Karsten Müller: Endspiele der Weltmeister (Schach-DVD)

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Schmackhaftes Endspiel-Potpourri aus der Weltmeister-Küche

von Ralf Binnewirtz

Das Endspiel als letzte Phase der Partie mag Anfängern als weniger wichtig oder gar langweilig erscheinen im Vergleich zu Eröffnung und Mittelspiel. In Wirklichkeit sind beide Attribute unzutreffend. Denn ungezählte Partien wurden erst im Endspiel aufgrund profunder Kenntnisse dieses Partiestadiums entschieden. Die großen Meister der Vergangenheit und Gegenwart waren bzw. sind fast ausnahmslos herausragende Könner im Endspiel. Ihrem Können auf diesem Gebiet spürt der deutsche GM Karsten Müller in seinem neuen DVD-Kurs „Endspiele der Weltmeister“ nach.

Ein Schwächeln im Endspiel hat zuweilen den Werdegang von Schachgrößen schicksalhaft beeinflusst: So hat David Bronstein 3 seiner 5 Verluste im WM-Kampf gegen Botwinnik 1951 einer schwachen Endspielführung zu verdanken. Er hat diese „Niederlage“ (d.h. kein Titel für den Herausforderer bei Gleichstand am Matchende) für den Rest seines Lebens nicht mehr verwunden. Ein eindringlicher Apell, das Studium des Endspiels nicht zu vernachläßigen!

Anerkannter Endspiel-Experte: Karsten Müller

Karsten Müller - Endspiele der Weltmeister - Rezension Glarean Magazin
Karsten Müller – Endspiele der Weltmeister – Rezension Glarean Magazin

Großmeister Karsten Müller aus Hamburg, ein weltweit anerkannter Endspiel-Experte und promovierter Mathematiker, ist bereits vielfach und erfolgreich als Schachautor hervorgetreten: Im konventionellen Printbereich, in Online-Kolumnen (wie im US-amerikanischen ChessCafe und bei ChessBase) sowie auf Trainings-DVDs, erwähnt sei hier seine komplette Endspielschule, die auf 14 DVDs einzeln oder im Gesamt-Bundle bei ChessBase erschienen ist.
Mit seiner neuesten DVD widmet sich Müller den Endspielkünsten der sechs letzten Weltmeister ‒ ohne Berücksichtigung der FIDE-Weltmeister 1993-2005. Auch so ist die DVD reichhaltig bestückt mit Videosequenzen (Gesamtspielzeit 9 Std. 37 Min) und Partiedatenbanken. In bewährter Manier ist ein interaktives Training mit Video-Feedback integriert, das dem passiven Zuhörer eine aktive Mitarbeit nahelegt.
Die besagten sechs Weltmeister werden auf der DVD in chronologischer Abfolge in separaten Kapiteln präsentiert, die Oberfläche ist übersichtlich gestaltet und intuitiv bedienbar, und zu jedem Video ist die zugehörige (kommentierte) Partie (oder das Partiefragment) aus einer Datenbank zum nochmaligen Nachspielen aufrufbar.

Videoclips zu Endspielen von sechs Weltmeistern

Zur Einstimmung ist den Weltmeister-Kapiteln ein Einführungsvideo vorangestellt, in dem Karsten Müller einen kurzen Überblick gibt zu dem, was den Nutzer auf der DVD erwartet.

Bobby Fischer

Robert Bobby Fischer - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Schach-Genie und Endspiel-Virtuose mit Turm&Läufer gegen Turm&Springer: Robert James „Bobby“ Fischer (1943-2008)

Die Videos zu Fischers Endspielen sind unterteilt in 4 (Unter-)Kapitel: 1) Theoretische Endspiele (5 Videoclips), 2) Turmendspiele (9 Clips), 3) Das Fischer-Endspiel (6 Clips), 4) Berühmte Partien, Rätsel, Mysterien (5 Clips).
Bobby Fischer gilt als universeller Spieler, dessen Stil von Pragmatismus, einem unablässigen Drang zur Initiative und einem unbedingten Siegeswillen geprägt war, Charakteristika, die sich natürlich auch in seinen Endspielen wiederfanden. Er besaß eine Vorliebe für das Läuferpaar, und die Konstellation Turm + Läufer gegen Turm + Springer gehörte zu seinen Spezialitäten. Zahlreiche Endspiele mit dieser Materialverteilung, von Karsten Müller als „Fischer-Endspiele“ hervorgehoben, hat er mit der Läuferseite zum Sieg geführt. Insbesondere in den Kandidatenkämpfen mit Mark Taimanow (Vancouver 1971) und auch Tigran Petrosjan (Buenos Aires 1971) hat er seine Gegner damit an den Rand der Verzweiflung gebracht. Diesen Endspielen ist auf der DVD ein besonderes Kapitel (Nr. 3) gewidmet. Bei den berühmten/mysteriösen Partien (Kap. 4) dürften die erste Matchpartie gegen Boris Spasski (Reykjavik 1972) mit Fischers riskantem Bauernraub auf h2 und die 13. Matchpartie auf besonderes Interesse stoßen; letztere mit einem faszinierenden Endspiel (Türme + ungleichfarbige Läufer), in dem Spasski schließlich unter dem zunehmenden Druck kollabierte.

Screenshot Karsten Müller - Endspiele der Weltmeister - Rezension Glarean Magazin
Aufgeräumte DVD-Oberfläche im bekannten Chessbase-Standard-Look: Brett mit Partie-Notation und Video-Fenster

Anatoli Karpow

Mit 12 Videoclips und 2 interaktiven Tests.
Nicht nur wegen seiner grandiosen Endspielbehandlung hat Anatoli Karpow schon zu Lebzeiten Legendenstatus erreicht. Über zwei Jahrzehnte gehörte er zur absoluten Weltspitze, seine WM-Kämpfe gegen Viktor Kortschnoi und Garri Kasparow sind Teil des kollektiven Schachgedächtnisses geworden, seine zahllosen Turniersiege haben Rekordmarken gesetzt. Seine Endspieltechnik war phantastisch, häufig gelang es ihm, mikroskopische Stellungsvorteile zum Sieg zu verdichten. Er verstand es wie kaum ein Zweiter, seine Figuren auf die wirkungsvollsten Felder zu setzen, gleichzeitig die Figuren des Gegners maximal einzuschränken und so das Spiel völlig zu dominieren. Sein Gespür für Harmonie und Koordination der Figuren war unübertrefflich. Exemplarisch genannt sei das phantastische Springer-Läufer-Endspiel gegen Kasparow (WM-Match Moskau 1984, 9. Partie) mit einer scheinbar einfachen Stellung, die aber ungeahnte Tiefen aufweist und mit der sich etliche Großmeister analytisch befasst haben ‒ sogar Karsten Müller musste eine erste Beurteilung revidieren. Kasparow verliert die Partie, weil er versteckte Ressourcen zum Remis nicht nutzen kann, während Karpow mit teilweise genialen Manövern aufwartet.

Garri Kasparow

Garri Kasparow - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Legende schon zu Lebzeiten und faszinierender Endspiel-Könner: Ex-Schach-Weltmeister Garri Kasparow (Geb. 1963)

Mit 12 Videoclips und 1 interaktiven Test.
Garri Kasparow ist fraglos zu den stärksten Schachspielern aller Zeiten zu zählen, auch wenn die Expertenmeinungen über den absoluten Spitzenplatz subjektiv divergieren mögen. Er ist wohl den meisten in Erinnerung für seinen aggressiv-dynamischen Stil in Eröffnung und Mittelspiel und seine akribische Vorbereitung auf Wettkämpfe ‒ seine 5 WM-Matches mit Karpow sind legendär und füllen immer wieder stattliche Bände. [Aktuell ist eine neue Chronik dieser Wettkämpfe von Jan Timman angekündigt.] Zudem gilt er als der erste, der den Computer professionell für die Vorbereitung zu nutzen wusste. Auch im Bereich der Endspiele hat er faszinierende Leistungen gezeigt, von denen natürlich nur die Spitze des Eisbergs für die DVD aufbereitet werden konnte. Als Beispiele will ich die beiden klassischen Turmendspiele nennen, die er gegen Kortschnoi (Barcelona 1989 und London 1983) gewann, sowie seine Doppelturmendspiele, die er gegen Topalow (Las Palmas 1996 und Linares 1999) nach dramatischem Verlauf für sich entscheiden konnte.

