Alberto Curci: Violinkonzerte (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Virtuosität voller Italianità

von Wolfgang-Armin Rittmeier

„Ich, auch ich war in Arkadien!“ Diese berühmte Schlusszeile aus Johann Gottfried Herders Gedicht „Angedenken an Neapel“ aus dem Jahr 1789 mag als Motto über die Biographie des italienischen Violinisten und Komponisten Alberto Curci gesetzt werden. Curci, der heute praktisch vergessen ist, wurde im Jahr 1886 im Schatten des Vesuvs geboren, studierte bei Henrich Vieuxtemps und Joseph Joachim, spielte im auf vielen bedeutenden Podien Europas, bevor ihn der Ausbruch des Ersten Weltkrieges dauerhaft zurück nach Italien führte, wo er sich schließlich auf Drängen des Komponisten Francesco Cilea hin am Konservatorium in Neapel niederließ, um dort 40 Jahre lang talentierte Jungviolinisten zu unterrichten.
Man muss sagen: eine glanzvolle Karriere, deren Impetus jedoch offensichtlich nicht genügte, um den Namen Curci dauerhaft im kollektiven Gedächtnis der europäischen Musikwelt zu verankern.

Sonne des Südens in jedem Ton

Alberto Curci: Violinkonzerte - Franco Gulli (Violine), Studio Orchestra, Franco Capuana, 72 Minuten, First Hand Records FHR CD-LabelUmso erfreulicher ist es, dass das Label FHR (First Hand Records) sich der bereits in den frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entstandenen Aufnahmen der drei Violinkonzerte und der „Suite italiana in stile antico op. 34“ angenommen hat, um sie nun in einem Remastering von Jonathan Mayer und David Murphy erstmals auf CD vorzulegen.
Und was für wunderbare Musik ist das! Es lachte die Sonne des Südens quasi aus jedem Ton. Sicher ist Curcis Tonsprache – wie Tully Potter in seinem höchst informativen Einführungstext schreibt – keine ausgesprochen genuine, aber das wird wettgemacht durch seinen melodischen Erfindungsreichtum und den sicher auf den solistischen und orchestralen Effekt ausgerichteten Satz Curcis. Sei es im ersten Konzert d-Moll op. 21, das nicht umsonst den Beinamen „Concerto romantico“ trägt, sei es im zweiten d-Moll (op. 30) oder im dritten g-moll (op. 33): Der geneigte Zuhörer kann seine Freude haben an dem ausgesprochen gut gemachten Pendeln zwischen Virtuosität voller Italianità und schmelzenden „melodie lunghe lunghe lunghe“, ohne dass das Ganze jemals versatzstückartig und damit uninteressant werden würde.

Die Sprache der führenden Spätromantiker

Alberto Curci (1886-1973)
Alberto Curci (1886-1973)

Man merkt: Auch wenn die Konzerte aus den Jahren 1944, 1962 und 1966 stammen, so hat man es keinesfalls mit „moderner“ Musik zu tun. Curci ist durch und durch Romantiker und seine Sprache ist diejenige Mendelssohns, Brahms‘ und – es ist kaum zu verhehlen – Edward Elgars, dessen großformatiges Violinkonzert atmosphärisch bei der Komposition dieser Werke oft Pate gestanden haben dürfte. Vielleicht mag das auch dazu geführt haben, dass sein Oeuvre vollkommen aus den Konzertsälen verschwunden ist.

Ähnlich ist es ja auch anderen Spätestromantikern ergangen (man denke beispielsweise an den Schweden Kurt Atterberg). Die ebenfalls 1966 entstandene „Suite italiana in stile antico op. 34“ (im Grunde ein weiteres Konzerte für Violine) steht in einer Linie mit Komponisten wie Reger und Respighi, die ebenfalls Werke „im alten Stil“ schufen. Das ist zweifellos virtuose, historisierende Musik, bei der erneut die Violine im Zentrum des Geschehens steht, die aber an Ausdruckskraft etwas hinter den Werken der beiden genannten Komponisten und ganz besonders auch hinter den drei „offiziellen“ Violinkonzerten zurücksteht.

Alberto Curcis durch und durch romantischen Violinkonzerte sind klangschöne, melodieselige Kompositionen, voller Sentiment und Italianità. Die Wiedergabe durch den hervorragenden Geiger Franco Gulli lässt keinerlei Wünsche offen. Eine erfreuliche Wiederentdeckung durch das CD-Label First Hand Records FHR.
Alberto Curcis durch und durch romantischen Violinkonzerte sind klangschöne, melodieselige Kompositionen, voller Sentiment und Italianità. Die Wiedergabe durch den hervorragenden Geiger Franco Gulli lässt keinerlei Wünsche offen. Eine erfreuliche Wiederentdeckung durch das CD-Label First Hand Records FHR.

Doch gefällt die musikalische Darbietung insgesamt ausgesprochen gut. Das liegt insbesondere an dem wunderbaren Spiel des großen italienischen Violinisten Franco Gulli, der den Werken alles entlockt, was da nur zu entlocken ist. Spielfreude, ein sich bisweilen zugegeben nahe am Kitsch bewegender Mut zum Sentiment, Virtuosität und ein weicher und dennoch stets leichter Ton sind die Kennzeichen seines Spieles in dieser Produktion. Begleitet wird er durch ein „Studio Orchestra“, zusammengesetzt aus hervorragenden mailändischen Musikern, das der bedeutende Operndirigent Franco Capuana sicher durch diese süffigen Partituren leitet. ♦

Alberto Curci: Violinkonzerte – Franco Gulli (Violine), Studio Orchestra, Franco Capuana, 72 Minuten, First Hand Records FHR CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Violinkonzert auch über
Bernhard Moosbauer: Vivaldi – Die vier Jahreszeiten
… sowie zum Thema Violine über

Komitas: Seven Songs (Klavier – CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Aus dem wilden Kaukasus

von Wolfgang-Armin Rittmeier

„Die Musik von Komitas kommt“, – so Paul Griffeth in seinen Anmerkungen zu dem kürzlich bei ECM erschienenen Album „Komitas – Seven Songs“ – „was Raum und Zeit angeht, aus einer ungewöhnlichen Ecke der westlichen Musik: zum einen vom äußersten Rand dessen, was man westliches Gebiet nennen könnte – Armenien – und zum anderen auch aus den entferntesten Bereichen der romantischen Musiktradition des 19. Jahrhunderts.“ Tatsächlich haben es nur wenige Komponisten Armeniens bis ins Bewusstsein des europäischen Musikliebhabers geschafft – am ehesten vielleicht Alan Hovhaness, der (obschon Amerikaner) aus einer Familie armenisch-amerikanischen Ursprungs stammte und sich mit der Geschichte und Musiktradition seiner Vorfahren beispielsweise in seiner „Exile Symphony“ auseinandergesetzt hat.

Der armenischen Nationalmusik verbunden

Der Komponist, der ursprünglich Soghomon G. Soghomonian hieß und erst nach seiner Weihe zum Mönch gemäß der Tradition der armenisch-apostolischen Kirche als nun Neugeborener auf den Namen Komitas getauft wurde, war vielseitig begabt, wobei er sich speziell der armenischen Nationalmusik verbunden sah. Diese Nationalmusik sah er in den armenischen Volksweisen unmittelbar verkörpert, die er darum konsequent als Grundlage seiner meisten Kompositionen für Klavier wählte und sich somit bewusst oder unbewusst in die nationalromantische Musiktradition Europas einreihte.

Auf der hier vorgelegten CD nun finden sich – der Titel führt da etwas in die Irre – ausschließlich Klavierkompositionen. Die den Titel für die Kompilation stiftenden „Seven Songs“ finden sich gleich zu Beginn. Als „Yot Yerg“ (= Sieben Lieder) hat sie Komitas 1911 sowohl als Werke für Gesangsstimme als auch für Klavier solo herausgebracht. Pianistin Lusine Grigoryan, die aus Armenien stammt, hat sie mit Bedacht an die erste Stelle des Programmes gestellt, offenbaren sie doch exemplarisch die typische Verfahrensweise des Komponisten, seine Klaviersätze so zu gestalten, dass sie klanglich an Instrumente der armenischen Volksmusik erinnern. Und so vermitteln die sieben kurzen Stücke für den Hörer Klänge, die eigentlich der Tar, der Daf, der Duduk oder der Zurna zugehören. Neben dieser gewissermaßen didaktischen Dimension der hier vorgestellten Werke Komitas‘ hat es der Hörer mit einer Musik zu tun, die trotz ihrer am Volkslied orientierten Ausdruckweise alles andere als volksliedhaft im romantischen Sinne wirkt. Von nirgendwoher winkt ein Mendelssohn, ein Silcher, auch Schumann nicht, weder Brahms noch Vaughan Williams grüßen von fern.

Schwebender Musik-Charakter vermittelt Zeitlosigkeit

Mönch und Komponist: Komitas Vardapet (1869-1935)
Mönch und Komponist: Komitas Vardapet (1869-1935)

Das Überraschende und enorm Spannende der auf dieser CD vereinten Miniaturen – von dem gut zehnminütigen Tanzszene „Msho Shoror“ einmal abgesehen dauert kaum ein Stück länger als drei Minuten – ist, dass ihr häufig Zeitlosigkeit vermittelnder, schwebender Charakter. Gern gebe ich zu, dass ich beim ersten Hören der hier versammelten Stücke zunächst vermutet habe, es handle sich beim Komponisten um einen gegenwärtigen, einen, der sich in der Tradition eines Pärt wähnt. Es ist schon verblüffend wie nahe sich Komitas‘ Idiom bisweilen an Stücken wie dessen „Für Alina“ oder „Spiegel im Spiegel“ bewegt. Die „Sieben Tänze“ („Yot Par“) oder die zwölf „Stücke für Kinder“ („Mankakan Nvag“) wirken aufgrund ihrer tänzerischen Rhythmik nur im ersten Moment anders, und das auch nur graduell und nicht im Kern. Die beiden Nuclei des Personalstils Komitas‘ bilden überall die seltsam schwebende Grundhaltung und einen der Welt etwas entrückten Tonfall – zwei Idiosynkrasien, die vom ersten Ton an zu fesseln vermögen.

Pianistin Lusine Grigoryan erweist sich als kongeniale Interpretin dieser Musik. Luftiges, glasklares Spiel, sanfteste Anschläge, silbrige Tongebung, eine enorm sicher austarierte agogische Arbeit und eben jenes Händchen für den ganz speziellen Ton der Werke ihres Landmannes fügen sich wie selbstverständlich zu einer ausgesprochen stimmigen Lesart, die es schafft, diese Musik noch lang im Inneren nachhallen zu lassen. ♦

Komitas: Seven Songs, Lusine Grigoryan (Klavier), Audio-CD, 50 Minuten, ECM CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Armenische Musik auch  über
Alan Hovhaness: Exile-Symphony (CD

Rikard Nordraak: Songs and Piano Music (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Eine Handvoll blühender Frühlingsblumen

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das Cover der jüngst bei LAWO Classics erschienenen CD „Rikard Nordraak – Songs and and Piano Music“ ist eine Augenweide. Der Blick öffnet sich in einen norwegischen Fjord, im kristallklaren Wasser spiegeln sich die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge. Ein Bild, das jeden Menschen, der den Norden liebt, unmittelbar in seinen Bann zieht. Es irritiert lediglich eines: der Name Rikard Nordraak. Wer ist das eigentlich? Was für Musik steckt hinter diesem Namen? Altes? Neues?

Vergessen von der Musikwelt: Rikard Nordraak

Rikard Nordraak – Songs and and Piano Music (Lawo CD-Label)Nun – auf jeden Fall Unerhörtes! Denn Rikard Nordraak ist ein Komponist, den die (Musik-)Welt weitgehend vergessen hat. Nur in Norwegen wird seiner mit schöner Regelmäßigkeit gedacht, und zwar immer, wenn die Nationalhymne „Ja, vi elsker dette landet“ auf einen Text seines Vetters Bjørnstjerne Bjørnson erklingt. Zugegeben: Er hat auch nicht viel hinterlassen. Das Oeuvre umfasst ein paar Lieder, ein paar Stücke für Klavier und zwei Bühnenmusiken zu Stücken Bjørnsons. Nur etwa 40 Kompositionen haben sich erhalten, kaum etwas wird je aufgeführt, so gut wie nichts wurde bislang eingespielt. Insofern füllt diese CD – und das grundsätzlich erfreulich – eine Lücke.

