B. Zizek (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden

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Die Universalien der Kulturen

von Heiner Brückner

Individuelle und gesellschaftliche Differenzerfahrung zeigt sich insbesondere im Umgang mit dem Fremden schlechthin als wertende Andersartigkeit. Ein neuer Symposiums-Band „Formen der Aneignung des Fremden“ der beiden Herausgeber Boris Zizek und Hanna N. Piepenbring thematisiert die Aneignungsmöglichkeit der den Kulturen gemeinsamen Universalien.

Erwartungsvoll begann ich mir die Diskursergüsse der theoretischen Auseinandersetzungen sowie durch empirische Fallbeispiele vereinten Erarbeitung über die Aneignung des Fremden ausserhalb der eigenen Person anzueignen, erwartungsvoll schliesse ich den Band. Möglicherweise taugen die beabsichtigten weiterführenden Aspekte des Fremdverstehens für eine gewisse Öffnung innerhalb von Fakultätsgrenzen zu einer akademischen interkulturellen Öffnung dem Fremden gegenüber. Als Resümee ergeben sich die Struktureigenschaften der Position des Fremden: Er erlebt eine Krise und Distanz zur neuen Gruppe, hat mehr Freiheiten, allerdings auch mehr Risiken und erschliesst sich die Umwelt konstruierend durch eigene Sinngebung.

Bekannte Kernaussagen in neuen Wörterhülsen

Boris Zizek - Hanna Piepenbring - Formen der Aneignung des Fremden - Universitätsverlag Winter Heidelberg - Rezensionen Glarean MagazinIm Detail betrachtet, werden in diesem Symposiums-Band des „Zentrums für Interkulturelle Studien zur Erforschung globaler Kulturphänomene“ bekannte Kernaussagen mit neu geschliffenen Wörterhülsen bestückt. Das Erkenntnispulver ist nicht ausreichend, um eine Lunte zu befeuern, die einen nachhaltigen Wirkungstreffer auf der Veränderungszielscheibe explodieren lassen könnte. Das Fremde wird fremd bleiben, solange es Menschen gibt, die es als solches belassen oder als Gefährdung empfinden, denn akzeptieren und respektieren der Würde jeden Subjektes verlangt eigene Standhaftigkeit und angemessenes Zurücknehmen seiner selbst.
Der 10. Band der Schriftenreihe Intercultural Studies nimmt flüchtig als lyrisches Exempel das Gedicht „Der Fischer“ von Johann Wolfgang Goethe unter die Lupe, das Wasser nicht als Chemikalie beschreibt, sondern als mit Lebensbezug Erfahrenes gestaltet. Darin scheint nicht das Fremde so fremd, sondern vielmehr ist die Person mit dem Fremden des ihr Vertrauten beschäftigt.

Der Ethnologie-Begriff in der Historie

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Wurzelnd auf dem Kolonialherren-Denken wird – historisch fokussiert – Ethnologie zum Schlagwort. Es entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts aus der inneren Befremdung durch die kulturelle Stufenentwicklung zum Händler, der beweglicher ist, weil er nicht an Traditionen gebunden zu sein scheint. Im Mittelalter seien die intellektuellen Fähigkeiten zur Völkerverständigung geschaffen worden (Todorov). Doch subjektive Aneignung ist mehr, als ein Studienaufenthalt in einem fremden Land vermitteln kann.
Im 20. Jahrhundert begünstigt der Beginn expliziter theoretischer Auseinandersetzung mit dem Fremden das Verständnis vom Grenzgänger oder Immigranten bis hin zur Destruktion „sozialer Exterritorialität“, nämlich einer „Soziologie der Vernichtungslager“ in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung

Als Formen der Verkörperung, um das Fremde als an sich kulturelles und erlerntes Konstrukt in Alltagssituationen zu überwinden, werden Elemente der „Martial Arts“ angeführt und methodologisch eine Lücke im deutschen Forschungsdiskurs zur Kulturabhängigkeit in den Grenzen der Biographieforschung aufgedeckt. Der Beitrag über die „Marokko-Reise Eugène Delacroix’“ versteht darüber hinaus künstlerisches Handeln als eine gesteigerte Form der Aneignung.

Formen der Aneignung des Fremden - Interkulturen - Anpassung - Bevölkerung - Rezensionen Glarean Magazin
„Neues Fremdsein aufgrund von Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung“

Die sozialwissenschaftliche Perspektive unterscheidet zwischen drastischer Inhumanität innerhalb der Menschheitsgeschichte und empathischer Offenheit und erwähnt die moralische Seite der Begegnung mit dem Fremden vom Einfluss frühkindlicher Fremd-Erfahrungen.
Das 21. Jahrhundert wird mittels Feldforschung exemplifiziert, einmal anhand der subkulturellen indischen HipHop-Szene. Und auch am Beispiel koreanischer Remigranten von Krankenschwestern und Bergarbeitern, die in den 60er und 70er Jahren von der BRD angeworben worden waren, wird deutlich, dass nach einer Überanpassung ein neues Fremdsein geänderter Werte zu keiner versöhnenden Verschmelzung führt.

Partielle Assimilation unabdingbar

In einer subjekttheoretischen Analyse gelangt der Autor zu der Einsicht, dass eine partielle Assimilation unabdingbar ist, um in einem fremden Milieu zu bestehen. Die Merkmale Objektivität und (zweifelhafte) Loyalität als Grenzgänger oder Immigrant, können durch Assimilation dazu führen den eigenen Status zu verlieren oder innerhalb der Ursprungsgruppen ewige Randexistenz zu bleiben.
Für die akute aktuelle gesellschaftliche Lage in der Migrations-Debatte reissen die vorliegenden internationalen Beiträge aus sozial- und erziehungswissenschaftlicher, psychologischer, linguistischer und historischer Perspektive wichtige Aspekte an. Sie verdeutlichen darüber hinaus die Komplexität, die der gesellschaftliche Aneignungsprozess erfordert. Mehr aber nicht. ♦

Boris Zizek, Hanna N. Piepenbring (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden, 180 Seiten, Universitätsverlag Winter Heidelberg, ISBN 978-3-8253-4687-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Interkulturelle Anpassung auch über Adibeli Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

… sowie zum Thema Kultur-Aneignung den Essay von Rolf Stolz: Die Kultur-Utopie Europa

Claus Eurich: Radikale Liebe (Albert Schweitzer)

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Herzensbildung als Menschheitsethik

von Heiner Brückner

Der emeritierte Hochschullehrer für Kommunikationswissenschaften und Ethik Prof. Dr. Claus Eurich betätigt sich weiterhin als Kontemplationslehrer und Buchautor. Sein neuestes, ambitiöses Werk ist „Radikale Liebe – Die Lebensethik Albert Schweitzers – Hoffnung für Mensch und Erde“. Anspruch und Inhalt dieser Schweitzer-Monographie klaffen allerdings weit auseinander.

Der Verlagstext verheisst einen „leuchtenden Hoffnungsstrahl für die Zukunft der Erde“ und behauptet, dass Albert Schweitzer „alles, was er sagte, selber lebte“. Auf Einzelheiten geht die Laudatio nicht näher ein. Der Autor verspricht im zweiten Teil seines Buches die propagierte „Ehrfurcht vor dem Leben“ in die Gegenwart zu holen und „uns den wohl einzigen Weg der Rettung“ zu zeigen.
Um es vorweg zu nehmen: Ermahnend ist Claus Eurichs Lobpreis auf den „Urwalddoktor von Lambarene“ zweifellos, überzeugend oder ermutigend ist der wortreiche Text keineswegs und schon gar nicht optimistisch gegenwartstauglich.

Claus Eurich - Radikale Liebe - Albert Schweitzer Monographie - Cover Via Nova Verlag - Rezension Glarean MagazinEs sei fünf nach zwölf, meint Autor Eurich und sieht in seiner Neuerscheinung „Radikale Liebe“ die Lebensethik des Friedensnobelpreisträgers von 1952, Albert Schweitzer, als den Erlösungsweg. Doch Eurich entwirft ein desaströses, destruktives Zeitszenario: „Und so steuert die Titanic mit dem Namen ,Homo sapiens‘ unbeirrt auf den Eisberg zu.“ Als Rettung bietet er die Theorien Albert Schweitzers mit dem Primat des Geistigen, der nur durch „unsere Vorstellung einer universalen Ethik“ seinen Sinn erhalte. Das kommt mir vor wie eine Geister-Scheinung, die bei mir aber keine Geist-Erscheinung, sondern Widerspruch und Unmut über die Allgemeinplätze und Paraphrasen hervorruft. Denn kurz darauf zitiert der Autor: „So, im Mitfühlen mit allen Geschöpfen und der entsprechenden ethischen Tat, verdient der Mensch erst den Namen Mensch.“

Gefesselt und geblendet von der Theorie

Albert Schweitzer beim Bach-Spiel an der Orgel - Original Columbia Masterworks 1952 - Glarean Magazin
Schweitzer beim Bach-Spielen an der Orgel – (Original Columbia Masterworks 1952)

Ich bezichtige ihn nicht der Sentimentalität, er scheint vielmehr gefesselt und geblendet von der Theorie, die er verficht, und nicht mehr in der Lage nachvollziehbar zu strukturieren, sondern landet immer wieder in den kurzschlüssigen Konklusionen seines selbstverliebten immanenten Denkschemas. Aufrüttelnd oder anrührend ist sein Gesinnungs-Hilferuf schon, aber nicht innovativ. Denn wer oder was ist der Rettungsengel, die Umkehr-Rettung?
Das intensiv gelobte und gehuldigte Übergenie Albert Schweitzer, der sich in nahezu allen wichtigen Lebensbereichen als Professor generalis gerierte, nämlich Theologe und Pfarrer, Musikwissenschaftler, Bach-Biograph, Orgelexperte, Konzertorganist, Mediziner, Kämpfer gegen Atomwaffen, Friedensnobelpreisträger, Philosoph, Ethiker, Kosmopolit, „schlichter Mensch und Diener der Mitgeschöpflichkeit“, war zu Lebzeiten auch ein Meister der Selbstinszenierung, hat sein Hospital nicht modernisiert, mit der Begründung von Tierliebe unhygienische Zustände zugelassen und einen kolonialen Führungsstil gepflegt.
Aus dem Elfenbeinturm einer Zitatenmühle antiquiert-nostalgischer Alma-Mater-Mentalität doziert Eurich in schwelgerischer Vorlesungsmanier und reiht die Widersprüchlichkeiten süffisant aneinander: „Dieses Fach in der Lebensschule trägt den Namen: Bildung des Herzens.“

Konkrete Lebensanhaltungspunkte vermieden

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Mit vagen Statements wie „Die Ethik der Ehrfurcht […] mischt sich in alles ein […] , wo dies notwendig ist“ vermeidet er konkrete Lebensanhaltspunkte überwiegend. Meine Geduld weiterzulesen war spätestens hier zu Ende, doch aus „Ehrfurcht“ vor dem Autor kämpfte ich mich auch durch die zweite Hälfte, denn da sollte es pragmatischer werden. Er verspricht die propagierte „Ehrfurcht vor dem Leben“ in die Gegenwart zu holen und „uns den wohl einzigen Weg der Rettung“ zu zeigen. Gelegentlich hält der Autor inne, um nicht falsch verstanden zu werden: „Menschheit als Schönheit in Entwicklung“, dann sofort aber hätten „wir das Gleichgewicht des Lebens so massiv gestört“ – “ […] dass das letztendlich im Suizid enden muss“. Und die Klage über den „schändlichen Umgang mit unseren nächsten Verwandten, den Tieren“, das Versagen der alten Ethik (sprich europäischen – ausser Albert Schweitzer – anthroposophischen Nische). Schweitzer stellt er als „Pate der modernen Tierschutzbewegung“ heraus.

Flugschrift für die Renaissance eines Humanisten

Claus Eurich - Glarean Magazin
Autor Claus Eurich (geb. 1950)

Die kämpferische Flugschrift für die Renaissance eines verdienten Humanisten, allerdings in einer Art und Weise, die jenseits von wissenschaftlicher Sachlichkeit liegt, liest sich wie das Skript zu einem kontemplativen Entspannungs- und Vertiefungsseminar im „Kampf“ gegen das „Desaströse“ ohne akademischen Diskurs. Bezeichnend auch die persönliche Anrede an den Leser im Stil gewisser Ratgeber-Literatur: du („Fang an, … Lebe schon jetzt deinen Traum und dein Ideal, unbeirrt, dem Leben dienend.“).
Zwar wird vorwiegend auf die Predigt von Albert Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ Februar 1919 rekurriert und aus dessen Ethik-Philosophie zitiert, aber durch die Auswahl und die verwirrende Aneinanderreihung ergeben sich Gegensätze, Widersprüche und gehäufte Wiederholungen, die mehr über den Geschmack oder die Vorliebe des Autor aussagen, als dass sie Schweitzers Theorie schlüssig erhellen. Wenn Eurich am Schluss als Resümee an Franz von Assisi erinnert, dessen Armut Albert Schweitzer in ein „neuzeitliches Gewand“ gekleidet habe, dann erhebt er ihn zum Heiligen oder schwächt sein beabsichtigtes Hofieren des Urwalddoktors ab.
Da möchte ich ihn an sein Zitat aus der Kulturphilosophie Schweitzers verweisen: „Wahre Ethik fängt an, wo der Gebrauch der Worte aufhört“ – und dann das Buch zuklappen… ♦

Claus Eurich: Radikale Liebe – Die Lebensethik Albert Schweizers – Hoffnung für Mensch und Erde, Sachbuch, 120 Seiten, ViaNova Verlag, ISBN 978-3-866-16473-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kulturgeschichte auch über den Essay von Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

Weitere Internet-Beiträge über Albert Schweitzer

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Anton „ViscaBarca“ Rinas: Realtalk (Rezension)

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Psycho-Striptease eines Gaming-Influencers

von Heiner Brückner

Der YouTube-Fame als greller Schein. Ist das Kunst oder ehrgeizige Individualinszenierung? Nein, es ist für den einen oder anderen tragische Realität. Aber diese Offenbarung, die „ViscaBarca“ zum eigenen Whistleblower macht oder zum Seelenstripper, wie Anton Rinas selbst sagt, ist heilsam – für ihn selbst, und hoffentlich für viele Follower.
Sicherlich ist mit Kulturarbeit und Kunst kein Staat zu machen, aber es handelt sich dabei um konkretes Leben und nicht um eine virtuelle Scheinwelt, selbst wenn sie Visionäres und Fantastisches projiziert und prolongiert.

Viscabarca - Anton Rinas - Realtalk - Mein Leben als Influencer - Cover - Rezension Glarean MagazinAnton Rinas alias ViscaBarca konnte sich den Lebenstraum vieler junger Menschen erfüllen. „Als erfolgreicher YouTuber und Social Medias Performer begeistert er über eine Million Abonnenten, verdient mit 17 bereits fünfstellige Summen im Monat“, kündigt der Verlag das Werk über „Trug, Schein und Schulden“ eines Gamers an. Dann kam der Absturz des digitalen Modephänomens als Influencer. Ich lese die Bekennergeschichte mehr als diagonal, weil mich das Thema reizt, weil ich den Herkunftsort des Autors kenne, und weil ich auf die Verlockungen der Verlagsanpreisung hereingefallen bin. Bin ich der Influenz erlegen? Noch will ich mich erwehren durch das Lesen der veröffentlichten Fakten.

Wer füttert den Beeinflusser?

Fussball-Fans FC Barcelona - Glarean Magazin
„Es lebe Barca, die tolle spanische Fussballmannschaft“: Das Massen-Game als Social-Multiplikator

Wer füttert den Beeinflusser, von wem lässt er sich beeinflussen? Wen hat er im Visier, auf wen oder was zielt er ab? Das sind Hintergrundfragen, die entscheidend sind, weil sie den Schein hinter allem aufdecken. Freimütig zählt Rinas seine Fake-Accounts genauso auf wie seine millionenfachen Likes. Sein Aka-Name ViscaBarca ist Programm und eigentliche Lebenssehnsucht, die er sich wegen körperlichen Handicaps nicht mehr erfüllen kann: Es lebe Barca, die tolle spanische Fussballmannschaft.
Wessen entledigt er sich also bei seinem öffentlich gemachten Höllentrip durch eine Influencer-Biografie unter dem Titel „Realtalk“?

