geuzendam mit Harry Mulisch geführt hat (Kap. 11 – Harry Mulisch’s Heinweh).

Weitaus erfolgreicher als am Turnierbrett war Donner als Schachschriftsteller, hier konnte er seine Lust an der Polemik und Provokation gleichermaßen ausleben. Aber unter seinen zahllosen, in über drei Jahrzehnten in diversen holländischen Zeitungen publizierten Artikeln finden sich auch manche seriösen Beiträge. Eine Selektion seiner besten Artikel ist als Anthologie erschienen: „The King – Chess Pieces“ steht in der Gunst der internationalen Leserschaft bis heute ganz oben. [Rezension von Taylor Kingston]

Kreativität auch im Rollstuhl

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Nach einem Schlaganfall im August 1983, der Donner für die letzten Lebensjahre in ein Pflegeheim verbannte, blieb ihm, an den Rollstuhl gefesselt, nur das Schreiben als einzige kreative Beschäftigung. Mit einem Finger auf der Schreibmaschine verfasste er minimalistische Beiträge: Für „Na mijn dood geschreven“ [Nach meinem Tod geschrieben] wurde ihm 1987 der höchst angesehene Henriëtte-Roland-Holst-Preis verliehen. Auch die öffentliche Erstpräsentation von De Koning: Schaakstukken konnte er noch (in einem miserablen Zustand) erleben. Er hat sein Schicksal klaglos hingenommen. Eine im November 1988 unversehens eingetretene Magenblutung bedeutete den endgültigen Exitus.

Donners Frauen – ein wechselhaftes Glück

Donner lernte seine erste Freundin Olga Blaauw im Frühling 1949 kennen, sie lebten gut sechs Jahre ohne Trauschein zusammen. Die Trennung wurde unerwartet ausgelöst durch einen Heiratsantrag Donners (nach dessen Rückkehr von Göteborg 1955), der die Leidenschaft instantan erlöschen ließ.

Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering
Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering

Die zweite erwähnenswerte Dame, die in Donners Leben trat, war Irène van de Weetering, im Jahre 1958 noch „eine 18-jährige Nymphe“. Als sich Ende 1959 Nachwuchs ankündigte, war die eigentlich unerwünschte Heirat nach calvinistischem Reglement unvermeidlich. Das zweite Kind kam Anfang 1962. Während Donner seinen Nachwuchs (Sohn und Tochter) abgöttisch liebte, war das Verhältnis zu seiner Ehefrau deutlich kühler – schon bald nach der Trauung hatte er eh ein promiskuitives Wanderleben begonnen. Die marode Liaison ging schließlich vollends in die Brüche, als sich Irène 1966 der anarchistischen Provo-Bewegung anschloss und Stadträtin in Amsterdam wurde (Scheidung 1968).

Donners letzte Frau war die Anwältin Marian Couterier, die er 1971 ehelichte. Die Verbindung verlief von Beginn in harmonischen Bahnen, und Hein wandelte sich gar zum Familienmensch, eine Tochter kam 1974 zur Welt. Die Ehe währte bis zu Heins Tod.

Polarisierender Charakter mit Bohemien-Charme

Nicht jeder wird sich mit der Persönlichkeit eines Hein Donner identifizieren können, zu ambivalent sind hierfür die Eindrücke, die man bei der Lektüre gewinnt. Donners zwanghafte Streitsucht insbesondere im trunkenen Zustand, sein despektierliches Verhalten gegenüber Meisterkollegen, sein Dominanzgehabe sind Attribute einer merklichen Ungenießbarkeit. Hierzu mögen auch noch sein meist schmuddeliges Outfit und eine nachlässige körperliche Hygiene zählen. Indes gehörte Donner zu einer Spezies, die in der heutigen Schachszenerie ausgestorben ist: Ein echtes Original mit Ecken und Kanten und einem sehr spezifischen Humor. Ein unabhängiger Geist, der sich nicht um Konventionen scherte, der sein Leben lebte, wie er es wollte, auch wenn es (durch übermäßiges Rauchen und Trinken) gesundheitlich bedenklich schien oder er sein soziales Umfeld brüskierte. Und schließlich war er einer der besten und unterhaltsamsten Schachschriftsteller aller Zeiten.

Kontroverse Persönlichkeit meisterhaft biografiert

Alexander Münninghoff - Schriftsteller Journalist Biograph - Glarean Magazin
Biograph ohne Beschönigungen: Alexander Münninghoff

Alexander Münninghoff hat diesen polarisierenden Charakter vortrefflich beschrieben, dabei unangemessene hagiografische Beschönigungen bewusst vermieden. Eine gewisse Nachsichtigkeit des Autors gegenüber seinem biografischen Objekt ist zwar spürbar, aber nicht gravierend. Die englische Übersetzung ist rundum gelungen und – solide Englischkenntnisse vorausgesetzt – flüssig lesbar, zumal der Autor seine Darstellung chronologisch angelegt hat. Vor allem hat er die wichtigste Forderung beherzigt, die ein gutes Buch erfüllen muss: Es darf seine Leserschaft keinesfalls langweilen! Daher gebe ich eine klassische Empfehlung weiter: „Lest die besten Bücher zuallererst; sonst kommt ihr überhaupt nicht dazu, sie zu lesen.“ (Henry David Thoreau)
Neun Seiten Bildtafeln (18 s/w-Fotos aus Donners Leben) und ein Kapitel mit 34 kommentierten Donner-Partien (Recherche/Analysen von Maarten de Zeeuw) komplettieren das Werk. Fehler sind eher selten, lediglich die auf S. 128 mit Nr. 23 referenzierte Partie gegen Kortschnoi sucht man in der Partieauswahl / Kap. 12 vergeblich. ♦

1) Die Runde um die Welt machte die sensationelle Kurzpartie des Chinesen Liu Wenzhe gegen Donner, Olympiade Buenos Aires 1978 (s. S. 265), die erste Partie, die ein Chinese gegen einen westlichen GM gewann. Kommentar Donner: „Now I will be the Kieseritzky of China.”

Alexander Münninghoff: Hein Donner – The Biography, 272 Seiten (engl.), New In Chess, ISBN 978-90-5691-892-7

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Biographien auch über Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies

Andrew Soltis / David Smerdon: Schwindeln im Schach

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Das Maximum aus verlorenen Stellungen holen

von Thomas Binder

Man muss im Schach nicht immer den besten Zug finden. In objektiv verlorenen Stellungen hilft oft nur jener Zug, der den Gegner vor eine schwierige Wahl stellt oder die Gestalt der Partie in unerwarteter Weise wendet. Doch wie geht erfolgreiches Schwindeln im Schach? Die beiden Autoren Andrew Soltis in „How To Swindle In Chess“ und David Smerdon in „The Complete Chess Swindler“ zeigen es uns auf unterhaltsame und lehrreiche Weise.

Der Zufall will es, dass kurz nacheinander zwei renommierte Verlage und ebenso bewährte Autoren Bücher mit nahezu identischem Ansatz herausgebracht haben. Die Großmeister Andrew Soltis aus den USA und David Smerdon aus Australien widmen sich dem Thema „Schwindeln im Schach“. Normalerweise bietet sich jetzt ein Vergleichstest mit einer Kaufempfehlung an, doch hier ergibt sich ein „totes Rennen“. Denn vorweggenommen: Ich habe beide Bücher mit großem Vergnügen gelesen und kann sie uneingeschränkt empfehlen. Das verwendete Partiematerial überschneidet sich nur geringfügig, beide Werke ergänzen sich also hervorragend.

Chancen für schwere Fehler bieten

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Andrew Soltis: How to Swindle in Chess

„Schwindel“ ist zwar sprachlich die sanftere Form der Lüge, doch es wird einem eventuellen Übersetzer schwerfallen, eine passende deutsche Fassung des zentralen Begriffs zu finden. Es geht in beiden Büchern darum, wie man aus objektiv verlorenen – manchmal aufgabereifen – Stellungen das Maximum an Chancen herausholt. Da der nach reiner Lehre „beste Zug“ die Partie unweigerlich verlieren wird, muss man andere Ressourcen ergründen. Es geht darum, dem Gegner die Verwertung seines Vorteils möglichst schwer zu machen, ihm viele Optionen zu lassen, unter denen er die verlockendste (aber falsche) wählen könnte. Da wir die Partie nicht mehr durch eigene gute Züge gewinnen können, müssen wir die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Gegner noch einen schweren Fehler begeht. Das englische Verb „to bamboozle“ beschreibt dies schon lautmalerisch sehr schön und ist eine weitere Herausforderung für den Übersetzer.

Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
David Smerdon: The Complete Chess Swindler

Beide Autoren nähern sich dem Thema in gleicher Weise und finden einen sehr gesunden Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch. Wenn man nach der Lektüre eines Schachbuchs das Gefühl hat, gut unterhalten worden zu sein und dabei etwas praktisch Verwertbares gelernt zu haben – was kann es Schöneres geben?
Sehr zum Verständnis trägt die ausführliche Bebilderung mit Stellungsdiagrammen bei. Sie ist in beiden Büchern so gehalten, dass man den Partien mühelos ohne eigenes Schachbrett folgen kann. Die am Zug befindliche Seite wird bei Soltis noch ganz klassisch mit „White / Black to play“ beschrieben. Smerdon verzichtet im Hauptteil des Buches leider völlig auf die Kennzeichnung des Zugrechts – eigentlich heute Standard in der Schachliteratur.

Geeignet für Vereinsspieler ab 1600 Elo

Umfang und Inhalt der schachlichen Erläuterungen treffen genau den Geschmack des Rezensenten. Natürlich wird schachliches Können und vor allem wohl auch Wettkampferfahrung vorausgesetzt, um sich auf den Ansatz der Werke einzulassen. Doch ab einem mittleren Vereinsspielerniveau, das ich bei einer Elo-Bewertung um 1600 ansetzen würde, kann man allen Gedankengängen folgen und die Bücher mit Genuss und Gewinn lesen. Auch schachbegeisterte Jugendliche sind als Zielgruppe vorstellbar, sofern die Fremdsprache keine wesentliche Hürde darstellt.

Andrew Soltis - How to Swindle in Chess - Batsford Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Einfach gehaltene Erläuterungen: Leseprobe aus Andrew Soltis „How to Swindle in Chess“

Kommen wir auf die äußerlichen Unterschiede: Smerdons Werk ist um ca. 50% stärker, zudem im Format etwas größer. Von den gut 120 zusätzlichen Seiten, entfallen allerdings ca. 80 auf das abschließende Kapitel mit Aufgaben und deren Lösungen. Diese gibt es zwar bei Soltis ebenfalls, aber deutlich knapper und in die Fachkapitel integriert. Abgesehen davon unterscheidet sich die Zahl der vorgestellten Partien weniger als man erwarten könnte. Beide Bücher stellen jeweils ungefähr 100 Beispiele ausführlich vor.

Farbiger Sprachstil vs nüchterne Erklärungen

Das Layout wirkt bei Smerdon insgesamt etwas edler, was aber wohl nicht dem Autor sondern dem jeweiligen Verlagsprogramm zuzurechnen ist. Meist sind auch die Texte bei Smerdon ausführlicher. Rein schachlich ist dies aber nur dort von Belang, wo er im Detail auf abweichende Varianten eingeht. Ansonsten ist eben sein Sprachstil deutlich farbiger als die nüchternen Erklärungen seines amerikanischen Kollegen.

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Anekdoten und Geschichten: Leseprobe aus David Smerdon „The Complete Chess Swindler“

Auch findet sich bei Smerdon manche kleine Anekdote und Geschichte zur vorgestellten Partie. So werden einige Personen der australischen Schachszene porträtiert, die man hier bislang nicht wahrgenommen hatte. Sollten also die Englisch-Kenntnisse des Lesers ein Kaufkriterium sein, wäre hier der einfacher gehaltene Soltis-Text vorzuziehen. Allerdings sind bei diesem Buch noch einige Schreibfehler im Text und in der Notation auszumerzen.

Umfangreicher Bestand an Aufgaben

Wie bereits angedeutet, haben beide Werke einen mehr oder weniger umfangreichen Bestand an Aufgaben und jeweils einen Lösungsteil dazu. Solche Abschnitte findet man heute in fast jedem Schachbuch. Die Meinungen zur Sinnhaftigkeit dieses Formats mögen auseinander gehen. Ich hätte mir gewünscht, dass man lieber einen Teil dieser Partien in aller Ausführlichkeit in den Haupttext integriert hätte. ♦

Andrew Soltis: How To Swindle in Chess, 240 Seiten, Batsford Chess (Pavilion Books), ISBN 978-1849945639

David Smerdon: The Complete Chess Swindler, 368 Seiten, New in Chess, ISBN 978-9056919115

Lesen Sie ausserdem im GLAREAN MAGAZIN zum Thema „Schwindeln im Schach“ den Computerschach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

… sowie zum Thema „Unerwartete Schachzüge“: Der Brilliant Correspondence Chess Move BCCM Nummer 8

Weitere Internet-Links zum Thema Schach

 


English Translation

You don’t always have to find the best move in chess. Often the only thing that helps in objectively lost positions is the move that confronts the opponent with a difficult choice or unexpectedly changes the shape of the game. The authors David Smerdon in „The complete chess swindler“ and Andrew Soltis in „How to swindle in chess“ convey this knowledge in an entertaining and informative way.

It’s a nice coincidence, that two renowned publishers and successful authors recently edited books with an almost identical approach. Grandmasters Andrew Soltis (from US) and David Smerdon (from Down Under) focus on the subject „Swindling in Chess”. Usually this would tender a comparison test, but that would end in dead heat. I read both books with great pleasure and recommend them both without any reservation. The quoted games overlap only to a small extent; so both books complement one another perfectly.

Offer chances to make serious mistakes

„To swindle“ seems to me as a gentle form of „to lie“ or „to betray“, but of course it’s not about something morally reprehensible here. Both books deal with situations on the chessboard where one side is objectively utterly lost. But now it’s time to generate some „swindle“ chances. The „best move“ according to pure teaching or computer evaluation will inevitably lose the game. So we need to set obstacles for the opponent to convert his clear advantage. We offer him as much options as possible to fall into a trap. The word „to bamboozle“ is the perfect onomatopoetic expression for this attitude.
Both authors find the happy medium between education and entertainment. Feeling well entertained and having learned something useful – what can be better?
Both books are well equipped with position diagrams. That makes it easy to understand the examples and to follow the course of the game without using a chessboard.
Soltis marks the side to play with classical comments next to the board. Unfortunately Smerdon doesn’t use any move indicator – actually a standard in today’s chess literature.

Useful for club players with Elo 1600+

Scope and content of the chess-related explanations exactly match the taste of the reviewer. Of course both books require a certain amount of chess skills and competition experience. But medium club players at an Elo-level of about 1600 will be able to follow all lines of thought and read the books with pleasure and profit. Chess-enthusiastic teenagers can profit as well, provided that the foreign language is not a major hurdle to them.

Let’s have a look at the external differences: Smerdon’s book is about 50% bigger and uses a slightly larger format. But about 80 of the 120 additional pages account for the final section with exercises and solutions. These are available at Soltis too, but much more scarce and integrated in the respective chapters. Apart from that, the number of games presented differs less than one might expect. Both books provide about 100 examples in detail.

Colourful style vs sober explanations

The layout looks a bit nobler at Smerdon’s book, but this must be attributed to the publishing program rather than to the author. The texts are a bit more detailed there too. But the difference is chess-related only in the subsidiary variants, not in the game’s main line. Of course his language style is more colourful than the sober explanations of his American colleague. In Smerdon’s text we find lots of small anecdotes and stories about the games presented. Some people from Australian chess scene are portrayed, who have so far not been noticed here in Europe. If the reader’s English knowledge is a purchase criterion, the simpler Soltis text would be preferable. However, some spelling mistakes in the text and in the notation have to be eliminated in Soltis’ book.

Both works have am more or less extended part with tasks and solutions. Such sections can be found in almost every chess book today. The opinions on this format may differ. I would have preferred that some of these examples had been integrated to the main text in greater detail.

Pictures and Links can be found in the text above

Andrew Soltis: Bobby Fischer Rediscovered (Schach)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Ein Schach-Genie im Spiegel seiner Partien

von Ralf Binnewirtz

Dem amerikanischen Grossmeister und Schachautor Andrew Soltis ist mit „Bobby Fischer Rediscovered“, einer nach 17 Jahren merklich verbesserten Zweitauflage, ein beachtlicher Wurf gelungen.
Mit nunmehr 107 herausragenden und ausgewogen kommentierten Fischer-Partien sowie zahlreichen informativen Textbeigaben, die Leben und Werk des legendären Protagonisten erhellen, ist diese Partieauswahl ein unverzichtbarer Bestandteil jeder ernsthaften Fischer-Kollektion.

Bobby Fischer Rediscovered - Andrew Soltis - Batsford Chess - Cover - Glarean MagazinAuch nach dem Tode von Bobby Fischer im Jahre 2008 ist der stetige Strom der Publikationen aller Art über die amerikanische Schachlegende nicht verebbt. Das aktuellste Produkt dieser anhaltenden Faszination ist die runderneuerte Zweitauflage der Partieselektion, die der US-Großmeister und renommierte Schach-Autor Andrew Soltis erstmals 2003 vorgelegt hat. Die im Buchtitel formulierte, auf den ersten Blick etwas kurios anmutende „Wiederentdeckung Fischers“ erklärte der Autor bereits 2003 damit, dass dessen Partien nach drei Jahrzehnten (ab Reykjavik 1972 gerechnet) eine neue Betrachtung und Bewertung mit frischem Blick verdient hätten. Schauen wir uns an, was wir von der im Untertitel so vorgestellten „überarbeiteten, ergänzten und neu analysierten Auflage“ 2020 erwarten dürfen.

