F. Zavatarelli u.a: Feuilletons von Ignaz Kolisch

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 7 Minu­ten

Das schachjournalistische Phänomen Ideka

von Ralf Binnewirtz

Drei Schach­his­to­ri­ker und -autoren haben sich zusam­men­ge­tan, um die 92 sonn­täg­li­chen Feuil­le­tons von Ignaz Kolisch – erschie­nen 1886-1888 in des­sen eige­ner Wie­ner All­ge­mei­nen Zei­tung – in einem kom­pak­ten Band zu ver­ei­nen, der weit über die Schach­welt hin­aus Inter­esse bean­spru­chen darf. Denn diese Feuil­le­tons tan­gie­ren und reflek­tie­ren nahezu alle Berei­che der Gesell­schaft und ver­mit­teln in der aus­ge­feil­ten Prosa des Autors ein Zeit- und Sit­ten­ge­mälde West­eu­ro­pas aus der zwei­ten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erneut darf sich der Rezen­sent mit einer schil­lern­den Figur der Schach­ge­schichte befas­sen. Dies­mal ist es jedoch alles andere als ein Enfant ter­ri­ble (wie zuletzt Hein Don­ner), son­dern das Mul­ti­ta­lent Ignaz Kolisch (1837-1889), ab 1881 Baron Ignaz von Kolisch, der ein weit­hin noma­den­haf­tes Leben führte und seine Feuil­le­tons unter dem Pseud­onym Ideka publizierte.

Hilfreicher Fussnoten-Service

Fabrizio Zavatarelli, Luca D’Ambrosio, Michael Burghardt (Hrsg): Die Feuilletons von Ignaz Kolisch, Edition MarcoDer vor­lie­gende Sam­mel­band ist kei­nes­wegs eine reine Kom­pi­la­tion, denn die Her­aus­ge­ber Fabri­zio Zava­tar­elli, Luca D’Ambrosio und Michael Burg­hardt haben über 1100 erhel­lende Anmer­kun­gen in Fuss­no­ten hin­zu­ge­fügt, um die Ver­ständ­lich­keit der Texte für die heu­tige Leser­schaft zu ver­bes­sern. Der hoch­ge­bil­dete und äus­serst sprach­ge­wandte Kolisch kul­ti­vierte näm­lich nicht nur im gespro­che­nen, son­dern auch im geschrie­be­nen Wort die Vor­liebe, seine Aus­füh­run­gen mit fremd­spra­chi­gen Sen­ten­zen anzu­rei­chern (in Latein, Fran­zö­sisch, Eng­lisch, usw.). Sehr hilf­reich ist auch die „Über­set­zung“ von regio­nal-zeit­ge­nös­si­schen Aus­drü­cken im Text, zudem wur­den zahl­lose, heute meist unbe­kannte Per­so­nen recher­chiert, die daselbst auftauchen.

Diversität ohne Schach-Fokus

Baron Ignaz Kolisch - Schach-Feuilletonist - Glarean Magazin
Vom Schach­meis­ter zum Finanz­mo­gul: Ignaz Kolisch (1837-1889)

Die inhalt­li­che Man­nig­fal­tig­keit der Bei­träge wird bereits durch das Inhalts­ver­zeich­nis ange­deu­tet, dort erfolgt auch eine the­ma­ti­sche Zuord­nung, indem den ein­zel­nen Feuil­le­tons bestimmte The­men­be­rei­che (wie Aktu­el­les, Finanz­welt, Kurz­wei­li­ges, Zeit­ge­schichte, etc.) zuge­wie­sen wer­den. Ledig­lich in weni­gen Fäl­len bil­den zwei bis drei Feuil­le­tons eine lockere Fort­set­zungs­ge­schichte, ansons­ten sind eigen­stän­dige Ein­zel­epi­so­den die Regel. Das Buch lädt daher dazu ein, kreuz und quer zu lesen oder auch eine the­ma­ti­sche Aus­wahl bei der Lek­türe vor­zu­neh­men. Dem Thema „Schach“ ist keine domi­nie­rende Rolle zuge­dacht, es taucht bei den 92 Feuil­le­tons nur zwölf Mal auf; sowie zusätz­lich in Anhang A, der fünf unkom­men­tierte Par­tien von Kolisch in Kurz­no­ta­tion ver­zeich­net. Dem­zu­folge ist das Buch für einen brei­ten Leser­kreis (selbst ohne Schach­kennt­nisse) prä­de­sti­niert, aber natür­lich auch emp­feh­lens­wert für Schach­freunde, die über den Tel­ler­rand der eige­nen Pas­sion hin­aus­bli­cken möchten.

