Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek (Roman)

Unverwüstlicher angelsächsischer Optimismus

von Bernd Giehl

Der Bestsellerautor Matt Haig hat ein neues Buch in Deutschland veröffentlicht. Bisher hat Haig, 1975 in Sheffield/England geboren, 11 Bücher in deutscher Übersetzung auf den Markt gebracht. “Die Mitternachtsbibliothek” (The Midnight Library) ist sein zwölftes.
Viele seiner Romane sind im Raum der Phantastik angesiedelt. Haig bekennt sich zu seiner Diagnose “Depression”. Dass er die Krankheit kennt, spürt man in der “Mitternachtsbibliothek”.

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, Droemer VerlagAls ich anfing, das Buch zu lesen, wunderte ich mich bald. Es war die Sprache. Mehr wusste ich nicht. Aber ich las nur ein paar Seiten. Mein eigener Roman, an dem ich gerade schrieb, brauchte all meine Aufmerksamkeit.
Als ich nach ein paar Tagen weiterlas, kam die Verwunderung wieder. Eigentlich war sie tief abgesunken. Ich hatte schließlich zu tun; Sie erinnern sich. Ein langes Kapitel meines Romans hatte von Leben und Tod gehandelt, und ums Leben oder Sterben dreht es sich auch in der Mitternachtsbibliothek”. Nur dass die Heldin “freiwillig” in den Tod geht, weil ihr Leben von einem “Schwarzen Loch” angezogen wird. Falls es denn so etwas wie “Freiwillig in den Tod gehen” gibt.

Den Pflegekräften im Gesundheitswesen gewidmet

Haigs Roman ist ein Zitat von Sylvia Plath vorangestellt, der amerikanischen Dichterin und Ehefrau von Ted Hughes, die vor allem durch ihr kurzes Leben voller Unglück und ihren anschließenden “Freitod” berühmt geworden ist. Ihre Lyrik ist kompliziert. Ted Hughes hat ihr einen wunderbaren Gedichtband gewidmet: “Birthday Letter”. Wer ein solches Zitat voranstellt, stellt sich einem hohen Anspruch.
Außerdem gibt es auch noch eine Widmung “Für alle Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Und für die Pflegekräfte. Danke.” Das klingt anders. Sehr anders. Hat das etwas mit dem Roman zu tun?

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Aber das nur am Rand. Zunächst sieht es ja auch ganz danach aus, als könne der Autor den Anspruch des Plath-Zitats erfüllen. “Neunzehn Jahre, bevor sie starb, saß Nora Seed in der kleinen, warmen Bibliothek der Hazeldine Schule in Bedford. Sie saß an einem niedrigen Tisch und starrte auf ein Schachbrett.”
Das nächste Kapitel beginnt mit fast den gleichen Worten: “Siebenundzwanzig Stunden bevor sie beschloss zu sterben, saß Nora Seed auf ihrem schäbigen Sofa, scrollte sich durch die glücklichen Leben anderer Menschen und wartete darauf, dass irgendetwas passierte.” “Variation eines Leitmotivs” nennt man so etwas in der Musik.

Locker-coole Sprache

Aber dann liest man weiter und wundert sich erneut. Gut, hier wird vom gewöhnlichen Unglück einer nicht mehr ganz jungen Frau erzählt, die vor kurzem ihre Hochzeit hat platzen lassen. Ihre Katze ist gerade überfahren worden und ihr Bruder hat nicht bei ihr vorbeigeschaut, als er einen Freund in der Stadt besucht hat. Man kann verschiedener Meinung sein, ob das Gründe sind, sich das Leben zu nehmen. Aber darauf kommt es auch weniger an. Eine alte Kritiker-Weisheit sagt: Wichtig ist die Sprache, die einer schreibt. Notfalls kann er dann auch einen beliebigen Tag mit eher langweiligen Menschen in Dublin beschreiben, die durch die Stadt ziehen und sich auch einmal begegnen. Ereignisloser als der “Ulysses” sind wenige Romane.

Matt Haig - Schriftsteller - Glarean Magazin
Matt Haig (*1975)

Es dauerte also einige Zeit, ehe ich mich an Haigs Sprache gewöhnt hatte. Zuerst dachte ich: Matt Haig hat das Buch für Jugendliche geschrieben. So locker und “cool” kommt es daher. Aber dann habe ich gelesen, dass Nora Seed ja schon 35 ist. Für einen Jugendlichen ist das jenseits von Gut und Böse.
Im Kapitel “Antimaterie” ändert sich dann der Ton. Da geht Mattis näher ran, und aus der Plastiksprache mit Soundeffekten wird etwas anders: ein Autor, der sich in die Verzweiflung seiner Protagonistin einzufühlen beginnt. Erst recht passiert das im Kapitel “Das Buch des Bereuens”, das Nora Seed, die nun in die “Mitternachtsbibliothek” eingetreten ist und ihre alte Schulbibliothekarin Mrs. Elm wiedertrifft, als erstes in die Hand nimmt. Da stehen all die Dinge drin, die sie im Lauf ihres Lebens getan und später gern ungeschehen gemacht hätte, von den Kleinigkeiten bis zur Entscheidung, ihren Freund Dan nicht zu heiraten.
Für einen Jugendlichen oder eine Leserin von Frauenromanen ist das gut geschrieben, aber wer jemals den “Stiller” oder gar “Mein Name sei Gantenbein” von Max Frisch gelesen hat, kennt andere, “modernere” Möglichkeiten, das Thema zu beschreiben.

Philosophische Massentauglichkeit

An der Sprache hätte Matt Haig also ruhig noch etwas arbeiten können Allerdings wäre das Buch dann nicht mehr massentauglich geworden und bei Droemer erschienen, sondern bestenfalls bei Hanser. Vielleicht auch nur in einem anspruchsvollen Kleinverlag wie Stroemfeld/Roter Stern. (Natürlich bezogen auf die englische Verlagslandschaft, die ich aber nicht kenne.) Und Übersetzungen wären natürlich auch nicht drin gewesen. Man muss sich eben entscheiden, was man will. Da der Autor vorgibt, Nora sei Philosophin und habe sich ausgiebig mit Henry David Thoreau und dessen Buch “Walden” beschäftigt, einer Studie über selbstgewählte Einsamkeit in den Wäldern von Massachusetts, das er 1845 schrieb, würde ein Roman in einer hochliterarischen Sprache sicher passen.

Dem Leser einfach gemacht

Die Bibliothek - Büchersammlung - Der Ort der vielen Leben - Glarean Magazin
Der Ort der vielen Leben: Die Bibliothek

Aber Matt Haig will mehr. Deshalb macht er es dem Leser einfach. Er lässt Nora an der Schwelle zwischen Leben und Tod in einer Bibliothek landen, die nur ein einziges Buch in unzähligen Variationen enthält: das Buch ihres eigenen Lebens. Eins davon ist das “Buch des Bereuens”, die anderen enthalten ihr Leben als Olympiateilnehmerin (sie war eine englische Spitzenschwimmerin), als Gletscherforscherin in der Arktis (das war einmal ihr Traum) als Frau eine Pub-Betreibers (Dans Traum), als Besitzerin einer Katze. Aber jedes Mal scheitert dieses Leben.

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Auf Spitzbergen, wo sie Eisberge erforscht und einem Eisbären begegnet, der sie als Mittagessen betrachtet, dem sie aber entkommt, trifft sie Hugo, der – wie sie selbst – eine Reise durch seine eigenen möglichen Leben macht. Selbstverständlich glaubt Nora, er sei für sie bestimmt. Sie befindet sich schließlich im Buch eines Bestseller-Autors.
Aber natürlich bleibt auch er nicht, denn Nora muss weiter; diesmal als Musikerin, und wenn der geneigte Leser gehofft hatte, dass sie diesmal als Mitglied einer Garagenband vor dreißig Leuten auftritt und dabei glücklich wird, wird er natürlich enttäuscht. Sie findet sich in ihrer alten Band “The Labyrinthians” wieder, und die spielen vor zehntausenden begeisterten Zuhörern in Sao Paulo. Am nächsten Tag wird es weitergehen nach Rio. Danach steht Asien auf dem Tourneeplan.
Jetzt weiß der Leser zwar immer noch nicht, welches Leben sich Nora wünscht, aber die Träume von Matt Haig kennt er dafür umso besser.

Es gibt kein wahres Leben im falschen

An diesem Punkt hätte ich beinah aufgehört zu lesen. Es waren zwar immer noch 120 Seiten bis zum großem Finale, aber ich war erst einmal bedient. Das Thema gefiel mir, aber ein Buch ist mehr als eine These oder ein Thema. Ich hätte also aufgegeben, so wie Nora Seed – aber in dem Moment schien der Autor zu spüren, dass er es zu weit getrieben hatte. Er lässt sie noch einmal in die Bibliothek zurückkehren, die sie in ihrem Zorn fast zerstört, und hernach sind es “normale” Leben, die sie ausprobieren darf: Als Besitzerin einer Hundezucht, als Ehefrau eines kalifornischen Winzers – und schließlich in einem zusammenfassenden Kapitel alle nur erdenklichen Leben. Nur jenes der Geisha fehlt in der Aufzählung, aber das kann Haig in der nächsten Ausgabe ja noch hinzufügen.

Philosoph Theodor W. Adorno - Es gibt kein wahres Leben im falschen - Glarean Magazin
Philosoph Theodor W. Adorno: “Es gibt kein wahres Leben im falschen”

Doch die wirkliche Erkenntnis, die Matt Haig uns durch Nora Seed verkünden lässt, lautet: “Es gibt kein wahres Leben im falschen.” Verzeihung, da habe ich mich wohl bei den Philosophen vergriffen. Adorno wird von ihr ja nicht einmal erwähnt. Und da Haig nun einmal dem Pessimismus abgeschworen hat, muss ich es so formulieren: Es gibt nur ein wahres Leben, und das ist jenes, das du gerade lebst. Dementsprechend stürzt die Mitternachtsbibliothek in dem Moment ein, als Nora gerade ihr ideales Leben gefunden zu haben scheint, und Nora wird vor ihrem Selbstmordversuch gerettet.

Optimismus à la Camus

Es ist der unverwüstliche angelsächsische Optimismus, der mich stört. Natürlich beeinflusst er auch die Sprache. Am Ende ist alles gut, und Nora kann mit einer neuen Erkenntnis in ihr altes Leben zurückkehren.
Dennoch: Ich habe das Buch gern und auch mit Gewinn gelesen. Es ist die optimistische Variante von Camus‘ Erkenntnis, dass man dem Absurden trotzen und den Stein weiterwälzen muss. Selbst wenn er auf dem Gipfel wieder herunterrollt.
Allerdings würde Matt Haig das so niemals formulieren. ♦

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, 320 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28256-4

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Außerdem zum Thema Literatur von Martin Kirchhoff: Möwen über dem Wasser (Lyrik)


 

Amélie Nothomb: Die Passion (Roman)

Stacheln im Fleisch des Christentums

von Bernd Giehl

Machen wir einmal ein Gedankenexperiment. Nehmen wir an, Amélie Nothomb, eine relativ bekannte belgische Schriftstellerin, würde ihren Roman “Die Passion” in hundert Jahren, also 2120 schreiben und ihr Manuskript dem Diogenes Verlag anbieten. Dort hat sie schon 22 Bücher veröffentlicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde der Diogenes Verlag das Manuskript ablehnen. Zu riskant, würde es heißen. Wer will schon ein Buch über einen unbekannten Religionsstifter lesen? Innerhalb von zwei Wochen hätte sie ihr Manuskript wieder zurück.