Wladimir Kramnik

Unterteilt in 4 (Unter-)Kapitel: 1) Kramniks Technik (2 Videoclips), 2) Endspiele mit Turm und Springer gegen Turm und Läufer (2 Clips), 3) Strategische Initiative (7 Clips), 4) Kramnik vs. Kasparow (2 Clips); dazu 2 interaktive Tests.
Wladimir Kramnik startete seine steile und spektakuläre Schachkarriere als solider Positionsspieler, einerseits geprägt vom Stil Karpows, andererseits von Kasparows Methoden der theoretischen Vorbereitung. Auch Kramnik ist bekannt dafür, mit großer Zähigkeit aus kleinsten Vorteilen einen Gewinn herauszukitzeln, sein Spielstil ist vornehmlich auf strategische Initiative gerichtet. Für seine Fähigkeiten im Endspiel ist er berühmt. Bereits im Kindesalter hat er sich für Endspiele begeistert, daher konnte er in Botwinniks Schachschule früh seine diesbezüglichen Fähigkeiten demonstrieren. Die DVD kann lediglich anhand einer kleinen Auswahl zeigen, wie später zahllose Großmeister der höchsten Kategorie seinem Endspielkönnen Tribut zahlen mussten.
Kramniks Name wird für immer mit der schachhistorischen Leistung verknüpft sein, einen Kasparow entthront zu haben, ohne seinem großen Gegner einen einzigen Sieg zu gestatten! Zwei Endspiel-Leckerbissen aus der WM London 2000 werden von Karsten Müller vorgestellt.

Viswanathan Anand

Viswanathan Anand - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Der „Tiger von Madras“ als genialer Endspiel-Künstler: Ex-WM Viswanathan Anand (Geb. 1969)

Mit 8 Videoclips und 1 interaktiven Test.
Der Inder Viswanathan Anand konnte in seiner frühen schachlichen Entwicklung zwar nicht auf die sowjetrussische Schachschule zurückgreifen, dafür auf ein außergewöhnliches Naturtalent, das ihm eine phänomenale Intuition bescherte. Von Kramnik wird ihm außerdem eine singuläre Eigenschaft unter sämtlichen Schachspielern bescheinigt: die magisch anmutende Fähigkeit, ein Gegenspiel unmittelbar, praktisch aus dem Nichts zu kreieren. (Carsten Hensel: Wladimir Kramnik, Göttingen 2018, S. 244f.) Die Endspieltechnik gehörte anfangs nicht zu seinen ausgesprochenen Stärken, aber dieses Defizit hat er durch kontinuierliche Verbesserung ausgeräumt, so dass sein Stil, der als dynamisch-universell einzustufen ist, keine ersichtlichen Schwächen aufweist. Im Mittelspiel überrascht der „Tiger von Madras“ häufig mit genialen taktischen Geistesblitzen, und auch der Zeitpunkt für eine günstige Abwicklung ins Endspiel pflegt ihm nicht zu entgehen. Im Endspiel zeigt er eine gewisse Vorliebe für den Springer, den er virtuos zu handhaben versteht. Weitere Beispiele auf der DVD belegen, dass ihm auch mit Läufern und Schwerfiguren beeindruckende Endspielleistungen gelungen sind.

Magnus Carlsen

Magnus Carlsen - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Vom Wunderkind zum aktuell weltbesten Schachspieler mit Endspiel-Klasse: Weltmeister Magnus Carlsen (Geb. 1990)

Mit 10 Videoclips und 2 interaktiven Tests.
Anders als bei seinem Vorgänger Vishy Anand räumt Magnus Carlsen der computergestützten eröffnungstheoretischen Vorbereitung keinen Vorrang ein. Ihm genügt es, eine spielbare Stellung zu erhalten, die er im Mittel- und Endspiel dank seines überlegenen intuitiven Schachverständnisses erfolgreich behandeln kann. Vorzugsweise inszeniert er ein lang anhaltendes positionelles Druckspiel, um gegnerische Fehler zu provozieren, zugleich ist er (wie Karpow) in der Lage, seine Figuren höchst harmonisch zu koordinieren. Ein starker Kampfgeist, Zähigkeit und körperliche Fitness tragen dazu bei, langwierige Endspiele scheinbar ermüdungsfrei am Brett durchzustehen ‒ die sich irgendwann einstellenden Fehler des Gegners weiß er dann gnadenlos zu bestrafen. Im Endspiel (2)T + L vs. (2)T + L bei gleichfarbigen Läufern treten Carlsens Stärken besonders hervor, Karsten Müller hat für diesen Typ die Bezeichnung „Carlsen-Endspiele“ vorgeschlagen und kommentiert auf der DVD einige musterhafte Beispiele. Dass zwei vorentscheidende Siege Carlsens in seinem ersten WM-Kampf gegen Anand (Chennai 2013, 5. u. 6. WM-Partie auf der DVD) aus Endspielfehlern seines Gegners resultierten, unterstreicht nochmals die Bedeutung der letzten Partiephase.

Rückschau auf 50 Jahre Endspielgeschichte

FAZIT: Karsten Müller hat für die DVD „Endspiele der Weltmeister“ eine lehr- und abwechslungsreiche Auswahl von Endspielen kommentiert, die die letzten sechs klassischen Weltmeister in ihren Spielstilen und mit ihren Fähigkeiten in der Führung des Endspiels charakterisieren. Damit wird dem Nutzer eine Praxis der Endspiele auf höchstem Niveau präsentiert und zugleich die historische Entwicklung des Endspiels über ein halbes Jahrhundert nachvollzogen, die zahlreiche Highlights aufweist. Ein interaktives Training mit Video-Feedback verstärkt und festigt den Lerneffekt. Die durchweg didaktisch gelungene Darstellung des Materials im zweckdienlichen audiovisuellen Format verdient eine nachdrückliche Empfehlung.

Wie aus der vorstehenden Beschreibung hervorgeht, präsentiert die DVD eine attraktive Auswahl von Endspielen, die die „klassischen“ Weltmeister der letzten rund 50 Jahre in Turnieren und Wettkämpfen gespielt haben. Die Endspiele werden von Karsten Müller didaktisch ansprechend erläutert bzw. in angemessener Tiefe analysiert. Eine systematische Darstellung von Endspielen ist hierbei natürlich nicht zu erwarten. Müllers Anliegen besteht eben darin, die Kunst des Endspiels, wie sie von den herausragenden Vertretern unseres Spiels praktiziert und häufig in Perfektion vorgetragen wurde, anhand von Beispielen zu vermitteln und dabei im Verein mit interaktiven Trainingseinheiten einen nachhaltigen Lerneffekt zu erzielen. Der Nutzer sollte fundamentale Endspielkenntnisse mitbringen, wenn er die Inhalte der DVD mit Gewinn verarbeiten will.
Es ist klar, dass sich die Spielweisen und Stärken der Weltmeister im Endspiel mehr oder weniger unterscheiden, aber gelegentlich bestehen auch deutliche Parallelen (wie bei Carlsen und Karpow). Weiterhin haben historische Entwicklungen (zunehmende Computer-Nutzung, Wegfall des Partieabbruchs und der Analyse von Hängepartien, Endspiel-Datenbanken) das Spiel in der Praxis tiefgreifend verändert und die Notwendigkeit erhöht, sich ein ausgefeiltes Endspielwissen zu erarbeiten bzw. das vorhandene Wissen auszubauen. Karsten Müller scheint mit dieser DVD thematisch Neuland betreten zu haben, ein ähnliches Werk, das weltmeisterliche Endspiele über einen längeren Zeitraum vergleichend beleuchtet, ist mir nicht bekannt. ♦

Karsten Müller: Endspiele der Weltmeister ‒ Von Fischer bis Carlsen, Fritz-Trainer Endspiele, DVD ChessBase, ISBN 978-3-86681-682-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Endspiele auch über Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

… sowie über András Mészáros: 1000 Schach-Endspiel-Studien

Computerschach: Godzilla Endgame Chess Puzzles (1)

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Die Grenzen der Schachprogramme

von Walter Eigenmann

Die „Godzilla Endgame Chess Puzzles“ (GECP) sind eine neue Serie von extremen Monster-Endspiel-Aufgaben für Schachprogramme. Diese für die (meisten) Engines nicht innerhalb „nützlicher Frist“ (= ca. eine Minute) lösbaren Puzzles zeigen schonungslos die Grenzen auf, die das schier unerschöpfliche Königliche Spiel immer noch auch den modernen und vielgerühmten Schach-Engines zieht.

Fidelity Chess Challenger 1 (Chicago Januar 1977)
Für den 40-jährigen „Fidelity Chess Challenger 1“ (Chicago Januar 1977) viel zu schwierig: Die Godzilla Endgame Chess Puzzles 2017

Die „Godzilla“-Endspielaufgaben legen den Finger auf all die strukturellen Wunden, die Schachsoftware trotz ausgefeilter Programmierung nach wie vor aufweist: Zugzwang, Horizonteffekt, Endspiel-Wissen, Tablebase-Anbindung, Festung, Blockade und Mattfindung sind hier die Stichworte.

Endspiel-Knowhow der Engines gefordert

Der Begriff des Endspiels wurde dabei recht weit gefasst: Bewusst wurden vereinzelte Aufgaben auch aus der Partiephase Übergang ins Endspiel aufgenommen, um gerade in diesem Bereich den Einfluss der diversen Endgame-Tablebases zu minimieren bzw. das Endspiel-Knowhow der Engines zu fordern.