Zeittypisch und genrehaft

Rikard Nordraak (1842-1866)
Rikard Nordraak (1842-1866)

Nordraak wurde 1842 in Oslo geboren. Seine Musikbegabung wurde schon in der Kindheit deutlich. Dennoch sollte er – man kennt dergleichen – eine „anständige“ Profession erlernen. In Kopenhagen sollte er eine Ausbildung zum Kaufmann absolvieren, stattdessen studierte er mehr oder minder heimlich Musik. Diese Studien führten ihn dann immer wieder auch nach Berlin, wo er 1864 an Tuberkulose erkrankte und ihr im darauffolgenden März erlag. Sein Freund Edvard Grieg war so erschüttert vom Tod des jungen Komponisten, dass er einen heute noch bekannten Trauermarsch für dessen Bestattung komponierte. Grieg hatte in ihm den Vorreiter einer echt norwegischen Musik gesehen: „Sein Name wird in unserer Welt der nordischen Kunst fortleben. Seine fesselnden Ideen werden ihn weit über das Nichts des Grabes hinaustragen, denn in sie eingeschrieben sind die Zeichen von Wahrheit und Ewigkeit.“
Hört man jedoch Nordraaks Musik heute, so ist es über die Zeitläufte hinweg und in Kenntnis der Werke seiner Zeitgenossen Johan Svendsen und Grieg selbst, nicht immer einfach jenen „speziell nordischen Klang“ zu erlauschen, den Grieg ihr zuschrieb. Besonders die Klavierwerke, denen wir auf dieser CD begegnen, und die unter den Fingern von Eugene Asti zweifelsohne schöne Klanglichkeit und Plastizität gewinnen, wirken letztlich wie hochromantische Petitessen, weniger innovativ als vielmehr zeittypisch und genrehaft. Der nocturneartige „Valse caprice“ erinnert stark an Fields und Chopin, die „Venskabs-Polka“ hätte auch Schubert schreiben können.

Mysteriöser nordisch-romantischer Tonfall

Die neue LAWO-CD mit "Songs and Piano Music" von Rikard Nordraak dokumentiert: Nordraak war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen weiterführend aufgegriffen wurden. Darin liegt die wirkliche Bedeutung seiner Werke für die nordische Musik-Romantik.
Die neue LAWO-CD mit „Songs and Piano Music“ von Rikard Nordraak dokumentiert: Nordraak war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen weiterführend aufgegriffen wurden. Darin liegt die wirkliche Bedeutung seiner Werke für die nordische Musik-Romantik.

Das Feuer der „Fire Dandse“ für Klavier brennt dann auch ausgesprochen gesittet im heimischen Salon zur unaufgeregten Erwärmung der gebildeten Gesellschaft. Anders die Lieder, die von Sopranistin Helene Wold durchweg klangschön, mit immer etwas abgedunkeltem Ton, höchstem Engagement und gestalterischer Feinsinnigkeit vorgetragen werden. Da hört man immer einmal wieder jenen mysteriösen nationalromantischen Tonfall, den man gern mit dem Begriff „nordisch“ bezeichnet, ohne so recht zu wissen, wie das nordische Klanggewand eigentlich entsteht. Balladeskes wie „Jeg har søgt“ oder die Romanzen „Ingerid Sletten“ und „Liden Gunvor“ aus dem Ole Bull zugeeigneten Opus 1 oder „Solvejge“ aus dem Opus 2 wirken besonders stark in diese Richtung. Auch das das zweite Opus eröffnende „Tonen“ und die sehr stark volksliedhaften Lieder „Træet“ und „Killebukken“ lassen schließlich ganz gut erahnen, was Grieg in Nordraak sah. Er war ein vorsichtiger Initiator, dessen Anregungen von seinen Zeitgenossen aufgegriffen wurden, die Norwegen schließlich ein musikalisches Gesicht verliehen. Darin – und weniger in der Qualität seiner Kompositionen – liegt wohl die wirkliche Bedeutung Nordraaks. ♦

Rikard Nordraak: Songs and Piano Music – Helene Wold (Sopran), Eugene Asti (Klavier), Audio-CD, 66 Minuten, LAWO CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Nordische Kultur auch über
Peer Gynt (Edvard Grieg und Henrik Ibsen)

CD-Neuheiten: The Edge of Time & The Last Island

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Urzeit-Zauber und Orkney-Klänge

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das schottische Label Delphian steht seit mittlerweile 17 Jahren für außergewöhnliche Musikproduktionen jenseits des sogenannten „Mainstreams“. Es sind besonders Konzeptalben – wie die kürzliche erschienene Steinzeit-CD „The Edge of Time“ und Plädoyers für bislang Unerhörtes wie „The Last Island“, das Miniaturen und kammermusikalische Werke des im vergangenen Jahr verstorbenen Komponisten Sir Peter Maxwell Davies präsentiert -, die Delphian sein charakteristisches Gepräge verleihen. Und so zeigen diese beiden Alben Möglichkeiten musikalischer Rede auf einer Zeitachse auf, die etwa 43’000 Jahre umfasst. Dergleichen bieten nicht eben viele Labels.

Musik aus dem Paläolithikum: „The Edge of Time“

The Edge of Time - CD-Cover - Delphian Records„The Edge of Time“, das Volume 4 der insgesamt herausragenden Reihe „European Archeology Project“, wirft also den Blick zurück in eine Zeit, die wir uns – wenn wir ehrlich sind – nicht wirklich vorstellen können. Wir schreiben das Ende des Mittelpaläolithikums, befinden uns in einer Welt am Rand der letzten Eiszeit und auf einem europäischen Kontinent, auf dem erstmals der anatomisch moderne Mensch auftaucht. In den Höhlen „Geißenklösterle“ und „Hohle Fels“ auf der Schwäbischen Alb sowie in der in Südfrankreich gelegenen Höhle von Isturitz entdeckte man in den letzten Dezennien – neben anderen Funden – auch Flöten aus Tierknochen (Mammut, Schwan, Geier).

Uraltes Vokabular im Dialog mit der Moderne

Diese Flöten nun – genauer gesagt: die Rekonstruktionen dieser Instrumente – stehen im Zentrum der Einspielung. Die Flötistin Anna Friederike Potengowski hat sich mit diesen Instrumenten vom Rande der Zeit zwar wissenschaftlich auseinandergesetzt, das eigentlich Interessante aber ist, dass sie auch angegangen ist, ihnen Leben einzuhauchen und sie auf diese Weise der toten Welt des frühzeitlichen Raritätenkabinetts zu entreißen: „Die Idee des Projektes war es, die Gegenwartskultur mit ihren vergessenen Wurzeln in Kontakt zu bringen, etwas von dem uralten musikalischen Vokabular zurückzuholen und es in einen Dialog mit modernen musikalischen Ausdrucksformen zu setzen.“
Gemeinsam mit dem Perkussionisten Georg Wieland Wagner hat sich Potengowski also auf den nicht eben unproblematischen Weg der Nachempfindung begeben. Und diese Nachempfindung klingt in der Tat höchst faszinierend. Die Kombination der ein wenig scharfen, kratzigen, an die Panflöte erinnernden Knochenflötenklänge mit einer Gesangsstimme und den Naturmaterialien, die Wagner im Rahmen der Perkussion einsetzt (Holz, Stein, Heu, Wasser, Tierhaut), wirkt durchweg überzeugend. Aber auch, wenn plötzlich Marimba und Vibraphon zu Einsatz kommen, bleibt das, was die beiden Künstler an Musik erzeugen, atmosphärisch ausgesprochen dicht. Es wird eine Vielfalt an Stimmungen erzeugt, die der Hörer unmittelbar nachvollziehen kann: Heiterkeit, Klage, Meditation, Geheimnis, Magie – von all dem können diese uralten Knochen ebenso überzeugend singen wie die modernen Flöten, Oboen oder Englischhörner.

Begrenzte Gestaltungsmöglichkeiten der Instrumente

Doch leider bleibt auch in Anna Friederike Potengowskis ansonsten durchweg informativen Einführungstext eine Frage unbeantwortet, die doch als Fixpunkt der Nachempfindung nicht unwichtig erscheint: In welchen Zusammenhängen spielten die frühen Menschen diese Instrumente? War es zum Zeitvertreib? War es um, nachts die große Stille der Welt zu vertreiben? Wurden sie im Rahmen von kultischen Handlungen eingesetzt? Hier wäre ein Hinweis auf Forschungsergebnisse informativ gewesen. Davon abgesehen ist das einzige Manko dieser an sich wirklich rundum gelungenen Produktion vielleicht die Spielzeit von gut 65 Minuten. Denn man kann nicht daran vorbeireden, dass sich nach nicht allzu langer Zeit des Hörens das Gefühl einstellt, dass die Möglichkeiten der Gestaltung von Musik mit diesen Instrumenten – so überzeugend diese an sich auch ist – auch ihre Grenzen hat. Und so schleicht sich nach einiger Zeit der ungute Eindruck der Redundanz und kreativen Ermüdung ein, aufgrund dessen man neben das „Sehr gut“, das diese Produktion im Ganzen verdient hat, wohl ein kleines „Minus“ setzen muss. 40 Minuten hätten gereicht. ♦

The Edge of Time, Palaeolithic Flutes of France & Germany, Anne Friederike Potengowski & Georg Wieland Wagner, Audio-CD, 64 Minuten, Delphian CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Alte Instrumente“ auch über Ariel Ramirez: Misa Criolla


Eine Postkarte von den Orkneys:  „The Last Island“

The last Island - Cover - Delphian RecordsAm anderen Ende des Zeitstrahles nun findet sich jene Musik, die die CD „The Last Island“ vorstellt. Sie präsentiert kammermusikalische Kompositionen der Gegenwart aus der Feder des 2016 verstorbenen Komponisten Sir Peter Maxwell Davies. Viele der Werke, die auf dieser CD enthalten sind, sind über die Jahre für das schottische Hebrides Ensemble komponiert worden, das hier für die Gestaltung der zehn mehr oder minder knappen Stücke verantwortlich zeichnet. Der künstlerische Leiter des Ensembles, William Conway, war über 30 Jahre hinweg freundschaftlich mit dem Komponisten verbunden. In seinem einleitenden Text zur Aufnahme versucht er zu erklären, was das ganz besondere an den hier eingespielten Werken ist, die allesamt zwischen 1991 und 2016 entstanden sind: „Man kann es so sehen, dass die Kammermusik, von der eine Menge unter dem Schatten von Krankheit entstanden ist, […], Max‘ eigene letzte Insel war, seine Version der verzichtenden, freigebenden Gesten des Prospero […].“

Bezug zur Lebensumwelt des Komponisten

Greift man diesen Gedanken auf, so findet sich leichter ein Zugang zu diesen nicht selten bedrohlich-düsteren, unheimlich-magischen, sperrigen, aber auch nicht selten tiefe Melancholie offenbarenden Werken. Oft beziehen sich die Kompositionen, will man den Worten Davies‘ Glauben schenken, auf Erscheinungen der Lebensumwelt des Komponisten, der sich zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts auf den Orkney Islands niedergelassen hatte. So ist das Streichsextett „The Last Island“ von zwei unbewohnten Inseln inspiriert, die in der Nähe seiner Wahlheimat Sanday sind.
Das ständige Changieren zwischen dunkel gehaltenen, weitgehend ruhigen Passagen, die sich nicht selten durch einen nostalgischen Ton auszeichnen, und erregten Abschnitten, die rauschen, tänzeln und schwirren, versinnbildlicht trefflich die beiden Felsen im tosenden Ozean. Eine echte Meeresmusik, die in ihrer gesamten Haltung von fern an Bax‘ Tondichtung „Tintagel“ gemahnt. Von der Orkney-Insel Sanday aus schreibt er auch musikalische Postkarten („Postcard from Sanday“) oder eine „Birthday Card for Jennifer“ – reizende Miniaturen, von Philip Moore am Klavier überzeugend in Szene gesetzt.

Spannungsfeld von Lyrik und Dramatik

Das Label Delphian ist immer für Entdeckungen gut. Zwei der jüngsten Veröffentlichungen verdeutlichen dies unmittelbar. Ob nun die Klänge urzeitlicher Flöten (The Edge of Time) oder die herb-schöne Tonsprache Peter Maxwell Davies‘ (The Last Island): Hier finden sich interessanten Konzepte, die musikalisch, technisch und editorisch auf ausgesprochen hohem Niveau umgesetzt werden. Ein Muss für jeden, der sich einmal abseits der eingefahrenen Wege des Mainstreams umhören möchte.
Das Label Delphian ist immer für Entdeckungen gut. Zwei der jüngsten Veröffentlichungen verdeutlichen dies unmittelbar. Ob nun die Klänge urzeitlicher Flöten (The Edge of Time) oder die herb-schöne Tonsprache Peter Maxwell Davies‘ (The Last Island): Hier finden sich interessante Konzepte, die musikalisch, technisch und editorisch auf ausgesprochen hohem Niveau umgesetzt werden. Ein Muss für jeden, der sich einmal abseits der eingefahrenen Wege des Mainstreams umhören möchte.

