Karsten Müller & Luis Engel: Spielertypen im Schach

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 13 Minuten

„Vierdimensionale“ Typologie der Schachspieler

von Ralf Binnewirtz

Der renommierte Schach-Endspiel-Experte und -Autor Karsten Müller und sein junger Kollege Großmeister Luis Engel präsentieren in ihrem Gemeinschaftswerk „Spielertypen im Schach – Ihre Stärken und Schwächen“ eine Typologie der Schachspieler, die auf vier verschiedenen Spielertypen basiert. Die mit umfänglichem Anschauungsmaterial in Form kommentierter Partien versehene Ausarbeitung lädt aktive Spieler dazu ein, sich selbst sowie anstehende Gegner dem einen oder anderen Spielertyp zuzuordnen und hieraus eine geeignete, möglichst vorteilhafte Spielstrategie abzuleiten, aber auch an eventuell vorhandenen eigenen Schwächen zu arbeiten.

Das vom Autorenduo vorgestellte Vier-Typen-Modell geht im Wesentlichen zurück auf Lars Bo Hansen, der es 2005 in seinem Buch Foundations of Chess Strategy eingeführt hat.

Der Aktivspieler

„Aktivspieler“ oder gar „Hyperaktivspieler“ (ein Prototyp der letzteren war der junge Michail Tal) verfolgen eine dynamische, Angriffschancen kreierende Spielweise, die häufig mit intuitiven Opfern verknüpft ist, wobei sie bereit sind, statische Schwächen hinzunehmen. Das Material spielt eine untergeordnete Rolle.
Eine zu hohe Risikobereitschaft bzw. die Überschätzung der eigenen Möglichkeiten kann sich allerdings auch leicht als Bumerang erweisen, zudem sind Aktivspieler oft vergleichsweise schwach in der Kunst der Verteidigung. Zur Freude der Zuschauer ergeben sich dafür vielfach spektakuläre Partien von hohem Unterhaltungswert.
Prominente Vertreter dieses Stils sind Aljechin, Tal, Spasski, Kasparow und Anand (um nur die Weltmeister zu nennen).

Der Theoretiker

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Die Zunft der „Theoretiker“ ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Ihr Spiel ist von Logik und Systematik geprägt, sie verfügen in der Regel über ein überschaubares, aber äußerst ausgefeiltes und verlässliches Eröffnungsrepertoire. Sie kennen sich hervorragend aus in den konkreten Strukturen und positionellen Themen, die aus ihren Eröffnungssystemen hervorgehen und sich zuweilen bis ins Endspiel erstrecken. Die Endspieltheorie beherrschen sie ebenfalls perfekt.
Zu ihren Schwächen mag ein Hang zum Dogmatismus zählen (Paradebeispiel Tarrasch!) oder eine gewisse Inflexibilität ihres Spiels, falls sie aus den ihnen vertrauten Strukturen gedrängt werden.
Steinitz, Botwinnik und Kramnik können als typische Vertreter dieser Kategorie gelten. Überraschend unerwähnt im Buch bleibt der historisch bedeutende Theoretiker Ernst Grünfeld – der „Mann mit dem Variantenkoffer“.

Der Reflektor

Müller & Engel - Spielertypen im Schach - Leseprobe 1 (Aktivspieler) - Glarean Magazin
Weltmeister Garry Kasparow als Prototyp des „Aktivspielers“ (Leseprobe aus Müller & Engel: „Spielertypen im Schach“)

Mit der bislang kaum verbreiteten Bezeichnung „Reflektoren“ ist die dritte Gruppe der Spielertypen belegt. Diese besitzen ein untrügliches und nicht erlernbares Gefühl für die Harmonie und Koordination der Figuren, betreiben aktive Prophylaxe und sind besonders stark in der Akkumulation und Verdichtung kleiner Vorteile. Zu ihren bevorzugten taktischen Mitteln gehören langfristige Positionsopfer.
Als ihre potenziellen Schwachpunkte gelten die Eröffnung sowie konkrete Berechnung.
Gemeinhin als Reflektoren eingestuft werden Capablanca, Smyslow, Petrosjan, Karpow und natürlich Carlsen.

Der Pragmatiker

„Pragmatiker“ hingegen fühlen sich besonders wohl in scharfen, taktischen Stellungen, in denen sie ihre Stärke bei der konkreten Variantenberechnung zur Geltung bringen können. Gerne schnappen sie sich Material, um nachfolgend in zäher Verteidigung zu reüssieren, wie es z.B. der „russische Verteidigungsminister“ Karjakin häufig praktiziert. Überdies lieben sie es, den Gegner mit unangenehmen praktischen Entscheidungen zu konfrontieren.
Schwächen können sich einstellen in technisch-positionellen Stellungen, die keine konkreten Berechnungen erfordern, sowie im Erkennen langfristiger Pläne positioneller oder auch taktischer Natur.
Diesem Typus zuzuordnen wären beispielsweise Fischer, Euwe und Lasker.

Partien und Trainingsaufgaben

Müller & Engel - Spielertypen im Schach - Leseprobe 2 (Hyper-Aktivspieler) - Glarean Magazin
Weltmeister Michael Tal als Prototyp des „Hyper-Aktivspielers“ (Leseprobe aus Müller & Engel: „Spielertypen im Schach“)

Die vier Kapitel zu den Spielertypen werden jeweils durch einen allgemeinen Teil eingeleitet (Diskussion der Stärken und Schwächen, Trainingsoptionen, Gegner, Eröffnungen, etc.), wonach in diversen Unterkapiteln (diese finden sich leider nicht im Inhaltsverzeichnis) einzelne Themen zum betreffenden Spielertyp sowohl anhand von Partien als auch von Übungsaufgaben illustriert werden. Die relevanten Partiephasen wurden von den Autoren sorgfältig, aber nicht überbordend kommentiert, in einer ansprechenden Balance zwischen verbalen Kommentaren und Varianten, wobei erstere sogar oft überwiegen (was mir lobenswert erscheint). Gleiches gilt für die Lösungen zu den Aufgaben, die in einem separaten Folgekapitel versammelt sind. In der Auswahl der Partien bieten die Autoren eine gefällige Mischung aus historischen Glanzlichtern, Klassikern der Moderne, weithin unbekannten Partien sowie Beispielen aus der eigenen Spielpraxis.

Vorsätzliches Schubladen-Denken

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Der vorgestellten Typologie wohnt zweifellos ein gewisses Schubladendenken inne, auch wenn Karsten Müller versichert, dass es bei eigenen Trainingsveranstaltungen erstaunlich gut gepasst hat. Bereits in der Einleitung geben die Autoren auch zu, das „Schubladendenken mit gutem Grund überbetont“ zu haben, eben um mit dieser Herangehensweise klarere Bilder zu erhalten. In der Realität geht es nicht ganz so einfach zu, sind die Grenzen nicht so scharf gezogen. Spieler können in ihrer Weiterentwicklung durchaus den Typus wechseln oder zumindest partiell ändern. So hat sich der hyperaktive junge Michail Tal ab ca. 1966 – bei zunehmend fragiler Gesundheit – weitgehend zu einem Pragmatiker gewandelt. Und auch ein Kasparow repräsentierte wohl zwei Typen (Aktivspieler und Pragmatiker) in einer Person. Der Fall wiederum, dass Theoretiker zu Reflektoren mutieren, scheint äußerst selten vorzukommen.

Unerwartete Entwicklung

Magnus Carlsen - Glarean Magazin
Ein einziger „Reflektor“ unter den Top 10 der aktuellen Weltspitze: WM Magnus Carlsen

In einem kurzen Kapitel stellen die Autoren die Spielertypen aus den Top Ten der Weltrangliste der Jahre 2005 und 2020 gegenüber, wobei sich nach 15 Jahren signifikante Änderungen in der Verteilung zeigen: 2005 dominierten noch Aktivspieler die Liste der Top Ten, in 2020 haben wir den (einzigen) Reflektor Carlsen an der Spitze, dem in der Mehrzahl Pragmatiker und nur noch drei Aktivspieler folgen. Die damalige Prognose von L. B. Hansen, dass sich immer mehr Aktivspieler in der Spitze etablieren werden, hat sich damit nicht erfüllt. Die Ursache für diese Entwicklung sehen die Autoren im wachsenden Einfluss des Computers und in der zunehmenden Betonung sportlicher Aspekte, eine vertiefende Betrachtung hierzu bleibt jedoch aus.

Zitate in neuer Interpretation

Die Autoren räumen ein, dass ihr Vier-Typen-Modell näherungsweise der alten, aber undifferenzierten Einteilung in ‚Taktiker und Strategen‘ entspricht (demnach Reflektoren und Theoretiker auf Seiten der Strategen). In der Folge greifen sie zu Tukmakows Buch Modern Chess Formula, um dessen Thesen zum Einfluss der modernen Computertechnik auf das Schach aus der Sicht ihres Typologie-Modells zu deuten, was bei einer Reihe von zitierten Passagen auch gut funktioniert. Vorab stellen sie allerdings einschränkend klar, dass sie mit ihrer Darstellung „nur an der Oberfläche kratzen“ können und eine künftige, gründlichere Ausarbeitung der Thematik eher einem Theoretiker anheimstellen.

Raum für weitere Erkundungen

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Aus vorstehenden Bemerkungen geht bereits hervor, dass das hier diskutierte Typologie-Modell noch nicht die ultimative Letztform darstellen kann. Die Intention der Autoren mag darin bestanden haben, eine Art Pionierarbeit zum Thema „Spielertypen“ vorzulegen, die noch Raum lässt für weitere Erkundungen, Verfeinerungen und Ergänzungen. Hier einen Anstoß für weitere Untersuchungen gegeben zu haben, ist ein Verdienst (unter anderen) des Autorengespanns. Die Zukunft wird zeigen, ob Müller & Engel andere Autoren zu Anschlussarbeiten zu inspirieren vermögen.

Mission erfüllt

Karsten Müller - Luis Engel - Schachgrossmeister - Glarean Magazin
Erfolgreiches Autoren-Gespann: Das Großmeister-Duo Karsten Müller & Luis Engel

Es ist den beiden Autoren Karsten Müller & Luis Engel sichtlich gelungen, die vier Spielertypen ihrer Wahl eingängig darzustellen, wozu in erheblichem Maß die zahlreichen Partien und Trainingsaufgaben beitragen, die mit ihrer profunden, den Spielertypus erhellenden Kommentierung den größten Teil des Buchs ausmachen. Schließlich soll der Leser durch Spielertypenanalyse befähigt werden, sowohl die eigenen Stärken/Schwächen zu erkennen wie auch eine entsprechende Charakteristik seiner Gegner aufzustellen, um mit den so gewonnenen Erkenntnissen eine für den Gegner psychologisch unangenehme Justierung der eigenen Spielweise vorzunehmen. Eine ernsthafte Trainingsarbeit ist selbstredend auch hier Voraussetzung für den Erfolg.

Das Buch ist in der gewohnt soliden Aufmachung des Joachim Beyer Verlags erschienen (Hardcover-Ausgabe, Lesebändchen), sauberer Druck und lesefreundliches Layout inbegriffen. Mit einem Vorwort der deutschen Schach-Hoffnung Vincent Keymer, einem Quellen- und Spielerverzeichnis sowie Kurzbiografien der beiden Autoren eine insgesamt erbauliche und richtungsweisende Neuerscheinung, die ich sehr empfehlen kann. ♦

Karsten Müller, Luis Engel: Spielertypen – Ihre Stärken und Schwächen1), 244 Seiten, Joachim Beyer Verlag, ISBN 978-3-95920-129-2

1)Anmerkung: Inzwischen ist auch eine englische Ausgabe erschienen: The Human Factor in Chess – 4 Types of Players with their Strengths and Weaknesses, JBV Chess Books 2021, 244p, ISBN 978-3-95920-990-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachpsychologie auch über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachs

…sowie zum Thema „Spekulatives Handeln im Schach“ den Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

Weitere interessante Artikel im Internet zum Thema Schach-Psychologie:


English translation:

„Four-dimensional“ typology of chess players

by Ralf Binnewirtz

In their joint work „Player Types in Chess – Their Strengths and Weaknesses“, the renowned chess endgame expert and author Karsten Müller and his young colleague Grandmaster Luis Engel present a typology of chess players based on four different player types. The elaboration, which is provided with extensive illustrative material in the form of annotated games, invites active players to assign themselves as well as upcoming opponents to one or the other player type and to derive from this a suitable, preferably advantageous game strategy, but also to work on possibly existing own weaknesses.

The four-type model presented by the author duo essentially goes back to Lars Bo Hansen, who introduced it in 2005 in his book „Foundations of Chess Strategy“.

The active player

„Active players“ or even „hyperactive players“ (a prototype of the latter was the young Mikhail Tal) pursue a dynamic, attacking chance-creating style of play, often linked to intuitive sacrifices, while being willing to accept static weaknesses. The material plays a subordinate role.
However, taking too many risks or overestimating one’s own possibilities can easily turn out to be a boomerang; moreover, active players are often comparatively weak in the art of defense. To the delight of the spectators, this often results in spectacular games of high entertainment value.
Prominent representatives of this style are Alekhine, Spassky, Kasparov and Anand (to name only the world champions).

The theoretician

The guild of „theorists“ is cut from a different cloth. Their game is characterized by logic and systematics, they usually have a manageable but extremely sophisticated and reliable opening repertoire. They have an excellent knowledge of the concrete structures and positional themes that emerge from their opening systems, sometimes extending into the endgame. They also have a perfect command of endgame theory.
Their weaknesses may include a tendency to dogmatism (prime example Tarrasch!) or a certain inflexibility of their play if they are forced out of the structures they are familiar with.
Steinitz, Botwinnik and Kramnik can be considered typical representatives of this category. Surprisingly unmentioned in the book is the historically important theorist Ernst Grünfeld – the „man with the variation case“.

The Reflector

The third group of player types is referred to by the hitherto hardly used term „reflectors“. They possess an unerring and unlearnable feeling for the harmony and coordination of the pieces, practice active prophylaxis and are particularly strong in the accumulation and consolidation of small advantages. Among their preferred tactical tools are long-term positional sacrifices.
Their potential weaknesses are considered to be the opening and concrete calculation.
Commonly classified as reflectors are Capablanca, Smyslov, Petrosian, Karpov and, of course, Carlsen.

The pragmatist

„Pragmatists,“ on the other hand, feel particularly comfortable in sharp, tactical positions, where they can show off their strength in concrete variant calculation. They like to grab material in order to subsequently succeed in tough defense, as, for example, the „Russian Defense Minister“ Karjakin often does. Moreover, they love to confront the opponent with unpleasant practical decisions.
Weaknesses can occur in technical-positional positions that do not require concrete calculations, as well as in recognizing long-term plans of a positional or even tactical nature.
Fischer, Euwe and Lasker, for example, belong to this type.

Games and training exercises

The four chapters on player types are each introduced by a general section (discussion of strengths and weaknesses, training options, opponents, openings, etc.), after which various subchapters (these are unfortunately not found in the table of contents) illustrate individual topics relating to the player type in question, using both games and practice exercises. The relevant game phases have been carefully but not excessively annotated by the authors, in an appealing balance between verbal comments and variants, with the former even often predominating (which seems commendable to me). The same applies to the solutions to the exercises, which are collected in a separate chapter. In the selection of games, the authors offer a pleasing mixture of historical highlights, modern classics, widely unknown games as well as examples from their own playing practice.

Deliberate pigeonholing

There is undoubtedly a certain pigeonholing inherent in the typology presented, even though Karsten Müller asserts that it has fit surprisingly well in his own training events. Already in the introduction, the authors admit to having „overemphasized pigeonholing with good reason“, precisely in order to obtain clearer pictures with this approach. In reality, things are not quite so simple, the boundaries are not so sharply drawn. Players can change their type in their further development or at least change it partially. Thus the hyperactive young Mikhail Tal from about 1966 – with increasingly fragile health – has largely changed into a pragmatist. And even a Kasparov probably represented two types (active player and pragmatist) in one person. The case of theoreticians mutating into reflectors, on the other hand, seems to be extremely rare.

Unexpected development

In a short chapter the authors compare the player types from the top 10 world rankings of 2005 and 2020, showing significant changes in the distribution after 15 years: in 2005 active players still dominated the list of the top ten, in 2020 we have the (only) reflector Carlsen at the top, followed by pragmatists in the majority and only three active players. L. B. Hansen’s prediction at the time that more and more active players would establish themselves at the top has thus not been fulfilled. The authors see the cause for this development in the growing influence of the computer and in the increasing emphasis on sporting aspects, but there is no in-depth analysis of this.

Quotations in a new interpretation

The authors concede that their four-type model corresponds approximately to the old, but undifferentiated division into ‚tacticians and strategists‘ (thus reflectors and theoreticians on the side of the strategists). Subsequently they turn to Tukmakov’s book „Modern Chess Formula“ to interpret his theses on the influence of modern computer technology on chess from the point of view of their typology model, which works well for a number of quoted passages. However, they make it clear in advance that they can „only scratch the surface“ with their presentation and leave a future, more thorough elaboration of the topic to a theorist.

Place for further exploration

It is already clear from the foregoing remarks that the typology model discussed here cannot yet represent the ultimate final form. The authors‘ intention may have been to present a kind of pioneering work on the topic of „player types“ that still leaves room for further exploration, refinement, and addition. To have given an impulse for further investigations is a merit (among others) of the authors. The future will show whether Müller & Engel are able to inspire other authors to follow-up work.

