Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 10 Minu­ten

Das Schachspiel als universelles Bildungs- und Entwicklungsgut

von Walter Eigenmann

Wäh­rend es einen nahezu unüber­seh­ba­ren Schatz an kom­men­tier­ten Par­tien, Tur­nier­bul­le­tins und tech­ni­schen Schach­bü­chern gibt, die, inter­es­siert an der Her­aus­bil­dung von Theo­rie und Pra­xis des Schach­spiels an sich, Erfah­run­gen über Eröff­nun­gen, Mit­tel- und End­spiel ent­hal­ten sowie ver­hält­nis­mäs­sig viele Werke, die Lehr­wei­sen und Trai­nings­me­tho­den pro­pa­gie­ren, fehlt es voll­stän­dig an einem pro­fun­den inter­dis­zi­pli­nä­ren Über­blick­werk zu den wis­sen­schaft­lich gesi­cher­ten Fak­ten, was das Schach bewirkt; was es bedeu­tet, warum es über die Jahr­hun­derte hin­weg Men­schen aus aller Welt fas­zi­niert und nicht zuletzt, wel­che Erzie­hungs- und Bil­dungs­werte es birgt.“
Diese weit­räu­mige spiel­kul­tu­relle und sozio­päd­ago­gi­sche Fra­ge­stel­lung nimmt die deut­sche Schach-Psy­cho­lo­gin und Men­tal­trai­ne­rin Dr. Marion Bönsch-Kauke zum Aus­gangs­punkt ihrer gross­an­ge­leg­ten Meta-Stu­die: „Klü­ger durch Schach“ prä­sen­tiert the­ma­tisch breit und metho­disch sehr dif­fe­ren­ziert eine Fülle von „For­schun­gen zu den Wer­ten des Schach­spiels“; der 400-sei­tige Band fasst den gesam­ten aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs zum welt­wei­ten Kul­tur­phä­no­men „Schach“ zusammen.

Schätzungsweise 550 Millionen Menschen kennen die Schach-Regeln

Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach - Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels
Marion Bönsch-Kauke: Klü­ger durch Schach – Wis­sen­schaft­li­che For­schun­gen zu den Wer­ten des Schachspiels

Dass dem Schach in der rie­si­gen Arena mensch­li­cher Sport- bzw. Frei­zeit-Akti­vi­tä­ten eine nur höchst mar­gi­nale Bedeu­tung zukommt, dar­über macht sich die Autorin Bönsch-Kauke kei­ner­lei Illu­sio­nen, und dass schät­zung­weise 550 Mil­lio­nen Men­schen zumin­dest die Regeln des „König­li­chen Spiels“ ken­nen, aber­mil­lio­nen ihm orga­ni­siert frö­nen, könne nicht dar­über hin­weg­täu­schen, „dass Schach zu den Rand­sport­ar­ten gehört und aus Man­gel an visu­el­ler Show kein Publi­kums­ma­gnet“ sei. Doch die­ser Mar­gi­na­li­tät steht, wie Bönsch-Krauke detail­liert anhand zahl­rei­cher wis­sen­schaft­li­cher, his­to­ri­scher wie expe­ri­men­tal­psy­cho­lo­gi­scher Unter­su­chun­gen bzw. Stu­dien nach­weist, eine mitt­ler­weile kaum mehr über­blick­bare Fülle an pri­mär- wie sekun­där­wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur zu allen denk­ba­ren kul­tu­rel­len, päd­ago­gi­schen, phi­lo­so­phi­schen, neu­ro­wis­sen­schaft­li­chen, sport­me­di­zi­ni­schen, kunst­äs­the­ti­schen und sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen Aspek­ten die­ses Spiels gegenüber.

Kinder- und Jugendschach - Gartenschach - Schacherziehung - Glarean Magazin
Und mag der König fast so gross sein wie man sel­ber: Kein Kind zu klein, eine Schach­spie­le­rin zu sein…

Die vom Deut­schen Schach­bund initi­ierte und her­aus­ge­ge­bene Met­aex­per­tise der Psy­cho­lo­gin grün­det sich auf mehr als 100 umfang­rei­che Pilot­stu­dien, Gross­feld­ver­su­che, Stamm­un­ter­su­chun­gen, Quer- und Längs­schnitt­pro­jekte und Ori­gi­nal­ex­pe­ri­mente, ihre Recher­che bezog neben hun­der­ten bekann­ter Publi­ka­tio­nen auch aktu­ellste Dis­ser­ta­tio­nen, wis­sen­schaft­li­che Qua­li­fi­ka­ti­ons-, Diplom-, Magis­ter- und Semi­nar­ar­bei­ten sowie zahl­rei­che eigene schach­re­le­vante Unter­su­chun­gen ein. (Hier das kom­plette Inhalts­ver­zeich­nis von „Klü­ger durch Schach“).
Bönsch-Kau­kes ful­mi­nante Tour d’horizont durch die wis­sen­schaft­li­che Schach-Lite­ra­tur belässt es dabei nicht bei west­eu­ro­päi­schen und ame­ri­ka­ni­schen Publi­ka­tio­nen, son­dern repli­ziert beson­ders auf­schluss­rei­che, bis­lang hier­zu­lande kaum beach­tete, teils auch schwer zugäng­li­che For­schungs­er­geb­nisse aus der Sowjet­union und der ehe­ma­li­gen DDR, aber auch aus Ungarn und Tsche­chien – aus Län­dern also, die bekannt­lich dem Schach­spiel als Spit­zen- und als Volks­sport einen aus­ser­or­dent­li­chen Stel­len­wert ein­räum­ten, und in denen Schach – teils auch als staat­lich ver­ord­ne­ten pro­pa­gan­dis­ti­schen Grün­den – schon seit Jahr­zehn­ten Gegen­stand sys­te­ma­ti­scher, auch inter­dis­zi­pli­nä­rer For­schung war und ist.