Der Rest der hier zu hörenden Werke aber zeichnet sich durch eine Herbheit, Nervosität und Trancehaftigkeit aus, die insbesondere auf der Folie der von Conway angedeuteten Entstehungsbedingungen eine besondere Prägnanz und Dringlichkeit erhält. Ähnlich wie im Fall von Bruckners neunter Symphonie scheint hier ein Komponist am Abgrund fieberhaft zu Werke zu gehen. Für diesen Peter Maxwell Davies legen sich die Musikerinnen und Musiker des Hebrides Ensembles nicht nur ins Zeug: sie atmen ihn förmlich und legen eine rundheraus grandiose Interpretation dieser Werke vor. Man mag hinsehen (oder hinhören), wohin man möchte, und kann doch immer wieder nur zu dem einen Ergebnis kommen. Sei es Gestaltung der gespenstisch-gewichtigen „Nocturnes“ für Klavierquartett, des sich in einem enormen Spannungsfeld von Lyrik und Dramatik bewegenden „Oboenquartett“, der zwischen Unerbittlichkeit und romantischster Tonsprache schwankenden „Sonate für Violine und Klavier“ oder dem Streichquartettsatz aus dem Jahre 2016, dem letzten Werk, an dem Peter Maxwell Davies arbeitete: das Hebrides Ensemble und die Musik von Peter Maxwell Davies sind in jeder Hinsicht füreinander gemacht. Ob man dereinst eine weitere Aufnahme dieser Werke braucht? Ich bezweifle es. ♦

The Last Island, Chamber Music by Peter Maxwell Davies, Hebrides Ensemble, Audio-CD, 76 Minuten, Delphian CD-Label

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kammermusikalische Moderne auch über Audio-CD
Franz Schubert & Jörg Widmann: Oktette

Ariel Ramirez – Musica Temprana: Misa Criolla (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Eine Brücke zwischen den Welten

von Christian Busch

Kein prächtiger Kolonialstil, sondern nur ein schlichtes Gipfelkreuz vor karger, in Nebel gehüllter Anden-Berglandschaft, daneben ein Plateau mit einer bescheidenen Missionskirche – so präsentiert das Label Cobra Records die zum 50-jährigen Jubiläum der Misa Criolla erschienene und nun neu aufgelegte Aufnahme des Ensembles Mùsica Temprana diese Misa Criolla des 2010 verstorbenen argentinischen Komponisten Ariel Ramirez. Anklänge an die Anfänge der frühen Christianisierung des lateinamerikanischen Kontinentes im 16. Jahrhundert – unter Aussparung der wenig christlichen, blutigen und unrühmlichen Begleiterscheinungen der Conquista.

Regionales Instrumentarium des Orchesters

Die Kreolische Messe, deren Text auf einen 1963 von der Liturgischen Kommission für Lateinamerika genehmigten kastilischen Text zurückgeht, stellt eine geschickte Verknüpfung von Melodien des Komponisten und traditionellen hispano-amerikanischen, vor allem argentinischen Formen und folkloristischen Rhythmen dar. Dabei greift der Komponist im Orchester auf typisch regionale Instrumente zurück, wie etwa regionale Schlaginstrumente, die Charango (Gitarre), die Quena (Bauernflöte) und die Siku (bolivianische Panpfeife).

Abseits kolonialer Herrlichkeit

Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Misa Criolla ist ein großer Wurf und eine längst überfällige Interpretation abseits kolonialer Herrlichkeit, solistischem Belcanto und europäischer Orchesterpracht. Das Ensemble Mùsica Temprana präsentiert eine den dürren Hochebenen der Anden und der Weite der trockenen Pampa angemessene rauhe und doch leidenschaftliche Misa, die überdies mit einem Vokalduett – hier Adriàn Rodriguez Van der Spoel und Alvaro Pinto Lyon – aufwartet.

Das Ensemble Musica Temprana (Quelle: CD-Booklet "Misa Criolla")
Das Ensemble Musica Temprana (Quelle: CD-Booklet „Misa Criolla“)

Die werkgetreue Aufnahme betont daher die ‘devocion popular‘, die absolute Hingabe des völkischen Gesangs und versteht sich als säkulare Brücke zwischen katholischer Tradition und ökumenisch-universaler Friedensbotschaft. Man höre nur das in dämmriger Demut verklingende „danos la paz“, das statt klerikalem Dogma unmittelbare Seelenlandschaft darstellt.

Lateinamerikanische Gesänge der Christianisierung

 Fazit: Diese Aufnahme von Ramirez' "Misa Criolla" u.a. lateinamerikanisch-christlichen Gesängen ist eine authentische, überzeugende, weil werkgetreue Aufnahme – und eindrucksvolles Zeugnis populärer, folkloristischer Kultur Südamerikas in der Berührung mit christlich-europäischer Tradition. Eine Brücke zwischen den Welten.
Diese Aufnahme von Ramirez‘ „Misa Criolla“ u.a. lateinamerikanisch-christlichen Gesängen ist eine authentische, überzeugende, weil werkgetreue Aufnahme – und eindrucksvolles Zeugnis populärer, folkloristischer Kultur Südamerikas in der Berührung mit christlich-europäischer Tradition. Eine Brücke zwischen den Welten.

Unentbehrlich wird die Aufnahme auch noch durch die passende Voranstellung lateinamerikanischer Gesänge vom 16. – 20. Jahrhundert, die zweifellos – das ist nicht zu verkennen – Inspiration für Ramirez‘ berühmtes ‚obra devota‘ war. Beginnend mit der instrumentalen, bolivianischen Apachita wird das Hören dieser CD zu einem historischen Gang durch die lateinamerikanischen Gesänge der Christianisierung – bis zum musikalischen Höhepunkt, der Misa Criolla. Dass Ramirez sein Werk ursprünglich zwei deutschen Mönchen gewidmet hat, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Opfer des Nationalsozialismus zu retten, darf dabei sogar in den Hintergrund treten. ♦

Ariel Ramirez – Mùsica Temprana: Misa Criolla and popular devotion in Early Music, Adriàn Rodriguez Van der Spoel, Cobra Records

Ariel Ramirez - Misa Criolla u.a. - Inhaltsverzeichnis CD - Glarean Magazin

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Geistliche Musik auch über
Frank Martin: Messe für Doppelchor

… sowie zum Thema Alte Musik über die CD von
Capella Antiqua Bambergensis: Heinrich

Christopher Wood: Requiem (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Das Unzulängliche als Ereignis

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Irgendwie mutet es auf den ersten Blick schon wie ein schlechter Witz an, dass sich ein musikalisch dilettierender Krebsspezialist aus Großbritannien hat dazu hinreißen lassen, für seine einzige Komposition gerade das Sujet Totenmesse zu wählen. Doch im Falle von Christopher Woods „Requiem“ kann man mit Goethe ausrufen: „Hier wird’s Ereignis“. Tatsächlich sollte man dann der Richtig- und Trefflichkeit halber aber auch den diesem vorausgehenden Vers aus dem „Chorus mysticus“ (Faust II) zitieren und konstatieren: „Das Unzulängliche“.

Gefühle in Requiem-Musik ausgedrückt

Christopher-Wood-Requiem-Orchid-ClassicsDenn Unzulänglichkeit ist – es fällt schwer, positiver zu urteilen – die Quintessenz dieses Werkes, das – wenn man den Worten des Komponisten trauen darf – als Reaktion auf den Tod von Elizabeth Bowes-Lyon, besser bekannt als „The Queen Mother“ oder kurz „Queen Mum“, entstanden ist. Der Komponist selber über die Entstehung des Werkes (Zitat):

Als Queen Elizabeth (The Queen Mother) im Jahre 2002 starb, erlebte man in Großbritannien ein außergewöhnliches Maß an Emotionen, ein echtes Gefühl nationaler Trauer. Tausende Menschen standen stundenlang an, um ihr am aufgebahrten Sarg ihren Respekt zu zollen, und das mit einer Mischung von Gefühlen, die schwer zu beschreiben ist. Da gab es sicherlich Trauer, doch war diese durchwoben von anderen Regungen, vielleicht sogar mit einem Gefühl von patriotischem Stolz. Da gab es Traurigkeit, aber auch Ehrgefühl und Dankbarkeit – und all das für eine Person, die die meisten Menschen niemals persönlich getroffen hatten.
Doch war die Königinmutter sehr lange ein Symbol der Nation gewesen und hatte dabei geholfen, den Charakter Großbritanniens mit zu formen. Ich fragte mich damals, was die Menschen, die am Sarg vorbei schritten, wohl singen würden, wenn sie ein Chor wären. Oder noch eher: Was für Musik hätte ich gesungen, um die Gefühle dieses Momentes einzufangen? Also dachte ich, dass ich versuchen sollte, diese Gefühle in Musik auszudrücken. Und so entwickelte sich die Idee für dieses ‚Requiem‘.

Es fällt schwer, nach diesen einführenden Worten des Komponisten das Werk nicht als Anbiederung ans Establishment, ans Publikum oder als trefflich platzierte Marketing-Idee zu hören. Aber es geht. Allerdings hält sich der Gewinn für den Hörer in einigermaßen engen Grenzen. Wenn man es kurz machen wollen würde, dann könnte man Woods „Requiem“ vielleicht folgendermaßen charakterisieren: Demjenigen, dem John Rutters Totenmesse nicht seicht genug ist, der sollte sich vertrauensvoll an Christopher Wood wenden. Denn das ist Woods Werk in seiner Unzulänglichkeit in jedem Takt auch noch: seicht.

Harfengezupf vor Streichergrund

Nehmen wir beispielsweise den ersten Satz. Das „Requiem“ beginnt – man möchte geradezu ausrufen: „natürlich“ – mit Harfengezupf vor einem satt-klangvollen, ja hollywoodesken Streichergrund, balsamisch säuselnd setzen die Choristinnen und Choristen ein, unter Paul Boughs aus dem Vollen schöpfender Leitung baden die L’Inviti Singers, die L’Inviti Sinfonia und Sopranistin Rebecca Bottone in den „englischen“ Klängen, die Wood gemeinsam mit seinem Arrangeur Jonathan Rathbone angerührt hat. Diese Klänge dienen dazu, sich möglichst friktionsfrei in die Herzen jener Musikhörer zu schleichen, die weniger die Begegnung mit einem Kunstwerk suchen, sondern die wenig mehr erwarten als unkomplizierte Rührung und einen Soundtrack für die eigene Gefühlswelt.

Im Grunde klingt die Musik tatsächlich so, wie es das Cover der CD ankündigt. Da geht der Blick in den abschiedsvollen Sonnenuntergang, hinweg über den uralten Ozean ins Ewige, wo schließlich das Jenseitige offenbart, der Sinn des Lebens erkannt wird. Dass die Missa pro defunctis ein nicht selten verzweifelt flehender Bittgesang für das Seelenheil des Verstorbenen anlässlich des Gerichtes ist, wird bei Wood nicht mehr deutlich. Stattdessen hat es der Hörer, man möge die Contradictio in adiecto entschuldigen, mit einem „Feelgood“-Requiem, einer schon fast unsäglichen Pervertierung dessen, worum es eigentlich geht, zu tun. „Tod, wo ist das Stachel, Hölle, wo ist Dein Sieg?“ Die Frage, die im Korinther 1/55 gestellt wird und die so viele, viele treffliche Meister von Guillaume Dufay bis hin zu Krzysztof Penderecki beschäftigt und zu den tiefsinnigsten und kunstvollsten Kompositionen gebracht hat, sie stellt sich bei Wood nicht mehr, denn der Tod erscheint hier ohne jegliche Problematik.

Requiem im Supermarkt?

