Capella Antiqua Bambergensis: Heinrich (CD)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

Kaiser, König, Spielmannsleut

von Wolf­gang-Armin Rittmeier

Das Jahr 919 ist für die Geschichte jenes euro­päi­schen Land­stri­ches, den wir heute (unter ande­rem) Deutsch­land nen­nen, in der Tat ein wich­ti­ges. Der Liudol­fin­ger­fürst Hein­rich, bekannt als der Vog­ler (wobei die­ses Agno­men wohl weni­ger das orni­tho­lo­gi­sche denn viel­mehr das Inter­esse des Sach­sen­fürs­ten am ande­ren Geschlecht näher beschreibt), wird in der Königs­pfalz zu Fritz­lar zum ers­ten deut­schen König erho­ben und begrün­det damit jenes Herr­scher­ge­schlecht, das nach der Krö­nung sei­nes Soh­nes Otto I. zum Kai­ser als „Otto­nen“ bekannt ist. Grund genug für die renom­mierte Capella Anti­qua Bam­ber­gen­sis, gemein­sam mit Schau­spie­ler Udo Schenk eine CD mit dem Titel „Hein­rich: König und Kai­ser – Herr­scher und Hei­li­ger“ her­aus­zu­brin­gen. Mit einer Mischung aus Musik des Mit­tel­al­ters und einem lite­ra­ri­schen Anteil soll Hein­rich – so legt es zumin­dest der Titel nahe – in sei­ner Welt sicht­bar gemacht werden.

Mehr als Heinrich

Heinrich - König und Herrscher - Audio-CD-Capella Antiqua Bambergensis - Rezension Glarean MagazinTat­säch­lich han­delt es sich bei die­ser CD aber nicht um eine musi­ka­lisch-lite­ra­ri­sche Bio­gra­phie Hein­richs, son­dern um einen Par­force­ritt durch die Ära Otto­nen. Der 919 gekrönte Hein­rich spielt hier letzt­lich gar keine so ent­schei­dende Rolle. Aber das macht in der Gesamt­schau auch nichts, ist dies doch nicht das ein­zige Ele­ment, das bei die­ser Pro­duk­tion nicht so recht stim­mig ist. Da wäre zum einen der lite­ra­ri­sche Anteil der Pro­duk­tion. Weil sich im Jahre 2019 nicht nur Hein­richs Thron­ju­bi­läum jährt, son­dern auch der 1000. Todes­tag des Mer­se­bur­ger Bischofs Thiet­mar, schlüpft Mime Schenk in die Rolle jenes Bischofs, der vor allem dadurch bekannt ist, dass er mit sei­ner acht Bände zäh­len­den „Chro­ni­con sive Gesta Saxo­num“ (Chro­nik oder Geschichte der Sach­sen) aus den Jah­ren 1012-1015 eine der wich­tigs­ten Quel­len zum otto­ni­schen Zeit­al­ter hin­ter­las­sen hat. Ob die Erzäh­ler­fik­tion aber wirk­lich nötig gewe­sen wäre? Bis­wei­len – beson­ders zu Beginn der CD – irri­tiert sie eher, wenn Thiet­mar von „sei­ner“ Capella Anti­qua spricht, in der Rück­schau (quasi von einer Wolke aus) archi­tek­to­ni­sche Vor­teile der zu Leb­zei­ten von ihm nicht mehr erfah­re­nen Gotik reflek­tiert oder ganz im angli­zis­men­rei­chen Duk­tus der Gegen­wart in Punkto des Lie­bes­le­bens der Kai­ser­paare rau­nend von sei­nen „Insi­der­quel­len“ spricht. Mit der Zeit gewöhnt sich der Hörer jedoch daran. Lei­der – und das führt dazu, das die CD sich gegen Ende hin län­ger anfühlt, als sie mit einer Spiel­zeit von knapp 75 Minu­ten ist – neigt Udo Schenks Rezi­ta­tion nicht sel­ten zu einem zu andachts­voll-hul­di­gen­den Ton, der den Hörer nach eini­ger Zeit nach etwas facet­ten­rei­che­rer Modu­la­tion, nach ker­ni­ger Akzen­tu­ie­rung, nach einem saf­ti­ge­ren Sprach­fluss lech­zen lässt.

