Gedicht des Tages: Gebet (Wolf Wondratschek)

Ge­bet

Nachts, jen­seits der Zeit schon und ferne,
hörst du das Sin­gen der Winde, und du siehst
Berge bren­nen, die wie ein Feu­er­werk fal­len­der
Sterne ver­glü­hen. Zu tief liegt da un­ten

die Erde, die­ses In­ferno der Gleich­gül­tig­keit,
das auch der La­chende nur ein­ge­schüch­tert über­steht,
und selbst der Glück­li­che ist an sein Glück ge­bun­den
wie der Er­hängte dort an sei­nem Strick;

un­gläu­big zö­gernd noch wie un­ter gro­ßen Mü­hen
spricht der Ein­same jetzt sein ers­tes Ge­bet,
die Au­gen weiß und leer, vom Sau­fen er­nüch­tert,

das Herz zu sehr ans Zer­sprin­gen ge­wöhnt.
Der Ab­schied dann, und dann die Stille,
die al­les Le­ben über­tönt.


Wolf Wond­rat­schek (*1943)

Wolf Wondratschek

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin auch aus der Ru­brik „Ge­dicht des Ta­ges: Charles Bu­kow­ski: Na­tur-Ge­dicht

Gedicht des Tages: Naturgedicht (Charles Bukowski)

Natur-Gedicht

Na­tur-Ge­dicht

du bist 50 000 Licht­jahre
die durch mein Ge­hirn lau­fen in
Ar­beits­an­zü­gen
du bist wie je­mand der in ei­ner Bar sitzt
mit ge­nü­gend Geld
mit ei­nem gu­ten Drink
und guckst durch das Fens­ter
auf den Schnee

du bist der tote über­na­tür­li­che Fisch
in Be­we­gung

du bist der Lie­bes­gott der Eis­creme-
Phan­ta­sie
du hast das Schreien der Kin­der ge­dämpft
wenn sie mein
Blut trin­ken
ich glaube du hast Haus­wirte um­ge­bracht
die Miete woll­ten
und auch ge­fähr­li­che
Ti­ger

da lehnt sich eine weiße Blume ge­gen
meine Ab­si­che­rung
wie eine Hure
wie eine Katze
wie eine weiße Blume

ich konnte nicht zur Ar­beit ge­hen
heute abend denn ich konnte nicht
auf­hö­ren zu schei­ßen
und jetzt bin ich im Bett
und be­trachte die weiße Blume.


Charles Bu­kow­ski (1920-1994)

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Gedicht des Tages: Der Blumengarten (Bertold Brecht)

.Der Blu­men­gar­ten

Am See tief zwi­schen Tann und Sil­ber­pap­pel
Be­schirmt von Mauer und Ge­sträuch ein Gar­ten
So weise an­ge­legt mit mo­nat­li­chen Blu­men
Daß er vom März bis zum Ok­to­ber blüht.

Hier in der Früh, nicht allzu häu­fig, sitz ich
Und wün­sche mir, auch ich mög al­le­zeit
In den ver­schied­nen Wet­tern, gu­ten, schlech­ten
Dies oder je­nes An­ge­nehme zei­gen.


Ber­told Brecht (1898-1956)

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