Einblicke in Fischers Persönlichkeit

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In der Einleitung („Author’s Note“) blickt Soltis u.a. zurück auf die persönlichen – mal mehr, mal weniger zufälligen – Begegnungen mit dem von ihm bewunderten Schachgenie in der US-Schachszene. Hieraus hat sich allerdings nie eine dauerhafte Bekanntschaft oder gar Freundschaft entwickelt (eine solche wurde bekanntlich nur wenigen Auserwählten zuteil). Eine einmalige Schnellpartie gegen Fischer (1971) verkorkste Soltis in Gewinnstellung zum Verlust, allzu sehr gelähmt von der dominanten Präsenz seines Gegenübers.
Diese kurzen Treffen gewähren bereits interessante Einblicke in Fischers Persönlichkeit. Des Weiteren geben die Einführungen zu den Partien einen informativen Überblick auf den schachlichen Werdegang Fischers, auf dessen Vorlieben, Vorzüge und Schwächen, auf seine fundamentalen schachlichen Grundsätze, die er in kurze Faustregeln zu fassen pflegte, und seine eröffnungstheoretische Vorbereitung. Es sind diese persönlich gefärbten Ausführungen des Autors, bisweilen angereichert mit historischen Bezügen und anekdotenhaften Begebenheiten, die eine besondere Stärke des Buchs ausmachen und erheblich zum Lesevergnügen beitragen. Und dazu, dass der Leser auch den Menschen Bobby Fischer ein wenig kennenlernt.

No smoke, no drinks, no girls

Hierzu ein kurzes Beispiel: Vor dem Interzonenturnier Portoroz 1958 schrieb Fischer-Mutter Regina einen „enthüllenden“ Brief an den Jugoslawischen Schachverband, in dem sie kundtat: „… He [Bobby] would not give simultaneous exhibitions or interviews – and didn’t like journalists ‚who ask non-chess questions‘ about his private life. She volunteered to the Yugoslavs that Fischer didn’t smoke, drink or date girls and ‚doesn’t know how to dance.‘ But, she added, ‚He likes to swim, play tennis, ski, skate, etc.'“ (S. 25)
Selbstredend kann und soll das Buch nicht mit einer echten Biografie konkurrieren, wie sie etwa Frank Brady verfasst hat.

Bobby Fischer Rediscovered - Andrew Soltis - Batsford Chess - Lesebeispiel - Glarean Magazin
Die „Jahrhundertpartie“ gegen Donald Byrne (8. Matchpartie in New York 1956) mit Fischers legendärem Damenopfer, kommentiert von Andrew Soltis

Wenden wir uns dem Hauptteil des Buches zu, den aufgenommenen Partien. Die 100 Games der Erstauflage, in chronologischer Folge angeordnet, finden sich auch in der Neuauflage wieder: Sie umspannen die gesamte Schachkarriere Fischers von der „Jahrhundertpartie“ 1956 gegen D. Byrne bis zur 11. Match-Partie gegen Spasski in Sveti Stefan 1992. Nur etwa ein Viertel dieser Partien ist auch in Fischers eigenem Werk „Meine 60 denkwürdigen Partien“ enthalten. Neu hinzugekommen ist ein Epilog mit 7 weiteren Partien, die bislang „übersehen“ wurden bzw. nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren haben.


Exkurs: Die Partie Bobby Fischer vs Andrew Soltis

… aus dem Jahre 1971 ist vielleicht kein Ruhmesblatt für Grossmeister Soltis. Aber hey, der Gegner hiess Bobby Fischer…

(Mittels Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet sich ein Analyse-Fenster, inklusive Download-Option als PGN-Datei)


Gute Balance zwischen Text und Varianten

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Sämtliche Partien wurden von Soltis gründlich kommentiert, ohne dass sich seine Analysen in weitläufige, unübersichtliche Verzweigungen von Varianten ergehen. Dies und eine ausgewogene Balance zwischen Textkommentierung und Varianten wird die große Mehrheit der Leserschaft zu schätzen wissen. Die Analysen wurden für die Neuauflage beträchtlich überarbeitet, sie beruhen teilweise auf eigenen Bemühungen, teils auf fremden Vorgängeranalysen, was sicherlich nicht kritikwürdig ist. Dies gilt auch für Soltis‘ Entscheidung, keine Verlustpartien Fischers aufzunehmen, sowie nur wenige – dafür hochinteressante – Remispartien.

Bobby Fischer und Mutter Regina - Melonen-Essen in Manhattan - Schach im Glarean Magazin
Teenager Bobby und Mutter Regina beim Melonen-Essen in Brooklyn / New York

Die Markenzeichen von Bobby Fischers Stil, das luzide Positionsspiel, die Fähigkeit, Vorteile zu generieren und diese gnadenlos zu verwerten, die taktische Schlagfertigkeit, all dies verknüpft mit einem unbändigen Siegeswillen, scheinen in all seinen großartigen Partien auf. Dabei zeigt sich, dass Fischer insgesamt nur sehr wenige Opferpartien gespielt hat, auch wenn diese zu seinen bekanntesten gehören mögen.
Mit dieser ausgezeichneten Partieauswahl dürften nicht nur Fischer-Fans voll auf ihre Kosten kommen. Ich kann dieses Buch nur nachhaltig empfehlen – es dürfte die zweitbeste Partiesammlung zu Bobby Fischer sein, die beste stammt halt immer noch vom großen Meister selbst! ♦

Andrew Soltis: Bobby Fischer Rediscovered, 312 Seiten, Batsford, ISBN 978-1-84994-606-3 (engl.)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Genies auch die Anekdoten aus der Welt des Schachs

… sowie zum Thema „Schach in der Zeit des Kalten Krieges“ von Boris Gulko & Viktor Kortschnoi: Der KGB setzt matt

Weitere interessante Internet-Links zu Bobby Fischer:

Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

400 Eröffnungsstellungen für Schach-Kids

von Thomas Binder

Mit „Chess Opening Workbook for Kids“ komplettiert der angesehene englische Schach-Trainer und -Autor Graham Burgess seine Eröffnungs-Trilogie für Kinder. Zuvor hatte er in gleicher Aufmachung die Bücher „Schacheröffnungen für Kids“ und „Schach für Kids – Eröffnungsfallen“ vorgelegt. Es ist zu hoffen, dass auch vom neuesten Werk sehr bald eine deutschsprachige Ausgabe erscheint.

Chess Opening Book for Kids - Graham Burgess - Schachbuch-Cover - Gambit Verlag - Glarean Magazin
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Diesmal hat Burgess den Stoff als „Arbeitsbuch“ aufgearbeitet. Das bedeutet, dass in elf Kapiteln über 400 Eröffnungsstellungen präsentiert und jeweils mit einer konkreten Fragestellung verknüpft werden. Wir blicken in der Regel auf eine Stellung, die nach etwa sieben bis zehn Zügen entstanden ist, manchmal auch etwas später.
Welche Seite am Zug ist, wird durch die Buchstaben „W“ bzw. „B“ neben dem Diagramm angezeigt. Für diese Kennzeichnung fehlt in der Schachliteratur offenbar noch ein Quasi-Standard. Andere Autoren benutzen (neben der klassischen Textform) Pfeile oder farbige Kästchen. Chessbase (der Marktführer der Schachprogramme) setzt auf ein rundes schwarzes oder weißes Symbol rechts unten neben dem Brett.
Einige wenige Illustrationen von Shane Mercer lockern das Buch auf. Davon würde ich mir deutlich mehr wünschen.

Von Taktik bis Strategie

Chess Opening Workbook for Kids - Graham Burgess - Leseprobe Glarean Magazin
Leseprobe aus „Chess Opening Workbook for Kids“ zum Thema „Entwicklung und Zentrum“

Das Material ist nach Themen geordnet. Zunächst gibt es taktische Kapitel, wie Matt, Doppelangriff, Figurenfang oder Königsjagd. Unter dem Oberbegriff „Eröffnungsstrategie“ folgen dann Entwicklung, Zentrumsbeherrschung und Rochade. Das letzte dieser Kapitel ist mit „Does Bxh7+ work?“ überschrieben. Es hätte meines Erachtens allerdings in den Taktik-Abschnitt gehört. Der Leser soll hier unvoreingenommen entscheiden, ob sich das klassische Läuferopfer auf h7 oder h2 in der konkreten Stellung lohnt.
Abschließend gibt es dann noch einige Testaufgaben mit Punktbewertung – ein offenbar unausrottbares Element vieler Schachlehrbücher, dessen Sinn sich mir noch nicht so recht erschlossen hat.

Überlegt ausgewählte Aufgaben

Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Einführung ins Thema. Auch hier trifft Burgess nach Inhalt und Umfang genau ins Schwarze.
Die Aufgaben – je 6 Diagramme auf einer Seite – sind durchweg sehr überlegt ausgewählt. Es werden unterschiedliche Schwierigkeitsgrade bedient, ohne dass unbedingt eine Sortierung nach aufsteigender Schwierigkeit erkennbar ist. Im Rahmen des Kapitelthemas sind die Aufgaben wiederum recht vielfältig. Hervorzuheben ist auch, dass sich der Leser in manchen Fällen auf die Seite des Verteidigers begeben muss, der eine thematische Gefahr abwehrt. Insgesamt bleibt man immer auf einem Niveau, das es dem jungen Schachtalent ermöglicht, die Aufgaben ohne Schachbrett „vom Blatt“ zu bearbeiten. Genau so muss es ja für eine Vorbereitung unter turniernahen Bedingungen sein.
Im Anschluss an jedes einzelne Kapitel folgen dann die Lösungen. Sie werden schmucklos und ohne weitere Diagramme präsentiert. Das fordert die ambitionierten jungen Leser doch etwas mehr heraus, wenn sie auch hier noch allen Varianten folgen wollen. Auch wirken diese Seiten im Kontrast zu den Aufgabenblättern etwas zu eng bedruckt.

Junge Leser und Trainer als Zielgruppen

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Das Workbook wendet sich primär an die im Titel angesprochenen „Kids“, wobei ich die Altersuntergrenze bei 10 Jahren ansetzen würde. Da es aber keine wirklich auf Kinder zugeschnittenen Elemente enthält, können selbst ältere Jugendliche unbefangen damit arbeiten. Ja – man kann es mit wachsender Spielstärke und Erfahrung sicher auch mehrfach zur Hand nehmen. Neben den jungen Lesern sind deren Trainer eine genauso wichtige Zielgruppe. Sie können den hier vorgelegten Aufgabenschatz in ihren Unterricht einbauen oder für individuelle Aufgabenstellungen nutzen. Gerade Trainer mit wenig Literatur im Hintergrund (z.B. in Schulschachgruppen) finden für kleines Geld einen riesigen Aufgabenvorrat zum Eröffnungsspiel.

Geeignet auch fürs Selbststudium

Aus der Sicht des Trainers ist es allerdings etwas schade, dass die einleitenden Züge vor der Diagrammstellung nicht angegeben werden. Ja – das hätte etwas Platz gekostet, würde aber zusätzliche Einsatzmöglichkeiten im Training bzw. bei der Wettkampfvorbereitung eröffnen. Dass die Partiestellungen ohne Quellen angegeben sind, wirkt auf den ersten Blick ungewohnt, aber es geht eben um Eröffnungsstellungen, die so in der Turnierpraxis ungezählte Male auf dem Brett waren.
Fazit: „Chess Opening Workbook for Kids „ist eine sinnvolle Ergänzung zu den bisher vorliegenden Eröffnungsbüchern für Kinder des gleichen Autors. Sowohl für das Selbststudium als auch den Einsatz im Training ist der Band, der über 400 Aufgaben mit angemessen erklärten Lösungen enthält, hervorragend geeignet. ♦

Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids – Schachlehrbuch für Kinder, 128 Seiten, Gambit Publications, ISBN 978-1911465379, 2019

Leseprobe (PDF)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jugend-Schachbücher auch über das Lehrbuch des Circon Verlag: Schachtricks für Kinder

… sowie zum Thema „Schachspielen online“ über Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler


English Translation

400 Opening Positions for Chess Kids

With „Chess Opening Workbook for Kids“ the renowned English chess trainer and author Graham Burgess completes his opening trilogy for children. Previously he had presented the books „Chess Opening Workbook for Kids“ and „Chess for Kids – Opening Traps“ in the same layout. It is to be hoped that a German-language edition of his latest work will also be published very soon.

This time Burgess has worked up the material as a „workbook“. This means that over 400 opening positions are presented in eleven chapters, each linked to a specific question. As a rule we look at a position that was created after about seven to ten moves, sometimes a little later.
Which side is the move is indicated by the letters „W“ or „B“ next to the diagram. Apparently there is still no quasi-standard for this marking in chess literature. Other authors use (besides the classical text form) arrows or coloured boxes. Chessbase (the market leader of chess programs) uses a round black or white symbol at the bottom right of the board.
A few illustrations by Shane Mercer loosen up the book. I would like to see much more of that.

From tactics to strategy

The material is arranged by topic. First there are tactical chapters, such as Matt, double attack, figure catching or king hunting. Under the generic term „opening strategy“, development, centre control and castling follow. The last of these chapters is titled „Does Bxh7+ work? In my opinion, however, it would have belonged in the tactics section. The reader should decide here without prejudice whether the classic runner sacrifice on h7 or h2 is worthwhile in the concrete position.
Finally there are some test exercises with point scoring – an apparently ineradicable element of many chess textbooks, the sense of which I have not yet quite understood.

Thoughtfully selected exercises

Each chapter begins with a short introduction to the topic. Here too, Burgess hits the mark in terms of content and scope.
The tasks – 6 diagrams on each page – have been carefully chosen throughout. Different levels of difficulty are used, without necessarily being sorted according to ascending difficulty. Within the chapter topic the tasks are again quite varied. It should also be emphasized that in some cases the reader has to take the side of the defender who defends a thematic danger. All in all one always stays on a level that allows the young chess talent to work on the tasks „off the page“ without a chessboard. This is exactly how it has to be for a preparation under tournament conditions.
Each chapter is followed by the solutions. They are presented unadorned and without further diagrams. This challenges the ambitious young readers a little bit more, if they want to follow all variants. Also, these pages appear a little too tightly printed in contrast to the task sheets.

Young readers and trainers as target groups

The workbook is primarily aimed at the „kids“ mentioned in the title, whereby I would set the age limit at 10 years. However, since it does not contain any elements that are really tailored to children, even older teenagers can work with it without any bias. Yes – with increasing playing strength and experience you can certainly use it several times. Besides young readers, their trainers are an equally important target group. They can incorporate the wealth of tasks presented here into their lessons or use it for individual tasks. Especially coaches with little literature in the background (e.g. in school chess groups) will find a huge pool of tasks for the opening game for little money.

Also suitable for self-study

From the trainer’s point of view, however, it is a bit of a pity that the introductory moves are not indicated before the diagram is drawn. Yes – this would have taken up some space, but would have opened up additional possibilities for training or competition preparation. The fact that the party positions are given without sources may seem unusual at first sight, but it is about opening positions, which have been on the board countless times in practice.

Conclusion: „Chess Opening Workbook for Kids „is a useful addition to the existing opening books for children by the same author. The volume, which contains over 400 tasks with appropriately explained solutions, is excellently suited for both self-study and training. ♦
(Thomas Binder, http://www.glarean-magazin.ch)

Ausstellungs-Katalog „Schach und Religion“ (Ebersberg)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Geistesgeschichtlicher Blick auf das Schachspiel

von Thomas Binder

An wenigen Tagen im August 2019 fand im Rathaus des oberbayrischen Ebersberg eine Ausstellung unter dem Titel „Schach und Religion“ statt. Trotz Erwähnung auf gemeinhin einflussreichen Homepages hat sie in der klassischen Schach-Öffentlichkeit nur wenig Widerhall gefunden. Nun hat die ausrichtende Schach- und Kulturstiftung ein Begleitbuch zu dieser Schau herausgebracht, das weit über einen Ausstellungskatalog hinaus geht.
Katalogcharakter im herkömmlichen Sinne haben nur die letzten knapp 40 Seiten, auf denen die ausgestellten Exponate (vorwiegend Gemälde und Figurensätze) abgebildet werden. Für diejenigen Werke, die im Textteil des Buches nicht näher besprochen werden, sind die Informationen in diesem Abschnitt leider etwas knapp.

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Cover - Glarean MagazinKommen wir also zum gut 100 Seiten langen Textteil. Hier werden wir nicht etwa auf theologische Abhandlungen stoßen, sondern erfahren unter dem Obertitel „Schach und Religion“ viel Interessantes aus der Geschichte unseres Spiels. Der religiöse Aspekt dient dabei mal mehr, mal weniger als Leitfaden, wird aber oft genug verlassen, und der Blick reicht deutlich weiter.
Wer sich fragt, was denn wohl Schach und Religion miteinander zu tun haben, dem sei aus der Einleitung zu einem Beitrag des früheren DSB-Präsidenten Herbert Bastian zitiert: Er bezeichnet Schach und Religion als „… zwei Kulturfaktoren mit weltumspannender Bedeutung […] Beide geben ihren Anhängern Halt und etwas Familiäres.“

Leseprobe

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Leseprobe - Glarean Magazin
„Schach und Religion“ der Kulturstiftung GHS: Leseprobe aus dem gleichnamigen Ausstellungs-Katalog (Ebersberg 2019)

Autoren mit wissenschaftlichem Anspruch

Den Leser erwarten insgesamt acht Artikel von unterschiedlichem Umfang, denen freilich gemein ist, dass sie von sachkundigen Autoren mit durchaus wissenschaftlichem Anspruch geschrieben wurden. Das mag es dem Leser, der in die Materie gerade erst eintauchen will, hier und da etwas schwer machen. Angesichts der thematischen Vielfalt wird aber wohl jeder historisch interessierte Schachfreund Erkenntnisse und Denkanstöße mitnehmen.

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Der Salzburger Kulturhistoriker Rainer Buland hat mit „Schach – Spiel – Religion“ den Leitartikel (oder neudeutsch: die Keynote) geschrieben. Er gliedert seine Arbeit in fünf Ebenen. Zunächst widmet er sich der Figur des Läufers, der ja in manchen Sprachen eigentlich ein Bischof ist. Dann verweist er darauf, dass viele Theologen dem Schachspiel zugetan waren, es dabei aber im größeren Zusammenhang als Allegorie verstanden und in ihre Lehre einbanden. Dann geht Buland darauf ein, dass das Spiel durchaus zeitweise als Laster angesehen und gegen solche Vorwürfe verteidigt werden musste. Einen großen Umfang nehmen die sehr interessanten Untersuchungen zu der Radierung „Die Schachspieler“ von Moritz Retzsch (1779 – 1857) ein. Schließlich stellt sich der Autor noch der Frage, ob man das Schachspiel selbst als Religion verstehen kann.

