Jean Kleeb: Classic goes Jazz (Klavier-Arrangements)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Geschmackvolle Transformation der Klassiker

von Walter Eigenmann

Puri­ta­ner unter den Klas­sik-Inter­es­sier­ten, womög­lich gar aka­de­misch geschult an einem jahr­hun­der­te­lang ent­wi­ckel­ten Kanon fixier­ter musik­äs­the­ti­scher Vor­stel­lun­gen, kon­ven­tio­nel­ler Hör­ge­wohn­hei­ten und his­to­risch-for­ma­li­sier­ter Kon­zert­mus­ter, dürf­ten ange­sichts der fol­gende Kla­vier-Takte – aus Jean Kleeb: „Clas­sic goes Jazz“ – eini­ger­mas­sen ange­wi­dert die Nase rümpfen:

Jazz-Arrangement der berühmten Schumann'schen "Träumerei" für Klavier von Jean Kleeb
Jazz-Arran­ge­ment der berühm­ten Schumann’schen „Träu­me­rei“ für Kla­vier von Jean Kleeb

Es han­delt sich um die welt­be­kannte, tau­send­fach auf Schall­plat­ten und Kon­zert­po­dien kol­por­tierte „Träu­me­rei“ – aber wo ist Schu­mann? Wo ist die hoch­ar­ti­fi­zi­elle „Nai­vi­tät“ aller sei­ner „Kin­der­sze­nen“; wo die abgrün­dige, ganz und gar unkind­li­che Psy­cho­lo­gie hin­ter die­sen Minia­tu­ren als „Rück­spie­ge­lung eines Älte­ren und für Ältere“, die nur in der ori­gi­na­len Kla­vier­fas­sung auf­schei­nen kann; wo die rhyth­mi­sche und har­mo­ni­sche Raf­fi­nesse der „fal­schen“, gleich­wohl orga­nisch wir­ken­den Beto­nun­gen bzw. Dyna­mi­ken des Ori­gi­nals; wo Schu­manns roman­ti­sche „Desta­bi­li­sie­rung“ des Zeit­li­chen; wo der aus­drück­lich inten­dierte musik-dich­te­ri­sche Aspekt, mani­fes­tiert u.a. im Kon­trast der schlicht-seli­gen Melo­dik und der melancholisch-„haltlosen“ Har­mo­nik; und über­haupt: wo ist der his­to­risch begrün­dende Kon­text die­ses Stü­ckes, gene­riert durch bio­gra­phi­sche Ent­wick­lung, kom­po­si­ti­ons­tech­ni­schen Rei­fe­grad und sti­lis­ti­sche Zeit­ge­nos­sen­schaft Schu­manns? Kurzum: Roman­ti­ker Schu­mann goes Jazz – darf man das?

Schumann goes Jazz – darf man das?

Jean Kleeb - Classic goes Jazz - BärenreiterNatür­lich ist diese Dis­kus­sion, wie­wohl immer wie­der (jetzt auch hier) auf­ge­wärmt, eine uralte, viel­leicht stets von neuem not­wen­dige, aber letzt­lich wohl unfrucht­bare. Denn wieso sollte aus­ge­rech­net in unse­ren kul­tu­rel­len Zei­ten des „Any­thing goes“ die Trans­for­ma­tion, ja Assi­mi­lie­rung der „Klas­si­ker“ tabui­siert wer­den? Und fin­den nicht viele Klas­sik-Muf­fel gerade durch v.a. rhyth­mi­sie­rende „moderne“ Arran­ge­ments berühm­ter Melo­dien zurück zu den Quel­len der Ori­gi­nale? Kann die Patina uralter Stü­cke nicht durch aktu­el­les „Auf­fri­schen“ mit­tels „pop­pi­ger“ Rhyth­mik und Har­mo­nik erfolg­reich weg­ge­pus­tet wer­den? Was ist kul­tu­rell falsch daran, mit­tels „unter­hal­ten­den“ Stil­mit­teln eine Brü­cke zu schla­gen zwi­schen Altem und Neuem?
Wie schon ange­tönt, der hehre Dis­put über sol­che „musi­cal cor­rect­ness“ läuft letzt­lich auf die simple Geschmacks­frage hin­aus – die breite, ohne­hin weit­ge­hend kom­mer­zi­ell deter­mi­nierte Musik­pra­xis bzw. -rezep­tion heut­zu­tage schert sich längst nicht mehr um der­ar­tige kul­tur­his­to­ri­sche, musik­äs­the­tisch inter­es­sante, man­cher­orts aber fast fun­da­men­ta­lis­tisch geführ­ten Auseinandersetzungen.

