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Michael Daugherty: This Land Sings

Auf den Spuren von Woody Guthrie

von Horst-Dieter Radke

Woo­dy Gut­hrie (1912 – 1967) ist der ame­ri­ka­ni­sche Lie­der­ma­cher schlecht­hin. Aber auch bei uns ist er kein Un­be­kann­ter. Sein „This Land is Your Land“ war seit den sieb­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts fast so häu­fig in ge­sel­li­ger Run­de bei La­ger­feu­er und Gi­tar­ren­be­glei­tung zu hö­ren, wie „Heu­te hier, mor­gen dort“ von Han­nes Wa­der. Eine CD von Mi­cha­el Daug­her­ty mit dem Ti­tel „This Land Sings“ und dem Un­ter­ti­tel „In­spi­red by the Life and Times of Woo­dy Gut­hrie“ weckt des­halb Er­war­tun­gen, die, das sei gleich vor­weg ge­sagt, so­wohl ent­täuscht als auch über­trof­fen werden.

Anlehnungen mit Eigenständigkeit

Michael Daugherty - This Land Sings - Woody Guthrie - Cover CD - Naxos Musik Label - Glarean Magazin

Die Ent­täu­schung liegt dar­in, dass Mu­sik von Woo­dy Gut­hrie fast nicht zu hö­ren ist, es sei denn als Zi­tat. Das liegt aber auch dar­an, dass Mu­sik von Woo­dy Gut­hrie nicht im­mer von ihm selbst war, son­dern „aus­ge­lie­hen“ von an­de­ren. Die Ou­ver­tü­re, mit der die CD be­ginnt, zi­tiert un­über­hör­bar „This Land is Your Land“. Doch der Kom­po­nist Mi­cha­el Daug­her­ty stellt im Book­let klar, dass es eine alte Volks­me­lo­die ist, die sich nicht nur Woo­dy Gut­hrie für sein Lied, son­dern zu­vor auch schon die Car­ter-Fa­mi­ly aus­ge­lie­hen hat­ten. Die­se Pra­xis übt dann der Kom­po­nist bei vie­len Bei­trä­gen selbst, ohne da­bei an Ei­gen­stän­dig­keit im Er­geb­nis zu verlieren.

Auf Amerikas staubigen Strassen

Komponist Michael Daugherty auf den Spuren von Woody Guthrie
Kom­po­nist Mi­cha­el Daug­her­ty auf den Spu­ren von Woo­dy Guthrie

Mi­cha­el Daug­her­ty (geb. 1954) ist ei­ner der meist­ge­spiel­ten US-Kom­po­nis­ten. Für „This Land Sings“ hat er sich, so schreibt er im Book­let, auf die Spu­ren von Woo­dy Gut­hrie ge­macht, ist über­all dort ent­lang ge­zo­gen, wo ehe­mals auch der ame­ri­ka­ni­sche Lie­der­ma­cher auf stau­bi­gen Stras­sen un­ter­wegs war.
Zu­rück­ge­kehrt von die­ser Rei­se schrieb er sei­ne ei­ge­nen „ori­gi­nel­len“ Lie­der, wie er im ty­pi­schen ame­ri­ka­ni­schen Selbst­be­wusst­sein zur Kennt­nis gibt. Das Gan­ze war eine Auf­trags­ar­beit, für die er sich um viel Au­then­ti­zi­tät be­müht. Der Wech­sel von in­stru­men­ta­len und vo­ka­len Stü­cken habe er der Pra­xis der da­mals üb­li­chen Ra­dio­sen­dun­gen ab­ge­schaut. Das in­stru­men­ta­le En­sem­ble mi­ni­mier­te er, um ei­nen Hin­weis auf die da­ma­li­ge Wirt­schafts­kri­se zu ge­ben. Le­dig­lich Vio­li­ne, Klarinette/Bassklarinette, Fa­gott, Trompete/Flügelhorn, Po­sau­ne, Kon­tra­bass und Schlag­zeug gibt er den bei­den Sän­gern zur Sei­te und er­wei­tert ge­le­gent­lich selbst mit der Mundharmonika.
Dass Woo­dy Gut­hries In­stru­ment – die Gi­tar­re – fehlt, stört nicht eine Se­kun­de. An­ni­ka So­co­lof­sky (So­pran) und John Daug­her­ty (Ba­ri­ton; nicht mit dem Kom­po­nis­ten ver­wandt) sin­gen die Lie­der, und ins­be­son­de­re die So­pra­nis­tin gibt dem gan­zen oft eine Stim­mung, die an die Songs und die Zeit von Woo­dy Gut­hrie er­in­nert. Der Ba­ri­ton al­lei­ne – so gut er an sich ist – hät­te das nicht geschafft.