Anga­ben zum Inhalt müs­sen natur­ge­mäss frag­men­ta­risch blei­ben, wenige sub­jek­tiv her­aus­ge­grif­fene Bei­träge und wie­der­keh­rende the­ma­ti­sche Motive will ich aber – quasi als appe­ti­zer – kurz erwähnen.

Esoterik und Aberglaube

Weit­ge­hend von der Ratio gelei­tet, stand Kolisch eso­te­ri­schen Mode­trends wie dem Spi­ri­tis­mus und ver­wand­ten Phä­no­me­nen ungläu­big-kri­tisch gegen­über (siehe Feuil­le­ton 2; auch F. 25), von klei­nen aber­gläu­bi­schen Über­zeu­gun­gen war aber auch er nicht völ­lig frei (F. 20). Ob Kolisch son­der­lich reli­giös war, bleibt offen; seine jüdi­schen Wur­zeln erwähnte er nicht, allzu ver­ständ­lich ange­sichts eines pro­gres­si­ven Anti­se­mi­tis­mus in Wien, dem er auch in sei­nen Feuil­le­tons immer wie­der vehe­ment entgegentrat.

Politisch aktuell geblieben

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Poli­tisch war Kolisch libe­ral ein­ge­stellt, seine klei­nen Pole­mi­ken haben häu­fig kaum an Aktua­li­tät ein­ge­büsst. Ein für sich selbst spre­chen­des Zitat (aus F. 52, S. 317) kann ich mir an die­ser Stelle nicht verkneifen:
„Die Zer­fah­ren­heit unse­rer öffent­li­chen Zustände, die Unsi­cher­heit in den poli­ti­schen Pro­gram­men, die Schwan­kun­gen unse­rer hoch- und nie­der­tra­ben­den Volks­tri­bu­nen und vor Allem die Unver­läss­lich­keit unse­rer gros­sen Par­tei­füh­rer berau­ben mich nach­ge­rade jedes bür­ger­li­chen Ver­gnü­gens. Ich weiss heute nicht mehr, wem ich glau­ben soll, ich komme in die pein­lichste Ver­le­gen­heit, wenn ich zu ent­schei­den habe, wel­chem Volks­be­glü­cker ich mein Ver­trauen schen­ken soll, und gera­the in helle Ver­zweif­lung, wenn ich vor der Frage stehe, wes­sen beredte Aus­las­sun­gen ich vor­zugs­weise auf mich wir­ken las­sen darf“.
An ande­rer Stelle beschreibt Kolisch den radi­ka­li­sier­ten Pöbel, der sich in gewalt­tä­ti­gen Demons­tra­tio­nen Bahn bricht – bis hin zur (gerade noch ver­hin­der­ten) Lynch­jus­tiz (F. 21). Und er geis­selt die „gewis­sen­lo­sen Phra­sen­dre­scher“, die als men­tale Brand­stif­ter die leichte Ver­führ­bar­keit der Mas­sen ausnutzen.