Amélie Nothomb - Die Passion - Roman - Diogenes Verlag - Literatur-Rezension Glarean MagazinAber das Experiment geht noch weiter. Nehmen wir an, Amélie Nothomb hätte “Die Passion” vor 400 Jahren geschrieben. Sie hätte einige Abschnitte ihrer besten Freundin vorgelesen. Die wäre einerseits begeistert gewesen, weil die Zweifel der Hauptfigur an ihrer bevorstehenden Hinrichtung mit den eigenen Zweifeln an der Religion korrespondiert hätten und andererseits erschrocken. Darf man so an der eigenen Religion zweifeln? Ist das nicht Ketzerei? Die beste Freundin hätte es ihrem Mann erzählt, und der wäre zur Obrigkeit gegangen. Man hätte Nothomb festnehmen lassen, sie wäre gefoltert worden und wenn sie große Glück gehabt hätte, hätte sie selbst ihr “Machwerk” öffentlich verurteilen und ins Feuer werfen müssen. Falls sie weniger Glück gehabt hätte, nun ja … Was für ein Glück, dass die Zeit der Hexenverbrennungen endgültig vorbei ist.

Hexerei im Innern der Figuren

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Womit ich nicht sagen will, dass Amélie Nothomb keine Hexe ist. Sie ist eine. So wie jeder gute Autor und jede gute Autorin ein Hexenmeister oder eine Hexe ist. Weil sie im Inneren ihrer Figuren leben. Weil sie Besitz von ihnen ergreifen und sie wie einen Sukkubus lenken.
Aber Amélie Nothomb ist noch aus einem anderen Grund eine Hexe. Sie lässt Jesus von Nazareth im Augenblick seiner “Passion” lebendig werden. “Ich wusste schon immer, dass sie mich zum Tode verurteilen werden”, so beginnt ihr neuer Roman.

Kombination von Gott und Mensch

Amelie Nothomb - Schriftstellerin - Literatur im Glarean Magazin
Amelie Nothomb alias Fabienne Claire Nothomb (geb. 1966)

Da spürt jeder aufrechte Christ einen ersten kleinen Stachel. Noch ist er winzig; immerhin heißt es ja schon in den “Leidensankündigungen” der Evangelisten: “Der Menschensohn muss” seinen Leidensweg gehen und am Ende gekreuzigt werden aber diese Leidensankündigungen stehen im zweiten Drittel der Evangelien. Nur das Johannesevangelium macht da eine Ausnahme.
Aber Christen sind großmütige Leute, und so werden sie der Autorin gern vergeben, denn der Jesus von Amélie Nothomb ist ein wahrhaft göttlicher Mensch. Nie hat mir die Kombination von Gott und Mensch so eingeleuchtet wie bei ihr.
Sie zweifelt nicht an den Wundern, wie das auch viele Theologen der letzten 200 Jahre getan haben. Das Wunder, Wasser in Wein zu verwandeln, gelingt ihm beinah nebenbei. Nur – und jetzt kommt wieder der Stachel – dass das Brautpaar, dessen Hochzeit Jesus mit seinem Wunder gerettet hat, unter den Hauptzeugen der Anklage vertreten sein werden. “Warum hat er es so spät getan?” fragen sie. “Eine Stunde früher, und er hätte uns die Blamage erspart.” Die anderen, an denen ein Wunder geschah, sind ähnlich unzufrieden. Nicht einmal der königliche Beamte, dessen Sohn vom Tode errettet wurde, ist Jesus dankbar, sondern klagt über die Verzögerung und die dadurch ausgestandene Angst.

Jesus – ein Sinnenmensch?

Unzufriedenheit ist überhaupt ein Stichwort. Auch Judas ist unzufrieden, mit der Welt im Allgemeinen und mit Jesus im Besonderen. Er stellt alles in Frage. An das Gute kann er nicht einmal glauben, wenn er es vor Augen hat. Judas ist der Protagonist der “Menge” die Jesus schließlich verurteilt.
Jesus selbst ist das Gegenteil. Er kann sich an den kleinen Dingen des Lebens freuen: am Geschmack frischen Brotes, an einer Blüte am Wegrand, am aufdämmernden Tag, vor allem am Wasser. Wenn man Durst hat und man zögert das Trinken noch ein paar Augenblicke hinaus, schmeckt frisches Wasser umso köstlicher, behauptet er

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Jesus – ein Sinnenmensch? Jesus gar, der die Frauen liebt? Der für ihre Schönheit empfänglich ist? Der gar eine Beziehung mit Maria Magdalena eingeht? Und der deshalb auch nicht sterben will? Und dessen Verbindung zum Vater nun abreißt, obwohl er bis dahin eng mit ihm verbunden war?
Da möchte jeder gute Christ “Ketzerei” schreien. Der Glaube oder das Dogma fordert, dass Jesus freiwillig den Willen seines Vaters auf sich genommen hat, um die Sünde der Welt zu tragen. Das unschuldige Opfer leidet für die Schuldigen. Wenn dann jemand kommt, die anscheinend mit dem Glauben sympathisiert und dann behauptet, Jesus habe das Leben zu sehr geliebt um freiwillig in den Tod zu gehen – da sitzt der Stachel ziemlich tief.

Der Masochismus des Christen

Freilich ist Nothomb nicht die erste, die den “Masochismus” des christlichen Glaubens geißelt. Der erste war Friedrich Nietzsche, der meinte, die Christen müssten erlöster aussehen, bevor er an ihren Erlöser glauben könne. Oder der Theologe Thomas Müntzer, Anführer der Bauern im thüringischen Bauernkrieg 1525, der den “bitteren Christus” predigte und dafür hingerichtet wurde.
So einfach ist der Autorin also nicht beizukommen. Es sei denn, dass man sie zur “Hexe” erklärt.

Schöne Schilderungen und viel Reflexion

Wie gesagt, Nothombs Beobachtungen sind zwar meist unverhofft, leuchten aber ein. Dass Jesus dem Leben zugewandt war, kann man leicht an seinen Gleichnissen sehen. Ihre Sprache ist farbig. Die Beziehung zu Maria Magdalena ist zwar ein Klischee – jeder der ein bisschen ketzern wollte, hat sie erwähnt -, aber dafür wunderschön geschildert, so wie nur eine Frau sie beschreiben kann, die selbst Liebe erfahren hat.

Szene aus dem Skandal-Film The Passion Of The Christ von Mel Gibson (Glarean Magazin)
“Masochismus des christlichen Glaubens”? Szene aus dem Skandal-Film “Die Passion Christi” von Mel Gibson (2004)

Mit 128 Seiten ist der Roman recht kurz; es gibt wenig Handlung – z.B. ist die Verhandlung vor dem Hohen Rat weggelassen (hat vermutlich auch nicht stattgefunden) -, aber dafür viel Reflexion. Manchmal wird Nothomb weitschweifig: Noch ein Satz über den Durst, und noch einer, der mit anderen Worten das Gleiche sagt (der Roman ist ursprünglich unter dem Titel “Soif” – “Durst” in Paris erschienen). Da hätte ein rigoroseres Lektorat sicher segensreich wirken können. Aber das ändert nichts daran, dass ich den Roman mit Genuss gelesen habe.
Allerdings warte ich noch auf das Buch, das meine Frage, warum Jesus sterben musste, und vor allem, warum Gott das wollte, hinreichend beantwortet. Es muss auch kein Roman sein. ♦

Amélie Nothomb: Die Passion (Roman), 128 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978 3 257 07141 2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Religion in der Literatur auch den Essay von Heiner Brückner: Vom Himmlischen

… sowie über den satirischen Roman von David Safier: Jesus liebt mich


Stuart Hood: Das Buch Judith (Roman)

Weltrevolution vor Gleichberechtigung

von Bernd Giehl

Bücher über Heldinnen sind gerade in. Im April hatte die ZEIT Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf” mit ihren abstehenden roten Zöpfen aus Anlass ihres 75. Geburtstages auf der Titelseite und konnte ihre Verfasserin nicht genug loben ob ihres Beitrags zu einem alternativen weiblichen Rollenbild. Und im Oktober bekam Anne Weber den deutschen Buchpreis für ihren Roman Annette – ein Heldinnenepos. Man könnte meinen, der schottische Schriftsteller Stuart Hood wolle sich in diese Tradition, falls es denn eine ist, einreihen. Immerhin heißt sein neuer Roman ja “Das Buch Judith”.

Und gleich zu Anfang zitiert er das biblische Buch Judith, das sich in den Apokryphen zwischen Altem und Neuem Testament findet. Auch dort gibt es eine Heldin, eben jene Judith, die sich ins Lager des mächtigen Feindes schleicht, der gerade Israel erobert hat, und dem Feldherrn Holofernes den Kopf vom Rumpf trennt.

Stuart Hood: Das Buch Judith (Roman) - Edition 8Aber dann beginnt der Autor mit einem Mann, der sich mit Leib und Seele einer Sache verschreibt und dafür alles andere für unwichtig erklärt. Fergus Mc Iver ist ein schottischer Kommunist, der 1975 im Todesjahr des Faschisten General Franco für die BBC einen Film über den Freiheitskrieg Spaniens gegen Napoleon drehen will. Dafür reist er mit seiner Mitarbeiterin Judith, die zugleich seine Geliebte ist, nach Spanien. Im Gepäck hat er einen ecuadorianischen Pass für einen Genossen im Untergrund, der damit aus Spanien fliehen will, weil er von Francos Polizei gesucht wird.

In den Wirren der Franco-Diktatur

Als das erledigt ist, hofft Judith, sie könnten jetzt zum normalen Leben zurückkehren, aber stattdessen bekommt Fergus von den spanischen Genossen einen neuen Auftrag. Jetzt soll er ein Paket in dem mutmaßlich eine Bombe enthalten ist, nach Los Huertas schmuggeln. Auch das erledigt Fergus, weil er die Gefahr ebenso liebt, wie die Partei, aber diesmal sind es die eigenen Genossen, die ihm nicht vertrauen, weil er von einer Frau begleitet wird, die nicht Mitglied der Partei ist. Beide werden an verschiedenen Orten festgehalten. Schließlich entschließen sie sich, Fergus zu glauben, dass er kein Spion der CIA sei (oder vielleicht tun sie auch nur so), und geben ihm den nächsten Auftrag.

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Er soll die Bombe mit einem Wagen ins Zentrum von Madrid bringen. Alles ganz freiwillig natürlich, aber wenn er dazu bereit ist, darf er Judith zu sich holen. Fergus willigt ein. Bis zu seiner Rückkehr nach der Fahrt in die Stadt darf Judith das Haus nicht verlassen. Dass sie eine Geisel ist, die für das Gelingen des Attentats einstehen muss, wird zwar nicht gesagt, aber zumindest zwischen den Zeilen deutlich.

Geschichte aus zwei inneren Perspektiven

Judith wechselt also ihren Standort. Ob sie will oder nicht, wird sie nicht gefragt. Da Stuart Hood abwechselnd aus beiden Perspektiven erzählt, kennt der Leser auch ihre Gedanken. Fergus wird ihr immer fremder. Er entscheidet über ihrer beider Leben, ohne sie vorher zu fragen. Nach dem Ende dieser Reise wird sie ihn verlassen, beschließt sie. Am Abend liegen zwei Menschen, die sich einmal geliebt und gemeinsam tagelang in großer Gefahr geschwebt haben, voneinander abgewandt im selben Bett, ohne sich zu berühren.

