Christopher Wood: Requiem (CD)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

Das Unzulängliche als Ereignis

von Wolf­gang-Armin Rittmeier

Irgend­wie mutet es auf den ers­ten Blick schon wie ein schlech­ter Witz an, dass sich ein musi­ka­lisch dilet­tie­ren­der Krebs­spe­zia­list aus Gross­bri­tan­nien hat dazu hin­reis­sen las­sen, für seine ein­zige Kom­po­si­tion gerade das Sujet Toten­messe zu wäh­len. Doch im Falle von Chris­to­pher Woods „Requiem“ kann man mit Goe­the aus­ru­fen: „Hier wird’s Ereig­nis“. Tat­säch­lich sollte man dann der Rich­tig- und Treff­lich­keit hal­ber aber auch den die­sem vor­aus­ge­hen­den Vers aus dem „Cho­rus mys­ti­cus“ (Faust II) zitie­ren und kon­sta­tie­ren: „Das Unzulängliche“.

Gefühle in Requiem-Musik ausgedrückt

Christopher-Wood-Requiem-Orchid-ClassicsDenn Unzu­läng­lich­keit ist – es fällt schwer, posi­ti­ver zu urtei­len – die Quint­essenz die­ses Wer­kes, das – wenn man den Wor­ten des Kom­po­nis­ten trauen darf – als Reak­tion auf den Tod von Eliza­beth Bowes-Lyon, bes­ser bekannt als „The Queen Mother“ oder kurz „Queen Mum“, ent­stan­den ist. Der Kom­po­nist sel­ber über die Ent­ste­hung des Wer­kes (Zitat):

Als Queen Eliza­beth (The Queen Mother) im Jahre 2002 starb, erlebte man in Gross­bri­tan­nien ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Mass an Emo­tio­nen, ein ech­tes Gefühl natio­na­ler Trauer. Tau­sende Men­schen stan­den stun­den­lang an, um ihr am auf­ge­bahr­ten Sarg ihren Respekt zu zol­len, und das mit einer Mischung von Gefüh­len, die schwer zu beschrei­ben ist. Da gab es sicher­lich Trauer, doch war diese durch­wo­ben von ande­ren Regun­gen, viel­leicht sogar mit einem Gefühl von patrio­ti­schem Stolz. Da gab es Trau­rig­keit, aber auch Ehr­ge­fühl und Dank­bar­keit – und all das für eine Per­son, die die meis­ten Men­schen nie­mals per­sön­lich getrof­fen hatten.
Doch war die Köni­gin­mut­ter sehr lange ein Sym­bol der Nation gewe­sen und hatte dabei gehol­fen, den Cha­rak­ter Gross­bri­tan­ni­ens mit zu for­men. Ich fragte mich damals, was die Men­schen, die am Sarg vor­bei schrit­ten, wohl sin­gen wür­den, wenn sie ein Chor wären. Oder noch eher: Was für Musik hätte ich gesun­gen, um die Gefühle die­ses Momen­tes ein­zu­fan­gen? Also dachte ich, dass ich ver­su­chen sollte, diese Gefühle in Musik aus­zu­drü­cken. Und so ent­wi­ckelte sich die Idee für die­ses ‚Requiem‘.

Es fällt schwer, nach die­sen ein­füh­ren­den Wor­ten des Kom­po­nis­ten das Werk nicht als Anbie­de­rung ans Estab­lish­ment, ans Publi­kum oder als treff­lich plat­zierte Mar­ke­ting-Idee zu hören. Aber es geht. Aller­dings hält sich der Gewinn für den Hörer in eini­ger­mas­sen engen Gren­zen. Wenn man es kurz machen wol­len würde, dann könnte man Woods „Requiem“ viel­leicht fol­gen­der­mas­sen cha­rak­te­ri­sie­ren: Dem­je­ni­gen, dem John Rut­ters Toten­messe nicht seicht genug ist, der sollte sich ver­trau­ens­voll an Chris­to­pher Wood wen­den. Denn das ist Woods Werk in sei­ner Unzu­läng­lich­keit in jedem Takt auch noch: seicht.