Leseprobe 1

Leseprobe 1 - Schach und Kreativitätsentwicklung
Lese­probe 1 – Schach und Kreativitätsentwicklung

Ange­sichts der Fülle des Mate­ri­als – die nur schon ein Blick auf das Inhalts­ver­zeich­nis des Ban­des doku­men­tiert – ist es hier natür­lich unmög­lich, in dem Masse auf auch nur ein­zelne der gewich­tigs­ten Stu­dien bzw. Ergeb­nisse in „Klü­ger durch Schach“ ein­zu­ge­hen, das ihrer Bedeu­tung ange­mes­sen wäre. Statt­des­sen beschränke ich mich fokus­sie­rend im Fol­gen­den auf die grund­le­gends­ten, durch viel­fa­che und welt­weite For­schung veri­fi­zier­ten „The­sen“, wie sie die Autorin im Schluss­ka­pi­tel die­ser ihrer beein­dru­cken­den, auch mit zahl­rei­chen Illus­tra­tio­nen erläu­tern­den Meta-Stu­die for­mu­liert, wobei Bönsch-Kauke von der Ziel­set­zung gelei­tet wurde, diese „The­sen“ könn­ten ihrer­seits „zum Kern einer Meta-Schach­theo­rie wer­den, falls ihre Inhalte geist­rei­che For­scher anre­gen, wis­sen­schaft­li­che Beweise für die Trag­kraft die­ser The­sen beizusteuern.“

1. „Schach ist zutiefst lebensnah!“

Schachschule - Jugendschach - Kinder-Schachpädagogik - Schulfach Schach - Glarean Magazin
Schach als regu­lä­res Schul­fach mit Unter­stüt­zung durch erfah­rene Lehrkräfte

Schach sym­bo­li­siere, so die Autorin, „was uns im Leben wider­fährt“: Im Kern seien es Ent­wick­lungs­auf­ga­ben von wie­der­sprüch­li­cher Art, und es sei zu eng, im Schach nur Pro­blem­lö­sen sehen zu wol­len: „Wir sind vor die Wahl gestellt, unsere Ansprü­che auf­zu­ge­ben oder uns der Auf­gabe zu stel­len, zu kämp­fen auch um selbst­kri­ti­sche Ein­sich­ten und nicht zu resignieren.“

2. „Das Schachspiel gleicht dem Lebenskampf!“

Für Marion Bönsch-Kauke fun­giert das Schach­spiel als Pro­blem­re­prä­sen­tant für Ent­wick­lungs­auf­ga­ben, die kom­pro­miss­los zu lösen sind, und die uns vor Situa­tio­nen stell­ten, die zwar „neu, unge­wiss, kom­pli­ziert und pro­blem­träch­tig“ seien, sich aber nicht zu (unlös­ba­ren) Pro­ble­men aus­wach­sen müss­ten: „Gewis­ser­mas­sen aus spiel­theo­re­ti­scher Sicht gilt das Schach­spiel als ein Zwei-Per­so­nen-Null­sum­men­spiel. Es ist für jene Lebens­la­gen gül­tig, in denen eine Seite ver­liert, was die andere gewinnt.“

3. „Schachstrategeme dienen sinnvoller Lebensführung!“

Diese These habe, wie die Wis­sen­schaft­le­rin aus­führt, Fra­gen der „Lebens­pla­nung“ wie bei­spiels­weise: „Was droht? Was tun? Wo soll es hin­ge­hen? Was ist der nächste Schritt?“ zur Grund­lage, und dabei bürge das Schach­mo­dell für stich­hal­ti­gen Rat: „Schach kann zurück­grei­fen auf 2’500 Jahre Erfah­rung, wie Ziele gegen Wider­stände zu errei­chen sind. […] Aus schach­li­cher Sym­bol­spra­che ist zu erfah­ren, wie Men­schen […] dach­ten und wie sich das Wol­len und Den­ken kul­tur­ge­schicht­lich ent­fal­tete zu immer wirk­sa­me­ren Stra­te­ge­men.“ Dabei wären die bes­ten Stra­te­gien, nach Bönsch-Kauke, im Kampf der Cha­rak­tere in der Kul­tur­ge­schichte des Schachs aus­ge­fil­tert wor­den und wür­den nun als bewährte „Ori­en­tie­rungs­grund­la­gen für erfolg­rei­che dif­fe­ren­ti­elle Ent­wick­lun­gen von sozia­len Bezie­hun­gen, Cha­rak­te­ren und kul­tu­rel­len Wer­ken im Lebens­lauf“ zur Ver­fü­gung stehen.

4. „Schach macht klug!“

Kann das Schachspielen für ältere Menschen sogar Demenz-präventiv wirken?
Kann das Schach­spie­len bei älte­ren Men­schen sogar Demenz-prä­ven­tiv wir­ken? Senio­ren-Schach ist im Vormarsch.

Der Autorin vierte, bereits im Buch­ti­tel apo­dik­tisch vor­weg­ge­nom­mene These ist die schul­päd­ago­gisch bzw. -psy­cho­lo­gisch bri­san­teste, wenn­gleich hier natür­lich nicht zum ers­ten Mal gehörte Zusam­men­fas­sung zahl­rei­cher dies­be­züg­li­cher For­schun­gen. Das Kern­er­geb­nis der von Bönsch-Kauke recher­chier­ten, teils sehr umfang­rei­chen inter­na­tio­na­len Stu­dien: „Für Schach muss man nicht mit über­durch­schnitt­li­cher Intel­li­genz star­ten, jedoch ist mit fort­ge­setz­ter Aus­übung ein beträcht­li­cher Zuwachs im Rah­men des intel­lek­tu­el­len Poten­ti­als zu erwar­ten.“ Wie die ein­schlä­gi­gen Expe­ri­mente nach­wie­sen, sei für hohe und höchste Spit­zen­leis­tun­gen im Schach­spiel eine grosse Band­breite von kogni­ti­ven Erkennt­nis­pro­zes­sen gefragt: „Exak­tes Wahr­neh­men, Vor­stel­lungs­ver­mö­gen, Gedächt­nis, Pro­blem­lö­sen, schluss­fol­gern­des, kri­ti­sches und krea­ti­ves Den­ken.“ Und auch hier wie­der schlägt die Sozi­al­psy­cho­lo­gin eine Brü­cke von der Theo­rie zur Pra­xis: „Ana­loge Aktio­nen, die sich in Schach­po­si­tio­nen bewähr­ten, kön­nen als Ver­hal­tenspo­ten­tiale auf Bewäh­rungs­si­tua­tio­nen im Leben mit ähn­li­chen Merk­ma­len über­tra­gen wer­den und das Hin­zu­ler­nen erleich­ternd stimulieren.“

5. „Schachspielen fördert schöpferisches Denken!“

Wird durch regelmässigen Schachunterricht die Konzentrationsfähigkeit gesteigert?
Wird durch regel­mäs­si­gen Schach­un­ter­richt die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit gesteigert?