Jazz vom Barock bis zur Spätromantik

Jean Kleeb - Glarean MagazinBleibt immer­hin – um wie­der zu Jean Kleebs neuem Kla­vier­heft „Clas­sic goes Jazz“ zurück­zu­keh­ren – die Frage nach der hand­werk­li­chen Qua­li­tät sol­cher Trans­for­ma­tio­nen. Und dies­be­züg­lich muss sich „Clas­sic goes Jazz“ nicht ver­ste­cken. Den 13 Jazz-Arran­ge­ments – vom baro­cken Bach-Menu­ett bis zur spät­ro­man­ti­schen Mus­sorg­ski-Pro­me­nade – merkt man durch­aus die genauere Beschäf­ti­gung Kleebs mit den Vor­bil­dern an, etwa wenn ver­sucht wurde, sti­lis­tisch bzw. kom­po­si­ti­ons­tech­nisch wich­tige Ele­mente „hin­über­zu­ret­ten“.

Dies­be­züg­lich nur drei Beispiele:

Imi­ta­tion bei Bach…

…und bei Kleeb:

Homo­pho­nie bei Mozart…

…und bei Kleeb:

Figu­ra­tion bei Chopin…

…und bei Kleeb:

Den Duk­tus des jewei­li­gen „Klas­si­kers“ also zumin­dest annä­hernd zu adap­tie­ren war – über den rei­nen Wie­der­erken­nungs­wert des Melo­di­schen hin­aus – offen­sicht­lich ein Anlie­gen des Arrangeurs.

Die 13 jazzigen Klassiker-Adaptionen in Jean Kleebs
Die 13 jaz­zi­gen Klas­si­ker-Adap­tio­nen in Jean Kleebs „Clas­sic goes Jazz“ klin­gen aus­ge­spro­chen „gut“, sind ori­gi­nell kon­zi­piert, der Kla­vier­satz liegt dabei bequem in den Fin­gern, ist auch schlank und trans­pa­rent gehal­ten, und die von irre­gu­lä­ren Tei­lun­gen weit­ge­hend befreite Rhyth­mik gibt auch dem „klas­sisch“ auf­ge­wach­se­nen Ama­teur-Pia­nis­ten kei­ner­lei Pro­bleme auf.

Davon abge­se­hen sind aber alle Klee­b­schen Klas­sik-Bear­bei­tun­gen durch­aus „pure“ Jazz-Musik (der eher tra­di­tio­nel­len Sorte), mit allen deren typisch-stan­dar­di­sier­ten Ingre­di­en­zien, vom ter­nä­ren Ach­tel über die exzes­sive Syn­ko­pier­ung bis zur Sep­ti­mak­kord-Skala. Aus­ser­dem fin­den sich da und dort in rhyth­mi­scher oder melo­di­scher Hin­sicht wei­tere Stil­rich­tun­gen wie Tango oder Salsa ein­ge­floch­ten, und die­ser Stile-Mix hat durch­aus sei­nen Reiz. Selbst­ver­ständ­lich will Jazz-Pia­nist Kleeb bei alle­dem seine Noten­texte aber nicht als sakro­sankt ver­stan­den wis­sen: das Jazz-urei­gene Moment des Impro­vi­sie­rens und Vari­ie­rens gibt er auch in sei­nem „Vor­wort“ aus­drück­lich als zusätz­li­chen Spass­fak­tor auf den Weg. (Natür­lich wur­den sämt­li­che Stü­cke von Kleeb eigen­hän­dig auf eine Audio-CD gespielt, die dem Noten­heft beliegt).

Schlank und transparent gehaltener Klaviersatz

Anzeige Amazon: Minimal Jazz: 10 piano pieces - Wolfgang Oppelt (Klavier)
Anzeige

Alles in allem: Die 13 Stü­cke von „Clas­sic goes Jazz“ klin­gen aus­ge­spro­chen „gut“, sind ori­gi­nell kon­zi­piert, der Kla­vier­satz liegt dabei bequem in den Fin­gern, ist auch schlank und trans­pa­rent gehal­ten, und die von irre­gu­lä­ren Tei­lun­gen weit­ge­hend befreite Rhyth­mik gibt auch dem „klas­sisch“ auf­ge­wach­se­nen Pia­nis­ten kei­ner­lei Pro­bleme auf. Spiel­tech­nisch ist die Samm­lung etwa auf dem Level „Untere Mit­tel­stufe“ ange­sie­delt, also für eine Viel­zahl auch der Hobby-Spie­ler rea­li­sier­bar. Wer die Ori­gi­nale kennt bzw. schon spielte, geht mit schmun­zeln­dem Augen­zwin­kern an Kleebs Werk, allen ande­ren sei der umge­kehrte Weg „zurück zu den Wur­zeln“ ans Herz gelegt – als heil­sa­mer Kul­tur­schock sozusagen… ♦

Jean Kleeb, Clas­sic goes Jazz, 13 jaz­zige Arran­ge­ments für Kla­vier, Bro­schur mit Audio-CD, Bären­rei­ter Ver­lag, ISMN 979-006-53873-7

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Kla­vier-Arran­ge­ments auch über Susi weiss: Bar-Piano-Arran­ge­ments (Ever­greens)

… sowie zum Thema Cross­over-Musik über Michael Daug­herty: This Land Sings – Auf den Spu­ren von Woody Guthrie

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)