F. Zavatarelli u.a: Feuilletons von Ignaz Kolisch

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Das schachjournalistische Phänomen Ideka

von Ralf Binnewirtz

Drei Schachhistoriker und -autoren haben sich zusammengetan, um die 92 sonntäglichen Feuilletons von Ignaz Kolisch – erschienen 1886-1888 in dessen eigener Wiener Allgemeinen Zeitung – in einem kompakten Band zu vereinen, der weit über die Schachwelt hinaus Interesse beanspruchen darf. Denn diese Feuilletons tangieren und reflektieren nahezu alle Bereiche der Gesellschaft und vermitteln in der ausgefeilten Prosa des Autors ein Zeit- und Sittengemälde Westeuropas aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erneut darf sich der Rezensent mit einer schillernden Figur der Schachgeschichte befassen. Diesmal ist es jedoch alles andere als ein Enfant terrible (wie zuletzt Hein Donner), sondern das Multitalent Ignaz Kolisch (1837-1889), ab 1881 Baron Ignaz von Kolisch, der ein weithin nomadenhaftes Leben führte und seine Feuilletons unter dem Pseudonym Ideka publizierte.

Hilfreicher Fussnoten-Service

Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio, Michael Burghardt (Hrsg): Die Feuilletons von Ignaz Kolisch, Edition MarcoDer vorliegende Sammelband ist keineswegs eine reine Kompilation, denn die Herausgeber Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio und Michael Burghardt haben über 1100 erhellende Anmerkungen in Fussnoten hinzugefügt, um die Verständlichkeit der Texte für die heutige Leserschaft zu verbessern. Der hochgebildete und äusserst sprachgewandte Kolisch kultivierte nämlich nicht nur im gesprochenen, sondern auch im geschriebenen Wort die Vorliebe, seine Ausführungen mit fremdsprachigen Sentenzen anzureichern (in Latein, Französisch, Englisch, usw.). Sehr hilfreich ist auch die „Übersetzung“ von regional-zeitgenössischen Ausdrücken im Text, zudem wurden zahllose, heute meist unbekannte Personen recherchiert, die daselbst auftauchen.

Diversität ohne Schach-Fokus

Baron Ignaz Kolisch - Schach-Feuilletonist - Glarean Magazin
Vom Schachmeister zum Finanzmogul: Ignaz Kolisch (1837-1889)

Die inhaltliche Mannigfaltigkeit der Beiträge wird bereits durch das Inhaltsverzeichnis angedeutet, dort erfolgt auch eine thematische Zuordnung, indem den einzelnen Feuilletons bestimmte Themenbereiche (wie Aktuelles, Finanzwelt, Kurzweiliges, Zeitgeschichte, etc.) zugewiesen werden. Lediglich in wenigen Fällen bilden zwei bis drei Feuilletons eine lockere Fortsetzungsgeschichte, ansonsten sind eigenständige Einzelepisoden die Regel. Das Buch lädt daher dazu ein, kreuz und quer zu lesen oder auch eine thematische Auswahl bei der Lektüre vorzunehmen. Dem Thema „Schach“ ist keine dominierende Rolle zugedacht, es taucht bei den 92 Feuilletons nur zwölf Mal auf; sowie zusätzlich in Anhang A, der fünf unkommentierte Partien von Kolisch in Kurznotation verzeichnet. Demzufolge ist das Buch für einen breiten Leserkreis (selbst ohne Schachkenntnisse) prädestiniert, aber natürlich auch empfehlenswert für Schachfreunde, die über den Tellerrand der eigenen Passion hinausblicken möchten.

Angaben zum Inhalt müssen naturgemäss fragmentarisch bleiben, wenige subjektiv herausgegriffene Beiträge und wiederkehrende thematische Motive will ich aber – quasi als appetizer – kurz erwähnen.

Esoterik und Aberglaube

Weitgehend von der Ratio geleitet, stand Kolisch esoterischen Modetrends wie dem Spiritismus und verwandten Phänomenen ungläubig-kritisch gegenüber (siehe Feuilleton 2; auch F. 25), von kleinen abergläubischen Überzeugungen war aber auch er nicht völlig frei (F. 20). Ob Kolisch sonderlich religiös war, bleibt offen; seine jüdischen Wurzeln erwähnte er nicht, allzu verständlich angesichts eines progressiven Antisemitismus in Wien, dem er auch in seinen Feuilletons immer wieder vehement entgegentrat.

Politisch aktuell geblieben

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Politisch war Kolisch liberal eingestellt, seine kleinen Polemiken haben häufig kaum an Aktualität eingebüsst. Ein für sich selbst sprechendes Zitat (aus F. 52, S. 317) kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen:
„Die Zerfahrenheit unserer öffentlichen Zustände, die Unsicherheit in den politischen Programmen, die Schwankungen unserer hoch- und niedertrabenden Volkstribunen und vor Allem die Unverlässlichkeit unserer grossen Parteiführer berauben mich nachgerade jedes bürgerlichen Vergnügens. Ich weiss heute nicht mehr, wem ich glauben soll, ich komme in die peinlichste Verlegenheit, wenn ich zu entscheiden habe, welchem Volksbeglücker ich mein Vertrauen schenken soll, und gerathe in helle Verzweiflung, wenn ich vor der Frage stehe, wessen beredte Auslassungen ich vorzugsweise auf mich wirken lassen darf“.
An anderer Stelle beschreibt Kolisch den radikalisierten Pöbel, der sich in gewalttätigen Demonstrationen Bahn bricht – bis hin zur (gerade noch verhinderten) Lynchjustiz (F. 21). Und er geisselt die „gewissenlosen Phrasendrescher“, die als mentale Brandstifter die leichte Verführbarkeit der Massen ausnutzen.

Betrüger und Scharlatane

"Das Gespräch drehte sich um Geister": Leseprobe aus "Die Feuilletons von Ignaz Kolisch" (Vergrösserung mit Mausklick)
„Das Gespräch drehte sich um Geister“: Leseprobe aus „Die Feuilletons von Ignaz Kolisch“ (Vergrösserung mit Mausklick)

Von ungebrochener Aktualität ist wiederum das Unwesen der Betrüger und Kleinkriminellen, die sich in den Metropolen Europas tummelten (siehe insb. F. 23): Praktisch ungestört konnten diese „Industrieritter“ (d.h. Nepper und Bauernfänger, Scharlatane und Rosstäuscher) ganze Stadtviertel in Beschlag nehmen. Heutzutage haben sich derlei Aktivitäten zu weiten Teilen globalisiert bzw. ins Internet verlagert, bei weiterhin geringer Erfolgsquote der Strafverfolgungsbehörden.
Ein spezieller Fall ist die lesenswerte Episode über einen verarmten, des Praktizierens längst entwöhnten Medicus, der infolge Kolischs Ratschlägen ein Vermögen im Orient erwerben kann (F. 65): Mit einer Therapie, die lediglich auf der Anwendung von frischem kalten Wasser beruht, „heilte“ er eingebildete Kranke in der Hautevolee (somit ein reiner Placeboeffekt) und liess sich dafür fürstlich entlohnen – wenigstens hat es bei den derart Gesundeten keine Armen getroffen. Fazit: Kurpfuscherei lohnt sich, wenn man es richtig anstellt – zumindest war dies noch im 19. Jahrhundert so.

Russische Verhältnisse

Kolisch scheute sich auch keineswegs, Missstände im östlichen Teil unseres Kontinents aufzuzeigen. So nahm er schonungslos das mächtige Reich der Russen ins Visier, wo sich das Geschwür der Korruption und die Schmiergeld-Kultur wie Mehltau über das ganze Land gelegt hatten (F. 45).
In diesem bunten Potpourri der Unterhaltungsbeilagen sind diejenigen, die sich ganz oder teilweise der reinen Erheiterung widmen, durchaus gut vertreten. Wer einmal herzhaft lachen möchte, mag beispielsweise F. 55 „Nicht für Damen“ lesen, das zudem mit einem geradezu märchenhaften Finale aufwartet. Unvergessen in ihrer ergötzenden Komik bleiben auch die trefflich geschilderten „Eroberungsversuche“ eines gealterten Lebemanns auf einem Pariser Boulevard (Passage auf S. 320) – und vieles andere mehr.


Exkurs: Kolisch als Schachmeister

W.E./Ignaz Kolisch konnte hervorragend mit dem Geld und mit dem Wort umgehen – aber auch mit den Schachfiguren. Als Erz-Schachromantiker des 19. Jahrhunderts führte er eine scharfe Angriffsklinge, die auch vor bekannten Grössen seiner Zeit keinerlei Respekt zeigte.
Hier ein paar Kostproben:


Famoser Unterhalter

Bereits von seinen Zeitgenossen wurde Kolisch attestiert, ein famoser Unterhalter zu sein, und in der kleinen Form des Feuilletons mit maximal 5-7 Seiten konnte er seine Fähigkeiten offenbar besonders vorteilhaft zur Geltung bringen. Eine überaus gelungene Mischung aus Witz, Ironie und tieferer Bedeutung, die seine Beiträge charakterisiert, war sicherlich ein Garant des Erfolgs. Dazu gesellte sich seine glänzende Formulierungskunst und ein (für einen Bankier!) wohl singulärer literarischer Schachzug: Mit frappierender Offenheit liess er sein Lesepublikum teilhaben an seinen Gedanken, seinen Interessen und Emotionen, was seinen Schriften eine hohe Authentizität verlieh und die Anhänglichkeit seiner Leserschaft immens vertiefte.

Fliessende Grenzen zwischen Fact & Fiction

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In welchem Ausmass Kolischs Schilderungen mit realen Begebenheiten seines bewegten Lebens übereinstimmen und welche Anteile auf Fiktion beruhen, ist nicht immer klar. Auch sind zeitlich auseinanderliegende Ereignisse wohl vereinzelt zusammengeführt worden. All dies mag jedoch von untergeordneter Bedeutung gewesen sein, solange seine Anekdoten geistreiche und amüsante Unterhaltung boten.
Ich finde das Buch inhaltlich hochinteressant und auch in der Ausstattung bestens gelungen (solide Hardcover-Ausgabe mit Fadenheftung). Ein biografisches Vorwort „Der literarische Schachmeister“, ein vorangestelltes Kapitel „Kolisch als Feuilletonist“ sowie mehrere Anhänge rahmen das Werk ein. Unbedeutende Druckfehler im Original wurden von den Herausgebern korrigiert, verbliebene kleine Vertipper haben Seltenheitswert. Insgesamt verspricht das Buch einen ungetrübten Lesegenuss, daher gebe ich die uneingeschränkte Empfehlung: Kaufen und lesen!

Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio und Michael Burghardt (Hrsg.): Die Feuilletons von Ignaz Kolisch, 544 Seiten, Edition Marco, ISBN 978-3-924833-82-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Feuilleton auch über Helmut Pflegers neue ZEIT-Schachspalten

Serien-Report über Schachzeitschriften (3): SCHWEIZERISCHE SCHACHZEITUNG

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Das älteste deutschsprachige Schachmagazin

von Mario Ziegler

Wir leben im digitalen Zeitalter – auch das Schach und seine millionenfachen Adepten. Persönliches Handy und heimische Computersoftware geben längst den Takt an beim Königlichen Spiel. Daneben existieren aber nach wie vor eine Reihe traditionsreicher Print-Medien. Der neue Serien-Report im Glarean Magazin über Schachmagazine stellt die wichtigsten nationalen und europäischen Titel vor.
Heute: Die SCHWEIZERISCHE SCHACHZEITUNG.

„Nicht in meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir jemals vorstellen können, solche Schreckens-Schlagzeilen über News auf der Website des Schweizerischen Schachbundes (SSB) platzieren zu müssen. Doch die Folgen des tückischen Corona-Virus zeitigten auch auf den Schachsport gravierende Auswirkungen.“

Mit diesen Worten beginnt der Chefredakteur der Schweizer Schachzeitung Dr. Markus Angst sein Vorwort der Ausgabe 3/2020. Das Corona-bedingte Erstarren des weltweiten Spielbetriebs sind seit dem Ausbruch der Pandemie beherrschende Themen aller Schachmedien. Seit dem Abbruch des Kandidatenturniers in Jekaterinburg Ende März herrschte zumindest „offline“ Flaute im Schach, was sich natürlich auf die Berichterstattung aller Schachzeitschriften auswirkte. Ich nehme in der folgenden Besprechung die „Schweizer Schachzeitung“ in den Blick und beziehe mich auf die Ausgaben 1, 2 und 3 des Jahres 2020, also das letzte „normale“ Heft vor dem Ausbruch der Pandemie und die beiden folgenden, in denen sich die Einschränkungen immer stärker widerspiegelten.

Chefredakteur seit 26 Jahren: Markus Angst

Markus Angst - Chefredakteur Schweizerische Schachzeitung 2020 - Rezension Glarean Magazin
Aktuell, kompetent, schachbegeistert – und seit über 25 Jahren im Amt: Chefredakteur und SSB-Mediensprecher Markus Angst

Die „Schweizer Schachzeitung“ (SSZ), das offizielle Organ des Schweizerischen Schachbundes, wurde 1900 begründet, womit sie das älteste noch existierende deutschsprachige Schachmagazin ist. Sie erscheint sechsmal im Jahr in einer Auflage von 6000 Exemplaren und wird allen aktiven Schweizer Schachspielern und -spielerinnen zugestellt. Das Format ist A5, der Druck schwarzweiss, der Umfang etwa 50 Seiten (die Ausgabe 3/2020 umfasst lediglich 36 Seiten, was aber sicher der skizzierten Corona-Flaute geschuldet ist).
Als besonderen Service bietet die „Schweizer Schachzeitung“ alle Ausgaben seit 2000 zum Download an, die jeweils aktuelle allerdings mit einer zeitlichen Distanz zur Printausgabe. Chefredakteur ist seit 1994 Markus Angst, seines Zeichens Mediensprecher des Schachbundes und Leiter der Schweizer Mannschaftsmeisterschaft. In der Schachwelt wurde er nicht zuletzt durch seine Tätigkeit als einer der Schiedsrichter der Weltmeisterschaft 2004 zwischen Kramnik und Léko in Brissago bekannt.

Schach in drei Landessprachen

Interview in der Schweizerischen Schachzeitung 3-2020 mit dem Schweizer Grossmeister Yannick Pelletier - auf französisch
Interview in der SSZ 3/2020 mit dem Schweizer Grossmeister Yannick Pelletier – auf französisch

Was sofort auffällt ist die Mehrsprachigkeit: Entsprechend den Amtssprachen der Schweiz sind die Artikel entweder in deutscher, in französischer oder in italienischer Sprache verfasst, einige wurden übersetzt und parallel in deutscher und französischer Fassung abgedruckt. Einige feste Rubriken wiederholen sich in jedem Heft: „Seniorenschach“, „Fernschach“ (bearbeitet durch Oliver Killer), „Problemschach“ (Martin Hoffmann) und „Studien“ (Roland Ott), sowie eine mehrere Seiten umfassende Ergebnisübersicht über nationale Turniere. Wer nicht nur über Schach lesen, sondern auch sein Spiel verbessern möchte, kann dies durch das Lösen der Kombinationen (jeweils 9 Aufgaben aus einem aktuellen Turnier) sowie das Studium der Partien tun, die teilweise kommentiert sind. Am umfassendsten fällt die Analyse einer kürzlich gespielten Weltklassepartie aus, für welche der französische Grossmeister Romain Édouard verantwortlich zeichnet. Diese Analyse ist der einzige Teil der Hefte ohne unmittelbaren „Schweiz-Bezug“. Ansonsten konzentrieren sich die Themen auf den nationalen Spielbetrieb: Schweizer Turniere und Mannschaftswettbewerbe, die Nationalmannschaft, Portraits und Interviews mit bekannten Persönlichkeiten des Schweizer Schachs.

Inhaltlich aufs Nationale fokussiert

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Mir gefällt dieses Konzept: Wo viele andere Publikationen einen Überblick über das internationale Geschehen anstreben, fokussiert sich die SSZ bewusst auf das nationale Schachleben. Zwar kann der Leser sich auf diese Weise nicht über die jüngsten Glanztaten der Carlsen, Caruana und Vachier-Lagrave informieren, aber statt dieser Informationen, die ja vergleichsweise leicht im Internet zugänglich sind, erhält er Berichte über Turniere, die weniger im Fokus der Berichterstattung stehen, ihm aber vielleicht näher liegen (nicht nur geographisch, sondern auch was die Teilnehmer angeht). Dadurch begibt sich die SSZ von vorneherein weniger in Konkurrenz mit Schachseiten im Internet als andere Magazine. Ich könnte mir vorstellen, dass solch ein Konzept durchaus auch für die deutsche Schachszene tragfähig wäre. In der ersten und zweiten Ausgabe des Jahres, wo noch die „normalen“ Themen im Vordergrund standen, wurde etwa über das Zürcher Weihnachts-Open 2019, das Schachfestival Basel oder das Accentus Young Masters in Bad Ragaz sowie verschiedene Mannschaftswettbewerbe berichtet.

Portraits, Berichte, Interviews

Interview-Partner der SSZ 3/2020 und aktuell der Schweiz erfolgreichster Grossmeister: Noel Studer
Interview-Partner der SSZ 3/2020 und aktuell der Schweiz erfolgreichster Grossmeister: Noel Studer

Auch hier tritt die Schweizer Perspektive in den Vordergrund: Beim Bericht über das Zürcher Weihnachtsopen wird ein Schlaglicht auf das 12jährige Nachwuchstalent Dorian Asllani geworfen (1/2020, S. 4), im Zusammenhang mit dem Accentus Young Masters, einem Vergleich zwischen einer Mannschaft aus jungen Schweizer Meistern und einer Weltauswahl, wird weniger auf das Turnier selbst eingegangen (es wird noch nicht einmal die Mannschaftsaufstellung der Weltauswahl genannt), sondern der Fokus auf die Leistungen des erfolgreichsten Schweizers, GM Noël Studer, gelegt. Wie zu erwarten werden auch in Portraits und Berichten Personen und Institutionen aus der Schweiz vorgestellt: der Schachklub Payerne (1/2020, S. 14-15), der Präsident der Schiedsrichterkommission Josef Nemecek (1/2020, S. 22-29), WIM Camille De Seroux (2/2020, S. 12-15), verschiedene Initiativen zu Schach-Feriencamps in der Schweiz (2/2020, S. 34-35). Wie gesagt: Man kann unterschiedlicher Meinung über dieses Konzept sein, mir ist es sympathisch.

