Kenny Garrett: Sounds from the Ancestors (Jazz)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Musik nicht nur von den Vorfahren

von Horst-Dieter Radke

Als ich die neue CD „Sounds from the Ances­tors“ des Alt-Saxo­pho­nis­ten Kenny Gar­rett bekam, war ich gespannt. Der 1960 gebo­rene ame­ri­ka­ni­sche Musi­ker hat mit vie­len ande­ren, die im Jazz Rang und Namen haben, gespielt. Aus­ge­hend vom Duke Elling­ton Orches­tra, in dem er Mit­glied war, und den Com­bos von Fred­die Hub­bard, Miles David und Chick Corea hat er eigene Ensem­bles zusam­men­ge­stellt und andere berei­chert. Die Liste der Ton­trä­ger, auf denen er mit­spielt ist lang. Per­sön­lich berührt mich seine Art von Musik sehr, weil sie bis in meine frü­hes­ten Erfah­run­gen mit dem Jazz zurück­führt. Aber nicht nur…

Jeder Musiker zählt

Kenny Garrett: Sounds From The Ancestors - Audio-CDAls ich mein eige­nes Tran­sis­tor­ra­dio bekam im Alter von 12 oder 13 Jah­ren, eröff­nete sich mir eine Musik­welt, die ich vor­her nicht gekannt hatte. Meine Eltern hör­ten haupt­säch­lich Musik der drei­ßi­ger und vier­zi­ger Jahre, meine Schul­ka­me­ra­den und Freunde das, was damals in den Hit­pa­ra­den ange­sagt war. Mit dem Tran­sis­tor­ra­dio ent­deckte ich beim Such­lauf durch die Sen­der nicht nur die klas­si­sche Musik, son­dern – vor allem abends oder nachts (heim­lich) den Jazz und den Blues.
Daran begeis­terte mich beson­ders, dass plötz­lich die aus­füh­ren­den Musi­ker her­vor­ge­ho­ben wur­den – und zwar nicht nur der eine im Vor­der­grund ste­hende Sän­ger oder Solist, son­dern aus­nahms­los alle. „Sie hören bei der fol­gen­den Num­mer Oscar Peter­son am Piano, Herb Ellis an der Gitarre, Ray Brown am Bass, J.C. Heard am Schlag­zeug und Les­ter Young mit dem Tenor­sa­xo­phon.“ Das waren Ansa­gen – und schnell kannte ich eine große Anzahl von Jazz-Musi­kern und ent­wi­ckelte lang­sam Vorlieben.

Im Zentrum: Das Saxophon

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Unter den Instru­men­ten war es nicht die Gitarre, die ich sel­ber spielte, oder die Trom­pete, die mit Solis­ten wie Louis Arm­strong, Chet Baker oder Miles Davis ziem­lich popu­lär war, son­dern das Saxo­phon, das ich beson­ders schätzte. Der satte Ton des Tenor-Saxo­phons, das ein­dring­li­che Sin­gen des Alt-Saxo­phons oder gar das in den tie­fen Regis­tern röh­rende Bari­ton-Saxo­phon, das mir durch und durch ging, waren meine Favoriten.
Und ver­mut­lich waren es genau diese Effekte, die das Instru­ment für den Jazz prä­de­sti­nier­ten. Les­ter Young und Can­non­ball Adder­ley lagen min­des­tens so häu­fig auf mei­nem Plat­ten­spie­ler wie die Beat­les oder Bob Dylan. Mit mei­nem brei­ter wer­den­den Musik­ge­schmack der fol­gen­den Jahr­zehnte trat der Jazz dann ein wenig in den Hin­ter­grund, wurde aber nie ver­ges­sen und sämt­li­che neuen Strö­mun­gen gern zur Kennt­nis genom­men, wenn auch nicht immer geliebt.