Judith - Gemälde von August Riedel 1840 - Glarean Magazin
Kämpferisch, emanzipiert, feminin: Judith mit Schwert, nach einem Gemälde von August Riedel (1840)

Dabei gibt es zwischen Fergus und Judith durchaus Berührungspunkte. Beide haben Väter, die im Krieg gekämpft haben; Judiths Vater war Mitglied der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 und ist seither verschollen; Fergus‘ Vater kämpfte im Zweiten Weltkrieg, kehrte zurück und wurde zum Säufer, der seinen Sohn die Rute küsse ließ, bevor er ihn schlug.
Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – sucht Fergus die Gefahr, um den Vater zu übertrumpfen. Dabei nimmt er auf Judith keine Rücksicht. Dass sie ihn begleitet, um die Spuren ihres Vaters zu suchen, interessiert ihn wenig. Er entscheidet für sie mit; er bringt beide in große Gefahr, aber er fragt nicht, was sie dazu sagt. Sie ist eine Frau; sie hat sich dem Mann und der Sache, für die er kämpft, unterzuordnen. Ein Frauenbild wie aus den Fünfzigern.

Seitenlange Reflexionen

Judith mit dem abgeschlagenen Kopf des Holofernes, nach einem Gemälde von Gustav Klimt (1901) - Glarean Magazin
Judith mit dem abgeschlagenen Kopf des Holofernes, nach einem Gemälde von Gustav Klimt (1901)

Insofern finde ich den Namen des Romans sonderbar. Schwer vorstellbar, dass der Titel erst gewählt wurde, als das Buch schon fertig war. Immerhin hat Hood die Reminiszenz an die biblische “Heldin” ja nicht zufällig gewählt. Insofern hätte man sich auch vorstellen können, dass Hood aus der Perspektive Judiths erzählt. Und wenn er schon beide Sichtweisen wählt, wünschte man sich, dass beide gleich stark ausfallen.
Aber es ist wieder einmal das alte Lied: Der Mann zieht hinaus ins feindliche Leben, und die Frau muss das Taschentuch schwenken und es dann benutzen, un ihre Tränen wegzuwischen. Anders gesagt: Die Passagen, in denen Judith zu Wort kommt, sind deutlich schwächer.

Weltrevolution vor Gleichberechtigung

Womöglich empfand Hood ja Sympathie für den Feminismus. Vielleicht wollte er ein Buch über ihren Kampf für die Gleichberechtigung schreiben. Aber dann kam ihm der Einsatz für die Weltrevolution in die Quere, und die war sowohl Fergus als auch dessen Autor, der selbst Kommunist war, wichtiger. Der Autor tritt öfter hinter seiner Person hervor und belehrt uns durch Fergus‘ Mund über bestimmte politische Probleme. Diese seitenlangen Reflexionen sind öde und führen auch nicht wirklich weiter.

Wirklich spannend wird Stuart Hoods “Das Buch Judith” erst zum Schluss. Da tut Judith etwas Überraschendes: Sie befreit sich von dem, der bis dahin ihr Leben bestimmt hat. Damit wird sie in gewissem Sinn zur biblischen Judith, und der Leser wünscht ihr, dass sie aus dem Land des sterbenden (und zu diesem Zeitpunkt schon toten) Generalissimus entkommt… ♦

Stuart Hood: Das Buch Judith – Roman, 208 Seiten, Verlag Edition 8, ISBN 978-3859904064

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Emanzipation auch über die Biographie von Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé

…sowie zum Thema Feminismus über den Roman von Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen (Gedichte)

Zu nahe an der Prosa

von Bernd Giehl

Wenn man die neuen (eher kurzen) Gedichte in “Flügel zum Nichtfliegen” des Basler Schriftstellers Roger Monnerat nacheinander liest – sagen wir jeden Abend ein paar, was durchaus möglich ist -, dann stellt sich nach und nach der Eindruck ein, hier beschreibe einer ein Leben. Vermutlich sein eigenes, denn er scheint ziemlich vertraut damit zu sein.

Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen - Gedichte, 136 Seiten, Morio Verlag, ISBN 978-3-945424-77-3
Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen – Gedichte, Morio Verlag

Zumeist sind es alltägliche Situationen, die Monnerat beschreibt. Das erste Gedicht beginnt tatsächlich mit dem Aufwachen am Morgen, und das einzig Unerwartete ist, dass die Erde stehen bleibt, während der Protagonist aufsteht, obwohl er ihr doch befohlen hat, sich weiterzudrehen – aber daraus folgt nichts.

Und so geht es weiter. Manchmal stutzt man, so beim Gedicht Nr. 3, wo Monnerat seinen Garten beschreibt und plötzlich fragt: “Wie sähe unser Brunnen / für die toten Kinder aus?”
Aber das gehört natürlich dazu, denn eine Lyrik, die man immer weiterlesen kann, ohne auch nur einmal den Kopf zu heben und zu blinzeln, ist zumindest in der Moderne nicht vorgesehen.

Mit der Kawasaki nach Italien

Abgehoben sind die Gedichte jedenfalls nicht. Tankstellen kommen vor, eine Kawasaki 550, mit der der Protagonist nach Italien fährt, auch von Sexualität ist die Rede. Zitat:

66

Monotone Stunden auf der Autobahn.
Zigaretten angebrannt und hinübergereicht,
im Radio Musik, die wegrauscht und wiederkehrt.

Später kleine Städte, die Namen
gleich wieder vergessen,
aber vom letzten Mal erinnert, ein Bistro,
mit Spiegeln an den Wänden. Gegenüber ein Tabac
und unter Platanen alte Männer auf Stühlen
im langen steinernen Brunnentrog plantschen Kinder.

Petra Krause hat das gemocht. Werner Sauber,
auf dem Weg hinunter ans Meer.

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Eigentlich bräuchte es keine Zeilenbrüche. Es könnte auch der Anfang einer Reisebeschreibung sein. Nur die letzten beiden Zeilen irritieren, weil man nicht weiss, ob das eine Erinnerung an Menschen ist, die man nicht kennt, oder eine Metapher, die man nicht versteht.

Manchmal setzt Monnerat sich auch mit der Lyrik anderer Dichter auseinander. So zum Beispiel in Gedicht Nr. 75 mit William Carlos Williams berühmtem Poem So much depends on a red wheel barrow:

75

Ob viel von der mit Regenwasser
gefüllten roten Stosskarette
unter weissen Hühnern
abhängt, ist Ansichtssache

Gut gemacht scheint mir
Cyrano de Bergeracs Nachtigall
die, auf einem hohen Ast sitzend,
sich tief unten im hellen Bach
zwischen den Steinen gespiegelt sieht
und glaubt, sie sei ertrunken.

Gewiss kann man über Williams‘ Gedicht diskutieren, weil es so kurz und scheinbar banal ist, aber ob man darüber wiederum ein Gedicht schreiben sollte, erscheint mir doch fragwürdig.
Andere Gedichte erzählen in kurzen Skizzen von Erfahrungen, die fast jeder kennt:

81

Wo ein Haus zwischen Birken steht
Und Wäsche aufgespannt an der Leine hängt
Werfe ich die Last ab und will bleiben.

Du stehst am Fenster und siehst mich mit Erstaunen.

Kennst du mich noch?

Gibt es einen anderen?

Hast du Kinder? Und wie viele?

Vor der Garage steht ein Motorrad.
Fahrräder liegen im Gras.

Ich schultere meine Last und gehe.

Das Wiedersehen mit Menschen, die man einmal geliebt hat, ist ein bekanntes Thema in der Literatur. Monnerat hätte zweifellos mehr daraus machen können; Wenn man das Bild von der “Last” abzieht, könnte das auch “nur” eine Kurz- bzw. Kürzestgeschichte sein.

Wahrscheinlich ist es dies, das mich stört: Monnerats Gedichte scheinen mir zu wenig verdichtet, zu nah an der Prosa zu sein. Mehr oder weniger sind es plane Alltäglichkeiten, ausgehend von einer Beobachtung oder einem Gedanken – und oft steht am Ende die Moral von der Geschicht‘.
Man kann sich damit zufriedengeben. Für mein Empfinden ist es ein bisschen zu wenig. ♦

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… sowie über den Lyrik-Band von Peter Klusen: Augenzwinkernd

Mathias Ninck: Mordslügen (Roman)

Gutes Handwerk – mit Luft nach oben

von Bernd Giehl

“Medien” können heutzutage fast alles. Sie können eine 16-jährige Schülerin, die freitags vor ihrer Schule sass und für das Klima “streikte”, zu einem Star machen, den jeder in Europa kennt, und deren Nachnamen nicht einmal genannt werden muss (“Greta”). Und umgekehrt können sie mächtige Männer wie den Filmproduzenten Harvey Weinstein oder Regisseure wie Woody Allen ins Nichts oder gar ins Gefängnis schicken (#MeToo).

Mathias Ninck - Mordslügen - Roman-Krimi-Literatur - Cover - Glarean MagazinAber natürlich sind das nicht mehr dieselben Medien, die wir Älteren noch aus unseren frühen Zeiten kennen, also Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen; das Internet ist hinzugekommen – und mit ihm das, was wir heute “soziale Medien” nennen. Alles ist mittlerweile miteinander “vernetzt”. Grenzen, die es früher einmal gab, existieren nicht mehr. Auch jene Menschen, die früher keinen Einfluss hatten, sondern sich allenfalls per Leserbrief äussern konnten, vermögen heutzutage eine Lawine loszutreten, können sich Gehör verschaffen und notfalls sogar eine Kanzlerin stürzen. Sie müssen nur laut genug brüllen und genug andere finden, die mitbrüllen.

“Das wahre Leben”

Man kann das gut finden. Man kann sagen, endlich kämen auch jene zu Wort, die früher nur ohnmächtig die Faust in der Tasche ballen konnten. Man kann aber auch argumentieren, die Medien, die eigentlich nur den Auftrag hatten, über das zu berichten, was gerade passiert, würden nun selbst aktiv eingreifen und das Geschehen mit beeinflussen. Was stimmt? Vermutlich beides.

Mathias Ninck - Schriftsteller - Glarean Magazin
Debüt-Romanautor Mathias Ninck

Der Roman-Krimi “Mordslügen” von Mathias Ninck beschäftigt sich mit dieser Welt. Seine Hauptfigur Simon Busche steckt da mitten drin. Busche ist ein sympathischer Mensch, Reporter bei einem halbseidenen Internet-Magazin mit dem Titel “Das wahre Leben”, zuständig für die “weichen Themen” – was bedeutet, über weltbewegende Geschichten zu schreiben wie z.B. über einen Lehrling, der beim Pinkeln aus dem Bus fällt. Hauptsache, die Story generiert Klicks.
Busche könnte sich ein anderes Leben vorstellen, aber er ist mittlerweile 42, davon 17 Jahre beim “Wahren Leben”. In einem Facebook-Eintrag eines pensionierten Kollegen hat er den Satz gelesen, ein Journalist brauche “eine Haltung”; den Facebook-Eintrag hat er mit “Gefällt mir” bewertet. Aber er weiss auch, dass es bei seinem Arbeitgeber auf vieles ankommt, aber ganz bestimmt nicht auf Haltung. Diese muss man sich erst einmal leisten können. Schliesslich muss jeder Miete zahlen, sich ein Essen kochen und abends einmal in die Kneipe gehen und ein Bier trinken können.