Profunde Artikel für Laien und Experten

Herbert Bastian - Schach-Funktionär Buchautor - Glarean Magazin
Verbandsfunktionär, Internationaler Meister, Schachhistoriker: Herbert Bastian

Im zweiten umfangreichen Beitrag beleuchtet Herbert Bastian das Verhältnis von Schach und Religion an Beispielen von den ersten Erwähnungen an bis zur Gegenwart. Bastian ist als profunder Kenner der Kulturgeschichte des Schachspiels nicht zuletzt durch eine umfangreiche Artikelserie in der Zeitschrift „Rochade Europa“ ausgewiesen. Daher an eine breite Leserschaft gewohnt, ist sein Text für den interessierten Laien sogar etwas einfacher nachzuvollziehen, als die doch sehr wissenschaftlichen Ausführungen bei Rainer Buland – gut, dass wir in diesem Katalog beide Herangehensweisen finden.
Den dritten, sehr umfangreichen Artikel verfasste der Altphilologe Wilfried Stroh. Er bietet eine Neuübersetzung (aus dem Lateinischen) sowie eine ausführliche Interpretation der „Schachode“ des Jesuiten und Dichters Jacob Balde (1604 – 1668). Wenn im Vorwort von einem „berühmten Gedicht“ gesprochen wird, verdeutlicht dies die angesprochene Zielgruppe. Als sehr wohl schachhistorisch belesener Interessent, waren mir diese Ode und ihr Autor – Asche auf mein Haupt – bislang völlig unbekannt und selbst der Wikipedia-Eintrag über Balde erwähnt die Schachode mit keinem Wort. Spätestens jetzt ahnt man also, dass die Neuübersetzung und Interpretation dem kritischen Blick der Fachwissenschaft Stand halten wird, ja wohl richtungsweisenden Charakter einer Neubewertung hat. Dementsprechend anspruchsvoll ist für literaturwissenschaftliche Laien allerdings auch die Lektüre des 20 Seiten umfassenden Artikels.

Schachmatt - Geistliche Würdenträger beim Schachspielen - Holzstich von Thure Cederström 1880 - Glarean Magazin
„Schachmatt“ nach einem Holzstich von Thure Cederström 1880: Geistliche Würdenträger beim Schachspielen

Luther und Augustinus beim Schachspielen

Eingebettet in diese drei „großen Brocken“ finden wir fünf kürzere und in all ihrer Unterschiedlichkeit anregende Texte.
Lokalkolorit zum Ort der Ausstellung steuert Georg Schweiger (Vorstand der ausrichtenden Stiftung) mit dem Artikel über die Schachfiguren der Falkensteiner Grafen bei. Bis ins 12. Jahrhundert lässt sich nachweisen, welche Bedeutung das Spiel in dieser Herrscherfamilie und darüber hinaus für Adel und – als Bezug zum Titel der Ausstellung – für den Klerus hatte. In seinem zweiten Beitrag erläutert Schweiger, warum die Heilige Teresa von Avila (1515 – 1582) die Patronin der Schachspieler ist. Auch hier ist Ihr Rezensent peinlich berührt von einer bisherigen Wissenslücke, hatte ich doch bisher nur Caissa gekannt.

GLAREAN MAGAZIN - Muster-Inserat - Banner 250x176Mit zwei kurzen Beiträgen ist der Historiker sowie engagierte Schachspieler und -organisator Konrad Reiss vertreten. Reiss dürfte einer größeren Öffentlichkeit vor allem als Leiter des Schachmuseums in Löberitz bekannt sein. Die beiden Artikel verbinden Schach und Religion in kongenialer Weise mit Reiss‘ mitteldeutscher Heimat. Er stellt uns die Schachallegorie im Dom zu Naumburg vor: Zwei schachspielende Affen an einem Pfeilersims laden zu jeder Art von Interpretation ein. Seinen zweiten Beitrag widmet Reiss der Legende über eine Schachpartie Martin Luthers gegen eine Gruppe von als Bergleute verkleideten Studenten.
Noch weiter zurück führt uns die Kuratorin der Ausstellung Natascha Niemeyer-Wasserer mit ihrem kurzen Exkurs über ein Gemälde von Nicolo di Pietro vom Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, das den Heiligen Augustinus beim Schachspiel zeigt.

Vielfältiger Blick auf die Schachgeschichte

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Ich hoffe, diese kurze Inhaltsübersicht konnte die Neugier der Leser wecken, sich näher mit den Beiträgen dieses Begleitbuchs zur Ausstellung „Schach und Religion“ zu beschäftigen. Den nicht ganz geringen Preis rechtfertigen neben dem Inhalt der Arbeiten auch die zahlreichen Abbildungen und die insgesamt hochwertig anmutende Gestaltung.
Fazit: Weit über einen Ausstellungskatalog hinaus gehend, bietet das Buch vielfältige Blicke auf die europäische Schach-Frühgeschichte. Die Bezüge zur Religion sind dabei Richtschnur, schränken aber die Vielfalt der Betrachtungen nicht ein. Auch wer sich schon intensiver mit der Historie des königlichen Spiels beschäftigt hat, wird viele neue Erkenntnisse gewinnen, muss sich freilich an einigen Stellen auf das sprachliche Niveau einer wissenschaftlichen Arbeit einstellen. ♦

Schach und Religion – Katalog zur Ausstellung in Ebersberg, Schach- und Kulturstiftung G.H.S., 144 Seiten, ISBN 978-3-00-063173-3

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachgeschichte auch über
Gerhard Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs

.

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Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Zu ausschweifend, zu fehlerhaft

von Thomas Binder

Wie viele Einsteiger-Lehrbücher in den letzten zehn Jahren über meinen Schreibtisch wanderten, habe ich nicht nachgezählt. Und doch wird man immer wieder mit neuem Herangehen an dieses Thema konfrontiert.
Der aktuellste Versuch heisst „Schach spielen mit Niveau“, im Untertitel „Bewährte Regeln und Strategien für Anfänger und Fortgeschrittene“. Als Autor fungiert Axel Gutjahr aus dem thüringischen Stadtroda.

Axel Gutjahr - Schach spielen mit Niveau - Cover Anaconda Verlag - Glarean MagazinAls Schachspieler, -trainer oder -autor ist Gutjahr meines Wissens bisher nicht hervorgetreten. Auch wird er im Buch nicht näher vorgestellt. Allerdings sind im gleichen Verlag aus seiner Feder und mit entsprechend identischem „niveauvollen“ Titel auch Lehrbücher zum Skat und zum Doppelkopf erschienen. Gutjahr arbeitet also offenbar als Ratgeber-Autor in einem etwas breiteren Feld, und den Eindruck eines Ratgebers wird man auch bei der Lektüre immer wieder haben. Im gleichen Stil könnte der Autor wohl auch Kochrezepte oder Anleitungen für Heimwerker verfassen…

Wortreich und umständlich

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Was bedeutet das? Es bedeutet vor allem, dass wir sprachlich und teilweise auch satztechnisch ein Buch vor uns haben, dass sich von sonstiger Schachlektüre stark unterscheidet. Gutjahr schreibt wortreich und ausschweifend – als schachlich gewandter Leser könnte man auch „umständlich“ sagen. Gewöhnungsbedürftig ist auch die Notation, bei der er die Halbzüge eines Zugpaares mit einem Bindestrich trennt: 1.e4 – e5 2. Sf3 – Sc6. Das sind natürlich Äusserlichkeiten, doch das Vertrauen in den Anspruch des Untertitels wird dabei nicht unbedingt gefestigt.
Schauen wir kurz durch die einzelnen Kapitel des Buches: Es beginnt natürlich mit den Spielregeln, angefangen beim Brettaufbau und schon mit Einschluss der technischen Matts. Nach etwa 30 Seiten Text haben wir die Grundregeln also erlernt. Wie schon angedeutet, wird alles sehr ausführlich und verschwurbelt in langen Texten verpackt.
Leider gibt es mindestens einen gravierenden Fehler bei der Erklärung des Remis durch Stellungswiederholung. Dieses kommt nur als „Dauerschach“ vor und verlangt zudem eine Wiederholung der gleichen Züge. Spätestens an dieser Stelle war mein Vertrauen in das Buch unwiederbringlich erschüttert.

Grundlegende Schach-Techniken

Auf den nächsten knapp zehn Seiten geht es um grundlegende Techniken wie Fesselung und Gabeln, natürlich auch wieder sehr ausschweifend erklärt. Lebhafter wird es auf den nächsten sechs Seiten mit der Präsentation einiger bekannter und immer wieder beeindruckender Mattkombinationen, etwa das Libellenmatt, Bodens Matt oder jenes der Anastasia. Diese in Schachkreisen bekannten Bezeichnungen kommen in der ausführlichen Beschreibung der Kombinationen allerdings nicht vor.

Leseprobe aus Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau (Anaconda Verlag 2019) Glarean Magazin
Leseprobe aus Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau (Anaconda Verlag 2019)

In der Folge geht es um die drei Teile der Schachpartie: Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel. Mit Abstand den grössten Rahmen nimmt dabei die Eröffnung ein. Etwa 40 Seiten widmet Gutjahr diesem Abschnitt. Das Wichtigste steht dabei auf jener einen(!) Seite, auf der die Grundprinzipien des Partieanfangs erklärt werden: Figurenentwicklung, Besetzung des Zentrums und Königssicherheit.
Den gleichen Raum verwendet Gutjahr darauf, zu erklären, warum nach 1.e4 e5 2.Sf3 der Zug 2.- Ld6 nicht eben zu empfehlen ist (der zudem per Druckfehler als 2.- Lf6 vorgestellt wird). Es folgen grundlegende Varianten und kurze Erläuterungen zu einigen willkürlich ausgewählten Systemen. Hier hat man stellenweise den Eindruck eines gediegenen Schachbuches – um gleich danach zwei(!) Seiten lang vor den beiden Narrenmatts 1.f3 e5 2.g4?? Dh4# und 1.e3 e5 2.Dh5 Ke7?? 3.Dxe5# gewarnt zu werden.

Oberflächliche Endspiel-Behandlung

FAZIT: „Schach spielen mit Niveau“ von Axel Gutjahr ist ein Einsteiger-Lehrbuch im Ratgeber-Stil, das zwiespältige Eindrücke hinterlässt. Wer als Erwachsener auf dem Weg über ein Buch im Selbststudium das königliche Spiel erlernen will, mag es mit diesem sehr preiswerten Buch versuchen.

Es folgen ca. zehn Seiten über das Mittelspiel. Anhand ausgewählter Partieverläufe stellt der Autor das Zusammenspiel der Figuren in den Blickpunkt. Dieser Ansatz, bei dem die ausführlichen Erläuterungen zur Stärke reifen können, hätte deutlich mehr Umfang verdient.
Das Endspiel-Kapitel ist nicht ganz 20 Seiten lang, beschränkt sich dabei auf einfache Endspiele und bleibt allgemein sehr an der Oberfläche.
Im letzten grösseren Kapitel stellt Axel Gutjahr schliesslich einige Partien von Weltmeistern vor. Die Auswahl fiel (in dieser Reihenfolge) auf Lasker, Capablanca, Fischer, Menchik, Aljechin, Zsuzsa Polgar, Spasski und Kasparow.

Ansprechende Buchgestaltung

Das insgesamt ansprechend gestaltete und durchweg vierfarbig gedruckte Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Wenn sich der Autor an dem Anspruch „… für Anfänger und Fortgeschrittene“ messen lässt, wird er wohl den ersteren längst nicht alle Fragen beantworten, während die anderen nicht mehr viel Erkenntnisgewinn aus dem Werk ziehen können.

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Als Leser kommen erwachsene Schach-Einsteiger in Frage – für ein Kinderbuch fehlen jegliche unterhaltenden oder spielerischen Elemente –, die das königliche Spiel im Selbststudium mittels eines Buches erlernen wollen. Ob diese Klientel gross genug ist, kann man angesichts der zahlreichen anderen Möglichkeiten bezweifeln.
Zudem hätte man sich aus deren Sicht noch einen Ausblick gewünscht, der dem Leser den Weg in einen Schachklub oder zu einem passenden Turnier ebnet. Die Fragen „Wie finde ich den passenden Schachverein und was erwartet mich dort?“ und „Was muss ich wissen, wenn ich mich an mein erstes Turnier wage?“ werden leider nicht beantwortet.
Zusammengefasst: „Schach spielen mit Niveau“ von Axel Gutjahr ist ein Einsteiger-Lehrbuch im Ratgeber-Stil, das zwiespältige Eindrücke hinterlässt. Wer als Erwachsener auf dem Weg über ein Buch im Selbststudium das königliche Spiel erlernen will, mag es mit diesem sehr preiswerten Buch versuchen. ♦

Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau – Bewährte Regeln und Strategien für Anfänger und Fortgeschrittene, Anaconda Verlag, 144 Seiten, ISBN 978-3730607633

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachpädagogik auch das
Interview mit dem Schach-Autor Reinhold Ripperger

… sowie zum Thema Schach-Tricks über
Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis

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Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess (Schach)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 13 Minuten

Herausragende Schach-Kommentierung

von Thomas Binder

Wenn sich vortreffliche Fähigkeiten sowohl als Schachtrainer wie als Autor positiv ergänzen, ist das für den Leser der so entstandenen Bücher ein Glücksfall. Ein solcher Glücksfall ist der amerikanische Schach-IM Cyrus Lakdawala für uns Schachbuch-Konsumenten. Als neuestes Werk aus seiner Feder liegt nun „Winning ugly in chess“ vor.
Der Untertitel „Playing badly is no excuse for losing“ und auch der Satz aus dem Klappentext „The next time the wrong player wins, you will be that player!” wecken dabei allerdings eine Erwartung, die man nicht zu wörtlich nehmen sollte.

Ressourcen in nachteiligen Stellungen

Cyrus Lakdawala - Winning ugly in Chess - New In Chess - Cover - Glarean MagazinEs geht hier natürlich nicht um schmutzige Tricks. Wir lernen vielmehr, dass auch in nachteiligen Stellungen oft noch Ressourcen schlummern, mit denen man dem Spiel eine unerwartete Wende geben kann. Auch für die Gegenseite gibt es hilfreiche Tipps, wie man den verdienten Sieg absichert und sich gegen unliebsame Überraschungen wappnet.
Lakdawala präsentiert uns 67 Partien von Klassikern bis zum Jahr 2018 einschließlich eines Ausblicks in die Alpha-Zero-Ära. Das Spektrum der Spielstärke reicht von den Weltmeistern bis zu Lakdawalas Schülern im Bereich um Elo 2000. Dabei haben die Partien gemein, dass der Vorteil oft mehrfach hin und her wechselt.Der Kampf wird immer aus Sicht beider Parteien beleuchtet – eben keine ausgesuchten Musterpartien, sondern Schach aus dem richtigen Leben.

Rekordpartie Nikolic-Arsovic 1989

Hervorheben möchte ich die Rekordpartie Nikolic-Arsovic von 1989, mit 269 Zügen die längste Turnierpartie der Geschichte. Sie wird ja oft nur als Kuriosität vermerkt, hier aber seriös analysiert. Allerdings tut der Autor den Spielern Unrecht, wenn er ihnen mehrfach vorwirft, die 50-Züge-Regel nicht in Anspruch genommen zu haben. Diese war gerade zu jener Zeit und für diesen Endspieltyp außer Kraft gesetzt.
(Wir bringen nachfolgend die gesamte Partie, versehen mit der automatischen Kommentierung durch Stockfish, eines der führenden aktuellen Schachprogramme; für jene die sich das Buch zulegen, wäre es reizvoll, Lakdawala’s Kommentare mit jenen des Computers zu vergleichen):

67 Partien auf 330 Seiten

67 Partien auf ca. 330 Seiten – wir bekommen also jeweils ausführliche Kommentare geboten. Dabei legt Lakdawala den Schwerpunkt auf Erklärungen in Textform. Varianten untermauern lediglich das Gesagte, sind dabei immer überschaubar und nachvollziehbar. Das zweispaltige Layout wirkt harmonisch und erleichtert die Lektüre.

Cyrus Lakdawala - Caruana, Move by Move - Everyman Chess
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Neben dem reinen Kommentar sind in jeder Partie drei weitere Stilmittel zu finden, die den erfahrenen Trainer erkennen lassen:

  • Moments of Contemplation: Hier wird die Stellung an kritischen Wendepunkten betrachtet, werden die Pläne beider Seiten vorgestellt. Auch der Leser sollte sich diesen Moment der Besinnung nehmen.
  • Exercises: Hier werden wir direkt aufgefordert, uns für eine Fortsetzung (nicht unbedingt nur den nächsten Zug, sondern oft einen weiterführenden Plan) zu entscheiden. Kleiner Kritikpunkt an dieser Stelle: Da die Partiefortsetzung unmittelbar in der Notation folgt und per Zeichensetzung bewertet wird, kann man kaum vermeiden, sie bereits im Blick zu haben.
  • Principles: An passenden Stellen ruft der Trainer die bekannten Prinzipien in Erinnerung, wie z.B. „Öffne das Spiel, wenn du Entwicklungsvorsprung hast.“

Breites Leistungsspektrum

In Summe bekommen wir herausragend kommentierte und für Schachspieler in einem breiten Leistungsspektrum lehrreiche Partien. Vom fortgeschrittenen Vereinsspieler (Niveau um 2000) bis zum ambitionierten 1500er wird niemand das Buch enttäuscht aus der Hand legen. Die folgende Leseprobe verdeutlicht diese Einschätzung:

Cyrus Lakdawala - Winning ugly in Chess - New In Chess - Leseprobe - Glarean Magazin
Leseprobe aus Cyrus Lakdawala: Winning ugly in Chess

Einzigartiger Plauderton

FAZIT: Für die neue Schach-Monographie von Cyrus Lakdawala: Winning ugly in chess darf man eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen. Die Qualitäten von Lakdawala sowohl als Trainer als auch als Autor ergänzen sich hervorragend. Und Lakdawalas Kommentare gehen weit über das rein Schachliche hinaus. Immer wieder nimmt er Anleihen im Alltag, in der Literatur oder beim Film. Dieser Plauderton sucht in der Schachliteratur seinesgleichen und verleiht diesen 67 ausführlich und lehrreich kommentierten Partien einen zusätzlichen Reiz. Prächtige Schach-Unterhaltung!