Diese Musik, die auch gut als Hintergrundmusik in einem Supermarkt laufen könnte, negiert schlichtweg alle Probleme, mit denen sich der Mensch im Rahmen des Memento mori konfrontiert sieht. Selten hat eine die Vertonung dieses Messe-Textes intensiver an Sigmund Freuds tiefsinnig-klare Worte in „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ (1915) erinnert, die sich auf die menschliche Tendenz zum Beseiteschieben des Todes beziehen:

„Dies unser Verhältnis zum Tode hat aber eine starke Wirkung auf unser Leben. Das Leben verarmt, es verliert an Interesse, wenn der höchste Einsatz in den Lebensspielen, eben das Leben selbst, nicht gewagt werden darf. Es wird so schal, gehaltlos wie etwa ein amerikanischer Flirt, bei dem es von vornherein feststeht, dass nichts vorfallen darf, zum Unterschied von einer kontinentalen Liebesbeziehung, bei welcher beide Partner stets der ernsten Konsequenzen eingedenk bleiben müssen. Unsere Gefühlsbin­dungen, die unerträgliche Intensität unserer Trauer, machen uns abgeneigt, für uns und die Unserigen Gefahren aufzusuchen. Wir getrauen uns nicht, eine Anzahl von Unternehmungen in Betracht zu ziehen, die gefährlich, aber eigentlich unerlässlich sind wie Flugversuche, Expeditionen in ferne Länder, Experimente mit explodierbaren Substanzen. Uns lähmt dabei das Bedenken, wer der Mutter den Sohn, der Gattin den Mann, den Kindern den Vater ersetzen soll, wenn ein Unglück geschieht. Die Neigung, den Tod aus der Lebensrechnung auszuschließen, hat so viele andere Verzichte und Ausschließungen im Gefolge.“

Keine Auseinandersetzung mit dem Tod

Christopher Woods Requiem geriert sich als Totenmesse des Wellness-Zeitalters. Eine seichte, an schwachen Musicals und Soundtracks geschulte Partitur versucht die Kunstlosigkeit, Epigonalität und intellektuelle Leere des Werkes zu verhüllen. Dieser Versuch misslingt in jeder Hinsicht...
Christopher Woods Requiem geriert sich als Totenmesse des Wellness-Zeitalters. Eine seichte, an schwachen Musicals und Soundtracks geschulte Partitur versucht die Kunstlosigkeit, Epigonalität und intellektuelle Leere des Werkes zu verhüllen. Dieser Versuch misslingt in jeder Hinsicht. Schade um das hörbar engagierte Musizieren der Aufführenden dieser CD.

Schal und gehaltlos wird nicht nur das Leben, Woods Komposition beweist hinlänglich, dass in diesem Zuge auch die Kunst in erschreckendem Maße verarmen kann. Wenn man nun nicht bereits nach dem gut sieben lange Minuten währenden Eingangs-Satz genug von diesem Machwerk hat, dann wird man in den noch folgenden 53 einigermaßen ereignislosen Minuten angeregt, weniger über die Conditio humana denn vielmehr darüber trefflich zu sinnieren, welcher Kompositionsstile sich Wood und Rathbone bedienen, um den Text des Propriums der Totenmesse publikumswirksam in Klang zu gießen.

Und was hört man da nicht alles! Hier klingt es nach schlechtem Händel, dort nach Cherubinis c-Moll Requiem, und aufgeblähten Haydn hat man ebenso im Angebot wie simplifizierten Belcanto. Am Ende landet man dann wieder bei John Rutter und Karl Jenkins – denen man im Gegensatz zu Wood immerhin zu Gute halten kann, dass sie im Rahmen ihres Œuvres einen Personalstil entwickelt haben.
Schade auch um das hörbar engagierte Musizieren der Ausführenden, angefangen beim Solo-Gesangsquartett um Sopranistin Botone bis zu Chor und Orchester der L’inviti. Und so bleibt am Ende der Eindruck eines Projektes, in dem alles Mögliche versucht wurde, nur keine ernsthafte intellektuelle Auseinandersetzung mit seinem eigentlichen Thema. Hört man Christopher Woods Totenmesse nicht, so hat man mehr Zeit zu leben. ♦

Christopher Wood: Requiem – Rebecca Botone (Sopran), Clare McCaldin (Alt), Ed Lyon (Tenor), Nicholas Garrett (Bass), L’Inviti Sinfonia & Singers, Paul Brough (Leitung). Audio-CD – Orchid Classics

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Vertonung der Totenmesse“ auch über
das Requiem von Andrew Lloyd-Webber

… und lesen Sie auch über die gesellschaftlichen Entwicklungen der Musik in
Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder!

Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Bemerkenswerte Musik- und Schach-Novitäten

von Walter Eigenmann

Nikola Komatina: Inspiration – Accordion (CD)

Beim Laien, zumal beim Liebhaber sogenannter „Volksmusik“ haftet dem Akkordeon noch immer der Nimbus des Hummtata-Handorgelns oder des schmalz-kitschigen Shanty-Schifferklaviers an. Als konzertant-virtuoses Solo-Instrument wird es in der breiten Öffentlichkeit noch immer zu wenig wahrgenommen – allenfalls noch in seiner Funktion als Bestandteil von mehr oder weniger ambitiösen „Harmonika“-Orchestern.

Akkordeon-Musik vom Barock bis zur Moderne

Anzeige Amazon: Nikola Komatina (Akkordeon): Inspiration - Werke von Scarlatti, Bach, Moszkowski, Aho und Zabel (GWK-Records)
.

Welche facettenreichen Spieltechniken dem Handzug-Instrument Akkordeon jedoch innewohnen, welche vielfältigen Klangspektren es zu realisieren vermag, das beweisen solche Ausnahme-Virtuosen wie der serbische Akkordeonist Nikola Komatina. Bei dem Label GWK-Records hat der 29-jährige, bereits in jungen Jahren mit vielen Preisen ausgezeichnete Virtuose nun sein CD-Debüt erhalten mit der Produktion „Inspiration“ – einer stilistisch sehr heterogenen Zusammenstellung von D. Scarlatti über J.S. Bach und M. Moszkowski bis hin zu Kalevi Aho (1949) und Frank Zabel (1968).
Moderne Musik auf dem Akkordeon: ja – aber auch Barock und Spätromantik? Komatina lässt allen musikgeschmacklichen Puritanismus hinter sich und führt sein Instrument durchaus stilsicher durch die Epochen – dank phrasierungs- und artikulationsreicher Meisterschaft, die den betreffenden Werken weitere Klangoptionen eröffnen.

Dynamische Möglichkeiten des Instruments ausgeschöpft

Komatina weiß dabei genau um die Vorzüge des Akkordeons, wenn er (im Booklet) betont, dass sein Instrument bei barocken Stücken eben Dynamik-Abstufungen realisieren kann, über die das „originale“ Cembalo nicht verfügt(e). Bei Scarlattis Toccata d-Moll K 141 kontrastiert Komatina „stark rhythmisch geprägte“ Passagen mit „gesanglich-weichen“, bei Bachs Englischer Suite Nr. 5 e-Moll BWV 810 wollte er „die einzelnen Töne mit Creschendo und Decrescendo gestalten und die Spannung über mehrere Takte halten“.

Die spieltechnischen Grenzen erreicht

Bis an die spieltechnischen Grenzen des Akkordeons geht Interpret Komatina nicht nur im Caprice Nr. 1 von Frank Zabel, sondern insbesondere auch bei Kalevi Ahos 2. Sonate für Akkordeon „Black Birds“; sogar Virtuose Komatina attestiert diesem Stück, „eines der komplexesten, aufregendsten und schwierigsten Werke der modernen Akkordeonliteratur“ darzustellen. Und sowohl bei Zabel als auch bei Aho kann dabei der Akkordeonist, dessen technische Virtuosität sowohl im rechtshändigen Diskant- wie im linkshändigen Baß-Bereich des Instruments ihresgleichen sucht, hinsichtlich der Klang-Register aus dem Vollen schöpfen: Komatina spielt auf einer großen Konzert-Bugari, deren weites Spektrum der Klappen-Register den klanglichen Anforderungen gerade moderner Komponisten gerecht wird. Von der Imitation von Vogelstimmen (in Ahos „Black Birds“) bis hin zu den komplexen Klangschichten in Zabels „Caprice“ deckt der serbische Künstler eine faszinierend vielfältige und in dieser Intensität noch selten gehörte Spannungsweite moderner Akkordeonmusik ab. ♦

Nikola Komata (Accordion): Inspiration – Werke von Domenico Scarlatti, Kalevi Aho, Johann Sebastian Bach, Frank Zabel und Moritz Moszkowsi, Spieldauer 53:45, GWK-Records

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Akkordeon-Musik auch über die CD des Salon-Orchesters Prima Carezza: Pourquoi, Madame?


Werner Kaufmann: Zwingende Züge (Schach)

Wer nach einem bibliographisch schön aufbereiteten, mit sauber gestaltetem Layout versehenen, mit gut strukturierten Kommentaren bestückten und mit vielen Diagrammen gespickten Schachbuch sucht, wird bei Werner Kaufmanns „Zwingenden Zügen“ nicht fündig. Noch nicht mal eine Print-Ausgabe gibt es von dieser jüngsten Publikation des in der Zentralschweiz recht bekannten Nationalliga-Spielers und Fide-Meisters. Schach-Puristen mit jahrelanger Gewöhnung an den ästhetischen Mainstream der konventionellen Schachbuch-Herstellung lassen also am besten die Finger von diesen „Zwingenden Zügen“.

Schachpädagogisch originäre Denkansätze

Wer aber ausgeleierte, häufig austauschbare Pseudo-Kommentierung verabscheut, stattdessen sehr originäre, mit Eigenleistung generierte Denkansätze schätzt, die schachpädagogisch für Spieler bis ca. 2000 Elo wirklich nützlich sind, der liegt bei Kaufmann goldrichtig. Kaufmanns E-Book nimmt das uralte Evans-Gambit zum Ausgangspunkt modernster On-the-Board-Überlegungen und propagiert Denkwege, die gänzlich ohne (häufig einfach nachgeplapperte bzw. sinnentleerte) Worthülsen wie „Mustererkennung“ oder „Strategie“ auskommen. Anstelle solcher schachpädagogisch meist nebulöser „Anleitungen“ setzt „Zwingende Züge“ auf praktikable und am Brett vom Spieler situativ umsetzbare Anregungen für das Berechnen wirkungsvoller Schachzüge.

„Keine Pläne!“

Werner Kaufmanns Credo, das er bereits in seinem „Keine Pläne!“, dem Vorgänger-Band der „Zwingenden Züge“ proklamierte und nun anhand zahlloser konkreter Lehrpartien und -stellungen des für diesen Zweck optimalen Evans-Gambits dokumentiert, verkündet allen Lernenden:

„Im Schach geht es um drei Sachen:

  1. Drohung ansehen
  2. Alles angreifen
  3. Nichts einstellen“

Am besten zitieren wir Kaufmann ausführlicher:

Patzer glauben viel eher als Grossmeister zu wissen, was gerade zu tun ist, und ordnen ihre Züge irgendwelchen positionellen oder strategischen Zielen unter. Dem gegenüber prüft der GM, was gerade in der Stellung drin ist, versucht sich über seine Optionen Klarheit zu verschaffen und wählt eine dieser Optionen. Kurzum, der Patzer spielt abstrakt, der GM konkret. Ich bin überzeugt, dass ich im Schach nur Fortschritte machen kann, wenn ich mich daran gewöhne, mich von Zug zu Zug um Drohungen und Gegendrohungen zu kümmern, ohne irgendwelche strategischen Ziele zu verfolgen.
Der durchschnittliche Schachspieler hat ungefähr 1600 Elo, was bedeutet, dass die Hälfte aller Spieler weniger Elo hat. Über 1800 kommen 20%, über 2000 10% und über 2200 noch 3% der Spieler. Über 2400 sind es noch ein paar Promille, aber richtig gutes Schach wird erst ab 2600 gespielt. Überlassen wird doch das Planen denjenigen, die Varianten auch korrekt berechnen können…

Eine Kurz- bzw. Zusammenfassung der Kaufmann’schen „Gesetze“ bietet der Autor selber auf seiner Webseite.
Jedenfalls aber ist „Zwingende Züge“ des erfolgreichen Innerschweizer Nationalliga-Spielers und Fernschach- sowie Computerschach-Experten Werner Kaufmann sehr pointiert und auch witzig geschrieben, seine Zuganalysen sind mit modernster Software verifiziert (und korrigieren oftmals auch „fehlerhafte“ Programm-Vorschläge…), die Denkansätze sind äußerst unkonventionell, aber auch äußerst einleuchtend.
Für Turnierspieler, die sich für einmal abseits der üblichen „strategischen“ Verallgemeinerungen bewegen und sich konkret auf die schachlichen Notwendigkeiten einlassen wollen, ist dieses E-Book eine lehrreiche Hilfe im Dschungel des Varianten-Dickichts – und insgesamt eine originelle Ergänzung des Schach-Bücherschrankes. Empfehlung! ♦

Werner Kaufmann: Zwingende Züge – erläutert anhand von Captain William Evans‘ Gambit, e-book (Kindle Edition), 104 Seiten, Damenspringer Verlag

Lesen Sie im Glarean Magazin (quasi als Gegenentwurf) zum Thema „Schachpädagogik“ auch über Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel


Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy (CD)

Das Duo Imaginaire – das sind die Würzburger Konzert-Harfenistin Simone Seiler und der Edinburgher Solo-Klarinettist John Corbett. Gemeinsam realisierten die beiden Künstler ein ganz spezielles Musik-Projekt: „Japanes Echoes“ nennt sich ihre neue CD, die nicht weniger als sechs japanische Komponist(inn)en vorstellt, welche in ihren Werken „antworten“ auf je ein selbstgewähltes Prélude von Debussy. Diese japanische Hommage à Claude Debussy reflektiert vielfältig auch die große Faszination, die Japans und überhaupt die fernöstliche Musiktradition mit ihrer Klangsinnlichlichkeit auf den genialen Impressionisten ausübte.

