Siegmeth, Hunstein, Wolf: Winterreise nach Franz Schubert (Audio-CD)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Gemeinsame Sprache zweier Musikwelten

von Horst-Dieter Radke

Das Wort „Win­ter­reise“ asso­zi­iert sofort mit Franz Schu­bert, wohin­ge­gen die Instru­mente, die auf dem Cover des entspr. Albums zu sehen sind, gleich für Irri­ta­tio­nen sor­gen. Saxo­phon und The­orbe, anstatt Kla­vier – kann das gut gehen? Die Rück­seite macht dann die nega­tive Vor­ah­nung kom­plett: „nach Schu­bert“. Aber, um die nega­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen nicht zu weit zu trei­ben: Die Sache ist bes­ser, als sie scheint. Viel besser!

Was als ers­tes auf­fällt in die­ser neuen „Win­ter­reise“ nach Schu­bert mit dem Saxo­pho­nis­ten Hugo Sieg­meth, dem Lau­te­nis­ten Axel Wolf und dem Spre­cher Ste­fan Hun­stein: Es wird nicht adap­tiert. Die Kla­vier­stimme wurde nicht auf Laute und Saxo­phon auf­ge­teilt. Beide spie­len eigen­stän­dig, grei­fen hier und da The­men aus Schu­berts Melo­dien auf, vari­ie­ren sie aber frei und ver­las­sen sie auch gern. Manch­mal liegt das Auf­grei­fen des Ori­gi­nals auch hin­ter dem Vor­der­grün­di­gen, etwa durch den Ton­art­wech­sel. Das zweite, was auf­fällt, ist dass nicht gesun­gen wird. Ste­fan Hun­stein spricht die Texte, so wie sie als Gedicht von Wil­helm Mül­ler geschrie­ben wur­den, also auch unter Ver­zicht man­cher Wie­der­ho­lun­gen, wie sie die Lied­fas­sung vorsieht.

Keine Berührungsängste

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Man muss Schu­berts Win­ter­reise im Ori­gi­nal nicht ken­nen, um die­ses Album mit Genuss zu hören. Doch es scha­det auch nicht, denn so kann man nach Moti­ven und Bekann­tem fahn­den und sich dar­über freuen, wie die Musi­ker die The­men auf­grei­fen und sich von ihnen lösen. Span­nend ist zu hören, wie sich zwei Musi­ker aus unter­schied­li­chen musi­ka­li­schen Wel­ten nicht nur ergän­zen, son­dern zu einer homo­ge­nen, gemein­sa­men Musik­spra­che fin­den. Das Saxo­phon und die Bass­kla­ri­nette, die nie­mals ihre Her­kunft aus dem Jazz leug­nen, klin­gen an man­chen Stel­len doch sehr klas­sisch, die Laute dage­gen an nicht weni­gen Stel­len sehr modern, etwa in „Gefror’ne Tränen“.

Musik ohne Gesangsirritation

Franz Schubert - Gemälde von Wilhelm August Rieder 1875 - Glarean Magazin
Inspi­ra­tor für Neue Musik: Franz Schu­bert (Gemälde von Wil­helm August Rie­der 1875

Über­rascht war ich, als mir auf­fiel, dass ich schon nach weni­gen Malen Hören der CD ganze Stro­phen der Verse im Kopf hatte und aus­wen­dig wie­der­ho­len konnte. Das ist mir vor­her mit der ori­gi­na­len Schu­bert-Ver­sion nie pas­siert. Da blieb mal diese und jene Zeile hän­gen, nie aber mehr. Die Melo­dien schon eher. Mög­lich, dass dies mit den Wie­der­ho­lun­gen, die oft kreuz und quer durch die Stro­phen gehen, zusam­men­hängt. Viel­leicht auch mit der Musik, die bei Schu­bert doch die Auf­merk­sam­keit auf sich zieht, nicht sel­ten sogar dann, wenn das Kla­vier nur beglei­tet. Bei die­ser Fas­sung „nach Schu­bert“ irri­tiert die Musik nicht beim Gesang. Manch­mal unter­bricht der Spre­cher die Musik abrupt – und lässt sie in den Sprech­pau­sen zwi­schen den Stro­phen wie­der auf­le­ben. Den „Lin­den­baum“, der es ja in ver­ein­fach­ter Form bis ins Volks­lied­gut gebracht hat, habe ich natür­lich im Kopf. Die frag­men­tierte Ein­lei­tung des Tenor­sa­xo­phons liebe ich vom ers­ten Hören an, auch, wie es die Stimme des Spre­chers bei der ers­ten Stro­phe führt, die fast ein An-Sin­gen ist.