Vom Trainer zum Autor Lakdawala: Er redet mit uns in einem Plauderton, der in der Schachliteratur seinesgleichen sucht. Nicht alles, was er schreibt ist „political correct“ – so kommt auch ein gut Stück Persönlichkeit herüber. Man wähnt in Lakdawala bald einen guten Freund, den man schon lange kennt. Dass der Autor allerdings bei einer eigenen(!) Partie die dem Namen nach offensichtlich weibliche Gegnerin konsequent als „he“ adressiert, ist gewiss nur ein Versehen. Das Phänomen, den Gegner immer mit „er“ zu beschreiben, auch wenn es sich um eine Frau handelte, hat der Rezensent auch selbst schon bei vielen Schachfreunden – selbst bei Kindern – bemerkt.
Lakdawalas Kommentare gehen weit über das rein Schachliche hinaus. Immer wieder nimmt er Anleihen im Alltag, in der Literatur oder beim Film. Dass da der mitteleuropäische Leser an einigen Stellen die Bezüge nicht ganz auflösen kann, ist dem Autor natürlich nicht vorzuwerfen.

Unterhaltsam und lehrreich

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Das Buch liegt gegenwärtig nur im englischen Original vor. Wer mit fremdsprachigen Schachbüchern oder Internet-Quellen vertraut ist, wird kein Problem damit haben. Allerdings braucht es für das restlose Verstehen des ganzen Textes – einschließlich aller gedanklichen Abschweifungen – doch etwas mehr Sprachkompetenz, als bei englischsprachigen Schachbüchern sonst. Dem rein schachlichen Erkenntnisgewinn tut es jedoch keinen Abbruch, wenn man hier oder da sprachlich abgehängt wird.
Nach dem Lesen des Buches fühlt sich der Rezensent prächtig unterhalten und glaubt sogar, dass er etwas gelernt hat. Wenn ich also das nächste Mal eine Schachpartie gewinne, dann vielleicht gerade deshalb, weil nicht „the wrong player wins“.
Lakdawala kündigte jüngst in einem Interview der Zeitschrift SCHACH weitere Buchprojekte an. Spannung und Vorfreude der Leserschaft sind ihm gewiss. ♦

Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess, 336 Seiten, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-828-6

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Training auch über
Franco Zaninotti: Aus Fehlern lernen

… sowie zum Thema Schach-Kommentare über
Siegbert Tarrasch: Das Schachspiel


English Translation

Outstanding Chess Comments

by Thomas Binder

If excellent skills complement each other positively both as a chess trainer and as an author, this is a stroke of luck for the reader of the books thus created. Such a stroke of luck is the American chess IM Cyrus Lakdawala for us chess book consumers. The latest work from his pen is „Winning ugly in chess“.
The subtitle „Playing badly is no excuse for losing“ and the sentence from the blurb „The next time the wrong player wins, you will be that player!

Resources in disadvantageous positions

Of course, this isn’t about dirty tricks. Rather, we learn that even in disadvantageous positions, there are often resources that can be used to give the game an unexpected turn. There are also helpful tips for the other side on how to secure your deserved victory and arm yourself against unpleasant surprises.
Lakdawala presents 67 games of classics through 2018, including a glimpse into the Alpha Zero era. The range of the playing strength reaches from the world champions to Lakdawala’s students in the area around Elo 2000. The games have in common that the advantage often changes back and forth several times. The fight is always illuminated from the point of view of both parties – no selected sample games, but chess from real life.

Record game Nikolic-Arsovic 1989

I would like to highlight the record game Nikolic-Arsovic from 1989, with 269 moves the longest tournament game in history. It is often only noted as a curiosity, but here it is analysed seriously. However, the author does the players wrong by repeatedly accusing them of not having made use of the 50-move rule. This rule was suspended at that time and for this type of endgame.
(We bring below the whole game, provided with the automatic comment by Stockfish, one of the leading current chess programs; for those who buy the book, it would be appealing to compare Lakdawala’s comments with those of the computer):

(See PGN game above)

67 games on 330 pages

67 games on approx. 330 pages – so we always get detailed comments. Lakdawala focuses on explanations in text form. Variants only support what has been said and are always clear and comprehensible. The two-column layout is harmonious and makes reading easier.

Beside the pure commentary there are three further stylistic devices in each game, which let the experienced trainer recognize:

Moments of Contemplation: Here the position at critical turning points is examined and the plans of both sides are presented. The reader should also take this moment of reflection.
Exercises: Here we are directly asked to decide for a continuation (not necessarily only the next move, but often a further plan). A small point of criticism at this point: Since the continuation of the game follows immediately in the notation and is evaluated by punctuation, one can hardly avoid having it already in view.
Principles: In appropriate places, the trainer recalls the familiar principles, such as „Open the game if you have a head start in development“.

Wide range of services

All in all, we get outstandingly commented and instructive games for chess players in a wide performance spectrum. From the advanced club player (level around 2000) to the ambitious 1500 player nobody will put the book disappointed out of hand. The following sample illustrates this assessment:

Unique chat tone

From trainer to author Lakdawala: He talks to us in a chatty tone that has no equal in chess literature. Not everything he writes is „politically correct“ – this is how a good piece of personality comes across. In Lakdawala you soon think of a good friend you’ve known for a long time. But the fact that the author consistently addresses his obviously female opponent as „he“ in his own (!) game is certainly only an oversight. The phenomenon of always describing the opponent with „he“, even if it was a woman, has already been noticed by the reviewer himself with many chess friends – even with children.
Lakdawala’s comments go far beyond the pure chess. Again and again he borrows from everyday life, literature or film. The fact that the Central European reader cannot completely dissolve the references in some places is of course not to be reproached to the author.

Entertaining and instructive

The book is currently only available in the English original. Who is familiar with foreign chess books or Internet sources will have no problem with it. However, for the complete understanding of the whole text – including all mental digressions – a little more language competence is needed than with English chess books otherwise. The purely chess knowledge gain, however, is not affected by being lost here and there linguistically.
After reading the book the reviewer feels splendidly entertained and even believes that he has learned something. So the next time I win a game of chess, maybe it’s precisely because „the wrong player wins“.
Lakdawala recently announced further book projects in an interview with the magazine SCHACH. He is sure of the excitement and anticipation of the readership. ♦

Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess, 336 pages, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-828-6

Christian Mann: Schach – Die Welt auf 64 Feldern

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Tour de Force durch die Schachwelt

von Ralf Binnewirtz

Der Autor Dr. Christian Mann, Professor für Alte Geschichte in Mannheim und Internationaler Meister im Schach, legt mit seinem Taschenbuch „Schach – Die Welt auf 64 Feldern“ seinen schachliterarischen Erstling vor. Der Klappentext deutet an, dass der Leser einen facettenreichen Überblick über die Welt des Schachs erwarten darf, realisiert in einem kleinformatigen Büchlein von lediglich 128 Seiten – zweifellos ein ambitioniertes Unterfangen. Hierbei werden noch 24 Seiten verwendet für „Vorspann“ und Inhaltsangabe, Spielregeln/Notation, Glossar, Register, Literaturverzeichnis sowie eine Auflistung der Weltmeister am Ende des Buchs.

Christian Mann - Schach - Die Welt auf 64 Feldern - Beck Verlag - Rezensionen Glarean MagazinDas Buch dürfte insbesondere Einsteiger in das Gebiet des Schachs ansprechen, zumindest suggeriert dies das aufgenommene, gut neun Seiten beanspruchende Regelwerk. Aber auch allen Schachfreunden, die sich kurz über die Geschichte des Schachs, über Randgebiete bzw. kulturelle Aspekte des Spiels informieren möchten, dürfte es als erste Auskunftsquelle dienlich sein. (Hier finden sich die exakten Inhaltsangaben des Bandes).

Faszination Schach

Zum Auftakt beleuchtet der Autor zwei entscheidende Stellungen aus WM-Partien der Vergangenheit. Es folgen mehr oder weniger kurze Betrachtungen des Autors zur politischen Instrumentalisierung des Schachs, zur Einordnung als Sport, Spiel, Wissenschaft oder Kunst, zum Auftreten in Literatur und Film, zu Schachcomputern usw. bilden Appetitanreger auf Themen, die in späteren Kapiteln ausführlicher behandelt werden. Leider mit nur wenigen Zeilen bedacht ist das Thema Problemschach. Ich hätte es begrüßt, wenn der Autor diesem künstlerischen Zweig des Schachs an späterer Stelle etwas mehr Beachtung geschenkt hätte, zumal manch anderes Thema im Buch vergleichsweise ausführlich behandelt wird.1) Im Literaturverzeichnis wird „Die Schwalbe – Zeitschrift für Problemschach“ angeführt, dieses Vereinsorgan ist aber vor allem für fortgeschrittene Problemfreunde geeignet, zudem erhält man die Zeitschrift nur regelmäßig als Mitglied der Schwalbe, deutsche Vereinigung für Problemschach e.V.

Geschichte des Schachs

Prof. Dr. Christian Mann - Schach-Autor - Glarean Magazin
Historiker, Autor, Schachmeister: Prof. Dr. Christian Mann

Vom mythen- und legendenumrankten Ursprung des Schachs im ostasiatischen Raum2) und der weiteren Ausbreitung des Spiels nach Europa führt uns der Autor sukzessive auf der Zeitachse voran: Von der Rolle des Schachs im Mittelalter, die Dynamisierung des Spiels durch die Metamorphose von Dame und Läufer in langschrittige Figuren gegen Ende des 15. Jahrhunderts und die weitere Entwicklung über Philidor bis ins 19. Jahrhundert. Wer über die teils konzise Darstellung hinaus weiter reichende Kenntnisse erwerben will, muss auf andere schachhistorische Werke zurückgreifen. Indes gilt dies analog für das gesamte Buch.
Die nachfolgenden Unterkapitel widmen sich der Zeit ab 1851 (erstes Schachturnier der Neuzeit in London) bis zur Gegenwart und damit den klassischen Schachweltmeistern von Wilhelm Steinitz bis Magnus Carlsen. Nicht berücksichtigt werden die FIDE-Weltmeister aus der Zeit des Schismas 1993 bis 2005. Gelegentlich nimmt der Autor die Gelegenheit wahr, Ereignisse der Vergangenheit etwas näher ins Visier zu nehmen: Zum Beispiel bei Aljechin, der 1941 mit antisemitischen Schriften gegen jüdische Schachspieler agitiert hat, wobei er u.a. auch einen Emanuel Lasker verunglimpfte. Bei der Lektüre dieser Passage ist dem Rezensenten der frappierende „Sinneswandel“ aufgefallen, den Aljechin hier vollzogen hat. Denn letzterer hatte noch wenige Jahre zuvor (in Nottingham 1936) denselben Lasker mit Worten der Wertschätzung und aufrichtigen Bewunderung gewürdigt.3)

Leben und Denken des Schachspielers

Immense Bedeutung für die theoretische Vorbereitung: Der Schachcomputer bzw. die moderne Schachsoftware
Immense Bedeutung für Partieschach On-the-Board: Der Schachcomputer bzw. die moderne Schachsoftware

Der Autor zeigt zunächst auf, warum Schach als Sport einzustufen ist, bespricht die diversen Formate von Turnieren und Wettkämpfen sowie Bedenkzeitregelungen. Das hier vermittelte fundamentale Wissen mag teilweise etwas trocken erscheinen, ist aber gerade für Einsteiger sehr wertvoll, um in den Schachmedien das Geschehen im nationalen oder internationalen Schachzirkus verfolgen zu können. Die finanziellen Einkunftsmöglichkeiten, insbesondere für diejenigen, die nicht den Top 100 zugehören, wirken ernüchternd. Das Ranglistensystem auf Basis der Elo-Zahlen wird ebenso erläutert wie die durch Erfüllung von Normen erzielbaren Titel für Männer und Frauen.
Im Unterkapitel „Training und Wettkampf“ wird vor allem die immense Bedeutung hervorgehoben, die der Computer im Partieschach gewonnen hat: bei der Vorbereitung auf den Gegner, in der häuslichen Ausarbeitung von Eröffnungsneuerungen, bei der nachträglichen Analyse.4) Als Antidot für ein überhandnehmendes „Retortenschach“ wird das auf Bobby Fischer zurückgehende Schach960 vorgeschlagen.

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In „Die Gedanken eines Schachspielers: das Geheimnis von Spielstärke“ widmet sich der Autor vornehmlich den drei schachspezifischen Fähigkeiten des Spielers: Dem (Theorie-)Wissen, der Rechenfähigkeit am Brett und dem Schachgefühl, der intuitiven Einschätzung von nicht exakt berechenbaren Stellungen. Zur Entwicklung der Schachlehre, insbesondere des Positionsspiels, schlägt der Autor einen großen Bogen von Steinitz bis zu den Vertretern der Moderne, d.h. John Watson, Jonathan Rowson und Willy Hendriks mit ihren schachliterarischen Bestsellern. Der Autor beendet diesen Abschnitt mit der Betrachtung von drei kritischen Stellungen aus der 5. WM-Partie 2008, Kramnik – Anand.
Die letzten Schwerpunkte des Kapitels, „Psychologie, Doping und Computerbetrug“ sowie „Genie“ und „Wahnsinn“, sollen gleichfalls nur kurz erwähnt sein. Bei letzterem ist so manche Darstellung klischeebehaftet bzw. entbehrt der sachlichen Grundlage. Dass Schachspieler auch außerhalb ihrer eigenen Sphäre zu herausragenden Leistungen imstande sein können (entgegen einer pauschalen Aussage Einsteins), belegt der Autor an einigen Beispielen.

Schach in der Gesellschaft

Unter der Überschrift „Schach im Alltag und in der Wissenschaft“ bündelt der Autor vielfältige Themen, vom Schach in der Werbung über schachmathematische Probleme bis hin zu Schach in der Psychologie, Debatten über Talent und Lernen sowie dem Nutzen von Schach für die kindliche Entwicklung (Schach an Schulen). Ein eingestreuter ca. halbseitiger Exkurs zur heiligen Theresia von Ávila, einer mittelalterlichen Mystikerin, die posthum (1944) zur Schutzpatronin der Schachspieler avancierte, scheint dem Rezensenten im gegebenen Kontext allerdings entbehrlich.

Thomas Glavinic - Carl Haffners Liebe zum Unentschieden - Roman deutscher taschenbuch verlag
Bedeutsamer Roman-Erstling von Thomas Glavinic aus der Psycho-Welt des Schachspiels: „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“

In den Fokus des Autors rücken schließlich „Lebensunfähige Genies und zynische Meisterdenker“, d.h. „Schach in Literatur, Film und Kunst“. Aus der Fülle der Schachbelletristik werden vier Werke selektiert und besprochen: Stefan Zweigs „Schachnovelle“, Vladimir Nabokovs „Lushins Verteidigung“, Thomas Glavinics „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ sowie „Die Schachspieler von Buenos Aires“ von Ariel Magnus. – Schachszenen in Filmen gibt es unzählige, aber nur relativ wenige Filme, deren Handlung maßgeblich vom Schach bestimmt wird – der Autor kann einige Beispiele benennen und kurz vorstellen. –
Im Abschnitt über bildende Kunst beleuchtet der Autor exemplarisch das „Reunion“-Projekt von Marcel Duchamp und John Cage, bei dem die Züge von Schachpartien in Musik transformiert werden. Vielleicht wäre hier noch die japanische Fluxus-Künstlerin Takako Saito eine Erwähnung wert gewesen, die sich in der Nachfolge von Duchamp wie kein(e) andere(r) um die Verbindung von Schach und Kunst („Fluxchess“) bemüht und verdient gemacht hat.5)

Schach und die Gender-Frage

Mit „Ein brisantes Thema: Schach und Geschlechterbeziehungen“ hat sich der Autor einem in der sonstigen Schachliteratur wenig bedachten Sujet angenommen, das in den Online-Medien immer wieder auftaucht und oft heftig disputiert wird, ohne dass ein übergreifender Konsens in Reichweite scheint.
Die „Drosophila der Künstlichen Intelligenz“: „Computerschach vom ‚Schachtürken‘ bis zu AlphaZero“ gibt hiernach einen Überblick über die Entwicklung des Computerschachs von der Geschichte über den „getürkten“ Schachautomaten des Baron von Kempelen im 18. Jh. bis zum aufsehenerregenden jüngsten Produkt der technischen Entwicklung, dem selbstlernenden Programm AlphaZero bzw. dessen Open-Source-Variante „Leela“. Es ist noch nicht abzusehen, welche futuristischen Möglichkeiten der technischen Anwendung sich hieraus auch auf außerschachlichen Feldern ergeben könnten.

Informativer Überblick

Insgesamt hat der Autor sein Anliegen, den Mikrokosmos des Schachs mit seinen vielfältigen Aspekten und Verknüpfungen zu anderen (kulturellen, gesellschaftlichen) Bereichen im Taschenbuchformat zu präsentieren, routiniert und sachkundig umgesetzt. Aus nicht allzu ferner Zeit fällt vor allem ein weiteres Buch mit vergleichbarer Zielsetzung – indes höherem Anspruch – ins Auge: Michael Ehn, Hugo Kastner: „Alles über Schach“ (Hannover 2010), das aber aufgrund der unterschiedlichen Aufmachung (Format, Umfang, reichhaltige u. teils farbige Bebilderung) keinen echten Vergleich zulässt. Ähnliches gilt für das bereits 35 Jahre alte SCHACH – Spiel Sport Wissenschaft Kunst (hrsg. von Helmut Pfleger/Horst Metzing, Hamburg 1984), das natürlich in verschiedenen Teilen nicht mehr aktuell sein kann.

Sorgfältige Recherche

FAZIT: Insbesondere für Einsteiger und Amateure erscheint „Schach – Die Welt auf 64 Feldern“ von Christian Mann durchweg sehr nützlich und wertvoll, und es bietet so manchen Blick über den Tellerrand in weniger alltägliche Gefilde des Schach-Kosmos. Einzelne mehr oder weniger bedeutsame Lücken können vielleicht in einer späteren Auflage gestopft werden. Insgesamt erhält der Käufer einen gehaltvollen und instruktiven Überblick über die Welt des Schachs zum kleinen Preis, so dass ich dieses Bändchen gerne weiterempfehle.

Die Fülle des Stoffs im vorliegenden Buch wurde vom Autor – soweit für den Rezensenten erkennbar – sorgfältig recherchiert und aufbereitet. Schwerpunktsetzung oder Gewichtung von Themen/Details sind der unvermeidbar subjektiven Wahl des Autors geschuldet, ich vermute, die Mehrzahl der Leser wird sich mit der getroffenen Auslese anfreunden können. Ein ernster Wermutstropfen bleibt die sehr spärliche Berücksichtigung des Kunstschachs. Ein wenig unterrepräsentiert ist auch das Gebiet der Schach-Varianten, wo lediglich das Schach960 angesprochen wird. Hier besteht bisweilen eine Überlappung mit dem Märchenschach (z.B. beim Räuberschach = Schlagschach).