Sechs unterschiedliche japanische Stil-Ausprägungen

Das halbe Dutzend Werke von Satoshi Minami (*1955), Yasuko Yamagucchi (*1969), Takashi Fujii (*1959), Kumiko Omura (*1970), Takayuki Rai (*1954) und Asako Miyaki (*1967) durchmisst eine weite Bandbreite an Kompositionstechniken und Klangstilen. Jedes der Debussy-Préludes als die vorangestellten Ausgangspunkte der Komponisten aus Japan wurde von dem Duo transkribiert aus dem Klavier-Original in das Klarinette-Harfe-Duett, und über die Legitimation solcher Übertragung eines doch sehr Klavier-fokussierten Impressionismus und dessen klanglich-pianistischen Spezifikationen ließe sich streiten. Doch als Experiment auch im Sinne von „West meets East“ und als Gegenüberstellung sehr unterschiedlicher melodischer und harmonischer Konzepte bei „seelenverwandschaftlichem“ Ansatz hat dies Projekt des Duo Imaginaire seine Berechtigung.

„Eine Art musikalische Haiku“

In seinem Booklet umreißt das Duo die Intention seiner „Japanese Echoes“ folgendermaßen:

Wie wichtig die Tonfarbe für Debussy ist, zeigt sich in der Verwendung seiner expansiven Klangfarbenpalette, die sich auf den Raum oder Umfeld bezieht, nicht jedoch auf die Struktur. Dies geschieht analog zur Shakuhachi-Honkyoku-Tradition, bei der sich der Schwerpunkt auf die Ästhetik eines einzigen Tons konzentriert. Der Klang ist dabei wichtiger als die Struktur. […] Die musikalische Antwort der japanischen Komponist(inn)en ist eine Art musikalische Haiku oder besser Waka (Antwortgedicht). Es lässt das ausgewählte Prélude in einer neuen Perspektive erscheinen und macht dem Hörer den Bezug Debussys zur japanischen Kultur deutlich.

Dass Debussys Klangsinnlichkeit, seine lebenslange Affinität zur fernöstlichen Kultur, seine Sensibilität für Raum und Stille kein westlicher Kontrapunkt, sondern ein imaginatives Pendent zu japanischen Klangtraditionen darstellt, dokumentiert das Duo Imaginaire sehr eindringlich. Hoher Verschmelzungsgrad des Saiten- mit dem Holzblas-Instrument und buchstäblich zauberhafte Klanglichkeit zeichnen diese Ersteinspielungen aus. Dabei durchmessen sie eine vom Pentatonischem bis zum Quasi-Improvisatorischen reichende, teils meditative, teils gestenreiche, rhythmisch oft kaum nachvollziehbar strukturierte, dynamisch aber feinst abgestufte Musik-Palette, deren Kolorit bei aller impressionistischen Orientiertheit die japanische Herkunft nie verleugnet. Das Duo musiziert eindringlich, verfügt über die nötigen Techniken souverän, insbesondere der Klarinettist interpretiert virtuos. Ein sehr anregende Produktion. ♦

Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy, John Corbett (Klarinette) und Simone Seiler (Harp), Spieldauer 57:28, TYX-Art Label

Lesen Sie im Glarean Magazin auch zum Thema „Harfe und Blasinstrument“ über K. Englichova (Harfe) und V. Veverka (Oboe): Impressions, Werke von Ravel, Debussy und Sluka

Englichova (Harp) & Veverka (Oboe): Impressions (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Solo – oder die Freiheit des Einzelnen

von Michael Magercord

Harfe und Oboe – zwei Instrumente, die im Orchester nur zum Einsatz kommen, wenn es darum geht, etwas Farbe in das Werk zu bringen: Die Harfe, wenn es lieblich werden soll, versüßt sie die Klänge, die süßer nie klingen, oder wenn ihr für einen Wechsel im Tempo über alle Saiten gestrichen wird, nur um dann wieder zu verstummen. Die Oboe wiederum kommt zum Einsatz, wenn einmal ein rauer Ton in das Klangwerk hinein quaken soll, der ehrlich und direkt sein soll – bei Peter und der Wolf, wo jedes Tier durch ein Instrument repräsentiert wird, steht die Oboe für die Ente. Keine unbedingten Alphatiere unter den Musikinstrumenten also – und wenn die dann solistisch auftreten? Und nun auch noch gemeinsam?

Oboe und Harfe lieblich und quäkend – oder umgekehrt

Katerina Englichova und Vilem Veverka: Impressions - Ravel Debussy Sluka (Works for Oboe and Harp)Zuerst spielte vor fünf Jahren Vilem Veverka, Oboist bei den Berliner Philharmonikern, ein Album mit Telemanns zwölf Phantasien und Brittens sechs Metamorphosen ein. Katerina Englichova folgte ihm dann 2015 mit ihrer CD für Harfenwerke. Die versierte Konzertharfistin setzte auf ein zeitgenössisches Repertoire.Und nun haben die beiden in diesem Jahr ein gemeinsames Album aufgenommen. Oboe und Harfe im Duo, lieblich und quäkend und auch mal umgekehrt. Und man könnte nun darüber schreiben, wie gekonnt es gespielt ist und wie hübsch sich das anhört, und dafür auch die instrumentengerechte Auswahl der allbekannten Stücke der französischen Impressionisten Ravel und Debussy ins Feld führen. Man könnte nun bemängeln, dass ein wenig mehr Mut beim Programm der CD höhere Relevanz verliehen hätte. Immerhin, zwei Erstaufnahmen von kürzeren Werken von Lubos Sluka zeigen, dass angenehme Hörbarkeit auch zeitgenössischen Komponisten gelingen kann. Und man könnte schließlich sagen, dass diese CD vielleicht anders als die jeweiligen Soloeinspielungen auch denen einen Hörgenuss bietet, die den beiden Instrumenten sonst nicht soviel abgewinnen können.

CD-Cover als Verpackungsschwindel

Aber nein, an welchen Misstönen stört man sich stattdessen – und das sogar noch, bevor man überhaupt einen Ton gehört hat? An der Covergestaltung dieser CD, und den beiden anderen auch noch gleich nachträglich. Eigentlich sollte es dem Hörer von Musik doch egal sein, wenn sich ein Fotograf mit besonders albernen Inszenierungen hervortut und eine ansonsten doch seriöse Plattenfirma versucht, ihre Vertragskünstler als Superstars zu vermarkten. Aber kann man denn Superstar werden, wenn man die Harfe streicht oder in die Oboe prustet? Oder dadurch, dass man die Oboe schultert, sich in Gummibändern verheddert oder sich um einen auf den ersten Blick quallenhaften Gegenstand herum umgreifend vergreift? Das alles hat so gar nichts mit der Musik zu tun, die damit verkauft wird. Also ein klarer Fall von plumpem Verpackungsschwindel und kruder Selbstdarstellung obendrein: Willkommen im Facebook-Zeitalter.

Musikalische Vision durch das Visuelle gestört

Warum aber sollte das den Hörer stören? Der hört doch nur. Richtig, aber hören ist immer auch sehen. Vor dem geistigen Auge entsteht eine Vision, und die wird vom CD-Cover zumindest beeinflusst. Diese Art von Foto- und Designkunst teilt vor allem eines mit: die Protagonisten nehmen nicht so richtig ernst, was sie tun. Und da sie nun einmal in erster Linie Musiker sind, ist es die Musik, die sie nicht ernst nehmen. Aber vielleicht wollten sie auch einfach sagen: Wir nehmen uns selbst nicht so ernst, sondern nur die Musik.

Wenn man das alberne CD-Cover von "Impressions" beim Hören möglichst weit weg legt, so dass man es nicht im Blick hat, formen sich Harfe und Oboe trotz ihrer unterschiedlichen Klänge zu einem spannungsreichen Ganzen, worin sich die altbekannten Stücke von Ravel und Debussy neu entdecken lassen.
Wenn man das alberne CD-Cover von „Impressions“ beim Hören möglichst weit weg legt, so dass man es nicht im Blick hat, formen sich Harfe und Oboe trotz ihrer unterschiedlichen Klänge zu einem spannungsreichen Ganzen, worin sich die altbekannten Stücke von Ravel und Debussy neu entdecken lassen.

Na, wenn das so ist! Was also tun in Zeiten wie diesen, wo selbst die selbstironische Distanz mit größter Aufdringlichkeit zelebriert wird? CD aus der Hülle nehmen, auflegen und dann Augen zu und durch: hören und sich selbst ein Bild machen beziehungsweise von der Musik machen lassen. Immerhin, diese klitzekleine Freiheit der inneren Selbstverwirklichung wird uns in der Konfrontation mit den permanenten Selbstdarstellungen noch gelassen.
Kurzum: Wenn man das alberne CD-Cover von „Impressions“ beim Hören möglichst weit weg legt, so dass man es nicht im Blick hat, formen sich Harfe und Oboe trotz ihrer unterschiedlichen Klänge zu einem spannungsreichen Ganzen, worin sich die altbekannten Stücke von Ravel und Debussy neu entdecken lassen – wenn auch die etwas älteren Soloalben der beiden Musiker über die höhere künstlerische Relevanz verfügen. ■

Katerina Englichova (Harfe) und Vilem Veverka (Oboe): Impressions, Werke von Ravel, Debussy und Sluka, Audio-CD, Supraphon

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Musik für Harfe“ auch über
Heinrich Laufenberg: Kingdom of Heaven (Ensemble Dragma)

Ausserdem im GLAREAN zum Thema Debussy:
„Heute vor … Jahren“: Prélude a l’après-midi d’un faune

Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Ein Plädoyer für die Romantik

von Christian Busch

Wenn es dunkelt, die Sonne im Waldesschatten versinkt und der Himmel in sternklarer Nacht im Blütenstaub still die Erde küsst, spannt in dämmrigen Felsenklüften die Seele weit ihre Flügel, als flöge sie nach Haus, und lüftet ihr innerstes Geheimnis: die Liebe. „Durch alle Töne tönet / im bunten Erdentraum / Ein leiser Ton / Für den der heimlich lauscht“ (Friedrich Schlegel)

Severin von Eckardstein plays Robert SchumannWie in Joseph von Eichendorffs Landschaften formte die Romantik wie keine andere Epoche die Sprache und Welt der Seele, welche sich in Abgeschiedenheit und privater Intimität ungeachtet gesellschaftlicher Wirklichkeit und politischer Zensur zu Wort bzw. zum Tone meldet. Schon der große Idealist Beethoven hatte sich in seinem 1816 komponierten Liedzyklus „An die ferne Geliebte“ zur romantischen Tonsprache der Innerlichkeit bekannt, welche seinen romantischen Nachfolgern den Weg ebnete. Robert Schumann, der als schweigsam, introvertiert, hochgebildet und als Inbegriff der deutschen Hochromantik gilt, fand sein Element zwischen mildem Eusebius und wildem Florestan im Phantastischen, in der musikalischen „Fantasie“ des Klaviers, dem Instrument der Seele.

Balance zwischen Florestan und Eusebius

Severin von Eckardstein - Konzertpianist - Glarean Magazin
Severin von Eckardstein

Der 1978 in Düsseldorf geborene Pianist Severin von Eckardstein hat sich nun in seiner neuen CD neben den drei Fantasiestücken op. 111 und den Fantasiestücken op. 12 auch Robert Schumanns einzigartiger Fantasie in C-Dur op. 17 angenommen. Bei der 1838 vollendeten Fantasie, die zugleich Ausdruck von Schumanns leidenschaftlicher, aber problematischer Beziehung zu Clara Wieck  („das Passionierteste, was ich je geschrieben habe“) als auch eine Hommage an Beethoven (man höre nur die Triolen aus der Mondscheinsonate im dritten Satz) war, kommt es zweifellos immer wieder neu darauf an, die Balance zwischen sanguinischem Florestan und dem jede extrovertierte Effekthascherei fremd anmutenden Eusebius in Schumanns Temperament zu finden. Jegliches Zuviel an jugendlicher Überschwänglichkeit oder distanziert abgeklärtem, vermeintlich reifen Musizieren sind hier eher abträglich.