Eine Fülle von Informationen

Werden in Heft 2/2020 die ersten Folgen der Corona-Pandemie thematisiert (eine Unterbrechung der Schweizer Ligen, die Absage des Mitropacups, der für Anfang Mai in Davos geplant war), so steht Heft 3/2020 voll im Zeichen des Virus und der mit ihm verbundenen Einschränkungen. In einem Artikel behandelt Oliver Marti, Geschäftsführer des Schweizerischen Schachbundes, die Historie des Online-Schachs. Die Grossmeister Noël Studer und Yannick Pelletier machen sich in Interviews ebenso zur Corona-Krise und der aktuellen Situation Gedanken wie der Präsident des Schachbundes Peter Wyss sowie der Präsident der Schweizer Schach Senioren Anton Brugger.

Problemschach in der Schweizerischen Schachzeitung 3-2020 - Glarean Magazin
Traditionsreich und vielbeachtet seit Jahrzehnten: Die Problemschach-Spalte der Schweizerischen Schachzeitung

Wenn man ein Fazit ziehen möchte: Die „Schweizer Schachzeitung“ beinhaltet, im Vergleich zu anderen Magazinen, weniger eigentliches Schachmaterial, also Analysen, Kombinationen usw., auch wenn sie mit GM Édouard und GM Nico Georgiadis hochrangige Kommentatoren aufbieten kann. Dafür versieht die SSZ den Leser mit einer Fülle von Informationen: Neben Berichten und Interviews auch Turnierresultaten und Statistiken, also Materialien, die gerade nicht so leicht im Internet zu bekommen sind. Damit geht die SSZ einen deutlich anderen Weg als viele andere Publikationen: Mit einem klaren Schweiz-Fokus wird der Kreis der potentiellen Leser von vornherein beschränkt, diese werden aber umfassend über dieses eingegrenzte Thema informiert.

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Schliessen möchte ich dann doch mit einem praktischen Endspiel-Zitat aus der Fernschach-Rubrik der SSZ-Ausgabe 2/2020  – ein wunderschönes Beispiel für die Bedeutung der Aktivität in der letzten Partiephase:

(Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das Analysefenster inkl. PGN-Download)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachzeitschriften auch den Report über die deutsche ROCHADE

… sowie zum Thema Brillante Schachzüge: The Engine Crackers – Neue Knacknüsse für Schachprogramme (Computerschach)

Schach-Gedicht: Die Schlacht von Tilburg (Stefan Walter)

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Schach-Karikatur von Theo Zasche - Generalfeldmarschall Hindenburg bietet den Feinden Deutschlands Schach
Karikatur von Theo Zasche: „Schach! Schach!“ (Polit-Schlacht auf dem Brett…)

Die Schlacht von Tilburg

Die harte Schlacht wogt lang schon hin und her.
Der Brite scheint die Oberhand zu haben,
das schwarze Heer liegt still im Schützengraben –
die Defensive hält, da geht nichts mehr.

Der König schläft gemütlich im Palast.
Der Krieg, die Schlacht, das Sterben, sie sind weit.
Was kümmert den Monarchen wohl das Leid?
Es sind ja nur Soldaten, keine Hast.

Dann dringen doch die Rufe an sein Ohr:
„Oh grosser König, rette uns, wir hungern,
lass uns nicht länger in der Fremde lungern.“
Und er erwacht und schwingt sich schnell empor.

Er bricht auf!
Zu Fuss! Ohne Pferde! Ohne Garde!
Er marschiert!
Und marschiert! Und marschiert! Und marschiert!
Und kein Feind –
nicht Streitross, nicht Wachturm, nicht Bauer –
hält ihn auf.

Nach langem Marsch steht er vor seinem Ziel.
Dem dunklen König sieht er in die Augen.
„Du weisst, ein Fluchtversuch wird nichts mehr taugen,
und zur Verteidigung hast Du nicht viel.“

Es dauert etwas, bis der Feind kapiert,
und endlich aufgibt. Friede allen Ländern!
Die Welt wird diese Wanderung verändern.
Sie hat auch mich – wie viele – inspiriert.


Stefan Walter

Autor Stefan Walter - Schach-Gedicht - Lyrik und Kurzprosa - Glarean MagazinGeb. 1978, Autor von Lyrik und Kurzprosa, passionierter Schachspieler, lebt mit seiner Familie als Rechtsanwalt in Neuburg/D

FEN-String vor 31. Kh2:
4rrk1/1bpR1p2/1pq1pQp1/p3P2p/P1PR3P/5N2/2P2PP1/6K1 w – – 0 31

Mausklick in Partiezug oder Variante öffnet ein Analysefenster mit Download-Option (PGN-Datei)

Lesen Sie im Glarean Magazin ausserdem zum Thema Schach und Literatur über den Schach-Roman von Viola Sanden: Playground Chess

… sowie über den Roman von Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires

Serien-Report über Schachzeitschriften (2): ROCHADE

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Vielfältiger Schach-Mix für den Vereinsspieler

von Mario Ziegler

Wir leben im digitalen Zeitalter – auch das Schach und seine millionenfachen Adepten. Persönliches Handy und heimische Computersoftware geben längst den Takt an beim Königlichen Spiel. Daneben existieren aber nach wie vor eine Reihe traditionsreicher Print-Medien. Der neue  Serien-Report im Glarean Magazin über Schachzeitschriften stellt die wichtigsten nationalen und europäischen Titel vor. Heute: ROCHADE EUROPA.

Schach-Zeitschrift - Rochade Europa - Ausgabe Nr.3 März 2020 - Rezension Glarean MagazinDie „vielseitig-informative Schachzeitung“ ROCHADE EUROPA wurde – noch unter dem Namen „Europa-Rochade“ – im Jahre 1972 von Heinz Köhler begründet und im Eigenverlag zunächst im hessischen Maintal publiziert. 1997 übernahm sein Sohn Carsten den Verlag, im folgenden Jahr erfolgte der Umzug ins thüringische Sömmerda. Seit 2015 wird die Zeitschrift vom Verlag Rochade GmbH & Co. KG (Kernen) herausgegeben, Chefredakteur ist Jens Hirneise.

Einst die BILD-Zeitung des deutschen Schachs

Rochade Europa - Ausgabe 11 2003 - Glarean Magazin
Cover der November-Ausgabe 2003: Auflösung und Farbe der Bilder sind im Original leider  tatsächlich so schlecht wie auf diesem Scan…

In der Vergangenheit zeichnete sich die ROCHADE durch einen sehr bunten Mix aus Turnierberichten und Rubriken der unterschiedlichsten Thematik und Qualität sowie durch sehr überschaubare Druckqualität aus, was ihr nicht selten einen Vergleich mit der „BILD-Zeitung“ einbrachte. Manche Leser werden sich an eine entspr. längere Polemik erinnern, die Jörg Seidel unter dem Titel „Glanz und Elend der ROCHADE“ auf der Homepage „Metachess“ veröffentlichte, und die leider heute nicht mehr erhältlich ist.
Mit dem Wechsel der Herausgeberschaft 2015 vollzog sich – neben einer erheblichen Verbesserung des optischen Erscheinungsbildes – auch ein inhaltlicher Wandel: Es wurde grösserer Wert auf Rubriken zu verschiedenen Bereichen des Schachtrainings gelegt.

Am durchschnittlichen Vereinsspieler orientiert

Für die nachfolgende Besprechung lagen mir die Ausgaben 2/2020 und 3/2020 vor. Der Umfang liegt in beiden Fällen bei 114 Seiten im Format A4, der Druck ist durchgängig vierfarbig.
Einen breiten Raum nimmt die Berichterstattung über aktuelle nationale und internationale Turniere ein. Dies sind in 2/2020 etwa die Schnellschach- und Blitz-Weltmeisterschaft, der Grand-Prix in Jerusalem oder das Staufer-Open, in 3/2020 die Frauen-Weltmeisterschaft zwischen Ju Wenjun und Aleksandra Goryachkina und das Turnier in Wijk aan Zee. Über diese aktuellen Ereignisse berichten profilierte Autoren wie die IMs Jonathan Carlstedt und Frank Zeller. Letzterer ist auch für die Berichterstattung über die Bundesliga und Kommentierung der dort gespielten Partien zuständig.

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A propos Kommentierung: Diese fällt im Vergleich zur zuletzt besprochenen Zeitschrift SCHACH vergleichsweise knapp aus – man kann aber auch sagen: sie wird aufs Wesentliche komprimiert und orientiert sich eher am durchschnittlichen Vereinsspieler denn an der Spitze. Hier ein Beispiel aus dem Grand-Prix-Turnier in Jerusalem mit Anmerkungen von Frank Zeller, der ganz sicher nicht den Anspruch hatte, alle Feinheiten der spannenden Partie zwischen Gelfand und Nepomniachtchi zu ergründen:

Rochade Europa - Ausgabe Februar 2020 - Analyse - Glarean Magazin
Kein Varianten-Gestrüpp für den Grossmeister, sondern einfache Partien-Hotspots für Vereinsspieler: Die Partien-Analysen der ROCHADE

Internationales Schachgezwitscher

Neben den obligatorischen Kurznachrichten aus aller Welt, Buchbesprechungen (Jörg Palitzsch), Schachproblemen und Studien (IM Valeri Bronznik) fällt die Rubrik „Schachgezwitscher“ auf, die von Conrad Schormann betreut wird. Hier werden die unterschiedlichsten Nachrichten, die zuvor im Internet kursierten, sozusagen auf Papier transferiert. In den besprochenen Heften geht es z.B. um die in London gestrandete iranische WM-Schiedsrichterin Bayat oder die umstrittene Zusammenarbeit von Magnus Carlsen mit dem Sportwettenanbieter Unibet. Auf der einen Seite fragt man sich, wieso noch niemand zuvor auf diese Idee gekommen ist; rücken doch solche Notizen Themen in den Fokus, die ansonsten in der gedruckten Schachberichterstattung keine Rolle spielen. Auf der anderen Seite ist das „Schachgezwitscher“, das ja nicht zufällig Erinnerungen an Twitter-Kurznachrichten weckt, eben genau das, was der Name andeutet: das kurze Antippen interessanter Themen ohne tiefergehende Beleuchtung, was manchmal – wie auch bei Twitter – den Eindruck von Beliebigkeit erweckt.

Eine der traditionsreichen ROCHADE-Rubriken mit hohem Trainingsfaktor: Die "Endspieluniversität"
Eine der traditionsreichen ROCHADE-Rubriken mit hohem Trainingsfaktor: Die „Endspieluniversität“

Die Interviews, die in jedem Heft mit Persönlichkeiten aus der Schachwelt geführt werden (in Heft 2/2020 mit FM Aleksandar Vuckovic, in 3/2020 mit Ex-Weltmeister Ruslan Ponomariov), beinhalten teilweise sich wiederholende Fragen in leicht variiertem Wortlaut („Was war das Ungewöhnlichste, was Sie bisher bei einem Schachturnier erlebt haben?“ – „Wie unterscheidet sich die Vorbereitung eines Spitzenspielers von der eines Amateurs?“ – „Welchen Rat können Sie den Lesern geben, um ihr Schachspiel in den verschiedenen Partiephasen zu verbessern?“). Naturgemäss steht und fällt ein solches Interview mit der Auskunftsfreude des Gesprächspartners. Das Thema Schachgeschichte wird durch die umfangreiche Artikelserie von Herbert Bastian über die historische Entwicklung der Schachideen abgedeckt.

Ein Kernelement der ROCHADE ist seit jeher der Regionalteil mit Berichten aus den Landesverbänden, wobei nicht alle Verbände die Möglichkeit der Berichterstattung nutzen. Ich erinnere mich, dass vor Jahren die ROCHADE die Haupt-Informationsquelle für das Schachleben im Saarland war, wo ich damals lebte und spielte. Doch mittlerweile ist gerade in diesem Bereich das Internet aktueller und ausführlicher als es eine Zeitschrift je sein kann, so dass sich die Frage stellt, wie viele Schachfreunde den Regionalteil wirklich noch lesen bzw. daraus etwas erfahren, was sie nicht ohnehin schon im Internet zur Kenntnis genommen haben. Die gleiche Frage muss für den umfangreichen Turnierkalender mit Veranstaltungen aus dem In- und Ausland gestellt werden, denn vermutlich wird der interessierte Turnierspieler auf der Suche nach dem nächsten passenden Turnier in erster Linie die einschlägigen Seiten im Internet konsultieren.

Viel Trainingsmaterial zum Selbststudium

Aus meiner Sicht stellen die verschiedenen Rubriken mit Trainingsmaterialien den interessantesten Teile der ROCHADE dar. Hier bietet die Zeitschrift viel Stoff zum Selbststudium, aber auch für Trainer. Im Einzelnen handelt es sich um „Dynamisches Schach“ (GM Zigurds Lanka), „Powertraining“ (IM Roman Vidoniak), „Partie des Monats“ (GM Dennis Wagner), „Endspieluniversität“ (WGM Bettina Trabert/GM Spyridon Skembris) und „Schachschule“ (IM Valeri Bronznik).
Weniger didaktisches Material als Beispiele für die Unerschöpflichkeit des Schachs stellt die Rubrik „Schach ohne Grenzen“ (Bronznik) vor, in der z.B. das folgende Endspiel (sowie die Partie Saric-Suleymanli, Budva 2019, die in selbiges mündete) analysiert wurde (3/2020 S. 74f.):

Zusammengefasst: Die ROCHADE EUROPA richtet sich eher an den durchschnittlichen Vereinsspieler denn an die Spitze. Die Analysen haben nicht den Anspruch, die letzten Feinheiten einer Partie auszuloten, gehen aber in ausreichender Weise auf die kritischen Momente ein. Neben der obligatorischen aktuellen Berichterstattung bietet die ROCHADE viel Trainingsmaterial zu den verschiedensten Bereichen des Schachs, was sie für Trainer, aber auch den wissbegierigen Lernenden zu einem interessanten Medium macht. ♦

Zeitschrift Rochade Europa (Die vielseitig-informative Schachzeitung), erscheint monatlich, Verlag Rochade GmbH Kernen, ISSN 0943-4356

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachzeitschriften auch das Interview mit dem KARL-Herausgeber Harry Schaak

Serien-Report über Schachzeitschriften (1): SCHACH

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Fokussiert auf das Spitzenschach

von Mario Ziegler

Wir leben im digitalen Zeitalter – auch das Schach und seine millionenfachen Adepten. Persönliches Handy und heimische Computersoftware geben längst den Takt an beim Königlichen Spiel. Daneben existieren aber nach wie vor eine Reihe traditionsreicher Print-Medien. Der neue  Serien-Report im Glarean Magazin über Schachzeitschriften stellt die wichtigsten nationalen und europäischen Titel vor. Heute: SCHACH – Deutsche Schachzeitung.

Das Internet bestimmt unser Leben in einem Ausmass, wie man es noch vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten hätte. Informationen fliessen uns im Sekundentakt zu; was in diesem Moment am anderen Ende der Welt geschieht, können wir nach wenigen Minuten auf dem heimischen Computer, Tablet oder Handy lesen. Die Kehrseite der Medaille ist der zunehmende Rückgang gedruckter Literatur, für die es immer schwieriger wird, sich gegen die elektronische Konkurrenz zu behaupten. Denn Bücher, Zeitschriften und Zeitungen sind in der Regel teurer als die vielfach kostenlosen digitalen News.

Wo liegt also grundsätzlich der Mehrwert eines Printmediums? In dieser Serie soll es nicht um das Haptische gehen, nicht um das „Leseerlebnis“, sondern um inhaltliche Aspekte. Im Rahmen eines grossen Reports sollen einige nationale und internationale Schachzeitschriften in den Blick genommen und dabei die Frage beantworten werden, wo diese Print-Medien mehr oder Anderes bieten als die diversen Homepages mit Schachnachrichten.

Anspruchsvolles Schachperiodikum

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Cover Januar 2020 - Rezensionen Glarean MagazinDie Monats-Zeitschrift „SCHACH – Deutsche Schachzeitung“ weist eine starke Fokussierung auf das Spitzenschach auf, was sich in der Auswahl der Autoren sowie in den umfangreichen Analysen widerspiegelt. Durch die immer wieder in die Berichte eingeflochtenen O-Töne der Beteiligten und die Rubriken „Schachfragen“ und „Probleme und Studien“ hebt sich die Zeitschrift von anderen deutschen Publikationen ab.
„Der Exzelsior Verlag wurde 1999 in Nachfolge des Berliner Sportverlages gegründet. Unser Flaggschiff ist die monatlich herausgegebene Zeitschrift SCHACH, die seit 1947 erscheint und sich nach 1990 als anspruchsvollstes deutschsprachiges Schachperiodikum etabliert hat. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der exklusiven Vor-Ort-Berichterstattung über nationale und internationale Spitzenereignisse. Zu unseren Autoren zählt die komplette Weltelite von Magnus Carlsen über Viswanathan Anand und Levon Aronjan bis hin zu ‚Kommentatoren-Grossmeistern‘ wie Peter Swidler und Nigel Short. Breiten Raum nehmen daneben ständige Rubriken, u. a. mit Lehrcharakter, ein“ – so liest sich das durchaus selbstbewusste Portrait auf der Homepage des Berliner Exzelsior Verlags.

Ursprünge in der DDR

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Print-Head Ausgabe 1952 - Rezensionen Glarean Magazin
Der Print-Head der DDR-Ausgabe vom August 1952 („Organ der Sektion Schach der Deutschen Demokratischen Republik“)

Die Geschichte der Zeitschrift spiegelt die Veränderungen auf dem deutschen Schachzeitschriftenmarkt wider. 1947 wurde sie unter dem Titel „Schach-Express“ in der ehemaligen DDR gegründet. 1996 übernahm sie die Zeitschrift „Schach-Report“, in die ihrerseits bereits 1989 das älteste deutsche Schachorgan, die „Deutsche Schachzeitung“, aufgegangen war. Durch den heute verwendeten Untertitel von „Schach“, nämlich „Deutsche Schachzeitung“, stellt sich das Magazin in deren Tradition. Chefredakteur ist seit 1991 GM Raj Tischbierek.
Meiner Besprechung liegen die Ausgaben 12/1019 und 1/2020 zugrunde. Der Umfang jeder Ausgabe variiert leicht, liegt aber etwa bei 80 Seiten im Format A5. Der Druck ist dreispaltig gesetzt, die zahlreichen Fotos schwarzweiss.