Down To Earth und Back To Life

Glarean Magazin - Muster-Inserat - Banner 250x176Das erste Kapitel fasst zusammen, wie der Offenbarungseid in ein 15-minütiges Realtalk-Video als „Balsam für meine Seele“ gepackt werden sollte. Das letzte schilderte, wie er nach dem Absturz wieder „down to earth“ kommen konnte. Dazwischen wird die Chronologie seines Auf- und Abstiegs ausgebreitet: die chaotischen Zustände in Familie, Erfolg und Misserfolg in Gaming-WGs, und wie die geliebte Schwester und ihr Mann, sein Schwager, ihn finanziell bis in den Ruin auspumpen. Dreimal stellt er eine Liste der Ausgaben von 4000 bis auf 205’000 Euro Schulden auf. Nach dem Absturz findet er in München „mit Disziplin und Fleiss“ wieder „back to life“, wird wegen des „Schwester-Videos“ als „InzestBarca“ beschimpft und erleidet wirtschaftlich den nächsten Rückschlag wegen einer undurchsichtigen Steuerberaterin.

Den „ganzen Scheiss“ hinausgekotzt

Viscabarca - Anton Rinas - Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen - Glarean Magazin
„Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen“: FC-Barcelona-Fan Viscabarca alias Anton Rinas

Reden wir Klartext („Realtalk“) und nicht lange um die 271 Seiten herum, so wie es das Elaborat auch tut: verzweifelter Seelenstrip, Digga, literarisch bescheiden, moralisch als abschreckendes Exempel einsetzbar, aus der katastrophalen finanziellen Notlage geboren.
ViscaBarca lamentiert in seinem Schriftstück nicht gefühlsduselig, will auch nicht „rumheulen“, er kotzt den „ganzen Scheiss“ offensichtlich ungeschminkt heraus. Der seelische Auswurf ist ein notgedrungenes, eigentlich nicht druckreifes Drauflos-Quasseln in der lässigen YouTube-Sprechweise bzw. Social Medias Plattformen. Häufige Wiederholungen, teils Widersprüche, chaotisches Hin- und Her-Springen entlarven die ganze Summe der Entscheidungsflexibilität eines unschlüssigen jungen Mannes, der am Ende seiner eigenen Hilfswerk-Biografie zu einem allgemein hinreichend bekannten Fazit gelangt. Nämlich, dass sein süchtiger Spielkonsum nur eine Flucht vor der eigenen Leere gewesen sei.

Nie wieder Fake Shit

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Rinas ringt sich zum Einsichtsvorsatz durch: „… ich würde nie wieder fake shit machen, um etwas vorzuleben, das nichts mit mir und meinem Herzen zu tun hat.“ Und er hat Ratschläge parat: „Lass dich nicht von anderen abhalten, deine Träume zu verwirklichen. […] Das Leben wird noch hart genug, auch wenn wir nicht aufeinander rumhacken.“
Genusslesen war das nicht, weder inhaltlich noch sprachlich (z. B. „Ich kam nicht mehr auf mein Leben klar!“ – „Auf die Situation kam ich echt nicht klar.“) noch vom Erkenntnisgewinn her betrachtet. Abschreckend ist wohl der einzige positive Aspekt an diesem „Teil“ (Zitat Rinas), das ohne die mitschreibende Hilfe seines Bekannten Josip Radovic „niemals so cool“ geworden wäre.

An erster Stelle dankt er den Zuschauern und YouTube-Kollegen für ihre Treue. Nach Mitleid heischt er nicht, der Leser muss nicht in wehleidiges Mitklagen verfallen. Vielmehr darf er sich über die schnelle Vergesslichkeit der YouTube-Follower beim Neubeginn des Influencers wundern. Es ist frappierend, was da abging und worauf man leicht hereinfallen kann.
Kurzum: „Realtalk“ ist die öffentlich gemachte private Bekennerstory des Influencers Anton Rina aka ViscaBarca in 22 Kapiteln über einen ganz persönlichen Psychoterror als Gaming-Zocker mit Computerspielen in flapsigem YouTube-Speech. ♦

Anton Rinas „ViscaBarca“: Realtalk – Trug, Schein und Schulden / Mein Leben als Influencer, 272 Seiten, Community Editions, ISBN 978-3960961055

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Digitale Welt 2.0 auch das „Zitat der Woche“ von
Felix Stalder: Kultur der Digitalität

ausserdem zum Thema Sprachzerfall den Essay von
Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben.

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Philipp Ruch: Schluss mit der Geduld! (Eine Polit-Anleitung)

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„Künstler an die Macht“

von Heiner Brückner

Kämpferisch lautet der Titel, das Thema ist brandaktuell, und der Umschlag sticht in grellem Orange in die Augen. Man muss sich reinbeissen in die „Anleitung für kompromisslose Demokratie“ von Philipp Ruch, agitativ betitelt mit „Schluss mit der Geduld“. Wenn man nicht die resignierte Parole der Grossvätergeneration nachbeten möchte, die auch heute gerne angeführt wird, sobald es um eigenen Ansporn und Anspruch geht: „Was hätten wir als Einzelne denn dagegen tun können? Wir wollten doch bloss überleben.“
Oder mit dem Zitat von Astrid Lindgren, das Philipp Ruch in seiner Ansporn-Streitschrift zitiert; sie schreibt in ihrem Kriegstagebuch über den nahezu unbemerkten Einfall der sowjetischen Armee in Finnland: „Wenn man doch nur wüsste!“

Philipp Ruch - Schluss mit der Geduld - Jeder kann etwas bewirken - Cover Ludwig Verlag - Glarean MagazinEs ändert sich einfach nichts von selbst. Das enttäuscht den Aktivisten Ruch im Zentrum für Politische Schönheit, der mit aufmerksamkeitswirksamen Aktionen ein Einsehen erreichen und zum Ruck für Veränderung aufrütteln will. Und damit natürlich nicht nur auf Gegenliebe stösst.

„Denke!“

Zunächst analysiert er im Kapitel „Denke!“ schonungslos und knallhart den chaotischen Meinungswirrwarr: „Demokratiefeindliche Flaggen hängen mittlerweile in Schrebergärten“. Weiter steigert er sich mit markigen Worten und deutlichen Begriffen wie „Lügenpresse“ als Behauptung für ein „Unterdrückungsregime“, das in Talkshows („Schlagstöcke im öffentlichen Gespräch“, „Fernseh-Apartheid“) seine Bühne bekommt, und in dem Politiker sprachliche Dominanz über Menschen erlangen dürfen. Gängige Politikergrössen und Medienvertreter führt er an, auf und teils vor. Man könnte ebenso dieses Werk als Who’s-who-Shortlist aktueller Agitatoren und einigen aus der jüngeren Vergangenheit lesen. Die „kulturelle Phantasie des Landes“ bleibe auf der Strecke. Seine einfachste Regel als Resultat des Denkprozesses lautet denn auch: Die Diktatur der Meinungsmache brechen, keinen Hass aufkommen lassen, sondern sofort ahnden.

„Kämpfe!“

Philipp Ruch - Philosoph und Aktivist mit Kriegsbemalung - Glarean Magazin
Philosoph mit Kriegsbemalung: Aktivist Philipp Ruch

„Kämpfe!“ fordert denn auch das Kapitel Zwei. Ruch studierte „Die Weltbühne“ von 1932. Diese Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft galt in der Weimarer Republik als das Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken. Seine Erkenntnis: sie lag erstens politisch völlig daneben und zweitens Bürgerkrieg entsteht aus „erschreckender Kontinuität der Ereignisse“ nach dem Aufbauprinzip: Getreue sammeln, Waffen horten, „Wahlen als Kabelbinder“, persönliche Verantwortung. Mit der Inszenierung von „Unruhen“ werde noch heute (Meinungs-)Diktatur gemacht. Die AFD (Grossschreibung ist Absicht des Autors) habe sich bereits in Björn Höcke, dem „Primgeiger des Fascismus“ (sic!, Schreibweise der „Weltbühne“) und „Posterboy der Rechtsextremisten“, für Veränderung entschieden. Deshalb benötige das deutsche Grundgesetz „eine Art Hochwasserschutz“.

„Ächte!“

Damit für die Zukunft richtige Mittel im Kampf um die Demokratie gefunden werden, spielt er auch mit dem Mittel Bürgerkrieg, zunächst rein gedanklich. Manchmal verheddert sich der rote Faden im Eifer der Leidenschaft in den fallengelassenen und wiederaufgegriffenen Redundanzmaschen, die an ihm zum finalen Knoten aufgefädelt werden sollten.
Die Dinge kommen sehen und an die eigene Wirkung glauben, ist ein ebenso wenig konkretes Postulat wie die weiteren Allgemeinplätze, die hinauslaufen auf: Wir müssen selbst handeln. Sie werden aber durch „schöne“ oder kantige Formulierungen nicht pragmatischer: „Niemand ist ohnmächtig“, „Wir müssen das Territorium des Idealismus zurückgewinnen.“ Dieses Kapitel überschreibt er mit „Ächte!“ und wird zunehmend griffiger: Wir müssen streiten, denn mit den Rechten zu reden, sei eine „Höflichkeitslähmung“, weil es ausartet in „für Rechte reden“. Kämpferisch konkret, naturgemäss subjektiv fragwürdig klingt die Forderung, wir sollten wie selbstverständlich konsequent gegen Rechtsextremismus vorgehen. Die Frage ist aber eben wie. Da wird Ruch agitatorisch: Stress machen, Steuern verweigern! Verächtlich machen!

FAZIT: „Wenn ich die Wahrheit sagen sollte, müsste ich lügen“, zitiert Philipp Ruch Erich Kästner aus „Die Weltbühne“. Der strebt aber nach Wahrhaftigkeit und benötigt Sehnsuchtsbildung als Grundnahrungsmittel. In seiner schonungslosen Gegenwartsanalyse kommt Ruch zu dem Ergebnis: „Wir hängen am seidenen Faden der Politik.“ Zur Moral tragen Naturwissenschaften nicht bei und Politik schweigt. Er sieht Fiktion in der Kunst als „Königsweg, um die Welt zu verändern“. Denn das Wesen von Aktionskunst sei die „radikale Nähe zur Wirklichkeit“. Wortreich und sprachgewandt klingen „Schluss mit der Geduld“ die flammenden Appelle Philipp Ruchs zur vermeintlichen Rettung der Demokratie mit vielen Ausrufungszeichen und Fragezeichen, aber wenigen und zumeist vagen Beantwortungssätzen. Eine Empfehlung meinerseits – mit Einschränkung.

„Humanisiere!“

Das letzte Kapitel: „Humanisiere!“ Wird er nun wieder zahm? Nein, verweichlichen meint er nicht: „Humanismus kennt keine Kompromisse“, heisst die These auf Seite 140. Die Seenotretter (Made in Germany) beispielsweise retten „das letzte Sandkorn unseres Anstands“. Und zehn Seiten später lassen wir zu, dass unsere Menschlichkeit zerstört wird, wenn „ausgerechnet sie (die Retter der Ertrinkenden) von den Journalisten verächtlich gemacht werden“.
Mit einem Appell ins Innere bricht er seine Thesen auf unseren Alltag herunter. Ausmerzen könnten wir die Rechten nicht, aber wir müssen keine Verträge mit ihnen schliessen. Ohne Anstrengung werde der Kampf nicht abgehen.
Einleuchtender kann der Leser seinem Ansatz folgen, wenn er ein Exempel zu Ende führt. Das wird gegen Ende des Buches mit der fiktionalen „Kindernothilfe des Bundes“ als Aktion des Zentrums für Politische Schönheit deutlich, die tatsächlich 55’000 Willige für die Adoption von Flüchtlingskindern aufweckte. „Wir lassen heute Menschen ertrinken“, „Verrohung des Gesellschaftsinneren“, „Wir leben in der Zeit des Verrats am Humanismus“ – zwar sind diese Sätze erst gegen Ende auf Seite 150 abgedruckt, aber sie sind das Resümee der ausschweifenden Auslassungen, und deshalb führe ich sie hier exemplarisch an.

Philipp Ruch - Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest - Ludwig Verlag
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Zur Moral tragen Naturwissenschaften nicht bei und Politik schweigt, Sehnsuchtsbildung ist aber ein Grundnahrungsmittel. Der „Königsweg, um die Welt zu verändern“ kann folglich nur Fiktion durch Kunst sein. Das Wesen von Aktionskunst ist nämlich die „radikale Nähe zur Wirklichkeit“. Aus Mangel an Vorstellungskraft „verdrängen wir leichter, als mitzuleiden“, bemüht er den österreichischen Schriftsteller Arthur Schnitzler. Um der Menschlichkeit gerecht zu werden, sollten wir uns der Phantasie bedienen. Ja wir haben sogar die „Pflicht“, uns den Abgrund vorzustellen. Theater und Bücher sind die „Herzkammern“ für den Kampf gegen den Ungeist. Gewagt und zweifelhafter erscheint sein Appell: „Komplizenschaft bei Verbrechen, die uns in eine bessere Welt führen“.

Das Aufschreiben ist ein Aufschrei, zweifellos. Aber steckt er mich an? Was veranlasst mich ihm zu folgen, wenn ich das Buch durchgeackert habe? Was könnte man nur ausrichten, damit sich etwas ändert? Hat er Vorschläge auf Lager, die ich nachvollziehen und umsetzen könnte? Teils hat er. Deshalb empfehle ich diese „Anleitung für kompromisslose Demokraten“. Mit der Einschränkung, dass Demokraten sehr wohl kompromissbereit sein sollten – aber auf keinen Fall in ihrem kämpferischen Streben nach Demokratie. ♦

Philipp Ruch: Schluss mit der Geduld – Jeder kann etwas bewirken (Eine Anleitung für kompromisslose Demokraten) – 192 Seiten, Verlag Ludwig ISBN 9783453281196

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kultur und Gesellschaft auch über die Anthologie:
Deutsche Gesellschaft: Brauchen wir eine Leitkultur?

… sowie zum Thema Politik und Digitalisierung das „Zitat der Woche“ von
Felix Stalder: Postdemokratie oder Commons?

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H. Busche & Y. Förster (Hrsg): Mode als ein Prinzip der Moderne?

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Kleider machen Leute

von Heiner Brückner

Haben Moden trotz allen Strebens nach eindeutigen, klaren und festen Prinzipien in allen gesellschaftlichen Bereichen dennoch eine zentrale Bedeutung? Auf diese Frage könnte man die vielen Fragen der zwölf interdisziplinären Vorträge reduzieren, die ursprünglich anlässlich einer Tagung der Fern-Universität Hagen unter dem Titel „Moden der Kleidung – Moden des Geistes?“ gehalten wurden. Im Vortragskompendium „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ beackern die Professoren-Autoren den Begriff aus unterschiedlichen Fachwissensgebieten und Blickwinkeln. Diese Umfänglichkeit legt eine fokussierte abschliessende Fundamentalantwort der innovativen vielschichtigen Einzelantworten nahe und regt zu intensiver Lektüre an.

Mode als Prinzip der Moderne - Cover - Rezension Glarean MagazinWissenschaftlich soll exploriert werden, ob in der modernen Gesellschaft die Mode durchgängig zu einem Prinzip geworden ist, welches deren innere Struktur prägt. Modernität als beherrschender Faktor der Selbstwahrnehmung gibt es bereits Mitte des 17. Jahrhunderts. Damals wurde die Maxime ausgegeben, dass man überall mit der Mode gehen soll – ausser was die Moral betreffe.
Das „Unterworfensein unter die Moderne“ bezeuge unsere Schwachheit, schrieb Jean de la Bruyère 1688. Der Autor gilt als Moralist und wird zu den französischen Klassikern gerechnet. Unter Mode wird in den vorliegenden Untersuchungen überwiegend die Nachahmung gängiger Erscheinungsmuster des Begriffs von modus (Mass, Regel, Art und Weise), aber auch ihr periodischer Wechsel verstanden.