Drei Morde gestanden, aber nicht begangen?

Dies alles kann sich aber von einem Moment auf den anderen ändern, wie schon der alte Heraklit wusste. Busche wird von der Psychiaterin Olivia Pfeiffer kontaktiert, die behauptet, dass eine Frau namens Sandra Dubach seit 25 Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt, weil sie drei Morde gestanden, aber nicht begangen habe. Die Psychiaterin glaubt den wahren Mörder zu kennen. Er sei einer ihrer Patienten, ein Manuel Schindler (genannt Manu), der gewalttätig sei, schon mehrere Male vor Gericht gestanden habe, dessen Freundin sich gerade von ihm getrennt habe, und der ihr nun von seinen Mordphantasien erzählte.
Zwei Tage später wird die Leiche einer Frau vor dem Haus gefunden, in dem Manus Ex-Freundin wohnt. Es handelt sich zwar nicht um die Ex-Freundin, aber dennoch ist die Psychiaterin davon überzeugt, dass ihr Patient den Mord begangen hat. Schliesslich ist er schon einmal verdächtigt worden, seine Freundin getötet zu haben. Damals war er 14 Jahre alt gewesen und hatte mithilfe seines Vaters für lange Zeit nach Südamerika verschwinden können. 12 Jahre später taucht er mit neuem Namen wieder in der Stadt auf und begibt sich in Olivia Pfeiffers Behandlung.
Die Psychiaterin hat Zweifel, ob sie mit ihrem Verdacht zur Polizei gehen soll. Es gibt schliesslich das Arztgeheimnis, und obendrein könnte sie das nächste Opfer des vermutlichen Mörders werden. Schliesslich gibt sie der Polizei verdeckt einen Tipp, und Manu landet auf der Liste der Verdächtigen. Aber dann, als Sandra Dubach die drei Morde gesteht, verschwindet er wieder von dieser Liste…

Das Imperium schlägt zurück

Viele Jahre später stürzt Olivia Pfeiffer in einen Gully, hat Todesangst, wird gerettet; Simon Busche schreibt einen Bericht im “Wahren Leben” über den Unfall, so dramatisch wie sonst nur die “Bildzeitung” das kann – inklusive Ratten, die schon an ihr nagen -, und so kommt die Handlung in Schwung. Busche übernimmt (nach anfänglichen Zweifeln) die Recherche, besucht Sandra Dubach im Hochsicherheitstrakt, nimmt sich eine Auszeit vom “Wahren Leben” und ist schliesslich davon überzeugt, dass Dubachs Geständnis tatsächlich falsch ist.
Dubach ist Borderliner; sie fühlte sich in der Gesellschaft anderer nicht wohl; im Gefängnis, das sie schon von früheren Aufenthalten kannte, hatte sie ihre Ruhe. Sie hat einen Zerstörungstrieb in sich, mit dem sie nur schwer umgehen kann. Jedenfalls passt für Busche alles zusammen: Dubach hat die Morde nicht begangen, für die sie seit zwanzig Jahren sitzt.
Busche kann zwar seine Geschichte am Ende nicht im “Wahren Leben” veröffentlichen, aber es gibt ja noch die Zeitungen auf Papier, in seinem Falle die “Neue Tageszeitung”. Diese veröffentlicht Busches Artikel, danach ist Busche für ein paar Tage berühmt – bis das Imperium zurückschlägt…

Handwerklich einwandfrei, aber…

Die Handlung ist gut erzählt. Matthias Ninck versteht sein Handwerk. Dennoch haben sich mir beim Lesen ein paar Zweifel im Kopf festgesetzt. Dass eine dreifache Mörderin im Hochsicherheitstrakt einsitzt, isoliert von allen anderen Gefangenen, leuchtet nicht ein. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Deutscher beim Thema Hochsicherheitstrakt an Stuttgart-Stammheim denke und an die RAF-Mitglieder Baader, Raspe und Ensslin, die nach der Entführung und Befreiung der Lufthansa Maschine in Mogadischu 1977 in einer Nacht gemeinsam Selbstmord begingen, obwohl sie doch – zumindest offiziell – keinen Kontakt zueinander aufnehmen konnten. (Oder die vielleicht auch ermordet wurden, was aber bis heute nicht geklärt ist). Also, bei allem Respekt: das waren andere Kaliber.
Und dann wäre da auch noch der Titel: “Mordslügen”. Eine Headline, wie sie die “Bildzeitung” nicht besser erfinden könnte. In Verbindung mit dem Thema Medien denkt man gleich an die AFD und ihre Pauschalbehauptung von der “Lügenpresse”, mit der all jene gemeint sind, die sich kritisch über die AFD und die Rechten äussern.

… am Grundthema vorbei

Weiter: Das Thema, wie wir alle von den Medien manipuliert werden, weil etwas künstlich aufgeblasen wird und alle Welt darüber in eine Riesenerregung verfällt, das wird im Buch nicht aufgenommen. Als Beispiel sei Friedrich Merz genannt, bis 2002 Vorsitzender der CDU-Fraktion im Bundestag, der damals von Angela Merkel abgesägt wurde und im letzten Jahr Parteivorsitzender der CDU werden wollte, aber gegen Annegret Kramp-Karrenbauer unterlag, und der neulich von den “Nebelbänken” sprach, die die Kanzlerin erzeuge und von der “grottenschlechten” Arbeit der Regierung. Und dann wird dieser völlig überzogene Kommentar eines Privatmanns, der selbst gern Kanzler werden würde, nicht etwa unter der Rubrik “Vermischtes” vermeldet, sondern er wird in allen Talkshows der Republik diskutiert. Wundert es jemanden, dass hernach die Hälfte der Bevölkerung davon überzeugt ist, dass die Arbeit der Regierung “grottenschlecht” ist?

Das ist der eigentliche Skandal. Zeitungen und Fernsehen eifern den “sozialen Medien” nach, erzeugen Riesenwellen, und wenn die Aufregung immer grösser wird, fragen sie, wer daran schuld sei.
Womöglich ist es ungerecht, von einem Autor zu erwarten, der doch nur einen Krimi aus dem Bereich des Internetjournalismus schreiben wollte, dass er das Thema in dieser Dimension bearbeite. Das ist, zugegeben, schon ziemlich anspruchsvoll. Aber wenn man die Welle reiten will und dann die Erwartungen, die man geweckt hat, nicht bedienen kann, muss man sich eine solche Kritik gefallen lassen. ♦

Mathias Ninck: Mordslügen – Roman, 232 Seiten, Edition 8 Verlag, ISBN 978-3859903814

Lesen Sie zum Thema Krimi auch über Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

… sowie über den neuen Thriller von Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen

Monika Rinck: Wirksame Fiktionen (Poetikvorlesungen)

Fiction or Non-Fiction?

von Bernd Giehl

Ich liebe dieses Buch. Ich könnte stundenlang darin lesen. Mein erster Gang führt mich nach dem Nachhausekommen direkt zu ihm. Bevor ich es öffne, streichle ich es. Und jedes Mal zünde ich dann den Kamin an und werfe es ins Feuer. Aber am nächsten Tag liegt es wieder neben meinem Lesesessel: “Wirksame Fiktionen” von Monika Rinck.

Monika Rinck - Wirksame Fiktionen - Göttinger Poetik-Vorlesungen - Cover - Literatur-Rezension Glarean MagazinFalls Sie jetzt meinen, der Autor dieser Rezension habe nicht mehr alle Tassen im Schrank, könnten Sie Recht haben. Könnte aber auch sein, dass ich mich zu tief auf diese “Wirksamen Fiktionen” von Monika Rinck eingelassen habe, in der die Autorin gleich zu Anfang die Geschichte eines Mannes schildert, der von der Polizei verdächtigt wurde, eine Bibliothek in Los Angeles in Brand gesteckt zu haben: “Er verwirrte die Behörden durch einen ganzen Strauss einander widersprechender Aussagen”. Ich zitiere: “Er war da, er war nicht da. Er war vertraut mit der Bücherei; er hatte sie niemals in seinem Leben besucht. Er roch an dem betreffenden Tag nach Rauch, er roch nach gar nichts. Das einzige, was ausser Frage stand: Harry fabulierte gerne. ‘He finds it difficult to give a straight answer‘, one friend told investigators.”
Das ist das Verfahren der modernen Dichtung. Sie lässt sich nicht eindeutig auf eine bestimmte Aussage festlegen. An erster Stelle benutzt sie Metaphern, also Bilder um die Welt zu beschreiben. “Metafores steht auf den Kleinlastwagen griechischer Transportunternehmen. Sie transportieren Güter.”

Fragen über Fragen

Monika Rinck - Lyrikerin - Literatur-Dozentin - Glarean Magazin
Die Lyrikerin und Literatur-Dozentin Monika Rinck

Und dann, wenn man glaubt, die Aussage endlich halbwegs verstanden zu haben, kommt eine Szene (Geschichte, Gedicht) die alles wieder verunklart. “Das Pferd (und das Schiff) waren vergleichsweise frühe Transportmittel. Die Domestizierung des Pferdes wird auf das dritte vorchristliche Jahrtausend datiert. Das mongolische Grossreich verdankt sich massgeblich der organisierten Reiterei. Das Pferd wechselte um ein Säckchen Radium den Besitzer. Der Messias betrachtete dies in lockerer Garderobe.”
Wurde Radium nicht erst 1898 von Marie Curie entdeckt? Was kann es da mit dem Reich von Dschingis Khan (12./13.Jahrhundert) zu tun haben? Und was hat – bitte – der Messias mit all dem zu tun?
Fragen über Fragen. Man kann sich in ihnen verlieren. Aber heute nicht. Heute müssen wir weiter. Wir wollen ja schliesslich irgendwo ankommen. Nur wo, das ist noch die Frage. An einer Grenze vielleicht? – Schon an diesem Beispiel merkt man, dass Monika Rinck Lyrikerin ist. Eine sehr bekannte zudem. Lyriker tun so etwas. Sie verbinden Begriffe aus weit voneinander entfernten Zusammenhängen miteinander und kommen dadurch (manchmal) zu überraschenden Erkenntnissen.

Ein gelahrtes Buch

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Es ist schon ein gelahrtes Buch, geschätzter Leser, und wenn du jetzt glaubst, du habest dich verlesen, denn da müsse “gelehrt stehen, dann hast du dich leider getäuscht. Es zitiert einige Gelehrte, die sich mit der Theorie des Gedichts auseinandergesetzt haben, von Platon über Hegel bis Käte Hamburger (1996-1992), und ebenso kommen Lyriker des 21. Jahrhunderts zu Wort.
Worum also geht es? Vordergründig um die Frage, ob Gedichte “Fiktion” seien, oder ob sie eher “Non-Fiction” sind und damit ins Sachbuch-Regal gehören. Monika Rinck tendiert zu “Non Fiction” und nimmt dazu einen eigenartigen Begriff von “Fiktion” zu Hilfe: Der Begriff leite sich von (lateinisch) “fingere” ab und bedeute “Täuschung”. Dabei bezieht sie sich auf die schon erwähnte Käte Hamburger.
Gewiss: Romane und Erzählungen bilden die Wirklichkeit nicht im Massstab 1:1 ab; sie bilden sie neu (manchmal mehr, manchmal weniger), aber ist das “Täuschung”? Erzählende Prosa steht m.E. ebenso in einer Beziehung zur Wirklichkeit wie Lyrik, nur dass diese Beziehung in der Lyrik schwerer zu greifen ist, weil Lyrik vieldeutiger ist.
Aber so genau ist die Frage wohl nicht zu entscheiden, und Monika Rinck, diese geniale Spielerin, tut selbst alles, um sie in der Schwebe zu halten. Nicht zuletzt dadurch, dass sie verschiedene Leitmotive – z.B. das Säckchen mit Radium, das Motiv des beschädigten Kessels oder das der brennenden Bibliothek – wieder und wieder erwähnt, miteinander vermischt. Und auf Seite 43 fragt sie sich, ob die Frage von Wahrheit und Lüge das Fiktionale nicht genau so betrifft wie das Dokumentarische, also Nicht-Fiktionale.

