Andrew Soltis / David Smerdon: Schwindeln im Schach

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 8 Minu­ten

Das Maximum aus verlorenen Stellungen holen

von Thomas Binder

Man muss im Schach nicht immer den bes­ten Zug fin­den. In objek­tiv ver­lo­re­nen Stel­lun­gen hilft oft nur jener Zug, der den Geg­ner vor eine schwie­rige Wahl stellt oder die Gestalt der Par­tie in uner­war­te­ter Weise wen­det. Doch wie geht erfolg­rei­ches Schwin­deln im Schach? Die bei­den Autoren Andrew Sol­tis in „How To Swindle In Chess“ und David Smer­don in „The Com­plete Chess Swind­ler“ zei­gen es uns auf unter­halt­same und lehr­rei­che Weise.

Der Zufall will es, dass kurz nach­ein­an­der zwei renom­mierte Ver­lage und ebenso bewährte Autoren Bücher mit nahezu iden­ti­schem Ansatz her­aus­ge­bracht haben. Die Gross­meis­ter Andrew Sol­tis aus den USA und David Smer­don aus Aus­tra­lien wid­men sich dem Thema „Schwin­deln im Schach“. Nor­ma­ler­weise bie­tet sich jetzt ein Ver­gleichs­test mit einer Kauf­emp­feh­lung an, doch hier ergibt sich ein „totes Ren­nen“. Denn vor­weg­ge­nom­men: Ich habe beide Bücher mit gros­sem Ver­gnü­gen gele­sen und kann sie unein­ge­schränkt emp­feh­len. Das ver­wen­dete Par­tie­ma­te­rial über­schnei­det sich nur gering­fü­gig, beide Werke ergän­zen sich also hervorragend.

Chancen für schwere Fehler bieten

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Andrew Sol­tis: How to Swindle in Chess

Schwin­del“ ist zwar sprach­lich die sanf­tere Form der Lüge, doch es wird einem even­tu­el­len Über­set­zer schwer­fal­len, eine pas­sende deut­sche Fas­sung des zen­tra­len Begriffs zu fin­den. Es geht in bei­den Büchern darum, wie man aus objek­tiv ver­lo­re­nen – manch­mal auf­ga­be­rei­fen – Stel­lun­gen das Maxi­mum an Chan­cen her­aus­holt. Da der nach rei­ner Lehre „beste Zug“ die Par­tie unwei­ger­lich ver­lie­ren wird, muss man andere Res­sour­cen ergrün­den. Es geht darum, dem Geg­ner die Ver­wer­tung sei­nes Vor­teils mög­lichst schwer zu machen, ihm viele Optio­nen zu las­sen, unter denen er die ver­lo­ckendste (aber fal­sche) wäh­len könnte. Da wir die Par­tie nicht mehr durch eigene gute Züge gewin­nen kön­nen, müs­sen wir die Wahr­schein­lich­keit erhö­hen, dass der Geg­ner noch einen schwe­ren Feh­ler begeht. Das eng­li­sche Verb „to bam­boozle“ beschreibt dies schon laut­ma­le­risch sehr schön und ist eine wei­tere Her­aus­for­de­rung für den Übersetzer.

Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
David Smer­don: The Com­plete Chess Swindler

Beide Autoren nähern sich dem Thema in glei­cher Weise und fin­den einen sehr gesun­den Mit­tel­weg zwi­schen Lehr- und Unter­hal­tungs­buch. Wenn man nach der Lek­türe eines Schach­buchs das Gefühl hat, gut unter­hal­ten wor­den zu sein und dabei etwas prak­tisch Ver­wert­ba­res gelernt zu haben – was kann es Schö­ne­res geben?
Sehr zum Ver­ständ­nis trägt die aus­führ­li­che Bebil­de­rung mit Stel­lungs­dia­gram­men bei. Sie ist in bei­den Büchern so gehal­ten, dass man den Par­tien mühe­los ohne eige­nes Schach­brett fol­gen kann. Die am Zug befind­li­che Seite wird bei Sol­tis noch ganz klas­sisch mit „White / Black to play“ beschrie­ben. Smer­don ver­zich­tet im Haupt­teil des Buches lei­der völ­lig auf die Kenn­zeich­nung des Zug­rechts – eigent­lich heute Stan­dard in der Schachliteratur.