Interdisziplinäre Fragen und Antworten

Eine kurz gefasste Inhaltsangabe der einzelnen Aufsätze beziehungsweise Vorträge gibt nachfolgend einen Eindruck und Überblick auf den wissenschaftlichen Versuch, einen durch alle Lebensbereiche wirkenden Begriff in den Griff zu bekommen:

  • Der temporale Charakter der Kleidermode als kulturelle Praxis wird von Verena Potthoff in seiner symbolischen Funktion und sozialen Relevanz, die angeblich auch für den „Klassenkampf“ eingesetzt werden, beschrieben.
  • Modernisierung als Konsumgut schildert der Aufsatz von Irene Nierhaus über die Modernisierungen in der Wohnarchitektur vom „Gewand zur Wand“.
  • Sich ständig entwickelnde Phänomene bleiben für Rainer Hartmann die Moden der Freizeitgestaltung.
  • Auch in den temporär beliebten Sportarten manifestiere sich der Zeitgeist, konstatiert Robert Gugutzer an sechs Moden des Sports.
  • Nachhaltigkeit von Mode als Produkt (Design) und Wirtschaftsform sieht Yvonne Förster in den wechselnden Bestimmungen des Körper-Geist-Verhältnisses.
  • Mode und Modernität findet Frank Hillebrandt den Schlüsselbegriff der Soziologie, der zum Symbol des Widerstandes wird, um unsere eigenen Lebensveränderungen zu reflektieren.
  • Paul Hoyningen-Huene klopft die umstrittene „Stringtheorie“ in der Physik ab und erkennt in ihr einen Indikator für Dissens innerhalb der naturwissenschaftlichen Gemeinschaft. Sein Fazit: ein „sachter Wandlungsprozess“.
  • In welchem Sinne Trends in den Geisteswissenschaften vorherrschen, behandelt Tim Rojek in seinem Beitrag. Er unterscheidet bewusste und unbewusste Mode und kommt zu der Schlussfolgerung: „Die Kenntnis und das Bewusstsein … kann uns helfen, klarer zu sehen und Geltungsfragen nicht mit Genesefragen … zu verwechseln.“
  • Gibt es auch „Moden der Künste?“, fragt Georg w. Bertram und antwortet einfach: „Selbstverständlich.“ Er erklärt seine naheliegende Antwort und lässt dann das grosse Aber folgen. Interessant ist sein Exkurs zur Kunstkritik, die die Symptomatik historisch-kulturell geprägter Lebensformen im Hinblick auf ihre zeitgemässen Ansprüche charakterisiere.
  • Was in der Philosophie Moden bedeuten und ob sie vorhanden sind, könne „nicht über eindeutige sinnliche Kennzeichen registriert werden“, erläutert Hubertus Busche. Deshalb exemplifiziert er es an „Grossmoden“, denn das „bloss Modische … ist kein Signum der philosophischen Moderne„.
  • Mode in der Religion - Papst-Gewänder - Glarean Magazin
    „Rein vestimärer Blick“ auf die Wechselwirkung von Religion und Mode: Das Schaufenster des offiziellen päpstlichen Kleider-Ausstatters Lorenzo Gammarelli in Rom

    Am Ende begibt sich Daria Pezzoli-Olgiati auf Spurensuche nach Moden in der Religion. Sie führt zunächst bildhaft die roten Papst-Mokassins, die muslimischen Käppchen bis zu den safranfarbigen buddhistischen Mönchsgewändern an. Vertieft dann religionswissenschaftlich aber auf unterschiedliche Aspekte der Wechselwirkung von Mode und Religion und erörtert „modische Tendenzen in der Religion als Repräsentation von Zugehörigkeit und Abgrenzung im öffentlichen Raum“ in rein „vestimentärer“ Sicht. Da es bei ihrem „besonderen Blick auf die Interaktion der Kommunikationssysteme Mode und Religion“ bleibt, wird für meine Begriffe das in der Fragestellung implizierte „sogar“ der Moden in der Religion (etwa in der Bibelauslegung oder den Kirchengesetzen) nicht einmal gestreift.

Mode als Prinzip moderner Gesellschaften

FAZIT: Die interdisziplinäre Anthologie „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ bietet eine differenzierte Erörterung der zahlreichen heterogenen Strömungstendenzen in den Gesellschaften und Menschen unseres Zeitalters.

Weil es keine allgemeinverbindlich gültige Wahrheit gibt und keine begrenzenden Normen im Denken geben darf, kann auch dieser interdisziplinäre Fächer aus systematischen Antworten der unterschiedlichen Wissenschaftsbereiche keine klärende Gültigkeitsantwort liefern. Sie weiten im Gegenteil den Fokus, der sich auf das Thema Mode beschränkt, zu einem Weitwinkelbild fliessender Übergänge und Konnexionen aus. Das bestätigt ihre Sozialfunktion als faktisches Gesetz, bekräftigt den Zusammenhang zwischen „Modizitätsbewusstsein“ und Mode im Verlaufe des Verlusts der „ewigen Wahrheiten“ nach der Aufklärung. Dynamik des Modebegriffs als „universales kulturelles Gestaltungsprinzip“ wird vom äusserlichen Goutieren bis hin zu theoretischen und auch sittlichen Überzeugungen beeinflusst.
Somit ist für mich ein „überraschendes Ergebnis“ dieser Erkundungen: Der Geist trägt „Kleidungen (…), in denen er soziale Bedürfnisse kommuniziert“, die es allerdings zu durchschauen gilt.
Ich bin geneigt zu folgern, sie tun es auch, weil es derzeit gängige Mode ist, sich nicht festzulegen. Somit ist dieser „interdisziplinäre Erkundungsgang“ über die „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ ein beredtes Beispiel für die Verwirklichung des Themas in sich selbst. Mode ist und war eine Art Prinzip moderner Gesellschaften und wird es bleiben.

Zusammengefasst: Man könnte die Summe auch mit dem Schweizer Novellisten des poetischen Realismus Gottfried Keller (1874) in einen Satz fassen und hätte dann die Kernerkenntnis: „Kleider machen Leute“. Was im Vergleich zur Kurzformel des Poeten das detaillierte Schürfen in den verkrusteten Mode-Schichten der Vergangenheit an Mehrwert bietet, ist die wissenschaftliche Hintergrundanalyse in dieser ausführlichen Erörterung der Strömungstendenzen in den Gesellschaften und Menschen unseres Zeitalters. Dieses Werk schildert komplexe Verhaltensweisen, umgeht aber trotz vieler Worte und Erwägungen klare Festlegungen und lässt letztlich alles offen. ♦

Hubertus Busche und Yvonne Förster (Hrsg): Mode als ein Prinzip der Moderne? – Ein interdisziplinärer Erkundungsgang, 250 Seiten, Mohr Siebeck Verlag, ISBN 978-3-16-156339-3

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Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien

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Beethovens überwältigender Klangrausch

von Heiner Brückner

Der österreichische Dichter Franz Grillparzer (1791 bis 1872) fragt in einem Gedicht über die Musik seines Freundes Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827): „Ward’s Genuss schon? Ist’s noch Qual?“ Er fasste damit das Auffassungsempfinden seiner Zeitgenossen, die Beethovens Musik oft chaotisch empfanden, zusammen. Diese Rezeption ist auf dem Hintergrund des kleinwüchsigen Komponisten mit der Kraftnatur, die als ruppig, unwirsch, ungestüm erlebt wird, nachzuvollziehen. Nicht nur weil er im „Wirtshaus … zu hart gekochte Eier den Kellnern hinterher“ geschmissen habe.

Beginn einer neuen Musik

Karl-Heinz Ott Rausch und Stille - Beethovens Sinfonien - Rezensionen Glarean MagazinAllerdings gibt es damals auch Stimmen, die den Beginn einer neuen Musik erahnten, die in metaphysische Abgründe vorzudringen wage. Karl-Heinz Ott, Autor der Neuerscheinung „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ nennt unter anderem den Komponisten und Dramatiker Richard Wagner (1813-1883), der in seiner 1870 erschienenen Beethoven-Schrift angemerkt hat: „Überblicken wir den kunstgeschichtlichen Fortschritt, welchen die Musik durch Beethoven getan hat, so können wir ihn bündig als den Gewinn einer Fähigkeit bezeichnen“, die „weit über das Gebiet des ästhetisch Schönen in die Sphäre des durchaus Erhabenen getreten“ ist.

Tiefgründiger Beethoven-Biograph: Karl-Heinz Ott
Tiefgründiger Beethoven-Biograph: Karl-Heinz Ott

Gegenwärtige Hörer verstören Beethovens Sinfonien längst nicht mehr. Für den Philosophen der Frankfurter Schule und Komponisten Theodor W. Adorno (1903 bis 1969) beispielsweise beginnt die neuere Musikgeschichte mit Beethoven, der mit Tradiertem nicht breche, sondern es aufbreche. Somit kann der Schriftsteller, Essayist und literarische Übersetzer Karl-Heinz Ott (geboren 1957) über Beethovens Sinfonien ungleich feinfühlender, tiefgründiger und umfassend formulieren und komprimieren: „Rausch und Stille“. In den weitreichenden und weit greifenden Ausführungen erfährt der Leser selbstredend biografische Details aus dem Leben des am Ende tauben Musikers. Wie der ursprüngliche Klaviervirtuose frei improvisierte und fantasierte. Wie er mit Verschlechterung seines Gehörsinns sich auf das Komponieren konzentrierte, dabei um jede einzelne Note gerungen hat ‒ und wie er in eine tiefe Krise geschlittert ist. Weil er gegen Lebensende seine eigenen Werke nicht mehr hören konnte.

„Ein Kosmos ohne Worte“

Vor allem aber sind die Beschäftigung mit den neun Sinfonien im Einzelnen und das Eintauchen in die emotionale Ausdruckskraft der Musik sowie die Ausdrucksstärke des Komponisten beim Nachverfolgen eine im positiven Sinne berauschende Lektüre: Sie fördert die emotionale Wucht dieser Sinfonischen Dichtungen zutage und beschreibt sie mit poetischer Empathie.
Dem Titel gemäss arbeitet Ott die kompositorischen Mittel heraus, die aus Beethovens Notensetzungen einen Klangrausch schwellen lassen, der durch gehäuften Einsatz von Fermaten der Stille vor und nach dem Sturm intensiven Nachhall verleiht.

Totenmaske von Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Totenmaske von Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Die sich widersprechenden Auffassungen über Musik im Allgemeinen erstrecken sich vom „Taumeln“ bis zum „Takte zählen“. Wie sollte auch ein Mensch allein diesen „Kosmos ohne Worte“ erfassen können. Die unterschiedlichen Herangehensweisen grosser Staatsmänner, Denker und Philosophen an diese urkräftige Klangwirkung hebt Ott immer wieder hervor, schält Motive an Notenbeispielen heraus und bezieht sie auf die Thematik.
Zudem arbeitet er jede der neun Sinfonien satzweise anhand von Notenbeispielen durch. Einprägsam gestaltet Ott zu jeder Sinfonie einen thematischen Exkurs. Darin werden die Titel gleichsam zu Charakterisierungen der einzelnen Werke. Ihre Überschriften lauten: Windinstrumente; Musikalische Scherze; Lust an Trauermusik; Von der Kirche in den Konzertsaal; Die verlorene Melodie; Orpheus gegen Prometheus; Musik als Wahrheit; Nach der Neunten kommt der Tod sowie Sturm und Stille.

Beschäftigung mit den geistesgeschichtlichen Grundlangen

Fazit: Karl-Heinz Ott eröffnet uns mit „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ die Welt, aus der Beethoven das Urkraft-Universum seiner Sinfonien schöpft, als einen fesselnden, leidensdruckstarken Musikgenuss. Oder frei nach Grillparzer: Qual ist’s, aber viel mehr noch Genuss. „Beethoven ist nicht wie Mozart oder Schubert für seine Melodien berühmt, sondern für Rhythmik und Wucht.“

Wer dieses Buch gelesen hat, wird den „Mann mit der wilden Mähne“ nicht mehr reduzieren auf die vier berühmten Schicksals-Taktschläge der fünften Sinfonie oder den humanistischen Welthit „Ode an die Freude“, die seit 1972 als offizielle Europahymne bei nahezu jedem europäischen Grossereignis intoniert wird.
Das ergibt schlussendlich eine hoch intensive Beschäftigung auf harmonietechnischen, aber auch geistesgeschichtlichen Grundlagen, die eine umfassende Bibliografie und ein Personenregister vervollständigen.
Karl-Heinz Ott eröffnet uns mit „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ die Welt, aus der Beethoven das Urkraft-Universum seiner Sinfonien schöpft, als einen fesselnden, leidensdruckstarken Musikgenuss. Oder frei nach Grillparzer: Qual ist’s, aber viel mehr noch Genuss. „Beethoven ist nicht wie Mozart oder Schubert für seine Melodien berühmt, sondern für Rhythmik und Wucht.“ ♦

Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien, 272 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00396-3

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Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth (Roman-Biographie)

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Die Übermacht der Libido

von Heiner Brückner

Der Schweizer evangelisch-reformierte Theologe Karl Barth (1886 bis 1968) gilt für die evangelischen Kirchen europaweit aufgrund seines Gesamtwerks, Römerbriefkommentar und 13 Bände Kirchliche Dogmatik als „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“. Berühmt wurde er vor allem wegen seines vehementen Einsatzes gegen das Hitler-Regime. Sein Postulat: „Jesus Christus ist das eine Wort“ prägt das Barmer Bekenntnis von 1934 als theologisches Fundament der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus. Vor 50 Jahren am 10. Dezember ist er gestorben. Reformierte und Lutheraner würdigen ihn 2019 mit einer Reihe von Veranstaltungen.

Klaas Huizing - Karl Barth - Roman-Biographie - Rezensionen Glarean MagazinDer Würzburger systematische Theologe Klaas Huizing (geboren 1958) beleuchtet das geistige Wirken Karl Barths in seinem Werk „Gottes Genosse“. In einer Art Biografie des „Che Guevara der Protestanten“, wie der Kreuz-Verlag die Veröffentlichung ankündigt, verschafft er einen Zugang zu dessen bis heute prägender Theologie. So darf er nach intensiver Recherche als Kenner des Gesamtwerks gelten. Die Anhänge mit den Lebensdaten im Roman „Zu dritt“ sind ein Beleg dafür.
Wie stark oder schwach der Mensch im grossen theologischen Wissenschaftler gewesen ist, woher er seine Energie geschöpft hat, das gestaltet Huizing in seinem gleichzeitig erscheinenden neuen Roman „Zu dritt“. Mit diesem Kenntnispolster und mit seiner Erfahrung als Romanautor („Der Buchtrinker“; ein Jesus-Roman „Mein Süsskind“ u. a.) geht er das Dreiecksverhältnis in Barths Familie an und liefert eine authentisch wirkende Lebensgeschichte von den Leiden und Freuden/Wirren der aussergewöhnlichen Wohngemeinschaft.

Die Frauen hinter den Männern

Klaas Huizing - Theologe - Glarean Magazin
Professor für Systematische Theologie und Roman-Autor: Klaas Huizing

Dass hinter jedem grossen Mann eine starke Kraft steht, die ihm Halt gibt, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Häufig ist die Kraft eine Frau. Frauenquoten in der Politik, Frauenanteil in der Wirtschaft, Frauen aufs Podium? Die Verlage stellen diesen Aspekt neuerdings in ihre Programme. Keine Frage, Richtigstellung dient der Wahrheitsfindung und führt zu Gerechtigkeit. Und die Historie weist eine Menge Gründe und Beispiele dafür aus. Einige davon führe ich hier an:
Im berühmtesten Briefwechsel des Mittelalters erfahren wir vom französischen Scholastiker Petrus Abaelard, der ab 1114 Hauslehrer der jungen Frau Heloise war. Als sie schwanger wurde, liess ihn Heloises Onkel und Vormund, der Subdiakon Fulbert von Notre-Dame von Paris, entmannen. Sie heirateten heimlich. Heloise zog sich in den Konvent Sainte-Marie von Argenteuil zurück, Abaelard ging als Mönch in die Abtei Saint-Denis. Die zwei sahen sich nie wieder, aber schrieben sich viele Briefe.