Angenehmer Lesefluss

In Stil und Diktion ist das Buch ausgewogen und gut verständlich, so dass ein angenehmer Lesefluss resultiert. Von den 22 Abbildungen des Buchs entfallen 19 auf Schachdiagramme, hier hätte man die Attraktivität durch Aufnahme weiterer Illustrationen/Fotos noch etwas steigern können. Sachliche Fehler sind mir nicht aufgefallen, eine kleine Unstimmigkeit auf S. 67 bezüglich der Abb. 4 + 5 („linke/rechte Stellung“ statt richtig „obere/untere …“) ist kaum der Rede wert.
Das Verzeichnis „Literatur und Webseiten“ (mit kurz kommentierten Literaturangaben) scheint mir etwas knapp bemessen und in der Auswahl nicht immer optimal. Vereinzelt könnte die genannte Literatur etwas aktueller sein, wie im Fall des schachhistorischen Werks von Joachim Petzold.
Im Buch unerwähnt bleiben andersartige Aktivitäten von Schachfreunden, die sich abseits des Kampfs am Brett abspielen und nicht immer meisterliche Spielstärke voraussetzen:
– Tätigkeit als Schachhistoriker, ferner als Autor von Büchern/Artikeln/Beiträgen (auch im Web);
– Sammler von (bibliophiler) Schachliteratur; von Schachfiguren/-sets; von Schach-Memorabilien oder Schachmotiv-Sammler, die alle in diversen (teils internationalen) Vereinen organisiert sind. ♦

Christian Mann: Schach – Die Welt auf 64 Feldern, 128 Seiten, C.H. Beck Verlag, ISBN 978 3 406 73970 5


1) Als eine empfehlenswerte Einführung in das Gebiet sei das Buch von Michael Ehn u. Hugo Kastner: Schachkompositionen (Hannover 2013) genannt, das alle Kategorien des Problemschachs einbezieht. Weitere Literatur für Einsteiger wurde in den einschlägigen Artikeln von Bernd Gräfrath (Schach 10/2018, S. 66-70) und Thomas Brand (Schach 12/2018, S. 66-70) besprochen.

2) Der letzte Stand der Urschachforschung ist zusammengefasst in Jean-Louis Cazaux and Rick Knowlton: A World of Chess – Its development and variations through centuries and civilizations. McFarland, Jefferson 2017

3) So schrieb Aljechin in seiner Turnierrückschau (Manchester Guardian, 29.08.1936): „Ich finde es fast unmöglich, Lasker zu kritisieren, derart ist meine Bewunderung für ihn, gleichermaßen als Persönlichkeit, Künstler und treuer Anhänger des Schachs. Ich kann nur eins sagen, Lasker mit 67 ist immer noch Lasker, vielleicht nicht als praktischer Spieler, aber gewiss als Führer der Schachwelt, mit seiner ausgesprochen jugendlichen Energie, seinem Kampfgeist und der unvergleichlichen Tiefe seiner Auffassung der Probleme auf dem Brett. Sein Beispiel ist gleichsam ein Beispiel für unsere eigene Zeit wie für die Schachspieler kommender Generationen.“ [Zitiert nach Forster/Hansen/Negele, Emanuel Lasker – Denker Weltenbürger Schachweltmeister. Berlin 2009, S. 49] – Eine aktualisierte Zusammenfassung der ganzen Affäre bietet z.B. Edward Winter mit seinem Feature article Was Alekhine a Nazi?

4) Übrigens hat der Computer auch im Problemschach erhebliche Relevanz erlangt, einmal zur Korrektheitsprüfung beim Komponieren (mit Hilfe spezieller Löseprogramme), andererseits um in riesigen Problemdatenbanken eventuelle Vorgänger von Aufgaben aufzuspüren. Mehr hierzu ist in dem jüngst erschienenen Buch von Wolfgang Dittmann (†): Der Flug der Schwalbe – Geschichte einer Problemschach-Vereinigung (Zweite Aufl. aktualisiert und ergänzt von Thomas Brand und Hans Gruber, München 2018) nachzulesen.

5) Die inzwischen 90-jährige Künstlerin, die in Düsseldorf lebt, ist immer noch künstlerisch aktiv. Literatur (Ausstellungskatalog): Takako Saito: Dreams To Do. Snoeck, Köln 2018.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Geschichte auch über Gerhard Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs

… sowie zum Thema Schach-Psychologie über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Willkommen im Abenteuerland

von Dr. Mario Ziegler

Der „Randspringer“ ist ein Geheimtipp, zumindest für die „ältere Generation“ der Schachliebhaber. In den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichte der Tübinger Zweitbundesliga-Spieler Rainer Schlenker mehr als 70 Ausgaben einer Zeitschrift, die einen so ganz anderen Ansatz verfolgte als alle anderen Magazine: Bevölkert von exotischen, teilweise abstrus wirkenden Eröffnungen und Varianten mit malerischen Namen strotzte der „Randspringer“ vor Originalität, Kreativität, auch Provokation: „Kann man wirklich so etwas spielen?“ Nicht zufällig trug er damals den Untertitel: Das Magazin nicht für jeden Schachfreund, und wenig überraschend erwarb er sich eine treue Leserschaft.

Der Randspringer - Verlag Schachtherapeut - Cover - Reiner Schlenker - Rezension Glarean MagazinNach einer langen Pause erschien nun im Verlag Der Schachtherapeut des rheinland-pfälzischen Schach-Autors und -Herausgebers Manfred Herbold ein Revival des „Randspringers“. Ist das Konzept auch im neuen Jahrtausend noch tragfähig?
Der erste Unterschied zur früheren Publikation fällt sofort ins Auge: Das übersichtliche Layout des Softcover-Werkes im Format A5 hat absolut nichts mehr mit dem früheren „Randspringer“ zu tun, dessen einzelne Beiträge mehr oder weniger inhomogen auf einer Schreibmaschine zusammengetippt wurden.
Der bekannte Karikaturist Frank Stiefel, der bereits zahlreiche Schachbücher mit seinen Zeichnungen bereichert hat, leitet jedes Kapitel mit einer Grafik ein. Sofern man kein eingefleischter Anhänger des „anarchischen“ Layouts des früheren „Randspringers“ ist, wird man diese optischen Veränderungen wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Doch wie sieht das Innenleben aus?

Rainer Schlenker - Randspringer 1987 - Glarean Magazin
Zwei Beispielspielseiten aus dem legendären alten „Randspringer“: Heft 3 (1987)

Von Eselsohren und Ochsenfröschen

Im Vorwort beschreibt Herausgeber Herbold, dass Schlenker, mit dem er seit Jahren befreundet ist, ihm seine Skripte und Partien zur Veröffentlichung zukommen liess. Diese beinhalten nun genau solche Spielanfänge, die man lieben muss, wenn man am „Randspringer“ Gefallen finden will: „So wie früher Stabsaugervertreter gutgläubigen Hausfrauen minderwertige Sauggeräte im Tausch (natürlich mit gehörigem Aufpreis) gegen ihre eigentlich einwandfreien ‚Altgeräte‘ andrehten, so bietet Schlenker allerlei gemeine Tricks für den Naturspieler, dem es nicht ums Schach geht, sondern darum, den Gegner – gerne auch mit unerlaubten Griffen – von der Matte bzw. hier vom Brett zu werfen. Im Nu werden nämlich mit den angegebenen Varianten den Schachästheten die harmonischen Stellungen in unübersichtliche Figurenklumpen verwandelt.“ (André Schulz in einer Rezension des Werkes „Bastard-Indisch“ von Schlenker im März 2009).

Die Schacheröffnung Eselsohr-Verteidigung - Glarean Magazin
Quixotische Schacheröffnung à la Schlenker: Die „Eselsohr-Verteidigung“ (1.e4 h6)

Wir finden auch anno 2019 Spezialvarianten im Königsgambit, Skandinavisch oder Caro-Kann oder gleich Freistil-Eröffnungen wie die „USA-Eröffnung“ (1.e4 e5 2.Dh5 mit der Absicht, nach 3.Lc4 das berühmte Schäfermatt folgen zu lassen), die „Unserdeutsche Verteidigung“ (1.e4 g5 2.d4 d5) oder die überschriftgebenden „Eselsohr-Verteidigung“ (1.e4 h6) und „Ochsenfrosch-Gambit“ (1.Sc3 b5 – wie uns der Autor auf S. 98 belehrt, handelt es sich hierbei strenggenommen um das „West-Indische Ochsenfroschgambit“ im Gegensatz zu 1.Sf3 g5). Die Reihenfolge der Kapitel bzw. Varianten im Buch folgt übrigens keiner ersichtlichen Logik.

Amüsante Wege abseits der Theorie

Üblicherweise beginnt Schlenker einen Abschnitt mit einem kurzen einleitenden Text, gefolgt von einigen Beispielpartien, oft von ihm selbst gegen lokale Baden-Württembergische Schachspieler. Dass es sich sozusagen ausnahmslos um freie Partien in Cafés in Tübingen, Schwenningen, Donaueschingen handelt, erhöht nicht unbedingt das theoretische Gewicht dieser Partien. Aber geht es in diesem Buch wirklich um das „theoretisches Gewicht“ oder um „objektiven Wert“ von Varianten? Natürlich nicht! Schlenker zeigt dem staunenden Leser zahllose Wege abseits der „offiziellen Theorie“. Und in Zeiten, in denen ein Nakamura sogar in einer Turnierpartie gegen einen renommierten Grossmeister wie Sasikiran (Malmö/Kopenhagen 2005) und ein Carlsen bei einer Schnellschach-Weltmeisterschaft (gegen Vokhidov, St. Petersburg 2018) mit 1.e4 e5 2.Dh5 eröffnen können, verwischen sich die Grenzen zwischen den Welten immer mehr.

Mittelgegengambit unter der Lupe

Die Kernfrage eines Buches über Eröffnungsvarianten ist aber natürlich dennoch, wie stichhaltig die Analysen sind. Zu diesem Punkt führt Stiefel aus: „Schlenker hat seine Analysen ohne Computerhilfe angefertigt, doch nur wenige seiner Ideen waren schwer oder nicht haltbar. Natürlich wurden seine Manuskripte nochmals auf Computerbasis überprüft, die grundlegenden Ideen sind jedoch allesamt erhalten geblieben“. Das klingt vielversprechend: Sollten die exotischen Varianten, mit denen man vor 30 Jahren ratlose Kontrahenten überraschen konnte, auch im 21. Jahrhundert gegen computerbewehrte Gegnerschaft tragfähig sein?

Mittelgegengambit oder Elefantengambit oder Paulsengambit - Glarean Magazin
1.e4 e5 2.Sf3 d5 – Mittelgegengambit oder Elefantengambit oder Paulsengambit?

Ich habe mir exemplarisch das 14. Kapitel vorgenommen, da ich die dort besprochene Variante 1.e4 e5 2.Sf3 d5 vor langen Jahren selbst spielte. Schlenker führt aus, dass die verbreitete Bezeichnung „Elefantengambit“ missverständlich ist, da sie auch für 1.e4 f5 benutzt wird. Er bevorzugt die Bezeichnung „Mittelgegengambit“ in Anlehnung an die Zugfolge 1.e4 e5 2.d4 exd4 3.Dxd4 Sc6 4.De3, das „Mittelgambit“. Nur am Rande sei erwähnt, dass ich persönlich auch diese Bezeichnung für unglücklich halte, da Gambits nun einmal Bauernopfer beinhalten, und in der genannten Zugfolge Weiss keinen Bauern opfert. (In meiner Monographie zu dieser Stellung aus dem Jahre 2010 versuchte ich die Bezeichnung „Paulsen-Eröffnung“ (nach dem deutschen Meisterspieler Wilfried Paulsen, der sie oft benutzte) zu etablieren.

Beispielpartie à la Schlenker

Kapitel 14 bietet vier Partien zu der Variante: drei davon wurden von Schlenker gespielt, eine ist eine Simultanpartie des damaligen Weltmeisters Emanuel Lasker aus dem Jahre 1900. In allen Partien spielte Schwarz nach 1.e4 e5 2.Sf3 d5 3.exd5 den sofortigen Vorstoss 3… e4. Schlenker informiert den Leser darüber, dass 3…Ld6 heute „modern“ ist, da nach 3… e4 4.De2 als stärkste Antwort gelte. Etwas unlogisch erscheint es, dass ausgerechnet dieser Damenzug in keiner der Beispielpartien auftaucht, statt dessen aber 4.Sd4 und 4.Sg1. Ebenfalls nicht berücksichtigt wird 4.Se5, was laut Online-Datenbank von ChessBase nach 4.De2 und 4.Sd4 und noch vor dem etwas sonderbar aussehenden 4.Sg1 der dritthäufigste Zug an dieser Stelle ist.

Der Kommentar zum Kommentar

Walter Eigenmann: 100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen, verblüffende Strategien
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Hier nun eine der Partien mit 4.Sd4 mit den Originalanmerkungen Schlenkers (durch Anführungszeichen kenntlich gemacht) und meinen Ergänzungen, für die ich selbstverständlich die Hilfe einer Engine (konkret: mit Houdini, der aktuellen Nummer Drei der Schachprogramme hinter Leela und Stockfish) in Anspruch genommen habe:
(Mausklicks in die Partiezüge bzw. -varianten öffnen Analysebretter und den Download als PGN-Datei)

Offenkundig sind die Anmerkungen Schlenkers im Grossen und Ganzen zutreffend, könnten aber im Detail wesentlich genauer ausfallen.

Mutiges Freistilschach oder halbgares Gezocke?

Amüsantes Schach-Feuilleton und Motivation zum Eröffnungsexperiment: Beispielseite aus dem neuen Revival 2019 des legendären "Randspringer" (mit Karikaturen von Frank Steifel)
Amüsantes Schach-Feuilleton und Motivation zum Eröffnungsexperiment: Beispielseite aus dem neuen Revival 2019 des legendären „Randspringer“ von Rainer Schlenker (mit humorvollen Karikaturen von Frank „Fränk“ Stiefel)

Am „Randspringer“ werden sich auch 2019 die Geister scheiden: Kreatives Freistilschach mit Mut zum Risiko oder halbgares Gezocke? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Klar ist, was das Buch nicht ist: Es ist keine theoretische Abhandlung, dazu weisen die einzelnen Kapitel viel zu viele Lücken selbst an wichtigen Stellen auf. Aber das will der „Randspringer“ auch gar nicht sein.

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Wie in seinen besten Zeiten bietet er „eine Fülle von originellen Ideen für das Eröffnungsspiel, besonders für die Partien in der eigenen Schachkarriere, in denen nicht ein Remis zum Turniersieg reicht“ (so A. Schulz in der bereits zitierten Rezension aus dem Jahr 2009). Er stellt somit eine Quelle der Inspiration dar und zeigt nachdrücklich, was im Schach alles möglich ist, wenn man bereit ist, ausgetretene Pfade zu verlassen.
Wie ein Motto klingt der Songtext der Band PUR, den Herbold in seinem Vorwort zitiert:
„Komm mit mir ins Abenteuerland / Auf deine eigene Reise / Komm mit mir ins Abenteuerland / Der Eintritt kostet den Verstand / Komm mit mir ins Abenteuerland / Und tu’s auf deine Weise / Deine Phantasie schenkt dir ein Land / Das Abenteuerland“ ♦

Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen (Teil 1), 148 Seiten, Verlag Der Schachtherapeut, ISBN 978-3947648153

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Feuilleton & Schachtherapeut auch über
Manfred Herbold: Der Schachtherapeut 2 (Reloaded)

… sowie zum Thema Schacheröffnungen über
Ivan Sokolov: Gewinnen in d4-Bauernstrukturen

Weitere Links zum Thema Schach-Infotainment:

Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen (Schach-Training)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Übungsziel: Fehlgriffe minimieren

von Ralf Binnewirtz

Das neueste Buch des italienischen FIDE-Meisters und Schach-Trainers Franco Zaninotto ist der Kategorie „Test- und Trainingsbücher“ zuzurechnen. Zaninottos Anliegen in „Aus Fehlern lernen“ ist es, dem bereits mit einem grundlegenden Schachwissen ausgestatteten Spieler durch ein gezieltes Training zu einer allmählichen Verbesserung seiner Fähigkeiten zu verhelfen. Damit einher gehen sollte auch ein gestärktes Vertrauen des Trainierten in seine so erworbenen Fähigkeiten. Den eigentlichen Trainingseinheiten (Tests) sind einführende, lehrbuchhafte Kapitel vorangestellt, die auf die anschließenden Tests vorbereiten. Die Zielgruppe ist nicht allzu scharf umrissen, man kann sie im Elo-Bereich 1400 bis 2000 (Spieler der Kategorie 1 bis 3) ansiedeln.

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Schach-Rezensionen - Glarean MagazinIn didaktisch bewährter Manier folgt Zaninotto klassischen Vorbildern (wie z.B. Tarrasch: „Das Schachspiel“ 1931), wenn er mit der Behandlung des Endspiels beginnt, um mit dem Mittelspiel und endlich der Eröffnung fortzufahren. Diese Abfolge ist u.a. deswegen sinnreich, als für die Übergänge zwischen den Partiephasen Mittelspiel/Endspiel, zuweilen auch Eröffnung/Mittelspiel profunde Endspielkenntnisse oft unerlässlich sind. Den drei o.g. Partieabschnitten entsprechend ist das Buch in drei Teile – mit jeweils diversen Kapiteln – gegliedert. Hierbei werden zunächst die wichtigsten Grundlagen zur betreffenden Partiephase vermittelt und anhand von analysierten Partien bzw. Partiefragmenten illustriert, wobei bereits hier gelegentliche Übungsfragen an den Leser eingestreut werden. Wichtige Merk- und Grundsätze werden zudem durch farblich unterlegte Textkästen hervorgehoben. Zum Schluss eines jeden Teils findet sich zunächst ein Kapitel Tests mit 20 Übungsaufgaben, diese in Diagrammform und lediglich mit der Angabe versehen, wer am Zuge ist.