Ein in der Sekun­där­li­te­ra­tur eben­falls immer wie­der gele­se­ner bzw. viel­fäl­tig veri­fi­zier­ter Denk­an­satz ist Bönsch-Kau­kes fünfte These, wonach das Schach die Kon­zen­tra­ti­ons­aus­dauer und das schöp­fe­risch-ori­gi­nelle Den­ken for­dere und för­dere. Hier seien drei „Basis­kom­po­nen­ten“ im Blick zu behal­ten: „Orga­ni­sa­tion der Kräfte, Angriff und Ver­tei­di­gung“, wobei die Autorin auf das schach­phi­lo­so­phi­sche Werk des Welt­meis­ters Ema­nuel Las­ker und seine „über­schach­li­che Lehre“ refe­riert. „Ein­fälle, die stich­hal­tig sind, und Pläne, die auf­ge­hen, sind rar in unse­rem moder­nen Leben der fir­mie­ren­den Glo­bal Play­ers und gefrag­ten Schlüs­sel­qua­li­fi­ka­tio­nen. Geis­tige Güter sind zu akku­mu­lie­ren, um Inno­vat­ins­de­fi­zite zu überwinden.“

6. „Schach mobilisiert Innovationen und Change-Management!“

Bönsch-Kauke: „Aus Bio­gra­phien zahl­rei­cher welt­be­kann­ter Gelehr­ter, Phi­lo­so­phen, Dich­ter, Schrift­stel­ler, Mana­ger, ein­fluss­rei­cher Poli­ti­ker, Regis­seure, Schau­spie­ler, Enter­tai­ner, Jour­na­lis­ten, Trai­ner und Ath­le­ten erhellt, dass sie sich auf das Schach­spiel ver­stan­den und es schätz­ten.“ Aber nicht nur einen „Kreis Aus­er­wähl­ter“ ver­möge das Spiel „von der Per­son zur Per­sön­lich­keit zu pro­fi­lie­ren“; Früh­för­de­rung und Anrei­che­rung der geis­ti­gen Her­aus­for­de­rung für hoch­be­gabte Kin­der sei schach­spie­le­risch mög­lich: „Ein Schach­test für Hoch­be­gabte als Scree­ning-Ver­fah­ren erscheint aus­sichts­reich. Mehr noch rücken die Mög­lich­kei­ten des Schachs für gegen­wär­tig erschre­ckend viele hyper­ak­tive, im Lesen, Schrei­ben und Rech­nen schwa­che oder schul­ver­dros­sene Kin­der als spie­le­ri­sches Fas­zi­no­sum ins Blick­feld von Schulverantwortlichen.“

7. „Schach stärkt die Anstrengungsbereitschaft!“

Als Metasport­art berge, führt die Ver­fas­se­rin wei­ter aus, das schach­li­che Modell wert­volle Grund­la­gen „für eine all­ge­meine Kampf­theo­rie“: „Schach stärkt den Kampf- und Sie­ges­wil­len“, weil durch fin­di­ges stra­te­gi­sches und tak­ti­sches Den­ken „die schwers­ten Kämpfe des Lebens zu gewin­nen“ seien. Dabei erlang­ten theo­re­tisch-geis­tige Kon­zepte im Trai­nings­pro­zess und Wett­kampf ange­sichts der zuneh­men­den Intel­lek­tua­li­sie­rung des Sports eine ver­stärkte Bedeu­tung. „Immer mehr spie­len sich plan­bare Aktio­nen vor­her modell­ar­tig im Kopf des Akti­ven ab. In die­sem Sinne bewährt sich Schach als stra­te­gisch-tak­ti­sche Leitsportart.“

8. „Schachliches Können verschafft Wettbewerbsvorteile!“

Bönsch-Kau­kes ach­tes For­schungs­er­geb­nis: „Wie es gelingt, Posi­tio­nen nicht nur zu ver­bes­sern, son­dern die anstre­bens­werte Stel­lung wirk­lich zu erobern, lehrt das könig­li­che Spiel die­je­ni­gen, die sich bemü­hen, meis­ter­li­ches Kön­nen für Spit­zen­po­si­tio­nen zu erwer­ben. Im welch­sel­sei­ti­gen Her­aus­for­dern und intel­lek­tu­el­len Kräf­te­mes­sen wer­den anspruchs­volle Lebens­ziele und Selbst­be­haup­tun­gen wahr. Situa­ti­ons­ge­rechte Pläne blei­ben keine visio­näre Utopie.“

9. „Schach ist ein universelles Bildungs- und Entwicklungsgut!“

Das Projekt "Schach im Kindergarten"
Das Pro­jekt „Schach im Kindergarten“

Eine wei­tere These der Wis­sen­schaft­le­rin zielt auf den viel­fach und breit nach­ge­wie­se­nen päd­ago­gi­schen Nut­zen in der Schule einer­seits und ande­rer­seits auf die moderne Schlüs­sel­qua­li­fi­ka­tion „Medi­en­kom­pe­tenz“ ab. Wäh­rend die Tat­sa­che, dass metho­disch gelehr­tes Schach ein brei­tes Spek­trum von posi­ti­ven Per­sön­lich­keits­kom­po­nen­ten wie „Kon­zen­triert­heit, Geduld, Beharr­lich­keit, emo­tio­nale Sta­bi­li­tät, Risi­ko­freu­dig­keit, Objek­ti­vi­tät, Leis­tungs­mo­ti­va­tion“ inzwi­schen in ein brei­te­res Bewusst­sein der schul­päd­ago­gi­schen Ent­schei­dungs­trä­ger gedrun­gen ist, dürfte die von Bönsch-Kauke ange­spro­chene „Medi­en­kom­pe­tenz“ bis­her ein weit­ge­hend unbe­rück­sich­tig­ter, aber wesent­li­cher Aspekt der Dis­kus­sion sein: „Ein bedeut­sa­mes gesell­schaft­li­ches- und bil­dungs­po­li­ti­sches Ziel ist die Befä­hi­gung, die Vor­züge neuer Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken gezielt nut­zen zu können.“

10. „Schach trainiert psychische Stabilität!“

Auf ihrem urei­ge­nen Gebiet, der Psy­cho­lo­gie, kommt die Autorin zum Schluss: „Schach befrie­digt grund­le­gende Bedürf­nisse, sich im ande­ren Wesen zu spie­geln, ernst genom­men und zuver­läs­sig beglei­tet zu füh­len und sich wesens­ei­gen im Spiel selbst zu för­dern. […] Schach­spie­len ermu­tigt, Angst in ener­gie­rei­che Aktio­nen zu ver­wan­deln, Ver­lustär­ger ziel­ge­recht ein­zu­set­zen.“ Wie dabei die Psy­cho­ana­lyse zeige, ent­wickle Schach „eine Art rea­lis­ti­sche­rer Abwehr­me­cha­nis­men durch selbst­kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Wirk­lich­keit, mit eige­nen Feh­lern und Stärken“.