Die Godzilla Stellungen 1-4

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

FEN-String: Nn6/8/6r1/8/K7/1P6/1R6/3k2N1 w

FEN-String: 1B1K1k2/4N2p/3pP1pP/6p1/p7/3N2b1/2r2p2/8 w

FEN-String: k3K3/P3N3/8/ppp4p/4p1p1/6R1/rn1PP2B/8 w

FEN-String: 7k/3q4/1p3P2/3pP1N1/7N/6p1/1P4P1/3n1KBn w

Studien und Fernschach-Stellungen

Die Serie veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen jeweils ein Quartett von besonders „monströsen“ Exemplaren. Ein großer Teil der Sammlung stammt aus dem Genre der Schach-Studie (wobei auf eine gewisse Nähe zur „realen Partie“ geachtet wurde), andere Stellungen sind der Meisterpraxis des Fernschachs sowie Analysen von aktuellen Engine-Turnieren selber entnommen worden. Weniger ergiebig sind hingegen (historische oder moderne) Großmeister-Turniere, da deren Partien mit zu vielen taktischen Fehlern behaftet sind und darum der tiefenanalytischen Untersuchung mit heutiger Software nicht mehr standhalten.
Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über einen weiteren Engine-Test mit „Monster“-Aufgaben: Die Schach-Suite „Nightmare 2“

… sowie zum Thema Fernschach-Testaufgaben: Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (07)

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

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Endspiel-Schule für ehrgeizige Schach-Kids

von Thomas Binder

Der renommierte Londoner Schachverlag Gambit Publications, zu dessen Gründern die Großmeister John Nunn und Murray Chandler gehören, hat seine Serie der Schachbücher „… for kids“ nun um das Endspiellehrbuch „Schach-Endspiele für Kids“ ergänzt. Als Autor wurde kein Geringerer gewonnen, als der Hamburger Mathematiker und Großmeister Karsten Müller.

Müller gilt als der führende Endspielexperte unserer Zeit – mindestens im deutschsprachigen Raum, vermutlich aber auch darüber hinaus. Aus seiner Feder stammt u.a. das aktuelle Standardwerk „Grundlagen der Schachendspiele“ (gemeinsam mit Frank Lamprecht). Außerdem hat er bei Chessbase eine Serie von 14 DVDs vorgelegt, die das gesamte Endspielwissen abdecken. Die vorgenannten Werke wenden sich dabei vorwiegend an erfahrene Spieler. Aus dem „Grundlagen“-Lehrbuch soll selbst Weltmeister Carlsen noch lehrreiche Erkenntnisse gewonnen haben. In der Kombination als Spieler, Autor und Trainer ist Karsten Müller –  er gehört zum regelmäßigen Trainerstab der Schachschule Hamburg – die Idealbesetzung für dieses Werk.

Von der elementaren Mattführung bis zu schwierigeren Mustern

Karsten Müller: Schach-Endspiele für KidsMüller teilt den Stoff in 50 Lektionen, die jeweils eine Doppelseite belegen. Jede Lektion beginnt mit einem einführenden Text, und es folgen 6 Diagramme zur Verdeutlichung der wichtigsten Aspekte. Das sind oft 6 eigenständige Beispiele aus Partien, Studien oder Lehrstellungen. Manchmal aber erstreckt sich der Verlauf einer Zugfolge auch über mehrere Diagramme. Insgesamt haben wir es mit einer streng formalisierten Einteilung jeder Lektion zu tun – eine Eigenheit, die mir auch in anderen Büchern von „Gambit“ bereits aufgefallen war. Es ist Sache des Autors seinen Stoff so zu strukturieren, dass jedes einzelne Thema angemessen dargestellt werden kann. Karsten Müller hat das bestens hingekriegt.
Seine Lektionen beginnen mit elementaren Mattführungen. Für das Matt mit einem Turm bringt er – im Gegensatz zu den meisten anderen Endspiel-Einführungen – sogar zwei Methoden. (Als aktiver Jugendtrainer möchte ich dies ausdrücklich begrüßen. Die in vielen Büchern alleinstehende Methode der immer kleiner werdenden Rechtecke, mag oft schneller sein, aber sie birgt für Anfänger die Gefahr, in ein Patt zu laufen. Deshalb ziehe ich selbst im Training die allein auf Opposition beruhende zweite Methode vor).
Nach den einfachen Matts folgt Müller der üblichen Einteilung von Endspielbüchern nach den beteiligten Figurentypen. Die beiden letzten Lektionen runden das Buch mit dem ewig geliebten oder gehassten Thema „Matt mit Läufer und Springer“ ab.

Gute Auswahl des Stoffes garantiert Fortschritte

Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite 3)
Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite)

Die Auswahl der einzelnen Stoffkomplexe ist dem Autor hervorragend gelungen. Es fehlt nichts, was man einem jungen Schach-Enthusiasten erklären müsste, es ist nichts dabei, was ich für überflüssig hielte. Wir lernen die wichtigsten technischen und geometrischen Verfahren im Bauernendspiel. Wir sehen gleich- und ungleichfarbige Läufer im Duell. Auch die Frage, welche Leichtfigur im konkreten Fall den Vorzug verdient, wird beantwortet. Im Kapitel über Turmendspiele werden u.a. die wichtigsten Gewinn- und Remisverfahren erläutert, die mit den Namen Philidor, Karstedt, Lucena und Vancura verbunden sind. Am Ende des Buches stehen 36 Testaufgaben mit Lösungen, anhand derer der Lernende seinen Fortschritt überprüfen kann.

Keine speziell auf Kinder ausgerichteten Unterrichtselemente

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Müller präsentiert in den 50 Lektionen seiner „Schachendspiele für Kids“ ein umfangreiches Eröffnungswissen, beginnend beim absoluten Anfängerniveau und bis hin zu einem Level, bei dem auch gestandene Turnierspieler gern noch einmal im Lehrbuch nachschlagen werden. Die Auswahl seiner Themen ist hervorragend gelungen. Die Vermittlung des Stoffes wendet sich allerdings keineswegs nur an Kinder. Sehr junge Kids werden sogar der Begleitung und Anleitung bedürfen, um aus dem vorliegenden Buch maximalen Lernerfolg zu ziehen.

Wer wird dieser Lernende sein? Das Buch wendet sich an den ambitionierten Einsteiger. Vorkenntnisse auf dem Gebiet der Endspieltechnik sind nicht erforderlich.  Damit sind natürlich die auf dem Titel adressierten „Kids“ angesprochen. Es gibt indes keinen Grund, die Zielgruppe des Buchs auf Kinder zu beschränken. Der Stoff und seine Vermittlung werden jedem Schach-Anfänger gerecht und selbst Vereinsspieler mittlerer Spielstärke werden vielleicht noch einmal nachschlagen wollen, wie denn wohl die Regel von Centurini bei gleichfarbigen Läufern lautet. Andererseits fehlen dem Buch jede speziell auf Kinder ausgerichteten Elemente. Insofern wecken Titel und Titelbild vielleicht eine falsche Erwartung. Es gibt keine spielerischen Einschübe und die Gestaltung wirkt insgesamt sehr sachlich. Eine besondere „kindgerechte“ Lockerheit der Sprache sucht man ebenfalls vergebens.
Die einführenden Texte jeder Lektion sind verständlich geschrieben. Sie bilden eine im gesetzten Rahmen perfekte Erläuterung zum Thema. Im Gegensatz dazu sind die Texte zu jedem einzelnen Diagramm doch sehr knapp und fordern vom Leser intensives Mitarbeiten und Mitdenken.
Als Trainer im unteren Alters- und Leistungsbereich weiß der Rezensent, dass Kids oft völlig abwegige „Was wäre wenn“-Fragen stellen, auf die sie allein keine Antwort finden.
Für sehr junge Kids, die ihre ersten Schritte in Sachen Schach unternehmen, wird dieses Buch also nicht ohne Begleitung eines Trainers, Lehrers oder schachspielender Eltern zu bewältigen sein. Wenn sie aber die Kraft aufbringen, es durchzuarbeiten und die Inhalte zu verstehen, dann macht ihnen im nächsten Nachwuchsturnier kein Gegner mehr im Endspiel etwas vor. ■

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids – 50 Endspiel-Lektionen, 128 Seiten, Gambit Books, ISBN 978-1-910093-66-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Kinder- und Jugendschach“ auch über Peter Mitschitczek: Fang den König!

Gerhard Josten: A Study Apiece (Problemschach)

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Faszinierender Blick in die Studienschach-Küche

von Walter Eigenmann

Der 72-jährige Kölner Schachkomponist, -historiker, -feuilletonist und -schiedsrichter Gerhard Josten ist in der internationalen Schachszene seit Jahren eine ebenso markante wie produktive Persönlichkeit. Seinen Arbeiten, Büchern, Reportagen und Untersuchungen rund ums vielseitig schillernde Thema „Schach“ begegnet man in Schachzeitungen wie der Rochade Europa, auf Problemschach-Portalen wie der Schwalbe und bei anderen internationalen Turnier-Ausrichtern, in zahlreichen Monographien, ja sogar in einem gestandenen Schach-Roman. Sein neuester Coup: Die Studien-Sammlung „A Study Apiece“.