Alte und neue Version als je Ganzes

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Ich habe ver­sucht, beide Ver­sio­nen im Ver­gleich zu hören, also Lied für Lied. Daran habe ich schnell die Lust ver­lo­ren, so nach dem sechs­ten oder sieb­ten Lied. Beide Ver­sio­nen sind als Gan­zes zu hören, dann ent­fal­ten sie ihre eigene Schön­heit und ins­be­son­dere die „nach“-Fassung zeigt eine Eigen­stän­dig­keit, die nicht den Ver­gleich mit dem Ori­gi­nal suchen muss. Genau genom­men ist sie sel­ber ein Ori­gi­nal. Dass sie die andere Fas­sung jedoch ver­drängt, muss man nicht befürchten.

Wie man mit altem Mate­rial kon­ge­nial umgeht und dabei Neues schafft, zeigt die­ses Album sehr gut, auch, wie man Wel­ten zusam­men­führt – etwa Jazz- und Renais­sance-Musik. Der feh­lende Gesang stört über­haupt nicht. Gespro­chen wirkt der Text anders, wird deut­li­cher wahr­ge­nom­men. Müsste ich ein Album als „Album des Jah­res“ aus­zeich­nen, wäre es die­ses für mich, und dafür müsste ich nicht lange überlegen. ♦

Axel Wolf (Laute), Ste­fan Hun­stein (Spre­cher), Hugo Sieg­meth (Saxo­phon): Win­ter­reise nach Schu­bert, Oehms Clas­sics (Naxos)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schu­bert und die Moderne auch über Franz Schu­bert & Jörg Wid­mann: Oktette

… sowie zum Thema Musik­ge­schichte: Das 50-Euro-Preis­rät­sel Musik vom Novem­ber 2020

Aus­ser­dem zum Thema Cross­over-Musik mit Saxo­phon: Saxo­four – Opa­ret­tet den Jazz

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2 Kommentare

  1. Lie­ber Herr Becker,

    viel­leicht habe ich es in mei­ner Rezen­sion nicht deut­lich genug gesagt: Ich höre Schu­berts Win­ter­reise eben­falls gern und das ändert sich nicht durch diese Fas­sung. Ich emp­finde sie, und das schrieb ich ja auch, als etwas Ande­res und Eigen­stän­di­ges. Sie gefällt mir trotz­dem (oder gerade des­we­gen?) aus­ge­spro­chen gut und auch den Text erlebe ich anders. Und ja, die melo­di­schen Zitate gibt es durch­aus, aber sie machen nicht das Haupt­an­lie­gen aus. Man muss noch nicht ein­mal Schu­berts „Ori­gi­nal“ ken­nen, um seine Freude daran zu haben. Die Suche nach die­sen Zita­ten (oder Anleh­nun­gen) macht Spaß. Mir jedenfalls.

    Vie­len Dank für Ihre Rückmeldung

    Horst-Die­ter Radke

  2. Lie­ber Herr Radke

    Es ist natür­lich toll, dass Ihnen die­ses Album der­art gut gefällt. Und dass Sie es sogar zum „Album des Jah­res“ erhe­ben möch­ten… Aber viel­leicht geht da mit Ihnen doch etwas die Eupho­rie durch? Nichts gegen Cross­over-Musik, schon gar nicht in der Form Klassik2Jazz. Aber dass diese neue Trio-Fas­sung die Schu­bert­sche „ver­drän­gen“ könnte, „muss man“ tasäch­lich „nicht befürch­ten“. Schu­berts Win­ter­reise wird man welt­weit noch tau­send­fach auf­füh­ren, wenn Ste­fan Hun­stein & Co. längst nicht mehr sind…
    Wei­ters lässt mich etwas Ihr Satz stut­zen: „Der feh­lende Gesang stört über­haupt nicht“. Ich meine, den Vokal­part mit einer Sprech­stimme zu erset­zen läuft der Schu­bert­schen Vor­stel­lung zuwi­der. Dort sind Gesang und Kla­vier eine künst­le­ri­sche Ein­heit. Der Begriff „Win­ter­reise nach Schu­bert“ ist in die­sem Zusam­men­hang eigent­lich falsch (und wohl nur ein PR-Gag). Denn genau genom­men ist das ein­fach eine Neu­ver­to­nung von Wil­helm Mül­lers Lyrik-Zyklus. Hat dadurch nur wenig mit Schu­bert zu tun. Oder sehe ich das falsch? Anders wäre es ja, wenn die Musik einen hohen Anteil von melo­di­schen Zita­ten auf­wiese (?) Das kann ich nicht beur­tei­len, ich habe die CD nicht.
    Davon abge­se­hen aber ein gros­ses Kom­pli­ment für Ihren detail­liert abge­fass­ten, inter­es­san­ten Bericht. Wahr­schein­lich lege ich mir das Album zu – Ihre Bespre­chung hat mich neu­gie­rig gemacht!

    Thors­ten Becker (Schu­bert-Fan)

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