Frauenpower in Wissenschaft und Kultur

Der sogenannte Mönchsvater Benedikt und seine leibliche (Zwillings-)Schwester Scholastika (480 bis 542): Gregor der Grosse erwähnt in einer Vita, dass sie ihren Bruder bei einem ihrer jährlichen Dialoge durch inständiges Gebet aufhalten wollte. Es habe daraufhin ein so gewaltiges Unwetter eingesetzt, dass Benedikt die Nacht über bleiben musste. Gregors Kommentar zu dieser Episode: „Jene vermochte mehr, weil sie mehr liebte.“
Platonischer Art soll das Verhältnis zwischen dem grossen katholischen Jesuiten-Theologen und Konzilsberater Karl Rahner und der Dichterin Luise Rinser gewesen sein, wie sie in ihrem Buch „Gratwanderung“ (1994) aus den Liebesbriefen („Wuschel an Fisch“) ausplaudert. Daneben habe ihre Liebe aber auch einem Benediktinerabt gegolten.
Selbstverständlich gibt es ebenso Exempel ausserhalb des kirchlichen Bereichs. In der Lyrik beispielsweise: Die Muse Paul Celans, Brigitta Kreidestein, stellte sich in ihrem Bericht in Briefen und Dokumenten „Celans Kreidestein“ (2010) die Frage, wie der grosse Lyriker „die Gleichzeitigkeit seiner Bindungen an verschiedene Frauen oder sein Werben um sie in seiner Gefühlswelt unterbrachte …“ Man kann nicht von der Dichtung auf die Autorenvita schlussfolgern, nicht ausschliesslich. „Doch kann hieraus nicht gefolgert werden, dass zwischen dem Leben des Künstlers und der Kunst unbedingt ein Missverhältnis liegen müsse“, zitiert sie Roman Jakobson aus einem Aufsatz über russische Dichter.
Frauenpower in der Naturwissenschaft: In jüngster Zeit sind mehrfach Biografien und Romane über Mileva Einstein erschienen und somit auch über ihren Mann Albert Einstein, der die brillante Physikerin für seine wissenschaftliche Arbeit benutzt und dann fallengelassen habe.

Theologe mit zwei Frauen unter einem Dach

Karl Barth - Evangelischer Theologe - Glarean Magazin
Bedeutendster reformierter Theologe des 20. Jahrhunderts und Bigamist: Karl Barth

Nun also auch Karl Barth. Bei ihm sind es zwei Frauen gewesen, die mit ihm Tür an Tür in einer Wohnung gelebt und gearbeitet haben. Vater, Sohn und Heiliger Geist gelten in der Theologie als göttliche Trinität. Im Hause Barth herrschte 35 Jahre lang eine Dreiheit, wenn auch keine Dreieinigkeit zwischen Karl, dem Mann, seiner Ehefrau Nelly und der früheren Rotkreuzschwester Charlotte von Kirschbaum (Lollo), die er zu seiner Sekretärin/Assistentin erwählt hat. Der Hintergrund, die Basis solcher Arbeitsatmosphären wird im Allgemeinen vom wissenschaftlichen Veröffentlichungs-Output verdrängt, obgleich sie höchstwahrscheinlich der Nährboden gewesen ist. Charlotte hatte in diesem Fall die stärkere Position („Ich will Dein Du sein.“).
Das Verhältnis war weder üblich noch gesetzlich korrekt, es war auch nicht frei von Spannungen (Lollo: „Ehefraktur“). Fruchtbar ist die Doppelliebe in vielerlei Hinsicht gewesen: fünf Kinder (Karls „gesammelte Werke“), menschliche (Doppel-)Liebe in grösstmöglicher Offenheit, intensive theologische Arbeit, Engagement in Gesellschaft und Politik. Ein bewegtes Leben ist es gewesen: häufige Umzüge, Auslandsreisen, Bekanntschaften, und ein bewegendes Leben: politische Wortmeldungen bis zur Ausweisung aus Deutschland, Lehre, Standardwerk der Kirchlichen Dogmatik; menschlich: zwei Frauen, ihre späteren Krankheiten.
Nicht immer sei er den „Ausbrüchen weiblicher Dialektik“ gewachsen gewesen. Aber er gestand sich ein, dass er das „Karnickel“ war. Wie viel Potenzial doch in den Frauenköpfen stecke, staunte Karl Barth über seine Sekretärin, Geliebte (Lollöchen“) und zweite Lebensgefährtin, als kenne er die Zehn Gebote nicht, wenn er nach Matthäus 5,28 wiederholt seine Ehe bricht. Er machte ihr ein „armdickes Kompliment“ und förderte ihr „gottgeschenktes“ Talent in jeder Hinsicht. Lollo war elektrifiziert von ihm, nuschelte ihm aber auch „Doppelherz“ zu. Und auch der eine oder andere Leser wird die Lektüre der Offenlegung einer familiären Passionstragödie in einem christlichen Haus pikanter betrachten als die Outings von Pfarrhaushälterinnen über das Verhältnis zu ihrem zölibatären katholischen Pfarrherrn.

Keine moralischen Wertungen

Charlotte von Kirschbaum - Geliebte von Karl Barth - Glarean Magazin
„Knisternde Erotik im Pfarrhaus“: Barth-Geliebte Charlotte von Kirschbaum

Huizing bewertet die Dreier-Symbiose nicht, wertet also weder ab noch auf. Er polarisiert zwei unterschiedliche Frauen-Charaktere, wohl aus dramaturgischen Gründen. Hier die fordernde, selbstbewusste, treibende Starke und Intellektuelle mit dem Lollo-Tosen, die den Professor ganz haben will. Ihre Liebessehnsucht hat genauso starke körperliche Ziehkraft wie die sinnliche. Dort die zwar gebildete, aber lieber im Schwyzer Deutsch schwätzende Nelly, die Frau seiner Kinder, die Hausfrau und Mutter. Aus demselben Grund weicht der Autor auch gelegentlich von der strengen Chronologie ab. Er fühlt sich ein und drückt aus, als sei er ein wachsames Videoauge, das Authentisches festgehalten hat. Sein Stil ist feinfühlend, mitreissend, spart aber knisternde Erotik beim Schildern der sexuellen Begegnungen zwischen Lollo und Karl nicht aus.
Er zeigt die grossmütige Gedulds- und Toleranzschwelle von Nelly, der Frau, die Barth 1913 in Bern geheiratet hatte. Sie gipfelten in der Zustimmung, dass die Geliebte Lollo im Familiengrab auf dem Basler Friedhof beigesetzt werden kann. Sie selbst starb als Letzte der drei 1976. Er betont aber auch die wissenschaftliche Arbeitsleistung ihrer Gegenspielerin. Huizings Roman verschafft Durchblick, abwägende Ausgeglichenheit, würdigt nicht nur den lexikalischen Namen einer Berühmtheit, sondern auch die aufbauende Zu- und Mitarbeit der Frauen an der Seite des „Vaters“ der Bekennenden Kirche, der gerne für „14 Tage Papst sein“ wollte. Und er relativiert ein glorifizierendes Bild, das die menschliche Natur unterschlagen möchte.
Im Epilog lässt der Autor vier Barth-Kinder in heutigen Statements über das Dreiecksverhältnis ihres Vaters mit „Tante“ Lollo zu Wort kommen. Sie beantworten quasi aus interner Aussensicht einige offene Leserfragen.

Unverbrauchter Roman-Stil mit Spannung

Fazit: In seinem Roman „Zu dritt“ schildert Theologie Klaas Huizing der anhand einer Fülle von Briefwechseln dokumentierten Lebensdaten die biografische, allzu menschliche, von heftiger Libido gesteuerte Seite des Theologen Karl Barth. Überwiegend aus der Sicht der beiden Frauen und ihrer aufwühlenden Gefühlswallungen im Meer aus Freud und Leid, Liebe und Neid. Dieser Roman ist lesenswert wegen seiner historischen, soziokulturellen und psychosozialen Komponenten.

Die kurzen Perspektivenwechsel lockern auf. Sie erzeugen immense Spannung, auch mit konzentrierten mehrdeutigen Wörterauslegungen oder -anspielungen. Er erzählt als Romancier mit unverbrauchten Verben und poetischen Formulierungen („Sie spürte sofort die Muskeln des Textes, …“) ein wenig bekanntes familiäres Drama. Der Leser darf offen in alle Richtungen Schlüsse ziehen, Widersprüche erkennen und nach Erklärungen forschen. Bei genauem Hinsehen ist auch die Subtilität der literarischen Konstruktion Huizings auszumachen: Was Karl Barth in seinem Römerbrief Kommentar als Erkenntnis niedergeschrieben hat, ist aus seinem eigenen Erleben genommen. Liebe sei existentielles Vor-Gott-Stehen, das begründe die Individuation: „Wenn man Gott und Welt vertauscht, …, dann werde das ganze Leben Erotik ohne Grenze!“ Das Chaos zerfalle dann und es werde alles möglich, alles. 1956 erschien von Karl Barth „Die Menschlichkeit Gottes“. ♦

Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum (Roman), 400 Seiten, Klöpfer & Meyer Verlag, ISBN 978-3-86351-475-4

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Joseph Haydn: Die Schöpfung

Ralf Günther: Als Bach nach Dresden kam (Novelle)

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Das Duell der Tastenvirtuosen

von Heiner Brückner

Johann Wolfgang von Goethe formulierte 1827 in einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann als wesentliches Merkmal der Novelle „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“. Novellen gestalten allgemein gesehen von einem wahren Kern ausgehend eine Neuigkeit mit erzählerisch mehr oder minder spannenden Ausschmückungen. Etwas hätte so sein können oder wäre sicherlich perfekter geworden, als es in Wirklichkeit gewesen ist. Die Kunst des Autors liegt darin, das Ereignis derart plastisch zu erzählen, dass es nahezu authentisch erscheint. Bei seinem Debüt über den Maler Ernst Ludwig Kirchner ist es Ralf Günther hervorragend gelungen, die Kriterien einer Novelle umzusetzen.

Ralf Günther - Als Bach nach Dresden kam - Literatur-Rezension im Glarean MagazinIm Fall der ausgedachten Dresden-Episode von Johann Sebastian Bach kann man ihm die meisterliche Formbeherrschung ebenso wenig absprechen. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass seine Novelle „Als Bach nach Dresden kam“ um eine fiktive Novität aufgebaut ist. Der Bach-Experte Jan Katzschke hat das in seinem Nachwort „Dichtung und Wahrheit des Dresdner Tastenduells“ erläutert und einen echten Dresdner Orgelwettstreit von 1650 sowie in Rom das Duell im Jahr 1709 zwischen Georg Friedrich Händel an der Orgel und Domenico Scarlatti auf dem Cembalo angeführt.

„Anfang und Ende aller Musik“: Johann Sebastian Bach

Für den Nekrolog auf Johann Sebastian Bach, der „Anfang und Ende aller Musik“ sei, wie es Max Reger (1873 bis 1916) formuliert hat, wurde 1754 zu seiner Glorifizierung eine Anekdote über einen angeblichen Wettstreit zwischen ihm als gediegenem, frommem Provinzmusiker am deutschen Fürstenhof und dem skandalumwitterten, überheblichen Hoforganisten Louis Marchand (1669 bis 1732) des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Dresden kreiert. Dieses Tastenduell hat 1717 nicht stattgefunden, denn zu jener Zeit war Bach Konzertmeister im Fürstentum Weimar und war soeben zum Hofkapellmeister des Fürsten Leopold von Anhalt in Köthen ernannt worden. Man kann die Mär folglich getrost begraben und vergessen. Fakt ist vielmehr, dass Johann Sebastian Bach zum Dank für den verliehenen Titel „Hofkompositeur“ in einem zweistündigen Konzert am 1. Dezember 1736 die Silbermann-Orgel in der Dresdner Frauenkirche bespielt hat.

Spannend-amüsantes Orgel-Duell

Johann Sebastian Bach gegen Louis Marchand - Orgel-Duell - Glarean Magazin
Fiktives Duell von zwei der besten Organisten ihrer Zeit: Johann Sebastian Bach gegen Louis Marchand

Aus einer Randnotiz der Musikgeschichte gestaltete Ralf Günther somit ein spannendes Orgel-Duell zwischen zwei musikalischen Grössen des 18. Jahrhunderts zu einer höchst amüsant erzählten Begebenheit.
Kurfürst August der Starke habe den Direktor seiner Dresdner Hofkapelle, den flämischen Geiger Jan-Baptist Woulmeyer alias Jean-Baptiste Volumier, beauftragt, den Hoforganisten Louis Marchand des Sonnenkönigs Ludwig XIV. zu einem Konzert in Dresden zu überreden. Der habe Konkurrenz gewittert und sich den gefakten Wettstreit ausgedacht. Den Einfädler Volumier hatte seine eigene Täuschung, den grossen Bach zu hören, obwohl es der … Schulz gewesen ist, auf die die Finte gebracht. Er hiess ihn eine Bach-Perücke aufzusetzen, als der Franzose, seinerseits in Frauenkleider verhüllt, die Probe aushorchen wollte. Was er zu hören bekam, schreckte ihn derart ab, dass er wieder abreiste und den Wettstreit der Orgelgiganten nicht antritt. Schliesslich habe auch Volumiers Befürchtung, der Kurfürst habe den Franzosen an seinen Hof engagieren wollen, sich als überängstlicher Eifer herausgestellt.

Einfühlsame und ausdrucksstarke Novelle

FAZIT: „Als Bach nach Dresden kam“ von Ralf Günther ist amüsante Novelle mit reichlich Zeitkolorit des 18. Jahrhunderts über den Musikerwettstreit zwischen dem Pariser Orgelgiganten Louis Marchand und Johann Sebastian Bach, der womöglich in Dresden stattgefunden haben könnte, wenn der Vermittler des Kurfürsten nicht aus Konkurrenzangst gefakt, sondern mit offenen Tasten gespielt hätte…

Die Schilderungen Ralf Günthers sind bildhaft in den beschriebenen Gesten, einfühlsam in den Dialogen und daher ausdrucksstark. Noch die nebensächlichste Anmerkung bezieht er auf das Kerngeschehen. Die Sprache ist gelegentlich historisierend, deswegen für heutige Ohren etwas langatmig, aber sie bringt die Zeitgeschichte anschaulich und im Detail ins Bild. Manchmal hat man allerdings auch den Eindruck, ein Passus wiederhole sich. Die Darstellung der Unannehmlichkeiten einer Reise in der Postkutsche desillusionieren jeden Romantiker. Interessant ist der Einblick in das Innenleben einer Orgel, das anhand einer Orgelabnahme Bachs ausführlich geschildert wird. Auch die Liebe wird nicht vergessen, sowohl in Paris als in Dresden: Während seiner Täuschungsmanöver verliebte sich Volumier in Bachs Cousine Friedelena, wurde aber auf später vertröstet. Am Ende des spannenden wie unterhaltsamen historisch-musikalischen Rätselstücks durfte der nicht in das Täuschungsmanöver involvierte Dritte lachen: der Dresdner Hoforganist, dessen bestehende Position von August dem Starken nie infrage gestellt worden war. ♦

Ralf Günther: Als Bach nach Dresden kam, 156 Seiten, Rowohlt-Kindler-Verlag, ISBN 9783463407067

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Monteverdi-Choir (Gardiner): Eternal Fire (Chor-CD)

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Heinz Stade: Bach, Liszt und Wagner in Weimar

Neue Rundschau (Heft 2018-3): Jenseits der Erzählung

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Wie verhalten sich Literatur und Geschichte zueinander?

von Heiner Brückner

Geschichte ist narrativ zu berichten, sagt der gesunde Menschenverstand spätestens seit der Bibel. Aber auch von dem, was tatsächlich geschehen ist und wobei man nicht selbst gewesen ist, kann nicht objektiv berichtet werden. Und wenn, dann ist es ebenfalls durch die subjektiven Augen eines einzigen Zeitzeugen betrachtet und registriert worden. Dem Verhältnis von Literatur und Geschichte hat die „Neue Rundschau“ nun unter dem Titel „Jenseits der Erzählung“ eine essayistische Anthologie gewidmet.