Berichte über herausragende Turniere

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Leseprobe - Rezensionen Glarean Magazin
Ausführliche Berichterstattung über prominente internationale Schach-Turniere: Leseprobe aus SCHACH – Deutsche Schachzeitschrift

Nach Inhaltsverzeichnis, Impressum und Vorwort, in dem IM Dirk Poldauf aktuelle Themen der Schachwelt aufgreift, folgen umfangreiche Berichte über herausragende Turniere. In Heft 12/2019 war dies der FIDE-Chess.com-„Grand Swiss“ auf der Isle of Man, wobei der hauptsächliche Fokus auf der Qualifikationsmöglichkeit für das Kandidatenturnier lag (S. 4-28). Oft werden bei solchen umfangreichen Turnierberichten neben dem Sieger besondere Personen in den Fokus gerückt, so auch hier: „Die Deutschen“ (Keymer, Blübaum und Huschenbeth), „Die Inder“ (Gukesh, Sadhwani und Sarin), „Die Frauen“ (Dronavalli und Sadwakassowa). Auffallend ist, dass „Schach“ die dritte GM-Norm für Vincent Keymer erwähnt und würdigt, sich aber der überschwänglichen Lobeshymnen enthält, die im Internet gesungen wurden.

Als zweiter grosser Bericht folgt in 12/2019 der Grand-Prix in Hamburg, ebenfalls eine Qualifikationsmöglichkeit für das Kandidatenturnier (S. 30-37), und die Mannschafts-Europameisterschaft in Batumi (S. 38-52). In Heft 1/2020 wird ausführlich auf das Finale der Grand Chess Tour in London eingegangen (S. 4-12), danach auf das Tiebreak-Match zwischen Grischuk und Duda, mit welchem sich der Russe einen Platz im Kandidatenturnier sicherte (S. 14-22).

Spezialität: Die deutsche Schach-Bundesliga

Neben diesen grossen Artikeln sind kürzere Turnierberichte enthalten, gewöhnlich aus der Feder eines Beteiligten, etwa in 12/2019 über die Schweizer Mannschaftsmeisterschaft, die Offene Internationale Bayerische Meisterschaft oder die Weltmeisterschaft im Chess960, in 1/2020 über den Europapokal, das Grand Chess Tour-Turnier in Kolkata oder das Open in Heusenstamm.

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Die Schachbundesliga nimmt während der Saison einen breiten Raum in „Schach“ ein. In 12/2019 gibt es einen Vorbericht mit den Mannschaftsaufstellungen (S. 53-55), in 1/2020 einen Überblick über die ersten vier Runden (S. 47-59). Kein anderes Magazin berichtet so umfassend über die deutsche Eliteliga wie „Schach“.

Etwas aus dem Rahmen fallen Artikel, die sich mit historischen Themen befassen. In 1/2020 ist dies ein Artikel (genauer gesagt: der zweite Teil eines Artikels) von Dr. Robert Hübner über das Interzonenturnier 1979 in Rio de Janeiro, wie bei Hübner zu erwarten bereichert durch umfassende Analysen. Auch wenn ich selbst starke Sympathien für Schachgeschichte hege und diesen Artikel mit grossem Interesse gelesen habe, erscheinen mir diese Texte in einem Magazin, das ansonsten sehr stark auf aktuelles Weltklasseschach abhebt, wie ein Fremdkörper.

Rubriken mit persönlicher Note

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Raj Tischbierek - Rezensionen Glarean Magazin
Seit 1991 redaktionell verantwortlich für die SCHACH-Inhalte: Grossmeister Raj Tischbierek

Als regelmässige Rubriken enthält SCHACH neben „News“ (nationale und internationale Kurznachrichten) Rezensionen aus der Feder von IM Frank Zeller, die von GM Michael Prusikin betreuten Taktikrubriken „Hohe Schule der Kombination“ (jeweils eine Angriffspartie, eine Eröffnungsfalle und eine Studie) und „Kombinationen“ (18 Taktikaufgaben zum Selberlösen) und die „Schach-Fragen“. Letzteres ist ein Fragebogen an Persönlichkeiten aus der Schachwelt (im Fall der besprochenen Hefte der deutsche IM Dietmar Kolbus, der mittlerweile auf der Isle of Man lebt, und die Exweltmeisterin Nona Gaprindaschwili) mit 19 sich wiederholenden und einer speziell auf den Befragten zugeschnittenen Frage.
Natürlich fallen die Antworten unterschiedlich ausführlich aus, und manchmal sind sie auch ausgesprochen nichtssagend, z.B. im Fall von Nona Gaprindaschwili: „Welche Spieler würden Sie einladen, wenn ein Sponsor Sie mit der Ausrichtung eines Turniers beauftragen würde?“ – „Aaaach, da gibt es heute so viele Möglichkeiten! Wie sich alles entwickelt hat… Allein, dass heute die Chinesen überall dabei sind, und wie stark sie geworden sind! Das war zu ‚meinen Zeiten‘ überhaupt noch nicht absehbar.“ – „Mit wem würden Sie gerne einen Tag lang tauschen und warum?“ – „Warum tauschen? Ich bin mit mir zufrieden.“ – „Wann haben Sie zum letzten Mal etwas zum ersten Mal getan und was?“ – „Das ist keine Frage für mich.“
Nun ja, das ist wenig erhellend, dennoch finde ich diese Rubrik persönlich eine der interessantesten des Heftes, erlaubt sie doch manchen persönlichen Einblick.

Betreuung des Problem- und Studien-Schachs

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Zuletzt möchte ich „Probleme und Studien“ hervorheben, die von Franz Pachl betreut wird. Diese vierseitige Rubrik bietet Berichte über Problem- und Studienturniere, Turnierausschreibungen und natürlich viele Probleme, darunter etliche Urdrucke. Natürlich ist dies ein Thema für Spezialisten, aber es gibt in Deutschland – mit Ausnahme solcher Nischenpublikationen wie „Feenschach“ – keine andere Zeitschrift, die sich so ausführlich mit dem Bereich des Kunstschachs befasst.

Fazit: Generell weist SCHACH eine starke Fokussierung auf das Spitzenschach auf. Breitenschach sowie regionale Schachereignisse werden nur selten thematisiert. Diese Ausrichtung spiegelt sich in der Auswahl der Autoren sowie in den Analysen wider, die sich durchgängig auf hohem Niveau bewegen. Damit werden als Zielgruppe tendenziell stärkere Spieler angesprochen. Als besonders interessant empfinde ich die immer wieder eingeflochtenen O-Töne und Interviews, in denen auf kritische Moment einer Partie oder eines Turniers, aber auch auf übergreifende Themen eingegangen wird. Im Vergleich zu anderen Publikationen berichtet „Schach“ sehr ausführlich über die deutsche Bundesliga und weist mit den „Schachfragen“ und „Probleme und Studien“ zwei Rubriken auf, die keine andere deutsche Schachzeitschrift in dieser Form bietet. ♦

Zeitschrift SCHACH – Deutsche Schachzeitung, monatlich, Exzelsior Verlag, ISSN 0048-9328

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach in der DDR auch über Manuel Friedel: Schach und Politik in der DDR

Andrew Soltis: Bobby Fischer Rediscovered (Schach)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Ein Schach-Genie im Spiegel seiner Partien

von Ralf Binnewirtz

Dem amerikanischen Grossmeister und Schachautor Andrew Soltis ist mit „Bobby Fischer Rediscovered“, einer nach 17 Jahren merklich verbesserten Zweitauflage, ein beachtlicher Wurf gelungen.
Mit nunmehr 107 herausragenden und ausgewogen kommentierten Fischer-Partien sowie zahlreichen informativen Textbeigaben, die Leben und Werk des legendären Protagonisten erhellen, ist diese Partieauswahl ein unverzichtbarer Bestandteil jeder ernsthaften Fischer-Kollektion.

Bobby Fischer Rediscovered - Andrew Soltis - Batsford Chess - Cover - Glarean MagazinAuch nach dem Tode von Bobby Fischer im Jahre 2008 ist der stetige Strom der Publikationen aller Art über die amerikanische Schachlegende nicht verebbt. Das aktuellste Produkt dieser anhaltenden Faszination ist die runderneuerte Zweitauflage der Partieselektion, die der US-Grossmeister und renommierte Schach-Autor Andrew Soltis erstmals 2003 vorgelegt hat. Die im Buchtitel formulierte, auf den ersten Blick etwas kurios anmutende „Wiederentdeckung Fischers“ erklärte der Autor bereits 2003 damit, dass dessen Partien nach drei Jahrzehnten (ab Reykjavik 1972 gerechnet) eine neue Betrachtung und Bewertung mit frischem Blick verdient hätten. Schauen wir uns an, was wir von der im Untertitel so vorgestellten „überarbeiteten, ergänzten und neu analysierten Auflage“ 2020 erwarten dürfen.

Einblicke in Fischers Persönlichkeit

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In der Einleitung („Author’s Note“) blickt Soltis u.a. zurück auf die persönlichen – mal mehr, mal weniger zufälligen – Begegnungen mit dem von ihm bewunderten Schachgenie in der US-Schachszene. Hieraus hat sich allerdings nie eine dauerhafte Bekanntschaft oder gar Freundschaft entwickelt (eine solche wurde bekanntlich nur wenigen Auserwählten zuteil). Eine einmalige Schnellpartie gegen Fischer (1971) verkorkste Soltis in Gewinnstellung zum Verlust, allzu sehr gelähmt von der dominanten Präsenz seines Gegenübers.
Diese kurzen Treffen gewähren bereits interessante Einblicke in Fischers Persönlichkeit. Des Weiteren geben die Einführungen zu den Partien einen informativen Überblick auf den schachlichen Werdegang Fischers, auf dessen Vorlieben, Vorzüge und Schwächen, auf seine fundamentalen schachlichen Grundsätze, die er in kurze Faustregeln zu fassen pflegte, und seine eröffnungstheoretische Vorbereitung. Es sind diese persönlich gefärbten Ausführungen des Autors, bisweilen angereichert mit historischen Bezügen und anekdotenhaften Begebenheiten, die eine besondere Stärke des Buchs ausmachen und erheblich zum Lesevergnügen beitragen. Und dazu, dass der Leser auch den Menschen Bobby Fischer ein wenig kennenlernt.

No smoke, no drinks, no girls

Hierzu ein kurzes Beispiel: Vor dem Interzonenturnier Portoroz 1958 schrieb Fischer-Mutter Regina einen „enthüllenden“ Brief an den Jugoslawischen Schachverband, in dem sie kundtat: „… He [Bobby] would not give simultaneous exhibitions or interviews – and didn’t like journalists ‚who ask non-chess questions‘ about his private life. She volunteered to the Yugoslavs that Fischer didn’t smoke, drink or date girls and ‚doesn’t know how to dance.‘ But, she added, ‚He likes to swim, play tennis, ski, skate, etc.'“ (S. 25)
Selbstredend kann und soll das Buch nicht mit einer echten Biografie konkurrieren, wie sie etwa Frank Brady verfasst hat.

Bobby Fischer Rediscovered - Andrew Soltis - Batsford Chess - Lesebeispiel - Glarean Magazin
Die „Jahrhundertpartie“ gegen Donald Byrne (8. Matchpartie in New York 1956) mit Fischers legendärem Damenopfer, kommentiert von Andrew Soltis

Wenden wir uns dem Hauptteil des Buches zu, den aufgenommenen Partien. Die 100 Games der Erstauflage, in chronologischer Folge angeordnet, finden sich auch in der Neuauflage wieder: Sie umspannen die gesamte Schachkarriere Fischers von der „Jahrhundertpartie“ 1956 gegen D. Byrne bis zur 11. Match-Partie gegen Spasski in Sveti Stefan 1992. Nur etwa ein Viertel dieser Partien ist auch in Fischers eigenem Werk „Meine 60 denkwürdigen Partien“ enthalten. Neu hinzugekommen ist ein Epilog mit 7 weiteren Partien, die bislang „übersehen“ wurden bzw. nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren haben.


Exkurs: Die Partie Bobby Fischer vs Andrew Soltis

… aus dem Jahre 1971 ist vielleicht kein Ruhmesblatt für Grossmeister Soltis. Aber hey, der Gegner hiess Bobby Fischer…

(Mittels Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet sich ein Analyse-Fenster, inklusive Download-Option als PGN-Datei)


Gute Balance zwischen Text und Varianten

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Sämtliche Partien wurden von Soltis gründlich kommentiert, ohne dass sich seine Analysen in weitläufige, unübersichtliche Verzweigungen von Varianten ergehen. Dies und eine ausgewogene Balance zwischen Textkommentierung und Varianten wird die grosse Mehrheit der Leserschaft zu schätzen wissen. Die Analysen wurden für die Neuauflage beträchtlich überarbeitet, sie beruhen teilweise auf eigenen Bemühungen, teils auf fremden Vorgängeranalysen, was sicherlich nicht kritikwürdig ist. Dies gilt auch für Soltis‘ Entscheidung, keine Verlustpartien Fischers aufzunehmen, sowie nur wenige – dafür hochinteressante – Remispartien.

Bobby Fischer und Mutter Regina - Melonen-Essen in Manhattan - Schach im Glarean Magazin
Teenager Bobby und Mutter Regina beim Melonen-Essen in Brooklyn / New York

Die Markenzeichen von Bobby Fischers Stil, das luzide Positionsspiel, die Fähigkeit, Vorteile zu generieren und diese gnadenlos zu verwerten, die taktische Schlagfertigkeit, all dies verknüpft mit einem unbändigen Siegeswillen, scheinen in all seinen grossartigen Partien auf. Dabei zeigt sich, dass Fischer insgesamt nur sehr wenige Opferpartien gespielt hat, auch wenn diese zu seinen bekanntesten gehören mögen.
Mit dieser ausgezeichneten Partieauswahl dürften nicht nur Fischer-Fans voll auf ihre Kosten kommen. Ich kann dieses Buch nur nachhaltig empfehlen – es dürfte die zweitbeste Partiesammlung zu Bobby Fischer sein, die beste stammt halt immer noch vom grossen Meister selbst! ♦

Andrew Soltis: Bobby Fischer Rediscovered, 312 Seiten, Batsford, ISBN 978-1-84994-606-3 (engl.)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Genies auch die Anekdoten aus der Welt des Schachs

… sowie zum Thema „Schach in der Zeit des Kalten Krieges“ von Boris Gulko & Viktor Kortschnoi: Der KGB setzt matt

Weitere interessante Internet-Links zu Bobby Fischer:

Ausstellungs-Katalog „Schach und Religion“ (Ebersberg)

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Geistesgeschichtlicher Blick auf das Schachspiel

von Thomas Binder

An wenigen Tagen im August 2019 fand im Rathaus des oberbayrischen Ebersberg eine Ausstellung unter dem Titel „Schach und Religion“ statt. Trotz Erwähnung auf gemeinhin einflussreichen Homepages hat sie in der klassischen Schach-Öffentlichkeit nur wenig Widerhall gefunden. Nun hat die ausrichtende Schach- und Kulturstiftung ein Begleitbuch zu dieser Schau herausgebracht, das weit über einen Ausstellungskatalog hinaus geht.
Katalogcharakter im herkömmlichen Sinne haben nur die letzten knapp 40 Seiten, auf denen die ausgestellten Exponate (vorwiegend Gemälde und Figurensätze) abgebildet werden. Für diejenigen Werke, die im Textteil des Buches nicht näher besprochen werden, sind die Informationen in diesem Abschnitt leider etwas knapp.

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Cover - Glarean MagazinKommen wir also zum gut 100 Seiten langen Textteil. Hier werden wir nicht etwa auf theologische Abhandlungen stossen, sondern erfahren unter dem Obertitel „Schach und Religion“ viel Interessantes aus der Geschichte unseres Spiels. Der religiöse Aspekt dient dabei mal mehr, mal weniger als Leitfaden, wird aber oft genug verlassen, und der Blick reicht deutlich weiter.
Wer sich fragt, was denn wohl Schach und Religion miteinander zu tun haben, dem sei aus der Einleitung zu einem Beitrag des früheren DSB-Präsidenten Herbert Bastian zitiert: Er bezeichnet Schach und Religion als „… zwei Kulturfaktoren mit weltumspannender Bedeutung […] Beide geben ihren Anhängern Halt und etwas Familiäres.“

Leseprobe

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Leseprobe - Glarean Magazin
„Schach und Religion“ der Kulturstiftung GHS: Leseprobe aus dem gleichnamigen Ausstellungs-Katalog (Ebersberg 2019)

Autoren mit wissenschaftlichem Anspruch

Den Leser erwarten insgesamt acht Artikel von unterschiedlichem Umfang, denen freilich gemein ist, dass sie von sachkundigen Autoren mit durchaus wissenschaftlichem Anspruch geschrieben wurden. Das mag es dem Leser, der in die Materie gerade erst eintauchen will, hier und da etwas schwer machen. Angesichts der thematischen Vielfalt wird aber wohl jeder historisch interessierte Schachfreund Erkenntnisse und Denkanstösse mitnehmen.

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Der Salzburger Kulturhistoriker Rainer Buland hat mit „Schach – Spiel – Religion“ den Leitartikel (oder neudeutsch: die Keynote) geschrieben. Er gliedert seine Arbeit in fünf Ebenen. Zunächst widmet er sich der Figur des Läufers, der ja in manchen Sprachen eigentlich ein Bischof ist. Dann verweist er darauf, dass viele Theologen dem Schachspiel zugetan waren, es dabei aber im grösseren Zusammenhang als Allegorie verstanden und in ihre Lehre einbanden. Dann geht Buland darauf ein, dass das Spiel durchaus zeitweise als Laster angesehen und gegen solche Vorwürfe verteidigt werden musste. Einen grossen Umfang nehmen die sehr interessanten Untersuchungen zu der Radierung „Die Schachspieler“ von Moritz Retzsch (1779 – 1857) ein. Schliesslich stellt sich der Autor noch der Frage, ob man das Schachspiel selbst als Religion verstehen kann.