Harfengezupf vor Streichergrund

Neh­men wir bei­spiels­weise den ers­ten Satz. Das „Requiem“ beginnt – man möchte gera­dezu aus­ru­fen: „natür­lich“ – mit Har­fen­ge­zupf vor einem satt-klang­vol­len, ja hol­ly­woo­des­ken Strei­cher­grund, bal­sa­misch säu­selnd set­zen die Cho­ris­tin­nen und Cho­ris­ten ein, unter Paul Boughs aus dem Vol­len schöp­fen­der Lei­tung baden die L’Inviti Sin­gers, die L’Inviti Sin­fo­nia und Sopra­nis­tin Rebecca Bot­tone in den „eng­li­schen“ Klän­gen, die Wood gemein­sam mit sei­nem Arran­geur Jona­than Rath­bone ange­rührt hat. Diese Klänge die­nen dazu, sich mög­lichst frik­ti­ons­frei in die Her­zen jener Musik­hö­rer zu schlei­chen, die weni­ger die Begeg­nung mit einem Kunst­werk suchen, son­dern die wenig mehr erwar­ten als unkom­pli­zierte Rüh­rung und einen Sound­track für die eigene Gefühlswelt.

Im Grunde klingt die Musik tat­säch­lich so, wie es das Cover der CD ankün­digt. Da geht der Blick in den abschieds­vol­len Son­nen­un­ter­gang, hin­weg über den uralten Ozean ins Ewige, wo schliess­lich das Jen­sei­tige offen­bart, der Sinn des Lebens erkannt wird. Dass die Missa pro defunc­tis ein nicht sel­ten ver­zwei­felt fle­hen­der Bitt­ge­sang für das See­len­heil des Ver­stor­be­nen anläss­lich des Gerich­tes ist, wird bei Wood nicht mehr deut­lich. Statt­des­sen hat es der Hörer, man möge die Con­tra­dic­tio in adiecto ent­schul­di­gen, mit einem „Feelgood“-Requiem, einer schon fast unsäg­li­chen Per­ver­tie­rung des­sen, worum es eigent­lich geht, zu tun. „Tod, wo ist das Sta­chel, Hölle, wo ist Dein Sieg?“ Die Frage, die im Korin­ther 1/55 gestellt wird und die so viele, viele treff­li­che Meis­ter von Guil­laume Dufay bis hin zu Krzy­sz­tof Pen­der­ecki beschäf­tigt und zu den tief­sin­nigs­ten und kunst­volls­ten Kom­po­si­tio­nen gebracht hat, sie stellt sich bei Wood nicht mehr, denn der Tod erscheint hier ohne jeg­li­che Problematik.

Requiem im Supermarkt?

Diese Musik, die auch gut als Hin­ter­grund­mu­sik in einem Super­markt lau­fen könnte, negiert schlicht­weg alle Pro­bleme, mit denen sich der Mensch im Rah­men des Memento mori kon­fron­tiert sieht. Sel­ten hat eine die Ver­to­nung die­ses Messe-Tex­tes inten­si­ver an Sig­mund Freuds tief­sin­nig-klare Worte in „Zeit­ge­mäs­ses über Krieg und Tod“ (1915) erin­nert, die sich auf die mensch­li­che Ten­denz zum Besei­te­schie­ben des Todes beziehen:

Dies unser Ver­hält­nis zum Tode hat aber eine starke Wir­kung auf unser Leben. Das Leben ver­armt, es ver­liert an Inter­esse, wenn der höchste Ein­satz in den Lebens­spie­len, eben das Leben selbst, nicht gewagt wer­den darf. Es wird so schal, gehalt­los wie etwa ein ame­ri­ka­ni­scher Flirt, bei dem es von vorn­her­ein fest­steht, dass nichts vor­fal­len darf, zum Unter­schied von einer kon­ti­nen­ta­len Lie­bes­be­zie­hung, bei wel­cher beide Part­ner stets der erns­ten Kon­se­quen­zen ein­ge­denk blei­ben müs­sen. Unsere Gefühlsbin­dungen, die uner­träg­li­che Inten­si­tät unse­rer Trauer, machen uns abge­neigt, für uns und die Unse­ri­gen Gefah­ren auf­zu­su­chen. Wir getrauen uns nicht, eine Anzahl von Unter­neh­mun­gen in Betracht zu zie­hen, die gefähr­lich, aber eigent­lich uner­läss­lich sind wie Flug­ver­su­che, Expe­di­tio­nen in ferne Län­der, Expe­ri­mente mit explo­dier­ba­ren Sub­stan­zen. Uns lähmt dabei das Beden­ken, wer der Mut­ter den Sohn, der Gat­tin den Mann, den Kin­dern den Vater erset­zen soll, wenn ein Unglück geschieht. Die Nei­gung, den Tod aus der Lebens­rech­nung aus­zu­schlies­sen, hat so viele andere Ver­zichte und Aus­schlies­sun­gen im Gefolge.“