68 Studien-Komponisten aus aller Welt

Gerhard Josten: A Study Apiece (Problemschach und Studien) - Edition JungDer umtriebige Enthusiast des Königlichen Spiels hat die Welt des Problemschachs um eine weitere Publikation bereichert, indem er 68(!) bekannte (und auch weniger bekannte) Autoren aus aller Welt einlud, je eine eigene Lieblingsstudie und deren Entstehungsgeschichte zu einer großangelegten Anthologie beizusteuern. Das Resultat ist ein 280-seitiges Kompendium namens „A Study Apiece“ („Eine Studie pro Kopf“), das nicht nur international anerkannte Endspielschaffende und faszinierende Schach-Endspiel-Aufgaben versammelt, sondern auch sehr authentische Einblicke eröffnet in die kreative, teils auch skurile, immer aber faszinierende Werkstatt moderner Studienschöpfer.

Gerhard Josten (*1938)
Gerhard Josten (*1938)

Die Teilnehmer-Liste von Jostens umfangreicher Sammlung – das Vorwort schrieb übrigens kein geringerer als der EG-Gründer John Roycroft – liest sich dabei wie das „Who-is-who“ der aktuellen internationalen Schachstudien-Szene: Lebende Legenden wie John Nunn und Pal Benkö oder Problemschach-Prominente wie Michal Hlinka, Mikhail Zinar und Jan Rusinek steuerten ihr ganz persönliches „Best-of“ ebenso bei wie solche unbekannten, aber innovativen Komponisten wie Ilham Aliev, Marco Campioli, Yuri Roslov, Gheorghe Telbis oder Wouter Mees – der interessanten Köpfe wären noch einige. Natürlich kann man in solchen Anthologien immer auch ein paar wichtige Namen vermissen; so hätten meines Erachtens Kostproben verschiedener jüngerer, aber nichtsdestoweniger einflussreicher Autoren wie beispielsweise Abdelaziz Onkoud, Piotr Murdzia oder Miodrag MladenoviÄ den Band noch zusätzlich aufgewertet.

Simple, aber ästhetisch ansprechende Studien

Jean-Marc Loustau: White to play and win (Phénix 2009)
Jean-Marc Loustau: White to play and win (Phénix 2009)

Und wenn wir schon bei den Schönheitsfehlern sind: Schade, dass den jeweiligen Hauptdiagrammen nicht die gleiche grafische Sorgfalt zuteil wurde, wie sie ansonsten den Band auszeichnet; solche grobpixeligen Illustrationen – wohl durch Vergrößerung entstanden – dürften eigentlich nicht mehr vorkommen im Zeitalter hochtechnisierten Desktop-Publishings, erst recht nicht bei einem stattlichen Buchpreis von knapp 30 Euro. Ansonsten ist „A Study Apiece“ aber ein layouterisch zwar einfach, aber durchaus ansprechend gestalteter, auch buchbinderisch solide gefertiger Band mit zahlreichen Diagrammen, Fotos und viel Varianten- wie Fließtext; alles in allem sein Geld sicher wert.

Per Olin: White to play and draw (Moskau 1975)
Per Olin: White to play and draw (Moskau 1975)

Die von den 68 Buchautoren präsentierten Aufgaben kommen so vielfältig-heterogen daher wie die Biographien ihrer Schöpfer bzw. die Geschichte(n) ihrer Entstehung. Neben simplen Sechsteinern, die im Zeitalter der Datenbanken keinerlei endspieltechnische, wohl aber ungebrochen ästhetisch-künstlerische Bedeutung haben (wie obenstehendes Beispiel von J.M. Loustau zeigt), stehen hochkomplexe Patt-Konstrukte wie z.B. Per Olins  Stück (rechts), und natürlich sind innerhalb der beiden Grundforderungen, die eine richtige Endspiel-Schachstudie immer stellt – nämlich entweder a) „Weiß zieht und gewinnt“ oder b) „Weiß zieht und hält remis“ -, zahlreiche „klassischen“ Motive der Studien-Geschichte und deren gewachsene „Studienschulen“ anzutreffen.

Studien-Komposition im Computer-Zeitalter

Emil Melnichenko:
Emil Melnichenko: „I never totally trust the machine…“

Wie stehen eigentlich die heutigen Studien-Komponisten zum Problemfeld „Computer“? Charakteristisch hierzu scheint das Statement des bedeutenden neuseeländischen Autors Emil Melnichenko zu sein, der (S.153ff) schreibt: „Today, I usually check my work with a computer, but I never totally trust the machine, and I certainly never use it to garner ideas, because I do not know how, nor do I enjoy the human computer interface, in fact, I find it tedious, distracting and contra the artistic spirit that employs serendipity as muse.“ Und weiter stellt Melnichenko klar, dass er zwar um die Präzision der sog. EGTBs wisse, aber trotzdem an der Jahrhunderte alten Konvention festhalte: „Computer literate composers are welcome to make use of their power but as a dinosaur I still remain attached to the primitive and manual method of composing that employs a tangible medium I have enjoyed since youth, in preference to one I personally find self defeating.“

Schachprogramme entlarven preisgekrönte Aufgaben

Drei Pioniere der Computer-Endspiel-Forschung: Ken Thompson, Eugene Nalimov, Stefan Meyer-Kahlen (v.o.n.u.)
Drei Pioniere der Computer-Endspiel-Forschung: Ken Thompson, Eugene Nalimov, Stefan Meyer-Kahlen (v.o.n.u.)

Natürlich ist ein solches Selbstverständnis des „artistic spirit“ zu respektieren, gleichwohl muss leise angemerkt werden, dass in den einschlägigen Studien-Datenbanken mit ihren abertausenden von Aufgaben zahlreiche – teils bekannte, ja als „historisch wertvoll“ deklarierte – Stücke lagern, deren Lösungszüge das doppelt vergebene Ausrufezeichen keineswegs verdienen, sondern vielmehr von dem ach so tumben Computer unbarmherzig als nebenlösige oder gar inkorrekte Kompositionen entlarvt werden. Heutzutage tut ein Studien-Autor also gut daran, seine Vielzüger- bzw. -steiner dem finalen Röntgenlabor seines heimischen Silikanten und dann erst dem internationalen Schiedsrichter zuzustellen… (Inwieweit auch „A Study Apiece“ fehlerhafte Aufgaben enthält, habe ich nicht en détail untersucht; anzunehmen ist aber, dass Herausgeber (und Computerschach-Sympathisant) Josten diesbezüglich seine Hausaufgaben gemacht hat).

Nichtsdestoweniger soll in diesem Zusammenhang eine warnende Stellungnahme des bulgarischen Schiedsrichters Petko Petkov nicht unterschlagen werden (S.14ff): „Because at present we have many bad examples with using of ‚Nalimov’s databases‘ I think that this threat to endgame genre is very serious an can be fatal in near future when this databases can embrace settings with 7 pieces on the board. But after that can follow also envelop of 8,9 etc. positions. If the Nalimov’s tables give all positions with 7 pieces […] the ‚moving-formula‘ for the many endgames can be: x+7 where all new themes and ideas the composer should demonstrate only in this ‚introduction‘ with ‚x‘ pieces, because after it all is without any sense banal known. As professional lawyer I should say that at present very important for the world endgame – composition ist the question for the copyrights in the light of existence of Nalimov’s databases. If after x moves we receive a position with 6 pieces which is computer – Nalimov’s position the main question ist obviously how fare are original these x moves as an introduction…“

Von der kurzen Notiz bis zur mehrseitigen Analyse

 Schach-Studien kennt die Welt schon seit alters her; hier ein Detail aus dem
Schach-Studien kennt die Welt schon seit alters her; hier ein Detail aus dem „Buch der Spiele“ von König Alfons dem Weisen (13. Jh.)

Die je spezifische Art, wie die 68 Co-Autoren des Bandes ihre Werke vorstellen, wirft ein bezeichnendes Licht auf ihre Komponisten-Persönlichkeit: Einigen wie z.B. Javier Ibran genügen zwei Seiten, zwei Diagramme, zwei Varianten und ein paar Sätze, um ihre Lieblingsposition in Szene zu setzen, andere wie z.B. Siegfried Hornecker erläutern ihren kompositorischen Höhenflug auf fünf und mehr Seiten mittels ausgiebiger Verbalität, wieder andere (z.B. Daniel Keith) stürzen sich variantenverliebt in geradezu Hübnersche Abspiel-Orgien.

Dieser immer sehr subjektive, für den Leser interessant und authentisch wirkende Zugriff aller Komponisten auf ihre ganz persönliche „Top-One“-Stellung ist die große Stärke von „A Study Apiece“. Gerhard Josten legt mit dieser Endgame-Anthologie keine erschlagende Fülle von hunderten Aufgaben vor, sondern ein fast intimes, autobiographisches Kaleidoskop der Herstellungsverfahren und der individuellen Motivation der Studien-Schaffenden. In dieser betont persönlich-offenen Art des Einblicks in die internationale Werkstatt der Endspiel-Komposition sucht dieses Schachbuch von Herausgeber Gerhard Josten seinesgleichen. (Selbstverständlich ist der Band bei solch internationaler Autorenschaft komplett in englischer Sprache gehalten). Eine sehr willkommene, die bestehende Problem-Bibliothek bereichernde Buch-Edition. ■

Gerhard Josten (Hg.), A Study Apiece (68 Studien-Autoren und ihre Lieblingsaufgaben – engl.), Edition Jung Homburg, 280 Seiten, ISBN 978-3-933648-38-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Problemschach und Schachstudien“ auch über András Mészáros: 1000 Schach-Endspiel-Studien


English Translation

(Thanks to John Rice/UK)

A fascinating look into the world of the chess study

72-year-old Gerhard Josten, from Cologne, is a chess composer, historian, feature-writer and judge. For many years he has been both a notable and at the same time a productive figure on the international chess scene. His work, his books, reports and investigations concerning the multifaceted and enigmatic subject that is „chess“ can be found in chess magazines such as Rochade Europa, in chess-problem outlets like Die Schwalbe and at other international tourney events, in numerous monographs and even in a mature chess novel.