Anschaulich in stilistischer Eleganz erzählte Geschichtsschreibung ist ein grosses Leseerlebnis. Das belegen die Bestseller historischer Romane in jüngster Zeit erneut. Oder wie es Theodor Mommsen formulierte, es gehe um „Vergegenwärtigung“. Wegen der gelungenen „Mischung aus bildhafter Erzählkunst und klugen Schlussfolgerungen“ war er für seine „Römische Geschichte“ 1902 als erster Deutscher und zweiter Autor überhaupt mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Eben diese Erkenntnisse sind einmal mehr zu verdeutlichen und zu versachlichen, um die Geschichtsschreibung einzuordnen in ein machbares und dennoch hilfreiches und wichtiges Instrumentarium menschlicher Erkennungsmöglichkeiten und möglichen Erkenntnisgewinns.

Neue Rundschau - Jenseits der Erzählung - Buch-Rezension Glarean MagazinWie aber belegen es akademische Historiker oder historisierende Literaten? Den Fragen, die hinter diesem Interesse stehen, hatten sich beim 51. Historikertag 2016 in Hamburg die Historiker Dirk van Laak aus Leipzig, der Berliner Michael Wildt, die Augsburger Silvia Serena Tschopp, die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch, der Literat Per Leo sowie der Historiker und Publizist Gustav Seibt gewidmet. Die „Neue Rundschau“ hat in ihrer neuesten Ausgabe (129. Jahrgang 2018, Heft 3) jenes Thema „Jenseits der Erzählung“ zum Schwerpunkt gewählt und die (vorläufigen) Ergebnisse gesammelt.

Recherchierte Befunde mit literarischer Finesse präsentiert

Dirk van Laak beginnt mit der titelgebenden Frage nach der Form in Literatur und Geschichte. Er weist darauf hin, dass die beiden Begriffe „Geschichten und Geschichte“ nicht nur sprachlich nahe beisammen seien, sondern auch in ihrer Absicht auf Erkenntnis. Die Grenze liege dort, wo das Faktische zu blosser Narration oder zu Fake News wird. Ansonsten werde der Historiker keineswegs daran gehindert seine gut recherchierten Befunde mit „literarischer Finesse“ zu präsentieren.
Dass aktuell keine „mittelalterliche Finsternis“ bei den Funktionen anschaulicher Details im historischen Erzählen vorherrsche, schildert Gustav Seibt in seinem Beitrag.

Per Leo - Historiker Schriftsteller - Glarean Magazin
Literarischer Historiker und historisierender Literat: Per Leo (Geb. 1972)

Der „literarisierende Historiker und historisierende Literat“ (laut Eigencharakteristik) Per Leo überschreibt seinen Kommentar „Leos Kreuzgang“ und untertitelt „Die Schlacht zwischen literarisierender Historie und historisierender Literatur“. Er legt darin als Paradigmen für die Schnittstelle zwischen Literatur und Geschichte die „Kämpfe um Troja für die Epik Homers“ wie die „Perserkriege und der Peloponnesische Krieg für die Geschichtsschreibung von Herodot und Thukydides“ vor. Sowohl der archaische Mythos wie die klassisches Chronik hätten somit zu neuen Formen sprachlichen Ausdrucks gefunden. Sein Beitrag ist ein lebhaftes sprachliches Dokument für die erörterten Thesen.

Geschichte als Referenz

Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch betont im Interview mit Michael Wildt, ihren Unterschied zu den akademischen Historikern. Für sie sei die „Geschichte als Referenz wichtig“, weil sie interessiere, „wie sich die Dinge entwickelt“ hätten. Und das nicht lediglich aus „Loyalität gegenüber den Fakten“, sondern weil ihre Denkweise mit „rationaler Auseinandersetzung“ zu tun habe.
Im Abschnitt „Lyrikradar“ zeigen die Lyriker Durs Grünbein, Brenda Hillman und W. S. Merwin in komplexen und formal individuell gestalteten Gedichten ihre Art Ereignisse der zeitlichen Gegenwart zu poetisieren. Das ist teils sehr gegenständlich gestaltet und teils auch sehr sachlich ausgedrückt wie bei Merwin in „Der Fluss der Bienen“: „Aber wir sind nicht hier um zu überleben / Zu leben genügt“.

Demonstrationen experimenteller Lesart

FAZIT: Die Aufforderung Friedrich Nietzsches in „Unzeitgemässe Betrachtungen“, dass die „Geschichte zu bewachen“ sei, „dass nichts aus ihr herauskomme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen!“, haben sich alle Autoren, die in der „Neuen Rundschau“ Diskussionsbeiträge und teils Ergebnisse des 51. Historikertags von 2016 in Hamburg unter dem Titel „Jenseits der Erzählung“ (Heft 2018-3) veröffentlicht haben, hinter die Gedanken geschrieben und in jeweils fachspezifischem Blickwinkel entfaltet. Sie waren bemüht wahrhaftig gegen sich und andere und zu den Fakten zu sein.

Über die Fachwissenschaft hinaus an alle Leser richten sich die von einer Kulturwissenschaftlergruppe „historisch-spekulativ“ kommentierten drei behandelten Kapitel 19, 46 und 50 des Melville-Romans „Moby Dick“. Ihnen geht es um „Präsentation einer wichtigen Quelle zum Verständnis“ ebenso wie darum, eine „experimentelle Lesart“ zu demonstrieren.
Der Romanautor Thomas von Steinaecker exemplifiziert im Abschnitt „Unvollendetes“ Arbeitsweise und Wesen eines Künstlers am „unabsichtlich unvollendeten Kunstwerk“ in der Musik, indem er die Frage zu beantworten versucht: Die Neunte (Sinfonie) ein Fluch? Wie in einem Szenario eines „Mystery-Krimis“ kommt er zu erstaunlich mysteriös klingenden Erkenntnissen, wenn er das Schönberg-Diktum „Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe“ auf seine Faktizität hin untersucht.  Als Filmbeispiel hat er Stanley Kubricks „Napoleon“ ausgewählt.

„Carte Blanche“ mit literarischen Überraschungen

Die „leeren Seiten“ (Carte Blanche) füllen unterschiedliche literarische Überraschungen: Texte von Silvia Bovenschen „1968“, Katharina Sophie Brauer mit „Fliehkraft“, Rüdiger Görner „Als K. Hamlet sah und hörte“ sowie der Maler Michael Triegel mit seinem „beglückten“ Versuch „Der göttliche Blick“ bei seiner Leipziger Poetikvorlesung nebst Josef Haslingers dazugehöriger Einleitung.
P.S: Der beiliegende Folder ist textlich gesehen genial und auch optisch optimal umgesetzt. In 13 Zeilen nennt María Cecilia Barbetta die Technik des Schriftstellers und stellt sie auf dem gefalteten Papier vor Augen. Nur wer von hinten und von vorne –– liest, versteht das Ganze, das Gesamte. In einer Richtung betrachtet ergäbe sich das Gegenteil… ♦

Neue Rundschau (Heft 2018/3): Jenseits der Erzählung – Zum Verhältnis von Literatur und Geschichte, 240 Seiten S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-809115-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Literatur und Geschichte auch über
Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

… sowie über den DDR-Roman von
Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

… und in unserer Rubrik „Vergessene Bücher“ über den Roman von
Richard Llewellyn: So grün war mein Tal

Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung? (Essay)

Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Vom Streben nach Rationalität

von Heiner Brückner

Aufklärung ist seit Jahrhunderten ein fortwährender Prozess des Geisteslebens und menschlichen Denkkraftvermögens. Angesichts des Zeitalters von „religiös legitimiertem Terrorismus“ und unversöhnlichen Meinungslagern, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus den Augen zu verlieren scheinen, stellt sich offensichtlich die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit des vernunftgesteuerten Geistes eher als eine lahme Ente denn als eine schnelle Brieftaube dar.

Georg Cavallar Gescheiterte Aufklärung - Ein philosophischer Essay - Cover Rezension Glarean MagazinUm das „Wie“ geht es im Essay „Gescheiterte Aufklärung?“ von Georg Cavallar, dem Wiener Philosophiedozenten aber nicht, sondern um das „Was“. Was ist am Ende der Gewinn, die Erkenntnis, die umgesetzt wurde und somit erkannt werden kann? Er versucht den Ballast aufklärerischer Ideen in der gesellschaftlichen Entwicklung seit dem 18. Jahrhundert in ihrer Vielschichtigkeit zu sichten und für die allgemein gebildete Leserschaft nachvollziehbar darzustellen. Dem Autor kann man bescheinigen, dass er seine Ausführungen nicht in reinem Fachwissen mit Schlagwörtern wie „normativer Universalismus“ oder „Toleranzbegründungen“ verklausuliert hat. Das sei bereits auf abertausenden Seiten von Detailexperten geschrieben worden. Cavallar bezieht klar Stellung zu den diversen Meinungen und Strömungen, wägt ab und legt dar, was Aufklärung alles sein kann. Insbesondere in der Abgrenzung des europäischen Abendlandes zum Islam würden die „Bilder“ respektive die Sichtweisen des Begriffs „Aufklärung“ schnell zum „Kampfbegriff“ erklärt. Historisch betrachtet, sind allerdings sehr wohl epochenspezifische Gewichtungen auszumachen und unterscheidend zu berücksichtigen.

Verständnisfördernde Begriffserklärungen

Georg Cavallar (Geb. 1962)
Georg Cavallar (Geb. 1962)

Ein Beleg seiner beabsichtigten Vorgehensweise für eine leserfreundliche und verständnisfördernde Begriffsklärung in diesem Essay ist beispielsweise die Gedichtinterpretation zu Kants „Der Affe – Ein Fabelchen“ aus dem Flaggschiff der Aufklärungs-Flotte „Berlinische Monatsschrift“ von 1784. Dadurch werden Klischees und Zerrbilder nachvollziehbarer zurechtgerückt und fokussiert als durch theoretisierende Termini. Eine weitere Verständnishilfe bietet seine Aktualität mit „Gegenwartsrelevanz“, die sich etwa an der viel diskutierten, aber zu kurz gegriffenen These vom „Gewalt-Dämon“ Islam erweist. Dagegen sei eine „kritische Analyse unseres kausalen Denkens“ zu setzen.
Gegen anderslautende Anschauungen konstatiert Cavallar, dass der Transformationsprozess der europäischen Aufklärung stärker theologisch geprägt war und in der Methodik zu einer Trennung von Theologie und Geschichtswissenschaften tendierte. Die religiöse Aufklärung wird am interessanten Teilaspekt der Kant’schen Radikalisierung in dem Sinne konkretisiert, dass er an die Wurzeln geht.
Nach einer Befunderhebung zeigt der Autor im 2. Kapitel die Grenzen der überzogenen „Vernunftgläubigkeit“ auf.

Aufgeklärtes Denken mit Humor, Satire und Zynismus

Immanuel Kant - Beantwortung der Frage - Was ist Aufklärung - Glarean Magazin
Philosoph Kant in seiner „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ vom Dezember 1783 in der „Berlinischen Monatsschrift“ (1784): „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. […] Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Im dritten Abschnitt sind Humor, Satire und Zynismus ebenso unverzichtbarer Bestandteil dieser Denkart und ermöglichen einen Perspektivenwechsel zur Abwehr von Aberglauben, Fanatismus oder Vorurteilen. Der aktuelle Bezug ist nicht zu überlesen. Selbst in der Moral, Ethik oder im Recht gebe es keine Einheitssprache für eine eindeutige Verständigung. Kants Frage: „Was ist Aufklärung?“, oder von Blochs Philosophie, an deren Ende eine Provokation steht, nämlich: „Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende“1 gelten nach wie vor.
Aufklärungsprozesse fänden gemeinschaftlich und öffentlich statt, deswegen seien alle Urteile auf dem „Forum der kritischen Vernunft“ zu überprüfen. Da sie dem Zweck der Mündigkeit dienen soll, sei auch Selbstkritik unabdingbar vorauszusetzen.

„Was kann ich wissen?“

Was Cavallar als Positivum festhält, ist, dass die europäische Aufklärung immerhin die „vielleicht wichtigste“ aller Fragen stellte, die da heisst: Was kann ich überhaupt wissen? Häufig habe es „zutreffende Antworten“ in den drei vergangenen Jahrhunderten gegeben, doch es würden andere weiterhin zu diskutieren bleiben.

FAZIT: Georg Cavallar meint in seinem Philosophischen Essay „Gescheiterte Aufklärung?“, dass der Mensch die Schwachstelle der Aufklärung sei und bleibe. Deshalb bleibe es fragwürdig „pauschal von einem ,erleuchteten Bewusstsein‘ zu sprechen“. (S. 190) Das Ergebnis dieses kompakt und umfassend gearbeiteten Essays klingt auf dem Hintergrund des bisherigen abendländischen Bildungsniveaus nach dem gesunden Menschenverstand und somit nach einer simplen Erklärung für den ewig andauernden Prozess des aufklärenden Denkens. Was es wohl auch sein muss, wenn wir nicht in „beliebiger Subjektivität verhaftet“ (S. 95) bleiben wollen.

Cavallar: Weil Ideale zu keinem Zeitpunkt vollständig verwirklichbar seien, könnten sie auch jederzeit scheitern. Die „Aufklärung“ wird folglich ein Kampf gegen eine vielköpfige Hydra bleiben. Ziel könne nur sein und müsse bleiben, dass der Mensch „sich nicht als Vernunftwesen“ aufgibt. Cavallar selbst ist der Auffassung: „Das zentrale Problem sind daher die Menschen, die etwa aufklärungsunwillig oder -unfähig sind, nicht die Aufklärung selbst.“ (S. 186)
Mit dem Bild von der Gartenarbeit – kultivieren, pflegen, vervollkommnen, hoffen – wird die Argumentation noch einmal pragmatisch. Ein Zitat aus dem einstigen Kultfilm „The Big Lebowski“ beendet den Essay. Frei übersetzt: „Komm, lass uns kegeln gehen.“ Das ist eine angewandte aufgeklärte Nutzanwendung…♦
1 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1974

Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung? – Ein philosophischer Essay, 202 Seiten, Kohlhammer Verlag, ISBN 978-3-17-035482-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Aufklärung auch über
Carsten Priebe: Eine Reise durch die Aufklärung (Die Ente von Vaucanson)

… sowie zum Thema Kulturgeschichte über
Alessandro Baricco: Die Barbaren – Die Mutation der Kultur

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Heiner Brückner: Vom Himmlischen (Literatur-Essay)

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Vom Himmlischen

Synoptische Betrachtung dreier motivähnlicher Lyrikpublikationen

von Heiner Brückner

I. Einführung, Motivation

Nachdem ich „Baustellen des Himmels“, den aktuellen Gedichtband von Harald Grill, entdeckt hatte, war mir die Assoziation zu Jan Wagners „Probebohrung“ sofort präsent. Zwei unterschiedliche Lyriker, was Alter, Sprache und Themen betrifft, zeichnen ein offensichtlich motivähnliches Bild. Der eine 2001 als Debütant, der andere 2017 nach über 60 Jahren, in denen er „einfach“ (in des Wortes doppelter Bedeutung) gelebt hat, indem er mit dem Rucksack ohne Hotelbuchungen auf beiden Beinen auf Landerkundung gegangen ist und in Rundfunkreportagen und Einzelveröffentlichungen seine Wegpoesie zum Ausdruck brachte: „einfach gehen“, „auf freier strecke“ und so weiter waren seine Titel. Ich wollte dahintersteigen, wie poetisch fühlende Autoren das Thema bearbeitet haben.