Betrüger und Scharlatane

"Das Gespräch drehte sich um Geister": Leseprobe aus "Die Feuilletons von Ignaz Kolisch" (Vergrösserung mit Mausklick)
„Das Gespräch drehte sich um Geis­ter“: Lese­probe aus „Die Feuil­le­tons von Ignaz Kolisch“ (Ver­grös­se­rung mit Mausklick)

Von unge­bro­che­ner Aktua­li­tät ist wie­derum das Unwe­sen der Betrü­ger und Klein­kri­mi­nel­len, die sich in den Metro­po­len Euro­pas tum­mel­ten (siehe insb. F. 23): Prak­tisch unge­stört konn­ten diese „Indus­trie­rit­ter“ (d.h. Nep­per und Bau­ern­fän­ger, Schar­la­tane und Ross­täu­scher) ganze Stadt­vier­tel in Beschlag neh­men. Heut­zu­tage haben sich der­lei Akti­vi­tä­ten zu wei­ten Tei­len glo­ba­li­siert bzw. ins Inter­net ver­la­gert, bei wei­ter­hin gerin­ger Erfolgs­quote der Strafverfolgungsbehörden.
Ein spe­zi­el­ler Fall ist die lesens­werte Epi­sode über einen ver­arm­ten, des Prak­ti­zie­rens längst ent­wöhn­ten Medi­cus, der infolge Kolischs Rat­schlä­gen ein Ver­mö­gen im Ori­ent erwer­ben kann (F. 65): Mit einer The­ra­pie, die ledig­lich auf der Anwen­dung von fri­schem kal­ten Was­ser beruht, „heilte“ er ein­ge­bil­dete Kranke in der Haute­vo­lee (somit ein rei­ner Pla­ce­bo­ef­fekt) und liess sich dafür fürst­lich ent­loh­nen – wenigs­tens hat es bei den der­art Gesun­de­ten keine Armen getrof­fen. Fazit: Kur­pfu­sche­rei lohnt sich, wenn man es rich­tig anstellt – zumin­dest war dies noch im 19. Jahr­hun­dert so.

Russische Verhältnisse

Kolisch scheute sich auch kei­nes­wegs, Miss­stände im öst­li­chen Teil unse­res Kon­ti­nents auf­zu­zei­gen. So nahm er scho­nungs­los das mäch­tige Reich der Rus­sen ins Visier, wo sich das Geschwür der Kor­rup­tion und die Schmier­geld-Kul­tur wie Mehl­tau über das ganze Land gelegt hat­ten (F. 45).
In die­sem bun­ten Pot­pourri der Unter­hal­tungs­bei­la­gen sind die­je­ni­gen, die sich ganz oder teil­weise der rei­nen Erhei­te­rung wid­men, durch­aus gut ver­tre­ten. Wer ein­mal herz­haft lachen möchte, mag bei­spiels­weise F. 55 „Nicht für Damen“ lesen, das zudem mit einem gera­dezu mär­chen­haf­ten Finale auf­war­tet. Unver­ges­sen in ihrer ergöt­zen­den Komik blei­ben auch die treff­lich geschil­der­ten „Erobe­rungs­ver­su­che“ eines geal­ter­ten Lebe­manns auf einem Pari­ser Bou­le­vard (Pas­sage auf S. 320) – und vie­les andere mehr.


Exkurs: Kolisch als Schachmeister

W.E./Ignaz Kolisch konnte her­vor­ra­gend mit dem Geld und mit dem Wort umge­hen – aber auch mit den Schach­fi­gu­ren. Als Erz-Schach­ro­man­ti­ker des 19. Jahr­hun­derts führte er eine scharfe Angriffs­klinge, die auch vor bekann­ten Grös­sen sei­ner Zeit kei­ner­lei Respekt zeigte.
Hier ein paar Kostproben:


Famoser Unterhalter

Bereits von sei­nen Zeit­ge­nos­sen wurde Kolisch attes­tiert, ein famo­ser Unter­hal­ter zu sein, und in der klei­nen Form des Feuil­le­tons mit maxi­mal 5-7 Sei­ten konnte er seine Fähig­kei­ten offen­bar beson­ders vor­teil­haft zur Gel­tung brin­gen. Eine über­aus gelun­gene Mischung aus Witz, Iro­nie und tie­fe­rer Bedeu­tung, die seine Bei­träge cha­rak­te­ri­siert, war sicher­lich ein Garant des Erfolgs. Dazu gesellte sich seine glän­zende For­mu­lie­rungs­kunst und ein (für einen Ban­kier!) wohl sin­gu­lä­rer lite­ra­ri­scher Schach­zug: Mit frap­pie­ren­der Offen­heit liess er sein Lese­pu­bli­kum teil­ha­ben an sei­nen Gedan­ken, sei­nen Inter­es­sen und Emo­tio­nen, was sei­nen Schrif­ten eine hohe Authen­ti­zi­tät ver­lieh und die Anhäng­lich­keit sei­ner Leser­schaft immens vertiefte.