Mission accomplished

The two authors Karsten Müller & Luis Engel have obviously succeeded in presenting the four player types of their choice in a catchy way, to which the numerous games and training exercises contribute to a considerable extent, which make up the largest part of the book with their profound commentary illuminating the player type. Finally, the reader should be enabled by player type analysis to recognize both his own strengths/weaknesses and to draw up corresponding characteristics of his opponents, in order to use the knowledge gained in this way to make adjustments to his own playing style that are psychologically unpleasant for the opponent. Serious training is, of course, a prerequisite for success here as well.

The book is published in the usual solid appearance of the Joachim Beyer Verlag (hardcover edition, ribbon bookmark), clean printing and reader-friendly layout included. With a foreword by German chess hopeful Vincent Keymer, an index of sources and players, and short biographies of the two authors, this is an altogether edifying and trend-setting new publication that I can highly recommend. ♦


Andrew Soltis / David Smerdon: Schwindeln im Schach

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Das Maximum aus verlorenen Stellungen holen

von Thomas Binder

Man muss im Schach nicht immer den besten Zug finden. In objektiv verlorenen Stellungen hilft oft nur jener Zug, der den Gegner vor eine schwierige Wahl stellt oder die Gestalt der Partie in unerwarteter Weise wendet. Doch wie geht erfolgreiches Schwindeln im Schach? Die beiden Autoren Andrew Soltis in „How To Swindle In Chess“ und David Smerdon in „The Complete Chess Swindler“ zeigen es uns auf unterhaltsame und lehrreiche Weise.

Der Zufall will es, dass kurz nacheinander zwei renommierte Verlage und ebenso bewährte Autoren Bücher mit nahezu identischem Ansatz herausgebracht haben. Die Grossmeister Andrew Soltis aus den USA und David Smerdon aus Australien widmen sich dem Thema „Schwindeln im Schach“. Normalerweise bietet sich jetzt ein Vergleichstest mit einer Kaufempfehlung an, doch hier ergibt sich ein „totes Rennen“. Denn vorweggenommen: Ich habe beide Bücher mit grossem Vergnügen gelesen und kann sie uneingeschränkt empfehlen. Das verwendete Partiematerial überschneidet sich nur geringfügig, beide Werke ergänzen sich also hervorragend.

Chancen für schwere Fehler bieten

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Andrew Soltis: How to Swindle in Chess

„Schwindel“ ist zwar sprachlich die sanftere Form der Lüge, doch es wird einem eventuellen Übersetzer schwerfallen, eine passende deutsche Fassung des zentralen Begriffs zu finden. Es geht in beiden Büchern darum, wie man aus objektiv verlorenen – manchmal aufgabereifen – Stellungen das Maximum an Chancen herausholt. Da der nach reiner Lehre „beste Zug“ die Partie unweigerlich verlieren wird, muss man andere Ressourcen ergründen. Es geht darum, dem Gegner die Verwertung seines Vorteils möglichst schwer zu machen, ihm viele Optionen zu lassen, unter denen er die verlockendste (aber falsche) wählen könnte. Da wir die Partie nicht mehr durch eigene gute Züge gewinnen können, müssen wir die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Gegner noch einen schweren Fehler begeht. Das englische Verb „to bamboozle“ beschreibt dies schon lautmalerisch sehr schön und ist eine weitere Herausforderung für den Übersetzer.

Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
David Smerdon: The Complete Chess Swindler

Beide Autoren nähern sich dem Thema in gleicher Weise und finden einen sehr gesunden Mittelweg zwischen Lehr- und Unterhaltungsbuch. Wenn man nach der Lektüre eines Schachbuchs das Gefühl hat, gut unterhalten worden zu sein und dabei etwas praktisch Verwertbares gelernt zu haben – was kann es Schöneres geben?
Sehr zum Verständnis trägt die ausführliche Bebilderung mit Stellungsdiagrammen bei. Sie ist in beiden Büchern so gehalten, dass man den Partien mühelos ohne eigenes Schachbrett folgen kann. Die am Zug befindliche Seite wird bei Soltis noch ganz klassisch mit „White / Black to play“ beschrieben. Smerdon verzichtet im Hauptteil des Buches leider völlig auf die Kennzeichnung des Zugrechts – eigentlich heute Standard in der Schachliteratur.

Geeignet für Vereinsspieler ab 1600 Elo

Umfang und Inhalt der schachlichen Erläuterungen treffen genau den Geschmack des Rezensenten. Natürlich wird schachliches Können und vor allem wohl auch Wettkampferfahrung vorausgesetzt, um sich auf den Ansatz der Werke einzulassen. Doch ab einem mittleren Vereinsspielerniveau, das ich bei einer Elo-Bewertung um 1600 ansetzen würde, kann man allen Gedankengängen folgen und die Bücher mit Genuss und Gewinn lesen. Auch schachbegeisterte Jugendliche sind als Zielgruppe vorstellbar, sofern die Fremdsprache keine wesentliche Hürde darstellt.

Andrew Soltis - How to Swindle in Chess - Batsford Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Einfach gehaltene Erläuterungen: Leseprobe aus Andrew Soltis „How to Swindle in Chess“

Kommen wir auf die äusserlichen Unterschiede: Smerdons Werk ist um ca. 50% stärker, zudem im Format etwas grösser. Von den gut 120 zusätzlichen Seiten, entfallen allerdings ca. 80 auf das abschliessende Kapitel mit Aufgaben und deren Lösungen. Diese gibt es zwar bei Soltis ebenfalls, aber deutlich knapper und in die Fachkapitel integriert. Abgesehen davon unterscheidet sich die Zahl der vorgestellten Partien weniger als man erwarten könnte. Beide Bücher stellen jeweils ungefähr 100 Beispiele ausführlich vor.

Farbiger Sprachstil vs nüchterne Erklärungen

Das Layout wirkt bei Smerdon insgesamt etwas edler, was aber wohl nicht dem Autor sondern dem jeweiligen Verlagsprogramm zuzurechnen ist. Meist sind auch die Texte bei Smerdon ausführlicher. Rein schachlich ist dies aber nur dort von Belang, wo er im Detail auf abweichende Varianten eingeht. Ansonsten ist eben sein Sprachstil deutlich farbiger als die nüchternen Erklärungen seines amerikanischen Kollegen.

David Smerdon - The Complete Chess Swindler - New in Chess - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Anekdoten und Geschichten: Leseprobe aus David Smerdon „The Complete Chess Swindler“

Auch findet sich bei Smerdon manche kleine Anekdote und Geschichte zur vorgestellten Partie. So werden einige Personen der australischen Schachszene porträtiert, die man hier bislang nicht wahrgenommen hatte. Sollten also die Englisch-Kenntnisse des Lesers ein Kaufkriterium sein, wäre hier der einfacher gehaltene Soltis-Text vorzuziehen. Allerdings sind bei diesem Buch noch einige Schreibfehler im Text und in der Notation auszumerzen.

Umfangreicher Bestand an Aufgaben

Wie bereits angedeutet, haben beide Werke einen mehr oder weniger umfangreichen Bestand an Aufgaben und jeweils einen Lösungsteil dazu. Solche Abschnitte findet man heute in fast jedem Schachbuch. Die Meinungen zur Sinnhaftigkeit dieses Formats mögen auseinander gehen. Ich hätte mir gewünscht, dass man lieber einen Teil dieser Partien in aller Ausführlichkeit in den Haupttext integriert hätte. ♦

Andrew Soltis: How To Swindle in Chess, 240 Seiten, Batsford Chess (Pavilion Books), ISBN 978-1849945639

David Smerdon: The Complete Chess Swindler, 368 Seiten, New in Chess, ISBN 978-9056919115

Lesen Sie ausserdem im Glarean Magazin zum Thema „Schwindeln im Schach“ den Computerschach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

Weitere Internet-Links zum Thema Schach

 


English Translation

You don’t always have to find the best move in chess. Often the only thing that helps in objectively lost positions is the move that confronts the opponent with a difficult choice or unexpectedly changes the shape of the game. The authors David Smerdon in „The complete chess swindler“ and Andrew Soltis in „How to swindle in chess“ convey this knowledge in an entertaining and informative way.

It’s a nice coincidence, that two renowned publishers and successful authors recently edited books with an almost identical approach. Grandmasters Andrew Soltis (from US) and David Smerdon (from Down Under) focus on the subject „Swindling in Chess”. Usually this would tender a comparison test, but that would end in dead heat. I read both books with great pleasure and recommend them both without any reservation. The quoted games overlap only to a small extent; so both books complement one another perfectly.

Offer chances to make serious mistakes

„To swindle“ seems to me as a gentle form of „to lie“ or „to betray“, but of course it’s not about something morally reprehensible here. Both books deal with situations on the chessboard where one side is objectively utterly lost. But now it’s time to generate some „swindle“ chances. The „best move“ according to pure teaching or computer evaluation will inevitably lose the game. So we need to set obstacles for the opponent to convert his clear advantage. We offer him as much options as possible to fall into a trap. The word „to bamboozle“ is the perfect onomatopoetic expression for this attitude.
Both authors find the happy medium between education and entertainment. Feeling well entertained and having learned something useful – what can be better?
Both books are well equipped with position diagrams. That makes it easy to understand the examples and to follow the course of the game without using a chessboard.
Soltis marks the side to play with classical comments next to the board. Unfortunately Smerdon doesn’t use any move indicator – actually a standard in today’s chess literature.

Useful for club players with Elo 1600+

Scope and content of the chess-related explanations exactly match the taste of the reviewer. Of course both books require a certain amount of chess skills and competition experience. But medium club players at an Elo-level of about 1600 will be able to follow all lines of thought and read the books with pleasure and profit. Chess-enthusiastic teenagers can profit as well, provided that the foreign language is not a major hurdle to them.

Let’s have a look at the external differences: Smerdon’s book is about 50% bigger and uses a slightly larger format. But about 80 of the 120 additional pages account for the final section with exercises and solutions. These are available at Soltis too, but much more scarce and integrated in the respective chapters. Apart from that, the number of games presented differs less than one might expect. Both books provide about 100 examples in detail.

Colourful style vs sober explanations

The layout looks a bit nobler at Smerdon’s book, but this must be attributed to the publishing program rather than to the author. The texts are a bit more detailed there too. But the difference is chess-related only in the subsidiary variants, not in the game’s main line. Of course his language style is more colourful than the sober explanations of his American colleague. In Smerdon’s text we find lots of small anecdotes and stories about the games presented. Some people from Australian chess scene are portrayed, who have so far not been noticed here in Europe. If the reader’s English knowledge is a purchase criterion, the simpler Soltis text would be preferable. However, some spelling mistakes in the text and in the notation have to be eliminated in Soltis’ book.

Both works have am more or less extended part with tasks and solutions. Such sections can be found in almost every chess book today. The opinions on this format may differ. I would have preferred that some of these examples had been integrated to the main text in greater detail.

Pictures and Links can be found in the text above

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

von Mario Ziegler

Zugegeben, ich war skeptisch, als ich das Werk „Berechnung im Schach – Ein Versuch“ des Schweizer FIDE-Meisters Werner Kaufmann zu lesen begann. Wie viele Autoren haben schon über die Methoden der Berechnung geschrieben, beginnend mit den unvergessenen Klassikern Alexander Kotows (Denke wie ein Grossmeister (1970) und Spiele wie ein Grossmeister (1978). Selbst wenn die Variantenberechnung das vielleicht wichtigste und zentralste Element im (Turnier-)Schach darstellt: Wie viel Neues kann man dazu noch sagen?

FM Werner Kaufmann, geb. 1951, wurde 1991 mit der SG Luzern Schweizer Meister. Seit 2004 betreibt er Wernis Schachlade und veröffentlichte bereits die Werke: Keine Pläne! („Ein methodischer Weg zu konkretem Denken im Schach“ 2016) sowie Zwingende Züge („Captain William Evans‘ Gambit“ 2017). Mit „Berechnung im Schach“ – das auch in der englischen Fassung „Calculation in Chess: An Approach“ – erhältlich ist, folgt nun also das dritte Werk, wie die beiden ersten nur als E-Book erhältlich und wie diese im von Kaufmann begründeten Damenspringer-Verlag erschienen.
Der Umfang beträgt 100 Seiten, die in die folgenden Kapitel gegliedert sind: Vorwort, Einleitung, Beobachtungen in der Schachwelt, Die Eröffnung, Technik und Taktik, Eine Schule des Sehens, Tarrasch in Manchester. Bereits hier eine Anmerkung zum Layout, auf das ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eingehe: Seitenzahlen sucht man im Werk vergeblich, ich nummeriere wie im Folgenden nach der Seitenangabe der PDF-Ausgabe.

„Keiner kann rechnen“

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach - Ein VersuchDas erste Kapitel ist dem taktischen Spielverhalten unterschiedlicher Spieler gewidmet. Kaufmann lässt gleich zu Beginn mit dem Satz „Keiner kann rechnen“ aufhorchen und betont, dass sich aus seiner Sicht viele Spieler in ihren Berechnungen nicht auf die entscheidenden Züge konzentrieren, nämlich die wirklich zwingenden. Oder, in den Worten Kaufmanns:
„Die am häufigsten gestellte Frage, die ich als Schachlehrer höre, lautet: ‚Wie kann ich meine Berechnung verbessern?‘ Dann sage ich meistens: ‚Keine Chance, vergiss es! Ich habe es 50 Jahre lang versucht und nie kapiert. Nun, sie glauben mir nicht und bestehen auf der Frage. Dann antworte ich: ‚Du berechnest eine Menge Müll.'“
Dies verdeutlicht er an den Irrungen und Wirrungen in den Überlegungen verschiedener – durchaus auch sehr starker – Spieler in einer Variante des Londoner Systems, um danach zwei eigene Beispiele gegen Gegner mit 2100 und 2350 Elo aus der Sizilianischen Verteidigung sowie eine passende Grossmeisterpartie (Shabalov-Benjamin, Philadelphia 1993) anzufügen. Die diversen Überseher in den Partien führen Kaufmann zu dem zweifellos richtigen Fazit: „Du kannst nicht mit Zügen rechnen, die du nicht siehst. Also erst schauen, dann rechnen!“

Ein neues Konzept des Berechnens

Das ist allerdings nichts bahnbrechend Neues, jeder Trainer wird gerne zustimmen, dass man erst die verschiedenen Kandidatenzüge ermitteln sollte, bevor man sich auf eine Variante stürzt. Interessant ist jedoch das Konzept der Berechnungen auf der ersten (an anderer Stelle spricht Kaufmann auch von First-Level) und zweiten Ebene: „Die erste Stufe der Berechnung befasst sich mit kürzeren oder längeren forcierten Abwicklungen oder Zugfolgen. Man kann sie auch als technische Berechnungen bezeichnen. Jeder von uns ist mehr oder weniger in der Lage, sie zu auszurechnen (sic!). Indem ich von einer ersten Ebene spreche, weise ich darauf hin, dass es in der Regel eine zweite Ebene gibt, wo die Position aus dem Gleichgewicht ist, die Dinge kompliziert werden, und wo sogar Weltmeister und Supercomputer versagen. Sie ist charakterisiert durch zwingendes und erzwungenes Spiel von Zug zu Zug. Jeder Spieler muss auf der zweiten Ebene zwischen mehreren Optionen unterscheiden.“
Dieses Konzept ist zumindest für mich neu. Kaufmann geht im ersten Kapitel an verschiedenen Stellen auf dieses Modell ein, wobei ich mir gelegentlich klarere Beispiele gewünscht hätte.

Kein Lehr- sondern ein Beispielbuch

Werner Kaufmann - Zwingende Züge - Cover-Bild - Glarean Magazin
Unorthodoxe Schach-Ratschläge sind schon in den „Zwingenden Zügen“ von Werner Kaufmann zu finden

Aber „Berechnung im Schach“ ist kein klar strukturiertes Lehrbuch, eher eine Fülle kommentierter Partien zu einem bestimmten Thema, die den Leser bisweilen unsortiert anspringen. Dem Leser wird abverlangt, sie sorgsam zu durchdenken, um Nutzen daraus zu ziehen. Wie unterschiedlich von Spieler zu Spieler (und selbst von Profi zu Profi) übrigens First-Level-Berechnungen sind, zeigt Kaufmann an einer Internet-Blitzpartie zwischen Magnus Carlsen und Jan Gustafsson, in der dem deutschen Spitzenspieler diverse Züge seines Gegners unverständlich blieben, obwohl sich die Berechnung immer nur auf der ersten Ebene abspielte. „Es scheint als ob die beiden Jungs anders denken. Jan spielt positionell mit Hilfe der Taktik, Magnus denkt rein taktisch.“

Das Kaufmannsche Credo des Schachdenkens

Sein Credo über das Denken im Schach fasst Kaufmann auf S. 23f. zusammen:

  1. Tauche nicht sofort in Berechnungen ein, sondern überlege, was die Pläne des Gegners sein könnten. Betrachte deine Züge immer als einen Versuch, diese zu widerlegen
  2. Suche nach zwingenden Angriffen
  3. Suche nach überzeugenden Antworten auf diese Angriffe und halte für jeden seiner Versuche etwas bereit. Normalerweise ist es nicht offensichtlich, was der beste Zug ist. Dann musst du einen deiner Kandidaten oder Optionen auswählen.

Kaufmanns Faustregeln: „Basierend auf den obigen Prinzipien habe ich mir ein paar Kriterien ausgedacht, wie man Züge auswählen sollte:

  • Wenn möglich wähle einen Zug, der die gegnerischen Möglichkeiten einschränkt und ein Gegenspiel vermeidet (Die Zwingende Züge!-Regel)
  • Wenn du zwischen verschiedenen Abwicklungen wählen musst, wähle diejenige, bei der am Ende du am Zug bist, und nicht dein Gegner. (Die Mein Zug!-Regel)
  • Vermeide Züge, die dem Gegner ein Angriffsziel geben. (Die Keine Angriffsobjekte!-Regel)
  • Wenn eine von zwei Optionen einen Tausch vermeidet, nimm diese. (Tauschverbot-Regel)

Um das Auffinden zwingender Züge zu trainieren, empfiehlt der Autor übrigens die Analyse eigener Blitzpartien mit Hilfe des Computers (S. 6).

Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

Die Schlussfolgerung des ersten Kapitels, in dem weitere Partien von Carlsen, Tal oder etwa auch von Alpha Zero diskutiert werden, lautet: „Wir haben festgestellt, dass niemand wirklich gut rechnen kann, und dass jeder in Bezug auf seine normale Stärke grobe Fehler macht. In jeder Stärkeklasse kommen Fehler vor, die auf der nächst höheren nicht passiert wären. […] Wie kannst du als Patzer dein Schach verbessern? Ganz allgemein solltest du weniger rechnen und mehr sehen. […] Du solltest vom Konkreten ins Abstrakte gehen. Überlege, was du konkret unternehmen könntest. Das bedeutet, Drohungen zu schaffen und Gegendrohungen zu vermeiden. Erst wenn du dich nicht für einen Zug entscheiden kannst, solltest du den wählen, der nach allgemeinen Kriterien besser ist. Diese verkehrte Denkweise – Taktik vor Strategie – macht in gewöhnlichen Stellungen keinen grossen Unterschied, normalerweise kommt ungefähr dasselbe heraus. Aber in spannungsgeladenen Stellungen ist der Unterschied gewaltig. Dann geht es nicht mehr um schöne Springerfelder, Linienöffnungen und solches Zeug. Dann geht es um Schläge und Gegenschläge. Die Entscheidungskriterien sind dann auch nicht positioneller Natur, sondern taktischer, und die Faustregeln kommen zum Einsatz: Zwingende Züge!; Keine Angriffsobjekte!; Keine Täusche!; Mein Zug!“

Leseprobe aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 1 - Rezension im Glarean Magazin

Im Spannungsfeld von Technik und Taktik

Die weiteren Kapitel konkretisieren die aufgestellten Überlegungen für den Bereich der Eröffnungen und stellen sie in das Spannungsfeld von Technik und Taktik, wobei der Autor hier unter „Technik“ durchaus taktische Abwicklungen der ersten Stufe versteht im Gegensatz zu solchen Operationen, die sie nicht genau berechnen können und die somit auf der zweiten Stufe angesiedelt sind. „Eine Schule des Sehens“ bespricht unter den vorgestellten Gesichtspunkten 20 Partien des Mitropa-Cups der Frauen 2017, „Tarrasch in Manchester“ die Partien des deutschen Vorkämpfers Dr. Siegbert Tarrasch bei seinem klaren Turniersieg in der nordenglischen Metropole 1890.

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Bei letzteren Partien bezieht Kaufmann die Analysen Tarraschs aus seinem Werk „300 Schachpartien“ in seine Bewertung ein – übrigens eine Stärke des Buchs, das soweit als möglich die Überlegungen der Spieler aus der Literatur oder dem Internet rezipiert. Bezüglich des Turniers aus dem 19. Jahrhundert kommt Kaufmann zum Fazit: „Was die Taktik angeht, haben die Spieler es selten geschafft, zwingende Züge zu machen, sie zogen positionelle oder vermeintliche Angriffszuge vor. Dass sie dem Gegner Angriffsobjekte hinstellten, kam bei Tarrasch selten, bei seinen Gegnern öfters vor. Mehrmals wurde das Tauschverbot missachtet, teils mit fatalen Folgen. Tarraschs Varianten-Berechnung war höchst mangelhaft und von groben Versehen gewürzt, selbst in den Kommentaren.“ Die Überlegenheit gegenüber seinen Zeitgenossen resultierte entscheidend aus seinem weitaus höheren positionellen Verständnis. – Anmerkung: Dieses Kapitel ist als eigenständiges PDF-File auf der Webseite des Autors downloadbar: Tarrasch in Manchester

Komplexe Sachverhalte im Plauderton

Neben dem Inhalt verdient auch der Stil Kaufmanns einige Bemerkungen. Manchen Aussagen stehe ich etwas skeptisch gegenüber, zumindest sind sie missverständlich formuliert: „Im Schach gibt es so etwas wie eine objektive Wahrheit, anders als im wirklichen Leben. Du kannst sie mit deiner Computersoftware herausfinden“ (S. 11). Dies würde bedeuten, dass Computer zweifelsfrei in der Lage wären, in einer gegebenen Stellung den besten Zug – die objektive Wahrheit – zu ermitteln. Dies hängt jedoch unbestritten am Charakter der Stellung und – in geringerem Masse – an den Parametern des Programms, so dass nicht selten zwei Spitzenprogramme in der gleichen Stellung zu (leicht) unterschiedlichen Resultaten kommen. All dies ist dem mit den Stärken und Schwächen der Computer sehr gut vertrauten Autor natürlich auch bekannt.

Leseprobe 2 aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 2 - Rezension im Glarean Magazin

Ansonsten formuliert Kaufmann gelegentlich in lockerem Plauderton: „Der 28. Oktober 2010 ist für mich ein historisches Datum. An diesem kalten und regnerischen Oktobernachmittag habe ich Herrn Viktor Kortschnoi mit den schwarzen Steinen regelrecht zusammen geschoben. Aber dann verdarb ich die Partie mit einem grauenhaften Endspiel-Fehler in ein Remis. Ich hatte noch nie zuvor einen so starken Spieler geschlagen. Es tut immer noch weh. Übrigens würde ich Herrn Kortschnoi nie Viktor nennen. Ich nenne Bobby Bobby, Garry Garry und Magnus Magnus. Aber Herr Kortschnoi ist eine Legende. Er wird immer mindestens Kortschnoi bleiben, aber selbst das ist nicht respektvoll genug. Für mich ist er für ewig Herr Kortschnoi. Vielleicht könnte das Vereinigte Königreich etwas dagegen unternehmen und ihn posthum adeln. Sir Viktor wäre einfach grossartig. Vielleicht gewöhne ich mich daran und nenne ihn von nun an Sir Viktor.“
Diese Ausführung hat übrigens mit dem Thema des Kapitels nichts zu tun, wo es um das Verhältnis von Spielstärke und Rechenfähigkeit geht und gerade die Partie Cremer-Vogt aus der Schweizer Mannschaftsmeisterschaft 2010 analysiert wird. Ob man diesen Stil mag oder nicht, ist Geschmackssache…
Ich persönlich würde auch keine Empfehlungen wie: „Oh, du hast dir noch nie Kingcrusher-Videos auf YouTube angesehen? Du hast nicht viel verpasst. Aber wenn du es tust, traue seinen Erklärungen nicht.“ in einem Buch geben, aber auch hier mag es zwei Meinungen geben.

Interessante Inhalte mit mässigem Layout umgesetzt

FAZIT: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre.

Zuletzt ein Wort zum Layout, das ausgesprochen spartanisch daherkommt. Natürlich gibt es Untergliederungen durch die grösser gesetzten Überschriften, natürlich werden die Hauptzüge der Partien fett gedruckt, die Anmerkungen nicht. Aber wieso verzichtet der Autor auf jegliches Diagramm, was ja gerade in einem E-Book, das man auf dem Tablet oder Handy lesen will, ohne ein Brett daneben aufzubauen, aus meiner Sicht unabdingbar ist?
Zudem wurde offenbar sehr wenig Wert auf eine ästhetische Gliederung des Manuskripts gelegt. Statt am Ende einer Seite nur Überschrift und Spielernamen wiederzugeben, aber keinen einzigen Zug, hätte man vor der Überschrift einen Seitenumbruch einfügen können. Ebenso kommt es vor, dass es die nur letzten beiden Zeilen eines Kapitels auf eine neue Seite geschafft haben. Gewiss, diese Dinge sind nicht das Wichtigste bei einem Buch, aber es wäre leicht gewesen, sie durch geschickte Seitenumbrüche oder einfach eine kleine Umformulierung oder Umstellung zu vermeiden!

Mutige neue Wege

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Fazit: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre. ♦
* Dem Rezensenten lag die PDF-Fassung des E-Books vor

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach – Ein Versuch, Damenspringer-Verlag / Amazon Media (Kindle Edition)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachstrategie auch über Herman Grooten: Chess Strategy for Club Players (engl.)

… sowie zum Thema Analysieren mit dem Computer: Version 16 der Schach-Datenbank Chessbase


Manfred Herbold: Der Schachtherapeut 2 (Reloaded)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Lehrreich-vergnügliches Schachlesebuch

von Thomas Binder

„Ob Kreisliga oder Weltspitze – einen Schachtherapeuten braucht jeder“ – so ähnlich steht es im Vorwort des neuen Buches „Der Schachtherapeut 2“ von Manfred Herbold. Da ist es gut, dass der umtriebige Schachspieler, -autor und -trainer Manfred Herbold seit Jahren unter dem Label „Schachtherapeut“ zumindest in der schachlichen Internet-Community (aber sicher auch darüber hinaus) bekannt ist. Seine Fans – oder sollten wir sagen: „seine Patienten“? – mussten ganze acht Jahre auf das zweite gedruckte Werk aus seiner Feder warten.

Manfred Herbold - Der Schachtherapeut Band 2 (Reloaded) - EigenverlagNun liegt mit „Der Schachtherapeut 2 – Reloaded“ ein Band vor uns, der an Inhalt und Aufmachung die harmonische Fortsetzung des ersten Bandes dieser Reihe ist. Der Umfang ist gegenüber jenem um ca. 50 Seiten angewachsen. Zwei weitere Bände sind angekündigt, und die Wartezeit soll diesmal deutlich kürzer ausfallen.

Sprachliche Qualität und vergnügliche Inhalte

Den grössten Teil des Buches nehmen 20 Kapitel ein, in denen Herbold uns ausnahmslos unterhaltsame und lehrreiche Partien bzw. Partiefragmente präsentiert – mehr oder weniger dicht in launige Texte eingebettet. Vieles wird dabei stilecht in Parodien auf psychotherapeutische Sitzungen verpackt. Dabei begegnen wir Herbolds treuestem Patienten wieder, der auch acht Jahre nach Band 1 offenbar noch nicht austherapiert ist. Dieser Herr Lobrehd erweist sich auf den zweiten Blick als ein Anagramm auf Herbolds eigenen Namen – schöner Beleg für den augenzwinkernd souveränen Umgang des Autors mit der deutschen Sprache. Gerade diese Leichtigkeit macht seine Texte abseits des schachlichen Inhalts zu einem Lesevergnügen, wie man es selten in der Schachliteratur erlebt.
Ein weiteres erfreuliches Wiedersehen gibt es mit den drei „Halls“: Der Hall of Fame (echte Glanzpartien), der Hall of Shame (lehrreiche Fehler, in der Regel vom Verursacher selbst zur Veröffentlichung vorgeschlagen) und der Hall of Luck, in welcher glückliche Fügungen zu einer sehenswerten oder kuriosen Partie geführt haben.
Viele Partien stammen aus unteren Spielklassen oder offenen Turnieren, so bilden sie auch für den erfahrenen Leser neue Entdeckungen. Natürlich hat auch bekanntes Material seinen Platz, wie Mitrofanovs Ablenkung oder die berühmte Studie der Gebrüder Sarychev.

Zahlreiche internationale Gastbeiträge

Manfred Herbold (* 1966)
Manfred Herbold (Geb. 1966)

Das alles ist weit davon entfernt, in die Kategorie „Klamauk“ abzugleiten. Es bleibt immer köstliche, aber ernst gemeinte Unterhaltung. Im Gegensatz zum ersten Band gibt es sogar einige Abschnitte, die man nahezu unverändert in ein klassisches Lehrbuch übernehmen könnte, etwa dort, wo es um gute und schlechte Leichtfiguren geht.
Etwa 40 Seiten sind Gastbeiträgen von Autoren gewidmet, die mit Herbold auf annähernd gleicher Wellenlänge surfen. Soweit erkennbar handelt es sich dabei um bereits veröffentlichte Beiträge von deren jeweiligen Webseiten. Zu diesen Gastautoren gehören „Schachimedes“ Martin Stichlberger aus Wien, „Glarean“ Walter Eigenmann aus der Schweiz, „Schachneurotiker“ Karl Gross, Franz Jittenmaier von chess-international hier (vertreten mit seinem Ruhrpott-Original „Peule“) und Hans-Peter Kraus, dessen Lehrbuch über Fesselungen im Schach eigentlich schon lange eine vollständige Veröffentlichung in Buchform verdient hätte. Weitere Co-Autoren, deren Namen dem Kundigen höchsten Lesegenuss versprechen, sind Gerhard Wetzel, Hermann Krieger, Ulrich Höfer, Rainer Schlenker und Hartmut Metz. Wo hat es eine solche Anthologie deutschsprachiger Schachpublizisten schon einmal gegeben? Wäre das vielleicht sogar ein Ansatz für ein eigenständiges Projekt?

Ideale Ergänzung durch den Cartoonisten Frank Stiefel

Manfred Herbold - Der Schachtherapeut Band 2 (Reloaded) - Cartoons von Frank Stiefel
Cartoon: Frank Stiefel

Neben den Gastautoren ist auf eine Person unbedingt zu verweisen, die einen unschätzbaren Beitrag zum Gelingen dieses Buches geleistet hat: Die meist grossflächigen Illustrationen von Frank Stiefel ergänzen den Text ideal, können aber auch eigenständig als Schach-Cartoons bestehen.
Der Vollständigkeit halber sei noch auf den kurzen 3. Teil verwiesen, der mit „Extras“ überschrieben ist. Mit wenigen Ausnahmen hätte man diese Beiträge auch im Hauptteil unterbringen können, so dass sich der Sinn des eigenständigen Abschnitts nicht ganz erschliesst.

Nach langer Wartezeit legt "Schachtherapeut" Manfred Herbold sein zweites Buch vor. Er schafft es erneut, den Leser mit köstlich geschriebenen und zudem lehrreichen Geschichten zu fesseln - ein Schach-Lesebuch erster Güte!
Nach langer Wartezeit legt „Schachtherapeut“ Manfred Herbold sein zweites Buch vor. Er schafft es erneut, den Leser mit köstlich geschriebenen und zudem lehrreichen Geschichten zu fesseln – ein Schach-Lesebuch erster Güte!

Der Rezensent hat wenig Kritikpunkte gefunden. Bei einem Werk, dessen Autor die gesamte Produktion in die eigenen Hände genommen hat, ist es geradezu unvermeidlich, dass der eine oder andere Schreibfehler trotz intensiver Korrekturlesung unentdeckt bleibt. Das kann man gut bei einer Neuauflage ausmerzen. Ansonsten sind Layout und handwerkliche Gestaltung absolut professionell gelungen.
Eine Unsitte ist es in meinen Augen, dass Herbold einige Diagramme „kopfstehend“ präsentiert. Natürlich soll sich der Patient – sorry, der Leser – hier mit dem Schwarzspieler identifizieren. Bei Stellungen kurz nach Ende der Eröffnung ist das auch leicht möglich, im Endspiel mit wenigen Figuren und weniger vertrauten Strukturen stiftet dies aber unnötige Verwirrung. ♦

Manfred Herbold: Der Schachtherapeut – Band 2: Reloaded, 220 Seiten, Selbstverlag

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über
Palmer G. Keeney: Das verrückte Schachproblem

Roland Stuckardt: Too clever is dumb (Schach-Essay)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 14 Minuten

Too clever is dumb

Kleine Philosophie des Schwindelns

von Roland Stuckardt

Entgegen der landläufigen Meinung gehört das spekulative Spiel zum Wesenskern des Schachs. Schliesslich kommt bereits der Ausgangsstellung ein spieltheoretischer Wert (also 1–0,½–½ oder 0–1) zu, der sich unweigerlich einstellen würde, wenn beide Seiten stets der (glücklicherweise niemandem bekannten) Linie perfekten Spiels folgten. Sollte etwa die Grundposition für eine der Parteien gewonnen sein, so bleibt zumindest der anderen Partei gar nichts anderes übrig, als auf spekulatives Spiel zu setzen… Die folgende kleine Philosophie „Too clever is dumb“ geht ein paar (computer-)schachlichen und kulturellen Implikationen des Schwindelns nach.

In einer frühen Computerschachpartie zwischen dem amerikanischen Programm Duchess und seinem berühmten sowjetrussischen Rivalen Kaissa, die auf der Second World Computer Chess Championship 1977 in Toronto aufeinander trafen, trug sich Unerwartetes zu, das die Programmierteams und das Fachpublikum gleichermassen elektrisierte:

Bild: Computerschach-Partie Duchess-Caissa (Toronto 1977)
Duchess-Caissa – Toronto 1977 – Schwarz am Zug

In dieser Stellung spielte Kaissa den Zug 34… Te8 und stellte damit seinen Turm en prise, anstelle mit dem nahe liegenden und von jedermann antizipierten 34…Kg7 zu antworten. Ein Programmierfehler? Ein Übermittlungsfehler? Oder doch eine grundlegende konzeptionelle Schwäche des noch experimentellen Schachalgorithmus? Zunächst konnte sich keiner der anwesenden Experten, zu denen immerhin Michael Botwinnik, Eduard Lasker und Hans Berliner gehörten, diesen vermeintlichen Missgriff erklären. Mit einem Minusturm kämpfte Kaissa in aussichtsloser Lage noch 14 Züge weiter, um sich schliesslich geschlagen zu geben.