Harald Grill - Baustellen des Himmels - Gedichte - Pongratz - Glarean MagazinIch denke bei Himmel an: Glauben, Gottes Ort, Horizont, Erde und Himmel, Religion, Kirche. Bei Religion an Erklärungsexperimente für die Bindung des Menschen zu seinem Urheber, seinem Ursprung, seiner Herkunft, zu der er naturgemäss in einer Art genetischem Bezug stehen wird. An die Beziehung und das Verhältnis der Spannung zwischen dem Allmächtigen und den Sterblichen.
Baustellen sind für mich vorrangig etwas Vorhandenes, das repariert oder korrigiert wird. (Selbstverständlich sind Baustellen auch dort, wo ganz neu gebaut wird. Aber das geschieht in der Regel auf vorhandenem Grund.) Die Pläne werden von Individualisten gefertigt, die daran Anstoss nehmen, nicht vom ursprünglichen Verursacher oder Schöpfer. Lücken sind zu schliessen, Löcher zu füllen, abzudichten, Mauern, Halterungen neu zu errichten.

Jan Wagner - Probebohrung im Himmel - Gedichte - Berlin Verlag - Glarean MagazinUnter Dichtung verstehe ich vorrangig eine Beschreibung des Umfassenden im Alltäglichen, Kleinteiligen, das mich umgibt. So gesehen sind beide menschlichen Urbedürfnisse verschwistert.
Ich hoffe bei meinem Vergleich eine Erkenntnis über die Versuche zu finden, wie man sprachlich der transzendenten Dimension menschlichen Seins näher kommen könnte. Wie ist es bei den beiden genannten Schriftstellern der Fall?
Bei Harald Grill scheint der religiöse Hintergrund ohne Umschweife offen sichtlich in Wort und Bild durch.
Beim Lyrikdebüt Jan Wagners ging es dagegen in erster Linie um sprachliche Bilder als Impulsmetaphern zum Weiterdenken. Offenbar spricht er von sich selbst, doch seine Bilder des „Lyrischen Stilllebens“ (siehe „nature morte“: ein Fisch auf Zeitungspapier) zeigen auch für uns Wiedererkennbares. Das weckt Lust zum Vergleichen, regt an zum Mitdenken.
Ich beschränke mich bei dieser Betrachtung auf sein titelgebendes, drittes Kapitel des Bandes „Probebohrung im Himmel“.

100 Gedichte über den Himmel

Anton Leitner - Der Himmel von morgen - Gedichte - Reclam Verlag - Glarean MagazinZwischenzeitlich bin ich auf eine aktuelle Publikation mit dem Titel „Der Himmel von morgen“ gestossen. Sie ist in gewisser Weise die Summe zu meinem Motto. In der von Anton G. Leitner herausgegebenen Anthologie wird das Thema in circa 100 Gedichten behandelt. Sie gewährt einen Blick in die diesbezügliche zeitgemässe Lyrik.
Darin überwiegt profanes, laienhaftes, literarisches Sprechen. Der Mensch wird als wertoffenes, anthropologisch schöpferisches Wesen aufgefasst, das sowohl sein inneres wie sein äusseres Erleben und Erleiden darstellen und mitteilen möchte. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass auch das Wort „Schöpfung“ eher vermieden wird, um sich nicht womöglich als Kreationist abstempeln oder festlegen zu lassen.
Im christlichen Verständnis wäre Reden von und mit Gott ein Schritt mehr, nämlich die in Gedanken und Worten geäusserte Bejahung mit allen Fasern des personalen Existierens dem Transzendentalen anvertrauen zu können, weil es ihm zugewandt erfahren wird. Verstärkt würde dieses bekennende Gefühl durch die Teilhabe an der Gemeinschaft der Gläubigen und die Anerkennung der verheissenen Zuwendung des Schöpfers.
Ich stelle die drei Bücher einzeln vor und fasse dann zusammen.

II. Harald Grill: „baustellen des himmels“

Harald Grill - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Harald Grill

Der Titel „Baustellen des Himmels“ verheisst ein selten bedichtetes Thema. Die Gedichte selbst beinhalten diesen Titel kein einziges Mal expressis verbis, wie das ansonsten gegenwärtig gängige Praxis der Verlage zu sein scheint. Aber der Himmel wölbt sich über jedes Gedicht und spricht den Leser aus nahezu jedem an. Das nenne ich eine gekonnte Themengestaltung. Jedes einzelne beschränkt sich mehr oder weniger auf ein reales Bild, das Harald Grill gelungen metaphorisch nach vielen Seiten durchleuchtet und feinsinnig formuliert. Und zwar in einer prägnanten und präzisen Sprache, direkt und gefühlt immer aus dem Herzen des Menschen gesehen. Gedichte sind nach seiner Anschauung angelehnt an Träume. Das kennen wir von seinen Dialektgedichten, aber auch hier in der Hochsprache führt seine spartanische Knappheit, lenkt sein dezentes Andeuten, das sanfte Antippen zu neuen, tieferen Denktipps und Gefühlsschichten.
Aussagen, die thematisch nach meinem Verständnis am deutlichsten themenrelevant sind:
Bereits das erste „Besuch im Kloster“: Dreieinigkeit vermenschlicht: Die Göttlichkeit muss vor den Fussgängern am Zebrastreifen, den das Licht in den Kreuzgang des Klosters wirft, anhalten. Neben dieser frappierenden Metapher fällt die sinnige Folgerung auf: Gott Vater, Sohn und Geist sind offenbar in einer Limousine unterwegs, also auf den Strassen dieser Erde. Aber eben auch nicht barfuss in Sandalen.In „Schick mir ein Foto“ wird der Himmel als eine „andere Art von Hölle“ bezeichnet.

Respektvoll strahlender Glanz

Harald Grill wurde 1951 geboren, wuchs in Regensburg auf und lebt seit 1978 in Wald im Landkreis Cham in der Oberpfalz. Er war Pädagogischer Assistent und ist seit 1988 freier Schriftsteller und Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. 2000/ 2001 unternahm er zwei Spaziergänge, einmal vom Nordkap her und danach von Syrakus zu Fuss nach Regensburg, für das Projekt „Zweimal heimgehen“. Von Juli bis November 2015 reiste er durch Rumänien und Bulgarien bis Odessa. Grill hat Prosa, Gedichte, Kinderbücher und Nachdichtungen publiziert und arbeitet fürs Theater, Radio und Fernsehen. Mit verschiedenen Kulturpreisen und Stipendien wurde er ausgezeichnet. Eine ausführliche Bibliographie ist u. a. auf Harald Grills Homepage zu finden.

Eine Botschaft ohne Biss vermittelten „Barockkirche(n)“, weil sie in Goldpapier eingewickelte Pralinen bleiben. Auch das lese ich als amüsante kritische Anmerkung zum halbherzigen Verhalten kirchlicher Gepflogenheiten und gleichzeitig als nostalgische Erinnerung süsserer Zeiten.
Schliesslich noch „Vor dem Einschlafen“: Es gibt am „Rand der Steilküste meiner Welt“ ein Spanntuch zwischen Himmel und Erde. Die Ähnlichkeit zum Springtuch, das Retter in höchster Not ausbreiten, ist vorhanden. Jedoch das Tuch bei Grill ist bereits gespannt, aufgehalten von unsichtbaren Händen.
Harald Grill verleiht seinen lyrischen Bildern einen respektvoll strahlenden Glanz, indem er Gott in die Welt der Menschen integriert und ihm dadurch Menschlichkeit attestiert. Das gibt den Gedichten langen Nachhall und intensive Nachhaltigkeit.

III. Jan Wagner: „Probebohrung im Himmel“

Jan Wagner - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Jan Wagner

Wagners Gedichte formulieren knapp, aber poetisch flüchtige Augenblicke in einer Melange aus wohlüberlegter Sachlichkeit und Erkenntnisfunken einer im Alltäglichen transzendent aufblitzenden emotionalen Magie. In dem betreffenden mit der ungenauen Ortsangabe titulierten Gedicht „Hamburg – Berlin“ kommt für mich dieses Dahinter-Sehen und darin Erkennen-Können am deutlichsten zutage. Er sieht zwei Windräder und sieht auch, dass sie „eine probebohrung im himmel vor“(-nehmen). Und: „gott hielt den atem an“ – und ich hielt ebenso inne, um zu staunen und nachzudenken. Probebohrungen werden gewöhnlich in den Boden gerichtet, um nach Wasser für Brunnen oder Öl- und Gasquellen zu erforschen. Auch Bohrungen zum Erdkern hin werden unternommen. Jedenfalls kann nur dort ein Loch erstellt werden, wo eine feste Grundlage zum Durchbohren vorhanden ist. (Das „tiefste (zugängliche) Loch“ auf der Erde wurde bei einem kontinentalen Tiefbohrprojekt [KTB] in Bayern bei Windischeschenbach nördlich von Weiden in der Oberpfalz als Kontaktzone zweier grosser Kontinentalschollen erbohrt).

Das nach oben, in die Luft, in unfesten Stoff gerichtete Bohren im Gedicht von Jan Wagner ist für den ersten Eindruck ein Stochern im Nebel – oder menschliches Bemühen, in die Nähe des „Himmels“ zu gelangen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob das zu ökologischen Zwecken oder aus sonstigen Gründen geschieht. Beim zweiten Gedanken erschliesst sich eine völlig neue Dimension, die unsichtbare Bohrkerne zutage fördern könnte – wenn man sich auf sie einlässt.
Während einer Zugfahrt an der Strecke zwischen Hamburg und Berlin hat der Autor diese Beobachtung gemacht. Windräder als Zeichen für Besinnung auf natürliche Energiegewinnung, Reduktion der Ausbeutung, negativ: zu überdimensioniert, nicht landschaftsgemäss etc. Es muss gearbeitet werden, ökologisch. Das ist eine doppelte Baustelle.

Firmament und Himmel gehören zur Erde

Jan Wagner wurde geboren 1971 in Hamburg und lebt seit 1995 in Berlin. Er ist Lyriker, Übersetzer englischsprachiger Lyrik sowie Essayist. Mit dem Gedichtband „Probebohrung im Himmel“ debütierte er 2001. Für seine Gedichte, die für Auswahlbände, Zeitschriften und Anthologien in über dreissig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse (2015) und den Georg-Büchner-Preis (2017). Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, der Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie des P.E.N.-Zentrums Deutschland.

Hier ist eine der beiden Stellen auf circa 70 Seiten, an der Jan Wagner das Wort „Gott“ gebraucht. Man kann die Windräder also durchaus religiös deuten. Weswegen auch immer der Schöpfer die Luft anhalten mag. Aus Furcht vor dem Eingreifen der Menschen ins All? Aus Staunen über den Einfallsreichtum menschlichen Geistes?
Spätestens beim darauf folgenden Gedicht „Quedlinburger Capriccios“ wird die Denkweise logisch legitimiert. Bei Starkregen in der Quedlinburger Gegend sieht er Tauben auf dem First  des Quedlinburger Doms, eine Verknüpfung zum Himmel erscheint im doppelten Grau. Firmament und Himmel gehören zur Erde und zum Menschen, sie bewegen einander und sollten zusammengehalten werden als „Nieten“ für „… schieferdach und himmel …“
Das gelingt meines Erachtens nur einem, der das Staunen über die allumfassende Dimension des Überirdischen im Weltlichen nicht verlernt, sondern neu beziehungsweise anders entdeckt hat. Indirekt, durch die Wörter, ist Wagners Dichtung eine Verneigung vor den Naturgewalten, die wissen, dass Menschen sie nie fassen werden. Diese Macht bleibt indifferent, sie wird keiner Ursache und keinem Verursacher zugeordnet. Doch jene scheint stärker als die der Kreatur.
Eine sanfte Kritik am Bestehenden kommt im Gedicht „Im Norden“ auf: Die Kirchen blicken dort „… trotzig in den himmel,/wartend darauf, dass gott als erster blinzelt“.

IV. Anton G. Leitner: „Der Himmel von morgen“

Anton Leitner - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Anton G. Leitner

Die Auswahl der 100 Gedichte in „Der Himmel von morgen“ und das Thema tragen unzweifelhaft die Handschrift des Herausgebers Anton. G. Leitner, der auch die Lyrikzeitschrift „Das Gedicht“ initiiert hat. Daraus hat er (vorwiegend aus dem Band 25 „Religion im Gedicht“) thematisch passende Gedichte gesammelt und gibt mit seinem eigenen Beitrag „Der Tod“ die Richtung vor. In seinen Lyriktexten schreibt er im Allgemeinen so, als seien Wörter Assoziationswogen und Denkwellen, die er in einem bewegenden Rhythmus schaukeln und überschwappen lässt. Formal finden sich nur drei gereimte und metrische Gedichte. Ansonsten herrschen lockerer Rhythmus und freie denkerische wie gestalterische Vielfalt vor.
Die Anthologie ist als Querschnitt zeitgemässer Lyrik zum Thema „Gott und die Welt“ anzusehen. Darin zeigt sich ein Aquarellbild hinter entfernendem Schleier, eine Generation des Übergangs in hoffender teils enttäuschter Erwartungshaltung. Sowohl die Hoffenden als auch der Erhoffte seien erschöpft. Immerhin sind das Aussagen und nicht allein Vermutungen oder Revolte gegen Bestehendes. Eine theologische Sammlung oder solche Ambitionen hegt die Sammlung nicht. Es geht um Bekenntnisse von 90 zeitgenössischen Lyriker/innen.
Auszug: Gerald Jetzek: ironisiert im „Ökonomischen Konzil“, dass er zu wissen glaube, warum „Glauben wichtiger ist als Denken“. Judith-Katja Raab ist mit dem „Ketzerischen Credo“ vertreten, Georg Langenhorst mit „Thomaszweifel“. Lutz Rathenow will mit dem „Schöpfer“ reden. Tanja Dückers wird sinnlich beim „Kuscheln mit Gott“.
Wenn so der „Himmel von morgen“ aussehen soll, dann ist nur ein Nebelvorhang zu sehen, wohingegen der barocke Himmel auf Erden fröhlich und strahlend gestaltet worden ist. Der Anthologie-Titel ist dem zweiten Vers des Gedichtes „Bauplan, blassorange“ von Sabine Minkwitz entlehnt. Auch hier taucht die „Baustelle Himmel“ auf.
Ich will aber nicht spekulieren, wie das gedeutet werden könnte. Einige Kernaussagen aus der Anthologie sollen für sich selbst sprechen.

Moderne Lyrik des Unbeschreiblichen

Anton G. Leitner wurde 1961 in München geboren. Der examinierte Jurist ediert seit 1993 die Jahresschrift „Das Gedicht“. Seit 1984 ausserdem mehr als 40 Anthologien vor allem für die Verlage dtv, Hanser, Goldmann, Reclam, Sankt Michaelsbund. Neben herausgeberischen Tätigkeiten veröffentlichte Anton G. Leitner bislang elf eigene Gedichtbände, drei Hörbücher, zahlreiche Essays, Kritiken, Kurzgeschichten, eine Erzählung und ein Kinderbuch. Er ist Mitglied der Münchner Turmschreiber und der Valentin-Karlstadt-Gesellschaft. Vielfach wurde er ausgezeichnet, neben anderen 2016 mit dem „Tassilo-Kulturpreis“ der Süddeutschen Zeitung.

„Der Himmel von morgen“ ist in vier Abschnitte untergliedert.