Now this energetic enthusiast of the royal game has enriched the world of chess composition with another publication. He invited each of 68 (!) well-known (and less well-known) composers from all over the world to contribute one favourite study from their own output, along with details of its genesis, to be included in a wide-ranging anthology. The result is a 280-page volume entitled „A Study Apiece“ which, with its assembly of internationally recognised names, provides not only a collection of absorbing chess endgame-studies but also a genuine insight into the creative and sometimes comical yet always fascinating workshop of present-day study-composers.

The list of contributors to Josten’s extensive collection, with its preface written by no less a figure than EG-founder John Roycroft, reads like a „Who’s who“ of the current international chess-study scene. Living legends such as John Nunn and Pal Benkö or leading figures of compositional chess like Michal Hlinka, Mikhail Zinar and Jan Rusinek sent in their very personal „best“ selections, alongside lesser known yet innovative composers such as Ilham Aliev, Marco Campioli, Yuri Roslov, Gheorghe Telbis or Wouter Mees and a number of other interesting figures. Of course it’s always possible with such anthologies to regret the absence of important names; in my view the inclusion of samples from various younger but no less influential composers such as Abdelaziz Onkoud, Piotr Murdzia or Miodrag Mladenovic, to name just a few, would have appreciably enhanced the value of the work.

And while we’re on the subject of shortcomings, it’s a pity that the main diagrams were not accorded the graphical care that characterises the rest of the book. Such unrefined illustrations, doubtless enlargements, have no place in the digital age of desktop publishing, especially not in a book with a cover price as high as 30 Euros. But otherwise „A Study Apiece“, with its admittedly simple layout, is attractively produced in a robust binding, with numerous diagrams and photos, and text typeset both for variation-play and for continuous reading. All in all it’s certainly worth the asking price.

The studies of the 68 contributors appear just as varied as the biographies of their composers and the details of the works‘ genesis. Alongside simple 6-piece items, which in these days of endgame databases have no technical significance but still display a certain aesthetic artistry (like Loustau’s diagrammed example), one finds highly complex stalemate constructions such as Per Olin’s study (diagrammed). And of course within the two basic stipulations found in all genuine chess endgame studies, viz. (a) White to play and win or (b) White to play and draw, one comes across innumerable „classical“ features from the history of studies and the various study-schools that have arisen.

What is the attitude of today’s study-composers to the thorny question of computers? This statement (p.153ff) from the eminent composer from New Zealand, Emil Melnichenko, seems typical: „Today, I usually check my work with a computer, but I never totally trust the machine, and I certainly never use it to garner ideas, because I do not know how, nor do I enjoy the human computer interface, in fact, I find it tedious, distracting and contra the artistic spirit that employs serendipity as muse.“ And Melnichenko goes on to affirm that while he knows about the precision of so-called EGTBs he still sticks to the centuries-old convention: „Computer-literate composers are welcome to make use of their power but as a dinosaur I still remain attached to the primitive and manual method of composing that employs a tangible medium I have enjoyed since youth, in preference to one I personally find self-defeating.“

Naturally this awareness of the „artistic spirit“ commands respect. At the same time it must be observed that in the relevant study databases with their many thousands of compositions there are numerous items stored, in some cases well-known and in others deemed to be „of historical value“, whose solutions contain moves that in no way merit the double exclamation-mark but which are mercilessly revealed by the crass computer to be cooked or completely insoluble. Nowadays a composer is well advised to give his study, if it has many moves and/or pieces, to the x-ray lab of his personal silicon-friend before submitting it to the international judge… (I have not investigated in detail whether „A Study Apiece“ contains faulty compositions; but it is to be assumed that editor Josten, who is by no means averse to computer-chess, has done his homework in this regard.)

Nevertheless a note of caution is sounded in this connection by Bulgarian judge Petko Petkov (p.14ff), and it deserves a mention: „Because at present we have many bad examples with using of ‚Nalimov’s databases‘ I think this threat to endgame genre is very serious and can be fatal in near future when this databases can embrace settings with 7 pieces on the board. But after that can follow envelop of 8, 9 etc. positions. If the Nalimov’s tables give all positions with 7 pieces […] the ‚moving-formula‘ for the many endgames can be: x+7, where all new themes and ideas the composer should demonstrate only in this ‚introduction‘ with ‚x‘ pieces, because after it all is without any sense banal known. As professional lawyer I should say that at present very important for the world endgame-composition is the question for the copyrights in the light of existence of Nalimov’s databases. If after x moves we receive a position with 6 pieces which is computer-Nalimov’s position, the main question is obviously how fare are original these ‚x‘ moves as an introduction…“

The individual manner in which the 68 co-authors of the book present their work casts a distinctive light on their composing personality. Some, like e.g. Javier Ibran, need no more than 2 pages, 2 diagrams, 2 variations and a few sentences to tell us everything about their chosen position. Others, e.g. Siegfried Hornecker, spread themselves over 5 or more pages of elaborate verbosity, while others again (e.g. Daniel Keith) take delight in plunging into an orgy of variations in a manner worthy of Hübner.

The way each composer approaches his personal favourite position is always very subjective and interesting to the reader, and it conveys a truly genuine impression. This is the great strength of „A Study Apiece“. In this endgame anthology Gerhard Josten does not offer a deadening mass of hundreds of studies, but an almost intimate, autobiographical kaleidoscope of study-composers‘ processes of creation and individual motivation. This work by editor Gerhard Josten provides an emphatically personal insight into the international workshop of endgame composition, and as such it is unlike any other chess book. (Of course with contributions on an international scale the book is in English throughout.) A very welcome publication that enriches the existing library of chess composition. (Walter Eigenmann)

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Computerschach: Die Endspiel-Tabellen in der Praxis

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Nutzen und Schaden der Endgame-Tablebases

von Walter Eigenmann

Seit der amerikanische Informatiker Ken Thompson vor über 20 Jahren erstmals seine Datenbanken mit kompletten Lösungen von Schach-Wenigsteine-Positionen generierte, reißt die Diskussion unter den Computerschach-Experten nicht ab darüber, ob bzw. in welchem Ausmaße solche Endspiel-Tabellen (Endgame-Tablebases) die Performance eines Schachprogrammes positiv beeinflussen. Inzwischen haben Thompsons russischer Berufskollege Jewgeni Nalimov und andere (z.B. Meyer-Kahlen: Shredderbases/SB; Pfister&Shawul: Bitbases/EGBB) die Indizierung der 3-6-Steiner-Endspiele soweit vorangetrieben, dass sie den Programmen bzw. Interfaces praktisch vollständig und (heutzutage) fast in Echtzeit zur Verfügung stehen. Am häufigsten in der Computerschach-Praxis eingesetzt wird dabei die Nalimov-Datenbank (EGTB), welche sämtlichen 3-5-Steiner umfasst, und die mittlerweile von den meisten führenden Schach-Engines unterstützt wird.

Von Engine zu Engine unterschiedliches Zugriff-Handling

Unix-Entwickler und Computerschach-Pionier: Ken Thompson (*1943)
Unix-Entwickler und Computerschach-Pionier: Ken Thompson (*1943)

Nun werden bei der Anbindung dieser Datenbanken in die Engine-Struktur von Programmierer zu Programmierer unterschiedliche und darum auch unterschiedlich effiziente Wege beschritten. Wo manches Programm schon früh im Endspiel exzessiv auf diese Bases zugreift, rechnen andere Engines noch lange selbstständig, und während gewisse Engines sehr viel Endspiel-Knowhow einfach an die „Nalimovs“ zu delegieren scheinen, erreichen andere Programme ohne jegliche EGTB-Hilfe ebenso gute oder gar bessere Endspiel-Resultate. Welche Schachprogramme profitieren also wie sehr von diesen „sagenumwobenen“ Endspiel-Datenbanken? Oder wird deren Einfluss grundsätzlich überschätzt? Mehr noch: Können Engines sogar „ausgebremst“ werden durch EGTB?
Um ein wenig (praktisch vielleicht nutzbares) Licht in dieses (theoretisch ziemlich umkämpfte) Performance-Dunkel zu bringen, hat der Autor eine Testreihe mit über zwei Dutzend Schachprogrammen durchgeführt. Letztere hatten einmal mit, einmal ohne Bases (alle 3-5-Steiner) die 100-teilige, in der Computerschach-Szene recht verbreitete Endspiel-Aufgaben-Sammlung E-E-T zu durchlaufen. Die Auswahl der Programme wurde dabei mehr oder weniger zufällig vorgenommen, wiewohl alle verwendeten Engines heute auch in den einschlägigen CS-Turnieren eingesetzt werden: Single- und Dual-Core-, alte und neue, Freeware- und kommerzielle Engines (was halt gerade sich so auf der Festplatte des Autors tummelte…) Die Programme hatten (auf einem gewöhnlichen Intel-Dual-Core6400-Rechner unter dem Fritz10-Interface mit 128MB Hash & 64MB TB-Hash auf Harddisk) für jede Aufgabe jeweils exakt 60 Sekunden Zeit.