Leseprobe 2

Leseprobe 2 - Schach und lernschwache Schüler
Lese­probe 2 – Schach und lern­schwa­che Schüler

11. „Schach hält geistig beweglich!“

Ins Zen­trum des elf­ten Teil-Fazits gerückt wird das Schach als Denk­trai­ning, das bis ins hohe Alter fort­ge­setzt wer­den könne: „Keine andere Sport­art ermög­licht eine sol­che fort­dau­ernde Wett­kampf­zeit, lebens­lan­ges Ler­nen und leis­tungs­sport­li­che Betä­ti­gung auf hohem Niveau.“ Bönsch-Kauke zitiert in die­sem Zusam­men­hang neu­ro­me­di­zi­ni­sche Resul­tate, wonach sich durch „spiel­ak­tive Denk­be­weg­lich­keit“ bis zu 74% dem Risiko eines alters­be­ding­ten Abbaus des Hirns (Demenz) vor­beu­gen lässt: „Spe­zi­ell gegen die Alz­hei­mer-Erkran­kung mit der kli­ni­schen Sym­pto­ma­tik: hoch­gra­dige Merk­schwä­che, zeit­li­che und räum­li­che Ori­en­tie­rungs­stö­run­gen, Sprach­zer­fall und Ver­wirrt­heit las­sen sich durch Schach sogar neue ‚graue Zel­len‘ bilden.“

12. „Schach im Internet fördert weltweite Kommunikation!“

Die zwölfte und letzte These wid­met sich dem aktu­ell moderns­ten Aspekt des Schach­spiels: sei­ner inzwi­schen ful­mi­nan­ten und noch immer wach­se­nen Prä­senz im Inter­net: „Nicht nur das hoch­ent­wi­ckelte Com­pu­ter­schach, auch das Spie­len im Inter­net brachte unge­ahnte Dimen­sio­nen mit sich. So spie­len nach Anga­ben von Chess­base 2007 auf ihrem Ser­ver täg­lich über 5’000 Aktive und Schach­liebh­ber ca. 200’000 Par­tien. […] Diese Zah­len demons­trie­ren einen völ­lig neuen Zugang des stra­te­gi­schen Brett­spiels in die moderne kom­mu­ni­ka­tive und tech­ni­sierte Spiel­welt.“ Her­vor­zu­he­ben sei dies nicht zuletzt des­halb, weil es unwich­tig sei, ob der „auf der ande­ren Seite sit­zende Geg­ner jung oder alt, gesund oder krank, ver­siert oder unge­übt“ sei. Denn zwar sei Altern ein sozia­les Schick­sal, aber: „Durch das Schach im Inter­net bie­ten sich immer inter­es­sante Spiel- und Geis­tes­ge­fähr­ten an, zu denen nach Wunsch auch direk­ter Kon­takt mit allen Sin­nen auf­ge­nom­men wer­den kann.“

Zwölf fruchtbare Denkanstösse

Wie wei­land Luther seine „ket­ze­ri­schen“ The­sen an die Kir­chen­pfor­ten schlug, so ruft also die deut­sche Schach­psy­cho­lo­gin in ihrem auf­re­gen­den „The­sen-Papier“ ein Dut­zend durch­aus irri­tie­rende bis pro­vo­zie­rende Denk­an­stösse in den Schach-All­tag, die aller­dings nichts mit Glau­ben, dafür sehr viel mit Wis­sen zu tun haben. Denn im Gegen­satz zu ein­schlä­gi­gen popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen (um nicht zu sagen: popu­lis­ti­schen), oft mit gut­ge­meint-rosa­ro­ter Brille ver­fass­ten Ver­laut­ba­run­gen in Sachen „Schach und Päd­ago­gik“ basie­ren die The­sen von Marion Bönsch-Kauke auf wis­sen­schaft­lich veri­fi­zier­ba­rer Grund­la­gen­for­schung unab­hän­gi­ger Wis­sen­schaft­ler und Institute.
Gewiss, Bönsch-Kau­ke­sche Denk­mo­tive wie z.B. „Schach als Pro­blem­re­prä­sen­tant für Ent­wick­lungs­auf­ga­ben“; „Schach als stra­te­gisch-tak­ti­sche Leit­sport­art“ oder „Schach als Demenz-Prä­ven­tion“ regen bei ers­tem Lesen zum Wider­spruch an. Aber nur so lange, wie man der Autorin akri­bi­sche Recher­chen zur The­ma­tik nicht en détail kennt. Denn der 400-sei­tige, ein umfang­rei­ches Lite­ra­tur­ver­zeich­nis zuzüg­lich Psy­cho­lo­gie-Glos­sar sowie Per­so­nen- und Sach­re­gis­ter beinhal­tende Band belegt ein­drück­lich, wie weit die moderne Schach­for­schung in allen Dis­zi­pli­nen bereits fort­ge­schrit­ten ist. Jeden­falls dürfte „Klü­ger durch Schach“ als der zur­zeit umfas­sendste Über­blick auf die gesamte ein­schlä­gige For­schung für die nächs­ten Jahre die Refe­renz-Publi­ka­tion in Sachen Schach-Meta­stu­dien bil­den und die wis­sen­schaft­li­che Dis­kus­sion mass­geb­lich mit­be­stim­men bzw. befruch­ten. Eine äus­serst ver­dienst­volle Ver­öf­fent­li­chung des Deut­schen Schach­bun­des und der Deut­schen Schach­stif­tung – sowie ein nicht nur für Schach-Enthu­si­as­ten fas­zi­nie­ren­des Kom­pen­dium, dem wei­teste Ver­brei­tung in allen invol­vier­ten „Schach-Schich­ten“, von den Ver­bän­den bis hin­ein in die Volks­schul­stu­ben weit über Deutsch­land hin­aus zu wün­schen ist. ♦

Marion Bönsch-Kauke, Klü­ger durch Schach – Wis­sen­schaft­li­che For­schun­gen zu den Wer­ten des Schach­spiels, Leib­niz Ver­lag (St. Goar)-Reichl Ver­lag, 408 Sei­ten, ISBN 978-3-931155-03-2

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Schach für Kin­der und Jugend­li­che in der Schule auch das Inter­view mit dem Schach-Autoren und -Leh­rer Jona­than Carlstedt 
…sowie zum Thema Schach­psy­cho­lo­gie den Schach-Essay von Roland Stu­ckardt: Too cle­ver is dumb