Brodelndes Temperament neben harmonischer Liebes-Sehnsucht

Umso verblüffender das Ergebnis, das Schumanns „Ach, zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“ mit großer Natürlichkeit und Klarheit vereint. Die großen Sprünge und Gegensätze in der Komposition, hier brodelndes Temperament, ausbrechender Stolz und rauschhafte Getriebenheit einerseits, träumerischer Schwebezustand, friedvoll-harmonische Sehnsucht nach Liebe andererseits sind auf wundersame und doch scheinbar selbstverständliche Weise – und doch ohne Glättungen – verbunden; phantastisch!  Und wenn man die CD in seine Sammlung einreiht, hat man das Gefühl, dass auf den älteren, durchaus leidenschaftlicheren Aufnahmen (Arrau, Kissin, Le Sage) ein wenig Staub liegt.
Die ebenfalls äußerst gelungenen Darbietung der Fantasiestücke op. 111 und op. 12, welche in ihrer zwar virtuosen, aber immer romantisches Ethos verkörpernden Episoden faszinieren, runden die CD, die außerdem mit einem fachkundig-emphatischen Kommentar des Künstlers im Booklet versehen ist, ab.
Ein Plädoyer unserer Zeit für die Romantik. ■

Severin von Eckardstein (Klavier): Severin von Eckardstein plays Robert Schumann, Cavi-Music (Harmonia Mundi)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klavier-Romantik auch über
Egon Wellesz: Klavierkonzert (CD)

Hanna Bachmann (Piano): Janacek, Beethoven (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 2 Minuten

Ein pianistisch-musikalisches Versprechen

von Walter Eigenmann

Hanna Bachmann: Sonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann, SchumannWenn eine erst 24-Jährige das Klavier so spielt wie Hanna Bachmann, so nennt man das fürwahr – auch in unseren Zeiten der Inflation von „Wunderkindern“ – eine Entdeckung. Die junge Österreicherin widmete sich während ihres Studiums vornehmlich Beethoven, mit dem sie am Bonner Beethovenfest 2015 debütierte – und nun präsentiert sie mit ihrer ersten CD-Einspielung Janaceks Sonate 1.X.1905, Schumanns zweite Sonate op. 22 und Beethovens „Adieux“-Sonate. In diesen „Klassiker“-Reigen stellt sie außerdem – eine Überraschung – die interessante siebte und letzte Sonate des 1898 geborenen und 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordeten österreichisch-ungarischen Komponisten und Pianisten Viktor Ullmann.

Von Beethoven über die Romantik
zur Schönberg-Schule

Beginn des Trio's aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann
Beginn des Trio’s aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann

Von Beethoven über die Romantik zum Schönberg-Schüler Ullmann also – ist dies das große Spannungsfeld der Pianistin Bachmann, die offensichtlich trotz (oder wegen?) ihrer Jugendlichkeit keine stilistischen Berührungsängste kennt? Und auch keine klaviertechnischen Hürden, sei angemerkt: insbesondere Bachmanns Schumann, auch ihr letzter Ullmann-Satz zeugen von bereits enormer Brillanz, die sich paart mit sensitivem Anschlag und zugleich Klangsinn. Wenn man dieses CD-Debüt von Hanna Bachmann als pianistisches Versprechen nehmen soll, dann wird von dieser jungen Künstlerin noch sehr viel zu hören und zu reden sein.

Förderung junger und vielversprechender Künstler

Die Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite.
Die junge, aber pianistisch wie musikalisch sehr gereifte österreichische Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite. Das deutsche Label TYXart führt Bachmann als feinfühlige Künstlerin mit Sonaten von Beethoven, Janacek, Schumann und Ullmann ein und weckt damit Hoffnungen auf weitere Novitäten dieser Pianistin.

Eine Anerkennung sei an dieser Stelle noch ausdrücklich vermerkt zu dem im regensburgischen Nittendorf domizilierten, erst seit fünf Jahren aktiven Label TYXart, in dessen neuer Serie „Rising Stars“ junge Musiker/innen wie eben Hanna Bachmann ein qualitätsvolles Haus für ihre Erstaufnahmen finden. Denn in dem Novitäten-gefluteten Klassik-, überhaupt dem CD-Markt immer neu auf vielversprechende Talente hinzuweisen, das birgt künstlerische und finanzielle Risiken. Diese unbeirrt und über Jahre hinweg auf editorisch hohem Niveau in Kauf zu nehmen verdient Respekt – und alle Neugier des Musikliebhabers! ■

Hanna Bachmann: Klaviersonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann und Schumann, TYXart 2016, 73 Min. / ASIN B01NAK28ZN

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Romantische Klaviermusik“ auch über
Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

Sojka-Streichquartett: Böhmische Kammermusik (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Ersteinspielungen böhmisch-mährischer Vorklassik-Quartette

von Walter Eigenmann

Dankenswerterweise überzeugen kleinere CD-Labels wie das vor vier Jahren gegründete deutsche TYXart immer wieder mit CD-Produktionen, die einerseits mit stilstischen Konzeptionen völlig abseits des kommerziellen Mainstreams agieren, aber gleichzeitig auf hohe künstlerische und aufnahmetechnische Qualität Wert legen. Ein gutes Beispiel dieses Anspruches von TYXart-Gründer und -Recording-Producer Andreas Ziegler stellt auch die jüngste TYXart-Kammermusik-Produktion dar, die böhmisch-mährische Komponisten des 18. Jahrhunderts mit ausgesuchten und kaum aufgeführten, kompositorisch aber exquisiten Streichquartetten vorstellt. Dabei präsentiert das Prager Sojka Quartet mit Martin Kos und Martin Kaplan (Violinen), Josef Fiala (Viola) und Hana Vitkova (Violoncello) als Ersteinspielungen drei Quartette von Antonin Kammel, Florian L. Gassmann und Anton Zimmermann sowie die C-Dur-Sonate von Franz Koczwara für 2 Violen und Cello.

Technisch filigran und fein durchgehört

String Chamber Music - Sojka Quartet - Kammel u.a. - TYXart - CoverDas durchwegs technisch filigran und fein durchgehört musizierende Sojka stellt gerade mit den beiden Quartetten des Haydn-Wegbereiters Kammel (op. 7/2) sowie des kompositorisch sehr weitgefächerten Spätbarocken und Martini-Schülers Gassmann (Nr.2/1804) zwei besonders exemplarische Werke des böhmisch-mährischen Musik-Erbes vor, welches die Mannheimer Schule um Stamitz bis hinein zur Wiener Frühklassik teils initiierte, teils vervollständigte. Auch mit Zimmermanns F-Dur-Quartett (op.3/3) präsentieren die vier Sojka-Streicher ein die Originalität böhmischer Kammer-Komponisten eindrücklich dokumentierende Ersteinspielung, deren ungewöhnliche, variative Satzfolge und die spieltechnisch virtuose Anforderungen stellende Architektonik hervorragend herausgearbeitet werden.

Rhythmisch agil und doch klanglich satt

Weitgefächerter böhmischer Spät-Barocker und Wiener-Vorklassik-Wegbereiter: Florian Leopold Gassmann (1729-1794)
Weitgefächerter böhmischer Spät-Barocker und Wiener-Vorklassik-Wegbereiter: Florian Leopold Gassmann (1729-1794)

Die Affinität des Sojka-Quartetts zu diesem böhmischen Erbe des frühen 18. Jahrhunderts überrascht umso mehr, als die vier Musiker bis anhin eher mit Wiener Klassik, vor allem aber mit moderner tschechischer Kammermusik (Samiec, Cervinka, Pexidr u.a.) sowie mit Interpretationen der Zweiten Wiener Schule (Schönberg, Webern u.a.) in Erscheinung getreten sind, und sie unterstreicht damit eindrücklich die künstlerische Flexibilität und stilistische Spannweite dieser Streicher-Formation. Das Quartett interpretiert grundsätzlich mit rhythmischer Agilität und trotzdem betont sattem Quartett-Klang, der wohl nicht nur der Aufnahmetechnik, sondern auch dem leicht halligen Aufnahmeort (Oberpfälzischer Bezirk-Festsaal) geschuldet ist.

Das Prager Sojka-Streichquartett stellt in dem kleinen, aber feinen Klassik-Label TYXart seltene, jedoch exqusite Kammermusiken von bedeutsamen böhmisch-mährischen Komponisten der Frühklassik vor: Kammel, Gassmann, Koczwara und Zimmermann. Die interessante CD-Produktion enthält ausschließlich Ersteinspielungen, das Quartett musiziert dabei filigran und mit doch betont füllig-sattem Streicherklang. Eine empfehlenswerte Novität.
Das Prager Sojka-Streichquartett stellt in dem kleinen, aber feinen Klassik-Label TYXart seltene, jedoch exqusite Kammermusiken von bedeutsamen böhmisch-mährischen Komponisten der Frühklassik vor: Kammel, Gassmann, Koczwara und Zimmermann. Die interessante CD-Produktion enthält ausschließlich Ersteinspielungen, das Quartett musiziert dabei filigran und mit doch betont füllig-sattem Streicherklang. Eine empfehlenswerte Novität.

Das Sojka verbindet dabei geglückt das melodisch Leicht-Unbeschwerte des böhmischen Kolorits mit dem dynamisch kraftvoll nachgezeichneten Zugriff in den Kopfsätzen, und es findet dann wieder schön mitschwingendes Melos in den ruhigen Teilen. In einzelnen Passagen mag der Glanz der Geigenhöhen etwas zu kurz kommen zugunsten der füllig-dunklen Tiefen, aber das dürfte auf klanggeschmacklicher Präferenz des Sojka-Quartetts basieren.

Abgerundet wird die ebenso interessante wie überraschende CD-Publikation durch ein informatives, mehrsprachiges, das musikhistorische Umfeld der Quartette und ihrer Komponisten kurz beleuchtendes Booklet. Kaufempfehlung! ■

Sojka Quartet: String Chamber Music by 18th Century Bohemian Composers – Kammel, Gassmann, Koczwara, Zimmermann – TYXart 2016

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Streichquartett auch über das
Pavel-Haas-Quartet: Prokofiew – Streichquartette 1 & 2

und zum Thema (Früh-)Klassik auch über
„Die Schöpfung“ von Joseph Haydn

Liska & Honzak: Bercheros & Uncertainty (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Auf Linie gebracht: Bassisten als Bandleader

von Michael Magercord

Ein Komponist für Filmmusik, der seine Wurzeln im Jazz verortet, gestand mir einmal, dass er, wenn er partout keinen Einfall für eine Melodie-Linie bekomme, zunächst entsprechend der filmischen Vorgaben eine Bass-Linie einspielt, auf der sich dann alles weitere finden lässt.
Musik, die bewegten Bildern unterlegt wird, folgt einer zuvor festgelegten Dramaturgie. Und ein wenig wirken die beiden vorliegenden Alben, in denen die Bassisten jeweils den Ton angeben, auch wie Filmmusik. Obwohl es keine Platten mit Filmmusik sind, sondern eher das, was man einmal „Konzeptalben“ nannte: eine dreiviertel Stunde zusammenhängende Klanggebilde – das kann entweder großartig werden oder ganz besonders repetitiv enden.

Gratwanderungen für Jazz-Bassisten

Bercheros - Odyssey - Glarean MagazinMit Tomas Liska und Jaromir Honzak, haben sich zwei versierte Jazz-Bassisten und ihre jeweiligen Formationen in ihren neuen Einspielungen – beide bei Supraphon – auf genau diese Gratwanderung begeben. „Bercheros Odyssee“ nennt Tomas Liska, der jüngere von beiden, seine Komposition, die der Absolvent des Berliner Jazz-Instituts zusammen mit seinen Kommilitonen Fabiana Striffler (Geige), Simon Marek (Cello), Markus Ehrlich (Klarinette) und Natalie Hausmann (Tenorsaxophon) unter dem Bandnamen Pente eingespielt hat. Das Album folgt ganz und gar der Konzeptidee. Die sechs einzelnen Passagen heißen auch konsequenterweise „Parts“, die ein zusammenhängendes Ganzes bilden sollen.
Liska war zuvor eher in der Weltmusik und im Bluegrass unterwegs. Mit dem Studium begann wohl die Reise durch philosophische und ästhetische Tiefen seines Faches. Seine CD gewordene Odyssey mit einem Titel, der aus den Namen seines Studienortes und dem des Indianerstammes der Cherokee zusammengesetzt wurde, kommt zunächst etwas intellektuell und ernst daher, verliert sich ab und zu im Free Jazz, um dann doch immer wieder kürzere Aufenthalte an bekannten Orten einzulegen: wenn nämlich die Geige oder das Cello folkloristisch ertönen, die Klarinette einen Gospel andeutet oder uns das Saxophon auf dem Balkan Station machen lässt – und trotzdem findet es zu einer lyrischen, unprätentiösen Einheit.