100 Prüfsteine für die Programme: Der E-E-T  („Eigenmann-Endspiel-Test“)

Der E-E-T entstand 1997 und wurde bewusst als Sammlung konzipiert, die nicht Tablebases-sensitiv sein sollte: Die 100-teilige Suite enthält kaum 7- und keine 6- oder gar 5-Steine-Positionen; der E-E-T fragt also nicht in erster Linie die Güte der technischen EGTB-Anbindung ab, sondern die beiden Computerschach-relevanten Parameter „Endspielwissen“ und „Rechentiefe“. Über das schachtheoretische Design des E-E-T ist unter obigem Link das Nähere zu erfahren; bezüglich des reinen Tablebase-Aspektes enthält der E-E-T Beispiele aller vier wichtigen Abteilungen:

A) Endspiel-strategische Aufgaben, die für Schachprogramme, ob mit oder ohne EGTB, schwierig zu lösen sind – beispielsweise:

Kategorie A) VanScheltinga 1941_E-E-T Nr.65

Königswanderung (E-E-T 065): 1.Kc2! a2 2.Kb2 Ta3 3.Ka1 Ta4 4.a7 Ta6 5.f5 exf5 6.e6 f4 7.Th8 f3 8.a8D Txa8 9.Txa8 f2 10.Ta7+ +-

B) Endspiel-taktische Aufgaben, die für Schachprogramme, ob mit oder ohne EGTB, (fast) immer lösbar sind – beispielsweise:

Kategorie B) Chispa-Gothmog 2003_E-E-T Nr.20

Zu vermeidender taktischer Reinfall (E-E-T 020): 57…g3? 58.hxg3 fxg3 59.Ld6 g2 60.Lh2 Kf6 61.a5 Kf5 62.Kxb7 +-

C) Aufgaben, die von Schachprogrammen mit EGTB meist schneller lösbar sind – beispielsweise:

Kategorie C) Weichert 1968_E-E-T Nr.78

Forcierte Abwicklung in die 5-Steiner (E-E-T 078): 1.Tf6+! Ke7 2.Ta6 bxa2 3.Txa3 Sb3+ 4.Kb2 a1D+ 5.Txa1 Sxa1 6.Le4 =

D) Aufgaben, deren Berechnung die Schachprogramme meist verlangsamt, wenn EGTB im Einsatz sind – beispielsweise:

Kategorie D) Reti 1929_E-E-T Nr.07

Weitzügiges Tempo-Spiel (E-E-T 007): 1.Kd3! Kg3 2.Ke3 Kh4 3.Kd4 Kg4 4.Ke4 Ld8 5.Ke5 g6 6.d6 La5 7.f5 Kxg5 8.f6 +-

Die Test-Resultate

1. Sie bestätigen insgesamt, dass der Einfluss der Endspiel-Datenbanken offensichtlich überschätzt wird. Denn bei den meisten Programmen sind durchaus leicht, aber statistisch vernachlässigbar positive Resultate durch den EGTB-Einsatz nachweisbar.

2. Es sind allerdings deutliche Ausnahmen zu verzeichnen.
Ein überdurchschnittlich besseres Ergebnis mit EGTB erzielen die Programme Hiarcs, Fritz, Colossus, SmarThink und ChessTiger.

3. Ein schlechteres Ergebnis mit EGTB resultierte bei den (Uralt-)Engines Gandalf, Nimzo und AnMon sowie massiv bei WildCat, (während das „Schlusslicht“ Homer grundsätzlich mit der Partiephase Endspiel nicht viel am Hut hat…) – –

Engine                             Gelöste    Differenz
                                   Aufgaben
Rybka3(2CPU)__Mit EGTB             75
Rybka3(2CPU)__Ohne EGTB            74         1
Zappa MexicoII(2CPU)__Ohne EGTB    71
Zappa MexicoII(2CPU)__Mit EGTB     71         0
Colossus2008b__Mit EGTB            69
Colossus2008b__Ohne EGTB           63         6
Hiarcs11.2__Mit EGTB               68
Hiarcs11.2__Ohne EGTB              59         9
Movei00.8.438__Mit EGTB            66
Movei00.8.438__Ohne EGTB           62         4
Fritz11__Mit EGTB                  64
Fritz11__Ohne EGTB                 58         6
Naum3.1(2CPU)__Mit EGTB            66
Naum3.1(2CPU)__Ohne EGTB           62         4
SmarThink1.00__Mit EGTB            61
SmarThink1.00__Ohne EGTB           55         6
ChessTiger2007.1__Mit EGTB         60
ChessTiger2007.1__Ohne EGTB        52         8
DeepShredder11(2CPU)__Mit EGTB     58
DeepShredder11(2CPU)__Ohne EGTB    57         1
Fruit05/11/03__Mit EGTB            57
Fruit05/11/03__Ohne EGTB           55         2
WildCat8__Ohne EGTB                56
WildCat8__Mit EGTB                 48         8
Yace0.99.87__Mit EGTB              56
Yace0.99.87__Ohne EGTB             53         3
Pharaon3.5.1(2CPU)__Mit EGTB       55
Pharaon3.5.1(2CPU)__Ohne EGTB      53         2
The Baron1.8.1__Mit EGTB           53
The Baron1.8.1__Ohne EGTB          50         3
Gandalf6.0__Ohne EGTB              51
Gandalf6.0__Mit EGTB               47         4
Crafty23.00(2CPU)__Mit EGTB        48
Crafty23.00(2CPU)__Ohne EGTB       47         1
Junior10.1__Mit EGTB               47
Junior10.1__Ohne EGTB              43         4
Anaconda2.0.1__Mit EGTB            46
Anaconda2.0.1__Ohne EGTB           43         3
Nimzo8__Ohne EGTB                  45
Nimzo8__Mit EGTB                   42         3
Quark2.35__Mit EGTB                39
Quark2.35__Ohne EGTB               37         2
SOS5__Mit EGTB                     36
SOS5__Ohne EGTB                    35         1
AnMon5.60__Ohne EGTB               29
AnMon5.60__Mit EGTB                28         1
Delphil1.9__Mit EGTB               26
Delphil1.9__Ohne EGTB              23         3
Homer2.0__Ohne EGTB                24
Homer2.0__Mit EGTB                 22         2

(Gegegebenfalls wird die Liste nächstens mit zusätzlichen Programmen erweitert. Im übrigen ließe sich natürlich der Test auch auf andere Formate wie z.B. die Bitbases ausdehnen, das experimentelle Feld ist hier ein großes. Weiters wäre zu testen, welche Ergebnisunterschiede zwischen der langsameren Festplatten- und der schnelleren USB-Stick-Verwendung beim Einsatz der Bases bestehen.)

Download einer Excel-Tabelle mit allen Einzel-Resultaten: Die Nalimov-EGTB im Endspiel-Test

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Endspiele auch über Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

András Mészáros: 1000 Schach-Endspiel-Studien

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Originelles Endspiel-Kompendium

von Walter Eigenmann

Wie jeder Endspiel-Buch-Autor weist auch der ungarische Internationale Meister András Mészáros in seinem neuesten Schach-Wälzer „1000 Endspiel-Studien“ auf die Wichtigkeit des Endspiels gerade auch im praktischen Turnier-Schach hin. Doch darüber hinaus widmet sich Mészáros auch dem ästhetischen, künstlerischen Studien-Schach, das meist den allesentscheidenden Plot einer Wendung versteckt – auf dass dann die Grundidee umso überraschender strahle: „…just like when a sculptor is putting the final touches to his work of art.“

Andras Meszaros - 1000 Endspiel-StudienBuch-Autor Meszaros hält das Studium von Endspiel-Kompositionen für ganz besonders geeignet, die grundlegenden Mechanismen dieser Partie-Phase zu verinnerlichen, wobei seine Studien-Selektion allerdings Voraussetzungen zu erfüllen hatte: „The endgame studies have to be witty, original and economical.“

Ein Buch für nimmermüde Sammler

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Diesem Anspruch werden Mészáros‘ „1000 Endgame Studies“ gewiss in hohem Maße gerecht. Sein Pech ist jedoch, dass auf dem Markt bereits eine Unmenge interessanter moderner Endspiel-Studien-Sammlungen rumschwirrt, angefangen bei Van Der Heijdens riesiger „Endgame Study Database“ bis hin zu Convekta’s „Studies“, um nur zwei besonders verbreitete digitale Editionen zu nennen – ganz zu schweigen von den unzähligen, spezifisch schach-pädagogischen oder problemschachlichen Produktionen berühmter Autoren bzw. Komponisten.
Dennoch: Für ruhelos-nimmermüde Sammler, welche dieser teils hochkomplexen letzten Phase einer Schachpartie besonderes Interesse entgegenbringen,  ist „1000 Endgame Studies“ gewiss ein Muss. Der Band ist gediegen gearbeitet und birgt durchaus Unbekanntes. ■

Andras Meszaros, 1000 Endgame Studies (engl/figurin), Magyar Sakkvilág Sakkbolt, 312 Seiten, ISBN 978-963-9750-09-8

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Endspiel auch von Walter Eigenmann: 100 Endspiel-Puzzles für Schach-Programme

… sowie zum Thema Studien über Gerd W. Hörning: Im Traumland der Schachstudie


English Translation

(Links and pictures can be found above)

Original endgame compendium

by Walter Eigenmann

Like every book author about endgames, the Hungarian International Champion András Mészáros points out the importance of endgames in practical tournament chess in his latest chess tome „1000 endgame studies“. But Mészáros also devotes himself to the aesthetic, artistic study chess, which usually hides the all-decisive plot of a turn – so that the basic idea shines all the more surprisingly: „…just like when a sculptor is putting the final touches to his work of art.“.