Geeignet für Vereinsspieler ab 1600 Elo

Umfang und Inhalt der schach­li­chen Erläu­te­run­gen tref­fen genau den Geschmack des Rezen­sen­ten. Natür­lich wird schach­li­ches Kön­nen und vor allem wohl auch Wett­kampf­erfah­rung vor­aus­ge­setzt, um sich auf den Ansatz der Werke ein­zu­las­sen. Doch ab einem mitt­le­ren Ver­eins­spie­ler­ni­veau, das ich bei einer Elo-Bewer­tung um 1600 anset­zen würde, kann man allen Gedan­ken­gän­gen fol­gen und die Bücher mit Genuss und Gewinn lesen. Auch schach­be­geis­terte Jugend­li­che sind als Ziel­gruppe vor­stell­bar, sofern die Fremd­spra­che keine wesent­li­che Hürde darstellt.

Andrew Soltis - How to Swindle in Chess - Batsford Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Ein­fach gehal­tene Erläu­te­run­gen: Lese­probe aus Andrew Sol­tis „How to Swindle in Chess“

Kom­men wir auf die äus­ser­li­chen Unter­schiede: Smer­dons Werk ist um ca. 50% stär­ker, zudem im For­mat etwas grös­ser. Von den gut 120 zusätz­li­chen Sei­ten, ent­fal­len aller­dings ca. 80 auf das abschlies­sende Kapi­tel mit Auf­ga­ben und deren Lösun­gen. Diese gibt es zwar bei Sol­tis eben­falls, aber deut­lich knap­per und in die Fach­ka­pi­tel inte­griert. Abge­se­hen davon unter­schei­det sich die Zahl der vor­ge­stell­ten Par­tien weni­ger als man erwar­ten könnte. Beide Bücher stel­len jeweils unge­fähr 100 Bei­spiele aus­führ­lich vor.

Farbiger Sprachstil vs nüchterne Erklärungen

Das Lay­out wirkt bei Smer­don ins­ge­samt etwas edler, was aber wohl nicht dem Autor son­dern dem jewei­li­gen Ver­lags­pro­gramm zuzu­rech­nen ist. Meist sind auch die Texte bei Smer­don aus­führ­li­cher. Rein schach­lich ist dies aber nur dort von Belang, wo er im Detail auf abwei­chende Vari­an­ten ein­geht. Ansons­ten ist eben sein Sprach­stil deut­lich far­bi­ger als die nüch­ter­nen Erklä­run­gen sei­nes ame­ri­ka­ni­schen Kollegen.

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Anek­do­ten und Geschich­ten: Lese­probe aus David Smer­don „The Com­plete Chess Swindler“

Auch fin­det sich bei Smer­don man­che kleine Anek­dote und Geschichte zur vor­ge­stell­ten Par­tie. So wer­den einige Per­so­nen der aus­tra­li­schen Schach­szene por­trä­tiert, die man hier bis­lang nicht wahr­ge­nom­men hatte. Soll­ten also die Eng­lisch-Kennt­nisse des Lesers ein Kauf­kri­te­rium sein, wäre hier der ein­fa­cher gehal­tene Sol­tis-Text vor­zu­zie­hen. Aller­dings sind bei die­sem Buch noch einige Schreib­feh­ler im Text und in der Nota­tion auszumerzen.

Umfangreicher Bestand an Aufgaben

Wie bereits ange­deu­tet, haben beide Werke einen mehr oder weni­ger umfang­rei­chen Bestand an Auf­ga­ben und jeweils einen Lösungs­teil dazu. Sol­che Abschnitte fin­det man heute in fast jedem Schach­buch. Die Mei­nun­gen zur Sinn­haf­tig­keit die­ses For­mats mögen aus­ein­an­der gehen. Ich hätte mir gewünscht, dass man lie­ber einen Teil die­ser Par­tien in aller Aus­führ­lich­keit in den Haupt­text inte­griert hätte. ♦

Andrew Sol­tis: How To Swindle in Chess, 240 Sei­ten, Bats­ford Chess (Pavi­lion Books), ISBN 978-1849945639

David Smer­don: The Com­plete Chess Swind­ler, 368 Sei­ten, New in Chess, ISBN 978-9056919115

Lesen Sie aus­ser­dem im Glarean Maga­zin zum Thema „Schwin­deln im Schach“ den Com­pu­ter­schach-Essay von Roland Stu­ckardt: Too cle­ver is dumb

Weitere Internet-Links zum Thema Schach

 


English Translation

You don’t always have to find the best move in chess. Often the only thing that helps in objec­tively lost posi­ti­ons is the move that con­fronts the oppo­nent with a dif­fi­cult choice or unex­pec­tedly chan­ges the shape of the game. The aut­hors David Smer­don in „The com­plete chess swind­ler“ and Andrew Sol­tis in „How to swindle in chess“ con­vey this know­ledge in an enter­tai­ning and infor­ma­tive way.