Profunde Artikel für Laien und Experten

Herbert Bastian - Schach-Funktionär Buchautor - Glarean Magazin
Verbandsfunktionär, Internationaler Meister, Schachhistoriker: Herbert Bastian

Im zweiten umfangreichen Beitrag beleuchtet Herbert Bastian das Verhältnis von Schach und Religion an Beispielen von den ersten Erwähnungen an bis zur Gegenwart. Bastian ist als profunder Kenner der Kulturgeschichte des Schachspiels nicht zuletzt durch eine umfangreiche Artikelserie in der Zeitschrift „Rochade Europa“ ausgewiesen. Daher an eine breite Leserschaft gewohnt, ist sein Text für den interessierten Laien sogar etwas einfacher nachzuvollziehen, als die doch sehr wissenschaftlichen Ausführungen bei Rainer Buland – gut, dass wir in diesem Katalog beide Herangehensweisen finden.
Den dritten, sehr umfangreichen Artikel verfasste der Altphilologe Wilfried Stroh. Er bietet eine Neuübersetzung (aus dem Lateinischen) sowie eine ausführliche Interpretation der „Schachode“ des Jesuiten und Dichters Jacob Balde (1604 – 1668). Wenn im Vorwort von einem „berühmten Gedicht“ gesprochen wird, verdeutlicht dies die angesprochene Zielgruppe. Als sehr wohl schachhistorisch belesener Interessent, waren mir diese Ode und ihr Autor – Asche auf mein Haupt – bislang völlig unbekannt und selbst der Wikipedia-Eintrag über Balde erwähnt die Schachode mit keinem Wort. Spätestens jetzt ahnt man also, dass die Neuübersetzung und Interpretation dem kritischen Blick der Fachwissenschaft Stand halten wird, ja wohl richtungsweisenden Charakter einer Neubewertung hat. Dementsprechend anspruchsvoll ist für literaturwissenschaftliche Laien allerdings auch die Lektüre des 20 Seiten umfassenden Artikels.

Schachmatt - Geistliche Würdenträger beim Schachspielen - Holzstich von Thure Cederström 1880 - Glarean Magazin
„Schachmatt“ nach einem Holzstich von Thure Cederström 1880: Geistliche Würdenträger beim Schachspielen

Luther und Augustinus beim Schachspielen

Eingebettet in diese drei „grossen Brocken“ finden wir fünf kürzere und in all ihrer Unterschiedlichkeit anregende Texte.
Lokalkolorit zum Ort der Ausstellung steuert Georg Schweiger (Vorstand der ausrichtenden Stiftung) mit dem Artikel über die Schachfiguren der Falkensteiner Grafen bei. Bis ins 12. Jahrhundert lässt sich nachweisen, welche Bedeutung das Spiel in dieser Herrscherfamilie und darüber hinaus für Adel und – als Bezug zum Titel der Ausstellung – für den Klerus hatte. In seinem zweiten Beitrag erläutert Schweiger, warum die Heilige Teresa von Avila (1515 – 1582) die Patronin der Schachspieler ist. Auch hier ist Ihr Rezensent peinlich berührt von einer bisherigen Wissenslücke, hatte ich doch bisher nur Caissa gekannt.

Glarean Magazin - Muster-Inserat - Banner 250x176Mit zwei kurzen Beiträgen ist der Historiker sowie engagierte Schachspieler und -organisator Konrad Reiss vertreten. Reiss dürfte einer grösseren Öffentlichkeit vor allem als Leiter des Schachmuseums in Löberitz bekannt sein. Die beiden Artikel verbinden Schach und Religion in kongenialer Weise mit Reiss‘ mitteldeutscher Heimat. Er stellt uns die Schachallegorie im Dom zu Naumburg vor: Zwei schachspielende Affen an einem Pfeilersims laden zu jeder Art von Interpretation ein. Seinen zweiten Beitrag widmet Reiss der Legende über eine Schachpartie Martin Luthers gegen eine Gruppe von als Bergleute verkleideten Studenten.
Noch weiter zurück führt uns die Kuratorin der Ausstellung Natascha Niemeyer-Wasserer mit ihrem kurzen Exkurs über ein Gemälde von Nicolo di Pietro vom Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, das den Heiligen Augustinus beim Schachspiel zeigt.

Vielfältiger Blick auf die Schachgeschichte

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Ich hoffe, diese kurze Inhaltsübersicht konnte die Neugier der Leser wecken, sich näher mit den Beiträgen dieses Begleitbuchs zur Ausstellung „Schach und Religion“ zu beschäftigen. Den nicht ganz geringen Preis rechtfertigen neben dem Inhalt der Arbeiten auch die zahlreichen Abbildungen und die insgesamt hochwertig anmutende Gestaltung.
Fazit: Weit über einen Ausstellungskatalog hinaus gehend, bietet das Buch vielfältige Blicke auf die europäische Schach-Frühgeschichte. Die Bezüge zur Religion sind dabei Richtschnur, schränken aber die Vielfalt der Betrachtungen nicht ein. Auch wer sich schon intensiver mit der Historie des königlichen Spiels beschäftigt hat, wird viele neue Erkenntnisse gewinnen, muss sich freilich an einigen Stellen auf das sprachliche Niveau einer wissenschaftlichen Arbeit einstellen. ♦

Schach und Religion – Katalog zur Ausstellung in Ebersberg, Schach- und Kulturstiftung G.H.S., 144 Seiten, ISBN 978-3-00-063173-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über
Gerhard Josten: Auf der SeidenStrasse zur Quelle des Schachs

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Christian Mann: Schach – Die Welt auf 64 Feldern

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Tour de Force durch die Schachwelt

von Ralf Binnewirtz

Der Autor Dr. Christian Mann, Professor für Alte Geschichte in Mannheim und Internationaler Meister im Schach, legt mit seinem Taschenbuch „Schach – Die Welt auf 64 Feldern“ seinen schachliterarischen Erstling vor. Der Klappentext deutet an, dass der Leser einen facettenreichen Überblick über die Welt des Schachs erwarten darf, realisiert in einem kleinformatigen Büchlein von lediglich 128 Seiten – zweifellos ein ambitioniertes Unterfangen. Hierbei werden noch 24 Seiten verwendet für „Vorspann“ und Inhaltsangabe, Spielregeln/Notation, Glossar, Register, Literaturverzeichnis sowie eine Auflistung der Weltmeister am Ende des Buchs.

Christian Mann - Schach - Die Welt auf 64 Feldern - Beck Verlag - Rezensionen Glarean MagazinDas Buch dürfte insbesondere Einsteiger in das Gebiet des Schachs ansprechen, zumindest suggeriert dies das aufgenommene, gut neun Seiten beanspruchende Regelwerk. Aber auch allen Schachfreunden, die sich kurz über die Geschichte des Schachs, über Randgebiete bzw. kulturelle Aspekte des Spiels informieren möchten, dürfte es als erste Auskunftsquelle dienlich sein. (Hier finden sich die exakten Inhaltsangaben des Bandes).

Faszination Schach

Zum Auftakt beleuchtet der Autor zwei entscheidende Stellungen aus WM-Partien der Vergangenheit. Es folgen mehr oder weniger kurze Betrachtungen des Autors zur politischen Instrumentalisierung des Schachs, zur Einordnung als Sport, Spiel, Wissenschaft oder Kunst, zum Auftreten in Literatur und Film, zu Schachcomputern usw. bilden Appetitanreger auf Themen, die in späteren Kapiteln ausführlicher behandelt werden. Leider mit nur wenigen Zeilen bedacht ist das Thema Problemschach. Ich hätte es begrüsst, wenn der Autor diesem künstlerischen Zweig des Schachs an späterer Stelle etwas mehr Beachtung geschenkt hätte, zumal manch anderes Thema im Buch vergleichsweise ausführlich behandelt wird.1) Im Literaturverzeichnis wird „Die Schwalbe – Zeitschrift für Problemschach“ angeführt, dieses Vereinsorgan ist aber vor allem für fortgeschrittene Problemfreunde geeignet, zudem erhält man die Zeitschrift nur regelmässig als Mitglied der Schwalbe, deutsche Vereinigung für Problemschach e.V.

Geschichte des Schachs

Prof. Dr. Christian Mann - Schach-Autor - Glarean Magazin
Historiker, Autor, Schachmeister: Prof. Dr. Christian Mann

Vom mythen- und legendenumrankten Ursprung des Schachs im ostasiatischen Raum2) und der weiteren Ausbreitung des Spiels nach Europa führt uns der Autor sukzessive auf der Zeitachse voran: Von der Rolle des Schachs im Mittelalter, die Dynamisierung des Spiels durch die Metamorphose von Dame und Läufer in langschrittige Figuren gegen Ende des 15. Jahrhunderts und die weitere Entwicklung über Philidor bis ins 19. Jahrhundert. Wer über die teils konzise Darstellung hinaus weiter reichende Kenntnisse erwerben will, muss auf andere schachhistorische Werke zurückgreifen. Indes gilt dies analog für das gesamte Buch.
Die nachfolgenden Unterkapitel widmen sich der Zeit ab 1851 (erstes Schachturnier der Neuzeit in London) bis zur Gegenwart und damit den klassischen Schachweltmeistern von Wilhelm Steinitz bis Magnus Carlsen. Nicht berücksichtigt werden die FIDE-Weltmeister aus der Zeit des Schismas 1993 bis 2005. Gelegentlich nimmt der Autor die Gelegenheit wahr, Ereignisse der Vergangenheit etwas näher ins Visier zu nehmen: Zum Beispiel bei Aljechin, der 1941 mit antisemitischen Schriften gegen jüdische Schachspieler agitiert hat, wobei er u.a. auch einen Emanuel Lasker verunglimpfte. Bei der Lektüre dieser Passage ist dem Rezensenten der frappierende „Sinneswandel“ aufgefallen, den Aljechin hier vollzogen hat. Denn letzterer hatte noch wenige Jahre zuvor (in Nottingham 1936) denselben Lasker mit Worten der Wertschätzung und aufrichtigen Bewunderung gewürdigt.3)

Leben und Denken des Schachspielers

Immense Bedeutung für die theoretische Vorbereitung: Der Schachcomputer bzw. die moderne Schachsoftware
Immense Bedeutung für Partieschach On-the-Board: Der Schachcomputer bzw. die moderne Schachsoftware

Der Autor zeigt zunächst auf, warum Schach als Sport einzustufen ist, bespricht die diversen Formate von Turnieren und Wettkämpfen sowie Bedenkzeitregelungen. Das hier vermittelte fundamentale Wissen mag teilweise etwas trocken erscheinen, ist aber gerade für Einsteiger sehr wertvoll, um in den Schachmedien das Geschehen im nationalen oder internationalen Schachzirkus verfolgen zu können. Die finanziellen Einkunftsmöglichkeiten, insbesondere für diejenigen, die nicht den Top 100 zugehören, wirken ernüchternd. Das Ranglistensystem auf Basis der Elo-Zahlen wird ebenso erläutert wie die durch Erfüllung von Normen erzielbaren Titel für Männer und Frauen.
Im Unterkapitel „Training und Wettkampf“ wird vor allem die immense Bedeutung hervorgehoben, die der Computer im Partieschach gewonnen hat: bei der Vorbereitung auf den Gegner, in der häuslichen Ausarbeitung von Eröffnungsneuerungen, bei der nachträglichen Analyse.4) Als Antidot für ein überhandnehmendes „Retortenschach“ wird das auf Bobby Fischer zurückgehende Schach960 vorgeschlagen.

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In „Die Gedanken eines Schachspielers: das Geheimnis von Spielstärke“ widmet sich der Autor vornehmlich den drei schachspezifischen Fähigkeiten des Spielers: Dem (Theorie-)Wissen, der Rechenfähigkeit am Brett und dem Schachgefühl, der intuitiven Einschätzung von nicht exakt berechenbaren Stellungen. Zur Entwicklung der Schachlehre, insbesondere des Positionsspiels, schlägt der Autor einen grossen Bogen von Steinitz bis zu den Vertretern der Moderne, d.h. John Watson, Jonathan Rowson und Willy Hendriks mit ihren schachliterarischen Bestsellern. Der Autor beendet diesen Abschnitt mit der Betrachtung von drei kritischen Stellungen aus der 5. WM-Partie 2008, Kramnik – Anand.
Die letzten Schwerpunkte des Kapitels, „Psychologie, Doping und Computerbetrug“ sowie „Genie“ und „Wahnsinn“, sollen gleichfalls nur kurz erwähnt sein. Bei letzterem ist so manche Darstellung klischeebehaftet bzw. entbehrt der sachlichen Grundlage. Dass Schachspieler auch ausserhalb ihrer eigenen Sphäre zu herausragenden Leistungen imstande sein können (entgegen einer pauschalen Aussage Einsteins), belegt der Autor an einigen Beispielen.

Schach in der Gesellschaft

Unter der Überschrift „Schach im Alltag und in der Wissenschaft“ bündelt der Autor vielfältige Themen, vom Schach in der Werbung über schachmathematische Probleme bis hin zu Schach in der Psychologie, Debatten über Talent und Lernen sowie dem Nutzen von Schach für die kindliche Entwicklung (Schach an Schulen). Ein eingestreuter ca. halbseitiger Exkurs zur heiligen Theresia von Ávila, einer mittelalterlichen Mystikerin, die posthum (1944) zur Schutzpatronin der Schachspieler avancierte, scheint dem Rezensenten im gegebenen Kontext allerdings entbehrlich.

Thomas Glavinic - Carl Haffners Liebe zum Unentschieden - Roman deutscher taschenbuch verlag
Bedeutsamer Roman-Erstling von Thomas Glavinic aus der Psycho-Welt des Schachspiels: „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“

In den Fokus des Autors rücken schliesslich „Lebensunfähige Genies und zynische Meisterdenker“, d.h. „Schach in Literatur, Film und Kunst“. Aus der Fülle der Schachbelletristik werden vier Werke selektiert und besprochen: Stefan Zweigs „Schachnovelle“, Vladimir Nabokovs „Lushins Verteidigung“, Thomas Glavinics „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ sowie „Die Schachspieler von Buenos Aires“ von Ariel Magnus. – Schachszenen in Filmen gibt es unzählige, aber nur relativ wenige Filme, deren Handlung massgeblich vom Schach bestimmt wird – der Autor kann einige Beispiele benennen und kurz vorstellen. –
Im Abschnitt über bildende Kunst beleuchtet der Autor exemplarisch das „Reunion“-Projekt von Marcel Duchamp und John Cage, bei dem die Züge von Schachpartien in Musik transformiert werden. Vielleicht wäre hier noch die japanische Fluxus-Künstlerin Takako Saito eine Erwähnung wert gewesen, die sich in der Nachfolge von Duchamp wie kein(e) andere(r) um die Verbindung von Schach und Kunst („Fluxchess“) bemüht und verdient gemacht hat.5)

Schach und die Gender-Frage

Mit „Ein brisantes Thema: Schach und Geschlechterbeziehungen“ hat sich der Autor einem in der sonstigen Schachliteratur wenig bedachten Sujet angenommen, das in den Online-Medien immer wieder auftaucht und oft heftig disputiert wird, ohne dass ein übergreifender Konsens in Reichweite scheint.
Die „Drosophila der Künstlichen Intelligenz“: „Computerschach vom ‚Schachtürken‘ bis zu AlphaZero“ gibt hiernach einen Überblick über die Entwicklung des Computerschachs von der Geschichte über den „getürkten“ Schachautomaten des Baron von Kempelen im 18. Jh. bis zum aufsehenerregenden jüngsten Produkt der technischen Entwicklung, dem selbstlernenden Programm AlphaZero bzw. dessen Open-Source-Variante „Leela“. Es ist noch nicht abzusehen, welche futuristischen Möglichkeiten der technischen Anwendung sich hieraus auch auf ausserschachlichen Feldern ergeben könnten.

Informativer Überblick

Insgesamt hat der Autor sein Anliegen, den Mikrokosmos des Schachs mit seinen vielfältigen Aspekten und Verknüpfungen zu anderen (kulturellen, gesellschaftlichen) Bereichen im Taschenbuchformat zu präsentieren, routiniert und sachkundig umgesetzt. Aus nicht allzu ferner Zeit fällt vor allem ein weiteres Buch mit vergleichbarer Zielsetzung – indes höherem Anspruch – ins Auge: Michael Ehn, Hugo Kastner: „Alles über Schach“ (Hannover 2010), das aber aufgrund der unterschiedlichen Aufmachung (Format, Umfang, reichhaltige u. teils farbige Bebilderung) keinen echten Vergleich zulässt. Ähnliches gilt für das bereits 35 Jahre alte SCHACH – Spiel Sport Wissenschaft Kunst (hrsg. von Helmut Pfleger/Horst Metzing, Hamburg 1984), das natürlich in verschiedenen Teilen nicht mehr aktuell sein kann.

Sorgfältige Recherche

FAZIT: Insbesondere für Einsteiger und Amateure erscheint „Schach – Die Welt auf 64 Feldern“ von Christian Mann durchweg sehr nützlich und wertvoll, und es bietet so manchen Blick über den Tellerrand in weniger alltägliche Gefilde des Schach-Kosmos. Einzelne mehr oder weniger bedeutsame Lücken können vielleicht in einer späteren Auflage gestopft werden. Insgesamt erhält der Käufer einen gehaltvollen und instruktiven Überblick über die Welt des Schachs zum kleinen Preis, so dass ich dieses Bändchen gerne weiterempfehle.