Michael Daugherty - This Land Sings - Woody Guthrie - Begin Overture - Full Score - Glarean Magazin
Be­ginn der „Ou­ver­tü­re“ zu „This Land Sings“ von Mi­cha­el Daugherty

Guthrie-ferne Zitate

Kom­po­nist Daug­her­ty greift auf Me­lo­dien der ame­ri­ka­ni­schen Volks­mu­sik zu­rück, schreckt aber auch nicht vor Woo­dy-Gut­hrie-fer­nen Zi­ta­ten zu­rück, etwa in „Mar­fa Lights“, wo er das be­rühm­te „Aran­juez-Kon­zert“ von Ro­dri­go zi­tat­mäs­sig ein­baut. Der Kom­po­nist stellt sich al­ler­dings ei­nen am Rio Gran­de ent­lang wan­dern­den Woo­dy Gut­hrie da­bei vor. Im Grun­de braucht man die Kom­men­ta­re des Kom­po­nis­ten nicht, um Ver­gnü­gen an die­ser mu­si­ka­li­schen Hom­mage zu be­kom­men und ihre In­ten­ti­on zu ver­ste­hen. Im Nach­hin­ein zu le­sen, was er sich da­bei ge­dacht hat und mit den ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen nach dem ers­ten Hö­ren ab­zu­glei­chen ist je­doch kei­ne schlech­te Sache.

Kleines Ensemble macht grosse Musik

Sopranistin Annika Socolofsky, Bariton John Daugherty und Alan Miller (Dirigent des Ensemble Dogs of Desire) performen im Wechsel von instrumentalen und vokalen Songs
So­pra­nis­tin An­ni­ka So­co­lof­sky, Ba­ri­ton John Daug­her­ty und Alan Mil­ler (Di­ri­gent des En­sem­ble Dogs of De­si­re) per­for­men im Wech­sel von in­stru­men­ta­len und vo­ka­len Songs

Das „klei­ne En­sem­ble“ klingt in man­chen Stü­cken so voll, dass man ein grös­se­res Or­ches­ter da­hin­ter wähnt. Be­son­ders reiz­vol­le fin­de ich aber die Songs, die tat­säch­lich mi­ni­ma­lis­tisch da­her­kom­men, etwa „Bread and Ro­ses“, das nur von So­pran und Fa­gott ge­tra­gen wird. Daug­her­ty wid­met es den Mil­lio­nen Frau­en, die für Gleich­be­rech­ti­gung kämpf­ten und schliess­lich 1920 das Wahl­recht durch­set­zen konn­ten. Ein Du­ett ist auch „This Trom­bo­ne Kills Fa­cists“, das die Po­sau­ne mit dem Schlag­zeug aus­führt und „“My He­art is Bur­ning“, das Mund­har­mo­ni­ka und Kon­tra­bass aus­tra­gen. Zahl­rei­che Stü­cke wer­den von dem En­sem­ble Dogs of De­si­re un­ter ih­rem Di­ri­gen­ten Alan Mil­ler en­ga­giert unterstützt.

Lebendig und spontan

Die­se CD ent­täuscht jene, die er­war­ten, dar­auf viel von Woo­dy Gut­hrie zu hö­ren; das ist nicht der Fall. Aber man kann, wenn man gut zu­hört, ei­ni­ges über ihn hö­ren. Und in die­ser Be­zie­hung über­trifft die CD zu­min­dest mei­ne Er­war­tung. Ins­be­son­de­re das Gan­ze im Zu­sam­men­hang er-hört ist eine über­durch­schnitt­lich ge­lun­ge­ne Hom­mage, die bei al­len Be­zü­gen und Zi­ta­ten viel Ei­gen­stän­dig­keit in Kom­po­si­ti­on und Ton­spra­che auf­weist. Ob­wohl ich Lieb­lings­lie­der dar­auf habe, wer­de ich die CD wohl künf­tig aus­schliess­lich kom­plett hö­ren, weil vor al­lem so das mu­si­ka­li­sche Bild vom Le­ben und der Zeit Woo­dy Gut­hries er­zeugt wird.

Die CD ist zu emp­feh­len. Die Kom­po­si­tio­nen sind ori­gi­nell, selbst dort, wo frem­des Ma­te­ri­al ver­wen­det wird. Die aus­füh­ren­den Mu­si­ker schaf­fen ein her­vor­ra­gen­des Klang­bild, das die bei­den Sän­ger kon­ge­ni­al er­gänzt. Es ist kei­ne spon­ta­ne Mu­sik, son­dern durch­kom­po­nier­te, doch es klingt nicht steif und aka­de­misch, son­dern sehr lebendig. ♦

Mi­cha­el Daug­her­ty: This Land Sings – In­spi­red by the Life and Times of Woo­dy Gut­hrie, Dogs of De­si­re (Alan Mil­ler), Au­dio-CD, Spiel­zeit 01:05:21, Na­xos CD-Label

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin zum The­ma Mu­sik zwi­schen Klas­sik und Pop auch über die CD von Ri­chard Har­vey: Even­song – New Cho­ral Music

… so­wie zum The­ma Folk über die CD In­som­nia des Har­riet Quartets

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