Serien-Report über Schachzeitschriften (1): SCHACH

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 7 Minu­ten

Fokussiert auf das Spitzenschach

von Mario Ziegler

Wir leben im digi­ta­len Zeit­al­ter – auch das Schach und seine mil­lio­nen­fa­chen Adep­ten. Per­sön­li­ches Handy und hei­mi­sche Com­pu­ter­soft­ware geben längst den Takt an beim König­li­chen Spiel. Dane­ben exis­tie­ren aber nach wie vor eine Reihe tra­di­ti­ons­rei­cher Print-Medien. Der neue  Serien-Report im Glarean Maga­zin über Schach­zeit­schrif­ten stellt die wich­tigs­ten natio­na­len und euro­päi­schen Titel vor. Heute: SCHACH – Deut­sche Schachzeitung.

Das Inter­net bestimmt unser Leben in einem Aus­mass, wie man es noch vor weni­gen Jah­ren kaum für mög­lich gehal­ten hätte. Infor­ma­tio­nen flies­sen uns im Sekun­den­takt zu; was in die­sem Moment am ande­ren Ende der Welt geschieht, kön­nen wir nach weni­gen Minu­ten auf dem hei­mi­schen Com­pu­ter, Tablet oder Handy lesen. Die Kehr­seite der Medaille ist der zuneh­mende Rück­gang gedruck­ter Lite­ra­tur, für die es immer schwie­ri­ger wird, sich gegen die elek­tro­ni­sche Kon­kur­renz zu behaup­ten. Denn Bücher, Zeit­schrif­ten und Zei­tun­gen sind in der Regel teu­rer als die viel­fach kos­ten­lo­sen digi­ta­len News.

Wo liegt also grund­sätz­lich der Mehr­wert eines Print­me­di­ums? In die­ser Serie soll es nicht um das Hap­ti­sche gehen, nicht um das „Lese­er­leb­nis“, son­dern um inhalt­li­che Aspekte. Im Rah­men eines gros­sen Reports sol­len einige natio­nale und inter­na­tio­nale Schach­zeit­schrif­ten in den Blick genom­men und dabei die Frage beant­wor­ten wer­den, wo diese Print-Medien mehr oder Ande­res bie­ten als die diver­sen Home­pages mit Schachnachrichten.

Anspruchsvolles Schachperiodikum

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Cover Januar 2020 - Rezensionen Glarean MagazinDie Monats-Zeit­schrift „SCHACH – Deut­sche Schach­zei­tung“ weist eine starke Fokus­sie­rung auf das Spit­zen­schach auf, was sich in der Aus­wahl der Autoren sowie in den umfang­rei­chen Ana­ly­sen wider­spie­gelt. Durch die immer wie­der in die Berichte ein­ge­floch­te­nen O-Töne der Betei­lig­ten und die Rubri­ken „Schach­fra­gen“ und „Pro­bleme und Stu­dien“ hebt sich die Zeit­schrift von ande­ren deut­schen Publi­ka­tio­nen ab.
„Der Exzel­sior Ver­lag wurde 1999 in Nach­folge des Ber­li­ner Sport­ver­la­ges gegrün­det. Unser Flagg­schiff ist die monat­lich her­aus­ge­ge­bene Zeit­schrift SCHACH, die seit 1947 erscheint und sich nach 1990 als anspruchs­volls­tes deutsch­spra­chi­ges Schach­pe­ri­odi­kum eta­bliert hat. Ihr Haupt­au­gen­merk liegt auf der exklu­si­ven Vor-Ort-Bericht­erstat­tung über natio­nale und inter­na­tio­nale Spit­zen­er­eig­nisse. Zu unse­ren Autoren zählt die kom­plette Welt­elite von Magnus Carlsen über Vis­wa­nathan Anand und Levon Aron­jan bis hin zu ‚Kom­men­ta­to­ren-Gross­meis­tern‘ wie Peter Swid­ler und Nigel Short. Brei­ten Raum neh­men dane­ben stän­dige Rubri­ken, u. a. mit Lehr­cha­rak­ter, ein“ – so liest sich das durch­aus selbst­be­wusste Por­trait auf der Home­page des Ber­li­ner Exzel­sior Verlags.