Die Fülle des Stoffs im vorliegenden Buch wurde vom Autor – soweit für den Rezensenten erkennbar – sorgfältig recherchiert und aufbereitet. Schwerpunktsetzung oder Gewichtung von Themen/Details sind der unvermeidbar subjektiven Wahl des Autors geschuldet, ich vermute, die Mehrzahl der Leser wird sich mit der getroffenen Auslese anfreunden können. Ein ernster Wermutstropfen bleibt die sehr spärliche Berücksichtigung des Kunstschachs. Ein wenig unterrepräsentiert ist auch das Gebiet der Schach-Varianten, wo lediglich das Schach960 angesprochen wird. Hier besteht bisweilen eine Überlappung mit dem Märchenschach (z.B. beim Räuberschach = Schlagschach).

Angenehmer Lesefluss

In Stil und Diktion ist das Buch ausgewogen und gut verständlich, so dass ein angenehmer Lesefluss resultiert. Von den 22 Abbildungen des Buchs entfallen 19 auf Schachdiagramme, hier hätte man die Attraktivität durch Aufnahme weiterer Illustrationen/Fotos noch etwas steigern können. Sachliche Fehler sind mir nicht aufgefallen, eine kleine Unstimmigkeit auf S. 67 bezüglich der Abb. 4 + 5 („linke/rechte Stellung“ statt richtig „obere/untere …“) ist kaum der Rede wert.
Das Verzeichnis „Literatur und Webseiten“ (mit kurz kommentierten Literaturangaben) scheint mir etwas knapp bemessen und in der Auswahl nicht immer optimal. Vereinzelt könnte die genannte Literatur etwas aktueller sein, wie im Fall des schachhistorischen Werks von Joachim Petzold.
Im Buch unerwähnt bleiben andersartige Aktivitäten von Schachfreunden, die sich abseits des Kampfs am Brett abspielen und nicht immer meisterliche Spielstärke voraussetzen:
– Tätigkeit als Schachhistoriker, ferner als Autor von Büchern/Artikeln/Beiträgen (auch im Web);
– Sammler von (bibliophiler) Schachliteratur; von Schachfiguren/-sets; von Schach-Memorabilien oder Schachmotiv-Sammler, die alle in diversen (teils internationalen) Vereinen organisiert sind. ♦

Christian Mann: Schach – Die Welt auf 64 Feldern, 128 Seiten, C.H. Beck Verlag, ISBN 978 3 406 73970 5


1) Als eine empfehlenswerte Einführung in das Gebiet sei das Buch von Michael Ehn u. Hugo Kastner: Schachkompositionen (Hannover 2013) genannt, das alle Kategorien des Problemschachs einbezieht. Weitere Literatur für Einsteiger wurde in den einschlägigen Artikeln von Bernd Gräfrath (Schach 10/2018, S. 66-70) und Thomas Brand (Schach 12/2018, S. 66-70) besprochen.

2) Der letzte Stand der Urschachforschung ist zusammengefasst in Jean-Louis Cazaux and Rick Knowlton: A World of Chess – Its development and variations through centuries and civilizations. McFarland, Jefferson 2017

3) So schrieb Aljechin in seiner Turnierrückschau (Manchester Guardian, 29.08.1936): „Ich finde es fast unmöglich, Lasker zu kritisieren, derart ist meine Bewunderung für ihn, gleichermassen als Persönlichkeit, Künstler und treuer Anhänger des Schachs. Ich kann nur eins sagen, Lasker mit 67 ist immer noch Lasker, vielleicht nicht als praktischer Spieler, aber gewiss als Führer der Schachwelt, mit seiner ausgesprochen jugendlichen Energie, seinem Kampfgeist und der unvergleichlichen Tiefe seiner Auffassung der Probleme auf dem Brett. Sein Beispiel ist gleichsam ein Beispiel für unsere eigene Zeit wie für die Schachspieler kommender Generationen.“ [Zitiert nach Forster/Hansen/Negele, Emanuel Lasker – Denker Weltenbürger Schachweltmeister. Berlin 2009, S. 49] – Eine aktualisierte Zusammenfassung der ganzen Affäre bietet z.B. Edward Winter mit seinem Feature article Was Alekhine a Nazi?

4) Übrigens hat der Computer auch im Problemschach erhebliche Relevanz erlangt, einmal zur Korrektheitsprüfung beim Komponieren (mit Hilfe spezieller Löseprogramme), andererseits um in riesigen Problemdatenbanken eventuelle Vorgänger von Aufgaben aufzuspüren. Mehr hierzu ist in dem jüngst erschienenen Buch von Wolfgang Dittmann (†): Der Flug der Schwalbe – Geschichte einer Problemschach-Vereinigung (Zweite Aufl. aktualisiert und ergänzt von Thomas Brand und Hans Gruber, München 2018) nachzulesen.

5) Die inzwischen 90-jährige Künstlerin, die in Düsseldorf lebt, ist immer noch künstlerisch aktiv. Literatur (Ausstellungskatalog): Takako Saito: Dreams To Do. Snoeck, Köln 2018.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Geschichte auch über Gerhard Josten: Auf der SeidenStrasse zur Quelle des Schachs

… sowie zum Thema Schach-Psychologie über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

ChessBase: Fritz-Trainer Vol. 10 – Mikhail Botvinnik (DVD)

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Multimediales Schachtraining mit weltmeisterlichem Flair

von Ralf Binnewirtz

„Lerne von den Klassikern!“ ‒ diesem beachtenswerten Ratschlag hat sich das Hamburger Unternehmen ChessBase in seiner DVD-Reihe Master Class im Multimedia-Format angenommen. Soll es doch tatsächlich noch etliche Spieler selbst auf Meisterniveau geben, die zwar Magnus Carlsen kennen, aber mit seinen Vorläufern bis hin zu Steinitz oder Morphy kaum etwas anfangen können. Die besagte Serie verspricht Abhilfe, indem sie die führenden Schachmeister der Vergangenheit und Gegenwart in Videos porträtiert und dabei deren Strategien, Gewinntechniken und die verschiedenen Phasen ihrer Partien in der Analyse hochrangiger Experten erhellt. Zugleich wird mit regelmässig eingestreuten Testfragen der Leser zur Mitarbeit animiert, so dass dieser nicht nur die legendären Schachgrössen mit ihren spezifischen Stärken (und wenigen Schwächen) kennenlernt, sondern auch für die eigene Partieführung von einem Training nach weltmeisterlichen Vorbildern profitiert.

Schachlegende Botwinnik

Chessbase Fritz-Trainer Vol. 10 - Mikhail Botvinnik - Glarean MagazinDie aktuelle Ausgabe ist dem 6. Weltmeister und Patriarchen der sowjetischen Schachschule, Michail Botwinnik, gewidmet. [Ich verwende in meinem Text die deutsche (aussprachenahe) Transkription russischer Eigennamen, auch wenn auf der DVD durchgängig die englische Transkription gepflegt wird.] Michail Botwinnik (1911-1995), dessen Kurzbiografie von Johannes Fischer beigesteuert wird (übernommen aus der Schachzeitschrift KARL 3/2005), war Weltmeister über einen Zeitraum von 15 Jahren (mit kurzen Unterbrechungen 1957/58 und 1960/61) und über 30 Jahre der Vorkämpfer der Sowjetunion. Manchen Schachfreunden mag er als Persönlichkeit langweilig oder ‒ als Erzkommunist aus Überzeugung ‒ alles andere als sympathisch erscheinen. Seine Bedeutung für das Schach dürfte indes unbestritten sein, zumal er auch als Autor, Theoretiker und Schachlehrer Aussergewöhnliches geleistet hat. Die von ihm nach beendeter Schachkarriere etablierte Botwinnik-Schachschule haben viele künftige Grossmeister und einige spätere Weltmeister (Karpow, Kasparow, Kramnik) durchlaufen.

Eine der charismatischsten Persönlichkeiten der Schachgeschichte: Weltmeister Michael Botwinnik (1911-1995)
Eine der charismatischsten Persönlichkeiten der Schachgeschichte: Weltmeister Michael Botwinnik (1911-1995)

Michael Botwinnik hat als Erster die individuelle Vorbereitung auf seine Gegner zur Perfektion getrieben und seine gesamte Lebensweise mit regelmässiger sportlicher Ertüchtigung und einer nahezu spartanischen Ernährung den eigenen Fitness-Ansprüchen unterworfen. Seine Analysen nach Partieabbruch oder -ende waren äusserst akribisch und schonungslos objektiv hinsichtlich eigener Fehler, seine Endspieltechnik war überragend. Ein grosser Teil seines Erfolgs resultierte fraglos aus einer nie erlahmenden Bereitschaft zu harter Arbeit. Wer mehr biografische Details über Botwinnik erfahren möchte als diese DVD zu bieten vermag, ist mit dem ausgezeichneten Werk von Andrew Soltis Mikhail Botvinnik. The Life and Games of a World Chess Champion (McFarland, 2014) gut bedient. Gegenüber dem Buch hat die DVD bekanntlich unschlagbare Vorteile, sobald es um interaktive Trainingsmöglichkeiten oder um ein schnelles Nachspielen von Partien und Analysen am Bildschirm geht.

Videoclips in 4 Gruppen

Befassen wir uns mit dem Herzstück der DVD, den Videoclips, die thematisch in 4 Gruppen gegliedert sind, für die jeweils verschiedene Experten verantwortlich zeichnen. Die gesamte Videospielzeit der deutschen Version beträgt beachtliche 8 Std. 8 Min. (Verlagsangabe).

1. Eröffnungen (8 Clips)

Diesen Teil bestreitet der in Paris lebende Schweizer GM Yannick Pelletier. Er behandelt in 6 Videos die von Botwinnik besonders häufig gespielten Eröffnungen sowie spezielle Strukturen, eingerahmt von einem Einführungsvideo und einer abschliessenden Zusammenfassung. Die 6 Clips thematisieren nacheinander: Holländisch; Halbslawisch; Grünfeld-Indisch; Mit Schwarz gegen 1.e4 [Französisch; Caro-Kann]; Karlsbader Struktur; Vorposten.
Dass Botwinnik zur Eröffnungstheorie zahlreiche eminente Beiträge geliefert hat, ist hinlänglich bekannt. Beispielhaft erinnert sei nur an die komplexe, seinen Namen tragende Botwinnik-Variante in Halbslawisch (5…dxc4), die zu den schärfsten Eröffnungssystemen zählt und bis heute wagemutige Spielernaturen fasziniert und inspiriert. Aber Botwinnik hat nicht nur durch konkrete Ideen und Varianten die Theorie bereichert. Sein Bestreben war vor allem darauf gerichtet, langfristige Strategien zu entwickeln, um aus der Eröffnung typische Situationen und Strukturen im Mittelspiel zu erreichen, die er dann aufgrund seiner profunden Vorarbeit mit Leichtigkeit zu behandeln wusste. Seine tiefen strategischen Pläne reichten zuweilen bis ins Endspiel. Auf dem Feld der vorbereitenden (aber auch nachträglichen) Analyse konnte Botwinnik seine systematisch-wissenschaftliche Arbeitsweise zur Geltung bringen, die sich als wegweisend und vorbildhaft für nachfolgende Generationen erweisen sollte. – Als Zugabe enthält die DVD das Eröffnungsrepertoire von Botwinnik als Variantenbaum („Botvinnik-Powerbooks“).

2. Strategie (7 Clips)

Der Strategie-Part wurde von dem rumänischen GM Mihail Marin aufbereitet, der längst zu den weltbesten Schachautoren zählt. Nach einem einleitenden Video, das einen Überblick über den positionellen aber keineswegs zurückhaltenden Stil Botwinniks gibt, folgen 6 Videos, die einzelne Partien aus Botwinniks Laufbahn präsentieren bzw. nach positionellen Gesichtspunkten sezieren.
Am Anfang steht die legendäre Partie gegen Capablanca (AVRO 1938) mit der unvergesslichen „Links-Rechts-Kombination“, die in zahllosen Partiesammlungen verewigt wurde. Botwinniks tiefe strategische Konzeption triumphiert hier über die kürzeren Teilpläne des Kubaners. Auch taktisch ist der Stratege Botwinnik gemeinhin auf der Höhe, aber er startet seine Kombinationen erst, wenn die positionellen Grundlagen hierzu geschaffen wurden. Nur ausnahmsweise schreckt er vor der eigenen Courage zurück, wenn er aussichtsreiche Opfer zugunsten positioneller Lösungen meidet, die ebenfalls zum Gewinn reichen ‒ so geschehen in der Partie gegen Larsen 1967.
Die Videopräsentationen dieses Teils sind mit interaktiven Trainingsfragen angereichert. Bei der Eingabe von falschen Antwortzügen erfolgt ein kurzes Feedback, wonach der Löser einen neuen Versuch unternehmen kann. Alternativ kann er sich auch die Lösung anzeigen lassen. Daher kann die DVD von Spielern beliebiger Spielstärke genutzt werden, auch der Verlag gibt diesbezüglich keine Einschränkungen an. – Die Partien sind ausserdem in einer separaten Datenbank „Botvinnik_strategy“ zu finden, die Kommentierung liegt hier nonverbal anhand von zahlreichen Varianten vor.

Chessbase Fritz-Trainer Vol. 10 - Mikhail Botvinnik - Screenshot - Glarean Magazin
Vielfältige Inhalte und umfangreiches Trainingsmaterial von einem legendären Vorkämpfer des „Sowjet-Schachs“: Screenshot der Chessbase-DVD „Mikhail Botvinnik“

3. Taktik (20 Clips)

Den Taktik-Teil hat der Hamburger IM Oliver Reeh übernommen, der zwanzig Botwinnik-Partien bzw. Partie-Fragmente aus dem Zeitraum 1926 bis 1968 ausgewählt hat, die für ein interaktives Taktik-Training prädestiniert erscheinen. Neben der bereits erwähnten Partie gegen Capablanca 1938 sind hier zwei weitere klassische Perlen Botwinnikscher Spielkunst zu finden, die mit ihren Opfer-Reigen an frühere romantische Zeiten erinnern: die Partie gegen Tschechower 1935 und eine weitere „Unvergängliche“ gegen Portisch 1968. Die vollständigen Partien zum Nachspielen sind wieder in einer Datenbank „Botvinnik_tactics“ verfügbar, hier sind auch kurze Textkommentare (in Deutsch und Englisch) eingestreut.

4. Endspiele (14 Clips)

Der letzte Video-Teil wird von dem renommierten Hamburger Endspielexperten GM Karsten Müller präsentiert. Er beginnt mit zwei interaktiven Tests aus Botwinniks Endspielen (zuerst ein grossartiger „Mauerbrecher“, anschliessend sehen wir einen zum Remis verteidigenden Botwinnik). Es folgen 12 Clips, in denen Müller die grossartigen Fähigkeiten Botwinniks in dieser Partiephase kommentiert (ohne interaktive Tests). Das berühmteste der hier gebrachten Beispiele ist sicherlich das Endspiel Botwinnik ‒ Bobby Fischer von der Olympiade Varna 1962, das nach nächtlicher Analyse der Hängepartie durch das russische Team und für Fischer schockierend mit Remis endete. Auch hier gibt es wieder eine separate Datenbank „Botvinnik_endgames“ mit den 14 kommentierten Endspielen.
Als weiteres Zusatzmaterial auf der DVD sind zu nennen: Eine Datenbank mit 1235 Botwinnik-Partien (teilweise und unterschiedlich ausführlich kommentiert mit Varianten/Text), die Tabellen von den Turnieren mit Botwinniks Beteiligung aus dem Zeitraum 1931 bis 1969, sowie eine Datenbank mit 410 Trainingsfragen aus 103 Botwinnik-Partien, hier kann der ambitionierte Löser maximal 883 Punkte erzielen. Zum Arbeiten mit den Datenbanken ist der ChessBase Reader 2017 von der DVD oder bei Chessbase zu installieren (sofern nicht ohnehin bereits auf dem PC des Lesers vorliegend).


Exkurs: Botwinnik vs Fischer

W.E./Im Jahre 1962 kam es anlässlich der 15. Schach-Olympiade im bulgarischen Varna bei der Begegnung Sowjetunion vs USA zu einem legendären Duell zweier Titanen der Schachgeschichte (ein Youtube-Video hält das Partie-Ende der beiden fest): Am 1. Brett traf der Vorkämpfer des kommunistischen Russland Michael Botwinnik auf das amerikanische Schachgenie Robert „Bobby“ James Fischer. Der amtierende Weltmeister Botwinnik war damals mit seinen 51 Jahren bereits nicht mehr ganz auf der Höhe seiner Meisterschaft (und wurde ein Jahr später von T. Petrosjan auf dem Thron endgültig abgelöst), doch die beiden unterschiedlichen Spieler lieferten sich einen erbitterten (und in der Folge vielfach kommentierten) Kampf, der legendär in die Schachgeschichte einging.

Zwei Giganten des Schachs an der Olympiade 1962 im Endspiel der Partie, die remis endete: Botvinnik vs Fischer
Zwei Giganten des Schachs an der Olympiade 1962 im Endspiel ihrer Partie, die remis endete: Botvinnik vs Fischer

Der Spielstil der zwei Genies spiegelte sich unmittelbar in ihren Partieanlagen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und unterbreitete diese Partie der beiden Ex-Weltmeister dem inoffiziellen Weltmeister des aktuellen Computerschachs, nämlich dem Freeware-Schach-Programm Stockfish (Assembler-Version). Das Equipment bzw. Setting dieser sog. Taktischen Analyse mit der Datenbank Chessbase 14 war: AMD-FX8350-8Cores-4Ghz-64bit (Engine AsmFish-20180723 / 20sec / 4G Hash).