9 Kommentare

  1. Im Spät­herbst 1964 inter­es­sierte man sich auf­grund von lan­ger Weile ganz spon­tan für das Schach­spie­len. Und dies kam so: Der Vater von einem Freund weihte einen in den spä­ten Nach­mit­tags­stun­den eines Sonn­tags in die Geheim­nisse des könig­li­chen Spie­les ein. Und da man die Grund­re­geln des Schachs sehr schnell ver­stand und ver­in­ner­lichte, löste dies sogleich große Begeis­te­rung, ja Eupho­rie beim Ler­nen­den aus. Zu Weih­nach­ten 1964 bekam man dann von sei­nen Groß­el­tern ein Schach­spiel als Prä­sent geschenkt. Fortan „ver­un­si­cherte“ man seine Freunde mit der Ein­la­dung zu einem Schach­spiel, wo man dann nach und nach seine Geg­ner mit Bra­vour bezwang. Im Früh­jahr 1965 ver­un­glückte Herr Buch­holz, ein See­mann bei der Hoch­see­fi­sche­rei bei einem Bar­be­such in Ros­tock-War­ne­münde, so dass er zur Gene­sung eine län­gere Zeit krank­ge­schrie­ben wurde und somit mehr oder weni­ger zum Pau­sie­ren gezwun­gen wurde. Nach­mit­tags nach dem Schul­un­ter­richt schmiss man seine Schul­mappe in die Ecke und suchte flugs Herrn Buch­holz zu einer flot­ten Schach­par­tie auf, der auch bei uns in der Ernst-Thäl­mann-Straße 16 in Stras­burg wohnte. Und Herr Buch­holz war gna­den­los! Nicht eine Par­tie konnte man gegen ihn gewin­nen – ledig­lich ein Remis sprang dann und wann gegen ihn mal her­aus. Auf jeden Fall waren die Par­tien gegen Herrn Buch­holz sehr instruk­tiv und lehr­reich! Dann ver­lor man Herrn Buch­holz aus den Augen und suchte abends den Schach­ver­ein im Kul­tur­haus von Stras­burg auf. In der ers­ten Zeit war das Kon­zen­tra­ti­ons­ver­mö­gen am Abend bei den Schach­par­tien ein­fach mise­ra­bel. Ein Trick half dann, dass Kon­zen­tra­ti­ons­ver­mö­gen gra­vie­rend zu stär­ken, indem man sich bevor man den Schach­ver­ein abends auf­suchte, eine Stunde Nach­mit­tags­schlaf gönnte. Dann waren die Lebens­geis­ter wie­der geweckt und man konnte sich sehr gut kon­zen­triert dem Schach­spiel inten­siv zuwen­den. Damit waren die men­ta­len Vor­aus­set­zun­gen gege­ben, um das Auf­merk­sam­keit- und Kon­zen­tra­ti­ons­ver­mö­gen für­der­hin fürs Schach­spie­len nach­hal­tig zu ent­wi­ckeln. Aber nicht nur das Auf­merk­sam­keits- und Kon­zen­tra­ti­ons­ver­mö­gen für das Schach­spie­len schlecht­hin nah­men eine gewal­tige Ent­wick­lung, son­dern auch die all­ge­mei­nen kogni­ti­ven Poten­zen des Schü­lers Mar­quardt nah­men in der Fol­ge­zeit durch das Schach­spie­len eine gewal­tige Ent­wick­lung durch das abver­langte logi­sche Den­ken und die pro­vier­ten Gedächt­nis­leis­tun­gen, so dass er sich ins­be­son­dere in den mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­chen Fächern in der Schule gut ent­wi­ckeln konnte. Bei­spiels­weise konnte er auf­grund der schu­li­schen Leis­tun­gen in eine Spe­zi­al­klasse für Mathe­ma­tik inte­griert wer­den. Im Schach erwies man sich als ein angriffs­lus­ti­ger, offen­si­ver, ja aggres­si­ver Spie­ler. Die Schach­theo­rie an sich war nicht so seine Sache, weil ein­fach zu lang­wei­lig. Aber er setzte sich mit diver­sen Vari­an­ten der offen­si­ven Schacher­öff­nung des Königs­gam­bits umfas­send aus­ein­an­der und konnte hier viele Punkte und Siege ver­bu­chen. Die Bro­schüre „100 Eröff­nungs­fal­len“ erwies sich als wahre Fund­grube für die Ent­wick­lung der tak­ti­schen und stra­te­gi­schen Kom­pe­tenz, so dass man sich künf­tig von die­sen Eröff­nungs­fal­len die­ser Bro­schüre in Tur­nier­spie­len inspi­rie­ren ließ. Gerne opferte man eine Leicht- oder sogar eine Schwer­fi­gur, um dann über­ra­schend den Geg­ner Schach­matt zu set­zen! Im Som­mer 1968 stand ein Ver­gleichs­kampf mit der Bezirks­mann­schaft Neu­bran­den­burg im Kul­tur­haus von Stras­burg an, wo man den Bezirks- und DDR-Meis­ter in Per­so­nal­union über­le­gen schla­gen konnte. Somit war der Weg für die DDR-Meis­ter­schaft und somit für die Erlan­gung des DDR-Meis­ter­ti­tels quasi frei. Nur dem talen­tier­ten jun­gen Schach­spie­ler schwebte nicht eine Kar­riere als Schach­spie­ler, wovon er eigent­lich völ­lig gesät­tigt war, son­dern als Flug­sport­ler bei der Gesell­schaft für Sport und Tech­nik (GST) in Pase­walk vor. So kam es dann, dass man sich künf­tig für alles andere inter­es­sierte, nur nicht mehr für das Schach­spie­len. Übri­gens bestä­tige Herr Kort, mein Bio- und Schach­leh­rer beim Klas­sen­tref­fen im Okto­ber 2003 die dama­lige außer­ge­wöhn­li­che Spiel­stärke des Aus­nah­me­ta­len­tes im Schach.
    Erst nach lan­ger, lan­ger Zeit, mit dem Ein­tritt ins Ren­ten­al­ter rückte das Schach­spie­len wie­der in den Mit­tel­punkt des Lebens. Online konnte man dann Schach­auf­ga­ben lösen und sogar Par­tien gegen Groß­meis­ter vir­tu­ell bestrei­ten. Das Auf­merk­sam­keits- und Kon­zen­tra­ti­ons­ver­mö­gen, so muss man es selbst­kri­tisch ein­schät­zen, war aber alters­be­dingt sehr stark abge­fal­len – man war ein­fach nicht mehr so frisch im Kopf, wie mit 17 Jah­ren. In Erin­ne­rung ist noch, dass man als fort­ge­schrit­te­ner jugend­li­cher Spie­ler damals die Leis­tungs­klasse Eins (Meis­ter­an­wär­ter – gegen­wär­tig gilt eine andere Gra­du­ie­rung im Schach, die soge­nannte ELO-Zahl, die gegen­wär­tig bis weit über 2900 rei­chen kann) besaß und bis zu acht Zügen die Stel­lun­gen und Par­tien ana­ly­sie­ren und „vor­aus­be­rech­nen“ konnte. Gegen­wär­tig ist man mal von der Leis­tungs­fä­hig­keit und dyna­mi­schen Kom­pe­tenz her ein Dilet­tant und dann mal wie­der sehr bril­lant. Meh­rere Par­tien konn­ten gegen den Com­pu­ter bei http://www.chess.com (Groß­meis­ter mit einer Spiel­stärke von 10) vir­tu­ell gewon­nen oder auf Remis gespielt wer­den. Die über­wie­gende Anzahl ver­lor man aber ein­deu­tig sang und klang­los, weil man geg­ne­ri­sche Figu­ren nicht schlug und eigene Figu­ren an den Geg­ner „ver­schenkte“ und nicht aus der Gefah­ren­zone manö­vrierte. Ein­mal gelang es aller­dings einem eine 14-zügige Schach­kom­bi­na­tion zu lösen. In einer Hoch­phase konnte man die täg­li­che Schach­auf­gabe für eine Woche lang täg­lich erfolg­reich lösen (Zwei- bis Acht-Züger). Dann war man wie­der für eine ganze Woche im wahrs­ten Sinne der Bedeu­tung mit Blind­heit geschla­gen, der soge­nann­ten See­len­blind­heit (visu­elle oder opti­sche Agno­sie mit einer par­ti­el­len, tem­po­rä­ren Beein­träch­ti­gung respek­tive Schä­di­gung des Okzi­pe­tal­lap­pens= Hin­ter­haupt­lap­pens) lau­tet der Begriff für diese neu­ro­psy­cho­lo­gi­sche Erkrankung/Störung, wo man ein Objekt zwar sieht, aber nicht wahr­neh­men und benen­nen kann. Wir sehen hier also, dass Schach durch­aus etwas auch mit der Neu­ro­psy­cho­lo­gie und der Psy­cho­pa­tho­lo­gie zu tun hat!