Ottonische Frauen

Heinrich und Kunigunde - Tafelbild 17. Jahrhundert - Heiligenbild - Glarean Magazin
Hein­rich II. und seine Kuni­gunde (Hei­li­gen-Tafel­bild aus dem 17. Jahrhundert)

Sieht man von der­glei­chen ab und kon­zen­triert sich statt­des­sen auf den Inhalt des Vor­ge­tra­ge­nen, so ist doch zu kon­sta­tie­ren, dass der Hörer die­ser Pro­duk­tion tat­säch­lich einen knap­pen, gleich­wohl aber inter­es­san­ten Ein­stieg in die Welt der Otto­nen mit­neh­men kann. Sicher, ob der vom Medium vor­ge­ge­be­nen Not­wen­dig­keit zur Ver­kür­zung der hoch­kom­ple­xen Sach­ver­halte, erfährt im Grunde kaum etwas über die poli­ti­schen Gescheh­nisse der Epo­che. Und doch gibt es einen Umstand, der den Hörer dazu ver­führt, sich mit den Otto­nen zu beschäf­ti­gen, einen Umstand, der in der deut­schen und mit­tel­al­ter­li­chen Geschichte über­haupt als gera­dezu ein­zig­ar­tig her­aus­sticht: das eigent­lich Inter­es­sante an den zwei Hein­richs und den drei Ottos sind ihre Frauen. Mit einer gera­dezu erfreu­li­chen Beharr­lich­keit kommt das von Tho­mas Spind­ler ver­fasste Skript immer wie­der auf die bei­den Mat­hil­den, auf Adel­heid, auf Theo­phanu und auf Kuni­gunde von Luxem­burg zu spre­chen und deu­tet nach­drück­lich an, wel­chen unge­heu­ren Ein­fluss die Köni­gin­nen bzw. Kai­se­rin­nen auf ihre Män­ner und damit auf die Geschi­cke des Rei­ches hat­ten. Exem­pla­risch hier­für steht gegen Ende der Pro­duk­tion Tho­mas Spind­lers Bewer­tung der Kai­se­rin Kuni­gunde, die mit ihrem Gemahl Hein­rich II. kin­der­los blieb und somit gemein­sam mit ihm die Dynas­tie der Otto­nen beschloss: „Ohne Kuni­gunde wäre Hein­rich II. nicht das gewor­den, wofür wir ihn heute bewundern.“

Schmückendes Beiwerk auf höchstem Niveau

Capella Antiqua Bambergensis (neu) - Glarean Magazin
Capella Anti­qua Bambergensis

Die auf die­ser CD ver­sam­melte Musik wird von der Capella Anti­qua Bam­ber­gen­sis gestal­tet. Hinzu tre­ten sin­gend und die ver­schie­dens­ten Instru­mente spie­lend Jule Bauer, David Mayoral, Murat Coş­kun und Ben­ja­min Dress­ler. Alle Musi­ke­rin­nen und Musi­ker sind seit vie­len Jah­ren Meis­ter ihres jewei­li­gen Faches, nicht nur künst­le­risch und tech­nisch, son­dern auch musik­phi­lo­lo­gisch. Inso­fern ist es nicht wirk­lich ver­wun­der­lich, dass man es hier mit musi­ka­lisch hoch­klas­si­gen Nach­emp­fin­dun­gen zu tun hat, die nur sel­ten – bei­spiels­weise im am Hof Alfons X. von Kas­ti­lien ent­stan­de­nen „Can­ti­gas ‚Par Deus‘“ – Gefahr lau­fen, auf­grund eines über­dreh­ten Ges­tus in jenen Bereich abzu­rut­schen, dem ein wenig ein Geschmäckle von Mit­tel­al­ter­pop anhaftet.