Typische Fehler von Elo-2000-Spielern

Der Löser ist daher gefordert, selbst herauszufinden, ob und auf welche Art ein Gewinn oder ein Remis zu erzielen ist oder vielleicht nur eine Fortsetzung aufzuspüren ist, die dem Gegner die relativ größten Probleme bereitet. Im nachfolgenden abschließenden Kapitel Lösungen werden selbige in ausführlicher Kommentierung angegeben, wobei nochmals die zugehörigen Diagramme (hier mit den Partiedaten) abgedruckt sind – eine erfreuliche Hilfestellung.
Für die Partieauswahl wurden weitestgehend Spieler mit einer Elo-Zahl unterhalb 2000 berücksichtigt, also mit einem recht geringen Bekanntheitsgrad: Hier mag sich der Leser selbst wiederfinden und vielleicht auch die typischen Fehler, die er gelegentlich begeht, und die er abzustellen trachtet. Das Gros der Partien stammt aus Turnieren und Wettkämpfen der letzten Jahre. Unstimmigkeiten im Text treten selten auf, so muss auf S. 70 / Übung 19 unter 4) der richtige Lösungszug offenbar 49…Lh3! lauten (statt des unmöglichen Ld3).

Buch-Struktur und -Inhalt

Teil I – Das Endspiel bietet vier einführende Kapitel, die verschiedenen Endspieltypen gewidmet sind:
Kap. 1 Bauernendspiele behandelt die wichtigsten Elemente und Regeln dieser Endspiele wie Przepiórka-Linie, Opposition/Fernopposition, Quadrat-Regel, Freibauer (entfernter), Tempomanöver (Dreiecksmarsch des Königs).
Kap. 2 Turmendspiele konzentriert sich auf die am häufigsten auftretenden Endspiele T + Bauer(n) gegen T; diskutiert werden u.a. die Philidor-Stellung, die Lucena-Stellung, der Brückenbau, das Abschneiden des gegnerischen Königs.
Kap. 3 Sonstige Endspiele berücksichtigt die Endspiele K+L+B gegen K; L+B gegen L; L+BB gegen L; D gegen B bzw. BB; D+B gegen D; T gegen L; T gegen S.
Kap. 4 Strategische Endspiele befasst sich mit Endspielen, deren Ausgang noch ungewiss ist, wo zunächst Stellungsbewertung und Planfindung einsetzen müssen und der Übergang in ein technisches Endspiel (der Kap. 1 bis 3) zu einem späteren Zeitpunkt ansteht. Faktoren wie die Aktivität des Königs (und ggf. der Figuren), die Bauernstellung/-schwächen und der Raumvorteil nehmen eine spielbestimmende Rolle ein. Bei den Partiebeispielen wurden verschiedene Materialkonstellationen (mit Türmen, Leichtfiguren, Bauern) ausgewählt.

Zum Selbsttest ein Bauernendspiel (aus Kap. 5/6 – Tests / Lösungen):

Übung 14

Schwarz am Zug

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Übung Nr. 14 - Glarean Magazin

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(Lösungen am Ende des Beitrags)

Teil II – Das Mittelspiel verzeichnet drei vorbereitende Kapitel:
Kap. 7 mit der unerwarteten Kapitelüberschrift Schachkultur diskutiert Felderschwächen, Angriffsmarken, Bauernstrukturen und hierdurch bedingte Figurenaktivitäten. Lehren und Leitsätze der Klassiker (Steinitz, Tarrasch, Nimzowitsch) werden herangezogen, um die statischen Elemente der Schachstrategie zu beleuchten. So hat sich bereits Steinitz über dauerhafte und temporäre Stellungsvor-/nachteile und deren Behandlung ausgelassen. Auf die Unverzichtbarkeit eines Studiums der Klassiker wird hingewiesen.
Kap. 8 Fehler und Denkweisen behandelt vermeidbare Fehler und deren Vermeidung insbesondere durch Fehlerkontrolle, eine Methodik der Vorausberechnung, prophylaktisches Denken (nach Dworetski), sowie die richtige Nutzung der Bedenkzeit.
Kap. 9 Planfindung thematisiert die Bewertung von Stellungen und die darauf beruhende Entwicklung eines strategischen Plans.

Auch hier eine kleine Kostprobe aus Kap. 10 / 11 – Tests / Lösungen:

Übung 32

Schwarz am Zug

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Übung Nr. 32 - Glarean Magazin

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Teil III – Die Eröffnung kann selbstredend keine Abhandlung sämtlicher Eröffnungssysteme bieten. Das 12-seitige Kap. 12 Das Eröffnungs-Repertoire vermittelt wesentliche Grundprinzipien der Eröffnung, rät zum Aufbau eines soliden Repertoires und erläutert die Maßnahmen, die der Vorbereitung auf den nächsten Gegner dienen.

Vielleicht versuchen Sie sich an einer Aufgabe aus Kap. 13 / 14 – Tests / Lösungen?

Übung 52

Schwarz am Zug

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Übung Nr. 52 - Glarean Magazin

r1bqk2r/1p2bppp/p1np1n2/4p1B1/4P3/N1NB4/PPP2PPP/R2QK2R b KQkq – 0 1

Trainingsaufgaben der Zielgruppe angepasst

Der Autor hatte bei der Auswahl der Übungsaufgaben seine Zielgruppe im Blick und daher darauf geachtet, dass stets einer der Kontrahenten deutlich unter Elo 2000 liegt. Damit wird das Trainingsniveau dieser Spielstärke-Gruppe (mit den für sie charakteristischen Fehlzügen) angepasst bzw. vermieden, dass die Löser mit allzu anspruchsvollen Aufgaben überfordert werden. Die generell unspezifizierte Aufgabenstellung sorgt dafür, dass die Löser sich zunächst grundlegend über die Stellung klar werden müssen, dass Kandidatenzüge und zugehörige Varianten zu prüfen sind, um letztlich die richtige Entscheidung zu treffen. Hierbei ist natürlich die Einbeziehung taktischer wie auch positioneller Überlegungen erforderlich. Nach Maßgabe des Autors soll schließlich nicht nur innerhalb einer vorgegebenen Zeit (meist 10 Min.) der Schlüsselzug gefunden werden, sondern auch die mit letzterem verknüpfte Idee.

Die Angaben in den Lösungen gehen oft deutlich darüber hinaus, teils werden die Partien bis zum Ende ausgeführt. Die Partien selbst sind wenig spektakulär, hier sollte die Erwartungshaltung des Lesers nicht zu hoch sein. Indes gerät dieser Umstand dem didaktischen Anliegen des Buchs nicht zum Nachteil. Im Vordergrund stehen die Vermeidung und Ausnutzung von Fehlern, das Erlernen und Einüben technischer Fertigkeiten, das solide schachliche Handwerk. Dies ist nicht an einem Tag erlernt, sondern bedingt einen langwierigen Prozess, der dem Lernenden ein unaufhörliches Training abverlangt.

Verinnerlichen durch Wiederholen

Jedenfalls ist der Lerneffekt bei der beschriebenen Vorgehensweise wohl etwas besser als bei Trainingsbüchern, die Übungen mit gezielten Fragestellungen versehen oder direkt eine Auswahl von Antworten (nach dem Multiple-Choice-Verfahren) anbieten. Zudem empfiehlt Zaninotto, die Lektüre inklusive Übungen mehrmals und in größerem zeitlichen Abstand, dann aber mit reduzierter Bedenkzeit zu wiederholen, um den Stoff zu verinnerlichen. Es ist klar, dass ein Trainingserfolg sich nur einstellen kann, wenn der lernende Schachfreund bereit ist, sich diesem Programm zu unterwerfen: persönliche Motivation und Durchhaltevermögen werden den Erfolg bestimmen.

FAZIT: Der Trainingsband „Aus Fehlern lernen“ von Franco Zaninotto präsentiert mit gut ausgewählten Übungen für Amateur-Spieler mit einer Spielstärke von ca. 2000 Elo eine nützliche Konzeption, um eigene Fehlgriffe am Brett möglichst zu minimieren.

Resümee: Im Wesentlichen ein Test- und Trainingsbuch für Spieler unterhalb Elo 2000, werden in diesem Werk nicht nur Testaufgaben mit Lösungen präsentiert, sondern vorab auch die wichtigsten Grundlagen und Merkregeln zu den drei Partiephasen (Endspiel, Mittelspiel, Eröffnung) erläutert. Die abschließenden 3 x 20, also insgesamt 60 Testaufgaben (ohne spezifische Fragestellung) kopieren die Situation beim Kampf am Brett. Gemeinsam mit den Übungen in den Beispielpartien scheint diese Konzeption gelungen und geeignet, den talentierten wie fleißigen Schachfreund zu ertüchtigen, die Zahl der eigenen Fehlgriffe zu minimieren, zugleich gegnerische Fehler schnell zu erkennen und auszunutzen. ♦

Lösungen

Übung 14

Laszlo Lorincz (1833) – Istvan Farkas (1569)
Ungarn 2016

Um zu gewinnen, muss Schwarz dieselbe Stellung mit Weiß am Zug erreichen – und das ist bekanntlich mit Hilfe eines Dreiecks-Manövers zu bewerkstelligen.
59…Kf7
1) Es geht auch 59…Ke7 60.Kf3 Kf7 61.Ke4 Kf6-+.
2) Nicht jedoch 59…c6? 60.d6! Ke6 61.Kf3 Kd7 62.Ke4 Ke6 63.Kf3=.
60.Kf3 Ke7 61.Kg4 Kf6
Wir haben die Diagrammstellung mit Weiß am Zug erreicht!
62.Kf3 Kf5 63.Kf2 e4 64.Ke2 Ke5 65.d6 cxd6 66.c6 Ke6 und Schwarz gewinnt.
In der Partie folgte fehlerhaft 59…e4?? 60.Kxf4 e3 61.Kxe3 Ke5 62. D6 cxd6 63.cxd6?
63.c6 Ke6 64.Kd4 d5 65.Kc5 d4 66.Kb6! d3 67.c7 Kd7 68.Kb7+-
63…Kxd6 64.Kd4 Kc6 65.Kc4 Kb6?
65…Kc7 66.Kxb4 Kb6=
66.Kxb4 und Weiß gewann.

Übung 32

Anum Sheikh (1471) – Keith Aitchison (1716)
London 2016

23…Txe5!
Denn der Läufer wird sehr nützlich für den bald folgenden Königsangriff sein. Auch nach 23…Lxe5?! 24.dxe5 Txe5 25.Ld4 Te6 stünde Schwarz viel besser, aber Weiß könnte sich noch zur Wehr setzen.
24.dxe5 b4!
Herzlichen Glückwunsch, wenn Sie auch diesen Zug in der Planung gesehen haben!
1) Ausreichend war auch 24…Lxe5 mit der Eventualfolge 25.Sf3 Lxc3 26.Dd1 Lxb2+ 27.Kxb2 c3+ 28.Kb3 Lc4+ 29.Kc2 Da4+ 30.Kb1 Dxa3 31.Dc2 Ld3.
2) In der Partie folgte 24…Lf8? 25.f3 Sc5 26.Lxc5 Lxc5 -/+.
25.cxb4
Natürlich nützen auch Verzweiflungstaten wie 25.Lc5 bxc3-+ oder 25.Lb6 Dxb6-+ nichts mehr.
25…Dxe5 nebst Matt in wenigen Zügen.

Übung 52

Lutz Neumann (1830) – Siegfried Huttinger (1493)
Bodenmais 2017

Die Diagrammstellung wurde auf folgendem Wege erreicht: 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Sa3 Le7 9.Ld3?
Besser war 9.Lxf6 Lxf6 10.Sc4+/= oder 9.Sc4+/=.
1) Nach dem Standardzug 9…b5? und der Folge 10.Lxf6 Lxf6 11.Sd5 Le6 entstand eine ausgeglichene Stellung.
2) Viel besser war 9…Sxe4! mit einem Mehrbauern nach 10.Lxe7
(10.Lxe4 Lxg5 11.Sc4 Sd4)
10…Sxc3 11.Lxd8 Sxd1 12.Txd1 Kxd8 und nun z.B. 13.Sc4 Kc7 14.Le4 Td8 15.Se3 Se7-/+.

Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen, Joachim Beyer Verlag / Eltmann, 169 Seiten, ISBN 978-3-95920-082-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachtraining auch über Rudolf Teschner: Schach in 40 Stunden

…sowie zum Thema Schach für Kinder über das Schachmärchen von Gert von Ameln: Salin und der Schwarze Zauberer

Circon Verlag: Schachtricks für Kinder (Lehrbuch)

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Liebevolles und kindgerechtes Schach-Lehrbuch

von Thomas Binder

Auf dem scheinbar gesättigten Markt der Schachlehrbücher für Kinder hat ein ungarisches Autoren-Team einen eigenen Weg gefunden, für eine interessante Bereicherung des Angebots zu sorgen. Ferenc Halasz (Auswahl der Partien), Zoltan Geczi (Text) und Andras Talosi (Illustrationen) schaffen gemeinsam ein Maßstäbe setzendes Werk in diesem Genre: Nach „Das große Schachbuch für Kinder“ (2016) legen sie im Compactverlag (Circon Verlag) nun die Fortsetzung „Schachtricks für Kinder“ in einer deutschen Übersetzung vor.

Schachtricks für Kinder - Cover Compact Verlag - Rezension im Glarean MagazinBeide Bücher sind in Umfang (152 Seiten, Großformat) und Aufmachung identisch. Im ersten Band erlernten die jungen Leser die Regeln des königlichen Spiels, bekamen grundlegende Tipps für Eröffnung und Endspiel und erfreuten sich an einfachen Mattkombinationen. Jetzt wird auf diesem Stand aufgebaut.
Die Autoren führen in knapp 25 Kapiteln jeweils ein Partiefragment vor. Dabei geht es diesmal um längere Kombinationen, die nicht unbedingt zum Matt führen müssen, und um den planvollen Aufbau des eigenen Spiels. Natürlich wird Schach dabei immer aus der Perspektive des (erfolgreichen) Angreifers präsentiert.
Die ausgewählten Partien stammen zum großen Teil von ungarischen Meistern (Zszuzsa und Judith Polgar, Lajos Portisch, Peter Leko, Richard Rapport). Außerdem wird der in Ungarn sehr populäre Bobby Fischer mit mehreren Partien vorgestellt. Einige wenige informative Sachartikel runden das Buch ab, da geht es z.B. um den Gebrauch der Schachuhr oder um Kempelens „Schachtürken“.

Altersgemäßes Outfit als integraler Bestandteil

Andras Talosi - Zeichner - Schachtricks für Kinder - Glarean Magazin
Schach-Zeichner Andras Talosi

Inhaltlich bleibt das also im Rahmen dessen, was man von einem „fortgeschrittenen Anfängerbuch“ erwarten kann – vor allem, wenn man es als Fortsetzung des früheren Werkes versteht. Der große Gewinn gegenüber vergleichbaren Produkten liegt in der äußerst liebevollen und kindgerechten Gestaltung. Dabei kommt das altersgemäße Outfit nicht aufgesetzt herüber, sondern ist integraler, ja bestimmender Aspekt des Buches. Jede Partie wird über mehrere Seiten (bis zu 8) präsentiert. Zu jedem Zug gibt es ein Diagramm. Auch ungeübte Leser können also mühelos folgen.
Daneben wird in launigen Texten – aber immer schachlich seriös bleibend – der Sinn des aktuellen Zuges erklärt. Diese Erklärung übernimmt dabei die gerade beteiligte Figur. Ja – die Schachfiguren reden direkt mit dem Leser. Neben Diagramm und Text steht dann immer noch eine köstlich witzige Illustration von Andras Talosi:

Schachtricks für Kinder - Beispielseite Compact Verlag - Rezension im Glarean Magazin

Es gelingt ihm wunderbar, die jeweilige „Stimmung“ der betreffenden Figur einzufangen. Alle drei Elemente lassen unsere jungen Leser die Partie buchstäblich emotional erleben, so als wären sie selbst auf den 64 Feldern unterwegs. Ein wirklich gelungenes Konzept, schachliches Denken an Kinder einer gewissen Leistungs- und Altersstufe zu vermitteln.

Für Schach-Kids zwischen 8 und 11 Jahren

FAZIT: Die Autoren von „Schachtricks für Kinder“ führen Kids, die gerade das Anfänger-Niveau hinter sich lassen, anhand von über 20 Beispielen in etwas komplexere Kombinationen auf dem Schachbrett ein. Neben einer didaktisch sehr gelungenen Auswahl der Beispiele liegt der große Pluspunkt des Buches in den köstlichen Illustrationen von Andras Talosi.

Womit wir bei der Zielgruppe wären: Der Verlag gibt „ab 8 Jahren“ an, was insofern schlüssig ist, als man ja Lesekompetenz voraussetzen muss. Ungefähr ab diesem Alter werden die Kids auch die notwendige Phantasie mitbringen, sich mit den Schachfiguren zu identifizieren und mit ihnen das Abenteuer einer Schachpartie zu erleben. Die obere Altersgrenze liegt genau da, wo diese kindliche Naivität rationalerem Denken weicht, also vielleicht knapp oberhalb des zehnten Lebensjahres. Schachlich hat der Leser die Anfangsgründe des Schachspiels verstanden (idealerweise mit Hilfe des Vorgängerbuches aus gleicher Hand) und vielleicht sogar schon seine ersten Kinderturniere mehr oder weniger erfolgreich bestritten. Jetzt kann und muss er sich etwas anspruchsvolleren Themen und langfristig durchdachten Plänen widmen. Dabei begleitet ihn dieses Buch idealerweise neben den Übungsstunden in einem Schachverein oder einer schulischen Schachgruppe. Wächst unser Leser aus dem eigentlichen Alter für dieses Buch hinaus, wird er es auch später hin und wieder gern zur Hand nehmen – und sei es nur, um sich an den geistreichen Bildchen zu erfreuen. ♦

Ferencz Halasz (Partien) / Zoltan Geczi (Text) / Andras Talosi (Illustrationen): Schachtricks für Kinder – Strategien und Taktiken, 152 Seiten, Compact-/Circon Verlag, ISBN 978-3-8174-1906-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach und Kinder auch über
Thomas Luther: Schachtraining – Das U10-Projekt

…sowie über das Schachlehrbuch von
Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Chessbase: „Schach-Problem“ Heft Nummer 4-2018

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Taktik aus der Praxis für die Praxis

von Ralf Binnewirtz

„Schach-Problem“ befasst sich nicht etwa ‒ wie es der Titel im ersten Moment suggerieren könnte ‒ mit Schachproblemen, wie sie aus dem Bereich des Kunstschachs bekannt sind. Vielmehr widmet sich dieses Periodikum, das erstmals 2016 herauskam und viermal jährlich erscheint, ausschließlich dem taktischen Training für den Kampf am Brett, und es richtet sich nach Aussage des Redakteurs Martin Fischer vornehmlich an Hobbyspieler, die (noch) keinem Verein beigetreten sind. Die Leser werden im aktuellen Heft 4/2018 mit 134 Aufgaben taktischer Prägung konfrontiert, die in Diagrammform präsentiert werden und die es zu lösen gilt, selbstredend ohne Unterstützung des allgegenwärtigen Rechenknechts. Sämtliche Lösungen finden sich in Kurznotation (ohne verbale Kommentierung) am Ende des Büchleins. Doch gehen wir die vier Kapitel der Broschüre nacheinander durch.