    Irgend­wann kam einem in den zurück­lie­gen­den drei Jah­ren der Gedanke auf, zur Psy­cho­lo­gie des Schachs eine fun­dierte Schrift zu ver­fas­sen. Diese Schrift soll als ein Grund­riss ver­stan­den wer­den. Bevor man die Arbeit zu die­sem Pro­jekt auf­nahm, führte man ein Lite­ra­tur­stu­dium durch, dass par­al­lel zum Ver­fas­sen die­ser Arbeit fort­ge­setzt wurde. Und man wurde fün­dig, wenn auch nicht so, wie erwar­tet. Die wis­sen­schaft­li­che Schach­psy­cho­lo­gie muss man zum Aus­gang des 19. Jahr­hun­dert ver­or­ten. Im Jahre 1894 ver­fasste der Schul­psy­cho­loge Binet (1894), der den ers­ten Schul­eig­nungs­test zur Aus­lese von kogni­tiv min­der­be­gab­ten Schü­lern gemein­sam mit Simon kon­stru­ierte, das Werk „Psy­cho­lo­gie des grands cal­cu­la­teurs et joueurs d’échecs“(Paris 1894 – Online-Ansicht bei Gal­lica). Hier wid­met sich der Autor der Befra­gung von Schach­spie­lern zum Blind­spie­len. Große Hoff­nung setzte man auf das Werk von Mun­zert „Schach­psy­cho­lo­gie“ (Mun­zert, R., 1998). Diese Schrift erwies sich aber als eine große Ent­täu­schung, als man die Rezen­sion und ver­nich­tende Kri­tik von Sei­del „Mun­zerts Schach­psy­cho­lo­gie“ (Sei­del, J., 2002) las. Nach Sei­dels Ein­schät­zung hat diese Schrift nicht im Gerings­ten mit Schach­psy­cho­lo­gie etwas zu tun, son­dern scheint ein Sam­mel­su­rium von Fak­ten zur Psy­cho­lo­gie zu sein, wie man der Kri­tik ent­neh­men konnte. Bei­spiels­weise tau­chen hier obskure, omi­nöse Dia­gramme auf, die kein Mensch zu deu­ten weiß und auch nichts mit einer Schach­par­tienota­tion zu tun haben. Fak­tisch als „Krö­nung“ sei­nes Wer­kes kre­iert Mun­zert eine neue Psy­cho­lo­gie, wobei die Schach­psy­cho­lo­gie sich als inte­gra­ti­ver Bestand­teil die­ser neuen Psy­cho­lo­gie fun­gie­ren soll! Aller­dings kann man der Schrift von Mun­zert bei aller Kon­fu­sion auch Posi­ti­ves abver­lan­gen. Bei­spiels­weise führt er Ent­span­nungs­tech­ni­ken und Ent­span­nungs­the­ra­pien an, wie das Auto­gene Trai­ning, die Hyp­nose, die Sys­te­ma­ti­sche Desen­si­bi­li­sie­rung, das Bio­feed­back-Ver­fah­ren und die Pro­gres­sive Mus­kel­ent­span­nung nach Jacob­son an. Nur erweist sich fast alles als ein Kon­glo­me­rat ohne jede Sys­te­ma­tik. Da muss man Sei­del (2002) unbe­dingt Recht geben.
    Aus dem Inter­view-Aus­zug der Schach-Maga­zin64-Repor­tern (2016) wer­den auf einer PDF-Seite All­ge­mein­plätze zu bekann­ten Varia­blen der Schach­psy­cho­lo­gie im Inter­net reflek­tiert. Bei­spiel­weise die Rolle von Rand­va­ria­blen, wie Lärm und Raumtemperatur (…).
    Und im Werk von Gupta (Gupta, M., 2016): Die sie­ben Erfolgs­prin­zi­pien der Schach­meis­ter: Stra­te­gi­sches Den­ken und Ent­schei­den für Füh­rungs­kräfte (Sprin­ger Gab­ler Ver­lag, 2016) wer­den auch nur rela­tiv all­ge­mein bekannte Fak­ten zur Schach­psy­cho­lo­gie reflek­tiert. Hier kann man in Anleh­nung eines kann­ten Sprich­wor­tes for­mu­lie­ren: Große Auf­ma­chung mit gro­ßem Ver­spre­chen, aber kaum etwas Sub­stan­zi­el­les! Bei­spiels­weise for­mu­liert Gupta, dass auch von Groß­meis­tern die lange Reich­weite von Tür­men und Damen in ihrer Wir­kung unter­schätzt bzw. über­se­hen wer­den, so dass hier­aus Wahr­neh­mungs­feh­ler und Wahr­neh­mungs­täu­schun­gen mit fata­len Kon­se­quen­zen resul­tie­ren kön­nen. Fer­ner schreibt er, dass Zeit­not zu Feh­lern führt – dies ist ein­fach trivial!
    Nach einer ers­ten Beur­tei­lung sind die Schrif­ten von Sue­tin (Sue­tin, 1980: Typi­sche Feh­ler, Ber­lin, 1980) und Kro­gius (Kro­gius, N, 1991, Psy­cho­lo­gie im Schach) am ver­hei­ßungs­volls­ten und fun­dier­ten, weil hier wahr-neh­mungs­psy­cho­lo­gi­sche Fak­ten zur Spra­che gelan­gen. Aller­dings kann man sich des Ein­dru­ckes nicht erweh­ren, dass die bei­den Autoren das Niveau respek­tive die Ebene des kon­ven­tio­nel­len Schachs kaum ver­las­sen haben. De Groot (1946) kre­ierte den pro­vo­kan­ten Satz in sei­ner Dis­ser­ta­tion, die 1965 ins Eng­li­sche über­setzt wurde „Schach­spie­ler den­ken nicht (bes­ser – der Autor), son­dern sehen nur mehr“. De Groot und Gobet führ­ten dazu 1996 inter­es­sante Stu­dien durch (bes­ser: sie nah­men expe­ri­men­telle respek­tive wahr­neh­mungs­psy­cho­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen vor), wo sie beleg­ten, dass erfolg­rei­che und erfah­rene Schach­meis­ter bis über das Drei­fa­che in kür­zes­ten Zeit­ein­hei­ten wahr­neh­men, als Anfän­ger. Den Pro­ban­den wur­den für fünf Sekun­den kom­plexe Mit­tel­feld­po­si­tio­nen prä­sen­tiert. Dann muss­ten die Spie­ler die Posi­tio­nen reka­pi­tu­lie­ren. Die kor­rek­ten Ant­wor­ten betru­gen bei ver­sier­ten Spie­lern 95 Pro­zent bei der Ein­schät­zung einer kom­ple­xen Mit­tel­feld­stel­lung und bis zu 30 bis 50 Pro­zent nur bei den Laien.
    Sehr wesent­lich ist aller­dings, dass kein sys­te­ma­ti­sches Werk, quasi ein ein­heit­li­chen „Guss“ zur Schach­psy­cho­lo­gie bis dato exis­tiert. So scheint es auf­grund der schwa­chen Lite­ra­tur­de­cke zur Schach­psy­cho­lo­gie voll­auf berech­tigt, sich mit der The­ma­tik der Schach­psy­cho­lo­gie inten­siv auseinanderzusetzen.
    Noch ein Wort zum Geleit: Der Autor ist sich dem Dilemma durch­aus bewusst, dass der Leser sowohl (ele­men­tare) Kennt­nisse zum Schach, als auch Wis­sen zur Psy­cho­lo­gie besit­zen sollte, um die Aus­füh­run­gen der Bro­schüre ver­ste­hen und nach­voll­zie­hen zu kön­nen, obwohl die ein­zel­nen Pas­sa­gen wei­test­ge­hend all­ge­mein­ver­ständ­lich for­mu­liert wur­den. Ob dem Autor die­ser Spa­gat gelin­gen wird, die­sen Zusam­men­hang für den Leser trans­pa­rent zu machen, sei ein­mal dahin­ge­stellt. Zumin­dest soll der Ver­such unter­nom­men. In jedem Falle wer­den in kon­kre­ten Schach­si­tua­tio­nen ledig­lich einige ele­men­tare Kennt­nisse zum Schach und die Spiel­re­geln eine Dar­stel­lung erfah­ren, wenn dies erfor­der­lich scheint und zum Ver­ständ­nis der psy­cho­lo­gi­schen Aspekte mit bei­trägt. Ander­seits muss man für die­ses ambi­tio­nierte Vor­ha­ben sowohl ein ver­sier­ter Schach­spie­ler, wie aber auch fach­li­che Kom­pe­tenz zur Psy­cho­lo­gie mit sich brin­gen. Diese inter­dis­zi­pli­näre Kom­bi­na­tion von Schach und der Psy­cho­lo­gie scheint eine große wis­sen­schaft­li­che Her­aus­for­de­rung zu sein!