Der vermeintliche Patzer

Erst die Post-Mortem-Analyse brachte ans Licht, dass Kaissa mit 34…Te8 nicht wirklich falsch, ja sogar in formalem Sinne goldrichtig lag. Nachdem dessen Entwickler zunächst noch geraume Zeit nach einer technischen Ursache des vermeintlichen Patzers fahndeten, kam schliesslich jemand auf die Idee, in der kritischen Stellung einfach einmal die nahe liegende Entgegnung 34…Kg7 zu spielen und Kaissa nach der besten weissen Fortsetzung zu befragen. Und siehe da: Nach kurzem Nachdenken brachte das Programm das herrliche Damenopfer 35.Df8+!! und kündigte ein Matt in 5 Zügen an: 35…Kxf8 36. Lh6+ Lg7 37. Tc8+ Dd8 38. Txd8+ Te8 39. Txe8#.
Aus technischer Sicht funktionierte Kaissa also bestens: Mit dem Turmopfer 34…Te8 verschaffte es der weissen Dame die Kontrolle über das Feld f8 und wendete somit das Matt vorerst ab. Das Programm tat genau das, was von ihm zu erwarten war – dies sogar so gut, dass es selbst den Schachexperten zunächst entging.

Ein Fall für spekulatives Spiel

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Dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack, der uns davon Abstand nehmen lässt, den Zug 34…Te8 mit einem Ausrufezeichen zu versehen. Vermutlich hätten es die meisten starken Schachspieler dennoch mit der unter Anlegung technischer Massstäbe inkorrekten Fortsetzung 34…Kg7!? versucht – dies selbst dann, wenn sie selbst bereits die versteckt in der Stellung liegende Ressource gesehen haben, denn es besteht die berechtigte Hoffnung, dass der Gegner das Matt nicht sieht und eine andere Fortsetzung als 35.Df8+ wählt. Mit anderen Worten: Die Stellung bietet die perfekte Gelegenheit zu einem Erfolg versprechenden Schwindelversuch bzw. – etwas gewählter ausgedrückt – zu spekulativem Spiel. Denn viel ist hier wirklich nicht zu verlieren, da die nach 34…Te8 entstehende Stellung ja ebenfalls bereits aufgabereif ist. Und letztendlich spielt es keine Rolle, ob wir nach 35 oder 48 Zügen kapitulieren müssen.
Dem Computerschachexperten Peter Jansen (1990) folgend, mag man in Bezug auf spekulatives Spiel noch feiner unterscheiden zwischen Schwindeln (Konfrontation des Gegners mit einer Stellung, in der der beste Zug nicht nahe liegend ist) und dem Stellen einer Falle (Konfrontation des Gegners mit einer Stellung, in der der nahe liegende Zug nicht der beste ist). Das konstitutive Merkmal spekulativen Spiels ist es, dass wir im Allgemeinen einen gewissen Einsatz leisten, indem wir von der Linie des optimalen Spiels abweichen, um eine Stellung herbeizuführen, in der wir darauf spekulieren, dass der Gegner fehlgreift und wir letztendlich doch profitieren.

Wissen ist Macht

Francis Bacon - Wissen ist Macht - Schwindeln im Schach - Glarean Magazin
Francis Bacon: „Wissen ist Macht“

Die Moral von der Geschicht’ ist bemerkenswert: Im Schach gilt, dass man sich bisweilen um Chancen bringt, wenn man von seinem Mehrwissen unreflektiert Gebrauch macht. Wie das Beispiel gezeigt hat, sollte man in bestimmten Situationen auch den Wahrnehmungshorizont der Gegenseite beachten, um seine Erfolgsaussichten zu maximieren. Die Devise lautet: Kenne Deinen Gegner! Natürlich sind stets auch die Rahmenbedingungen zu beachten. Die Erfolgsaussichten spekulativen Spiels sind umso höher, je schwächer die Spielstärke des Gegners ist, je weniger Restzeit sich noch auf dessen Uhr befindet und – insofern wir gegen einen Menschen spielen – je länger die Partie bereits andauert. Ferner: Stehen wir ohnehin bereits auf Verlust? Müssen wir unbedingt gewinnen oder wenigstens remisieren? Selbst Schachmotoren der Spitzenklasse sind derlei Abwägungen fremd: In der obigen Partie die schwarzen Steine führend, sehen sie die Ressource 35.Df8+ in Millisekunden und verschwenden deshalb keine weitere Suchzeit an die unter der Massgabe beiderseitig optimalen Spiels unsinnige Fortsetzung 34…Kg7.

Maximierung der Gesamtausbeute

Wir befinden uns also in einer paradoxen Situation: Der prinzipiell segensreiche Zustand der relativen Erleuchtung erlegt uns die zusätzliche Bürde auf, sorgfältig abzuwägen, wie wir von unserem Wissensvorsprung situationsabhängig am besten Gebrauch machen, um den Gesamterfolg nicht unnötig zu schmälern. Nota bene: Insofern dieser Wissensvorsprung existiert – denn falls unser Gegner ebenfalls den Durchblick hat, können wir uns das Spekulieren natürlich ersparen. Positiv gewendet: Je genauer wir wissen, wer unser Gegenüber ist und wie sich die Gesamtsituation darstellt, desto höher natürlich auch unsere Erfolgsaussichten, passgenaue Gelegenheiten zu spekulativem Spiel zu finden, um so die erwartete Gesamtausbeute zu maximieren.

Algorithmisches Schwindeln

Was heisst dies nun für das Computerschach? Die elementare Lektion ist die, dass wir mit formell optimalem Spiel, wie es in den Standardalgorithmen des Computerschachs angelegt ist, womöglich nicht das optimale Ergebnis erzielen. Zwar gewinnt man bisweilen den Eindruck, als beherrschten Schachmotoren bereits die Technik des Schwindelns.

So spielte etwa in der folgenden Stellung (aus einer Partie der Turnierserie CCRL 40/40 – 2015)

Bagatur 1.3a 64bit - Fischerle 0.9.65 64-bit - CCRL/2015 - Schwarz am Zug
Bagatur 1.3a 64bit – Fischerle 0.9.65 64-bit – CCRL/2015 – Schwarz am Zug

das Programm Fischerle 57…Txg4 anstelle des näher liegenden 57…Kf6xg6, um nach 58.h5? vermöge 58…Txg5! 59.fxg5 Kxg5 ½–½ in ein Remis (Randbauer und Läufer der falschen Farbe) abzuwickeln. Jedoch handelt es sich bei 57…Txg4 nicht um einen Schwindelversuch im engeren Sinne, da Fischerle diesen Zug nur deshalb spielt, weil er in der Ausgangsstellung die Gefahr, die von den drei verbundenen Freibauern ausgeht, bereits als zentral einschätzt. Tatsächlich rechnete das Programm hier mit dem Läuferrückzug 58.Lb1, d. h. es setzte nicht gezielt auf den Fehlgriff 58.h5? des Gegners, wie es bei echtem spekulativem Spiel der Fall gewesen wäre. Und bei dem anschliessenden 58…Txg5! handelt es sich schlichtweg um die Wahrnehmung einer elementaren Endspielressource.

Vermutete Schwächen des Gegners bewirtschaften

Per definitionem ist spekulatives Spiel im engeren Sinne somit dadurch gekennzeichnet, dass man bewusst von der Linie optimalen Spiels abweicht (also einen Einsatz leistet), jedoch darauf hofft, dass der Gegner die widerlegende optimale Fortsetzung nicht findet und insgesamt draufzahlt. Wir unternehmen hierbei den Versuch, bekannte oder vermutete Schwächen des spezifischen Gegners zu bewirtschaften. Das entsprechende Wissen, auf das wir uns stützen, kann generischer (die gesamte Gegnerklasse betreffende) oder spezifischer (den einzelnen Opponenten betreffende) Natur sein. Eine Schachengine könnte etwa in Matches gegen Menschen dynamische, ausgeprägt taktische Stellungen mit vielen nicht stillen Zugmöglichkeiten anstreben; in umgekehrter Richtung entspricht dem die bekannte Strategie menschlichen Anti-Computer-Schachs, wo geschlossene, positionelle Systeme bevorzugt werden, in denen die Fähigkeit zur längerfristigen Planung erfolgskritisch ist.

Spekulatives Spiel gegen Schachmotoren

Auch gegen die Klasse der maschinellen Gegner gehört also spekulatives Spiel zum kleinen Einmaleins. Weiters kann hier auf opponentenspezifisches Wissen zurückgegriffen werden. Zwar basieren die heutigen Spitzenengines auf einer Menge gemeinsamer Kerntechniken der effizienten Spielbaumsuche, die diese in jedem Falle zu taktischen Riesen machen. Andererseits unterscheiden sich die Schachmotoren noch immer hinsichtlich der individuellen Suchhorizonte, die in spezifischen Positionen erreicht werden: Welche Varianten werden besonders tief untersucht? Welche Varianten werden nur mit eingeschränkter Suchtiefe betrachtet? Technisch ausgedrückt: Es kommen unterschiedliche Kombinationen von Sucherweiterungen und Suchreduktionen zum Einsatz. Mischung und Feinabstimmung dieser Techniken der variablen Suchtiefe bestimmen nun entscheidend den Spielstil und somit mittelbar die spezifischen Stärken und Schwächen eines Programms.
Die Konsequenz hieraus ist, dass auch in Matches zwischen Schachengines prinzipiell Chancen bestehen, per Rückgriff auf entsprechendes Detailwissen über das spezifische gegnerische Programm in Erfolg versprechender Weise spekulatives Spiel zu betreiben. Betrachten wir hierzu folgende Stellung (Position #213, Sammlung Win at Chess, Fred Reinfeld) mit Weiss am Zug:

Fred Reinfeld - Win at Chess - Position 213
Fred Reinfeld – Win at Chess – Position 213

Diese Position verkörpert ein zentrales Beispiel aus einer wissenschaftlichen Publikation zu Deep Thought, dem Vorgänger des Systems Deep Blue. Ausgestattet mit einer nach damaligen Massstäben einzigartigen Sucherweiterungstechnik namens Singular Extensions gelang es diesem System bereits 1989, das tief in der Stellung verborgene Matt in 18 Zügen1) (beginnend mit dem Turmopfer 1.Txh7!!) in 65 Sekunden zu finden. Insofern unser Schachmotor über diese aufwändige und heute nur von wenigen Programmen implementierte Strategie verfügen sollte, wird er diese siegreiche Zugfolge in wenigen Sekunden finden.

Qualität des Wissens über den Gegner entscheidet

Schach Kasparov vs Deep Throught - Chess Men vs Computer - Glarean Magazin
New York 1989: Human-Weltmeister Garry Kasparov spielt gegen Computer-Weltmeister Deep Thought. Das Programm spielte mit der Sucherweiterungstechnik „Singular Extensions“

Stellen wir uns nun andererseits vor, dass wir in einer hypothetischen Vorgängerstellung mit der schwarzen Dame auf b3 und einem weissem Springer auf b1 die schwarzen Steine führen. Die Singular Extensions ermöglichen es uns, recht rasch zu sehen, dass Weiss nach 0…Dxb1 über die genannte Gewinnkombination verfügt. Ausgestattet mit dem Wissen, dass unser Gegner über keine vergleichbare Technik verfügt, könnten wir jedoch darauf setzen, dass Weiss das Matt nicht sehen wird, und spekulativ 0…Dxb1 spielen. (Dieses Beispiel ist zugegebenermassen etwas künstlich, denn Schwarz stünde hier auch nach dem nichtspekulativen 0…Td7 exzellent. Zudem kann sich Weiss in der Diagrammstellung beginnend mit 1.Txh7! auch in ein relativ leicht zu sehendes Dauerschach retten.)
Entscheidend ist nun also die Qualität unseres Wissens über den jeweiligen Gegner: Je genauer wir dessen blinde Flecken kennen, desto eher wird es uns gelingen, ihn passgenau zu beschwindeln. Und genau an dieser Stelle wird es aus technischer Sicht interessant: Es stellen sich neue Herausforderungen jenseits einer weiteren Detailoptimierung der üblichen, bereits hochperformanten Schachalgorithmen.

Möglichkeiten und Grenzen algorithmischen Schwindelns

Der chinesische Philosoph und General Sunzi (5. Jh. v. Chr.):
Der chinesische Philosoph und General Sunzi (5. Jh. v. Chr.): „Du musst deinen Feind kennen, um ihn besiegen zu können“

In der Wissenschaft der Spieltheorie ist das Bewusstsein für die oben herausgearbeiteten Feinheiten natürlich längst gegeben. Bereits seit Jahrzehnten beschäftigen sich volkswirtschaftliche Forschung und auch die mit der Beratung und Ausbildung hochrangiger politischer und militärischer Entscheidungsträger betrauten Institutionen mit derlei Problemen. Die Quintessenz war bereits den alten Chinesen bekannt: „Du musst deinen Feind kennen, um ihn besiegen zu können“, so schrieb bereits um 500 vor Christus der chinesische General und Philosoph Sunzi in seinem Klassiker der Militärstrategie „Die Kunst des Krieges“. Jedoch erweist es sich als gar nicht so einfach, diese grundlegende Erkenntnis in ein formales mathematisches Modell zu giessen, das sich Erfolg versprechend in der Schachprogrammierung operationalisieren lässt. Die meisten Schachprogramme begnügen sich deshalb mit der klassischen symmetrischen, also auf beiderseitig optimales Spiel ausgerichteten Spielbaumsuche.

Der Schwindel-Modus der Schach-Engines

Einer der berühmtesten "Schwindler" und Bluffer der Schach-Geschichte war der amerikanische Spitzenspieler Frank Marshall, der oft in seinen Partien höchst gewagte Opfer anbrachte, die seine Gegnerschaft verwirrten und dann fehlgreifen liessen...
Einer der berühmtesten „Schwindler“ und Bluffer der Schach-Geschichte war der amerikanische Spitzenspieler Frank Marshall, der oft in seinen Partien höchst gewagte Opfer anbrachte, die seine Gegnerschaft verwirrten und dann fehlgreifen liessen…

Einige Top-Engines können in einem Schwindelmodus betrieben werden. Oftmals heisst dies jedoch lediglich, dass das Programm auch dann noch auf Sieg bzw. Remis spielt, wenn ein elementares Endspiel vorliegt, das laut Datenbank bei beiderseitig optimalem Spiel eigentlich remis bzw. verloren ist. Spekulation ist hier etwa dahingehend möglich, dass wir diejenige Fortsetzung wählen, unter der der Gegner bei perfektem Spiel die meisten Züge brauchen wird, um den Gewinn zu realisieren. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass wir solche Fortsetzungen wählen, in denen der Gegner sehr präzise spielen muss – etwa indem wir Stellungen anstreben, in denen dem Gegner möglichst wenige korrekte, den Sieg bzw. das Remis wahrende Züge zur Verfügung stehen und deshalb die Gefahr eines Fehlgriffs (vermutlich) hoch ist; insofern wir hierbei etwa vom längstmöglichen Weg zum Verlust abweichten – also einen Einsatz leisteten –, ergäbe sich spekulatives Spiel im engeren Sinne.
Gegen eine Schachmaschine, die ebenfalls über perfekte Information verfügt, stellen derlei Anstrengungen vergebene Liebesmüh’ dar, nicht jedoch gegen einen Menschen, dem es am Brett womöglich nicht gelingen wird, ein bei bestem Spiel in 40 Zügen gewinnbares Endspiel König und Läuferpaar gegen König und Springer innerhalb der 50-Züge-Grenze siegreich zu beenden.

Algorithmisches Schwindeln im Mittelspiel

Eine erheblich grössere Herausforderung stellt es hingegen dar, die Strategie des algorithmischen Schwindelns auf Mittelspielstellungen zu verallgemeinern. Peter Jansen, der auch Mitglied des Deep-Thought-Entwicklerteams war, befasste sich bereits in den frühen 90er Jahren in seiner Dissertation (Jansen 1992) mit dem anspruchsvollen Thema des spekulativen Spiels bzw. der hiermit eng verbundenen Frage der sog. Opponenten-Modellierung in der Spielbaumsuche und im Computerschach. Damals sah Jansen Chancen für erfolgreiches algorithmisches spekulatives Spiel in erster Linie in Matches gegen menschliche Gegner; andererseits identifizierte er eine Reihe zentraler, vornehmlich effizienzbezogener Probleme betreffend die Integration entsprechender Techniken in die Algorithmen der klassischen Spielbaumsuche – Herausforderungen, die vermutlich auch heute noch nicht zufrieden stellend gelöst sind. Letztendlich aber ist dies auch eine gute Nachricht: für den Menschen, weil sich damit zeigt, dass Schachalgorithmen zumindest in bestimmten Aspekten noch immer nicht mit der humanen Schachvirtuosität mithalten können; andererseits jedoch auch für die Protagonisten schachlichen Motorsports, weil dies impliziert, dass sich technische Herausforderungen selbst heute noch stellen, da die Top-Engines vermutlich längst die (virtuelle) 3000-Elo-Marke menschlicher Schachexzellenz geknackt haben.

Philosophische und literarische Querbezüge

Mark Taimanov:
Mark Taimanov: „Ich würde lieber aufgeben, als einen solchen Zug zu spielen“

Wie in der Welt, so gilt also auch im doch eigentlich so rational-aufgeklärten Schach bisweilen die charmante Weisheit: „Too clever is dumb!“ (Zitat Ogden Nash) Insofern wir von unseren tiefen Einsichten in unreflektiert-mechanischer Manier Gebrauch machen, wirken wir auf unsere Mitmenschen bzw. Spielpartner bisweilen hölzern und womöglich ganz und gar nicht so schlau, wie es unserer Selbstwahrnehmung entsprechen mag. Und selbst wenn wir in der Sache prinzipiell recht haben: So falsch liegen unsere Zeitgenossen ja doch nicht, wenn sie den Kopf darüber schütteln, insofern wir in der eingangs besprochenen Position das theoretisch optimale 34…Te8 spielen sollten. Letztendlich eine selbst erfüllende Prophezeiung, denn falls unsere Gegenspieler vornehmlich weniger tief schürfende Zeitgenossen sein sollten, so würden wir auf Dauer tatsächlich unseren Erfolg schmälern, wenn wir auf die Chancen spekulativen Handelns leichtfertig verzichteten.

