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Sandra Lied Haga (Cello): Tschaikowsky und Dvorak (CD)

Sensibles Gespür für die intimen Passagen

von Christian Busch

Die jun­ge nor­we­gi­sche Cel­lo-Vir­tuo­sin San­dra Lied Haga (geb. 1994 in Oslo) legt im CD-La­bel Simax/Naxos mit Tschai­kow­skis „Ro­co­co Va­ria­tio­nen“ und Dvo­raks Cel­lo-Kon­zert ein be­ein­dru­cken­des Al­bum-De­büt vor, das ei­ni­ge an­de­re re­nom­mier­te Auf­nah­men in ver­schie­de­ner Hin­sicht übertrumpft.

Fragt nach dem Zau­ber nicht,
der mich erfüllt!
Ihr könnt die Se­lig­keit ja doch nicht fassen,
die sei­ne Lie­be mich hat füh­len lassen,
die Lie­be, die nur mir, mir ein­zig gilt.“

Sandra Lied Haga - Cello-Debüt-Album - Rococo Variations - Musik Rezensionen Glarean MagazinAus die­sem von An­to­nin Dvo­rak um die Jah­res­wen­de 1887/1888 ver­ton­ten Lied „Lasst mich al­lein“ von Ot­ti­lie Klein­schrod spricht ein se­li­ges, in sei­ner un­ver­gleich­li­chen Lie­be ru­hen­des Herz, das sich – zum Schutz sei­ner kost­ba­ren Lie­be – der Welt ver­schliesst. Es ist das Lieb­lings­lied von Dvo­raks Schwä­ge­rin, der Grä­fin Jo­se­fi­ne Kau­nic – und der Schlüs­sel zu Dvo­raks be­rühm­tem, 1895 in der Neu­en Welt kom­po­nier­ten Kon­zert für Vio­lon­cel­lo und Or­ches­ter op. 104 in h-moll.
Heim­weh, Be­stür­zung über die schwe­re Er­kran­kung sei­ner Ju­gend­lie­be, aber auch op­ti­mis­ti­sche Auf­bruchs­stim­mung stan­den bei Dvo­raks be­deu­ten­der Kom­po­si­ti­on mit sym­pho­ni­schen Aus­mas­sen Pate. Als er vom Tode sei­ner ehe­ma­li­gen Kla­vier­schü­le­rin er­fährt, än­dert er sei­ne Par­ti­tur und in­te­griert das schon im 2. Satz zi­tier­te Lied auch in das Fi­na­le – das Kon­zert wird nun end­gül­tig zum Ho­he­lied der Liebe.

 

Aus Norwegens unendlicher Weite stammend

Sandra Lied Haga - Violoncello - Glarean Magazin
Tech­ni­sche Bril­lanz und sen­si­ti­ve Em­pa­thie: Die Cel­lis­tin San­dra Lied Haga

Aus der un­end­lich wei­ten Per­spek­ti­ve nor­we­gi­scher Land­schaft stam­mend, war San­dra Lied Haga schon im Al­ter von drei Jah­ren Teil­neh­me­rin des För­der­pro­gramms jun­ger Ta­len­te am Bar­rat Due In­sti­tu­te of Mu­sic in Oslo und wur­de, längst auf vie­len in­ter­na­tio­na­len Fes­ti­vals prä­sent, jüngst mit dem Equi­nor Clas­si­cal Mu­sic Award 2019 aus­ge­stat­tet. Ihr zur Sei­te steht in die­ser Auf­nah­me mit Kon­zert­mit­schnit­ten vom Fe­bru­ar und März 2019 aus der Gre­at Hall des Mos­kau­er Kon­ser­va­to­ri­ums das Sta­te Aca­de­mic Sym­pho­ny Or­ches­tra of Rus­sia „Ev­ge­ny Svet­la­nov“ un­ter der Lei­tung von Ter­je Mikkelsen.

Und was man dort hört, ist schlicht über­wäl­ti­gend. Schon die kon­zen­trier­te, mass­vol­le, be­däch­ti­ge, aber nie­mals schlep­pen­de Ein­lei­tung lässt er­ken­nen, dass es nicht um ein paar schmis­si­ge Ef­fek­te oder das blos­se Aus­kos­ten „schö­ner Stel­len“ geht, son­dern um den Span­nungs­bo­gen, den „gros­sen Atem“ und die See­le des Werks.
Man staunt dar­über, wenn Lied Haga ih­ren Part mit un­ver­brauch­ter Na­tür­lich­keit, si­che­rem In­stinkt und gros­ser Vir­tuo­si­tät zu ei­ner über­zeu­gen­den, fas­zi­nie­rend schö­nen und be­rüh­ren­den Dar­bie­tung ge­stal­tet. Fern­ab von Rou­ti­ne und Kli­schees ge­lingt ihr der flies­sen­de Über­gang von den ex­tro­ver­tier­ten Aus­brü­chen bis zu den Mo­men­ten der wun­der­bar in­ti­men, ge­sang­li­chen Introspektive.

Hohelied der Liebe

Peter Tschaikowski - Faksimile Titelseite Variationen über ein Rokoko-Thema - Cello-Part - Glarean Magazin
Hand­schrift­li­ches Fak­si­mi­le der Ti­tel­sei­te von Tschai­kow­skis „Va­ria­tio­nen über ein Ro­ko­ko-The­ma“ (Cel­lo-Part ge­wid­met dem Cel­lis­ten G. Fitzenhagen)

Der zwei­te, aus dem Lied­mo­tiv ge­form­te Satz mu­tet wie ein in­ni­ges Lie­bes­du­ett – über den Oze­an hin­weg – an, zu­nächst schein­bar zer­bro­chen, dann in­ten­si­viert durch die Nach­richt der Er­kran­kung. Dass ge­ra­de die ly­ri­schen Stel­len – auch dank der gross­ar­ti­gen Part­ner­schaft zwi­schen Or­ches­ter und So­lis­ten – be­son­ders ge­lun­gen sind, liegt an der ins­ge­samt sehr stim­mi­gen und werk­ge­treu­en Deu­tung Lied Ha­gas, die – von Mik­kel­sen und dem Or­ches­ter auf den viel­zi­tier­ten „Hän­den ge­tra­gen“ – dem Werk mit fei­nem Ge­spür und be­glü­cken­der Sen­si­bi­li­tät be­geg­net. Doch ra­gen die­se be­rü­ckend schön ge­spiel­ten Mo­men­te nicht her­aus, son­dern son­dern fü­gen sich naht­los in die ge­schlos­se­ne und stim­mi­ge Dar­bie­tung. Es ent­spinnt sich ein über drei Sät­ze an­dau­ern­der, in­ten­si­ver Dia­log, der Dvo­raks letz­tes gros­ses Werk als „Hohe(s) Lied der Lie­be“ ge­ra­de­zu neu entdeckt.

Blick für das Wesentliche

Mit dem­sel­ben un­ver­stell­ten Blick für das We­sent­li­che neh­men die Aus­füh­ren­den auch Pe­ter Tschai­kow­skys „Ro­ko­ko-Va­ria­tio­nen“ ins Vi­sier. Kon­zep­tio­nell fol­ge­rich­tig grei­fen sie da­bei auf das Ori­gi­nal zu­rück, statt auf die auf Wunsch von Tschai­kow­skys Cel­lis­ten Wil­helm Fit­zen­ha­gen ge­än­der­te Fas­sung, wel­che dem So­lis­ten eine grös­se­re Büh­ne der Selbst­dar­stel­lung bot.
Auch hier be­stau­nen wir den kla­ren, na­tür­lich-schö­nen Ton der jun­gen Nor­we­ge­rin, die in gros­sem Ein­ver­neh­men mit Or­ches­ter und Di­ri­gent die Re­mi­nis­zenz des Kom­po­nis­ten an eine an­de­re Zeit, näm­lich die Klang­welt des 18. Jahr­hun­derts (vor al­lem die des jun­gen W.A. Mo­zart) zum Le­ben erweckt.

San­dra Lied Haga legt also mit die­sen zwei Ro­man­tik-Ein­spie­lun­gen ein gross­ar­ti­ges De­büt­al­bum vor. Ihr Ton ist von na­tür­li­cher „nor­di­scher“ Klar­heit, doch eben­so zeigt sie ein sen­si­bles Ge­spür für die in­ti­men Pas­sa­gen die­ser Stan­dard­wer­ke des ro­man­ti­schen Re­per­toires. Sie er­liegt nie der Ver­su­chung ei­ner Selbst­dar­stel­lung, son­dern dringt werk­ge­treu zum Kern der Wer­ke vor, auch dank ih­rer gleich­wer­ti­gen Part­ner. Da­mit stellt sie so man­che Auf­nah­me re­nom­mier­ter Künst­ler und Plat­ten­la­bels in den Schat­ten. Eine schö­ne Entdeckung. ♦

Pe­ter Tchai­kovs­ky: Va­ria­ti­ons on a Ro­co­co The­me op. 33 (Ori­gi­nal Ver­si­on); An­to­nin Dvo­rak: Cel­le Con­cer­to in B Mi­nor op. 104 – San­dra Lied Haga (Cel­lo), The Sta­te Aca­de­mic Sym­pho­ny Or­ches­tra of Rus­sia ‘Ev­ge­ny Svet­la­nov‘, Ter­je Mik­kel­sen, Si­max Clas­sics (Na­xos)

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin zum The­ma Cel­lo-Mu­sik auch über Sol Ga­bet­ta: Cel­lo-Kon­zert von Ed­ward Elgar

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