    Sieg­fried Mar­quardt, Königs Wus­ter­hau­sen, im August 2020

  2. >Ich hoffte, Sie könn­ten mehr dazu sagen, weil Sie die Rolle des Deut­schen Schach­bun­des so betont haben.

    Ich habe die „Rolle des Deut­schen Schach­bun­des“ kei­nes­wegs betont, son­dern infor­mell auf seine Co-Her­aus­ge­ber­schaft hin­ge­wie­sen. Dabei ging ich aller­dings in der Tat von einer finan­zi­el­len Betei­lung des DSB aus. Guido Feld­mann hat das ja inzwi­schen richtiggestellt.

    >Unter­su­chun­gen über etwa Schach und Schule begrüße ich eben­falls. Ich denke aber, dass man hier auf Seriö­si­tät set­zen sollte. Die Ver­qui­ckung mit Public Rela­ti­ons, wie sie im bespro­che­nen Buch nicht bloß im Titel geschieht, kann mich nicht begeis­tern. Wie mal jemand sagte: „So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.“
    Herz­li­che Grüße Wil­helm Schlemermeyer

    Da hören Sie aber kräf­tig irgend­wel­ches Gras wachsen 😉
    Denn bei die­ser Buch­pu­bli­ka­tion sehe ich kei­ner­lei Unse­riö­si­tät: Autorin, Ver­lag, Her­aus­ge­ber­schaft sind ganz nor­mal dekla­riert, und der Inhalt sogar streng wissenschaftlich.
    Wie Sie zudem bei dem Buch­ti­tel „Klü­ger durch Schach“ auf eine „Ver­qui­ckung mit Public Rela­ti­ons“ kom­men, ist mir end­gül­tig schleierhaft…

    Ich hoffe doch, dass man das Zitat nicht gegen den Zitie­ren­den rich­ten muss, der da schrieb: „So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.“… 😉

    W.E.

    • >kei­nen Cent hat der Schach­bund in Zusam­men­hang mit dem Buch gezahlt!
      >Viele Grüsse aus der DSB Geschäftsstelle

      Die Idee, der DSB habe sich finan­zi­ell bei der Ent­ste­hung des Buches engagiert,
      ist des­halb nahe­lie­gend, weil er expli­zit als Co-Her­aus­ge­ber genannt wird.

      Der entspr. Pas­sus wurde kor­ri­giert; Bes­ten Dank für die Richtigstellung.

      W.E.