Grenzen der Spekulation im sozialen Kontext

Das Kaissa-Schachparadoxon als literarische
Das Kaissa-Schachparadoxon als literarische „Umsetzung“ im Theaterstück „Die Befristeten“ von Elias Canetti

Andererseits gibt es natürlich Grenzen, die uns durch den jeweiligen sozialen Kontext gesetzt werden: So würde man vermutlich Spott ernten, wenn man in einer Partie gegen eine Spitzenspielerin darauf spekulierte, per Schwindel einem elementaren zweizügigen Matt entrinnen zu können. Dass derlei psychologische Kräfte im Hintergrund menschlichen Spiels walten, lässt sich etwa anhand eines Kommentars von Mark Taimanov zum legendären positionell-spekulativen Springeropfer Spasskis in der Partie Awerbach–Spasski (Leningrad 1956) aufzeigen: „Ich würde lieber aufgeben, als einen solchen Zug zu spielen.“ Einem Schachmotor kann dies jedoch vermutlich egal sein – dieser wird sich auch weiterhin an die Tartakower’sche Devise halten, dass durch Aufgabe noch keine Partie gewonnen wurde.
Auch in der Bühnenliteratur werden wir fündig. In seinem Theaterstück „Die Befristeten“ skizziert Elias Canetti eine Welt, in der jedem Bewohner von Geburt an und für jeden ersichtlich der Tag des Ablebens zugeschrieben ist. Die Folgen für das Zusammenleben sind fatal, und die Individuen sehen sich vor die besondere, kaum zu meisternde Herausforderung gestellt, mit diesem unerbetenen Extrawissen in verantwortungsvoller Manier umzugehen. Der Zusammenhang mit dem eingangs am Beispiel von Kaissa herausgearbeiteten schachlichen Paradoxon erscheint offensichtlich.

Spekulation als Wesenskern des Schachs

Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass spekulatives Spiel ohnehin zum Wesenskern des Schachs gehört und immer gehören wird. Schliesslich kommt bereits der Ausgangsstellung ein spieltheoretischer Wert (also 1–0,½–½ oder 0–1) zu, der sich unweigerlich einstellen würde, wenn beide Seiten stets der (glücklicherweise niemandem bekannten) Linie perfekten Spiels folgten. Sollte etwa die Grundposition für eine der Parteien gewonnen sein, so bleibt zumindest der anderen Partei gar nichts anderes übrig, als auf spekulatives Spiel zu setzen. Sich in den Fatalismus eines „Ich gebe auf!“ bereits in der Ausgangsstellung zu flüchten, hiesse im Prinzip nichts anderes, als den eingangs beschriebenen Kaissa’schen Quasi-Fatalismus 34…Te8 auf die Spitze zu treiben. Womit sich die Dystopie Canettis in der Welt des Schachs manifestieren würde.

Interdisziplinäre Fragestellungen

Auch das Computerschach steht damit im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts weiterhin vor faszinierenden Herausforderungen. Und vielleicht noch spannender stellen sich die unerwarteten Querbeziehungen dar, die vom spekulativen Spiel im Schach zu Themenfeldern weit jenseits der vierundsechzig Felder bestehen. Vermutlich haben also die Erkenntnisse, die sich aus der Erforschung entsprechender Modelle und Technologien im (Computer-)Schach ergeben, Implikationen auch für diese auf den ersten Blick entfernten Gebiete. In jedem Falle handelt es sich um dezidiert interdisziplinäre Fragestellungen, die den virtuosen Schachspieler (als Künstler), den Informatiker, den Spieltheoretiker und den Philosophen gleichermassen betreffen. ♦

1) Eine der möglichen Zugfolgen zum Matt lautet: 1. Txh7+ Kxh7 2. Dh5+ Kg8 3. Txg7+ Kxg7 4. Lh6+ Kh8 5. Lg5+ Kg7 6. Dh6+ Kf7 7. Df6+ Kg8 8. Dg6+ Kh8 9. Lf6+ Txf6 10. exf6 Dxe1+ 11. Kxe1 Sc2+ 12. Kf1 Se3+ 13. fxe3 Td7 14. De8+ Kh7 15. Dxd7+ Se7 16. Dxe7+ Kg6 17. Dg7+ Kh5 18. Dg5#

Literatur

  • Thomas Anantharaman, Murray S. Campbell, and Feng-hsiung Hsu (1990). Singular extensions: Adding Selectivity to Brute-Force Searching. Artificial Intelligence, Vol. 43, No. 1, 99–109
  • Peter Jansen (1990). Problematic Positions and Speculative Play In: Marsland / Schaeffer (Eds.): Computers, Chess, and Cognition, Springer Verlag, 169–181
  • Peter Jansen (1992). Using Knowledge about the Opponent in Game-Tree Search. Ph.D. thesis, Carnegie Mellon University
  • Fred Reinfeld (2001). Win at Chess (New Algebraic Edition). Dover Publications, New York
  • Sunzi (um 500 v. Chr.). Die Kunst des Krieges. (Deutsch von Volker Klöpsch) Insel Verlag 2009

Roland Stuckardt-Schach-Programmierung-Glarean-Magazin.pngDr. Roland Stuckardt

Geb. 1964, Studium der Informatik sowie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, 1991 Diplom in Informatik, Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die GMD-Forschungszentrum Informationstechnik Darmstadt, Forschung in den Bereichen Computerlinguistik und Natural Language Engineering, 2000 Promotion mit einer Arbeit zur Algorithmischen Textinhaltsanalyse, Tätigkeit als Berater und Leiter einschlägiger Software- und Forschungsprojekte in der Medien- und Internetbranche, seit 2011 Entwicklung des Schachmotors Fischerle, lebt und arbeitet in Frankfurt/Main

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachprogrammierung auch das Interview mit Stefan Meyer-Kahlen: „Wir stehen erst am Anfang“
ausserdem zum Thema von Lars Bremer: Die 32-Steiner (Schach-Satire)

Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Das Schachspiel als universelles Bildungs- und Entwicklungsgut

von Walter Eigenmann

„Während es einen nahezu unübersehbaren Schatz an kommentierten Partien, Turnierbulletins und technischen Schachbüchern gibt, die, interessiert an der Herausbildung von Theorie und Praxis des Schachspiels an sich, Erfahrungen über Eröffnungen, Mittel- und Endspiel enthalten sowie verhältnismässig viele Werke, die Lehrweisen und Trainingsmethoden propagieren, fehlt es vollständig an einem profunden interdisziplinären Überblickwerk zu den wissenschaftlich gesicherten Fakten, was das Schach bewirkt; was es bedeutet, warum es über die Jahrhunderte hinweg Menschen aus aller Welt fasziniert und nicht zuletzt, welche Erziehungs- und Bildungswerte es birgt.“
Diese weiträumige spielkulturelle und soziopädagogische Fragestellung nimmt die deutsche Schach-Psychologin und Mentaltrainerin Dr. Marion Bönsch-Kauke zum Ausgangspunkt ihrer grossangelegten Meta-Studie: „Klüger durch Schach“ präsentiert thematisch breit und methodisch sehr differenziert eine Fülle von „Forschungen zu den Werten des Schachspiels“; der 400-seitige Band fasst den gesamten aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zum weltweiten Kulturphänomen „Schach“ zusammen.

Schätzungsweise 550 Millionen Menschen kennen die Schach-Regeln

Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach - Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels
Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels

Dass dem Schach in der riesigen Arena menschlicher Sport- bzw. Freizeit-Aktivitäten eine nur höchst marginale Bedeutung zukommt, darüber macht sich die Autorin Bönsch-Kauke keinerlei Illusionen, und dass schätzungweise 550 Millionen Menschen zumindest die Regeln des „Königlichen Spiels“ kennen, abermillionen ihm organisiert frönen, könne nicht darüber hinwegtäuschen, „dass Schach zu den Randsportarten gehört und aus Mangel an visueller Show kein Publikumsmagnet“ sei. Doch dieser Marginalität steht, wie Bönsch-Krauke detailliert anhand zahlreicher wissenschaftlicher, historischer wie experimentalpsychologischer Untersuchungen bzw. Studien nachweist, eine mittlerweile kaum mehr überblickbare Fülle an primär- wie sekundärwissenschaftlicher Literatur zu allen denkbaren kulturellen, pädagogischen, philosophischen, neurowissenschaftlichen, sportmedizinischen, kunstästhetischen und sozialpsychologischen Aspekten dieses Spiels gegenüber.

Kinder- und Jugendschach - Gartenschach - Schacherziehung - Glarean Magazin
Und mag der König fast so gross sein wie man selber: Kein Kind zu klein, eine Schachspielerin zu sein…

Die vom Deutschen Schachbund initiierte und herausgegebene Metaexpertise der Psychologin gründet sich auf mehr als 100 umfangreiche Pilotstudien, Grossfeldversuche, Stammuntersuchungen, Quer- und Längsschnittprojekte und Originalexperimente, ihre Recherche bezog neben hunderten bekannter Publikationen auch aktuellste Dissertationen, wissenschaftliche Qualifikations-, Diplom-, Magister- und Seminararbeiten sowie zahlreiche eigene schachrelevante Untersuchungen ein. (Hier das komplette Inhaltsverzeichnis von „Klüger durch Schach“).
Bönsch-Kaukes fulminante Tour d’horizont durch die wissenschaftliche Schach-Literatur belässt es dabei nicht bei westeuropäischen und amerikanischen Publikationen, sondern repliziert besonders aufschlussreiche, bislang hierzulande kaum beachtete, teils auch schwer zugängliche Forschungsergebnisse aus der Sowjetunion und der ehemaligen DDR, aber auch aus Ungarn und Tschechien – aus Ländern also, die bekanntlich dem Schachspiel als Spitzen- und als Volkssport einen ausserordentlichen Stellenwert einräumten, und in denen Schach – teils auch als staatlich verordneten propagandistischen Gründen – schon seit Jahrzehnten Gegenstand systematischer, auch interdisziplinärer Forschung war und ist.

Leseprobe 1

Leseprobe 1 - Schach und Kreativitätsentwicklung
Leseprobe 1 – Schach und Kreativitätsentwicklung

Angesichts der Fülle des Materials – die nur schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Bandes dokumentiert – ist es hier natürlich unmöglich, in dem Masse auf auch nur einzelne der gewichtigsten Studien bzw. Ergebnisse in „Klüger durch Schach“ einzugehen, das ihrer Bedeutung angemessen wäre. Stattdessen beschränke ich mich fokussierend im Folgenden auf die grundlegendsten, durch vielfache und weltweite Forschung verifizierten „Thesen“, wie sie die Autorin im Schlusskapitel dieser ihrer beeindruckenden, auch mit zahlreichen Illustrationen erläuternden Meta-Studie formuliert, wobei Bönsch-Kauke von der Zielsetzung geleitet wurde, diese „Thesen“ könnten ihrerseits „zum Kern einer Meta-Schachtheorie werden, falls ihre Inhalte geistreiche Forscher anregen, wissenschaftliche Beweise für die Tragkraft dieser Thesen beizusteuern.“

1. „Schach ist zutiefst lebensnah!“

Schachschule - Jugendschach - Kinder-Schachpädagogik - Schulfach Schach - Glarean Magazin
Schach als reguläres Schulfach mit Unterstützung durch erfahrene Lehrkräfte

Schach symbolisiere, so die Autorin, „was uns im Leben widerfährt“: Im Kern seien es Entwicklungsaufgaben von wiedersprüchlicher Art, und es sei zu eng, im Schach nur Problemlösen sehen zu wollen: „Wir sind vor die Wahl gestellt, unsere Ansprüche aufzugeben oder uns der Aufgabe zu stellen, zu kämpfen auch um selbstkritische Einsichten und nicht zu resignieren.“

2. „Das Schachspiel gleicht dem Lebenskampf!“

Für Marion Bönsch-Kauke fungiert das Schachspiel als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben, die kompromisslos zu lösen sind, und die uns vor Situationen stellten, die zwar „neu, ungewiss, kompliziert und problemträchtig“ seien, sich aber nicht zu (unlösbaren) Problemen auswachsen müssten: „Gewissermassen aus spieltheoretischer Sicht gilt das Schachspiel als ein Zwei-Personen-Nullsummenspiel. Es ist für jene Lebenslagen gültig, in denen eine Seite verliert, was die andere gewinnt.“

3. „Schachstrategeme dienen sinnvoller Lebensführung!“

Diese These habe, wie die Wissenschaftlerin ausführt, Fragen der „Lebensplanung“ wie beispielsweise: „Was droht? Was tun? Wo soll es hingehen? Was ist der nächste Schritt?“ zur Grundlage, und dabei bürge das Schachmodell für stichhaltigen Rat: „Schach kann zurückgreifen auf 2’500 Jahre Erfahrung, wie Ziele gegen Widerstände zu erreichen sind. […] Aus schachlicher Symbolsprache ist zu erfahren, wie Menschen […] dachten und wie sich das Wollen und Denken kulturgeschichtlich entfaltete zu immer wirksameren Strategemen.“ Dabei wären die besten Strategien, nach Bönsch-Kauke, im Kampf der Charaktere in der Kulturgeschichte des Schachs ausgefiltert worden und würden nun als bewährte „Orientierungsgrundlagen für erfolgreiche differentielle Entwicklungen von sozialen Beziehungen, Charakteren und kulturellen Werken im Lebenslauf“ zur Verfügung stehen.

4. „Schach macht klug!“

Kann das Schachspielen für ältere Menschen sogar Demenz-präventiv wirken?
Kann das Schachspielen bei älteren Menschen sogar Demenz-präventiv wirken? Senioren-Schach ist im Vormarsch.

Der Autorin vierte, bereits im Buchtitel apodiktisch vorweggenommene These ist die schulpädagogisch bzw. -psychologisch brisanteste, wenngleich hier natürlich nicht zum ersten Mal gehörte Zusammenfassung zahlreicher diesbezüglicher Forschungen. Das Kernergebnis der von Bönsch-Kauke recherchierten, teils sehr umfangreichen internationalen Studien: „Für Schach muss man nicht mit überdurchschnittlicher Intelligenz starten, jedoch ist mit fortgesetzter Ausübung ein beträchtlicher Zuwachs im Rahmen des intellektuellen Potentials zu erwarten.“ Wie die einschlägigen Experimente nachwiesen, sei für hohe und höchste Spitzenleistungen im Schachspiel eine grosse Bandbreite von kognitiven Erkenntnisprozessen gefragt: „Exaktes Wahrnehmen, Vorstellungsvermögen, Gedächtnis, Problemlösen, schlussfolgerndes, kritisches und kreatives Denken.“ Und auch hier wieder schlägt die Sozialpsychologin eine Brücke von der Theorie zur Praxis: „Analoge Aktionen, die sich in Schachpositionen bewährten, können als Verhaltenspotentiale auf Bewährungssituationen im Leben mit ähnlichen Merkmalen übertragen werden und das Hinzulernen erleichternd stimulieren.“

5. „Schachspielen fördert schöpferisches Denken!“

Wird durch regelmässigen Schachunterricht die Konzentrationsfähigkeit gesteigert?
Wird durch regelmässigen Schachunterricht die Konzentrationsfähigkeit gesteigert?