Diese Partie wurde (wie gesagt) oft und teils sehr unterschiedlich analysiert von zahlreichen Grossmeistern in Büchern und im Internet; deren Kommentare zu vergleichen mit dem Output einer Schach-Engine, gegen die in einem Match zu reüssieren weder ein Botwinnik noch ein Fischer auch nur den Hauch einer Chancen hätte, ist nicht ohne Interesse und Reiz… Ich gebe hier die Computer-Analyse unverändert 1:1 wieder, der Leser mag sie all den anderen Kommentaren gegenüberstellen und ihre Bewertungen vergleichen mit jenen der humanoiden Beurteilungen. Man beachte übrigens die Einschätzung des Programmes, was die Zug-„Genauigkeit“ der zwei Gegner anbelangt: Botwinnik erreichte hier 62%, Fischer „nur“ 55%…

Botvinnik - Fischer Varna 1962 (Stockfish-Analyse CB14) - Glarean Magazin

Hier der Link zu einer interaktiven Partie-Analyse und
zum Download der Partie


Botwinniks Dominanz

FAZIT: Das auf der DVD „Fritz-Trainer 10: Mikhail Botvinnik“ versammelte Material umfasst alle Turnier- und Matchpartien von Botwinnik und sogar einige Simultanpartien, somit einen Grossteil seines schachlichen Erbes. Die personelle Besetzung in den Videoclips mit vier prominenten und bewährten Experten verbürgt hohe fachliche Kompetenz, die sprachliche Präsentation ist generell eingängig und angenehm im Tempo. Ergänzt durch hochwertige Zugaben (Biografie, Taktiktraining etc.), bietet sich die DVD an, einen der erfolgreichsten Weltmeister der Schachgeschichte kennenzulernen, seine Partien zu studieren und durch die interaktive Teilnahme an den Tests und Trainingsaufgaben das Niveau der eigenen Partieführung zu verbessern.

Die Ursachen der Überlegenheit Botwinniks über Grossmeister vergleichbaren Talents sind schon weitgehend aus dem vorstehend Gesagten ableitbar. Auch wenn er sich selbst nur als „primus inter pares“ gesehen hat, besass Botwinnik doch entscheidende Vorteile durch seine mit wissenschaftlicher Methodik erarbeiteten Vorbereitungen auf Partie und Gegner, durch die präparierten langfristigen Pläne bis weit ins Mittelspiel, wo seine weniger gut vorbereiteten Gegner nur noch orientierungslos (re)agieren konnten. Seine tiefschürfenden Arbeiten verhalfen ihm wohl auch zu der wertvollen Fähigkeit, Stellungsanalogien in verwandten, scheinbar anders gearteten Stellungen direkt am Brett zu erfassen und zu nutzen (siehe dazu auch A. Jussupow: „Botwinniks Spiel“, in KARL 3/2005). Botwinniks Erfolge basierten zudem auf einem enormen Fleiss, einer unbeirrbaren Zielstrebigkeit und einer eisernen Selbstdisziplin. Sein Spielstil war universell, wenn auch vorwiegend positionell ausgerichtet, und er zeigte keine nennenswerten Schwächen. Lediglich seine berufliche Tätigkeit als Elektroingenieur hinderte ihn daran, eine konstant gute Form aufrechtzuerhalten. Als eine neue Generation von Schachspielern seine Methoden der Vorbereitung adaptierte, büsste er seinen Vorsprung allmählich ein, letztlich musste er auch seinem zunehmenden Alter Tribut zollen. Jedenfalls dürfte die jahrzehntelange sowjetische Hegemonie im Weltschach nach dem 2. Weltkrieg zu einem wesentlichen Teil auf die Pionierarbeit Botwinniks zurückzuführen sein. ♦

Chessbase: Mikhail Botvinnik – Fritz-Trainer Master Class Vol. 10, DVD-Training, ISBN 978-3-86681-649-7

Lesen Sie im Glarean Magazin auch  über
Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Schach-Zeitschrift Caissa – Ausgabe 1-2018

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Das Lied der KZ-Schachspieler

von Walter Eigenmann

Bereits in seinem dritten Jahrgang angekommen ist das 2016 gegründete, inhaltlich wie bibliographisch ambitiöse Schach-Print-Projekt „Caissa“. (Lesen Sie hier auch den Bericht des Glarean Magazins zum Start dieser neuen „Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte“).

Caissa - Schach-Zeitschrift - Chaturanga Verlag - Rezension Glarean MagazinDas aktuelle Heft 1 des Jahres 2018 wartet wie sein Vorgänger wiederum mit einer Fülle exquisiter Inhalte auf, die insbesondere die historisch und wissenschaftlich interessierten Leser unter den Schachfreunden ansprechen dürften.

Spielkultur inmitten der Barbarei

Grossen Raum nimmt diesmal der zweite Teil eines Reports „Schach im KL Buchenwald“ von Siegfried Schönle ein. Dieses deutsche Vernichtungslager der Nazis hat schrecklichste Kapitel der jüngeren Menschheitsgeschichte geschrieben – aber dass in all dem minutiös geplanten und systematisch vorangetriebenen Massenmord-Horror noch so etwas wie eine Schachkultur mit geheimen Privat-Turnieren, Schachbibliotheken und versteckten Korrespondenz-Partien entstehen konnte, grenzt ans Wunderbare.

Hymne der Buchenwalder Schachspieler - Schachzeitschrift Caissa 1-2018 - Glarean Magazin
Schach und Kunst inmitten des deutschen Konzentrationslager-Horrors: Das Musikstück „Hymne der Schachspieler in Buchenwald“, ein vierstimmiges Männerchor-Lied (Quelle: „Caissa“ 1/2018)

Jedenfalls wird in dem 32-seitigen, mit umfangreichem Anmerkungsapparat und Details-Anhang dokumentierten Artikel u.a. berichtet, dass das Schach immer wieder für tröstende Ablenkung bei den KL-Häftlingen gesorgt habe. Sogar eine „Hymne der Schachspieler in Buchenwald“ – ein vierstimmiges Männerchor-Lied – förderte die Nachkriegsforschung zutage, wie „Caissa“ zu berichten weiss.

Vielseitige schachhistorische Inhalte

Elke Rehder - Bild Dr. B. in Isolationshaft - Ausstellung Stefan Zweig - Glarean Magazin
„Dr. B. in Isolationshaft“: Gemälde von Elke Rehder in der Berliner Stefan-Zweig-Kunstausstellung „Die Schachnovelle“

Weitere Fokus-Artikel in „Caissa“ zum Thema Schachgeschichte sind diesmal u.a. das Wiener Duell zwischen Steinitz und Harrwitz (Peter Anderberg), Becketts Roman „Murphy“ und die „schachspielenden Schimpansen“ (Reinhard Krüger), der Kongress der „British Chess Association London“ von 1866 (Robert Hübner) sowie „Der Rösselsprung – Ein bunter Hund der Kulturgeschichte“ (Maria Schetelich). Erwähnenswert ist schliesslich noch der Beitrag von Raymund Stolze zum 75. Jubiläum der berühmten „Schachnovelle“ von Stefan Zweig, woran eine Kunst-Ausstellung in der Berliner Anna-Ditzen-Bibliothek erinnert mit Bildern der Hamburger Malerin, Graphikerin und Büchkünstlerin Elke Rehder. ♦

Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte, Heft 1/2018, Chaturanga Verlag (Hrsg. M. Ziegler), ISSN 2363-821

Lesen Sie zum Thema Schach und Kunst auch über
Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst

Neue Schachzeitschrift Caissa gegründet

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Neues Magazin für die schachhistorische Forschung

von Walter Eigenmann

Wer im Online-Jahre des Herrn 2016 ein neues Print-Medium auf den Markt wirft, das ausgerechnet Schachhistorie zum Gegenstand hat, ist entweder verrückt, oder naiv, oder ein Chess-Junkie, oder Millionär, oder das alles zusammen. Der Neunkirchener Althistoriker Dr. Mario Ziegler ist (wahrscheinlich) nichts von alledem – und trotzdem wagten er und seine Mitarbeiter vom Chaturanga-Verlag, mit „Caissa“ eine halbjährliche 100-seitige „Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte“ ins Leben zu rufen. Vor kurzem präsentierte Ziegler im Verbund mit dem Salzburger Co-Herausgeber Prof. Dr. Rainer Buland nun die erste „Caissa“-Nummer.

Caissa- Cover-Erstausgabe-Glarean MagazinWer soll „Caissa“ – nicht zu verwechseln mit der gleichnamen ehemaligen „Schachrundschau Caissa“, die 1955 mit der Deutschen Schachzeitung fusionierte – eigentlich lesen? In seinem Vorwort zur Erstausgabe umreisst der Initiant und Chefredakteur Mario Ziegler die Intention des Magazins: „Caissa will eine Plattform schaffen, auf der Forschungsergebnisse der unterschiedlichsten Disziplinen im Bereich der Schach- und Brettspiel-Geschichte präsentiert werden können und dadurch ein Bild vom gegenwärtigen Stand der Forschung deutlich wird“. Die Zeitschrift solle „die gesamte Schach- und Brettspiel-Geschichte von den ersten Anfängen bis in die jüngste Vergangenheit, einschliesslich Verweisen auf Brettspiele in der Kunst und Literatur“ berücksichtigen.

Vermisst: Ein übergeordnetes Konzept der Schachforschung

Schach-Mario-Ziegler-Glarean-Magazin
„Die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte steht noch aus“: „Caissa“-Initiant und -Herausgeber Mario Ziegler (*1974)

Dabei ortet Ziegler Defizite in der aktuellen Schachgeschichts-Forschung, z.B. die mangelnde Institutionalisierung der zahlreichen, aber in ihrer Vereinzelung wirkungslosen Solo-Projekte: Es existierten bedeutende nationale und internationale „Gruppierungen, die sich den verschiedenen Aspekten der Brettspiele und insbesondere des Schachspiels widmen – eine Vernetzung all dieser Bemühungen sucht man jedoch nach wie vor vergeblich“. Die meisten dieser Initiativen seien privatem Engagement geschuldet, vermisst werde ein „übergeordnetes Konzept“. Auch im universitären Bereich würden die Brettspiele als Forschungsgegenstand kaum wahrgenommen: „Auch wenn immer wieder Teilaspekte in den Blick genommen werden, so ist doch bezeichnend, dass etwa die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte noch nicht aufgearbeitet ist“. Explizite Zielgruppen von „Caissa“ sind dementsprechend „Bibliotheken, Wissenschaftler und interessiertes Fachpublikum im Bereich der Geschichts-, Sprach- und Kulturwissenschaften“.

Breites thematisches Spektrum

„Caissa“-Autor und Grossmeister Robert Hübner arbeitete akribisch diverse Partien des legendären Matches Blackburne-Steinitz von 1822 auf und recherchierte erstmals verschollen geglaubte Notationen

Welches thematisch vielfältige Untersuchungsfeld sich dabei für „Caissa“ auftut, stellt bereits die Première-Ausgabe des Magazins unter Beweis: Vom ersten „Wettkampf zwischen Blackburne und Steinitz“ (Autor: Robert Hübner) über ein Portrait des bedeutenden ungarischen Schachspielers und Redakteurs Laslo Toth (Ivan Bottlik) bis hin zur „NS-Ideologie im Brettspiel“ (Antonella Ziewacz) und einem Rückblick auf die „Wendejahre 1989-90 in der Zeitschrift ‚Schach'“ (Bernd Gräfrath) deckt die Erstausgabe ein schachhistorisch wie -wissenschaftlich ebenso heterogenes wie informatives Spektrum ab. Hinzu kommen die unverzichtbaren Rezensionen und Verlags-Ankündigungen einschlägiger Fachliteratur, vor allem aber zahllose, durchwegs sorgfältig gewählte und qualitativ hervorragende Bild-Dokumentationen zu jedem Artikel.

Die internationale Ausrichtung des Bandes unterstreichen dabei jene Beiträge, die nicht nur in englischer Sprache kurz zusammengefasst, sondern gleich ausschliesslich im englischen Original abgedruckt werden. Zu erwähnen ist hier ein schöner Essay von Peter J. Monté, der den mythischen bzw. gött-lichen Urgünden des Schachspiels in den altpersischen, -griechischen und -römischen Kulturen in Wort und Bild nachspürt, sowie ein komplett englisch verfasster Abriss von Adrian Harvey „Social participation in the game of chess“, der kenntnisreich das Schachspiel als bedeutender Teil der „gehobenen“ Freizeitkultur im England des 18. Jahrhunderts bis in unsere heutigen Tage der schachlichen „Durchdringung“ aller Gesellschaftsschichten untersucht.

Schach in den Büchern des Deutschen Barock und der frühen Neuzeit

Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert
Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert

Im Zentrum dieser Erstausgabe steht aber die 44-seitige „annotierte Bibliographie“ über das „Schach in Büchern aus der Zeit des Deutschen Barocks und der frühen Neuzeit“ des Kasseler Schachliteratur-Sammlers Siegfried Schönle. Mit Akribie und umfangreichem Quellen-Nachweis stellt der Autor eine Fülle von Büchern bzw. Reprints aus dieser Zeit mit explizitem Schachbezug zusammen, dokumentiert fast alle entspr. Publikationen mit Cover- und/oder Detail-Bebilderung, stellt den allgemein-kulturellen und literarisch-belletristischen Spuren der Buch-Inhalte nach, fördert schachkulturell Belangloses ebenso wie schachhistorisch Richtungsweisendes zutage und dokumentiert so einen illustren, ja manchmal bizarren Bilderbogen des Phänomens Schach im Werk zahlreicher Forscher und Schriftsteller jener Zeit.

Printtechnische und typographische Qualität

„Gesellschaftsspiele spiegeln den Zeitgeist einer Epoche wieder und sind dadurch historische Quellen für Ansichten und Entwicklungen einer Gesellschaft“: Antonella Ziewacz beleuchtet den Kulturmissbrauch des Spiels während der Nazi-Diktatur

So vielfältig der historische Mix dieser ersten, in einer Startauflage von 5’000 Exemplaren gedruckten „Caissa“-Nummer daherkommt, so sehr hält dabei das Outfit des Bandes mit. Das im dreispaltigen Layout präsentierte und durchwegs farbig bebilderte Heft ist sowohl vom Print als auch von der Typographie her äussert qualitätsvoll aufgezogen. Sogar die detailverliebte Partien-Kommentierung eines Robert Hübner mit ihrer Varianten-Verschachtelung kommt problemlos lesbar daher, wobei die weinrote Farbe der Diagrammdrucke eine schöne optische Finesse darstellt. Man merkt dem Heft auf jeder Seite den professionellen Anspruch an, den Herausgeber und Druckerei an dieses Magazin stellen. Ein special compliment geht an dieser Stelle auch an R. Dobicki & S. Schäfer für das erlesene Grafikdesign.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Die neugegründete Zeitschrift „Caissa“ widmet sich der historisch-wissenschaftlichen Forschung des Schachs und der Brettspiele. Die Erstausgabe dokumentiert eindrücklich ein breites thematisches Spektrum und eine erlesene Qualität sowohl in drucktechnischer wie in grafischer Hinsicht. Für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten ist „Caissa“ zweifellos das neue Referenz-Printmedium.

Wer als Amateur- oder Turnier-Spieler mal schachkulturell über den Rand seines kleinen 64-feldrigen Brettes hinausblicken wollte, der griff bis heute vorzugsweise zu einem anderen, ebenfalls qualitätsvollen Schach-Periodikum, nämlich „Karl„. Seit kurzem wird also nun mit „Caissa“ auch für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten eine willkommene und qualitativ professionelle Ergänzung zur Verfügung stehen, die zumal mit einem Einzelpreis von 15 Euro pro Band das Budget absolut fair belastet. Für diese Leserschicht ist „Caissa“ zweifellos das neue Referenz-Printmedium – auch oder gerade in unseren modernen Tagen der kurzlebigen Live-Turnier-News und des Blog-Häppchen-Schachs… ♦

Mario Ziegler (Hrsg.): Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte Nummer 1/2016 (Erstausgabe), 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Geschichte auch über
Isaac Lipnitzky: Fragen der modernen Schachtheorie

Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs

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Bereicherung des Diskurses über den Schach-Ursprung

von Thomas Binder

Die Frage nach dem Ursprung des königlichen Spiels gehört zu den ungelösten Problemen der Kulturgeschichte. Als sicher kann gelten, dass das Schachspiel aus südöstlicher Richtung zu uns gelangt ist. Alle weiteren Details bleiben bisher – und werden es möglicherweise immer bleiben – im Reiche der Mythen verborgen.

Gerhard Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs - Edition JungGemeinhin wird der Ursprungsort in einem riesigen Gebiet vermutet, das mit „China, Indien oder Persien“ zu umschreiben wäre. Oft wird sogar versucht, einen einzelnen Schöpfer des Spiels zu benennen. Selbst die berühmte Weizenkornlegende reiht sich in diese Überlegungen ein, ist doch die von Feld zu Feld verdoppelte Füllung des Schachbretts mit Weizenkörnern der Lohn für den „Erfinder des Schachspiels“.

Die Suche nach den Quellen des Schachspiels

Zu den Forschern, die sich in jüngerer Zeit auf die Suche nach den Quellen des Schachs gemacht haben, zählt die Initiativgruppe Königstein. Von 1991 bis 2005 trafen sich namhafte internationale Schachhistoriker zu acht Konferenzen. Letztlich konnten auch sie keine schlüssige Antwort auf die eingangs gestellte Frage finden. Auf der Homepage http://www.schachquellen.de ist ihr Vermächtnis dokumentiert.
Eines der Mitglieder dieser Gruppe ist auch der deutsche Schachhistoriker, -komponist und -schriftsteller Gerhard Josten. Er legt nunmehr in Buchform seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen zum Thema vor.

„Schmelztiegel der Kulturen und Spiele“: Das alte Kushan-Reich

In den Mittelpunkt der Überlegungen stellt er dabei die Seidenstrasse – einen Oberbegriff für die Handelsrouten entlang derer schon um die Zeitenwende der Kontakt zwischen Europa und (Ost-)Asien seinen Anfang nahm. Dabei wurden nicht nur Handelsgüter ausgetauscht, sondern auch Wissen, Ideen, Techniken – sicher aber auch Geschichten, Kunst, Überzeugungen – und ganz gewiss auch Spiele und Spielideen.

Korrektur falscher Vorstellungen über die Seidenstrasse

In einem seiner einführenden Kapitel führt uns Josten in jene Zeit und räumt mit manchen falschen Vorstellungen über die Seidenstrasse auf. So musste man keinesfalls den ganzen Weg vom Mittelmeer nach China auf sich nehmen, um von den Segnungen dieser Route zu profitieren. Vielmehr wurden Güter und Ideen über viele Zwischenstationen unter den Völkern weitergereicht, dabei immer wieder verändert und bereichert.