  3. Lie­ber Wal­ter Eigenmann,
    vie­len Dank für die schnelle Antwort!
    Ich hoffte, Sie könn­ten mehr dazu sagen, weil Sie die Rolle des Deut­schen Schach­bun­des so betont haben.
    Bei der so genann­ten Trie­rer Schul­schach Stu­die ist ja bekannt, dass für die Durch­füh­rung umfäng­li­che (für Schach­ver­hält­nisse) Sum­men geflos­sen sind. Eine unauf­ge­regte Dar­stel­lung der Ergeb­nisse bie­tet übri­gens eine WDR5-Leo­nardo-Sen­dung, die hier ange­hört wer­den kann:
    Aller­dings wur­den die Gel­der dort für ein For­schungs­pro­jekt an die Uni­ver­si­tät gezahlt. Zah­lun­gen für ein Buch an eine Pri­vat­per­son sind eine andere Sache und gehör­ten mei­nes Erach­tens ver­öf­fent­licht und diskutiert.
    Unter­su­chun­gen über etwa Schach und Schule begrüße ich eben­falls. Ich denke aber, dass man hier auf Seriö­si­tät set­zen sollte. Die Ver­qui­ckung mit Public Rela­ti­ons, wie sie im bespro­che­nen Buch nicht bloß im Titel geschieht, kann mich nicht begeis­tern. Wie mal jemand sagte: „So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.“
    Herz­li­che Grüße
    Wil­helm Schlemermeyer

  4. Lie­ber Wal­ter Eigenmann,
    ich kenne das Buch, teile aller­dings nicht Ihre Begeisterung.
    In der Bespre­chung schrei­ben Sie, dass das Buch vom Deut­schen Schach­bund und von der Deut­schen Schach­stif­tung ver­öf­fent­licht wurde („äußerst ver­dienst­volle Ver­öf­fent­li­chung des Deut­schen Schach­bun­des und der Deut­schen Schach­stif­tung“). Außer­dem sei das Buch vom Deut­schen Schach­bund ange­regt und maß­geb­lich finan­ziert wor­den („vom Deut­schen Schach­bund initi­ierte und maß­geb­lich finan­zierte Met­aex­per­tise der Psy­cho­lo­gin“). Könn­ten Sie das bitte noch etwas erläu­tern. Um wel­che Sum­men geht es? Wie­viel Geld hat Frau Kauke bekom­men? Wer ent­schei­det im Deut­schen Schach­bund dar­über, wel­che Sum­men an wen für wel­che Auf­trags­ar­bei­ten ver­ge­ben wer­den? Wo und bei wem kann man dar­über beim Deut­schen Schach­bund Aus­kunft erhal­ten? Das würde mich wirk­lich sehr interesieren.
    Vie­len Dank und meine Glück­wün­sche zu Ihrer wun­der­ba­ren Website!
    Wil­helm Schlemermeyer

    • Hallo

      >Lie­ber Wal­ter Eigen­mann, ich kenne das Buch, teile aller­dings nicht Ihre Begeisterung.

      Oh, unter­schied­li­che Mei­nun­gen über Bücher sol­len vorkommen 😉

      Meine Begeis­te­rung über diese 400-sei­tige Meta­stu­die resul­tiert aus der Tat­sa­che, dass hier erst­mals nach Jahr­zehn­ten der weit­ver­zweig­ten (sprich ver­zet­tel­ten) wis­sen­schaft­li­chen Schach(er)forschung ein umfas­sen­der Über­blick zu mehr als 100 der wesent­lichs­ten (teils sehr ent­le­ge­nen) inter­na­tio­na­len Unter­su­chungs­er­geb­nisse, Stu­dien, Dis­ser­ta­tio­nen, Pilot­ver­su­che und expe­ri­men­telle For­schun­gen im sys­te­ma­ti­schen Kata­log und teils sehr detail­liert publi­ziert wurde.

      Der dar­aus zu schöp­fende Image-Gewinn für das Schach und die entspr. Per­spek­ti­ven für seine päd­ago­gi­schen Ein­satz­mög­lich­kei­ten könn­ten enorm sein, sofern ein öffent­li­cher Dis­kurs statt­fände. Diese Dis­kus­sion etwas anzu­re­gen war – neben dem wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­ge­winn – ein zwei­ter Grund für mich, diese Publi­ka­tion so aus­führ­lich vor­zu­stel­len. Ich wün­sche ihr eine mög­lichst breite Leserschaft…

      >In der Bespre­chung schrei­ben Sie, dass das Buch vom Deut­schen Schach­bund und von der Deut­schen Schach­stif­tung ver­öf­fent­licht wurde („äußerst ver­dienst­volle Ver­öf­fent­li­chung des Deut­schen Schach­bun­des und der Deut­schen Schach­stif­tung“). Außer­dem sei das Buch vom Deut­schen Schach­bund ange­regt und maß­geb­lich finan­ziert wor­den („vom Deut­schen Schach­bund initi­ierte und maß­geb­lich finan­zierte Met­aex­per­tise der Psy­cho­lo­gin“). Könn­ten Sie das bitte noch etwas erläu­tern. Um wel­che Sum­men geht es? Wie­viel Geld hat Frau Kauke bekom­men? Wer ent­schei­det im Deut­schen Schach­bund dar­über, wel­che Sum­men an wen für wel­che Auf­trags­ar­bei­ten ver­ge­ben wer­den? Wo und bei wem kann man dar­über beim Deut­schen Schach­bund Aus­kunft erhal­ten? Das würde mich wirk­lich sehr inte­re­sie­ren. Vie­len Dank und meine Glück­wün­sche zu Ihrer wun­der­ba­ren Web­site! Wil­helm Schlemermeyer

      Wenn zwei große deut­sche Schach­or­ga­ni­sa­tio­nen bei einer so umfang­rei­chen wis­sen­schaft­li­chen Arbeit als Her­aus­ge­ber fun­gie­ren, ist selbst­ver­ständ­lich davon aus­zu­ge­hen, dass sie in erheb­li­chem Maße finan­zi­ell betei­ligt sein dürf­ten. Wie hoch aber diese Betei­li­gung aus­fiel, weiß ich natür­lich nicht.
      Aber das inter­es­siert mich auch nicht bzw. ist für die Beur­tei­lung der inhalt­li­chen Qua­li­tät des Buches ziem­lich uninteressant…
      Soll­ten sie dies­be­züg­lich wei­tere Fra­gen haben, dürfte der DSB (URL siehe im Arti­kel) sicher als Ansprech­part­ner zur Ver­fü­gung stehen.

      Dank und beste Grüsse: W.E.

  5. Sehr geehrte Her­ren – ich erlaube mir einen Anfrage.
    Müßte es in der REZENSION nicht rich­ti­ger­weise hei­ßen: Dr. E r n s t Bönsch ???
    Der ist dann all­ler­dings kein Großmeister.
    Freund­li­che Grüße! – ab –
    Albrecht Beer
    Ehrenvorsitzender
    För­der­ver­ein SCHACH Gera e.V. (FSG)

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