100 Aufgaben Bundesliga 2017/2018

Chessbase Schach-Problem Heft Nummer 4 - Taktik-Aufgaben - Glarean MagazinNach Vorwort und Erläuterung der Schachnotation geht es direkt in medias res: Sind die ersten Aufgaben noch sehr leicht lösbar und auch für Einsteiger zu bewältigen, so steigt die Schwierigkeit allmählich deutlich an. Demzufolge ist den Aufgaben ein Schwierigkeitsgrad von Stufe 1 bis 5 zugeordnet, der auf dem Taktik-Server von ChessBase ermittelt wurde. Die auftretenden taktischen Motive sind breit gestreut und variieren ständig.
Die ersten ca. 42 Aufgaben, die überwiegend unter Stufe 1 und 2 rangieren (hier sind auch schon mal einzelne Stufe 3-Aufgaben eingefügt), sollten von einem durchschnittlichen Hobbyspieler ohne große Probleme zu lösen sein. Bei den Aufgaben der Stufen 3 bis 5 wird es kniffliger, und es wird vom schachlichen Entwicklungsstand des Spielers abhängen, wie weit er mithalten kann. Ich gebe nachstehend zwei Aufgaben der Stufe 3 bzw. 5 aus dem Buch, damit sich die Leser einen Eindruck verschaffen können. (Die Lösungen finden sich am Ende dieses Beitrags).

Aufgabe 29 (Schwierigkeitsgrad Stufe 3)

Weiß am Zug

Bartel, M. ‒ Kempinski, R.
(USV Dresden ‒ Hamburger SK)

Aufgabe 100 (Schwierigkeitsgrad Stufe 5)

Weiß am Zug

Lindgren, P. ‒ Braun, A.
(FC Bayern ‒ SV Hockenheim)

Taktik-Schule: Der Doppelangriff

Dieser Abschnitt konzentriert sich auf ein einzelnes taktisches Motiv, im aktuellen Heft ist der Doppelangriff an der Reihe. Einer 1-seitigen Einführung mit vier erläuterten Beispielaufgaben folgen 10 Aufgaben zum Lösen (ohne eine Einstufung hinsichtlich der Schwierigkeit). Aus eigenen Löseversuchen darf ich wohl ableiten, dass Hobbyspieler hier keineswegs chancenlos sind. Ein Beispiel zur Illustration:

Aufgabe 108

Weiß am Zug

Martin, J. ‒ Hoffmann, P.
(OSG Baden ‒ USV Dresden)

Weltmeisterlich kombinieren mit Botvinnik

Hier möchte ich vorab bemerken, dass mir in deutschen Büchern die englische Transkription von Eigennamen aus kyrillischer Schrift generell nicht zusagt. Für die meisten Leser mag dieser Punkt nicht von Belang sein, aber sie sollten zumindest wissen, dass in „Schach-Problem“ durchweg die FIDE-Transkription (oder englische Transkription) verwendet und z.B. Botvinnik mit „v“ statt mit „w“ geschrieben wird. Offenbar ist dies eine Folge der Übertragung von Namen aus ChessBase-Datenbanken ohne nachträgliche Anpassung.

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Der Abschnitt wird eingeleitet durch eine kurze Biografie des russischen Patriarchen und Weltmeisters (von 1948-57, 1958-60 und 1961-63) inklusive Foto. (In den vorhergehenden Heften wurden andere Weltmeister beleuchtet.) Es ist jedenfalls löblich, dass in einem Magazin dieser Ausrichtung auch schachhistorische Inhalte Eingang finden. Von den zehn folgenden Knacknüssen auf weltmeisterlichem Niveau sollten sich die Löser nicht zu sehr abschrecken lassen, es gibt auch hier Aufgaben, deren taktischer Ideengehalt für einen versierten Hobbyspieler aufzudröseln ist. Und bisweilen sogar einzügige Gewinne, wie in der folgenden Aufgabe:

Aufgabe 114

Schwarz am Zug

Uhlmann, W. ‒ Botvinnik, M.
(München Olympiade 1958)

Der Ernstfall am Brett

Die letzten 14 Aufgaben sind Partien zwischen Profi und Amateur entnommen, die ebenfalls in der Schachbundesliga gespielt ‒ und in der Hitze des Gefechts nicht immer korrekt fortgesetzt wurden. Erschwerend für den Löser wirkt sich aus, dass er nicht weiß, wonach er zu suchen hat: die durchschlagende Gewinnkombination, die korrekte subtile Verteidigung, die Rettung aus kritischer Lage, es kann alles erdenklich Mögliche vorkommen. Lediglich die letzte Aufgabe 134 (s.u.) dürfte in Sekundenschnelle zu lösen sein (daher verzichte ich auf eine Lösungsangabe).

Aufgabe 134

Schwarz am Zug

Hansen, S. ‒ Bok, B.
(Hamburger SK ‒ SG Solingen)

Faktoren des Erfolgs

Die Frage drängt sich unwillkürlich auf, ob ein neues Periodikum zum Thema Taktik noch benötigt wird, wo doch bereits zahlreiche Bücher zum gleichen Thema am Markt erhältlich sind, zudem sich die Möglichkeiten des Taktik-Trainings im Web noch hinzugesellen. ChessBase weist selbst auf seinen Taktik-Server hin mit einem riesigen Bestand von 50.000 Schachaufgaben online, der zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung steht. Des Weiteren enthalten die gängigen Schachzeitschriften in der Regel Taktik-Rubriken, und die aktuelle Turnierberichterstattung (in Printmedien und im Web) bietet ständig weiteres Anschauungs- und Übungsmaterial. Für den de facto beachtlichen Erfolg von „Schach-Problem“ sind offenbar die folgenden Fakten und Faktoren verantwortlich:
Das Magazin erscheint im handlichen A5-Format und ist infolge kräftiger Karton-Deckel relativ robust ausgestattet. Das Layout ist übersichtlich und die Diagramme, die die Aufgabenstellung stets aus der Sicht des am Zug befindlichen Spielers zeigen, sind von nahezu rekordverdächtiger Größe, somit nur zwei auf einer Seite platzierbar. Damit dürften auch Sehbehinderte von der guten Erkennbarkeit der Stellungen angetan sein, und generell sollte der Leser sich animiert fühlen, direkt vom Blatt zu lösen. All dies macht das Heft besonders geeignet für Zug- und Flugreisende, die auf längeren Strecken das Angenehme = Unterhaltung mit dem Nützlichen = schachlicher Weiterentwicklung verknüpfen möchten.

Freude an erfolgreichen Löseerlebnissen

FAZIT: Das noch junge Periodikum von Chessbase: „Schach-Problem“ präsentiert in der aktuellen Ausgabe 4/2018 eine gelungene Mischung von 134 taktischen Denksportaufgaben zum selbstständigen Lösen, die mit einer weiten Spanne im Schwierigkeitsgrad einhergeht. Die aus Datenbanken extrahierten Aufgaben entstammen weithin der letzten Deutschen Bundesliga-Saison, abgesehen von einem durchaus interessanten Ausflug in die Botwinnik-Ära. Das zentrale Kapitel „100 Aufgaben Bundesliga 2017/18“ wird außerdem sinnvoll ergänzt von den Abschnitten „Taktik-Schule: Der Doppelangriff“ und „Der Ernstfall am Brett …“. Das Magazin schlägt eine Brücke zwischen altbewährten Taktik-Klassikern und anspruchsvollen Werken der Moderne, und das Preis-Leistungsverhältnis erscheint ausgewogen.

Der Käufergruppe längst zugehörig sind aber auch Vereinsspieler, die offenbar zunehmend von der Freude an erfolgreichen Löseerlebnissen angetrieben werden, sowie Trainer oder Übungsleiter, die sich gern aus dem üppigen Fundus geeigneter Aufgaben bedienen. Überhaupt mag das besagte Löseerlebnis in Kombination mit der thematischen Variabilität und der wechselnden Schwierigkeit der Aufgaben für die schnell gewachsene Beliebtheit des Magazins bestimmend gewesen sein.
Es kommt hinzu, dass mit diesem Periodikum offenbar eine Lücke geschlossen wurde, die sich zwischen den klassischen Taktik-Lehrbüchern und den modernen, höchst anspruchsvollen Taktik-Werken aufgetan hatte (nach GM Karsten Müller, zitiert von Raymund Stolze). Dieser „Lückenschluss“ hat sich fraglos als ein geschickter marketingstrategischer Schachzug des Verlags erwiesen.
Viele werden schließlich einen weiteren Pluspunkt darin sehen, dass das Gros der Aufgaben aus Partien der jüngsten Vergangenheit stammt. Zudem treffen Trainingswerke im Zeitschriftenformat gemeinhin auf eine größere Akzeptanz beim Publikum als umfängliche Bücher, die einen aufwändigeren „Verdauungsprozess“ erfordern. ♦

Lösungen

Aufgabe 29
26. Sc6 droht 27.Dh7+ Kf7 28.Lg6#, wogegen das geschehene 26…Db5 nichts ausrichtet. Das Schlagen des wS verliert indes auch schnell: 26…Lxc6 27.Dh7+ Kf7 28.Lg6+ Ke7 29.Lc5+ oder 26…Txc6 27.Dh7+ Kf7 28.Txd7+ Ke8 29.Lxc6 usw.
Die ersten beiden Züge lassen sich vertauschen: 26.Dh7+ Kf7 27.Sc6 usw. mit gleichem Ergebnis.

Aufgabe 100
31. Dxh7+ Kxh7 3.Th4+ Kg8 33.Se4 f5 34.Sf6+ Kf7 35.Lh6 Sxe5 (35…Da3 36.Tb7+ +-) 36.dxe5 Txe5 37.Sxe5+ Kxf6 38.Lxf8 +-

Aufgabe 108
66. e8D Txe8 67.Df7 (Doppeldrohung 68.Dh7#/Dxe8+) Te7 68.Df8+ Dg8 69.Dh6+ Th7 70.Dxd6 1-0

Aufgabe 114
23… Df7 0-1 Der Doppelangriff auf f2 (mit Mattdrohung) und a2 gewinnt den wT.

Martin Fischer (Hrsg): Schach-Problem ‒ Die rätselhaften Seiten von Fritz, Heft 4/2018, ChessBase Hamburg, 88 Seiten, ISBN 978-3-86681-680-0


Ralf Binnewirtz - Schach-Korrespondent - Mitarbeiter Glarean MagazinDr. Ralf J. Binnewirtz

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig

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Werner Kaufmann: Berechnung im Schach

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Werner Kaufmann: Berechnung im Schach

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

von Dr. Mario Ziegler

Zugegeben, ich war skeptisch, als ich das Werk „Berechnung im Schach – Ein Versuch“ des Schweizer FIDE-Meisters Werner Kaufmann zu lesen begann. Wie viele Autoren haben schon über die Methoden der Berechnung geschrieben, beginnend mit den unvergessenen Klassikern Alexander Kotows (Denke wie ein Großmeister (1970) und Spiele wie ein Großmeister (1978). Selbst wenn die Variantenberechnung das vielleicht wichtigste und zentralste Element im (Turnier-)Schach darstellt: Wie viel Neues kann man dazu noch sagen?

FM Werner Kaufmann, geb. 1951, wurde 1991 mit der SG Luzern Schweizer Meister. Seit 2004 betreibt er Wernis Schachlade und veröffentlichte bereits die Werke: Keine Pläne! („Ein methodischer Weg zu konkretem Denken im Schach“ 2016) sowie Zwingende Züge („Captain William Evans‘ Gambit“ 2017). Mit „Berechnung im Schach“ – das auch in der englischen Fassung „Calculation in Chess: An Approach“ – erhältlich ist, folgt nun also das dritte Werk, wie die beiden ersten nur als E-Book erhältlich und wie diese im von Kaufmann begründeten Damenspringer-Verlag erschienen.
Der Umfang beträgt 100 Seiten, die in die folgenden Kapitel gegliedert sind: Vorwort, Einleitung, Beobachtungen in der Schachwelt, Die Eröffnung, Technik und Taktik, Eine Schule des Sehens, Tarrasch in Manchester. Bereits hier eine Anmerkung zum Layout, auf das ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eingehe: Seitenzahlen sucht man im Werk vergeblich, ich nummeriere wie im Folgenden nach der Seitenangabe der PDF-Ausgabe.

„Keiner kann rechnen“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Ein Versuch - Cover - Rezension im Glarean MagazinDas erste Kapitel ist dem taktischen Spielverhalten unterschiedlicher Spieler gewidmet. Kaufmann lässt gleich zu Beginn mit dem Satz „Keiner kann rechnen“ aufhorchen (S. 6)* und betont, dass sich aus seiner Sicht viele Spieler in ihren Berechnungen nicht auf die entscheidenden Züge konzentrieren, nämlich die wirklich zwingenden. Oder, in den Worten Kaufmanns:
„Die am häufigsten gestellte Frage, die ich als Schachlehrer höre, lautet: ‚Wie kann ich meine Berechnung verbessern?‘ Dann sage ich meistens: ‚Keine Chance, vergiss es! Ich habe es 50 Jahre lang versucht und nie kapiert. Nun, sie glauben mir nicht und bestehen auf der Frage. Dann antworte ich: ‚Du berechnest eine Menge Müll.'“ (S. 6).
Dies verdeutlicht er an den Irrungen und Wirrungen in den Überlegungen verschiedener – durchaus auch sehr starker – Spieler in einer Variante des Londoner Systems, um danach zwei eigene Beispiele gegen Gegner mit 2100 und 2350 Elo aus der Sizilianischen Verteidigung sowie eine passende Großmeisterpartie (Shabalov-Benjamin, Philadelphia 1993) anzufügen. Die diversen Überseher in den Partien führen Kaufmann zu dem zweifellos richtigen Fazit: „Du kannst nicht mit Zügen rechnen, die du nicht siehst. Also erst schauen, dann rechnen!“ (S. 12).

Ein neues Konzept des Berechnens

Das ist allerdings nichts bahnbrechend Neues, jeder Trainer wird gerne zustimmen, dass man erst die verschiedenen Kandidatenzüge ermitteln sollte, bevor man sich auf eine Variante stürzt. Interessant ist jedoch das Konzept der Berechnungen auf der ersten (an anderer Stelle spricht Kaufmann auch von First-Level) und zweiten Ebene: „Die erste Stufe der Berechnung befasst sich mit kürzeren oder längeren forcierten Abwicklungen oder Zugfolgen. Man kann sie auch als technische Berechnungen bezeichnen. Jeder von uns ist mehr oder weniger in der Lage, sie zu auszurechnen (sic!). Indem ich von einer ersten Ebene spreche, weise ich darauf hin, dass es in der Regel eine zweite Ebene gibt, wo die Position aus dem Gleichgewicht ist, die Dinge kompliziert werden, und wo sogar Weltmeister und Supercomputer versagen. Sie ist charakterisiert durch zwingendes und erzwungenes Spiel von Zug zu Zug. Jeder Spieler muss auf der zweiten Ebene zwischen mehreren Optionen unterscheiden.“ (S. 6).
Dieses Konzept ist zumindest für mich neu. Kaufmann geht im ersten Kapitel an verschiedenen Stellen auf dieses Modell ein, wobei ich mir gelegentlich klarere Beispiele gewünscht hätte.

Kein Lehr- sondern ein Beispielbuch

Werner Kaufmann - Zwingende Züge - Cover-Bild - Glarean Magazin
Unorthodoxe Schach-Ratschläge sind schon in den „Zwingenden Zügen“ von Werner Kaufmann zu finden

Aber „Berechnung im Schach“ ist kein klar strukturiertes Lehrbuch, eher eine Fülle kommentierter Partien zu einem bestimmten Thema, die den Leser bisweilen unsortiert anspringen. Dem Leser wird abverlangt, sie sorgsam zu durchdenken, um Nutzen daraus zu ziehen. Wie unterschiedlich von Spieler zu Spieler (und selbst von Profi zu Profi) übrigens First-Level-Berechnungen sind, zeigt Kaufmann an einer Internet-Blitzpartie zwischen Magnus Carlsen und Jan Gustafsson (S. 15ff.), in der dem deutschen Spitzenspieler diverse Züge seines Gegners unverständlich blieben, obwohl sich die Berechnung immer nur auf der ersten Ebene abspielte. „Es scheint als ob die beiden Jungs anders denken. Jan spielt positionell mit Hilfe der Taktik, Magnus denkt rein taktisch.“ (S. 18)

Das Kaufmannsche Credo des Schachdenkens

Sein Credo über das Denken im Schach fasst Kaufmann auf S. 23f. zusammen:

  1. Tauche nicht sofort in Berechnungen ein, sondern überlege, was die Pläne des Gegners sein könnten. Betrachte deine Züge immer als einen Versuch, diese zu widerlegen
  2. Suche nach zwingenden Angriffen
  3. Suche nach überzeugenden Antworten auf diese Angriffe und halte für jeden seiner Versuche etwas bereit. Normalerweise ist es nicht offensichtlich, was der beste Zug ist. Dann musst du einen deiner Kandidaten oder Optionen auswählen.