I. Über Gott schweigen eingedenk der Leiden und des Unlogischen:
logisch; Kopfgespinst; erschöpft vom Hoffen; Gott sei nicht zu ändern, also schweigen. Kutsch hegt „Einsicht“; ökonomisches Konzil; ketzerisches, kapitalistisches Credo; Thomas-Zweifel; Der Alpha-bete.

II. Die erinnerte Oma-Frömmigkeit mit den einzigen drei gereimten Gedichten entsprechend der vergehenden Generation:
ein Tauflied etwa (gereimt) und tierische Gebete, ebenso das Lob der Beichte (gereimt), Wasserläufer, tierisches Arche-Gebet, Karpfen-Weihnachtsgebet (gereimt) sowie Kommunionerinnerungen.

III. Glaubenseintopf mit Religions-Allerlei (allerdings ohne Rezept):
Als Gebet sei das Wort Gott allen gegönnt. Die Götter sind darauf bedacht, sich nicht zu nahe zu kommen. „Ein Fünfter“ [= theologische Botschaft:] Gott will Neues erfahren – „in mir“ (Grengel). Suche nach der Perle des Himmelreiches. Bekreuzigung der Fussballgötter. Erschöpft vom Erschaffen (teils gereimter Rap) und „Der Erlöser schweigt“.

IV. Am Ende wird alles gut:
Sinnieren; saumselig meditieren. „Wer Sterne zählt, verzweifelt“. „Selig, denn sie glauben nicht.“ Jonas Walfischbauch als Heimat (Jan Wagner). Finnisches Nordlicht scheint ins Gesicht. Nachklang des Kreuzes; Papiergeläut; Psalm über „luft gott luft“; die Gnade des Loslassens. Der Tod: sich mit dem „Nichts in blinder Erwartung“ anfreunden (A. G. Leitner). „Bauplan, blassorange“. Nach der Erschöpfung sei dem Herrn eine Pause gegönnt, um neu zupacken zu können.

Zusammengefasst: Die Mehrzahl dieser ausgewählten modernen Lyriker windet sich um das Unbeschreibliche, indem sie ihre religiöse Anamnese sprechen lassen. Eine direkte Ansprache Gottes, wie in der Form des Gebets, ist nicht zu finden, es sei denn in retrospektivem Blickwinkel. Man erwartet Gottes Handeln ohne eigenes Zutun. Das mag der gängigen Denkweise der gegenwärtigen Generation entsprechen.

V. Zusammenschau

Um dem Grundtenor auf die Schliche zu kommen, habe ich unter anderem zwei themenrelevante Begriffe konkordanzmässig in Augenschein genommen. Die ausgewählten Termini „Schöpfung, Schöpfer, Himmel“ sind keinesfalls repräsentativ zu verstehen und sie eignen sich nicht zuallererst als poetische Wortwahl. Ich benutze sie lediglich als Zufallsproben, als Testkriterien, zumal ohnehin keiner der betrachteten oder zitierten Lyriker den Anspruch der Christlichkeit reklamiert oder unter dem Aspekt veröffentlicht hat. Meine Recherchen erheben ebenso wenig wissenschaftlichen Anspruch. Sie sind die Sichtweisen durch die Linsen eines der Lyrik zugeneigten Lesers. Was findet sich bei der Suche nach relevanten Aussagen? Es sind drei Nennungen von „Schöpfung“ in der Anthologie von Leitner, bei Grill keine einzige, bei Wagner eine. Der Begriff „Schöpfer“ ist in der Anthologie zweimal erwähnt. Weiterhin ist folgende Häufigkeit festzustellen: In den etwa 40 Seiten von Harald Grills „baustellen des himmels“ kommt der Himmel sechs- und Gott viermal vor. Bei Jan Wagners „Probebohrung im Himmel“ taucht auf den circa 70 Seiten Gott dreimal auf, der Himmel 18-mal. In Leitners circa 110-seitiger Anthologie „Der Himmel von morgen“ ist der Himmel etwa 16-mal und Gott gut 30-mal zu zählen. Dabei ist zu beachten, dass in den wenigsten Fällen Himmel als das paradiesische Jenseits gemeint ist, sondern meistens als Firmament oder als Ausruf gebraucht wird. Im Ergebnis ist das ein eher sparsamer Umgang mit den Zielbegriffen.

Vererdlichung des Jenseits

Die Autoren verwenden die gängigen Wörter als geläufige Bilder und sind im Übrigen bemüht das Jenseits zu vererdlichen, wobei sie es nicht nach den Massstäben des Menschenauges ausmalen wollen, um es göttlich sein oder werden zu lassen, wie etwa die barocken Baumeister in ihren ausgeschmückten Gotteshäusern. Jene holten den Himmel wesentlich bildkräftiger in die Welt der Menschen hinein. Dadurch wird eine Vielfalt individueller Vorstellungen erreicht, die Toleranz und Demokratie suggerieren. Die einheitliche Linie zur orientierenden Auseinandersetzung fehlt. Allenfalls ein Trend zu lockeren Denkweisen und Gottes Einbeziehung als „Macher“ ist zu erkennen.
Gelegentlich ringen einige Autoren nach zeitgemässen Synonymen. Ihre Baustellen sind aber offensichtlich noch lange nicht so weit fortgeschritten, geschweige denn fertiggestellt, dass die Einweihung eines neuen verbindlichen Sprachgebäudes von Gott im Himmel verkündet werden könnte.
Lyrisches Reden von Gott und Himmel in den genannten zeitgemässen Gedichten ist mit der Metapher „Baustellenmodus“ lyrisch treffend beschrieben. (Die Bereiche Esoterik und Meditation etc. wurden hier bewusst nicht berücksichtigt). Der Tenor in den berücksichtigten Gedichten sind irdische Poems, nicht himmlische oder religiöse Psalmodien. ♦

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Johann Voss: Warum noch Gedichte?

Weitere Internet-Beiträge zum Thema Lyrik und Religion:

Alessandro Baricco: Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur

Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Qualitäten der Veränderung

von Heiner Brückner

Die Ideen des schriftstellerisch sehr agilen Turiners Alessandro Baricco in seinem neuen Sachbuch „Die Barbaren“ spielen Pingpong. Ist es richtig oder nicht oder ist doch etwas dran, an dem, was aus dem Blätterwald und der globalen Medienmaschinerie zwitschert? Die Barbaren seien da, überall. Ein Genozid stehe uns bevor. Wir würden unterwandert.

Der Autor wollte die Invasoren sehen, ihre Taten erkennen. Täglich schrieb er eine Kolumne darüber oder dazu und brachte sie in der Zeitung „La Repubblica“ heraus. Das Phänomen beschäftigte ihn dermassen, dass er 30 solcher Glossen zu einem Essay gebündelt hat und in ein Buch pressen liess, von dem er schreibt, dass es „vor nichts zurückschreckt“ und ein „Essay über die Ankunft der Barbaren“ sei. Das könnte man irgendwie gesellschaftspolitisch auffassen. Aber die Kunst des Kolumnisten besteht darin, anhand der Infizierung des Kulturlebens das Politische einzubeziehen, ohne es explizit zu benennen. Somit enthält er sich der Meinungsmache.

Was so alles geschieht auf dem Globus

Alessandro Baricco - Die Barbaren - Über die Mutation der Kultur - Hoffmann und Campe - Rezension Glarean MagazinWas so alles geschieht auf diesem Globus, den einige derer, die ihn bewohnen, Erde nennen, und den jene, die darauf hausen, zum Spielball ihrer Überlebensstrategien oder ihres exaltierten Machtstrebens gestalten – das will der italienische, musisch angehauchte Philosoph Alessandro Baricco durchschauen. Er macht sich in diesem Sachbuch an ein Mammutunterfangen, denn gesellschaftliche Veränderungen innerhalb einer Kulturgeneration auch nur im Ansatz erfassen zu wollen, ist nahezu niemandem gelungen. Wie will ein Journalist aus Lust an der täglichen Denkvermittlung für den Leser von La Repubblica das schaffen? Das allein dürfte ebenso ein barbarischer Akt sein. Hat er womöglich mit seinen Folgen einer Durchdringung kultureller Erscheinungsformen unserer globalen Welt jemanden beeinflusst oder etwas bewirkt?

Diese Fortsetzungsgeschichten wollen kein Roman sein. Sie beschreiben lediglich nach Autoransage die unausweichlichen Veränderungsfolgen: Die Barbaren sind im Anmarsch und mit ihnen – gefühlt – die Apokalypse. Im Plauderton baut er Lesererwartungen auf, die er nach und nach in zwei, drei Sätzen zur Entspannung führt. Für ein Sachbuch wird meines Erachtens sehr viel um die Sache herum erzählt und lenken direkte (virtuelle) Leseranreden scheinbar vom Thema ab.

Revolution oder Invasion?

Geb. 1958 in Turin, Studium der Philosophie und Musikwissenschaft, anschliessend in der Werbebranche sowie als Journalist, Schriftsteller und Herausgeber tätig, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet: Alessandro Baricco
Geb. 1958 in Turin, Studium der Philosophie und Musikwissenschaft, anschliessend in der Werbebranche sowie als Journalist, Schriftsteller und Herausgeber tätig, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet: Alessandro Baricco

Wie das aussieht, wie sich das auswirkt? Ich lese mit Luchsaugen weiter. Das neue Duell scheint nicht um strategische Positionen zu streiten, sondern will „die ganze Landkarte verändern“. Es scheint eine einfache Schlussfolgerung zu sein, doch das Wie ist der interessante Hauptteil dieser barbarischen Sachgeschichten.
„Die Genialität der Barbaren“ sei eine absonderliche Qualitätsvorstellung. Qualität – auf dem Buchmarkt etwa – verlagerte sich vom Wert des Autors auf die Wertigkeit beim Leser. Klingt das nach Revolution oder Invasion? Märkte befriedigten Bedürfnisse, sie schaffen sie nicht, behauptet Baricco. (Das lässt mich aufmerken: Denn, wenn ich einen Gedanken weiter denke und mich auf die Ursachen besinne, dann tun sie es doch. Oder „promoten“ sie die Bedürfnisse nicht, bevor sie sie mit den beworbenen Produkten befriedigen?)

Die Veränderung als Energiestrom

Um die Barbaren verstehen zu können, nimmt er sie ernst und fragt zunächst nach: Wer sind die Eindringlinge? Wir sehen Plünderungen, aber nicht die Invasion. Den Sinnverlust belegt er am Beispiel der (unscheinbaren) Phänomene Wein, Fussball und Bücher.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Europäer Kaugummi zu kauen und die Amerikaner „Hollywood-Wein“ zu trinken. Die verändernde Folge des Weinpanschens nach Einschätzung des Italieners: „Wein ohne Seele“. Soll ich daraus folgern: Welt ohne …? Der Autor hat mich dazu animiert, aber überreden will er mich nicht zu seiner gedankenspielerischen Sichtwiese. Ermuntern will er zu einem erweiterten Blickradius, weil wir im Allgemeinen keine Lust hätten, „etwas besser zu machen“. Wie wäre es die Veränderung als Energiestrom zu begreifen?
Im zweiten Komplex untersucht er in einem aktuellen Google-Porträt das „barbarische Tier“ und schlussfolgert, dass es gegen jede Tradition anläuft. So viele Umrisse hat er durch das Skizzieren „technologischer Neuerungen, kommerzieller Raserei, Spektakularität, moderner Sprache und Oberflächlichkeit“ und nicht sehr viel mehr Konturen zeichnen können. Die Skizze „überschreitet“ vorhandene Qualität mit Neuerungen. Das sei eine Anmassung, denn es „atmet mit Google-Kiemen“. Aber historisch gesehen wird es ein „Durchgangssystem“ bleiben. Für Spektakularität führt er das Kino als Paradebeispiel an.

FAZIT: Alessandro Baricco hält in seinem neuen Buch „Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur“ die Balance zwischen lockerer Besorgnis und gelassener Sachlichkeit. In freundlichem Plauderstil informiert er über eine Sicht auf die kulturellen Veränderungen aller Zeiten. Wer diese Seiten gelesen hat, wird einen Deut realistischer einschätzen können, was die weltweiten Änderungsströmungen verursachen könnten, aber vielleicht doch nicht auslösen müssen. Denn seit Menschheitsbestehen seien es Mutationen gewesen, die den Fortschritt brachten. Lesenswert.

Der fremde Mutant fasziniert durch Verlieren seiner Seele – er verzichtet auf Unterordnung unter das „Wohlwollen einer göttlichen Autorität“. Deswegen könnten Barbaren mit der Seele überhaupt nichts anfangen. Er exemplifiziert das Seelenleben als Spiritualitätserfindung des 19. Jahrhunderts an der klassischen Musik. Sie gelte als „präziseste Form“ des „Zwischenreichs“ zwischen dem „Menschentier und der Gottheit“. Er pointiert es auf die Frage: „Was kannst du mit Schubert anfangen, wenn du versuchst [wie die Barbaren es tun], ohne Seele zu leben?“ Das ist der Stil, in dem Baricco zusammenfasst und munter philosophisch-witzig in nonkonformen Denkwendungen mit dem Leser über unterschwellige Vereinnahmung unserer Kultur durch die fremdartigen Veränderungen plaudert. Barbaren seien keine „krankhafte Degeneration“, auch sie hätten eine Logik, nämlich die, zu überleben im bestmöglichen Lebensraum. So simpel sei dieses An-Sinnen. Immer wieder blitzt die Methode des Autors durch: das total unkonventionelle Denken und das pfiffige Formulieren seiner Gedanken.

Mutation gleich Fortschritt

Den Epilog verfasst er von der Chinesischen Mauer herab. Will er mit dieser Location einen künftigen Kulturhoheitsraum andeuten? Er redet nicht ein nur ein bisschen schön, um zu relativieren oder zu nivellieren oder gar zu verharmlosen. Er bietet kein veralberndes Kabarett, Slapstick oder Klatsch-Comedy. Er wandert sicher auf dem schmalen Grat geistreich-humoristischer Ironie.
Sehr gerne habe ich mich in dieses Buch auf „die Reise für geduldige Wanderer“ vertieft. Vor allem wegen der lebendigen Sätze, die keinen langen Lektorierungsschliff ausgesetzt worden sind. Positiv schimmert die gelungene Übersetzung ins Deutsche durch alle Zeilen, weil sie ohne unnötige Anglizismen auskommt und „neudeutsche“ Adaptionen vermeidet.

Balance zwischen Besorgnis und Sachlichkeit

In meiner Nutzanwendung gelange ich zu der Schlussfolgerung: Ein bedrohlicher Barbar kann das nicht geschrieben haben. Es muss ein abendländisch aufgeklärter Geist gewesen sein. In diesem Sinne habe ich mich auch nicht durch Lektüre seiner zuvor veröffentlichten Schriften in eine Vereinnahmungsprägung verführen lassen, sondern werde sie sozusagen im Nachgang „bewandern“. Zerstörung ist „geistiger Umbau“, der überrascht, wenn wir die Lasten unserer Erinnerungen noch mit uns herumtragen.
Alessandro Baricco hält in seinem neuen Buch „Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur“ die Balance zwischen lockerer Besorgnis und gelassener Sachlichkeit. In freundlichem Plauderstil informiert er über eine Sicht auf die kulturellen Veränderungen aller Zeiten. Wer diese Seiten gelesen hat, wird einen Deut realistischer einschätzen können, was die weltweiten Änderungsströmungen verursachen könnten, aber vielleicht doch nicht auslösen müssen. Denn seit Menschheitsbestehen seien es Mutationen gewesen, die den Fortschritt brachten. Lesenswert. ♦

Alessandro Baricco: Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur, 224 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-40580-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kulturgeschichte auch den Essay von Rolf Stolz: Die Kultur-Utopie Europa

…sowie über Rudolf Grosskopff: Unsere 60er Jahre

Weitere Internet-Artikel zum Thema Kultur & Geschichte

Jörg Schieke: Antiphonia (Gedicht)

Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Dynamische Lebensuhr am Ticken gehalten

von Heiner Brückner

Die Lyrik in „Antiphonia“ von Jörg Schieke ist kein Lied zur Laute gezupfter, melodischer Reimlaute, sie ist eher das Trommelfell einer Pauke, auf der sämtliche Wohllaute und Disharmonien geschlagen werden.
Das Lyrische Ich übernimmt in diesen Gegenlauten eine gegenwartsnahe, mehrnationale Exempelfamilie mit programmatischen Vornamen – etwa Heinrich (respektive Heiner), oder auch Thorben. Als Allerstes dachte ich an Doktor Heinrich im „Faust“. Doch dann musste ich lesen: „… hat noch in keinem/weiblichen Wesen seine Erkennungsmelodie/hinterlassen….“ Solche Charaktereigenschaften taugen nicht für diese Adelung. Ausserdem wird er bereits in einer der nächsten ungereimten Strophen zum „Fettwanst Heiner“ degradiert.
Im zweiten Kapitel ist er der Erfinder von „Das Antiphon“ und wird zu einer der Hauptfiguren. Das wiederum weckte in mir für einen kurzen Moment den Vergleich mit dem Stimm-Instrument des Oskar in der „Blechtrommel“ von Günter Grass oder an „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider. Andere Vornamen sind Jaqui, das „Ri-Ra-Rasse-Weib“, das sich als „Randaliererin“ entpuppt, oder Haka, ein türkischer Vorname persischer Herkunft. Ansonsten wimmelt es von Mam, Mom, Mum und Dad etc. Eine offensichtlich multinationale Familie ist hier im Entstehen.