FAZIT: Nicht alle Ingre­di­en­zen des neuen CD-Pro­jek­tes von Capella Anti­qua Bam­ber­gen­sis wer­den des­sen Motiv „Hein­rich II.“ wirk­lich stim­mig gerecht. Die Aus­wahl der Musik-Stü­cke hätte man sich sti­lis­tisch zeit­na­her an der Otto­nen-Ära ori­en­tiert vor­stel­len kön­nen, und der Rezi­ta­ti­ons­stil von Spre­cher Udo Schenk – der Schau­spie­ler schlüpft in die Rolle des Mer­se­bur­ger Bischofs Thiet­mar – neigt zuwei­len zu einem nicht immer ange­brach­ten andachts- und sal­bungs­vol­len Ton. Ins­ge­samt aber eine inter­es­sante Pro­duk­tion, die einen abwechs­lungs­rei­chen Par­force-Ritt durch die ganze so his­to­risch wich­tige Ära der Otto­nen dar­stellt. Erhel­lende Book­let-Texte run­den die CD infor­ma­tiv ab.

Auf der ande­ren Seite: Wer will – zuge­ge­ben – auch sagen, wie von 1000 Jah­ren tat­säch­lich auf­ge­spielt wurde? Das mag schon irgend­wie so geklun­gen haben. Schön gelin­gen das Instru­men­tal­stück „Par­la­mento“, das omni­prä­sente „Paläs­ti­na­lied“ Walt­hers, das „Je nuns hons pris“ aus der Feder von Richard Löwen­herz und das „A Chantar“ der Tro­bai­ritz Bea­triz de Dia. Schaut man sich nun aber Liste der genann­ten Stü­cke und dar­über hin­aus noch die rest­li­chen die­ser CD an, so offen­bart sich unmit­tel­bar die Schwä­che die­ser Aus­wahl, denn keine der vor­ge­stell­ten Kom­po­si­tio­nen stammt aus der Zeit der Otto­nen. Der Fach­frau und dem Fach­mann mag dies ganz natür­lich erschei­nen, gibt es – nimmt man den gre­go­ria­ni­schen Cho­ral ein­mal aus – doch kaum Quel­len zur Musik des frü­he­ren Mit­tel­al­ters, schon gar nicht zu Volks­lied, Tanz und Spielmannsmusik.

Erhellende Booklet-Texte

Dem Laien, der mit­tels die­ser CD die Welt des musi­ka­li­schen Mit­tel­al­ters betritt, dürfte dies aller­dings nicht zwin­gend bekannt sein, sodass sich hier schnell vor­ei­lige Vor­stel­lun­gen von dem, was der­einst bei Mum­men­schanz und Kurt­zw­eyl von fah­ren­dem Volk und Mar­ke­ten­de­rin über den Markt­platz schallte, ein­schlei­chen kön­nen. Letzt­lich – und das muss man bei aller Freude, die die Dar­bie­tun­gen letzt­lich machen, gera­de­her­aus sagen – steu­ern die vor­ge­stell­ten Werke nichts zum eigent­li­chen Gehalt der Pro­duk­tion bei, son­dern über­neh­men die etwas schale Rolle des schmü­cken­den Beiwerks.
Ins­ge­samt erfreu­lich ist das Book­let, das einen kna­cki­gen Text zur Epo­che der Otto­nen und einen zur Geburt der Mehr­stim­mig­keit von Wolf­gang Spind­ler, der 1983 die Capella Anti­qua Bam­ber­gen­sis gegrün­det hat. Dass jedoch die Texte zu den ein­zel­nen Musik­stü­cken nicht den Weg ins Book­let gefun­den haben, ist bedauerlich. ♦

Capella Anti­qua Bam­ber­gen­sis: Hein­rich -König und Kai­ser, Herr­scher und Hei­li­ger; Fas­zi­nie­rende Herr­scher­ge­schich­ten des Mit­tel­al­ters; Udo Schenk (Spre­cher), Audio-CD, CAB Records

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Mit­tel­al­ter­li­che Musik auch über
Hein­rich Lau­fen­berg: King­dom of Hea­ven (CD)

Ein Kommentar

  1. Na ja, mag ja sein dass „Hein­rich“ jetzt nicht die stim­migste CD-Pro­duk­tion von CAB ist, wie der Rezen­sent bemän­gelt. Ich hätte mir auch ein paar Stü­cke prä­zis aus der Otto­nen-Zeit gewünscht. Trotz­dem, die Leute musi­zie­ren herr­lich! Wun­der­bar atmo­sphä­risch, ich bleibe ein Fan die­ser Gruppe! Mein Lieb­lings-Video hier: https://www.youtube.com/watch?v=Tjgph_L0Jp4
    Trotz­dem Danke für den Bericht: Sandra

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