Kaufmanns Faustregeln: „Basierend auf den obigen Prinzipien habe ich mir ein paar Kriterien ausgedacht, wie man Züge auswählen sollte:

  • Wenn möglich wähle einen Zug, der die gegnerischen Möglichkeiten einschränkt und ein Gegenspiel vermeidet (Die Zwingende Züge!-Regel)
  • Wenn du zwischen verschiedenen Abwicklungen wählen musst, wähle diejenige, bei der am Ende du am Zug bist, und nicht dein Gegner. (Die Mein Zug!-Regel)
  • Vermeide Züge, die dem Gegner ein Angriffsziel geben. (Die Keine Angriffsobjekte!-Regel)
  • Wenn eine von zwei Optionen einen Tausch vermeidet, nimm diese. (Tauschverbot-Regel)

Um das Auffinden zwingender Züge zu trainieren, empfiehlt der Autor übrigens die Analyse eigener Blitzpartien mit Hilfe des Computers (S. 6).

Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

Die Schlussfolgerung des ersten Kapitels, in dem weitere Partien von Carlsen, Tal oder etwa auch von Alpha Zero diskutiert werden, lautet: „Wir haben festgestellt, dass niemand wirklich gut rechnen kann, und dass jeder in Bezug auf seine normale Stärke grobe Fehler macht. In jeder Stärkeklasse kommen Fehler vor, die auf der nächst höheren nicht passiert wären. […] Wie kannst du als Patzer dein Schach verbessern? Ganz allgemein solltest du weniger rechnen und mehr sehen. […] Du solltest vom Konkreten ins Abstrakte gehen. Überlege, was du konkret unternehmen könntest. Das bedeutet, Drohungen zu schaffen und Gegendrohungen zu vermeiden. Erst wenn du dich nicht für einen Zug entscheiden kannst, solltest du den wählen, der nach allgemeinen Kriterien besser ist. Diese verkehrte Denkweise – Taktik vor Strategie – macht in gewöhnlichen Stellungen keinen grossen Unterschied, normalerweise kommt ungefähr dasselbe heraus. Aber in spannungsgeladenen Stellungen ist der Unterschied gewaltig. Dann geht es nicht mehr um schöne Springerfelder, Linienöffnungen und solches Zeug. Dann geht es um Schläge und Gegenschläge. Die Entscheidungskriterien sind dann auch nicht positioneller Natur, sondern taktischer, und die Faustregeln kommen zum Einsatz: Zwingende Züge!; Keine Angriffsobjekte!; Keine Täusche!; Mein Zug!“ (S. 32-33)

Leseprobe aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 1 - Rezension im Glarean Magazin

Im Spannungsfeld von Technik und Taktik

Die weiteren Kapitel konkretisieren die aufgestellten Überlegungen für den Bereich der Eröffnungen und stellen sie in das Spannungsfeld von Technik und Taktik, wobei der Autor hier unter „Technik“ durchaus taktische Abwicklungen der ersten Stufe versteht im Gegensatz zu solchen Operationen, die sie nicht genau berechnen können und die somit auf der zweiten Stufe angesiedelt sind (S. 47). „Eine Schule des Sehens“ bespricht unter den vorgestellten Gesichtspunkten 20 Partien des Mitropa-Cups der Frauen 2017, „Tarrasch in Manchester“ die Partien des deutschen Vorkämpfers Dr. Siegbert Tarrasch bei seinem klaren Turniersieg in der nordenglischen Metropole 1890.

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Bei letzteren Partien bezieht Kaufmann die Analysen Tarraschs aus seinem Werk „300 Schachpartien“ in seine Bewertung ein – übrigens eine Stärke des Buchs, das soweit als möglich die Überlegungen der Spieler aus der Literatur oder dem Internet rezipiert. Bezüglich des Turniers aus dem 19. Jahrhundert kommt Kaufmann zum Fazit: „Was die Taktik angeht, haben die Spieler es selten geschafft, zwingende Züge zu machen, sie zogen positionelle oder vermeintliche Angriffszuge vor. Dass sie dem Gegner Angriffsobjekte hinstellten, kam bei Tarrasch selten, bei seinen Gegnern öfters vor. Mehrmals wurde das Tauschverbot missachtet, teils mit fatalen Folgen. Tarraschs Varianten-Berechnung war höchst mangelhaft und von groben Versehen gewürzt, selbst in den Kommentaren.“ (S. 99). Die Überlegenheit gegenüber seinen Zeitgenossen resultierte entscheidend aus seinem weitaus höheren positionellen Verständnis. – Anmerkung: Dieses Kapitel ist als eigenständiges PDF-File auf der Webseite des Autors downloadbar: Tarrasch in Manchester

Komplexe Sachverhalte im Plauderton

Neben dem Inhalt verdient auch der Stil Kaufmanns einige Bemerkungen. Manchen Aussagen stehe ich etwas skeptisch gegenüber, zumindest sind sie missverständlich formuliert: „Im Schach gibt es so etwas wie eine objektive Wahrheit, anders als im wirklichen Leben. Du kannst sie mit deiner Computersoftware herausfinden“ (S. 11). Dies würde bedeuten, dass Computer zweifelsfrei in der Lage wären, in einer gegebenen Stellung den besten Zug – die objektive Wahrheit – zu ermitteln. Dies hängt jedoch unbestritten am Charakter der Stellung und – in geringerem Maße – an den Parametern des Programms, so dass nicht selten zwei Spitzenprogramme in der gleichen Stellung zu (leicht) unterschiedlichen Resultaten kommen. All dies ist dem mit den Stärken und Schwächen der Computer sehr gut vertrauten Autor natürlich auch bekannt.

Leseprobe 2 aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 2 - Rezension im Glarean Magazin

Ansonsten formuliert Kaufmann gelegentlich in lockerem Plauderton: „Der 28. Oktober 2010 ist für mich ein historisches Datum. An diesem kalten und regnerischen Oktobernachmittag habe ich Herrn Viktor Kortschnoi mit den schwarzen Steinen regelrecht zusammen geschoben. Aber dann verdarb ich die Partie mit einem grauenhaften Endspiel-Fehler in ein Remis. Ich hatte noch nie zuvor einen so starken Spieler geschlagen. Es tut immer noch weh. Übrigens würde ich Herrn Kortschnoi nie Viktor nennen. Ich nenne Bobby Bobby, Garry Garry und Magnus Magnus. Aber Herr Kortschnoi ist eine Legende. Er wird immer mindestens Kortschnoi bleiben, aber selbst das ist nicht respektvoll genug. Für mich ist er für ewig Herr Kortschnoi. Vielleicht könnte das Vereinigte Königreich etwas dagegen unternehmen und ihn posthum adeln. Sir Viktor wäre einfach grossartig. Vielleicht gewöhne ich mich daran und nenne ihn von nun an Sir Viktor.“ (S. 14).
Diese Ausführung hat übrigens mit dem Thema des Kapitels nichts zu tun, wo es um das Verhältnis von Spielstärke und Rechenfähigkeit geht und gerade die Partie Cremer-Vogt aus der Schweizer Mannschaftsmeisterschaft 2010 analysiert wird. Ob man diesen Stil mag oder nicht, ist Geschmackssache…
Ich persönlich würde auch keine Empfehlungen wie: „Oh, du hast dir noch nie Kingcrusher-Videos auf YouTube angesehen? Du hast nicht viel verpasst. Aber wenn du es tust, traue seinen Erklärungen nicht.“ (S. 13) in einem Buch geben, aber auch hier mag es zwei Meinungen geben.

Interessante Inhalte mit mäßigem Layout umgesetzt

FAZIT: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre.

Zuletzt ein Wort zum Layout, das ausgesprochen spartanisch daherkommt. Natürlich gibt es Untergliederungen durch die größer gesetzten Überschriften, natürlich werden die Hauptzüge der Partien fett gedruckt, die Anmerkungen nicht. Aber wieso verzichtet der Autor auf jegliches Diagramm, was ja gerade in einem E-Book, das man auf dem Tablet oder Handy lesen will, ohne ein Brett daneben aufzubauen, aus meiner Sicht unabdingbar ist?
Zudem wurde offenbar sehr wenig Wert auf eine ästhetische Gliederung des Manuskripts gelegt. Statt am Ende einer Seite nur Überschrift und Spielernamen wiederzugeben, aber keinen einzigen Zug (S. 71, 86, 89), hätte man vor der Überschrift einen Seitenumbruch einfügen können. Ebenso kommt es vor, dass es die nur letzten beiden Zeilen eines Kapitels auf eine neue Seite geschafft haben (S. 99). Gewiss, diese Dinge sind nicht das Wichtigste bei einem Buch, aber es wäre leicht gewesen, sie durch geschickte Seitenumbrüche oder einfach eine kleine Umformulierung oder Umstellung zu vermeiden!

Amateur wird Meister - Schach-Lehrbuch - Max Euwe und Walter Meiden - Joachim Beyer Verlag
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Fazit: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre. ♦
* Dem Rezensenten lag die PDF-Fassung des E-Books vor

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach – Ein Versuch, Damenspringer-Verlag / Amazon Media (Kindle Edition)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Psychologie auch über die DVD von
Werner Schweitzer: 33 Mentaltipps aus der Praxis

… sowie über
Herman Grooten: Chess Strategy for Club Players (engl.)

Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Pionierarbeit zum Schachspiel im Internet

von Thomas Binder

Seit seiner Etablierung als Turnier- und Wettkampfsport hat das königliche Spiel wohl keinen größeren Wandel erfahren als in den letzten ca. 20 Jahren durch das Aufkommen des Online-Schachs im Internet. Diese Entwicklung ist vor allem ein Segen, erschließt sie doch das Schach einem unbegrenzten Personenkreis und schafft neue Möglichkeiten des Wettkampfs (jederzeit, gegen Spieler jeder Spielstärke), des Trainings und der passiven Teilhabe (Live-Übertragungen von Turnieren in aller Welt). Sie kann auch ein Fluch sein, wenn sie durch das Überall-Jederzeit-Angebot die Strukturen klassischer Schachvereine bedroht.

Stefan Breuer - Online-Schach - Rezensionen Glarean MagazinStefan Breuer sieht in seiner neuen Untersuchung „Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler“ vor allem die positiven Aspekte, ist er doch gewissermaßen selbst die Verkörperung dieser Trends. Das aktive Turnierspiel hat er aus Zeitgründen längst aufgegeben, im Online-Schach findet er eine neue Gelegenheit, seiner Leidenschaft zu frönen. Er nimmt diese Gelegenheit mit Begeisterung (und Erfolg) wahr.

Thema von allen Seiten beleuchtet

Angesichts der enormen Bedeutung des Online-Spiels im heutigen Schachalltag ist es kaum zu glauben, wie stiefmütterlich das Thema bislang in der Literatur behandelt wird. Stefan Breuers schmales Bändchen (92 Textseiten, weitgehend schmucklos aufbereitet) leistet insofern Pionierarbeit.

Der Autor beleuchtet das Phänomen „Online-Schach“ von allen Seiten. Die unterschiedlichen Bedenkzeiten und Turnierformen werden kurz vorgestellt. Dabei konnte auch der Rezensent, der nur gelegentlich online spielt, noch Neues entdecken. So weiß ich jetzt, was ein „Arena-Turnier“ ist und, dass es auf den Servern auch Mannschaftsligen gibt.

Betrug beim Online-Schach

Stefan Breuer - Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler - Amazon-Buch - Portrait Glarean Magazin
Althistoriker, Medien-Produzent, FIDE-„Arena“-Großmeister: Buchautor Stefan Breuer (geb. 1965)

Ferner geht Breuer auf die Wertungssysteme (Rating) ein und spricht über die Regeln des Anstandes beim Server-Spiel, insbesondere beim Chatten.
Auch das leidige Thema „Betrug“ lässt Breuer nicht aus. Er rät zu einem entspannten Umgang damit. An dieser Stelle, wie an vielen anderen, merkt der Leser, dass Stefan Breuer zuallererst vom Schach begeistert ist und nicht primär auf Erfolge und Ratingzahlen schaut. Wenn es ihm gelingt, einem Einsteiger diese Haltung zu vermitteln, hat er schon viel erreicht.
Etwas deplatziert wirkt ein mehrseitiger Vergleich zwischen Online-Schach und Online-Poker, dessen Motivation mir nicht so ganz klar wird – auch nicht, inwieweit Breuer hier aus eigener Erfahrung in beiden Welten spricht.

FAZIT: Stefan Breuers Bändchen ist eine willkommene Pionierarbeit mit dem Versuch einer umfassenden Darstellung zum Online-Schach. Das Thema hat eine deutliche Vertiefung der Überlegungen verdient. Breuer leistet dafür die Grundlagen. Bei dem geringen Preis also hier eine Kaufempfehlung für alle jene, die sich über das Schachspielen im Internet orientieren möchten.

Das letzte größere Kapitel ist die Präsentation der wichtigsten Schach-Server mit ihren Besonderheiten. Dabei ist der Autor durchaus im positiven Sinne voreingenommen. Man glaubt zu spüren, dass seine Präferenz dem Angebot des Schachportals lichess gehört.
Das alles liest sich flott und angenehm, weil eben aus jedem Satz eine bejahende Grundstimmung spricht und Begeisterung vermittelt wird.

Vermisst: Informative Screenshots

Ein solch kurzer Text lässt natürlich immer noch Raum, einzelne Themen auszubauen. Man hätte wohl in jedem Kapitel wesentlich mehr in die Tiefe gehen können. Auch ein paar Screenshots hätten die Lektüre noch anschaulicher gemacht und aufgelockert – selbst auf die Gefahr hin, dass sie nach wenigen Monaten nicht mehr aktuell sind.

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Wünschenswert sind auch ein paar praktische Tipps. Online-Schach hat eben durchaus ein paar Besonderheiten, die man mit Partiefragmenten erläutern könnte. Da wäre zum Beispiel die im Serverschach verbreitete „Premove“-Technik. Über ihren sinnvollen Einsatz und die eventuellen Risiken hätte man ein ganzes Kapitel schreiben können.

Dass er schon lange kein reguläres Turnierschach gespielt hat, enthüllt Autor Breuer, als er für das Spiel „Over the board“ empfiehlt, man möge sich vor impulsivem Ziehen („Reflex-Schach“) schützen, indem man den Zug vor der Ausführung notiert. In der Tat ist dies ein probates Mittel zum Selbstschutz – dummerweise nur seit gut 10 Jahren explizit in den FIDE-Regeln verboten…
Schade außerdem die – allerdings nur wenigen – Schreibfehler, die immerhin den Lesefluss kaum mindern.

Leseprobe aus Stefan Breuer: "Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler"
Leseprobe aus Stefan Breuer: „Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler“

Fazit: Stefan Breuers Bändchen ist eine willkommene Pionierarbeit mit dem Versuch einer umfassenden Darstellung zum Online-Schach. Das Thema hat eine deutliche Vertiefung der Überlegungen verdient. Breuer leistet dafür die Grundlagen. Bei dem geringen Preis also hier eine Kaufempfehlung für alle jene, die sich über das Schachspielen im Internet orientieren möchten. ♦

Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler, Amazon-/Kindle-Edition, 92 Seiten, ISBN 978-1-98298890-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Online Schachspielen auch: Die besten Online-Schach-Portale

Schach-Zeitschrift Caissa – Ausgabe 1-2018

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 2 Minuten

Das Lied der KZ-Schachspieler

von Walter Eigenmann

Bereits in seinem dritten Jahrgang angekommen ist das 2016 gegründete, inhaltlich wie bibliographisch ambitiöse Schach-Print-Projekt „Caissa“. (Lesen Sie hier auch den Bericht des Glarean Magazins zum Start dieser neuen „Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte“).

Caissa - Schach-Zeitschrift - Chaturanga Verlag - Rezension Glarean MagazinDas aktuelle Heft 1 des Jahres 2018 wartet wie sein Vorgänger wiederum mit einer Fülle exquisiter Inhalte auf, die insbesondere die historisch und wissenschaftlich interessierten Leser unter den Schachfreunden ansprechen dürften.

Spielkultur inmitten der Barbarei

Großen Raum nimmt diesmal der zweite Teil eines Reports „Schach im KL Buchenwald“ von Siegfried Schönle ein. Dieses deutsche Vernichtungslager der Nazis hat schrecklichste Kapitel der jüngeren Menschheitsgeschichte geschrieben – aber dass in all dem minutiös geplanten und systematisch vorangetriebenen Massenmord-Horror noch so etwas wie eine Schachkultur mit geheimen Privat-Turnieren, Schachbibliotheken und versteckten Korrespondenz-Partien entstehen konnte, grenzt ans Wunderbare.

Hymne der Buchenwalder Schachspieler - Schachzeitschrift Caissa 1-2018 - Glarean Magazin
Schach und Kunst inmitten des deutschen Konzentrationslager-Horrors: Das Musikstück „Hymne der Schachspieler in Buchenwald“, ein vierstimmiges Männerchor-Lied (Quelle: „Caissa“ 1/2018)

Jedenfalls wird in dem 32-seitigen, mit umfangreichem Anmerkungsapparat und Details-Anhang dokumentierten Artikel u.a. berichtet, dass das Schach immer wieder für tröstende Ablenkung bei den KL-Häftlingen gesorgt habe. Sogar eine „Hymne der Schachspieler in Buchenwald“ – ein vierstimmiges Männerchor-Lied – förderte die Nachkriegsforschung zutage, wie „Caissa“ zu berichten weiß.

Vielseitige schachhistorische Inhalte

Elke Rehder - Bild Dr. B. in Isolationshaft - Ausstellung Stefan Zweig - Glarean Magazin
„Dr. B. in Isolationshaft“: Gemälde von Elke Rehder in der Berliner Stefan-Zweig-Kunstausstellung „Die Schachnovelle“

Weitere Fokus-Artikel in „Caissa“ zum Thema Schachgeschichte sind diesmal u.a. das Wiener Duell zwischen Steinitz und Harrwitz (Peter Anderberg), Becketts Roman „Murphy“ und die „schachspielenden Schimpansen“ (Reinhard Krüger), der Kongress der „British Chess Association London“ von 1866 (Robert Hübner) sowie „Der Rösselsprung – Ein bunter Hund der Kulturgeschichte“ (Maria Schetelich). Erwähnenswert ist schließlich noch der Beitrag von Raymund Stolze zum 75. Jubiläum der berühmten „Schachnovelle“ von Stefan Zweig, woran eine Kunst-Ausstellung in der Berliner Anna-Ditzen-Bibliothek erinnert mit Bildern der Hamburger Malerin, Graphikerin und Büchkünstlerin Elke Rehder. ♦

Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte, Heft 1/2018, Chaturanga Verlag (Hrsg. M. Ziegler), ISSN 2363-821

Lesen Sie zum Thema Schach und Kunst auch über
Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst