Ensemble Arabesques: Jacques Ibert – Kammermusik (CD)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Kapriziöse Abenteuerlust

von Jakob Leiner

Mit der neuen Ein­spie­lung kam­mer­mu­si­ka­li­scher Werke von Jac­ques Ibert setzt das Ham­bur­ger „Ensem­ble Ara­bes­ques“ seine Kon­zept­idee mit über­ra­gen­dem Gespür fort, sich aus­ge­fal­le­nen, teils in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen Wer­ken unter­schied­li­cher Beset­zung zu widmen.

Ensemble Arabesques - Jacques Ibert - Kammermusik - CD Farao ClassicsDass sich das Ensem­ble Ara­bes­ques nach Gus­tav Holst und Fran­cis Pou­lenc nun bei der Wahl ihres drit­ten Albums für Jac­ques Ibert ent­schied, scheint durch­aus nach­voll­zieh­bar. So ist die Ver­bin­dung zu Pou­lenc über den künst­le­ri­schen Kon­text der „Groupe des Six“ her­stell­bar, der zahl­rei­che Begeg­nun­gen der bei­den Zeit­ge­nos­sen för­derte, und die zu Holst über das gemein­same Fai­ble für Blas­in­stru­mente und ihre Einsatzmöglichkeiten.

Beachtliches filmmusikalisches Oeuvre

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Auch im ers­ten Satz der „Trois piè­ces brè­ves“ für klas­si­sche Blä­ser­quin­tett­be­set­zung kommt Ibe­rts aus­ge­reifte Instru­men­ta­ti­ons­tech­nik klang­lich schil­lernd zur Gel­tung. Eine char­mante Melo­dik und augen­zwin­kernde Über­ra­schungs­ef­fekte im ers­ten Satz ver­deut­li­chen die Nähe des 1890 gebo­re­nen fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten zur Film­mu­sik, die er zeit­le­bens in sehr ergie­bi­ger Weise schuf.

Das Ensem­ble reüs­siert, die unab­ding­bare Luf­tig­keit, die einem sol­chen Raus­schmei­ßer-Stück gebührt, bei­zu­be­hal­ten, wenn auch die trio­li­schen Punk­tie­run­gen der Haupt­me­lo­die etwas ein­heit­li­cher laid-back hät­ten aus­ge­führt wer­den kön­nen. Ein sich sub­lim umspie­len­des Flö­ten-Kla­ri­net­ten-Duett lei­tet die pas­to­rale Stim­mung des kur­zen „Andante“ ein, wäh­rend das abschlie­ßende „Alle­gro scher­z­ando“ zwi­schen typisch fran­zö­sisch-ope­ret­ten­haf­tem Ges­tus à la Offen­bach und inter­es­san­ten poly­to­na­len Annä­he­run­gen chan­giert, was die Spie­len­den äußerst gewitzt ein­zu­set­zen wissen.

Eklektizistisch bis vorsichtig modern

Jacques Ibert - Glarean Magazin
Jac­ques Ibert beim Kom­po­nie­ren am Kla­vier (1938)

Zwar wird Ibert auf­grund sei­ner engen Kon­takte zu Kol­le­gen wie Pou­lenc, Mil­haud oder Hon­eg­ger von man­chen Quel­len als der inof­fi­zi­elle Siebte der „Groupe des Six“ beti­telt, jedoch ließ er sich zeit­le­bens kei­ner bestimm­ten Strö­mung oder Schule zuord­nen. Diese bewusst gelebte Unab­hän­gig­keit schlägt sich aus­drucks­stark in sei­nen Wer­ken, die teils tra­di­tio­nell tonal, teils eklek­ti­zis­tisch bis vor­sich­tig modern anmu­ten, sowie einer enor­men Genre-Breite nie­der. Auch diese Viel­falt ist auf der vor­lie­gen­den Auf­nahme abgebildet.

Ästhetisch durchwegs ansprechend

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Die „Deux Mou­ve­ments“ für Holz­blä­ser­quar­tett ent­stan­den nach der Zuer­ken­nung des begehr­ten Prix de Rome und set­zen die kon­zer­tan­ten Qua­li­tä­ten der Instru­mente gekonnt in Szene, ohne eine kam­mer­mu­si­ka­li­sche Aus­ge­wo­gen­heit zu gefähr­den. Hier erin­nert die distink­tive Behand­lung der Ein­zel­stim­men bereits an spä­tere Werke wie z.B. das „Con­certo pour flûte“, wel­ches mitt­ler­weile fest zum Stan­dard-Reper­toire gehört.

Das alles gelingt den Spie­len­den des „Ensem­ble Ara­bes­ques“, das sich 2011 im Rah­men des gleich­na­mi­gen deutsch-fran­zö­si­schen Kul­tur­fes­ti­vals grün­dete, ästhe­tisch durch­weg anspre­chend und mit zahl­rei­chen Farb­valeurs auf­trump­fend. In den „Deux Inter­lu­des“ für Flöte, Vio­line und Harfe sei vor allem die nost­al­gi­sche Klang­ma­gie her­vor­ge­ho­ben, die auch auf das stim­mige Ver­hält­nis von gewähl­ten Grund­tempi und ihren gestal­te­ten Deh­nun­gen und Raf­fun­gen zurück­zu­füh­ren ist.

Besondere Gussartigkeit des „Capriccio“

Neben dem in den Kriegs­jah­ren 1944/45 ent­stan­de­nen „Trio“ für Vio­line, Vio­lon­cello und Harfe und der Auf­trags­kom­po­si­tion „Cinq Piè­ces en Trio“ für Oboe, Kla­ri­nette und Fagott erreicht das Album mit dem „Capric­cio“ für 10 Instru­mente sei­nen wür­di­gen Höhepunkt.

Jacques Ibert - Capriccio pour dix instruments - Glarean Magazin
Beginn des „Capric­cio pour dix instru­ments“ von Jac­ques Ibert

Die strenge Ver­wen­dung eines fast durch­ge­hend kon­zer­tan­ten Stils bei kom­ple­xen rhyth­misch-har­mo­ni­schen Ele­men­ten führt zu einer beson­de­ren Guss­ar­tig­keit die­ses etwa elf­mi­nü­ti­gen Werks. So ist das Kalei­do­skop der sich vir­tuos annä­hern­den und imi­tie­ren­den Klang­far­ben lust­voll zu ver­fol­gen, wobei dem sich geschickt ein­fü­gen­den Trom­pe­ten­part ein Extra­lob gebührt. Die Spiel- und Ent­de­ckungs­freude eines der­art gut auf­ein­an­der abge­stimm­ten Ensem­bles ist es, was diese Neu­erschei­nung zur kla­ren Emp­feh­lung wer­den lässt – hof­fend auf mehr! ♦

Jac­ques Ibert: Kam­mer­mu­sik, Ensem­ble Ara­bes­ques, Audio-CD, 53 Min., Farao Classics

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Moderne Kam­mer­mu­sik auch über M. Schä­fer (Tenor) & M. Ungu­reanu (Kla­vier): Hom­mage à Dinu Lipatti

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