Die Grenze als Metapher…

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Die “Grenze” als lyrische Metapher

Man wird von diesem Buch keine endgültigen Antworten erwarten können. Dazu ist es viel zu spielerisch angelegt. Es arbeitet nicht wissenschaftlich, also nicht mit Argument und Gegenargument und Entkräftung des Gegenarguments, sondern es springt von einer Assoziation zur nächsten, ohne dabei den roten Faden ausser Acht zu lassen.
Ein wichtiges Thema ist die “Grenze” als Metapher, aber ebenso als (oft grausame) Wirklichkeit, die Menschen daran hindert, in ein anderes Land zu kommen. Natürlich ist in den letzten Jahren die “Grenze” immer mehr zum Thema geworden, sei es das Mittelmeer, das Europa von den Ländern des Südens trennt, oder sei es die zwischen Mexiko und den USA. Wo Donald Trump gern eine Mauer bauen würde, wenn man ihn nur liesse.

… und das Gedicht als Politikum

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Ob die Grenze Thema von Gedichten sein sollte? Monika Rinck bejaht dies vehement und zitiert auch ein Gedicht von Wendy Trevino, einer in San Francisco lebenden Autorin. Bei ihr wie auch bei anderen, zum Teil im Exil lebenden Autoren, mit denen Rinck sich verbunden fühlt und die sie zum Teil auch ins Deutsche übersetzt hat, wird dann klar, was die Autorin mit “Non Fiction” meint: es sind Gedichte, die vehement politisch sind.
Ich denke, in diese Richtung geht es. Monika Rincks Begriff von “Fiction” (also erzählender Prosa) scheint mir etwas einseitig; vor allem von amerikanischen Serien bei “Netflix” geprägt, wo es vor allem um Gewalt als Selbstzweck geht, während Gedichte ihrer Meinung nach eher die ganze Wirklichkeit abbilden. So subjektiv sie auch sein mag; so schliesst sie doch auch das ein, wovor wir oft genug die Augen verschliessen. ♦

Monika Rinck: Wirksame Fiktionen, Göttinger Lichtenberg-Poetikvorlesungen 2019, 102 Seiten, Wallstein Verlag, ISBN 978-8353-3555-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Themenkreis Literatur-Poetik-Lyrik auch die folgenden Beiträge:


 

Jasha Gnirs: Dolor de Desiderio (Gedichte)

Heisse Lust oder heisse Luft?

von Bernd Giehl

Gedichte schreiben ist kein grosses Risiko. Niemand muss wissen, dass man so etwas tut. Man muss sie ja niemandem zeigen.  Das Unglück ist nur: Gedichte kommen meist aus dem überquellenden Herzen. Sie werden nicht geschrieben, damit sie in der Schublade vergilben, sondern damit jemand sie liest, der so ähnlich fühlt. Also zeigt man sie den Menschen, die man liebt: der Freundin oder dem Freund, und jenen, von denen man annimmt, dass sie einen verstehen. Die werden schon nicht allzu kritisch mit ihnen umgehen.
Und irgendwann kommt vielleicht auch der Zeitpunkt, wo man beschliesst, die eigenen Produkte seien so gut, dass man sie einer grösseren Öffentlichkeit präsentieren will. Dann kann man nicht mehr unbedingt mit dem Wohlwollen der Leser rechnen; dann wird es womöglich auch Kritik geben.

Jasha Gnirs - Dolor de Desiderio - Gedichte - Buch-Cover - Literatur-RezensionenDieser Tatsache ist sich der Autor des neuen Lyrik-Bändchens “Dolor de Desiderio” bewusst; Jasha Gnirs schreibt in seinem Vorwort: “Es mag sein, dass dieses künstlerische Werk wenig Beachtung finden und in irgendeiner Schublade landen wird, ohne gelesen und ohne gehört zu werden. So mag es sein, dass dieses Werk der Schreibtischschublade unnötigerweise Platz wegnimmt.”
Kein schöner Gedanke, aber immerhin ist Autor Gnirs der Ironie fähig. Allerdings stellt er dann auch noch den Anspruch, seine Gedichte seien Kunst – und spätestens da wird es ernst.

Gesucht: Originalität

Nun will ich nicht gleich das ganz grosse Geschütz auffahren und behaupten, ein Kunstwerk müsse völlig neu und überraschend sein und etwas ausdrücken, was so noch nie gedacht oder dargestellt worden ist. Gemessen an diesem Anspruch gibt es wohl nicht viel Kunst, denn vermutlich ist alles schon einmal gedacht worden, und die Möglichkeiten neu zu malen oder zu schreiben sind begrenzt. Dennoch: ein bisschen Originalität wird man schon fordern dürfen…

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Aber die Gedichte von Jasha Gnirs sind nicht originell. Je mehr von ihnen man liest, desto weniger passen sie in dieses Jahrhundert. Eher hat man das Gefühl, ein nicht besonders erfolgreicher Dichter aus der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts habe sich zu uns verirrt und biete nun seine Sachen aus dem Bauchladen dar.
Man erkennt ihn schon an seiner altmodischen Kleidung. Alle Gedichte sind gereimt. Das ist zwar neuerdings wieder möglich, aber dann sollte der Inhalt umso überraschender sein.
Und sie handeln von einem Thema, über das schon unzählige Dichter geschrieben haben. Vielleicht wollte der Autor das ein wenig verschleiern, indem er den auf den ersten Blick etwas rätselhaften Titel “Dolor de Desiderio” (“Schmerz der Sehnsucht”) wählte.

Herzblut ohne Distanz

Sicher: Es geht um die Wunden, die das Leben uns zufügt. Darüber kann man schreiben. Nur braucht es dafür nicht nur viel Herzblut, sondern auch einiges an Distanz, wenn man nicht allzu persönlich werden will. Dafür fehlt Gnirs aber offensichtlich der Mut. Er will geliebt werden. Und so entstehen Gedichte wie das folgende (Zitat):

Das zweite Blühen

Komm, du Leser und begib dich leise
Mit mir auf eine lange Reise
In die weiten Weiten des Himmelreichs.

Komm du nur und scheu dich nicht
Siehst du nicht das kleine Licht
Das am Ende dieses Weges weilt?

Ich sehe es, ich fühle es.
Mir wird ganz warm um meine Brust!
Auf einmal spür ich heisse Lust!
Ich habe es schon lang gewusst,
Dass dies nicht das Ende ist.

Denn endet wo ein langes Leben
Endet wo ein ewig‘ Streben
So beginnt nun hier das neue Fühlen.
Das liebe Lachen, das zweite Blühen.

Und so weiter.
Es mag Menschen geben, die sich nicht an der altertümelnden Sprache und den verbrauchten Bildern (“heisse Lust”, “ewig‘ Streben” etc.) stören. Ich gehöre nicht dazu.
Ich glaube, ich weiss, wo das Büchlein seinen Platz finden wird. ♦

Jasha Gnirs: Dolor de Desiderio – Gedichte, 62 Seiten, Rediroma Verlag, ISBN 978-3-96103-620-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Lyrik auch den Literatur-Essay von Bernd Giehl:
Nachdenken über Luxus – Eine Anmerkungen zum Schreiben von Gedichten

… sowie die literarische Meditation von Johann Voss:
Warum noch Gedichte? – Die Provokation der modernen Poesie

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Ständige Korrespondenten des Glarean Magazins

Thomas Binder - Glarean MagazinThomas Binder (Schach)

Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als Programmierer in Berlin
Thomas Binder im Glarean Magazin


Dr. Ralf BinnewirtzRalf Binnewirtz - Glarean Magazin (Schach)

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 bis 2018 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig
Ralf Binnewirtz im Glarean Magazin


Christian Busch - Glarean MagazinChristian Busch (Musik & Literatur)

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Spanien, lebt in Düsseldorf
Christian Busch im Glarean Magazin


Walter Eigenmann - Oktober 2020

Walter Eigenmann (Musik & Literatur & Schach/Rätsel)

Geb. 1956 in Luzern/CH, seit 2007 Herausgeber und Redakteur des Online-KulturJournals Glarean Magazin
Walter Eigenmann im Glarean Magazin


Bernd Giehl - Glarean MagazinBernd Giehl (Literatur)

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim
Bernd Giehl im Glarean Magazin


Sigrid Grün - Glarean MagazinSigrid Grün (Literatur)

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals
Sigrid Grün im Glarean Magazin


Isabelle Klein - Glarean MagazinIsabelle Klein (Literatur)

Geb. 1975 in Würzburg, Lehramts-Staatsexamen, Studium der Soziologie und Politologie, zahlreiche Online-Belletristik- und Sachbuch-Rezensionen, lebt in Hannover
Isabelle Klein im Glarean Magazin


Jakob Leiner - Musiker, Lyriker - Glarean MagazinJakob Leiner (Musik)

Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD)
Jakob Leiner im Glarean Magazin


Katka Raeber - Glarean MagazinKatka Räber (Literatur & Film)

Geb. 1953 in der Tschechoslowakei, 1968 Übersiedlung in die Schweiz, Studium der Slavistik, Germanistik und Literaturkritik in Zürich, später Paarberatungsausbildung und Psychodrama-Diplom, lebt als Sachbuch- und belletristische Autorin sowie als Therapeutin und Fotografin in Basel
Katka Räber im Glarean Magazin


Horst-Dieter Radke - Glarean MagazinHorst-Dieter Radke (Musik & Literatur)

Geb. 1953 in Hamm/D, Wirtschaftsinformatiker, Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Betriebspädagogik an der Universität Koblenz-Landau, daneben Musiklehrerprüfung; freiberuflicher Lektor und Schriftsteller, Buch-Veröffentlichungen zu regionalen und geschichtlichen Themen, Romane, Krimis, Novellen, Erzählungen
Horst-Dieter Radke im Glarean Magazin


Stefan Walter - Glarean MagazinStefan Walter (Literatur)

Geb. 1978, Autor von Lyrik und Kurzprosa, passionierter Schachspieler, lebt mit seiner Familie als Rechtsanwalt in Neuburg/D
Stefan Walter im Glarean Magazin


Mario Ziegler - Glarean MagazinDr. Mario Ziegler (Schach)

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach
Mario Ziegler im Glarean Magazin

Lesen Sie auch unser Editorial und das Inhaltsverzeichnis

Andreas Wieland: Famulus (Novelle)

Ein Buch über Verluste

von Bernd Giehl

Wenn ich mir den Autor Andreas Wieland vorstelle, dann sehe ich ihn in einer einfachen Blockhütte in den Bergen vor einem Blatt Papier sitzend. Er grübelt. Zwar hat er schon Dutzende von Seiten seines neuen Werks “Famulus” geschrieben, aber die liegen wohl verstaut im verschlossenen Küchenschrank, und den Schlüssel hat er seiner Frau gegeben, die ihn um den Hals trägt. Sie kennt ihn. Jeden Tag sitzt er ab sechs Uhr in der Früh‘ am Schreibtisch, mit Blick zum kleinen Fenster und ringt mit den Worten, die sich sträuben und die Fäuste ballen. Die ihn manchmal grün und blau schlagen, sodass er hinkt. Wenn er einen Anfall hat, ist es schon vorgekommen, dass alles, was er geschrieben hat, im Ofen zu Asche verglüht ist. Daher der Schlüssel.