Ein in der Sekundärliteratur ebenfalls immer wieder gelesener bzw. vielfältig verifizierter Denkansatz ist Bönsch-Kaukes fünfte These, wonach das Schach die Konzentrationsausdauer und das schöpferisch-originelle Denken fordere und fördere. Hier seien drei „Basiskomponenten“ im Blick zu behalten: „Organisation der Kräfte, Angriff und Verteidigung“, wobei die Autorin auf das schachphilosophische Werk des Weltmeisters Emanuel Lasker und seine „überschachliche Lehre“ referiert. „Einfälle, die stichhaltig sind, und Pläne, die aufgehen, sind rar in unserem modernen Leben der firmierenden Global Players und gefragten Schlüsselqualifikationen. Geistige Güter sind zu akkumulieren, um Innovatinsdefizite zu überwinden.“

6. „Schach mobilisiert Innovationen und Change-Management!“

Bönsch-Kauke: „Aus Biographien zahlreicher weltbekannter Gelehrter, Philosophen, Dichter, Schriftsteller, Manager, einflussreicher Politiker, Regisseure, Schauspieler, Entertainer, Journalisten, Trainer und Athleten erhellt, dass sie sich auf das Schachspiel verstanden und es schätzten.“ Aber nicht nur einen „Kreis Auserwählter“ vermöge das Spiel „von der Person zur Persönlichkeit zu profilieren“; Frühförderung und Anreicherung der geistigen Herausforderung für hochbegabte Kinder sei schachspielerisch möglich: „Ein Schachtest für Hochbegabte als Screening-Verfahren erscheint aussichtsreich. Mehr noch rücken die Möglichkeiten des Schachs für gegenwärtig erschreckend viele hyperaktive, im Lesen, Schreiben und Rechnen schwache oder schulverdrossene Kinder als spielerisches Faszinosum ins Blickfeld von Schulverantwortlichen.“

7. „Schach stärkt die Anstrengungsbereitschaft!“

Als Metasportart berge, führt die Verfasserin weiter aus, das schachliche Modell wertvolle Grundlagen „für eine allgemeine Kampftheorie“: „Schach stärkt den Kampf- und Siegeswillen“, weil durch findiges strategisches und taktisches Denken „die schwersten Kämpfe des Lebens zu gewinnen“ seien. Dabei erlangten theoretisch-geistige Konzepte im Trainingsprozess und Wettkampf angesichts der zunehmenden Intellektualisierung des Sports eine verstärkte Bedeutung. „Immer mehr spielen sich planbare Aktionen vorher modellartig im Kopf des Aktiven ab. In diesem Sinne bewährt sich Schach als strategisch-taktische Leitsportart.“

8. „Schachliches Können verschafft Wettbewerbsvorteile!“

Bönsch-Kaukes achtes Forschungsergebnis: „Wie es gelingt, Positionen nicht nur zu verbessern, sondern die anstrebenswerte Stellung wirklich zu erobern, lehrt das königliche Spiel diejenigen, die sich bemühen, meisterliches Können für Spitzenpositionen zu erwerben. Im welchselseitigen Herausfordern und intellektuellen Kräftemessen werden anspruchsvolle Lebensziele und Selbstbehauptungen wahr. Situationsgerechte Pläne bleiben keine visionäre Utopie.“

9. „Schach ist ein universelles Bildungs- und Entwicklungsgut!“

Das Projekt "Schach im Kindergarten"
Das Projekt „Schach im Kindergarten“

Eine weitere These der Wissenschaftlerin zielt auf den vielfach und breit nachgewiesenen pädagogischen Nutzen in der Schule einerseits und andererseits auf die moderne Schlüsselqualifikation „Medienkompetenz“ ab. Während die Tatsache, dass methodisch gelehrtes Schach ein breites Spektrum von positiven Persönlichkeitskomponenten wie „Konzentriertheit, Geduld, Beharrlichkeit, emotionale Stabilität, Risikofreudigkeit, Objektivität, Leistungsmotivation“ inzwischen in ein breiteres Bewusstsein der schulpädagogischen Entscheidungsträger gedrungen ist, dürfte die von Bönsch-Kauke angesprochene „Medienkompetenz“ bisher ein weitgehend unberücksichtigter, aber wesentlicher Aspekt der Diskussion sein: „Ein bedeutsames gesellschaftliches- und bildungspolitisches Ziel ist die Befähigung, die Vorzüge neuer Informations- und Kommunikationstechniken gezielt nutzen zu können.“

10. „Schach trainiert psychische Stabilität!“

Auf ihrem ureigenen Gebiet, der Psychologie, kommt die Autorin zum Schluss: „Schach befriedigt grundlegende Bedürfnisse, sich im anderen Wesen zu spiegeln, ernst genommen und zuverlässig begleitet zu fühlen und sich wesenseigen im Spiel selbst zu fördern. […] Schachspielen ermutigt, Angst in energiereiche Aktionen zu verwandeln, Verlustärger zielgerecht einzusetzen.“ Wie dabei die Psychoanalyse zeige, entwickle Schach „eine Art realistischerer Abwehrmechanismen durch selbstkritische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit eigenen Fehlern und Stärken“.

Leseprobe 2

Leseprobe 2 - Schach und lernschwache Schüler
Leseprobe 2 – Schach und lernschwache Schüler

11. „Schach hält geistig beweglich!“

Ins Zentrum des elften Teil-Fazits gerückt wird das Schach als Denktraining, das bis ins hohe Alter fortgesetzt werden könne: „Keine andere Sportart ermöglicht eine solche fortdauernde Wettkampfzeit, lebenslanges Lernen und leistungssportliche Betätigung auf hohem Niveau.“ Bönsch-Kauke zitiert in diesem Zusammenhang neuromedizinische Resultate, wonach sich durch „spielaktive Denkbeweglichkeit“ bis zu 74% dem Risiko eines altersbedingten Abbaus des Hirns (Demenz) vorbeugen lässt: „Speziell gegen die Alzheimer-Erkrankung mit der klinischen Symptomatik: hochgradige Merkschwäche, zeitliche und räumliche Orientierungsstörungen, Sprachzerfall und Verwirrtheit lassen sich durch Schach sogar neue ‚graue Zellen‘ bilden.“

12. „Schach im Internet fördert weltweite Kommunikation!“

Die zwölfte und letzte These widmet sich dem aktuell modernsten Aspekt des Schachspiels: seiner inzwischen fulminanten und noch immer wachsenen Präsenz im Internet: „Nicht nur das hochentwickelte Computerschach, auch das Spielen im Internet brachte ungeahnte Dimensionen mit sich. So spielen nach Angaben von Chessbase 2007 auf ihrem Server täglich über 5’000 Aktive und Schachliebhber ca. 200’000 Partien. […] Diese Zahlen demonstrieren einen völlig neuen Zugang des strategischen Brettspiels in die moderne kommunikative und technisierte Spielwelt.“ Hervorzuheben sei dies nicht zuletzt deshalb, weil es unwichtig sei, ob der „auf der anderen Seite sitzende Gegner jung oder alt, gesund oder krank, versiert oder ungeübt“ sei. Denn zwar sei Altern ein soziales Schicksal, aber: „Durch das Schach im Internet bieten sich immer interessante Spiel- und Geistesgefährten an, zu denen nach Wunsch auch direkter Kontakt mit allen Sinnen aufgenommen werden kann.“

Zwölf fruchtbare Denkanstösse

Wie weiland Luther seine „ketzerischen“ Thesen an die Kirchenpforten schlug, so ruft also die deutsche Schachpsychologin in ihrem aufregenden „Thesen-Papier“ ein Dutzend durchaus irritierende bis provozierende Denkanstösse in den Schach-Alltag, die allerdings nichts mit Glauben, dafür sehr viel mit Wissen zu tun haben. Denn im Gegensatz zu einschlägigen populärwissenschaftlichen (um nicht zu sagen: populistischen), oft mit gutgemeint-rosaroter Brille verfassten Verlautbarungen in Sachen „Schach und Pädagogik“ basieren die Thesen von Marion Bönsch-Kauke auf wissenschaftlich verifizierbarer Grundlagenforschung unabhängiger Wissenschaftler und Institute.
Gewiss, Bönsch-Kaukesche Denkmotive wie z.B. „Schach als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben“; „Schach als strategisch-taktische Leitsportart“ oder „Schach als Demenz-Prävention“ regen bei erstem Lesen zum Widerspruch an. Aber nur so lange, wie man der Autorin akribische Recherchen zur Thematik nicht en détail kennt. Denn der 400-seitige, ein umfangreiches Literaturverzeichnis zuzüglich Psychologie-Glossar sowie Personen- und Sachregister beinhaltende Band belegt eindrücklich, wie weit die moderne Schachforschung in allen Disziplinen bereits fortgeschritten ist. Jedenfalls dürfte „Klüger durch Schach“ als der zurzeit umfassendste Überblick auf die gesamte einschlägige Forschung für die nächsten Jahre die Referenz-Publikation in Sachen Schach-Metastudien bilden und die wissenschaftliche Diskussion massgeblich mitbestimmen bzw. befruchten. Eine äusserst verdienstvolle Veröffentlichung des Deutschen Schachbundes und der Deutschen Schachstiftung – sowie ein nicht nur für Schach-Enthusiasten faszinierendes Kompendium, dem weiteste Verbreitung in allen involvierten „Schach-Schichten“, von den Verbänden bis hinein in die Volksschulstuben weit über Deutschland hinaus zu wünschen ist. ♦

Marion Bönsch-Kauke, Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels, Leibniz Verlag (St. Goar)-Reichl Verlag, 408 Seiten, ISBN 978-3-931155-03-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach für Kinder und Jugendliche in der Schule auch das Interview mit dem Schach-Autoren und -Lehrer Jonathan Carlstedt
…sowie zum Thema Schachpsychologie den Schach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

Isaac Lipnitzky: Fragen der modernen Schachtheorie

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 9 Minuten

Ein Hauch von (Schach-)Geschichte

von Peter Martan

Ein Hauch von Geschichte weht uns an, wenn wir Isaak Lipnitzkys lange vergriffenes Buch „Fragen der modernen Schachtheorie“ aufschlagen, das kürzlich in der Reihe „Schachklassiker“ des Quality Chess Verlag (jetzt auch in deutscher Sprache) neu herausgebracht wurde. Der Untertitel „Ein Sowjet- Klassiker“ passt genau: mehr als nur ein Standardwerk der Schachliteratur, ist es ein Zeugnis der jüngsten Vergangenheit eines politischen Systems, das sich gerade erst zu überleben begonnen hat, und in dem der Schachsport eine auch politisch ganz wichtige Stellung einnahm.

Isaak Oskarowitsch Lipnitzky kehrt als hochdekorierter Offizier im Majorsrang aus dem 2. Weltkrieg heim und lässt erstmals die Schachwelt aufhorchen, als er 1949 ukrainischer Meister wird und 1950 bei den UdSSR-Meisterschaften nach Paul Keres den geteilten 2.-4. Platz belegt, hinter ihm Giganten wie Smyslow, Boleslawski, Geller, Flohr, Bondarewski, Petrosjan und Awerbach. Damit erfüllt er seine erste Grossmeisternorm erst 26-jährig. Seinem Buch-Erstling „Ausgewählte Partien von Schachspielern der Ukraine“ 1952 folgt 1956 das vorliegende Hauptwerk „Fragen der modernen Schachtheorie“. Die gesamte Ausgabe wird augenblicklich von Schachenthusiasten aufgekauft, im gleichen Jahr wird Lipnitzky zum zweiten Mal ukrainischer Meister. Dann aber erkrankt er an Leukämie und stirbt 1959, gerade mal 36 Jahre alt.

Klassische Schach-Dogmen relativiert

Isaak Lipnitzky: Fragen der modernen Schachtheorie - Quality Chess Verlag

In 16 Kapiteln geht Lipnitzky inhaltlich sehr klar gegliedert den grundlegenden Regeln der Eröffnungstheorie nach. Das Zentrum und die Flügel, Das Zentrum von den Flügeln erobern, sind zwei der ersten Überschriften. Die damals gerade erst von Nimzowitsch in Frage gestellten Dogmen werden von Lipnitzky nicht einfach geleugnet, sie werden relativiert.
Dazu Lipnitzky, der Nimzowitsch an dieser Stelle selbst zitiert: „Wie lautet nun das entscheidende Argument im Einzelfall, wenn es um die Frage geht: ‚Besetzen oder nicht besetzen?‘ Um diese Frage korrekt zu beantworten, müssen wir begreifen, dass die Besetzung des Zentrums kein Ziel an sich ist, sondern in der Hinsicht wichtig ist, dass es uns ermöglicht, die Initiative zu übernehmen und Druck auf die gegnerische Stellung auszuüben. Es geschieht häufig, dass ein Spieler sein Zentrum aufbaut, nur um dann festzustellen, dass es nicht mehr als eine Last ist, da es dem Gegner als vorzügliches Ziel für den Gegenangriff dient.“
Insbesonders der Kernfrage der Stellungsbewertung geht Lipnitzky im gleichnamigen Kapitel auch historisch gründlich nach. Um Stellungsmerkmale und zu berechnende Varianten miteinander in Einklang zu bringen, unterscheidet Lipnitzky zwischen dynamischen und statischen Stellungen und betrachtet die Aufgabe der Analyse darin, das eine bis zum anderen zu berechnen. „Das Ziel der Analyse besteht darin, an eine Stellung zu gelangen, deren Wesen nicht ‚dynamisch‘, sondern ’statisch‘ ist.“

Der Begriff der Initiative anhand von Gambit-Eröffnungen

Besonderes Augenmerk legt der Autor auf die Beispiele für den nebulosen Begriff der Initiative, zu deren Erlangen und Erhalt ja bekanntlich fast jedes Mittel recht ist; ihr widmet er ein eigenes Kapitel, das logisch im folgenden Abschnitt „Moderne Gambits“  der Initiative so richtig Gestalt verleiht, anhand der damals erst von der Meistern ihrer Zeit in die Turnierpraxis eingeführten Eröffnungsvarianten, wie z.B. des Blumenfeld-Gambits, das Aljechin nach dem Erfinder, dem sowjetischen Meister Blumenfeld, laut Lipnitzky in die internationale Turnierpraxis einführt. Aljechin schreibt der Autor auch zu, dass das angenommene Damengambit, in dem früher hauptsächlich auf Rückgewinn des Gambitbauern gespielt wurde, von einem Pseudo- zu einem echten Gambit wurde (z.B. Aljechin-Bogoljubow, Wiesbaden 1929.)

Das Evans-Gambit wird von Tschigorin in seinen beiden Kabelpartien gegen Steinitz rehabilitiert, Aljechin, Tarrasch, Boleslawski, Geller und Flohr machen sich um Opfervarianten von Caro-Kann besonders verdient, und das Botwinnik- System im Damengambit wird ebenfalls in mehreren Partien zum Beispiel der damals modernen Gambitbehandlung, bei der das Opfer nicht wie in der romantischen Ära behandelt wird, in der ein Königsangriff um jeden Preis in der Regel das Ziel war, sondern ein langfristiges Positionsspiel zur Erlangung der Initiative angestrebt wird.
Ein weiteres Zitat von David Bronstein drückt für mich dabei besonders gut aus, was auch Lipnitzky an den Meistern seiner Zeit und ihren Partien bemerkens- und bewundernswert findet: „Das Eröffnungsspiel der führenden sowjetischen Schachspieler, allen voran Botwinnik und Smyslow, wird dadurch charakterisiert, dass sie den Verlust der Partie nicht scheuen, sondern nach komplizierten, zweischneidigen Stellungen streben. In Anbetracht des heutigen technischen Niveaus ist es nicht möglich, einen starken Kontrahenten zu schlagen, wenn man ihm nicht gewisse Gegenchancen einräumt.“ Ein Satz, den man vielleicht gerade heute wieder, wo die Computergläubigkeit in Analyse, im praktischen Spiel und in der Abrufbarkeit von Eröffnungstheorie den kreativen und angriffslustigen Spieler entmutigt, scharfe taktische Varianten am Brett zu riskieren, den Technokraten ins Stammbuch schreiben sollte.

Die Eröffnung als auf die Figuren-Entwicklung beschränkte Phase

Schliesslich geht der Autor der auch gerade heute kaum mehr beantwortbaren Frage nach, wo die Eröffnung aufhört und das Mittelspiel anfängt. Schon damals meinten manche, die Theorie sei so weit fortgeschritten, dass das Mittelspiel eigentlich zeitweise schon eine ausanalysierte Phase sei und man in manchen Eröffnungen direkt in die Analyse der resultierenden Endspiele käme. Lipnitzky widerspricht dem und sieht die eigentliche Eröffnung als auf die Figurenentwicklung beschränkte Phase, die Pläne, die davon ausgehen, als eigenständig, wenngleich die Übergänge natürlich fliessend sind.

In Analogie zu der alten arabischen Vorform des Schachs, demSchatrandsch, in das aus vorgegebenen Eröffnungsstellungen eingestiegen wurde, den von damals noch bekannten 31 Tabiyas, bringt der Autor Beispiele von Tabiyas des zu seiner Zeit modernen Spiels mit dafür bekannten Plänen.
Aus denen ein ausgewähltes ist die Stellung nach …

1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 d5 5. Sf3 O-O 6. Ld3 c5 7. O-O Sc6 8. a3 Lxc3 9. bxc3 dxc4 10. Lxc4 Dc7

"Fragen der modernen Schachtheorie": Lipnitzky-Tabiay nach Dc7
„Fragen der modernen Schachtheorie“: Lipnitzky-Tabiay nach Dc7

… deshalb ein besonderes Beispiel, weil sie durch Zugumstellung die Ragosin-Verteidigung erreicht, die nach dem Verfasser des Vorwortes Jefim Lasarew eine Lieblingseröffnung von Lipnitzky war, mit der das Buch seinen Anfang nahm. Es war ursprünglich als Monographie der Ragosin-Verteidigung gedacht. (Ausdrücklich bitte ich nochmals zu entschuldigen, dass auf diese und andere „Übergangsstellungen“ wie sie der Autor nennt, weil sie zwischen Eröffnung und Mittelspiel stehen, und die damit verbundenen Pläne nicht näher eingegangen werden kann, obwohl sie zusammen mit dem kommentierten Partienmaterial sowie den zwölf ausgewählten Lipnitzky-Partien im Anhang – 2 davon mit Schönheitspreisen belohnt – den eigentlichen Inhalt des Buches ausmachen).

Was ist eine Neuerung im Schach?

Schliesslich widmen sich die letzten Kapitel der Frage, was ein Neuerung ist. Hier habe ich, um wenigstens eine der vielen kommentierten Partien wiederzugeben, aus historischem Interesse die Partie Jose R. Capablanca vs Frank Marshall in New York 1918 ausgewählt. Obwohl vielleicht hinlänglich bekannt, zeigt sie doch, wie spannend die Epoche schachlich war.

Die Vorgeschichte der Partie schildert Lipnitzky so: „Nach dem Capablanca-Marschall Match (New York 1909), in dem Letzerer mit einem Score von +1-8=14 unterging, vermied Grossmeister Marshall den Spanier gegen Capablanca zehn Jahre lang. Nachdem er aber einen scharfen Angriffsplan basierend auf einem Bauernopfer ausgearbeitet hatte, wandte er ihn gegen seinen formidablen Gegner gleich in der ersten Runde des Manhattan Chess Club Meisterturnieres an.“ (Die Kommentare sind mit Ausnahme der Stellen, an denen er selbst Capablanca zitiert, von Lipnitzky, kleine Randbemerkungen von mir sind eigens gekennzeichnet.)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0–0 8.c3 d5!?