Fliessende Grenzen zwischen Fact & Fiction

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In wel­chem Aus­mass Kolischs Schil­de­run­gen mit rea­len Bege­ben­hei­ten sei­nes beweg­ten Lebens über­ein­stim­men und wel­che Anteile auf Fik­tion beru­hen, ist nicht immer klar. Auch sind zeit­lich aus­ein­an­der­lie­gende Ereig­nisse wohl ver­ein­zelt zusam­men­ge­führt wor­den. All dies mag jedoch von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung gewe­sen sein, solange seine Anek­do­ten geist­rei­che und amü­sante Unter­hal­tung boten.
Ich finde das Buch inhalt­lich hoch­in­ter­es­sant und auch in der Aus­stat­tung bes­tens gelun­gen (solide Hard­co­ver-Aus­gabe mit Faden­hef­tung). Ein bio­gra­fi­sches Vor­wort „Der lite­ra­ri­sche Schach­meis­ter“, ein vor­an­ge­stell­tes Kapi­tel „Kolisch als Feuil­le­to­nist“ sowie meh­rere Anhänge rah­men das Werk ein. Unbe­deu­tende Druck­feh­ler im Ori­gi­nal wur­den von den Her­aus­ge­bern kor­ri­giert, ver­blie­bene kleine Ver­tip­per haben Sel­ten­heits­wert. Ins­ge­samt ver­spricht das Buch einen unge­trüb­ten Lese­ge­nuss, daher gebe ich die unein­ge­schränkte Emp­feh­lung: Kau­fen und lesen! ♦

Fabri­zio Zava­tar­elli, Luca D’Ambrosio und Michael Burg­hardt (Hrsg.): Die Feuil­le­tons von Ignaz Kolisch, 544 Sei­ten, Edi­tion Marco, ISBN 978-3-924833-82-4

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Schach-Feuil­le­ton auch über Hel­mut Pfle­gers neue ZEIT-Schachspalten

… sowie zum Thema „Roman­ti­sches Schach“ über Robert John­son: Adolf Anders­sen (Bio­gra­phie)

3 Kommentare

  1. Die Wie­ner All­ge­meine Zei­tung – und damit auch die Feuil­le­tons des Herrn Kolisch – kann man auf der Home­page der Öster­rei­chi­schen Natio­nal­bi­blio­thek kos­ten­los nach­le­sen. Warum soll man 56,80 EUR für die­ses Buch inves­tie­ren? Nach der noch­ma­li­gen Lek­türe der Rezen­sion ist mir das immer noch nicht klar geworden.

    • Es ist rich­tig, dass die Ein­zel­aus­ga­ben der WAZ auf ANNOhttp://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=waz ver­füg­bar sind.
      Es ist aller­dings alles etwas müh­sam, die Sei­ten mit den Feuil­le­tons müs­sen erst mal durch Blät­tern gefun­den wer­den, alles ist in der alten Frak­tur­schrift geschrie­ben, die zahl­rei­chen Fuß­no­ten der Buch­au­to­ren feh­len natür­lich ebenso wie die Abbil­dun­gen im Buch.
      Und wer möchte das alles am Bild­schirm lesen?
      OK, wer den Auf­wand nicht scheut, kann sich das Buch spa­ren; oder auch der­je­nige, der nur ein ein­zel­nes Feuil­le­ton recher­chie­ren will.
      Für biblio­phile Samm­ler kommt wohl nur das Buch infrage.

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