Ein Mann jenseits der sechzig

Möglich, dass kein Wort an diesem Porträt stimmt und Wieland an einer lärmenden Strassenkreuzung in Chur wohnt, wo alle drei Minuten eine Strassenbahn vorbei bimmelt. Falls es dort Strassenbahnen gibt; ich war nie dort. Vermutlich stimmt das Porträt nicht, weil Wieland kein medienscheuer Dichter ist und auch nicht als weltentrückter Klausner seine Bücher schreibt. Er hat an Wettbewerben teilgenommen, einen Preis gewonnen, er betreibt eine Galerie; es gibt Pressefotos. Mein Porträt beschreibt eher den „Famulus“, einen Mann jenseits der sechzig, der aus dem Fenster seiner Bergklause seiner jungen Frau zusieht, die ihr Kind trägt und ihm zuwinkt. Er wollte kein Kind. Aber er liebt sie. Aufrichtig. Auch andere Frauen hat er begehrt, aber sie haben ihn nicht erhört.

Tagebuch in der Novelle

Währenddessen schreibt er ein Tagebuch, das wir im „Famulus“ lesen können. Der Ich-Erzähler beschreibt nicht, wie er arbeitet, aber ich könnte mir vorstellen, dass er alle zehn Minuten aufsteht und sich einen Tee kocht. Oder sich aus der Räucherkammer etwas zum Essen holt. Und dann nachsieht, ob noch Feuer im Herd brennt und er die Tür zur Räucherkammer wieder verschlossen hat. Er sucht nach erlesenen Bildern. Streicht wieder aus, was er geschrieben hat. Formuliert neu. Er besitzt keinen Computer. Nicht mal einen Triumph Adler Alphatronic PC mit 8 Bit aus dem Jahr 1984 nach der Sintflut.
Famulus ist ein Buch über Verluste. Manchmal kommt man sich selbst abhanden. Sogar im Februar. Der ist der Lieblingsmonat des Famulus. Weil er da womöglich seine Frau kennengelernt hat, deren Namen er nicht weiss, oder weil da seine Tochter geboren ist. Es spielt keine Rolle. Aber er wird sie verlieren, weil der Februar nicht dauert, und weil sie früher oder später gehen wird. Manchmal tastet er sich bis in den März vor, aber es geht nur ansatzweise. Er wird sterben, oder sie wird gehen. Was es ist oder ob es Gründe gibt, spielt keine Rolle. Es ist, wie es ist, und so ist diese Novelle ein Buch auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Und es ist diese Grenze, die den 63jährigen Famulus, den Mann ohne Namen am meisten interessiert.

“Dann kommen die Engel, sie sind schrecklich”

Zwischendurch aber wehrt er sich, Hat seine Anfälle. „Will endlich ihren Namen wissen. Schreie sie an. Ist nicht das erste Mal Habe ich ihr gesagt, dass ich sie liebe? Sie und ihn? Sie und den Februar? Oder wollte ich es nur tun? Sie schweigt. Spricht nicht mehr. Schreie sie erneut an. Sage ihr wüste Worte. Passen nicht zu ihr. Zu mir auch nicht. Will verletzen. Will wissen, wie sie heisst. Endlich wissen, wie sie heisst. Ist nur ein Name. Famulus, sage ich zu mir. Beruhige dich. Aber ich will wissen, wohin sie geht (S.18).
Dann kommen die Engel. Sie sind schrecklich, Schrecklich und fremd. Einen küsst er. Sie heisse „Maria“, sagt sie. Aber es ist nicht seine Frau. Er „will sie schlagen. Sie anspucken. Sage ihr, dass sie sich hüten soll. Und verschwinden.“ (S. 20)

Verführerisch-anschmiegsame Sprache

Andreas Wieland (Geb. 1969)
Andreas Wieland (Geb. 1969)

So könnte man seitenlang weiter zitieren. Das Buch lädt dazu ein. Seine Sprache schmiegt sich an. Ist verführerisch, auch da, wo sie hart wird, von Dornen erzählt oder davon, dass die Angebetete merken wird, dass er eine fremde Frau im Arm gehalten hat. Auch er möchte davonschwimmen ohne Geschichte, so wie Frischs Gantenbein. Es wird ihm nicht gelingen.
„Famulus ist ein Buch der Liebe. Ebenso wie des Hasses. Auch die Sprache kann man lieben und hassen, weil sie einengt. Festlegt. Nicht die Luft brennt, sondern der Sand in den Dünen. Sogar das Meer brennt lichterloh. (S 28) Das es im Hochgebirge nicht gibt, aber wen interessiert das: man kann ja träumen. Dass der Famulus davon erzählt, er wälze sich im Sand, lässt darauf schliessen, dass ihm die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit immer mehr verschwimmt. An manchen Stellen, vor allem gegen Ende hin träumt er sich ans Meer. Spürt die Gischt auf seiner Haut. Träumt sich in die Weite, die er nie erleben wird. Zumindest ist es wenig wahrscheinlich Dafür ist er viel zu sehr gefangen in seinem Inneren. Das ihm ja zugleich auch Freiheit bedeutet, egal wie gefangen er sonst sein mag. Vielleicht gibt es die Frau und das Kind nur in seinem Tagebuch. Vielleicht lebt er an einer belebten Kreuzung in Chur statt im Hochgebirge.

Traum-Orte illustriert

Der Illustrator Claudio Caprez nimmt die Sprache des Buches, die zugleich reich ist und doch immer um die selben Motive kreist, gut auf. Seine Zeichnungen sind durchgehend in blau, beige und orange gehalten und zeigen stilisierte Buchten, mal mit den Hauptpersonen, mal ohne sie. Es sind Traumorte, die niemals zu erreichen sind oder erst, wenn der Februar endgültig Geschichte ist. Nur die letzte Seite ist blau und grün (S.32). Aber das ist keine Seite, die „Famulus“ der Melancholiker je (in sich) finden könnte. Dazu müsste er wirklich gehen. Nach aussen. Weg von sich selbst.

Ein Leben nur im Tagebuch

Die kurze, aber tiefgründige, in einer manchmal verführerisch-anschmiegsamen, dann wieder harten Sprache verfasste Novelle "Famulus" von Andreas Wieland ist ein Buch über die Liebe und den Hass. Ein Buch aber auch über Verluste, die seelische (Un-)Tiefen aufwühlen.
Die kurze, aber tiefgründige, in einer manchmal verführerisch-anschmiegsamen, dann wieder harten Sprache verfasste Novelle “Famulus” von Andreas Wieland ist ein Buch über die Liebe und den Hass. Ein Buch aber auch über Verluste, die seelische (Un-)Tiefen aufwühlen. Illustrator Claudio Caprez nimmt die Buch-Welten “traum-haft” auf.

Denn er lebt ja nur in seinem Tagebuch. Das er fortwährend schreibt, die Finger schwarz von Tinte. Schwarz wie das Meer, von dem er träumt. Das er, Bewohner der Gipfel der Hochalpen, aber nie erreichen wird, egal wie sehr er sich dorthin sehnt. Es sei denn, er kann wirklich ein Anderer werden.
An dieser Stelle habe ich eine Anfrage an den Autor. Ich zweifle, ob ich das Buch „Famulus“ genannt hätte. Der Famulus Wagner, ursprünglich eine Figur aus Goethes „Faust“ ist ein beschränkter Mensch, fast eine Marionette, der Faust bei seinen Ausflügen ins genialisch Unbekannte nicht folgen kann. Auch ein sechsarmiger Industrieroboter der Firma KUKA hiess „Famulus“. Roboter haben keinen eigenen Willen, sondern werden von Software gesteuert. Auch sie sind „Marionetten“, abhängig vom Willen eines Ingenieurs.

Famulus der Faust-Schüler

Gewiss, der „Famulus“ lebt wie Fausts Schüler in einer Bücherwelt. In gewissem Sinn ist er „beschränkt“. Aber würde auch dieser Famulus einen Geist für den Vortrag aus einer griechischen Tragödie halten? Ich glaube nicht. Sollte man ihn wirklich Famulus nennen? Er weiss doch selbst um seine Einschränkungen und will sie besiegen (S.27). Einem „Wagner“ würde das nie in den Sinn kommen. Noch im nach Hause gehen hört er „schöne Klänge“ (S. 27). Er wird über sich hinauskommen, den Februar verlassen. Der März klopft schon an. Wird sich verlassen, die Frau, das Kind, wird sterben und auferstehen und alle werden leben. Nicht nur in schwarzer Tinte. Er wird in See stechen. einen Hafen ansteuern und Frau und Kind neu finden (S.31). Daher auch das Bild in blau und grün am Ende. Ein Hoffnungsbild. So viele Züge, die über den „Famulus“ hinausführen. Zumindest lese ich das in Wielands Buch.

Die Abgründe der eigenen Seele

Müsste dieser Famulus also nicht eher „Peter“ heissen, (nach dem österreichischen Dichter Peter Rosei, (geboren 1946), weil auch er in den Abgründen der eigenen Seele wohnt? Oder vielleicht noch besser „Odysseus“, weil er über sie hinaus will? Vielleicht nicht einmal nach Ithaka, weil er das ja schon kennt.
Ich weiss nicht wie Wieland es sieht. Er hat mit dem Titel einen starken Hinweis gegeben, aber manchmal wissen Figuren mehr als der Autor.
Das alles wird Andreas Wieland mir vermutlich nicht danken, weil Autoren sich ungern in Schubladen einsperren lassen, in denen schon andere Autoren hausen. Sie wünschen sich ihre eigene Schublade, in der sie ungestört wohnen und wühlen können. Aber keine Sorge, Herr Wieland. Die sei Ihnen gegönnt. Bitte, gerne. ♦

Andreas Wieland: Famulus – Novelle, Illustriert von Claudio Caprez, 39 Seiten, 110th Verlag (Chichili Agency), ISBN 978-3-95865-780-9

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Andreas Wieland: Vom Koffer in den Mund (Kurzprosa)

… sowie zum Thema Novelle über Ralf Günther: Als Bach nach Dresden kam

S. Schüssler (Hrsg.): Berlin – Eine literarische Einladung

Die Narben einer einzigartigen Stadt

von Bernd Giehl

Ein kleines Buch für die Jackentasche ist dieses “Berlin – Eine literarische Einladung” aus dem Wagenbach Verlag. Man kann es mitnehmen und im ICE lesen, wenn man gerade nach Berlin unterwegs ist, um dort ein verlängertes Wochenende zu verbringen, oder weil man geschäftlich hin muss. So eine Fahrt kann ja dauern, und nicht immer findet man den Sitznachbarn so sympathisch, dass man sich unbedingt mit ihm unterhalten will.