Von allem etwas und doch eigenständig

Kenny Garrett - Saxophon - Glarean Magazin
Ver­trackte Rhyth­men mit unglaub­li­cher Leich­tig­keit: Saxo­pho­nist Kenny Garrett

Als nun die neue CD von Kenny Gar­rett in mei­nen Player kam, wurde ich schon nach den ers­ten Tak­ten wie­der an meine frü­hen Jazz-Hör­erleb­nisse erin­nert. Die „Klänge der Vor­fah­ren“ hör­ten sich für mich neu und alt zugleich an, klan­gen frisch und doch ein wenig nach Stall­ge­ruch, so das ich auf­merk­sam ver­fol­gen musste, was im Ver­lauf der ein­zel­nen Titel passiert.
Ein­gän­gige Melo­dien, fas­zi­nie­rende, teil­weise ver­trackte Rhyth­men, alles zusam­men mit einer unglaub­li­chen Leich­tig­keit gespielt, und Impro­vi­sa­tio­nen, die fes­seln, jedoch sich nie­mals ver­lie­ren – so macht Zuhö­ren Spaß, und nicht nur beim ers­ten und zwei­ten Hören. Ver­schie­dene Stile wer­den genutzt, afri­ka­ni­sche Wur­zeln wer­den deut­lich, ohne dass es allzu sehr nach Ethno-Music klingt, Kuba­ni­sches scheint durch, und auch Rhythm&Blues sowie Gos­pel-Ele­mente wer­den nicht aus­ge­las­sen – aber alles nicht bloß als Zitate, son­dern ver­in­ner­licht. Klänge der Vor­fah­ren? Durch­aus, doch nicht als Pla­giat, son­dern als Ergeb­nis einer lan­gen Tradition.

Melodien, die im Gedächtnis bleiben

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Der Kern von Gar­retts Truppe auf die­sem Album besteht aus Ver­nell Brown jr. (Piano), Cor­co­ran Holt (Bass), Ronald Bru­ner (Drums) und Rudy Bird (Per­cus­sion). Dann und wann greift Gar­rett selbst in die Tas­ten, man weiß aber nicht genau wann, weil immer auch noch ein ande­rer aktiv ist, mit Aus­nahme des sieb­ten Stücks, das auch dem Album den Titel gibt. Das Intro sowie das Outro spielt Garrett.
Auch gesun­gen wird von Gar­rett und eini­gen ande­ren Musi­kern (Dwight Tri­ble, Linny Smith, Chris Ash­ley Anthony, She­he­ra­zade Hol­mann), doch fügt sich die­ser Gesang in die instru­men­tale Musik ein wie ein gleich­wer­ti­ges Instru­ment und nicht wie eine Stimme, die beglei­tet wer­den muss. Die Melo­dien blei­ben schon nach weni­gen Malen des Hörens im Gedächt­nis (was im Jazz nicht selbst­ver­ständ­lich ist). Mir ist es in der Folge einige Male pas­siert, dass ich ein­zelne Frag­mente vor mich hin­ge­summt und – ich will nicht sagen impro­vi­siert, aber doch – vari­ie­rend ver­än­dert habe.

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Was die­ses her­aus­ra­gende und erfreu­li­che Album aller­dings nicht braucht, ist der CD-Begleit­text, der Gar­retts Musik einen über­höh­ten Wert zuge­ste­hen will. Er – und vor allem die Musik – braucht keine über­hö­hende Mys­tik. Sie klingt gut, sie lässt sich spü­ren und erle­ben – und wer mag, kann die­sem hören­den Erle­ben auch eine per­sön­li­che Deu­tung geben. Mehr ist nicht nötig.
Für alle, die den Jazz und ins­be­son­dere das Saxo­phon lie­ben, eine rundum emp­feh­lens­werte Aufnahme! ♦

Kenny Gar­rett (Saxo­phon): Sounds from the Ances­tors (Jazz-Audio-CD), Mack­A­ve­nue, 68 Min.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Saxo­phon-Musik auch über Hans-Chris­tian Del­lin­ger: Strea­ming (CD)

… sowie über Sieg­meth, Hun­stein, Wolf: Win­ter­reise nach Franz Schu­bert (CD)

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