Gerhard Josten - SeidenStrasse Quelle des Schachs - Synkretismus
Synkretismus als schachistorische Forschungstechnik

Den letztgenannten Prozess beschreibt Gerhard Josten nun für das Schachspiel, indem er verschiedene (Brett-)spiele ins Feld führt, die in den Ländern entlang der Seidenstrasse und in deren weiterem Einflussgebiet verbreitet waren. Er wägt ab, welche Elemente dabei jeweils in das Schachspiel eingeflossen sind, wie sie sich zu einem Spiel vereinigten und ergänzten, das letztlich als Urform des Schachs angesehen werden kann. Hierfür verwendet er an zentraler Stelle und durchaus schlüssig den aus der Philosophie und Religionswissenschaft bekannten Begriff des Synkretismus.
Den Ort, an dem das Schachspiel entstanden sein könnte, bestimmt Josten im Kushanreich, welches innerhalb der Seidenstrasse eine solch zentrale Position einnimmt, dass es sich als Schmelztiegel der Kulturen und ihrer Spiele offenbar anbietet.

In sich geschlossene Theorie zum Schach-Entstehungsort

Hat der Autor damit die Frage nach dem Ursprung des Schachs gelöst? Sicher nicht! Er bereichert aber den Diskurs um eine interessante Hypothese, die über den genannten Entstehungsort hinaus verschiedene neue Ideen einbringt. Ob sie dem Anspruch strenger Wissenschaft standhält, mag der Rezensent nicht beurteilen. Das ist aber auch sekundär, solange keine eindeutig schlüssigeren Erklärungsansätze bekannt sind.
Die von Josten vorgelegte Arbeit ist eine in sich geschlossene Theorie – nicht besser und nicht schlechter als andere. Das Verdienst des Autors besteht darin, seine Ideen in eine auch dem Laien zugängliche Form gebracht und unsere Sinne für das nach wie vor ungelöste Problem geschärft zu haben.
Ob man seinen Gedankengängen in jedem Falle folgen möchte, bleibt dem Leser überlassen. An manchen Stellen konnte ich dies jedenfalls nicht bis ins letzte Detail tun – so als er zu einem unvollständig(!) gefundenen Satz von mehr als 4’000 Jahre alten Spielsteinen eine mögliche Anordnung auf einem 8×8-Brett ableitet, die natürlich der des heutigen Schachs sehr ähnlich ist.

Fazit-Banner Glarean Magazin
Gerhard Josten bereichert mit seiner neuen Monographie die Forschung zum Ursprung des Schachs um eine interessante Hypothese. Seine Ideen werden schlüssig und gut lesbar vorgetragen, dabei passend illustriert. Die Kaufempfehlung für einschlägig interessierte Leser wird (trotz des recht hohen Preises) gerne ausgesprochen.

Jostens Buch ist angenehm lesbar geschrieben. Hier kommt ihm sein für einen Sachbuchautor überdurchschnittliches Schreibtalent zu Gute, welches ja schon in Romanen erprobt ist. Die Darstellung ist reich und zweckmässig illustriert, überwiegend mit archäologischen Funden von Spielsteinen und –brettern sowie kartographischen Skizzen. Dabei gelingt Gerhard Josten auch der Spagat zwischen erfrischender Lesbarkeit und wissenschaftlicher Korrektheit im Umgang mit Quellen und Zitaten. Erstere stammen oft aus dem Internet. Der Autor hat, obwohl schon im achten Lebensjahrzehnt stehend, dieses Medium aktiv in seine Forschungsarbeit einbezogen. Zu den Zitaten ist anzumerken, dass englischsprachige in der Regel ohne Übersetzung stehen gelassen wurden.

Der Babson Task als Klammer des Buches

Als Klammer des Buches dient der sogenannte  Babson-Task – eine Aufgabe, die für Schachkomponisten lange Zeit ebenso unlösbar schien, wie für die Historiker die Frage nach den Quellen des Schachs. Auf dem Titelbild prangt (vielleicht nicht ganz zum Thema passend) die bisher beste Darstellung hierzu in einer Aufgabe des Russen Leonid Jarosch. Gegen Ende des Buches kommt Josten darauf zurück. Man mag den Zusammenhang zur Grundthematik etwas bemüht finden, als eine weitere Anregung zum Weiterforschen (z.B. im Internet) nimmt der Rezensent diesen Exkurs gerne auf.
Der Preis des Buches von knapp 30 Euro erscheint mir allerdings etwas zu hoch und wird ihm möglicherweise die verdiente Verbreitung unter Schachspielern, die gern etwas über den Brettrand hinausschauen, erschweren. ♦

Gerhard Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs, Diplomica Verlag Hamburg, 139 Seiten, ISBN 978-3842892194

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Caissa: Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte

… sowie aus der historischen Rubrik „Heute vor … Jahren:“
Max Euwe wird Schach-Weltmeister

Michael Dombrowsky: Berliner Schach-Legenden

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Erinnerungen an versunkene Schach-Zeiten

von Mario Ziegler

Unter dem Titel „Luftmenschen“ veröffentlichten im Jahre 1998 Michael Ehn und Ernst Strouhal „Materialien und Topographien zu einer städtischen Randfigur 1700-1938“, wie es im Untertitel lautet. Die beiden österreichischen Schachhistoriker gingen darin dem Schicksal der Schachspieler aus Wien nach, doch kann man den gleichen Blick auch in die deutsche Hauptstadt schweifen lassen, was das Wortspiel im Titel rechtfertigt. „Berliner Luft“ ist der Titel eines Operetten-Liedes, das der Komponist Paul Lincke bereits 1904 schrieb, das jedoch besonders in den „Goldenen Zwanzigern“ populär wurde, jenen Jahren, in denen Berlin eine der Kulturhauptstädte Europas war. Nach dem tiefen Einschnitt des Nationalsozialismus und der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges entwickelten sich beide Hälften der geteilten Stadt grundlegend verschieden und verloren doch nie ganz das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Den herausragenden Schachspielern dieser einzigartigen Metropole ist das Werk des Hamburger Journalisten Michael Dombrowsky gewidmet, das den Gegenstand der vorliegenden Besprechung darstellt.

Auf alle Quellenbelegung verzichtet

Michael Dombrowsky - Berliner Schach-Legenden - Erinnerungen und Portraits aus der Zeit vor und nach dem Mauerbau - Edition MarcoDer behandelte Zeitraum wird durch den Untertitel „Erinnerungen und Portraits aus der Zeit vor und nach dem Mauerbau“ eingegrenzt. Natürlich hätte man eine Betrachtung der Schachgeschichte Berlins viel weiter zurückreichen lassen können, doch eine solche umfassende Darstellung – die im Übrigen meines Wissens noch nicht existiert und ein ausgesprochenes Desiderat darstellt – entsprach nicht Dombrowskys Intention. „Es sind Erinnerungen eines Schachschülers (Jahrgang 1946) an die Schachhelden seiner Jugend“, wie er formuliert. Und auch eine wissenschaftliche Untersuchung wurde nicht angestrebt, wie Dombrowsky gleichfalls zu Beginn seiner Arbeit deutlich macht. Entsprechend wurde auf jegliche Form der Quellenbelege und auf eine Bibliographie eventuell verwendeter Literatur verzichtet.

„Der Scharf-Richter aus Berlin“: Kombinationskünstler Kurt Richter (1900-1969)

Hin und wieder ist das bedauerlich, wenn man auf eine besonders interessante Begebenheit stösst und sie gerne im Original nachlesen würde. Zumindest wird erwähnt, dass als Interviewpartner Harald Lieb, Klaus Darga und Hans-Joachim Hecht zur Verfügung standen und weitere Informationen sowie Bildmaterial durch Familienangehörige der besprochenen Meister bereitgestellt wurden. A propos Bildmaterial: Dieses gibt es reichlich in Form historischer Schwarzweiss- und Farbaufnahmen, die meisten davon (zumindest mir) unbekannt. Der Wissenschaftler in mir hätte sich übrigens auch hier ein Abbildungsverzeichnis gewünscht. Doch abgesehen von diesen kleinen – und vielleicht subjektiven – Kritikpunkten ist die Aufmachung des Buches absolut tadellos: Hardcover, sehr übersichtliches Druckbild (Text ein-, Partien zweispaltig), die Kurzbibliographien und das Partienverzeichnis erlauben eine schnelle Orientierung.

Nachkriegszeit – Mauerbau – Wirtschaftswunder

Legendär als Schach-Autor: Rudolf Teschner (1922-2006)
Legendär als Schach-Autor: Rudolf Teschner (1922-2006)

Zum Inhalt: Es ist eine versunkene Welt, die sich den Augen des Lesers enthüllt: Nachkriegszeit, Mauerbau, Wirtschaftswunder – alles andere als leichte Bedingungen für die Berliner Schachmeister, und doch auch „Goldene Schachzeiten“, in denen das Schachleben im Westteil der Stadt so sehr blühte, dass man einer Berliner Auswahl durchaus einen Sieg über die deutsche Nationalmannschaft zugetraut hätte. Aus dieser Zeit werden zehn Schachpersönlichkeiten vorgestellt. „Die Auswahl basiert auf persönlichen Erinnerungen und Nachforschungen, sportlichen Leistungen und ungewöhnlichen Lebensläufen…“. Auch hier wurde also keine Vollständigkeit angestrebt, und natürlich kann man die getroffene Auswahl an der einen oder anderen Stelle kritisieren. Doch ist es Dombrowsky gelungen, eine sehr interessante Mischung zu finden. So steht neben den Nationalspielern Klaus Darga, Hans-Joachim Hecht und Jürgen Dueball der Problemexperte und -komponist Adolf Delander, neben den berühmten Schachmeistern und -autoren Kurt Richter und Rudolf Teschner ein relativ unbekannter Meisterspieler wie Klaus Uwe Müller.

Fiktive Episoden, der Realität entlehnt

Abgerundet wird das Werk durch Biographien von Heinz Lehmann, Harald Lieb und Wolfram Bialas, und vor die Lebensbeschreibungen dieser zehn Protagonisten ist ein Kapitel gestellt, das einen Überblick über das restliche Berliner Schachleben gibt. „Berlin 1960“  ist ein fiktiver Spaziergang durch das Berlin der 60er Jahre mit einem Besuch des lokalen Schachcafés, in dem weniger bekannte, doch ebenfalls spielstarke Meister wie Rudolf Elstner, Adolf Pawelczak oder Viktor Winz auftreten, daneben der bedeutende Funktionär Alfred Kinzel (von 1975 bis 1983 Präsident des Deutschen Schachbundes). Das Adjektiv „fiktiv“ lässt den Leser aufhorchen: Kann eine Darstellung, die sich mit Geschichte befasst und somit „harte Fakten“ präsentieren will, fiktive Elemente enthalten? „Ich erzähle Episoden und Szenen, die manchmal fiktiv sind, aber durchaus so geschehen sein könnten“, so formuliert Dombrowsky selbst, womit er immerhin in der Tradition klassischer Historiographen steht, die Szenen ausmalen und ihren Protagonisten Reden in den Mund legen, um die Situation für den Leser eindrucksvoller und plastischer zu gestalten.

Standard-Klischees über Schachspieler

Und so finden wir im erwähnten Berliner Schachcafé des Jahres 1960 den Schachspieler, dessen blasses Gesicht dem Betrachter sofort verrät: „Der Mann sehnt sich nicht nach einem Spaziergang in der Sonne.“ Ein anderer wird als älterer Herr mit „schlecht sitzendem Anzug auf seiner schmalen Figur“ beschrieben. Inwieweit hier Erzählungen von Augenzeugen bemüht wurden und wie sehr sich die Fantasie des Autors Bahn brach, muss offen bleiben, denn solche Klischees gehören ebenso wie die Tasse Kaffee, „die dann stundenlang völlig unberührt abkühlt“ und der Wirt, der von dem Wenigen, was die Schachspieler über den Abend konsumieren, nicht einmal die Stromrechnung bezahlen könnte, zu den Standardklischees über Schachspieler. Manche der fiktiven Dialoge erscheinen mir persönlich etwas überflüssig, doch tragen sie unzweifelhaft zu einer Auflockerung des Geschilderten bei.

Die grossen Meister mit ihren Marotten dargestellt

Sieger der Deutschen Meisterschaft 1961: Berlins starker Grossmeister Klaus Darga (*1934)
Sieger der Deutschen Meisterschaft 1961: Berlins starker Grossmeister Klaus Darga (*1934)

Auch abgesehen von diesen Elementen ist das Buch alles andere als trockene Geschichtsschreibung. Die grossen Meister werden mit ihren sportlichen Erfolgen, aber auch ihren ganz persönlichen Eigenarten und Marotten dargestellt. So erfährt man, dass die grosse Leidenschaft des grossen Kurt Richter die Pferdewetten waren, bei denen er viel Geld einsetzte und hört von der persönliche Kontroverse der beiden Nationalmannschaftskollegen Wolfram Bialas und Lothar Schmid wegen eines lange zurückliegenden Vorwurfs der Schiebung. Und natürlich ist manche Vita schon allein so spannend und episodenreich, dass man sich wundert, dass man noch nie etwas davon gehört hat. So ging es mir im Fall von Klaus Uwe Müller. Als ich das Kapitel zum ersten Mal aufschlug, war ich etwas beschämt, von dieser „Schachlegende“ noch nicht einmal den Namen zu kennen, doch beruhigten mich die Worte des Autors: „Es ist schon erstaunlich, dass ein Meister so vergessen wird. Schon in den 60er Jahren sprach kaum noch jemand über seine Leistungen. Klaus Uwe Müller ist der am wenigsten beachtete und am meisten unterschätzte Schachspieler aus der goldenen Hochzeit im Berliner Schach nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Dabei war Müller immerhin vor seiner Flucht in den Westen erfolgreiches Mitglied der DDR-Nationalmannschaft mit einem ausgezeichneten Resultat von 9 Punkten aus 15 Partien bei der Schacholympiade 1952 in Helsinki und im gleichen Jahr punktgleicher Sieger der DDR-Meisterschaft zusammen mit IM Berthold Koch.

Bisher unbekanntes Partien-Material integriert

Zu einem Buch über Schachspieler gehören natürlich auch Schachpartien. Diese finden sich reichlich im Werk, vielfach auch solche, die in den gängigen Datenbanken fehlen. Alle sind durch IM Dr. Helmut Reefschläger kommentiert. Da in den „Schachlegenden“ die Persönlichkeiten, und nicht schachliche Feinheiten im Vordergrund stehen, sind die Kommentare zwar (soweit ich es überprüft habe) fehlerlos und sicher mit Hilfe eines Computerprogrammes geprüft, hätten aber an der einen oder anderen Stelle (wiederum nach meinem subjektiven Geschmack) etwas ausführlicher ausfallen können. Ein Beispiel mit den Originalanmerkungen Reefschlägers:

Kurt Richter – Abraham Baratz
Prag 1931
1.d4 Sf6 2.Sc3 d5 3.Lg5 Lf5 4.f3 c6 5.e3 Sbd7 6.f4 Da5 7.Ld3 Se4 8.Lxe4 Lxe4 9.Sf3 f6 10.Lh4 e6 11.0–0 Lxf3 12.Dxf3 f5 13.Tae1 Db4

Diagramm: Kurt Richter vs Abraham Baratz (Prag 1931) - nach 13. ... Db4
Diagramm: Kurt Richter vs Abraham Baratz (Prag 1931) – nach 13. … Db4

14.e4
Ein „Verbotener Zug“. Verbotene Züge sind solche, die das Gehirn gar nicht in Betracht zieht, also einfach verbietet, als unmöglich ausschliesst. Das ist menschlich. Allzu menschlich. Nun wird bisweilen ein Verbotener Zug, wenn ihn ein Computer macht, bejubelt. Zu Unrecht, denn aus seiner Sicht steht der Zug auf gleicher Ebene wie alle anderen auch. Dem Menschen dagegen gebührt Hochachtung, wenn er seinem Gehirn den Ausschluss gewisser Züge nicht zustimmt. 14.e4 ist nun gleich mehrfach verboten: der Bauer kann vom d- oder f-Bauern geschlagen werden, und überdies hängt auch noch d4 mit Schach. Ein besonderer Moment für Kurt Richter, konnte er hier quasi in einem Zug seine Phantasien ausleben, seine romantische Seite einbringen, seine Traumwelt bedienen. Und merkwürdig: Der Verbotene Zug ist hier auf ganz profane Weise völlig korrekt, ja der einzige, der weissen Vorteil ergibt!
14…dxe4 15.Sxe4 fxe4 16.Dxe4 Kräftiger ist 16.Txe4. 16…Dd6? 16…Dc4 hält noch stand. 17.Df5 Dxd4+ 18.Kh1 Le7 19.Dxe6 0–0–0 20.Lxe7 The8 21.Dh3 Dxb2 22.Lxd8 Txd8 23.Db3 Df6 24.De6 Dc3 25.Te2 Kc7 26.h3 Sf6 27.De5+ Dxe5 28.fxe5 Sd5 29.Tf7+ 1–0

Michael Dombrowskys neues Buch überzeugt: Über Details lässt sich streiten, aber in summa sind die „Berliner Schachlegenden“ ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch, das den schachhistorisch Interessierten in ein spannendes Kapitel der deutschen Schachgeschichte einführt.

Zusammengefasst: Dombrowskys Arbeit hat mich überzeugt. Über Details kann man streiten, aber in summa sind die „Berliner Schachlegenden“ ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch, das den schachhistorisch Interessierten in ein spannendes Kapitel der deutschen Schachgeschichte einführt. Dem Buch, das nach Aussage seines Autors für Schachspieler und Nichtschachspieler geschrieben wurde, möchte ich viel Erfolg wünschen, auch wenn zu befürchten ist, dass die Anzahl der Käufer aus dem Kreis der Nichtschachspieler gering sein wird. ♦

Michael Dombrowsky: Berliner Schachlegenden – Erinnerungen und Portraits aus der Zeit vor und nach dem Mauerbau, Edition Marco, 240 Seiten, ISBN 978-3924833-66-4

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… sowie zum Thema Schacheröffnungen über
Mihail Marin: Die Englische Eröffnung

Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851

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Monographie zu einem Schach-Meilenstein

von Thomas Binder

Das Schachturnier London 1851 markiert einen Meilenstein in der Geschichte des Schachs als Wettkampfsport. Zum ersten Mal trafen einige der anerkannten Meister in einem Turnier aufeinander. Bis dahin hatten sich die Besten der Besten nur in Match-Zweikämpfen gegenüber gestanden. In London nun massen sich 16 Spieler, darunter gut zur Hälfte Akteure, die man nach heutigem Verständnis etwa zu den Top-20 der Super-Grossmeister zählen würde.