Einem Irrtum sollte man allerdings nicht unterliegen: “Berlin” ist kein Reiseführer. Sinnlos, es nach „Sehenswürdigkeiten“ durchzublättern. Wer wissen will, ob es sich lohnt, die Gethsemanekirche zu besuchen, oder ob man sich die Monstrosität des Berliner Doms wirklich antun sollte, der wird nicht fündig werden. Eher schon geht es um Alltag, die Hinterhöfe, die Baulücken, die „Rattenlöcher“, die gesamte Hässlichkeit, die es ja wahrscheinlich in jeder Grossstadt auf diesem Planeten gibt, in Berlin aber besonders konzentriert.

Ein Sack mit allem Möglichen drin

Wagenbach Verlag - Berlin - Eine literarische Einladung - Cover„Ich würde sagen, Berlin ist ein Sack, in den seit Jahrhunderten alles Mögliche hineingesteckt wurde. Doch zum Glück hat dieser Sack ein Loch, und so fällt das meiste davon immer wieder heraus und hält sich nicht lange“, schreibt Durs Grünbein in dem Text, der das Buch eröffnet.
Natürlich ist es die Geschichte, auf die Durs Grünbeins Satz vom löchrigen Sack anspielt, die Berlin so einzigartig macht. Und natürlich haben auch andere Städte eine Geschichte, die zum Teil viel länger ist, aber kaum eine hat eine Geschichte, die so mit dem Schicksal eines ganzen Kontinents verbunden ist. Andere Städte definieren sich durch die Kunst, die sie hervorgebracht haben oder durch ihre einzigartige Architektur. Berlin definiert sich durch das Schicksal, Hauptstadt des preussischen Geistes zu sein. 1701 machte der preussische Kurfürst Berlin zur Hauptstadt seines Reiches. Zwei Jahrhunderte später wurden zwei Weltkriege von dieser Hauptstadt aus geplant und durchgeführt.

Vielfältige Narben der Geschichte

Die FriedrichStrasse in Berlin um 1900
Die FriedrichStrasse in Berlin um 1900

So geht es auch eher um die Narben, die Berlin prägen und die es hinterlassen hat. Immer wieder wird darauf angespielt, so zum Beispiel in der Geschichte von Katja Petrowskaja „Google sei Dank“, in der die Ich-Erzählerin, gemeinsam mit einem iranischen Juden nach Polen reist und sich mit ihm zusammen Gedanken macht, was der Spruch „Bombardier. Willkommen in Berlin“, den sie beide im Hauptbahnhof gesehen haben, bedeutet. Da auch die Erzählerin nicht weiss, was der Name „Bombardier“ bedeutet, phantasiert sie von einem Musical, das gerade in Berlin aufgeführt werde. Aber natürlich kreist das Gespräch der beiden schon bald um ein ganz anderes Assoziationsfeld.
Daneben gibt es aber auch andere Geschichten, die einfach vom hier und jetzt erzählen; von Missverständnissen, die es auch in alternativen Wohnprojekten gibt, vom Zusammenleben und Auseinandergehen von Menschen, die sich nur wenig zu sagen haben. Es ist wie überall: Schon der Bau eines Baumhauses kann zu ungeahnten Schwierigkeiten führen, nur dass es ganz andere sind als wir erwarten.

Ein schillerndes Kaleidoskop

Die FriedrichStrasse im Berlin unserer Tage
Die FriedrichStrasse im Berlin unserer Tage

Kann man die vielfältige Wirklichkeit einer so grossen Stadt wie Berlin überhaupt einfangen? Vermutlich kann man nur Teile eines grossen Mosaiks einfangen, das sich zudem immer wieder anders präsentiert. Berlin ist eben nicht nur ein Sack voller Gerümpel, sondern auch ein Kaleidoskop, das immer wieder ein anderes Bild produziert.
So ähnlich geht es dem Leser oder der Leserin auch mit diesem Buch, das viele Namen versammelt, die man schon anderswo gelesen hat. Und nicht alles bleibt so lang im Gedächtnis wie der kurze Text von Nikolas, überschrieben mit „2. Juni 1967“ in dem ein namenloser Ich-Erzähler von den Vorbereitungen der Polizei auf eine Demonstration erzählt, die später stattfinden wird und nur der Titel einem sagt, dass hier etwas verschwiegen wird. Die Tatsache nämlich, dass einige Stunden später ein Student namens Benno Ohnesorg von einem Polizisten namens Karlheinz Kurras erschossen wird.
Was daraus später wurde, das wissen wir. ♦

Susanne Schüssler & Linus Guggenberger (Hrsg.): Berlin – Eine literarische Einladung, Wagenbach Verlag, 144 Seiten, ISBN 978-3-8031-1328-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Geschichtsträchtige Städte auch über
Martina Sahler: Die Stadt des Zaren (Roman)

8. Wort-Bild-Meditation über “Das schwarze Quadrat”

Die Offenbarungen des Schwarzen Quadrats

Glaube, Liebe, Hoffnung, Kunst

von Bernd Giehl (Texte)  &  Hubertus Graef (Fotos)

Das Gemälde Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch wurde zum ersten Mal 1915 bei der letzten futuristischen Ausstellung in Petrograd (St. Petersburg) gezeigt und gilt seither als eine der Ikonen der Malerei des 20. Jahrhunderts.
In der damaligen Ausstellung wurde es an der höchsten Stelle einer Ecke des Raums mit der Bildfläche leicht schräg nach unten befestigt, umgeben von anderen Bildern des Malers.
Das Schwarze Quadrat nahm damit die Position ein, die in einem traditionellen russischen Haus einer religiösen Ikone vorbehalten ist.

Das Schwarze Quadrat - Kasimir Malewitsch - Glarean Magazin
Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch

Kasimir Malewitsch selber zu seinem Werk: “Als ich den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellt ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weissen Grundfeld… Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.”

Das Schwarze Quadrat steht im Zentrum eines vierteiligen, meditativen Zyklus’ mit Texten und Bildern des Bad-Marienberger Pfarrers und Schriftstellers Bernd Giehl und des Göttinger Digitalkünstlers Hubertus Graef. Unter dem Titel “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” vereint das Werk zahlreiche je korrespondierende Wort-Bild-Kombinationen zu den Themata “Glaube, Liebe, Hoffnung, Kunst”.

Autor Bernd Giehl schreibt zur Entstehungsgeschichte: “Auf der Suche nach einem Titel für das gemeinsame Werk fielen mir ein paar Zeilen aus meinem Gedichtzyklus ‘Zwiegespräch’ ein: ‘Verborgen seit jeher / Versteckt unter tausend Masken / Kein Wort so missbraucht wie dieses / Das Schwarze Quadrat / Eine Offenbarung / Verglichen mit dir / Wessen Stimme hörte Mose / Im Dornbusch in der Wüste?’
Sowohl in den Gedichten wie auch in den Bildern geht es um Grenzerfahrungen, die manchmal, vielleicht nicht immer, mit Glauben zu tun haben”.

Als Erstveröffentlichung dieser “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” publiziert das Glarean Magazin in unregelmässiger Folge acht Auszüge des insgesamt 68 Seiten umfassenden Wort-Bild-Projektes. (we)


Von den Gedichten

Längst vergangen die Zeiten
in denen man Gedichte kaufte
wenn man um eine Frau warb
oder ein Kind gestorben –
von Hand gearbeitet
wie die Schuhe, die man trug. Heute
gibt’s Karten zu jedem Anlass
in der Postagentur.

Etwas mit eigenen Worten sagen
wie antiquiert ist das denn? „Schöngeist“
ein Schimpfwort, „Poet“ …erledigt
Wer kann geht in die EDV
die Leute
verlieben sich nicht mehr
und sterben
ist auch aus der Mode

*

Nur die Reichen
kaufen noch massgeschneidert
oder von Hand genäht vielleicht
spüren sie noch die Abgründe.
Aber wer
Ist reich genug
einen Dichter zu halten? Jedoch:
die letzten kann man mieten
wie einen Rolls
oder einen Berater.

Tanz über dem Abgrund
oder auf dem Vulkan
bald ist‘s der neueste Schrei
die Droge: nicht Ecstasy
oder Pilze
sondern Worte.

*

Hier grasen Monster
doch Gefahr ist mein Geschäft. Wir
sind die Priester des göttlichen Feuers
das euch verbrennt.
Hineinspaziert meine Damen
den Eintrittspreis
entrichten die Herren
für beide Geschlechter.

Keine Sorge wir
arbeiten mit Seil
und doppeltem Boden wir
halten die Monster in Schach
das Labyrinth betreten sie nur
mit unserem unkaputtbaren
Theseus-Faden.

Kommen Sie erleben Sie
den Schrecken
hautnah.

Hubertus Graef: Von den Gedichten (Fotografie)
Hubertus Graef: Von den Gedichten (Fotografie)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die
7. Wort-Bild-Meditation über “Das schwarze Quadrat”

… sowie zum Thema Wort-Bild-Mediation auch über
Urs Widmer: Valentin Lustigs Pilgerreise

7. Wort-Bild-Meditation über “Das schwarze Quadrat”

Die Offenbarungen des Schwarzen Quadrats

Glaube, Liebe, Hoffnung, Kunst

Bernd Giehl (Texte)  &  Hubertus Graef (Fotos)

Das Gemälde Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch wurde zum ersten Mal 1915 bei der letzten futuristischen Ausstellung in Petrograd (St. Petersburg) gezeigt und gilt seither als eine der Ikonen der Malerei des 20. Jahrhunderts.
In der damaligen Ausstellung wurde es an der höchsten Stelle einer Ecke des Raums mit der Bildfläche leicht schräg nach unten befestigt, umgeben von anderen Bildern des Malers.
Das Schwarze Quadrat nahm damit die Position ein, die in einem traditionellen russischen Haus einer religiösen Ikone vorbehalten ist.

Das Schwarze Quadrat - Kasimir Malewitsch - Glarean Magazin
Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch

Kasimir Malewitsch selber zu seinem Werk: “Als ich den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellt ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weissen Grundfeld… Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.”

Das Schwarze Quadrat steht im Zentrum eines vierteiligen, meditativen Zyklus’ mit Texten und Bildern des Bad-Marienberger Pfarrers und Schriftstellers Bernd Giehl und des Göttinger Digitalkünstlers Hubertus Graef. Unter dem Titel “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” vereint das Werk zahlreiche je korrespondierende Wort-Bild-Kombinationen zu den Themata “Glaube, Liebe, Hoffnung, Kunst”.

Autor Bernd Giehl schreibt zur Entstehungsgeschichte: “Auf der Suche nach einem Titel für das gemeinsame Werk fielen mir ein paar Zeilen aus meinem Gedichtzyklus ‘Zwiegespräch’ ein: ‘Verborgen seit jeher / Versteckt unter tausend Masken / Kein Wort so missbraucht wie dieses / Das Schwarze Quadrat / Eine Offenbarung / Verglichen mit dir / Wessen Stimme hörte Mose / Im Dornbusch in der Wüste?’
Sowohl in den Gedichten wie auch in den Bildern geht es um Grenzerfahrungen, die manchmal, vielleicht nicht immer, mit Glauben zu tun haben”.

Als Erstveröffentlichung dieser “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” publiziert das Glarean Magazin in unregelmässiger Folge acht Auszüge des insgesamt 68 Seiten umfassenden Wort-Bild-Projektes. (we)


Hemsil

Flaschengrün und strudelweiss
und schwärzer als die Nacht
in Hemsedal. Inseln
von Türkis

wild und wirbelnd
im Zaubergarten der Steine
der alles verwandelt
in Farbe als wär’s van Gogh

bald taucht’s hinab
ins Kellerlicht
der grauen Katzen
und Gestalten

und auch der Schatten
der von der Brücke
auf die Felsen fiel
wird bleiben

nur in der Tiefe
die alles einsaugt
und wieder freigibt
zu ihrer Zeit.