Der weisse Damenflügel ist noch unentwickelt, und so versucht Schwarz Linien zu öffnen, um einen raschen Angriff gegen den weissen König einzleiten.

9.exd5 Sxd5 10.Sxe5

In seinen Anmerkungen zu dieser Partie schrieb Capablanca: „Ich überlegte eine ganz Weile, bevor ich den Bauern nahm, da mir klar war, dass ich einem gewaltigen Angriff ausgesetzt sein würde, den mein Kontrahent sorgsam ausgearbeitet hatte. Doch gleichzeitig spürte ich die Kampfeslust in mir aufsteigen. Eine Herausforderung wurde mir entgegen geworfen von einem Spieler, der allen Grund hatte, mein Verständnis und mein Können zu fürchten (dies hatten unsere vorherigen Aufeinandertreffen gezeigt), und der nun eine Liste an Überraschungen vorbereitet hatte, um meine fehlende Vertrautheit mit Varianten auszunutzen, denen er viele Nächte harter, ausdauernder Arbeit gewidmet hatte. Ich überprüfte die Lage und entschied, dass mein Ruf mich sozusagen verpflichtete, den Bauern zu schlagen und die Herausforderung anzunehmen, denn mein Verständnis und meine Kenntnisse sagten mir, dass die weisse Stellung verteidigungsfähig sei.“
Zwar nicht unbedingt bemerkenswert ob seiner Bescheidenheit, zeigt doch diese Darstellung klar und eindeutig, wie der Verstand eines grossen Meisters arbeitet, wenn er mit einem unerwarteten Problem konfrontiert wird.

10… Sxe5 11.Txe5 Sf6 12.Te1 Ld6 13.h3 Sg4! 14.Df3!

Den Springer zu nehmen würde wegen 14… Dh4 verlieren. Auf f3 besetzt die Dame einen sehr starken Posten, wo sie gleichzeitig deckt und angreift.

14… Dh4 15.d4!

Unter Beschuss beeilt sich Weiss sich zu entwickeln und vermeidet alle Fallen. Nach 15.Te8 Lb7! 16.Txf8+ Txf8 17.Dxg4 Te8! 18.Kf1 De7 19.Le6 Ld5! hätte Schwarz klaren Vorteil.

15…Sxf2

„Der Gräber ist selbst in die Grube gefallen- dieser Springer wird hier niemals wieder rauskommen. Doch Schwarz hatte nichts Besseres; das einzige, was ihm blieb, war ein Angriff um jeden Preis, zu siegen oder zu sterben.“ (Capablanca)

"Fragen der modernen Schachtheorie": Capablanca-Marshall vor Te2
„Fragen der modernen Schachtheorie“: Capablanca-Marshall vor Te2

16.Te2!!

Capablanca findet in dieser komplizierten und für ihn unvertrauten Stellung den einzigen Zug, – Anmerkung der Redaktion: mittlerweile hat sich in der Literatur auch 16. Ld2 als spielbar erwiesen – um den Angriff abzuwehren, und demonstriert damit seine aussergewöhnliche Verteidigungskunst, für die er so berühmt war. Er kann beispielsweise nicht 16.Dxf2 spielen wegen Lh2+!  (aber nicht 16…Lg3? 17.Dxf7+ nebst Matt)  17.Kf1 Lg3 18.De2  (Anm.d.Redaktion: 18.Dd2 hat laut jüngerer Theorie auch diese Variante wieder spielbar gemacht) 18…Lxh3! 19.gxh3 Tae8 und Schwarz gewinnt.

16…Lg4 17.hxg4 Lh2+ 18.Kf1 Lg3 19.Txf2 Dh1+ 20.Ke2 Lxf2 21.Ld2 Lh4 22.Dh3 Tae8+ 23.Kd3 Df1+ 24.Kc2

Nachdem er seinen König in Sicherheit gebracht hatte, gewann Capablanca im 36. Zug. Der fürchterliche schwarze Angriff, ausgeklügelt in der häuslichen Stille, prallte an einer machtvollen Verteidigung ab, die am Brett gefunden wurde.

Der historische Hintergrund vor der Heraufkunft der russischen Hegemonie

Diese Partie wurde von mir auch deshalb gewählt, weil sie den schachhistorischen Hintergrund beleuchtet, unter dem die Glanzzeit von Capablanca unmittelbar vor der Hochblüte der sowjetischen Schachschule gesehen werden muss. Lipnitzky erwähnt natürlich nicht, dass Aljechin (mit der Rückendeckung der sowjetischen Schachmaschinerie) Capablanca, nachdem er ihm den Weltmeistertitel abgenommen hatte, bis zum Tod des grossen Rivalen einem Revanchekampf auswich. Ich erwähne das auch unter dem Eindruck eines anderen Buches zu dem Thema, das  erst kürzlich erschienen ist: Fabio Stassis „Die letzte Partie“, das sich mit der Verknüpfung der Schicksale der beiden wahrscheinlich grössten Schachgenies ihrer Zeit romanhaft auseinandersetzt. Ähnliches widerfuhr ja auch um einiges später Bobby Fischer, der lange um die Möglichkeit eines Titelkampfes ringen musste und seinerseits danach offenbar psychisch nicht mehr in der Lage war, gegen die geschlossene sowjetische Schachphalanx seinen Titel zu verteidigen.

Dokumentation einer grossen Ära grosser Schachspieler

Dessen ungeachtet dokumentiert Lipnitzky eine grosse Ära grosser Schachspieler, zu denen er ganz sicher auch gehörte. Hat die Theorie diese und jene damals aktuelle Variante auch überholt, die Analysen und Bewertungen bleiben studierenswert und zeitlos ist die Kunst des Denkens, die schachliche Technik, Regeln im Einzelfall mehr oder weniger Gewicht beizumessen. Heute verbreiten sich Neuerungen übers Internet schneller als der Wind und der Computer fordert dazu heraus, sie ständig neu zu bewerten. Was bleibt, ist der Geist des Spieles oder wie Lipniztky sagt: „Wenn ein Spieler eine Variante widerlegt oder etwas Neues entdeckt, erfährt er echte kreative Befriedigung. Seine Fähigkeit, theoretische Einschätzungen kritisch anzugehen, ist der beste Beweis für seine kreative Reife.“ Oder mit Tschigorin: „Schach ist, allgemein ausgedrückt, viel reichhaltiger, als man auf Grundlage der existierenden Theorie annehmen wollte, die es nur in bestimmte enge Formen zu pressen versucht.“

Ich schliesse mit einem Zitat Emanuel Laskers, das auch Lipnitzky ans Ende seines Buches stellt:

„Jeder, der seine Fähigkeit zum unabhängigen Schachdenken pflegen will, muss im Schach alles vermeiden, was tot ist:

– künstliche Theorien, die auf sehr wenigen Beispielen und jeder Menge Erfindung beruhen;
– die Angewohnheit, mit schwächeren Gegnern zu spielen und Gefahren aus dem Weg zu gehen;
– die Angewohnheit, die Varianten und Regeln von anderen unkritisch zu kopieren und gedankenlos zu wiederholen;
– selbstzufriedene Eitelkeit, Unwilligkeit, die eigenen Fehler einzugestehen.“ ♦

Isaak Lipnitzky, Fragen der modernen Schachtheorie, 236 Seiten, Quality Chess, 978-1906552145

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Russische Schachgeschichte auch über Viktor Kortschnoi: Meine besten Kämpfe

… sowie zum Thema Schachschule über Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau

Manfred Herbold: Der Schachtherapeut (1)

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Die Schachspieler auf der Psycho-Couch

von Walter Eigenmann

Spinnen die Schachspieler? Manfred Herbold, 42-jähriger Realschullehrer im deutschen Stauf und mit einer internationalen FIDE-Ratingzahl von zurzeit 2157 Elo selber ein spielstarker Turnier-Kämpfer, ist davon – augenzwinkernd – überzeugt. Und so setzte er sich schon vor Jahren an den Computer und kreierte die (meines Wissens erste und einzige) deutschsprachige Web-Site für „Schachtherapie“ – der in der Online-Szene inzwischen berühmte „Schachtherapeut“ war geboren.

Manrfed Herbold: Der Schachtherapeut (1) - SelbstverlagIn den  virtuellen „Praxisräumen“ des Schach-Docs tummeln sich seitdem die besonders schwierigen Fälle unter der seltenen, im Volksmund als besonders intelligent, um nicht zu sagen: besonders verrückt bekannten Spezies „Schachspieler“. Des „Schachtherapeuten“ Sprechzimmer sind denn auch überfüllt mit skurrilen Typen, die Niederlagen partout nicht hinnehmen können, oder mit Spielern, die sich auch im Leben das Schachbrett vor den Kopf schnallen, und des „Therapeuten“ Behandlungsprotokolle strotzen von unerklärlichen Läufer- oder Springer-„Opfern“, von mysteriösen Vorfällen auf oder neben dem Schachbrett, von absurden menschlichen Monströsitäten aus der Schach-Geschichte und -Gegenwart – kurzum: von alledem, was das Königliche Spiel so faszinierend für Schachspieler, so abscheulich für normale Menschen macht.

Schach-Psychiater mit Humor und Sprachwitz

Nun ist der fabulierfreudige, seinerseits schachbesessene, dabei mit viel Sinn für Humor, Sprachwitz und Selbstironie ausgestattete Schach-Psychiater dazu übergegangen, seine „Praxisräume“ zu erweitern: Unlängst publizierte er (im Selbstverlag) den ersten Teil einer geplanten Buch-Trilogie: „Der Schachtherapeut“. Auf 172 Seiten mit 40 Klein- oder Grosskapiteln werden dabei schier sämtliche Bereiche des Brettes, das für manche die Welt bedeutet, durchschritten, durchleuchtet, durchlitten.

Manfred Herbold
Manfred Herbold

Ob Schachblindheit oder Kaffeehausschach, ob Grossmeister- oder Frauenschach, ob Computer- oder Patzerpartien, ob Schach-Elo oder Schach-Ego, ob Schach-Aleatorisches (alias „Chess960“) oder „Handy-Betrugsschach“, ob Psychopathisches aus den längst versunkenen Zeiten der Aljechins&Nimzowitschs oder Spinnertes aus unseren Turnier-Tagen, ob Geniales auf oder Wahnsinniges neben den 64 Feldern: „Der Schachtherapeut“ kredenzt ein gleichermassen breites wie amüsantes Sammelsurium. Vorwort-Schreiber Georgios Souleidis, seines Zeichens Internationaler Meister, bringt es auf den süffisanten Punkt: „Nach vielen Jahren in den Tiefen des Netzes und unzähligen Therapiesitzungen, insbesondere mit seinem Dauerpatienten Lobrehd, hat er [Der Schachtherapeut] seine Protokolle über die verwirrten Schachkrieger endlich geordnet und präsentiert sie in gedruckter Form. Mit dieser bahnbrechenden Ausrüstung gewappnet ist jeder Schachkämpfer, egal ob Rekrut oder Frontsau, psychologisch lückenlos gerüstet, um auf jedem Sch(l)ach(t)feld dieses Erdballs zu bestehen.“

Schach-Praxisassistent Frank Stiefel

Des Schach-Cartoonisten Frank Stiefels unnachahmliche Handschrift
Des Schach-Cartoonisten Frank Stiefels unnachahmliche Handschrift

Doch der Band wäre nur halb so köstlich, hätte der Oberarzt nicht noch einen besonderen Assistenten in seine Praxis geholt, nämlich den bekannten Schach-Cartoonisten Frank Stiefel. Dessen virtuoser Zeichenstift kam unnachahmlich auch in praktisch jedem Kapitel des „Schachtherapeuten“ zum Einsatz, so dass Text und Bild einen gebündelten Angriff auf beiden Flügeln der menschlichen Schmunzelmuskulatur entfachen können. Gemeinsam brennen die beiden Docs ein wahres Kuriositäten-Feuerwerk ab, dem man – inmitten des alljährlichen Heeres von eher trockenen, Theorie-lastigen Schachbuch-Novitäten – einen möglichst grossen, mit dem nötigen Quantum an Sinn für Schachwitz und -Entertainment ausgestatteten Leserkreis wünscht.

„Der Schachtherapeut“ von Manfred Herbold ist ein buch- wie drucktechnisch sehr schön, ja liebevoll gestaltetes, mit Schach-Kabinettstückchen jeder Couleur vollgespicktes Psycho-Schmunzel-Opus für alle Schach- und Couch-Lagen

Zwei Wermutstropfen betr. dieses gepflegte Hardcover-Buch seien hier nicht verschwiegen, nämlich die fehlende ISBN-Nummer sowie der recht hohe Verkaufspreis von 15 Euro (immerhin inkl. Versand). Beide Probleme – als Resultate der bekannten Tatsache, dass Schachbücher stets für nur ein relativ winziges, wenngleich „emsig-treues“ Leser-Segment produziert werden – liessen sich möglicherweise bei den zwei nächsten, bereits konzipierten Folgeprojekten (Der Schachtherapeut Band 2 – „Reloaded“ und Der Schachtherapeut Band 3 – „Revolutions“) umgehen, indem man über eine modernere Vertriebsform, z.B. das „Book-on-Demand“-Verfahren nachdenkt?

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Alles in allem: „Der Schachtherapeut“ von Manfred Herbold ist ein buch- wie drucktechnisch sehr schön, ja liebevoll gestaltetes, mit  Schach-Kabinettstückchen jeder Couleur vollgespicktes Psycho-Schmunzel-Opus für alle Schach- und Couch-Lagen – abseits staubtrockener Eröffnungs- oder Endspieltheorie, und gleichwohl mit einer Unmenge an Schach-Tipps und -Tricks versehen. Schach-Entertainment erster Sahne – unbedingt ins private Schachregal stellen! ♦

Manfred Herbold, Der Schachtherapeut (Band 1 – Ab auf die Couch), 172 Seiten, Selbstverlag 2009

Lesen Sie im Glarean Magazin über den zweiten Band von
Manfred Herbold: Der Schachtherapeut 2 (Reloaded)

Helmut Pflegers neue ZEIT-Schachspalten

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Vergnüglicher Schach-Tratsch-Klatsch

von Walter Eigenmann

Der deutschsprachigen Schachwelt den Münchner Grossmeister Helmut Pfleger vorstellen zu wollen hiesse Bauern in die Grundstellung setzen: Seit Jahrzehnten ist der Name dieses bayrischen Internisten ein Synonym für hemdsärmelige Schachanalyse, schachpsychologisches Infotainment und lehrreiches Schach-Feuilleton. Seine neuen „ZEIT-Schachspalten“ dokumentieren diesen Ruf mit 120 amüsanten Aufgaben.

Während er in den 80er&90er Jahren als witzig plaudernder „Talkmaster“ vieler TV-Schach-Sendungen (oft gemeinsam mit dem tschechischen GM Vlastimil Hort) einer weiten Schachamateur-Gemeinde die komplizierten Geheimnisse des Königlichen Spiels „übersetzte“, verlegte er sich in den folgenden Jahren vermehrt auf das Schreiben von Schach-Kolumnen, deren amüsanter Ton, verbunden mit dem Flair fürs Vereinfachen schwieriger Zusammenhänge und mit gleichzeitig weitem thematischem Spektrum, sich schon bald eine riesige Anhängerschaft schufen. Inzwischen ist der typische „Pfleger-Sound“ ein internationales Markenzeichen in der Welt der Schachkommentierung geworden – und eine Lektüre, deren Charme, wortreiche Eloquenz und muntere Leichtigkeit vergessen lässt, dass Schach doch recht eigentlich eine todernste Sache ist, die ausserdem durchaus extremsportlich psychische und körperliche Kräfte zehren kann. (Letzteren Befund hat übrigens derselbe Arzt Dr. Pfleger in diversen Berichten dokumentiert…)

Grossartiges Schach-Infotainment

Helmut Pfleger: ZEIT-Schachspalten - 120 amüsante Aufgaben mit überraschenden Lösungen - Edition Olms Verlag„ZEIT-Schachspalten“ nennt sich nun eine neueste (insgesamt bereits die fünfte bei der Edition Olms erschienene) Sammlung von Kolumnen aus der quirligen Feder des nimmermüden Schach-Enthusiasten Helmut Pfleger, dem wohl so mancher vom Schach (noch) unbeleckter Zeitungsleser seine erste Begegnung mit dem Spiel der Könige verdankt. Und erneut beeindrucken in diesen 120 ein-seitigen Glossen neben der Vielfalt des ganzen bunten Schach-„Drumherums“ die vergnügliche Eleganz, mit der Pfleger den menschlich-allzumenschlichen Klatsch&Tratsch übers Schach als jeweiligen Aufhänger für die schachtechnischen Analysen seiner zahllosen Grossmeister-Partien nimmt.

Das enorme schach-psychologische, -historische, -biographische und theoretische, ja gar -politische Wissen des Autors schlägt sich dabei in jeder seiner Glossen nieder, so dass man ob all den vielen Details zu Person und Leben und Umfeld des jeweiligen Protagonisten fast vergisst, dass da noch seitenweise knifflige, immer aber tatsächlich höchst „amüsante“ Schach-Aufgaben zu lösen bzw. überraschende Gewinnzüge zu finden sind.