It’s a nice coin­ci­dence, that two renow­ned publishers and suc­cessful aut­hors recently edi­ted books with an almost iden­ti­cal approach. Grand­mas­ters Andrew Sol­tis (from US) and David Smer­don (from Down Under) focus on the sub­ject „Swind­ling in Chess”. Usually this would ten­der a com­pa­ri­son test, but that would end in dead heat. I read both books with great plea­sure and recom­mend them both wit­hout any reser­va­tion. The quo­ted games over­lap only to a small ext­ent; so both books com­ple­ment one ano­ther perfectly.

Offer chances to make serious mistakes

To swindle“ seems to me as a gentle form of „to lie“ or „to betray“, but of course it’s not about some­thing morally repre­hen­si­ble here. Both books deal with situa­tions on the chess­board where one side is objec­tively utterly lost. But now it’s time to gene­rate some „swindle“ chan­ces. The „best move“ accor­ding to pure tea­ching or com­pu­ter eva­lua­tion will ine­vi­ta­bly lose the game. So we need to set obs­ta­cles for the oppo­nent to con­vert his clear advan­tage. We offer him as much opti­ons as pos­si­ble to fall into a trap. The word „to bam­boozle“ is the per­fect ono­ma­to­poe­tic expres­sion for this attitude.
Both aut­hors find the happy medium bet­ween edu­ca­tion and enter­tain­ment. Fee­ling well enter­tai­ned and having lear­ned some­thing useful – what can be better?
Both books are well equip­ped with posi­tion dia­grams. That makes it easy to under­stand the examp­les and to fol­low the course of the game wit­hout using a chessboard.
Sol­tis marks the side to play with clas­si­cal comm­ents next to the board. Unfort­u­na­tely Smer­don doesn’t use any move indi­ca­tor – actually a stan­dard in today’s chess literature.

Useful for club players with Elo 1600+

Scope and con­tent of the chess-rela­ted expl­ana­ti­ons exactly match the taste of the reviewer. Of course both books require a cer­tain amount of chess skills and com­pe­ti­tion expe­ri­ence. But medium club play­ers at an Elo-level of about 1600 will be able to fol­low all lines of thought and read the books with plea­sure and pro­fit. Chess-enthu­si­a­stic teen­agers can pro­fit as well, pro­vi­ded that the for­eign lan­guage is not a major hurdle to them.

Let’s have a look at the exter­nal dif­fe­ren­ces: Smerdon’s book is about 50% big­ger and uses a slightly lar­ger for­mat. But about 80 of the 120 addi­tio­nal pages account for the final sec­tion with exer­ci­ses and solu­ti­ons. These are available at Sol­tis too, but much more scarce and inte­gra­ted in the respec­tive chap­ters. Apart from that, the num­ber of games pre­sen­ted dif­fers less than one might expect. Both books pro­vide about 100 examp­les in detail.

Colourful style vs sober explanations

The lay­out looks a bit nobler at Smerdon’s book, but this must be attri­bu­ted to the publi­shing pro­gram rather than to the aut­hor. The texts are a bit more detailed there too. But the dif­fe­rence is chess-rela­ted only in the sub­si­diary vari­ants, not in the game’s main line. Of course his lan­guage style is more colourful than the sober expl­ana­ti­ons of his Ame­ri­can col­le­ague. In Smerdon’s text we find lots of small anec­do­tes and sto­ries about the games pre­sen­ted. Some peo­ple from Aus­tra­lian chess scene are por­trayed, who have so far not been noti­ced here in Europe. If the reader’s Eng­lish know­ledge is a purchase cri­ter­ion, the simp­ler Sol­tis text would be pre­fera­ble. Howe­ver, some spel­ling mista­kes in the text and in the nota­tion have to be eli­mi­na­ted in Sol­tis’ book.

Both works have am more or less exten­ded part with tasks and solu­ti­ons. Such sec­tions can be found in almost every chess book today. The opi­ni­ons on this for­mat may dif­fer. I would have pre­fer­red that some of these examp­les had been inte­gra­ted to the main text in grea­ter detail.

Pic­tures and Links can be found in the text above

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