Meditative Dichte ohne Instrumenten-Akrobatik

Honzak - Uncertainty - Glarean Magazin
Honzak: „Uncertainty“

Etwas traditioneller erscheint aufs erste Hören das Album des versierten Altjazzers Jaromir Honzak zu sein. Auch er hatte einst studiert, nur liegt das schon bald 30 Jahre zurück. Zehn Jahre zuvor hatte er seinen Militärdienst in einer Armeeband in Prag absolviert, und danach begann seine Laufbahn in der Jazzszene der Stadt. Sein Studienort war dann Boston. Nach dem USA-Aufenthalt begann seine internationale Karriere als Bassist, Bandleader – und Komponist.
„Uncertainty“ heißt die Zusammenstellung von acht eigenen Titeln, die er mit den wesentlich jüngeren E-Gitarristen David Doruzka, Pianisten Vit Kristan, dem französischen Saxophonisten Antonin-Tri Hoang und schwedischen Schlagzeuger Jon Fält eingespielt hat. Jedes Stück steht für sich, hat eine andere instrumentale Zusammensetzung. Und ist das erste Stück mit dem deklamatorischen Titel „Smell of change“ noch flotter E-Gitarren-Jazz, so ist im zweiten der Wandel da und im dritten schließlich vollzogen: hin zu einer meditativen und lyrischen Dichte, die sich weitgehend der Instrumenten-Akrobatik enthält, und die man durchaus als Ausflug in die „Ungewissheit“ erleben kann.

FAZIT: In ihren jüngsten Aufnahmen folgen Altjazzer Jaromir Honzak („Uncertainty“) und Neujazzer Tomas Liska („Bercheros Odyssey“) weiterhin den Vorgaben der Bass-Linien. Dass diese Wahrung einer guten Musik-Tradition dem Treiben der doch so freiheitsliebenden Improvisations-Musiker erst die Form gibt, in der sich dann ihre sprühenden Ideen oder – im Gegenteil – ihre Hingabe in tiefe Gefühlswelten ergießen können, beweisen einmal mehr diese beiden lyrischen, ja meditativen Alben.

Beide Alben haben – bei allen Unterschieden – schließlich doch eines gemeinsam: Es sind ihre klaren bass-lines, die ihre musikalische Fantasien auf Linie halten. Sie erst machen aus der Gratwanderung zwischen Klängen und Atmosphären, aus den Stückchen und den Teilen ein zusammenhängendes Ganzes. Vielleicht ist dies ja auch das höchste an der hohen Kunst des Bass-Spiels. Und sollte den beiden Bassisten darum gegangen sein: mission accompli. ■

Tomas Liska & Pente: Bercheros-Odyssey, Audio-CD, Supraphon / Jaromir Honzak & Band: Uncertainty, Audio-CD, Supraphon

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die CD-Rezension von
Corazón-Quartett: Wasser, Licht & Zeit
… sowie zum Thema Jazz auch über
Electronic Chamber Music (CD & Vinyl)

Heinrich Laufenberg: Kingdom of Heaven (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

„Stand vf, stand vf, du sele min“

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Der große Mediävist Ferdinand Seibt hat zu Beginn seines bedeutenden Buches „Glanz und Elend des Mittelalters“ aus dem Jahre 1999 die denkwürdige Aussage getätigt, dass er nicht hätte im Mittelalter leben wollen, wüsste man doch heute sehr genau, dass Krankheiten, Seuchen, Armut, Krieg, religiöser Wahn, Unterdrückung und menschliches Leiden die großen Konstanten jenes Zeitraumes waren, den man heute – je nach Schule – zwischen dem 6. und dem 15. Jahrhundert nach Christus verortet.
Und doch ist die Romantisierung des Mittelalters, die einst im 19. Jahrhundert begann, auch heute noch in vollem Schwange. Die Bilder vom edlen Recken, der schönen Jungfrau, der trutzigen Feste, vom bunten Turnier, dem weltvergessenen Kloster, dem rauen und dennoch guten Leben sind tief ins kollektive Bewusstsein der Populärkultur eingebrannt und werden in Belletristik, Musik, Film und Parallelgesellschaften wie der „Society of Creative Anachronism“ immer wieder wohlfeil bedient.

Kein romantisierender Mittelalter-Kitsch

Kingdom of Heaven - Musik von Heinrich Laufenberg und seinen Zeitgenossen, Ensemble Dragma

Nicht, dass die vorliegende CD romantisierender Mittelalter-Kitsch wäre. Die Produktion – die sicher nur zufällig den Titel mit einer Kreuzfahrerschmonzette von Ridley Scott aus dem Jahre 2005 teilt – ist durch und durch hochklassig und akademisch im besten Sinne, besteht das Ensemble Dragma mit Agnieska Budzińska-Bennett (Gesang, Harfe, Drehleier), Jane Achtmann (Vielle, Glocken) und Marc Lewon (Gesang, Plektrumlaute, Vielle) doch aus drei arrivierten Spezialisten für mittelalterliche Musik. Sie konzentriert sich thematisch auf das Werk von Heinrich Laufenberg, jenes alemannischen Mönches, der wohl um das Jahr 1390 in Freiburg im Breisgau geboren wurde und am 31. März 1460 in Johanniterkloster zu Straßburg verstorben ist. Hinzu treten Werke zeitgenössischer Liederdichter.

Laufenberg-Lieder im Deutsch-Französischen Krieg 1870 zerstört

Heinrich von Laufenberg (aus der Handschrift des Buchs der Figuren, die 1870 in Straßburg verbrannt ist)
Heinrich von Laufenberg (aus der Handschrift des Buchs der Figuren, die 1870 in Straßburg verbrannt ist)

Dass wir heute überhaupt Lieder von Heinrich Laufenberg hören können, grenzt an ein Wunder, sind die mittelalterlichen Codices, die seine Lieder ursprünglich enthielten (es waren wohl um die 120 Stück), doch beim Angriff auf Straßburg im Deutsch-Französischen Krieg 1870 zerstört worden. Kurz vorher jedoch hatte der Kirchenliedforscher Philipp Wackernagel in einer umfangreichen Edition Laufenbergs Texte herausgegeben. Auch sind über viele unterschiedliche Wege Melodien zu 17 Texten auf uns gekommen, sodass es heute möglich ist, Laufenberg in Text und Musik zu erleben. Allerdings wissen wir – und darauf weist Marc Lewon in seinem höchst informativen Booklet-Text ganz deutlich hin – nicht, wie die Noten dem Text tatsächlich zuzuordnen sind, und zwar weil nur Noten ohne jegliche Strukturierung oder Textbezug überliefert worden sind. Zudem ist nicht klar, ob die Noten komplett überliefert wurden oder ob manch eine nicht von einem Forscher des 19. Jahrhunderts – eine damals durchweg gängige Praxis – „nachempfunden“ wurde. Die vorliegende nun Rekonstruktion kann sich durchweg hören lassen. So tönt Agnieska Budzińska-Bennett in den der Christusminne zugehörigen Liedern wie „Es taget minnencliche“ oder im berühmten „Benedicite“ des Mönchs von Salzburg förmlich wie vom Himmel her, so glatt, gleißend hell und dennoch mit einer gewissen Grundwärme timbriert klingt ihr Stimme. Ausgesprochen anregend und abwechslungsreich gestaltet auch Mark Lewon seine Lieder, beispielsweise „Ein lerer rúft vil lut „, einem Diskurs über das rechte Leben und den rechten Glauben.

Technisch und gestalterisch niveauvoll

Wolfenbütteler Lautentabulatur - Glarean Magazin
Ausschnitt der Wolfenbütteler Lautentabulatur

Aber auch die Instrumentalstücke, die sich auf dieser CD finden, werden von den drei Musikern des Ensemble Dragma (die in drei Tracks von Hanna Marti  und Elizabeth Ramsey unterstützt werden) auf technisch und gestalterisch höchstem Niveau musiziert. Auf ein besonderes Schmankerl, die diese CD dem Alte-Musik-Aficionado bietet, muss hier gesondert hingewiesen werden. Denn neben den Liedern und Instrumentalstücken Heinrich Laufenbergs und seiner Zeitgenossen bringt diese Produktion erstmals komplett jene Stücke, die der sogenannten „Wolfenbütteler Lautentabulatur“ entstammen, einer fragmentarischen Quelle aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die erst vor ein paar Jahren entdeckt wurde und die älteste bisher bekannte Lautentabulatur überhaupt darstellt. Marc Lewon präsentiert seine auf seiner intensiven Beschäftigung mit der Tabulatur basierende Rekonstruktion. Und auch dies ist ein echter Ohrenschmaus.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Das Ensemble Drama präsentiert mit seiner Produktion „Kingdom of Heaven“ Lieder Heinrich Laufenbergs und seiner Zeitgenossen sowie das komplette Material der Wolfenbütteler Lautentabulatur. Die atmosphärisch ausgesprochen dichte, hervorragend musizierte und philologisch exquisit gearbeitete Produktion kann rundum und ohne Abstriche empfohlen werden.

Und so ist das, was dem Hörer hier 78 Minuten lang entgegentönt, so derartig perfekt musiziert, dass man am Ende den Eindruck hat, hier eben doch idealen Klängen aus einem idealisierten Mittelalter zu lauschen. Ob die Stimmen und Instrumente eines Mönches im kalten und zugigen Kloster oder die des über schlammige und schlechte Wege von Weiler zu Weiler ziehenden Spielmannes so geschniegelt geklungen haben mögen? Der Realität näher mögen wohl René Clemencics Aufnahmen mittelalterlicher Musik sein, doch die vorliegende CD ermöglicht es dem Hörer, einen Blick ins „Kingdom of Heaven“ zu erhaschen.■

Kingdom of Heaven – Musik von Heinrich Laufenberg und seinen Zeitgenossen, Ensemble Dragma, Label Ramee (RAM 1402), Audio-CD

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Lautenmusik auch über
Frank Martin: Werke mit Gitarre

… sowie über die CD von
Lowell Liebermann: Little Heaven

Guillaume Connesson: Lucifer, Cellokonzert (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Infernalisches Klangspektakel

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Schlägt man das Booklet zu dieser Neuveröffentlichung aus dem Hause Deutsche Grammophon auf, so ist dort über den 1970 in einem Vorort von Paris geborenen Komponisten Guillaume Connesson folgendes zu lesen: „Der 1970 geborene Guillaume Connesson ist zu jung, um sich jenem ideologischen und ästhetischen Diktat beugen zu müssen, das die vorangegangene Generation von Komponisten eingeengt hat. Seine Musik, immer wohlklingend und oft spektakulär hat eine Vielzahl von Einflüssen in sich aufgesogen. Seine ganze persönliche Welt ist das ‚Work in Progress’, welches aus jener Mischung von Pragmatismus und Naivität erwächst, die das Markenzeichen aller großen Schöpfer von Musik ist.“

Sorglos aus dem Vollen geschöpft

Guillaume Connesson: Lucifer (Cellokonzert) - Jerome Pernoo (Deutsche Grammophon)Obwohl man Elogen wie diese von Bertrand Dermontcourt nicht sonderlich lieben muss, so ist an diesen Worten schon etwas dran. Connesson, der heute eine Professur für Orchestration am Conservatoire National de Région d’Aubervilliers bekleidet, schöpft definitiv und vollkommen sorglos aus dem Vollen. Da beste Beispiel ist da das hier eingespielte Ballet en deux actes sur un livret du compositeur „Lucifer“, das 2011 uraufgeführt wurde. Die enorm farbenreiche, geradezu glitzernde Partitur des „Lucifer“ deckt stilistisch so ziemlich alles zwischen dem Sacre, Sandalenfilmmusik aus dem Hause Metro Goldwyn Mayer und groovigem Jazz ab. Ein buntes, wildes, ziemlich ungehemmtes Treiben, das in seiner gewissen Prinzipienlosigkeit rundum höchst unterhaltsam und darum auch – im Gegensatz zu so vielen, vielen Kompositionen der Moderne und Postmoderne – in jedem Falle massenkompatibel ist. Massenkompatibel sind übrigens auch die Thematik der Ballettmusik und auch das von der Deutschen Grammophon gestaltete Cover, das einen düsteren Wasserspeier an der Kathedrale Notre Dame in Paris zeigt. Frakturähnliche rote Buchstaben präsentieren den Namen „Lucifer“. Es ist das Dunkle, Gothicmäßige, Gruselig-Abgründige, das hier mit Werk und Aufmachung bemüht, bedient und schlussendlich verkauft werden. Nicht umsonst wird das Konzert für Violoncello und Orchester, das ebenfalls auf der CD enthalten ist, verschwiegen. Die CD kommt also daher als böte sie eine Art Soundtrack für das Wave-Gothic-Festival Leipzig. Trifft die Phrase „Classic goes Pop“ irgendwo zu, dann sicher hier. Das dürfte auch im Sinne Connessons sein, der mit seiner Musik (nicht nur) in Frankreich bestens ankommt und eine Reihe unterschiedlichster Preise, beispielsweise den vom Institut de France vergebenen Cardin-Preis (1998), den Nadia und Lili Boulanger-Preis (1999) oder – im Jahre 2006 – den  Grand Prix Lycéen des Compositeurs erhalten hat. Guillaume Connesson hat von Beginn seiner Karriere an Elemente des Pop zu Themen seines Werkes gemacht hat, etwa in „Techno Parade“, „Disco-Toccata“ oder „Night Club“. Warum also nicht auch hier?