Mario Ziegler - Das Schach-Turnier London 1851 - Chesscoach-VerlagDen Übergangscharakter der Veranstaltung verdeutlichen auch die Regularien. So war „London 1851“ mitnichten ein Turnier, wie wir es heute kennen, sondern eine Folge von KO-Matches, die in einem Finale kulminierten. Eine Begrenzung der Bedenkzeit war nicht vorgesehen, nach acht Stunden wurde die Partie vertagt. Interessant auch, dass zwar das Anzugsrecht ausgelost wurde, nicht aber die Farbverteilung. So konnte unter Umständen auch Schwarz die Partie eröffnen. Die damit nötige Übersetzung der Partien in die heute übliche Notation mag in einigen Fällen die Quelle von Unklarheiten gewesen sein.

Zwei Standardwerke bisher über das „Londoner 1851“

Über das Turnier von London gibt (gab es bisher) zwei Standardwerke: 1852 veröffentlichte der Engländer Howard Staunton das authentische Turnierbuch. Staunton war die zentrale Figur des Londoner Turniers. Er wirkte massgeblich in Vorbereitung und Durchführung des Turniers mit und nahm zudem als Spieler teil. Sportlich erlebte er allerdings mit Platz 4 eine Enttäuschung. Stauntons verdienstvolles Turnierbuch wurde 2010 von Jens-Erik Rudolph in einer deutschen Ausgabe neu herausgebracht. Den deutschen Klassiker lieferte bereits 1852 der Berliner Verlag Veit & Company. Eine namentliche Nennung des Autors hierzu gibt es bisher nicht. Mario Ziegler – um nun endlich zum hier rezensierten Buch zu kommen – nennt einige Argumente für die Autorenschaft Alexanders von Oppen, des Herausgebers der „Schachzeitung“.

Historische Pionierarbeit geleistet

Imposanter Schach-Turnier-Saal: Der Londoner
Imposanter Schach-Turnier-Saal: Der Londoner „Crystal Palace“ im Jahre 1851

Mit dem letzten Satz wurde bereits angedeutet, dass der Historiker Mario Ziegler in der Tat neue Forschungsergebnisse vorlegen kann. Er arbeitete beide Turnierbücher sowie darüber hinaus zahlreiche Schachzeitungen und –kolumnen (buchstäblich aus „aller Welt“) auf. Ein breites Feld für geschichtliche Forschungen lässt das Londoner Turnier allemal. So gibt es bis heute keinen genauen Terminplan des wohl knapp 2 Monate dauernden Wettstreits. Ziegler hat hier Pionierarbeit geleistet, indem er für viele Partien das Datum auf engere Zeiträume eingrenzen konnte. Zu der kontrovers diskutierten Abmachung zwischen dem späteren Turniersieger Adolf Anderssen und seinem Viertelfinalgegner Jozsef Szen über eine Teilung des Preisgeldes, das einer der beiden erringen würde, entwickelt Ziegler in ausführlicher und gut fundierter Argumentation einen eigenen Standpunkt. So ergreift er auch an vielen anderen Stellen sehr wohl Partei für den einen oder anderen Spieler, für den einen oder anderen Kommentator, analysiert und moderiert die einschlägige Fachdiskussion.

Ausführliche Partie-Kommentare und biographische Details

Den Hauptteil des Buches bilden die ausführlich kommentierten Partien. Auf ca. 370 Seiten werden die 85 gespielten Schachpartien vorgestellt. Knapp 100 Seiten nehmen die Porträts der 16 Teilnehmer ein – naturgemäss in sehr unterschiedlicher Gewichtung, sind doch über die weniger bekannten Teilnehmer kaum biographische Details verfügbar. Gehen einige der Porträts an die 10 Seiten heran, oder bei Staunton weit darüber hinaus, so ist es bei E.S. Kennedy – nicht einmal die Vornamen sind bekannt – nur eine halbe Seite. Selbst über Anderssens Finalgegner, den Engländer Wyvill kommt kaum mehr als eine Seite zusammen. Das zeigt einmal mehr, auf welch schwieriges Forscherterrain sich Mario Ziegler begeben hat. Komplettiert wird sein Werk durch eine Reihe kürzerer Artikel zur Vorgeschichte und Nachwirkung des Turniers.

Sachliche Darstellung – spannend zu lesen

Spielte 1851 auch die
Spielte 1851 auch die „Unsterbliche Schach-Partie“: London-Turniersieger Adolf Anderssen

Zu den grossen Stärken des vorliegenden Buches muss Zieglers Sprachstil gezählt werden. Es ist ein Vergnügen, seine Zeilen zu lesen. Ihm gelingt eine sachliche Darstellung, die ohne emotionale Aufwallungen auskommt und dennoch spannend und lebendig zu lesen ist. Dabei stört es nicht, dass der Historiker nun mal nicht aus dem Korsett einer wissenschaftlich fundierten Arbeit entfliehen kann. Fast jede Seite ist mit umfangreichen Fussnoten gespickt. Neben akribischen Quellenangaben beherbergen sie jeweils den Text der fremdsprachigen Originale. Davon Gewinn zu haben, setzt zwar die sichere Beherrschung der zitierten Sprachen – zudem in zeitgenössischer Ausprägung – voraus, mit diesem Hintergrund kann man aber noch manche Nuancen entdecken, die bei der Übersetzung verloren gegangen sind.

Im Mittelpunkt des Interesses stehen natürlich die Partieanalysen. Hier leistet der Autor eine solide Arbeit. Jede einzelne Partie wird sehr ausführlich vorgestellt, in angemessener Weise mit Diagrammen illustriert.  In der Eröffnungsphase verweist Mario Ziegler an vielen Stellen auf den damaligen Stand der theoretischen Diskussion und auf Vorgängerpartien. Ein Verweis auf heutiges Theoriewissen findet hingegen seltener statt. Der Partieverlauf wird anschaulich geschildert, insbesondere die Wendepunkte werden pointiert herausgestellt. Die analysierten Alternativen und Varianten untermauern die Argumentation. Natürlich stützt sich Mario Ziegler dabei auf Computerhilfe. Er benennt im Quellenverzeichnis selbst die eingesetzten Programmversionen und die benutzte Hardware. In den Kommentaren wird für mich freilich nicht immer erkennbar, wo Ziegler eigene Entdeckungen (bzw. die seines Computers) präsentiert und wo er auf bereits früher veröffentlichte Analysen zurückgreift.

Geringe Remisquote im „Londoner“

Analysen-Beispiel der Partie Staunton-Horwitz
Analysen-Beispiel der Partie Staunton-Horwitz

Dem heutigen Leser mag es befremdlich vorkommen, dass damals selbst in einem Elite-Turnier grobe Fehler an der Tagesordnung waren. Auch die geringe Remisquote (nur 7 von 85 Partien) spricht für ein ganz anderes Spielniveau. So gesehen könnte man das vorliegende Werk vielleicht noch um eine globalere Analyse zur Entwicklung der Spielstärke und der Leistungsdifferenzierung in jener Epoche ergänzen.

Neben der schachlich soliden Arbeit überzeugen die Partiebesprechungen durch ihren flüssigen Schreibstil und die nie verloren gehende Einbindung in den Gesamtzusammenhang des Turniers. Etwas unglücklich erscheint allenfalls, dass ab dem Halbfinale auch die Matches der unterlegenen Spieler ohne klare Abgrenzung vorgestellt werden. So steht das grosse Final-Match zwischen Anderssen und Wyvill nicht am Ende des Buches, sondern wird noch von den Spielen um die Plätze 3 bis 7 gefolgt. Hier könnte ich mir bei einer Überarbeitung eine klarere Teilung in das eigentliche KO-Turnier und die Trostrunde vorstellen.

Typo- und bibliographisch hochwertige Ausgabe

Nach mehr als 150 Jahren wird von Mario Ziegler ein neues Standardwerk über das erste grosse Schachturnier vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen Porträts der 16 Turnierteilnehmer und die ausführliche Besprechung aller 85 Partien. Zieglers Monographie überzeugt gleichermassen durch fundierte historische Recherche wie flüssig geschriebene Texte.
Nach mehr als 150 Jahren wird von Mario Ziegler ein neues Standardwerk über das erste grosse Schachturnier vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen Porträts der 16 Turnierteilnehmer und die ausführliche Besprechung aller 85 Partien. Zieglers Monographie überzeugt gleichermassen durch fundierte historische Recherche wie flüssig geschriebene Texte.

Das vorliegende Buch macht einen hochwertigen Eindruck. Typographisch gibt es nichts auszusetzen, auch der Umgang mit den zahlreichen Fussnoten ist gelungen. Bedenkt man die enorme Forschungsarbeit, die in diesem Werk steckt, ist der stolze Preis gewiss mehr als gerechtfertigt. Freilich muss offen bleiben, ob es in der Schachszene genügend Interessenten gibt, die es ermöglichen, dass man solche Projekte wirtschaftlich sinnvoll durchhalten kann.
Gerade auch unter diesem Aspekt möchte ich Mario Ziegler viel Erfolg und Beharrlichkeit in seiner Arbeit wünschen. Aus seiner Feder stammen übrigens zwei mindestens genauso reizvolle schachhistorische Projekte: „Die grosse Schachparade“ (an den historischen Epochen orientiert) und „Säulen des Schachs“ (Vorstellung wichtiger Orte der Schachgeschichte). Zu beiden Serien ist bislang ein Band erschienen, und man darf erwartungsfroh auf Fortsetzung hoffen. ♦

Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851, Verlag ChessCoach, 555 Seiten, ISBN 978-3944158006

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über Gerhard Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs

Ausserdem interessant: Der Serien-Report über Schachzeitschriften (4) – „Schach-Aktiv“

Zum Tode von Schach-Grossmeister Bent Larsen

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

„Ich spiele auf Sieg“

von Walter Eigenmann

Wie die Dänische Schach-Union meldet, ist vorgestern in Buenos Aires der legendäre, bis heute in breiten Schachkreisen populär gebliebene dänische Schach-Grossmeister Bent Larsen im Alter von 75 Jahren gestorben. Laut Medienberichten litt Larsen seit längerem an starker Diabetes.

Bent Larsen gehörte in den Sechzigern und Siebzigern des 20. Jahrhunderts nicht nur zu den erfolgreichsten Turnierlöwen überhaupt, sondern auch zu den besonders innovativen Schachtheoretikern (—> Larsen System: 1.b3). Zu Zeiten von Bobby Fischers Anfängen galt der dänische Grossmeister, dessen taktisch einfallsreicher, opferfreudiger, teils auch strategisch tiefsinniger Schachstil allgemein bewundert und gefürchtet wurde, zeitweise als die Nummer Eins der westlichen Schach-Welt.

Der junge Bent Larsen als Simultanist gegen eine noch jüngere Gegnerin (Kroon 1959)
Der junge Bent Larsen als Simultanist gegen eine noch jüngere Gegnerin (Kroon 1959)

Larsens stärkstes historisches Elo-Rating betrug 2660, das er im Februar 1971 erreichte; damit lag er auf Platz Drei der Weltrangliste. Beim prestigeträchtigen Wettkampf UdSSR gegen den Rest der Welt 1970 in Belgrad spielte er am Spitzenbrett, wobei er seine drei Begegnungen mit Weltmeister Boris W. Spasski ausgeglichen zu gestalten vermochte. In seiner Blütezeit war Larsen (wie später Fischer) als Bollwerk gegen die sowjet-russische Schach-Hegemonie stark ideologisiert bzw. instrumentalisiert worden.

1980 lernte Larsen in Buenos Aires seine spätere Frau Laura kennen, eine promovierte Juristin und Rechtsanwältin. Seitdem lebte er in Argentinien. Bent Larsen schrieb mehrere schachtheoretische Bücher und war seit längerem ständiger Kolumnist der deutschen Schachzeitschrift Kaissiber.

Mit Phantasie und Supertaktik zu zahlreichen Turniersiegen

Desaster in Denver: WM-Halbfinale gegen das Jahrhundert-Genie Fischer
Desaster in Denver: WM-Halbfinale gegen das Jahrhundert-Schachgenie Bobby Fischer (0:6)

Larsens Kampf-Motto (und einer seiner Buch-Titel) lautete: „Ich spiele auf Sieg„; dementsprechend heimste der phantasievolle Däne eine Reihe von prächtigen Turniersiegen ein. Namentlich zu nennen wären u.a. Amsterdam 1964, Sousse 1967, Havanna 1967 oder Monaco 1968, später das Interzonenturnier 1976 im schweizerischen Biel.
Einer seiner spektakulärsten Partien datiert aus dem Jahre 1970: Damals fügte er dem späteren Weltmeister Fischer am Interzonen-Turnier in Palma de Mallorca als Schwarzer eine vielbeachtete Niederlage zu (um allerdings aufgrund seines kompromisslosen Kampfstils gegen denselben Fischer im folgenden Kandidaten-Match mit 0:6 das Schach-Trauma seines Lebens zu erleiden):

Robert J. Fischer – Bent Larsen

Palma de Mallorca 1970

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lc4 e6 7.Lb3 Le7 8.Le3 0-0 9.De2 a6 10.0-0-0 Dc7 11.g4 Sd7 12.h4 Sc5 13.g5 b5 14.f3 Ld7 15.Dg2 b4 16.Sce2 Sxb3+ 17.axb3 a5 18.g6 fxg6 19.h5 Sxd4 20.Sxd4 g5 21.Lxg5 Lxg5+ 22.Dxg5 h6 23.Dg4 Tf7 24.Thg1 a4 25.bxa4 e5 26.Se6 Dc4 27.b3 Dxe6 28.Dxe6 Lxe6 29.Txd6 Te8 30.Tb6 Txf3 31.Txb4 Tc8 32.Kb2 Tf2 33.Tc1 Lf7 34.a5 Ta8 35.Tb5 Lxh5 36.Txe5 Le2 37.Tc5 h5 38.e5 Lf3 39.Kc3 h4 40.Kd3 Te2 41.Tf1 Td8+ 42.Kc3 Le4 43.Kb4 Tb8+ 44.Ka3 h3 45.e6 Lxc2 46.b4 Te3+ 47.Kb2 Ld3 48.Ta1 La6 49.Tc6 Txb4+ 50.Kc2 Lb7 51.Tc3 Te2+ 52.Kd1 Tg2 0-1

Dabei war Larsen nicht nur ein genialer Mittelspiel-Taktiker, sondern auch im Endspiel höchst gefährlich. Ein eindrückliches Beispiel dieser Gefährlichkeit lieferte er noch 20 Jahre später in Hastings gegen den starken russischen Grossmeister Evgeny Bareev:

Bent Larsen – Evgeny Bareev

Hastings 1990

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e5 Sfd7 6.Lxe7 Dxe7 7.f4 0-0 8.Sf3 c5 9.Dd2 Sc6 10.0-0-0 cxd4 11.Sxd4 Sb6 12.De3 Ld7 13.Kb1 Dc5 14.h4 Tac8 15.Th3 Sa5 16.Sb3 Dxe3 17.Txe3 Sac4 18.Tf3 f6 19.exf6 Txf6 20.Sd4 Tcf8 21.Lxc4 Sxc4 22.b3 Sd6 23.Te3 b5 24.a3 a5 25.g3 b4 26.axb4 axb4 27.Sa2 Tb8 28.Kb2 Se4

1r4k1/3b2pp/4pr2/3p4/1p1NnP1P/1P2R1P1/NKP5/3R4 w - - 0 29
1r4k1/3b2pp/4pr2/3p4/1p1NnP1P/1P2R1P1/NKP5/3R4 w – – 0 29

29. Sf3!! Le8 30. Sg5 Lh5 31. Sxe4 Lxd1 32. Sxf6+ gxf6 33. Txe6 Kf7 34. Te3 Lh5 35. Td3 Ke6 36. Td4 Tg8 37. Sxb4 Lf3 38. Td3 Le4 39. Te3 Kf5 40. Sc6 1-0

Larsens jahrzehntelange internationale Schachkarriere war von zahlreichen Erfolgen als Spieler wie also Schachautor gekrönt, und seine über 20 Siege an teils hochkarätig besetzten Turnieren brachten ihm damals den Titel eines „Turnier-Weltmeisters“ ein. Allerdings war Larsen auch der erste – aber bei weitem nicht letzte – Meisterspieler, der offiziell von einem Schachcomputer besiegt wurde: 1988 verlor der Däne an einem Open im kalifornischen Long Beach sensationell eine Partie gegen den Rechner „Deep Thought“ (den Vorgänger von „Deep Blue“, der knapp zehn Jahre später auch Weltmeister Garry Kasparov schlug).

Ehrgeizig und kämpferisch, aber auch sensibel und zuvorkommend

Bent Larsen als Kommentator am Politiken Cup 1996 - Glarean Magazin
Bent Larsen als Kommentator am Politiken Cup 1996

Bent Larsen war in der internationalen Schach-Arena als sehr sympathischer, zwar ehrgeiziger und kämpferischer, aber auch sensibler und zuvorkommender Grossmeister hoch angesehen. Der Larsen-Freund und -Fan J. Armas schreibt in seinem Rückblick in Larsens Buch „Alle Figuren greifen an“ über eine Simultan-Begegnung: „Wir waren alle voller Stolz, diesen Meister in unserer Nähe zu wissen. Niemals drückte er seinen jeweiligen Gegner einfach an die Wand. Gegen jeden einzelnen spielte er so, als hätte er einen Grossmeister vor sich. Und mit welchen Erinnerungen und ergötzlichen Geschichten unterhielt er uns zwischen den Partien, während der ganzen vier Stunden!“
Mit Bent Larsen verliert die Schach-Welt einen ihrer interessantesten und schillerndsten Vertreter der „Golden Chess Sixties“. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zu schachhistorischen Themen auch über Michael Dombrowsky: Berliner Schach-Legenden
… sowie zum Thema Bobby Fischer über Andrew Soltis: Bobby Fischer Rediscovered