Keine Auseinandersetzung mit dem Tod

Christopher Woods Requiem geriert sich als Totenmesse des Wellness-Zeitalters. Eine seichte, an schwachen Musicals und Soundtracks geschulte Partitur versucht die Kunstlosigkeit, Epigonalität und intellektuelle Leere des Werkes zu verhüllen. Dieser Versuch misslingt in jeder Hinsicht...
Chris­to­pher Woods Requiem geriert sich als Toten­messe des Well­ness-Zeit­al­ters. Eine seichte, an schwa­chen Musi­cals und Sound­tracks geschulte Par­ti­tur ver­sucht die Kunst­lo­sig­keit, Epi­go­na­li­tät und intel­lek­tu­elle Leere des Wer­kes zu ver­hül­len. Die­ser Ver­such miss­lingt in jeder Hin­sicht. Schade um das hör­bar enga­gierte Musi­zie­ren der Auf­füh­ren­den die­ser CD.

Schal und gehalt­los wird nicht nur das Leben, Woods Kom­po­si­tion beweist hin­läng­lich, dass in die­sem Zuge auch die Kunst in erschre­cken­dem Masse ver­ar­men kann. Wenn man nun nicht bereits nach dem gut sie­ben lange Minu­ten wäh­ren­den Ein­gangs-Satz genug von die­sem Mach­werk hat, dann wird man in den noch fol­gen­den 53 eini­ger­mas­sen ereig­nis­lo­sen Minu­ten ange­regt, weni­ger über die Con­di­tio humana denn viel­mehr dar­über treff­lich zu sin­nie­ren, wel­cher Kom­po­si­ti­ons­stile sich Wood und Rath­bone bedie­nen, um den Text des Pro­pri­ums der Toten­messe publi­kums­wirk­sam in Klang zu giessen.

Und was hört man da nicht alles! Hier klingt es nach schlech­tem Hän­del, dort nach Che­ru­bi­nis c-Moll Requiem, und auf­ge­bläh­ten Haydn hat man ebenso im Ange­bot wie sim­pli­fi­zier­ten Bel­canto. Am Ende lan­det man dann wie­der bei John Rut­ter und Karl Jenk­ins – denen man im Gegen­satz zu Wood immer­hin zu Gute hal­ten kann, dass sie im Rah­men ihres Œuvres einen Per­so­nal­stil ent­wi­ckelt haben.
Schade auch um das hör­bar enga­gierte Musi­zie­ren der Aus­füh­ren­den, ange­fan­gen beim Solo-Gesangs­quar­tett um Sopra­nis­tin Botone bis zu Chor und Orches­ter der L’inviti. Und so bleibt am Ende der Ein­druck eines Pro­jek­tes, in dem alles Mög­li­che ver­sucht wurde, nur keine ernst­hafte intel­lek­tu­elle Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem eigent­li­chen Thema. Hört man Chris­to­pher Woods Toten­messe nicht, so hat man mehr Zeit zu leben. ♦

Chris­to­pher Wood: Requiem – Rebecca Botone (Sopran), Clare McCal­din (Alt), Ed Lyon (Tenor), Nicho­las Gar­rett (Bass), L’Inviti Sin­fo­nia & Sin­gers, Paul Brough (Lei­tung). Audio-CD – Orchid Classics

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema „Ver­to­nung der Toten­messe“ auch über
das Requiem von Andrew Lloyd-Webber

… und lesen Sie auch über die gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen der Musik in
Kent Nagano: Erwar­ten Sie Wunder!

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