Wenn Blondinen kombinieren

Helmut Pfleger - Schach-Grossmeister und Kommentator - Glarean Magazin
Arzt, Schach-Grossmeister und -TV-Kommentator: Dr. Helmut Pfleger

Bezeichnend für das Spektrum des Pflegerschen Schach-Kosmos sind etwa Kapitel-Überschriften wie: „Wenn Blondinen kombinieren“; „Blechbüchsen-Schach“; „Als Einstein die Fäden zog“; „Mehr Stellungen als beim Sex“; „Lockruf der Smarties“; „Vishy mit Krone und Zepter“ oder „Ernst Jüngers Bombenzug“. Und so erfährt der Leser z.B., was Max Frisch beim Schach am meisten zusagte, nämlich dass man dabei nicht reden muss; dass Ludwig Thoma als schwacher Spieler um 10 Pfennige pro Partie spielte; dass Ephraim Kishon seinen Schachcomputer zu bescheissen pflegte; dass Bobby Fischer den vieljährigen WM Lasker als Kaffeehausspieler beschimpfte; dass Jean Paul einst befand, Schach zusammen mit Kaffee seien ein „gutes Treibmittel des Gehirns“; dass Kramnik seinen Weltmeister-Titel als „tonnenschwere Last“ empfand – oder dass die Frau des Surrealisten Duchamp schon auf der Hochzeitsreise genug von ihrem Mann hatte, weil der sich mehr dem Schach als ihr zuwandte.

120 vergnügliche Kniffeleien

Das eigentliche Salz des Pflegerschen Sammelsuriums – es wurde von Raymund Stolze lektoriert und zusammengestellt – sind aber natürlich seine 120 Kniffeleien, mit denen er seine Geschichten und Geschichtchen garniert. Vorwiegend kombinatorisch kommen die meisten Schachaufgaben daher: ein taktischer Überraschungscoup ist jeweils die Lösung. Und auch hier ist das thematische Feld ein weites: Vom Eröffnungsreinfall bis zum Endspiel-Filigran, von der Fesselung bis zur Sperrung, vom Abzugsschach bis zum Qualitätsopfer reicht die Spannweite, wobei jedesmal ein Diagramm der Ausgangspunkt der Detektivarbeit ist. Die Beiträge stammen aus den Jahren 2005 bis 2008.
Alles in allem also ein neuer „Pfleger“, wie ihn die grosse Fan-Gemeinde kennt: Witzig, frappant, informativ. Zurecht schreibt der deutsche Bundespräsident A.D. Weizsäcker in seinem „Geleitwort“, dass Grossmeister Pfleger ein ebenso hervorragender Schachspieler wie Pädagoge sei. Ungetrübtes Schach-Lesevergnügen! ♦

Helmut Pfleger, ZEIT-Schachspalten, 120 amüsante Aufgaben und überraschende Lösungen aus DIE ZEIT, 136 Seiten, Edition Olms, ISBN 9783283010126

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Brillante Schachzüge“ auch über die Aufgaben-Sammlung „Nightmare 2“ (Computerschach)

… sowie zum Thema „Schwindeln im Schach“ über zwei neue Schach-Bücher von Andrew Soltis & David Smerdon

Anekdoten aus der Welt des Schachs

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 9 Minuten

1.d4 d5 2.Dd3 Dd6 3.Dh3 Dh6 4.Dc8 matt!

Schach-Anekdoten

von Walter Eigenmann

Richard Reti

Der tschechische Grossmeister Richard Reti gab im Jahr 1925 eine Rekordvorstellung im Blindsimultanspiel. Er kämpfte gleichzeitig an 29 Brettern. Als Reti nach Beendigung der Partien wegging, liess er seine Aktentasche liegen. „Danke!“, rief der Grossmeister, als man ihm die Tasche zurückgab. „Was habe ich doch für ein schlechtes Gedächtnis!“

Efim Bogoljubow

Als Reti 1920 in Göteborg ein stark besetztes Turnier gewonnen hatte, klopfte ihm Bogoljubow kameradschaftlich auf die Schulter und meinte: „Trotzdem wirst du nie Weltmeister, du bist dafür viel zu dick!“
Der erstaunte Reti: „Aber du bist doch viel dicker als ich!“
„Ja, aber ich bin Bogoljubow!“ kam es bescheiden zurück…

Robert Hübner

Bei der Schach-WM 1993 kam es zwischen dem deutschen GM Robert Hübner und seinem Gegner zu folgendem Dialog:
Gegner: „Remis?“
Hübner: „Zu früh!“
Ein paar Züge später:
Gegner: „Jetzt Remis?“
Hübner: „Zu spät!“

Ratmir Kholmov

Eine von Kholmov selbst überlieferte Anekdote ist, dass er sich als den „eigentlichen Weltmeister“ 1954 betrachtete, denn vor Beginn des WM-Kampfes zwischen Michail Botwinnik und Wassili Smyslow hatten die beiden WM-Kämpfer jeweils geheime Trainingswettkämpfe mit Kholmov gespielt – und Kholmov gewann beide…

Bobby Fischer

Legendäres Enfant terrible der Schach-Geschichte: Robert Bobby Fischer
Legendäres Enfant terrible der Schach-Geschichte: Robert Bobby Fischer

Monaco organisierte 1967 ein gewaltiges Meisterturnier, bei dem die Veranstalter alles daran setzten, nur die besten Spieler zu bekommen. Sie telegraphierten folgendes an den USA-Verband: „Laden zwei Grossmeister ein – einer davon Fischer!“
Was während des Turniers tatsächlich geschah, wurde der Öffentlichkeit verschwiegen.
Im Jahr darauf bekam der USA-Verband erneut ein Telegramm – diesmal lautete es: „Laden zwei Grossmeister ein – keiner davon Fischer!“

Wilhelm Steinitz

Während eines Wettkampfes wurde Steinitz einmal gefragt, wie er denn seine Chance sehe, dieses Turnier zu gewinnen.
Gesagt haben soll er: „Ich habe die besten Aussichten, den ersten Preis zu gewinnen – denn jeder muss gegen Steinitz spielen, nur ich nicht!“

Samuel Loyd - Glarean Magazin
Einer der kreativsten Problem-Komponisten der Schachgesichte: Samuel Loyd

Samuel Loyd

Ein Kiebitz wettete einmal mit dem amerikanischen Problemkomponisten Samuel Loyd, dass nichts leichter sei, als remis gegen den Problemmeister zu machen, er brauche ja nur die Züge Loyds nachzuahmen.
Loyd gewann die Wette schon nach vier Zügen: 1.d4 d5 2.Dd3 Dd6 3.Dh3 Dh6 4.Dc8 matt!

Der Kiebitz

Ein bekannter Meisterspieler geriet in seiner Turnierpartie in immer grössere Bedrängnis, und die Zuschauer ringsherum begannen aufgeregt zu tuscheln und zu flüstern.
Der Meister wurde immer ärgerlicher und wandte sich schliesslich erbost an einen der Kiebitze neben ihm: „Wer spielt den eigentlich die Partie? Sie oder ich?“
Daraufhin der Kiebitz: „Gott sei Dank: Sie!“

Paul Krüger

Der Hamburger Meister Paul Krüger (1871-1939) nahm in den zwanziger Jahren gerne an kleinen Lokalturnieren teil.
Einmal wurde er während eines solchen Turniers von einem Reporter des Kreisblattes interviewt.
Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass der Schreiber des Blattes keine Ahnung vom Schach hatte – diese Gelegenheit liess Krüger sich nicht entgehen, ihn kräftig zu veräppeln.
Am nächsten Tag lasen die erstaunten Kreisblatt-Abonnenten: „Die spannendste Partie der gestrigen Runde wurde zwischen dem Hamburger Meister Krüger und unserem Spitzenspieler M. ausgetragen. M. eröffnete als Anziehender diesmal mit den schwarzen Steinen. Der Gast parierte mit der gefürchteten Königstigervariante des Damenspiels und es gelang ihm, den König frühzeitig ins Spiel zu bringen. In einer Serie kraftvoller Züge griff der weisse König die schwarze Dame an, jagte sie über das Schachbrett und lockte sie schliesslich in eine tödliche Falle!“

Der geniale Schach-Magier Michael Tal
Der geniale Schach-Magier Michael Tal

Michael Tal

Bei der 24. UdSSR-Meisterschaft wollte Grossmeister A. Gipslis den für sein phänomenales Gedächtnis bekannten Ex-Weltmeister Michael Tal auf die Probe stellen und fragte:
„Mischa, kannst Du Dich zufällig erinnern, welche Variante Keres als Weisser in einem Damengambit gegen Boleslawski in der 3. Runde der 20. UdSSR-Meisterschaft gespielt hat?“
„Du willst mich wohl zum Narren halten!“ antwortete Tal. „Die Partie Boleslawski-Keres war nicht in der 3., sondern in der 19. Runde; Keres spielte nicht mit den weissen, sondern mit den schwarzen Steinen; und ausserdem war es kein Damengambit, sondern eine Spanische Partie!“

James Sherwin

Bei der US-Meisterschaft 1958 gewann James Sherwin in den ersten Runden alle Partien. Samuel Reshewsky, der es ihm gleich tat, sagte zu ihm: „Nun muss ich Sie wohl stoppen.“
„Vielleicht stoppe ich Sie ja“, bekam er zur Antwort.
Reshewsky: „Nicht in einer Million Jahren!“
Sherwin gewann die Partie – und murmelte beiläufig:
„Wie doch die Zeit vergeht…“

Simon Winawer

In Kaffeehaus-Partien gegen schwächere Spieler praktizierte der polnische Meister Simon Winawer eine besondere Art von Vorgabe. Er liess seine „Opfer“ von der Grundstellung aus fünf Minuten lang beliebige Züge machen und stellte nur die Bedingung, dass kein Stein die Bretthälfte überschritt.
Eines Tages trat ein junger Mann gegen ihn an und zog folgendermassen:
1.a4 — 2.Sa3 — 3.h4 — 4.Sf3 — 5.d4 — 6.Sd2 — 7.Th3 — 8.Sac4 — 9.Taa3 — 10.Se4 — 11.Dd2 — 12.Thf3 — 13.g3 — 14.Lh3 — 15.Df4 — 16.Tae3 – den Rest der fünf Minuten füllte er mit Königszügen aus.
Winawers Gesicht wurde immer länger. Als ihn der Gegner aufforderte, nun doch zu ziehen, erhob sich der Meister indigniert. „Was wollen Sie denn?“, sagte er, „ich bin doch in zwei Zügen matt!“

Fritz Sämisch

Schachmeister und Langzeit-Denker Fritz Sämisch
Schachmeister und Langzeit-Denker Fritz Sämisch

Bei einem Turnier spielte Tröger gegen Sämisch, Sämisch überschritt die Zeit, merkte es nicht und brütete weiter über der Stellung. Tröger bat den Schiedsrichter „aus journalistischem Interesse“, Sämisch nicht zu stören. Er wollte herausfinden, wie lange es dauern würde, bis er seine Zeitüberschreitung bemerkte. Es dauerte. Endlich, nach nicht weniger als 40 Minuten blickte Sämisch hoch, schaute auf die Uhr und reichte die Hand zur Gratulation…

Stefano Tatai

Der italienische Meister Stefano Tatai brachte gewöhnlich zu seinen Turnierpartien einen Hund mit, an dem er sehr hing, und der sich während der ganzen Partie zu Füssen seines Herrn niederzulegen pflegte.
Am Ende einer Runde in einem römischen Café war Tatai am Tisch sitzengeblieben, um eine Stellung zu analysieren, und sein Hund hatte sich auf dem Stuhl vor ihm niedergelassen.
Ein Gast näherte sich und erlaubte sich die geistreiche Bemerkung: „Sie wollen doch nicht behaupten, dass Ihr Hund schachspielen kann?“
Darauf Tatai gleichmütig: „Nein, nicht wirklich, die letzten drei Partien hat er verloren!“

Savielly Tartakower

Nach einer Simultanvorstellung fragte Tartakower einen seiner Gegner, warum er nur immer Bauern gezogen und nicht ein einziges Mal einen Offizier bemüht habe. Die Antwort war: „Ja wissen Sie, ich bewundere Sie sehr und wollte unbedingt mal gegen Sie spielen. Aber eigentlich kann ich kein Schach, und so habe ich mir von einem Freund wenigstens mal erklären lassen, wie die Bauern ziehen…“

Simultanschach

Bogoljubow („Bogo“) spielte einmal in einem kleinen Schweizer Ort simultan, und wie bei solchen Anlässen üblich wurde der Photograph des Ortes geholt, um eine schöne Aufnahme zu machen. Vorn der Meister – und dann in langer Reihe die Simultanisten.
Wie erstaunt waren aber unsere Schachfreunde, als sie das Photo zur Erinnerung an den denkwürdigen Klubabend ausgehändigt bekamen: Von Bogoljubow war nichts zu sehen! Der Photograph, zur Rede gestellt, verteidigte sich: „Och, den Dicken da vorn, den habe ich wegretuschiert, der hatte ja damit gar nichts zu tun!“

Francois Philidor

Das französische Opern- und Schach-Genie Francois-Andre Philidor
Das französische Opern- und Schach-Genie Francois-Andre Philidor

Philidor, der grösste Schachmeister des 18. Jahrhunderts, gab König Ludwig XVI. Schach-Unterricht. Nach einigen Monaten wollte der königliche Schüler wissen, wie er denn nun bereits spiele. Philidor gab diplomatisch zur Antwort: „Sire, es gibt drei Klassen von Schachspielern: Solche, die gar nicht, solche, die schlecht, und solche, die gut spielen. Ew. Majestät haben sich bereits zur zweiten Klasse emporgeschwungen.“

Reuben Fine

Fine geriet eines Tages in eine spiritistische Sitzung und wurde gefragt, ob er mit irgend einem Geist Verbindung aufnehmen möchte. Fine bat darum, den Geist von Morphy erscheinen zu lassen. Und tatsächlich, nach kurzer Zeit wurde gemeldet, der Geist von Morphy sei sprechbereit. Fine wurde also aufgefordert, durch das Medium eine Frage an ihn zu richten. Darauf Fine: „Bitte fragen Sie ihn, ob im Evans-Gambit Schwarz im 6. Zuge LxBauer oder lieber Lb6 spielen soll!“ –
Dem Vernehmen nach soll Fine froh gewesen sein, ohne grössere Verletzungen den Raum verlassen zu dürfen…

Gösta Stoltz

Der schwedische Turnierspieler Stoltz war den geistigen Getränken recht zugetan. Nun, er war nie Weltmeister, aber er wurde durch eine Glanzpartie, die er 1952 in Stockholm spielte, dennoch ziemlich berühmt. Als ihm dabei der Unterlegene die Hand zur Gratulation reichte, griff seine Hand freilich ins Leere. Trotz erheblicher Anstrengung gelang es Stoltz nicht, die Rechte in die gewünschte Richtung zu bringen. Die Zuschauer mögen es für Siegestaumel gehalten haben…

Siegbert Tarrasch

Mit einem polemischen Artikel in einer Hamburger Tageszeitung gegen die Nominierung des Engländers F.D. Yates für das internationale Turnier in Hamburg 1910 hatte der berühmte „Praecaeptor Germaniae“ Siegbert Tarrasch nicht ganz unrecht. Yates erwies sich in der Tat als zu schwach für das Turnier. Er wurde Letzter und gewann von den 16 Partien nur eine einzige – die aber ausgerechnet gegen Tarrasch!

Alexander Aljechin

Beim traditionellen Turnier in Hastings gewann der junge Engländer Parker durch eine Reihe brillanter Kombinationen und gewagter Figurenopfer eine Partie, die man allgemein bereits verloren geglaubt hatte.
Nach seinem Sieg wurde Parker von allen Seiten beglückwünscht. Nur Weltmeister Aljechin runzelte missbilligend die Stirn. „Eines muss ich Ihnen sagen, mein junger Freund“, meinte er in vorwurfsvollem Ton, „wenn Sie richtig gespielt hätten, dann hätten Sie diese Partie niemals gewonnen!“

Tigran Petrosjan

Nachdem Tigran Petrosjan seinen WM-Titel 1966 gegen Spasski verteidigt hatte, trank er bei der Siegesfeier einen Cognac.
Als man ihm das leere Glas nachfüllen wollte, winkte er ab und liess sich einen Obstsaft bringen.
„Ich muss einen klaren Kopf behalten…“ erklärte er, „…für den nächsten Titelkampf.“
Dieser fand 1969 statt…

Miguel Najdorf

Argentiniens berühmtestes einstiges Wunderkind Miguel Najdorf
Argentiniens berühmtester Spieler Miguel Najdorf

Argentiniens Altmeister Miguel Najdorf erhob sich bei der Schach-Olympiade 1974 in Nizza vom Brett, um eine Tasse Tee zu holen. Bei seiner Rückkehr setzte er sich gedankenverloren an einen falschen Tisch. Als er sich einem ihm unbekannten Spieler gegenübersah, meinte er in väterlichem Ton: „Ich glaube, Sie haben sich in Ihrem Platz geirrt!“

Der Schachfreund

– „Meine Frau hat gesagt, sie lässt sich scheiden, wenn ich nicht endgültig das Schachspielen aufgebe!“
– „Das ist ja schrecklich!“
– „Ja, freilich, ich werde sie sehr vermissen!“

Schach-Gedicht

Ein Mensch sitzt da, ein schläfrig trüber,
ein andrer döst ihm gegenüber.

Sie reden nichts, sie stieren stumm.
Mein Gott – denkst Du – sind die zwei dumm!

Der eine brummt, wie nebenbei,
ganz langsam: Turm c6 – c2.

Der andre wird allmählich wach
und knurrt: Dame a3 – g3 Schach!

Der erste, weiter nicht erregt,
starrt vor sich hin und überlegt.

Dann plötzlich, vor Erstaunen platt,
seufzt er ein einzig Wörtlein: Matt!

Und die Du hieltst für niedre Geister,
erkennst Du jetzt als hohe Meister!
Eugen Roth

„Man hat vom Schach gesagt, dass das Leben
nicht lang genug dazu ist – aber das ist ein Fehler
des Lebens, nicht des Schachs!“
Christian Morgenstern

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