Packende Musik auch für Klassik-ferne Hörer

Komponist Guillaume Connesson (links) und Dirigent Jean-Christophe Spinosi während der Aufnahmearbeiten zu "Lucifer"
Komponist Guillaume Connesson (links) und Dirigent Jean-Christophe Spinosi während der Aufnahmearbeiten zu „Lucifer“

Tritt man nun einen Schritt vom Marketing zurück und hört der Musik aufmerksam zu, dann präsentiert sich „Lucifer“ als durchaus packende neue Musik, als eine neue Musik, die in der Lage ist, auch den der arrivierten „Klassik“ nicht ganz so nahe stehenden Hörer zu fesseln. Das Werk, im Prinzip zwar eine Ballettmusik, aber laut Connesson gleichzeitig eine „große Symphonie“, ist in sieben Abschnitte unterteilt, denen der Komponist einen Titel und jeweils einen kleinen Text voranstellt. Es wird – die Überraschung ist nicht groß – von „Le Couronnement du Porteur de Lumière“ bis zum „Épilogue“ der Fall Luzifers vom größten aller Engel zum verstoßenen König der Hölle „erzählt“, allerdings verquickt mit Elementen der Prometheus-Sage. Es ist die Liebe zu einer Menschenfrau, die seine Verurteilung und seinen Fall herbeiführt. Im Épilogue tritt schließlich der Mensch „an sich“ auf, der die Krone des Luzifer findet und sich – hier hat die Symbolik etwas unschön Gewolltes – von dieser dunklen Macht enorm fasziniert zeigt.

Wilde Skalen, orientalische Klänge

Zur Musik: Das Werk eröffnet mit der Krönungsszene Lucifers („Le Couronnement du Porteur de Lumière“). Musikalisch ist das zunächst schon ziemlich packend. Wilde Skalen in allen Instrumentengruppen, entfernt orientalische Klänge und starke Betonung des Rrhythmischen. Dann ein plötzlicher Stimmungswechsel. Streicherglissandi leiten einen nach Science Fiction klingen Abschnitt ein, eine liebliche Oboenmelodie schleicht sich ein, der Gesang wird von Celli ausgenommen. Das Orchester wird satter und baut einen Höhepunkt von düsterer Größe im üppigsten Cinemascope-Sound auf. Zu dieser Musik hätte Cecil B. DeMilles Moses problemlos das Rote Meer teilen können. Dann Rückkehr zum Bacchanal. Der zweite Satz „Le voyage de Lucifer“ ist als Scherzo angelegt. Streicher, Holzbläser und der üppig bestückte Percussionsapparat rasen in wilder Jagd jazzig dahin. „La Recontre“, die Begegnung Lucifers mit der Menschenfrau, sieht Connesson als das „Herz“ des Werkes. Tatsächlich ist auch dies ein höchst hörenswertes Stück Musik. Geheimnisvoll tastend der Beginn, langsam etabliert sich – um Verdi zu zitieren – eine „melodie lunghe, lunghe, lunghe“ in den Violinen. Der Satz gewinnt zusehends an Fülle, an Körper und entwickelt sich zu einer rauschhaft-orgiastischen Liebesmusik, die sich erneut auf eine wuchtige Metro-Goldwyn-Mayer Klimax hinwälzt, die nicht nur von fern an den frühen Mahler erinnert.

Guillaume Connesson

Nach „La Recontre“ ist es dann aber mit dem Einfallsreichtum vorbei. Sicher, auch die sich anschließenden Sätze „Le Procès“, „La Chute“, „L’Ailleurs“ und „Épilogue“ klingen gut, aber sie bringen nichts Neues. Immer und immer wieder rasende Skalen, Jazzrhythmen, Breitwandklänge. Hinzu kommt, dass der Eklektizismus überhand nimmt. Immer wieder fühlt man sich erinnert. Mal klingt Connesson nach Howard Shore (Le Procès) und mal nach Vaughan Williams’ „Sinfonia antartica“ und dem „Sacre“ (L’Ailleurs). Schließlich scheint der Épilogue des „Lucifer“ klanglich und atmosphärisch fast den „Epilogue“ der „London Symphony“ (ebenfalls Vaughan Williams) imitieren zu wollen. Nach knapp 40 Minuten, die den Hörer angesichts des durchaus ansprechenden Klangspektakels wohl bei Laune halten,  stellt man sich dennoch unweigerlich die Frage, ob das nun Musik ist, die über ihren knallbunten Eventcharakter hinaus etwas aussagt, etwas trägt oder ob sie das überhaupt will. Das etwas aufgepfropft wirkende „Programm“ legt es zwar nahe, zurück bleibt aber der schale Geschmack einer eigentümlichen Leere.

Atemberaubendes Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo

Uneingeschränkt zu loben ist das atemberaubende Spiel des Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi, das sich mit Elan auf diese musikalische Spielwiese wirft und sich mit rechtem Gusto austobt, sodass die Funken nur so fliegen. Wenn Connessons „Lucifer“ lediglich den Anspruch hätte, ein Werk sein zu wollen, das zeigen möchte, was an Klang und Virtuosität aus einem großen Orchester herausgekitzelt werden kann, dann wäre dieses als Plädoyer für die Möglichkeiten des Orchester bestens gelungen.

Fazit-Banner Glarean Magazin
Das Cellokonzert und die Balletmusik „Lucifer“ von Guillaume Connesson sind packende, glitzernde, virtuose Musikstücke, deren spektakulärer Charakter jedoch nicht unbedingt einen lang anhaltenden Eindruck hinterlässt. Die Ausführung durch den Cellisten Jérôme Pernoo und dem unter Jean-Christophe Spinosi spielenden Orchestre Philharmonique de Monte ist tadellos.

Viel Klangzauber bietet auch das 2008 entstandene Cellokonzert in fünf Sätzen, die – so Connesson wiederum auf „zwei Akte“ aufzuteilen sind. Auch hier finden sich im Beiheft allerlei Erklärungen dazu, wie das Werk zu verstehen sei und das, obwohl das Stück durchaus ohne Verstehenshinweise auskommt. Auch das Cellokonzert ist im Wesentlichen ein virtuoses Stück, das nicht nur den Cellisten, sondern auch das Orchester vor recht heikle Aufgaben stellt, und zwar nicht nur die nackte Spieltechnik betreffend, sondern ganz besonders, was die Vielfältigkeit und rasante Wechselhaftigkeit im Audruck angeht. Kaum sind die blockhaft-vehementen ersten Minuten des ersten Satzes „Gratinique“ (hier sollen kalbende Eisberge inspirierend Pate gestanden haben) vorbei, schon gilt es eine zauberhaft klagende Atmosphäre im Mittelteil zu erschaffen. Das sich direkt anschließende „Vif“ bringt Atemlosigkeit und unglaubliche Rasanz. Dann eine große „naturmagische“ Musik im „Paradisiaque“, in der das Cello zu einem großen Gesang anhebt, der nostalgischer, sentimentaler und bittersüßer kaum daher kommen könnte. Die „Cadence“ fordert dem Solocellisten alles ab, was menschenmöglich ist, rausgeschmissen wird im letzten Satz „Orgiaque“ mit Bacchanal-Stimmung, Jazz und Dixiland-Reminiszenzen.

„Irrsinnige Spielfreude“: Solo-Cellist Jérôme Pernoo

Cellist Jérôme Pernoo leistet hier spielerische und gestalterische Schwerstarbeit und wird dieser ausufernden, mäandernden, ja schon bald überladenen Cellopartie mit einer schon fast irrsinnigen Spielfreude gerecht. Das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi stehen dem in nichts nach.
Und doch stellt sich im Anschluss die Frage: Was bleibt? ■

Guillaume Connesson: Lucifer & Cellokonzert, Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, Jean-Christophe Spinosi, Jérôme Pernoo, Deutsche Grammophon 481 1166. 1, Audio-CD

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Cello-Musik auch über
Rostropowitsch: Cello-Suiten von J. S. Bach

… sowie zum Thema Orchestermusik über
Franz Schreker: Das Weib des Intaphernes

W. A. Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (CD)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Mozart im Zwiegespräch

von Christian Busch

Das vierhändige Klavierspiel, die vielleicht intimste Form der Kammermusik, gehört zu den technisch heikelsten und interpretatorisch anspruchvollsten Herausforderungen, welche die Musik an die Ausführenden stellt. Zwei vermeintlich gleichberechtigte Partner treten auf engstem Raum – eine vollkommene Synthese suchend – in einen wirklichen Dialog. Ein Terrain für Geschwister, Paare und freundschaftlich verbundene Seelen – weniger für titanische Tastenlöwen mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung.

Mozart als Wegbereiter der Gattung

Schon von seinem geltungssüchtigen Vater Leopold etwas plakativ als „Erfinder der vierhändigen Klaviersonate“ präsentiert, zählt Mozart unbestritten zu den Wegbereitern dieser Gattung der hohen Kunst mit überschaubarem Repertoire.
Was für den kleinen Wolferl auf dem Schoße eines Johann Christian Bach beginnt und sich in frühen Kompositionen für das geschwisterliche, durchaus auch publikumswirksame Zusammenspiel fortsetzt, findet in der F-Dur-Sonate KV 497 seine Krönung und Vollendung. Gerne als „Krone der Gattung“ (Einstein) und „gewaltige Seelenlandschaft“ bezeichnet, steht sie zeitlich und thematisch der „Prager“ Symphonie (KV 504), aber auch dem „Don Giovanni“ nahe. Als Mozart sie im August 1786 schreibt, verleiht er der subtilen Bespiegelung in Dur und Moll daher auch symphonische Dimensionen.

Einer Professoren-Tochter gewidmet

Aline Zylberajch und Martin Gester
Aline Zylberajch und Martin Gester

Die Franziska von Jacquin, Tochter des befreundeten Wiener Botanikprofessors, gewidmete C-Dur-Sonate KV 521 übersendet er Ende Mai 1787 – am Todestag seines Vaters – an Gottfried von Jacquin mit den mahnenden Worten: „Die Sonate haben Sie die Güte ihrer frl: Schwester nebst meiner Empfehlung zu geben; – sie möchte sich aber gleich darüber machen, denn sie seye etwas schwer.“ Das virtuose Werk, das den späten Wiener Klavierkonzerten verwandt ist, trumpft gleichfalls mit orchestralem Klang auf, ohne den dank der Solopassagen aller vier Hände – kammermusikalischen Rahmen zu verlassen. Ob er es mit ihr, einer seiner besten Schülerinnen, auf Schloss Waldenburg gespielt hat? Mit Sicherheit.

Präzise Abstimmung und orchestrale Pracht

Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmaßes bis zur privaten Intimität mühelos spannt.
Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmaßes bis zur privaten Intimität mühelos spannt.

Das Straßburger Musikerehepaar Aline Zylberajch & Martin Gester (Bild) hat sich nun in ihrer zweiten auf CD veröffentlichen Gemeinschaftsproduktion dieser beiden viel zu selten zu hörenden Sonaten Mozarts angenommen – zusammen mit dem Rondo in a-moll KV 511 (Martin Gester) und dem Andante und Variationen in G-Dur KV 501 (Label K 617).
Ihr Spiel lässt dabei keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmaßes bis zur privaten Intimität mühelos spannt. Das kraftvoll drängende Allegro, die galant singende Melodie, der leise, klagend-resignative Ton, all das spiegelt sich stimmig im blendend hellen Mozart-Sound. Da mag einer sagen, dies komme ihm bekannt vor, jedoch nicht in der Form des auf Salon-Frivolitäten verzichtenden, vertrauten Zwiegesprächs – im ständig wiederkehrenden Suchen und Finden – zweier ebenbürtiger Partner. Damit bietet die CD mit Werken aus der großen Schaffensperiode (zwischen „Figaro“ und „Don Giovanni“) einen weiteren Höhepunkt Mozart’schen Schaffens – für so manchen sicher eine Entdeckung. ■

Wolfgang Amadeus Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (KV 497 & KV 501), Martin Gester and Aline Zylberajch, CD-Label K617 (Harmonia Mundi)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klassische Klaviermusik auch über
Leopold Koželuch: Klavier-Sonaten
(Band 1)
… sowie zum Thema Kammermusik die Ausschreibungen zu den Kompositionswettbewerben des
Alvarez Chamber Orchestra und der Musik-Abteilung der Universität Illinois