The author considers the study of endgame compositions to be particularly suitable for internalizing the fundamental mechanisms of this phase of the game, although his selection of studies had to fulfil certain prerequisites: „The endgame studies have to be witty, original and economical.“.

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Mészáros‘ „1000 Endgame Studies“ certainly does justice to this claim to a high degree. His misfortune, however, is that there is already a plethora of interesting modern endgame study collections on the market, from Van Der Heijden’s huge „Endgame Study Database“ to Convekta’s „Studies“, to name but two particularly widespread digital editions – not to mention the countless, specifically chess pedagogical or problem chess productions of famous authors or composers.
Nevertheless, for restlessly tireless collectors who are particularly interested in this sometimes highly complex last phase of a chess game, „1000 Endgame Studies“ is certainly a must. The volume is dignifiedly crafted and contains quite unknown contents. ■

Computerschach: 100 Endspiel-Puzzles für Programme

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Der Schach-Endspiel-Test E-E-T

von Walter Eigenmann

In unserem (Computer)Schach-Zeitalter der riesigen, teils 15- bis 25-zügigen Eröffnungs-Bibliotheken bzw. -Daten-Banken, vor allem aber der mittlerweile für Menschen kaum mehr nachvollziehbaren, extremen taktischen Schlagkraft aller Programme im Mittelspiel, welche die Unterschiede zwischen den Top-Engines in Matches und Turnieren quasi verwischt, kommt (neben dem positionellen Spiel-„Verständnis“) v.a. einer Komponente der Performance eine ständig wachsende Bedeutung zu: dem Endspiel. Ein neuer, spezifisch für Engines konzipierter Stellungstest mit 100 Endspiel-Puzzles ordnet die Programme auf diesem Gebiet ein.

Der E-E-T als erster Indikator der Endspielstärke

Studie von Queckenstadt (aus Walter Eigenmann: Hundert Schach-Endspiele für Computer)
Studie von Queckenstadt

Ausgehend von der Diskrepanz zwischen der Wichtigkeit der letzten Partie-Phase im aktuellen „Engine-Betrieb“ einerseits und dem Mangel an geeignetem modernem Test-Material anderseits hat der Autor eine umfangreiche Aufgaben-Suite zusammengestellt, welche als erster Indikator der Endspielstärke eines (neuen) Schachprogramms fungiert:

Diese Sammlung unter dem Namen E-E-T (= Eigenmann Endspiel Test) setzt sich aus exakt hundert, in den einschlägigen Datenbanken sowie in verschiedenster Literatur aus den vier Bereichen „Computerschach“, „Fernschach“, „Historische Turniere“ und „Studien“ recherchierten Endspiel-Positionen zusammen, welche einer Engine je 60 Sekunden lang zur Berechnung unterbreitet werden sollen, wobei schließlich die Anzahl richtiger Lösungen entscheidet.

Eine einheitlich-kompakte Suite

Studie von Kondratjev (aus Walter Eigenmann: Hundert Schach-Endspiele für Computer)
Studie von Kondratjev

1. Die Material-Verteilung des E-E-T orientiert sich einigermaßen an der Häufigkeit, wie sie sich zeigt in großen Partien-Sammlungen wie z.B. der bekannten „Mega-Database“ oder v.a. der „COMP2007“ mit Computerschach-Partien, womit die Affinität der Suite zum „realen Schachleben“ angestrebt wurde. (Turm-Endspiele nehmen beispielsweise also besonders großen Raum ein).

2. Der E-E-T enthält bewusst zahlreiche Positionen aus dem jüngeren und jüngsten internationalen Engine-Engine-Testbetrieb, um schachlich eine weitgehende Nähe dieses Computer-Schach-Tests zu seinem Gegenstand zu gewährleisten. Darüber hinaus räumt die Suite dem eher taktischen Element im Endspiel zwangsläufig eine gewisse Priorität ein, da es (vorläufig noch?) sinnlos ist, Computerprogramme im Hinblick auf strategische Endspiele zu befragen. Der E-E-T honoriert also bis zu einem bestimmten Punkt besonders auch die „Rechenkraft“ bzw. Suchtiefe eines Programms. Insgesamt werden aber doch im E-E-T genau wie in anderen guten Stellungstests jene Engines eher reüssieren, die sowohl gut rechnen als auch viel „wissen“.

Die Studie als Repräsentant einer Endspiel-„Idee“

Studie von Salov (aus Walter Eigenmann: Hundert Schach-Endspiele für Computer)
Studie von Salov

3. Ein beachtlicher Teil der E-E-T-Aufgaben sind sog. Studien. Diese Kompositionen präsentieren, wo sie auf technisch hohem Niveau daherkommen, die „Idee“, den thematischen Kern eines Endspieles oft in besonders „reiner“, unverschnörkelter Form, womit sie sehr geeignet sind für CS-Tests. Dabei wurde allerdings auf größtmögliche Realitätsnähe geachtet; bis auf wenige Ausnahmen hätten die fraglichen Stellungen problemlos auch in tatsächlich gespielten Computer- oder Menschen-Partien entstanden sein können.

4. In thematischer Hinsicht deckt der E-E-T bewusst ein breites Spektrum ab (ohne natürlich vollständig sein zu wollen): Von der „Ablenkung“ bis zum „Zugzwang“, vom „Abzug“ über den „Entfernten Freibauern“ und die „Festung“ bis hin zur „Pattfalle“ und zum „Zwischenzug“ sind zahlreiche Endspiel-relevanten Themata integriert worden. Als CS-Suite geht der Test vereinzelt auch spezifisch Computerschachlichem wie etwa „Nullmove-“ oder „Horizont“-Effekten nach. Mit ein paar wenigen Beispielen ist außerdem der Partie-Bereich Mittelspiel-Endspiel-Übergang vertreten; diesem (zumal im Engine-Schach) ebenfalls sehr wichtigen Sektor will sich der Autor aber in einem späteren Stellungstest spezifisch widmen.

Mittelschwere Aufgaben und thematisch breites Feld

Studie von Sämisch (aus Walter Eigenmann: Hundert Schach-Endspiele für Computer)
Studie von Sämisch

5. Der (vorläufige, weil ja grundsätzlich Hardware-abhängige) Schwierigkeits-Grad des E-E-T ist übers Ganze betrachtet als mittelschwer einzustufen. Um für ein möglichst breites Feld an Schach-Programmen praktikabel zu sein, beinhaltet die Suite ebenso eine Reihe von ziemlich schwierigen wie ziemlich leichen Aufgaben. Keine Rolle spielten bei der Auswahl hingegen ästhetische oder gar historische Gesichtspunkte – wiewohl unter diesen 100 Momentaufnahmen selbstverständlich viele herrlichste Zeugnisse schach-künstlerischen Genies der letzten 200 Jahre zu entdecken sind. Dem „eindeutigen Testcharakter“ einer Stellung wurde aber in jedem Falle oberste Priorität eingeräumt.

60 Sekunden pro Stellung

6. Um auch hinsichtlich der zu verwendenden Bedenkzeit im E-E-T den „Bezug zur Realität“ herzustellen, wurden 60 Sekunden pro Stellung veranschlagt. Eine Minute pro Zug mag einem „normalen Vereinsspieler“ (=Computerschach-Unkundigen?) nicht besonders lange vorkommen. Tatsächlich aber trifft man so viel durchschnittliche Endspiel-BZ im internationalen Programm-Testbetrieb kaum mehr an; der wahrscheinlich weitaus größte Teil aller CS-Matches und -Turniere wickelt sich in den Blitz- und Rapid-Zeitzonen von 1 bis 25 Minuten pro Partie/Engine ab. Insofern seien also diese 60 Sekunden ein Kompromiss zwischen der Turnierschach- (=2Stunden/Engine) und der Blitzschach- (=5Minuten/Engine) Praxis.