Ursprünge in der DDR

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Print-Head Ausgabe 1952 - Rezensionen Glarean Magazin
Der Print-Head der DDR-Aus­gabe vom August 1952 („Organ der Sek­tion Schach der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Republik“)

Die Geschichte der Zeit­schrift spie­gelt die Ver­än­de­run­gen auf dem deut­schen Schach­zeit­schrif­ten­markt wider. 1947 wurde sie unter dem Titel „Schach-Express“ in der ehe­ma­li­gen DDR gegrün­det. 1996 über­nahm sie die Zeit­schrift „Schach-Report“, in die ihrer­seits bereits 1989 das älteste deut­sche Schach­or­gan, die „Deut­sche Schach­zei­tung“, auf­ge­gan­gen war. Durch den heute ver­wen­de­ten Unter­ti­tel von „Schach“, näm­lich „Deut­sche Schach­zei­tung“, stellt sich das Maga­zin in deren Tra­di­tion. Chef­re­dak­teur ist seit 1991 GM Raj Tischbierek.
Mei­ner Bespre­chung lie­gen die Aus­ga­ben 12/1019 und 1/2020 zugrunde. Der Umfang jeder Aus­gabe vari­iert leicht, liegt aber etwa bei 80 Sei­ten im For­mat A5. Der Druck ist drei­spal­tig gesetzt, die zahl­rei­chen Fotos schwarzweiss.

Berichte über herausragende Turniere

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Leseprobe - Rezensionen Glarean Magazin
Aus­führ­li­che Bericht­erstat­tung über pro­mi­nente inter­na­tio­nale Schach-Tur­niere: Lese­probe aus SCHACH – Deut­sche Schachzeitschrift

Nach Inhalts­ver­zeich­nis, Impres­sum und Vor­wort, in dem IM Dirk Pold­auf aktu­elle The­men der Schach­welt auf­greift, fol­gen umfang­rei­che Berichte über her­aus­ra­gende Tur­niere. In Heft 12/2019 war dies der FIDE-Chess.com-„Grand Swiss“ auf der Isle of Man, wobei der haupt­säch­li­che Fokus auf der Qua­li­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit für das Kan­di­da­ten­tur­nier lag (S. 4-28). Oft wer­den bei sol­chen umfang­rei­chen Tur­nier­be­rich­ten neben dem Sie­ger beson­dere Per­so­nen in den Fokus gerückt, so auch hier: „Die Deut­schen“ (Key­mer, Blü­baum und Huschen­beth), „Die Inder“ (Gukesh, Sadhwani und Sarin), „Die Frauen“ (Drona­valli und Sad­wakas­sowa). Auf­fal­lend ist, dass „Schach“ die dritte GM-Norm für Vin­cent Key­mer erwähnt und wür­digt, sich aber der über­schwäng­li­chen Lobes­hym­nen ent­hält, die im Inter­net gesun­gen wurden.

Als zwei­ter gros­ser Bericht folgt in 12/2019 der Grand-Prix in Ham­burg, eben­falls eine Qua­li­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit für das Kan­di­da­ten­tur­nier (S. 30-37), und die Mann­schafts-Euro­pa­meis­ter­schaft in Batumi (S. 38-52). In Heft 1/2020 wird aus­führ­lich auf das Finale der Grand Chess Tour in Lon­don ein­ge­gan­gen (S. 4-12), danach auf das Tie­break-Match zwi­schen Gri­schuk und Duda, mit wel­chem sich der Russe einen Platz im Kan­di­da­ten­tur­nier sicherte (S. 14-22).

Spezialität: Die deutsche Schach-Bundesliga

Neben die­sen gros­sen Arti­keln sind kür­zere Tur­nier­be­richte ent­hal­ten, gewöhn­lich aus der Feder eines Betei­lig­ten, etwa in 12/2019 über die Schwei­zer Mann­schafts­meis­ter­schaft, die Offene Inter­na­tio­nale Baye­ri­sche Meis­ter­schaft oder die Welt­meis­ter­schaft im Chess960, in 1/2020 über den Euro­pa­po­kal, das Grand Chess Tour-Tur­nier in Kolk­ata oder das Open in Heusenstamm.

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Die Schach­bun­des­liga nimmt wäh­rend der Sai­son einen brei­ten Raum in „Schach“ ein. In 12/2019 gibt es einen Vor­be­richt mit den Mann­schafts­auf­stel­lun­gen (S. 53-55), in 1/2020 einen Über­blick über die ers­ten vier Run­den (S. 47-59). Kein ande­res Maga­zin berich­tet so umfas­send über die deut­sche Eli­te­liga wie „Schach“.

Etwas aus dem Rah­men fal­len Arti­kel, die sich mit his­to­ri­schen The­men befas­sen. In 1/2020 ist dies ein Arti­kel (genauer gesagt: der zweite Teil eines Arti­kels) von Dr. Robert Hüb­ner über das Inter­zo­nen­tur­nier 1979 in Rio de Janeiro, wie bei Hüb­ner zu erwar­ten berei­chert durch umfas­sende Ana­ly­sen. Auch wenn ich selbst starke Sym­pa­thien für Schach­ge­schichte hege und die­sen Arti­kel mit gros­sem Inter­esse gele­sen habe, erschei­nen mir diese Texte in einem Maga­zin, das ansons­ten sehr stark auf aktu­el­les Welt­klas­se­schach abhebt, wie ein Fremdkörper.