2

Hier sass ich, schaute den Anglern zu
die nichts fingen, sah den Fluss fliessen
und nicht von der Stelle kommen
und lernte warten

auf nichts
nur das Tosen des Wassers
und darin die Stille
wie ein grosser Fisch

mit silbernen Schuppen
unbeweglich am Grund. Mehr
ist nicht zu verlangen
von uns.

3

Die Fotos im Album
sind stumm
wie ein Brief
aus Karnak. Strandgut
einer uralten Expedition.

Orte der Stille existieren
womöglich in Alaska
oder Atlantis. Hier
ist jeden Tag Jahrmarkt

mit Truhen und Kisten
voll von verschlissenen Sätzen
die wandern von Hand zu Hand
und kleiden gut.

Wo bin ich gewesen?
Ich find mich nicht zurecht.
Kein Name auf der Karte
der mir bekannt vorkommt.

Hubertus Graef: Hemsil (Fotografie)
Hubertus Graef: Hemsil (Fotografie)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die
5. Wort-Bild-Meditation über “Das schwarze Quadrat”

6. Wort-Bild-Meditation über “Das schwarze Quadrat”

Die Offenbarungen des Schwarzen Quadrats

Glaube, Liebe, Hoffnung, Kunst

Bernd Giehl (Texte)  &  Hubertus Graef (Fotos)

Das Gemälde Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch wurde zum ersten Mal 1915 bei der letzten futuristischen Ausstellung in Petrograd (St. Petersburg) gezeigt und gilt seither als eine der Ikonen der Malerei des 20. Jahrhunderts.
In der damaligen Ausstellung wurde es an der höchsten Stelle einer Ecke des Raums mit der Bildfläche leicht schräg nach unten befestigt, umgeben von anderen Bildern des Malers.
Das Schwarze Quadrat nahm damit die Position ein, die in einem traditionellen russischen Haus einer religiösen Ikone vorbehalten ist.

Das Schwarze Quadrat - Kasimir Malewitsch - Glarean Magazin
Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch

Kasimir Malewitsch selber zu seinem Werk: “Als ich den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellt ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weissen Grundfeld… Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.”

Das Schwarze Quadrat steht im Zentrum eines vierteiligen, meditativen Zyklus’ mit Texten und Bildern des Bad-Marienberger Pfarrers und Schriftstellers Bernd Giehl und des Göttinger Digitalkünstlers Hubertus Graef. Unter dem Titel “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” vereint das Werk zahlreiche je korrespondierende Wort-Bild-Kombinationen zu den Themata “Glaube, Liebe, Hoffnung, Kunst”.

Autor Bernd Giehl schreibt zur Entstehungsgeschichte: “Auf der Suche nach einem Titel für das gemeinsame Werk fielen mir ein paar Zeilen aus meinem Gedichtzyklus ‘Zwiegespräch’ ein: ‘Verborgen seit jeher / Versteckt unter tausend Masken / Kein Wort so missbraucht wie dieses / Das Schwarze Quadrat / Eine Offenbarung / Verglichen mit dir / Wessen Stimme hörte Mose / Im Dornbusch in der Wüste?’
Sowohl in den Gedichten wie auch in den Bildern geht es um Grenzerfahrungen, die manchmal, vielleicht nicht immer, mit Glauben zu tun haben”.

Als Erstveröffentlichung dieser “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” publiziert das Glarean Magazin in unregelmässiger Folge acht Auszüge des insgesamt 68 Seiten umfassenden Wort-Bild-Projektes. (we)


Smile

Giuseppe hätte Freude daran
obwohl er das Gemalte vorzog
(ansonsten gab’s ja nur Skulpturen)
nichts liebte er mehr
als verrätselte Bilder

„Der Teil und das Ganze“
hiess seine Arbeit zur Erlangung
des Doktorgrads der freien Künste, später
malte er das Ganze in Teilen –
jedes für sich ein Ganzes

und Kaiser Rudolf
der ihn nicht verstand
aber bezahlte
zog den Hut vor ihm
den er nur selten trug

vor seinen Bildern
vergass er Habsburg
und die Kriege
so viel Leben in diesen Bildern
da sass man gern davor.

Hubertus Graef: Smile (Fotografie)
Hubertus Graef: Smile (Fotografie)
Lesen Sie im Glarean Magazin auch die
4. Wort-Bild-Meditation über “Das schwarze Quadrat”

5. Wort-Bild-Meditation über “Das schwarze Quadrat”

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Glaube, Liebe, Hoffnung, Kunst

Bernd Giehl (Texte)  &  Hubertus Graef (Fotos)

Das Gemälde Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch wurde zum ersten Mal 1915 bei der letzten futuristischen Ausstellung in Petrograd (St. Petersburg) gezeigt und gilt seither als eine der Ikonen der Malerei des 20. Jahrhunderts.
In der damaligen Ausstellung wurde es an der höchsten Stelle einer Ecke des Raums mit der Bildfläche leicht schräg nach unten befestigt, umgeben von anderen Bildern des Malers.
Das Schwarze Quadrat nahm damit die Position ein, die in einem traditionellen russischen Haus einer religiösen Ikone vorbehalten ist.

Das Schwarze Quadrat - Kasimir Malewitsch - Glarean Magazin
Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch

Kasimir Malewitsch selber zu seinem Werk: “Als ich den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellt ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weissen Grundfeld… Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.”

Das Schwarze Quadrat steht im Zentrum eines vierteiligen, meditativen Zyklus’ mit Texten und Bildern des Bad-Marienberger Pfarrers und Schriftstellers Bernd Giehl und des Göttinger Digitalkünstlers Hubertus Graef. Unter dem Titel “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” vereint das Werk zahlreiche je korrespondierende Wort-Bild-Kombinationen zu den Themata “Glaube, Liebe, Hoffnung, Kunst”.

Autor Bernd Giehl schreibt zur Entstehungsgeschichte: “Auf der Suche nach einem Titel für das gemeinsame Werk fielen mir ein paar Zeilen aus meinem Gedichtzyklus ‘Zwiegespräch’ ein: ‘Verborgen seit jeher / Versteckt unter tausend Masken / Kein Wort so missbraucht wie dieses / Das Schwarze Quadrat / Eine Offenbarung / Verglichen mit dir / Wessen Stimme hörte Mose / Im Dornbusch in der Wüste?’
Sowohl in den Gedichten wie auch in den Bildern geht es um Grenzerfahrungen, die manchmal, vielleicht nicht immer, mit Glauben zu tun haben”.

Als Erstveröffentlichung dieser “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” publiziert das Glarean Magazin in unregelmässiger Folge acht Auszüge des insgesamt 68 Seiten umfassenden Wort-Bild-Projektes. (we)


Kobold

(Für LH)

Wirbelnd
im Wind
tanzend
ekstatisch
ein Umriss im Feuer
sich bildend
und wieder vergehend

Ein Kobold, ein Schatten
zur Nacht
komm, tanz mit mir
lern Leichtigkeit
vergiss die Erde
los, flieg mit mir
nach Utopia

Elfen werden kommen
Speise bringen von Luft
werden wir leben
im Feuer
und mit ihm
nichts
wird uns halten

nur der Wind
wird wehen
wohin er will.
Komm
tanz mit mir.

*

Sitzt in der Ecke
zerschlissnes Selbstbild
im Arm
kann nicht reden

tanzt nicht
zündet kein Feuer an
wirbelt nicht mal
den Wind.

Kein Schmetterling
zum Verspeisen
Asche im Mund. Die Welt
ist erloschen

Kobold friert
erbärmlich.

*

Ist wieder obenauf
hat Asche ausgespuckt
macht Feuer
unter meinem Allerwertesten so
dass Ich hopse
wie ihm das gefällt.

So ein … Kerl
möcht ihm die Ohren lang
und‘ s Fell möchte ich ihm
was will man alles –
ach was
ich trink ‘nen Schnaps
und Kobold
hockt beleidigt in der Ecke.

Hubertus Graef: Autos in der Nacht (Kobold) - Fotografie
Hubertus Graef: Autos in der Nacht (Kobold) – Fotografie

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Bernd Giehl (Texte)  &  Hubertus Graef (Fotos)

Das Gemälde Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch wurde zum ersten Mal 1915 bei der letzten futuristischen Ausstellung in Petrograd (St. Petersburg) gezeigt und gilt seither als eine der Ikonen der Malerei des 20. Jahrhunderts.
In der damaligen Ausstellung wurde es an der höchsten Stelle einer Ecke des Raums mit der Bildfläche leicht schräg nach unten befestigt, umgeben von anderen Bildern des Malers.
Das Schwarze Quadrat nahm damit die Position ein, die in einem traditionellen russischen Haus einer religiösen Ikone vorbehalten ist.

Das Schwarze Quadrat - Kasimir Malewitsch - Glarean Magazin
Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch

Kasimir Malewitsch selber zu seinem Werk: “Als ich den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellt ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weissen Grundfeld… Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.”

Das Schwarze Quadrat steht im Zentrum eines vierteiligen, meditativen Zyklus’ mit Texten und Bildern des Bad-Marienberger Pfarrers und Schriftstellers Bernd Giehl und des Göttinger Digitalkünstlers Hubertus Graef. Unter dem Titel “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” vereint das Werk zahlreiche je korrespondierende Wort-Bild-Kombinationen zu den Themata “Glaube, Liebe, Hoffnung, Kunst”.

Autor Bernd Giehl schreibt zur Entstehungsgeschichte: “Auf der Suche nach einem Titel für das gemeinsame Werk fielen mir ein paar Zeilen aus meinem Gedichtzyklus ‘Zwiegespräch’ ein: ‘Verborgen seit jeher / Versteckt unter tausend Masken / Kein Wort so missbraucht wie dieses / Das Schwarze Quadrat / Eine Offenbarung / Verglichen mit dir / Wessen Stimme hörte Mose / Im Dornbusch in der Wüste?’
Sowohl in den Gedichten wie auch in den Bildern geht es um Grenzerfahrungen, die manchmal, vielleicht nicht immer, mit Glauben zu tun haben”.

Als Erstveröffentlichung dieser “Offenbarungen des Schwarzen Quadrats” publiziert das Glarean Magazin in unregelmässiger Folge acht Auszüge des insgesamt 68 Seiten umfassenden Wort-Bild-Projektes. (we)


Hochhaus

(Für Sophie Uphoff)

Der Scheiben wegen
leb ich hier
und weil hier keiner keinen

kennt hinter all den
Spiegeln und Türen
Begegnung nur im Fahrstuhl

Gibt viele Klingeln
Und viele “Meyers”
im Wolkenkratzer

Der mich nicht kratzt
kann gehn wohin ich will
keiner fragt

nach Papieren
und im Café
kennt dich kein Kerl

Komm heim
seh mich von aussen
hoch oben an Fassade

Seh mein Gesicht
oh Horror
Ich greife durch

Greif durch das Glas
verlier die Fassung, verlier
Das Gleichgewicht

Begegne mir
wo ich’s nicht wollte.
unten am Boden.

Hubertus Graef: Hochhaus (Fotografie)
Hubertus Graef: Hochhaus (Fotografie)

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3. Wort-Bild-Meditation über “Das schwarze Quadrat”