Studie von Van Sheltinga (aus Walter Eigenmann: Hundert Schach-Endspiele für Computer)
Studie von Van Sheltinga

7. In der Computerschach-Szene sind spezielle Endspiel-Datenbanken gebräuchlich. Auch für den E-E-T sind diese „3-6-Steiner“ nicht ganz irrelevant, aber der „Nalimov-Effekt“ dürfte sich (sowohl positiv wie negativ) kaum bemerkbar machen. Wie man an der untenstehenden Schluss-Rangliste sieht, finden sich TB-unterstützende Programme sowohl im vorderen als auch im hinteren Viertel des Ranking-Feldes (wobei übrigens jede Engine mit allen ihr technisch möglichen 3-5- inkl. Shredder-Bases getestet wurde). Und vergleicht man einige Stichproben-Resultate von Top-10-Programmen, wird sofort augenfällig, welche marginale Rolle Endspiel-Tabellen bezüglich des Rankings spielen:

Programm               Lösungen    Lösungen
 -                     mit Bases   ohne Bases
 1. Shredder 10        68          62
 2. Rybka 2.2          64          61
 3. Fritz 10           64          61
 4. Deep Frenzee       61          61
 5. Hiarcs 11.1        59          59
(siehe auch hier betreffend Einfluss der "Nalimovs" auf die Endspielperformance verschiedener Schach-Programme)

8. Die Zug-Kommentare zu den einzelnen 100 E-E-T-Aufgaben (siehe „Download“) übernehmen in der Zeichengebung den internationalen „Informator“-Standard und wurden in monatelanger analytischer Arbeit auch unter Einsatz adäquater Software erstellt. Gleichwohl beschränken sie sich aufs Allerwesentlichste – was gleichbedeutend sei mit der Einladung an die Anwenderschaft, sich auch selbst in die Stellungen zu vertiefen und nicht bloß die Maschine all die Arbeit erledigen zu lassen…;-)

Download-Möglichkeiten für div. Anwendungssoftware

Der Download aller notwendigen Dateien beinhaltet neben den (alphabetisch nach Material sortierten) Stellungen&Analysen im PGN-Format auch ein EPD-File für den Import in alle gängigen Schach-GUIs sowie eine Excel-Tabelle. Hier lässt sich eine CBH-Datei (gepackt als CBV) für Chessbase-Anwender runterladen.

Für Anregungen und Kritik aus der Anwenderschaft, sei es zu schachlichen oder konzeptionellen Elementen dieser Suite, bin ich jederzeit dankbar! Der E-E-T will in Sachen „Endspielfähigkeit eines Schach-Programmes“ mitnichten als alleinselig-machende Wahrheit daher-kommen. Aber ich denke, dass er sein oberstes Ziel erfüllen wird, ein schneller Indikator bei (neuen) Engines bezüglich des so wichtigen dritten Partie-Abschnittes zu sein.

Der E-E-T in der Praxis (32bit/1CPU)

Die folgenden E-E-T-Resultate (Stand: 24. September 2007) wurden bei 60 Sekunden/Engine mit einem Athlon64/3000+ (128MB Hash) sowie den 3-5-men-Nalimov-, Shredder- und Bit-Bases bei einem TB-Cache von 64MB unter der „Fritz-10“- und der „Arena-1.99b4“-Oberfläche mit den jeweiligen Default-Einstellungen erspielt. Insgesamt wurden bis heute fast 120 Engines getestet (siehe die detaillierten Lösezeiten aller Engines im Excel-Download-File); die nachstehende Liste enthält nur die je besten Engines.

Programm                   Lösungen  Zeitverbrauch
001. Rybka 2.3.2a          72/100    00:42:26
002. Shredder 10           68/100    00:45:17
003. Hiarcs 11.2           64/100    00:54:17
004. Fritz 10              63/100    00:49:47
005. Deep Frenzee 3.0      61/100    00:54:04
006. Movei 00.8.438        59/100    00:56:20
007. The Baron 2.12        58/100    00:59:48
008. SmarThink 1.00        55/100    01:01:32
009. Chess Tiger 2007      54/100    00:58:55
010. Colossus 2007d        54/100    01:00:51
011. Glaurung 2-epsilon/5  54/100    01:03:18
012. Toga II 1.3×4         54/100    01:03:41

013. Spike 1.2 Turin       53/100    00:59:42
014. SlowChessBlitz WV2.1  53/100    01:02:32
015. Delfi 5.1             51/100    01:05:59
016. Ktulu 8               50/100    01:02:55
017. Pharaon 3.5.1         50/100    01:03:32
018. Yace 0.99.87          50/100    01:04:44
019. LoopMP 12.32          50/100    01:06:02
020. Naum 2.0              50/100    01:06:08
021. Fruit 2.3             50/100    01:07:37
022. Alaric 707            49/100    01:03:57
023. Ruffian 2.1.0         48/100    01:05:41

024. Deep Sjeng 2.7        47/100    01:03:37
025. Crafty 20.14          47/100    01:05:26
026. Junior 10.1           45/100    01:06:14
027. Gandalf 6.0           44/100    01:06:00
028. Scorpio 1.91          43/100    01:07:35
029. Patzer 3.8            42/100    01:06:50
030. WildCat 7             40/100    01:13:10
031. Anaconda 2.0.1        40/100    01:16:26
032. Aristarch 4.50        39/100    01:13:41
033. Nimzo 8               38/100    01:13:14
034. Pepito 1.59           38/100    01:15:16

035. Arasan 10             38/100    01:17:48
036. ProDeo 1.4            38/100    01:18:50
037. Chessmaster 9000      37/100    01:13:21
038. Jonny 2.83            37/100    01:15:06

039. Petir 4.72            37/100    01:18:45
040. Amyan 1.597           35/100    01:16:58
041. Quark 2.35            35/100    01:19:32
042. LGoliath Evolution    34/100    01:14:21
043. Gaia 3.5              34/100    01:17:44
044. Amy 0.87              34/100    01:18:11
045. Tao 5.6               31/100    01:19:42
046. TheCrazyBishop 0052   30/100    01:19:37

047. TwistedLogic 20070915 30/100    01:21:34

048. Feuerstein 0.4.5.2    29/100    01:20:32
049. RomiChess P3j         28/100    01:20:55
050. AnMon 5.60            28/100    01:22:54
051. DanaSah 3.03          27/100    01:21:13
052. Aice 0.99.2           27/100    01:21:23
053. SpiderChess 070525    27/100    01:21:45
054. SOS 5                 27/100    01:21:49
055. Zappa 1.1             27/100    01:23:18

056. Hamsters 0.4          26/100    01:22:21
057. GreKo 5.0             24/100    01:25:15
058. Ufim 8.02             23/100    01:24:18
059. Chispa 4.0.3          22/100    01:25:44
060. Resp 0.19             21/100    01:24:04
061. Phalanx 22            21/100    01:24:47
062. Hagrid 0.7.56         21/100    01:25:51
063. Sunsetter C10         20/100    01:26:37
064. Homer 2.0             20/100    01:26:44

065. Asterisk 0.6          20/100    01:26:48
066. Ayito 0.2.994         19/100    01:26:05
067. BeoWulf 2.4           19/100    01:26:31
068. Queen 3.09            19/100    01:26:43
069. Abrok 5.0             19/100    01:28:31
070. Smirf MS-167d         18/100    01:27:44
071. Lime 62               17/100    01:28:33
072. AliChess 4.08         16/100    01:27:46
073. BlackBishop 0.47      16/100    01:30:03
074. BikJump 1.2.1         15/100    01:27:27
075. Mint 2.3              15/100    01:28:13
076. FireFly 2.2.2         15/100    01:28:33
077. Homer 1.1 b3          14/100    01:32:10
078. BigLion 2.23w         13/100    01:29:12
079. BamBam                10/100    01:32:58

Nachtrag 2016

Die obigen Resultate stammen aus dem Jahre 2007. Heute, fast 10 Jahre später, zeigt sich – mit neuen, moderneren Programmen und auf deutlich schnellerer Hardware – ein ganz anderes Bild (siehe untenstehende Tabelle). Die 100 Aufgaben des EET sind für heutige Engines keine wirkliche Herausforderung mehr, manche von ihnen lösen vier Fünftel aller Puzzles oder noch mehr.

Was hingegen gleich geblieben ist, ist die recht hohe Übereinstimmung der EET-Rangliste mit den aktuellen Ranglisten, wie sie sich präsentieren bei den beiden bekanntesten Computerschach-Testreihen CEGT und CCRL. Ein Beweis u.a. auch dafür, dass ein deutlicher Zusammenhang besteht zwischen der Performance im Turnier-Betrieb einerseits und den Endspiel-Fähigkeiten eines Programmes andererseits.

  1. Stockfish 7 ......... 88/100
  2. Komodo 10.1 ......... 85/100
  3. Houdini 4 ........... 80/100
  4. Fritz 15 ............ 80/100
  5. NirvanaChess 2.3 .... 80/100
  6. Critter 1.6 ......... 77/100
  7. Rybka 4.1 ........... 77/100
  8. Equinox 3.30 ........ 76/100
  9. Andscacs 0.87 ....... 73/100
  10. Gull 3.0.1 .......... 68/100

(15 sec. pro Stellung auf Intel (4Cores) – 3GHz – 64bit – 512 Mb Hash)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch über den ERET-Stellungstest (Neue Testaufgaben für Programme)