Rubriken mit persönlicher Note

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Raj Tischbierek - Rezensionen Glarean Magazin
Seit 1991 redak­tio­nell ver­ant­wort­lich für die SCHACH-Inhalte: Gross­meis­ter Raj Tischbierek

Als regel­mäs­sige Rubri­ken ent­hält SCHACH neben „News“ (natio­nale und inter­na­tio­nale Kurz­nach­rich­ten) Rezen­sio­nen aus der Feder von IM Frank Zel­ler, die von GM Michael Pru­sikin betreu­ten Tak­ti­k­ru­bri­ken „Hohe Schule der Kom­bi­na­tion“ (jeweils eine Angriff­s­par­tie, eine Eröff­nungs­falle und eine Stu­die) und „Kom­bi­na­tio­nen“ (18 Tak­tik­auf­ga­ben zum Sel­ber­lö­sen) und die „Schach-Fra­gen“. Letz­te­res ist ein Fra­ge­bo­gen an Per­sön­lich­kei­ten aus der Schach­welt (im Fall der bespro­che­nen Hefte der deut­sche IM Diet­mar Kol­bus, der mitt­ler­weile auf der Isle of Man lebt, und die Exwelt­meis­te­rin Nona Gaprin­da­schwili) mit 19 sich wie­der­ho­len­den und einer spe­zi­ell auf den Befrag­ten zuge­schnit­te­nen Frage.
Natür­lich fal­len die Ant­wor­ten unter­schied­lich aus­führ­lich aus, und manch­mal sind sie auch aus­ge­spro­chen nichts­sa­gend, z.B. im Fall von Nona Gaprin­da­schwili: „Wel­che Spie­ler wür­den Sie ein­la­den, wenn ein Spon­sor Sie mit der Aus­rich­tung eines Tur­niers beauf­tra­gen würde?“ – „Aaaach, da gibt es heute so viele Mög­lich­kei­ten! Wie sich alles ent­wi­ckelt hat… Allein, dass heute die Chi­ne­sen über­all dabei sind, und wie stark sie gewor­den sind! Das war zu ‚mei­nen Zei­ten‘ über­haupt noch nicht abseh­bar.“ – „Mit wem wür­den Sie gerne einen Tag lang tau­schen und warum?“ – „Warum tau­schen? Ich bin mit mir zufrie­den.“ – „Wann haben Sie zum letz­ten Mal etwas zum ers­ten Mal getan und was?“ – „Das ist keine Frage für mich.“
Nun ja, das ist wenig erhel­lend, den­noch finde ich diese Rubrik per­sön­lich eine der inter­es­san­tes­ten des Hef­tes, erlaubt sie doch man­chen per­sön­li­chen Einblick.

Betreuung des Problem- und Studien-Schachs

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Zuletzt möchte ich „Pro­bleme und Stu­dien“ her­vor­he­ben, die von Franz Pachl betreut wird. Diese vier­sei­tige Rubrik bie­tet Berichte über Pro­blem- und Stu­di­en­tur­niere, Tur­nier­aus­schrei­bun­gen und natür­lich viele Pro­bleme, dar­un­ter etli­che Urdru­cke. Natür­lich ist dies ein Thema für Spe­zia­lis­ten, aber es gibt in Deutsch­land – mit Aus­nahme sol­cher Nischen­pu­bli­ka­tio­nen wie „Feen­schach“ – keine andere Zeit­schrift, die sich so aus­führ­lich mit dem Bereich des Kunst­schachs befasst.

Fazit: Gene­rell weist SCHACH eine starke Fokus­sie­rung auf das Spit­zen­schach auf. Brei­ten­schach sowie regio­nale Schach­ereig­nisse wer­den nur sel­ten the­ma­ti­siert. Diese Aus­rich­tung spie­gelt sich in der Aus­wahl der Autoren sowie in den Ana­ly­sen wider, die sich durch­gän­gig auf hohem Niveau bewe­gen. Damit wer­den als Ziel­gruppe ten­den­zi­ell stär­kere Spie­ler ange­spro­chen. Als beson­ders inter­es­sant emp­finde ich die immer wie­der ein­ge­floch­te­nen O-Töne und Inter­views, in denen auf kri­ti­sche Moment einer Par­tie oder eines Tur­niers, aber auch auf über­grei­fende The­men ein­ge­gan­gen wird. Im Ver­gleich zu ande­ren Publi­ka­tio­nen berich­tet „Schach“ sehr aus­führ­lich über die deut­sche Bun­des­liga und weist mit den „Schach­fra­gen“ und „Pro­bleme und Stu­dien“ zwei Rubri­ken auf, die keine andere deut­sche Schach­zeit­schrift in die­ser Form bietet. ♦

Zeit­schrift SCHACH – Deut­sche Schach­zei­tung, monat­lich, Exzel­sior Ver­lag, ISSN 0048-9328

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Schach in der DDR auch über Manuel Frie­del: Schach und Poli­tik in der DDR

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