Gegensätzlichkeit als Unruhe der Lebensuhr

Jörg Schieke - Antiphonia - Gedicht - Poetenladen - Glarean MagazinDas buchstarke Prosagedicht „Antiphonia“ in sieben Abteilungen/Kapiteln beginnt mit der Geburt, und zwar so, dass ein Paar „aus Liebe drei Kinder veröffentlicht“. Apropos „veröffentlicht“: ein anreizender Einstieg, der aufhorchen lässt und den Leser sofort mitnimmt. Nicht geplant oder gedacht oder gezeugt oder geboren oder in die Welt gesetzt – etwas bereits Vorhandenes wird in die Öffentlichkeit als fertig, erwachsen, reif entlassen, somit zu einer öffentlichen Person. Wird der weitere Verlauf eine Fabel, eine Familiensaga, ein Märchen gebären? Jedenfalls erkennen sich die Personen im Laufe der Entfaltung alle irgendwie und irgendwann wieder. Selbstredend gehören ein Hund und weitere Klischee- respektive Mode-Accessoires der Neuzeit zu diesem Verbund, der sich – Achtung Anti… ! – selbst infrage stellt, widerspricht, aber durch seine dynamische Gegensätzlichkeit als Unruhe die Lebensuhr am Ticken hält. Die ungewohnten Wortkombinationen und -spiele fallen ins Auge, erwecken aber gleichzeitig eine mitdenkende Spannung, die die Kreativität des Autors sehr schnell und mit Leichtigkeit auf den Leser überspringen lässt.

Sprachlich gelungene Lyrik

Nie zuvor habe ich so viele Man- und Allgemeinplatz-Sätze, Aphorismen und Kalendersprüche in einem als Gedicht bezeichneten Werk gefunden. Jörg Schieke setzt sie in einen Zusammenhang, in dem sie ironisch oder satirisch, aber nicht wie Kalauer klingen. Denn ihnen folgen sogleich Verse wie beispielsweise „Der Mond wollte Hakan ein Geheimnis anvertrauen“.
Sprachlich gekonnt, ach was, ich will euphorisch sein: gelungen. Mich begeistern einfach Wendungen wie „Kredit für eine Reise nach Kreta di Mallorca“ oder „Die Wimper in … Schlaf eingepackt“. Nicht weniger: „… aus dem Mac/gebrochene Apfeltaste…“ Jedes Wort ist zu betonen, so wichtig ist es an seinen Ort gesetzt. Schieke schmettert pausenlos ein immenses Sammelsurium an aktuellen Keywords auf das Blick- und Hörfeld. Ich wurde von seinen Schmettersätzen und derartigen Wortsequenzen getroffen und spielte das Match bis zum Ende mit.

„Antiphonia“ kommt mir vor wie die Kindheitswiege, die durch die Zeitenläufe schaukelt, gelegentlich aneckt, um dadurch neuen Drive zu bekommen oder wieder in die Balance gestossen zu werden, bis sie erneut gegen einen Irrwitz stösst, der sie in leicht geänderten Nuancen mit neuem Schwung und Gegenschwung wiegen lässt. Hinzu kommt eine unglaublich vielseitige Themenladung. Man kann dieses Gedichtepos im Flug durchstreifen, aber erfassen wird man es nach mehrmaligem Lesen und Studieren nicht so schnell, zumindest nicht in seiner Komplexität. Es bleibt ein langwährender klingender Tonsatz, komponiert aus dem Gegenwartswortschatz in der Art von Call-and-response-Gesängen. Das Geheimnis um das „Antiphon“ wird erst auf Seite 62 gelüftet.

Die Alltagswelt imaginiert

Jörg Schieke - Autor von Antiphonia - Rezension im Glarean Magazin
Jörg Schieke (Geb. 1965 in Rostock)

Bemüht, möglichst viele Bedeutungsschichten zu fassen, ohne sich besserwisserisch auf eine festzulegen, lässt Schieke dem freien Geist Spielraum, seine Erkenntnis gesellschafts-, weltpolitisch oder menschheitsgeschichtlich zu gewichten. Mir kommt die Forderung Karl Krolows an den Lyriker in den Sinn. Er solle ein „heiterer Zauberer sein, dem eine ganze Welt der Imagination zur Verfügung steht“. Heiter sind Schiekes Verse nicht überwiegend, aber sie imaginieren die Alltagswelt sowie deren Über- oder Hinterwelt und versetzen den Leser, nachdem sie ihn kurz vom Spielfeld gehoben haben, wieder zurück und hinein, allerdings ein, zwei Schritte weiter als zuvor.
Ab dem dritten Abschnitt, nach der Entfaltung der Familienverhältnisse dieser multinationalen und vielcharakterlichen Familie, geht es um Gold, Geld und hochgesteuerte Produktionsprozesse. Kuriose Wortschöpfungen (etwa „Raufasergaleeren“) zeichnen die Geschichte einer total verrückten Familie alias Gesellschaft aus, die nicht erkennen will, dass sie unter „… Zu viel Erinnerung//bei zu wenig Vergangenheit …“ leidet.

Durchkomponierte Prosa-Lyrik

Nach dem Lesen deutet sich das photofreie Cover als prägnante Inhaltsangabe. Drei mal drei Scheiben mit vier Wortringen aus Versen liegen an- und teils übereinander und umschliessen Autorennamen und Titel sowie Untertitel. Die mittlere Schriftfarbe in zartem Wachsgrün, die beiden lappenden in gesetzter Druckerschwärze. Die Scheiben reiben sich, rotieren und revoltieren. Das Titelwort steht kopf, will auf die Füsse gestellt werden. Es könnten aber auch Schallwellen aus Wörtern sein, die sich im Buchstabenmeer konzentrisch ausbreiten wie möglicherweise der Stein der Weisen. Einprägsamer ist die „Antiphonia“ graphisch wohl nicht umzusetzen. Wenn das nicht der endgültige Beweis für eine bis zur letzten Note durchkomponierte Prosalyrik ist, die der Leipziger Poetenladen-Verlag geoutet hat… Wer übrigens einen Auszug von „Antiphonia“ auch klanglich wahrnehmen möchte, findet einen rund dreiminütigen Stream bei Lyrikline.org.

FAZIT: „Antiphonia“ von Jörg Schieke ist ein Prosa-Gedicht-Stück, das in wortschöpferischer Sprachgewandtheit die gegenwärtige Gesellschaft und lebensprägenden Gepflogenheiten abbildet. Wer Gedicht weiterhin als melodische Textform versteht, muss seine Typisierung weglegen, um in den Vollgenuss der neuartigen lyrischen Gestaltung zu kommen.

„Antiphonia“ von Jörg Schieke ist ein Prosa-Gedicht-Stück, das in wortschöpferischer Sprachgewandtheit die gegenwärtige Gesellschaft und lebensprägenden Gepflogenheiten abbildet. Wer Gedicht weiterhin als melodische Textform versteht, muss seine Typisierung weglegen, um in den Vollgenuss der neuartigen lyrischen Gestaltung zu kommen. ♦

Jörg Schieke: Antiphonia – Gedicht, 80 Seiten, Peoetenladen-Verlag Leipzig, ISBN 978-3-940691-93-4

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Andreas Wieland: Mit ausgreifendem Schritt (Gedicht)

… sowie von
Bruno Schlatter: Höhenwegkoller (Gedicht)

Aldous Huxley: Essays Band II – Form in der Zeit

Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Über die Entmenschlichung der Gesellschaft

von Heiner Brückner

Warum sollte man heute noch den Autor Aldous Huxley (1894 bis 1963) lesen? Seine provokanten, nahezu sarkastischen Visionen in „Schöne neue Welt“, dass der technische Fortschritt die Menschheit entmenschlichen werde, sind, wenn man das so sehen will, zum Grossteil verifiziert. Wenngleich die Menschheit sich mitentwickelt hat und sich auch der explosionsartigen Weiterentwicklung der High-Technologie anpassen wird. Das nennt man wohl Evolution.

Aldous Huxley - Essays 2 - Form in der Zeit - Cover - Piper Verlag - Rezension Glarean MagazinThematisch nehmen die Werke des englischen Journalisten, Theaterkritikers und späteren Romanciers, der 1937 in die Vereinigten Staaten ausgewandert ist, vorrangig die Entmenschlichung der Gesellschaft durch wissenschaftliche Selektion, Aufzucht und Normierung von Menschen im Fortschritt der Weltstaat-Gesellschaft in ihren Fokus. Gerade deswegen sollte man die Hintergründe der Denkwelt dieses Visionärs kennen lernen. Eine hinreichende Möglichkeit bieten seine Essays im 2. Band der Reihe, die aktuell der Piper-Verlag veröffentlicht hat. Besonders was die Formen von Literatur, Malerei und Musik seiner Zeit betrifft, während der erste Essay-Band vorwiegend Reiseberichte gesammelt hat. Essays und wenige Gedichte aus Buchausgaben und Zeitschriften von 1923 bis 1971 wurden zusammengestellt. Intensivieren und vertiefen kann der Leser die Texte anhand des mitgelieferten ausführlichen Anmerkungsapparates.

Wirkung und Grenzen der Kunst

Literarischer Visionär und Gesellschaftskritiker: Aldous Huxley (1894-1963)
Literarischer Visionär und Gesellschaftsphilosoph: Aldous Huxley (1894-1963)

Im Vorwort, das nicht nur eine Vorrede ist, sondern bereits als Essay verstanden werden darf, skizziert er die Wirkmacht und Grenzen der drei genannten Kunstformen. Musik und Malerei vermögen die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren auszudrücken. Aber kann das die Literatur ebenso? „Wir können zu gleicher Zeit mehr als eines sehen und mehr als eines hören, doch leider Gottes können wir nicht mehr als eines auf einmal lesen.“ Er habe deswegen vorgezogen, „… tangential, über Kunst zu schreiben“. Der Gegenstand der Poesie müsse aus dem „inneren Sein“ des Dichters kommen, auch wenn sein Universum „nur eine kleine Provinz“ beanspruchen kann. Seinen Geist stützt er beim Schreiben auf eine Sammlung guter Bücher.
Huxley ist stets bemüht in den Essays die Sicht der gesellschaftlichen Entwicklung über den Zeitgeist hinaus in der Zukunft ins Visier zu nehmen. Das Chaos, in dem das Gegenteil endet, hat er in seinen Romanen veranschaulicht. Vor allem in der „Schönen neuen Welt“(1932). Dort entwickelte sich aus reinem Vergnügungs-Interesse eine Orgie, an deren Ende der Protagonist nach dem Aufwachen Suizid begeht.

Verständlich erklärt und brillant geschrieben

Nicht nur seine Denkart als Schriftsteller bringt er uns näher, er vermittelt auch die Basics einer Theorie von Literatur und Kunst, indem er verständlich erklärt und brillant, offen geständig und ungeschminkt vom Gemüt und von der Ambivalenz schriftstellerischen Schreibens und des eigenen sowie des Lesers Anspruch an seine Thematik und Formatik erzählt. Er lässt darin die Eitelkeit des Autors und Kritikverdrossenheit nicht unerwähnt. Nebenbei ist eine exklusive Shortlist einer individuellen Literaturgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts und kritische Anmerkungen bis hin zu Rezensionen bedeutender Werke der Weltliteratur entstanden. Das leistet die Würdigung berühmter Klassiker, aber vor allem auch weniger bekannter Autoren, die Huxley somit in den Rang der Exklusivität erhebt. Nur wenige seien angeführt: Die Italiener, die „aus hundertjährigen Gedenkfeien Lebensfreude“ schöpfen, oder sein Landsmann Edward Lear mit seinem „Nonsense“, der ihm als einer der wenigen „auf eine zweite Lektüre Lust“ macht. Oder der „Wüstling“ Baudelaire als „grosser Philosoph“. Diese Andeutungen sollen genügen, um auf die Sphäre der unbedingten Lesbarkeit Huxley’scher Essays aufmerksam zu machen und darauf, „dass das Leben es wert ist, gelebt zu werden“.

Was ist eigentlich „modern“?

FAZIT: Die in gut nachvollziehbarem und lesbarem Erzählstil, ohne akademisch-trockene Wissenschaftlichkeitsallüren verfassten Essays von Aldous Huxley „Form in der Zeit“ erschliessen den Hintergrund des Denkhorizonts und der Erlebenswelt des Dichters und kommentieren gekonnt subjektiv wichtige Epochen und ihre kulturhistorischen Vertreter in der Literatur, Malerei und (bruchstückhaft) Musik der drei vergangenen Jahrhunderte.

Was für die Literatur gilt, stimme auch für die Bildende Kunst. In diesem Abschnitt gibt Huxley eine Antwort auf die Frage, was eigentlich „modern“ heisst und wer oder was ein Maler sei. Ausgewählt wurden vorwiegend Essays zu Breughel, El Greco und Goya. Und er beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Kunst und Religion am „rätselhaften Fall der Barockkunst und des Katholizismus im 17. Jahrhundert“. Im Barock fühlten sich die Künstler vermutlich „Zur Erkundung des Übermässigen veranlasst“. Am Ende spielten viele, auch gegensätzliche Determinanten die entscheidende Rolle. Selbst im Zeitalter der Atomphysik blühten Astrologie und der Glaube an Zahlen. Huxley gelangt zu dem Schluss, dass Kunst und religiöses Leben eher im Nebenher als in der Verschmelzung existierten.
Am kürzesten fällt die Rubrik über Musik aus. Beethoven habe seines Erachtens Glückseligkeit im „Benedictus“ zum Ausdruck gebracht. Im Allgemeinen sei aber die Wahrheit eines Musikstückes nicht isoliert zu betrachten, folglich auch nicht in Worte zu fassen. „Der Rest ist Schweigen“ – so ein Essay-Titel. Und Gesualdo mit „Variationen über ein musikalisches Thema“.

Die in gut nachvollziehbarem und lesbarem Erzählstil, ohne akademisch-trockene Wissenschaftlichkeitsallüren verfassten Essays von Aldous Huxley erschliessen den Hintergrund des Denkhorizonts und der Erlebenswelt des Dichters und kommentieren gekonnt subjektiv wichtige Epochen und ihre kulturhistorischen Vertreter in der Literatur, Malerei und (bruchstückhaft) Musik der drei vergangenen Jahrhunderte. ♦

Aldous Huxley: Essays Band II – Form in der Zeit, Über Literatur, Kunst, Musik, 336 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50111-8

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Gesellschaftskritik auch das Zitat der Woche:
Von den Deckmäntelchen „Modernisierung“ und Flexiblisierung“